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Wolfgang Harich

Frühe Schriften

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
SCHRIFTEN AUS DEM NACHLASS WOLFGANG HARICHS – Band 1.3 SCHRIFTEN AUS DEM NACHLASS WOLFGANG HARICHS – BAND 1.3 Mit weiteren Dokumenten und Materialien herausgegeben von Andreas Heyer Wolfgang Harich Frühe Schriften Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus Tectum Die Veröffentlichung des vorliegenden Bandes wurde gefördert durch die Wolfgang Harich Frühe Schriften. Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs. Band 1.3. Mit weiteren Dokumenten und Materialien herausgegeben von Andreas Heyer © Tectum – Ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 E-Book: 978-3-8288-6959-2 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4125-3 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: © Privatbesitz Anne Harich Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Ergänzende Bildnachweise: 1365 | Bundesarchiv Bild 183-14811-0013, Berlin, 3. Deutscher Schriftsteller-Kongress cropped.jpg; 1368 | Fotothek df pk 0000055 040 Szenenbilder.jpg; 1376 | Fotothek df pk 0000061 027 Szenenbilder.jpg; 1390 | Fotothek df pk 0000066 058 Porträt.jpg; 1399 | Bundesarchiv Bild 183-V20141-0043, Hans Albers als "Liliom" im Berliner Hebbeltheater, Generalprobe.jpg; 1405 | Fotothek df pk 0000069 024 Szenenbilder.jpg; 1420 | Fotothek df pk 0000249 051.jpg; 1482 | Fotothek df roe-neg 0002112 003 Anton Ackermann am Rednerpult.jpg; 1520 | Bundesarchiv, Bild 183-S77322); 1525 | Bundesarchiv, Bild 183-S75742; 1534 | Fotothek df pk 0000196 020 Porträt, Dirigent Boulanger.jpg ; 1575 | Fotothek df roeneg 0006021 008 Chöre mit einem Porträtbild Stalins auf der Bühne.jpg; 1581 | Bundesarchiv Bild 183-1982-0825-121, Berlin, 70. Geburtstag Erich Honecker.jpg; 1598 | Bundesarchiv_ Bild_183-26631-0001,_Tilly_Bergner_und_Jan_Dobraczynski.jpg; 1662 | Bundesarchiv Bild 183-1985-0926-040, Berlin, Vorstandssitzung Schriftstellerverband.jpg; 1732 | Bundesarchiv, Bild 183-27348-0008 / CC-BY-SA 3.0; 1801 | Bundesarchiv, Bild 183-27348-0023 / CC-BY- SA 3.0; 1829 | Bundesarchiv, Bild 183-35545-0009 / CC-BY-SA 3.0; 1965 | Bundesarchiv Bild 183-1984-0424-504, Göttingen, PEN Deutschland gegründet.jpg Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Zur Edition Wolfgang Harich (1923–1995) zählt zu den wichtigen und streitbaren Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Befreundet mit Georg Lukács, Bertolt Brecht und Ernst Bloch wirkte er als Philosoph, Historiker, Literaturwissenschaftler und durch sein praktisches politisches Engagement. Letzteres führte nach seiner Verhaftung von 1956 wegen Bildung einer »konterrevolutionären Gruppe« zur Verurteilung zu einer zehnjährigen Haftstrafe. Die nachgelassenen Schriften Harichs erscheinen nun erstmals in einer elfbändigen Edition, die das reichhaltige Werk dieses undogmatischen Querdenkers in seiner ganzen Breite widerspiegelt: von seinen Beiträgen zur Hegel-Debatte in der DDR über seine Abrechnung mit der 68er-Bewegung im Westen bis zu seinen Überlegungen zu einer marxistischen Ökologie. Die Edition würdigt Wolfgang Harich als Philosophen, Literaturhistoriker, Feuilletonisten, als praktischen Streiter für die deutsche Einheit und die ökologische Umorientierung. Sie wird im Herbst 2013 eröffnet mit drei Bänden zur klassischen Deutschen Philosophie des Idealismus sowie zum Verhältnis von Materialismus und Idealismus. Zum Herausgeber Andreas Heyer, Dr. phil., Jg. 1974, Politikwissenschaften und Jura. Von 2000 bis 2002 war er Stipendiat der Graduiertenförderung des Landes Sachsen-Anhalt, im Anschluss dann Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 2003 promovierte er u. a. bei Iring Fetscher mit einer Arbeit über Diderots politische Philosophie. 2005 erschien in zwei Bänden das Lehrbuch Die französische Aufklärung um 1750. Zwischen 2003 und 2007 war er Mitarbeiter des DFG-Projekts Sozialutopien der Neuzeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte der politischen Utopien der Neuzeit sowie zur Philosophie in der DDR. Im Zuge dieser Arbeiten entstand sein besonderes Verhältnis zu den Schriften Wolfgang Harichs, das sich in mehreren Veröffentlichungen niederschlug. Seit 2012 arbeitet er mit Unterstützung durch Anne Harich an der Herausgabe der nachgelassenen Schriften Wolfgang Harichs. Editionsplan (Stand August 2018) 1. Frühe Schriften (in 3 Teilbänden) 2. Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie (erschienen) 3. Widerspruch und Widerstreit – Studien zu Kant (erschienen) 4. Herder und das Ende der Aufklärung (erschienen) 5. An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx (erschienen) 6. Vorlesungen zur Philosophiegeschichte (in 2 Teilbänden, erschienen) 7. Schriften zur Anarchie (erschienen) 8. Ökologie, Frieden, Wachstumskritik (erschienen) 9. Georg Lukács – Dokumente einer Freundschaft (erschienen) 10: Nicolai Hartmann. Der erste Lehrer 11: Arnold Gehlen. Eine marxistische Anthropologie? 12: Friedrich Nietzsche. Dokumente einer Feindschaft 13: Politik und Philosophie in der zweiten Lebenshälfte 14: Kulturelle Herausforderungen 15: Schlüsseldaten deutscher Geschichte: 1953, 1956, 1968, 1989 16: Autobiographie 1243 Andreas Heyer Vorwort Der vorliegende dritte Teilband schließt die Edition der Frühen Schriften Harichs ab. Präsentiert werden Dokumente, Vorträge, Gutachten, Briefe usw., die Harich im Rahmen seiner verschiedenen beruflichen Tätigkeiten verfasste. Dabei wurde, zumindest soweit es möglich war, eine gewisse chronologische Ordnung hergestellt. Zahlreiche der Texte und Dokumente kommen zum ersten Mal zum Abdruck. Da run ter beispielsweise viele Manuskripte und Briefe im Zusammenhang mit dem Aufbau-Verlag (verbunden u. a. mit den Namen Ernst Bloch und Georg Klaus) und einige Vorträge. Andere Beiträge ergänzen das vorliegende Bild sinnvoll – die Bandbreite reicht von Harichs Aufsätzen zur Kritik an Ernst Jünger bis hin zu posthum bereits edierten Schriftstücken, die verstreut und vereinzelt erschienen sind. Es ist an dieser Stelle nicht notwendig, die einzelnen Kapitel nacheinander vorzustellen. Einige kleinere Anmerkungen können genügen. Wichtig erschien es, auch die Artikel vorzustellen, die Harich für die französisch lizenzierte Zeitung Kurier vom November 1945 bis zum Sommer 1946 verfasste – die zeitlich erste zusammenhängende Gruppe von Arbeiten und Aufsätzen, die zeigen, welche Positionen er direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bezog. Anschließend wechselte er dann auf Grund politischer Differenzen zur sowjetisch lizenzierten Täglichen Rundschau. (Eine Auswahl der dort von ihm gedruckten Beiträge bietet der 2. Teilband, S. 1013–1218.) In den Kontext dieser Wortmeldungen aus der SBZ gehören auch die Texte des entsprechenden X. Teils sowie beispielsweise die Auseinandersetzung mit Ernst Jünger oder etwa die beiden Reden, die Harich auf dem ersten Schriftstellerkongress im Oktober 1947 hielt. 1244 Vorwort Im Rahmen dieser Edition wurde Harichs Tätigkeit an der Berliner Humboldt-Universität (1948 bis 1956) bereits in Gestalt seiner Vorlesungsmanuskripte vorgestellt. (Einige Briefe und Schriften, seine Universitätsjahre betreffend, kommen im vorliegenden Band zum Abdruck.) Von besonderem Interesse ist daher ergänzend, komplettierend sicherlich das Engagement Harichs im Aufbau-Verlag und in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Denn dies waren (neben der HU) die beiden Orte, an denen er sich nachdrücklich für das philosophische Erbe einsetzte, in Zusammenarbeit mit Georg Lukács und Ernst Bloch sein Marxismus-Verständnis entwickelte, das er Zeit seines Lebens immer wieder um weitere Nuancen ergänzte und bereicherte, deutliche Spuren im Kulturleben der jungen DDR hinterließ und nicht zuletzt immer wieder in Debatten und Diskussionen verwickelt war. Die entsprechenden Texte werden nach Maßgabe des Versuchs der Einführung ordnender Kriterien in unterschiedlichen Teilen präsentiert: Der Teil XII: Im Aufbau-Verlag bildet Harichs dortige Tätigkeit ab, präsentiert werden verschiedene Gutachten, Briefe, Mitteilungen und ähnliches. Im folgenden Teil XIII: Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie wird ähnlich verfahren, zum Abdruck kommen vor allem mehrere Briefe aus dem Zeitraum der Gründung der Zeitschrift. Schließlich werden zudem Harichs Freundschaften und Beziehungen zu vier Denkern durch ausgewählte Texte vorgestellt, die wie er die ersten Jahre der DDR prägten: Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende. Vor allem das bisher weitgehend unbekannte Wirken und Eintreten Harichs für Bloch ist dabei hier besonders hervorzuheben. (Siehe die Einleitung des Herausgebers in diesen Teil. Zu beachten sind selbstverständlich auch die zahlreichen Querverweise, die sich in dem Band 9: Georg Lukács. Dokumente einer Freundschaft finden, ebenso die entsprechenden Anspielungen in den thematischen Bereichen, zum Beispiel in dem Hegel gewidmeten Band 5: An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx.) Weitere Dokumente und Vorträge aus den Themenbereichen Kultur, Philosophie, Gesellschaft und Universität runden dann den vorliegenden Band ab, der mit dem Teil XVIII: Das Vademecum und sein Umfeld seinen Abschluss findet. Harichs politisches und politisch-philosophisches Engagement in den Krisenjahren 1953 und 1956 wird in dem entsprechenden Band seiner politischen, philosophischen und tagesaktuellen Schriften zu den Schlüsseldaten (1953, 1956, 1968, 1989/1990) der deutschen Geschichte dargestellt. 1245Vorwort Es war nicht möglich und auch nicht nötig, jedem einzelnen Teil eine eigene Einleitung voranzustellen. Aber es wurde da rauf geachtet, dass letztlich doch in alle Aspekte eingeführt wird. Da, wie bereits erwähnt, die unterschiedlichen Facetten von Harichs frühem Schaffen sich überlappen, ineinandergreifen, ist es möglich, die entsprechenden Informationen übergreifend zu generieren. So bietet, um ein Beispiel zu nennen, die Einführung in den Teil Der erste Gegner wartet schon. Wolfgang Harich über Ernst Jünger, mit dem dieser Band eröffnet wird, alle nötigen Hinweise, um die folgenden Abschnitte zu den Kurier-Artikeln und den Wortmeldungen in der SBZ historisch verorten zu können. Einen Überblick bietet zudem die im ersten Teilband gedruckte allgemeine Einleitung Der junge Harich, 1946–1956 (S. 21–70), die die unterschiedlichen Themengebiete und Arbeitsfelder, Debatten und Diskussionen, Freundschaften und Feindschaften Harichs in diesen Jahren thematisiert und in ihren Verknüpfungen darstellt. Und in diesem Eröffnungsband finden sich ja ebenfalls die verschiedenen autobiographischen Schilderungen Harichs, denen weitere Informationen entnommen werden können, die, aus unterschiedlichen Zeitabschnitten stammend, Harichs Selbsteinschätzungen wiedergeben (S. 71–148). Zusammen mit den bisher vorliegenden Werken der Edition, die jeweils thematische Querschnitte präsentieren (zu Hegel, Herder, Kant, zur Logik, die Freundschaft zu Georg Lukács, die Vorlesungstätigkeit usw.), kann so die Entwicklung des jungen Harichs nachvollzogen werden. Ein Prozess, der durch seine Verhaftung am 29. November 1956 ein jähes Ende fand. Andreas Heyer, Braunschweig im Juni 2018 1247 Inhalt Teil VIII: Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Der erste Gegner wartet schon. Wolfgang Harich über Ernst Jünger (Andreas Heyer) 1261 1. Einleitung 1261 2. Harich und die Jünger(e) Vergangenheit der Literatur 1263 3. Über Ernst Jünger 1270 4. Jüngers Replik. Eine Schlussnotiz 1286 5. Literatur 1288 1. Ernst Jüngers Ansicht vom Frieden (24. Mai 1946) 1291 2. Ernst Jünger und der Frieden (Mitte 1946) 1294 3. »Abendland« oder nationale Souveränität? Der Kosmopolitismus – eine tödliche Gefahr für das deutsche Volk (November 1949) 1314 Teil IX: Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1. Trauer um einen Lebenden. Gedanken zum Problem Knut Hamsun (24. November 1945) 1331 2. Bach und Mozart (28. November 1945) 1333 3. Musik als Bekenntnis (28. November 1945) 1334 4. Winter-Schwermut (30. November 1945) 1334 5. Nachwuchs am Klavier (30. November 1945) 1335 6. Die Flucht nach innen (21. Dezember 1945) 1336 7. Modenschau statt Operette? (27. Dezember 1945) 1338 8. Premieren an der Jahreswende. Die deutschen Kleinstädter bei Jürgen Fehling (2. Januar 1946) 1339 9. Ferne oder Festlichkeit? (7. Januar 1946) 1341 10. Musikalischer Sonntagsausflug (9. Januar 1946) 1341 11. Ein Bühnenbildner am Regiepult. Willi Schmidt wird Georg Kaisers Soldat Tanaka inszenieren (1. Februar 1946) 1342 12. »So stürmt und drängt doch bitte!« Beobachtungen bei einer Jugenddiskussion (4. Februar 1946) 1343 1248 13. Tragikomödie der Ursachen. Fritz Erpenbecks Roman Gründer (8. Februar 1946) 1345 14. Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts (9. Februar 1946) 1346 15. Nach berühmten Mustern (9. Februar 1946) 1349 16. Garanten der Zukunft – nach »Jugendfunk« des Berliner Rundfunk (9. Februar 1946) 1351 17. In Spandau: Kabale und Liebe (11. Februar 1946) 1352 18. Humanität im Zirkus (13. Februar 1946) 1352 19. Religion als Bildungswert (15. Februar 1946) 1353 20. Bühnenbildner: Die Phantasie. Der Lügner von Carlo Goldoni als Hörspiel (16. Februar 1946) 1355 21. Charakter, Glück und lange Leitung (18. Februar 1946) 1356 22. Märchen auf Zelluloid (23. Februar 1946) 1357 23. Ein Außenseiter des Sozialismus (1. März 1946) 1358 24. Plüschsalon und Ozean (2. März 1946) 1360 25. 500. Rede an die deutsche Jugend – nach Ernst Wiechert (2. März 1946) 1361 26. Spieler ohne Disziplin. Der kleine Herr Niemand im Theater an der Heerstraße (4. März 1946) 1362 27. Parade der Manifeste (6. März 1946) 1363 28. »Titel unbekannt« (8. März 1946) 1364 29. Hasardeur oder Sturmvogel? Gedanken zu Friedrich Wolfs Beaumarchais (9. März 1946) 1365 30. Spiel mit dem Feuer. Friedrich Wolfs Beaumarchais im Deutschen Theater (11. März 1946) 1368 31. Klassenkampf nach Feierabend. Zu Willi Bredels Roman Verwandte und Bekannte (13. März 1946) 1369 32. Der Volkstanz in den Abgrund. Horst Lommers Höllenparade im Schiffbauerdamm-Theater (15. März 1946) 1370 33. Friedrich Wolfs Beaumarchais – nach Alfred Kerr (16. März 1946) 1371 34. Mittler zwischen Ost und West. Heuss und Becher über die Aufgabe der Deutschen (20. März 1946) 1373 1249 35. Tendenz als Anlass zur Vision. Die Illegalen von Günther Weisenborn im Hebbel-Theater (22. März 1946) 1375 36. Der Abgrund. Zu Heinrich Manns 75. Geburtstag (23. März 1946) 1378 37. Aufschrei gellt – nach Johannes R. Becher, 1920 (23. März 1946) 1383 38. Aufbau marschiert – nach Johannes R. Becher, 1946 (23. März 1946) 1383 39. Die Verschworenen – nach Weisenborns Illegalen (30. März 1946) 1384 40. Im Netzwerk des Denkens (3. April 1946) 1387 41. Läuterung als Ausweg. Fred Dengers Wir heißen euch hoffen im Deutschen Theater (5. April 1946) 1389 42. Aus meinem ABC – nach Walther Karsch (6. April 1946) 1391 43. »Wir heißen euch hoffen« – nach Fred Denger (13. April 1946) 1392 44. In Berlin vor einem Jahr (13. April 1946) 1394 45. Ein Spießer antwortet (18. April 1946) 1397 46. Schläge, die nicht weh tun. Franz Molnárs Liliom mit Albers im Hebbel-Theater (26. April 1946) 1398 47. Jenseitiges Gespräch mit Goethe – nach J. P. Eckermann (27. April 1946) 1401 48. Martin und Monika. Versprich mir nichts in der Tribüne (27. April 1946) 1403 49. Erlösung durch den Wald? Wie es Euch gefällt im Schlosspark-Theater Steglitz (2. Mai 1946) 1403 50. Retter vor dem Vakuum. Anmerkung zu Gustaf Gründgens (3. Mai 1946) 1405 51. Die U-Bahnschaffnerin und die Kritik (4. Mai 1946) 1406 52. Literarisch-Kulinarisches – nach do-Dw. in der »sie« (11. Mai 1946) 1408 53. Georg Kaiser mit Filmstars. Adrienne Ambrossat in der »Komödie« (14. Mai 1946) 1411 54. Der Einbrechersnob – nach Carl Sternheim (18. Mai 1946) 1413 55. Vorschlag zum Humor – nach Erich Kästner (25. Mai 1946) 1415 56. Die Revolution ist längst vorbei. Rachmanows Stürmischer Lebensabend im Deutschen Theater (31. Mai 1946) 1417 57. Literaturgeschichte der Berliner Stämme und Landschaften – nach Josef Nadler 1418 58. »… und es war wie dunnemals!« Ernst Busch eröffnete die neue Volksbühne (3. Juni 1946) 1420 1250 59. Ansage in Treuenbrietzen – nach Willi Schaeffers (8. Juni 1946) 1423 60. … Vater sein dagegen sehr. Vogel Strauß von Archibald N. Menzies in der »Tribüne« (8. Juni 1946) 1425 61. Augenblicke der Begeisterung. Anmerkung zu unserem Konzertbetrieb (15. Juni 1946) 1426 62. Ansprache zur Eröffnung des Pfingstfestes – nach Oberbürgermeister Dr. Arthur Werner (15. Juni 1946) 1427 63. Das Theater über den Nationen. Die Max-Reinhardt-Ehrung im Deutschen Theater (17. Juni 1946) 1428 64. Gorki-Feier der Volksbühne (20. Juni 1946) 1429 65. Der Ästhet und die Butter – nach Aribert Wäscher (22. Juni 1946) 1431 66. Oscar Wilde mit echten Gefühlen. Bunbury in der »Komödie« (22. Juni 1946) 1432 67. Union der zarten Hand – Nach Campester (29. Juni 1946) 1434 Teil X: Wortmeldungen in der SBZ 1. Über den Rassenwahn (Juni 1945) 1439 2. Die Forderungen der deutschen Jugend an den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands 1445 3. Habt ein besseres Gedächtnis! (Juni 1946) 1452 4. Brief an Otto Meier (08. Juli 1947) 1455 5. Denkschrift über die Notwendigkeit einer sofortigen Intensivierung unserer Presse- und Propaganda-Arbeit in den Westzonen (08. Juli 1948) 1457 6. Brief an Anton Ackermann (17. Januar 1949) 1481 7. Wird es Krieg geben? (Ende der 40er Jahre) 1494 8. Das »Dogma« des Marxismus (Ende der 40er Jahre) 1504 Teil XI: Drei Schriftstellerkongresse Die ersten Schriftstellerkongresse der DDR, 1947–1952 1521 1. Der Erste Deutsche Schriftstellerkongress 1521 2. Harichs Beiträge auf dem Ersten Kongress 1523 3. Der Skandal um Lasky 1532 4. Harichs Abrechnung mit Lasky 1538 1251 5. Der Zweite und der Dritte Schriftstellerkongress 1545 6. Harichs Beiträge auf dem Zweiten und Dritten Schriftstellerkongress 1548 1. Reden auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress 1554 1. Rede, 05. Oktober 1947 1554 2. Rede, 07. Oktober 1947 1558 2. Im Gespräch bleiben! 1562 3. Rede auf dem Zweiten Schriftstellerkongress 1571 4. Rede auf dem Dritten Schriftstellerkongress 1573 Teil XII: Im Aufbau-Verlag 1. Brief an Heinz Kamnitzer (14. November 1950) 1581 2. Brief an Heinz Kamnitzer (10. Januar 1951) 1582 3. Brief an Paul Rilla (25. September 1951) 1582 4. Brief an Max Schroeder (18. November 1951) 1585 5. Brief an Bruno Kaiser (23. November 1951) 1587 6. Brief an den Aufbau-Verlag, Heine-Edition (10. Januar 1952) 1591 7. Brief an den Aufbau-Verlag, Klassisches Erbe (10. Januar 1952) 1595 8. Brief an Tilly Bergner (31. Januar 1952) 1597 9. Internes Gutachten zu Alfred Meusel: Über Reformation und Bauernkrieg (25. März 1952) 1599 10. Zur Tschernyschewski-Edition (10. April 1953) 1601 11. Internes Verlags-Gutachten zu: Auguste Cornu: Die Jugend von Marx und Engels (20. Mai 1953) 1604 12. Zur Herder-Biographie von Rudolf Haym, Hausmitteilung (29. Juli 1953) 1607 13. Gutachten zu: Rudolf Haym: Herder – Sein Leben und sein Werk (03. August 1953) 1612 14. Internes Gutachten zu F. C. Weiskopf: Verteidigung der deutschen Sprache (1953) 1613 15. Vorschläge für den Perspektiv-Plan des Aufbau-Verlages (15. Januar 1954) 1613 16. Gutachten zu: Kant: Träume eines Geistersehers (16. März 1954) 1619 17. Gutachten zu: Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik (28. April 1954) 1620 1252 18. Gutachten zu: Heinrich von Kleist: Gesammelte Werke (30. April 1954) 1621 19. Gutachten zu: Holbach: System der Natur (19. Juli 1954) 1621 20. Zu Heinrich und Marie Simons: Die alte Stoa und ihr Naturbegriff, Hausmitteilung (24. August 1954) 1622 21. Gutachten zu: Herder: Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft (08. September 1954) 1622 22. Gutachten zu: Johannes R. Becher: Im Blühen der Welt (Poetische Konfession, II) (30. November 1954) 1623 23. Gutachten zu: Heinrich von Kleist: Gesammelte Werke, Band III (03. Dezember 1954) 1624 24. Projektvorschlag: Ausgabe der Werke E. T. A. Hoffmanns (14. Januar 1955) 1624 25. Gutachten zu: Alexander Abusch: Friedrich Schiller – Größe und Tragik eines deutschen Genius (17. Februar 1955) 1626 26. Gutachten zu: Emil Utitz: Egon Erwin Kisch, der klassische Journalist (26. Februar 1955) 1627 27. Gutachten zu: Jean Jacques Rousseau: Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (15. März 1955) 1627 28. Gutachten zu: Helvétius: Philosophische Werke, I. und II. Band (24. März 1955) 1628 29. Projektvorschlag zur Anthropologie (19. April 1955) 1629 30. Gutachten zu: Tschernyschewski: Das anthropologische Prinzip (13. Juni 1955) 1630 31. Brief an Emil Utitz (22. Juli 1955) 1630 32. Gutachten zu: Theodor Storm: Gesammelte Werke, Band II (28. Juli 1955) 1631 33. Gutachten zu: Georg Weerth: Gesammelte Werke (09. September 1955) 1631 34. Brief an Alfred Kurella (04. November 1955) 1632 35. Gutachten zu: Johann Gottlieb Fichte: Über den Gelehrten (15. November 1955) 1633 36. Gutachten zu: Edmund Burke: A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful (02. Dezember 1955) 1634 37. Gutachten zu: Jürgen Kuczynski: Über einige Probleme des historischen Materialismus (01. Februar 1956) 1636 1253 38. Hausmitteilung zu Lukrez: Über die Natur der Dinge (21. März 1956) 1637 39. Entwurf eines Briefes an Johannes R. Becher über Goethe (1956) 1639 40. Plan der Goethe-Ausgabe, I (1955) 1640 41. Plan der Goethe-Ausgabe, II (23. Mai 1956) 1642 42. Gutachten zu: Bernard Mandeville: Die Bienenfabel (13. Juni 1956) 1644 43. Gutachten zu: István Mészáros: Satire und Wirklichkeit (22. Juni 1956) 1645 44. Gutachten zu: Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke in zwei Bänden (25. Juli 1956) 1646 45. Gutachten zu: Jürgen Kuczynski: René Kuczynski. Ein fortschrittlicher Wissenschaftler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (14. September 1956) 1646 46. Gutachten zu: Paul Rilla: Lessing und sein Zeitalter (26. September 1956) 1647 Teil XIII: Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1. Brief an Kurt Hager (30. Oktober 1952) 1651 2. Brief an Horst Eckert (11. November 1952) 1652 3. Brief an Kurt Hager (11. November 1952) 1654 4. Brief an Klaus Schrickel (11. November 1952) 1655 5. Brief an Kurt Hager (11. Dezember 1952) 1657 6. Kritische Bemerkungen zum Aufruf des ZK der SED zum Marx-Jahr (01. Januar 1953) 1658 7. Brief an Kurt Hager (12. Januar 1953) 1662 8. Brief an Klaus Schrickel (08. Februar 1953) 1667 9. Brief an Ernst Bloch (19. April 1953) 1675 10. Über die Zukunft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (07. Juli 1953) 1680 11. Brief an Klaus Schrickel (29. Juli 1953) 1686 12. Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der Deutschen Demokratischen Republik (Ende 1955, Anfang 1956) 1692 Teil XIV: Ernst Bloch Ernst Bloch und Wolfgang Harich (Andreas Heyer) 1733 1. Notizen zu Ernst Bloch (1989) 1787 2. Über Ernst Bloch: Die Hoffnung (26. August 1952) 1790 1254 3. Gutachten über Ernst Bloch: Hoffnung (09. Februar 1953) 1792 4. Entwurf eines Gutachtens: Das Prinzip Hoffnung, 1. Band (1953) 1793 5. Weitere Bemerkungen zu Blochs Hoffnung, 1. Band (1953) 1796 6. Entwurf eines Gutachtens: Das Prinzip Hoffnung, 2. Band (1954) 1799 7. Gutachten über Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Band 3 (24. Mai 1954) 1799 8. Brief an Karola Bloch (28. Juni 1954) 1800 9. Gutachten über Bloch: Auszüge (24. März 1955) 1801 10. Gutachten über Ernst Bloch: Politik und Bedeutung (28. Juni 1955) 1802 11. Editionsplan zu Ernst Bloch: Politik und Bedeutung (1955) 1804 12. Optimismus ohne Illusion (10. Juli 1955) 1810 13. Brief an Ernst Bloch (18. Juli 1955) 1817 14. Plan für die Gesammelten Werke in 20 Bänden von Ernst Bloch (Plan 1, Juli 1955) 1821 15. Plan der Gesammelten Werke von Ernst Bloch (Plan 2, 30. September 1955) 1823 16. Plan für die Herstellung der Bloch-Ausgabe (Plan 3, 30. September 1955) 1824 17. Gutachten über Ernst Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution (03. Oktober 1955) 1824 18. Hausmitteilung des Lektorat Klassisches Erbe (03. Oktober 1955) 1825 19. Brief an Ernst Bloch (05. Oktober 1955) 1826 20. Plan der Gesammelten Werke von Ernst Bloch, Reihenfolge (Plan 4, Ende 1955) 1827 21. Reihenfolge der Werke Ernst Blochs im Aufbau-Verlag (Plan 5, Ende 1955) 1827 22. Gutachten über Ernst Bloch: Politik und Bedeutung, Band II (06. April 1956) 1829 23. Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Politik und Bedeutung, Band II (25. April 1956) 1830 24. Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Politik und Bedeutung, Band II (06. Juni 1956) 1830 25. Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Aufsätze (13. Juni 1956) 1831 1255 26. Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution (15. Juni 1956) 1831 27. Geburtstagstelegramm zum Neunzigsten Geburtstag (08. Juli 1975) 1832 28. Nachruf auf Ernst Bloch (September 1977) 1832 29. Brief an Karola Bloch (16. April 1980) 1835 Teil XV: Weggefährten I: Victor Stern 1843 1. Hausmitteilung zu Victor Stern: Gegen den »physikalischen« Idealismus (1951) 1843 2. Hausmitteilung zu Victor Stern: Philosophische Probleme der modernen Physik (10. Februar 1952) 1844 3. Hausmitteilung zu Victor Stern: Gegen den physikalischen Idealismus (14. Juli 1952) 1853 4. Eröffnung der Diskussion Über philosophische Fragen der modernen Physik (1953) 1854 5. Brief an Victor Stern (24. September 1953) 1854 6. Hausmitteilung zu Victor Stern: Zeit- und Streitfragen der marxistischen Philosophie (06. November 1953) 1855 7. Brief an Victor Stern (06. November 1953) 1855 8. Zwei Entwürfe für Gutachten zu Victor Stern: Zeit- und Streitfragen der marxistischen Philosophie (1954) 1856 9. Gutachten zu: Victor Stern: Raum, Zeit, Bewegung im Lichte der modernen Naturwissenschaft (16. September 1955) 1857 II: Georg Klaus 1858 1. Brief an Georg Klaus (01. April 1950) 1858 2. Brief an Georg Klaus (13. April 1950) 1861 3. Brief an Georg Klaus (20. April 1950) 1863 4. Brief an Georg Klaus (04. Mai 1950) 1864 5. Brief an Georg Klaus (26. Mai 1950) 1866 6. Brief an Georg Klaus (27. Juni 1950) 1866 7. Brief an Georg Klaus (20. September 1950) 1867 1256 8. Brief an Georg Klaus (14. November 1950) 1868 9. Brief an Georg Klaus (01. März 1951) 1907 10. Brief an Georg Klaus (20. November 1952) 1908 11. Brief an Georg Klaus (01. Dezember 1952) 1909 12. Brief an Georg Klaus (02. Februar 1953) 1910 13. Brief an Georg Klaus (16. Februar 1953) 1911 14. Brief an Georg Klaus (23. Februar 1953) 1911 15. Brief an Georg Klaus (18. März 1953) 1912 16. Brief an Georg Klaus (22. April 1953) 1915 17. Gutachten zu: Kant: Frühe Schriften, herausgegeben von Georg Klaus (09. März 1954) 1916 18. Brief an Georg Klaus (02. November 1955) 1917 19. Brief an Werner Mußler über Georg Klaus’ Beiträge zur Geschichte der Philosophie (31. März 1973) 1918 III: Georg Mende 1922 1. Brief an Georg Mende (05. April 1951) 1922 2. Brief an Georg Mende (20. Juli 1951) 1923 3. Brief an Georg Mende (11. Februar 1952) 1924 4. Internes Verlagsgutachten Dietzgen-Ausgabe (01. Juni 1952) 1932 5. Brief an Georg Mende (02. Februar 1953) 1933 6. Brief an Georg Mende (03. März 1953) 1934 7. Brief an Georg Mende (17. März 1953) 1936 8. Brief an Georg Mende (06. November 1953) 1937 9. Brief an den Dietz-Verlag (14. Januar 1954) 1937 10. Brief an den Dietz-Verlag (20. Januar 1954) 1938 11. Brief an Georg Mende (20. Januar 1954) 1939 12. Brief an Georg Mende (29. Januar 1954) 1940 13. Brief an Georg Mende (05. März 1954) 1941 14. Gutachten zu: Josef Dietzgen: Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit (09. April 1954) 1941 15. Brief an Georg Mende (18. August 1954) 1942 1257 16. Brief an Georg Mende (20. August 1954) 1943 17. Brief an Georg Mende (25. August 1954) 1943 Teil XVI: Kultur und Philosophie. Ein Querschnitt 1. Gedanken zur Zeit 1949 2. Arthur Koestler und die »Babbitts« der amerikanischen Linken (1948) 1950 3. Dekadenz und Barbarismus (Ende der 40er Jahre) 1955 4. Erich Kästner wird fünfzig (Februar 1949) 1965 5. Traktat über das Komische, Notizen (Ende der vierziger Jahre) 1972 6. Ist das die neue Literatur? Bemerkungen zu einer Neuerscheinung (16. April 1950) 1977 7. Rede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises II. Klasse für das Jahr 1953 1980 8. Rezension zum Philosophen-Lexikon von Ziegenfuß und Jung (Mitte 1954) 1983 9. Sartre und der Marxismus (ca. 1955/1956) 1994 10. Aspekte der Freiheit (um 1955) 2013 Teil XVII: Politik, Gesellschaft, Universität 1. Beitrag zur Periodisierung der Geschichte der deutschen Philosophie (ca. 1950) 2025 2. Kritik am gegenwärtigen Studienplan (12. Dezember 1951) 2029 3. Neuer Studienplan für Fachphilosophen (12. Dezember 1951) 2038 4. Brief an Friedl Thaler (18. März 1952) 2042 5. Brief an Georg Klaus (24. Januar 1954) 2049 6. Brief an den Staatssekretär für das Hochschulwesen (03. September 1954) 2055 7. Zur politischen Argumentation in der Denkschrift des Professor Dr. Günther Jacoby (1955) 2057 8. Brief an die SED der HU (21. Januar 1955) 2061 9. Reise deutscher Philosophen in die Volksrepublik Polen (1955) 2070 10. Demokratischer Patriotismus. Vortrag für die Warschauer Konferenz (Mai 1955) 2075 1258 11. Brief an die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie (18. November 1955) 2090 12. Brief an die SED der HU (28. November 1955) 2092 13. Philosophie in der Sackgasse (01. April 1956) 2098 Teil XVIII: Das Vademecum und sein Umfeld 1. Hemmnisse des schöpferischen Marxismus (08. April 1956) 2109 2. Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus. Thesen gegen den Dogmatismus. Erste Version (Sommer 1956) 2116 3. Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus. Kleines Vademecum für Schematiker. Endgültige Version (Sommer 1956) 2118 4. Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus (Sommer 1956) 2126 5. Zur Systematik der marxistischen Philosophie (Sommer 1956) 2127 Anhang Inhaltsverzeichnis aller drei Teilbände 2137 Abkürzungsverzeichnis Band 1 2163 Personenregister Teilband 1 bis 3 2169 Teil VIII Ernst Jünger Ein exemplarischer Fall 1261 Andreas Heyer Der erste Gegner wartet schon. Wolfgang Harich über Ernst Jünger 1. Einleitung1 Harich befand sich in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre in Übereinstimmung mit der offiziellen Politik der SED. Dies könnte beispielsweise eine Analyse seiner Weltbühne-Artikel aufzeigen. Gleichzeitig prägte er diese seinerseits auch mit – als Journalist (Tägliche Rundschau, Neue Welt, Weltbühne), als Gutachter sowie durch verschiedene Ämter, etwa im Kulturbund, zum Ende des Jahrzehnts als Dozent an der Universität. Als er sich in vor dem Ende der DDR intensiv mit seinen philosophischen Studien zu Nietzsche, Hartmann und Lukács beschäftigte, hat er in einigen kurzen, sehr wohl aber aussagekräftigen Sätzen zu seiner damaligen ideologischen Positionierung Stellung bezogen. In den Hartmann-Manuskripten, nicht zuletzt die philosophische Vermessung und Bilanzierung seines damaligen Denkens (und seiner Genese), hat er sich in Dialogstruktur zu dem frühen Abschnitt seiner intellektuellen Tätigkeit geäußert. Da er sowohl Interviewer als auch Interviewter des Selbstgespräches war, das im 10. Band 1 Harichs Schriften über Ernst Jünger, die im Anschluss an diese Einleitung zum Abdruck kommen, werden nicht annotiert. Auf die einzelnen Titel wird in Klammern mit Kürzeln verwiesen: Ernst Jüngers Ansicht vom Frieden aus dem Kurier (AvF); Ernst Jünger und der Frieden (JuF); »Abendland« oder nationale Souveränität? (A); der Artikel Und noch einmal: Ernst Jünger (in Band 1.2, S. 1013–1017) aus der Täglichen Rundschau (U). Die folgenden Bemerkungen fungieren auch als Einleitung in die nächsten Teile dieser Edition, vor allem zur Auswahl der Artikel aus dem Kurier (Teil IX) und den Wortmeldungen aus der SBZ (Teil X). 1262 Teil VIII dieser Edition gedruckt vorliegt, konnte er das Für und Wider seiner damaligen Einstellung abwägen:2 • »WH: Es fehlte mir noch der historische Abstand, es so zu sehen, und außerdem die menschliche Reife. (…) Hinzu kam, dass ich dann durch die Aneignung des Marxismus zunächst, zeitweilig in den Sog eines Sektierertums geriet, das sich gegen jede nicht-marxistische Philosophie nach Hegel und Feuerbach hermetisch glaubte abschotten zu müssen. • PF: Es ist keineswegs sektiererisch, vor bürgerlicher Philosophie grundsätzlich auf der Hut zu sein, gegen sie sich generell mit der nötigen Kritik zu wappnen. • WH: Gewiss, nur führt der Vorsatz, dem Genüge zu leisten, bei Proselyten – und ein solcher war ich ja, allzuleicht zu sektiererischer Abkapslung.« Mit Blick auf diese Passage lässt sich sagen, dass sich Harich der Problematik einiger seiner früheren Aussagen durchaus bewusst war. Und es ist ihm auch positiv anzurechnen, dass er sich zu dieser selbstkritischen Durchleuchtung durchringen konnte. Gerade wenn man sich Vertreter des Kulturlebens der DDR wie Christa Wolf oder Robert Havemann anschaut wird intensiv erfahrbar, dass dies keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. Es sollte allerdings nicht der Fehler gemacht werden, das komplette Werk der Frühphase des Denkens und Schreibens Harichs dieser »linken Sektiererei« zuzurechnen. Ganz im Gegenteil gab es bereits seit Ende der vierziger Jahre eine Vielzahl von Texten und Ansätzen, in denen Harich eine eigenständige Meinung vertrat, die von den offiziellen Stellungnahmen der Partei abwich. Schon in der Weltbühne gab es verschiedene emanzipatorische Texte, beispielsweise das Lob Thornton Wilders durch Harich (wie er überhaupt als Journalist sich zur Kultur, zum Theater etc. weitgehend »undogmatisch« äußerte).3 Hinzu treten auch verschiedene interne Positionierungen, die die Vorgaben der SED durchbrachen, etwa die durchaus positive Annäherung an das Schaffen von Simone de Beauvoirs in Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau.4 Auch Harichs 2 Der Dialogpartner »PF« vertritt teilweise eine Meinung, die durchaus als Äußerung der SED gelesen werden kann. Es wäre aber falsch, die Sätze von »WH« einseitig als Meinungsäußerung Harichs (im Sinne eines abschließenden Urteils) zu lesen. Dafür ist das Werk zu diffizil. 3 Harich: Thornton Wilder, in: Band 1.1, S. 226–230 4 Harich: Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács, in: Band 9, S. 133–145. 1263Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Artikel in der Neuen Welt standen zwar einerseits im Kontext der sowjetischen ideologischen Propaganda. Das äußert sich durch das von Harich entwickelte Marxismus-Verständnis. Dessen Anwendung erfolgte jedoch mit Blick auf nachvollziehbare Themen, so die in diesem Aufsatz zu rekonstruierende Kritik am Nationalsozialisten Ernst Jünger. Andererseits sind schon in den Artikeln in der Neuen Welt Gedanken und Thesen Harichs angelegt, die ihn später in Antagonismus zur SED brachten. Das betrifft u. a. das entwickelte geschichtsphilosophische Konzept, das sein Denken über Jahrzehnte prägte und immer als Basis interpretativ mitgedacht werden sollte. Es gab also auch Übereinstimmungen Harichs mit der Meinung der SED und der sowjetischen Ideologie, die sich schlichtweg durch den zu thematisierenden Gegenstand ergaben und von daher keineswegs als reiner Opportunismus Harichs interpretiert werden sollten. Ernst Jünger, um das hier zu besprechende Beispiel zu nennen, war nun einmal einer der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus. Ob man das als Marxist, Bürgerlicher oder Oppositioneller feststellt, ist von daher eigentlich zweitrangig. Und an einen weiteren Punkt ist hier zumindest zu erinnern: In den ersten Jahren ihrer Existenz verkörperten die DDR und die SED auch für viele Intellektuelle Hoffnung und Zukunft. Diese wollte man mitgestalten. So manche Positionierung der SED war zudem historisch gewachsen, d. h. Ergebnis geschichtlicher und intellektueller Prozesse und Kämpfe. Die grundsätzliche (Detailkritik einschließende) Identität von SED und den intellektuellen Eliten verdeutlicht dann der Schock von 1956, als durch Chruschtschows Geheimrede die Verbrechen Stalins bekannt wurden. Auch auf einer anderen Eben zeigt sich Harichs frühes unabhängiges Denken. Die Namen Georg Lukács, Bertolt Brecht und Ernst Bloch verweisen auf eine Einstellung, die Harichs eigenen Denkansatz bereits mindestens andeutet. Es waren auch die Gespräche mit diesen, gemeinsame Ideen und Projekte, die ihn immer stärker dazu brachten, beispielsweise den originären Marx und Hegel zu entdecken. 2. Harich und die Jünger(e) Vergangenheit der Literatur Die ersten Zeitungsartikel, die Harich für den französisch lizensierten Kurier verfasste,5 nehmen eine gewisse Sonderstellung in seinem Werk ein. Denn sie fallen aus den be- 5 Über den Kurier schrieb Harich: »Der französisch lizensierte Kurier hat in den Jahren 1945/46, unter Leitung des parteilosen Carl Helferich, noch eine zwar nicht prokommu- 1264 Teil VIII kannten Argumentationsmustern der frühen Phase seines Denkens heraus.6 Harich beschäftigte sich im Kurier auch mit verschiedenen intellektuellen Wegbereitern und Mitläufern des Nationalsozialismus, die er jedoch nicht einseitig negativ bewertete. Erwähnt seien exemplarisch seine Ausführungen zu Knut Hamsun – in seinem ersten Beitrag für den Kurier vom 24. November 1945 (in diesem Band).7 Verallgemeinernd lässt sich dabei feststellen, dass Harich die einzelnen Fälle bzw. Personen immer individuell behandelte, d. h. er suchte nach Erklärungsansätzen. Welche Gründe spielten eine Rolle, dass sich jemand den Faschisten anschloss? Wie ist das literarische Werk zu bewerten? Gab es auch Tendenzen gegen den Faschismus? In seinen Beiträgen für die Weltbühne ging diese differenzierende Sichtweise zu Gunsten eher pauschalisierender Urteile teilweise verloren. Im Zuge der intellektuellen Selbstreflexion sprach Harich dann – kurz vor dem Ende der DDR – wie bereits erwähnt davon, dass er zu den »Proselyten« des Marxismus gehört habe, d. h. zu sektiererischen und ideologischen Argumentationsmustern neigte. Anfang der fünfziger Jahre konnte er sich dann intellektuell »freischwimmen«, was ziemlich rasch dazu führte, dass er mit der SED in Konflikte geriet.8 Der Spiegel hatte diese Wandlungen Harichs 1950 ziemlich bissig beschrieben. Ausgehend von Harichs Engagement in der japanischen Botschaft während des Zweiten nistische, aber den Sowjets gegenüber verhältnismäßig loyale Linie, und seine Kritik an der KPD bzw. SED ist wenigstens in einem höflichen, sachlichen Ton gehalten. Das liegt da ran, dass an der Regierung in Paris bis 1947 noch Kommunisten beteiligt sind, dass der Verlagsleiter Moßner, gleichzeitig Eigentümer des sowjetisch lizensierten Verlages ist, bei dem die LDPD-Zeitung Der Morgen erscheint und dass Helferich als einziger bürgerlicher Chefredakteur Berlins aus dem KZ kommt und zwar aus Mauthausen, wo er die Solidarität vieler kommunistischer Leidensgenossen, da run ter des KPD-ZK-Mitglieds Franz Dahlems, schätzen gelernt hat.« Harich: Ahnenpass, S. 157. 6 Harich war 1945, Anfang 1946 mit seinem Denken noch nicht vollständig in der marxistischen Philosophie verankert. Sein Eintritt in die KPD erfolgte im Frühjahr 1946. Harich: Ahnenpass, S. 155. 7 Hierzu: Götze: Harich. Rezensent und Kritiker, S. 110. 8 Hierzu: Heyer: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, S. 32–63. Ein erster deutlicher Dissens tat sich in der Auseinandersetzung um Brecht auf, argumentierte Harich doch gegen Fritz Erpenbeck, der die offizielle Kulturpolitik der SED vertrat. Später traten dann die Auseinandersetzungen um die Logik, zu Hegel und über Heines Bewertung hinzu. Die ersten beiden genannten Debatten begannen ebenfalls Anfang der fünfziger Jahre. Zu erwähnen ist außerdem Harichs Engagement in den Krisenjahren 1953 und 1956. 1265Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Weltkrieges hieß es: »Mit dem Ende der Zeiten und der aktuellen weltanschaulich-philosophischen Neuorientierung vollzog Harich die innere Wendung von Buddha zum Stuhle Petri: ›Die katholische Auffassung ist immer und stets die allein maßgebliche gewesen, nicht nur für mich, sondern an sich überhaupt‹, sprach Harich in das geistige Streitgesprächmikrofon des Berliner Rundfunks.«9 Dieser Annäherung an den Katholizismus entsprach laut Spiegel die Arbeit Harichs für den Kurier: »Doch konvertierte ihm die einem katholischen Intellektuellen angemessene Tätigkeit als Kritiker an bürgerlichen Blättern (Kurier) nur bedingt und begrenzt. Also ruck-zuck die Wendung zum Revolutionär. (…) Mangels Alternative ist er Kommunist geblieben, als hauptamtlicher Ideologe.«10 Von Harich ist in diesem Zusammenhang zuvorderst jene Passage seiner autobiographischen Aufzeichnungen Ahnenpass von Bedeutung, in der er seine »linksradikalen Bedenken« gegen die Vereinigung von SPD und KPD erwähnte.11 Denn in verschiedenen Diskussionen habe er diese überwunden und sei zu einem Befürworter der Parteivereinigung geworden:12 »So bekenne ich mich zu der Verschmelzung und setze mich im Winter 1945/1946 als Parteiloser auf offenen SPD-Versammlungen in verschiedenen Westberliner Stadtbezirken für sie ein. Anfang 1946 (ich glaube im Februar) werde ich schließlich Mitglied der KPD.«13 9 Spiegel: Für Stalin und für dich, S. 11. 10 Spiegel: Für Stalin und für dich, S. 11. 11 Harich: Ahnenpass, S. 155. 12 Siehe hierzu auch Harichs entsprechende Thesen in seinen geschichtsphilosophischen Aufsätzen in der Neuen Welt. Dort war die SED für ihn Ausdruck und Ergebnis eines Lernprozesses. Nach dem Versagen der Arbeiterbewegung in Weimar stelle die SED jenen Organisations- und Durchdringungsgrad bereit, der den Sieg des Proletariats ermögliche. Im Ahnenpass schrieb Harich, dass er mit Mitgliedern seiner Widerstandsgruppe und anderen Kommunisten diskutierte. Diese hätten ihm vermittelt: »Im übrigen sei wegen des Zusammenbruchs des staatlichen Gewaltapparats (Wehrmacht, Polizei, politische Strafjustiz) zur Verwirklichung des Sozialismus in Deutschland eine gewaltsame Revolution nicht mehr nötig, so dass auch die Kommunisten den friedlichen demokratisch-parlamentarischen Weg bejahen könnten, wie ihn der Sozialdemokratismus befürworte. Vo raus set zung für ein erfolgreiches Beschreiten des friedlichen Wegs sei allerdings, zu verhindern, dass die Sozialdemokratie durch ihre opportunistischen Traditionen jetzt ins Fahrwasser der kapitalistischen Westmächte gerate, und dieser Gefahr beuge am sichersten die Fusion mit der KPD vor.« Harich: Ahnenpass, S. 156. 13 Harich: Ahnenpass, S. 156. 1266 Teil VIII Der Wechsel Harichs vom »westlichen« Kurier (Abdr. der Artikel in diesem Band) zur sowjetischen Täglichen Rundschau (Abdr. der Artikel in Band 1.2) im August 1946 war Ausdruck dieser gewandelten ideologischen Einstellung Harichs, d. h. ein deutliches Bekenntnis zum Marxismus sowie zur SBZ/DDR. Denn die Tägliche Rundschau war das offizielle Organ der Ideologieproduktion der Sow jet uni on für die SBZ. Zahlreiche Texte Stalins kamen dort zum ersten Mal in deutscher Sprache zum Vorabdruck. Auch sonst las man in der Täglichen Rundschau vor allem eins: Die Meinung der SU.14 Siegfried Prokop schrieb: »Im Kurier setzte sich Harich für einen sachlichen Umgang und eine differenzierte Behandlung von Gustaf Gründgens, Knut Hamsun und Friedrich Nietzsche ein. Obwohl Gründgens mit den Nazis kollaboriert habe, sei er maßgeblich an der Rettung von Ernst Busch beteiligt gewesen. Zu Hamsun schrieb er: ›Er ließ sich imponieren vom Kraftprozentum und Reklamerummel des Nationalsozialismus (…) Vor dieser Gefahr zu warnen, heißt Hamsun ehren und zugleich über ihn zu richten, im Namen der Humanität.‹ Zu Nietzsche liest sich seine Wertung wie eine vorweggenommene Polemik gegen seine Spätsicht.«15 In seiner Autobiographie Ahnenpass hat Harich diese Phase seines Lebens Revue passieren lassen. Dabei thematisierte er einen Konflikt zwischen Kultur und Politik, der sein Wirken beim Kurier prägte. »Trotzdem machte ich sehr bald die Erfahrung, dass man mir, ungeachtet meiner Star-Position als Feuilletonist und Kritiker, nur solange Meinungsfreiheit gewährt, solange ich rein kulturelle Themen behandle, dass meinem publizistischen Wirken aber in politischer Hinsicht auch am Kurier enge Grenzen gesetzt sind.«16 Zum Fanal wurde schließlich Harichs Beschäftigung mit Ernst Jünger. Harich schrieb: »Im Frühjahr 1946 zirkulierte unter den Intellektuellen eine hektographierte Schrift von Ernst Jünger mit dem Titel Der Frieden. (…) Ich finde die Jüngersche Schrift so abscheulich und gefährlich, dass ich gegen sie für den Kurier einen polemischen Artikel schreibe, in dem ich u. a. anhand von Zitaten Jüngers auch dessen militärische Gesinnung beweise. Der Abdruck dieses Artikels wird von dem französischen Zensuroffizier, Oberst Revoux, verweigert.«17 Doch da der Zensuroffizier erkrankte, konnte Harich 14 Hierzu vor allem die entsprechenden Hinweise in: Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung, S. 69–118. 15 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 40. 16 Harich: Ahnenpass, S. 157. 17 Harich: Ahnenpass, S. 158. 1267Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall seinen Artikel in dessen Abwesenheit lancieren.18 Nach seiner Rückkehr setzte Revoux durch, dass Harich von den Redaktionssitzungen ausgeschlossen wurde.19 Mit dem Artikel hatte Harich gezeigt, dass sein Gespür für den Zeitgeist intakt war. Denn Der Friede und der Umgang mit dem Text standen im Fokus der Diskussionen und Kontro versen um Jünger. »Der Text war – wie Jünger später schrieb – als ›außenpolitische Mitgift‹ für den konservativen Widerstand gedacht und zirkulierte bereits während des Krieges in geheimen Abschriften. Nach dem Krieg wurde er nicht sofort veröffentlicht, machte aber in neuen Abschriften und ersten Drucken weiterhin die Runde. An ihm entzündete sich nun eine öffentliche Debatte (…).«20 Auch in der SBZ wurden Jüngers Thesen intensiv diskutiert. In Ernst Niekisch hatte er einen Befürworter und Bewunderer von einigem Einfluss.21 Bei Niekisch ging die Wertschätzung für Jünger einher mit einer Ablehnung der offiziellen Kritik der SBZ/ DDR an Nietzsche, die damals noch an den Schriften und Studien von Franz Mehring und Hans Günther orientiert war.22 (Die Generalabrechnung von Georg Lukács – Die Zerstörung der Vernunft – stand noch aus, es lagen vom ungarischen Philosophen aber bereits erste Bausteine seiner Nietzsche-Kritik vor. Ein Prozess, der den Konsens marxistischer Nietzsche-Ablehnung um 1945/1950 aufzeigt, transportiert.) D. h. um Jüngers Denken und Sprache zu bejahen, musste Niekisch auch Nietzsche wertneutral interpretieren. 1965 schrieb er: »Ein Philosoph, der von der Zukunft redet, ist kein Programmatiker, der ihr genau den Weg vorschreiben möchte, den sie einzuschlagen hat. Nietzsche enthüllt das imperialistische Wesen Deutschlands, indem er das unbeschränkte Recht des Individuums proklamiert, den Willen zur Macht feiert und eine neue Moral jenseits von Gut und Böse ansiedelt. Jünger, der die geplanten Kollektive vorhersieht, lässt ein neues Menschenbild, den Arbeiter aufscheinen, kündet in mythischen Worten von promethischem Feuer (…), von kommenden Revolutionen, Bürger- 18 Der Artikel erschien im Kurier am 24. Mai 1946 (AvF). Siehe auch: Götze: Harich. Rezensent und Kritiker, S. 118. 19 Zudem wurden Artikel zur »Ehrenrettung« Jüngers publiziert. Marcus Payk schrieb in seiner Studie über Karl Korn, der zu den Jünger-Verteidigern gehörte: »Auf die polemischen Vorwürfe von Harich, zu diesem Zeitpunkt noch Nachwuchshoffnung der Ost-Berliner Kulturpolitik, reagierte Korn beispielsweise mit einer lebhaften Apologie des Autors.« Payk: Der Geist der Demokratie, S. 197. 20 Morat: Techniken der Verschwiegenheit, S. 168 f. 21 Die Forschungsliteratur zu Ernst Niekisch ist leider zumeist äußerst tendenziös, was seine Ursache in dem politisch sehr bewegten Leben Niekischs hat. Siehe: Niekisch: Erinnerungen eines deutschen Revolutionärs. 22 Hierzu: Große: Ernstfall Nietzsche, S. 42 ff., S. 69. 1268 Teil VIII und Klassenkriegen. Seine Begriffssprache und seine Symbolik lassen die Atmosphäre erahnen, mit der die neue Ordnung schwanger geht.«23 Doch auch die Jünger-Kritiker hatten prominente Vertreter in ihren Reihen. Am 8. Mai fand im Kulturbund eine Aussprache zu Jünger statt, über die Niekisch in einem Brief an Jüngers Bruder Friedrich Georg berichtete und in der durchaus die Argumente in der Diskussion abgewogen wurden.24 »Im Juni 1946 erschien in der vom Kulturbund herausgegebenen kulturpolitischen Monatsschrift Aufbau ein vierzehnseitiger Artikel von Wolfgang Harich25, der Jünger des Aristokratismus und Bellizismus bezichtigte, ihn als Wegbereiter des ›Dritten Reichs‹ erscheinen ließ und vor allem die Friedensschrift einer scharfen Kritik unterzog: Sie spreche eine völlig unangemessene Sprache, verleugne die deutsche Schuld, mystifiziere und rechtfertige erneut den Krieg und sei antibolschewistisch auf eine Weise, die ›von der Sow jet uni on als glatte Herausforderung empfunden werden‹ könne. Ähnliches schrieb Paul Rilla26 kurz da rauf in der Weltbühne, und in einer weiteren Aussprache, die im Sommer 1947 oder 1948 im Rahmen einer Schulung für Kulturbund-Referenten stattfand, wurde diese Kritik an Jünger erneuert und sozusagen ratifiziert. Auch Brecht, der von der zweiten Aussprache gehört haben muss, notierte damals unter der Rubrik Gespräche mit jungen Intellektuellen einige bissige Bemerkungen über Jünger.«27 Neben dem gerade genannten Aufsatz im Aufbau und dem frühen Artikel im Kurier publizierte Harich weitere Stellungnahmen zu Jünger. Am 28. Juli 1946 erschien in der Täglichen Rundschau ein Zeitungsartikel von ihm, der auf verschiedene seinerzeit aktuelle Publikationen zu Jünger reagierte, über diesen aktuellen Tagesbezug jedoch hinausging.28 Im 11. Heft der Neuen Welt von 1949 kam dann der Aufsatz »Abendland« oder nationale Souveränität. Der Kosmopolitismus, eine tödliche Gefahr für das deutsche Volk zum Abdruck.29 Trotz des zeitlichen Abstandes zu den vorherigen Publikationen hatte Harich die Grundzüge seiner Argumentation beibehalten und wendete diese nun auf die politische Situation seiner Gegenwart an. Zudem begriff er Jüngers Art zu 23 Niekisch: Die Gestalt des Arbeiters, S. 85 f. 24 Siehe: Kiesel: Ernst Jünger, S. 538 f. 25 Harich: Ernst Jünger und der Frieden, S. 556–570 (JuF). 26 Rillas Artikel erschien im 3. Heft 1946. Rilla: Der Fall Jünger, S. 76–80. Zu Der Friede, S. 78–80. 27 Kiesel: Ernst Jünger, S. 539. Zur Friedensschrift siehe auch: Meyer: Ernst Jünger, S. 350–357. 28 Harich: Und noch einmal: Ernst Jünger, in: Tägliche Rundschau, 28. Juli 1946 (U). 29 Harich: »Abendland« oder nationale Souveränität, S. 58–68 (A). 1269Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Denken als manifesten Ausdruck bzw. als Sprachrohr der Interessen der kapitalistischen Großbourgeoisie: »Als individuelles Ereignis war der ›Fall Jünger‹ völlig uninteressant. Als gesellschaftliches Symptom aber hatte er einige Bedeutung. Wenn die Frage, ob Jünger sich, durch das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs, tatsächlich vom militaristischen Saulus zum friedfertigen Paulus gemausert hatte, angesichts seiner Antisowjethetze und seines dummdreisten Plädoyers für die Aristokratie auch entschieden verneint werden musste, so blieb doch zu klären, warum er die alten reaktionären Ideen neuerdings in anderer Fassung (…) vortrug.« (A) Über diese kurze Bestandsaufnahme hinausgehend stellte Harich in seinem Beitrag von 1949 auch den Bezug zur früheren Debatte gegen Jünger her. Dadurch erzeugte er eine Diskursstruktur und verankerte zugleich seine neuen Ausführungen im Kontext der vorangegangenen Beiträge. »Die fortschrittliche Presse griff Jünger heftig an, und zwar nicht nur seiner Vergangenheit wegen, sondern vor allem, weil gerade seine neuesten Verlautbarungen sehr deutlich bewiesen, dass er sich keineswegs gewandelt hatte.«30 Anders als etwa bei der Kritik an Ernst Rowohlt befand sich Harich mit seiner Jünger-Kritik in vollständiger Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Handeln der DDR.31 Ja, er prägte (zusammen mit Paul Rilla) die Auseinandersetzung mit. Das zeigen nicht zuletzt die Publikationsorte der einzelnen Beiträge deutlich an. Die Auseinandersetzung Harichs mit dem Verleger Ernst Rowohlt zeigt auf, dass Harich mit aller Kraft gegen die Verharmlosung oder gar Rückkehr des Nationalsozialismus argumentierte. Auch die »falsche« Aufarbeitung, zum Beispiel durch die Rechtfertigungslektüre ehemaliger Nazis wie Hjalmar Schacht, dessen Buch Rowohlt druckte, 30 Weiter: »Die fortschrittliche Presse stellte dazu fest, dass Jünger hier in ungeheuerlicher Verantwortungslosigkeit die Schuld an den faschistischen Gräueln auf die irregeführten und betrogenen Massen des deutschen Volkes abzuwälzen versuchte, nachdem er selbst, als Vertreter junkerlich-militaristischer Kreise jahrzehntelang in allen seinen Schriften die faschistischen Ideen propagiert hatte. Aus dieser Verleumdung der Massen des deutschen Volkes wollte er nun, und das war der Gipfel der Infamie, die Legitimation eines neuen autoritären, antidemokratischen Regimes der alten reaktionären Herrenschicht herleiten.« (A) 31 Siehe: Harich: Offener Brief an Ernst Rowohlt, in: Band 1.2, S. 250–259. Harich: Nochmals: Schacht und Rowohlt, in: Band 1.2, S. 271–276. Siehe auch: Reinhold: RoRoRo. Bücher für alle, S. 213–216. Den Zusammenhang von Harichs und Rillas Jünger-Kritik mit der offiziellen Linie der SBZ/DDR und dem Denken weiterer Theoretiker spricht an: Dornuf: Harich und Ernst Jünger, S. 33–40. 1270 Teil VIII wies er zurück.32 Die frühe Phase seines Denkens und Schreibens wurde durch diese Denkmuster geprägt, wie seine Kritik an Ernst Jünger verdeutlicht: »Jünger ist in den zwanziger Jahren der Prototyp des ›vornehmen‹, ›kultivierten‹, sprachstilistisch hochstehenden Rechtsex tremen und Militaristen und als solcher selbstverständlich geistiger Wegbereiter der Hitlerdiktatur gewesen. In der Nazizeit selbst hat er sich, unter voller Bewahrung seiner faschistischen Gesinnung, nur von pöbelhaft-plebejischen Aspekten des Nazitums vorsichtig distanziert, so vorsichtig, dass seine Marmorklippen, die diese Tendenz aufweisen, mit Goebbels’ Duldung zum Bestseller werden konnten.«33 Diese rückblickenden Äußerungen Harichs zeigen dessen Position der zweiten Hälfte der vierziger Jahre gut an. Seine spätere Frau schrieb: »Jünger scheint unantastbar. Harich scherten solche Sonderbehandlungen nicht, weder jetzt, als jungen, unerfahrenen Mann, noch später.«34 Stefan Dornuf, um eine weitere Position einzubeziehen, führte aus: »Es ist kein Zufall, dass Anfang und Ende der Karriere Harichs exakt spiegelbildlich sind: Dort der Kampf gegen Ernst Jünger, hier der Kampf gegen Friedrich Nietzsche – weil Harich erfahren musste, dass, lange vor dem Mauerfall, jener Minimalkonsens untergraben worden war durch eine halb desorientierte, halb korrupte Staatsführung im Verein mit der von ihm sog. ›liberalromantischen Mafia‹ der Literaten und Kulturschaffenden.«35 3. Über Ernst Jünger Dornuf hat mit diesen Worten da rauf hingewiesen, dass Jüngers Werke für Harich in den vierziger Jahren einen ähnlich negativen Stellenwert besaßen wie später das Schaffen Nietzsches. Die grundlegende Differenz zwischen beiden Denkern aus der Sicht Harichs wird dadurch allerdings nicht aufgehoben: Nietzsche habe der Philosophie des Bürgertums imperialistische, sozialdarwinistische und vor allem brutale und menschen- 32 Harich stellte die Verbindung selbst her, da er in seinem Jünger-Aufsatz auf Schacht zu sprechen kam und dessen Werk im Kontext der Reaktivierung faschistischen Gedankengutes, dem der Marxismus begegnen müsse, nannte. 33 Harich: Ahnenpass, S. 157 f. Burghart Schmidt schrieb ähnlich lautend über Jüngers elitäres Denken: »Ernst Jünger beklagte ja nur die Legitimationsbasis der Nazis, die Straße, nicht deren Militarismus und Kriegskult.« Schmidt: Kritik der reinen Utopie, S. 86. 34 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 89. 35 Dornuf: Harich und Ernst Jünger, S. 30 f. Deutlich ausgewogener äußerte sich aus der Per spek ti ve von Harichs Nietzsche-Interpretation: Große: Ernstfall Nietzsche, S. 15–72. 1271Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall verachtende Dimensionen hinzugefügt, die den ideologischen Weg zum Faschismus freimachten bzw. dessen Ideologie begründeten. Der Faschismus war für Harich die Praxis der Nietzscheschen Theorie. Jünger sei diesen Bahnen gefolgt.36 Im Prinzip ließe sich mit Harich formulieren, dass Jünger ein Nazi war (neben anderen), Nietzsche aber der Nazi, der Begründer des Faschismus. Um das gezeichnete Bild abzurunden, ist auch auf die Stellungnahme von Georg Lukács zu verweisen. Dieser äußerte sich 1954 in Die Zerstörung der Vernunft gleichlautend zu Harich. Jünger habe maßgeblich zur »Entstehung der Naziideologie« beigetragen. Am faschistischen Terror selbst habe er zwar nur auf »dekorativ-repräsentativem Posten« teilgenommen, dafür allerdings im Nachhinein »viel deutlicher seine ›oppositionelle‹ Stellungnahme« in den Vordergrund gerückt.37 Letztere »liegt aber ebenfalls auf der Linie eines aristokratischen Protestes gegen die Pöbelhaftigkeit der Hitlerschen De mago gie und nicht gegen ihren sozialen Inhalt; er unterscheidet sich von Schmitt nur da rin, dass er für eine Diktatur sans phrase die Rolle des Geburtsadels des preußischen Junkertums offen in den Vordergrund stellt«.38 Der Tropfen, der für Harich im Fall Jünger das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte, war dann schließlich Jüngers Der Friede. Dort »nun wird die neue, die Nachkriegsvariante der antikommunistischen Hetze, nämlich die demagogische Gleichsetzung von Nazismus und Kommunismus, von demselben Jünger mit ›niveauvollen‹ Stilmitteln zubereitet, die sie für anspruchsvolle Geister eingängig machen, und es gleichzeitig dem konservativen Flügel der 20.-Juli-Verschwörer, da run ter namentlich der deutschen Besatzergeneralität um Stülpnagel in Paris, zu der Jünger engste Beziehungen unterhalten hat, als größtes historisches Verdienst angerechnet, ein Bündnis Deutschlands mit den Westmächten gegen die Sow jet uni on angestrebt zu haben.«39 36 In diesem Sinne ist auch der Schlusssatz des Aufsatzes von Stefan Dornuf verfasst: »Der gigantische Wirbel, den er um die Nietzsche-Rezeption entfachte, beruhte auf Harichs stillschweigender, durch sorgfältige Lektüre gewonnener Annahme, dass selbst die extremstes Aussagen der ›konservativen Revolutionäre‹ zusammengenommen an Radikalität weit hinter Nietzsche zurückbleiben.« Dornuf: Harich und Ernst Jünger, S. 43 f. Dies ließe sich in der Tat an mehreren Stellen von Harichs Werken nachweisen. 37 Alle Zitate: Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, S. 729. 38 Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, S. 729. Dort weiter: »Dazu kommt als weltanschaulicher Hintergrund ein Bekenntnis zu Mythos und Magie als Zeichen des Unterschiedes der neuen Periode vom 19. Jahrhundert.« (S. 729) 39 Harich: Ahnenpass, S. 157 f. Gemeint war Carl-Heinrich von Stülpnagel. An anderer Stelle schrieb Harich, dass Jüngers Der Friede »unter den deutschen bürgerlichen Intel- 1272 Teil VIII An diesem Punkt setzte Frank Götze an, der in einem Aufsatz Harichs journalistische Arbeiten analysierte: »Harich, der Jüngers Ablehnung des Nazi-Regimes selbst zugestand, erklärte sich dessen Rückfall mit mangelnder Radikalität und Tiefe der antinazistischen Gesinnung. Doch Harichs eigentliches Problem ist wohl der Vorschlag Jüngers, Deutschland in einen europäischen Staatenbund mit Westblocktendenz und unter Ausschluss Russlands einzubinden. Dies greift direkt seine Überzeugungen an.«40 Auch wenn diese Ausführungen einige wesentliche Aspekte der Interpretation der Werke Jüngers durch Harich vernachlässigen, so haben sie doch einen zutreffenden Kern. Bei Harich hieß es: »Das große paneuropäische Friedensreich, für das Jünger eintritt, erweist sich bei näherer Betrachtung als das gefährliche Truggebilde des ›Westblocks‹, in dem Deutschland offenbar den östlichen Prellbock gegen die Sow jet uni on abgeben soll.« (JuF) In seinem zweiten Aufsatz von 1949 formulierte Harich diese Thesen noch deutlicher, was sicherlich zuvorderst an der veränderten politischen Situation lag. Was er 1946 als Gefahr geahnt hatte, war Wirklichkeit geworden. Er verwendete das Schlagwort »Kosmopolitismus«, um diese Situation zu beschreiben.41 Damit bezeichnete er eine Situation, in der die bürgerliche Welt sich erneut unter dem Banner des Imperialismus formiere. Die »Raubgelüste der herrschenden Klasse« würden nunmehr dadurch befriedigt werden, dass man Deutschland spalten wolle (»Sie treiben Schindluder mit dem Nationalbewusstsein, mit der Heimatliebe und mit dem patriotischen Zusammengehörigkeitsgefühl.«), um auf diese Weise einen starken anti-bolschewistischen Block zu formieren. Mit dem einzigen Ziel der Ausmerzung der sozialistischen Staaten. (A) »Jünger versuchte in seiner Schrift die Dinge so darzustellen, als ob er ein Friedensreich freier Völker anstrebe, die den alten Hass und Hader für immer begraben würden. Dabei stellte er den sozialökonomischen Inhalt dieses ›paneuropäischen Reiches‹ wohllektuellen, die nach einer neuen weltanschaulichen Orientierung suchten, damals erhebliches Aufsehen« gefunden habe, da das Buch »als Versuch gewertet werden musste, der Verschwörung des 20. Juli 1944 (mit der Jünger in enger Verbindung gestanden hatte) eine ideologisch-programmatische Grundlage zu geben«. (A) 40 Götze: Harich. Rezensent und Kritiker, S. 118. 41 »Der Kosmopolitismus ist (neben dem Antisowjetismus) der zentrale Gedanke der Ideologie des amerikanischen Imperialismus. Jegliche bürgerliche Philosophie, jegliche bürgerliche Parteiideologie, jegliche bürgerliche Publizistik ist heute kosmopolitisch gleichgeschaltet.« (A) 1273Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall weislich gar nicht erst zur Diskussion. So verwischte er die Tatsache, dass unter imperialistischen Verhältnissen der territoriale oder wirtschaftliche ›Zusammenschluss‹ mehrerer Nationen immer nur der stärksten imperialistischen Macht nützen kann, die die anderen Völkern zu Objekten kolonialer Ausbeutung macht. Die gegenwärtige Situation beweist das zur Genüge.« (A) Mit Jünger, das war einer der wichtigen Punkte für Harich, bediene sich der amerikanische Imperialismus desselben Ideologen und De ma gogen, der schon den Nationalsozialisten treu ergeben war. Damit sei auch die Kontinuität beider Entwicklungsstadien der bürgerlichen Welt gegeben. Mit diesen Ausführungen begegnet uns eben jenes Ideenkonglomerat wieder, das Harich in den zeitgleich verfassten und publizierten Artikeln in der Weltbühne bereits mehrfach vertreten hatte. Nur der Bruch, so seine zentrale These, mit den ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Grundlagen des Kapitalismus (diesen vollziehe ausschließlich der Sozialismus in der notwendigen Intensität) biete eine Chance, dem Kreislauf der bürgerlichen Welt und damit einem neuerlichen Weltkrieg zu entkommen. Erst dann würden, müssten Militaristen und Faschisten wie Jünger schweigen. Die Ausführungen Harichs machten diesen Daniel Morat zu Folge zu »einem der schärfsten Kritiker« Jüngers.42 Siegfried Prokop sprach davon, dass Harich »vollends unversöhnlich« gegenüber Jünger gewesen sei.43 Allerdings gibt es auch andere Stimmen. Heimo Schwilk formulierte denselben Fakt wie Prokop oder Morat negativ konnotiert mit dem Begriff »abkanzeln«44 – das habe Harich mit Jünger gemacht. Im Juni-Heft des Aufbau – die Zeitschrift erschien unter der Regie des gleichnamigen Verlages sowie des Kulturbundes (mitbegründet u. a. von Eduard Spranger, also zu diesem Zeitpunkt keine »Kommunisten-Organisation« oder ähnliches) – publizierte Harich 1946 seinen bereits angesprochenen Artikel über Ernst Jünger und dessen zirkulierendes Manuskript Der Friede. Überraschend ist sicherlich, dass der Artikel wirklich sachlich gehalten ist, Harich also auf die für ihn »typischen« polemischen Strategien verzichtete. Harich sah bei Jünger einen »Genuss am blinden Automatismus von Zwang, Bedürfnisregelung und ›Pflichterfüllung‹«. Dieser gehöre zu jenen »ewigen 42 Morat: Von der Tat zur Gelassenheit, S. 291. 43 Prokop: Presse als Genussmittel. 44 Schwilk übersieht allerdings bzw. bagatellisiert bewusst die Rolle, die Jünger vor und im Nationalsozialismus gespielt hat, so dass sein Werk als großangelegter Entschuldungsversuch für Jünger zu charakterisieren ist. Schwilk: Ernst Jünger, S. 533. 1274 Teil VIII Landsknechten«, die der Frieden aus ihrer gewohnten Lebensordnung, dem Krieg, verstoßen habe. (JuF) Gleichzeitig zeigten Jüngers frühe Werke (Harich nannte In Stahlgewittern und Das Wäldchen 125), »dass das Erlebnis der Materialschlachten und Nahkämpfe in ihm Instinkte von jener barbarischen Grausamkeit entfesselt hatte, die, verdeckt durch stramme Korrektheit und enge Konventionen, längst in der Seele des scheinbar saturierten Bürgertums der imperialistischen Epoche schwelte und glühte.« (JuF) In letzter Konsequenz interpretierte Harich Jüngers Werke als bewusst politische und ideologische Literatur. Denn sie illustriere und imaginiere, ästhetisch sublimiert, die Lust an der Zerstörung, die für das Wesen des Bürgerlichen konstitutiv sei. Jünger wühle sozusagen im Bodensatz des bürgerlichen Ideenreservoirs und finde das, was alle denken, aber keiner sagt. Doch hinter der Fassade lauere die blinde Mordlust. In der marxistischen Theorie war es das Bürgertum, das seine Kinder auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs schickte und Jünger habe diesen Prozess dargestellt – nicht leidend, sondern heroisierend. Dass Jünger »stellvertretend« für das Bürgertum schrieb, zeige auch seine Adaption der Philosophie Oswald Spenglers:45 »Der Einfluss Spenglers äußert sich bei Ernst Jünger deutlich in der Leugnung jedes gesellschaftlichen und historischen Fortschritts. Für Jünger wurde die von Spengler behauptete absolute Sinnlosigkeit der Geschichte46 zum grandiosen Schauspiel. (…) Der Mensch galt ihm 45 Harich stützte sich auf Spenglers Untergang des Abendlandes, weitere Werke erwähnte er nicht. Zur Spengler-Rezeption in Jüngers Der Friede siehe: Meyer: Ernst Jünger, S. 357. Dort: »Das alte Versprechen von der Erfüllung des Gesamtplans kehrt wieder – programmatisch in der Friedensschrift, abwägender und vorsichtiger in den nachfolgenden Essays und erzählenden Arbeiten.« (S. 357) Harich hat sich in seinen Werken mehrfach zu Spengler geäußert, allerdings kaum eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem gesucht. Dafür war ihm Spenglers Theorie einfach zu niveaulos und platt. Im Prinzip, um ein Beispiel zu nennen, eine ähnliche Einstellung wie zu Robert Havemann, von dem er ebenfalls keinerlei ernsthaften philosophischen Leistungen erwartete. Von Jürgen Große der wichtige Hinweis, dass Harich nicht bereit war, einen auf das ideologische Niveau von Spenglers »militärisch-asketischen Sozialismus«, d. h. einen »reduzierten« Nietzsche zu akzeptieren. Große: Ernstfall Nietzsche, S. 56. Ansonsten hat Harich nie einen Zweifel da ran gelassen, dass er Spengler für einen der intellektuellen Wegbereiter des Nationalsozialismus hielt. Siehe bereits die frühe Spengler-Kritik Harichs in seinen Manuskripten von 1942/1943, die gerade publiziert wurden. Harich: Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie (Band 2). 46 Spengler wurde – auf geschichtsphilosophischem Gebiet – letztlich zum Vorwurf gemacht, dass er die Geschichte nicht als erkennbare und berechenbare Angelegenheit begreife. Alle weiteren Kritikpunkte ruhen auf diesem Fundament: »Die einheitliche, progressive und zielstrebige Entwicklung der Menschheit, die als regulative Idee der Eschatologie des Christentums wie dem Humanismus Herders, der Hegelschen Konzeption einer geschicht- 1275Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall nur als der willenlos von Dämonen Getriebene, den es zu lichten Höhen hinaufreißt und in dunkle Abgründe hinabzerrt, oder als der distanzierte eiskalte Beobachter, den das gewaltige Spiel ergötzt.« (JuF) Bei Paul Rilla, mit dem Harich eng befreundet war,47 hieß es fast gleichlautend: »Heroismus aus Langeweile, Heroismus als ästhetischer Zeitvertreib: Das kam von Nietzsche her und empfand sich selbstverständlich als viel zu vornehm, um nach vollbrachter Untat im Geist nicht ›Abneigung‹ zu spüren vor jener Praxis des Nationalsozialismus, die plebejisch genug war, einen Aristokraten des Nihilismus beim blutigen Wort zu nehmen. Der Nationalsozialismus bewies dabei einen bedauerlichen Mangel an guten Manieren.«48 Die von Harich mit der Philosophie Spenglers bezeichnete Differenz zwischen bürgerlicher Ideologie und Marxismus ist identisch mit dem Bruch der Romantik mit der Rationalität und dem Fortschrittsglauben der Aufklärung. Die bürgerliche Ideologie und die deutsche politische Romantik führten gleichermaßen in eine »nihilistische Lehre, die den Glauben an die großen, leuchtenden Ziele der Menschheit zu dumpfer Resignation verdammte und den Willen zum Fortschritt lähmte«. (JuF) Ergebnisse dieses Nihilismus seien der Erste Weltkrieg, das Scheitern des Weimarer Experimentes und schließlich auch der Zweite Weltkrieg. Und Jünger habe nach 1918 nichts anderes getan, als »den deutschen Revanchekrieg ideologisch« vorbereiten zu helfen. Sein Zynismus zeige sich »schamlos und nackt« und ergänze den Nihilismus um seine barbarische Spielart. (JuF) Jüngers Geschichtslügen – entstanden durch eine Interlichen Odyssee des Weltgeistes wie dem historischen Materialismus Marx’ und der Lehre Darwins zu Grunde gelegen hatte, war von Spenglers Kulturzyklentheorie aufgelöst worden in pflanzenhafte Schicksalsvorgänge, an deren unverbundener, in sich erfüllter und gerundeter Gestaltung Vernunft und Moral nichts mehr zu ändern vermochten.« (JuF) 47 Siehe die gedruckt vorliegenden brieflichen Zeugnisse in: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 74 ff. Dort auch weitere informative Verweise zur Beziehung von Harich und Rilla. Siehe auch: Harich: In Memoriam Paul Rilla. Trauerrede, in: Band 4, S. 57–63. 48 Rilla: Der Fall Jünger, S. 77. Ernst Jünger, 1918 1276 Teil VIII pretation der Vergangenheit und Gegenwart aus dem Blickwinkel des Kriegers – führten dazu, dass er »das ›Dritte Reich‹ nicht nur prophetisch gesehen« habe, sondern eben jene Elemente des Seins extrahierte und zusammenfügte, derer sich auch der Nationalsozialismus bediente. (JuF) Jünger sei damit eindeutig ein »Schrittmacher des Nationalsozialismus«. (JuF) Das verdeutliche besonders sein Antikommunismus. Analog zu den Nationalsozialisten »versuchte auch Ernst Jünger, das Hindernis, das der Marxismus seinen Forderungen entgegenstemmte, mit einer List zu überwinden«. (JuF) Mit dem Arbeiter legte er ein Werk vor, das auf den ersten Blick ein alternatives System beschreibe, in dem allerdings die Ausbeutungsmechanismen voll erhalten blieben und das in direktem Zusammenhang mit dem deutschen Imperialismus und Militarismus stehe. 1949 strich Harich Jüngers ideologisches Wirken gegen die Sow jet uni on und den Marxismus bzw. Kommunismus dann interpretativ noch stärker heraus. (A) In seinem ersten Aufsatz thematisierte Harich ebenfalls die Differenzen zwischen den Nationalsozialisten und Jünger. (A) Das ist deshalb entscheidend, da der Text auf diese Weise tatsächlich Bestandteil einer Debatte wurde. Es ging Harich nicht um die reine Kritik. Er war vielmehr durchaus bereit, Jüngers Denken in der zu vermutenden Komplexität wahrzunehmen. Somit sind in der literarisch-wissenschaftlichen Vermittlung keine Vorurteile und keine Vorverurteilung Jüngers durch Harich auszumachen (anders als beispielsweise im theoretischen Verhältnis zu Spengler). Vielmehr ergab sich der Umgang mit Jünger direkt aus dessen Büchern und weiteren Schriften. Jünger »war kein De ma goge, der seine Anschauungen in Volksversammlungen oder in reißerisch sensationellen politischen Broschüren propagierte. Er nahm in seinen Büchern nie zu politischen Tagesereignissen Stellung und schien alles Geschehen von einer hohen Warte her zu überschauen.« (JuF) Anders als die Nationalsozialisten habe sich Jünger nicht an das Kleinbürgertum und die Arbeiter gewandt. Vielmehr entfaltete er seine Wirkung im intellektuellen und bürgerlichen Milieu.49 Dort allerdings sei seine ästhetisch verklärte Kriegsbejahung im nihilistischen Gewand voll aufgegangen. Damit half er gleichsam, diese Schichten an 49 »Während die Nazis nur niedere Instinkte aufpeitschten, war Jünger für zahlreiche deutsche Intellektuelle eine verhängnisvolle Anfechtung, die in ihrer unsentimentalen und scheinbar lauteren Art von humanistischer Fortschrittlichkeit ablenkte und alle Werte relativistisch verwirrte. Gerade die, die ihr Denken in wehrlose ›Innerlichkeit‹ hatten einzwängen lassen, faszinierte er mit gleisnerischen Verlockungen.« (Juf ) 1277Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall den Nationalsozialismus heranzuführen bzw. ihre potentielle Kritik in Richtung innere Emigration zu banalisieren. Mit dieser Position sei Jünger einer unter mehreren. Spengler, Moeller van den Bruck, Stefan George, Hans Grimm, Ludwig Klages oder Karl Haushofer – sie alle wurden von Harich genannt, da sie gleich Jünger »jeweils irgendeine Komponente des Nationalsozialismus geistig vorbereitet und Hitlers ideologisches Reservoir mit den verschiedensten Spielarten des Nihilismus gefüllt« hätten. (JuF) Im Ersten Heft des Jahres 1956 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, deren Chefredakteur Harich war, erschien ein Leitartikel der Redaktion, der sich mit verschiedenen aktuellen Problemen und Herausforderungen beschäftigte.50 (Er war notwendig geworden, da die Partei-Kritik an der von Harich geleiteten Zeitschrift deutliche Züge angenommen hatte.) Als wichtige ideologische Aufgabe der marxistischen Philosophie der DDR wurde da rin der Kampf gegen die verschiedenen Spielarten der reaktionären Philosophie des Westens genannt. Gegen folgende Denkmuster müsse vorgegangen werden: »Dazu gehören die verschiedenen Schulen der christlichen, speziell der katholischen Philosophie und Sozialtheorie, ferner der Existenzialismus, die Phänomenologie, die diversen Richtungen der irrationalistischen Lebensphilosophie, die offen faschistischen Konzeptionen solcher Leute wie Ernst Jünger; auf dem Gebiet der Naturwissenschaft der Positivismus, auf dem Gebiet der Geschichtstheorie und Soziologie der Biologismus und Rassismus (…).«51 Nach wie vor war Jüngers Buch- und Ideologieproduktion Thema in der DDR, er gehörte – in der Bundesrepublik wieder etabliert und die ersten Regungen der späteren offiziellen Bonner politischen Anerkennung erwartend – zu den erklärten Gegnern der marxistischen Philosophie. Zugleich zeigt die zitierte Passage, dass der von Harich und anderen in den späten vierziger Jahren hergestellte Verortungskontext nach wie vor existent war.52 50 Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der DDR. Der Artikel stammt teilweise von Harich, wurde aber von anderen Redaktionsmitgliedern (Kosing, Klein) eigenmächtig geändert. Abdruck in diesem Band. 51 In diesem Band: Es hieß: »Es ist unbedingt erforderlich, dass die deutschen marxistischen Philosophen diesen Angriff der Reaktion auf der ganzen Linie zurückschlagen und selbst durch systematische und fundierte Kritik der reaktionären Strömungen in der westdeutschen Philosophie und Soziologie der Gegenwart zu einer Offensive auf breiter Front übergehen. Dabei kommt es vor allem da rauf an, zunächst die wichtigsten dieser reaktionären Strömungen zu zerschlagen.« 52 Das zeigt auch eine Durchsicht von Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft. Dort suchte Lukács einen ähnlichen Umgang mit Jünger. Siehe: Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, S. 461 ff., S. 729 ff. 1278 Teil VIII Auch wenn Jüngers Verhalten während des Zweiten Weltkrieges keine deutliche Opposition erkennen ließ und er zu den ideologischen Wegbereitern des Dritten Reiches gehörte, so gab er Harich zu Folge dem Zweiten Weltkrieg dennoch keine »klingende Rechtfertigung«. (JuF) Und er habe auch zum Widerstandskreis um Ernst Niekisch gehört sowie in Frankreich durch verschiedene Freundschaften und Kontakte positiv gewirkt.53 Harich konstatierte diese Fakten und wog sie gegeneinander ab. Hinzuweisen ist da rauf, dass er von solchen Ideenkonglomeraten wie der von Armin Mohler behaupteten angeblichen »konservativen Revolution« nicht sprach.54 Die zentrale Frage war für Harich vielmehr, welche Richtung Jünger nunmehr nach dem Krieg einschlage. Habe er sich wirklich gewandelt? Seine Fehler erkannt? Sei er bereit, für die Zukunft zu wirken? Harich gab diesen Fragenkomplex direkt an Jünger weiter, indem er dessen Handeln und Schreiben die entscheidende Bedeutung für die Beantwortung zumaß. Einen ähnlichen Umgang suchte er auch mit anderen Autoren, die in den Nationalsozialismus verstrickt waren bzw. nicht zu dessen »Opfern« gehörten – von Karl Jaspers bis zu Arnold Gehlen, von Nicolai Hartmann bis zu Gustaf Gründgens. Dabei kam er zu durchaus unterschiedlichen Antworten (begründet beispielsweise durch die philosophische Stellung zum Existenzialismus, also durch Zugehörigkeit zu den Fronten Fortschritt oder Reaktion).55 Es ging Harich also schlicht darum, welche Teile des Jüngerschen Lebenswerkes überwiegen: Seine Kriegsverherrlichung oder die Ansätze der Distanz zu den Nationalsozialisten. »Jünger hätte heute, nachdem er den einen Frieden zerstören half, eine letzte Gelegenheit, im Namen aller, die seines Geistes waren, ein umfassendes Schuldbekenntnis abzulegen und damit dem zweiten Frieden zu dienen. (…) Jetzt kann Jünger sprechen, kann über sich selbst unerbittlich zu Gericht sitzen und im Geiste wenigstens eine Vergangenheit zerbrechen und verdammen, die – in der Realität unwiderruflich – aller Welt unermessliches Unglück bereitete und ihm selbst tiefe Demütigung eintrug. 53 Siehe hierzu auch eine spätere Anspielung Harichs auf Jüngers Frankreich-Kontakte im Gespräch mit Arnold Schölzel über Arnold Gehlen, über das Anne Harich berichtet. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 346. 54 Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland. 55 Lukács schrieb: »Jünger fügt sich also in die Reihe jener Ideologen ein, die – wie Jaspers, Heidegger und Schmitt – als ›Oppositionelle‹ gegen Hitler dem neuen Imperialismus den irrationalistischen Mythos als Waffe und sich selbst als Waffenträger anbieten.« Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, S. 730. 1279Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Nur wenn er erbarmungslos ist gegen sich selbst, kann Jünger einen Beitrag zum Frieden leisten.« (JuF) Rückblickend zeigt diese Passage auch die von Harich gezogene Differenzierung zwischen Jünger auf der einen und Hartmann sowie Gehlen auf der anderen Seite an. Denn Jünger beteiligte sich aktiv am Nationalsozialismus, der auch in seinen Werken zu erkennen ist. Hartmann und Gehlen (letzterer ja auch überzeugtes NSDAP-Mitglied) hingegen waren Harich zu Folge Konservative, die sich politisch neutral verhielten, vor allem Hartmann. Und zu dem Bruch mit Gehlen kam es ja, als Harich dessen »Alsberg-Adaption« (Harich sprach von »Plagiat«) für sich herausfand, er lag also auf der Linie der Auseinandersetzung mit Jünger.56 Oder anders formuliert – mit Blick auf die Jahre von 1922 bis 1945: Gehlen wendete sich, obwohl NSDAP-Mitglied, gegen den Rassenwahn, Hartmann assistierte ihm dabei (so Harichs Thesen in den Hartmann-Dialogen, Band 10), Jünger bejahte zu jedem Zeitpunkt den Krieg an sich. Jüngers Der Friede stellte laut Harich die Antwort auf die soeben angesprochenen Fragen dar.57 Und die Schrift erbringe den Nachweis, dass sich Jünger nicht verändert habe. Seine Einstellung zum Krieg sei gleich geblieben. In Jüngers Schrift könne kein Unterschied bei der Behandlung (und der nachträglichen Verarbeitung, »Aufarbeitung«) beider Weltkriege ausgemacht werden. Harich brachte dies auf die Jüngersche Formel: »Heldentod bleibt Heldentod«. (JuF) Hinzu trete, dass bei Jünger das Politische unter der Ästhetik verborgen sei und somit als vermeintliche Gratisbeigabe daherkomme: »Es ist, als bereite ihm schon die Vision ästhetische Lust.58 Er malt das Grauen und die Herrlichkeit des Krieges aus, aber er spricht nicht davon, was denn die Völker veranlasst hatte, zum ›Männerkampfe‹ auf- 56 In den Erinnerungen von Anne Harich (Wenn ich das gewusst hätte) spielt die Alsberg-Entdeckung Harichs eine wichtige Rolle und wird entsprechend dargestellt und durchleuchtet, dort alle wichtigen Hinweise. 57 »In seiner letzten Fassung ist Der Friede ein eigentümliches Gebilde. Seine prophetischen Partien sind überholt, was durch die unverkennbare Hinzufügung nachträglicher Erkenntnisse verschleiert ist. Der Friede hat noch den Nimbus der illegalen, antifaschistischen Kampfschrift, der bestimmte höchst gefährliche Gedanken mit einer Art Schutzhülle umkleidet. Das Verwirrende und, wenn man es durchschaut, Bedenklich ist jedoch, dass diese Schrift mit einem 1945 geschriebenen Vorwort in vielen hektographierten Exemplaren von Hand zu Hand geht und eifrig abgeschrieben und weiterverbreitet wird von all denen, die keine Gelegenheit auslassen, im Trüben zu fischen.« (JuF) 58 Analog: Rilla: Der Fall Jünger, S. 77. 1280 Teil VIII zubrechen. Er schildert den Krieg wie eine Naturkatastrophe, die ein erhabenes Schauspiel abgibt. Aber die Ursachen umhüllt er mit einer farbigen Mythe. Dass dieser Krieg nur ein verbrecherischer Anschlag der Hitlerbande auf die staatliche und sittliche Ordnung anderer Völker war, dass überhaupt Kriege nicht gleichsam Lavaausbrüche sind, sondern nachweisbar von ganz bestimmten und dafür verantwortlichen Aggressoren verschuldet wurden, steht bei Jünger nicht zur Debatte.« (JuF) Harichs Position gegen Jünger ist klar. Geschichte sei kein Zufall oder gar eine Ansammlung fatalistisch zu erduldender Ereignisse. Ganz im Gegenteil ist bei ihm der Mensch der Gestalter seiner eigenen Gegenwart, Baumeister seiner Zukunft. Es sind zwei völlig gegensätzliche Konzeptionen von Geschichte und Kunst, die hier in Gestalt des Denkens von Harich und Jünger sichtbar werden. Letztlich stehen Optimismus gegen Fatalismus, Marxismus gegen Faschismus. Das wird auch dann deutlich, wenn Harich ausführt, dass die »elementarsten Unterscheidungen von Gut und Böse, Recht und Unrecht« bei Jünger fehlen. Dieser kenne und bejahe (!) den Krieg an sich.59 Dass er ihn in seiner Art und Weise künstlerisch gestaltet hat, ist moralisch mehr als nur fragwürdig. Hier steht der Marxist tatsächlich zivilisatorisch vor dem Frontsoldaten und seinem ideologischen Schöpfer – mindestens mit der Vision der Aufhebung aller Konflikte in der kommunistischen Zukunftsgesellschaft. Darüber hinaus warf Harich Jünger vor, die deutsche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg zu verneinen. »Jünger versenkt die deutsche Schuld in einer mystischen Weltschuld, stempelt den Krieg zum ›allgemeinen Werk der ganzen Menschheit‹, setzt sich über die Wiedergutmachung, die uns ja Nachteile brächte und deshalb eo ipso ungerecht wäre, kühn hinweg und weicht den Forderungen des Tages mit dem halb utopischen, halb anmaßenden Plan eines umfassenden europäischen Imperiums gleichberechtigter Völker aus. Paneuropa, unmittelbar nach dem Grauen des Hitlerkrieges ausgerechnet von Ernst Jünger den Befreiern der Menschheit offeriert und zum Heil der ganzen Welt empfohlen – es gibt keine Anbiederung, die noch lächerlicher die Vorstellung bestätigen könnte, die die Siegermächte von unserem Ohnmachtskosmopolitismus hegen.«60 (JuF) 59 Weiter: »Wieder feiert er den Krieg, aus dem eine solche Ritterlichkeit emporblühen soll, um seiner selbst willen als etwas durchaus sinn- und wertvolles. Damit verschleiert er, dass der Wert eines Krieges relativ ist auf das Ziel, für das er geführt wird, dass der Krieg selbst aber bestenfalls nur ein notwendiges Übel sein kann.« 60 Zum Kosmopolitismus dann ausführlicher in (A). Siehe auch: Götze: Harich. Rezensent und Kritiker, S. 118. 1281Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Analog äußerte sich Harich auch über Karl Jaspers: »Und wenn dieser Herr Jaspers jetzt nach dem Kriege eine Broschüre über die Schuldfrage geschrieben hat, in der er das sehr richtige moralische Problem der allgemeinen Verantwortung für den Faschismus dahin gehend zu verschieben sucht, indem er von einer allgemeinen Schuld der menschlichen Existenz schlechthin spricht, so möchte ich (…) nur antworten: Wir verzichten auf eine Philosophie, die 1933 den Rückzug auf das Private durch die Maschen des Apparats predigte und heute mit einer Tartufferie die Schuldfrage abtun will.«61 Das ist in doppelter Hinsicht wichtig. Erstens wird erkennbar, dass Harich Jünger und Jaspers ähnlich interpretierte und Jünger damit in jene philosophische Denkrichtung einordnete, die auch Martin Heidegger und andere umfasste. Zweitens stand er damit voll auf dem Boden der damaligen offiziellen Position der SED. Denn die Philosophie des Existenzialismus gehörte zu den Hauptgegnern des Marxismus. Durch die Einordnung Jüngers in diesen Kontext konnte Harich seine Kritik noch zusätzlich untermauern und argumentativ absichern. Harich zu Folge evidiere ein weiterer Punkt, dass sich Jünger nicht geändert habe. Seine neuerliche »antibolschewistische Hetzpropaganda« entlarve den »Erzreaktionär«, der Jünger immer gewesen sei – vor, im und auch nach dem Zweiten Weltkrieg. (JuF) Jünger synonymisiere Faschismus und Bolschewismus, indem er beide als Ergebnisse des Nihilismus interpretiere. Im Prinzip laufe eine solche Argumentation da rauf hinaus, nach dem Scheitern des Faschismus nun auch das Ende der jungen sozialistischen Staaten zu prophezeien oder gar aktiv zu fordern. Der Sozialismus erscheine dieserart als zweites totalitäres System – als »rote« Variante des Faschismus, die mit allen Mitteln zu bekämpfen sei. Doch der Bolschewismus »als die radikalste Ausprägung der Lehren von Marx und Engels« sei »humanistisch und fortschrittlich«. Er habe die Hauptlast des Kampfes gegen Hitler getragen und verbürge »heute den Frieden und die humanitäre Neuordnung der Welt«. (JuF) Parallel sperre sich Jünger gegen jede Neuerung und versuche, den alten Status Quo zu konservieren – jenen der Zwischenkriegszeit, d. h. der konservativ-elitären Kontemplation (zur Vorbereitung und Beobachtung aggressiver Praxis). Sein Kampf gegen den Kommunismus diene ebenso wie nach dem Ersten Weltkrieg einem bestimmten Zweck: »Sein geheimer und angedeuteter Anti- 61 Harich: Erster Diskussionsbeitrag auf dem Ersten Schriftstellerkongress, Abdr. in diesem Band. Über Jünger heißt es: »Er will die deutsche Schuld an den Gräueln des Krieges, des Gewissenzwangs und der Rassenverfolgung hinter einer allgemeinen Menschheitssünde verstecken.« (JuF) Siehe auch: Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, S. 730. 1282 Teil VIII bolschewismus, dem kein Argument dilettantisch genug ist, stellt schon den ersten Versuch dar, Zwietracht zu säen und Unheil zu stiften.« (JuF) In letzter Konsequenz machte Harich bei Jünger sogar eine Entwicklung zum Negativen aus. Denn während Jünger in der Zwischenkriegszeit seine Gedanken offen ausgesprochen habe, so verberge er sie nun hinter allgemeinen Phrasen und Formulierungen. Damit werde seine Literatur ein noch stärkeres Lockmittel. »Und doch war Jünger damals eindeutig unmissverständlicher und deshalb weniger gefährlich als heute, da er raffiniert genug ist, eine tiefe Gesinnungswandlung vorzutäuschen und sich dabei doch unmittelbar an die gleichen Instinkte zu wenden, deren Entfesselung der Nationalsozialismus vollendete.« Für die Gegenwart gebe es nur eine »Forderung von unbedingter Notwendigkeit«: Dem »militaristischen Kurpfuscher« Jünger müsse »das Handwerk gelegt werden«. (JuF) Diese Position Harichs war über die Intellektuellen der SBZ/DDR bzw. des Marxismus hinaus überaus konsensfähig. Neben Leo Kofler, Paul Rilla, Johannes R. Becher oder Hans Mayer sind auch Hermann Broch und Thomas Mann in diesem Zusammenhang zu nennen.62 Harich selbst sah den größeren Kontext, in den Jünger einzuordnen sei, durch den Anti-Sowjetismus und Kosmopolitismus gegeben. (A) Vor allem aber bezeichne Jüngers Der Friede eine Stimmung der nationalsozialistischen und großbürgerlichen Intelligenz, die nunmehr die Reststufen der Ideologie des Faschismus gegen die Sow jet uni on mobilisieren wolle. Dafür würden die bürgerlichen Denker die These des Totalitarismus nutzen. »Der ›Totalitarismus‹ tauchte nun auch in Jüngers Schrift (…) 62 Stefan Dornuf schrieb: »Aus den sei’s kommunistischen, sei’s sozialistischen, sei’s linksbürgerlichen – eben: anachronistisch die Volksfront reaktivieren wollenden Einsprüchen von Harich und Kofler, (Walter) Jens und Mayer ließ sich die Überzeugung ihrer Verfasser destillieren, dass Jünger (…) sich allen Häutungen zum Trotz treu geblieben sei: als jeweils zeitgemäßer Reaktionär. Die Außenwahrnehmung seiner Person seitens der Emigranten (…) markierte ohnehin stets den faschistischen Literaten.« Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 40. Becher nahm in dieser Konstellation eine gewisse Sonderstellung ein. Werner Mittenzwei notierte: »Heimgekehrt nach Berlin, begann Becher unter chaotischen Bedingungen eine rastlose Tätigkeit. Er wollte mit den deutschen Intellektuellen ins Gespräch kommen. (…) Gleich nach seiner Rückkehr nahm er Verbindung mit Hans Fallada, Ernst Wiechert, Hans Carossa, Arnolt Bronnen, Werner Bergengruen, Frank Thieß und Ernst Jünger auf. Das muss seinen Exilkameraden und seiner Partei mehr als ein gewagter Schritt erschienen sein, wenn sie überhaupt davon erfuhren. Diesen Dichtern war es nicht immer gelungen, sich vom Einfluss des Nationalsozialismus freizuhalten. Becher hielt das nicht davon ab, dennoch mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Er bot ihnen sogar seine Zusammenarbeit an.« Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 24 f. 1283Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall auf. Jünger (…) hat die Stirn, im Frieden zu erklären, der ›weiße Schrecken‹ und der ›rote Schrecken‹ seien im Grunde dasselbe (…).« (A) Das war Harich zu Folge nicht nur ein Angriff auf »die Sowjetmenschen, die heldenhaften Befreier der Menschheit, die wahren Retter Europas«. (A) Es war zugleich der Versuch der Verschleierung der Ursprünge des Nationalsozialismus: »Das Schlagwort vom ›Totalitarismus‹ sollte sich insofern als außerordentlich brauchbar erweisen, als es einen doppelten Zweck erfüllt: Es täuscht einerseits die Massen über den Klassencharakter des Faschismus hinweg, dient also dem Schutz der Monopole, die sich unbehelligt für eine Übergangszeit hinter der alten formaldemokratischen Fassade verstecken können, und es lenkt andererseits die Abneigung der Massen gegen den Faschismus, sofern sie ideologisch verworren bleibt, auf den Sozialismus ab.« (A) Harich sah schon Ende der vierziger Jahre sehr deutlich, dass es den Vertretern dieser Denkart darum ging, den Sozialismus zu diskreditieren und dass diese dafür sogar bereit waren, einer partiellen Entschuldung des Faschismus das Wort zu reden. Harich formulierte dies freilich etwas prägnanter: Jünger halte sich »an die Grundregel bürgerlicher ›Geistesfreiheit‹: dass nämlich gerade so viele Möglichkeiten ›freier‹ geistiger Äußerung erlaubt sind, wie es Spielarten des Antibolschewismus gibt.« (A) Am 28. Juli 1946 veröffentliche Harich in der Täglichen Rundschau einen kleinen Artikel,63 in dem er die Vorwürfe an Jünger noch pointierter formulierte: Dessen Philosophie und Literatur gehöre zu den Quellen des Nationalsozialismus.64 Marcus Payk sprach von einer »sprachlichen Radikalität« des Textes Harichs – gerade bei Berücksichtigung des ersten Zeitungsartikels im Kurier.65 Jüngers Einstellung zur Demokratie und zum Volk sei zu hinterfragen und dieser selbst ein Vertreter von elitären bzw. 63 Harich: Und noch einmal: Ernst Jünger, in: Tägliche Rundschau, 28. Juli 1946 (U). Der Zeitungsartikel ging über den Aufsatz in der Monatsschrift Aufbau an Radikalität hinaus und gab damit die Thesen für Harichs zweiten Aufsatz von 1949 vor. 64 »Man möchte es fast nicht glauben, aber wie leicht haben es doch Mordideologen, wenn jedes ihrer Worte, das nicht gerade nach Blut schreit, von den Ästheten freudig umwedelt wird. Ein Jünger kann in bestialischen Visionen geschwelgt, kann jahrelang und auf vielen hundert Seiten den geilen Revanchegedanken gegen den Frieden aufgepeitscht haben, er braucht nur einmal in einem winzigen Sätzchen eine versteckte Andeutung zu machen, nur einmal flüchtig einen Vers zu nennen und schon ist ein Bassermann zur Hand, der das dann als humanitäre Gesinnung plakatiert.« (U) Dieter Bassermann hatte in der Nr. 2 der Berliner Hefte einen Artikel über Jünger publiziert. 65 Payk: Der Geist der Demokratie, S. 197. 1284 Teil VIII aristokratischen Positionen. Nicht zuletzt präferiere er falsche Werte wie Krieg, Männlichkeit, Stärke u. a. Allgemein formulierte Harich, dass Jünger wie folgt zu charakterisieren sei (A): • Der »führende literarische Repräsentant des preußisch-deutschen Militarismus«. • Ein »ex tremer Nationalist«. • Der »einstige Verherrlicher des imperialistischen Krieges und des Militarismus«. • Der »bewusste geistige Wegbereiter der Nazidiktatur«. • Er sei »der alte Kriegshetzer von ehedem geblieben«. • Er »war nach wie vor ein Ideologe des deutschen Imperialismus«. • »Einer der radikalsten geistigen Einpeitscher des weißen Terrors.« Was so im Allgemeinen Geltung habe, treffe auch auf Der Friede zu. Folgende Punkte brachte Harich nun vor: (U) • »Hier wurde die deutsche Verantwortung für Krieg und Nationalsozialismus gründlich in einer mysteriösen Weltschuld versenkt«, • »mit unbekümmerter Frechheit ein Friede der absoluten Gleichberechtigung von Feind und Freund gefordert«, • »eine wüste Hetze gegen den Hauptleidtragenden des Krieges, die Sow jet uni on, getrieben«, • »der Bolschewismus bedenkenlos mit dem Nationalsozialismus identifiziert«, • »der Krieg als ein erhebendes Ereignis ohnegleichen gefeiert«, • »den westlichen Alliierten ein unverblümtes Westblock-Angebot gemacht«. Bei Jüngers Text handle es sich um eine »famose Mischung von Frontsoldaten-Kameraderie, Verherrlichung des Krieges, verschwommenem Kosmopolitismus und versteckter neuer Kriegsvorbereitung«. (U) Trotz dieser für Harich offensichtlichen Ausrichtung der Schriften Jüngers, gewinne dieser über seinen Schreibstiel, die verwendete Sprache oder die Ansätze der Ästhetisierung Zuhörer und Bewunderer.66 Wegen dieser Mischung müsse der »Fall Jünger« diskutiert werden. 66 Stefan Dornuf hat daraus die These abgeleitet, dass Harich den Stil Jüngers bejaht habe. »Ist Ernst Jünger als Stilist satisfaktionsfähig? Das wäre wohl die einzige Frage gewesen, die Harich ohne Abstriche bejaht hätte, denn als eingefleischtem Anti-Modernisten lagen ihm die Traditionsbestände (sehr) am Herzen (…). Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 32 f. Das ist jedoch nicht zutreffend, da Harich Jüngers Sprache und Ästhetik sowohl an sich als auch in ihrer Funktion als Transportmittel faschistischen Gedankenguts 1285Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Es dürfe nicht in Vergessenheit geraten, dass von der Kriegshetze nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, den Fememorden und der Boykottierung Weimars ein direkter Weg zur Katastrophe führte. »Der Nationalsozialismus, um dessen Überwindung es mir geht, hat aus einem reichen Reservoir nihilistischer Ideologien schöpfen können, von denen ich hier sonst nur noch die Irrlehren Spenglers, Haushofers, Klages’, Moeller van den Brucks erwähnen möchte. Ernst Jünger hat sich von den Nazis pikiert distanziert, weil deren schlechtes Benehmen seinem Aristokratismus nicht behagte. Auf diese Weise hat sich Jüngers Nihilismus verpuppt, hat das Dritte Reich glänzend überstanden und wird uns nun als purer Antifaschismus präsentiert.« (U) In diesem Sinne sei Der Friede kaum mehr als ein rhetorischer Trick und diene der Vorbereitung der Rettung prägender Elemente nationalsozialistischen Denkens (und Handelns): »Dies alles darf uns nicht da rin beirren, diese finsteren Dilettanten und Fäulnisheroen als geistige Wegbereiter der schändlichsten Epoche unserer Geschichte zu brandmarken. Zeigen wir uns aus ästhetischen Rücksichten als wehrlos, lassen wir uns in unseren politischen Entscheidungen von einem verblasenen Stilempfinden korrumpieren, so kann es leicht geschehen, dass uns das von Jünger propagierte Oberhaus der barbarischen Aristokraten von der geistigen Diskussion fortlenkt und aufs Schlachtfeld scheucht.« (U) ablehnte. So beschäftigte sich Harich etwa mit Jüngers These, dass der vermeintliche Nihilismus des Roten Terrors auf Dostojewski zurückzuführen sei. Dem widersprach Harich energisch und fuhr dann fort: »Dies ist nun der Gipfel der Dummheit! (…) Er schludert es unbekümmert aufs Papier, und man akzeptiert es ehrfürchtig als tiefsinnige Offenbarung eines ›Geläuterten‹.« (A) Und im laufenden Text wurde gerade zitiert, dass Harich zum Beispiel von Jüngers »verblasenem Stilempfinden« sprach. (U) Mit Blick auf Harichs Nietzsche-Bild sprach Jürgen Große davon, dass Harich sich gegen eine »ästhetische (‚snobistische‹) Goutierung von dessen Philosophie« gewandt habe. Eine solche Annäherung habe etwa Stephan Hermlin unternommen. Siehe: Große: Ernstfall Nietzsche, S. 38. Zudem »fand Harich den Metaphysiker ebenso bedeutungslos wie den Sprachkünstler Nietzsche – den Dichter und Aphoristiker«. (Ebd., S. 49.) In Nietzsche und seine Brüder führte Harich aus, dass das Verstehen von Philosophie normalerweise intellektuelle Schwerstarbeit sei. Doch durch seine Sprache verlange der »Quasi-Philosoph« Nietzsche seinen Lesern kein eigenes Denken ab und biete »leichte Kost«: »Glatt lesen sich seine Essays herunter. Seine Aperçus lassen sich weglutschen wie Bonbons. Sein Za ra thustra gar präsentiert sich selber als Dichtung. Bei alledem wirken an ihm sprachliche Reize, obwohl sie höchst problematisch sind, faszinierend. Schon von der Form her stachelt Nietzsches laienhaftes Philosophieverständnis dazu an, ihn zur Bildungsmacht zu erheben.« Alle Zitate: Harich: Nietzsche und seine Brüder, S. 100 f. 1286 Teil VIII Dieses »Oberhaus der Aristokraten« hat Jünger nur kurze Zeit später in seinem halb-utopischen Roman Heliopolis künstlerisch imaginiert (auf einer Linie mit dem Arbeiter liegend). Angemerkt sei noch, dass sich auch Paul Rilla in seinem Weltbühne-Aufsatz dagegen wendete, Jünger und den Marmorklippen eine »Widerstandshaltung« zuzusprechen: »Was bedeutet dieser Widerstand? Er entstammt derselben hochmütigen und ichbetonten ästhetischen Isolierung, aus der vorher die totale Mordvergötzung des technisierten Übermenschen gekommen war.«67 4. Jüngers Replik. Eine Schlussnotiz Es ist hier mit Blick auf die ehrliche Chronistenpflicht noch nachzutragen, dass sich Jünger seinerseits kurz zu Harich äußerte.68 In seinem Tagebuch Die Hütte im Weinberg. Jahre der Okkupation notierte er unter der Angabe – Kirchhorst, 5. Januar 1948:69 »Unter der Post ferner der Aufsatz eines jungen Philosophieprofessors, einer Art von Wunderkind, das in einer Zeitschrift der sogenannten Ostzone meinen Kopf fordert. Er tut das mit Ausdauer, obwohl er mit dem Erfolg nicht ganz zufrieden ist, denn er beklagt sich über anonyme Briefe, die eingehen.«70 Jünger bezog sich auf Harichs Aufsatz in der Monatsschrift Aufbau (Ernst Jünger und der Frieden). Er nahm also die Kritik an seiner Person durchaus wahr. Doch seine politische Einstellung radikalisierte sich sehr schnell wieder, wenn sie überhaupt je gemäßigte Züge hatte. Exem plarisch lässt sich das dort ablesen, wo Jünger, offensichtlich mit dem Bewusstsein eigener vermeintlich geistreicher Polemik, formulierte: »Ferner erfahre ich, dass ich der Erfinder der ›Totalen Mobilmachung‹ bin. Auch das ist ein Irrtum; ich bin ihr Entdecker, ihr Taufpate, und das ist ein wichtiger Unterschied. Ich las einmal während des Krieges, dass der amerikanische Präsident seinem Land die größte totale Mobilmachung der Geschichte nachrühmte. Das Prinzip bleibt bestehen als eine der unausweichlichen Konsequenzen der dynamischen Welt. Heute rüstet man entweder so, oder man lässt die Finger davon und zahlt der Zeit auf andere Weise den Tribut. Unter Umständen 67 Rilla: Der Fall Jünger, S. 77. 68 Der Hinweis nach: Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 37. Dornuf ist bisher der einzige Autor, der diese Reaktion Jüngers zuordnete, allerdings mit falscher Quellenangabe. Jünger selbst erwähnte Harich nicht namentlich, aber es deutet alles auf ihn als Zielobjekt der entsprechenden Passagen hin. 69 Jünger: Die Hütte im Weinberg, der gesamte Eintrag zum 5. Januar 1948 S. 358–360. 70 Jünger: Die Hütte im Weinberg, S. 359. 1287Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall schießen Modistinnen aus den Dachfenstern, wenn nicht bei uns, dann anderswo.«71 Abschließend referierte Jünger dann noch die Frage, ob er Harich einen Antwortbrief schreiben solle. Er entschied sich jedoch dagegen, da die vorgefertigte politische Einstellung des Ost-Professors Belehrungen und Diskussionen ja leider nicht zulasse.72 Für Stefan Dornuf stand jedoch eine ganz andere Passage der kurzen Tagebuch-Notiz von Jünger im Vordergrund der Interpretation. Er schrieb: »Dass Jünger die Harich-Schelte, die ihn frontal angriff, nicht unterschreiben konnte, versteht sich. Stutzig indes muss einen machen, dass Jünger Anspielungen auf Harichs Biographie einstreut, für die er die Informationen unmöglich aus den Aufbau-Nummern und auch kaum aus anderen zeitgenössischen Quellen bezogen haben kann, d. h. aus solchen vor der Spaltung Deutschlands, aus welcher Periode sein Diarium ja doch angeblich stammt.«73 Dornuf bezog sich dabei auf folgende Stelle aus Jüngers Text: »Sollte ein ohne Zweifel geistreicher Kopf noch nicht da rü ber nachgedacht haben, dass er, und offensichtlich mit Behagen, vor dem Eingang einer Schinderhütte74 philosophiert? Dabei kann man von ihm noch nicht einmal wie von dem Marquis Posa sagen: ›Das Band war lang, an dem er flatterte.‹ Eine winzige Abweichung von der Generallinie, und sein Ruhm ist dahin.«75 Der letzte Satz zeige an, so Dornuf, dass Jünger von Harichs tiefem Fall von 1956 Kenntnis hatte, seinen Text also nach dieser Zeit verändert habe.76 71 Jünger: Die Hütte im Weinberg, S. 360. Wenn Jünger sich selbst an den eigenen Maßstäben messen lässt, dann ist ihm natürlich zu attestieren, dass man entweder Entdecker oder Pate sein kann. Letzteres setzt einen anderen Entdecker voraus. 72 »Für einen Augenblick war ich in Versuchung, ihm einen Brief zu schreiben, da ich mich viel besser in seine Lage versetzen kann als er sich in die meinige. Aber es bliebe ein aussichtsloses Unterfangen in unserem Lande, in dem die Geister die Fächer nicht loswerden, in die sie sich einzwingern. Nach dem dritten Satz erfährt man, wie sie gewählt haben. Es ist ein Land, in dem es entweder keine oder ein Dutzend Akademien gibt. Mit einem Zyniker wie dem alten Léautaud konnte man einen Nachmittag verbringen, ohne nur einen Augenblick da ran erinnert zu werden, dass Deutschland und Frankreich im Krieg waren. (…) Das bleibt schließlich die Formel, die aus den kompliziertesten Berechnungen herausspringen muss, wenn man nicht leeres Stroh dreschen will.« Jünger: Die Hütte im Weinberg, S. 360. 73 Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 38. 74 »Die Infamie dieser Formulierung ist atemberaubend. ›Schinderhütte‹ ist (…) der von Jünger selbst geprägte Terminus, aus dem Umfeld der Marmorklippen, für die Folterkammern des Dritten Reiches.« Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 39. 75 Jünger: Die Hütte im Weinberg, S. 359. 76 Dornuf schlussfolgerte, dass Jünger den Spiegel-Artikel vom 19. Dezember 1956 kannte. Das ist jedoch reine Spekulation. Dornuf: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, S. 38. Spiegel: Schlag ins Genick, S. 13–24. 1288 Teil VIII Ausgerechnet der Versuch Jüngers, gegen den ungenannt bleibenden Harich ein intellektuelles Bonmot zu platzieren, erbringt also den Nachweis, dass Jünger seine Original-Tagebücher nachträglich umgeschrieben und »verbessert« hatte. Zumindest dieser einen Lüge konnte Harich Jünger klar überführen. 5. Literatur77 Dornuf, Stefan: Gehlen-Rezeption von Harich, in: Prokop, Siegfried (Hrsg.): Ein Streiter für Deutschland. Das Wolfgang-Harich-Gedenk-Kolloquium am 21. März 1996 im Ribbeck-Haus zu Berlin, Berlin, 1996, S. 77–87. – Wolfgang Harich und Ernst Jünger, in: Feist, Peter (Hrsg.): Das Wolfgang Harich Gedenk-Kolloquium November 2003, Berlin, 2005, S. 28–44. Götze, Frank: Harich. Rezensent und Kritiker, in: Prokop, Siegfried (Hrsg.): Ein Streiter für Deutschland. Das Wolfgang-Harich-Gedenk-Kolloquium am 21. März 1996 im Ribbeck-Haus zu Berlin, Berlin, 1996, S. 110–121. Große, Jürgen: Ernstfall Nietzsche. Debatten vor und nach 1989, Bielefeld, 2010. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. Harich, Wolfgang: Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie, hrsg. von Thomas Grimm, Berlin, 1999. – Ernst Jünger und der Frieden, in: Aufbau. Kulturpolitische Monatsschrift, Nr. 6, 1946, S. 556–570. – Ernst Jüngers Ansicht vom Frieden, in: Der Kurier, 24. Mai.1946. – Nietzsche und seine Brüder. Eine Streitschrift in sieben Dialogen. Zu dem Symposium Bruder Nietzsche? der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal, Berlin u. a., 1994. – Und noch einmal: Ernst Jünger, in: Tägliche Rundschau, 28. Juli 1946. Heyer, Andreas: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, 1946–1956, in: Amberger, Alexander; Heyer, Andreas: Der konstruierte Dissident. Wolfgang Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, Berlin, 2011, S. 32–63. Jünger, Ernst: Die Hütte im Weinberg. Jahre der Okkupation, in: Jünger: Strahlungen III, München, 1966, S. 117–372. Kapferer, Norbert: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, 1945–1988, Darmstadt, 1990. Kiesel, Helmuth: Ernst Jünger. Die Biographie, München, 2007. Lukács, Georg: Die Zerstörung der Vernunft, Neuwied, 1962. Meyer, Martin: Ernst Jünger, München, 1993. Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland, 1945–2000, Berln, 2003. Mohler, Armin: Die Konservative Revolution in Deutschland, 1918–1932. Ein Handbuch, 2 Bde. in 1 Bd., 5. Aufl., Graz u. a., 1999. 77 Die Texte Harichs, die in den einzelnen Bänden der Edition bisher abgedruckt sind, werden im Literaturverzeichnis nicht ausgewiesen. 1289Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Morat, Daniel: Techniken der Verschwiegenheit. Esoterische Gesprächskommunikation nach 1945 bei Ernst und Friedrich Georg Jünger, Carl Schmitt und Martin Heidegger, in: Föllmer, Moritz (Hrsg.): Sehnsucht nach Nähe. Interpersonale Kommunikation in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, Stuttgart, 2004, S. 157–174. – Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger, 1920–1960, Göttingen, 2007. Niekisch, Ernst: Die Gestalt des Arbeiters, in: Arbogast, Hubert (Hrsg.): Über Ernst Jünger, Stuttgart, o. J., S. 79–86. – Erinnerungen eines deutschen Revolutionärs, 2 Bde., Köln, 1974. Payk, Marcus M.: Der Geist der Demokratie. Intellektuelle Orientierungsversuche im Feuilleton der frühen Bundesrepublik: Karl Korn und Peter de Mendelssohn, München, 2008. Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997. Rauh, Hans-Christoph: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung. Philosophische Themen in den ostdeutschen Nachkriegszeitschriften Aufbau, Einheit und Neue Welt, in: Gerhardt, Volker; Rauh, Hans-Christoph (Hrsg.): Anfänge der DDR-Philosophie. Ansprüche, Ohnmacht, Scheitern, 1945–1958, Berlin, 2001, S. 69–118. Rehberg, Karl-Siegbert: Kommunistische und konservative Bejahung der In sti tu ti onen. Eine Brief-Freundschaft, in: Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Eine Gedenkschrift in zwei Bänden, München, 2000, Bd. 2, S. 438–486. Reinhold, Ursula: RoRoRo. Bücher für alle, in: Heukenkamp, Ursula (Hrsg.): Unterm Notdach. Nachkriegsliteratur in Berlin, 1945–1949, Berlin, 1996. S. 197–218. Rilla, Paul: Der Fall Jünger, in: Die Weltbühne, Nr. 3, 1946, S. 76–80. Schmidt, Burghart: Kritik der reinen Utopie. Eine sozialphilosophische Untersuchung, Stuttgart, 1988. Schwilk, Heimo: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben, München, Zürich, 2007. Spiegel: Für Stalin und für dich, in: Der Spiegel, Nr. 1 vom 5. Januar 1950, S. 11. – Schlag ins Genick, in: Der Spiegel vom 19. Dezember 1956, S. 13–24. 1290 Teil VIII 1291Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Ernst Jüngers Ansicht vom Frieden78 (24. Mai 1946) Seit Monaten geht eine hektographierte Schrift von Hand zu Hand, wie ein Kettenbrief eifrig abgeschrieben und weiterverbreitet von denen, die des lästigen Geredes von der Schuld nun überdrüssig sind, die von KZ-Gräueln nichts mehr hören wollen und überhaupt finden, dass mit der demontierten Industrie gar zu sorglos umgegangen werde, und dass es in Schlesien wüst und schrecklich sei. Die Schrift heißt Der Friede, und man kann daraus lesen, wie der Friede gefälligst sein sollte, und insgeheim folgern, dass er durchaus kein Idealzustand ist. Ginge es nach dem Autor, so müsste der Friede von allen, von den Siegern wie den Besiegten, gewonnen sein, und niemand dürfte benachteiligt werden. Niemand dürfte sich, durch Gebietsabtretungen und Reparationen, am anderen bereichern, auch nicht, damit geschehenes Unrecht halbwegs wieder ausgeglichen werde. Ohne Hass und Missgunst sollten die Nationen sich verbrüdern in einem großen europäischen Friedensreich. Diese Schrift ist so verlockend, weil sie vielen angenehm ist, denen es besser unbehaglich zumute sein sollte. Mit der Großzügigkeit einer anscheinend schon geschichtlich distanzierten Schau wird über die Frage der Verantwortlichkeit hinweggewischt: Der Krieg sei »das erste allgemeine Werk der Menschheit«, der Friede müsse das zweite sein. Wie eine grandiose Naturkatastrophe, die alle Völker in den Strudel des allgemeinen Unheils riss, wird der Krieg geschildert. Nichts davon, dass er deutlich bestimmbare Ursachen hatte, dass etwa wir ihn vom Zaune brachen. Statt solcher Erkenntnisse werden den Siegern weise Ratschläge erteilt, wie sie, aber bitte ohne Hass und Gewalt!, den Frieden fruchtbar machen könnten. Von einer Weltschuld, die alle verpflichte, geht die Rede, aber auch von einem Welterlebnis, dem eine Solidarität der Frontkämpfer entwachsen soll: »In diesem Riesenkampfe konnte jeder Gegner stolz auf den anderen sein, und in dem Maße, in dem die Zeit die Feindschaft verwittern lassen wird, wird die geheime Achtung, ja, die geheime Liebe wachsen, die zwischen Überwindern und Überwundenen spielt.« Der alliierte Soldat also konnte stolz sein auf den deutschen, der Rotarmist etwa auf den SS-Mann, der serbische Partisan auf den blutigen Pogromhelden, der Maquisarde auf den Plünderer Frankreichs? Ritterlichkeit ist, wenn sie gegeben wird, immer zu loben; wird sie aber im Zustande des Besiegtseins gefordert von einem, der sich immer nur bereit zeigte, ohne Pardon zu vernichten, so steckt dahinter Anbiederung aus 78 (AH) Zuerst in: Kurier vom 24. Mai 1946. 1292 Teil VIII Schwäche. Aber schlimmer noch: Hier wird der Krieg, aus dem eine solche Ritterlichkeit emporblühen könnte, als etwas durchaus Sinnvolles gefeiert. Das Frontethos, das ja nur im Kriege entstehen konnte, soll, einmündend in ein mystifiziertes Christentum, den Frieden garantieren. Das Stahlbad der Nation ist zum Stahlbad der ganzen Welt geworden. Wer war es, der schon einmal das hohe Lied des in tausend Feuern gehärteten Frontkämpfers sang, der den zynischen Nihilismus, Kriege müssten sein und es werde sie aus Naturnotwendigkeit immer geben, pathetisch in die Prätention eines hohen Idealismus hüllte und durch den verlockenden Klang seiner Sprache und die dichterische Kühnheit seiner blutigen Visionen so verhängnisvoll wirkte? Es war der gleiche Jünger, der heute Völkerversöhnung aus Frontethos und Christentum fordert und sich mit der Utopie seines Friedensreiches großzügig über die deutsche Verantwortung an den Schändlichkeiten der zwölf Jahre Hitlertyrannei hinwegsetzt. Nach dem Ersten Weltkriege bedauerte er nur strategische Fehler und Versäumnisse und bemängelte am Kaiserreich, es habe die individuelle Freiheit nicht radikal genug unterdrückt und den modernen Krieg nicht »nach Art eines Reklamechefs größten Formats« vorbereitet. Die Niederlage galt ihm damals nur als Atempause zu neuer Kräftesammlung, noch einmal zu versuchen, was gescheitert war. Die Rechtfertigung lautete: »Der wirkliche Kern unseres Volkes wird die Hoffnung nicht fahren lassen, dass es um eine Welt nur gut stehen kann, in der wir die ersten sind.« Und das Rezept, das einen Revanchesieg verbürgen sollte, war eindeutig: »Der behördlich wohlgeregelte Patriotismus ebenso wie die Kräfte, die sich ihm entgegenstellen, müssen von einem dämonisch aus allen Schichten auflodernden Glauben an Volk und Vaterland verschlungen, jeder anders Fühlende muss mit dem Brandmal des Ketzer behaftet und ausgerottet werden. Wir können gar nicht national, ja nationalistisch genug sein. Eine Revolution, die das auf ihre Fahnen schreibt, soll uns stets in ihren Reihen finden.« So hieß es damals. Inzwischen aber hat die Revolution des Hypernationalismus stattgefunden und prompt den ersehnten zweiten Krieg herbeigeführt. Inzwischen war es blutiger Ernst, dass jeder anders Fühlende ausgerottet wurde. Ernst Jünger kann es nicht leugnen, aber er verschleiert es, indem er darlegt, die Blutgier habe überall und nicht nur in Deutschland gewütet. Sie ist die Schattenseite des gepriesenen Heroismus, und dass die Gräuelmärchen der Goebbelspropaganda ebenso stimmen wie die beschämenden Enthüllungen von Nürnberg, wird dabei stillschweigend vorausgesetzt. So 1293Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall heißt es im Frieden: »In der Herrschaft von Klassen, Parteien oder fremden Heeren unterschied sich allein die Richtung, nicht aber das stets gleiche Antlitz der Tyrannei. Und wie bei großen Bränden bald dieser, bald jener Wind die Flamme nährt, so gab es Länder, in denen der weiße mit dem roten Schrecken wechselte, und wo die Opfer bald unter den Streichen der eigenen Despoten fielen, bald unter denen der fremden Macht.« Dies zu wissen ist tröstlich für alle, die das Leid, das uns geschah, aus Bequemlichkeit nicht als Auswirkung von Ursachen erkennen wollen, die bei uns selbst zu suchen sind. Aber was soll es heißen, den Faschismus und Bolschewismus in einem Atem zu nennen: »Es ist kein Zufall, dass der Nihilismus philosophisch von Nietzsche und im Roman von Dostojewski geschildert wurde, denn wenn er auch in allen Ländern Schule machte, so schlug er doch in Deutschland und Russland die Residenzen auf. So waren auch hier die Verwandlungen am tiefsten, die Zerstörungen am furchtbarsten.« Die Unhaltbarkeit dieser These ist leicht als geistesgeschichtliche Schluderei zu entlarven. Marx und Engels suchten nach dem »realen Humanismus« gegen jenen Idealismus, der alle Verantwortung für reale Ereignisse in abstrakte Mächte wie den »Weltgeist« und ähnliches verlegte. Marx aber wollte sie wieder im Menschen selbst konzentrieren. Hier, und nicht in Dostojewski, liegt die Wurzel des Bolschewismus. Wenn wir dies alles zusammenfassen, so ergibt sich ein böses Resultat: Ein Friedensreich, in dem es nicht Sühne und Wiedergutmachung geben soll, den Siegern präsentiert von dem literarischen Star des deutschen Militarismus; die Konzeption eines europäischen Staatenbundes, der Russland ausschließt und Westblocktendenzen verwirklichen soll. Glaubt Ernst Jünger tatsächlich, diese famose Mischung werde dem Frieden sehr dienlich sein? Glauben es die, die diese gefährliche Schrift so hurtig verbreiten helfen? Es scheint, als verberge sich hinter dem Frieden verbitterte Selbstgerechtigkeit, die nur auf neue Zwietracht hofft. Dabei ist es verwirrend, dass Ernst Jünger der Nazityrannei, die seinen Gedanken die bestialische Realisation bescherte, nachweisbar feindlich gesinnt war, dass er nach dem Mord an Schleicher den Versammlungen der Ritter des Pour le mérite fern blieb, dass er Ehrungen, die Goebbels ihm bereiten wollte, zurückwies und in seinen Marmorklippen versteckt, aber den Kundigen deutlich, mit der Barbarei abrechnete. 1294 Teil VIII Diese Wandlung spricht, ebenso wie überhaupt jede Rechtsopposition – von Niekischs Widerstandskreis bis zum »20. Juli« (an beiden war Jünger beteiligt) – mehr gegen das »Dritte Reich«, dessen Abscheulichkeit noch die Väter bösester Wünsche entrüsten musste, als für Jünger, in dessen Gesinnung sie sich erst, als alles zu spät war, vollzog. Wäre diese Wandlung jedoch echte Läuterung aus Erfahrung und Einsicht, so wäre es fruchtbar, sie heute vielen Verstockten als Beispiel vorzuhalten. Jünger hätte heute, nachdem er den einen Frieden zerstören halfen, eine letzte Gelegenheit, durch die Kraft seiner sonst so scharfen, oft zerstörend kritischen Einsicht, im Namen aller, die seines Geistes waren, dem zweiten Frieden zu dienen. Aber offensichtlich hat er das »Dritte Reich« nicht tief und radikal verneint, sondern sich nur angewidert von der degoutanten Stillosigkeit dieses Paradieses der entfesselten Kleinbürger distanziert. Ernst Jünger und der Frieden79 (Mitte 1946) I. Im Sommer des Jahres 1918 schrieb Ernst Jünger – als blutjunger Offizier schon Ritter des »Pour le mérite« – an der Westfront in sein Kriegstagebuch: »Obwohl ich ja nie große Sorgen gehabt habe, so habe ich doch nie so sorgenlos gelebt wie im Felde. Alles ist klar und einfach; meine Rechte und Pflichten sind militärisch geregelt; ich brauche kein Geld zu verdienen; Verpflegung wird geliefert; wenn es mir schlecht geht, habe ich tausend Leidensgefährten, und vor allem löst sich unter dem Schatten des Todes jede Frage in eine angenehme Bedeutungslosigkeit auf.« In Worten wie diesen offenbart sich jener Genuss am blinden Automatismus von Zwang, Bedürfnisregelung und »Pflichterfüllung«, der bei jedem Soldaten leicht äußerste Verantwortungslosigkeit bewirkt. Hier wird der Krieg nicht mehr als das entsetzliche Unglück empfunden, das er in Wirklichkeit ist, nicht mehr als das bestenfalls notwendige, unausweichliche Übel, das auf eine möglichst anständige Art gemeistert werden muss, sondern als eine Lebensform, die auch ihre Lichtseiten hat, ja, deren Annehmlichkeiten alle Strapazen und Gefahren aufheben. Aus der bequemen Sorglosigkeit eines noch dazu heroisch verklärten Daseins zurückzufinden zur Normalität des bürgerlichen Lebens, in dem es nach dem verlorenen Kriege durch Inflation, Scheinblüte und Arbeitslosigkeit doch verworren und kompliziert genug zuging, fiel den deutschen Offizieren schwer. Hinter dem überheblichen Hohn, mit dem sie die Lebensform des Zivilisten so gern verächtlich machten, verbarg sich die Ohnmacht gegenüber den 79 (AH) Zuerst in: Aufbau, Nr. 6, 1946, S. 556–570. 1295Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Anforderungen des Alltags. Dazu kam, dass ihnen der Friede mit dem Makel der »nationalen Schmach« behaftet zu sein schien, und dass sich deshalb ihr sich selbst missverstehender Patriotismus gegen die demokratische Republik auflehnte, die ja offenbar nur das innenpolitische Resultat der machtpolitischen Niederlage war. Dieser Patriotismus, der sich aus Ressentiments nährte, trieb die Ratlosen in jene reaktionären Banden (Femegruppen, Freikorps, Schwarze Reichswehr, Stahlhelm und schließlich SS und SA), die jeden noch so fadenscheinigen nationalen Vorwand benutzten, um die verachtete Demokratie und den gehassten Frieden zu zerstören und damit den wahren nationalen Interessen des deutschen Volkes nur zu schadeten. Trotz aller geistigen Ambitionen gehört Ernst Jünger zu diesen ewigen Landsknechten, die ruhelos einen Ersatz für die abenteuerliche und doch straffe und problemlose Lebensordnung suchten, aus der der Friede sie verstoßen hatte. Jünger war, ein Bürgersohn von zarter Sensibilität, in den Krieg geraten und hatte dort in sich selbst, vielleicht zu seinem eigenen Erstaunen, den idealen Frontkämpfer entdeckt. Seine Kriegsbücher (In Stahlgewittern, Das Wäldchen 125) verraten, dass das Erlebnis der Materialschlachten und Nahkämpfe in ihm Instinkte von jener barbarischen Grausamkeit entfesselt hatte, die, verdeckt durch stramme Korrektheit und enge Konventionen, längst in der Seele des scheinbar saturierten Bürgertums der imperialistischen Epoche schwelte und glühte. Jünger versuchte nach dem Kriege, diese Grausamkeit, die ihn von innen her überfallen hatte wie ein Rausch, zu begreifen und zu rechtfertigen. Dafür lieferte Friedrich Nietzsches Lehre vom »Übermenschen« ihm das ideologische Rüstzeug, mit dem er der Grausamkeit die strahlende, pathetische Weihe eines neuen, höheren Ethos gab. Was Nietzsche verkündet hatte, steigerte Jünger zu einem unverhüllten, brutalen Zynismus, der in einer Sprache von eherner Geformtheit doch faszinierend wirkte. Wie ein Prophet schrieb er von einem in den Feuern des Krieges gehärteten neuen Menschentum höherer Art: »Und so sehe ich ein neues, führendes Geschlecht im alten Europa auftauchen, ein Geschlecht, furchtlos und fabelhaft, ohne Blutscheu und rücksichtslos, gewöhnt, Furchtbares zu erdulden und Furchtbares zu tun und das Höchste an seine Ziele zu setzen. Ein Geschlecht, das Maschinen baut und Maschinen trotzt, dem Maschinen nicht totes Eisen sind, sondern Organe der Macht, die es mit kaltem Verstand und heißem Blute beherrscht. Das gibt der Welt ein neues Gesicht.« Aber mehr noch als Nietzsches Herrenmoral spukte damals Spenglers Lehre vom Untergang des Abendlandes als Modephilosophie in allen Köpfen. Die einheitliche, pro- 1296 Teil VIII gressive und zielstrebige Entwicklung der Menschheit, die als regulative Idee der Eschatologie des Christentums wie dem Humanismus Herders, der Hegelschen Konzeption einer geschichtlichen Odyssee des Weltgeistes wie dem historischen Materialismus Marx’ und der Lehre Darwins zu Grunde gelegen hatte, war von Spenglers Kulturzyklentheorie aufgelöst worden in pflanzenhafte Schicksalsvorgänge, an deren unverbundener, in sich erfüllter und gerundeter Gestaltung Vernunft und Moral nichts mehr zu ändern vermochten. In dieser Sicht blieb von der Weltgeschichte nur die Fülle zusammenhangloser, vereinzelter Prozesse, das Werden und Vergehen, das ewige Auf und Ab, das sich im unwandelbaren Rhythmus von Geburt, Leben, Reife und Tod streng gesetzmäßig und doch sinnlos erschöpfe – eine nihilistische Lehre, die den Glauben an die großen, leuchtenden Ziele der Menschheit zu dumpfer Resignation verdammte und den Willen zum Fortschritt lähmte. Ihr Pessimismus entsprach der Verfallsstimmung der deutschen Bourgeoisie nach dem verlorenen Ersten Weltkriege und bewirkte bei vielen jene apathische Kapitulation vor den »waltenden Mächten«, aus der die matte Wehrlosigkeit vor der heraufziehenden Barbarei und schließlich die oppositionslose Unterwerfung unter die Nazityrannei entstanden. Der Einfluss Spenglers äußerte sich auch bei Ernst Jünger deutlich in der Leugnung jedes gesellschaftlichen und historischen Fortschritts. Für Jünger wurde die von Spengler behauptete absolute Sinnlosigkeit der Geschichte zum grandiosen Schauspiel. Dass der Mensch eine Aufgabe hat, dass diese Aufgabe der Friede ist, dass Kriege vermeidbar sind – das alles verdeckte Jünger durch mythische, bildhafte Vergleiche der Geschichte mit der Natur. Der Mensch galt ihm nur als der willenlos von Dämonen Getriebene, den es zu lichten Höhen hinaufreißt und in dunkle Abgründe hinabzerrt, oder als der distanzierte eiskalte Beobachter, den das gewaltige Spiel ergötzt: »Alles ist ein Auf und Ab, solange ein Volk noch lebendige Bedeutung besitzt und noch nicht auf den Grund der geschichtlichen Erinnerung gesunken ist. Darüber hinaus ließe sich ein über alle Nationen verteilter Kreis von Männern denken, eine unsichtbare Loge, die an diesem Wellenschlag, der bald den einen, bald den anderen in die Höhe reißt, ihre Freude hätte.« In diesem Zusammenhang tauchen nun zwei Gedanken auf, mit denen Jünger den deutschen Revanchekrieg ideologisch vorbereiten half: Zunächst das ausdrückliche Bekenntnis zu dem Vorurteil, es werde Kriege immer geben, das dann dem deutschen Nationalismus neue Hoffnungen macht: »Kriege müssen von Zeit zu Zeit stattfinden; in ihnen spricht sich der Wille der Natur aus, unmittelbar in die Entwicklungen der 1297Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall größten Lebenseinheiten der Erde einzugreifen, die sich ihrem Einfluss immer mehr zu entziehen suchen, und die Einseitigkeit einer aufs rein Wirtschaftliche, aufs Behagliche und Erhaltende gerichteten Bahn gewaltsam zu unterbrechen.« Der Natur wird also ein eigener Wille zugestanden, der auf jeden Fall stärker ist als das redliche Bemühen der Menschlein um den Frieden und um »das Erhaltende«. Schon dies ist ein Mythos, der sich in seiner unkritischen Naivität und Rückständigkeit von den pandämonistischen Vorstellungen der Urreligionen nur wenig unterscheidet. Wer selbst um den Frieden bangt, der dürfte daraus nur pessimistische Konsequenzen ziehen. Aber Jünger bejahte diesen Mythos, und da rin eben zeigte sich sein Zynismus schamlos und nackt. Er gab seiner Behauptung, dass der Mensch in seinen Entscheidungen mit Notwendigkeit immer wieder von zerstörerischen Naturgewalten überwältigt werde, eine eminent positive Bedeutung und folgerte daraus: »Auch an uns wird wieder einmal die Reihe kommen!« Worauf kam es Jünger hier primär an? Auf die Auswertung des mythisch-abergläubischen Vorurteils von der Naturnotwendigkeit der Kriege für den deutschen Revanchegedanken oder auf den Krieg um des Krieges willen, für dessen Entfesselung der Chauvinismus nur die unerlässlichen Vorwände liefern sollte? Überschaut man das Ganze des Jüngerschen Werkes, so klärt sich diese Frage bald auf, denn es zeigt sich, dass hier noch der böseste Nationalismus nur der »unsichtbaren Loge« zu dienen hatte, dem Kreis von Männern, die über alle Nationen thronen und mit Freude das Auf und Ab der Geschichte beobachten: Den Zusammenprall der Heere, das tränenreiche, blutige Leid der Völker, das großartige und farbige Schauspiel der Katastrophen und Siege. So mündeten die Ideologien Nietzsches und Spenglers bei Ernst Jünger in einen bestialischen Nihilismus, der den Krieg zum Zweck erhob und die Nationen zum Mittel erniedrigte. Dahinter jedoch, und das war das Groteske, verbarg sich nichts Besseres als Verzagtheit: Verzagtheit der ewigen Landsknechte vor einem Dasein, in dem nicht die Rechte und Pflichten militärisch geregelt sind und in dem kein Todesschatten Probleme von vielleicht simpler Alltäglichkeit bedeutungslos werden lässt. Verzagtheit vor der pausenlosen, aus unzähligen ureigensten Entschlüssen zusammengesetzten Bewährungsprobe, die das Leben des freien, unkommandierten Mannes ausmacht, verantwortungsflüchtige, bittere Verzagtheit vor den Entscheidungen des Friedens, die einen anderen und größeren Mut erfordern als die sorglosen und waghalsigen Abenteuer des Krieges. Ernst Jünger maskierte diese mannigfaltigen Ressentiments, die beschämenden 1298 Teil VIII Gefühle der Minderwertigkeit, die geduckten Ansprüche und Sehnsüchte in der Prätention und Attitüde eines hohen Idealismus. II. Dies alles aber bewegt sich noch in weltanschaulichen Abstraktionen, die nur eine mittelbare Wirkung haben können. Bedenklicher wird es immer dann, wenn Jünger sich mit konkreten geschichtlichen Ereignissen auseinandersetzt und bestimmte Forderungen erhebt. So verschleierte er die Schuld am Ersten Weltkriege durch eine Geschichtsfälschung, die auf das Bedauern einzelner politischer und strategischer Fehler und Versäumnisse hinauslief. Am Kaiserreich bemängelte er nur, es habe die individuelle Freiheit nicht radikal genug unterdrückt und den modernen Krieg nicht »nach Art eines Reklamechefs größten Formats« vorbereitet. Die Dolchstoßlegende war ihm als Argument noch zu geringfügig. Der einzige große Fehler der Deutschen, so meinte er, sei gewesen, dass sie viel zu human und objektiv waren, und eben dieser Fehler müsse in einem kommenden Krieg behoben werden, in einem Kriege, mit dessen Vorbereitung man sofort beginnen müsse. »Diese Erkenntnis (das wir den Krieg verloren haben, WH) ist in ihrem theoretischen Teil wertlos und für ein so objektives Volk wie das deutsche (!) sogar gefährlich – praktisch bedeutet sie die Forderung, sofort an den Neubau zu gehen, an jene stille und fruchtbare Tätigkeit des Unterdrückten, und sollte sie wie in Frankreich fast fünfzig Jahre dauern.« »Daher heißt es, an eine Arbeit gehen, von der die kriegerische Vorbereitung nur den kleinsten Teil umfasst. Der Krieg ist nicht nur eine militärische Frage. Hier werden wir keine verhältnismäßig größere Kraft aufbringen können als diesmal; es sind andere Gebiete, die nicht genug ausgeschöpft worden sind.« Der Friede von 1918 galt also Jünger nur als Atempause zu neuer totaler Kräftesammlung zu dem Zweck, noch einmal zu versuchen, was gescheitert war, die Niederlage im Ersten Weltkrieg umzuspielen in den Sieg in einem Zweiten Weltkrieg. Die Rechtfertigung lautete blank und klar: »Der wirkliche Kern unseres Volkes wird die Überzeugung nicht fahren lassen, dass es um eine Welt nur gut stehen kann, in der wir die Ersten sind!« Und das Rezept, das einen Revanchesieg verbürgen sollte, war eindeutig: »Der behördlich wohlgeregelte Patriotismus ebenso wohl wie die Kräfte, die sich ihm entgegenstellen, müssen von einem dämonisch aus allen Schichten auflodernden Glauben an Volk und Vaterland verschlungen, jeder anders Fühlende muss mit dem Brandmal des Ketzer behaftet und ausgerottet werden. Wir können gar nicht national, ja natio- 1299Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall nalistisch genug sein. Eine Revolution, die das auf ihre Fahnen schreibt, soll uns stets in ihren Reihen finden.« In diesen Worten wird das »Dritte Reich« nicht nur prophetisch gesehen, sondern mit heißer Inbrunst gefordert, und es finden hier, eines nach dem anderen, die gleichen Elemente zueinander, die sich dann in der nazistischen Ideologie chaotisch und kaum noch entwirrbar zusammenballten. Bekenntnis zur verantwortungs- und sorglosen Lebensform des Soldaten, zynische Bejahung des Krieges um seiner selbst willen, Nietzsches »Herrenmoral« und Spenglers naturalistische Leugnung des Fortschritts, Missbrauch des Patriotismus für volksfeindliche Zwecke und Androhung der Ausrottung jedem, der es wagt, humanitär, vernünftig und friedfertig zu denken – es kann bei einer solchen Bilanz der programmatischen Thesen kein Zweifel da rü ber bestehen, dass Ernst Jünger zu den aktiven Schrittmachern des Nationalsozialismus gehört. Was er in den Stahlgewittern, im Wäldchen 125, im Kampf als inneres Erlebnis in edel geformter Prosa aussagte, Hitler und Goebbels komprimierten es in suggestiven Phrasen, die sie wie spitze Nägel in die Hirne der Ratlosen eintrieben. Als biologischer Aristokratismus, der das höhere Menschtum der Frontkämpfer verkündete, fand diese Ideologie ihr stärkstes Hemmnis am Marxismus, an der Weltanschauung der kämpfenden Arbeiterklasse. Hier ging es dem Faschismus um das taktische Problem, die breiten Massen für eine Ideologie zu gewinnen, die im Grunde ebenso reaktionär wie arbeiterfeindlich war. Und wie die Nazis dem Marxismus den Wind aus den Segeln nahmen, wie sie das Klasseninteresse des Arbeiters mit einem »deutschen Sozialismus« einnebelten, wie sie den Klassenkampf in eigene Regie nahmen und in die »Volksgemeinschaft« lenkten, die dann nur rücksichtslos für den kommenden Krieg gedrillt wurde, so versuchte auch Ernst Jünger das Hindernis, das der Marxismus seinen Forderungen entgegenstemmte, mit einer List zu überwinden. Sein Buch Der Arbeiter – Herrschaft und Gestalt gibt da rü ber hinreichend Aufschluss. Die Forderung, für nationalistische Zwecke die zentral gelenkte Kriegswirtschaft auch auf den Frieden zu übertragen, die Lähmung des proletarischen Klassenkampfes durch einen Scheinsozialismus, der im chauvinistischen Bündnis von Unternehmern und Werktätigen einer kleinen Clique von Abenteurern die Vorzüge der Planwirtschaft in die Hände spielen soll – dieses große faschistische Betrugsmanöver am Arbeiter wird von Jünger bis zur letzten Konsequenz vorexerziert. Hier ist ein System ausgeklügelt, mit dem der Arbeiter der Sklaverei und Untertänigkeit ausgeliefert und zugleich durch 1300 Teil VIII eine scheinbare Befriedigung seiner Machtansprüche gezähmt werden soll, das alles mit dem Zweck, den totalen Krieg auf das Gründlichste vorzubereiten. Mit seinem Buche über den Arbeiter stand Jünger – bewusst oder unbewusst – im Dienste der Profitinteressenten künftiger Materialschlachten. III. Was trotz vielfältiger Übereinstimmung Ernst Jünger eigentlich schon immer von den Nazis unterschied, war dies: Er war kein De ma goge, der seine Anschauungen in Volksversammlungen oder in reißerisch sensationellen politischen Broschüren propagierte. Er nahm in seinen Büchern nie zu politischen Tagesereignissen Stellung und schien alles Geschehen von einer hohen Warte her zu überschauen. Er wandte sich nicht an die Kleinbürger und nicht an die Rowdies aus SA und Schwarzer Reichswehr, sondern gerade an die Bewunderer feiner Geistigkeit, die der ästhetischen Zauberkraft seiner grandiosen Kriegsvisionen leicht anheimfielen. Dadurch aber wirkte er um so gefährlicher. Während die Nazis nur niedere Instinkte aufpeitschten, war Jünger für zahlreiche deutsche Intellektuelle eine verhängnisvolle Anfechtung, die in ihrer unsentimentalen und scheinbar lauteren Art von humanistischer Fortschrittlichkeit ablenkte und alle Werte relativistisch verwirrte. Gerade die, die ihr Denken in wehrlose »Innerlichkeit« hatten einzwängen lassen, faszinierte er mit gleisnerischen Verlockungen. In den zwölf Jahren der deutschen Schande verhielt er sich nun so, dass auch seine Gegner unsicher wurden. Bei den Anhängern von ehedem erregte er, sofern sie ihn überhaupt noch verstanden, nur Befremden. Unter denjenigen seiner früheren Gegner aber, die aus ästhetischen Gründen seiner Ideologie gegenüber nachsichtig waren, wuchs nun eine geheime Gemeinde, wie sie sich in Deutschland ja leicht um die Gestalt eines Dichters schart. Auf jeden Fall wurde viel über ihn gesprochen und noch mehr geraunt. Die interessante Ambivalenz seines Charakters schien eine neue Seite enthüllt zu haben. Was war geschehen? Ging es Jünger wie in Friedrich Wolfs Schauspiel dem Beaumarchais,80 der entsetzt zurückbebt, wenn er erleben muss, wie die revolutionären Ideen zu Waffen werden in den Händen einer durchaus nicht feingeistig gestimmten Volksmenge? Ging es ihm wie dem Zauberlehrling Goethes, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wurde? Oder war er in schwerem Schuldbewusstsein ernüchtert und erschreckt vor den beschämenden Konsequenzen einer Geisteshaltung, zu der er selbst sich immer 80 (AH) Siehe hierzu die verschiedenen Artikel Harichs im Kurier, abgedr. in diesem Band. 1301Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall pathetisch bekannt hatte? Denn nun war es Wirklichkeit, dass »jeder anders Fühlende mit dem Brandmal des Ketzer behaftet und ausgerottet« wurde. In einem Artikel der Züricher Weltwoche hieß es neulich, das »Dritte Reich« habe den ästhetischen Visionen Jüngers die ins Bestialische mündende Verwirklichung beschert. Unwahrscheinlich ist also, dass er den Nationalsozialismus auf einmal tief und radikal verneinte, wahrscheinlicher, dass nur die Stillosigkeit des Paradieses der entfesselten Spießbürger ihn anwiderte, wie ja so mancher »Deutschnationale« dem »Führer« nur verübelte, dass er Anstreicher gewesen war und sich in Fremdworten vergriff. Spengler und Moeller van den Bruck, Stefan George und Hans Grimm, Ludwig Klages, Karl Haushofer und Ernst Jünger – sie alle hatten jeweils irgendeine Komponente des Nationalsozialismus geistig vorbereitet und Hitlers ideologisches Reservoir mit den verschiedensten Spielarten des Nihilismus gefüllt. Sie alle grollten nun über dies oder jenes, ohne sich jedoch zu einer klaren Absage durchringen zu können. Bei Jünger war wohl vor allem entscheidend, dass er sich – kokett und eitel auf der Basis eines mürben Charakters – in snobistischer Eigenwilligkeit davor scheute, als Opportunist angesehen zu werden. Immerhin blieb er nach dem berüchtigten 30. Juni 1934, dessen Vorgänge auch zum Mord an den Generalen Schleicher und Bredow führten, den periodischen Versammlungen der Pour-le-mérite-Träger fern und wies alle Ehrungen, die Goebbels ihm bereiten wollte, zurück. Jünger gehörte auch zu Ernst Niekischs Widerstandskreis, einer ihrer Zielsetzung nach nationalrevolutionären Opponentengruppe gegen Hitler, die vor 1933 Strasser nahegestanden hatte und nach der Usurpation der Macht illegal konspirierte. Die Verschwörung misslang: Niekisch kam ins Zuchthaus und Jüngers Leben wurde nur durch das beharrliche Schweigen eines der Angeklagten gerettet. Sein Buch Auf den Marmorklippen schien manchen eine Abrechnung mit den Nazis. Dem Hitlerkrieg eine klingende Rechtfertigung zu gehen, verweigerte er. In seinem Kriegsbuch Gärten und Straßen bekundete er stattdessen Mitleid mit dem Schicksal der besiegten Franzosen. In Paris befreundete er sich mit Jean Cocteau, hatte Verbindung mit führenden Männern des Marquis und galt vielen als Repräsentant des anderen Deutschland. Nur durch Zufall entkam er nach dem 20. Juli der Verhaftung. Mit den Generalen Stülpnagel und Choltitz, die an der Verschwörung beteiligt waren, hatte er in Verbindung gestanden. 1302 Teil VIII Diese Haltung spricht mehr gegen das »Dritte Reich«, dessen Abscheulichkeit die Urheber bösester Wünsche und Gedanken noch entrüsten musste, als für Jünger. Wäre sie jedoch ein Zeichen innerer Wandlung, wäre sie Läuterung aus Erfahrung und Einsicht, so ließe sie sich heute vielen Verstockten als mahnendes Beispiel vorhalten, denn in noch stärkerem Maße als nach dem Ersten Weltkriege sind diesmal weite Kreise des deutschen Volkes, insbesondere die heimkehrenden Soldaten und Offiziere der Hitler-Armee, die aktiven und passiven Helfershelfer der Nazis, die Heimatlosen aus dem Osten, in ihrer Verelendung, Verbitterung und Ratlosigkeit gefährdet, wieder nationalistischen Verlockungen zu erliegen. Hier wäre es wichtig, etwa am Beispiel Ernst Jüngers zu demonstrieren, wie gefährlich derartige Einflüsse sind, und wie selbst die Irrenden und Schuldigen von damals die Verwerflichkeit ihres Tuns und Denkens eingesehen haben und zur Umkehr bereit sind. Jünger hätte heute, nachdem er den einen Frieden zerstören half, eine letzte Gelegenheit, im Namen aller, die seines Geistes waren, ein umfassendes Schuldbekenntnis abzulegen und damit dem zweiten Frieden zu dienen. Was also steckt hinter seiner erwiesenen Abneigung gegen den Nationalsozialismus, hinter der Gestalt des Oberförsters aus den Marmorklippen, die viele schaudernd als ein Symbol der Barbarei erkannten, hinter der Nennung des 73. Psalms und dem unverhohlenen Mitgefühl mit dem Leid der Franzosen in Gärten und Straßen? Die Gegenwart muss es erweisen. Jetzt kann Jünger sprechen, kann über sich selbst unerbittlich zu Gericht sitzen und im Geiste wenigstens eine Vergangenheit zerbrechen und verdammen, die – in der Realität unwiderruflich – aller Welt unermessliches Unglück bereitete und ihm selbst tiefe Demütigung eintrug. Nur wenn er erbarmungslos ist gegen sich selbst, kann Jünger einen Beitrag zum Frieden leisten. IV. Ernst Jüngers neueste Schrift heißt Der Friede. Der Dichter schrieb sie angeblich während des Krieges in Paris, und sie soll damals als Zeugnis des illegalen Widerstandes in jenen deutschen Offizierskreisen zirkuliert sein, die sich von Hitler abgewandt hatten. Jünger hat in diese Schrift nach dem Kriege noch wesentliche Veränderungen hineingearbeitet, die sich deutlich auf die gegenwärtige europäische Situation beziehen. Nach dem Bericht der Züricher Weltwoche gab er dies einem jungen Franzosen namens D. Raguenet gegenüber zu, der ihn vor einigen Monaten in Kirchhorst zwischen Hannover und Celle »nicht als Untersuchungsrichter, sondern als bescheidener Gast« besuchte. 1303Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall In seiner letzten Fassung ist Der Friede ein eigentümliches Gebilde. Seine prophetischen Partien sind überholt, was durch die unverkennbare Hinzufügung nachträglicher Erkenntnisse verschleiert ist. Der Friede hatte noch den Nimbus der illegalen, antifaschistischen Kampfschrift, der bestimmte höchst gefährliche Gedanken mit einer Art Schutzhülle umkleidet. Das Verwirrende und wenn man es durchschaut, Bedenkliche ist jedoch, dass diese Schrift mit einem 1945 geschriebenen Vorwort in vielen hektographierten Exem plaren von Hand zu Hand geht und eifrig abgeschrieben und weiterverbreitet wird von all denen, die keine Gelegenheit auslassen, im Trüben zu fischen. Wären auch die Hinzufügungen und Veränderungen der letzten Fassung nicht, so genügte doch diese Tatsache, die Schrift ihres Nimbus zu entkleiden und sie als eine aktuelle Äußerung Jüngers zum gegenwärtigen Frieden zu bewerten. Schon das Titelblatt sollte uns zu denken geben. Jünger wendet sich »an die Jugend Europas«. Bedenkt man die Vergangenheit des Dichters, seine geistige Mitschuld am Nationalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg, so wird einem erst bewusst, dass dieser Appell eine ungeheure Anmaßung ist. Deutsche antifaschistischen Schriftsteller wie Kästner und Weisenborn, ja, selbst die, die erst jetzt aus der Emigration heimgekehrt sind, wie Weinert und Becher, haben es in taktvoller Bescheidung bisher vermieden, sich in dieser Situation an irgend jemand anderen zu wenden als immer nur an das schuldbeladene und unglückliche eigene Volk. Einzig und allein Ernst Jünger blieb es vorbehalten, die »höhere Warte« zu erklimmen und einen fordernden Appell auch an diejenigen zu richten, die von der deutschen Tyrannei so lange unterdrückt wurden. Dazu kommt die durch ihren inneren Widerspruch peinliche Widmung: »Gewidmet sei die Arbeit meinem lieben Sohne Ernst Jünger. Nachdem er sich, fast noch ein Knabe, in Widerständen gegen die innere Tyrannis bewährt und in deren Kerkern geschmachtet hatte, fiel er am 29. November 1944 im Marmorgebirge bei Carrara mit achtzehn Jahren für sein Vaterland.« Ein in seiner Paradoxie besonders tragisches Schicksal. Aber konnte ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der, nachdem er im Kerker geschmachtet hatte, zur Front gezwungen worden war, dort auf deutscher Seite überhaupt »fürs Vaterland« fallen? Es ist doch wohl eine Blasphemie, das Deutschland der Hitlerzeit in diesem Fall überhaupt noch als Vaterland zu bezeichnen. Aber gerade diese Widmung ist für Jüngers verworrene und verwirrende Einstellung zum Kriege überaus bezeichnend. Jünger hält 1304 Teil VIII den Soldatentod für ein in sich selbst werthaltiges Ereignis, wie er überhaupt von dem Glauben durchdrungen ist, alles, was mit dem Krieg zusammenhängt, trage in sich Sinnerfüllung und Wert. Es ist ihm ganz gleichgültig, ob ein Soldat für eine gerechte oder ungerechte Sache kämpft, ob er freiwillig oder gezwungen sein Leben hingeben muss, ob er in einem Angriffs- oder in einem Verteidigungskriege fällt – Heldentod bleibt Heldentod. Dies gerade aber ist ein verhängnisvoller Irrtum, der jeder Laxheit in der Bewertung eines Krieges Vorschub leistet. Schließlich fehlt auf dem Titelblatt nicht der Hinweis da rauf, dass Der Friede ein Zeugnis des antifaschistischen Widerstandes sei. Jünger dankt den deutschen Offizieren, die die Schrift verbargen und ihre heimliche Verbreitung ermöglichten. Damit wehrt er jeden sachlichen Einwand und jeden Versuch einer Entlarvung seiner geheimsten Absichten ab. Jünger stellt seine Betrachtung unter das »Heilwort«: »Der Krieg muss für alle Frucht bringen!«, und er fragt zunächst »nach dem Samen, aus dem denn solche Ernte erwachsen kann!« Entkleiden wir diese Worte ihres feierlichen Klanges, so bleibt, dass Jünger aus dem Kriegserlebnis Ansätze zu einer Völkerverständigung sucht. Darin zeigt sich wieder, dass er den Krieg als solchen immer noch sehr hoch bewertet. Er beginnt damit, dass er in einer großartigen Version das Bild des Krieges beschreibt: »Und es wird in der Erinnerung fernster Zeiten ein großes Schauspiel bleiben, wie sie in allen Ländern aufbrachen, als die Stunde gekommen war, zum Männerkampfe an den Grenzen, zum Treffen der Schiffe auf den Ozeanen, zur tödlichen Begegnung der Geschwader in der Luft.« Es ist, als bereite ihm schon die Vision ästhetische Lust. Er malt das Grauen und die Herrlichkeit des Krieges aus, aber er spricht nicht davon, was denn die Völker veranlasst hatte, zum »Männerkampfe« aufzubrechen. Er schildert den Krieg wie eine Naturkatastrophe, die ein erhabenes Schauspiel abgibt. Aber die Ursachen umhüllt er mit einer farbigen Mythe. Dass dieser Krieg nur ein verbrecherischer Anschlag der Hitlerbande auf die staatliche und sittliche Ordnung anderer Völker war, dass überhaupt Kriege nicht gleichsam Lavaausbrüche sind, sondern nachweisbar von ganz bestimmten und dafür verantwortlichen Aggressoren verschuldet wurden, steht bei Jünger nicht zur Debatte. Hier herrscht noch die naturalistische Geschichtsbetrachtung, das Spengler-Motiv, das ihn von der Mühsal befreit, ehrlich nach der Verantwortung zu fragen. 1305Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Überall entsprang der Krieg »aus reinen Quellen«, und so muss, »was aus getrennten, doch reinen Quellen entsprungen ist, im guten Frieden sich vereinigen. Es muss durch die Vernunft verwirklicht werden, was unklar, doch mächtig in der Sehnsucht ungezählter Millionen lebte, gleichviel in welchem Lande der Erde ihr Schicksal sie geboren werden ließ, ein größeres und besseres Friedensreich.« Wenn so heute ein russischer oder französischer Schriftsteller etwa spräche, wir Deutschen könnten es nur dankbaren Herzens begrüßen. Aber ist überhaupt ein deutscher Dichter und insbesondere Ernst Jünger in dieser Situation berechtigt, sich so großzügig über alles hinwegzusetzen, was uns und vor allem ihm selbst zur Last gelegt werden muss, ist er befugt, die nahen und nächsten Ereignisse, die uns so furchtbar anklagen, von der »höheren Warte« her zu betrachten wie ein Schiedsrichter, der über allen Völkern thront? Aus der gleichen Geisteshaltung sprach Jünger nach dem Ersten Weltkriege von der »unsichtbaren Loge«. Diesmal wendet er sich kosmopolitisch und in den Verbrüderungsgesten einer plumpen Kameraderie, als habe er Gleichberechtigung ganz selbstverständlich zu beanspruchen, an eine übernationale Lebensgemeinschaft, in die wir ja erst durch allmähliche Bewährung hineinwachsen können. Dass wir den Krieg vom Zaune brachen, dass wir ihn längst schon verschuldet hatten, als wir Jünger ungestraft in gleißenden Kriegsapotheosen schwelgen ließen – nichts davon in dieser Schrift, die den Siegern weise Ratschläge erteilt, wie sie, ohne Hass und Gewalt, den Frieden fruchtbar machen könnten. Mit der Unbekümmertheit einer anscheinend schon geschichtlich weit distanzierten Schau wird über die Schuldfrage einfach hinweggewischt: Der Krieg ist »das erste allgemeine Werk der Menschheit, der Friede, der ihn beendet, muss das zweite sein«. Damit wird nun klar, warum diese Schrift gerade heute in Deutschland so viel Anklang findet. Wer an dem Krieg viel auszusetzen hat, wer unter Lasten stöhnt, die immer nur als Auswirkungen von Ursachen betrachtet werden sollten, die bei uns selbst zu suchen sind, sieht hier ein Idealbild des Friedens entworfen, das mit der Wirklichkeit deutlich kontrastiert. Ohne ein Wort über die Notwendigkeit der Wiedergutmachung zu verlieren, fordert Jünger, »dass dieser Krieg von allen gewonnen wird – das heißt, dass er von niemandem verloren werden darf«. Der Sieg sei da ran zu erkennen, dass das Vaterland größer und mächtiger werde. Da die Vaterländer aber nicht auf fremde Kosten sich neue Räume schaffen dürften, müsse ihr Zuwachs mit dem Einverständnis und mit der Hilfe aller Beteiligten entstehen: »Das heißt, die alten Grenzen müssen fallen durch neue Bünde, neue, größere Reiche müssen die Völker einigen. Das ist der einzi- 1306 Teil VIII ge Weg, auf dem der Bruderzwist gerecht und mit Gewinn für jeden beendet werden kann.« Hier stehen wir nun vor einem eigentümlichen und leider in beschämender Weise typisch deutschen Phänomen. Vor der Tatsache nämlich, dass wir Deutschen den Kosmopolitismus nur dann zur Schau tragen, wenn uns der eigene Chauvinismus allzu schlecht bekommen ist. Jünger versenkt die deutsche Schuld in einer mystischen Weltschuld81, stempelt den Krieg zum »allgemeinen Werk der ganzen Menschheit«, setzt sich über die Wiedergutmachung, die uns ja Nachteile brächte und deshalb eo ipso ungerecht wäre, kühn hinweg und weicht den Forderungen des Tages mit dem halb utopischen, halb anmaßen Plan eines umfassenden, europäischen Imperiums gleichberechtigter Völker aus. Paneuropa, unmittelbar nach dem Grauen des Hitlerkrieges ausgerechnet von Ernst Jünger den Befreiern der Menschheit offeriert und zum Heil der ganzen Welt empfohlen – es gibt keine Anbiederung, die noch lächerlicher die Vorstellung bestätigen könnte, die die Siegermächte von unserem Ohnmachtskosmopolitismus hegen. Jünger begründet seinen Plan aber nicht nur mit einer Weltschuld, sondern auch mit einem Welterlebnis, dem eine Solidarität aller Frontkämpfer entwachsen soll: »In diesem Riesenkampfe konnte jeder Gegner stolz auf den anderen sein, und in dem Maße, in dem die Zeit die Feindschaft verwittern lassen wird, wird die geheime Achtung, ja die geheime Liebe wachsen, die zwischen Überwindern und Überwundenen spielt.« Die Massenschlächter an Juden und Polen, die den Mord mit korrekter Gründlichkeit und aus System und Weltanschauung betrieben, die grausamen Verbrecher an der Menschlichkeit, die Frankreich plünderten und Russland verwüsteten – sie alle sind der Achtung und Liebe ihrer Feinde wert? Wer sich immer nur bereit zeigte, ohne Pardon zu vernichten, wer sich selbst immer noch viel zu human und objektiv fand, darf nicht im Zustande des Besiegtseins Ritterlichkeit fordern. Wird sie ihm trotzdem unverdient entgegengebracht, so sollte er sie in Demut empfangen. Aber Jünger geht es im Grunde um etwas anderes: Wieder feiert er den Krieg, aus dem eine solche Ritterlichkeit empor blühen soll, um seiner selbst willen als etwas durchaus 81 (AH) Das war einer der zentralen Vorwürfe Harichs an die bürgerliche Philosophie, namentlich an Heidegger, Jaspers u. a. Er lässt sich von seinen frühesten Wortmeldungen aus den Jahren der SBZ bis hin zu den Hartmann-Dialogen der achtziger Jahre (abgedr. in Band 10) nachweisen. 1307Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Sinn- und Wertvolles. Damit verschleiert er, dass der Wert eines Krieges relativ ist auf das Ziel, für das er geführt wird, dass der Krieg selbst aber bestenfalls nur ein notwendiges Übel sein kann. Jünger will und kann nicht eingestehen, dass ausschließlich der Krieg der Vereinten Nationen als Abwehr eines Verbrechens, des Hitlerkrieges, gerecht war. Die elementarsten Unterscheidungen von Gut und Böse, Recht und Unrecht fehlen bei ihm. Der Krieg als solcher, gleichviel, wofür und wogegen er geführt wurde, wird in seiner ganzen Furchtbarkeit zwar anerkannt, aber doch bejaht. Das Frontkämpferethos, das ja nur im Kriege entstehen konnte (und das, wie wir wissen, eine sehr fragwürdige Angelegenheit ist) soll, einmündend in ein mystifiziertes Christentum, den Frieden garantieren. Aus dem Stahlbad der Nation ist nun ein Stahlbad der ganzen Menschheit geworden. Die Apologie auf den Krieg ist nur mit einem kosmopolitischen Vorzeichen versehen. Indes war, nach Jünger, nicht nur der »aus reinen Quellen« entspringende Heroismus, sondern auch die finstere Blutgier in beiden Lagern zu finden. »So brachen für weite und wachsende Gebiete des Erdballs Verfolgung und Rechtlosigkeit im stumpfen Widerspiele von Gewalt und Schrecken an. Bald mussten die letzten freien Stimmen schweigen, und dann verstummten selbst die Laute des Schreckens inmitten der fürchterlichen Stille, die Gefängnisse und Friedhöfe umgab. Nur dunkle Gerüchte kündeten die grauenhaften Feste, bei denen die Schergen und Folterknechte sich an der Angst, an der Erniedrigung, am Blute ihrer Opfer weideten.« Ohne Zweifel ist das alles richtig, nur fehlt der Hinweis da rauf, dass dieser grauenhafte Zustand die unmittelbare Konsequenz jener ex trem nationalistischen Forderungen war, die ausschließlich durch die Ausrottung aller anders Fühlenden, durch die Erstickung der »letzten freien Stimmen« erfüllt werden konnten. Jünger berichtet nicht, dass der Terror dort nur wütete, wo Nazideutschland in den europäischen Frieden eingebrochen war. Er will die deutsche Schuld an den Gräueln des Krieges, des Gewissenszwanges und der Rassenverfolgung hinter einer allgemeinen Menschheitssünde verstecken. Dass die Märchen der Goebbelspropaganda ebenso stimmen wie die klaren Beweise von Nürnberg, wird dabei wie selbstverständlich stillschweigend vorausgesetzt. »In der Herrschaft von Klassen, Parteien oder fremden Heeren unterschied sich allein die Richtung, nicht aber das stets gleiche Antlitz der Tyrannei.« Und nun muss diese großzügige und um Einzelheiten und Differenzierungen gänzlich unbekümmerte Anschuldigung der ganzen Menschheit in Bausch und Bogen die ebenso sorglosen wie verworrenen Argumente für eine sehr deutliche anti- 1308 Teil VIII bolschewistische Hetzpropaganda liefern, in der Jünger sich als der Erzreaktionär bewährt, der er immer gewesen ist. »Wie bei großen Bränden bald dieser, bald jener Wind die Flamme nährt, so gab es Länder, in denen der weiße mit dem roten Schrecken (!) wechselte, und wo die Opfer bald unter den Streichen der eigenen Despoten fielen, bald unter denen der fremden Macht.« Und an anderer Stelle heißt es: »Es ist kein Zufall, dass der Nihilismus philosophisch von Nietzsche und im Roman von Dostojewski geschildert wurde; denn wenn er auch in allen Ländern Schule machte, so schlug er doch in Deutschland und in Russland die Residenzen auf. So waren auch hier die Verwandlungen am tiefsten, die Zerstörungen am furchtbarsten.« Hier lohnt es sich, zu verweilen; denn gerade aus diesem Satz werden die Vorteile derjenigen genährt, die so gern von sich behaupten, immer Gegner des Faschismus gewesen zu sein, und die dabei doch mit dem Schreckgespenst des »Bolschewismus« aufs Neue eine Stimmung erzeugen, deren mit Bosheit geladene Furchtsamkeit den Sieg des Faschismus schon einmal ermöglichte. Nach Jünger haben Faschismus und Bolschewismus eine gemeinsame geistesgeschichtliche Wurzel: Den Nihilismus, der in Deutschland und Russland die Residenzen aufschlug und dessen Folgeerscheinungen der weiße und der rote Schrecken waren. Der Faschismus leitet sich nach Jüngers Darstellung von Nietzsche her und der Bolschewismus nicht etwa von Marx, Engels und Lenin, sondern von – Dostojewski. Das eine stimmt, aber das andere ist falsch. Jünger kommt es da rauf nicht so sehr an. Die Hauptsache ist ihm, die nachträgliche Ernüchterung über den Faschismus auszunützen und ein Schlagwort für eine neue antibolschewistische Hetze zu finden. Als Marx und Engels nach dem »realen Humanismus« suchten, nach einer Ideologie, mit der sie die durch den Kapitalismus bedingte »Entfremdung des Menschen von sich selbst« zu überwinden trachteten, als sie die Verantwortung für die Geschichte aus dem anonymen Mysterium des »Weltgeistes« herauslösten und wieder im Menschen konzentrierten – waren sie Nihilisten? Und als Lenin sich kühn über alle nationalen Vorurteile und Leidenschaften hinwegsetzte und seit 1914 unablässig forderte, das Proletariat müsse im Dienst des historischen und gesellschaftlichen Fortschritts den imperialistischen Krieg in die proletarische Revolution verwandeln – war er ein Nihilist? 1309Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Nihilistisch war jene Aufbereitung der nationalen Ressentiments durch Leute wie Ernst Jünger, die unmittelbar nach dem Ersten Weltkriege die Entfesselung eines Zweiten Weltkrieges anstrebte und für diesen Zweck alle nihilistischen Mode-Ideologien von Nietzsches »Herrenmoral« bis zu Spenglers Leugnung des weltgeschichtlichen Fortschritts einspannte. Der Nationalsozialismus, der daraus entstand, bekannte sich von vornherein zum Krieg, der Bolschewismus zum Frieden. Der »weiße Schrecken« richtete sich in Fememorden und militaristischen Putschversuchen gegen alle, die die Sicherung des Friedens wünschten, der »rote Schrecken« gegen die, die in nationalistischer Verblendung die sinnlose Verlängerung des Krieges forderten. Hat Jünger diese wesentlichen Unterschiede alle vergessen? Hat er vergessen, dass der bolschewistische Weg nach Brest-Litowsk führte, während die erste Station des nazifaschistischen Weges die kriegerische Demonstration vor der Münchener Feldherrenhalle war? Uns scheint dieser Unterschied nicht zufällig zu sein; denn der Bolschewismus ist als die radikalste Ausprägung der Lehren von Marx und Engels humanistisch und fortschrittlich und hat mit dem Nihilismus, weder mit dem eines Nietzsche noch mit dem eines Dostojewski, nicht das Geringste zu tun. Was aber so leicht sich widerlegen lässt, wird denen, die an ihren Vorteilen hängen, ebenso leicht zum Verhängnis. Wenn sie vom »roten Schrecken« lesen, so halten sie ephemere und eher zufällige Missstände für systematische Bosheiten und werden da rin bestärkt, in dem Leid, das vielen Deutschen geschah, etwas Vorbedachtes zu vermuten und selbstgerecht zu übersehen, dass es nur Auswirkung von Ursachen war, die einzig und allein bei uns selbst zu suchen sind. Jünger lässt mit Geschick vergessen, dass Deutschland es war, das mit seinem nihilistischen, auf dem Rassenwahn basierenden und auf Landraub bedachten Anspruch verräterisch in Russland einbrach, dass die Rote Armee sich Schritt für Schritt durch weite Gebiete ihres von den Deutschen zerstörten Heimatlandes kämpfen musste, dass Russland durch seine nationale Notwehr dazu beitrug, die Welt vor dem angewandten Nihilismus zu retten, und dass gerade der Bolschewismus heute den Frieden und die humanitäre Neuordnung der Welt fundiert. Und nun muss man bedenken, dass Deutschland seit jeher und durch die Jahrhunderte gegenüber den fortschrittlichsten Errungenschaften seiner Nachbarvölker in der völlig sterilen Abwehrpose des »Anti« verharrte. Dann nämlich entsteht Klarheit da rüber, dass auf der Schmutzwoge des Antibolschewismus der Nazifaschismus emporgetragen wurde. Niemand wird von Jünger verlangen, sich nun deshalb als Sozialist oder womöglich als Anhänger des Bolschewismus zu bekennen. Man würde dies dem Mann, 1310 Teil VIII der den Arbeiter schrieb und kürzlich erst erklärte, die Aristokratie allein habe während des Krieges die Raserei der Nazis mäßigen können, ohnehin nicht glauben. Man soll und muss aber von Jünger fordern, dass er den Bolschewismus, den er für seine Person ruhig ablehnen darf, als geschichtliches Phänomen würdigt und ihn nicht in einer Weise interpretiert, die auf eine glatte Begriffsverfälschung hinausläuft. Nietzsche mit Dostojewski zu vergleichen, Dostojewski zum Urheber des Bolschewismus zu stempeln, Bolschewismus und Faschismus in einem Atem zu nennen und in diesem Zusammenhang von einem »roten Schrecken« zu reden – das alles wirkt heute unweigerlich vergiftend. Es scheint, als habe Jünger sich durchaus nicht gewandelt, als sei jener »Antifaschismus«, der ihn seit den Marmorklippen mit einem Nimbus umgab, nur ästhetische Abscheu vor den parvenuhaften Stillosigkeiten des Hitlerregimes gewesen, ohne aus Schuldbewusstsein und Erkenntnis herzurühren. Jünger ist nur eingekapselt in einer Larve des verlogenen Kosmopolitismus, aus Selbstschutz gegen ein Zeitalter, in dem jeder, der nicht wahnsinnig oder kriminell ist, den Krieg und alles, was Kriege heraufbeschwören könnte, schaudernd ablehnt. Jünger würde, böte sich nur eine Gelegenheit, sehr schnell und für viele Arglose überraschend, aus dieser Larve auskriechen. Sein geheimer und angedeuteter Antibolschewismus, dem kein Argument dilettantisch genug ist, stellt schon den ersten Versuch dar, Zwietracht zu säen und Unheil zu stiften. Das gilt besonders auch dann, wenn Der Friede bereits während des Krieges geschrieben wurde. Dann nämlich ist es doppelt bedenklich, dass er nach dem Kriege en masse vervielfältigt wird. Die antibolschewistische Tendenz des Friedens aber lässt nun auf einmal auch den Jüngerschen Kosmopolitismus in einem neuen Licht erscheinen. Das große paneuropäische Friedensreich, für das Jünger eintritt, erweist sich bei näherer Betrachtung als das gefährliche Truggebilde des »Westblocks«, in dem Deutschland offenbar den östlichen Prellbock gegen die Sow jet uni on abgeben soll.82 Es wird – dies ist der unausge- 82 (AH) Diese Ausführungen hatten zuvorderst tagesaktuelle Bedeutung, reichen über diese aber insofern hinaus, als sie im Denken Harichs grundlegenden Charakter einnahmen. Daher lassen sie sich auch noch Jahrzehnte später bei ihm nachweisen, beispielsweise in seinen Argument-Artikeln um 1980. Siehe: Fünfzehn Thesen zur Friedenspolitik. Ein Beitrag zur Sozialistischen Konferenz, in: Das Argument, Nr. 127, 1981, S. 315–325. Zur Problematik der »Exterminismus«-Theorie, in: Das Argument, Nr. 131, 1982, S. 68–74. Arbeiter und Aussteiger, einig gegen Atomraketen, in: Das Argument, Nr. 132, 1982, S. 240–245. (Alle neu abgedr. in: Band 8.) 1311Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall sprochene, der geheimste und infamste Wunsch – sich zeigen, dass Deutschland dafür gut zu gebrauchen ist. Der deutsche Nationalismus kann auch hier nicht das Ganze der internationalen Verhältnisse sehen. Er flieht in die »westliche« (und natürlich auch »christliche«) Orientierung, klammert sich an jede bestehende Meinungsverschiedenheit und vertraut da rauf, in einer künftigen Auseinandersetzung eine Rolle spielen zu können. Denn wie dieses Friedensreich sonst beschaffen sein soll, bleibt bei Jünger gänzlich unklar. Nichts davon, dass nur der Wille der breiten Massen aller Völker, nur die demokratische Bestimmung der nationalstaatlichen Politik durch die Massen selbst den Frieden garantieren kann, nichts schließlich von einer sicheren Fundierung des Friedens in den realen Interessen der Werktätigen aller Länder. Jünger fordert eine gerechte Neuaufteilung der Erde, fordert die Freiheit der menschlichen Persönlichkeit. Aber immer, wo er die Vo raus set zungen zu diskutieren vorgibt, verdirbt er sich selbst das Konzept durch inhaltsleere, wohlklingende Phrasen. Einmal, wenn er von einer Umgestaltung der Lebensformen des Arbeiters spricht, wenn er dies als eine Frage behandelt, deren Lösung vom Frieden erwartet werden müsse, werden wir aufmerksam. Aber sogleich zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass er wieder jeder realen Neuerung auf diesem Gebiet mit nichtssagendem Gerede die Wurzel abgraben will. Vergessen wir nicht, es ist der Verfasser von Der Arbeiter – Herrschaft und Gestalt, der nun schreibt: »Der wilde Strom hat sich das Bett gegraben, in dem er nun friedlich fließt. Zugleich wird die Gestalt des Arbeiters aus dem Titanischen sich wendend (?), neue Aspekte offenbaren: Es wird sich zeigen, welches Verhältnis sie zur Überlieferung, zur Schöpfung, zum Glück, zur Religion besitzt.« Ebenso lässt der Gedanke einer neuen europäischen Raumordnung zunächst aufhorchen: »Die wahre Lösung liegt einzig im Vertrage, im Friedensbunde, in der Zusammenlegung unter neuer Sinngebung.« Das klingt zuversichtlich und wahr, ist aber ohne jede Präzision. Erfahren wir dann jedoch die Vorbilder, nach denen wir uns bei dieser neuen Ordnung richten sollen, so alarmieren uns die Namen von Reaktionären, die in Europa mehr Unheil als Frieden gestiftet haben und gar nicht kosmopolitisch waren: »Der Mensch steht hier vor einem promethischen Werk. Doch fehlt es an Vorgängern und Vorbildern nicht. Hierher gehört die Bildung der Einheitsstaaten durch – Bismarck und Cavour (…). Es handelt sich bei dieser Gründung Europas darum, einem Raume, den die geschichtliche Entwicklung gliederte, geopolitische (!) Einheit zu verleihen.« 1312 Teil VIII Immer sind es giftige Präparate, die Jünger in die Watte milder Versöhnlichkeit packt. Immer geht man mit Gedankengängen mit, die sich gewollt humanitär geben, aber zu nichts verpflichten, bis man sich unversehens in gefährliche Folgerungen verstrickt findet, die nur den Wachsamen erschrecken. Ein unverbesserlicher Nihilist ist am Werk und benutzt alle Mittel und Mittelchen einer lange erprobten Routine. Dass er zu wissen vorgibt, wie der Nihilismus zu überwinden sei, ist nur ein Ablenkungsmanöver von Gefahren, die dann um so stärker und sicherer wirken sollen. Wie dilettantisch Jünger dabei ist in der Wahl seiner Vo raus set zungen, zeigten wir schon bei der Entlarvung seines Antibolschewismus. Wenn er aber eine Wiedergeburt Europas aus dem Geiste des Christentums empfiehlt, so wird deutlich, dass er in Wirklichkeit nur seine reaktionären Absichten aus ehrwürdigen Atavismen nähren will. »Der Mensch von heute will glauben; er hat das durch die Kraft bewiesen, mit der er seinen Sinn selbst an das Absurde, an flüchtige Hirngespinste hängte.« Diese Religiosität gilt es einzufangen und nutzbar zu machen, um den Menschen, so sagt Jünger, aus dem Nihilismus zu befreien. Aber er beabsichtigt, das menschliche Bewusstsein mit eben derselben Religiosität, die sich an das Absurde und an Hirngespinste klammert, einzunebeln, um es dann aus irgend einem Hinterhalt mit einem viel schlimmeren Nihilismus zu überfallen. Weil der Mensch glauben will, so gebe man ihm, wessen er bedarf! Das eben ist nichts anderes als sein Rezept. Ist Jünger aus einem Saulus zu einem Paulus geworden? Gerade dieser Vergleich scheint zuzutreffen. Unvermutet kommt der Appell an Nächstenliebe und Versöhnlichkeit ausgerechnet von dem, der das grandiose Grauen der Schlachten so ästhetisch betörend zu verherrlichen verstand. Jünger will das Leid und die Trennung, die in der Welt sind, durch christliche Ethik überwunden sehen. Aber wer den Frieden liest, fühlt deutlich: Hier bricht Christentum nicht aus innerer Gläubigkeit auf, sondern wird von einem selbst Ungläubigen als Medikament empfohlen. Den Siegern, damit sie milder werden, den Besiegten, damit sie das schmerzliche Gefühl der Verantwortlichkeit in einem hilfreichen Dämmerzustand vergessen – eine Religiosität aus Berechnung also, die auf Schwäche spekuliert und alle Heimkehr zum Christentum heute als verdächtig erscheinen lassen muss, da der Pathetiker der rohen Gewalt sie als Fluchtmöglichkeit und Ausrede entdeckt hat und sich auf einmal emphatisch zu ihr bekennt. V. Das Wäldchen 125, das Buch, in dem Jüngers militanter Nihilismus am zynischsten zu Tage tritt, erschien 1925, in dem gleichen Jahre, in dem Hindenburg Reichspräsident 1313Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall wurde und in dem die Franzosen das Ruhrgebiet räumten. Die Duldung Jüngers damals gehört zu den großen Versäumnissen, mit denen die Weimarer Demokratie ihrer eigenen Liquidierung durch die Reaktion Vorschub leistete. Und doch war Jünger damals eindeutig unmissverständlich und deshalb weniger gefährlich als heute, da er raffiniert genug ist, eine tiefe Gesinnungswandlung vorzutäuschen und sich dabei doch unmittelbar an die gleichen Instinkte zu wenden, deren Entfesselung der Nationalsozialismus vollendete. Nach der Niederlage von 1918 ging es Jünger um den Revanchekrieg. Er selbst rechnete sich zu der unsichtbaren Loge über den Nationen, die am geschichtlichen Auf und Ab, am ewigen Wellenspiel der Kriege »ihre Freude« hat. Unfähig, selbst wahrhaft national zu empfinden, empfahl er um des Krieges willen die Steigerung des Nationalbewusstseins zu einem wilden Chauvinismus. Das Vaterlandsgefühl wurde zum Mitleid degradiert, der Krieg zum Zweck erhöht. Heute empfiehlt Jünger, bar jedes religiösen Gefühls, das Christentum als Allheilmittel. Die Verwischung der Schuldfrage, die kosmopolitisch getarnte Frontsoldatenkameraderie und die antibolschewistische Tendenz seiner neuesten Schrift beweisen, dass im Grunde der Zweck sich nicht geändert hat, was Jünger selbst vielleicht unbewusst klar sein mag. Ein Jahr nach dem Ende des Hitlerkrieges geht Jüngers Schrift in Deutschland von Hand zu Hand. Eine Forderung von unbedingter Notwendigkeit ist es, dass diesem Mann das Handwerk gelegt und dass er da ran gehindert wird, Deutschland geistig zu repräsentieren. Der Friede kann vom Auslande nur als taktlose Vertraulichkeit, von der Sow jet uni on aber als glatte Herausforderung empfunden werden. Außerdem beruhigen Tausende von Deutschen da ran ihr ohnehin schadhaftes Verantwortungsbewusstsein und wissen sich in Vorurteilen bestätigt, die heute kein Gesinnungsluxus mehr sein dürfen, da in dieser Situation jeder Antibolschewismus eines Deutschen insgeheim nur auf einen kommenden Krieg spekuliert, der unser aller Ende wäre. Der Friede wurde im Krieg geschrieben und dann mehrfach umgearbeitet und erweitert. Wenn Jünger heute jene Gedanken, die vor Jahren noch seiner eigenen Klärung dienlich sein mochten, in die gegenwärtige Situation hineinsendet, so kann er damit nur eine bestimmte Absicht verfolgen. In seinem Geleitwort schreibt er, die Lage der Dinge habe sich geändert; nicht geändert aber hätten sich die Heilmittel, durch die allein Europa gesunden könne. Deutschland ist einmal schon auf die »Heilmittel« Jüngers hereingefallen, hat die therapeutischen Vorschriften dieses militaristischen 1314 Teil VIII Kurpfuschers genau befolgt. Das Ergebnis war die Katastrophe von 1945. Diesmal verordnet Jünger sein »Heilmittel« gleich dem ganzen Kontinent. Europa bedarf der Genesung, die aber kann nur durch qualifiziertere Ärzte als Jünger vermittelt werden. »Abendland« oder nationale Souveränität? Der Kosmopolitismus – eine tödliche Gefahr für das deutsche Volk83 (November 1949) I. Im Jahre 1945, unmittelbar nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reichs«, begann in den Kreisen der deutschen bürgerlichen Intelligenz eine hektographisch vervielfältigte Schrift, betitelt Der Friede, zu zirkulieren, die der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger während des Krieges als Besatzungsoffizier im faschistisch okkupierten Paris verfasst hatte. Aus zwei Gründen erregte diese Schrift unter den deutschen bürgerlichen Intellektuellen, die nach einer neuen weltanschaulichen Orientierung suchten, damals erhebliches Aufsehen: Einmal, weil sie als ein Versuch gewertet werden musste, der Verschwörung des 20. Juli 1944 (mit der Jünger in enger Verbindung gestanden hatte) eine ideologisch-programmatische Grundlage zu geben; zum anderen, weil sie eine merkwürdige innere Wandlung des Verfassers kundzutun schien, der bis dahin als der führende literarische Repräsentant des preußisch-deutschen Militarismus und als ex tremer Nationalist bekannt gewesen war und der hier nun, überraschenderweise, auf einmal ein Bekenntnis zum »christlichen Humanismus« ablegte, den »Abbau nationaler Vorurteile« forderte und sich lebhaft für die Beseitigung der Ländergrenzen und die Gründung eines großen »europäischen Friedensreiches« einsetzte. Eine Gegenüberstellung zweier typischer Zitate aus Jüngers Werk, die sich durch beliebig viele gleichlautende Beispiele vermehren ließe, mag diese Wandlung charakterisieren. 1925 schrieb Jünger: »Der wirkliche Kern unseres Volkes wird die Überzeugung nicht fahren lassen, dass es um eine Welt nur gut stehen kann, in der wir (die Deutschen, WH) die Ersten sind. (…) Der behördlich wohl geregelte Patriotismus ebenso wohl wie die Kräfte, die sich ihm entgegenstellen, müssen von einem dämonisch aus allen Schichten auflodernden Glauben an Volk und Vaterland verschlungen, jeder anders Fühlende muss mit dem Brandmal des Ketzer behaftet und ausgerottet werden. Wir 83 (AH) Zuerst in: Neue Welt, Heft 11, 1949, S. 58–68. 1315Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall können gar nicht national, ja nationalistisch genug sein. Eine Revolution (!), die das auf ihre Fahnen schreibt, soll uns stets in ihren Reihen finden.« Derselbe Ernst Jünger schrieb, knapp zwei Jahrzehnte später, in der Schrift Der Friede: »Überall entsprang der Krieg aus reinen Quellen, und so muss, was aus getrennten, doch reinen Quellen entsprungen ist, zum guten Frieden sich vereinigen. Es muss durch die Vernunft verwirklicht werden, was unklar, doch mächtig in der Sehnsucht ungezählter Millionen lebte, gleichviel, in welchem Land der Erde ihr Schicksal sie geboren werden ließ: ein größeres und besseres Friedensreich. Das heißt, die alten Grenzen müssen fallen durch neue Bünde, und neue, größere Reiche müssen die Völker einigen. Das ist der einzige Weg, auf dem der Bruderzwist gerecht und mit Gewinn für jeden beendet werden kann.« Die reaktionäre bürgerliche Publizistik beeilte sich, als Jüngers Schrift bekannt wurde, dessen Entwicklung als eine »tiefere Läuterung« zu deuten und den einstigen Verherrlicher des imperialistischen Krieges und des Militarismus, den bewussten geistigen Wegbereiter der Nazidiktatur, als »echten Antifaschisten« und »Humanisten« willkommen zu heißen. Die fortschrittliche Presse griff Jünger heftig an, und zwar nicht nur seiner Vergangenheit wegen, sondern vor allem, weil gerade seine neuesten Verlautbarungen sehr deutlich bewiesen, dass er sich keineswegs gewandelt hatte. So setzte Jünger dem französischen Journalisten D. Raguenet, der ihn einige Monate nach Kriegsende aufsuchte, seine »paneuropäischen« Projekte auseinander und empfahl dabei für Deutschland innerhalb des »europäischen Friedensreiches« den Sonderstatus einer merkwürdigen Art von »Demokratie«: In Deutschland, so erklärte Jünger, sei der Nationalsozialismus »Ausdruck des Volkes« gewesen. Deshalb müsse man bei der Errichtung der »Demokratie« in diesem Lande »zur Zügelung des Volkes« nicht nur eine parlamentarische Vertretungskörperschaft, sondern unbedingt vor allem ein »Oberhaus« schaffen. Diese Ansicht begründete Jünger damit, dass nur die Aristokratie die »Raserei der Nazis« hätte »mäßigen« können – die Aristokratie, die allerdings »zu hochgezüchtet«, »nicht barbarisch und auch nicht mehr stark genug gewesen« sei, »dem Hitlerismus bis in seine letzten Konsequenzen zu Folgen«. Die fortschrittliche Presse stellte dazu fest, dass Jünger hier in ungeheuerlicher Verantwortungslosigkeit die Schuld an den faschistischen Gräueln auf die irregeführten und betrogenen Massen des deutschen Volkes abzuwälzen versuchte, nachdem er selbst, als 1316 Teil VIII Vertreter junkerlich-militaristischer Kreise, jahrzehntelang in allen seinen Schriften die faschistischen Ideen propagiert hatte. Aus dieser Verleumdung der Massen des deutschen Volkes wollte er nun, und das war der Gipfel der Infamie, die Legitimation eines neuen autoritären, antidemokratischen Regimes der alten reaktionären Herrenschicht herleiten. Jüngers Kosmopolitismus diente dabei im Grunde der Ermunterung der nationalistischen Tendenzen. Denn indem Jünger in der Schrift Der Friede die eindeutige Schuld der deutschen imperialistischen Reaktion am Zweiten Weltkrieg und an allen seinen Konsequenzen durch ein »Welterlebnis aller Völker«, durch eine dämonische »Menschheitsschuld« und dergleichen wegzudisputieren suchte, wollte er das moralische Verantwortungsgefühl des deutschen Volkes zerstören, das nur aus tiefster nationaler Scham über die Schandtaten, die von den Faschisten im Namen Deutschlands verübt worden waren, die innere Bereitschaft zur demokratischen Erneuerung der Nation und ihre gesellschaftlichen Lebensverhältnisse gewinnen konnte. Das Gerede von »Menschheitsschuld« und von den »reinen Quellen« des Krieges war also geeignet, den Faschismus zu stärken. Wenn es aber noch den geringsten Zweifel über Jüngers reaktionäre Einstellung geben mochte, so rückten die antisowjetischen und antisozialistischen Hasstiraden in Jüngers Schrift den Charakter seiner »inneren Wandlung« endgültig und entscheidend ins rechte Licht. Hier zeigte sich, dass Jünger der alte Kriegshetzer von ehedem geblieben war, dessen Bekenntnis zum »Frieden«, zur »Humanität«, zur »persönlichen Freiheit«, zur »christlichen Demut«, zur »Nächstenliebe«, »Toleranz« usw. nur heuchlerische Tarnphrasen waren. II. Als individuelles Ereignis war der »Fall Jünger« völlig uninteressant. Als gesellschaftliches Symptom aber hatte er einige Bedeutung. Wenn die Frage, ob Jünger sich, durch das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs, tatsächlich vom militaristischen Saulus zum friedfertigen Paulus gemausert hatte, angesichts seiner Antisowjethetze und seines dummdreisten Plädoyers für die Aristokratie auch entschieden verneint werden musste, so blieb doch zu klären, warum er die alten reaktionären Ideen neuerdings in anderer Fassung (und zwar ausgerechnet in »christlich-humanistischer«, »europäisch«-kosmopolitischer Fassung!) vortrug. 1317Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Ein wichtiger Grund war zweifellos da rin zu suchen, das 1945 niemand hätte wagen können, offen zum Kriege zu hetzen, ohne die Empörung der gesamten Öffentlichkeit hervorzurufen und sich ein für alle Mal selbst zu diskreditieren. Die Reaktion musste dieser Tatsache taktisch Rechnung tragen; sie musste die überwältigende Friedenssehnsucht und Friedensliebe der Völker (und auch des deutschen Volkes) zunächst durch einen entleerten, phrasenhaften Pazifismus zu zersetzen trachten; sie musste versuchen, das Bewusstsein der Massen mit schön klingenden Parolen von »Menschenrechten«, »persönlicher Freiheit« und »Toleranz« zu verwirren, bevor sie es sich leisten konnte, wieder mit schwerem Geschütz aufzufahren. Jüngers »Humanismus« hatte in dieser Hinsicht also durchsichtige Gründe. Das Entscheidende aber war, dass es sich gerade bei Jüngers Propaganda für »Pan-Europa« und den Kosmopolitismus ebenfalls keineswegs um eine »Läuterung« dieses unverbesserlichen Nationalisten, sondern um das bezeichnende Symptom eines gesellschaftlichen Vorgangs handelte: Jünger war nach wie vor ein Ideologe des deutschen Imperialismus; aber der deutsche Imperialismus hatte, angesichts der veränderten weltpolitischen Klassensituation, neue strategische Position beziehen müssen. Erinnern wir uns doch! Als Hitler noch »Blitzkrieg« führte, wurde die bestialische Irrlehre vom deutschen »Herrenvolk« propagiert, das Kraft einer mysteriösen »rassischen Überlegenheit« berufen sei, die Welt zu unterjochen. Als dann aber die Sowjetarmee ihre ersten grandiosen Siege über den faschistischen Eindringling errang, wurde die gleichgeschaltete Propaganda des »Dritten Reiches« auf jene »abendländische Kultur« umgestellt, die unbedingt vor der »bolschewistischen Gefahr« »gerettet« werden musste – »gerettet« durch die blutigen Henker von Auschwitz und Buchenwald, durch die Pogromhelden, die Millionen unschuldiger Menschen auf dem Gewissen hatten. Und die letzte Parole, die Hitler und Goebbels noch im April 1945 ausstreuen ließen, lautete etwa: Haltet aus, kämpft weiter! Es sind Geheimverhandlungen mit den westlichen Alliierten im Gange, die mit uns, den »Rettern« des »Abendlandes«, Europa vor dem Bolschewismus schützen werden! Das war natürlich Unsinn, lediglich bestimmt, das elende Leben der faschistischen Hauptkriegsverbrecher noch ein paar elende Minuten lang zu verlängern. Niemals hätte irgendeine noch so reaktionäre (und ökonomisch noch so starke) Kräftegruppe in den USA, in England oder gar in Frankreich in dieser Stunde ein »abendländisches« Bündnis mit Hitler eingehen und im Bunde mit den blutbesudelten, verhassten Fa- 1318 Teil VIII schisten die Sowjetmenschen, die heldenhaften Befreier der Menschheit, die wahren Retter Europas, angreifen können. Sie wäre auf der Stelle von der Empörung der Volksmassen hinweggefegt worden. Und trotzdem – hinter der verzweifelten Parole, mit der Hitler und Goebbels noch »fünf Minuten nach zwölf« vergeblich ihr Leben verlängern wollten, steckte ein recht beträchtliches Körnchen Wahrheit: Schon während des Krieges hatten gewisse Kräftegruppen des imperialistischen Lagers in Deutschland, die bis dahin das faschistische Terrorregime als brauchbares Instrument betrachteten, die Aussichtslosigkeit der militärischen Lage Deutschlands eingesehen und beschlossen, sich der kompromittierten Hitlerbande zu entledigen, um – auf der Basis eines so genannten »ehrenvollen Verständigungsfriedens« – Anschluss an die imperialistischen Westmächte gewinnen und damit die Machtpositionen des deutschen Monopolkapitals wenigstens vor gesellschaftlichen Umwälzungen retten zu können. Der Putsch des 20. Juli 1944, inspiriert von Großindustriellen und hohen Militärs junkerlicher Herkunft, war der missglückte Versuch eben dieser imperialistischen und stockreaktionären Kräfte, die Macht zu erringen und ihre Pläne zu verwirklichen – eine Feststellung, deren Richtigkeit übrigens nicht durch die Tatsache entwertet wird, dass in die Verschwörung auch einige ehrliche Antifaschisten hineingezogen wurden, die sich mit dem Teufel verbündet hätten, um Beelzebub den Garaus zu machen. Wenn wir nur wissen, dass Der Friede das ideologische Dokument des 20. Juli ist, so wird uns klar, was Jüngers Gewäsch von der Aristokratie, die allein die »Raserei der Nazis« hätte »mäßigen« können, zu bedeuten hat. Wir verstehen dann auch, wie sie über besagtes »Oberhaus« dachte; denn dieses »Oberhaus« weist erstaunliche Ähnlichkeiten mit den faschistischen »Ständestaat«-Konzeptionen auf, die man im Nachlass Dr. Goerdelers, eines der führenden Politiker der Verschwörergruppe, fand. Schließlich wird uns in Jüngers Schrift ein Satz wie der folgende völlig klar: »In diesem Riesenkampfe (im Zweiten Weltkrieg, WH) konnte jeder Gegner stolz auf den anderen sein, und in dem Maße, in dem die Zeit die Feindschaft verwittern lassen wird, wird die geheime Achtung, ja die geheime Liebe wachsen, die zwischen Überwindern und Überwundenen spielt.« Unzweifelhaft war Jünger nicht naiv genug, anzunehmen, dass der Sowjetsoldat auf seinen Gegner, den SS-Mörder, »stolz« war, oder dass der französische antifaschistische Widerstandskämpfer für das nazistische Gesindel, das Frankreich unterdrückte, jemals 1319Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall »geheime Achtung, ja Liebe« empfinden könnte. Was also meinte Jünger? Er meinte nicht Völkerverständigung schlechthin (denn das Volk wünschte er ja »gezügelt« zu sehen!), er meinte vielmehr, dass die »geheime Liebe« zwischen den diversen »Oberhäusern« der »Überwinder« und der »Überwundenen«, nämlich zwischen den Monopolkapitalisten der USA, Englands und Frankreichs und den deutschen Monopolkapitalisten, »spielen« solle. Und diese »geheime Liebe« »spielte« in der Tat schon lange, sowohl vor dem Kriege als auch während des Krieges. Sie »spielte« in all den Jahren, in denen die Westmächte die ungeheuerlichen Verbrechen des deutschen Faschismus duldeten und ermuntert. Sie »spielte«, als Daladier und Chamberlain den Teufelspakt von München schlossen und die Tschechoslowakei verrieten. Sie »spielte«, als die französische Bourgeoisie im Winter 1939/1940 die Maginotlinie von Truppen entblößte und sich auf Kollaboration einzurichten begann. Sie »spielte«, als die amerikanischen Terrorbomber sorgsam die deutsche Rüstungsindustrie verschonten und sich dafür an Kirchen, Krankenhäusern und Wohnvierteln schadlos hielten. Sie »spielte«, als Churchill die zweite Front verzögerte und Hitlers Kampf gegen das griechische Volk fortsetzte. Und die »geheime Liebe« hat sich nach dem Kriege zu jenem Mechanismus kolonialer Unterdrückung (von seiten des anglo-amerikanischen Imperialismus) und nationaler Würdelosigkeit (von seiten der westdeutschen Quislinge aus CDU und SPD) einge«spielt«, der durch die Begriffe Ruhrstatut, Besatzungsstatut, Bonner Separatverfassung, Marshall-Plan usw. hinreichend charakterisiert ist. Es würde in diesem Zusammenhang zu weit führen, noch einmal die tausend bekannten Tatsachen aufzuzählen, die eindeutig beweisen, dass die imperialistischen Westmächte seit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges und bis zum 22. Juni 1941, bis zu dem düsteren Tage des faschistischen Überfalls auf die Sow jet uni on, unablässig versuchten, den deutschen Imperialismus zu ihrer aggressiven Vorhut zu machen und seine Expansionsgelüste gen Osten, auf den ersten sozialistischen Staat der Welt, abzulenken. Diese Politik fand mit dem deutschen Überfall auf die Sow jet uni on und mit dem Kriegsbündnis der Vereinten Nationen keineswegs ihr Ende. Hinter dem Rücken der freiheitlichen Völker, die um ihr Leben kämpfen, waren auch nach dem 22. Juni 1941 vor allem in den USA und in England einflussreiche Kräfte am Werk, die mit den deutschen Imperialisten gemeinsame Sache machen wollten. Und auf diese Kräfte orientierten sich die Häupter der Verschwörung des 20. Juli. Mit ihnen standen sie in Verbindung. Es sei nur an die Zusammenkünfte erinnert, die zwischen Allan W. 1320 Teil VIII Dulles und den Abgesandten der deutschen Offizierskamarilla in der Schweiz stattfanden und auf denen man ganz unverblümt über die Möglichkeit verhandelte, nach der Beseitigung Hitlers und nach der Errichtung einer Militärdiktatur einen Separatfrieden zu schließen, um in ganz Deutschland die Herrschaft des Monopolkapitals sichern zu können. Über eines freilich mussten sich die Inspiratoren des 20. Juli klar sein: Dass die USA mittlerweile zur stärksten imperialistischen Macht der Welt geworden waren und dass deren Expansionsdrang vor den Grenzen eines von Goerdeler und Konsorten regierten halbfaschistischen Deutschland nicht halt machen werde. Sie mussten wenigstens mit einer beispiellosen wirtschaftlichen »Durchdringung« (d. h. mit der kolonialen Versklavung des deutschen Volkes durch das amerikanische Monopolkapital), wahrscheinlich sogar mit totaler militärischer Besetzung auf Jahrzehnte hinaus, rechnen. Sie mussten auch von vornherein bereit sein, zu gegebener Stunde die Söldnertruppen für den vom amerikanischen Monopolkapital projektierten »Kreuzzug« gegen die Sow jetuni on zu stellen. Und zu alledem waren die Herren bereit. Sie waren bereit, sich mit der Rolle von Juniorpartnern amerikanischer Trustherren abzufinden und das deutsche Volk als ein einziges Sklavenheer fremder imperialistischer Ausbeutung zu verschachern, wenn sie damit nur der Gefahr einer fundamentalen demokratischen Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse entrinnen konnten. Wenn sie diese Politik aber nach Hitlers Beseitigung dem deutschen Volk plausibel machen wollten, so mussten sie erstens die Kriegsmüdigkeit der Massen ausnutzen, um den »inneren Frieden« herzustellen – den »Frieden« zwischen den Klassen nämlich, unter einem Goerdelerschen »Ständestaat« oder mit einem Jüngerschen »Oberhaus«; sie mussten zweitens die Unterwerfung unter den anglo-amerikanischen Imperialismus als »Völkerversöhnung« in einem »europäischen Friedensreich« hinstellen und das deutsche Nationalbewusstsein zerstören; und sie mussten drittens die alte antisowjetische Propagandawalze auflegen, um rechtzeitig für den nächsten »Kreuzzug« (diesmal unter amerikanischer Ägide) Stimmung zu machen. Gerade diesen demagogischen Erfordernissen aber hatte Jünger in seiner Schrift Genüge geleistet. Sein »Christentum« war der Tribut, den der alte Scharfmacher und Nihilist der führenden Rolle zollte, die dem Vatikan im Herrschaftssystem des an gloamerikanischen Imperialismus zugedacht war, sein Kosmopolitismus diente der Rechtfertigung der uneingeschränkten Diktatur, die Wallstreet in ganz Europa und in ganz 1321Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Deutschland nach dem Kriege ausüben wollte. Und die Antisowjethetze des »geläuterten« Militaristen warb bereits vorsorglich Rekruten für den nächsten Krieg. III. Wenn man Jüngers Schrift Der Friede mit einer Anzahl von Büchern vergleicht, die zur selben Zeit (während der letzten Kriegsjahre) in den kapitalistischen Ländern von bürgerlichen Autoren verfasst und von der bürgerlichen Presse in allen Tonarten gepriesen wurden, so stellt man eine erstaunliche Übereinstimmung fest. Im Winter 1944/1945 schrieb Wilhelm Röpke84, ein bekannter Vertreter neoliberalistischer Wirtschaftsauffassungen und erbitterter Gegner des Sozialismus, in der Schweiz das Buch Die deutsche Frage, in dem er die irrsinnige »Theorie« »begründete«, dass der Nationalsozialismus mit dem Kapitalismus nichts zu tun hätte, sondern eine »Abart« des »Totalitarismus« sei, wie er in der Sow jet uni on herrsche. Damit gab Röpke der antisowjetischen Propaganda der Nachkriegsjahre das gewünschte Stichwort. Das Schlagwort vom »Totalitarismus« sollte sich insofern als außerordentlich brauchbar erweisen, als es einen doppelten Zweck erfüllt: Es täuscht einerseits die Massen über den Klassencharakter des Faschismus hinweg, dient also dem Schutz der Monopole, die sich unbehelligt für eine Übergangszeit hinter der alten formaldemokratischen Fassade verstecken können, und es lenkt andererseits die Abneigung der Massen gegen den Faschismus, sofern sie ideologisch verworren bleibt, auf den Sozialismus ab. Der »Totalitarismus« taucht nun auch in Jüngers Schrift, in etwas anderer Version, auf. Jünger, seit Jahrzehnten einer der radikalsten geistigen Einpeitscher des weißen Terrors, hat die Stirn, im Frieden zu erklären, der »weiße Schrecken« und der »rote Schrecken« seien im Grunde dasselbe, wobei er sich den unglaublichen Lapsus leistet, den »roten Schrecken« in Russland »Nihilismus« zu nennen und auf die nihilistischen Tendenzen bei Dostojewski zurückzuführen. Dies ist nun der Gipfelpunkt der Dummheit! Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, dass in der Sowjetliteratur jene große realistische Tradition Russlands schöpferisch weiter entwickelt wird, die von Puschkin über Lermontow, Gogol, Turgenjew und Tolstoi zu Gorki und Scholochow führt, während Dostojewski, gerade wegen seiner nihilistischen Tendenzen, den meisten Sowjetmenschen eher fremd vorkommt. Doch der »geistige« Repräsentant der junkerlichen Militaristen, die die »europäische Kultur« zu retten gedenken, hat es nicht nötig, sich mit derlei 84 (AH) Siehe hierzu Harichs Artikel Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«, der am 23. August 1946 in der Täglichen Rundschau erschienen war. (Neuabdr. in: Band 1.2, S. 1020– 1024.) 1322 Teil VIII »Bildungsfisematenten« aufzuhalten. Er schludert es unbekümmert aufs Papier, und man akzeptiert es ehrfürchtig als tiefsinnige Offenbarung eines »Geläuterten«. Man sieht: In puncto Sow jet uni on sind sich Röpke, der »liberale« Nationalökonom aus der »demokratischen« Schweiz, und der militaristische Literat im »grauen Rock des Führers«, absolut einig. Mit anderen Worten: Sie sind gleichgeschaltet. Sie halten sich beide an die Grundregel bürgerlicher »Geistesfreiheit«: Das nämlich gerade so viele Möglichkeiten »freier« geistiger Äußerung erlaubt sind, wie es Spielarten des Antibolschewismus gibt. Aber noch in einem anderen Punkte gehen sie konform: Sie sind beide Kosmopoliten. Mit dem Unterschied, dass Röpke Die deutsche Frage zu einem Zeitpunkt niederschrieb, als die Konferenzen von Teheran und Jalta bereits abgeschlossen waren und die Frage der Viermächteverwaltung Deutschland von Stalin, Roosevelt und Churchill entschieden war. Während Jünger im Frieden empfahl, ganz Deutschland – entsprechend den frommen Wünschen seiner Auftraggeber – im »europäischen Friedensreich« aufgehen zu lassen, schrieb Röpke, die »Demokratien« (die Westmächte, WH) sollten die sowjetisch besetzte Zone »bis zur Lösung des russischen Problems« (also bis zum nächsten antisowjetischen »Kreuzzug«!) »abschreiben«, das westliche Restgebiet in einen Staatenbund »aufgliedern« und diesen Staatenbund dann wiederum in die »Atlantische Gemeinschaft« eingliedern. Damit werde der »Nationalismus« der Deutschen wohl »zum Segen der abendländischen Völkergemeinschaft« überwunden werden, vorausgesetzt allerdings, dass die westlichen Alliierten »Toleranz« walten lassen (gegenüber den Monopolisten und Junkern!) und das Vertrauen der »gehobenen und kultivierten« Kreise des deutschen Volkes zu gewinnen verstünden. Man kann wohl behaupten, dass die Westmächte die Vorschläge Jüngers und Röpkes prompt befolgten. Oder umgekehrt: Dass Jünger und Röpke, völlig getrennt von einan der, mit ihren antisowjetischen und kosmopolitischen Ideen rechtzeitig die Standardparolen der gegenwärtigen imperialistischen Politik zu formulieren wussten, sei es auf Grund der Sprachregelungsdirektiven eines allerhöchsten Konsortiums der internationalen Finanzoligarchie, sei es auf Grund eines ausgeprägten Klasseninstinkts, der sie die ideologische Konjunktur der nächsten Zukunft spüren ließ. Jedenfalls gehörten sie zu den ersten, die noch während des Krieges die Sturzflut der kosmopolitischen Propaganda vorbereiteten, die seither die gesamte kapitalistische Welt überschwemmt. 1323Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall IV. Der Kosmopolitismus ist (neben dem Antisowjetismus) der zentrale Gedanke der Ideologie des amerikanischen Imperialismus. Jegliche bürgerliche Philosophie, jegliche bürgerliche Parteiideologie, jegliche bürgerliche Publizistik ist heute kosmopolitisch gleichgeschaltet. Und wenn oben gesagt wurde, dass in der kapitalistischen Welt so viel »Geistesfreiheit« erlaubt ist, wie es Spielarten des Antisowjetismus gibt, so kann man ebenso gut sagen, dass heute die scheinbare Vielfalt bürgerlicher Ideologie aus lauter Spielarten des Kosmopolitismus besteht. Winston Churchill85 und die Dunkelmänner des Vatikan, John Dewey und Jaspers, die Redakteure von Reader’s Digest und die sozialistisch dilettierenden Stümper vom Sozialistischen Jahrhundert, Schumacher und Léon Blum, Jünger und Röpke, Toynbee und Ortega y Gasset86 – sie alle, alle reden und schreiben davon, dass die »nationalen Vorurteile« abgebaut werden, dass die Ländergrenzen fallen, dass die Völker der »westlichen Zivilisation« und der »abendländischen Schicksalsgemeinschaft« sich zusammenschließen müssten usw. Man hat ansonsten in der kapitalistischen Welt die »Freiheit«, alles mögliche zu sein: »Lebensphilosoph« oder Anhänger der Psychoanalyse, Konservativer oder »Sozialist«, Freidenker oder gläubiger Katholik, Liberaler oder Trotzkist, Existenzialist atheistischer oder christlicher Richtung, Pragmatist oder Faschist – die Hauptsache ist, dass man sich in erster Linie als »Abendländer« und »Weltbürger« fühlt. Man darf in Caux »moralische Aufrüstung« spielen oder den Monopolkapitalismus als »Revolution der Manager« definieren oder in Berlin als barfüßiger Prophet die Heilslehre der »Kunylogie« predigen oder Hjalmar Schacht87 heißen und Memoiren schreiben – die conditio sine qua non ist das Bekenntnis zum Kosmopolitismus. 85 (AH) Auf Churchills politische Rolle während des Krieges und in der Nachkriegszeit finden sich in Harichs Beiträgen der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre immer wieder Anspielungen, siehe exemplarisch den Artikel Die überragende Persönlichkeit, der in Heft 21 der Weltbühne von 1947 erschien. (Neuabdr. in: Band 6.2, S. 1396–1400.) 86 (AH) In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren kritisierte Harich Ortega y Gasset deutlich. Seine entsprechenden Anmerkungen (beispielsweise im Zusammenhang der Goethe-Feiern von 1949) sind nachzulesen in den Bänden 1 und 2 der Frühen Schriften. Seine Position behielt er bis in die späten achtziger Jahre hinein bei, in den Hartmann-Manuskripten wurde sie von ihm erneut verwendet (siehe Band 10). 87 (AH) Den »Fall« Hjalmar Schacht thematisierte Harich 1948/1949 in der Weltbühne in zwei Artikeln – mit dem Charakter offener Briefe, Stellungnahmen – an Ernst Rowohlt. Gemeint sind die Texte Offener Brief an Ernst Rowohlt! und Nochmals: Schacht und Rowohlt. (Neuabdr. in: Band 1.1, S. 250–258, 271–275.) Rowohlt hatte im 5. Heft der Weltbühne von 1949 auf Harichs Kritik reagiert (An meine Freunde, in: Weltbühne, Heft 5, 1949, S. 175–177). 1324 Teil VIII Wie bei jeder Welle reaktionärer Propaganda, die in breiten Massen, vor allem im Kleinbürgertum, Resonanz findet, muss man nun auch hier zu unterscheiden wissen zwischen den kapitalkräftigen Schichten, die solchen Schwindel inszenieren, und den einfachen Menschen, die in Ermangelung einer sicheren wissenschaftlichen Orientierung im gesellschaftlichen Leben da rauf hereinfallen. Was die kosmopolitische Propaganda so überaus gefährlich macht, ist der Umstand, dass sie an echte internationalistische Stimmungen appelliert. Die Reaktion versucht ja nicht nur, schlechte Gefühle und Instinkte zu entfesseln. Ihre gemeinste, zynischste Betrugsmethode besteht da rin, dass sie – zum Schein – auch edle Gefühle und fortschrittliche Regungen anspricht, die sie dann allerdings schamlos missbraucht. Diese Gefahr kann nur dann wirksam bekämpft werden, wenn über den wahren Inhalt solcher Begriffe wie Kosmopolitismus und Internationalismus, Nationalismus und Nationalbewusstsein völlige Klarheit geschaffen wird. Das ist eine der entscheidenden Gegenwartsaufgaben, die die fortschrittlichen Kräfte aller Länder im Kampf an der ideologischen Front zu erfüllen haben. Den ehrlichen, aber ideologisch verworrenen Internationalisten muss durch eine breit angelegte politische und theoretische Aufklärung geholfen werden, gegen das tödliche Gift des Kosmopolitismus immun zu werden. Viele sagen, der Kosmopolitismus stünde im Gegensatz zum Nationalismus. Das ist völlig falsch. Wenn es so wäre, dann hätte der Nationalist Ernst Jünger sich tatsächlich »gewandelt«. Aber kehren wir, um die Frage Kosmopolitismus-Nationalismus an einem konkreten Beispiel zu klären, noch einmal zu dem »Fall Jünger« zurück. War denn Jünger ein Patriot, als er verlangte, die Deutschen könnten »gar nicht national, ja nationalistisch« genug sein? Erwies er sich mit solchen Parolen nicht viel mehr als ein Feind des deutschen Volkes? Stärkte er nicht Tendenzen, die sich zum Schaden des deutschen Volkes auswirken mussten? Gehört er nicht zu den ideologischen Wegbereitern jener faschistischen Verbrecherbande, die Deutschland an den Rand des Abgrunds brachte? Wenn man die Frage so stellt, gelangt man unweigerlich zu dem Resultat, dass die Nationalisten, die die verächtliche Überheblichkeit gegenüber anderen Völkern predigen und damit den Raubgelüsten der herrschenden Klasse eine Rechtfertigung zu geben versuchen, den Interessen der Nation zuwiderhandeln. Sollten sie dabei an echte, ehrliche, fortschrittliche Gefühle der Menschen appellieren, missbrauchen sie diese Gefühle. Sie treiben Schindluder mit dem Nationalbewusstsein, mit der Heimatliebe und mit dem patriotischen Zusammengehörigkeitsgefühl. 1325Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall Wie steht es mit dem Kosmopolitismus? Ernst Jünger versuchte in seiner Schrift die Dinge so darzustellen, als ob er ein Friedensreich freier Völker anstrebe, die den alten Hass und Hader für immer begraben würden. Dabei stellte er den sozialökonomischen Inhalt dieses »paneuropäischen Reiches« wohlweislich gar nicht erst zur Diskussion. So verwischt er die Tatsache, dass unter imperialistischen Verhältnissen der territoriale oder wirtschaftliche »Zusammenschluss« mehrerer Nationen immer nur der stärksten imperialistischen Macht nützen kann, die die anderen Völker zu Objekten kolonialer Ausbeutung macht. Die gegenwärtige Situation beweist das zur Genüge: Es kann keine Rede davon sein, dass das Gebilde, das durch die Klammern des Marshall-Plans, der Westeuropa-Union und des Atlantikpakts zusammengehalten wird, ein »europäisches Friedensreich« freier Völker ist. Das amerikanische Monopolkapital beutet direkt und indirekt die französischen, englischen, italienischen, österreichischen, belgischen und deutschen Arbeiter aus. Es drosselt ganze Industriezweige der westeuropäischen Länder. Es zwingt diesen Ländern seine Waren auf. Es wälzt seine Überproduktionskrise auf die Völker dieser Länder ab. Es legt seine ganze Politik da rauf an, diese Völker zu Söldnertruppen zu erniedrigen, die im nächsten Krieg die »Ehre« haben sollen, für die Rüstungsprofite der amerikanischen Schwerindustrie in Materialschlachten, Schützengräben und Massengräbern zu verrecken. Das aber heißt: Ob die imperialistische Bourgeoisie nun nationalistisch oder kosmopolitisch heuchelt – sie heuchelt auf jeden Fall. Sie streut auf jeden Fall abgrundtief verlogene Zweckparolen aus, die die Menschen zu ihrem eigenen Schaden verwirren. Wenn die imperialistische Bourgeoisie sich »national« gibt, dann will sie andere Völker überfallen und versklaven und das eigene Land in ein einziges Militärzuchthaus verwandeln – zum Schaden der Nation. Wenn sie sich aber kosmopolitisch gibt, dann will sie – wie die Verschwörerclique des 20. Juli, deren Politik von den westdeutschen Quislingen heute fortgesetzt wird – das eigene Volk gegen angemessene Provision an fremde Imperialisten verschachern, um der historisch notwendigen sozialen Umwälzung noch für eine gewisse Frist entgehen zu können. Der Nationalismus und Kosmopolitismus, die einander logisch ausschließen, sind auswechselbare Zwecklügen der gleichen menschenfeindlichen Mächte. V. Für das deutsche Volk ist die Gefahr, vom amerikanischen Imperialismus auf einen Status kolonialer Ausbeutung und Unterdrückung herabgedrückt zu werden, unmittelbar akut. In Westdeutschland herrschen die amerikanischen Monopolherren nicht nur indirekt, durch Marshall-Plan, ERP-Administration und anmaßende Diplomaten, 1326 Teil VIII sondern auch direkt durch bewaffnete Okkupationsstreitkräfte. Besatzungsstatut und Bonner Separatverfassung verankern auf Jahrzehnte hinaus einen Zustand, der ein Hohn auf die nationale Würde des deutschen Volkes und eine schwere Bedrohung seiner Existenz ist. Die unannehmbaren Forderungen, die die Außenminister der USA, Großbritanniens und Frankreichs erst jetzt wieder dem sowjetischen Außenminister in Bezug auf die Regelung der Deutschlandfrage stellten – dass das Besatzungsstatut, dieses Schanddokument nationaler Unterdrückung, auf ganz Deutschland ausgedehnt, das Prinzip der Einstimmigkeit abgeschafft und damit der gesamte alliierte Kontrollmechanismus über Deutschland in ein Machtinstrument der amerikanischen Monopole verwandelt werden soll –, diese Forderungen zeigen, dass die imperialistischen Westmächte, unter der Führung der USA, die Spaltung Deutschlands aufrechterhalten und die Besetzung Westdeutschlands verewigen wollen. Diese Politik ist gegen das ganze deutsche Volk gerichtet. Sie bedroht, im Ganzen gesehen, den einheitlichen Bestand der deutschen Nation überhaupt. Sie bedroht, besonders in Westdeutschland, vor allem die Lebensgrundlage der Millionen Arbeiter, Angestellten und Kleingewerbetreibenden. Sie bedroht aber auch die breitesten Unternehmerschichten, die durch aufgezwungene Importe, befohlene Produktionsdrosselung, Konkurrenzdemontagen usw. in eine Lage gebracht werden, die von Tag zu Tag aussichtsloser wird. Diese realen gesellschaftlichen Tatsachen schaffen aber Stunde um Stunde, in immer wachsendem Maße die objektive Grundlage für eine breite nationale Front aller Deutschen gegen die amerikanischen imperialistischen Zwingherren – aller Deutschen, mit Ausnahme der winzigen Gruppe von Monopolkapitalisten, die als Juniorpartner der amerikanischen Trustherren fungieren und für die Deutschland heute ebenso wenig bedeutet wie gestern, als sie ihr Volk in das sinnlose, blutige Abenteuer des Zweiten Weltkrieges stürzten. Die Frage der nationalen Souveränität ist heute die Lebensfrage aller Deutschen. Das deutsche Volk kann nur existieren als einheitliche Nation, in einer einheitlichen, demokratischen Republik. Es kann nur existieren wenn es durch die Mächte, die Deutschland besetzt halten, eines gerechten Friedensvertrages gewürdigt und in Kürze als gleichberechtigter Staat anerkannt wird. Es kann nur existieren, wenn die Be sat zungstrup pen sich da rauf beschränken, die sachlich gerechtfertigten und historisch notwendigen Maßnahmen zur Zerschlagung des Kriegspotenzials, des Militarismus und Faschismus durchzuführen und zu kontrollieren, um dann so bald als möglich vom 1327Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall deutschen Territorium zu verschwinden. Das sind Forderungen, die mit Nationalismus nichts, aber mit den elementaren Lebensgrundlagen Deutschlands alles zu tun haben. Wer in dieser Situation davon zu sprechen wagt, dass die Deutschen ihre »nationalen Vorurteile« überwinden und sich dazu bequemen müssten, »europäisch« zu denken und zu fühlen, ist ein Feind Deutschlands, ein ideologischer Scherge der finsteren Mächte, die uns auf Generationen hinaus in Fesseln schlagen, entrechten, ausplündern und physisch und sittlich ruinieren wollen. Der Kampf des deutschen Volkes gegen den amerikanischen Imperialismus und seine deutschen Knechte, der Kampf um die Herstellung und ständige Festigung der nationalen Front aller patriotischen Deutschen, der Kampf gegen den Hochverrat der heimatlosen Kosmopoliten – das ist das einzige Mittel, Deutschland vor dem Untergang zu retten. In diesem Kampf stehen die patriotischen Kräfte des deutschen Volkes in einer gewaltigen internationalen Front mit den Kräften des Friedens in der ganzen Welt. Indem sie den völkerversklavenden amerikanischen Imperialismus in einer Position erschüttern, die er nicht nur als Kolonie ausbeuten, sondern zum Aufmarschglacis gegen die Sow jet uni on und die Länder der Volksdemokratie ausbauen will, helfen sie den friedliebenden Menschen aller Länder, helfen sie allen anderen Völkern, die von Amerika unterjocht werden. Nicht aus kosmopolitischem Gewäsch, das die imperialistischen Machenschaften tarnt und verhüllt, sondern umgekehrt: Aus dem kompromisslosen Kampf für die nationalen Rechte und Freiheiten erwächst die wahre Brüderlichkeit, die echte Solidarität und Freundschaft zwischen den Nationen. Die Stärkung des deutschen Nationalbewusstseins im Kampf um die Einheit Deutschlands ist daher ein entscheidender Beitrag zum Frieden und zur Völkerverständigung. Teil IX Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1331Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Trauer um einen Lebenden. Gedanken zum Problem Knut Hamsun (24. November 1945) Wie konnte Hamsun, der Dichter von Weltrang, dem Hitlerismus verfallen? So hat sich während des Krieges mancher gefragt. Und heute wiederum wird mancher fragen: Müssen wir Hamsun den Dichter verwerfen, weil sein Volk ihn als Verräter verurteilt? Hamsuns dichterisches Schaffen hat drei Vo raus set zungen: Die dem nordischen Geist eigene herbe Ironie der Menschendarstellung, uns vertraut aus den Narrengestalten und Bösewichtern alt-isländischer Sagas, dann die psychologische Beschwörung und Durchleuchtung dumpfer Instinkte, die Hamsun von Dostojewski übernimmt und zu höchster Vollkommenheit steigert, und schließlich Nietzsches geniale Entdeckung der zum Neid erniedrigten Begierde, des Ressentiments als Triebfeder menschlichen Handelns. Mit dieser Synthese Nietzsche-Dostojewski revolutioniert Hamsun die nordische Dichtung. Den Konflikt als Motor der Handlung entreißt er der Ebene Ibsenscher »Probleme« und transportiert ihn in die Unterwelt der Leidenschaften und Triebe. Aber diese Synthese Nietzsche-Dostojewski ist für Hamsun wie für jeden, der sie nicht mit der Besonnenheit des Philosophen, sondern mit der selbstvergessenen Hingabe des Künstlers vollzieht, eine Gefahr: Der bloßgelegte Instinkt strahlt eine Faszination aus, die den Psychologen verwirrt und sein moralisches Wertungsvermögen lähmt. Wie Pygmalion in sein Werk, verliebt sich der Psychologe in seiner Entdeckung. Im Kniefall vor der Begierde erscheint das, was bloße Kraftentfaltung ist, auf einmal als Sinnerfüllung. Hamsun ist einer der großen »Durchschauer« des Menschenherzens, des armseligen und doch so reichen, des abgründigen und doch so törichten Menschenherzens. Hamsuns behutsamste Andeutung noch lockt ein Labyrinth seelischer und geistiger Wirrnis, einen Wust von Leidenschaft, Ressentiment, Brutalität, Eitelkeit und Wichtigtuerei aus den Hintergründen des alltäglichsten Geschehens hervor. Aber seine Psychologie ist maßlos, eigensinnig und gefährlich, nicht durch Humanität und Geistigkeit gebändigt wie bei Thomas Mann, nicht durch Wissenschaft neutralisiert wie Knut Hamsun, 1890 1332 Teil IX bei Sigmund Freud. Wie Nietzsche dem selbst gebildeten Ideal des Übermenschen Wert und Sittlichkeit opfert, lässt Hamsun sich imponieren vom Reklamerummel und vom Kraftprotzentum des Nationalsozialismus. Weil er Künstler ist und nicht Philosoph, Erlebender und nicht Erkennender, blickt er nicht auf zum Ideal, sondern greift nach der bunten und lauten Wirklichkeit. Hier liegt die so schwer begreifliche gemeinsame Wurzel dieses gewaltigen Künstlertums und dieses furchtbaren politischen und moralischen Irrens. Es lag bei ihm eine bewusste Hingabe an die Barbarei vor, ein sinnliches Behagen an ihrer Brutalität. Hamsun ist nicht zu entschuldigen mit seiner nörglerischen Antipathie gegen England, auch nicht mit seinem Alter oder mit seiner neurasthenischen Seelenverfassung. Hamsun verschrieb sich der Täuschung als Wissender, als Genießer am Glanz des Satanischen. Der Hinweis auf die tumbe Instinktlosigkeit des Dichters, der immer ein wenig Narr, immer ein wenig »reiner Tor« ist, entbehrt hier jeder Berechtigung. Wir wissen, dass ein anderer verirrter Geist unserer Zeit, dessen Nennung ebenfalls schmerzlichen Zwiespalt in unserem Herzen erzeugt, die Dichterin Agnes Miegel, die ekstatische Hymnen auf den »Führer« dichtete und sich bei jeder Gelegenheit von den Trampelgrazien des BDM umrahmen ließ, eine primitive und gutgläubige Seele ist, der die dichterische Begabung wie ein dunkler Dämon innewohnt, ihr selbst unheimlich und unbegreiflich. Mit diesem »Fall« lässt sich der »Fall Hamsun« nicht vergleichen. Hamsun schreibt nicht unter dem Diktat eines inneren Dämons, für den die eigene Seele fast zu eng ist, sondern Hamsun ist durch und durch bewusster Gestalter. Der Dichter der Kleinbürger und Fischer von Segelfoß, der Dichter der Gespräche zwischen dem »Selbstmörder« und dem Syphilitiker im Letzten Kapitel, der Dichter des August Weltumsegler und des Nagel in Mysterien hätte den Nationalsozialismus als Entfesselung des Spießbürgertums durchschauen müssen. Stattdessen verlor er sich an die Faszination einer rohen Kraftorgie und vergaß sein Gewissen als Künstler und als Mensch. Doch größer als unser Abscheu ist unser Schmerz um Knut Hamsun. Wir trauern um einen Lebendigen. Eine Scheidung aber zu vollziehen, die nach Kompromiss schmeckt, hier der Dichter, den wir verehren, dort der politische Mensch, den wir verabscheuen, das wäre billig und trivial. Die politische Haltung lässt sich heute nicht mehr vom Menschen ablösen, im Dichter aber ist immer der ganze Mensch enthalten. Wir müssen uns davor hüten, Mensch, Haltung und Werk zu trennen. Wir müssen uns auch davor hüten, aus Sehnsucht nach Rehabilitation päpstlicher zu sein als der Papst. Wir 1333Auswahl von Artikeln aus dem Kurier müssen Hamsun als das nehmen, was er ist. Es würde nichts helfen, wenn wir ihn auf einen Index setzten. Er gehörte ja nicht zu denen, die ein chauvinistisches Aggressionsprogramm ideologisch fundierten und mit »Kultur« verbrämten. Hamsuns Werk ist ewig, ewig aber ist auch die Gefahr, die es birgt, die Gefahr der Suggestion durch die Entfesselung des Instinkts, die Gefahr des gelähmten Gewissens, die Gefahr der Apokalypse der Triebe. Vor dieser Gefahr warnen heißt Hamsun ehren und zugleich über ihn richten im Namen der Humanität. Bach und Mozart (28. November 1945) In der Staatsoper erlebten wir Bachs H-Moll-Messe als Aufführung der Singakademie. Die reife Überlegenheit und Werktreue, mit der Prof. Georg Schumann an die Deutung des Werkes geht, sind längst bekannt; diesmal überrascht die Straffheit der Tempi, mit der er, der fast Achtzigjährige, stellenweise musiziert. Der Chor der Singakademie wurde bestens unterstützt durch die Stimmen von Liselotte Täubert, Lilli Neitzer und Herbert Reinhold (der Bassist war leider nicht erschienen) und hervorragende Solisten der Staatskapelle, die bei jeder neuen Begegnung an Fülle, Schönheit und Farbe des Orchesterklangs zu gewinnen scheint. Was uns bei Bach – trotz persönlichster Aussage – mit barocker Großartigkeit, mystischer Symbolkraft und überzeitlich polyphoner Erhabenheit so überwältigt, verwandelt Mozart in gläubige Versunkenheit und innige Verklärung. Herbe Strenge eines an Bach geschulten Kirchenstils verbindet sich in Mozarts Requiem mit einer Stärke der Erfindung, die romantisch-individualistische Ausdruckselemente (Chromatik!) fast visionär vorwegnimmt. Dies wurde im 2. Konzert des Berliner Rundfunks deutlich. Dr. Karl Forster hat den Chor der St. Hedwigs-Kathedrale zu einem Instrument erzogen, das zu feinsten dynamischen und klanglichen Abstufungen fähig ist. Die wenigen Knabenstimmen bestimmen entscheidend die Klangfarbe des gesamten Frauenchors. Ohne die Ausgewogenheit des Ganzen zu sprengen, stellt das ausgezeichnete Solistenquartett – Gerda Lammers, Trude Fischer, Erich Witte, Wilhelm Lang – dem reinen »absoluten Chorklang« den subjektiven sängerischen Ausdruck gegenüber. Das große Berliner Funkorchester fügt sich willig ein. Der Eindruck ist höchster künstlerischer Genuss und Gottesdienst zugleich. 1334 Teil IX Musik als Bekenntnis (28. November 1945) Das bekennerische Wesen der Beethovenschen Tonsprache vermochte Leopold Ludwig mit dem Orchester der Städtischen Oper auch im musikantischem Schwung der VII. Symphonie aufzuspüren. Aus der mystischen Versunkenheit des zweiten Satzes entwickelt er eine große Linie der Steigerung bis zur ekstatischen Dämonie des Finalsatzes. Die polyphone Führung der Stimmen, die mitreißende Gewalt der Rhythmik werden scharf herausgearbeitet. Bei aller Intensität des Ausdrucks werden Klarheit und Transparenz des Klanges stets gewahrt. Ludwig gehört offenbar zu den Dirigenten, die das Wesentliche ihrer Gestaltung weniger dem Impuls des Augenblicks, als intensiver, bis ins kleinste gehender Probenarbeit verdanken. Nur dadurch wird es möglich, dass er im Es-Dur-Klavierkonzert selbst als Solist hervortritt und das Orchester mehr oder weniger sich selber überlässt. Ludwig besitzt beachtliches pianistisches Können. Sein zarter, fast sensibler Klavierton überrascht bei seiner straffen Energie als Dirigent, ermöglicht ihm aber reizvolle Schattierungen des Anschlags. Die Doppelleistung ist bewundernswert, lässt aber manchen Wunsch nach der pianistisch-virtuosen wie musikalisch vertiefenden Seite hin unbefriedigt, gerade, wenn man sie mit der großartigen Deutung der Siebenten vergleicht. Winter-Schwermut (30. November 1945) Ein Herbstfinale hat die Symphonie Des überreifen Jahres nun geendet, Vor Nebelgrau, Novemberagonie In jähem Farbenjauchzen sich verschwendet. So ragt das Filigranwerk kahler Zweige. Die Schatten wachsen, und der Sonne Gold Verrostet früh am Tag und geht zur Neige, Von Bleigewölke finster überrollt. Des Jahres Frühlicht sah den Wahnwitz rasen. Fassaden fressen, wieder von sich spei’n Als Trümmerblöcke in zerstörten Straßen. Weicht nun der Fluch? – Die Frostluft weht so rein. 1335Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Die Winterangst hebt an. Die Schatten kuschen Wie graue Hunde sich um unsre Schuh. O Wolkenwand, zerfetzen und zerwuschen Doch Stürme dich, so rastlos, ohne Ruh! Eisatem haucht am Abend aus dem Dunkel. Der Mond ist nachts so silberbleich und weit Und frostig zwischen weißem Sternenfunkel. Es schneite schon. O Winter, schwere Zeit! Nachwuchs am Klavier (30. November 1945) Wenn eine junge Pianistin Bach und Beethoven spielt, lässt das bereits Schlüsse auf ihre künstlerische Einstellung zu; wenn ihr dies mit einer technischen Vollkommenheit 1336 Teil IX gelingt, dass man lediglich über Fragen der Auffassung und Gestaltung zu sprechen hat, ist das recht beachtlich. Nora Boulanger ist eine ausgesprochen virtuose Begabung, deren Temperament und Musizierfreude etwas Bestechendes haben. Darüber hinaus sind Stil- und Gestaltungswille deutlich spürbar, werden aber zuweilen von einer gewissen Empfindsamkeit in der Tongebung und Übersteigerung der Effekte zugedeckt. Dagegen werden Chromatische Phantasie und Fuge von Bach mit Schwung und klarer Durchleuchtung des polyphonen Gewebes großartig vermittelt. Bei Beethoven reizt Nora Boulanger offenbar der schroffe Wechsel der Empfindung, den sie in den C-Moll-Variationen voll auskostet, und der dem ersten Satz der Sturm-Sonate, opus 31, 2, sein phantastisches Gepräge gibt. Im Adagio hätte man sich größere Substanz des Tones gewünscht. Das Schwirren und Flimmern des dritten Satzes verträgt herbere Konturen. Im Ganzen eine achtungsgebietende Leistung, die noch viel erhoffen lässt. Die Flucht nach innen (21. Dezember 1945) Vorbemerkung der Redaktion: Wir geben gern dem temperamentvollen Vorstoß unseres Mitarbeiters Raum, auch wenn wir uns nicht in allen Punkten mit ihm in Übereinstimmung befinden. Laut Filmkritik hat die seelenvolle und ausdrucksstarke Schauspielerin X, die leider der äußeren Reize entbehrt, eine tiefere Schönheit »des Seins«. Man denkt, frei nach Moltke: »Aha, mehr sein als scheinen!« und gibt sich zufrieden. Dann aber liest man irgendwo anders, der Dichter sowieso schöpfe aus der »Fülle ursprunghaften Seins«. Und wenn einem gar die »Ruhe im Seinsgrund« als besonders begehrenswerter Seelenzustand anempfohlen wird, so wird einem allmählich das »Sein« zu bunt, und man fragt (sofern man zum Denken neigt und von Begriffen verlangt, dass sie einen Sinn haben), was es eigentlich ist. Es ist, um es kurz zu machen, das Lieblingswort der »Innerlichen«, die es überall dort einsetzen, wo es für einen auf Seelenplüsch gebetteten Stil Lücken zu büßen gilt. Innerlichkeit ist eine Lebensform, die die raue Wirklichkeit durch allerlei hilfreiche Opiate erträglicher macht. Eine Art raffinierter genüsslicher Askese. Mensch, werde innerlich, und du lebst glücklich. (Wobei du freilich nicht vergessen darfst, mit wunder Seele an allem »irgendwie« zu leiden.) Ob es nun unglückliche Liebe, Schützen gra ben- 1337Auswahl von Artikeln aus dem Kurier er leb nis oder vorzugsweise Armut ist: All dies dient dir zu seelischer Vertiefung und Bereicherung. Wie verhalten sich die Innerlichen zum Kriege? Sie schätzen die Kriege gewiss nicht. Aber sie verschmähen es, dagegen zu protestieren, weil sie das für aussichtslos halten. Sie verwechseln den Krieg mit einer Naturkatastrophe und staunen ihn an wie einen Lavaausbruch, der aus der, diesmal »dämonischen Tiefe des Seins« stammt, das Erdreich durchstößt und die künstliche Welt der Vernunft und der Ordnung zerstört. Und sie verstehen es (das ist ihr Geheimnis), sich davon zu distanzieren, auch wenn ihr Schicksal unlösbar mit dem furchtbaren Gemetzel verbunden ist. Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Rilke allein! Das ist alles. Selbst das Heulen der Granaten vermag die Frontberichter mit dem Blümlein am Wegesrand und der Erkenntnis des »Wesentlichen« im Herzen nicht davon abzubringen, dem Wachstum des inneren »Seins« zu lauschen. Nun wäre die Innerlichkeit an sich ein harmloser Sport, wenn sie nicht eine Spielart politischer Verantwortungslosigkeit wäre. Da mochten die Gräuel in den KZs und in den besetzten Ländern sich häufen, da mochte die deutsche Städteherrlichkeit in Schutt und Trümmern dahin sinken, die Innerlichen schworen auf unzerstörbare Werte. Sie vergaßen, dass die Werte der Kunst, auf die sie glaubten, sich zurückziehen zu können, unrettbar verloren sind, wenn die wachsame Aufgeschlossenheit des geistigen Instinkts versagt, der, wohl gemerkt!, nicht nach innen, sondern nach außen erlebend auf die Welt gerichtet ist. Harmlos war, dass alle gehobenen Backfische sich zu völligen Neudeutungen der Duineser Elegien berufen fühlten. (Wenn Innerliche von Rilke sprechen, glaubt man, sich in einem Tempel zu befinden, in dem eine esoterische Geheimsekte den Kult der »entgleitenden Vergleiche« betreibt!). Bedenklich aber wurde es, als die Backfische dabei unversehens in die »Glaube und Schönheit«-Dressuren des Herrn von Schirach hineinwuchsen, dem »Altar die Stufen der Feldherrenhalle« waren, und der sich auch Rilke nach einer Zeichnung von Emil Orlik, 1917 1338 Teil IX höchst innerlich gebärdete. Bedenklich war auch der Anklang, den ein bestimmtes Buch Ernst Wiecherts in den hochgeistigen Kreisen des imperialistischen Deutschland fand: Aus der Enttäuschung des Ersten Weltkrieges flieht der Held des Romans in die Waldeinsamkeit Masurens, um ein »einfaches Leben« (freilich mit einem komfortablen Schloss im Hintergrund) zu führen, sich vom Fischfang nährend und innerlich immer reicher werdend. Eine Apotheose auf die Flucht vor der Verantwortung in einem Stil, der keine Sache mehr beim rechten Namen zu nennen wagt. Rilke, Carossa, Wiechert: Das waren die Reservate, auf die ein scheuer und wirklichkeitsmüder, politisch unreifer Intellekt sich in Not und Grauen zurückziehen konnte. Es sei niemandem nachträglich verübelt. Heute aber hat sich die Lage verwandelt. Unsere Situation fordert Verantwortung, Einsicht und Kritik. Alle Innerlichkeit aber ist immer humorlos und mithin der Entwicklung einer lebendigen Kritik abträglich. Und wenn heute wieder die Innerlichen auf den Plan treten, den Bekenntnisfinger recken und manifestöse Bergpredigten erlassen, die vom »Sein«, von »den Dingen« und von allem anderen, was gut und teuer ist, nur so strotzen, so sei vor ihnen gewarnt. Sie sagen Besinnung und Menschlichkeit, aber sie meinen wiederum Verantwortungslosigkeit und Wirklichkeitsflucht. Modenschau statt Operette? (27. Dezember 1945) Wer von einem Operettenabend Delikatessen für Ohr, Auge und Kunstverstand erwartet, kam im Metropol-Theater zu kurz. Leo Falls Dollarprinzessin lässt zu sehr den Schwung und die Grazie vermissen, die andere Kinder seiner heiteren Muse so liebenswert machen. Es ist zwar alles musikalisch recht nett und sauber gemacht, aber bis auf das reizende Buffo-Duett Wir tanzen Ringelreihn konnte nichts so recht zünden. Und dann die Handlung! Das, was an diesem Allerweltsklischee vielleicht einmal als Parodie und Gesellschaftssatire einen gewissen Sinn hatte, mutet uns heute doch recht peinlich an. Wirkt es nicht wie finsterstes Raritätenkabinett, wenn uns der Chor »feiner Damen und Herren« seinem plumpen Refrain: »Wir sind die obersten, die obersten Zehntausend« entgegen schleudert, oder wenn mit Worten wie »demokratisch« und »Habenichts« ein billiges Spiel getrieben wird? Für solche Art von Lapsus sind wir zu feinhörig geworden, da hört der Spaß (soweit er überhaupt begonnen hat) für unsere Ohren auf. 1339Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Schade, denn die Mühe, die sich die Inszenierung Eduard Rogatis gab, wäre einer besseren Sache wert gewesen. Eine für den beengten Raum in der Notunterkunft des Metropol-Theaters (Schönhauser Allee) besonders beachtliche Ausstattung (sogar im Foyer) – die Kostüme der »Heldinnen« lassen die Herzen unserer in puncto Kleidung zwangsläufig so bescheiden gewordenen Damen höher schlagen – und Darsteller, die das Bestmögliche aus ihren teilweise recht schwachen Partien herauszuholen suchen, versöhnen, soweit möglich, mit der unglücklichen Stückwahl. Den größten Erfolg holten sich Lucie Polzin und Adi Appelt in dem erwähnten Tanzduett, in dem ein Schuss Sentimentalität, ein bisschen Parodie und viel Wiener Charme eine gemütvoll-pikante, wie Likör genossene Mischung, ergaben. Premieren an der Jahreswende. Die deutschen Kleinstädter bei Jürgen Fehling (2. Januar 1946) Untertanen von Anno Dazumal War’s nicht so, dass Jürgen Fehling uns versprach, dem »fleischgewordenen Wort« zu huldigen, sich an die Neugier eines »brutal jungen Publikums« zu wenden? Wie steht es heute damit? Diese echte, rechte Zeitenwende, die weiß, was sie sich schuldig ist, lässt die Dramaturgen zum Appell antreten und verkündet »Zeitnähe« als Parole, Zeitnähe um jeden Preis! Und auch in Zehlendorf macht man kehrt und begibt sich gehorsam auf die Pirsch, hinein in das Untergehölz der Literatur. Man ist von der seltsamen Jagdleidenschaft beseelt, gerade aus dem längst Vergessenen und Verstaubten eine gleichnisträchtige Aktualität zu apportieren. Die Narren müssen heutzutage Untertanen sein, titelsüchtige Klatschmuhmen und kompetenzwütige Bürgermeister, bereit, vor jedem Hauptmann von Köpenick oder Inkognito-König von Krähwinkel in Devotion zu erstarren. Wo ein allgemeines Bekennerethos die Jürgen Fehling, 1945 1340 Teil IX Zeit umbrüche feiert, wie sie fallen, da kann bei so vielen moralischen Anstalten niemand seitab stehen. Da wird wacker ausgegraben und uns die Frucht dieser Mühsal beschert, eine Überraschung, die gewiss nicht auf unserem Weihnachts-Wunschzettel stand. Denn wer hätte sich träumen lassen, dass selbst der alte Kotzebue nicht davor sicher ist, dem dringenden Bedürfnis nach Gesellschaftskritik abhelfen zu müssen? Der gleiche Kotzebue, den vor fast hundertdreißig Jahren ein romantisch erhitzter Burschenschafter als einen Erzreaktionär ermordete, um den Aufruhr der enttäuschten Jugend zu entfesseln? Wie missverständlich, dass nun dieser tiefste Bodensatz des Urväter-Re per toires noch einmal aufgeführt wird, um der Forderung des Tages gerecht zu werden! Und trotzdem: Dieses reizvoll antiquierte Deutsch bezaubert, es »ergetzt« uns! Um dieser Sprache willen bitten wir die Fabel submissest um Vergebung, dass wir sie unsagbar trivial finden. Wie wäre es auch anders möglich? Seit Kotzebue ist in unserer Dichtung so allerlei in kleine Städte und in deren festgefrorene Sittsamkeit eingebrochen. Nachdem Heinrich Mann eine Gauklerbande dort Verwirrung und Unheil stiften ließ, wirkt der Liebhaber aus der Residenz mit dem Empfehlungsschreiben des Herrn Ministers nur noch operettenhaft. Zumal er nichts anderes will, als ehrsam um die Hand des angebeteten Bürgermeister-Töchterleins anzuhalten, und seine urbane Lasterhaftigkeit sich da rin erschöpft, dass er die Frau Unter-Steuer-Einnehmerin mit »Madame« anzureden wagt. Wenn das Feinsliebchen das Miniaturbild des Verehrers schüchtern aus dem Schürzentäschchen nestelt, wenn es zittern muss, dem ungeliebten Dichterdeppen anverlobt zu werden, und wenn der Held das vielversprechende Inkognito zur allgemeinen Genugtuung von einem geheimen Kommissionsrat-Titel streift – dann lachen wir. Aber wir lachen aus Missverständnis: Es ist keine Parodie, sondern wirklicher, waschechter Kotzebue. Oft glauben wir, die Regie bei kräftigen Übertreibungen erwischt zu haben. Aber dann belehrt uns meistens schon der nächste Satz, dass der »Geist« des Stückes es so verlangt, wenn zum Beispiel das sittsame Jungfer Schmachteherzchen mit seinen rivalisierenden Liebhabern Trialoge aufführt, deren Doppelbödigkeit an Opernlibrettos gemahnt. Eine mildernde Bearbeitung hätte eben das ganze Stück streichen müssen. Hätte sie es nur getan! Die Regie ist unschuldig. Sie mag noch so meisterlich sein (was sie übrigens nicht ist), es hilft ihr alles nichts. Kotzebue bleibt Kotzebue. Unweigerlich. 1341Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Im Stummfilm wurde das Wort durch eine übertriebene Mimik ersetzt. Günther Rittau kommt vom Film und weiß um die Verwendbarkeit solcher Notbehelfe. Er lässt die Lücken in der dramatischen Entwicklung mit heftigen Gestikulationen ausfüllen und hilft geschickt den Nebenfiguren jener Szene über die peinliche Untätigkeit ihres Beiseitestehens hinweg. Wo der Knoten sich nicht schürzen will, werden statt dessen die Hände gerungen. Die Muhmen aus der Nachbarschaft erzeugen mit unablässigen Fächerschlag die dramatische Aufregung, die die Handlung schuldig bleibt. Die beste schauspielerische Leistung bietet Pauline Nardi als nadelspitzige Muhme, die ihre bösen kleinbürgerlichen Ressentiments und späten Lüste schmerzhaft mit Ehrsamkeit umschnürt hat. Der lebhafte Applaus, mit dem das Publikum dankte, enthebt uns nicht der Frage: »Wa rum?« Ferne oder Festlichkeit? (7. Januar 1946) Händels Kunst ist expansiv wie seine Persönlichkeit. Sein Oratorienstil kommt von der Oper her, ist im Wesentlichen dramatisch. So wird es verständlich, dass von den beiden Aufführungen seines Messias die in der Städtischen Oper unter Robert Heger dem Werk besser gerecht wurde, obwohl Dr. Karl Forsters Wiedergabe mit seinem disziplinierten Chor der St. Hedwigs-Kathedrale und dem großen Funkorchester sich mehr um Stiltreue im einzelnen bemühte – ein Bestreben, dem sich auch die Solisten mit Erna Berger an der Spitze unterordneten. Objektive Durchsichtigkeit des Klanges und strenge Terrassendynamik rückten das Werk in eine sakrale Ferne, die seinem barocken Glanz und seiner trotz aller Religiosität kraftvollem Diesseitigkeit nicht voll entspricht. Heger dagegen zieht alle Register einer fein abgestuften Klangregie. Das Orchester blüht, und der Chor der Städtischen Oper leistet Vorbildliches an dynamischen Schattierungen. Die ausgezeichneten Solisten I. Beilke, G. Trentow, W. Schirp und, etwas blasser, Chr. Schäblen, rundeten die Aufführung zu einer herrlichen Geschlossenheit und wahrhaft Händelschen Festlichkeit. Musikalischer Sonntagsausflug (9. Januar 1946) Wer hätte vor wenigen Jahren, als das Tempo der Millionenstadt uns alle in Atem hielt, nicht mitleidig gelächelt, wenn Großvater von seinem Ausflug an die »Oberspree« als 1342 Teil IX einem Ereignis sprach. Tempora mutantur! Und doch: Von Schmargendorf nach Schöneweide ist es heute trotz S-Bahn wieder eine kleine Reise. Nicht ein Sonntagskonzert im Spreelokal wie damals, sondern eine nüchterne Schulaula in der Wilhelm-Firl-Straße war unser Ziel. Dort fand – kaum glaublich für die Bewohner des konzertgesättigten Westens – das erste Konzert in Schöneweide seit dem Zusammenbruch statt. Also doch: Ein wirkliches Ereignis; zumindest für die musikliebenden Schöneweider, die keine Zeit zu Reisen nach dem Westen haben und nun den Saal in freudiger Erwartung füllten. Sie wurden nicht enttäuscht. Zwei schöne Stimmen vermittelten mit großem Können und heiliger Begeisterung, was Schubert, Schumann, Mendelssohn und Brahms an Innigkeit und Frohsinn in Liedern und Duetten eingefangen haben. Das Singen Käte Matutts und Ulla Hübenthal-Redmanns ergänzte Hans Reinicke (Staatsoper) durch das Klingen seines edlen Geigentons (Beethoven-Romanze) und sein virtuoses Temperament in Stücken von Wieniawski. Mit farbigem Anschlag und intensiver Mitgestaltung am Klavier verstand es Dora Schmidt, die hochgespannte Stimmung begleitend zu verdichten. Es gab da capo und viele Blumen. Ein Bühnenbildner am Regiepult. Willi Schmidt wird Georg Kaisers Soldat Tanaka inszenieren (1. Februar 1946) Noch tragen die Mädchen von Yoshiwara keine buntseidenen Kimonos, noch brauchen sie keine monströsen, lackschwarzen Frisuren zu balancieren, noch ist der Fächer das einzige Requisit, dass ihr leichtfertiges Gewerbe verrät: Es sind Berliner Nachwuchsschauspielerinnen mit blonden Bubiköpfen und in spinatgrünen Lodenmänteln, die da auf der Bühne des Hebbel-Theaters japanisch einhertrippeln und sich mit gebeugten Rücken und nach innen gekehrten Füßen der vorschriftsmäßigen Haltung der Trauerweide befleißigen. Im Soldat Tanaka ist zum ersten Male von deutscher Seite versucht, die gesellschaftliche Problematik und geschichtliche Tragik des japanischen Volkes zu begreifen, mit dem uns Gemeinsamkeit von Schuld und Sühne verbindet. Es ist die erste Inszenierung des Regisseurs Willi Schmidt, den wir bisher nur als Bühnenbildner kennen. Da ist keine Extravaganz. Seitdem Willi Schmidt als fünfzehnjähriger Statist in Dresden (in Kaisers Zweimal Oliver) debütierte, war er entschlossen, Regisseur zu werden. Er hat dann seit 1929 dem Titanen Fehling im Staatstheater assistiert. Später benötigte Rochus Gliese eine Hilfskraft für seine Werkstatt, und Schmidt sattelte um, das Wörtchen »vorläufig« 1343Auswahl von Artikeln aus dem Kurier im Herzen. Aus dem »vorläufig« wurde eine stetige künstlerische Entwicklung, die kürzlich erst einen Höhepunkt erreichte mit den Dekorationen und Kostümen zu Offenbachs Pariser Leben. Ein Umweg zum eigentlichen Beruf? Willi Schmidt verneint diese Frage. Seine Leidenschaft gehört der Ganzheit des Theaters, der untrennbaren Einheit des Bildes mit dem sinnerfüllten Wort. Es täuscht sich, wer von seiner ersten Inszenierung eine einseitig optische Regie, einen Augenschmaus der gespielten Illustration erwartet. Willi Schmidt ist sich da rü ber klar, dass Kaisers Dramatik den absoluten Primat des Wortes beansprucht. Hier ist das Wort als die einzig mögliche Erscheinungsform des Geistes von aller Überladenheit mit Nebensächlichkeiten gereinigt. Kaisers Sprache ist höchste Konzentration des Sinns, und sie würde unweigerlich in Banalität versinken, wenn man sie im leichten Konversationston plaudern würde. Nun aber ist es andererseits ganz unjapanisch, der Sprache ihren Sinngehalt durch Gestikulation, Ausdruck und Betonung zu entlocken. Japaner bewahren die Sparsamkeit der Gebärde und die Monotonie des Todesfalls selbst in Verzweiflung und Empörung. So hat die Regie zwischen zwei polaren Gefahren die goldene Mitte zu halten: Zwischen der Nivellierung der geballten Bedeutsamkeit des Wortes und einer unjapanischen Expressivität des Gebarens. Willi Schmidt hat den Mut zum Wagnis dieser fast unlösbar schweren Aufgabe. »So stürmt und drängt doch bitte!« Beobachtungen bei einer Jugenddiskussion (4. Februar 1946) Die Jugend der Gegenwart hat es leicht und schwer: Sie hat es schwer in der Not materieller Bedrängnis, inmitten eines Trümmerchaos zusammengebrochener falscher Ideale, in der Verwirrung und Ratlosigkeit der geistigen Diskussion. Aber sie hat es auch leicht, da die konventionelle Zugeknöpftheit der Älteren der Bereitschaft gewichen ist, die Jugend in all ihrer Not liebend zu verstehen, aufmerksam dem Aufbruch neuen Sturmes und Dranges zu lauschen. Die Älteren sind in diesem Falle die Revolutionäre, und es scheint, als hätten sie in dem Willen zum Abenteuer des Geistes den Jungen einiges voraus, die allzu lange den biologisch charmanten Schwung ihrer Begeisterung an einen greisenhaft reaktionären Blutmythos verausgabten. So ist es rührend paradox, wie heute die Älteren um Verständnis werben für das Wagnis der Kunst, mit dem geheimen Wunsche. »So stürmt und drängt doch bitte!«, während die Jungen in den spießigen Vorurteilen der Urahnen verharren, von der Kunst erwarten, sie solle »schön« 1344 Teil IX und gar »erhebend« sein und die Musen zu neuen Friseusen degradieren, die ihnen das Gefühlsleben ondulieren sollen. Eine Generation also aus achtzehnjährigen Greisen und verhinderten Rathenau-Mördern. Was sich am Sonntag in der Schumannstraße zu der Veranstaltung Was erwartet die Jugend vom deutschen Theater? versammelte, war in gewissem Sinne schon Auslese, vom Jugendausschuss »erfasst« und irgendwie von Problemen berührt. Gustav von Wangenheim, ehrenvoll im Avantgardismus ergraut, leitete die Diskussion: »Was erwartet ihr vom Theater, sagt, was ihr wollt, schimpft, kritisiert!« Lockende Aufforderung eines Fünfzigjährigen, ewigen Frieden im Kampf der Generationen verheißend, wo früher einmal eitel Hosenstrammziehen geherrscht hätte. Und sie sagten, was sie wollen. Zunächst einmal wollen sie billigere Eintrittskarten. Die gibt es zwar, der billigste Platz kostet fünfzig Pfennig. Aber es wurden Stimmen laut, die den zweiten Rang durchaus nicht für angemessen hielten. Etwas von Zukunftsgarantentum schwang da mit, für das das Beste gerade gut genug sei. Nur zögernd wurde von etlichen versucht, die »Bullerloge« ethisch zu rechtfertigen, die mühselig vom Taschengeld erübrigte und von heißer Besessenheit geweihte. Andere konnten es sich nicht verkneifen, den Schauspielern ihre Gagen zu missgönnen. Da war es, das Ressentiment, in sozialem Gebaren heftig beklatscht: Nichts mehr von dem einsam sich gegen tausend Widerstände durchdringenden Genie? Eine Schauspielerschule für die werktätigen Massen brauchen wir, damit nicht nur die Reichen Gelegenheit haben … Mein Gott, wer ist heute noch »reich«!? Dazwischen der Ruf nach »Zeitnähe« und das Verlangen, man höre, den Kritiker zu verprügeln, der es wage, den Wert solcher Zeitnähe in Zweifel zu ziehen. Das gerade nicht, wurde beschwichtigt, aber die Kritik sei schon »zersetzend«, »geistreichelnd« und vor allem – nicht aufbauend genug. So ging es recht stürmisch zu im Deutschen Theater. Da Geistiges nicht berührt wurde, war die Richtung im Großen und Ganzen falsch. Aber wenigstens war die Apathie einmal gründlich wachgerüttelt, und es wehte ein frischer Wind. Als Friedrich Wolf von den Deutschen sprach, die im Kriege auf alliierter Seite gekämpft haben, da schrie von der Galerie eine Mädchenstimme: »Das waren Schweine! Die sind ihren Brüdern in den Rücken gefallen!« So etwas gibt es noch. Aber auch die Mehrzahl der anderen verfiel in den alten Galopp, wie ein ausgedientes Paradepferd, das Marschmusik hört: »Profaschisten raus!« In diesem Augenblick geschah etwas Beglückendes, das einzige vielleicht, was die fruchtlose Diskussion lohnend werden ließ. Einer stand auf und schrie in die Empörung hinein: »Aber so helft ihr doch! Sie ist doch ein junger Mensch!« 1345Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Auch dies sagte ein Jugendlicher, und hier eben zeigte sich ein Lichtschein, eine Möglichkeit, zu hoffen. Wollte man dem Rufe aber Folge leisten und helfen, so bestünde die Gefahr, dass der Jugend die viele Hilfsbereitschaft verdächtig wird, dass die Verhätschelung ihres Eigenwertes sie zu Übermut oder gar zu tiefem Stumpfsinn verleitet. Jugend muss in Opposition stehen, muss sich gegen Verständnislosigkeit durchsetzen. Aber die »Jugend von heute« hat es zu schwer und zu leicht. Tragikomödie der Ursachen. Fritz Erpenbecks Roman Gründer (8. Februar 1946) Berlin 1881! Man braucht weder ein Veteran von Sedan zu sein, noch übermäßig viel Fontane gelesen zu haben – diese Zeit ist noch gegenwärtig. Sie führt ein Gespensterdasein in den lädierten Stuckornamenten der Ruinen, in den muffigen Winkeln fadenscheinig gewordenen Bürgertums, atavistischer Leidenschaften und Vorurteile. Der Babelturm ist zusammengebrochen, aber noch an seinen ragenden Fragmenten kann man erkennen, welcher Geist des Frevels und der Anmaßung ihn emporschichtete: Der Gründergeist des Zweiten Reiches. Fritz Erpenbeck hat ihn nüchtern und sachlich, präzise und distanziert dargestellt. Das Prinzipielle, obwohl unmissverständlich vorhanden, drängt sich nirgends auf. Man wird von einer geschickten Reportage eingefangen, schmökert (bevor man eigentlich zu lesen beginnt) sich in einen angenehm spannenden Unterhaltungsroman hinein und befindet sich auf einmal unversehens in einem kompliziert vielschichtigen literarischen Werk. Die Tragödie eines Menschen, der, weil er anständig ist, von einem existenziellen Scheitern ins andere rutscht. Die Komödie eines Zeitalters, in dem immerfort Maskenball gespielt wird, in dem die Schurken sich ihrer eigenen jovialen Biedermännischkeit erfreuen und die Vernünftigen und Aufrechten mühselig jede Erkenntnis einem störenden Nationalgefühl abtrotzen müssen. Oder die Komödie eines Menschen, dessen Moral triumphiert, während er zwischen Jämmerlingen watet wie Gulliver zwischen Liliputanern. Und die Tragödie eines Volkes, das in strammer Haltung in sein Unheil hineinmarschiert, obwohl nur ein ganz klein wenig mehr Verstand und Zivilcourage es davor bewahren könnten. Zwischen zwei Justizkomödien, beide ebenfalls mit tragischem Einschlag, spielt sich das ab, rollt ganz allmählich und organisch und doch mit unerbittlicher Gesetzmäßigkeit aus dem Zuständlichen in die Handlung hinein. 1346 Teil IX Der Roman Erpenbecks ist kein Tatsachenbericht, obwohl in den Zelten Bier getrunken wird, obwohl die Sorma und Thielscher im Residenztheater einen (damals schon ausgegrabenen) Kotzebue spielen und der Hofprediger Stöcker, der Führer der Christlich-Sozialen, im Hintergrund agiert. Es ist kein Schlüsselroman, obwohl Franz Mehring als Redakteur der Volkszeitung nur mit einem einzigen Buchstaben versehen werden musste, um Mehrling zu heißen. Es ist aber auch keine Dichtung, trotz innerer Monologe und trotz einer Liebesszene, die mit Erotik elektrisch geladen ist. Es ist ein herausgebrochenes Stück deutscher Wirklichkeit, ein hochkomplexes, ineinander verfasertes Gebilde aus ökonomischen, politischen und geistigen Wurzeln, die geschändeten Erdboden umklammern, in den sie nicht Sauer- und nicht Kohlenstoff, sondern Giftgase der Korruption und des Ehrgeizes hineinsaugen. Berliner Erde ist das, auf der die Spekulation die Häuser emporschießen lässt, die untergangsreifen, die im Werden schon die Zerstörung herausfordern. Und da rü ber weht Berliner Luft. Und auch Berliner Luft, Luft, Luft, spießig, frivol und moralingesäuert. Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts (9. Februar 1946) Das redliche Bemühen, die deutsche Geistesgeschichte einer Generalbereinigung zu unterziehen, entartet gegenwärtig zuweilen zu hochnotpeinlichen Gardinenpredigten, vor denen so leicht kein großer Deutscher sicher ist. Freilich ist die Fehde der Zeitalter wie auch die Zerstückelung der Tradition eine allgemeine europäische Erscheinung. »Der Mensch muss die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können: Dies erreichte er dadurch, dass er sie vor Gericht zieht, peinlich inquiriert und endlich verurteilt.« Dieses Wort Friedrich Nietzsches ist heute gültiger denn je, und auch der, der es prägte, wird zu der Vergangenheit gezählt, die »zu zerbrechen und aufzulösen« ist. Die Berufung auf Goethe gehört bei den Zeitenwenden zum guten Ton. Nietzsche war diese Unantastbarkeit der geistigen Geltung nicht beschieden. Den Fachleuten aller Richtungen und Generationen war er tief verdächtig, Thomas Mann schulte seine Psychologie der Schwachen und Abseitigen an Nietzsches Analyse der Décadence, den Nazis behagte die bedenkenlose »Herrenmoral« seines Übermenschen, nicht aber ernannten ihn die Geisterneuerer jüngster Richtung zu ihrem Propheten. Der Mann, der von sich sagte, er trage »die Fahne der Aufklärung« weiter, »die Fahne mit den drei 1347Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Namen Petrarca, Erasmus, Voltaire«, wird heute nicht etwa als kühner Fortschrittler seiner Zeit gefeiert, sondern als finsterster Reaktionär abgelehnt. Aus Gründen der Gerechtigkeit wäre zunächst einmal festzustellen, dass Nietzsche weder je das sentimentale Fagott, noch die schmetternde Trompete des Patriotismus geblasen hat. Eine erquickliche Erscheinung für unsere Zeit, da sich sogar die Kommunisten des nationalen Pathos befleißigen. Wir würden uns nicht wundern, wenn in einigen Wochen Heinrich von Kleist anlässlich der Premiere seiner Familie Schroffenstein im Deutschen Theater allenthalben als Sozialist und Demokrat gefeiert und die Hermannsschlacht, dieser Lobeshymnus auf einen Chauvinismus, dem alle Mittel recht sind, in dem Rausch des Entzückens über den frühen Forderer der Bodenreform vergeben und vergessen werden sollten. Es wurde in unserer Literatur zu allen Zeiten heftig einem Patriotismus von fast provinzieller Enge gefrönt. Goethe, Heine, Nietzsche sind Ausnahmeerscheinungen, die die freie Luft eines geistigen Kosmopolitismus atmeten. So hat Nietzsche Bitterböses über Deutschland und die Deutschen gesagt, wobei ihm die olympische Distanz Goethes freilich ebenso fremd war wie die verletzte Liebe Heines. Wa rum also glaubt man heute, ihn als Vorfaschisten abtun zu dürfen? Den Schwarz-Weiß-Malern, die nur die Begriffe »Fortschritt« und »Reaktion« auf der historischen Palette haben, fällt es leicht, diese Frage zu beantworten. Für die Darstellung der bunt schillernden Persönlichkeit Nietzsches aber ist diese beschränkte Farbgebung nicht ausreichend. Es gibt keine einheitliche Lehre, kein »System« und kein »Dogma« Nietzsches, die zu akzeptieren oder abzulehnen wären. Seine Lehre zur Weisheit war nicht monogam, sondern von jeder neuen Erkenntnis neu erotisiert und in tausend Eroberungen treulos und abenteuerlich verzettelt. Die Schattenseite dieser lichten und heiteren Leidenschaften aber war ein Kreuzigungszug der Erkenntnis mit vielen Stationen: Von der Geburt der Tragödie bis zum Ecce homo hat Nietzsche sich durch seine Werke und seine geistigen Wandlungen blutig hindurch geschunden, gepeitscht von dem tyrannischen Dämon der Neugier, der ihn beherrschte. Zu Nietzsche Stellung zu nehmen, ihn zu widerlegen oder die Beweise, die er schuldig blieb, nachträglich zu erbringen, ist unmöglich. Man kann ihn als Ganzes bejahen oder verneinen, und wer ihn verneint, ist ein prüder Spießer. Das aber heißt nicht, dass man die Gefahr dieses hochexplosiven geistigen Sprengstoffs unterschätzen soll! Nietzsche war nur möglich in einem Lande, dessen Menschen am Sinn der Geschichte verzweifelten und an den »Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit« (Apel) nicht mehr 1348 Teil IX zu glauben vermochten, in einem Lande, in das, wie erst kürzlich der britische Historiker Dennis W. Brogan schrieb, »die Menschenrechte im Proviantwagen einer Invasionsarmee« eingeführt waren (womit das Jahr 1793 und nicht 1945 gemeint ist!). Der Pessimismus Schopenhauers, dem die Geschichte als Satanswerk galt, triumphierte. Zwischen Schopenhauer und Nietzsche steht Darwin mit seiner Entwicklungslehre der Arten, deren Übertragung auf geschichtliche Zusammenhänge der Philosophie Nietzsches ihr antirationales und rückschrittlich-naturalistisches Gepräge verleiht. Dies aber ist Nietzsches eigentliches Werk: Die dumpfigen Kellergewölbe des bürgerlichen Ressentiments erkennend durchmessen zu haben, über denen Schopenhauer sein System errichtet hatte, auferstanden zu sein zur Taghelle einer emphatischen Daseins- und Willensbejahung, aufgestiegen zur einsamen Gipfelhöhe der Erkenntnis. Eine Serpentinenstraße führte hinauf, und von dieser Höhe her hat Nietzsche hineingeschaut in weite Zeiträume des Vergangenen und der Zukunft. Er hat die Fülle der geschichtlich wirksamen Werte erblickt und die historische Relativität menschlicher Wertung. Aber er hat sich in dieser Vielfalt verloren und die ideale Unabhängigkeit der Werte (des Mitleids wie der Tapferkeit, der Nächsten- wie der Fernstenliebe) vom wandelbaren Dafürhalten des Menschen verkannt. Dieser Relativismus ist sein Irrtum, der einzige, den ihm strenge Philosophie vorzuwerfen hat. Weit schwerer wiegt der Irrtum der anderen, der Nietzsche-Anhänger und -Gegner, die eine beliebige Phase aus dem Zickzack seines Serpentinenweges herausbrechen und sie als Nietzsches Lehre bejubeln oder verachten. Man schrieb mir neulich, es sei nicht Rilkes Schuld gewesen, dass sentimentale Backfische sich durch seine Gedichte in ihrer erkünstelten »Innerlichkeit« bestätigt fühlen. Nun, es ist Nietzsches Gefahr, dass dumpf konservative Geister sich die revolutionäre Geste der »Philosophie mit dem Hammer« zu eigen machen, um einen Kultus des naturhaft Vorbewussten zu treiben. Diese Gefahr wurde bedrohlich in Spenglers Anweisungen zur Raubtierpolitik. Aber Nietzsche ist unschuldig da ran, dass feiste deutsche Spießer sich bei Judenpogromen als Herrenmenschen fühlten, das rückständige Atavismen sich revolutionär und jugendfrisch aufschminkten, dass ein abgestandener Mythos von Blut und Boden die Vernunft desavouierte und eine fanatisierte Jugend den stockreaktionären Ideen ihren biologischen Charme lieh, Kriegslieder auf den Lippen, den Arm zum Hitlergruß gereckt und mit »Gelobt sei, was hart macht« als 1349Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Motto der Pimpfen-Dienstvorschrift. Mit diesen Karikaturen des »Willens zur Macht« hat keine Zeile Nietzsches etwas gemein.88 Nach berühmten Mustern (9. Februar 1946) »Nach berühmten Mustern« – unter diesem Titel veröffentlichte Fritz Mauthner 1879 die erste Folge seiner Parodien zeitgenössischer Dichter. Seit Nicolais Freuden des jungen Werther und Mahlmanns Kotzebue-Persiflage war in Deutschland das geflügelte Steckenpferdchen des antiken Urparodisten Hipponax nicht mehr geritten worden. Die Parodie erfordert bei denen, die sie pflegen, einen ausgesprochenen Spürsinn für das Wesentliche, und bei denen, die von ihr betroffen werden, ein gerüttelt Maß an Selbstironie. Wir wissen nicht, wie Euripides auf die Parodie des hämischen Kollegen Aristophanes reagiert hat. Gumppenberg jedenfalls machte sich mit seinem Teutschen Dichterroß unbeliebt. Über Robert Neumanns Mit fremden Federn und Unter falscher Flagge, wo die Parodie zuweilen ins Kongeniale gesteigert ist, haben die Betroffenen von Thomas Mann bis zu Hedwig Courths-Mahler verständnisvoll und schuldbewusst geschmunzelt. Wenn wir heute die Tradition der Parodie fortsetzen, die an Altehrwürdigkeit der Literatur kaum nachsteht, so deshalb, weil wir einmal feststellen wollen, ob in Deutschland nach der Tyrannei der selbstherrlichen Humorlosigkeit das Schmunzeln der Selbstironie abhanden gekommen ist. Ein Versuch, mehr nicht. Ist das Resultat nur übelnehmerisch, um so schlimmer für die Übelnehmer. Denn böse meinen wir es auf keinen Fall. Hipponax 88 (AH) Am 11. Februar 1946 druckte der Kurier folgende kurze Stellungnahme ab: »Wer ist Apel? Apel, Paul, ist der Verfasser der entzückenden phantastischen Komödie Hans Sonnenstössers Höllenfahrt, deren Held im Traum bei der Erlösung aus den lästigen Fesseln einer voreiligen Ehe einen merklichen ›Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit‹ empfindet. Trotzdem, die soeben in Gänsefüßchen gesetzte Formulierung stammt nicht von Apel (wie in unserem Nietzsche-Aufsatz Nummer 19 dank einem Fehltritt des Satzes zu lesen war), sondern – aufmerksame Leser werden es gewiss schon stillschweigend korrigiert haben – von Hegel. Tragen wir außerdem noch nach, dass der Aufsatz Wolfgang Harich zum Verfasser hatte.« Kurier, 11. Februar 1946, S. 3. 1350 Teil IX 1351Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Garanten der Zukunft – nach »Jugendfunk« des Berliner Rundfunk (9. Februar 1946) »Kinnings, wo steckt denn bloß Wolfgang?« »Der holt doch von der Redaktion die neueste Nummer der Zeitschrift Neues Leben!« »Preis nur eine Mark!« »Au ja, da bin ich aber gespannt!« »Da kommt er ja! Man, so eine Sache! Wolfgang, beeil dich, und gib schon die Zeitschrift her!« »Aber ruhig, ihr zerreißt mir ja noch meinen Anzug!« »Was steht denn drin?« »Was uns am meisten interessiert, das ist doch wohl die Jugendarbeit in den Bezirken.« »Da ist es ja schon: Wieder zweihundert Jugendliche in Wilmersdorf erfasst!« »Au watte!« »Und hier: In zäher demokratischer Aufbauarbeit haben Britzer Jugendliche ohne Unterschied von Rasse, Religion oder politische Gesinnung gemeinsam das Dach ihres antifaschistischen Jugendheimes gedeckt.« »Na prima!« »In Weißensee haben zweitausend Jungen und Mädels in spontanem Einsatz einem alten Mütterlein ihren Handkarren mit Reisig beladen!« »Daran sollten sich auch die ein Beispiel nehmen, die immer noch abseits stehen!« »Ganz recht, Irma!« »Der evangelische Kindergarten des Bezirks Kreuz berg hat Schulter an Schulter mit dem dortigen Jugendausschuss eine machtvolle antifaschistisch-demokratische Einheitsjugendkundgebung veranstaltet.« »Das deutsche Einheitskind marschiert!« »Aber nicht etwa im Gleichschritt!« Hipponax Hipponax von Ephesos 1352 Teil IX In Spandau: Kabale und Liebe (11. Februar 1946) Eine angedeutete stilisierte Bühne vor einem weinroten Vorhang, dazu wechselweise das Cello des alten Miller. Lady Milfords Spiegeltisch und der Schreibtisch des Präsidenten Walter als so ziemlich einzige Requisiten. Dieses Minimum an Dekoration lässt erwarten, dass hier die Beschränkung im Materiellen eine Konzentration der Darstellung bedeuten könnte. Aber nichts davon. Ein tumber, dumpfer Ferdinand ohne männlich-ideale Ausstrahlung, eine farblose, seelenverkümmerte Luise, ein zaghafter, heiserer alter Miller, dem man das Poltern und die Empörung nicht glaubt – sie alle haben wacker auswendig gelernt und mühen sich redlich um die peinlich genaue Einhaltung der Regievorschriften Josef R. Lorandts, ohne sie von sich aus mit Gestalt zu erfüllen. Man fragt sich also: Wozu diese serienweise Schaustellung der Mittelmäßigkeit, die doch nur zu einer Provinzialisierung des Berliner Geisteslebens führt? Überdurchschnittlich: Albert Johannes als Hofmarschall von Kalb, läppisch-weibisch-seigneurialer Narr, und Erika Grube als Lady in dämonischem Zwiespalt zwischen süchtiger Ero tik und verschüttetem Edelmut. Humanität im Zirkus (13. Februar 1946) Mit leicht amerikanischem Einschlag werden im russischen Film Zirkus Löwen gebändigt und die schönen Mädchen mittels Raketenantrieb steil in die Zeltkuppel emporgeschnellt. Die Szene mit dem unfreiwilligen Dompteur hat Rühmann schon besser gekonnt, aber sonst geht es munter her, und die Regieeinfälle von Alexandrow stehen Kopf, schlagen Purzelbaum und verheddern das Zelluloidband zu einem Knäuel heiterer Konflikte. Jokus und tiefere Bedeutung, jawohl, auch für die Weltanschauung ist in dem bunten Treiben gesorgt. Zwischen Elefanten-Idyll und antiquierter Fahrrad- Akro ba tik wird die sympathische Tendenz auf die Leinwand geflimmert. Es geht um »Rassenschande« und menschliche Gleichheit. Die artistische Glanznummer, aus dem Ausland nach Moskau importiert, ist eine Frau mit Vergangenheit, und zwar mit »schwarzer Schmach« da rin. Ihr Impresario, ein herrlich naiv vergröberter Schurke, erpresst sie, droht, er werde ihr bezaubernd gesprenkeltes Baby als Indiz der Öffentlichkeit vorweisen und sie damit kompromittieren. Aber da irrt sich der. Als er’s wirklich tut: Nichts von pikiertem Rassenstolz, sondern erst Verständnislosigkeit, dann Erbitterung über den Denunzianten, und schließlich wird das Gesprenkelte von Zuschauer zu Zuschauer gereicht und vom gesamten Moskauer Zirkus (mit Ausnahme 1353Auswahl von Artikeln aus dem Kurier des zoologischen Bestandes) abgeknutscht und in den Schlaf gesungen. Die Mama aber nennt sich fortan nicht mehr Mary, sondern Mascha, bleibt in Moskau, wird ein prinzipiengläubiges Sowjetmädchen, das die letzte Szene bei einem Massenaufmarsch auf dem Roten Platz zeigt. Religion als Bildungswert (15. Februar 1946) Es sei – von gewissermaßen neutraler Seite und aus einer neuen Per spek ti ve – ein aufrichtiges Wort zu dem heiß umstrittenen Problem des Religionsunterrichts in den Schulen gestattet. Dabei sei vorausgeschickt, dass der, der hier eine Entscheidung zu fällen wagt, nicht einmal zu denen gehört, die »ihren Gott im Walde finden«, sondern sich als durchaus ungläubig bekennt. Die Arbeiterparteien, die dem Dogma des historischen Materialismus huldigen, glauben, den demokratischen Tribut an die Toleranz in genügendem Umfang entrichtet zu haben, wenn sie den Kirchen die Möglichkeit religiöser Unterweisung und Belehrung überlassen. Man könnte entgegnen, dass mit dem gleichen Rechte auch die Kirchen fordern dürften, die Einführung in materialistische Theorien habe außerhalb der Schulen zu geschehen. Man könnte überhaupt der Ansicht sein, es sei eine unbelastete Meinungsbildung nur dann gewährleistet, wenn aus dem Lehrstoff der Schulen alle religiösen, weltanschaulichen, philosophischen oder wissenschaftlichen Überzeugungen, die jemals in der Weltgeschichte des Geistes aufgetaucht sind, sorgfältig ausgesondert werden. Fraglich bliebe dann allerdings, in welcher Weise der im luftleeren Raum solcher Meinungsfreiheit aufgewachsene junge Mensch von seiner schrankenlosen geistigen Freiheit Gebrauch zu machen gedächte. Den erfreulichen Ausfall jeder ideologischen Vorbelastung hätte er sich nämlich mit einer schrecklichen Unbildung erkauft; und da er weder vom katholischen, noch vom protestantischen Glaubensdogma, weder vom deutschen Idealismus Kants, Fichtes und Hegels, noch vom Materialismus Feuerbachs, Marx’ und Engels’, weder von den Ideen der Französischen Revolution, noch von der Abstammungstheorie Darwins einen blassen Schimmer hätte, wüsste er gar nicht, wofür sich zu entscheiden möglich wäre. Er wäre ein Caspar Hauser der Geistesgeschichte. Diese groteske Konsequenz erhellt den Kern des Problems. Solange die Schule, ihrem eigentlichen Sinn entsprechend, der Bildung dient, wird sie ein Forum der Meinungen, 1354 Teil IX Auffassungen, Dogmen und Konfessionen sein müssen; denn die historische Wirklichkeit ist nicht nur ein gewaltiger Tatsachenkomplex, sondern sie birgt – und das allein macht ihr Studium fruchtbar – die verschiedensten, einander widersprechenden geistigen Per spek ti ven, Standpunkte und Entscheidungen. Die Weltgeschichte ist die Geschichte der menschlichen Bekenntnisse, aus deren Antithetik sich das entfaltet, was wir den Fortschritt nennen. Die Bildung ist die Abbreviatur dieses geistigen Prozesses im Bewusstsein des Einzelnen. Wo ein Glied der Kette fehlt, kann das Ganze nicht verstanden werden. Man stößt sich nun da ran, dass im Religionsunterricht ein Glaubensinhalt nicht objektiv als eine mögliche Meinung unter vielen anderen, sondern als unumstößliches Dogma und verpflichtende Offenbarung gelehrt wird. Wer dem Religionslehrer (der allerdings die Religion auch als Pensum und nicht als Bekenntnis behandeln kann) untersagen will, dass er aus unduldsamer Begeisterung sich für seinen Glauben ereifert, der müsste auch dem Geschichtslehrer seine »Lieblingshelden«, dem Deutschlehrer seine »Lieblingsdichter« und dem Zeichenlehrer die Vorliebe für diesen oder jenen Stil verbieten. Stellungnahme ist menschlich und, wenn wir nicht irren, auch demokratisch, und die sachliche Leidenschaft eines Lehrers, die immer auf irgendeiner einseitigen Wertbetonung beruht, ist für den Lernenden jedenfalls förderlicher als die seelisch sterile Vermittlung objektiver und unbewerteter Tatsachen, die jeder Beziehung zum Menschlichen entbehren. Und steht es nicht zum Beispiel dem Geschichtslehrer frei, gegen alle Religion zu Felde zu ziehen? Weltanschauliche Konflikte sind für jeden Heranwachsenden anregend und fruchtbar, dessen Anlagen und Instinkte bei sturer Einseitigkeit verkümmern. Diese einseitige Bildung droht aber gerade denen, deren Eltern ungläubig sind, denen also, die zu Hause nichts von Religion erfahren und auch in der Schule, wenn ihre Eltern es nicht wünschen, religiös nicht unterwiesen werden. Wer heute mit Jugendlichen spricht, die während der letzten Jahre eine höhere Schule besuchten und (wohl gemerkt durch eine Naziverordnung!) dort keinen Religionsunterricht mehr genossen, fühlt sich oft peinlich an Mark Twains »Tom Sawyer« erinnert, der auf die Frage, wer die Apostel seien, prompt die Antwort erteilt: »David und Goliath!« Man mag der moralischen Gefahr spotten, die mit einer unreligiösen Erziehung verbunden ist; viel ernster ist die Gefahr einer verheerenden Unbildung, die niemand bestreiten kann. Unter ihr hat der Betroffene selbst am meisten zu leiden; denn ihm fehlt für sein ganzes Leben eine wesentliche Per spek ti ve möglicher geistiger Stellungnahme. Ihm fehlt ferner die Kenntnis der großen geistigen Zusammenhänge. Wie will 1355Auswahl von Artikeln aus dem Kurier er, wenn er sich historisch fortbildet, die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen Arianern und Athanasianern, wie will er die Geburt Europas auf italienischem Boden aus den Urelementen der Antike, des Christentums und der barbarischen Lebenskraft der Germanen, wie die Bedeutung der Reformation, der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges verstehen? Er wird erstaunt sein, um welcher »Belanglosigkeit« willen man damals zwieträchtiger Leidenschaft verfiel. Aber er wird nicht wissen, dass die gleiche »Belanglosigkeit« auch die Ursache jener gemeinsamen Glaubenskraft war, die die Bachkantate wie die Dürermadonna, die Weisheit der Scholastiker und Mystiker wie das Emporblühen gotischer Türme beseelt. Und wenn er sich philosophischen Studien widmet, so wird ihm dunkel bleiben, dass durch die Jenseitsverklärung des jüdischen Jahwe-Mythos und die Eschatologie des Jüngsten Gerichts im Abendlande ein Geschichtsbewusstsein reifte, das der Antike noch fremd gewesen war, und das in den großen Geschichtstheoremen des Augustinus, Herders, Hegels und Marx’ sich in alle Bezirke des Daseins hinein modifizierte. Solange es uns ernst ist, um die Bildung des Volkes und die Erhaltung unserer Geisteskultur, müssen auch wir Ungläubigen die Religion als Schulfach fordern. Bühnenbildner: Die Phantasie. Der Lügner von Carlo Goldoni als Hörspiel (16. Februar 1946) Kein Schütte und kein Gliese machen das nach, diese italienische Barockvilla bei Nacht, die grauedlen Signorinen Rosaura und Beatrice auf dem Balkon, und die verliebten Serenadensänger im Garten. Das alles wird einem per Äther ins pappvernagelte traute Heim beschert. Man braucht nur die Augen zu schließen und sieht es vor sich, als säße man im ersten Rang und die Bühne bestände nicht aus Kulissen und Rampenlicht, sondern aus Natur und Mondenschein. Wenn Goldonis naive Dialoge, seine Einfälle und Späße drahtlos dahergepurzelt kommen, dann betätigt sich die Phantasie mühelos als Bühnenbildner. Um den Lügner Lelio Pantelone geht es und um dessen (bekanntlich kurzbeinige) Geistesprodukte, die ihm in jeder Situation aus dem Renommierbedürfnis sprudeln. Ein Vulkan ist das, der zigeunerisch galante Hochstapeleien und italienische Brocken von sich speit, dass es eine wahre Freude ist, o Dio mio! Unmöglich ist’s, das Knäuel zu entwirren, das die Lüge aus Prinzip so heillos verheddert hat. Und da es Commedia 1356 Teil IX teils »dell’arte«, teils »erudita« ist, mit gefeiltem Dialog wie bei Molière, und doch noch mit dem Reiz des Ursprünglichen da rü ber, der nur im Stegreif gedeiht, so wird viel »beiseite« gesprochen, und manche Figur scheint eine personifizierte Randbemerkung zu sein. Im Theater wirkt das immer peinlich. Man glaubt eben nicht, dass die Gegenspieler nicht verstehen sollen, was doch die Akustik zu den billigsten Plätzen trägt. Am Radio ist das anders. Da wiegt man sich in der Illusion, Gedanken lesen (oder vielmehr: hören) zu können, von denen die anderen keine Ahnung haben. Wie es den Pantalone aus der Prahlerei in die Notlüge und von dort in ausweglose Bedrängnis treibt – beiläufig wird es unterm Mikrophon in den Bart gemurmelt und zwischen den Zähnen hervorgeflucht und ist einsame Seelennot, tragisch fast, Fluch der bösen Tat en miniature. Die Namen, die die Programmansage nannte, vergaß ich zu notieren. Der Drehbuchautor (oder wie nennt man das fachmännisch?) und der Regisseur seien gepriesen. An den Stimmen erkannte ich Hilde Weißner, Paul Henckels, Pelz von Felinau und O. E. Hasse. Charakter, Glück und lange Leitung (18. Februar 1946) Nach dem Rezept »Man nehme …« hat Roland Schacht zwei altgediente, aber bewährte und literarisch höchst strapazierfähige Themen genommen. Erstens die Geschichte von dem reinen Toren, dem das große Los die festgefügte Behaglichkeit stört, ohne freilich den noch fester gefügten Charakter ins Wanken zu bringen. Zweites die Geschichte von dem jungen Mädchen, das den rührend vertrottelten und unbeholfenen Professor liebt, einen lateinisch deklamierenden Bücherwurm mit langer Leitung und abendfüllender Schüchternheit. Der reine Tor und der rührend Vertrottelte sind, wie so oft, identisch. Das große Los und das junge Mädchen sind es anfangs nicht. Aber mit zunehmend sich schürzendem Knoten multiplizieren sie einander zu der runden Summe »Glück«, die dem liebsenilen Charaktermenschen in die Taschen fließt, beziehungsweise in die Arme sinkt. »Zum Glück gehört Charakter« und charaktervoll wird das Glück bis zum letzten Aktschluss aufgespart. Dr. Paul Mederow hatte das im »Theater in der Kaiserallee« als Schwank inszeniert. Er selbst spielt den Sympathischen von der Gilde der Professoren Unrat, hätte mehr aus der Rolle herausholen müssen, vor allem dann, wenn es, zwischen Plüschaugenaufschlag und Klassikerzitat, im Schulmeisterjargon zu wettern gilt. Diesem lebemännisch graumelierten Herrn glaubt man das gelehrt überkrustete Knabenherz nicht. Sabine Peters – 1357Auswahl von Artikeln aus dem Kurier mit kullerrunden Schmachteaugen und kussbegierig gespitztem Mäulchen – sprüht sex appeal, weint, schreit, lächelt nach Bedarf und stellt freigebig eine himmelhoch jauchzende, zu Tode betrübte Gefühlsskala zur Schau. Dazwischen stapft breitbeinig Friedrich Gnaß einher, ein prächtig renommistischer Angler mit Seemannsbart, begriffsstutzig, polternd und mit Gesten, die armlange Fische andeuten sollen. Märchen auf Zelluloid (23. Februar 1946) Den Sojusfilm Der Zauberfisch (Regie: Alexander Rou) hätten die Brüder Grimm sich nicht prächtiger von Großmutter vertellen lassen können. Der fette Hecht, der sich seine Freiheit im feuchten Element mit der Preisgabe einer Zauberformel erkauft, und die verwöhnte Prinzessin, die immer nur greint und weint und durch keine Macht der Welt mehr zum Lachen zu bringen ist – das sind gute alte Bekannte aus den gleichen Bezirken der Erinnerung, wo das Gruseln so schaurig-süß ist und die Mädchen so rot wie Blut, so weiß wie Schnee und so schwarz wie Ebenholz sind. Aber der Mischung dieser beiden Märchenmotive ist eine gehörige Dosis Tendenz aus der Gesinnungsapotheke beigemengt. Der Fischer und seine Frau begehren bekanntlich Maßloses und enden in ihrem alten Elend. Aber der Bauer Emelja denkt nicht da ran, seine armselige Kate gegen ein Königsschloss einzuzaubern, sondern begnügt sich mit allerlei magischen Hilfeleistungen, wie sie nur in der Phantasie und im Trickfilm möglich sind, wünscht der Matka einen wärmenden Pelz und den hungernden Bären im Walde drei Kübel voll Honig, lässt die Bäume sich selbst zersägen und zu Brennholz schichten und verwandelt nur zum Spaß den sibirischen Winter in eine liebliche Sommerlandschaft. Nur ungern reist er auf seinem häuslichen Ofen, der wie eine Lokomotive schnauft, an den Hof des Zaren und zähmt die widerspenstige Prinzessin mit der Ziehharmonika, die auf dem Sessel sitzt und sich selbst bedient. Die Holde, die eben noch mit Gegenständen um sich warf und ihre Tränen literweise in zwei große Kübel weinte, tanzt nun und lacht und ist außer Rand und Band. Im Märchen hätte nun Emelja die Zarentochter und das halbe Reich zur Belohnung bekommen. Aber da ihm das Kapitalistische so fremd und zuwider ist, entführt er die immerfort Lächelnde auf seiner Ofenlokomotive quer durch die Lande, wünscht sich mitten in ein idyllisches Wiesental einen See mit Schwänen, und dort lassen die beiden 1358 Teil IX sich als glückliches Paar nieder, werden sich in Zukunft höchstwahrscheinlich von Ackerbau und Fischfang ernähren, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Ein Außenseiter des Sozialismus (1. März 1946) Den hundertsten Geburtstag Franz Mehrings hat die Arbeiterbewegung mit weniger Glanz bedacht als kürzlich den hundertundsechsten August Bebels, und als vor kurzem Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs gedacht wurde, da sprach niemand davon, dass auch Mehrings einsames Sterben durch jene Bluttat des 15. Januar 1919 verursacht war. Mehring starb vierzehn Tage später, dreiundsiebzig Jahre alt, an einer schweren Lungenentzündung. Die Empörung da rü ber, »dass die größte und kühnste revolutionäre Energie Deutschlands und der feinste Frauenkopf mit dem genialsten Hirn der Internationale, zwei der herrlichsten Menschen, den mit allen Mitteln arbeitenden Blutorgien einer so genannten sozialistischen Regierung« zum Opfer gefallen waren, hatten ihn von seinem Krankenlager getrieben. Nur leicht bekleidet, war er Tag und Nacht ruhelos in seiner winterkalten Wohnung umhergeirrt, und diese Wanderungen hatte sein von langer Haft und schlechter Ernährung geschwächter Greisenkörper nicht ausgehalten. Die zeitliche Erstreckung dieses in Gram und Verzweiflung endenden Lebens wird, grob gerechnet, begrenzt durch zwei Revolutionswogen, die im Aufbranden schon zerschellten am Felsgestein der Reaktion. Mehring wurde im gleichen Jahre 1846 geboren, in dem der Deutsche Germanistentag zu Frankfurt die geistigen Vo raus set zungen der alldeutschen bürgerlich-demokratischen Revolution zusammenfasste, und er starb als einer der führenden Männer des Spartakusbundes, vier Tage nach dem Aufruf zur Gründung der III. Internationale. Sein Weg führte von der liberalen zur sozialistischen Gesinnung, von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution. Fragen wir nach den Motiven, so vermögen wir diese innere Wandlung weder mit demagogischem Ehrgeiz, noch mit einem messianisch-romantischen Verbrüderungsgefühl des Bürgersohnes und Grafenenkels zu erklären, weder mit jugendlichem Überschwang, noch mit beruflichem Scheitern. In diese Kategorien, die Sombart für die »nichtproletarischen Sozialisten« aufgestellt hat und die für Lassalle und Bakunin auch zutreffen mögen, lässt die Persönlichkeit Franz Mehrings sich nicht einordnen. Mehring ist zeitlebens nicht De ma- 1359Auswahl von Artikeln aus dem Kurier goge, sondern Gelehrter gewesen, nicht Gefühlsmensch, sondern nüchtern Erkennender. Mehring hat als Nachfahr der 48er Großdeutschen das Werk Bismarcks als Verhinderung der deutschen Einheit empfunden und ist von dieser Erkenntnis her in die gesellschaftliche Struktur seines Zeitalters eingedrungen. 1877 gehörte seine Sympathie noch Lassalle, über den er schreibt: »Es war zu viel Farbe und Gestalt in seinem Charakter, als dass er je in der marklosen Verschwommenheit der internationalen Phrase hätte untergehen können; all sein politisches Denken und Tun war – auf den preußischen Staat bezogen!« Bis in seine Marx-Biographie hinein hat er auch später noch oft für Lassalle Partei ergriffen. Damit erregte er unter seinen Gesinnungsgenossen Missliebigkeit. Ein Außenseiter? Ein sich Wandelnder, ein Lebendiger, ein Mensch! Je mehr aber Mehring der preußische Staat unter dem Gesichtspunkt der großdeutschen Einheit und der liberalen Demokratie fragwürdig wurde, um so mehr näherte er sich dem proletarischen Internationalismus als der umgreifenden Synthese aller nationalen Interessen. In der vierbändigen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie von 1897 sprach Mehring dann, zwanzig Jahre nach dem ersten, sachlich referierenden Versuch, als Marxist und in eigener Sache. Dieses Werk ist in einem hochkultivierten und vergeistigten Sprachstil geschrieben, wie ihn bis zu Georg Lukács kein sozialistischer Denker mehr zu beherrschen verstand. Zwar konnten Karl Kautsky und Rjasanoff ihn der »Marxfeindschaft« zeihen, weil seine nüchterne Darlegung der Differenzen zwischen Marx und Lassalle und Marx und Bakunin nicht der parteiamtlichen Auffassung entsprach. In Wirklichkeit aber war Mehrings Marxismus weitaus konsequenter als die Versöhnungstaktik Kautskys, die später Lenins schneidenden Hohn herausforderte. So gehörte Mehring zu den wenigen führenden Sozialdemokraten, die den chauvinistischen Burgfrieden während des Ersten Weltkrieges verurteilten, und als er im Kriege seine Marx-Biographie schrieb, da stand er in einer Kampffront mit Liebknecht und Rosa Luxemburg, mit Lenin und Trotzki. Es ist fraglich, ob Mehring es begrüßt hätte, dass gerade der orthodoxe Marxismus unter die Fittiche einer nationalen russischen Politik geriet, wie es nach dem Dritten Weltkongress der Komintern in Moskau immer deutlicher wurde, ob nicht vielmehr seinem rationalen und kompromissfeindlichen Radikalismus mehr die »Internationale zweieinhalb« oder der Trotzkismus entsprochen hätte. Mehring wäre wahrscheinlich auch in der KPD ein Außenseiter geblieben. Als Außenseiter aber ist dieser kühne und 1360 Teil IX fortschrittliche Geist in der Geschichte des proletarischen Sozialismus die vielleicht lebendigste Gestalt. Plüschsalon und Ozean (2. März 1946) Diesmal war es reichlich gemischte Kost, die uns in der Hörspielstunde von Radio Berlin drahtlos serviert wurde: Minna Magdalena von Curt Goetz als pikantes Hors d’oeuvre, die Entdeckung Amerikas, mit Seetang, Fanfarengeschmetter und Seemannsgesängen garniert, als Hauptmahlzeit und hinterher etwas besonders Kostbares: Die erste Zigarre, dargereicht von Christoph Kolumbus oder Don Christobal Colon und hüstelnd als neue Lastermöglichkeit geschmeckt von Ferdinand, König von Spanien. Was ist haften geblieben, was schmeckt angenehm nach? Merkwürdig: Curt Goetz’ Dialoge, mag es nun zärtlich oder derb in ihnen zugehen, lassen sich durch kein Sturmesheulen, durch kein knarrendes Takelwerk und keinen Seemannsfluch in die Vergessenheit drängen. Ein Faden, der sich nirgends ernstlich zum dramatischen Knoten schürzt – aber was sind für köstlich schimmernde Pointenperlen auf diesen Faden aufgereiht! Die Regie von Hanns Farenburg, der den Herrn Professor spricht, hat das geschickt durch die gegenstandslosen Seelennöte dieser Viertelstunde Lärm um Nichts gelotst. Eine Fehlbesetzung: Käthe Haack, Fehlbesetzung deshalb, weil in ihrer Stimme zu viel Mütterlich-Verständnisvolles mitschwingt, als dass wir ihr die Herzlosigkeit und Prüderie glauben könnten, die sie uns vorzuspielen hat. Soweit also wäre das eine angenehme Abendunterhaltung, die wir uns gerne gefallen lassen. Aber dann folgt Pelz von Felinaus Don Christobal: Mit Mimenpathos dick gesponnenes Seemannsgarn, Kolumbus am Kompass und im einsamen Gebet, Kolumbus, wie er den meuternden Matrosen und dem König gleich frei und mutig entgegentritt, Kolumbus bei Schiffszwieback und an der königlichen Tafel, herrisch unter seinen Mannen und umjubelt von der Menge. Aber wenn er vom Tobacco spricht, dem er verfallen ist, so fühlt man sich getroffen. Vielleicht ist es nur deshalb etwas, das uns angeht, diese Reminiszenz an den ersten hochberühmten Raucher. 1361Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 500. Rede an die deutsche Jugend – nach Ernst Wiechert (2. März 1946) Ihr Jungen, wenn ich in eure Augen schaue, die umflort sind vom Grame der Zeit und die doch klar sind wie ein azurener Bergsee, in dem nur die dräuenden Wolken dieser furchtbaren zwölf Jahre sich spiegeln, dann wird mir bange in meiner selbstgewählten Einsamkeit, und ich fühle die Bleiklötze, die zentnerschwer mein Innenleben belasten. Ich fragte mich, ob es nicht fruchtlos sei, meiner Einsamkeit und dem brausenden Ungestüm eures Seins gleich hinderlich, mit den Worten des Älteren, des am Leid, am unendlichen Leiden Gereiften zu euch zu reden. Aber da ich noch fragte in der Nacht meines Fragens, ward mir Antwort in einem wundersam verheißenden Traume. Ich habe über meine Träume Buch geführt als ein redlicher Haushälter der inneren Bedrängnis, wie ich über alle Ergebnisse meines schweren Herzens Buch führte und nicht müde ward der Mühsal, mich selbst zu kommentieren. Ich habe diese Träume, die Gnade sind und ein Glanz aus innen, verborgen gehalten vor der mechanistischen Fachsimpelei der Psychoanalytiker, dieser Häscher der Seelen, und habe sie bei mir getragen durch all das Schwere, das um mich war auf vielen einsamen Abendspaziergängen in der Verbannung vom tätigen Dasein. Und nun träumte mir dieses: Dass ich säße vor einer Schublade, die gefüllt war mit dem Weltschmerz aller Dichter und zu bersten schien von der Wollust und Eitelkeit des Schuldgefühls und dem Augenaufschlag der Demütigen, und dass ich nicht wüsste, was zu tun sei mit diesen Dingen, und ratlos wäre und leidend. Und daneben lag ein Fernglas, mit feinstem Perlmutt beschlagen, und ich hob es an meine müden und gramverklärten Augen und blickte hindurch, da sah ich plötzlich das Summen der Bienen im Lindenbaum und den süßen Ruch der Birnen im Herbst, sah den Mond und die Sterne und das alles wie einen bunten Teppich des Lebens vor dem Hintergrunde kosmischen Leidens. Und wieder begriff ich, dass dieses Leiden Gnade sei, ausgegossen über den Irdischen und verwehrt dem Hass der gefallenen Engel. Da entschloss ich mich endlich, heute vor euch hinzutreten und zu euch zu reden, mit der herben Schlichtheit des Dichters, des im Grunde so einfachen und heiligen, und mit dem Salbadern eines verhinderten Hohepriesters der geistigen Askese. Und nun sehe ich unter euch solche, die da fehlten in der Zeit des großen Fehlens und die irrten in der Zeit des großen Irrens und die schuldig wurden in der Zeit des großen Schuldigseins. Und ich sehe die, die da darbten in der Zeit des Darbens und die hinmoder- 1362 Teil IX ten in den Schützengräben und mit Hunger in den Augen hinter dem Stacheldraht der Kriegsgefangenschaft standen und nach Gott suchten und nach dem Sein und den Dingen. Und ich sehe die, die da glauben, es sei damit getan, dass heute Wiener Blut in einem Operettentheater gegeben werde oder Figaros Hochzeit, und die anderen, die an Blut dachten, als von »Wiener Blut« straßauf, straßab das Gerede erscholl. Und ich sehe die, die bei Niemöller scharrten und bei mir einschliefen, als von der Schuld gesprochen wurde, die nicht nur anzuerkennen ist, sondern die ihr als Gnade begreifen müsst, ihr Jungen, auferlegt von den Göttern und den Dämonen, die aus den Abgründen aufstiegen in der Zeit des großen Aufsteigens. Wahrlich, ich aber sage euch, dass meine Worte Sakramente sein sollen allen Bedürftigen, und dass euch Bedürftigkeit not tut nach aller gleißnerischen Verblendung. Dass ihr nicht zu rächen und zu richten euch mehr aufwerfet und die Hand nicht zurückstoßt, die nicht von Blut befleckt ist. Gehört ihr niemals zu denen, bei denen das Fett dieser Erde ist, sondern werdet zu Lauschenden. Uns Dichtern aber ist gegeben, zu singen und zu leiden, und wenn da ein Sinn sein soll in den Träumen und Bitternissen meiner Einsamkeit, so gehet und tilgt in Scheu und Redlichkeit das HJ-Abzeichen von euren kärglichen Rockaufschlägen und kränzt mit dem unsichtbaren Orden der Versöhnung euch in der Zeit des großen Versöhnens! Hipponax Spieler ohne Disziplin. Der kleine Herr Niemand im Theater an der Heerstraße (4. März 1946) Das Stück ist in der Idee bezaubernd: Ein Dichter, dessen Begabung durch übermäßige Selbstkritik und Bescheidenheit gehemmt ist, und der erst mit einem Arrivierten verwechselt werden muss, damit er sein eigenes Talent zur Geltung bringen kann. Ein Rührender und Unbeholfener, den zarte und auch resolute Frauenhände durch eine Verwechslungskomödie mit allem Zubehör an Konsequenzen und Verwirrungen hindurchlancieren und schließlich zu Glück und Erfolg zwingen. Die dramatische Ausführung dieser Fabel von Just Scheu und Ernst Nebhut hat ihre Längen, und in den Dialogen wimmelt es von peinlichen Kalauern, die durchaus keine Pointen sind. Ein skrupelloser Bleistift hätte daraus etwas Treffliches zurechtstreichen können. Aber der Regisseur Otto Haag ist dem Text gegenüber anscheinend ebenso nachsichtig gewesen 1363Auswahl von Artikeln aus dem Kurier wie zu seinen fast durchweg höchst talentlosen Schauspielern, die nicht einmal ihre Rollen beherrschen, sich versprechen, stecken bleiben und so sichtbar ängstlich verkrampft der Stichworte harren, dass sie da rü ber das Spiel vergessen. Von Zeit zu Zeit gibt sich einer einen Ruck und erledigt ein wenig vorschriftsmäßige Mimik, um gleich da rauf wieder einen monotonen Aufsageton anzuschlagen. Günter Karl Glaeser (in der Titelrolle) vergisst sich soweit, dass er über sich selbst lacht, wenn er täppisch, zaghaft und melancholisch zu sein hat. Es ist weniger als Dilettantismus, was da geboten wird. Denn zum Laienspiel gehört bekanntlich tierischer Ernst. Phantasievoll und technisch beherrscht spielt einzig und allein Vera Kluth als Sekretärin, von der Regie allerdings schmählich im Stich gelassen und ihren noch ungeformten Möglichkeiten überantwortet. Der Rest ist Schweigen. Mit Szenenapplaus für grob misslungene Höhepunkte beweist das Publikum seine Bedürfnislosigkeit. Parade der Manifeste (6. März 1946) »Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.« Dieses Faust-Zitat ist, wie immer, wenn es bei Goethe tragisch zu werden droht, ein versöhnender Hoffnungsstrahl, der im Dunkel der Resignation aufleuchtet. Oft ist es als klingendes Losungswort für Zeitenwenden aller Art benutzt worden, von den ewigen Kündern des Neuen. Zu neuen Ufern – das war Zarah-Leander-Film und Schlusswort so manches professoralen Aufrufs zur Eröffnung einer Universität. Im Admiralspalast vereinte es die Künstler aller »Sparten« auf der blumengeschmückten und wochenschaufertig bestrahlten Bühne, am leinengedeckten Präsidiumstisch und vor silbern schimmernden Mikrophonen. Was an der von der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung veranstalteten Künstlerkundgebung auffiel, das war die offene Disharmonie: Paul Wegener polterte grimmig gegen die Denunziationen und Pöbeleien, die heute das gegenseitige Vertrauen verseuchen, und wenig später benutzte Horst Lommer die Gelegenheit, temperamentvoll stark im Persönlichen verhaftete Äußerungen vom Stapel zu lassen. Jürgen Fehling sprach in sprühenden Assoziationen von der Wahrhaftigkeit des Schauspiels und ließ seine Worte gipfeln in dem Satz: »Das Modernste ist – die Ewigkeit!«, und Fritz Wisten forderte ein politisch aggressives Zeittheater. Walter Frank verlas Worte Ernst Wiecherts, in denen weltschmerzlerisches Innenleben veranschaulicht wird, und Erich Weinert, der eindrucksvollste Redner des Abends, bekannte sich freimütig als Tribun des Volkes und rief auf zur politischen Parteinahme des geistigen Menschen. 1364 Teil IX Für die Musik verwies Günther Ramin auf die Tradition Bachs, während Bernhard Bennedik jede Anknüpfung an die überholten Ausdrucksformen einer »bürgerlich-kapitalistischen Vergangenheit« verwarf. Hier wurden Zwischenrufe laut. Sonst aber wurde mit frenetischem Beifall bedacht, was immer auch gesagt werden mochte. So schien sich in dem sprunghaften kollektiven Gesinnungswechsel des Publikums auch auf dieser Veranstaltung der Satz Stefan Zweigs zu bewähren: »Erste Vo raus set zung jeder rasch und weit um sich greifenden Idee bleibt, dass ihre Formel spitz und schnell wie ein Nagel mit einem einzigen Hammerschlag jedem Menschen in den Kopf eingetrieben werden kann.« Aber es war eben, zum Glück, nicht eine einzige Formel, sondern eine Unzahl von Formeln, die hier begründet wurden, und die Wahllosigkeit, mit der beklatscht wurde, was sich von Minute zu Minute widersprach, war verblüffend und kann nur mit der suggestiven Wirkung erklärt werden, die den einzelnen Rednern entströmte. In der Enge der Zeit war der Tiefsinn dem Schlagwort und die Idee dem Gemeinplatz eng benachbart. Aber wenn etwas erfreulich war an dieser Kundgebung, so war es eben diese Disharmonie, dieser Mangel an »Ausrichtung« und Generalnenner. Es stellt sich die Frage, wo Stärke oder Schwäche solcher Kundgebungen liegen? Interessant sind sie sicher schon als eine musikalisch umrahmte Parade der Prominenzen, bestaunt von einer Menge, die begierig ist, Mary Wigman sprechen zu hören und Erich Weinert von Angesicht zu sehen, und die sich da rauf freut, dass Paul Wegener auch der neuesten Autorität gegenüber kein Blatt vor den Mund nehmen wird. Was bleibt in der Erinnerung haften? Die Erklärung Paul Wandels, des Präsidenten der Zentralverwaltung: Es gebe keine Ausrichtung der Kunst von oben her und es solle keine staatlich konzessionierte Kunstrichtung geben. Diese Gewissheit ist das Entscheidende, das die Gegenwart der schmachbeladenen Vergangenheit gegenüber voraus hat. Und wenn auch die Rede- und Manifest-Epidemie heute immer wieder den Eindruck erweckt, es stehe ein wachsendes Konzilium hochqualifizierter Ärzte ratlos am Sterbebett Deutschlands und verordne einen Klimawechsel an neuen Ufern, so zeigte sich hier doch die Möglichkeit einer vielfältigen geistigen Orientierung als die kostbarste unter den wiedergewonnenen Freiheiten unserer Zeit. »Titel unbekannt« (8. März 1946) Vaudeville-Revue im Renaissance-Theater. Kostüme von André: Bunte Kaskaden von Seide und Tüll, verschwenderische Farbnuancen, Schaumwellen von Spitzengeriesel 1365Auswahl von Artikeln aus dem Kurier und Flor – eine stilisierte Stofforgie. Wenn doch nur statt der Mannequins, die diese Pracht durch eine seichte Revuehandlung zu tragen haben, schlichte Schaufensterpuppen auf der Bühne ständen, auf der vor noch nicht allzulanger Zeit Schnitzler und Wedekind gespielt wurden! Hasardeur oder Sturmvogel? Gedanken zu Friedrich Wolfs Beaumarchais (9. März 1946) Das Schauspiel Beaumarchais von Friedrich Wolf erschien kürzlich als Buch im Aufbau-Verlag und wird heute im Deutschen Theater unter der Regie Paul Bildts uraufgeführt. Den Hörern des Berliner Rundfunks wurde am Donnerstag ein akustischer Probenabglanz von Friedrich Wolfs Beaumarchais beschert. Sie fingen dabei ein Gespräch zwischen dem Regisseur Paul Bildt und einem Rundfunkreporter auf: »Wer spielt denn nun welche Rolle«, fragte der Reporter, »Horst Caspar den König Ludwig XVI. Und Aribert Wäscher den Beaumarchais?« »Aber nein«, antwortete Paul Bildt belustigt, »natürlich umgekehrt: Caspar den Beaumarchais und Wäscher den König!« War die Frage des Reporters zu unberechtigt? Ist es tatsächlich so natürlich, dass der doppeldeutig witzige Dichter des Figaro ein junger, glühender Fechter ist und der letzte Bourbone ein quallig gedunsener Despot, wie nur Wäscher ihn zu spielen vermag? Ludwig XVI. war 1788, in dem Jahr des Schutz- und Trutzbündnisses mit den um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Vereinigten Staaten, vierundzwanzig Jahre alt, während Beaumarchais sechsundvierzig Lenze zählte. Weiter: Im gleichen Jahre war nicht mehr Turgot der Finanzgewaltige, der »täglich mit einem neuen Etat« kommt, sondern Necker. Und der Minister Vergennes war zur Zeit des Bastille-Sturmes längst tot. Das eine ist also eine Vertauschung der Altersstufen, das andere eine leichte Verschiebung Friedrich Wolf, 1952 1366 Teil IX der Tatsachen durch die Phantasie des Dramatikers, der seit Shakes peare das Privileg dichterischer Freiheit genießt. Aber sind Anachronismen auch dann möglich, wenn das Anliegen des Dichters eine dramatisierte Reportage ist, die geschichtliche Bewegungsgesetze verdeutlichen soll? Wenn im ersten Bild dem König die Vorzüge der neuen Welt schmackhaft gemacht werden, dann wird vielleicht manchem einfallen, dass Frankreich in Amerika bereits ein Gebiet verloren hatte, das insgesamt größer war als der in freiheitliche Gärung geratene Kronbesitz Englands! Und wie stark ist doch der Charakter Ludwigs XVI. umgebogen! Bei Wolf ist er ein unduldsamer Tyrann, in Wirklichkeit aber war er ein schwacher und unbeholfener Jüngling, der Beaumarchais vor dem Schuldgefängnis bewahrte und im Übrigen nur durch die feudale Aristokratie in seinen ehrlichen Reformabsichten behindert war. Der französische Adel, der den jungen König bevormundete, tritt bei Wolf nicht in Erscheinung. Statt dessen verdichten sich die reaktionären Strömungen der Zeit in der Gestalt des Königs, dessen erschütternde Hilflosigkeit nur in einer einzigen Szene deutlich wird. Und Beaumarchais? Sein Figaro – Verhöhnung der Feudalherren und der Vorrechte des Geblüts – erregte das feinschmeckerische Entzücken ausgerechnet der Hofkreise des bröckelnden Ancien Régime, und so könnten wir mit Oswald Spengler den Dichter symbolisch nennen für die morbide Selbstentwürdigung der Aristokratie, oder wir könnten mit Theodor Haecker feststellen, dass jede Verwirrung des hierarchischen Ordo »von oben« beginne, der Sündenfall der Menschen mit dem Abfall der Engel von Gott und der Aufruhr des Tiers état mit der zersetzenden Fäulnis der feudalen Oberschicht. Diese Interpretation ist einseitig, und es lässt sich ihr entgegenhalten, dass Beaumarchais, der Uhrmacher aus dem Entengässchen, selbst ein Sohn des Volkes gewesen ist. Aber ebenso einseitig wäre es auch, den Geschäftemacher, der das Traumleben des Dichters mit Millionenspekulationen zu vereinen wusste, zum »Sturmvogel der Revolution« zu erklären. Wie konnte dieser Kapitalist die Partei der Entrechteten ergreifen? Das eben ist das Geheimnis der Französischen Revolution, die im Zeichen der Egalité stand, aber doch nur dem Profitstreben der Bürgerklasse die Privilegien des Adels aus dem Wege räumte, und in der nicht zufällig Robespierre ebenso scheitern musste wie Babeuf! Der Zwiespalt im Wesen Beaumarchais’, dieses Vaganten zwischen den Klassen, rührt daher, dass die Ideen der Freiheit und Gleichheit sich angenehm als leckeres Teegebäck 1367Auswahl von Artikeln aus dem Kurier im königlichen Salon knuspern lassen, wo sie ein wohliges soziales Gruseln erregen, dass sie aber zu tödlichen Waffen werden in den Fäusten einer durchaus nicht feingeistig gestimmten Volksmenge. Beaumarchais hat mit diesen Ideen ein keckes oppositionelles Spiel getrieben, aber die eine seiner Hände wusste dabei von der anderen nichts; mit der rechten verfasste er Proteste gegen ein gesellschaftliches System, dem er mit der linken die Dukaten abzapfte. So war er dem König ebenso verdächtig wie später dem Wohlfahrtsausschuss, mit dem Unterschied freilich, dass jener ihn gewähren ließ, während er vor den prinzipienfesten Tugendbolden der Bergpartei fliehen musste. Friedrich Wolf hat versucht, dieser psychologischen Vieldeutigkeit einen tragischen Sinn zu verleihen. Der Gegensatz Volkstribun und Höfling wird zum Konflikt zugespitzt, der da rin gipfelt, dass der Forderer der Menschenrechte, dem Volk im Grunde entfremdet, kneift, wenn Bauernjunge und Schreinermeister beim Kampf um die Bastille vor seinem Schreibtisch am Fenster eine Barrikade aus Büchern auftürmen und das Textbuch des Figaro als Gewehrauflage benutzen. Die Tragik liegt da rin, dass der Dichterheld, dessen aufreizende Couplets in aller Munde sind, in dieser Schäbigkeit untergeht, als allzu menschlicher Mensch sich jedoch durch eine Tapetentüre aus der Affäre zieht und leben bleibt. Bis zum letzten Bilde liegt der Akzent da rauf, dass der Tribun des Volkes, getarnt mit Spitzenjabot und höfischen Allüren, anklagend in die königlichen Gemächer einbricht. Ein Tausendsassa zwar, autorisiert, dem König ein Mittelchen gegen jene delikate Schwäche zu besorgen, die nach Stefan Zweigs freudianischem Buch über Marie Antoinette die wahre Ursache der Französischen Revolution ist, heute Unterhändler über Waffenlieferungen an die kämpfenden Amerikaner und morgen Gründer des ersten Autorenschutzverbandes, dabei aber ein Unbeirrbarer, der keine Zeile seines Figaro dem Zensurstift zu opfern gewillt ist und zwischen salonfähigen Galanterien Umstürzlerisches murmelt. Leitet er den Waffenhandel mit den Amerikanern deshalb in die Wege, weil die Fößer auf dem Mississippi sich den Contrat social von Floß zu Floß zuraunen, oder weil ein kanadischer Fuchspelz für Madame Thérèse in Aussicht steht? Eine problematische Natur, die für das Recht der Unterdrückten kämpft und sich nicht scheut, an der Not der Seuchenstadt ein paar Millionen zu verdienen! Mit lustvoller Neugier, die uneingeschränkt bleibe durch Bedenken historischer Gerechtigkeit, sehen wir der Uraufführung im Deutschen Theater entgegen. 1368 Teil IX Spiel mit dem Feuer. Friedrich Wolfs Beaumarchais im Deutschen Theater (11. März 1946) Dieser Caron, genannt de Beaumarchais, Höfling und Volkstribun, schürt mit den umstürzlerischen Couplets des Figaro ein Feuer, das ihm gar bald das Spitzenjabot versengt, ohne indess sein schwankendes Gemüt zu revolutionärer Tat zu entflammen. Im Gegenteil, der kühne Forderer der Menschenrechte wandelt sich abrupt zu einem schäbigen Profitjäger. Auf zwei unverbundene Vorgänge, den Kampf um die Aufführung des Figaro und das Geldgeschäft mit der Typhusseuche, hat Wolf – wir deuteten es schon in unserer Vorbetrachtung am Sonnabend an – aufgeteilt, was in jedem Atemzuge problematische Seelenzerklüftung und dialektische Hochspannung hätte sein müssen. Horst Caspar gibt den Beaumarchais als idealistisch durchglühten Schwächling, dem edle Leidenschaft im marmorbleichen Antlitz zuckt und dessen Stimme sich kreischend oft überschlägt, wenn der beleidigte Gerechtigkeitssinn ihm in der Kehle würgt. Daher misslingt ihm zum Schluss das seelische Absacken in Verrat und Unentschlossenheit. Seit Hamlet hat Caspars Hang zu manirierten Ekstasen sich noch verstärkt. Dazu ein Aufwand an edelstrahligem Pathos, der mit der bewussten Alltäglichkeit der Worte fast belustigend kontrastiert. Welcher Regisseur vermag diese Verkrampfung zu lösen? Paul Bildt, der in Schule der Frauen noch dienend dem Geiste einer Dichtung verschworen war, zwingt diesmal dem Ensemble, vor allem der noch völlig regiehörigen Agathe Poschmann, seine unverkennbar eigenen Bewegungen auf, dieses Halsrecken, diese pointierenden Schlenkergesten hin ter jeder betonten Sentenz. Zu weilen verstärkt er den Sinn einzelner Vorgänge, lässt die bei Wolf nur angedeutete Liebe zwischen Beaumarchais und Michèle sich in einem Kuss mehr quälerisch spannen, als befreiend lösen. Gemildert ist zum Glück die Szenenbild aus der Aufführung 1369Auswahl von Artikeln aus dem Kurier billige Symbolik des Finales, die aber noch peinlich genug bleibt und die Applausfreude des Publikums lähmt. Die Michèle ist Inge von Wangenheim. In der Furcht vor jeder Sentimentalität hat sie ihrer Rolle mit resoluten kleinen Fäusten den mädchenhaften Charme ausgeprügelt. Bleibt eine prinzipiengestraffte Marktdemagogin, die mangelnde Erotik mit weltanschaulicher Schulung überkompensiert. Figaros Susanne als rasende Penthesilea mit aufgekrempelten Ärmeln. Neben solchen Extremen ist noch Raum für Leistungen von köstlicher Reife: Zunächst und vor allem für die Bühnenbilder des Meisters Willi Schmidt, der das gewagte Experiment der sechsten Szene – eine Bühne von den Kulissen her zu zeigen – beglückend phantasievoll gelöst hat. Für den König Aribert Wäschers, einen melancholisch verquollenen, tragischen Koloss, der vom Schicksal verdammt ist, ein Repräsentant eines bösartigen Konservatismus zu sein in freiheitlicher Zeit. Für Max Gülstorffs vergreisten Schürzenjäger, der in amourösen Erinnerungen schwelgt, und für den spielerischen Nuancenreichtum Hidde Eberts, deren Marie Antoinette hoheitsvoll anmutig ist und im Ausbruch unerlöster Leidenschaft erotisch-süchtig gerekelt. In der Erinnerung über die Vielfalt an szenischem Aufwand haften bleibt uns die getäuschte Hoffnung, dass die Not im Materiellen eine Wiedergeburt des reinen Wortes beschwören könnte. Keine Psychologie, vor allem aber keine Sprache, nur eine anregende, doch kühle historische Konstruktion. Klassenkampf nach Feierabend. Zu Willi Bredels Roman Verwandte und Bekannte (13. März 1946) Die »Hausse in Entwicklungsromanen«, die neulich ein gequälter Rezensent zu tadeln wusste, ist begründet durch die Vielschichtigkeit der historischen Realität, die in ihren verschiedenen Schichten analysiert werden muss, wenn es, wie heute, um ehrliche Klärung und schonungslose Bloßlegung unserer nationalen Fehlentwicklung geht. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass die Romanhelden nicht Menschen von Fleisch und Blut mehr sind, sondern starre Symbole. Willi Bredels Roman ist (nach schon vertrautem Muster) erster Teil einer Trilogie, der diesmal freilich der Untertitel »Deutsche Tragödie« (oder Tragikomödie) fehlt. Wie 1370 Teil IX Bechers Abschied und Erpenbecks Gründer spielt er in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, aber soziologisch in einer anderen Schicht, in den gesellschaftlichen Grenzbezirken zwischen Proletariat und Kleinbürgertum. Am Beispiel einer Hamburger Werftarbeiterfamilie wird der historische Schuldanteil der deutschen Arbeiterklasse demonstriert, die sich ihre politischen Interessen von Spießeridealen verdrängen ließ, die den Klassenkampf nach Feierabend erledigte, deren revolutionärer Schwung in Skat- und Kegelgeselligkeit und auf Kassiererpöstchen versumpfte, und die mit dem Traum, ihr werde »der sozialistische Volksstaat als Gegenleistung für vollgeklebte Parteimitgliedsbücher ausgehändigt« werden, in den Opportunismus hineindämmerte, bis sie unsanft durch den Weltkrieg aus dem Schlummer dieser schönen Täuschung geweckt wurde. Zwei Seelen, ach, in der Brust des Arbeiters: Die des klassenbewussten Proletariers, mit Filzpantoffeln niedergetrampelt von der des gemütlichkeitsfanatischen Bierspießers. Willi Bredel hat die verschiedenen Spielarten dieser Tragikomödie sauber registriert, sie aber nicht erfüllt mit der Atmosphäre des proletarischen Milieus, und die spezifische Atmosphäre Hamburgs vermisst man ganz. Diese Kaschemmen und Parteilokale bleiben unberührt von der reizvoll bunten Halbwelt des Hafens, aber auch von der dumpfen Moderluft des Gängeviertels ist nichts zu spüren, geschweige denn von einer Kontrastierung dieser Umwelt mit dem großbürgerlichen Hintergrund der hanseatischen Patrizierstadt, die mit englischer Lebensform kokettiert. Die Sprache, in der das geschrieben ist, ist hausbacken und konventionell, von der Sprechweise des Arbeiters ebenso weit entfernt wie von jeder Möglichkeit stilistisch durchformter Gestaltung. So legt man das Buch aufatmend und ratlos aus der Hand, nicht deshalb, weil diese Form historischer Klärung und Deutung grundsätzlich verfehlt wäre, sondern deshalb, weil hier eine gute und dringlich notwendige Absicht mangelhaft ausgeführt ist. Der Volkstanz in den Abgrund. Horst Lommers Höllenparade im Schiffbauerdamm-Theater (15. März 1946) Es sei gestanden: Ich bin hier voreingenommen. Lommer hatte mir diesen grausigen Hexensabbat, diese ganze rabaukig-höhnische Höllenparade vorexerziert, als das alles noch verteufelt nahe war. Wie aber wirkt das jetzt? Wie ein Duell mit etwas Gespens- 1371Auswahl von Artikeln aus dem Kurier tigem, das längst nicht mehr grausig beängstigende Wirklichkeit ist, und also wie ein Schlag ins Leere. Satire muss der Gegenwart auf den Fersen sein, muss in Opposition stehen und möglichst nahe an der Grenze des Verbotenen sein. Aber die Satire Lommers, die gestern noch lebensgefährlich oppositionell war, ist heute staatserhaltend. Trotzdem ist so einiges davon aktuell geblieben, und zwar das, was jetzt in allem Antifaschismus vergessen scheint: Dass die Brauchtumsmanie des »tausendjährigen Reiches«, sein Gebärkultus, seine frisch-fröhliche Aufbauwilligkeit, seine Volkstänze am Bückeberg ebenso perfide waren wie die Gräuel aller Art – von den aus Menschenhaut geschneiderten Lampenschirmen bis zu den Ruinen der Städte. Und das eben hat Lommer weg: Die geheimste Windung in der völkischen Sentimentalität einer Freundschaft lerin ist ihm ebenso offenbar, wie das Hormon-Ethos muskelprotziger SS-Mannen. Das »deutsche Geschlechtsbekenntnis«, von Schulkindern im Sprechchor aufgesagt – das ist in Reinkultur uns allen entsetzlich geläufig. Diesen Nazigeist, dessen subtilste und gröbste Äußerungen hat Lommer in herrlicher Veralberung breitgetreten. Aber leider hat er die Höllenparade mit so mancher Himmelfahrt ins Bekennerische durchsetzt. Kai Möller tritt als Anthropos auf und verkündet Menschlichkeit und Güte. Wozu diese Kontrastierung, die stärker wäre, bliebe sie unausgesprochen? Wa rum nicht stattdessen die Stecknadel frisch in den Ballon heutiger Phraseologie gepiekt? Das stärkste Erlebnis bleibt der unversöhnliche Hass, der sich hier äußert. Möge auch der letzte trauernde Hinterbliebene des Führers davon nachhaltig angesteckt werden! Und weiter bleibe unvergesslich: Hubert von Meyerinck, der – mit gebrochenem Bein, im Gipsverband – auf der Bühne umherstelzt und hinreißende Chansons aus enthusiasmierter Kehle schmettert. Und Troxbömker als heillos verspießerter Naziideologe. Und die gemischten Gefühle aus Beschämung, Ingrimm und Heiterkeit, die man sich mit nicht endendem Beifall aus der Stimmung klatscht. Friedrich Wolfs Beaumarchais – nach Alfred Kerr (16. März 1946) Damit es keiner missversteht: Alfred Kerr hatte diese Kritik von Wolfs Beaumarchais nicht selbst geschrieben, weil er nämlich in London lebt. Wenn er aber in Berlin wäre, dann hätte er sicherlich in dem Stil, den Hipponax hier lustig übertreibend kopiert, 1372 Teil IX vielleicht aber auch in verwandter Auffassung seine kritischen Anmerkungen folgendermaßen zum Besten gegeben: I. Dieses Stück, das kein Stück ist, zerfällt in zwei Stücke. Erstes Stück: Jugendlicher Idealist kämpft für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, ein glühender Menschheitsrechtler. Zweites Stück: Der jugendliche Idealismus hat Fett angesetzt. Schiebt. Gelder, Waffen, Typhusbazillen. Und immer feste weg auf Kosten des Volks. Das Volk ballt die Fäuste. Schwielige, knorrige, biedere Mannesfäuste. Weg mit dem Schieber. Nicht mal die Bastille darf er mitstürmen. II. Friedrich Wolf ist Arzt. Ich auch (Theaterchirurg). Sollte man meinen: Eine Krähe hackt der anderen … Aber nur keine falsche Scham, bitte. Ich würde noch meinem Sohn die Augen auskratzen, wenn er … Dramen schreiben täte. Tut er aber nicht. (Ich habe nämlich gar keinen Sohn.) III. Soll ich dem Wolf lieber ins Ohr sagen, wie ich sein Stück finde? IV. So wird das gemacht: Erstes Bild: Die Entdeckung Amerikas durch Ludwig XVI. (Wo die Franzosen doch schon längst in Kanada festsaßen.) Impotenter Monarch regiert nach dem zweiten Frühstück sein Tagespensum herunter. Soll er. Zweites Bild: Beaumarchais hilft den Amerikanern. Er ist sozusagen gar nicht impotent. Bei seiner Frau regt sich was. Ob etwa die Königin? Drittes Bild: Arrivierte Hofschauspieler naserümpfend inmitten Dachstubenmilieu. Beaumarchais ist immer noch nicht impotent. Begabte junge Schauspielerin aus Lyon. Natürlich Arbeitertochter. Da spinnt sich was an, verstehste? Das alles hat mit der Kunst … V. Nun geht es aber los. Die unerlöste Leidenschaft. Die Königin ist, wie man so sagt, gefallen. Nur gefallen? Der Fäller macht in revolutionärem Liebhabertheater. Erste Knallerbse: Der Figaro darf nicht gegeben werden. Druff. Polizeileute im Theater. Aber der Beaumarchais gibt ihnen nicht nach. VI. Die Pariser … (Nur eine Zwischenbemerkung: Ich gehe, wenn ich in Paris bin, immer erst in die Markthallen. Zweiter Stand rechts, Gemüse, Obst, Fleischkonserven. Die Frau da steht immer noch da und stemmt die Arme in die Hüften. Seit der Französischen Revolution und seit Wolf zuletzt da vorbeiging und Vulkanseele studierte. Tausend faule Eier für das Stück, aber ein Händedruck für die Frau.) 1373Auswahl von Artikeln aus dem Kurier VII. Der Beaumarchais von Caspar ist ein Strahlerich. Er tänzelt sich die kochende Vulkanseele aus den Gelenken. Stochert immerzu mit einem unsichtbaren Florett in der Luft herum. Ein Anno Pawlowo der Revolution. So ein edles Vollblut. Manchmal spricht er schon wie ein Nussknacker. So ham, ham. Gibt es das eigentlich? VIII. So ein trautes Blut. So ein edelmenschiges. So ein Bechertunkeln tief in der Brust. Und dann auf einmal schiebt er. (Essen Sie auch so gern Vollmilchschokolade?) IX. Der Held, ein egoistischer Mann, hat eine spießige Trine zur Frau. Der Widerspruch wird geschlechtlich ausgetragen. Aber denkste! Hat sich was mit Kind unterm Herzen und so. Revolutionsmanöver aus Lyon zieht stärker. (Die Kleine, natürlich Proletariermädel, liebes, treues Blut, kämpft Klasse. Da werden Weiber zu Hyänen …) X. Nachträglich noch etwas über das tragische Ende. Der Held verschwindet durch ein Tapetentürle. Vorhang. Mehr sag’ ich nicht. Geht doch ins Theater, wenn ihr das sehen wollt! Mehr sage ich nicht. Nur eines noch: Ein Buch als Gewehrauflage? Na wenn schon. Ideologische Untermauerung sozusagen … (Und so weiter durch 80 römische Ziffern!) Hipponax Mittler zwischen Ost und West. Heuss und Becher über die Aufgabe der Deutschen (20. März 1946) Die reiche und erfüllte Stunde am Montag im Rundfunkhaus gab Anlass zu mancherlei Hoffnung: Dass das Gespräch über die Probleme der Zeit die Geister im Osten und Westen Deutschlands einen werde über alle Zonengrenzen hinweg, dass eine vielstimmige Harmonie auch der geschiedenen Gesinnungen möglich sei, die mehr ist als ein verabredeter Kompromiss. Zuerst sprach Becher. Zwischen ihm, dem kommunistischen Kulturpolitiker, und Theodor Heuss, dem Demokraten süddeutscher Tradition, mag ein weiter Abstand der Gesinnung bestehen. Die Besinnung auf ein gemeinsames Fundament aber ist ein unerlässlicher Schritt zur Überwindung einer nationalen Katastrophe, die nicht zuletzt dadurch verursacht war, dass der geistige Deutsche sich in das Gehäuse einer exklusiven Meinung einkapselte. Die Solidarität zwischen Becher und Heuss ist keineswegs künstlich. Der gemeinsame historische Ausgangspunkt ist 1374 Teil IX die Revolution von 1848, und es war bedeutsam, dass die Veranstaltung des Kulturbundes am 18. März stattfand. Aber auch sachlich ist Heuss und Becher vieles gemeinsam: Die Absage an Relativismus und Irrationalismus und an eine Verinnerlichung, die zur politischen Verantwortungslosigkeit führen muss, das Bekenntnis zum sozialen Fortschritt und die ernste Sorge um Zusammenhalt und Bestand der deutschen Kultur. Theodor Heuss ist kein Rhetor, eher ein Gelehrter. Zögernd kamen seine Worte, und er verbarg das leichte Schwäbeln nicht, das seinen solide fundierten Äußerungen süddeutsche Liebenswürdigkeit lieh. Das Verhängnis unserer nationalen Entwicklung sei, so sagte er, dass das deutsche Volk von den Bauernkriegen bis 1918 jede Revolution geschichtlich verloren habe. Gerade die Kämpfe des Jahres 1848 hätten so wenig ein Fanal sein können, dass die lauen Konjunktur-Pgs von 1933 im Volksmunde als »Märzgefallene« bezeichnet wurden. In die Verwirrung und Wehrlosigkeit eines politischen Zustandes, der von der »Angst vor dem Atem der Freiheit« gezeichnet war, ist, so sagte Heuss, die Barbarei mit der Waffe des biologischen Materialismus eingebrochen. Heute ist Deutschland die Möglichkeit genommen, über die Notwendigkeiten seines Lebens selbst zu entscheiden. Aber in stärkerem Maße als je hat es die Aufgabe, die kulturellen Strömungen aus Ost und West in sich zu verarbeiten und zu einer lebendigen Synthese zu vereinen. Wenn diese Synthese in einer deutschen Demokratie gipfeln soll, so haben gerade wir Deutschen hier noch viel zu lernen: Zur Demokratie gehört die freie Äußerung der eigenen Meinung, aber auch die Würdigung des Gegners als eines Partners. Notwendig ist die Revision des Geschichtsbildes, wobei es nicht genügt, von der alten Fassade die braune Farbe abzukratzen und aus einem bereitgestellten Kübel eine andere Farbe aufzutragen. Die Wahrhaftigkeit der Wissenschaft darf nicht mehr in ein politisches Zwecksystem eingespannt werden. Diese Wahrhaftigkeit muss vor allem der Jugend wieder als unverdächtig und einzig erstrebenswert gezeigt werden. Denn die Jugend habe um so mehr Anrecht da rauf, als man in den letzten zwölf Jahren alle ihre Fragen mit genormten Antworten abgespeist hat. Was naturgemäß in ihrer Seele nichts als Skepsis, Misstrauen und Zynismus habe erzeugen können. 1375Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Tendenz als Anlass zur Vision. Die Illegalen von Günther Weisenborn im Hebbel-Theater (22. März 1946) Der Heroismus der Illegalen ist nicht durch die Erfolglosigkeit ihres konspirativen Wirkens beeinträchtigt, die da rin vielleicht ihren historischen Sinn hat, dass wir Deutschen den Kelch der grauenhaften Zeit einmal bis zur bitteren Neige auskosten mussten, ohne ihn vorher revolutionär von uns schleudern zu können. Die wenigen, die sich trotzdem dem Unentrinnbaren kühn entgegenstemmten, waren im engmaschigen Netz eines raffinierten Polizeisystems gefangen und kämpften mit kläglichen Mitteln gegen die Allmacht des totalitären Staates. Kein Erfolg lohnte den Aufwand an Lebensgefahr. Energie und Scharfsinn wurden an Nichtigkeiten verschwendet. Der Kampf zerbröckelte in Maßnahmen der Vorsicht und Notwehr, im Ersinnen von Decknamen, im psychologischen Abtasten des Partners, der Genosse sein konnte oder auch Verräter. In jedem Plan standen die Verfolger als feste Größe. Keiner durfte vom anderen wissen. Misstrauen riss Abgründe zwischen Mensch und Mensch. Die Verstellung wurde zur Gewohnheit. Verabredete Aussagen für den Fall der Verhaftung waren selbstverständlich. Gehetztes Dasein, trostlose Zeit. Als dies alles noch gegenwärtig war, glaubten wir, es werde sich unauslöschbar in uns einprägen. Heute schon bedarf es der Magie sprachgewaltiger Dichtung, die gespenstischen Visionen wieder zu beschwören. Kann man diesen Stoff in die Schablone des herkömmlich Theatralischen zwingen, in einen dreidimensionierten Leitartikel, in dem der rote Faden einer durchgängigen Handlung sich zum bewährten dramatischen Knoten schürzt? Die Aussichtslosigkeit des illegalen Kampfes würde nachträglich ins Lächerliche gezogen werden. Ein Indianerspiel mit Flugblättern und Geheimsender. Günther Weisenborn ergreift die einzige Möglichkeit, dieses Sujet dichterisch zu bewältigen: Den schonungslosen Realismus der Details, die fragmentarisch in die Teilaspekte eines unverbundenen Geschehens hineinragen. Die unverfälschte historische Wirklichkeit selbst chargiert ins Groteske. Schemenhaft tauchen typische Verhaltensweisen jener Zeit im Raum der Szene auf: Das Paar in Trauer, mit dem Kranz auf dem Wege zum Begräbnis der von Bomben erschlagenen Angehörigen. Das penetrante Frauenzimmer mit dem Schirm aus Paris, mystische Durchhalte- und Vergeltungsparolen schwätzend. Der schmierige Gestapo-Kommissar, der mit einem Kinde sein neckisches Späßchen treibt. Die Liebenden, 1376 Teil IX die fünf unbedrohte Stunden zur Ewigkeit dehnen wollen. Bruchstückhaft sind die Gestalten im Handeln, vollkommen in der Typisierung, expressionistisch gesehen wie im Bettler Reinhard Johannes Sorges. Aber es ist hier ein neuer Expressionismus ohne ekstatische Verstiegenheiten, legitimiert durch die wahnwitzige Absurdität des Wirklichen. Weisenborns Sprache ist sprühend und gleißend, vibriert von Hass und Liebe und kann plötzlich ganz monoton und konzentriert sein oder glatt und trivial in einer Naziphrase, die kaltes Entsetzen eingejagt. Ein Tendenzstück ist wohl beabsichtigt, aber es hat sich endlich einmal ein echter Dichter der Tendenz bemächtigt. (Was den Berliner Bühnen bitter not tat!) Quälender Spuk geistert in den Bühnenbildern von Kilger, in herausgebrochenen Zim merecken, die mit der Dürftigkeit kriegslädierter Wohnräume vor den phosphoreszierenden Konturen Berlins stehen. Die Regie Franz Reicherts steigert sich von Szene zu Szene zu immer stärkerer Vollkommenheit. Anfänglich sind die Monologe, in denen der Wesensgehalt der Personen zusammengeballt ist, noch allzu deklamatorisch. Sie bleiben aufgesetzt pathetisch bei Ernst Wilhelm Borchert. Höhepunkte: Der süßliche Gestapobeamte Franz Niklischs, dem die Hitlerschmachtlocke in die niedere Stirne fällt, und der bekennt, außerdienstlich Lakritze zu leckern, Kate Kühl als Manna, rasende Niobe, die aus Mutterbesorgnis um den letzten Sohn gegen alle Politik wütet, Else Ehser in der Charge der keifenden Endsieg-Hysterikerin. Vor allem aber Lu Säuberlich, der stärkste Eindruck des Spiels, klar und wahrhaftig in der Lösung fanatischer Starrheit zu weiblich-zärtlicher Süchtigkeit, den Monolog mit der hölzernen, an Brecht gemahnenden Monotonie des Satzes: »Ein falsches Wort, und der Verdacht ist da!« zu erschütternder Intensität steigernd. Schwer und lustlos fühlt man sich hinein in diese spröde Dramatik. Ist man gefangen, so ist es ebenso schwer, sich wieder hinauszufinden. Und der Bann löst sich nicht auf dem Heimweg, der durch die Öde der Ruinen führt, vorbei an der zerborstenen Fassade der Prinz-Albrecht-Straße. Ernst Wilhelm Borchert in der Aufführung 1377Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1378 Teil IX Der Abgrund. Zu Heinrich Manns 75. Geburtstag (23. März 1946) Vor vierzig Jahren widmete Heinrich Mann seinem Bruder Thomas die Novelle Abdankung – die Geschichte eines Schulknaben, der seine Klassengenossen tyrannisiert und unerschöpflich ist im Ersinnen neuartiger, absurder Schikanen. Dabei ist er gerade das, was man ein »Nervenbündel« nennt, ein raffinierter kleiner Diktator aus aristokratischem Bedürfnis. Eine letzte Steigerung seiner tyrannischen Lust kann er nur dadurch erreichen, dass er dem gröbsten Tölpel der Klasse, dem Gärtnerssohn Butt, befiehlt, die Rollen willkürlich zu vertauschen und einmal selbst den Diktator zu spielen. Das beginnt damit, dass er Butt auffordert, ihn anzuspeien. Und dann heißt es: »Jetzt kommt was Neues, ich tue alles, was Butt sagt.« Und er tut es wirklich. Er lässt sich von den erst zögernden, dann immer sicherer werdenden Klassengenossen erniedrigen, zu Botengängen benutzen, zu gänzlich sinnlosen Handlungen veranlassen und schließlich in den Selbstmord treiben, »zu den Fischen hinunter«, das alles in maßloser Übersteigerung einer Machtekstase, die dialektisch in das Extrem einer masochistischen Selbstentwürdigung umschlägt. Von Butt aber heißt es: »Er war durchtränkt mit dem friedlichen Geruch erdiger Gemüse, nach dem es Felix immer wieder verlangte wie nach einem Gift, das verachtete Wonnen verspricht.« Jahre später erschien Thomas Manns Erzählung Tonio Kröger, die Geschichte von der unglücklichen Liebe des Künstlers zu den »Blonden und Blauäugigen«, zu der ungebrochenen Vitalität des »normalen« Menschen. Es heißt, dass in dieser Liebe »ein klein wenig Verachtung« enthalten sei, und diese Einschränkung bleibt charakteristisch für Thomas Manns Einstellung zum Leben. Bei dieser zwiespältigen Haltung war die Gefahr deutlich, dass die Reflektion zum »Erkenntnisekel«, die quälerische Grübelei zur Unterwerfung unter die Mächte brutaler Rückständigkeit führen würde. Abdankung war eine prophetische Parodie des Tonio Kröger. Heinrich Mann hatte die Gefahr bei Namen genannt, für die ihm sein Bruder prädestiniert schien. Heinrich Mann war eine derartige Gefahr fremd und im Grunde zuwider. Er betrachtete sie als ein Phänomen, nicht aber als etwas, das ihn selbst betreffen könnte. Den Auflösungsprozess des Bürgertums zerrte er ins Groteske, während Thomas Mann den gleichen Vorgang mit einer, von morbider Ironie durchsetzten melancholischen Trauer adelte. Heinrich Mann hatte die Brücken jeglicher Tradition hinter sich niedergerissen, er schrieb nicht mehr wie der Bruder in der Sprache Kellers, Stifters und Fontanes, sondern zwang die epikureische Schönheitstrunkenheit d’Annunzios, die vor 1379Auswahl von Artikeln aus dem Kurier allem seine Roman-Trilogie Die Göttinnen erfüllt, zu einer kühnen Synthese mit den formzerbrechenden Visionen der frühen Expressionisten. Um die Jahrhundertwende hatte der Abgrund sich aufgetan: Buddenbrooks war der Schwanengesang des Bürgertums, Königliche Hoheit vergoldete das umsponnene Dornröschenidyll eines überalterten Feudalismus mit dem tröstlichen Abendlicht der untergehenden Sonne. Heinrich Mann verhielt sich weniger pietätvoll in dieser Verfallsstimmung, unangefochten durch die Lockung »verachteter Wonnen«. Wonne waren ihm Wahrhaftigkeit und Schönheit, und das, was ihm verachtenswert erschien, würdigte er nur einer bedenkenlosen Verhöhnung: Im Schlaraffenland beschwor er den Hexensabbat Berliner Finanzspekulanten und Literaten, in der Jagd nach Liebe den Münchener Jahrmarkt der Lüste aus dem Blickwinkel eines jungen Lebemannes, im Professor Unrat die erotische Anfechtung und den ethischen Zerfall eines hohl korrekten Schulmeisters aus der Per spek ti ve katilinarischer Pennäler, alles maßlos übertrieben, in den grellen Farben des Ekels. Vergleichen wir heute die metaphysische Konstruktion der Romane um Joseph und seine Brüder, die bedrückend verkörperten Ideenspiele in Lotte in Weimar mit der gemeißelten Lebendigkeit der Vollendung des Königs Henri Quatre, so wird deutlich, dass die divergierende Geistigkeit der Brüder Mann bis in die Werke der köstlichsten Reife unverändert anhält. Wie aber wirkte diese geistige Urgeschiedenheit in die politische Haltung hinein? Für Thomas Mann gehörte die Politik in den Bezirk der »verachteten Wonnen«, unwürdig zwar, aber faszinierend. Der späte Handwerker deutscher Dichtung, der das Ibsenwort »Dichten heißt Gerichtstag über sich selber halten!« über die Tristan-Novellen geschrieben hatte, pflegte die Bürgertugend der Innerlichkeit. Der innerliche oder besinnliche Menschen mag ein allgemeiner Grundtyp unter den Lebenden sein. Die Flucht nach innen hingegen, durch die das öffentliche Leben nach subjektiver Neigung zurechtgedeutet wird, ist ein historisches Ereignis. Die Folgen dieses Ereignisses sind für Deutschland seit einigen Jahrhunderten immer mehr angeschwollen. Nun waren sie kaum auszuräumen. Diese Vogel-Strauß-Politik der Seele leistete einer verhängnisvollen Verwechslung Vorschub: Der subjektiven, trüben Spiegelung der objektiven Bewegungsgesetze der Geschichte in den eingelebten Sympathien und Antipathien. Redliche Absicht zerfaserte sich in reaktionärer Wirrnis. Wie verhielt sich Heinrich Mann? 1914, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, stieg er, der Vater des literarischen Expressionismus, so wirkungsvoll wie nur möglich hinab in 1380 Teil IX die politische Arena: Er veröffentlichte in einer reißerisch sensationellen Illustrierten den Untertan, die unerbittlichste Kritik an den sozialen Zuständen in Deutschland. Während dies geschah, mühte der Bruder, der letzte Vollender der bürgerlichen Romantik, sich in völliger Verkennung der Situation um die Gestalt Friedrichs II. in einem Abriss für den Tag und die Stunde (Untertitel von Friedrich und die grosse Koalition, AH), der den imperialistischen Krieg heroisieren und vom Boden einer fast nietzscheanisch umgewerteten Moral her rechtfertigen sollte. Damals fiel die Entscheidung: Auf der einen Seite appellierten Gerhart Hauptmann und Thomas Mann an der Spitze einer ganzen Legion von Schriftstellern an das Volk, in dem es keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche geben sollte, auf der anderen Seite stand in großer Einsamkeit Heinrich Mann, als bewusster Demokrat ein unversöhnlicher Feind des imperialistischen Deutschland und seines schlechten und ungerechten Krieges, als »Zivilisationsliterat« geschmäht in dem politisch-unpolitischen Bekenntnisbuch des traditionfroh entflammten Bruders. Als Heinrich Mann während des Krieges seine anklagende Roman-Trilogie vollendete, als er Die Armen schrieb, den Roman des Proletariats und den Kopf, die Geschichte der verrotteten Führerschicht, sein bestes Buch, verkündete Thomas Mann den deutschen Sieg über die Demokratien als geschichtliche Notwendigkeit. Ohne Zweifel war geschehen, was Heinrich Mann ein knappes Jahrzehnt vorher halb parodistisch prophezeit hatte: Die masochistische Selbstentwürdigung des feinsten und reifsten Geistes der Epoche vor den dumpfen Mächten der Gewalt und Rückständigkeit. Thomas Mann erwachte nach dem Ersten Weltkrieg aus diesen verschwommenen Täuschungen. Er setzte im Zauberberg dem Zivilisationsliteraten ein Denkmal in der liebenswerten Gestalt Settembrinis, er stellte in Hans Castorp, dem unheldischen Helden des Romans, die eigene Ratlosigkeit dar und entfernte die antidemokratischen Partien aus den Betrachtungen eines Unpolitischen (und zwar gewiss nicht aus Gründen der Konjunktur). Durch sein Bekenntnis zur Demokratie, durch seine mahnenden und beschwörenden Appelle galt Thomas Mann als das Gewissen der Welt im Kampf gegen die Hitlertyrannei. Aber dieses Bekenntnis war das Ergebnis einer schmerzhaften inneren Wandlung, und so blieb bei aller redlichen und reinen Absicht jene Instinktlosigkeit, die zwischen Tagesereignis und historischem Prozess schlecht zu unterscheiden vermag. Nicht nur die Prophezeiung von 1918 war überholt in dem Augenblick, da sie niedergeschrieben wurde. In Achtung Europa! wird in den Jahren vor dem Zweiten Weltkriege immer wieder gesagt, Hitlerdeutschland werde in zwei, drei Wochen zu- 1381Auswahl von Artikeln aus dem Kurier sammenbrechen, wenn der Krieg nur endlich erst begonnen habe. Genau da rin steckt der schrecklichste Irrtum: Anfangs wird die reale Gewalt des Nationalsozialismus unterschätzt, aber später in ebenso schlimmer Verkennung mit dem ganzen deutschen Volk identifiziert. Schlagen wir dagegen das Buch Hass von Heinrich Mann auf. Welch klarer und unbeirrter Geist in jeder Zeile! Die Komplikation des deutschen Problems wird gesehen, die Ursachen der deutschen Tragödie werden genau benannt. Ein echtes Tendenzbuch im guten Sinne, ein Buch, dessen Lektüre jedem Deutschen zur Pflicht gemacht werden sollte! Achtung Europa! von Thomas Mann ist von bleibendem Wert als Zeugnis für einen scharfen Kampf gegen die faschistische Barbarei. In seinen Einzelaspekten hingegen steckt viel falsches, künstliches Licht. Jedoch kein Wort gibt es in dem Hass von Heinrich Mann, das seine Gültigkeit so leicht verlieren könnte. An dieser Stelle wird der weite Abstand zwischen den Brüdern gleichnishaft: Auf der einen Seite der späte Bürger, der geblendet vom inneren Licht, in der Wirklichkeit wie im Finsteren umhertappt, auf der anderen Seite der weltoffene, in der Lebensform den Bohemien streifende, radikale politische Dichter, der, von sicherem realistischen Instinkt geleitet, in allen entscheidenden Fragen recht behält. Thomas Mann hat uns bittere und harte Worte gesagt nach der Katastrophe von 1945. Was er schrieb, war monatelang in aller Munde, und die laute Diskussion, in die leider unsererseits die gekränkte Eitelkeit der »inneren Emigration« lärmte, übertönte fast die stillen Worte des Bruders, die ebenfalls über den Ozean zu uns drangen, und die ganz dazu angetan waren, uns zuversichtlich zustimmen. 1940 war er, ein schwacher, kranker Greis, vor den Deutschen aus Frankreich über die Pyrenäen geflohen. Wohl aber schrieb er zu des Bruders siebzigstem Geburtstage: »Ein Überraschter in seinem Zorn muss wohl achtgeben, damit er nicht mit wenigen Bösewichtern oder mit einem geraden lebenden Geschlecht von Boshaften die Nation verwirft!« Heute erst recht spürt man: Ein solcher war nie bestimmt, ein voreiliger Eiferer zu sein, dies ist ein Mann, der schon wach war, »als die Tatsachen noch dämmerten«. 1382 Teil IX 1383Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Aufschrei gellt – nach Johannes R. Becher, 1920 (23. März 1946) Klirrhaar diamanten Sternenbächen! Blonder Zigarettenladenengel du! Spießte mich aus jäh verzückten Schwächen, Lindernd Wirbelsäulen in azur’ne Ruh. Straßenwärts verdämmernd west dein Rinnen. In Spiralen schlingt der Rinnstein sich empor. Ruch von Kalbsfilet, das Haar voll Schinnen. Schwefelgelbes Zebra grast vorm Höllentor. Violetter Hund! Du Zerfaltete. Mahagonimöbel winden sich dir ums Handgelenk, Gepäckmarsch du, der an den Limonenküsten meines Mundes blüht! Mutterstirnsegen du, der aus Libellen-Abgründen, kreisenden, aufbricht! Gigantisches Vieh, an die Gelenke des Gehirns gekettet, Grandioses Vieh, ekstatisch in Kaschemmen. Granitenes Gestirn, zertrümmert Dung. O Bestie fett im Himmel der Verbrüderung! Hipponax Aufbau marschiert – nach Johannes R. Becher, 1946 (23. März 1946) Ein Rufer sprach: »Genossen, Schwestern, Brüder! Ihr Freunde alle!« Sprach’s im Admiralspalast, Wo einst die Naziherren gefaulenzt und geprasst, Und jeder dachte an die alten Kampfeslieder. War das ’ne Kraft, und schon war sie gefunden, Die deutsche Einheit, deutsch an Spree und Rhein, Zu stolzem Mut tat diese Kraft gesunden, War das ’ne Kraft im Admiralspalastverein! 1384 Teil IX Schön war es, als die alten Lieder klangen, Und jeder dachte: »Hab ich aber Kraft, Was für ’ne Kraft ich aber wirklich hab’!« Der Mann sprach einfach, seine Worte drangen Ins Herz hinein und schafften da ’ne große Kraft. Was für ’ne Kraft das doch bei seinen Worten gab! Hipponax Damit auch hinterher kein Zweifel aufkomme: Hipponax hat diesmal einen Dichter aufs Korn genommen, dessen bedeutsame kulturelle Mission durch die Parodie gewiss eher bestätigt als angefochten wird. Wie das überhaupt der Sinn echter Parodien ist. Die Verschworenen – nach Weisenborns Illegalen (30. März 1946) Lill: Ich weiß nicht, wie das ist, eine Frau zu sein, Walter! Walter: Wissen Sie nicht, wie das sein kann, Lill, die Liebe? Hinter einer Gardine stehen und sich nah sein? Ach Lill, was eine Gardine ist, dahinter muss man sich nah sein können! Lill: Es gibt nur eines: Illegal sein oder die Liebe. Wenn ich spannen gehe oder zu einem Treff, da biege ich erst um eine Ecke, sehe mich um, wer mir folgt, und wieder um eine, sehe mich um, wer mir folgt, und noch einmal um eine, sehe mich um, wer mir folgt. Und dann erst bin ich sauber. Denn wer mir dann noch folgt, kann nur ein Spitzel sein. Verstehen Sie das nicht, Walter: Wer illegal ist und liebt, kann nie sauber sein? (Sie tritt an die Rampe und erledigt einen Monolog.) (Es klopft. Lill und Walter zucken zusammen. Walter wirft einen Blick unters Sofa, ob auch keine Gestapo da run ter liegt. Erst nach dem dritten Klopfzeichen öffnet er vorsichtig die Türe.) 1385Auswahl von Artikeln aus dem Kurier (Der gute Nachbar und Flöte treten ein.) Walter (aufatmend): Ihr seid es! Flöte: Ja, wir sind’s! Wir sind gekommen, um dir zu sagen: Wir hatten Vertrauen zu dir! Wir haben es nicht mehr! Der gute Nachbar: Wo ist die Mappe?! Lill (schreit auf ): Die Mappe!? Walter: Ich weiß von keiner Mappe! Der gute Nachbar: (Zieht eine Pistole.) Flöte: Du weißt von keiner Mappe!? Verdammter Spitzel! Du hast die Mappe geholt! Du hast Lills Separation durchbrochen! Walter: Ja, ich habe Lills Separation durchbrochen! Der gute Nachbar: Du gibst es also zu? Du weißt überhaupt, was Separation bedeutet? Du bist kein Neuer mehr? Walter: Ich bin ein Neuer! (Lill tritt an die Rampe und sinkt das Chanson vom Neuen.) Der gute Nachbar: Ich frage dich noch einmal: Wo ist die Mappe? Walter: Sie ist nicht hier! Der gute Nachbar: Wo ist die Mappe? Walter: Hier ist sie! Der gute Nachbar: Wusstest du, was in der Mappe ist? 1386 Teil IX Walter: Ein Ziegelstein ist drin. Ihr wolltet mich auf die Probe stellen. Flöte: Flugblätter sind drin, kleine, weiße Flugblätter. Damit wollen wir der braunen Pest an die Gurgel springen. Der gute Nachbar: Die sollen fallen wie die Blätter im Herbst. Was ein Flugblatt ist, das muss geklebt werden. Flöte: Wa rum hast du die Mappe mit den Flugblättern von Lill geholt, Verräter? Walter: Ich war nicht sauber, als ich Lills Separation durchbrach. Einer folgte mir, ein Schleichender mit einer dunkelblauen Mütze. Ich hatte einen Fehler gemacht. Ich trug die Verantwortung für die Mappe! Flöte: Hast du Beweise? Walter: Ich kann nicht! Ich darf es euch nicht sagen! Flöte: Du bist ein Verräter! Lill: Er ist kein Verräter. Ich trage die Verantwortung für die Mappe ganz alleine! Walter: Lass mir die Verantwortung für die Mappe. Was eine Verantwortung ist, die muss getragen werden. Ich bin kein Spitzel! Flöte: Beweise, Schuft! Walter (zieht einen Geheimssender unter dem Sofa hervor): Da! Ich bin Gustav Siegfried eins! Hier ist der Text meiner letzten Sendung: Brief eines Zuchthäusler an die deutsche Jugend. Flöte (gerührt): Walter, Mensch! Der gute Nachbar: Wenn es so ist, sollst du die Mappe haben. Wo viel ist, kann noch mehr gefunden werden. 1387Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Manna (stürmt herein): Ich lasse mir den Jungen nicht von der Politik rauben, Frollein. Da machen Sie sich erst einmal so einen Jungen aus Ihrem Bauch, Frollein. Was so ein Junge ist, das muss Ihnen heranwachsen und leben und rotbäckig sein wie ein Apfel. Und dann kommt die Politik und stößt Ihnen das wieder in die Kalkgrube. Es sterben zu viele an der Schafottfront, Frollein. Walter: Meine gute Mutter, sei stolz, ich trage die Mappe. Die Mappe mit den Flugblättern, Manna, du altes Prachtweib vom Halleschen Tor. Ein Leben lang hast du Kartoffeln geschält, Manna, ein ganzer Kartoffelacker ist dir durch die Hände gegangen. Komm, sei so gut, sing das Lied vom Kartoffelschälen, Manna! Manna: Ach, Junge, lass man, wirf sie weg, die Mappe! Bert Weisenborn (tritt an die Rampe und brecht sich das Lied vom Kartoffelschälen vom Munde). (Währenddessen geht im Hintergrunde das Dritte Reich von selbst zu Grunde.) Hipponax Im Netzwerk des Denkens (3. April 1946) Der 350. Geburtstag René Descartes’ gibt Anlass zu prüfen, welchen Ertrag diese revolutionäre Leistung für das Schicksal des Abendlandes gehabt hat. Es ist zwar bloß eine Schulmeisteranekdote, dass sich René Descartes als Soldat Tillys in einem Feldlager des Dreißigjährigen Krieges entschlossen habe, künftig nur noch das reine Denken als Maß des Seienden anzuerkennen, und doch besteht hier ein tiefer Zusammenhang. Die dem Dreißigjährigen Kriege kulminierende Erschütterung der abendländischen Christenheit hatte den Boden aufgerissen für die Gedankensaat jenes rationalen Zweifels, der das festgefügte System des Thomas von Aquino in Frage stellte und die geschichtliche Schau des Augustinus durch die Raumfunktionen der analytischen Geometrie ablöste. 1388 Teil IX Descartes, Franzose und Jesuitenzögling des Klosters La Flèche, stand in der kriegerischen Auseinandersetzung auf katholischer Seite. In der geistigen Auseinandersetzung lag ihm der protestantische Wille zum urchristlich Einfachen so fern wie die fromme Gefühlseinfalt der späten Mystiker. Hier war versucht, mit der Unmittelbarkeit frühchristlichen Gotterlebens die Kompliziertheit der Scholastik rückläufig zu überspringen. Der Zweifel Descartes’ hingegen war der reifste Ausdruck der Scholastik selbst, die er gleichsam von innen her auflöste. Dabei ist wesentlich, dass noch in der Zerstörung mittelalterlicher Denkformen eines gerettet bleibt: Die für den abendländischen Geist charakteristische Auffassung, dass der Mensch Mitte der Schöpfung sei. Sie war durch die unbehaglichen Theorien des Kopernikus bedenklich erschüttert. Descartes fand das Mittel, sie von neuem zu rechtfertigen und für Jahrhunderte zu befestigen. Wie Gott das Feste von den Wassern getrennt hatte, so trennte Descartes das Ausdehnte vom Denken, ein gnomischer Weltschöpfer, der aus Gedanken ein Bezugssystem konstruierte, in dem es keine Fülle und Rätselhaftigkeit, keine Geschichte und Entwicklung mehr gab. In dieser mechanisierten Formelwelt steht das riesengroße Ich, an allem zweifelnd und nur seiner selbst gewiss, da es sich allein im Denken unwiderleglich beweisen kann: Cogito, ergo sum. Es ist herausgerissen aus allem Fühlen, Wollen und Tun, aus den Schmerzen, Sehnsüchten und Lüsten des Menschen, die nichtig sind vor der Evidenz dieses sich selbst beweisenden Wesens. Es trennt den Menschen in einen Denkenden, einen Fühlenden, einen Wollenden. Eine Denkweise, die in Folge der bestechenden Beweisführung des Descartes ganz Europa gefangen nimmt und feine wie grobe Ichvorstellungen bedenklich anschwellen lässt. Die Gläubigkeit des Christentums war damit, durch die Ausschaltung des Übernatürlichen aus dem Gebiet der Beweisbarkeit, zersetzt. Seine Anthropozentrik, die die Erde als Mittelpunkt des Kosmos und die Geschichte des Menschen als Weltprozess gedacht hatte, war unter dem Programm voraussetzungsloser Skepsis ins Phantastische gesteigert worden. Zugleich aber war das Irrationale, das sich nicht im Netzwerk der Formeln einfangen und seinen mystischen Schimmer nicht vom Sonnenglanz des triumphierenden Ich aufsaugen ließ, ins Dunkel verbannt. Von der Philosophie preisgegeben, lauerte es verborgen in den Abgründen. Die Vergöttlichung des denkenden Ich lieferte die bunte, vielfältige Wirklichkeit den teuflischen Mächten aus. 1389Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Dieses Verhängnis lässt sich nicht durch ein verkrampftes Bekenntnis zum Irrationalen nachträglich wettmachen, nicht dadurch, dass man den Geist zum Widersacher der Seele und des Lebens erklärt. Jeder Irrationalismus dieser Art, der den Instinkt gegen die Vernunft mobilisieren will, führt in die schlimmste der Barbareien: Den Ausbruch aus der Zivilisation. Ein Schritt aus dem Bannkreis lichter Geistigkeit, der um die Gestalt Descartes’ gezogen ist, und wir sind im Blutmythos Rosenbergs. Aber hindert uns das Bekenntnis zur Vernunft, die Gefahren des Rationalismus und des Subjektivismus zu benennen? Wer die Reflexion auf das Ich mit voraussetzungslosem Philosophieren gleichsetzt, wer das denkende Ich herausgelöst aus der Fülle des Menschen und seiner Welt und nur das als Wirklichkeit anerkennt, was ebenso evident ist wie das »cogito, ergo sum« – der verrät das Irrationale an die Finsternis. Das Teuflische schlüpft durch die Maschen des rationalen Formelnetzes hinein in Sinnlichkeit, Trieb, Sehnsucht und jegliche Geheimkraft des Lebens. Ein solches Verhängnis ist nachweisbar bei Leibniz und Wolff, bei Kant und Fichte, Hegel und Marx. Am Anfang dieser großartigen Reihe europäischer Denker aber steht René Descartes, der kühnste Revolutionär der Begriffe am Scheidewege von Mittelalter und Neuzeit. Läuterung als Ausweg. Fred Dengers Wir heißen euch hoffen im Deutschen Theater (5. April 1946) Dieses Strandgut einer chaotischer Zeit ist überall um uns gegenwärtig: Deserteure der Hitler-Armee, die nicht ins bürgerliche Leben zurückfinden, Kinder, die in den Wirren des Krieges ihre Eltern verloren haben, entlassene Kriegsgefangene in feldgrauen Lumpen, entlaufene Fürsorgezöglinge, Mädchen, die sich gegen Schokolade und Zigaretten feilbieten. Wir hören von Einbrüchen und Raubüberfällen, verübt durch Achtzehnjährige, wissen, dass sich Jugendliche zu Diebesbanden zusammenschließen, und ahnen, dass sie mit dem sektiererhaften Stolz der Verfemten einer finster nihilistischen Räubermoral huldigen. Sie leben in Kellerschlupfwinkeln unter Ruinen und haben die militärische Disziplin und das Pathos der »verschworenen Gemeinschaft« aus dem Soldatenleben in die Unterwelt gerettet. In dem Schauspiel Fred Dengers halten sie auf Gruppenehre, stellen Posten aus und versammeln sich, wenn es brenzlig wird, wichtigtuerisch zur »Lagebesprechung«. Sie bestätigen sich gegenseitig ihr subjektives Recht und klagen die Gesellschaft an, sprechen 1390 Teil IX von getäuschten Hoffnungen und zusammengebrochenen Idealen, von der Schlechtigkeit der Welt und von den Spießern, die sie erschrecken wollen. Schillers Räuber feiern – blass und schemenhaft freilich – Auferstehung in einer modernen Katakombe, die sie mit der Atmosphäre eines Kompanie-Gefechtsstandes erfüllen. Ihr Ganovenjargon entgleitet bald ins Militante, bald ins bittersüß Sentimentale. In ihrem Gerede über falsch gestellte Probleme, in der Verworfenheit ihrer Diktion trifft Denger ganz absichtslos die Situation der Ratlosigkeit und Unklarheit, zu der diese Generation verurteilt ist. Der Fehler aber liegt im Prinzipiellen. Denger fürchtet das Destruk tive – ein Zeichen dafür, dass er einer destru ier ten Wirklichkeit hilflos gegenübersteht und diese beschämende Tatsache nicht wahrhaben will. Er verdeckt sie sich und uns, indem er einen Aufbauwillen zur Schau trägt, der mit der Diagnose des Zustandes sachlich nichts zu tun hat. Ist die Kunst verdammt, das Selbstvertrauen zu stärken? Darf man nicht mehr einen Sumpf beschreiben, ohne aus ihm ein Ethos aufblühen zu lassen? Was dabei herauskommt, ist allerdings erschreckend: Ein jugendlicher Räuberhauptmann, bieder wie Robin Hood, den die Zauberkraft der Liebe auf den Pfad der Tugend führt. Max Eckard spielt ihn als echten, kernigen Prachtmenschen, als einen goldigen, harmlosen Jungen. Ist hier nicht schon die Realität verfehlt? Aber das ist nicht alles: Die in der Literatur so zahlreichen Strichmädchen mit der Edelseele dürfen auch hier nicht fehlen. Aus der einen, der achtzehnjährigen Ria, die eben noch vom Laster entstellt schien, flammt ein trotziger Gruppenstolz, wenn die »Clique der Konsequenten« in Gefahr gerät. Und die andere, die neunzehnjährige Claire, die ein raffiniertes, verkommenes Geschöpf ist, wird zur Heiligen und wäscht dem Bandenführer Veit die Schmutzkruste von der treuen Jungenseele. Antje Weisgerber müht sich vergeblich um die Verworfenheit dieser Rolle, um so besser gelingt ihr das Ausstrahlen reinigender Kraft. Höhepunkt der gegenseitigen Läuterung ist die Liebesszene mit Veit. Beide ranken sich aneinander empor, beim ersten Kuss fällt alles »Niedrige« von ihnen ab, sie erkennen, dass sie einen falschen Weg gingen. Diese Wandlung ist rührend optimistisch, aber so Fred Denger, 1946 1391Auswahl von Artikeln aus dem Kurier unglaubwürdig, dass selbst der Autor sie für unwahrscheinlich halten musste. Wenn er sie für möglich hielt, so geschah es aus Naivität. Aber ebenso ist als Quelle dieser Verirrung eine halb unbewusste Verlogenheit denkbar. Nach dieser Szene ist der Läuterung keine Schranke mehr gesetzt: Inge von Wangenheim tritt – resolut und maskulin – als wackere U-Bahnschaffnerin auf. Käme sie nicht von der Nachtschicht, so könnte man glauben, sie wäre einem Schulungskurs entsprungen. Sie redet dem losen Mädchen plump vertraulich und wohlmeinend ins Gewissen, spricht vom Ethos der Arbeit. Im dritten Akt appelliert der Bandenführer Veit an seine Jungens, beschwört sie, auf den rechten Weg zurückzukehren. Und der Kriminalkommissar Schall, der sich in das Vertrauen der Clique eingeschlichen hat und sie ausheben lässt, erweist sich als Menschenfreund und wird dafür sorgen, dass die Kinder etwas Ordentliches werden. Es soll ein Ausweg gezeigt werden, statt dessen aber wird die Darstellung des Zustandes durch ein happy end verwässert, das alle Probleme löst und die schreienden Anklagen ihrer Wirkung beraubt. Waren die erbarmungslos grellen Bilder der Verkommenheit oft erschütternd, so ist Denger dort, wo er uns hoffen heißt, entweder mutlos vor der Realität oder onkelhaft aufbaufreudig. Unter Gustav von Wangenheims schleppender Regie wird die spärliche Dramatik gedehnt und zähflüssig. Mit ermüdender Präzision wird jedes Detail ausgespielt. So konnte Legal den gewitterschwülen, spannungsgeladenen Onkel Wanja inszenieren. In Dengers Stück aber erschlafft dadurch jede Dynamik. Aus meinem ABC – nach Walther Karsch (6. April 1946) H wie Hipponax. Hinter diesem Namen des antiken Urparodisten verbirgt sich ein frecher junger Mann, der sich anscheinend gerne in geistigen Kreisen lümmelt. Jeden Sonnabend schwingt er sich auf das stilistische Steckenpferd einer anderen Prominenz. Wenn er eines Tages bei diesem Ritt zwischen sämtliche Stühle gerät und ihm sein Bumerang an den Kopf zurückfliegt, so dürften ihm doch einige Felle davon schwimmen. P wie Pyramidal. Hat mit Pyramidon so viel und so wenig zu tun wie magistral mit Magistrat. 1392 Teil IX R wie Ross, Synonym für Pferd. Vierbeiniges Vehikel zur Beförderung von Menschen und Traglasten. Seitdem das Übermenschentum in Verruf geraten ist, hat man, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, dass Überpferd konstruiert, dem eine Schreibmaschine aufmontiert wurde. Trotzdem nicht zu verwechseln mit P wie Pegasus. Gemeint ist in diesem Falle das hohe Ross, auf das ich mich zu setzen pflege, wenn ich eine Theaterkritik schreibe. Nach Premieren galoppiere ich auf diesem prächtigen Tier in die Redaktion des Tagesspiegels, über meiner Mütze nur die Sterne und im Herzen das erhebende Gefühl, in den Garderoben sämtlicher Berliner Theater gefürchtet und verflucht zu werden. Sch wie Schnipsel. (Hat nichts zu tun mit Schnitzel.) Kurt Tucholsky blies sie ab und an von seinem Schreibtisch. Was dabei nicht in dem Papierkorb, sondern in die Spalten der Weltbühne segelte, gehört zu den köstlichsten Miniaturglossen der Weltliteratur. Leider gibt es heute niemanden mehr, der mit dieser graziösen Leichtigkeit den Esprit aus dem Ärmel schütteln und in die Rotationsmaschine pusten kann. Aber was dem Meister die Schnipsel sind, das sind dem Schüler die ersten drei Buchstaben des Alphabets. Nur fällt den Schülern das Buchstabieren manchmal schwerer als dem Meister das Lesen und Schreiben. W wie Wegener, Paul. Schauspieler des königlichen Hoftheaters in der Schumannstra- ße. Wird von den Meisten stark überschätzt. In Wirklichkeit ist er ein mittelmäßiger Komödiant, wie es sonst nur Iffland, Kainz, Mitterwurzer und Bassermann waren (die bei mir übrigens auch nichts zu lachen hätten, wenn sie heute in Berlin auftreten würden). Vor allem ist es unverzeihlich, dass der Mann nach fünfzigjähriger Bühnenpraxis immer noch so routiniert spielt. Hipponax »Wir heißen euch hoffen« – nach Fred Denger (13. April 1946) (Ein möbliertes Zimmer am Kurfürstendamm, dem man noch die Folgen des Bombenkrieges ansieht. Veit, jugendlicher Bandenführer, 22 Jahre; Claire, 19 Jahre; Evelyn, 22 Jahre; Ria, 18 Jahre, lümmeln sich auf einem Sofa und einer Couch. Im Hintergrund sieht man durch Fenster die Ruinen der Gedächtniskirche.) 1393Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Evelyn: Na watt denn, watt denn?! Claire: Ja, ich habe es satt! Seht ihr denn nicht, dass ihr auf dem falschen Wege seid, Mädels? Zwölf Jahre Hass und ihr könnt nur noch hassen. Und wo ihr lieben solltet, da verkauft ihr euch! Kehrt um, geht in euch, besinnt euch, werdet Menschen. (Es klopft. Gleich da rauf tritt Kläre, eine U-Bahn-Schaffnerin ein.) Kläre: Richtig, geht in euch, Mädels, arbeitet. Das Baugewerbe sucht Hilfsarbeiterinnen, lasst euch umschulen, auch Sie, Fräulein Claire! Sehen Sie mich an: Ich arbeite täglich fünfundzwanzig Stunden im U-Bahn-Schacht, dann gehe ich zum antifaschistischen Heimatsabend, und in der übrigen Zeit führe ich meinen Haushalt! Veit (zerknirscht): Haben Sie auch einen Freund? Kläre: Klar Mensch, habe ich! Aber erst kommt die Arbeit und dann die Liebe. Arbeit adelt. Claire (erstaunt): Und Sie lassen sich für die Liebe gar keine Zigaretten geben? Kläre: Die deutsche Frau raucht nicht! Die arbeitet nur! Ria (fällt die Zigarette aus dem Mundwinkel): Aber das haben wir ja gar nicht gewusst. Evelyn (lässt die Puderquaste fallen): Aber das ist ja eine ganz neue Welt! Wie frei und glücklich man auf einmal ist. Ria: Heute noch greife ich zur Maurerkelle. (Nestelt die Pistole aus dem Strumpfband und wirft sie auf den Erdboden, während Veit errötend fortblickt. Sie ist sein zweites Erlebnis.) Da, Schluss mit dem Luderleben. Die Syphilis wird schon durch den Aufbauwillen seelisch kuriert werden! Claire (zärtlich): Und wir Veit, was tun wir? Kläre (während Veit trotzig und verstockt dasteht): Was Sie tun? Heiraten natürlich, schmuckes Häuschen aufbauen, klein, aber mein. Kinder in die Welt setzen. 1394 Teil IX Veit: Ich kann nicht! Ich kann meine Jungens nicht im Stich lassen! Ich muss auch Ihnen den richtigen Weg zeigen! Kläre: In den Jugendausschuss müssen die. In die Bastelstunde, Blockflöte blasen, Schneewittchen aufführen und für die Einheitsfront gedrillt werden! Ist doch alles schon einmal dagewesen! Veit: Ist das wirklich der richtige Weg? Claire: Glaube an mich, Lieber, du musst ganz stark glauben, weißt du? Veit: Ist denn das wirklich der richtige Weg? Kläre: Also ich versichere Ihnen, es ist der richtige. Der führt ohne Umwege aus der Pubertät ins Deutsche Theater. Ria (besinnt sich, hebt den Zigarettenstummel vom Boden auf und schiebt ihn in den rechten Mundwinkel): So was ist seit Schillers Räubern nicht mehr dagewesen. Hipponax In Berlin vor einem Jahr (13. April 1946) Vor einem Jahre war ich, wie man so sagt, »verschütt gegangen«. Ich war einem Truppentransport, der an die Ostfront ging, dem Dritten innerhalb von zwei Jahren, abhanden gekommen. Nicht ganz so unfreiwillig, wie ich es den Bahnhofskommandanten einredete, die mich argwöhnisch betrachteten, mir aber doch Marschbefehle ausstellen mussten, da ich die Fahnenflucht nach Heeresdienstvorschrift beherrschte. Ich reiste kreuz und quer durch Deutschland, immer hinter meinem Transport her, empfing Marschportionen, löffelte Erbsensuppe in vielen, vielen Wartesälen und ließ meine Papiere mit Sichtvermerken und Stempeln übersähen. Schließlich kam ich nach Berlin. Es war Fliegeralarm, in dem großen Bunker am Bahnhof Gesundbrunnen saßen, hockten und lagen viele hundert Menschen. Sie hatten bleiche, eingefallene Gesichter, waren apathisch und stumpf resigniert. Irgendwo in den dunklen Gängen greinten kleine Kinder, dicht über uns surrten Flugzeuge. Die neuen Bomben, die die Englän- 1395Auswahl von Artikeln aus dem Kurier der jetzt hätten, hörte ich, durchschlügen so einen Bunker ohne weiteres. Die das sagten, waren einander fremd, Schicksale sinnlos gebündelt durch das Kollektivgeschehen des Krieges. Über uns die Flugzeuge. Wenn hier so eine überschwere Bombe niedefiel, dann würden wir nur noch ein einziger ununterscheidbarer blutiger Brei sein, Männer, Frauen, Kinder, zerquetscht von zerborstenen Betonwänden. Diese des Todes oder einer vielleicht nur sehr kurzfristigen Rettung harrende Menschenschar, stumm und zu müde, um verzweifelt zu sein, oder leise und ängstlich flüsternd, bereitete mir einen merkwürdigen, spukhaften Empfang. »Jetzt ist es im Westen aber ordentlich losgegangen«, sagte einer. »Im Osten dauert es auch nicht mehr lange«, ein anderer. »Die treffen sich noch vor Pfingsten«, meinte der erste wieder, blickte sich dann aber ängstlich um. Ich trug Uniform. Niemand konnte wissen, was in der Affenjacke steckte, ein siegesgläubiger Heimatkrieger vielleicht, der gleich die griffbereite Durchhalteparole oder gar das Notizbuch zücken würde. Wenn die wüssten, dachte ich. Aber das dachten damals wohl die meisten von ei nan der. Der »deutsche Blick« war zur automatischen Gewohnheit geworden wie das schreckhafte Kopfeinziehen beim Herniedersausen einer Bombe. Kampf um ein Passbild Der Träger meines Namens war verschollen. Ich war nicht mehr ich selbst. Ich hieß Mario Glasberg und brauchte falsche Papiere. Mein Freund Alex besorgte sie mir. Dazu benötigte er ein Passbild von mir, eines, auf dem das linke Ohr zu sehen war. Das Kaufhaus in der Wilmersdorfer Straße fertigte vormittags Passbilder an. Fünfmal ging ich umsonst hin. Entweder war Stromsperre oder es gab auf halbem Wege Fliegeralarm für Stunden und Stunden. Strom schien es am Tage nur noch zu geben, um die Auslösung der Sirenensignale möglich zu machen. Strom war ein ungünstiges Zeichen. Man stellte den Drahtfunk an und hörte den Akkord, der Unheil bedeutete, oder das sinnverwirrende Namen- und Zahlenlabyrinth des Polizeisenders, das jeder verstand. Nachts hielt ich mich in einem Keller am Kurfürstendamm versteckt, aber am Tage musste ich auf die Straße. Fünf Tage lang bemühte ich mich um das Passbild, und wenn ich auf der Straße eine Streife traf, so stieg es mir eiskalt zum Herzen. Endlich war es so weit: Es gab Strom und für ein paar Stunden doch keinen Fliegeralarm. Ich hielt das linke Ohr hin, eine Lampe strahlte auf, es knipste, ich war photographiert. Am nächsten Tage hatte ich meine falschen Papiere. 1396 Teil IX Ein seltsamer Schlupfwinkel Fast täglich war ich bei Alberto am Lehniner Platz. Alberto war ein alter Mime, seit Jahren Großmeister des Schwarzhandels, womit er viele, viele »Getauchte« um sich her ernährte. Wenn man aus seinem Fenster blickte, sah man schräg gegenüber einen Panzer, der in die Erde versenkt war, und dessen Geschütz Albertos Haus bedrohte. Dahinter türmte sich, quer über den Kurfürstendamm, eine hohe Barrikade. Wann würde diese Kanone losdröhnen? Würde sie in Albertos Haus schießen, es in einen Trümmerhaufen verwandeln? Heute steht von diesem Haus nichts mehr, aber vor einem Jahr gingen wir dort aus und ein. Wir trugen in Aktentaschen Tüten mit Reis, Erbsen und Mehl aus dem Hause. Alberto öffnete Koffer, die bis zum Rand mit Lebensmittelkarten gefüllt waren, bot Havannazigarren aus pickfeinen Sperrholzkistchen an, teilte warmes Essen aus und schrieb auf blanko gestempelten Briefbogen der Charité ärztliche Bescheinigungen aus, die vom Volkssturm befreiten. Nur auf ein besonderes Klopfzeichen kam man zu Alberto hinein. Da saß er dann zwischen jeweils etwa zwanzig Leuten. Wenn man eintrat, zitierte er immer denselben Vers aus einem Gedicht Erich Weinerts: »Herr Schober, nun ist es so weit!« Und dann: »Eine Stulle gefällig? Ja, meine Herren, meine Revolutionsfrühstücke waren in Berlin schon 1918 ein Begriff!« Wen traf man alles bei Alberto? Ich lernte dort einen Stabsarzt kennen, der frontmüde Soldaten seit Jahr und Tag in seinem Lazarett unterbrachte und von dort aus für eine illegale Widerstandsgruppe arbeiten ließ. Einmal hatte er sogar einen, der von der Gestapo gesucht wurde, ordnungsgemäß sterben lassen, worauf der Tote prompt auferstand und am nächsten Tage von Alberto bei einem seiner vielen hilfsbereiten Mädchen versteckt und beköstigt wurde. Ein anderer, ein zweiundzwanzigjähriger, glutäugiger Bursche, war Hauptmann und politischer Kommissar im Sturmbataillon Marschall Titos gewesen, von kroatischer Ustascha gefangen genommen und an die Gestapo ausgeliefert worden, war aus dem KZ Mauthausen ausgebrochen, nach Berlin geflohen, wo er seither eine Widerstandsgruppe am Wedding führte. Ein Dritter war Drehbuchautor von Wehrmacht-Lehrfilmen, Unteroffizier, seit einem Jahr an einem Film über die Panzerfaust beschäftigt. Erst hatte er ihn in Frankreich drehen sollen, dann in Meseritz, und nun trug er seit zwei Tagen ein Telegramm aus Bayreuth in der Tasche. Der Lehrfilm sollte nun endgültig dort gedreht werden. Einen Tag später waren in Bayreuth die Amerikaner. Und der kleine Schmidt war da, der ein ganzes Institut für Paramedizin in der Aktentasche bei sich trug: Antiluetische Fieberspritzen, mit denen er Volkssturmbedrohte vor dem »Einsatz« bewahrte. Und Alex, der Pläne für die letzte 1397Auswahl von Artikeln aus dem Kurier große Flugblattaktion seiner Gruppe schmiedete, für die Nein-Aktion, von der jetzt Ruth Friedrich in der sie und Wolfgang Parth in seinem Büchlein Die letzten Tage berichtet haben. Heute ist dieses Bündel der Schicksale längst zerfallen. Sie streiten um Föderalismus und Zentralismus, für und gegen Urabstimmung und Verschmelzung. Manche grüßen sich nicht einmal mehr. Aber vor einem Jahr hockten sie gefangen in der Mausefalle, doppelt gefangen in dem engmaschigen Netz der Kontrollen, Überwachungen und Verordnungen. Ein Spießer antwortet (18. April 1946) Bei der letzten Jugenddiskussion im Deutschen Theater hat sich, wie von der Berliner Zeitung berichtet wird, das »Gesunde« und »Richtige« durchgesetzt: Begeisterung über Fred Dengers Wir heißen euch hoffen, Empörung über die Kritik. Auf der Bühne stand der gefeierte Autor und erklärte: »Ich habe den Spießern einen höchst unliebsamen Spiegel vorgehalten!« Und aus dem Parkett rief ein Junge: »Die Angeklagten saßen im Zuschauerraum und teilten Zensuren aus!« Da auch ich unter denen war, die Denger eine »Zensur« erteilten (und zwar leider keine blanke »Eins«), fühle ich mich nun sowohl angeklagt als auch als Spießer. Die »Anklage« darf ich, da ich selbst zu Dengers »verratener« Generation gehöre, mit einigem Recht ignorieren. Als »Spießer« aber muss ich antworten. Dengers Stück fand meine vorbehaltlose Zustimmung, so weit es wirklich anklägerisch war. Als Denger es vor Monaten einmal vorlas, sagte ich ihm: »Pass gut auf, dass dir niemand die destruktiven Stellen streicht!« (Wir duzen uns nämlich und sind außerberuflich gute Freunde!) Ich hätte lieber warnen sollen: »Pass auf, dass man dir nicht etwas Versöhnliches hineinfälscht!« Das nämlich ist geschehen, und hier wurde die Sache mulmig, so dass ich, als ich die Kritik schrieb, meine persönlichen Sympathien für den Autor schmerzlich unterdrücken musste. Dass heutzutage ein jugendlicher Krimineller und ein Strichmädchen vom Kurfürstendamm sich zwecks moralischer Läuterung ein Werther-Erlebnis von unsagbarer Keuschheit bereiten, fand ich ohnehin naiv, wenn nicht gar verlogen. Zu dieser unglaubwürdigen Seelenwäsche aber gesellten sich nun in der Bühnenfassung des Stücks auch noch die vom Überstunden-Ethos umstrahlte U-Bahn-Schaffnerin und der menschenfreundliche Kriminalkommissar 1398 Teil IX Schall als absonderliche Wegweiser zum Guten und Schönen. Und das passte mir nicht. Wenn man anklagen will – und man soll es unbedingt! –, so darf man die Wucht der Anklage nicht mit einem so billigen happy end beeinträchtigen. Emile Zola wäre ein schlechter Sozialkritiker gewesen, wenn er durch irgendeine fadenscheinige Läuterung die gesamte Familie der Rougon-Macquart zu Edelmenschen umgefälscht hätte. Dengers Stück war mir nicht anklägerisch, nicht realistisch und kompromisslos, mit einem Worte: nicht wahrhaftig genug! Von allen dichterischen Mängeln abgesehen, hätte es ohne U-Bahn-Schaffnerin und versöhnlichen Schluss erschütternd sein können. Dies mag eine spießige Ansicht sein, aber ich kann nicht umhin, sie zu vertreten und mich damit ausdrücklich als Spießer zu bekennen. Jedoch möchte ich bei dieser Gelegenheit auf eines noch hinweisen: Die Nazis haben es meisterlich verstanden, gerade das Fortschrittliche als »spießbürgerlich« zu brandmarken und den oppositionellen Elan der Jugend dagegen zu mobilisieren. Die Jugend wurde für greisenhaft reaktionäre Scheinideale missbraucht und kann sich dabei doch außerordentlich jung, revolutionär und schwungvoll vor. Die Kritiker an der Kritik sollten sich einmal überlegen, ob nicht heute wieder das gleiche der Fall ist: Man hüllt eine onkelhafte Aufbaufreudigkeit in die Prätention und Attitüde des Revolutionären, und die Jugend merkt es nicht und empört sich mit jugendlicher Unbedingtheit gegen die, die es ehrlich meinen und es ablehnen, wenn zeitkritische Wahrhaftigkeit mit blassen Läuterungsillusionen verwässert wird. Dabei belehrt ein einziger Blick in die Wirklichkeit, dass dies tatsächlich Illusionen und dass das »Gesunde« und das »Richtige« oft nur Ergebnisse eines feigen Vertuschungsmanövers sind. Schläge, die nicht weh tun. Franz Molnárs Liliom mit Albers im Hebbel-Theater (26. April 1946) Liliom – Ausrufer der Luftschaukeln auf dem Rummelplatz, routinierter Einbrecher, vor allem in Frauenherzen, mehrfach vorbestraft und äußerst verkommen – wird als Selbstmörder von der elysäischen Kriminalpolizei verhaftet, klettert auf der Himmelsleiter ins Jenseits und kehrt nach sechzehn Jahren wieder, um seiner vaterlosen Tochter »etwas Gutes« zu tun. Ist es mit Hans Albers nicht ähnlich? Wäre er uns nicht im Film gegenwärtig geblieben, so könnte man meinen, er habe mit dem gleichen metaphysischen Trick einen finsteren Zeitraum einfach überstiegen und feiere nun Auferstehung, als sei inzwischen nicht das Geringste geschehen. Liliom ist unverbesserlich, Albers 1399Auswahl von Artikeln aus dem Kurier unverwüstlich. Liliom können die Läuterungsfeuer des Jenseits, Albers die Jahre nichts anhaben. Mit dem ersten Strahlenblick, mit einer einzigen wurschtigen Handbewegung hat er alle Bedenken überwältigt. Gab es überhaupt Bedenken? Ja und nein! Sie melden sich automatisch, wenn längst verjährte Sensationen heute zelebriert werden, um unser ärmliches Dasein in trostreiche Illusionen zu hüllen. Die Sensation Hans Albers ist also nur zu rechtfertigen, wenn Franz Molnárs Liliom als Ganzes heute noch standhält. Alfred Polgar, der diese mystische Komödie aus dem Ungarischen ins Berlinerische übertrug und so den zigeunernden, zwielichtigen Helden dem Franz Biberkopf aus Döblins Berlin Alexanderplatz näherte, nannte diesen Molnár, im Gegensatz zu manchen anderen, ewig. Dichterisch sind in Liliom nur einige versickernde Dialoge von Strindbergscher Zerquältheit. Doch Polgar hatte recht, wenn ihm die Raffinesse in der Mischung von großen Mitteln und vielen kleinen Mittelchen ewig anwendbar schien. Molnárs Geheimnis ist: Er hat für jeden gesorgt. Und das ist auch Albers’ Geheimnis. Hier ist dem Primitivsten noch sein Quantum an Gemütsschnörkeln zugemessen, das für den Anspruchsvollen aber immer unverzüglich mit der kalten Dusche einer erfrischenden Flapsigkeit neutralisiert wird. Liliom ist ein Schurke, klaut den Dienstmädchen ihr Erspartes, schlägt sein Weib, heckt Mordanschläge aus, verübt Selbstmord und zeigt selbst im Himmel keinerlei Reue. Er kann sich aber auch redlich verlieben, kann von Vaterfreuden überwältigt werden, kann lieb herzlich und überaus gefühlvoll sein. Wenn er, als Bettler verkleidet, vom Himmel auf Urlaub kommt, gibt er zwar seiner inzwischen anmutig herangewachsenen Tochter einen Klaps, aber doch nur deshalb, weil die so ungeduldig ist und ihm keine Gelegenheit gibt, ihr »was von Herzen Gutes« zu tun. Es ist ein Schlag, der nicht weh tut, ein Schlag von Geisterhand. Überhaupt werden immerfort Schläge ausgeteilt, die nicht weh tun, sondern streicheln. Je nach Geschmack und Anspruch zuckt man zusammen. Der eine, wenn Liliom sich Szenenbild, Hans Albers als Liliom 1400 Teil IX immer wieder als treuherziger Bursche zeigt und beinahe in peinliche Sentimentalität entgleitet, der andere, wenn dieser Prachtmensch sich doch gar so roh gebärdet, dass man ihn beinahe verabscheuen muss. Aber beim »Beinahe« bleibt es in beiden Fällen, immer dicht an der Grenze des Rührseligen sowohl als des viehisch Brutalen. Eine raffiniert verspielte Dialektik zwischen Finsternis und Süßlichkeit, beides eigentlich parodierend, stößt überall an und wird, bevor eine Gefahr akut wird, stets ins Gegenteil umgebogen. Albers’ Darstellung umgreift den krassen Dualismus dieser Möglichkeiten: Albers kann nur entweder die Hose hochziehen, den Finger in die Nase stecken und männlichste, lässige Unbekümmertheit mimen oder aber das Goldherz durch die raue, aber durchsichtige Schale blinken lassen und so manche gerührte Träne im Winkel des blanken, blaugrauen Auges zerdrücken. Sein Berlinertum ist in Dialekt und Gebaren nur eine hauchdünne Legierung seiner waterkantischen Substanz. Aber behäbig wälzt er sich in allen Extremen seiner zwiespältige Rolle und schwelgt im Selbstgenuss einer grandiosen Naivität. Wer sich durch den Rohling beleidigt fühlt, mag sich an den Prachtmenschen halten, und wer den Rührseligen unerträglich findet, wird durch den Ganoven hinreichend getröstet. Die pointierte Regie Karl Heinz Martins lässt Albers Raum, sich breit auszuspielen. Trotzdem verblassen die Nebenfiguren keineswegs. Martin hatte sie mit spezifischer Individualität geformt. Das Geschehen ist zu dichtester Kontinuität zusammengezwungen, jedoch ragen aus dem Expressiven die stark typisierten Personen gleichsam lotrecht empor: Ludwig Linkmann, ein schleichender, schmieriger Penner von zäher List und dumpfer Verkommenheit; Gundel Thormann, ein begriffsstutziges Landmädchen mit heftigem und keuschem Herzen; Helga Zülich, eine tragisch Liebende, die im Schatten des strahlenden Liliom verkümmert; Erna Sellmer, die gefährlich rot flammende Schaubudenbesitzerin, die sich aus Leidenschaft in Neid, Bosheit und Zärtlichkeit verzehrt. Walter Tarrach übertrifft seine bisherigen Leistungen weit mit der glänzenden Charakterstudie eines kreuzbraven, dienstbereit beflissenen jüdischen Kleinbürgers. Und was wäre die Fülle der Gestalten ohne den im doppelten Wortsinne himmlischen Kriminalkommissar Karl Ettlingers, der im Polizeirevier auf einer Wolke Selbstmörder verhört und umgeben ist von merkwürdigen himmlischen Heerscharen. Von einem Chor alter Damen und Herren in Trauerkleidern. Die vertreiben sich Zeit und Ewigkeit mit Theo Mackebens geistvoll-graziösen Choral-Parodien. 1401Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Jenseitiges Gespräch mit Goethe – nach J. P. Eckermann (27. April 1946) Heutigen Vormittags zeigte sich Goethe nach etlichem Lustwandeln auf den frisch geharkten Wolken der elysäischen Gefilde wie stets erklecklich wohlgesonnen und leutselig. In seinem Arbeitskabinette auf dem Olympe angekommen, versenkte er sich jedoch mit dem Ausdruck eines gewissen Unmuts in den Anblick einer jener Steingutschalen, wie sie auf Erden als Aschenbecher oder dergleichen gebräuchlich sind. Mit einer Gebärde, die wohl einigen Widerwillen ausdrücken sollte, gebot er mir näher zu treten, so dass ich auf dem Grunde der Schale eine Anzahl Objekte gewahrte, die sich bei flüchtiger Betrachtung wie daumengroße, weiße Papierstücke ausnahmen, ähnlich jenen, Konfetti genannt, die die Irdischen sich gegenseitig bei den Lustbarkeiten der Fastnacht an Haupt und Glieder zu werfen pflegen, wobei sie ein Mannigfaltiges an Übermut empfinden und kundtun. »Dies scheint euch Kehricht von der ärgsten Sorte«, sagte Goethe, und sein Ärger wich einem Anflug des Schalkhaften in seinen feurigen Augen. »Ei«, versetzte ich, »ganz gewöhnliches zerfetztes Papier, bedünkt mich!« »Mitnichten«, versetzte Goethe, der nun nicht mehr umhin konnte, wissend und zudem geheimnisvoll zu lächeln, »seht Euch’s doch nur recht deutlich an, nehmt’s in die Hand!« Ich tat wie mir geheißen, griff recht beklommen in die Schale hinein, die von grauen Ascheresten verunziert war, hob eines der kleinen Papierstücke gegen mein Auge und ward zu meinem nicht geringen Erstaunen gewahr, dass es mit jenem würzigen Kraut gefüllt war, das bei den Irdischen Tabacco benannt wird und als Genussmittel für Mannsleute üblich ist. »Ein Reisender«, erläuterte Goethe, »kam heute mit der Postkutsche auf einem Radarstrahl des Weges und bracht’ es als Gruß des Prähistorischen Museums in Berlin.« »Recht abgeschmackt von den Herren«, sagte ich, »sie sollten doch den Bielschowsky gelesen haben und wissen, dass sie ein Verächter des Tabacco sind.« »Wer weiß unter den Irdischen noch von mir«, versetzte Goethe mit einem Anflug des Bitteren in seinem Marmorantlitz, »aber ich verarge es ihnen nicht.« »Und dies wäre?« fragte ich. »Man fand’s in einer Katakombe unter Trümmern. Wie Ihr wohl wisset, wurde Berlin um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts dem Erdboden gleich gemacht. Zu jenen Zeiten pflegten die damaligen Einwohner des Landstrichs für winzige, mit Tabacco gefüllte Papyrusröllchen ihr Gut und Geld einzutauschen, einer unseligen Leidenschaft ergeben, die ich schon bei dem maßlosen Jean Paul argwöhnte. Sie steck- 1402 Teil IX ten das Röllchen am einen Ende in den Mund, setzten das andere Ende in Brand und empfanden alsbald eine törichte Wollust des Gaumens. Ja, sie waren in ihrer Not so findig geworden, dass sie die Reste – vom niederen Volke Kippen genannt – wiederum in nutzfertigen neuen Papyrusrollen verarbeiteten.« »Könnten Sie«, so fragte ich beklommen und auf Goethes tief blickenden, durchdringenden Geist vertrauend, »hieraus etwa schließen, wie die geschichtliche Lage des Volkes von Berlin damals beschaffen sein mochte?« »Wohlan denn«, versetzte Goethe, »strömt Euch nicht aus jener länglichen Kippe dort der herbe Duft Virginias entgegen? Und jene dort, mit dem Pappmundstück, ist sie Euch nicht recht sinnfällig gegenwärtig im Mundwinkel eines braven Rotarmisten? Und ist in dieser nicht der würzige Geruch deutscher Buchenwälder enthalten? Und der rote Rand gar, der sich auf der englischen Kippe so anmutig abzeichnet, sollte er nicht vom bemalten Rosenmündchen einer Schönen herrühren, die den Geliebten recht eifrig um des Papyrusröllchens willen umbuhlt hat? So liegt denn der Schluss auf der Hand, es müsse damals in der Gegend von Berlin eine große Völkerschlacht stattgefunden haben, oder es müsse Berlin von mehreren Völkern besetzt gewesen sein, was mir der Lippenstiftreste wegen wahrscheinlicher deucht, die doch auf eine gewisse Friedfertigkeit der Umstände schließen lassen.« »Darf ich die Vermutung laut werden lassen, dass Sie selbst diese Begegnung symbolisch meinten, als Sie Ihren unsterblichen Divan einen westöstlichen nannten?« Goethe errötete, weil die Erinnerung an den Divan ihm immer die liebliche Gestalt Suleikas heraufbeschwor. Es sah aber niemand, da ich schon seit geraumer Zeit gen Boden blickte. »Hier, bester Freund«, versetzte Goethe, »mag Euer Bedürfnis, mein Lebenswerk nach Eurem Dünken auszulegen, ein wenig hoch gegriffen haben!« Woraufhin er mich bis zur Mittagsstunde mit den Worten entließ: »Notiert’s nur recht fleißig!« Bevor ich ging, sah ich mich noch einmal um und gewahrte, dass Goethe einen kleinen Holzgegenstand, wie er bei den Irdischen wohl als Pfeife üblich ist, aus der Tasche gezogen hatte und die Kippen dahinein entleerte. Woraufhin er sich der Sonne zuwandte und den Tabacco an einem Strahl derselben entzündete. »Mehr Qualm«, sagte er lächelnd. Hipponax 1403Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Martin und Monika. Versprich mir nichts in der Tribüne (27. April 1946) Hier ist Viktor de Kowa heillos in kindische Gauklerschrullen verbohrt: Zerstreute Geistesabwesenheit als Kehrseite innerer Konzentration ist ein liebloser Kontakt zur Wirklichkeit, die schnöde vernachlässigt wird. Junges Eheglück ist dadurch schlimm gefährdet: Der Mann, der sich in der Dachkammer um eigene Vervollkommnung müht, hat kein Verständnis mehr für die hungernde Frau, die sich in Alltagssorgen zerquält und dann die Initiative ergreift, diese Misere tatkräftig zu überwinden. Charlotte Rißmanns locker und schwerelos entworfene Komödie (vielen wohl nur noch bekannt durch die Verfilmung, die neben de Kowa Luise Ulrich reiche Möglichkeiten zu schauspielerischer Glanzleistung bot) wird nun wieder als Theaterstück gegeben. Für den, der den Film sah, ist das, was flutend kontinuierliche Bilderfülle war, ernüchternd eingeengt in vier dürftige Szenen. Mit diesem Mangel versöhnt, dass de Kowa auf der Bühne mehr geben kann. Was man nach dem Film, in dem er noch allzu charmant war, kaum ahnen konnte, wird jetzt offenbar: De Kowa müsste unbedingt einmal den Arnold in Michael Kramer spielen! Obwohl der Hauptdarsteller selbst Regie führt, was immer eine Gefahr und bei de Kowa nun schon Gewohnheit ist, wird diesmal das Ensemble nicht sorglos um dessen zentrale Figur gruppiert. Leider vermögen die Partner ihre Rollen nicht zu plastischen Charakteren zu steigern: Olly Holzmann ist als Monika ein munteres Plaudertäschchen, aber unvollkommen in der Verwirrung, die hilfreiche Hochstapelei und Zärtlichkeit stiften. F. W. Schröder-Schrom verwischt als Kunsthändler mit konventionellen Gesten die tragischen Ursprünge seiner Melancholie. Erlösung durch den Wald? Wie es Euch gefällt im Schlosspark-Theater Steglitz (2. Mai 1946) Shakes peares Ardennenwald gibt sich als wiedergewonnenes Paradies, aus dem kein Engel mit Vertreibung droht. Flüchtige aus einer starren Welt höfischer Ränke werden erlöst in der Unschuld des Waldesgrüns. Der Fluch weicht von Ausgestoßenen und von ihren Verfolgern. Etikette, Eigensucht und Hass sind Verkrampfungen, die sich lösen beim ersten Anhauch würzigen Humusgeruchs. Bei Schlangen und Löwen ist auch für Schafe Raum. Lammfromm und liebeheischend lebt in wunderlicher Fried- 1404 Teil IX fertigkeit, in fast schon wieder unsittlicher Zutraulichkeit Mensch neben Mensch, dem Diesseits von Gut und Böse zustrebend. Also die Idylle als bestes Kapitel des Lebens? Dann wäre Shakes peare nicht Shakes peare. Aber hier ist nur einer, der durchschaut, dass allein ein Trug unterläuft: Jacques, der dunkle Narr, der Melancholiker aus Grundsatz. Der Wald als Deus ex Machina – wie ihn auf die Bühne bannen? Shakes peares Theater war ohne Bilder, das Wort schuf die Landschaft. Reinhardt ließ einen romantischen Wald bauen. Spätere deuteten Bäume und Behausungen stilisierend an. Boleslaw Barlog, der Regisseur, und Willi Schmidt, der Bühnenbildner, haben sich für ein Watteausches Waldgelände entschieden. Viel Grün, viel Laub, stehendes Gewässer, ein ferner Tempel – keine Wildnis für Löwen und Schlangen. Merkzeichen des wechselnden Schauplatzes jedes Mal ein Versatzstück: Ein Brunnen, eine geborstene Säule, ein gefällter Stamm, eine Sonnenuhr. Kulturlandschaft, Vorstudie zum Wörlitzer Park. Es fehlt alles Gefährliche. Der gute Ausgang steht schon fest, als sich zum ersten Male der Vorhang vor dem lieblichen, anheimelnden Bild teilt. Die Ängste der Liebenden wirken wie spielerische Verstellung. Trotz der Schäferfiguren (die Shakes peare aus seiner Vorlage, einem Hirtenroman, übernahm) ist diese Komödie doch gerade kein Schäferspiel, sondern eine Dichtung des Waldes, vieldeutiger als der Sommernachtstraum. Nicht unbedenklich, sie in die geschlossene Sphäre des Galant-Bukolischen zurück zu versetzen. Sehr dekorativ zwar auch. Barlog ist ein Regisseur der geformten Bewegung. Man möchte von ihm einmal Tirso de Molina, Molière oder Goldoni sehen. Hier im reifen Shakes peare gelingen ihm die Partien am besten, wo der Dichter bewusst die musikalische Symmetrie zeitgenössischer Komödien nachbildet und parodiert (das Quartett im vorletzten Bild). Er ist ein Dirigent der Gänge und Gesten. Das Wort durchleuchtet er nicht bis auf den Grund. Selbst Hans Söhnker als grämlich-schwarzer Illusionszerstörer Jacques, eindringlich angelegt, bringt es doch nicht überall zum wirklich beunruhigenden Gegengewicht gegen die Naturseligkeit der anderen. Diese geben sprachlich, was sie aus Kultur und Intensität in sich haben, und das ist zum Teil nicht wenig – aber es bleibt Gut des Einzelnen. Der trefflichen Gudrun Genest steht der burschikose Ganymed besser an, als die sanft-glühende Rosalinde; darum spürt man dies aus jenem nicht so leicht heraus (letztes großes Gegenbeispiel: Käthe Gold). Ulrich Hoffmann, ihr Orlando, spielt sich mit der Rolle mehr und mehr frei – bis fast zum Romeo. Hil- 1405Auswahl von Artikeln aus dem Kurier degard Knef, Muhme Celia: Ein Watteausches Bild für sich, warm und herzlich im Grundton, doch ungelockert. In vornehmer Sprachkultur Arthur Schröders verbannter Herzog; ungewollt brutaler Kontrast zu ihm: Sein böser Bruder (dessen Läuterung Shakes peare lässig vergaß). Chargen, durchgefeilt in Wort und Gestik: Alfred Ganzer als jener Alte, dem der Wald den Tod bringt, weil seine gute Seele der Läuterung nicht mehr bedarf; das Schäferduo Franz Stein und Walter Bluhm. Und dann eine unauffällige Kostbarkeit: Heinrich Troxbömkers weiser Narr Probstein, bei dem wie bei keinem seiner Vorgänger in dieser Rolle die Kennzeichnung des Herzogs zutrifft: Er hüllt sich in Torheit, um seinen hellen Witz zu verbergen. Archaisierend-unidyllische Musik von Siegfried Borris. Ausdauernder Premierenbeifall für alle, besonders für Barlog, Söhnker und das Paar Genest-Hoffmann. Retter vor dem Vakuum. Anmerkung zu Gustaf Gründgens (3. Mai 1946) Als Gründgens 1934 die Generalintendanz der preußischen Staatsschauspiele übernahm, wusste er genau, was er tat. Er übernahm die Verantwortung für die geistige Tradition des deutschen Theaters, auf die Gefahr hin, der Verachtung der ganzen Welt ausgesetzt zu sein und gerade in dem Augenblick tragisch Undank zu ernten, in dem er seine schwere Aufgabe vollendet haben würde. Gründgens stand vor der Wahl, die deutsche Theatertradition in der Geistlosigkeit des Nazismus verfaulen zu lassen oder sie hinüber zu retten in eine freiheitliche Zukunft. Theater ist die große, bunte Verführung menschlicher Amüsierfreude zum Geist und also etwas äußerst Lebendiges, das sich nicht einfach konservieren lässt. Rettung einer Tradition bedeutet hier die pflegliche Unermüdbarkeit alltäglicher Arbeit an Dichtung, Mensch und Materie. Gründgens entschied sich für die Kunst, für den Geist und damit notwendig auch gegen den Nationalsozialismus. Gründgens mit Antje Weisgerber, 1946 in „Der Snob“ 1406 Teil IX Bedenken wir die heutige Situation, so wird uns klar, dass Gründgens damals das Richtige tat. Auf vielen Gebieten der Kultur gewahren wir gegenwärtig beängstigt und beschämt ein völliges Vakuum. Im Berliner Theaterleben ist es anders. Hier brauchte weder an Vorgestriges angeknüpft, noch eine künstliche Gesinnungswandlung forciert zu werden. Hier war, unbeirrt durch tendenziöse Einflüsse, wertvolle Arbeit geleistet worden, die man wenige Wochen nach der Beendigung des Krieges sogleich wieder fortsetzen konnte. Gewiss mag es höchst überflüssig gewesen sein, dass in den vergangenen Jahren die Gräuel des Nationalsozialismus mit Kultur verbrämt waren, und es mag allen Künstlern, auch Gründgens, als erhöhter Schuldanteil zugemessen werden, dass sie ihre besten Leistungen für das kulturpolitische Vertuschungsmanöver der Nazis missbrauchen ließen. Eines aber lässt sich nicht bestreiten: Wenn in Berlin gleich nach der Niederlage grandiose Aufführungen zu Stande kamen, so lag dies vor allem an der Vorarbeit, die Gustaf Gründgens geleistet hatte, ein früher Pionier einer neuen Theaterepoche, zu Unrecht verdächtigt als Renegat und Opportunist. Die U-Bahnschaffnerin und die Kritik (4. Mai 1946) Nach Friedrich Luft (Die neue Zeitung): »… Urbanus salutat Hipponacem! Auf, Bruder Hipponax, auf Freunde, lasst uns ins Horn stoßen, lasst uns auf die Schreibmaschine einhauen, dass das Farbband um die Tasten schlingert. Ein Leid ist es doch um die jungen Menschen, ein jämmerliches, das einen ans Herz stößt! Da haben die Kritiker es leicht, wenn die Szene zum Tribunal wird, sich rittlings auf ihre Prinzipien zu schwingen. Wie anders Urbanus, Freunde! Am Herzen gestoßen, schlägt er die Hände vors Gesicht. Und neben ihm wird Ella im Halbdunkel des Parketts unruhig. Aber wie er wieder aufblickt, hat sich oben etwas geändert: Freunde, eine Frau steht da, ich sage Euch! Eine Frau, über die Urbanus am laufenden Farbband einen Roman schreiben könnte. Hätte Ella nicht argwöhnisch geäugt, Urbanus hätte auf der Stelle niederknien können. Obwohl Ella so pfleglich auf seine Bügelfalten hält. Aber Bügelfalten her und hin – diese Frau, Bruder, ist einfach Zucker. Lasst mich des kritischen Behufs vergessen, Freunde …« Nach Enno Kind (Neues Deutschland): »… nicht nur beinahe asoziale Jugendliche immer noch der Freien Deutschen Jugend ferngeblieben sind, sondern es hier um Prostituierte und andere soziale Probleme geht, die noch lange nicht in einen verstaubten Gesichtspunkt geschoben werden konnten, da auch heute wieder eine gewisse 1407Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Reaktion am Werke ist, muss es hier einmal und ein für alle Mal festgehalten werden, dass wir nicht nur kolossales Glück entwickelt haben, dass wir nach der Brechung der bewaffneten Macht des Faschismus durch die tatkräftige Unterstützung der Besatzungsmächte eine wahrhaft volksverbundene Polizei haben, sondern dass im Großen und im Kleinen noch nicht klar war und ist, dass in bisher nicht üblichen Formen eine neue Zeit angebrochen hat und weit da rü ber hinaus das Fundament für die Keimzelle der Erneuerung der deutschen Kultur gelegt wurde. Wer waren die Schaffnerinnen, wer sind sie? Es waren diejenigen, die gleich nach der … tatkräftigen Neuaufbau … zeitgemäße Ausrichtung. … Dichter zur Feder gegriffen und da rü ber hinaus die Maler zum Pinsel gegriffen, um die sozialen Probleme … weit da rü ber hinaus …!« Nach Paul Wiegler (Nachtexpress): »Bei Brahm war das die Sorma: Helläugig, schlank und lichtüberflutet stand sie da. Kainz spielte den jungen Bandenführer Veit. Die Stimme federte in stählern schwingenden Versen. Fünf Jahre später die Duse. Unvergesslich. Immer wieder steigen diese Assoziationen auf: Bei Reinhardt Tilla Durieux. Mit Wegener in jäh zuckender Leidenschaft. Dann Käthe Dorsch. Und jetzt Inge von Wangenheim. Männlich und resolut, gestrafft noch der Rosenstrauß, den sie im Arm hält. Immer diese Assoziationen …« Nach Ilse Jung (Tägliche Rundschau): »Mit feinfühliger, glättender Hand lenkte die Regie Gustav von Wangenheims die Handlung in die tiefen Probleme der jungen Generation hinein. Aus dem Seelischen heraus, aus dem Gefühl heraus, aus dem Intuitiven heraus gestaltete … will die Jugend einen Glauben und sich diesen Glauben nicht mehr nehmen lassen. Gerade die Jugend hat heute einen Anspruch auf ihren Glauben und aus diesem Bewusstsein heraus gestaltete der junge Dichter Fred Denger die junge U-Bahnschaffnerin, die aus ihrem Pflichtgefühl heraus den jungen Menschen wieder ein Ziel und einen Glauben gibt. Aus ihrer ganzen Menschlichkeit und Güte heraus stellt Inge von Wangenheim diese Figur auf ihre, fest im Boden verwurzelten Beine, jeder Zoll breit kein Luxuspüppchen, sondern ein echter, handfester Mensch.« Nach Walther Karsch (Der Tagesspiegel): »… und sprechen das in einer Sprache, die man sich im Namen dieser Sprache gefälligst verbitten sollte …« Nach Statt (Der Berliner): »Der größte Erfolg des Abends aber festimentierte sich nicht auf der Bühne, sondern im Parkett: Dort saß frisch und majestätisch unser Hans Albers. Wieder in seinem Berlin, trägt er jetzt einen einreihigen Smoking …« 1408 Teil IX Nach Werner Fiedler (Neue Zeit): »… ihre Seele ebenso blank geputzt wie ihre Uniformknöpfe und rangiert im Verschiebebahnhof ihrer Gefühle die mit Erotik geheizte Lokomotive des Herzens und den lästigen alten Güterwagen der Pflicht. Die vollen Züge, die sie abdampfen lässt, und die letzten Züge, in denen der Ermordete liegt, werden von beiden in vollen Zügen genossen. Der junge Autor hat es sich leicht gemacht, hat mit schneller Hand die Jugendsünden von der U-Bahnschaffnerin auf ein totes Gleis schieben lassen. Mit der Signallampe der Gesinnung regelt sie den Verkehr der jungen Räuberbande (inklusive des unehelichen), die dann schließlich mit dem Volldampf des Arbeitsethos in die Reparaturwerkstätte für umgeschulte Lausejungens einfährt. Alles einsteigen, die Türen schließen!« Hipponax Literarisch-Kulinarisches – nach do-Dw. in der »sie« (11. Mai 1946) Unter den zahlreichen Dichtern, die heute wieder mit Ehren genannt werden dürfen, befindet sich auch der unverwüstliche Spötter Heinrich Heine, dessen Loreley allen bekannt ist. Von ihm stammen auch die – seien wir ehrlich – recht herzlosen und bissigen Verse: »Blamier mich nicht, mein schönes Kind, und grüß mich nicht. Unter den Linden! Wenn wir nachher zu Hause sind, wird sich schon alles finden!« Man braucht von Kochkunst nicht viel zu verstehen, um den prickelnden Sinn dieser Strophen zu erfassen. Aber wie immer bei Heine schlägt auch hier unter dem hartgesottenen Gespött ein warmes, fühlendes Herz, das der Volksmund in die köstliche Spruchweisheit gegossen hat: »Zwei gut Ding kommt selten zusamm’!« Der echte Bayer fügt in seiner unvergleichlichen Art noch hinzu: »Aan Bier oane aan Radi is ka Bier, Sauluder dreckats!« Wobei der letztere kräftige Ausdruck von Herrn Permaneder in Thomas Manns Buddenbrooks gebraucht wird. 1409Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1410 Teil IX Aber wie dem auch sei: Heine muss schon gewusst haben, warum er Unter den Linden nicht gegrüßt werden wollte. Wie bekannt sein dürfte, war er während der letzten zehn Jahre seines Lebens schwer krank und musste meistens resignierend die Matratzengruft hüten. Er befürchtete, seine Geliebte werde, ihn Unter den Linden grüßend, sich da ran erinnern, was ihm vonnöten täte. Gewiss kannte sie noch nicht Andersens Märchen vom Fliedermütterchen, sicher aber hätte sie einige Lindenblüten gepflückt und daraus einen heilkräftigen Tee gebrüht, der Heines Gesundheit ebenso zuträglich, wie seinem Gaumen unangenehm gewesen wäre. Nun, die Linden stehen »heuer« – wie der Landmann in seiner derben Ausdrucksweise zu sagen pflegt – noch nicht in Blüte. Aber die Hausfrau, die ja immer aus dem Kärglichsten noch etwas Schmackhaftes zu bereiten weiß, kann aus den Lindenblättern eine nahrhafte Suppe kochen oder Lindenblatt-Rouladen schmoren, die auch Heine gemundet hätten. Unser Wonnemonat Mai ist ja ganz dazu angetan, hinaus zu ziehen in die Natur, in frischem Übermut einen Lindenbaum zu erklettern und dabei gleich für das leibliche Wohl zu sorgen. Sagt doch schon ein Goethe, der damit übrigens seine Jugendliebe Friederike gemeint haben soll: »Wie herrlich leuchtet mir die Natur, wie lacht die Sonne, wie glänzt die Flur!« Hier sind einige erwünschte Tipps, um zu einem ebenso schmackhaften wie sparsamen Mittagsgericht zu gelangen: Lindenblatt-Rouladen: Man legt die vom Stil geputzten Lindenblätter, wenn man hat, in Essig. Steht dieser nicht zur Verfügung, so genügt auch Wasser. Gleichzeitig werden gargekochte Knorpel und Sehnen durch die Fleischmaschine gedreht und mit der gleichen Menge Dill und Schnittlauch gemengt. Brunnenkresse tuts zur Not auch. Kann man Fett hinzufügen, so dünstet man die Hälfte des Schnittlauch in dem Fett an und schmeckt mit Salz, Gewürzen und geriebener Zwiebel recht pikant ab. Ebenso geht es aber auch ohne alle Zutaten. Die fertige Masse wickelt man schließlich in die Lindenblätter, die wie Fleischrouladen in Salzwasser gekocht werden. Wo kein Wasser vorhanden ist … Es empfiehlt sich, die Rouladen vor dem Kochen mit Bindfäden zu umwickeln. Es können selbstverständlich auch Papierbindfäden … 1411Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Kartoffelsuppe: Die Trockenkartoffeln, die jetzt geliefert werden, mögen manchem nicht so munden, wie sie sollen. Sie haben aber den großen Vorteil, dass sie nicht geschält zu werden brauchen, was man von frischen Kartoffeln nicht gerade behaupten kann. Die Trockenkartoffeln lässt man eine Nacht lang quillen, setzt sie dann in soviel Wasser auf, dass es gerade zwei Zentimeter breit da rü ber steht, und lässt sie kochen. Wenn sie fast weich sind, gibt man reichlich geschnittene Lindenblätter dazu, streut Salz und etwas pfefferersatzähnliches Pulver da rauf und lässt noch einmal aufkochen … Hipponax Georg Kaiser mit Filmstars. Adrienne Ambrossat in der »Komödie« (14. Mai 1946) Wie lässt der vorzügliche Ehrgeiz, der »Komödie« ein anspruchsvolles Repertoire zu geben, sich mit den Wünschen und Widerständen eines Publikums vereinbaren, das aus zäher Gewohnheit zum Kurfürstendamm trottet, wenn es in zeitgemäßer Rationierung mondäne Amüsiergelüste befriedigen will? Man multipliziere, sagt sich Achim von Biel, literarische Geltung mit der magnetischen Zugkraft von Filmprominenzen, deren leibhaftige Gegenwart schon Haus und Kasse füllt. Die Rechnung stimmt kommerziell, ihr geistiges Resultat aber ist äußerst dürftig. Wer tragende Rollen an Stars ausliefert, die das Theater zum Lückenbüßer unterbrochener Filmkarrieren degradieren, begibt sich in die Gefahr eines sträflichen Opportunismus. Es gebe keine Veranlassung zu solcher Warnung, ginge es diesmal nicht um einen Dichter, dessen Auferstehung auf deutschen Bühnen erst durch angespannte Konzentration des Spiels wieder verdient werden muss. Adrienne Ambrossat gehört zwar zu der Unmenge an Gebrauchsdramatik, die Georg Kaiser mit herzlos kühler und hurtiger Routine so nebenher geschrieben hat. Aber selbst hier, im Werk von untergeordneter Bedeutung, funktioniert präzise und exakt die mit einfachen Linien und gewollt primitiven Bildern arbeitende Theatertechnik dieses genialischen Denkartisten. Mag die Geschichte von dem Verlust der geliehenen Perlenkette noch so belanglos sein – gerade die formale Beherrschung des Stoffs, die kalt und rein ist wie Eis, sollte nach unserem verhängnisvollen Verlorensein in unsauberer Gefühlsdumpfheit und Irrationalität 1412 Teil IX zu Höchstem verpflichten. Was aber geschieht mit dieser rhythmisch harten und klaren Sprache? Aus verzweifelter Notwehr und in unheilvoller Voreiligkeit hat Adrienne Ambrossat ihren Mann betrogen. Ihr Ehebruch war drängende, ratlose Ausflucht aus einem Dilemma, das zur Entscheidung zwang: Entweder den eigenen Mann finanziell zu ruinieren oder ihn mit einem einzigen Fehltritt mehr zu schonen als zu hintergehen. Um dies nicht zu gestehen, bekennt sie sich vor Gericht als Diebin im Wertkonflikt, der wie eine mathematische Aufgabe durchexerziert werden muss. Dahinter aber ereignet sich, angedeutet nur, ein Läuterungsprozess zweier Menschen, die aus dem Alltäglichen sündig und sühnend emportauchen. Adrienne ist süß, herb, unerfahren und steigert und vertieft sich, umzingelt von immer neuen Gefahren, in einem psychologischen Crescendo, das zugleich ein lückenloser Vorgang wachsender Schicksalsbedrohung ist. Immer schwerer von quälenden Assoziationen wird alles, was sie zu sagen hat. Nichts davon bei Winnie Markus, die nur ein liebes Hascherl ist, das in Verlegenheiten gescheucht wird und nach der Großaufnahme verlangt, wenn der beladene Doppelsinn mancher Worte sie ins Weichste des Gemüts trifft. Der Mann, Paul Ambrossat, ist einer, der Anerkennung seiner Kreditwürdigkeit zu erreichen hofft durch das glanzvolle Auftreten seiner Frau auf einem Ball. Dort bestaunt er als deutlichsten Beweis für feinen Luxus der höheren Kreise, das zu Illuminatenszwecken extra eine neue Lichtleitung gelegt werden musste. So etwas kann bei Kaiser nicht zufällig stehen, und es folgt daraus, dass hier ein enger, rechnender Spießer nach generösen Gepflogenheiten schielt. Carl Raddatz ist in dieser Rolle nur ein beweglicher Liebhaber von glatter Konventionalität, dem der Dialog wie aufgesagt vom Munde geht. Der Mann bleibt sich eintönig gleich: Kein kreditbedürftiger kleiner Kaufmann erst, dem die Schönheit seiner Frau Vorspanndienste leisten soll, kein blind vertrauender Ehemann dann, den Enttäuschung versteinert, kein vom Gnadenstrahl der Liebe Getroffener schließlich, sondern ein unwandelbares, nuancenloses Wesen, dem jedes Wort zur Trivialität erstarrt. Die Regie Ernst Stahl-Nachbauers – der auch, besonnen und abgemessen, den Richter spielt – vermag wenig dagegen auszurichten. Sie verfuhr unbarmherzig zwar, wie bei Kaiser erforderlich, mit mimischem Beiwerk, ließ das kahle Gerüst der Konstruktion nicht von zufälligen Einfällen überwucherern. An dem formlosen, unerfüllten Spiel der beiden Hauptdarsteller liegt es jedoch, wenn die spannungsgeladene Kargheit im szenischen Aufbau als Banalität missverstanden werden kann und vor allem die bei Kaiser sinnvoll gerundeten Szenenschlüsse peinlich abrupt der inneren Notwendigkeit 1413Auswahl von Artikeln aus dem Kurier zu entbehren scheinen. Wo immer indessen die Regie es mit Schauspielern zu tun hat, gelingen scharf profilierten Charaktere: Helene Duffin, die Freundin, die Adrienne den Schmuck geliehen hat, gibt Margarete Wachter, hysterisch unruhig und mit, ohne Zweifel, migränekranker Damenhaftigkeit, bald süßlich, bald keifend und bitterböse. Henri Duffin, ihren Mann, der Adrienne vor Gericht bringt, spielt Erich Fiedler als aufgeblasenen, dünkelhaften Biedermann mit glatten Manieren – die beste Leistung wohl. Allzu chargiert brutal ist Wolfgang Lukschy als der unbekannte Ballgast, der Adriennes Hingabe fordert für den Ersatz der verlorenen Perlenkette. Dieser Mann mit Clark Gables Schnurrbart und Unbekümmertheit würde nicht den reuigen Brief aus der Ferne schreiben, der Adrienne aus dem Gefängnis befreit und den Ambrossats ihre Ehe erneuern hilft. Künstlich und unecht wirkt also das letzte Bild: Wiederfinden vor dem Gefängnistor nach bestandener Zerreißprobe der Liebe. Ein schales Gefühl der Unbefriedigtheit bleibt. Wichtig, da rauf hinzuweisen, dass dies kaum an Georg Kaiser liegt. Der Einbrechersnob – nach Carl Sternheim (18. Mai 1946) (Absteigequartier. Ein Fräulein vom Kurfürstendamm legt Frührot auf. Valentin, junger Einbrecher, hält Hände in Hosentaschen gestemmt.) Valentin: Tummeln, Trupps gewesener Obergefreiter, Richtkanoniere und Scharfschützen, wir uns, an umgestülpte Sozialordnung Anschluss zu gewinnen. Clarine: Feldgrau hinter den Ohren! Valentin: Drum also schieben, Kellerasseln des Chaos, wir battistene Unterhosen en gros, goldene Uhren, aus Taschen Besitzender organisierte, dazu Bohnenkaffee, Virginiazigaretten. Leben smarter Gentlemen werden wir spielen, mit Hundertmarkscheinen in geballter Faust, Maschen des Strafgesetzbuches durchschwimmend. Clarine. Fisematenten! Lausejungens, aus Männerkrieges Verwüstung erbärmliches Fazit ziehend. Valentin: Schön hausen wir, zusammengebrochenes Ideal dritt-reichiger Qualität bejammernd, in Katakomben, verschwörerisch unter Ruinen. Haben wir nicht Jargon 1414 Teil IX schnodderigst aus Kasernen, Schützengräben, Massengräbern? So sprechend finden völlige Wendung die arrivierten Schmarotzer der Fäulnis, jugendlich Trotz aufbäumend. Clarine: Dummköpfe! Nehmet Beispiel euch an weiblichem Parallelfall: Nähre mich, BDM-geschult, Kurfürstendamm auf und ab wippend, von Feilbietung aufreizender Nuditäten an mit Schokoladentafeln und Lucky Strike zahlfähige Lustinteressenten. Prostituierte mich grenzenlos in Trümmern Berlins. Valentin: Erstes Erlebnis: Ukrainerin umarmt in Charkow. Nie was von Liebe gehört mit deinen achtzehn Jahren? Clarine: Aufstammelndem Gefühlskitsch steht knurrender Magen, Zigarettengier, Amüsierbedürfnis im Wege. Valentin: Wollen sein ein einig Volk von Huren, Schiebern, Krüppeln und Stummelsammlern! (Eine Posthilfe, von Überstunde kommend, tritt auf.) Mathilde: Verzeihung, wollte nicht stören! Clarine: Keineswegs, sind hier nunmehr erst in platonischem Vorstadium aufkeimenden Brunstkitzels begriffen. Mathilde: Klingelte, Berücksichtigung weltanschaulichen Unterschiedes nicht eingedenk, versehentlich eben an Ihrer Türe. Rosenstrauß wurde eilends abgegeben, Brief durch Türschlitz gesteckt. Clarine: Haben erbrochen? Mathilde: ?? Clarine: Mageninhalt nicht, Brief meine ich! Mathilde: Gelesen! Entdeckte von grüner Grenze Angedeutetes verdächtig. Befinden auf falscher Bahn sich, Fräulein! 1415Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Clarine: Erlauben Sie! Mathilde: Auf falschester Bahn! Es ich wiederhole unumwunden. Müsset Erlebniskeuschheit zurückgewinnen, müsset in Front der Schaffenden einreihen euch, müsset anpacken, zu Neuem auftürmen Zertrümmertes, nach Schweiß riechen, sauer verdientem, versuchen, mit Armen und Beinen rudernd, Kopf aus dem alles verstopfenden Sumpfe zu recken. Valentin: Tadellose Sache, einleuchtend! Clarine: Werde Puderquaste, Salvarsanspritze, Lippenstift, Zigarettenetui zwecks Reiner hal tung Aufbaubekenntnisses heute noch auf Schutthaufen werfen. Valentin: Werde Läuterung zeigend sinngemäß mich bewähren durch Meldung auf Arbeitsamt zur Umschulung Baugewerbe. Hipponax Vorschlag zum Humor – nach Erich Kästner (25. Mai 1946) Neue Zeitung, München, den 25. Mai 1950 Als ich ein kleiner Junge war, da habe ich oft viele Stunden lang geweint, weil die anderen Kinder in meiner Klasse so furchtbar wenig Humor hatten. Meine Mutter gab mir dann manchmal zehn Pfennige, damit ich mir zum Trost beim Bäcker eine Schnecke kaufen konnte. An Winterabenden tat ich das immer nur mit Herzklopfen und nur, um meiner Mutter nicht die Freude zu verderben. Denn damals habe ich mich auf der dunklen Straße oft gefürchtet. Ich sei kein besonders mutiges Kind, behauptete Turnlehrer Grobler mit der widerlichen Krähstimme. Dem wollte ich es zeigen, so sprang ich einmal, nach der großen Pause, von der hohen Mauer unseres Schulhofes auf den Bürgersteig. Mit dem Gips um mein gebrochenes Schienbein erhärtete sich auch mein Selbstbewusstsein. 1416 Teil IX Wa rum ich das hier den Millionen meiner Leser melde? Weil ich eben bei den Postsachen aus Hamburg ein bescheidenes braunes Heft entdeckte mit dem feinen Titel Mutproben bedingen die Charakterschulung. Der Ton des wackeren Werks ist zugleich forsch und hölzern, so, als hätte es mein Turnlehrer verfasst. Aber Grobler heißt diesmal Herr Mutzelmann, nein, was denn, Gunther Mutzelmann steht da und: Unterfähnleinführer a. D. Ich neide dem munteren Knaben nicht seinen Titel. Trotzdem wühle ich für einen Augenblick in meinem nun schon reichlich grauen Haar. Seit fünf Jahren habe ich zweimal in jeder Woche die Vernünftigen, die Heiteren und Weisen dieser Erde angepriesen. Doch vergnügt brüstet sich Mutzelmann des Ranges, den er damals, innerhalb der Grenzen des Unmenschlichen einnahm. Doch das ist ja längst keine Mutprobe mehr. Herr Mutzelmann hat abfällig persönlich wohl auch keine vorgesehen. Er wünscht nichts weiter, als dass jeder Schuljunge vor jeglicher Versetzung »mutmäßig überprüft« werde. Die Formen dieser Prüfungen deutet er bedauerlicherweise, denn er hat den Wortschatz eines Unterfähnleinführers, nur verschwommen an. Weitsprung über gekreuzten Schwertern, wie gefiele Ihnen das, Herr Gunther? Ein Hüpfer von der Mauer wäre sicher dieser hehren Nibelungen-Nachgeburt als Prüfungsfach zu farblos, wenn ich den auch damals bei mir selbst sehr rührend und sehr tapfer fand. Ich weiß nicht, die Sache ist mir suspekt. Wozu hat der Mensch schon seinen körperlichen Mut bisher verwendet? Nur Lärm und Krieg ist zu erwarten, wenn nächste Ostern eine Jungschar von furchtlosen Mutzelmännern das Klassenziel erreicht. Ich wüsste Besseres: Man sollte den Humor, den Witz im Hauptfach lehren. In Obertertia dürfte dann nur aufgenommen werden, wer beim Tristram Shandy an der richtigen Stelle lacht. Und die Primaner büffelten nicht wieder unter den Porträts von Ludendorff und Turnvater Jahn. Chaplin und Mark Twain hingen bei ihnen an der Wand. Dann hätte ich als kleiner Junge nicht umsonst geweint. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass solche Burschen, selbst wenn sie die Prüfungen der Heiterkeit nur mit »befriedigend« bestanden haben, jemals wieder etwas so Humorloses wie Kriege … Hipponax 1417Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Die Revolution ist längst vorbei. Rachmanows Stürmischer Lebensabend im Deutschen Theater (31. Mai 1946) In diesem Stück wird die russische Revolution von einem späten, beruhigten und gesättigten Chronisten ohne Leidenschaft, aber um so vorschriftsmäßiger gesehen, und erschreckend offenbart sich, wie der revolutionäre Schwung in Konventionen erstarrte. Was die Welt einst in Bestürzung und Begeisterung versetzte, ist nun auf einmal behaglich und lässt sich problemlos in einem übersichtlichen Schema von Gut und Böse ordnen. Da ist Professor Poleshajew, ein Gelehrter von obligater Vergesslichkeit und Weltfremdheit, ein Kauz, der in die Lust und Qual des Schaffens emsig versenkt ist. Krieg und Revolution brechen, erst belästigend, dann fordernd, in sein Leben ein. Er hasst den Krieg, und während alles noch unentschieden ist, befremdet er seine Kollegen und Schüler durch sein furchtloses, offenes Bekenntnis zur Friedenspolitik der Bolschewiken, was ihn tragisch einsam macht. Da sind seine Assistenten: Worobjow, der aus intellektuellem Dünkel bei Vorurteilen und Halbheiten verharrt – Gustaf Gründgens, meisterlich in der zerfahrenen Nervosität eines hastenden Schattens, und der sibirische Student Botscharow, der bei der Flotte agitiert – Max Eckard spielt ihn, unsicher noch in der Beherrschung der Rolle, erst trotzig und dumpf, dann heller als lieben Goldjungen, so ein rechter Sonnenschein im Hause des alten Professoren-Ehepaars. Da sind höchst disziplinierte Rotarmisten, die eine Haussuchung unverzüglich abbrechen, sobald sie merken, dass sie einen Gelehrten (und keinen »Bourgois«!) belästigt haben. Da sind die bolschewistischen Matrosen, rührend ehrfürchtig vor geistigen Werten, während die menschewistischen Studenten sich natürlich als blasierte Faulenzer erweisen. In den vielen rasch und naiv skizzierten Auftritten geht es ruhelos zu: Vier Akte lang ist die Häuslichkeit des alten Professors wie eine Puppenstube aufgeklappt, und doch wird bald gefegt und bald an Manuskripten geschrieben, bald klopft und bald klingelt es, viermal schrillt das Telephon, Türen klappen auf und zu, Dialoge werden von einem Zimmer ins andere geführt – kurzum: Dieser Lebensabend ist von allerlei Hin und Her oft gestört. Aber stürmisch? Nein! Das Geschehen zerbröckelt in Belanglosigkeiten, die Hitze der historischen Begebenheit im Hintergrund wird niemals spürbar. 1418 Teil IX So ist es einfach ein langweiliges Stück, das durch Gustav von Wangenheims alle Einzelheiten naturalistisch auswalzende Regie zäh hingeschleppt wird, und nur atembeklemmende Peinlichkeiten schrecken aus der Ermüdung auf: Als den alten Professor, der den schwachen Gehilfen verstieß und von dem starken verlassen wurde, Einsamkeit umdroht, ruft ihn per Telephon als unvermuteter Tröster Lenin persönlich an, um ihm zu sagen, wie trefflich er für die Verwirklichung seines Projektes sorgen werde. Welche suspekte Gemütlichkeit in der dramatischen Lösung! So ist es nicht erstaunlich, dass auch Paul Wegeners Darstellung Poleshajews enttäuscht. Er überlädt seine Rolle mit mimischen Schnörkeln und Schleifchen, zupft und häkelt da ran herum, bis ein Witzblattprofessor daraus geworden ist, ein grunzendes, kicherndes, kreischendes, seniles Männchen, dem man den Ehrendoktor von Cambridge ebenso wenig glaubt, wie die Entschlossenheit in der Stunde der politischen Bewährung. Wegeners Poleshajew ist ein zweiter Kollege Crampton. Während Crampton, der vergreiste Renommist, aber zu grotesker Dämonie gesteigert werden konnte, bleibt hier nur banale Clownerie. Beglückend wirkt allein Gerda Müller als Frau Poleshajew, östlich schon im Phlegma des mimischen Ausdrucks und in der warmen, breitflutenden Sprache. Literaturgeschichte der Berliner Stämme und Landschaften – nach Josef Nadler89 … aus dem zerborstenen Gefüge deutscher Reichsherrlichkeit doch mannigfaltig auch die süßen Früchte der Niederlage emporwuchsen. Vier Zonen rissen zwar Wunden inmitten deutschen Raumes, gaben aber der Vielfalt der Stämme äußere Gliederung und waren geistigem Wachstum nur dienlich. Hier in Berlin jedoch drängten Zerrissenheit und Vielgestaltigkeit germano-volkischen Schicksals sich zusammen und gerannen zu neuer Form. Und wo in Zehlendorf die Weite der Prärie sich dehnte und die Wolkenkratzer New Yorks ihre Schatten warfen, da gluteten unter marxistischer Systematik zwischen Pankow und Treptow Leidenschaft und Melancholie der russischen Seele. Am Kurfürstendamm, der zwischen Halensee und Zoo die Ruinen des Westens furchte, und am völkersatten Stromwasser des Landwehrkanals war bis zur Potsdamer Brücke angelsächsische Nüchternheit gebreitet, während am Wedding der Zauber 89 (WH) … dessen Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften (in zweiter Auflage nazifiziert als Literaturgeschichte des deutschen Volkes) das Vorbild der Parodie abgibt. 1419Auswahl von Artikeln aus dem Kurier südfranzösischer Landschaft sich auftat und aus gallo-germanischer Geistbegegnung Der Kurier, ein Gebilde von flimmender Gründlichkeit, entwurde. Und wie der erdräumliche Bau, so die Literatur. Auf engem, trümmerbestandenem Raum umhegte sie ein weltweiter Zirkel, spreeaufwärts Prawda-Kommentare in der Täglichen Rundschau, spreeabwärts Schumacherspaltung im Telegraf, von Norden querüber Hipponax, von Süden querüber das entartete Spätlateinertum der Urbanus und Campester. Und Johannes R. Becher, der, eines Beamten Sohn, 1891 im gräkoslawischen Grenzraum des bajuvarischen München geboren worden und von wilden lyristischen Ekstasen ausglüht war, stieg beflügelt und belastet durch Heimatsehnsucht empor, läuterte sich, sowjet-befruchtet, zum Aufbaupathos und gründete den gleichnamigen Verlag. Erst in Berlin aber ward ihm Begegnung mit Günther Weisenborn, dem Rheinland-Entfremdeten, der den Ulenspiegel aus niedersächsisch-volkhafter Erdwüchsigkeit entwurzelte und in der welschen Fäulnis und Weichlichkeit Dahlemer Villenvorgärten verdorren ließ. So geschah, was geschehen musste. Becher und Weisenborn, in beiden Dichtern wird es offenbar. In Pankow strömender Hauch der Strophen und Sätze, zwischen Deutschheit und Rußheit, bald dieses, bald jenes obwaltend, immer aber eines Wirbels durch alle seine Verse, bei dem ameriko-rheinischen Dahlemer hölzerne Brecht-Rhythmik der Illegalen im Hebbel-Theater am Kreuzberg. Das Parallelogramm der verschiebenden Kräfte zeichnet sich überall ab und hat seinen Scheitel am Brandenburger Tor. Von hierorts stößt nach Süden der breite Dammweg der Schuttberge beiderseits Stresemannstraße, bis sich, wo Amerika anhebt, das Schrifttum der Nein-Sager gegen Stadtmittes Einheitsgesinnung abgeriegelt. Ein Tempelhofer Umlauf ist es, noch einmal wägend und prüfend umkreist vom Zentrum Tempelhöfischen Wesens, was in den Spalten des Tagesspiegels die zehlendorf-steglitzsche Demokratie trotzig der bernauo-weißenseeischen entgegenstemmt. Tempelhof-Zehlendorf im weitesten Sinne legt sein nein-sagerisches Schrifttum fort, jenseits des Teltow-Kanals in den Leitartikeln Erik Regers, hinter denen die materialistische Spürnasigkeit des »Alex« hugenbergo-kruppschen Auftrag vermutet. Der Aushauch des Weltbühnen-Geistes und allerlei SPD-Verdünnung westlicher Sektoren aber schlagen sich in dieser Zeitung nieder. Und während dem Edwin Redslob, wieder in Dahlem, täglich ein Prozent edel geformter Sonette enttröpfelt, ist auch Walter Karsch des Übermutes, dass Tempelhöfische Skepsis zersetzend wirke und nicht etwa zwischen Schumann- und 1420 Teil IX Stresemannstraße nur russo-amerikano-germanisches Gelächter erzeugt. Gelächter und Verwirrung – dies bei Fred Denger, der, aus Darmstadt gebürtig, in Steglitz siedelte und von dorther über die östlichste Flanke deutschen Wesens bis in den slawischen Urraum vordrang, wo der westlerische Pessimismus seines Werkes ins Aufbauende gewandelt ward. Solchermaßen spielen die Reflexe jener Vorgänge, die den weiten Raum zwischen Indonesien, Iran und Ruhrgebiet mit Problemen erfüllen. Hipponax »… und es war wie dunnemals!« Ernst Busch eröffnete die neue Volksbühne (3. Juni 1946) Die Feier zur Eröffnung der Volksbühne im Prater ließ uns einmal deutlich werden, dass wir hie und da doch beneidenswert und reich sind. Immer wieder gehen Wünsche in Erfüllung, die vor nicht allzu langer Zeit noch Utopien waren. Als wir die Stimme Ernst Buschs vor dem Kriege über den Moskauer Rundfunk hörten, wagten wir da ernstlich zu hoffen, diesen konsequentesten der deutschen Schauspieler noch einmal leibhaftig zu sehen? Jetzt sahen wir ihn: Als Charleston, den weltflüchtigen Leuchtturmwärter, in Robert Ardreys Leuchtfeuer, und diesmal, ein gutes Jahr nach seiner Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg (wo er durch Misshandlungen einen schweren Schädelbruch und eine völlige linksseitige Lähmung erlitten hatte), sang er wieder seine Lieder, diese zündenden, mitreißenden Songs, die einmal Warnsignale waren vor der nahenden Tyrannei und uns Heutigen heilig sein sollten wie die Choräle den Vätern. Dies ist keine Lästerung der Choräle; denn es scheint kein Zufall, dass neben Ernst Busch ein Geistlicher auf der Bühne stand, der emphatisch und ernst Verse von Bert Brecht sprach und in Ernst Busch, 1946 1421Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Worten von unsentimentaler, weltlicher Härte die düstere Vision der zwölf Jahre beschwor und wieder bannte. Pfarrer Kleinschmidt hat als aufrechter Christ die gleichen grausamen Verfolgungen durchlitten wie Ernst Busch, der Tribun des Proletariats. Und als die beiden Männer nun auf der Bühne in Rede und Gegenrede, Wort und Gesang ihren mutigen Kampf gegen die Tyrannei rechtfertigten, da war jene Solidarität offenbar, die echter ist als ihre parteipolitische Profanierung. Und Ernst Busch sang. Seine Lieder, deren Texte Brecht, Weisenborn, Mühsam und Weinert schrieben, gehören zur Weltliteratur. Aufgefangen von Mikrophonen in Brüssel, London, Paris, Zürich, Moskau und Madrid, drangen sie über den Äther in Millionen hoffender und furchtloser, verzagter und verzweifelter Herzen. Sie durchbrachen die Mauern des Zuchthauses, das Deutschland hieß. Sie alarmierten die Gesinnung, verführten zum Mut. Die Soldaten der roten Interbrigade sangen sie in den Schützengräben des spanischen Bürgerkrieges. Ernst Busch, der mit ihnen gegen Franco kämpfte, lehrte sie singen. Als der erste antifaschistische Krieg verloren war, floh er über die Pyrenäen. In Antwerpen stellte er seine Lieder zu einem Schallplatten-Querschnitt durch das Deutschland von 1914 bis 1940 zusammen. Egon Erwin Kisch schrieb die verbindenden Texte, Heinrich Mann das Vorwort. Der Krieg schlug Ernst Busch die Arbeit aus der Hand, aber seine Lieder hat er durch Kampf und Flucht hindurchgerettet. Er war kein stetiger Emigrant. Es trieb ihn von Land zu Land. Die zwölf Jahre waren für ihn eine große Odyssee. In Frankreich fasste ihn die Gestapo, schleppte ihn gefesselt nach Berlin. In Moabit verbrachte er sieben Monate in peinigend minutiöser Vorverhandlung. Aber Ernst Busch war nicht allein: Gustaf Gründgens setzte sich bei den höchsten Stellen für ihn ein und schickte ihm einen Rechtsanwalt, der den Prozess mit List verzögerte. Zu einem Urteil kam es nie. Dafür musste Ernst Busch Willkür und Demütigung am eigenen Leibe erdulden. Er wurde gefoltert und geschlagen, und er erlebte – symbolisch für den tragischen Zwiespalt der besten Deutschen – in seine Zelle eingeschlossen die Bombenangriffe der Befreier. Aber er überstand alles. Er rettete seine Lieder. Und als er sie jetzt sang, als wir seine männliche Stimme hörten, die immer klar und metallisch klingt, wie der Ton des Clairons, da waren endlich die Verse in Erfüllung gegangen, die Alfred Kerr ihm verschämt sehnsüchtig in London geschrieben hatte: »Und die Metro ging, und der Abend erschien, und es flammten die Lichter des Saals. Und er stand, und er sang wie einst in Berlin, und es war wie dunnemals …« 1422 Teil IX 1423Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Ansage in Treuenbrietzen – nach Willi Schaeffers (8. Juni 1946) Ich freue mich, dass überhaupt welche gekommen sind – bitte suchen Sie sich in Ruhe einen Platz – es schadet gar nichts, wenn Sie zu spät kommen – ich bin das gewöhnt von den anderen neunundneunzig Heimstätten, wenn man so sagen kann, die unsere Kleinkunstbühne im Laufe dieser so genannten Friedensjahre zu frequentierten mehr oder weniger genötigt war. Nun sind wir also in Treuenbrietzen gelandet – drängeln Sie sich ruhig durch, meine Herrschaften, es ist hier eine kleine Kunst, sozusagen eine Kleinkunst, sich an den Tischen vorbeizuschlängeln – aber dafür ist es eben Treuenbrietzen – ja, als ich noch mit meinem verehrten Meister Rudolf Nelson – aber von dem haben Sie hier in Treuenbrietzen natürlich noch nie etwas gehört – als ich also mit Rudolf Nelson – es interessiert Sie wohl auch gar nicht, zu erfahren, dass er jetzt in Amsterdam wieder eine Kleinkunstbühne leitet – aber wenn es Sie auch nicht interessiert, so erzähle ich es Ihnen doch, denn die Wahrheit muss auch in Treuenbrietzen bekannt werden – und überhaupt sind Sie im Irrtum, wenn Sie meinen, eine Kleinkunstbühne wie unser Kabarett der Komiker sei nur dazu da, die Leute zu amüsieren – nein, wir sind eine Hochschule der Kleinkunst, ein Superlativ der Kleinkunst, sozusagen eine Kleinkunstbühne katexochen – katexochen bedeutet so viel wie schlechthin, wenn Sie das aus ihrer Gymnasialzeit wieder vergessen haben sollten, aber so lange ist es eigentlich noch gar nicht her – sehen Sie mal, ich bin schon beinahe fünfzig Jahre bei der Kleinkunst, und ich weiß es doch noch – und deswegen sollen die Leute auch bei mir etwas lernen – und weil Geschichte augenblicklich nicht unterrichtet werden darf – das ist auch besser so, denn denken wir zum Beispiel mal an die Literaturgeschichte – das kann man auch hier, wenn man Treuenbrietzener ist, mein Herr, Sie brauchen gar nicht so mit dem Kopf zu schütteln, es fällt doch nichts heraus – ich wollte sagen – Sie haben mich nicht aus dem Konzept gebracht, Sie Kopfschüttler, Sie schon gar nicht, da habe ich in Michendorf und in Ketzien ganz andere Kopfschüttler in meinem Publikum gehabt – also ich wollte sagen: wie soll denn jetzt der Lehrer den Schülern erklären, was Goethe – ich nehme an, dass Sie den auch in Treuenbrietzen kennen, wenigstens dem Namen nach – was Goethe, meine ich, gemeint hat, wenn er »mehr Licht« verlangte? Meinte er das Licht aus dem Osten? Das hätten wir ja jetzt – aber das ist wieder den anderen nicht recht, die hätten es lieber aus dem Westen, sozusagen als Abendrot – ich sagte Abendrot, nicht Abendbrot, Sie Materialist da am fünften Tisch in der zweiten Reihe, Sie können Ihre Stullen ruhig so lange noch eingewickelt lassen, bis ich fertig bin, es kommt dann eine bildhübsche, junge Tänzerin, die von Mary Wigman und Tatjana Gsovsky ausgebildet ist, von jeder auf einem Bein, 1424 Teil IX die zeigt Ihnen dann, wenn ich mit meiner Ansage fertig bin – aber das dauert noch eine ganze Zeit – dann zeigt Ihnen also diese bildhübsche, junge Tänzerin – den Namen sage ich erst im Abgehen – die zeigt Ihnen, wie man mit einem Bein Seele und mit dem anderen Spitze tanzt – das ist schon nicht mehr Kleinkunst, das ist schon Größtkunst – wenn die also auftritt, sage ich Ihnen, dann wird Ihnen das Stullenpapierauswickeln schon im Halse stecken bleiben – wo blieb ich stehen? (Geht auf und ab, das Kinn in die Hand stützend.) Ach ja – also die anderen möchten uns lieber das Licht aus dem Westen bringen – und nun denken Sie sich die Schwierigkeiten, die wir mit unserer Kleinkunstbühne in Berlin haben, wo das Licht gleich von vier Seiten auf uns eindringt – da bleibt nichts übrig, als Schritt für Schritt auszuweichen – wir fingen damals in Charlottenburg an, und dann wichen wir nach Friedenau aus, dann nach Tempelhof, und dann über Lichtenrade, Teltow, Stahnsdorf – wenn ich nur an die Spesen denke – na ja, und nun sind wir also in Treuenbrietzen gelandet. Ein witziger Mann hat – es ist schon lange her, es war, wenn ich mich recht entsinne, im neunten Monat – warum lachen Sie denn? die Pointe kommt ja erst viel später – des dritten Jahres meiner fünfzigjährigen Kleinkunstlaufbahn – der hat gesagt: um in Berlin Erfolg zu haben, muss man entweder tot oder pervers oder ein Ausländer sein. Am besten ist man ein toter, perverser Ausländer. Das war damals. Und heute? Heute muss man entweder ehemaliger Staatsrat oder prominenter Schauspieler sein oder aus dem Lager kommen. Am besten ist, man kommt als Staatsrat und prominenter Schauspieler aus dem Lager. Jetzt können Sie sich vorstellen, welche Schwierigkeiten ich in Berlin habe. Nicht mal aus dem Lager komme ich, nicht mal aus einem ganz, ganz kleinen KZ, nicht mal aus einem Kleinst-KZ. Es ist zum Auswachsen. Apropos auswachsen – es wird jetzt Zeit, dass ich Ihnen die ausgewachsene junge Tänzerin zeige – wenn Sie auch bestimmt nicht viel von Tanzen verstehen. (Wirft einen Blick hinter den Vorhang.) Die sind tatsächlich fertig mit dem Wiederaufbau. Ich ziehe mich zurück und empfehle Ihnen unsere künftige Prima ballerina (mit erhobener Stimme): Marika Spielbein! Hipponax 1425Auswahl von Artikeln aus dem Kurier … Vater sein dagegen sehr. Vogel Strauß von Archibald N. Menzies in der »Tribüne« (8. Juni 1946) Dies ist wohl das Komischste an Komödie, was seit langem zu sehen war: Herr und Diener, zwei Väter und ein Sohn – eine Konstellation, die auf der Bühne zu heitersten Verwicklungen veranlasst und im Parkett wahre Lachsalven entzündet. Den Vater Nummer eins spielt Wolfgang Lukschy: Einen vierzigjährigen Lustspieldichter, in dessen Leben das Vorleben einbricht. In der Gestalt eines Sohnes kommt es siebzehnjährig aus der charmantesten Ecke der Vergangenheit. Die Mutter, damals bildhübsche Gouvernante und jetzt redliche Teestubenbesitzerin, war so taktvoll, sich niemals mit Ansprüchen zu melden. Sie trägt auch jetzt nichts nach und will nicht stören. Aber weil dem Sohn das Dichten als Erbmasse im Blut liegt, soll der Vater helfen – als Mentor nur und nicht durch materielle Unterstützung. Das Gespräch, in dem sich Vater und Sohn zueinander tasten, zeigt, dass der Sohn den Vater an geistigem Ernst übertrifft. Jedoch ist es ein absichtslos ulkiger Ernst aus Frühreife und Altklugheit. Der Junge trägt mit Gewichtigkeit seinem leichtlebigen Alten einige Standpauken vor, worauf es im Leben ankomme und was »das Wesentliche« sei. Der Vater steckt hilflos den Kopf in den Sand wie der Vogel Strauß, flieht in die oberflächliche Vergnüglichkeit seines lebemännischen Daseins. Lukschy ist in dieser Rolle jungenhaft, frisch und unbekümmert, Friedhelm von Petersson als Sohn ein rührend ums Geistige bemühter, gravitätischer Sekundaner. Der Vater Nummer zwei ist Paul Henckels: Ein Gentleman von einem Diener, pedantisch bedachtsam und von altfränkischer Würde, ein Faktotum des Hauses, das seinem Herrn schon diente, als der noch folgenschwer jugendsündigte. Damals heiratete er, ohne dass es jemand ahnte, jene bildhübsche Gouvernante. Daraus ergibt sich nun, dass er den Jungen bald als seinen Stiefsohn bevatert, bald ihn zur Herrschaft rechnen und mit Distanz und Devotion behandeln muss. Keine Konfliktmöglichkeit, die aus diesem schwankhaften Dilemma entstehen kann, wird ausgelassen. Köstlich, wie Henckels seine Rolle mit einer souveränen, scheinbar kaum gespielten Ruhe meistert, die um so grotesker wirkt. Dem berückend gelösten und schwerelosen Spiel der drei Männer – von Hugo Schraders Regie mit spannender Beweglichkeit gestaltet – hält von den beiden Frauen nur Thea Grodtczinsky stand. Sie gibt die Mutter mit ganz unsentimentaler Verschmitztheit, 1426 Teil IX während Olly Holzmann als die schmollende und wieder heftig-zärtliche Geliebte des Vaters Nummer eins fast unerträglich wirkte durch eine überspielte und penetrante Weibchenhaftigkeit. Augenblicke der Begeisterung. Anmerkung zu unserem Konzertbetrieb (15. Juni 1946) »Selten sind sie, die Augenblicke der Begeisterung in unserer geistesarmen Zeit« – Grillparzers Klage am Grabe Beethovens ist grausam aktuell. In der ruhelosen, krampfigen Betrieblichkeit unseres Konzertlebens ist kein Raum für eine echte Begeisterung, weder beim Künstler noch beim Publikum. Immer wieder erleben wir ein allen Sinn für Ganzheit tötendes Mittelmaß, ein Bewegen auf ausgefahrenen Gleisen, äußeren Formen, die uns nichts mehr zu sagen haben. Nicht nur, weil die Künstler fehlen, deren Persönlichkeit uns über das gespielte Werk hinaus noch interessieren könnte oder deren reines Virtuosentum begeistert. Im Gegenteil. Man geht nicht mehr, um Sensationen zu erleben, in Konzerte. Die kann man anderswo billiger und besser haben. Der physisch und psychisch überlastete Konzertbesucher von heute erwartet mehr. Er sucht nach Werten, die über seinem Alltag stehen. Ihn kümmerte nicht so sehr Herr X oder Fräulein Y dort oben auf dem Podium, die haben ja die gleichen Sorgen wie er selbst. Er sucht das Werk, die Musik der großen Meister (leider noch zu wenig die der zeitgenössischen), wünscht eine künstlerische Wiedergabe, die frei ist von allzu Selbstgefälligem und Subjektivem. Diese Tendenz war im vergangenen Winter deutlich spürbar. Konzerte selbst anerkannter Künstler waren schlecht besucht, wenn das Programm nur die übliche »Buntheit« aufwies. Reine Klassikerabende hatten den größten Zulauf, allen voran Beethoven, dann Bach und Mozart, Schubert und Brahms, aber auch Schumann und Chopin. Konzerte und Feierstunden mit Musik in den Berliner Kirchen waren meist überfüllt, sicher nicht nur, weil sie oft nichts kosteten. Hier, wo Musik nicht Selbstzweck ist, ließ man sich sogar neue Werke gefallen. Professor Joseph Ahrens gab zum Beispiel mehrere gut besuchte Orgel-Abende mit eigenen Kompositionen. Der übersteigerte Subjektivismus früherer Jahrzehnte scheint also auch im Konzertsaal überwunden. Das Allgemeine, Überpersönliche der Musik steht wieder mehr im Vor- 1427Auswahl von Artikeln aus dem Kurier dergrund. Dem müssen die Programme Rechnung tragen. Nicht »Auflockerung« brauchen wir, sondern Konzentration auf das Wesentliche, auf das Werk und seinen Schöpfer. Ansprache zur Eröffnung des Pfingstfestes – nach Oberbürgermeister Dr. Arthur Werner (15. Juni 1946) Hochzuverehrender Herr General! Meine sehr verehrten Herren Offiziere von den Alliierten Besatzungsmächten! Geehrte Festversammlung! Liebe Berlinerinnen und Berliner! Im Namen des Magistrats der Stadt Berlin und im besonderen Auftrage des antifaschistisch-demokratischen Einheits-Pfingst-Komitees, dem ich als Ehrenvorstandsmitglied anzugehören die hohe und freudige Ehre habe, erkläre ich das Berliner Pfingstfest 1946 hiermit feierlich eröffnet. Pfingsten, das schon ein Goethe in seinem Reineke Fuchs das lieblichste der Feste nannte, war unseren Vätern seit jeher ein Anlass zu innigster Versenkung in die Schönheiten der Natur, Pfingsten, das Fest der lachenden Sonne und der zwitschernden Vögel, das Fest der taufrischen Blüten und nicht zuletzt auch das Fest des Heiligen Geistes. Mit der tatkräftigen und dankenswerten Unterstützung der hohen Besatzungsbehörden empfinden wir alle erhobenen Herzens, das zwölf Jahre Nazismus die lind wehende, wärmende, lebensspendende Sonnenluft und die lockende Pracht des Sommers nicht zu verdunkeln vermochten. Jetzt ist der Tag gekommen, wo wir Berliner uns im Zeichen des Wiederaufbaus wieder den süßen Düften hingeben können, die uns aus dem ewig frischen Busen der Allmutter Natur entgegenströmen, wo wir uns wieder so recht fröhlich und unbeschwert auf den Wiesen unserer Parks und zwischen den Gemüsebeeten unserer wackeren Schrebergärtner tummeln können. Und wenn auch der Tiergarten unseren Öfen zum Opfer gefallen ist, so ist doch für jeden noch ein grünes Plätzchen da, wo er mit Frohsinn und Sangeslust das Werden und Wachsen der Natur in vollen Zügen genießen darf. Drum lasst uns des erquickenden Dichterwortes gedenken, in dem es heißt: »Ei, hörst du nicht das Glöcklein klingeln? ’S ist heute, schöne Sommerszeit …!«, und lässt uns zu Kindlein werden und anmutig den Schalk im Nacken tragen. In diesem Sinne wünsche ich allen Berlinerinnen und Berliner, 1428 Teil IX dass sie mit frischem, frohem Mut durch diese herrliche Zeit, ei der Daus!, tanzen und springen mögen. Hipponax Das Theater über den Nationen. Die Max-Reinhardt-Ehrung im Deutschen Theater (17. Juni 1946) Zu Ehren Max Reinhardts hatte man im Deutschen Theater weder Blumenaufwand noch geistige Mühsal gescheut. Auf der Bühne rankten sich blühende Wildrosen um die Säulendekoration aus Wangenheims Hamlet-Inszenierung. Im Hintergrund, fast versteckt hinter Grün und Blüten, saßen die Musiker der Preußischen Staatskapelle, die die Feierstunde mit Mendelssohn und Offenbach umrahmten. Auf der Rampe standen Reinhardts Sessel und Schreibtisch, da rauf eines seiner Regiebücher und seine Lampe. Die Reden, die gehalten wurden, zogen sich durch Stunden und Stunden hin. Trotzdem wirken sie nicht einen Augenblick lang ermüdend. Schon die Eröffnungsansprache Gustav von Wangenheims, der – gefühlsdurchbebt und doch mit einer unvermuteten Klarheit – die Größe und Gefahr Reinhardts charakterisierte, ließ deutlich werden, dass diesmal nicht eines der üblichen und allzu häufigen Jubiläen zu erwarten war. Zug um Zug entstand in einer Gedrängtheit, die das Verrinnen der Stunden vergessen machte, das Bild eines Menschen und Künstlers von spannungsgeladener, schöpferischer Vitalität. Von der obligaten Ansprache des Oberbürgermeisters abgesehen, gab es da kaum ein Wort, das überflüssig gewesen wäre. Wenn es dennoch unzählbar viele Worte waren, so lag es an der Unerschöpflichkeit des Themas. Das aber war noch nicht das Besondere, das dieses Fest zu einer so beglückenden Verheißung machte. Der Geist Max Reinhardts war gegenwärtig und schlug Brücken über Abgründe, die lange genug unüberwindlich schienen. Es ereignete sich hier zum ersten Mal seit dem Kriege, dass Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens gleichberechtigt neben Vertretern der Vereinten Nationen auf einer gemeinsamen Kundgebung sprachen. Da wies der Russe Major Prof. Dr. Dymschitz – ein vorzüglicher Kenner aller subtilen Einzelheiten der deutschen Kultur – in einer scharfsinnigen Analyse dem Phänomen Max Reinhardt den geistesgeschichtlichen Ort zu und forderte für die kunstentfrem- 1429Auswahl von Artikeln aus dem Kurier dete, traditionslose deutsche Jugend ein Reinhardt-Museum, eine Theaterschule mit Reinhardt-Stipendien und ein Seminar zur Erforschung und Rekonstruierung Reinhardtscher Regiegeheimnisse. Da legte der Amerikaner Major Mellinger, ein Freund Reinhardts, ein blühendes Bekenntnis zu der völkerversöhnenden Mission des Theaters ab. Da verlas der Engländer Major Bell einen Brief Ashley Dukes, der zärtlich gehütete Erinnerungen mit halb ironischer Wehmut preisgab. Sie alle sprachen nicht als kühl reservierte Vertreter von Besatzungsmächten, sondern als Menschen zu Menschen, kaum weniger warmherzig und gerührt als Eduard von Winterstein, der aus der Perspek ti ve des durch Reinhardt erst geformten Schauspielers von der Lust und Qual zahlloser Theaterproben plauderte. So vergingen im Nu Stunden voll amüsanter Anekdo ten und vieler erinnerungsträchtiger Erschütterungen, die so manchem Tränen in die Augen trieben. Als Wangenheim das Telegramm der deutschen Emigration in Amerika vorlas – mit den Unterschriften Brechts, Feuchtwangers, Heinrich und Thomas Manns, Bassermanns und Ernst Lubitschs –, versagte ihm selbst die Stimme. Nach der Feier im Deutschen Theater begab man sich – eine mehr und mehr anwachsende Volksmenge – dorthin, wo der Oberbürgermeister die Umbenennung der Karlstraße in Max-Reinhardt-Straße vollzog. Gorki-Feier der Volksbühne (20. Juni 1946) Als Maxim Gorki vor zehn Jahren für immer die Augen schloss, fieberte in Berlin die Betriebsamkeit der Olympiade, die die Welt über Hitlers Kriegsvorbereitungen hinwegtäuschen sollte. Die Menschheit war allzu enthusiasmiert von dem gleißenden Schein einer Völkerversöhnung, die das nahende Verderben nur vertuschte, als dass sie sich in einer Welttrauer über den Tod des unerbittlichen Enthüllers menschlicher Unzulänglichkeit und des konsequenten Forderers menschlicher Größe hätte zusammenfinden können. Einsam blieben die traurigen Gedenkworte Romain Rollands inmitten des hektischen Weltjahrmarkt-Trubels. Man sollte sich dort am inbrünstigsten auf Gorki besinnen, wo der Schrecken begann und am schlimmsten wütete und wo der große Humanist allen Maßen und Werten zum Hohn zu einem finsteren Gesellen umgefälscht war, in Deutschland. 1430 Teil IX Aus solchen Erwägungen hat wohl Karl Heinz Martin da rauf verzichtet, das vielgestaltige Schicksal Gorkis biographisch zu verfolgen. Unter verschiedenen Aspekten ließ er etwas aufleuchten vom Wesen dieses Dichters, das nicht weniger vielgestaltig ist. Das Bild seines von Leid und Leidenschaften zerklüfteten und vom Geist gemeißelten Bauerngesichts war auf eine Leinwand projiziert und wurde von russischen Volksgesängen wie von tönendem Weihrauch umschwebt – ein echt Martinscher Regie-Einfall. Dann hoben sich Leinwand und Vorhang, das Antlitz verschwebte, und man erblickte den Chor: Sänger und Sängerinnen der russischen Kathedrale, deren Stimmen sich strahlend emporschwangen aus Dumpfheit und murmelnder Tiefe. Sie gaben Ernst Buschs heller, schneidender Stimme den Hintergrund und wirkten tragikomisch und rührend. Sie sangen das Lied vom Tode Tschapajews und das Lied vom Partisanen, und mit einem Schlage war die revolutionäre Situation lebendig, durch die Gorkis Werk hatte hindurchwachsen müssen. Dann sprach Fritz Erpenbeck, etwas nüchtern, aber sicher und klar in der Erfassung der geistigen Grundstruktur des Dichters. Unter anderem berichtete er von einem Filmmanuskript Gorkis mit dem Titel Wege ins Nachtasyl, das vor kurzem erst gefunden wurde. Hier wird nachträglich die Vorgeschichte aller Personen des Dramas entwickelt, und man kann daraus ersehen, wie sehr das Nachtasyl ein letzter Extrakt gebündelter Schicksale ist, deren Lebensäußerungen nicht zufällig sind, sondern organisch aus bestimmten Bedingungen entwachsen. Erpenbecks Analyse der Gorkischen Methode setzte an diesem wichtigen Beispiel an und mündete in das Bekenntnis zu einer Literatur aus hoher Bewusstheit und strenger Zielstrebigkeit. In knapper Rede beschwor Karl Heinz Martin die Gestalt des Dichters und führte ein in verschiedene Schichten seines Werkes, für die jeweils ausgewählte Gorki-Rezitationen deutlichste Beispiele gaben. Ernst Schröder sprach das Gedicht Sturmvogel, eine von visionärer Kühnheit durchwogte Lyrik, Monika Bode eine italienische Novelle, die sozialistische Ideale in der Unaufdringlichkeit einer kargen und straff konzentrierten Prosa verkündet, Ernst W. Borchert wechselweise mit Ruth Schilling Tod und Märchen, eine Ballade von fast mythischer Symbolkraft (meisterhaft die deutsche Nachdichtung Alfred Kurellas). Teile aus Bert Brechts Dramatisierung von Gorkis Mutter – packend durch eine gefühlslose Monotonie, die Ernst Busch und der Chor des Hebbel-Theaters mit dem Pathos der Sachlichkeit interpretierten – und russische Jugendlieder beschlossen die Feststunde. 1431Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Der Ästhet und die Butter – nach Aribert Wäscher (22. Juni 1946) Puh, was ich vor dem Hipponax für eine Angst hatte! Es lief mir immer heiß und kalt den Rücken herunter, und während ich mit der linken Hand einen Schinkenknochen des Benagens halber zum Munde führte und mit der rechten nach dem Teller mit den Butterkügelchen griff, perlte mir der Schweiß von der Stirne. Es war bei der Einweihungsfeier der »Möwe«. Hipponax saß am Nebentisch mit meinem Intendanten, vor dem ich immer in Ehrfurcht erbebe, und vor dem er so gar nicht den angemessenen Respekt zu haben schien. Und da schnappte ich etwas auf. »Wer ist das nächste mal dran, Herr Hipponax?« fragte Wangenheim, »es wird doch Zeit, dass Sie endlich einmal von der U-Bahn-Schaffnerin herunterkommen!« »Ganz recht«, antwortete der junge Frechling, »das nächste Mal ist Aribert Wäscher mit einer seiner verfressenen Aventuren an der Reihe, die er in der ›sie‹ monatlich zu veröffentlichen sich nicht entschlägt!« Der Arge!, dachte ich und schlotterte furchtsam mit allen Gelenken. »Was hast Du denn nur?«, fragte Konstanze mich, deren schlanker Leib auf meinen Knien wippte. »Ach, weißt Du, Konstanze«, konnte ich nur kleinlaut versetzen, »ich habe ja solche Angst vor diesem rüden Spötter. Was soll denn nur aus mir werden, wenn er mich nächsten Sonnabend parodiert, der Schlimme? Die Leute werden ja denken, der Bauch sei das zentrale Anliegen meines Lebens! Ich bin ja blamiert! Meine Karriere ist verdorben! Ach, Konstanze, ich kann es nicht ertragen. Meine Nerven! Nein, bei der Verpflegung kann ich diese Aufregungen wirklich nicht aushalten!« Kaum hatte ich das gesagt, da beugte sich auch schon ein wohlbefrackter Kellner zu mir hernieder und zischelte mir ins Ohr: »Herr Schauspieler, wenn Ihren Nerven eine bessere Verpflegung zuträglich ist, dann kann ich Ihnen nur raten, sich sofort nach Pankow zu begeben.« »Wieso nach Pankow, mein Lieber?« »Kennen Sie das große Verpflegungsdepot in Pankow nicht, Herr Schauspieler? Dort wird jetzt, in diesem Moment gerade, eingebrochen! Es geht um zwanzig Zentner Butter. Wenn Sie sich sehr beeilen, kommen Sie noch rechtzeitig zur Verteilung!« Zwanzig Zentner Butter dachte ich beklommen, das wäre für meinen Seelenzustand gerade das Richtige! Blitzschnell sprang ich auf und bahnte mir durch ein Gewühl ineinander verschlungener Tanzpaare einen Weg zum Ausgang. »Aber beeilen Sie sich!« schrie hinter mir der Kellner. Er hätte der Mühe, es noch einmal so auffällig zu bemerken, entraten können; denn ich rutschte schon auf dem Geländer die Treppe hinab. 1432 Teil IX Unten im Erdgeschoss stand ein kleines Mädchen mit einem Kinderroller in der Hand. Das quietschte vor Vergnügen, als es mich sah: »Da seht nur den dicken Schauspieler, den Bösewicht aus der Schumannstraße! Ist der aber komisch!« Ich riss rücksichtslos dem Kind den Roller aus der Hand, schwang mich auf ihn und fegte in einem Höllentempo die Straße entlang, Richtung Pankow. Vor dem Auge meiner Phantasie tanzten Butterberge, Eierkuchen, Bratkartoffeln, gebratene Hühnchen und was man an fetttriefenden Sachen noch fabrizieren kann. Ich stieß mit dem Bein kräftig den Asphalt, umklammerte mit beiden Händen die Lenkstange, und, hui!, glitt der Roller mit mir pfeilschnell durch den Berliner Norden, übersprang alle Schlaglöcher und Steine, schnitt die Kurven und überfuhr fünf Schutzleute, die ihn aufhalten zu können glaubten. Innerhalb von zehn Minuten war ich in Pankow angelangt, und schon war in fast greifbarer Nähe das Verpflegungsdepot zu erkennen. Ich war bereits ganz außer Atem. Nur der Gedanke an die Butter hielt mich noch aufrecht. Was Konstanze mir wohl aus dem Zentner Butter, der doch sicher bei dem großen Einbruch wegen einiger Autogramme an theaterbesessene Volksschädlinge für mich abfallen würde, alles an schwälgerischer Gourmandise bieten könnte! Noch fünfzig Meter, und ich war da! Aber denkste, direkt vor dem Ernährungsdepot stand ein russischer Wachposten, der mich zu sich winkte. Von Einbrechern war weit und breit keine Spur zu sehen. Ob die wohl abgefasst worden waren? Ich zückte meine Ausweispapiere, aber die wollte der Posten gar nicht sehen. »Ich kenne Sie, Herr Schauspieler«, sagte er in fließendem Deutsch und fuchtelte mit der Maschinenpistole unter meiner Nase herum. »Sie brauchen nicht zu denken, dass ich auch an der Butter teilhaben wollte, Herr Soldat, ich verabscheue den Schwarzen Markt und überhaupt die leiblichen Genüsse aus der souveränen Höhe des Ästheten!« »Aha, Ästheten«, murmelte der Posten bedrohlich, »das war es gerade, was ich wissen wollte! Was halten Sie von ›Stürmischer Lebensabend‹, Herr Schauspieler?« Ob es sich wohl herumgesprochen hatte, was ich davon hielt? Dann natürlich konnte ich meine Butterhoffnungen begraben! Hipponax Oscar Wilde mit echten Gefühlen. Bunbury in der »Komödie« (22. Juni 1946) Unter den vier Lustspielen Wildes erscheint uns Bunbury als das einzig erträgliche. Die anderen drei sind Salonschmarren voller Sudermann-Problematik, die sich in der Pose 1433Auswahl von Artikeln aus dem Kurier einer, ach so ruchlosen Blasiertheit spreizt. Plump sentimentale Bühnengeschehnisse, künstlich drapiert mit kokett frivolen Dialogen, denen der billige, glitzernde Flitter einer ebenso glänzenden wie gehaltlosen Aphoristik aufgestickt ist. Die Unverwüstlichkeit der »trivialen Komödie für seriöse Leute« aber ist wohl da rin begründet, dass Wilde sich hier über das geistreich verbrämte Glück an Konventionen seiner anderen Komödien hämisch mokiert. Mit viel gründlichem Blödsinn transportiert er die französische Verwirrungsposse in das Milieu der englischen Society. In Bunbury überschneiden sich zwei Formen des Lustspiels und zugleich auch die beiden Wesenselemente des Dichters. Der Causeur mit der Freude am Paradoxen und der Erzähler zarter Romantikmärchen – in Bunbury bilden sie ein Ganzes. Bei der Verschiedenartigkeit dieser Elemente steht die Regie vor einer Alternative. Sie hätte ein flottes Gegenwartsmilieu mit Stahlmöbeln und altgedienten Bonmots bevölkern können. Es hätte gespenstisch gewirkt. Bruno Hübner macht es umgekehrt. Er dämpft die klappernde maschinelle Fabrikation der Gebrauchsaphorismen, wahrt im Äußeren historische Stiltreue und umzaubert die szenischen Vorgänge mit Charme, Poesie, auch einiger echter Gefühlswärme. Kostümierung und Dekoration beschwören die Epoche der Schnürtaillen und monströsen Federhüte, der üppigen Kamine und gestutzten Gärten. Paul Haferung, der Bühnenbildner, arbeitet phantasievoll mit der Symbolträchtigkeit wuchtiger Stilelemente aus jener Zeit: Ein fast waagerecht gewachsener morscher Baum, der künstlich gestützt werden muss, ist in den Gartenszenen Sinnbild des englischen Traditionalismus. Diese Welt aber ist gar nicht verstaubt; denn es spielt sich da kein Konversationsstück ab, sondern eine Liebeskomödie mit allem lebenskräftigen Zubehör an Leidenschaft und Schwung, Verstellung und Eifersucht. Die beiden Mädchen mit der Vorliebe für den Namen Ernst sind auch keine dummen Gänse, die ihr konventionell geschraubtes Sprüchlein dahinschnattern, sondern gefühlsdurchwogte, frische Geschöpfe mit klugen und wachen Instinkten. Inge Harbort entfaltet eine elementare Energie, die ihr fast das Schnürmieder und die wohlexerzierten Pensionsallüren sprengt. Ruth von Riedel, drollig und begabt, aber durch eine gewisse Nervosität in ihren Möglichkeiten gehemmt, spielt ein Gretchen von 1895, das sich in fassungs- und hilfloser Passivität von ihren eigenen Temperamentswallungen überwältigen lässt. 1434 Teil IX Olga Limburg hat sich mit Mut der verwaisten Rolle Adele Sandrocks angenommen und glänzend bestanden. Sie ist, während die Sandrock ein urtümliches Wrack, eine genialische Vogelscheuche war, auch als schwiegermütterlicher Drachen noch propper und appetitlich. Der Basston der Tragödin (»Wo ist das Baby?« – mit der Stimme Medeas) gelingt ihr vortrefflich. Dass ihr irgendwie der Kontakt mit dem übrigen Ensemble fehlt (als ob sie schwerhörig wäre), gibt ihr eine starre Monumentalität, die um so grotesker wirkt. Im jähen Wechsel salbungsvollen Augenaufschlag und weltlicher Altmänner-Kauzigkeit wird Bruno Harprechts Charge des Pastors zur besten schauspielerischen Leistung der Aufführung. Nur die beiden Liebhaber sind schwach. Die ihm fremden Bonmots scheuchen Hans Nielsen in eine kokett traurige Sprechweise. Erik Ode hält sich als einziger kaum an die Intentionen der Regie, deren zügige, straffe Dynamik er häufig mit einem abrupten effektsuchenden Hüpfen von Pointe zu Pointe stört. Außerdem könnte er viel lächerlicher wirken, wenn seine Kläglichkeit nicht so monoton und nuancenlos bliebe. Er müsste die Gravität des Vormundes mehr hervor kehren und sich nur zeitweilig in einen verdatterten dummen Jungen verwandeln. Union der zarten Hand – Nach Campester90 (29. Juni 1946) Als wir uns heute zum Frühgang über die Äcker rüsteten und Hacke und Spaten aneinander schlugen, blitzte der Tau noch von allen Gräsern und Blüten. Die Nacht lang hatte der Sturm am Erker gerüttelt, war wie silberschwarze, dichte Vorhänge der Regen herniedergerauscht. Nun glühte der violette Rhododendron aus nässesattem Gesträuch. Jeder Tropfen war, ehe ihn die Wärme aufsaugte, wie ein Prisma, das das mild flutende Sonnenlicht dieses herrlichen Sommertages in alle Regenbogenfarben zerlegte. Darüber wölbte sich azuren der Himmel, von Federwölkchen hauchzart durchstäubt. Silbriger Schmelz umzauberte die Päonien. Der Goldlack neigte schwermütig das Haupt und ließ die hellgelben Zähren rinnen. Der Holunder, der wilde, tanzende Narr unter den Sträuchern, war aufgebäumt wie eine Woge aus Grün und Weiß, die innehält, bevor sie sich strudelnd überschlägt. Inmitten dieses farbenjauchzenden Überschwanges suchten wir mit den Worten Agnes Miegels »die Rose, die dort flammend vor Liebe in Blüte stand. Einmal, bebend vor Glück, in deinen Händen lag meine Hand.« Da wir sie nicht fanden, überdachten wir, ihrer Blätter könnten wie bei Rilke wohl »einzeln, ausgelöst« zerflattert sein. »Und später erst wird aus den Augenbrauen hochstämmig 90 (WH) Man vergleiche das »Landtagebuch« in »Der Tagesspiegel«, S. 5. 1435Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1436 Teil IX sich der Rosengarten heben.« Wir wissen Bescheid mit dem Landleben hier draußen. Wir wissen, dass die Zeit der Rosen vorbei ist. Wie an den Tagen zuvor, die uns immer auf dem Felde gesehen, bückten wir uns auch heute zur Krume nieder und wogen einen glänzenden Klumpen davon in der Hand. Fettig und fruchtbar fühlte er sich an. Wir hatten ihn durchdringend gewässert und gejaucht, mit Torfmull vermengt und wieder und wieder umgegraben. Möhren und Endivien, Rhabarber und Grünkohl, die wir vor Wochen breitwürfig gesät hatten, mochten gut in Schuss sein. Nur die schwächeren Triebe knipsten wir ab. Aber der Wirsingskohl machte uns Sorgen. Und während wir über seinen zerfressen Blättern bedenklich den Kopf wiegten, fiel uns Erik Reger ein: »Die Raupen klebten an den Rändern und Einkerbungen des Wirsing, dessen Blätter von vielen Adern, Warzen und dunklen Runzeln zerspalten waren; unten mit den Bauchfüßen festgeklammert, den Kopf nach oben herumgebogen, staken sie wie Krampen ab. Mit den bärtigen Oberlippen bissen sie an und zermalmten zwischen einer Unzahl von Kiefern und Kauladen das wässerige, fade riechende Grün. Sie wanderten in Kolonien, so wie sie aus den kleinen dottergelben Eiern geschlüpft waren, von einem Fressplatz zum anderen, Löcher und Buchten fransten sie aus, über die hin und wieder noch schmale Dämme von weißen Strünken liefen.«91 Wie alle unsere Zitate fiel auch dieses uns beim Jäten und Hacken ganz beiläufig ein, und so grüßten wir auch hier den brüderlichen Geist eines Gärtners. Wer zwischen Thyssen und Krupp die knallroten Knollenwurzeln des Radieschens gepflanzt hatte, warum sollte der wohl nicht zwischen Pieck und Schumacher Rosen beschneiden und Möhren ziehen und mit zarter Hand den universalen Zettelkasten nach Dichterzitaten durchblättern? Wir stachen den letzten Spargel, der sich bläulich und fahl aus dem aufgeworfenen Hügel längs des Mistbeetes drängte, mit den Worten Franz Werfels: »Auf dem Windmeer des Atems hebt an die Segel zu brüsten im Rausche der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn!« Nichts aber geht über die Sonne, wenn sie an solchen Tagen gleißend und glühend im Zenit steht wie ein goldenes Riesenauge der Schöpfung über allen Feldern und Wäldern. Hipponax 91 (WH) Union der festen Hand, S. 17/18, Aufbau-Verlag, Berlin. (AH) Harichs Rezension des Buches ist neu abgedr. in: Band 6.2, S. 1445–1469. Teil X Wortmeldungen in der SBZ 1439Wortmeldungen in der SBZ Über den Rassenwahn (Juni 1945) (AH) Im Juni 1945 erarbeitete Harich für den Berliner Rundfunk den folgenden Beitrag. Ingrid Pietrzynski hat 1995 über die Entstehungsgeschichte berichtet (in Rundfunk und Geschichte, 1995, 21). Der Text von Harich wurde nicht in der hier präsentierten Form vorgetragen, sondern erst nach einer Überarbeitung durch Rudolf Mießner (damals Leiter der Redaktion Tagesfragen beim Berliner Rundfunk). Angesichts dieser Überarbeitung von Zensur zu sprechen, wie dies beispielsweise Ingrid Pietrzynski verklausuliert tat, ist deutlich überzogen. Die von Harich bezogenen Positionen blieben für diesen teilweise weiterhin prägend, bestimmte Überlegungen überwand er aber auch im Laufe der folgenden Jahre, eine Feststellung, die so auch für die als nächstes abgedruckte Kulturbundrede vom 4. Juli 1945 zu machen ist. Ich schreibe diese Zeilen am 22. Juni 1945 nieder92, an dem Tage, an dem vor vier Jahren Nazideutschland seinen verräterischen Anschlag auf das friedliche Sowjetvolk verübte. All das Schändliche, das seit diesem verhängnisvollen Tage im Namen Deutschlands und der deutschen Kultur von unserem irregeführten, von neuem fanatisierten und verblendeten Volk in der Sow jet uni on begangen wurde, ist schlechthin unbeschreiblich. Die Ziele, denen das waghalsige und unverzeihliche Abenteuer dieses Überfalls diente, bedürfen heute keiner Erläuterung mehr: Das scheele, imperialistische Verlangen nach Russlands schwarzer Erde ward getarnt durch einen zu einer Art Pseudo-Wissenschaft aufgeblähten National-Enthusiasmus. Wo blinde Beutegier den wahren Antrieb des Handelns bildete, wurde offiziell so getan als sei die geschichtliche Spezialmission des deutschen Volkes, der deutschen Rasse, Europa vor dem stumpfen ostischen »Untermenschentum« zu retten. Auf eine seltsame Art verbanden sich Pflicht und Neigung. Dass die Sow jet uni on besiegt werden würde, stand außerhalb jeden Zweifels. Denn hier stand ja der deutsche Mensch mit seiner Kühnheit und Tüchtigkeit, mit seiner adligen Gesinnung und seinen hohen Idealen gegen eine stumpfe Masse tierischer Ostvölker, die zu zerschmettern nur das Werk weniger Monate sein konnte. Die Tatsache allein, dass Deutsche diesen Krieg gegen Nichtdeutsche führten, galt bereits als eine hinreichende Bürgschaft des Sieges. Mit dieser Auffassung aber hatten sich die rassenpolitisch benebelten Meisterstrategen getäuscht. Das Sowjetvolk zeigte ihnen die Zähne. Es verfügte über Panzer von durch- 92 (AH) Siehe auch den Artikel Habt ein besseres Gedächtnis!, Abdr. in diesem Teil. 1440 Teil X dachter Konstruktion, über Infanteristen und Flieger von unglaublicher Zähigkeit und eminentem Schneid, die sich auf die Dauer den Unseren nicht nur gewachsen, sondern überlegen zeigten. Die Alleinherrlichkeit der deutschen Rasse erwies sich als ein schwerwiegender Irrtum, der mit dem Blut der deutschen Jugend, mit der Zerstörung der deutschen Städteherrlichkeit, mit der Lahmlegung unseres kulturellen Lebens und der Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse bezahlt wurde. Die Unterschätzung des anderen Volkes führte zu katastrophalen Konsequenzen, und Hochmut kam auch diesmal vor dem Fall. Ich verdamme aber die Überschätzung der eigenen Rasse nicht deshalb, weil sie sich politisch unrentabel auswirkt. Ich würde sie auch dann verdammen, wenn sich mit ihr Erfolge erringen lassen würden, vielleicht auf Grund des aufgeblähten nationalen Selbstbewusstseins, das sich mit dieser Überheblichkeit erzielen lässt. Ich verdamme sie als schlecht, weil sie den Errungenschaften des menschlichen Geistes gegenüber rückständig ist. Alle großen Ideen der Geistesgeschichte, die die Menschheit tatsächlich vorwärts trieben auf dem mühseligen Weg ihres Kampfes, ihrer Arbeit und ihres Leides, betonen insgesamt das Gemeinsammenschliche, das die Völker und Rassen trotz aller anthropologischen Unterschiede vereint und Verständigung und Frieden allererst ermöglicht. Denken wir an den totalen Geltungsanspruch der antiken Philosophie, der den Logos, die Vernunft, den Geist als Kern jedes menschlichen Daseins enthüllte. Denken wir an die Gleichheit aller Menschen vor Gott, wie sie das Christentum proklamierte. Denken wir schließlich an das wissenschaftliche Fundament und das daraus resultierende Aktionsprogramm der kommunistischen Internationale. Allen diesen Ideen gegenüber mutet uns der Versuch, den Wert des Menschen nach seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse festzulegen, als ein wahnwitziges ideologisches Abenteuer an, als Rückfall in eine kindische Barbarei. Trotz seines häufig betonten gesunden Realismus war der Nationalsozialismus in der Verfechtung seiner pseudowissenschaftlichen Theorien den schlichten Realitäten gegenüber blind. Seine Weltanschauungsapostel übersahen die Tatsache, dass die negativen und positiven menschlichen Eigenschaften ein gemeinsames Besitztum der ganzen Menschheit sind, vergaßen, dass Unterschiede in Bezug auf Intelligenz, Charakterstärke, Fleiß und Gemüt stets nur den einzelnen Fall betreffen, keineswegs aber die Völker gegeneinander abgrenzen, vergaßen, dass es in jedem Volke Edle, Fleißige, Kühne und Kluge und ebenso in jedem Volke Gemeine, Faule, Feige und Törichte gibt. 1441Wortmeldungen in der SBZ Sie stempelten die nordische Rasse und ihren Hauptrepräsentanten, das deutsche Volk, zum alleinigen Wertträger der Geschichte und diffamierten alle übrigen Völker und Rassen als mehr oder weniger minderwertig. Dass die zwingende Einsicht in die logische Notwendigkeit und Verpflichtung als inneres Gesetz – dieser Hauptattribute menschlichen Geistes – von strenger Allgemeingültigkeit für jeden Menschen sind, übersahen sie. Stattdessen vermählten sie muskelprotzige SS-Männer mit breithüftigen BDM-Walküren und bauten die Zukunft des deutschen Staates auf die pflichtgemäß in die Welt gesetzten Produkte dieser nationalistisch verbrämten Edelzuchtkuppelei. Stattdessen maßen sie die Kopfform und die Gliedmaßen der Schulkinder mit dem Zentimetermaß aus, verdarben die Blonden, Blauäugigen, Langschädligen, indem sie deren Überheblichkeit nährten, und die Kleinen, Dunkelen, Kugelköpfigen, indem sie in diesen Minderwertigkeitskomplexe und Ressentiments erzeugten. In diesen Albernheiten gipfelte der nationalsozialistische Schulunterricht.93 Die Erziehung zum moralischen Pflichtgefühl, die Ehrfurcht vor dem Bildungsideal einer freien Humanität und die Zielstrebigkeit ernsten wissenschaftlichen Studiums wurden von einer falsch interpretierten Biologie überwuchert, die als der Weisheit letzter Schluss, ja, als eine Art höherer Religiosität verherrlicht wurde. Leider handelte es sich bei diesen Erscheinungen nicht um einen lächerlichen Unfug, der sich mit ein wenig Hohn geringschätzig abtun ließe. Leider handelte es sich dabei um die systematische Vergiftung der deutschen Seele, um die ideologische Grundlegung zu jener sittlichen Verrohung, deren Früchte sich erst in diesem massenmörderischen Kriege zeigten. Anstatt die Jugend zu Ehrfurcht vor der menschlichen Kreatur zu erziehen, machte man sie zum Zeugen blutiger Pogrome. Anstatt ihr bei der Ausprägung des Verantwortungsgefühls behilflich zu sein, schrie man: »Die Juden sind an allem schuld!«, um ihr frühzeitig beizubringen, wie man sich von einer Schuld loslöst, indem man sie auf einen Sündenbock abschiebt. Anstatt ihr beizubringen, dass der Mensch sich erst in der Leistung bewährt, pflanzte man in ihre Herzen den Hochmut, indem man sie dazu verführte, sich auf Grund der bloßen Zugehörigkeit zum deutschen Volk als etwas ganz 93 (AH) Die im folgenden geäußerten Gedanken zum Thema Jugend und Erziehung im Nationalsozialismus sind kompatibel zu den frühesten, uns überlieferten schriftlichen Äußerungen Harichs. Hinzu zu ziehen ist für ihre Beurteilung und ideengeschichtlichen Einordnung vor allem das Manuskript Erlebnis und Bildung. Prinzipielle Diskussion einer brennenden pädagogischen Gegenwartsfrage, das Harich noch während des Zweiten Weltkrieges, unter dem Einfluss der Philosophie Nicolai Hartmanns, niederschrieb. (Abdr. in: Band 2, S. 551–651.) 1442 Teil X Famoses vorzukommen. Das eben war die gemeingefährliche Kehrseite des läppischen Hokuspokus, den man mit dem Rassegedanken trieb. Kein Wunder, dass eine in diesem Geiste erzogene Jugend in den zahlreichen moralischen Bewährungsproben unseres umwälzungsreichen Zeitalters versagte. Aber was lag den Nazis im Grunde an der sittlichen Vervollkommnung der deutschen Jugend? Sie wollten der Jugend blinden Hass einimpfen, um sie zum gefügigen Werkzeug ihrer imperialistischen Pläne zu machen. Sie wollten den Geist auf die Bedienung von Maschinengewehren abrichten und die keimenden, labilen Charaktere durch chauvinistische Ressentiments fanatisieren. Dieselbe Jugend, die schaudernd den Pogrom he roismus und die revolutionär verkrampfte Spießbürgerlichkeit bewundert hatte, mit der ihre Eltern die Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmerten, betrachtete den Massenmord an Juden, Polen und Russen als höchste Pflicht und zeigte sich bereit, voller hirnverbrannter Begeisterung in einem sinnlosen Kriege auf den Schlachtfeldern ganz Europas ihr Leben für den mythischen Rassenhelden Adolf Hitler und seinen biologischen Sadismus zu opfern. Vergessen war die Achtung vor fremdem Eigentum und fremder Arbeit, vergessen waren Nächstenliebe und Demut, Vernunft und Einsicht. Vergessen war die unumstößliche Tatsache, dass hier in einem tragischen Missverständnis von katastrophalen geschichtlichen Ausmaßen Mensch gegen Mensch stand, und dass, gleichgültig wie das Schlachtenschicksal auch immer sich wenden mochte, auf jeden Fall die Anständigkeit des einzelnen siegen musste, wenn es überhaupt einen kleinen, ephemeren Sinn im Chaos dieser allgemeinen Sinnlosigkeit geben sollte. Der Feind war ja nicht nur gehasster Gegner im Kampfe, sondern eine minderwertige Kreatur, die man auszurotten die Pflicht hatte, wenn man einen politischen Flurschaden verhindern wollte. Diese anderen Völker und Rassen setzten sich ja nicht aus Menschen zusammen, sondern aus schädlichem Ungeziefer, und nichts war selbstverständlicher, sinnvoller, leichter, ja, spaßhafter, als dieses Ungeziefer zum Heile der Menschheit alias der deutschen Herrenrasse mit deutscher Tüchtigkeit, Energie und Kaltblütigkeit zu zertreten. Als dann die Rückschläge und Niederlagen sich mehrten, wurde durch geschickte Propagandamanöver dieses Ungeziefer zwar nicht zu Menschen, aber – oh Wunder! – zu Ungeheuern, die die deutsche Edelrasse, dieses feingeistige, komplizierte und kultivierte Volk der Dichter und Denker, mit blinder Brutalität zu vernichten drohten. Immerhin blieb es ein gewichtiger Trost, dass diese plumpen Ungeheuer geistlos und 1443Wortmeldungen in der SBZ roh waren, dass sie dumpfen Rasseninstinkten folgten und ungeschickt in eine Mausefalle hineintappten, die ihnen der scharfe, geschliffene Verstand der deutschen Edelrasse bereitete. Wo man anfangs Ungeziefer glaubte zertrampeln zu können, führte man jetzt mit viel Anmut den Kampf des schlauen, feingliedrigen David gegen den tölpelhaften Riesen Goliath. Und die Schleuder mit dem tötenden Stein, derer man sich zur Erringung des unzweifelhaften Endsieges bedienen wollte, hieß Vergeltung, Geheimwaffe, ausgeheckt vom unvorstellbar potenten deutschen Erfindungsgeist, der auf Grund seiner rassisch bedingten Befähigungen das zu zaubern verstand, für dessen Erringung sich die minderwertigen Geister anderer Völker viel mehr schinden mussten. Die unüberwindliche deutsche Tapferkeit hatte vor dem Ungeziefer versagt, jetzt würden es bestimmt die deutsche Tüchtigkeit, der deutsche Fleiß schaffen. Der Name »deutsch« hat durch diese gemeingefährlichen biologischen Überheblichkeiten auch für uns Deutsche einen üblen Beigeschmack erhalten. Unsere nationale Überheblichkeit ist einer schmerzlichen, aber gesunden und notwendigen Ernüchterung gewichen. Wir fühlen uns zutiefst beschämt, heute feststellen zu müssen, dass diese Unholde und Raubtiere, gegen die wir unseren Kreuzzug zur Ausrottung minderwertiger Rassen führten, uns viel menschlicher, sachlicher und objektiver behandeln, als wir sie in der praktischen Anwendung unserer Rassenherrlichkeit behandelten. Zudem sind wir verblüfft: Diese Bestien, die uns jetzt, da wir besiegt am Boden liegen, mit Stumpf und Stiel ausrotten könnten, ohne dass wir uns auch nur zu entziehen vermöchten, lassen uns arbeiten und leben, sind gespannt auf unser Theaterleben und sitzen in unseren Konzerten und ernähren uns sogar! Diese Bestien sind in Wirklichkeit schmucke Offiziere und biedere Soldaten, die sich für die Eigentümlichkeiten unserer Kultur interessieren und denen sich beim Anschauen alles Neuen und Unvertrauten eine durchaus menschliche Regung wie beispielsweise das Heimweh ins Herz schleicht. Die Normalität und Geradheit ihre Anschauungsweise und die Gesundheit und Menschlichkeit ihres Empfindens beschämt uns derart, dass wir dem entgegengesetzten Extrem zum Rassenfanatismus zu verfallen drohen: Einer kriecherischen Servilität, die unseren schlechten politischen Ruf nur vertieft. Und indem wir dies, uns selbst erkennend in einer neuen, mehr kritischen Form des Selbstbewusstseins feststellen müssen, kommen wir uns selbst auf die Schliche: War nicht unsere völkische Rigorosität, unsere ganze biologische Selbstaufblähung nur die überkompensierende Modifikation eines tiefen Minderwertigkeitsgefühls? Leben wir 1444 Teil X nicht seit Jahrzehnten, seit der Bismarckzeit, seit dem Aufblühen deutscher Spießbürgerlichkeit unter dem Druck unserer eigenen Mentalität? Sind wir Deutsche nicht die Parvenus der Weltgeschichte, die ihren Aufstieg aus Ohnmacht und Zersplitterung krampfhaft forcierten, weil sie sich schämten, langsam und stetig zu wachsen und zu reifen? Dem Wurm gleichen wir, der, vom Erkenntnisekel eigener Minderwertigkeit getreten, sich aufreckt aus dem Staube seiner chaotischen Vergangenheit und in der Gebärde dieses Aufreckens die anderen übertrumpfen möchte an majestätischer Haltung! Wann wird uns die Gesundheit einer klaren Lebenslinie zuteil werden? An unserem Eigendünkel musste unser Stolz zuschanden werden! Das ist ein schmerzhafter, aber notwendiger Reinigungsprozess. Werfen wir Rassendünkel und völkische Borniertheit von uns. Hüten wir uns aber auch davor, uns masochistisch in irgendeinen Selbstekel zu stürzen, der zum Nährboden eines neuen Krampf-Chauvinismus werden könnte! Wir wollen uns nicht mehr da rauf versteifen, dass die Welt gefälligst am deutschen Wesen zu genesen hat, wir wollen uns aber auch nicht als Deutsche schämen. Wir wollen mit dem Wort »deutsch« sparsamer werden, um den üblen Beigeschmack loszuwerden, den es an sich hat, und wir wollen lernen, als Menschen menschlich zu sein. Deshalb ist es so sinnwidrig, heute die mühsam verbogene jüdische Urgroßmutter auszugraben, um sich in ihrem Glanze zu sonnen. Begreifen wir doch endlich, dass die jüdische Urgroßmutter weder eine Belastung, noch eine Entlastung darstellen kann, dass sie als Wertmaßstab unserer menschlichen Qualitäten gänzlich ungeeignet ist. Erst wenn wir diesen Primat der menschlichen Qualität des Individuums und die Vordringlichkeit des Menschheitsgedankens vor der scheuklappenumhegten nationalistischen Selbstaufstachelung aus innerster Überzeugung bejahen können, haben wir den lange verlorenen Anschluss an den moralischen und politischen Lebensstandard der anderen Nationen gefunden. Es hilft uns nichts, gegen den Faschismus zu schreien, wenn wir dabei versäumen, dessen geheimste Grundlagen, die in uns selbst immer noch verborgen sind, zu durchschauen und aus den Fundamenten unseres geistigen Seins herauszureißen. 1445Wortmeldungen in der SBZ Die Forderungen der deutschen Jugend an den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands Rede auf der Kundgebung am Dienstag, den 3. Juli 1945 im Großen Sendesaal des Berliner Rundfunkhauses (AH) Wie Wolfgang Harich in den Kulturbund kam, hat er in seinen autobiographischen Notizen geschildert (siehe den ersten Teilband). Bei der hier abgedruckten Rede handelt es sich um seinen ersten großen öffentlichen Auftritt nach dem Weltkrieg. Das Manuskript umfasst fünf Schreibmaschinenseiten mit verschiedenen handschriftlichen und maschinenschriftlichen Korrekturen, die als Änderungen letzter Hand übernommen wurden. Die Ausführungen Harichs stehen durchaus in einer gewissen Kontinuität zu seinen Notizen aus der Kriegszeit, wo er ja ebenfalls bereits um 1942/1943, etwa in dem Manuskript Erlebnis und Bildung,94 vor allem den Wert von Erziehung und Kultur für die humanistische Hebung der gesamten Menschheit betont hatte. Interessant und mehr als nur ein Zufall ist sicherlich, dass beispielsweise auch Ernst Bloch in den letzten Jahren des Krieges und in der Nachkriegszeit die Notwendigkeit von Erziehung und Pädagogik zur Verhinderung des Faschismus und zur Herbeiführung und Vollendung des Aufbaus des Sozialismus betonte. (Diese Texte, von den letzten Exiljahren bis zur Leipziger Antrittsvorlesung, liegen gedruckt vor und wurden von Bloch bewusst in dieser Art und Weise zusammengestellt.)95 Fritz J. Raddatz, der Harich wahrscheinlich nie verziehen hat, dass dieser seine Marx-Biographie als verfälschendes, niveauloses Machwerk im Spiegel anprangerte,96 schrieb in seinen Erinnerungen: »Schon acht Wochen später, im Sommer 1945, stand Harich neben Paul Wegener, dessen Sekretär damals war, und Johannes R. Becher im großen Sendesaal des Berliner Rundfunks (…) und nahm an der Gründung des Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands teil. Harichs dritte Konversion, die zum Marxismus, war vollzogen.«97 Siegfried Prokop, der dieses Zitat »überliefert« hat, konnte erst kürzlich zeigen, dass sich Raddatz hier irrte. Prokop, der sich um die Aufarbeitung der Geschichte des Kulturbundes verdient gemacht 94 (AH) Abdruck in: Band 2, S. 551–651. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Erkenntnistheorie im Sinne Nicolai Hartmanns, S. 363–386. 95 (AH) Bloch, Ernst: Fragendes Kind (S. 224); Erziehen und Erzieher (S. 225–229); Edle Bereitung, Humaniora, Sozialerziehung (S. 229–243); Breite und Niveau in Forschung und Lehre (S. 244–254); Marxistische Propädeutik und nochmals das Studium (S. 255–270); Universität, Marxismus, Philosophie (S. 270–291), alle in: Ders.: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985. Dass Bloch diesen Bogen spannte ist bemerkenswert, da in seiner Gesamtausgabe so mancher Text aus der DDR fehlt. Siehe mit weiteren Hinweisen: Amberger, Alexander; Heyer: Theorie und Praxis. Blochs Verständnis des Marxismus, 1949–1961, in: Schiller, Hans-Ernst (Hrsg.): Staat und Politik bei Ernst Bloch, Baden-Baden, 2016, S. 107–126. 96 (AH) Harich: Marx mit Mixed Pickles. Wolfgang Harich über Fritz J. Raddatz: Karl Marx. Eine politische Biographie, in: Der Spiegel, Nr. 17 vom 21. April 1975, S. 152–155. 97 (AH) Raddatz, Fritz J.: Unruhestifter. Erinnerungen, München, 2003, S. 96. 1446 Teil X hat,98 weist da rauf hin, dass von einer Adaption des Marxismus in Harichs Rede nicht gesprochen werden könne: »Denn in der Rede kommen zwar Marx und Engels und auch der Begriff des Marxismus schon vor, jedoch sind sie hier in der Aufzählung lediglich mit angeführt, kaum etwas deutet auf einen marxistischen Standort Harichs hin. Er hätte sonst auch nicht die Jugend in einer so überdimensionalen Schuldverstrickung gesehen, wie er es in der Rede tat, während er auf die sozialen Wurzeln von Faschismus und Krieg mit keinem Wort einging. Dies ist wohl auch ein Grund dafür gewesen, dass seine Rede bei anwesenden Zeitgenossen nicht besonders ankam.«99 Prokop lag aus den Beständen der Akten des Kulturbundes ebenfalls eine Kopie des Manuskriptes von Harich vor, die dieser höchstwahrscheinlich für eine Drucklegung eingereicht hatte. »Auf der Rückseite des letzten Blattes des Redemanuskript steht mit Bleistift der Vermerk: ›Alles Scheiße!‹, der vermutlich von Johannes R. Becher stammt. Mit Kugelschreiber ist ein zweiter Vermerk aus jüngerer Vergangenheit da run ter: ›Diese Rede wurde meines Wissens nicht veröffentlicht. Aber auf der Gründungsversammlung gehalten! Gez. Schulmeister.‹«100 Prokop mutmaßt, dass dieses Urteil Bechers dazu führte, dass Harichs Rede nicht in die offizielle Publikation der Veranstaltung aufgenommen wurde.101 * * * * * Meine Damen und Herren! In dem Augenblick, da der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands ins Leben gerufen wird, tritt auch die junge Generation Deutschlands in Ihren Gesichtskreis, die der Hilfe des Kulturbundes am dringendsten bedarf. Indem ich als Sprecher dieser deutschen Jugend auftrete, unterziehe ich mich einer dreifachen Aufgabe: Ein Schuldbekenntnis der deutschen Jugend abzulegen, mich um ihre Rechtfertigung zu bemühen und Forderungen zu erheben, deren Erfüllung die 98 (AH) Siehe: Schulmeister, Karl-Heinz: Siegfried Prokop – unermüdlich auf den Spuren der Kulturbundgeschichte unterwegs, in: Heyer, Andreas (Hrsg.): Diskutieren über die DDR. Festschrift zum 75. Geburtstag von Siegfried Prokop, Band 1, Norderstedt, 2015, S. 14–25. 99 (AH) Prokop, Siegfried: Einführung, in: Ders., Zänker, Dieter (Hrsg.): Einheit im Geistigen? Protokolle des Präsidialrates der Kulturbundes, 1945–1948, Berlin, 2015, S. 10. 100 (AH) Ebd. Von Karl-Heinz Schulmeister stammt die erste Geschichte der Gründungszeit des Kulturbundes: Auf dem Wege zu einer neuen Kultur. Der Kulturbund in den Jahren 1945–1949, Berlin, 1977. In dem gerade genannten Aufsatz (Siegfried Prokop – unermüdlich auf den Spuren der Kulturbundgeschichte unterwegs) hat er über die Entstehung seiner Monographie berichtet. 101 (AH)) Prokop: Einführung, S. 9 f. Siehe: Manifest des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Berlin, 1945. 1447Wortmeldungen in der SBZ Vo raus set zung zu jeglichem Neubeginn und zur Wiedergutmachung des Versäumten und Gefehlten bilden. Die Schuld der deutschen Jugend ist unsagbar groß. Von der Denunziation der eigenen Eltern bis zu den abscheulichen Pogromen, mit denen wir die Juden, diesen Sündenbock des schlecht funktionierenden deutschen Gewissens, peinigten, von der Schändung der Kirchen bis zur Verhöhnung des Elternhauses, der Wissenschaft und der Kunst, gibt es kaum eine Scheußlichkeit dieses unseligen »Dritten Reiches«, an der sich nicht junge Menschen beteiligten. Die so genannte nationale Erhebung, mit der wir uns auf Kundgebungen, monströsen Parteitagen unter Glockengeläut und Fanfarengetöse marktschreierisch brüsteten, war die Fassade, hinter der sich Unreife und Würdelosigkeit, burschikoser Zynismus und nationalistisch verbrämte Eigendünkel verbargen. Trunken von suggestiven Schlagworten, berauscht vom falschen Glanze einer so genannten großen Zeit, zogen wir schließlich in den Krieg und wurden zur Exekutive des nationalsozialistischen Machtfanatismus. Schuld sind wir an Europas zerstörten Städten, an seinen sinnlos niedergebrannten Dörfern, an den Schändungen fremder Kulturgüter und den systematisch ausgeklügelten und bewerkstelligten Massenmorden an den Kindern, Frauen und Männern anderer Nationen. Schuld sind wir nicht zuletzt auch an der Ausblutung und Verelendung des deutschen Volkes, an der Zerrüttung der deutschen Wirtschaft, an der schmerzlichen Zerreißung der deutschen Familien und an der Zertrümmerung der deutschen Städteherrlichkeit. All dies ließen wir ja zu, indem wir, verbissen weiterkämpfend, einer längst bankrotten Regierung einen längst verlorenen Krieg verlängern halfen. So wurde durch unseren Einsatz dieser Krieg schließlich zu einem grauenhaften Exzess jahrelanger nationaler Selbstzerfleischung. Ernüchtert durch das uns plötzlich selbst offenbare Unheil, das wir anrichteten, können wir uns deshalb heute nichts Anderes und nichts Besseres wünschen, als eine gute und starke Erziehung, die uns hinführt zu Menschenwürde und Geistigkeit, zu Liebe und Freiheit, Ehre und Gesittung. Trotz allem nämlich glauben wir, im Kern unseres Wesens einer solchen Erziehung wert zu sein, glauben, dass sich die schwere Aufgabe verlohnt, unsere Seelen umzugestalten und unserem Willen neue Ziele zu weisen. Beeinflussbar wie alles Wachsende und Reifende, boten wir den geringsten Widerstand gegenüber der nazistischen Pro- 1448 Teil X paganda. Zwar wurde auch unseren schlechten Instinkten die größte Freiheit gewährt. Darüber hinaus aber wurde der edle und ideale Drang unseres Herzens, uns selbst unbewusst, satanischen Zwecken nutzbar gemacht. Nachdem man unsere Gutgläubigkeit irregeführt und missbraucht hatte, war es nicht mehr allzu schwer, unser Denken und Fühlen zu vergiften und uns zu bewussten Schändlichkeiten zu veranlassen. Die Lehren der Nazis schmeckten für die meisten von uns nach Wahrheit, und als wir von ihnen gekostet hatten, waren wir bereits vergiftet. Aber es gab doch einige unter uns, die den ganzen Schwindel von vornherein oder doch sehr bald durchschauten und sich gegen die Vergewaltigung ihrer Gesinnung und ihres Willens aufbäumten. Wir anderen waren verfemt unter den Gleichaltrigen, hatten zu leiden unter den Schikanen der Lehrer und Jugendführer und später der militärischen Vorgesetzten, wurden verfolgt von den Behörden, hatten uns zu verantworten vor den Gerichten, mussten schmachten in den Gefängnissen und Konzentrationslagern, und viele von uns haben den Kampf für Wahrheit und Recht mit dem Leben bezahlt. In der Stille, jenseits einer vom Nazigeist geschwängerten Alltagsatmosphäre, rangen auch junge Menschen um wirkliche geistige Werte, die der staatlich konzessionierten Ideologie tief zuwider waren. Und als die Sinnlosigkeit des Krieges offenbar wurde, organisierten wir die illegalen antifaschistischen Widerstandsgruppen, die den konspirativen Kleinkrieg gegen Wehrmacht und Partei, gegen SS und Gestapo führten. Trotz aller dieser Bemühungen aber gelang es uns nicht, das große Unglück in letzter Sekunde zu verhüten. So haben auch wir anderen keinen Anspruch da rauf, uns irgendwie herauszuheben aus der Gemeinschaft unseres schuldbeladenen und besiegten Volkes. Trotzdem waren unsere Gesinnungstreue und unser Einsatz nicht wertlos. In der Abseitigkeit und Illegalität wuchsen wir zu einer Gemeinschaft heran, die geeignet ist, der Kern der neuen Jugend Deutschlands zu sein. Und wenn jetzt ein Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands sich bildet, so fordern wir für die deutsche Jugend leidenschaftlich ein einziges Recht: Das Recht, erzogen zu werden! Das hinter uns liegende Zeitalter der Verantwortungslosigkeit hat uns gezeigt, dass der Mangel an Verantwortungsgefühl und Selbstkritik ein Kardinalfehler unseres Volkes ist. Der Deutsche kann es schwer ertragen, schuldig zu sein. Nach dem Verlust des Ersten Weltkrieges faselte man davon, im Felde unbesiegt und nur durch den Dolchstoß 1449Wortmeldungen in der SBZ von hinten zusammengebrochen zu sein. Anstatt die Fehler bei sich selbst zu suchen, schob man alle Schuld auf die Juden ab. So musste der bittere Kelch dieses Krieges von unserem Volk bis zur Neige ausgekostet werden, damit wir nicht wieder einen Vorwand ausfindig machen konnten, uns selbst als die eigentlichen Sieger zu wähnen und einen neuen Sündenbock für unsere Fehler ausfindig zu machen. So mussten wir so restlos und unwiderruflich besiegt werden, um endlich zu einer gesunden Selbstbesinnung gelangen zu können. Es ist dringend notwendig, dass wir lernen, für eine begangene Schuld einzustehen, uns selbst zu erkennen und uns die Vorurteile, mit denen wir unsere Überheblichkeit nährten, verdächtig werden zu lassen. Wir werden dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands unser Vertrauen schenken, wenn er unsere Forderung erfüllt, Deutschlands Jugend zur Verantwortung, zur Selbstkritik und zum Einstehen für die Schuld zu erziehen. Hinter uns liegt das Zeitalter des Führerprinzips, das unser Volk zu einer willenlosen Herde werden ließ, den Machtwahnsinn einzelner schürte und den meisten den Kadavergehorsam einpeitschte. Nur durch die unumschränkte Anwendung des Führerprinzips war es möglich, dass wir einer Verbrecherbande in die Hände fielen und deren Befehle stumm und träge befolgten. Noch ist unser Denken und Fühlen eingepresst in die leblosen Schemata einer satanischen Propaganda. Es ist dringend notwendig, dass wir das selbständige, vorurteilslose Denken lernen, dass wir zum Wohle des Ganzen Kritik üben am Schlechten, dass wir frei unserer Meinung äußern und gleicherma- ßen abschwören der Herrschsucht auf der einen, der Servilität und Devotion auf der anderen Seite. So fordern wir die Erziehung zur Demokratie, die Erziehung zur Freiheit. Zwölf Jahre lang schwammen wir in dem trüben Begriffschaos des Relativismus und des Irrationalismus. Wir verhöhnten die Vernunft und tappten vernunftlos ins Unglück. Die Wahrheit, das Fundament jeden Wertes, löste sich in eine reizvoll schillernde Vielfalt historischer Teilaspekte und Vorurteile auf. Allgemeingültigkeit und Objektivität wurden als Truggebilde verworfen. Wir huldigten einem völkisch aufgeblasenen Subjektivismus. Das Nützliche galt uns als wahr, und wenn es die schlimmste Propaganda-Zwecklüge war, und das Recht des Stärkeren galt uns als Recht schlechthin. Es ist notwendig, dass wir neu begreifen, worin Recht und Wahrheit unveränderlich bestehen, dass wir objektive Werte anerkennen und unseren Willen durch die Vernunft kontrollieren lernen. Wir müssen uns selbst zurückreißen vom triebhaften Unverstand, 1450 Teil X von der zweckdienlichen Lüge, vom Abgrund des Relativismus. So fordern wir eine Erziehung zu exakter Allgemeingültigkeit des Denkens und zu objektiver Rechtlichkeit des Handelns, eine Erziehung zur Ehrfurcht vor dem ewigen Gesetz. Zwölf Jahre lang spreizten wir uns in völkischer Borniertheit, huldigten dem Rassenwahn und diffamierten den Wert der anderen Völker. Wir bildeten uns ein, dass wir Deutschen eigentlich eine bessere Sorte Mensch seien, dass die Welt an unserem Wesen genesen müsse, und rissen, alles gemeinsam Menschliche missachtend, künstliche Abgründe zwischen den Völkern und Rassen auf. Wir müssen uns heute dazu bekennen, dass alle Strömungen der Geistesgeschichte, die die Menschheit vorwärts brachten auf ihrem schweren und mühseligen Weg, das gemeinsam Menschliche, den umfassenden Menschheitsgedanken betonten: Die antike Philosophie mit ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit für alle, das Christentum, das die Gleichheit aller Menschen vor Gott lehrte, und der Marxismus. Diesen geistigen Errungenschaften gegenüber bildete der nationalsozialistische Rassenwahn einen Rückfall in die Barbarei vorsintflutlicher Atavismen. Wir wollen den Rassendünkel von uns werfen und lernen, den Wert anderer Rassen und Nationen zu respektieren. Wir haben heute keine Ursache, da rauf stolz zu sein, dass wir Deutsche sind. Und weil wir uns als Menschen vor der Menschheit rehabilitieren wollen, fordern wir die Erziehung zur Achtung vor den fremden Rassen und Völker, die Erziehung zum weltbürgerlichen Denken und Fühlen, das zum alleinigen Fundament unseres nationalen Selbstbewusstseins werden muss. Aufs Neue wollen wir hineinstoßen mit all unserem Begreifen und mit unserer ganzen Aufnahmefähigkeit in das Reich des Geistes. Wir fordern die Hilfeleistung des Kulturbundes für dieses Beginnen. Allzu lange blieb die geistige Welt den meisten von uns verschlossen, denn anstatt uns zu bilden, erzog man uns mit Propaganda-Phrasen zum geistigen Banausentum. Wir fordern für uns eine neue Erziehung zum Reichtum der Religion, der Philosophie und der Kunst. Wir wollen reifen an Shakes peares geistiger Fülle, an Goethes Weltweisheit, an Jean Pauls barockem Tiefsinn, an Kants harter Moral und an Hegels Dialektik. Wir wollen hineinwachsen in die Gestaltenwelt Balzacs und Dickens’, Dostojewskis und Tolstois. Wir wollen die blaue Blume der Romantik wieder finden. Wir wollen die Gesetze der geschichtlichen Entwicklung, wie Marx und Engels sie entdeckten, begreifen. So fordern wir die Erziehung zu wissenschaftlichem 1451Wortmeldungen in der SBZ Fleiß und ernstem Bemühen um Wissen und Bildung, zur Ehrfurcht vor den Meistern und ihrem Werk. Beschämt über unsere eigene Unfertigkeit, die wir so lange burschikos und zynisch zur Schau stellten, mit der wir in aller Welt Deutschland verunglimpften, fordern wir all dies. Wir fordern es, weil wir wachsen und reifen wollen, und wir fordern es für Deutschland, für unsere schuldbeladenes, zerstörtes und doch so geliebtes deutsches Vaterland, das wir durch unserer Hände und durch unseres Geistes Arbeit aus der Not herausreißen wollen, dessen leidendes Antlitz wir reinwaschen wollen von Schande und Schmutz, die es vor den Augen der Welt entstellen. Wir fordern es um unserer Genossen und Kameraden willen, die als unbekannte Repräsentanten jener anderer deutschen Jugend für Freiheit und Recht, für Wahrheit und Sittlichkeit dem Fallbeil und dem Strick zum Opfer fielen, die in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern schmachteten, und deren Opfer nicht vergeblich sein darf. Wir fordern es, um uns rechtfertigen zu können vor den deutschen Denkern und Dichtern, die als Verbannte und Geächtete in der Emigration leben mussten, die vielleicht die ganzen Jahre hindurch den Eindruck hatten, dass ihre mahnenden Rufe ungehört verklangen. Ich nenne nur einen Namen von vielen, nenne den größten: Thomas Mann! Seit Jahr und Tag brennen uns seine ernsten Mahnungen im Herzen. Wir können nur hoffen, dass er den Glauben an uns nicht verloren hat. Und wenn dies doch der Fall sein sollte, so können wir nur zu gut verstehen, wie sehr er an uns verzweifeln und wie tief er sich für uns schämen musste. Wir rufen ihm zu, dass es unser heißester Wunsch ist, ihm, der uns in der Ferne zwölf Jahre hindurch die Treue hielt, und der nicht müde ward, unser Gewissen zu erwecken, zu beweisen, dass wir uns zu reinigen und zu erneuern vermögen, dass wir nach schwerer Krankheit die Kraft finden, zu genesen durch den Geist. Schließlich fordern wir die Entfernung all der Lehrer und Erzieher, Jugendführer, Künstler und Wissenschaftler, die sich bewusst in den Dienst der Vergiftung der deutschen Jugend stellten. Wir fordern dies nicht aus Rache, sondern deshalb, weil wir den nach uns Kommenden das Leid ersparen wollen, in das uns Schuld und Irrtum hi neinris sen. Denn nicht die Rache ist unser, sondern die Liebe zur Menschheit und zu unserem Volk, die Liebe zum Frieden und zur Gerechtigkeit. Freiheit, Weisheit, Liebe 1452 Teil X mögen auferstehen aus den Gräbern dieser furchtbaren Zeit, aus den Trümmern Europas und leuchten über der Neugeburt unserer Nation. Habt ein besseres Gedächtnis!102 (Juni 1946) Am Sonntag, dem 22. Juni 1941, weckte uns ein neues Signal aus dem Schlaf. Es erklang aus allen Lautsprechern, nah und fern, aus geöffneten Fenstern, von allen Straßen und Plätzen. Trommeln wirbelten dumpf, Fanfaren schmetterten, Liszts Les Préludes prankten in sieghaften Variationen und leiteten über in einen Marschgesang, der uns noch nicht bekannt war. Die Nazis pflegten immer so sinnig und einfallsreich die großen Wendepunkte ihrer Geschichte mit einem eigenen Leitmotiv zu garnieren, das sich dann für Sondermeldungen verwerten ließ, wir wussten es wohl. Was aber war geschehen? »Von Finnland bis zum Schwarzen Meer (…)« – hieß es in dem Lied, das da aus rauhen Kriegerkehlen dröhnte. Und dann verlas Goebbels mit emphatisch gedehnter Stimme eine Proklamation, nach der zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder das »Weltjudentum« in seinen beiden Modifikationen – Kapitalismus und Bolschewismus – Deutschland bedrohte. In letzter Minute habe der Weitblick des »Führers« die Gefahr erkannt, so hieß es. Dass in dieser letzten Minute noch Zeit gewesen war, ein für diesen Zweck passendes Kampfgebiet mit Fanfarenzubehör in Auftrag zu geben und komponieren zu lassen – wem fiel das schon auf? Krieg mit Russland! Es war soweit. Die folgenschwerste Wahnsinnstat unserer Geschichte wurde uns als jähe Überraschung zum Frühstück serviert. Für die Überfälle auf die Tschechoslowakei und Polen waren zur Vorbereitung wenigstens noch monatelange politische Spannungen inszeniert worden, die den Vorwand »unhaltbarer Zustände« vortäuschten. Diesmal aber spielte sich die »nationale Notwehr« als blitzartiges Überraschungsmanöver ab, so abrupt und schnell, dass uns kaum Zeit blieb, es zu glauben. Die Ursache war schnell erklärt: Man war einem russischen Angriff zuvorgekommen, man rettete Europa vor dem Bolschewismus, und es traf sich gut, dass man bei diesem edlen Tun gleich die fruchtbare Ukraine und die Ölfelder des Kaukasus würde einheimsen können. Man schlug ja immer viele Fliegen mit einer Klappe und 102 (AH) Zuerst in: Die Weltbühne, Nr. 2, 1946, S. 49–52. 1453Wortmeldungen in der SBZ fuhr gut dabei und nannte es Kolonisationswillen und dynamischen Drang in östliche Weiten. So hatte man weit Gründe genug, ein friedliches Land, dem man durch Verträge verpflichtet war, zu überfallen, mit Panzerkeilen in seine fruchttragenden Felder vorzupreschen, seine Städte mit Bomben in Schutt und Trümmer zu legen, seine Heere Tausende von Kilometern vor sich herzutreiben, bis die sich endlich auffangen und widersetzen konnten. (Denn dass sie ursprünglich völlig überrascht waren von dem präzisen Funktionieren des Planes »Barbarossa«, der schon so lange in den Schubladen des deutschen Generalstabs konserviert war, wurde erst deutlich, als sie ihre tatsächliche Kraft zu entfalten begannen!) Mit dem Überfall auf die Sow jet uni on hatte die politische Verantwortungslosigkeit in Deutschland den Höhepunkt erreicht. Nun aber geschah überall dort, wo Deutschland erst siegreich war und sich dann wieder zurückzog (»auf vorbereitete Stellungen« und »zur Verkürzung der Front«) Schändliches an Werten, Leibern und Seelen. Zehntausende von Fabriken wurden sinnlos zerstört, hunderttausend große Kollektiv-Wirtschaften auf dem platten Lande verwüstet. Neunzigtausend Schulen und fünfzigtausend Theater und Museen wurden in öde Ruinen verwandelt, Tausende von Kirchen gesprengt und zerbombt, sieben Millionen Menschen – Soldaten und Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder – ermordet, fünfundzwanzig Millionen ihrer Habe beraubt, aus ihren Heimen vertrieben, verschleppt und gedemütigt, gepeitscht und zur Fronarbeit gezwungen, von den Angehörigen getrennt und zu Scharen getrieben. Wisst Ihr wohl, was das bedeutet? Wisst Ihr, dass es – so lange ist das gar nicht her – im Namen Deutschlands geschah an einem Volke, das Euch nie behelligt und immer nur ein Ziel verfolgt hatte: den Frieden? Vergesst es nie; denn ein schlechtes Gedächtnis wäre hier durch nichts zu entschuldigen. Vergesst nie, dass in Eurem Namen und mit Eurer Duldung die systematische biologische und wirtschaftliche Vernichtung von unabsehbaren Millionen Menschen betrieben wurde! Man erntet heute wenig Beifall mit einer solchen Mahnung. Wer ist da, dem tatsächlich das Datum und die Erinnerung des 22. Juni die Schamröte ins Gesicht treibt? Sie hörten die Sondermeldungen mit der Russland-Fanfare voller Genugtuung. Sie durchmaßen als Soldaten den Raum zwischen Karelien und Kaukasus. Sie blickten hundertfältig in die vergrämten und leidenden Gesichter russischer Menschen. Sie erlebten die 1454 Teil X furchtbare Not des Krieges in der Hölle von Stalingrad, in den Schneewüsten vor Moskau und Witebsk. Sie strömten in irrer Flucht nach Westen. Sie standen in verrotteten, feuchten Schützengräben, kämpften als Posten mit der lähmenden Gewalt des Schlafes, lagen im Trommelfeuer der Artillerie. Sie haben den Krieg oft verflucht in den vier Jahren des Schreckens. Aber erinnern Sie sich eigentlich noch da ran, wie er zu Stande kam? Am 22. Juni 1946 wurde in Berlin ein neues Kabarett eröffnet, das die politische Satire pflegt. Es ist nicht wenig amüsant, ja, es soll, wie es in der Ankündigung hieß, das beste unter seinesgleichen sein. Aber einmal gab es da eine Pointe, die ausgerechnet an diesem Tage bedenkliche Wirkungen erzeugte. Da wird Deutschland durch ein blondes Dornröschen symbolisiert, das gleich vier Märchenprinzen aus seinem tausendjährigen Schlummer küssen: Die vier Alliierten – Amerika, England, Frankreich und die Sowjet uni on. Und nun setzt Dornröschen sich mit jedem der vier Prinzen auseinander: Dem Franzosen will es das Ruhrgebiet nicht lassen; mit dem Engländer will es zwar eine Cocktail-Party, aber keine Labour-Party machen; vor dem Amerikaner verteidigt es sich gegen den Vorwurf, in der Frauenschaft gewesen zu sein; und zu dem Russen sagt es frank und frei: »Mein Herr, Sie gehen entschieden zu weit!« Zu weit gehen – was heißt das hier? Oder, Spree, Havel und Elbe – das sei »entschieden zu weit«. Mit frecher Stirn wird es gesagt, und das Publikum quittiert es mit minutenlangem demonstrativen Applaus. In der ersten Reihe des Parketts saßen russische Offiziere, Männer, die zweitausend Kilometer ihrer zerstörten und verwüsteten Heimat durchmessen haben. Am 22. Juni 1946 saßen sie in Berlin und mussten sich sagen lassen, dass nun und nach allem Geschehenen ihre Gegenwart an der Spree zu weit gehe. Sie lächelten und waren nicht so humorlos, dagegen zu protestieren. Sie können den Spott vertragen. Aber das schlechte Gedächtnis, dem da eine so taktlose nationalistische Ovation passierte, musste sie erstaunen. Denn wer hatte ihre Gegenwart heraufbeschworen? Doch offensichtlich nur die, die sich fünf blutige Jahre zuvor in ihrer oppositionslosen Untertänigkeit, wenn nicht in ihrer Raubgier zu dem größten Irrtum der deutschen Geschichte hatten verleiten lassen! Und die nun – auf einmal gar nicht mehr oppositionslos und untertänig – den schwärzesten Tag ihrer unmittelbaren politischen Vergangenheit mit der Eröffnung eines Kabaretts feiern und dabei an Konsequenzen herummäkeln, deren Ursachen sie anscheinend längst vergessen hatten. Was war in Euch gefahren, Ihr frenetischen Beifalls- 1455Wortmeldungen in der SBZ spender dieser schlimmen Entgleisung? Klang Euch nicht noch der Tag der voreiligen Siegesfanfaren im Ohr? Ihr waret schon wieder in froher Stimmung und sehr aufgeräumt. Ihr genosset lüstern eine geistige Freiheit, um sie gleichzeitig gegen die zu missbrauchen, die sie Euch überhaupt erst wieder geschenkt haben. Ihr hättet lieber Euch überlegen sollen, was zu tun wäre, die Gegenwart der Alliierten bald überflüssig zu machen, wenn sie Euch tatsächlich so stört. Durch Euren Applaus habt Ihr bewiesen, dass die Alliierten leider durchaus nicht ohne Grund hier sind, ja, dass sie noch gar nicht weit genug gehen. Denn hättet Ihr den bewussten Scherz mit einem spontanen Pfeifkonzert beantwortet, so wäre die Stunde ihres Scheidens nicht mehr ganz so fern gewesen. Faltet Eure von rührigem Beifall beschämend bewegten Hände, an diesem Tage wenigstens, der eingeglüht sein sollte in Eure Erinnerung. Tretet heraus aus Eurem Kabarett, seht die tragischen Ruinen Eurer Häuser, seht die verbitterten, harten Gesichter um Euch her, die zerborstenen Städte, denkt an die sieben Millionen Toten und an die fünfundzwanzig Millionen Obdachlosen Russland. Vergesst nie, was durch Euer Mittun möglich wurde. Habt ein besseres Gedächtnis! Brief an Otto Meier103 (08. Juli 1947) Ich bitte Sie, die beiliegende Denkschrift (Abdruck als nächster Text, AH) aufmerksam zu prüfen, da ich glaube, dass sie einige wesentliche Vorschläge zur Intensivierung unserer Presse- und Propaganda-Arbeit in den Westzonen enthält. Bekanntlich hat der Koordinierungsausschuss des Kontrollrats in den letzten Tagen beschlossen, eine Direktive über den freien Verkehr von Nachrichten, Zeitungen, Zeitschriften, Büchern zwischen allen Zonen Deutschlands auszuarbeiten. Den Zeitungsmeldungen zu Folge ist in allernächster Zukunft ein Ukas des Kontrollrats zu erwarten. Damit eröffnen sich für uns neue Möglichkeiten im Westen. Wir müssen uns meines Erachtens sofort da rü ber klar werden, wie die allgemeine Bewusstseinslage im Westen beschaffen ist, welche Ansatzpunkte sie für uns bietet, wie wir Tendenz, Thematik und Stil derjenigen Publikationen zu gestalten haben, die unter Ausnutzung aller Möglichkeiten des freien internationalen Nachrichtenverkehrs im Westen verbrei- 103 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 08. Juli 1947, adressiert »An den Genossen Otto Meier, Zentralsekretariat der SED«. Harich schrieb als »Theaterkritiker der Redaktion der Täglichen Rundschau«. Die Denkschrift im Anhang dieses Briefes, Abdruck folgt. 1456 Teil X tet werden müssen (und dann natürlich eine möglichst große Wirkung erzielen sollen), und welche konkreten Maßnahmen in dieser Richtung seitens der Partei umgehend zu ergreifen sind. Es trifft sich gut, dass in den letzten Wochen mehrere Genossen und Sympathisierende aus den Westzonen bei mir zu Besuch waren. In ausführlichen nächtelangen Gesprächen, die die Problematik der deutschen Gegenwartssituation von allen Seiten her behandelten, haben sie mir ein ziemlich genaues Bild der Lage (vor allem der durchschnittlichen Bewusstseinslage) von dort vermittelt und mir wertvolle Tipps gegeben, was unsererseits zu tun sei. Ich habe da raufhin eine knappe Analyse der im Westen gegebenen Vo raus set zungen ausgearbeitet und versucht, daraus konkret realisierbare Konsequenzen für unsere Pressearbeit herzuleiten. Die Resultate, zu denen ich gelangt bin, übersende ich in der Anlage. Je einen Durchschlag meiner Denkschrift übersende ich gleichzeitig der Presseabteilung der SMA in Karlshorst und der Chefredaktion der Täglichen Rundschau. Ich bin mir völlig da rü ber im Klaren, dass meine Ausführungen im Einzelnen Fehler enthalten werden, und dass meine Vorschläge nur zum Teil verwirklicht werden können. Ich glaube jedoch, dass ich im Großen und Ganzen die Situation und die sich aus ihr für uns ergebenden Notwendigkeiten richtig einschätze. Meine Denkschrift ist selbstverständlich kein fertiges Rezept, das von der Parteileitung kritik- und diskussionslos und ohne erhebliche Veränderungen angenommen und realisiert werden könnte. Sie ist aber meines Erachtens durchaus geeignet, als Diskussionsgrundlage zu dienen oder zumindest den Anlass zu einer dringend erforderlichen Beratung über unsere Presseund Propaganda-Probleme zu sein. Ich schlage Ihnen deshalb vor: 1) Meine Denkschrift gründlich zu prüfen und Ihren Erfahrungen und Einsichten entsprechend zu verbessern; 2) Meine Denkschrift den Mitgliedern des Parteivorstandes und des Zentralsekretariats zugänglich zu machen und sie mit diesen eingehend durchzudiskutieren; 3) Sich dann seitens der Partei mit den zuständigen Stellen der SMA in Verbindung zu setzen, diesen die erforderlichen Maßnahmen auf dem Gebiete der Presse nahe zu legen, sowie mit ihnen zu beraten, wie die vorhandenen Bedingungen (Papiervorräte, Druckmöglichkeiten, Transportmöglichkeiten, Verwendung von Mitarbeitern, Ent- 1457Wortmeldungen in der SBZ sendung von Korrespondenten usw.) so effektvoll wie möglich ausgenutzt werden könnten; 4) Eine Konferenz der mit Presseangelegenheiten befassten Referenten der Partei einerseits und der Chefredakteure und führenden Mitarbeiter der Zeitungen Neues Deutschland, Tribüne, Vorwärts, Nachtexpress, Berliner Zeitung, Berlin am Mittag, Der Sonntag, Start usw. andererseits einzuberufen und auf dieser Konferenz unter Zugrundelegung meiner Denkschrift (die inzwischen durch das Zentralsekretariat abgeändert und verbessert und auf Grund der Verhandlungen mit der SMA den Gegebenheiten angepasst sein müsste) die notwendigen Schritte zu beraten und in die Tat umzusetzen. Ich selbst halte mich für weitere aktive Mitarbeit bei der Verwirklichung des Programms zur Verfügung und bitte darum, mich gelegentlich informieren zu wollen. Mit sozialistischem Gruß! Denkschrift über die Notwendigkeit einer sofortigen Intensivierung unserer Presse- und Propaganda-Arbeit in den Westzonen104 (08. Juli 1948) An das Zentralsekretariat der SED Berlin, den 08. Juli 1947 Werte Genossen! I. Die marxistische Bewegung und die deutsche Nachkriegssituation Wir alle sind uns da rü ber klar, was der deutsche Faschismus war, der in Deutschland zwölf Jahre lang unter dem demagogischen Tarnnamen »Nationalsozialismus« seine unumschränkte Herrschaft errichtet hatte: Er war die terroristische Diktatur des reaktionärsten, machtgierigsten und aggressivsten Teils der deutschen Großbourgeoisie und des preußisch-deutschen Junkertums. Wir wissen, dass die deutschen Trustherren, die 104 (AH) 31 Blatt, maschinenschriftlich. Harich schrieb als »Mitglied der Kulturabteilung der Täglichen Rundschau«. Dieser Plan gehört sicherlich in den Kontext seiner Versuche, die Weltbühne mit zu begründen und dort eine führende Rolle zu übernehmen. Vorher hatte er selbst den Kurier verlassen und war zur Täglichen Rundschau gewechselt. 1458 Teil X Großgrundbesitzer, die Militaristen des Generalstabs, diese den breiten Massen des werktätigen Volkes tief verdächtigen und durch den Ersten Weltkrieg hinlänglich kompromittierten Reaktionäre, um ihre Ziele durchsetzen zu können, das Volk einerseits unter ihre autoritäre Gewalt zwingen, sich andererseits aber auch im Volk eine Massenbasis schaffen mussten. Das Material zu dieser Massenbasis fanden sie in den desorientierten Massen des Kleinbürgertums, die sie gegen die klassenbewusste Arbeiterschaft mobilisierten, und deren Vorurteile und Illusionen, deren antisemitische und nationalistische Ressentiments, deren romantischen und nebulösen Antikapitalismus sie propagandistisch ausnutzten, um sich so auf eine gewisse Popularität stützen zu können. Systematisierter Terror und pseudosoziale, das Spießbürgertum umschmeichelnde De ma gogie waren die beiden Säulen der faschistischen Tyrannis. Ich möchte diese Thesen, die uns allen selbstverständlich sind, nicht näher begründen. Ich möchte daraus nur einige Folgerungen ziehen, die wir uns unbedingt vergegenwärtigen müssen, wenn es sich darum handelt, die Situation des Marxismus im nachfaschistischen Deutschland zu kennzeichnen und die taktischen und strategischen Aufgaben unserer marxistischen Bewegung den Faktoren dieser Situation realistisch anzupassen. Meine Folgerungen lauten: 1) Der Faschismus war ein letzter, schlimmster Auswuchs des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschafts»ordnung«, er war das höchste Stadium des Imperialismus, der seinerseits das höchste Stadium des Kapitalismus ist. 2) Der Faschismus war daher eine durch und durch bürgerliche Angelegenheit. Seine Initiatoren waren Großkapitalisten und Junker, seine Mitläufer waren Spießbürger. Sofern sich Arbeiter in der faschistischen Bewegung befanden oder diese vor 1933 wählten, handelte es sich um irregeführte Elemente, die entweder überhaupt kein Klassenbewusstsein besaßen oder denen ihr Klassenbewusstsein durch die faschistische De ma gogie deformiert worden war.105 3) Der Faschismus war die schlimmste historische Blamage, der fürchterlichste, das ganze Volk mit sich in den Abgrund reißende Bankrott des Bürgertums. 105 (AH) Siehe zu diesen Ausführungen Harichs Artikel in der Neuen Welt (abgedr. in Band 6.2), vor allem aber die entsprechenden Passagen in seinen Briefen an Georg Lukács (abgedr. in Band 9). Dort die philosophiehistorische Anwendung dieser Überlegungen, gerade bei der Debatte über Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft. 1459Wortmeldungen in der SBZ 4) In Folge dessen kann der Faschismus in der Gesetzmäßigkeit seines gesellschaftlichen Ursprungs, seines Wesens, seiner Entwicklung und seiner katastrophalen Konsequenzen nur vom Klassenstandpunkt des Proletariats aus beurteilt werden. 5) Weil der Faschismus der schlimmste Auswuchs der Herrschaft des Bürgertums war, musste er von vornherein den Marxismus, die ideologische Waffe des klassenlosen Proletariats, mit allen Mitteln bekämpfen und verächtlich zu machen versuchen. Und weil der Faschismus vom marxistisch geschulten klassenbewussten Proletariat den schärfsten und radikalsten Widerstand erwarten musste, musste er vom Tage seiner Machtergreifung im Jahre 1933 an den Marxismus mit allen Mitteln der Gewalt unterdrücken und ihn mit Terror und – nationalistischer, antisemitischer, pseudosozialistischer usw. – Propaganda aus dem Bewusstsein der werktätigen Massen auszurotten versuchen. Auch gewisse bürgerliche Ideologien humanitären, pazifistischen, liberalen Gepräges wurden vom Faschismus bekämpft. Aber der Hauptteil seiner Vernichtungsabsichten richtete sich gegen den Marxismus, während er die meisten Ideologien des Bürgertums noch einigermaßen tolerieren konnte. 6) In Folge dessen ist heute der Marxismus – diejenige Weltanschauung nämlich, die Hitler zunächst einmal ausrotten musste, um Länder rauben, ganze Völker versklaven, die Juden verbrennen und vergasen und »bis fünf Minuten nach zwölf« einen wahnsinnigen »totalen Krieg« führen zu können – die legitimste Ideologie, die es gegenwärtig in Deutschland überhaupt gibt. In der nachfaschistischen Ära hat der Marxismus allen bürgerlichen Ideologien gegenüber einen Vorrang, der ihm nur von profa schistischen oder von solchen Elementen streitig gemacht werden kann, die – in Folge ihres bürgerlichen Blickpunkts – die gesetzmäßigen Zusammenhänge des Faschismus nicht durchschauen können, respektive auf Grund ihrer Interessen und ihrer Klassenapologie auch gar nicht zutreffend erkennen wollen. 7) Der Anspruch des klassenbewussten deutschen Proletariats, nach dem faschistischen Fiasko der Herrschaft des Bürgertums die Macht zu ergreifen und den deutschen Wiederaufstieg zu organisieren, und der Vorrang des Marxismus als der legitimsten Ideologie schlechthin – das sind nur zwei Aspekte ein- und derselben Sache. Nur vom marxistischen Standpunkt aus ist der Faschismus, das Wesen des Faschismus überhaupt begreifbar. Nur von der marxistischen Arbeiterbewegung kann der Faschismus radikal überwunden werden. Und nur die marxistische Arbeiterbewegung hat den legitimen geschichtlichen Anspruch und die Fähigkeit, die Probleme der nachfaschistischen Si- 1460 Teil X tuation in Deutschland zu meistern und das deutsche Volk auf dem Weg der nationalen Besinnung und des Aufbaus zu führen. Schließlich kann auch nur die marxistische Arbeiterbewegung ein einiges, friedliches, demokratisches Deutschland garantieren, wie es den Interessen der anderen Völker der Erde entspricht. Das sind nun fundamentale Einsichten, auf die sich das Bewusstsein der Gerechtigkeit und Notwendigkeit unserer Sache gründet, und die ich Euch gegenüber eigentlich gar nicht erst zu betonen brauchte. Aber es ist hier notwendig, sich dieser Dinge noch einmal prinzipiell zu vergewissern; denn wie unabdingbar sie auch für uns sind, es ist doch eine Tatsache, dass von einer Herrschaft der Arbeiterklasse in Deutschland ebenso wenig die Rede sein kann wie von einem Vorrang der marxistischen Lehre vor den bürgerlichen Ideologien. Es ist eine Tatsache, dass die marxistische Bewegung sich in der Ostzone gegen tausend Widerstände, gegen das kompakte Misstrauen eines großen Teiles der Bevölkerung durchsetzen muss, während sie in den Westzonen vollends in eine, zur Zeit mehr oder weniger wirkungslose Oppositionsrolle gedrängt ist. Es ist verständlich, dass mancher Genosse dadurch bisweilen entmutigt ist. Wir alle haben eigentlich erwartet, dass es nach dem Zusammenbruch der Hitlertyrannei in Deutschland doch sehr anders werden würde als es sich augenblicklich verhält. Es wäre nun völlig unmarxistisch, wollten wir dieser – menschlich verständlichen – Enttäuschung nachgeben, wollten wir die Ungerechtigkeit der Welt beklagen und nun deshalb die Flinte ins Korn werfen, weil der Abgang des Herrn Hitler nicht mit dem Anbruch des sozialistischen Zeitalters identisch war. Worauf es für uns ankommt, ist dies: Die vorhandenen realen Bedingungen zu untersuchen und auf Grund der Einsicht in diese Bedingungen das Beste zu tun, was wir für unsere Sache tun können. Die Frage ist: Mit welchen Widerständen müssen wir in Deutschland rechnen? Und wie können wir mit diesen Widerständen fertig werden und unsere Sache durchsetzen? Damit wird nun ein sehr komplizierter, sehr vielschichtiger Problemkomplex aufgerollt, dessen Behandlung identisch wäre mit einer umfassenden Theorie der Strategie und Taktik unserer Bewegung in der deutschen Nachkriegssituation. Man könnte dicke Bücher da rü ber schreiben. Aber ich möchte hier nur das herausgreifen, was wir bedenken müssen, wenn unsere Presse- und Propaganda-Arbeit zur Debatte steht. Genau so wie unser politischer Kampf auf eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse abzielt, zielt unsere Presse- und Propaganda-Arbeit auf eine Umwälzung 1461Wortmeldungen in der SBZ des Bewusstseins der Massen ab. Beide sind nur zwei Modifikationen ein- und derselben politischen Aktivität, und es liefe auf eine Abstraktion hinaus, das eine ohne das andere sehen zu wollen. Die Bewusstseinsinhalte, die ein Produkt letzten Endes des gesellschaftlichen Zustandes sind, dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Dennoch ist ja in unserer Presse- und Propaganda-Arbeit stets die notwendige Bezugnahme auf die konkrete Totalität der gesellschaftlichen Erscheinungen insofern enthalten, als die realen aktuellen Ereignisse die Thematik unserer Presse- und Propaganda-Arbeit bestimmen, als unsere Presse- und Propaganda-Arbeit eigentlich in einer, der geschichtlichen Entwicklung auf den Fersen bleibenden, unentwegten dialektisch-materialistischen Interpretation der Geschichte besteht, die zugleich in jeder gegebenen Situation den werktätigen Massen den Weg und die Richtung des Handelns weist. Weder passive Betrachtung, noch Aufruf zur Aktivität ohne wissenschaftliche Berücksichtigung der realen Vo raus set zungen, sondern ständige Aufklärung der Massen durch eine Methodologie des Handelns auf der Basis des Wissens und eine Methodologie des Wissens auf der Basis des Handelns. Nochmals also: Mit welchen Widerständen müssen wir in Deutschland rechnen? Welche Bedingungen und Vo raus set zungen müssen wir berücksichtigen, wenn wir unsere Presse- und Propaganda-Arbeit so wirksam wie nur irgend möglich ansetzen wollen? Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn wir uns der Bewusstseinslage des deutschen Volkes nach dem Zusammenbruch des Faschismus vergewissert haben. Ein deutscher Trotzkist, der jetzt in Kuba lebt, August Thalheimer, hat es sich in seinen hektographierten Broschüren, die er von jenseits des Ozeans in regelmäßigen Abständen unter dem Decknamen »Aldebaran« an die SAP in Offenbach schickt, mit der Analyse der Bewusstseinslage des deutschen Volkes sehr, sehr leicht gemacht. Thalheimer-Aldebaran meint, die Massen des deutschen Volkes, insbesondere die deutsche Arbeiterklasse, seien unter dem Faschismus einem furchtbaren Druck ausgesetzt gewesen – in Folge dessen sei jetzt die deutsche Arbeiterklasse die revolutionärste Arbeiterklasse der Welt und auch die ursprünglich nichtproletarischen, durch den Faschismus und den Krieg aber proletarisierten Schichten des Kleinbürgertums wären radikal geworden und ließen sich leicht durch die Arbeiterklasse zur Revolution mobilisieren. Thalheimer folgert, echt trotzkistisch, dass deshalb die Weltrevolution von der deutschen Arbeiterklasse ausgelöst werden müsse, und da die Besatzungsmächte nur deshalb in Deutschland wären, um den Sozialismus nieder zu halten, müsse die Weltrevolution 1462 Teil X mit einer nationalistischen Empörung des deutschen Volkes gegen diese Besatzungsmächte eingeleitet werden. Diese nationalistische Empörung zunächst einmal zu entfachen – da rin bestehe die Aufgabe der sozialistischen Bewegung in Deutschland. Der Genosse Prof. Werner Krauss (Marburg) hat in der Einheit sehr richtig da rauf hingewiesen, dass dieses angeblich marxistische Programm des Trotzkisten Thalheimer-Aldebaran von den Zielsetzungen des Werwolfs eigentlich gar nicht allzu weit entfernt ist. Ich will hier nicht näher da rauf eingehen, dass es sich hier um das blödsinnige Hirngespinst eines unverbesserlichen Utopisten handelt, auch nicht da rauf, dass die Aufgabe der marxistischen Bewegung gegenwärtig weiß Gott nicht in der Entfesselung der Weltrevolution, sondern in der Errichtung eines einheitlichen demokratisch-parlamentarischen Deutschland mit bestimmten fortschrittlichen Reformen und starken Sicherungen gegen Reaktion und Faschismus besteht. Was mir aber als bemerkenswert erscheint, ist die These, dass durch den Druck des Faschismus in Deutschland so etwas wie ein revolutionärer Bewusstseinsinhalt in den werktätigen Massen des deutschen Volkes entstanden sein müsse. Druck erzeugt Gegendruck, gewiss, aber so primitiv darf man die Dialektik dann doch wiederum nicht handhaben, auch dann nicht, wenn man in Kuba sitzt und nichts davon ahnt, dass die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes, von jedem revolutionären Bewusst seinsin halt meilenweit entfernt, noch im vierten Kriegsjahr auf die göttliche Sendung des »Führers« und die Wunderwaffen vertraute, die Herr Goebbels zu propagieren nicht müde wurde. Hier scheint mir das entscheidende Problem zu liegen, das von allen jenen Genossen prinzipiell verfehlt wird, die fassungslos erstaunt sind, dass in Deutschland heute noch, trotz der wahrlich vernehmbar genug mahnenden Sprache der zertrümmerten Städte, ein kompakter Nazismus möglich ist. Wie kommt es dann, dass trotz des Drucks der faschistischen Tyrannei, trotz der unanfechtbaren Legitimität der politischen Ansprüche des klassenbewussten Proletariats, trotz der unanfechtbaren Legitimität der marxistischen Lehre, trotz des tausendfach erwiesenen Bankrotts der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, trotz der zertrümmerten Städte, die doch ein einziges unentwegtes Wachrütteln des Gedächtnisses der Massen sein sollten – dass trotz alledem das deutsche Volk bis tief in die Arbeiterschaft hinein nicht nur nicht revolutionär gestimmt, sondern mit bürgerlichen Vorurteilen und Illusionen vollgestopft und zu einem guten Teil sogar 1463Wortmeldungen in der SBZ ausgesprochen faschistisch verseucht ist? Meiner Meinung nach hat das folgende Gründe: 1) Da es sich beim Faschismus – wie gesagt – um einen letzten, schlimmsten Auswuchs des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaftsordnung handelt, ist ein radikales Durchschauen seines Ursprungs und Wesens und eine Aufzeigung der Möglichkeiten seiner radikalen Überwindung nur vom Klassenstandpunkt des Proletariats aus denkbar. Jede andere – bürgerliche – Betrachtungsweise muss von vornherein die Zusammenhänge verfehlen und sich in hoffnungslosen Täuschungen festlaufen. 2) Wenngleich der Faschismus in erster Linie eine antiproletarische Erscheinung (die schärfste der gesamten Epoche des Kapitalismus) war, so haben gewisse frühe oder späte Entwicklungstendenzen des Faschismus doch gerade auch große Teile des Großbürgertums und fast das gesamte Kleinbürgertum in zunehmendem Maße in Mitleidenschaft gezogen und diese zahllosen Opfer zu einer – subjektiv vielleicht mehr oder minder ehrlichen – Abkehr gezwungen, die sich jedoch, weil vom unerschütterten bürgerlichen Klassenstandpunkt abhängig, die Einsicht in das Wesen des Faschismus mit allen möglichen Geschichtsverfälschungen verstellt und eine allzu gründliche Überwindung des Faschismus nun auch wiederum abwehren möchte. Der Faschismus ist eben eines jener Probleme, die beunruhigend und zerstörerisch innerhalb des Herrschaftsbereichs der Bourgeoisie auftauchen, und die von der Bourgeoisie zwar »abgelehnt«, aber weder verstanden noch gelöst werden können, weil die Lösung bereits über den Kapitalismus hinausweist. Der Bremer Großkaufmann, der Hitler hasste, weil er den Überseehandel ruinierte, der durch eine »Stilllegungsaktion« des totalen Krieges betroffene Fabrikant von Konsumtionsmitteln, der den Nazis und ihrer ausschließlichen Kriegsproduktion von einem gewissen Zeitpunkt an feind war, der Bekenntnisgeistliche, dessen Antifaschismus sich in einem Lamentieren über die Kirchenverfolgungen des »Dritten Reiches« erschöpfte, und der jetzt in den ganz anders motivierten Bestrebungen der Linken, Kirche und Staat zu trennen, eine Wiederholung des gleichen gottlosen Frevels vermutet, der bürgerliche Jurist, den die faschistischen Rechtsbrüche alarmierten, ohne ihn zum Nachdenken über deren klassenmäßige Motivierung zu veranlassen, der Konservative, dem die SA-Rowdies nicht fein genug waren und der Hitler beharrlich »den Anstreicher« nannte, der Militarist, der sich an der Revolte des 20. Juli beteiligte, in der bewussten oder unbewussten Hoffnung, den Militarismus durch einen »ehrenvollen« Kompro- 1464 Teil X missfrieden mit den Alliierten retten zu können, der Spießbürger, der den Blitzsiegen der ersten Kriegsjahre noch begeistert applaudierte und es heute Hitler nur übelnimmt, dass er den Krieg verlor, der individualistische bürgerliche Intellektuelle, der sich vom Faschismus nur deshalb distanzierte, weil ihn die Massenbewegung als solche und die autoritäre geistige Ausrichtung erschreckten – sie alle sahen und sehen nur irgend einen isolierten, einen bestimmten sie selbst in ihrem bürgerlichen Sein beunruhigenden Aspekt des Faschismus und sind – obwohl »schon immer dagegen« – eben deshalb unfähig, ihn inklusive aller seiner gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen und Folgeerscheinungen als ein in sich notwendiges Ganzes zu begreifen. Sie sind vielleicht ehrliche Antifaschisten, und sofern sie es sind, hat der Faschismus ihnen einen Schock, eine ideologische Erschütterung verursacht, die sich bei vielen von ihnen unter bestimmten, noch hinzukommenden Bedingungen zur Aufgabe des bürgerlichen Klassenstandpunkt und der damit notwendig verbundenen Täuschungen ausweiten ließe. Aber solange ihnen die gesellschaftlichen Verhältnisse noch irgend eine Gelegenheit lassen, an ihrem Klassenstandpunkt festzuhalten – und diese Gelegenheit haben sie in Deutschland gegenwärtig in reichlichem Maße –, solange werden sie sich auch mit Hilfe irgendwelcher sachlich falscher, aber klassenapologettisch nützlicher Dressate um die dialektisch-materialistische Einsicht in das Wesen und die konkrete Totalität des Faschismus herum zu drücken wissen. Wer den Faschismus – aus moralischen, religiösen oder sonstwelchen Motiven – ablehnt, dabei den kapitalistisch-imperialistischen Charakter des Faschismus bestreitet oder bagatellisiert und diesen als »Diktatur«, »Totalitarismus«, »Vermassung« etc. abzutun meint, gibt eine bürgerliche Deutung, die die Sache verfehlt und angefüllt ist mit dem »schlechten Gewissen und den bösen Absichten« der kapitalistischen Apologie. Die deutsche Bourgeoisie, die nur zu gerne den kapitalistischen Charakter des Faschismus ignorieren möchte, hat ihr lächerliches Sinnbild in jenem Pg, der es vor der Entnazifizierungskommission als antifaschistische Aktivität gewertet wissen möchte, dass er im vierten Kriegsjahr den Londoner Sender abhörte oder zu einem Juden mitleidig war. Und wir müssen wissen, dass die momentane Situation in Deutschland, die unter anderem durch die wirksame Gegenwart der Armeen der kapitalistischen Staaten gekennzeichnet ist, der deutschen Bourgeoisie reichlich Gelegenheit bietet, in ihren apologetischen Verfälschungen des Faschismus diesen ungeschmälert aufzubewahren 1465Wortmeldungen in der SBZ und ihn in neue, den Opportunismen der Situation entsprechende Modifikationen hinüber zu retten. 3) Breite Schichten des Bürgertums sind durch den Faschismus einer völligen Proletarisierung anheimgefallen. Sie halten dabei an bürgerlichen Vorstellungen fest, bleiben bürgerlichen »Idealen« »treu«, obwohl die längst nicht mehr zu ihrer realen gesellschaftlichen Lage passen. Dieses »falsche« Bewusstsein, dieses anachronistische Überhängen der traditionellen Ideologie über das reale Vorhandensein einer entsprechenden gesellschaftlichen Lage hinaus leistet, typische Erscheinung bei jeder »Lum pen bourgeoi sie«, der Anstauung sozialer Ressentiments erheblichen Vorschub. Diese Elemente können nur schwer Anschluss zu der proletarischen Klasse, zu der sie an sich schon gehören, gewinnen, um so leichter reagieren sie ihre Gefühle in einem Chauvinismus ab, besonders dann, wenn ihre Verelendung – an sich das notwendige Resultat der gewissenlosen Kriegspolitik der imperialistischen Bourgeoisie – mit einem verlorenen Krieg identisch ist, den sie in seinem aussichtsreichen Blitzsieg-Stadium erst einmal bejubelten. 4) Ein besonders verschärftes Ressentiment ist vor allem bei denjenigen Teilen der proletarisierten Bourgeoisie erklärlich, die – schuldlos oder schuldig – unter den Folgen des Krieges besonders schwer zu leiden haben (wie die Millionen Heimatlosen aus den früheren Provinzen des deutschen Ostens) oder, als Anhänger des Faschismus in höherem Maße als andere politisch und moralisch kompromittiert, durch die notwendige Säuberung der öffentlichen Positionen gesellschaftliche Zurücksetzungen aller Art erdulden müssen. Diesen Menschen (es sind Hunderttausende und Millionen) wird es besonders schwer fallen, einzusehen, dass letzten Endes auch ihre Lebensinteressen die konsequente Demokratisierung Deutschlands erfordern, und ebenso werden sie nur schwer der wahrheitsgemäßen, der marxistischen Deutung des Faschismus zustimmen können, deren Akzeptierung für sie ja gleichbedeutend wäre mit rigorosen Peinlichkeiten, nämlich für die Pgs mit dem Eingeständnis ihrer politischen und moralischen Schuld und für die Heimatlosen gleichbedeutend mit der Konsequenz, ein für alle Mal der Illusion einer Wiedergewinnung der verlorenen deutschen Ostprovinzen ab zuschwö ren. 5) Abgesehen von seiner Zersetzung und Überfremdung durch massierte Kräfte des verelendeten Bürgertums ist das Proletariat die einzige Klasse, der zunächst und vor allem der Faschismus als Ganzes begreifbar werden kann, ebenso wie einzig und allein das Proletariat nach dem katastrophalen Resultat der Politik des deutschen Bürgertums 1466 Teil X fähig wäre, durch konsequente Durchsetzung seiner Klasseninteressen die Situation des Zusammenbruchs zu meistern, ein friedliches und freiheitliches demokratisches Deutschland aufzubauen und einen Aufstieg des deutschen Volkes zu garantieren. Nichtsdestoweniger ist das deutsche Proletariat keineswegs etwa revolutionär gestimmt. Druck erzeugt zwar Gegendruck, aber der faschistische Druck pflegte sich mittels einer die Massen umschmeichelnden pseudosozialen De ma gogie abzudämpfen. Man darf sich keinen Illusionen da rü ber hingeben, dass das zwölfjährige konzentrierte Bemühen des Faschismus, das Klassenbewusstsein des Proletariats mit Gewalt und Propaganda zu zerstören, nicht ohne verheerende Folgen geblieben ist. Die Verhaftung, Hinmordung oder Verbannung der wichtigsten und aktivsten Gewerkschaftler und sozialistischen und kommunistischen Funktionäre, das strikte Verbot des Marxismus, gewisse anfängliche täuschende Scheinerfolge der Faschisten wie die von ihnen de ma go gisch gehörig ausgeschlachtete »Beseitigung der Arbeitslosigkeit«, die pseudosoziale De ma gogie, die das Klassenbewusstsein in den Sumpf des kleinbürgerlichen Utopismus abdrängte, das systematische Abfangen der sozialistischen Impulse der Werktätigen mittels Chauvinismus und Rassenhass, die psychologischen Wirkungen des jahrelangen Dienstes bei einer Armee, die in fast ganz Europa den Herrn und Unterdrücker spielte, die Erhöhung deutscher Arbeiter zu Sklavenaufsehern über zwangsverschleppte ausländische Klassengenossen – alle diese Dinge haben das Bewusstsein breiter Massen auch des deutschen Proletariats vergiftet, mit Vorurteilen infiziert und bürgerlich zersetzt, so dass auch hier eine nihilistische Standpunktlosigkeit und gewisse Rudimente von nationalsozialistischem Ressentiment geltend geworden sind. Die Sozialdemokratie, die noch nie so weit vom Marxismus entfernt war wie sie es unter Herrn Schumacher ist, bringt diese Tendenzen deutlich zum Ausdruck. Es ist eine Partei, in der sich proletarisierte Bürger (mit bürgerlichem Bewusstsein) und verspießerte Proletarier (ohne proletarisches Bewusstsein) unter nationalistischen Parolen, alle noch marxistischen Elemente rigoros bei Seite drückend, gegen den Sozialismus zusammenrotten. 6) Der Faschismus trat in Deutschland primär nicht als antinationaler Unterdrücker (wie in den von Deutschland okkupierten europäischen Ländern), sondern als nationalistische Bewegung auf. In den besetzten europäischen Ländern konnte es während des Krieges durch die bloße Tatsache der deutschen Okkupation zu einer problemlosen Kongruenz von Antifaschismus und Nationalbewusstsein kommen. Es waren – vor 1467Wortmeldungen in der SBZ allem in Frankreich – die herrschenden Klassen der unterdrückten Völker, die sich durch Kollaboration mit den faschistischen Eroberern im Sinne eines nationalen Verrats kompromittierten. In Deutschland konnten umgekehrt die herrschenden Klassen ihre imperialistische Expansion mit nationalen Prätentionen zieren. Aus diesem Grunde bedarf die Herstellung von Nationalbewusstsein und Antifaschismus in Deutschland einer Vorurteilslosigkeit, die man bei breiten Bevölkerungsschichten nicht voraussetzen kann. Dieser tragische Umstand verhindert weitgehend, dass der Faschismus von den Deutschen als antinationale, volksfeindliche Kraft begriffen werden kann, zumal er ja die hungrigen Mäuler eine lange Zeit hindurch mit Geraubtem aus den eroberten Ländern zu stopften im Stande war. 7) Als natürliche Konsequenz des faschistischen Krieges herrscht in Deutschland ein furchtbarer Notzustand, dessen lastende Gegenwärtigkeit der bürgerlichen, d. h. kurzsichtigen Betrachtungsweise täglich und stündlich die eigentlichen historischen Ursachen mehr und mehr entrückt, den Sieg der Alliierten nicht mehr als das, was er war, als Befreiung erkennen lässt, wiederum die sozialistischen Gefühle ins Nationalistische abdrängt und so jeglicher Verfälschung der Zusammenhänge Vorschub leistet. Um die gegenwärtige Not in ihrem Ursprung zu begreifen, müssen die Deutschen die innere Kraft zu einer notwendigerweise unpopulären Blickrichtung auf ihre blamable Vergangenheit finden. Der Marxismus, der allein die Ursachen in der Vergangenheit aufzuzeigen kann, muss also unpopulär sein. 8) Alle diese Schwierigkeiten könnten von unserer Partei nur dann überwunden werden, wenn erstens durch konsequente Demokratisierung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Verwaltungsapparats eine politische Aktivierung der Massen für den Fortschritt erreicht werden würde, die eine fundamentale Veränderung des Bewusstseinszustandes bewirken und mehr und mehr stabilisieren müsste, und wenn zweitens der Marxismus auf allen Gebieten der Bildung und Erziehung, der Aufklärung der Massen durch Presse und Rundfunk usw. die Vorherrschaft über die bürgerlichen Ideologien erringen könnte. Durch die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Umwälzung des durchschnittlichen Bewusstseinsinhalts werden die Widerstände, mit denen unsere Bewegung in Deutschland zu ringen hat, fallen. Diese Feststellung hat aber nur rein hypothetischen Wert; denn tatsächlich verhält es sich so, dass unsere Bewegung unter den angeführten Schwierigkeiten und gegen die starken Widerstände zunächst einmal für die Demokratisierung der Wirtschaft und 1468 Teil X den Primat des Marxismus kämpfen muss. Restlose Demokratisierung der Wirtschaft in ganz Deutschland wäre zwar nach dem Zusammenbruch des Faschismus das einzig Vernünftige, aber deswegen kann noch lange nicht davon die Rede sein, dass dieses Vernunftgebot schon erfüllt wäre. Ebenso wäre nach dem Zusammenbruch des Faschismus der Marxismus die einzige Ideologie mit legitimen Geltungsansprüchen, aber deswegen ist sie trotzdem doch noch weit davon entfernt, die in Deutschland herrschende Ideologie zu sein. In den westlichen Besatzungszonen ist, protegiert und gefördert durch die Armeen der bürgerlich-kapitalistischen Demokratien, eine Restauration des deutschen Kapitalismus und der bürgerlichen Klassenherrschaft im Gange, wobei sich eine immer stärker werdende Tendenz bemerkbar macht, den deutschen Kapitalismus hinter den mannigfaltigen Schutzwällen föderaler Lokalkompetenzen zu verschanzen, ihn in den amerikanisch bemutterten Westblock einzufügen, ihn womöglich gar an amerikanische Monopolkapitalisten zu verschachern und bei alledem die deutsche Bourgeoisie mitsamt ihrer nunmehr sozialdemokratischen Massenbasis zum Lakaien, Juniorpartner und Polizeibüttel des Dollarimperialismus zu machen. Die bürgerlichen Ideologien haben dementsprechend in den westlichen Besatzungszonen auch das eindeutige Primat; denn selbst wenn die westlichen Alliierten so tolerant wären (sie sind es weiß Gott nicht!), dem Marxismus in ihren Zonen völlige Gleichberechtigung neben den bürgerlichen Ideologien einzuräumen, so wäre selbst das noch in Anbetracht des eben charakterisierten Bewusstseinszustandes des deutschen Volkes eine ganz erhebliche Benachteiligung des Marxismus. In der sowjetischen Besatzungszone ist es fundamental anders. Die Demokratisierung der Wirtschaft ist hier erheblich fortgeschrittener, aber auch hier ist die fortschrittliche Entwicklung gehemmt durch die Rücksichtnahme der Linken auf die Notwendigkeit einer einigermaßen einheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur in ganz Deutschland. Der Marxismus hat in der sowjetischen Zone erhebliche Entfaltungschancen, aber es ist doch den bürgerlichen Einflüssen in der Presse und im Bildungswesen ein derartiges breites Betätigungs- und Wirkungsfeld überlassen, dass es nur sehr allmählich und nur in ständigem Kampf gegen stärkste psychologische Widerstände und ideologische Vorurteile zur Veränderung des Bewusstseinszustandes und zur Überwindung der in Punkt 1 bis 7 angeführten Hemmnisse in der Ostzone kommen kann. 1469Wortmeldungen in der SBZ 9) Indessen ist Deutschland durch die Viermächtebesatzung zu einem Feld internationaler Spannungen geworden, die nicht nur auf den machtpolitischen, sondern auf den fundamentalen ökonomischen, gesellschaftsstruktursmäßigen und ideologischen Gegensätzen zwischen amerikanischem Monopolkapitalismus und sowjetischem Sozialismus beruhen. Die Verkennungen und Missdeutungen des Faschismus, wie sie sich die bürgerliche Klassenapologie vorzaubert, werden dadurch enorm gekräftigt und bestätigt, dass sie im Westen opportun geworden sind und, obwohl sie ihrer Absurdheit wegen an sich zum Fallen überreif wären, durch ein schleunigst umorientiertes, den neuen Tendenzen angepasstes bürgerliches Klasseninteresse prall geschwellt, aufs Neue in Aktion treten. Man kann heute in Deutschland sagen, man sei Antifaschist gewesen, weil der Faschismus »totalitär« gewesen sei, und deshalb müsse man nun konsequenterweise antisowjetisch sein, man kann diesen absonderlichen »Antifaschismus« mit den gleichen blödsinnigen Argumentationen vortragen, die man vorher für den Faschismus geltend machte – und die gesamte deutsche Bourgeoisie wird das mitsamt ihren englischen und amerikanischen Gouvernanten durchaus in Ordnung finden. Man kann sich heute ebenso als Förderalist aufspielen, und man kann das damit begründen, dass der Zentralismus zur faschistischen Diktatur gehört habe – und auch diesen heillosen Unsinn wird jeder für ein Argument halten. Auf diese Weise wird der Faschismus im Westen mit den typischen formalistischen und abstrakten Kategorien des bürgerlichen Denkens (»Totalitarismus«, »Diktatur«, »Zentralismus«) abgetan, und indem diese Kategorien zur Diskreditierung der marxistischen Arbeiterbewegung benutzt werden können, erhalten sie wiederum eine zumindest faschistoide Funktion im Klassenkampf. Irrtümer können so blödsinnig sein wie sie wollen, tausendmal widerlegt, doch werden sie durch kein noch so gewichtiges Gegenargument aus der Welt geschafft werden, so lange sie nur als ideologische Waffe, als Narkotikum zur Einschläferung der Massen oder als apologetische Rechtfertigung der um ihre Macht kämpfenden Bourgeoisie eine gesellschaftliche Funktion haben. In Deutschland – da rü ber wollen wir uns nichts vormachen – haben die Irrtümer eine solche Funktion. Es sind Hirngespinste, gewiss, aber der Faschismus dürfte bewiesen haben, dass man die potentielle Gefährlichkeit von Hirngespinsten gar nicht ernst genug nehmen kann. 10) Wenn man von den antimarxistischen Strömungen in Deutschland spricht, darf man die antisowjetischen Strömungen nicht vergessen. Breite Bevölkerungsschichten haben in Deutschland seit eh und je vor Russland eine panische Furcht. Sie fühlen sich seit vielen Generationen mehr nach dem Westen hingezogen, empfinden den Westen 1470 Teil X als eine verwandte und vertraute Welt, den Osten hingegen als unheimlich und fremd. Dieses Gefühl hat sich schon längst vor 1933, eigentlich seit dem Ausbruch der Russischen Revolution, mit dem Kommunistenschreck des deutschen Spießers zu einer schier unüberwindbaren Aversion verdichtet. Dazu kam nun die systematische antibolschewistische Hetze der Nazis, dazu kommt ferner das schlechte Gewissen all derer, die bei Hitlers plündernder und verwüstender Armee in Russland waren. Eine weitere Verstärkung des Antisowjetismus ist dadurch bedingt, dass Deutschland in Folge des Krieges gerade im Osten die empfindlichsten territorialen Einbußen zu erleiden hatte, und dass die sowjetische Okkupation auf Grund der Kriegsverwüstungen in Russland zu Demontagen deutscher Industriewerke gezwungen ist. Viele Ereignisse, die sich während der Kämpfe auf deutschem Gebiet zutrugen, sind ein weiteres psychologisches Moment, das nicht unterschätzt werden darf. Das alles verschärft das Misstrauen und den Hass gegen die marxistische Arbeiterbewegung, die als »Agent« der Sow jet uni on diskreditiert wird. Die Hetze gegen die Sowjet uni on und die Verbreitung von Gräuelmärchen über die sowjetische Besatzungszone sind dann auch die beliebtesten und wirksamsten Mittel der bürgerlichen an timar xistischen De ma gogie, die die westlichen Alliierten in ihren Zonen nach Kräften fördern. Der Erfolg ist verblüffend: Es gibt bereits wieder zahlreiche Elemente, die einen Krieg herbeisehnen und lieber heute als morgen an einem neuen antibolschewistischen Kreuzzug teilnehmen würden. Die antibolschewistischen Hetzereien der Schuhmacher-SPD tragen zur Verbreitung dieser Stimmung in hohem Maße bei. Mit diesen Punkten glaube ich die Widerstände, mit denen unsere Partei bei ihrer Presse- und Propaganda-Arbeit zu rechnen hat, einigermaßen zutreffend charakterisiert zu haben. Unsere Partei hat diesem Wust an Hemmnissen eigentlich nur eines entgegenzusetzen: Die Kraft der Wahrheit des Marxismus. Sie wird der bürgerlichen De magogie daher strategisch immer überlegen sein; denn sie kann ihre Thesen unwiderlegbar beweisen, braucht um kein Wahrheitskriterium verlegen zu sein und kann sich da rauf stützen, dass ihre Prognosen eintreffen und ihre Forderungen und Zielsetzungen den elementaren Interessen der weit überwiegenden Mehrheit des Volkes entsprechen. Wir müssen uns aber auch da rü ber klar sein, dass in der Taktik das Bürgertum überlegen zu sein pflegt. Das Bürgertum hat auf weite Sicht überhaupt keine Zielsetzung, so lange es existiert wird es, ganz kurzsichtig und immer nur auf die Vorteile des nächsten Augenblicks bedacht, Eintagsfliegenpolitik betreiben. Aber die taktischen 1471Wortmeldungen in der SBZ Schliche und Kniffe dieser Politik beherrscht das Bürgertum blendend. Demgegenüber ist unsere Taktik meistens primitiv und plump. Wer von uns hätte beispielsweise gedacht, dass es dem Bürgertum so leicht fallen würde, Faschismus und Kommunismus unter den Sammelbegriff »Totalitarismus« zu subsumieren und auf diese Weise eine überaus wirksame, zugkräftige De ma gogie zu entfalten, die die von Hitler niedergeknebelten Freiheitsbedürfnisse der Massen ausgerechnet gegen die Befreier mobilisiert? Das ist nur ein Beispiel von vielen. Die Geschichte der bürgerlichen Klassentaktik ist die Geschichte der Verlogenheiten, der Pervertierungen, der Verdrehungen, der Verfälschung und der Umwertung aller Werte. Unsere marxistische Taktik kann das gar nicht sein, sie wird immer da rin bestehen, die Wahrheit zur Geltung zu bringen, die Massen von der Wahrheit, mit der allein sie sich befreien können, zu überzeugen – freilich in einer propagandistischen Form, die den vorhandenen Bedingungen der jeweiligen taktischen Situation angepasst ist. Ich habe die bewusstseinsmäßigen Vo raus set zungen unserer gegenwärtigen Kampfsituation zu beschreiben versucht, und diese Vo raus setzungen muss man beachten, wenn man eine wirksame Presse- und Propaganda-Arbeit in Deutschland entfalten will. Ich will mich nun da rauf spezialisieren, zu zeigen, wie das Problem unserer Presse- und Propaganda-Arbeit im Westen angepackt werden muss. II. Vo raus set zungen für unsere Presse- und Propaganda-Arbeit im Westen Um die Vo raus set zungen, wie wir sie bei der Entfaltung unserer Presse- und Pro pa ganda-Arbeit in den Westzonen zu berücksichtigen haben werden, richtig kennzeichnen zu können, möchte ich diese mit der Lage in der Ostzone vergleichen. Auch in der Ostzone existieren die von mir soeben beschriebenen mannigfaltigen Hemmnisse, die bürgerliche Klassenapologie, die ein Begreifen des Faschismus und eine Weckung der Energien zu seiner Überwindung in den Massen beeinträchtigt, die psychologische Verfassung der Deklassierten, die Ressentiments der Pgs und der Heimatlosen, die Deformierung des proletarischen Klassenbewusstseins, der Nationalismus, die Tendenz, die gegenwärtige Not der Besatzungsmacht und den demokratischen Behörden in die Schuhe zu schieben, das Sympathisieren mit dem Westen, der Hass auf die Russen usw. Aber unsere Partei hatte doch Gelegenheit, an Boden zu gewinnen. Die Bevölkerung der Ostzone kann sich zunächst einmal täglich und stündlich davon überzeugen, dass die Russen die Interessen des deutschen Volkes im Auge haben. Die Bevölkerung in den Westzonen kann das nicht. Was sie aus den Zeitungen über die Ostzone erfährt, 1472 Teil X sind meist übelste tendenziöse Entstellungen, aufreizende Verleumdungen und Hetzereien. Entscheidend ist ferner, dass der kleinbürgerliche Opportunismus viele zur SED treibt oder doch zu einer loyalen Haltung gegenüber der SED veranlasst. Dadurch hat die SED in der Ostzone die Möglichkeit, Kreise, die er sonst gänzlich fern und ablehnend gegenüber stünden, marxistisch zu beeinflussen und deren kleinbürgerlichen Opportunismus durch ständige überzeugende Argumentation allmählich in echte sozialistische Überzeugung zu verwandeln. Eine solche Möglichkeit hat unserer Partei in den Westzonen, wo es für die Spießer gerade opportun ist, antimarxistisch zu sein, nicht. Im Übrigen übt die Arbeiterbewegung im Osten, wo sie eine geschlossene Kraft und auch im Bauerntum verankert ist, eine stärkere Faszination aus als im Westen, wo sie gespalten ist. Durch die Bodenreform war in der Ostzone einer Ansiedlung vieler Umsiedlermassen möglich, dadurch wurde den Heimatlosen ein neuer Lebensinhalt gegeben, der es verhindern wird, dass ihre Erbitterung faschistisch-chauvinistische Formen annimmt. Das ist in den Westzonen ebenfalls nicht der Fall. Schließlich hat unserer Partei in der Ostzone erhebliche Publikationsmöglichkeiten, erhebliche Möglichkeiten der marxistischen Beeinflussung der Massen. In der amerikanischen Zone hat unserer Partei überhaupt keine Zeitungen, in der britischen Zone nur ein paar lächerliche Käseblättchen mit ganz geringfügigen Auflagen, die außerdem noch alle möglichen Rücksichten auf die Wünsche der Besatzungsmacht nehmen müssen, wenn sie nicht für einige Wochen überhaupt verboten werden wollen. Eine größere Menschenmassen erfassende Kaderbildung und Funktionärsschulung, wie sie in der Ostzone seit zwei Jahren an der Tagesordnung ist, ist den Genossen im Westen ebenfalls versagt, zumal die Mehrheit der Arbeiter der SPD nachläuft, in der von marxistischer Schulung nun überhaupt keine Rede sein kann. Eine Wiederherstellung des proletarischen Klassenbewusstseins konnte bislang also in größerem Umfang nur in der Ostzone stattfinden. Kurzum: Entsprechend den gänzlich andersartigen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen in der Ostzone, konnten wir hier bereits einen Teil der Hemmnisse, die uns bei Kriegsende als Restbestände faschistischer Ideologie entgegenstanden, allmählich und stetig überwinden. In den Westzonen haben sich diese Hemmnisse sämtlich bis auf den heutigen Tag erhalten. Mehr noch: Sie haben sich seit Kriegsende noch verschärft und gesteigert, weil dort durch die Behandlung unserer Partei seitens der Besatzungsmächte, durch die Handhabung der Presselizenzierung, durch die Vereitlung fortschrittlicher Reformen, durch die völlige Unfähigkeit, mit den akuten wirtschaft- 1473Wortmeldungen in der SBZ lichen und politischen Problemen fertig zu werden, durch eine prinzipiell verfehlte Entnazifizierungspolitik versäumt wurde, den Hass auf Hitler, den die Massen gegen Ende des Krieges ohne Zweifel in sich aufgestaut hatten, im Sinne einer fundamentalen Umwälzung des Bewusstseinsinhalts auszunutzen. Der Faschismus hat momentan eine weitaus stärkere Resonanz in den Massen als im Mai 1945 – das bestätigt jede Verlautbarung des amerikanischen Gallupinstituts. In der Ostzone ist ein Fortschritt (den wir allerdings nicht überschätzen dürfen) und gute Möglichkeiten, diesen Fortschritt zu steigern, in den Westzonen Rückfall. Durch die bevorstehende Direktive des Kontrollrats über die Zulassung des freien Nachrichten-, Zeitungen-, Zeitschriften- und Bücherverkehrs zwischen allen Zonen haben wir nun zum ersten Mal die Chance, in größerem Umfang in den Westen hinein zu wirken. Die Reden unserer führenden Parteifunktionäre, die dort gelegentlich auftreten durften, konnten gar nicht eine so große Wirkung erzielen, wie sie von einer ständigen Überflutung der Westzonen mit unseren Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Büchern unbedingt zu erwarten ist, vorausgesetzt, dass wir diese Chance in zweckdienlicher Weise wahrzunehmen verstehen. Zunächst erhebt sich die Frage, ob nicht der Vorteil, den wir mit der erwähnten Direktive des Kontrollrats erringen werden, wieder wettgemacht wird durch den Nachteil, dass dann auch die westlich lizenzierte Presse reaktionären Charakters (und welche westlich lizenzierten Zeitungen haben eigentlich keinen reaktionären Charakter?) in unsere Zone hineingepumpt werden wird. Ich glaube, diese Frage in einem für uns positivem Sinn beantworten zu können, und zwar deshalb, weil die westlich lizenzierte Presse schon längst in die Ostzone hineingepumpt wird. Das lässt sich auch, allen Verboten zum Trotz, gar nicht vermeiden. Berlin liegt inmitten der Ostzone, der Verkehr zwischen der Ostzone und Berlin flutet hin und her, Tagesspiegel, Telegraf, Kurier und Sozialdemokrat kursieren dort bei der Bevölkerung und haben sogar den Reiz des Verbotenen. In den größeren Städten werden diese Zeitungen sogar offen in der Straßenbahn gelesen, in Halle zählte ich einmal in einem einzigen Straßenbahnwagen fünf Tagesspiegel-, vier Telegraf- und zwei Kurier-Leser, die sich aber auch durch nichts in ihrer Lektüre stören ließen. Die Zeitungen waren dort zwar verboten, das Verbot hatte aber nur den praktischen Sinn einer Reklame. Die Besatzungsmacht war mit dem Odium der Intoleranz behaftet, während vor ihrer Nase die Zeitungen von Hand zu Hand gingen, in denen sie aufs Übelste verleumdet wurde, ohne dass sie praktisch etwas dagegen tun konnte. 1474 Teil X Anders in den Westzonen. Dorthin gelangten unsere Zeitungen fast gar nicht. Mit vereinzelten Exem plaren, die gelegentlich über die grüne Grenze sickerten, wurde sogar schwarzgehandelt, und zwar auch wiederum nicht deshalb, weil die Bevölkerung dort ganz besonders auf eine fortschrittliche Orientierung gebrannt hätte, sondern einmal wegen des ausgesprochenen Lesehungers und zum anderen aus Neugierde. Wir können also feststellen: Durch die zu erwartende Direktive des Kontrollrats wird an den Verhältnissen in der Ostzone eigentlich kaum etwas geändert. Das Kursieren der reaktionären Zeitungen wird dann dort lediglich legalisiert und verliert damit den Reiz des Verbotenen. Dass die reaktionären Zeitungen dann dort in größeren Massen erscheinen werden, macht nur einen im Ganzen unwesentlichen graduellen Unterschied aus. Der eventuelle Nachteil, den wir damit in Kauf nehmen müssen, wird vielfach durch den Vorteil aufgewogen, dass unsere Zeitungen in den Westen gelangen können, und der Lesehunger und die Neugierde der Bevölkerung der Westzonen sind sehr entscheidende Faktoren, die unsere Bestrebungen fördern. Die Zeitungen der Westzonen erscheinen selten, mit geringer Auflage und sind größtenteils völlig reizlose, journalistisch schlecht gemachte bürgerliche Provinzblättchen mit reaktionärer Tendenz. Insofern diese Zeitungen, vom Radio abgesehen, mit ihrer einseitig bürgerlichen Politik die einzige Nachrichtenquelle bilden, die der Bevölkerung zur Verfügung steht, tragen sie natürlich zu einer Stärkung der unter I. geschilderten Hemmnisse bei. Das kann sich aber in dem Augenblick ändern, da unsere Presse dort in Massen auf den Markt geworfen wird. Der zweite positive Ansatzpunkt für unsere Presse- und Propaganda-Arbeit ist die Tatsache, dass in den Westzonen fast durchweg Unzufriedenheit herrscht, Unzufriedenheit, die dadurch charakterisiert ist, dass sie noch blind ist gegenüber den Mitteln, die ergriffen werden müssen, damit es fundamental besser werden kann. Eine solche Unzufriedenheit kann – wie ich oben darlegte – unter gewissen Vo raus set zungen in eine faschistische Richtung gedrängt werden. Sie kann aber auch von uns für die Durchset zung fortschrittlicher Bestrebungen mobilisiert werden, auch dies nur unter bestimm ten Vo raus set zungen, aber eine dieser Vo raus set zungen ist eine unablässige Beein flus sung der Massen durch eine gute marxistische Presse. Die allgemeine Unzufriedenheit im Westen nährt sich selbstverständlich an den verschiedensten, immer wieder auftauchenden Unzulänglichkeiten des dortigen Systems, an diesen und jenen Nöten und Sorgen, die aus der dortigen Konstellation der gesell- 1475Wortmeldungen in der SBZ schaftlichen und politischen Verhältnisse entspringen. Es kommt nur da rauf an, dass wir diese einzelnen aktuellen Probleme aufspüren, sie den Massen verdeutlichen, ihnen zeigen, warum sie unzufrieden sind, und immer wieder den Einzelfall zur Erhärtung unserer allgemeinen kritischen Beurteilung der Situation der Westzonen auswerten. Das aber ist unmöglich, solange wir uns da rauf beschränken, nur eine allgemeine, auf das Große und Ganze zwar zutreffende, aber den subtilen Einzelfall außer acht lassende Kritik zu üben. Es ist unbedingt erforderlich, dass wir die Forderungen Einheit der Arbeiterbewegung, Bodenreform, Überführung der Schlüsselindustrien in die Hände des Volkes immer wieder geltend machen – aber damit ist es nicht getan. Wir müssen diese Forderungen immer wieder begründen mit der Kritik an ganz konkreten Schwierigkeiten, unter denen die Einwohner der Westzonen zu leiden haben. Diese Schwierigkeiten dürfen wir nicht summarisch behandeln, auch dann nicht, wenn diese summarische Behandlung auf das Ganze noch so sicher zutreffen würde, sondern wir müssen sie an Einzelfällen exemplifizieren. Bei dem Aufspüren dieser Einzelfälle dürfen wir uns nicht auf die Nachrichten von DENA und DPD verlassen, sondern müssen die besten, spürnasigsten Vertreter von ADN in den Westen schicken, und die müssen dort wiederum in engen Kontakt zu unseren kommunistischen Genossen treten, die ihnen Material liefern müssen, das von DPD und DENA aus guten Gründen verschwiegen wird. Desgleichen müssen unsere Zeitungen feste, ständige Korrespondenten in die Westzonen entsenden. Wir müssen beachten, dass Dinge, die in unserer Zone geschehen, für die Bevölkerung der Westzonen nicht immer so relevant sind wie die Dinge, die sie selbst erleben. Wir müssen in erster Linie für die Bevölkerung der Westzonen aktuell sein. Es ist ferner notwendig zu wissen, dass es in den Westzonen nur verhältnismäßig wenig klassenbewusste Arbeiter gibt, verhältnismäßig wenig Menschen, die marxistisch denken können. Es ist wichtig, dass wir deshalb vor allem die Tägliche Rundschau, das Neue Deutschland und den Vorwärts nach dem Westen schicken, damit wir die dort kaum vorhandene Arbeiterpresse durch unsere Publikationen ergänzen können. Es kann kein Zweifel da rü ber bestehen, dass die Zeitungen der SED dort reißenden Absatz finden werden. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass im Westen andererseits ein sehr starkes Misstrauen gegen unsere Partei und überhaupt gegen die Ostzone herrscht. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist dort einer marxistischen Argumentation noch kaum zugänglich und hegt prinzipielles Misstrauen gegen alles, wohinter sie eine Reklame für die Ostzone wittert. 1476 Teil X So notwendig es also ist, den Arbeitern in den Westzonen massenweise marxistische Literatur und marxistische Zeitungen zugehen zu lassen, um sie mit einer marxistischen Betrachtungsweise überhaupt erst wieder vertraut zu machen und ihr Klassenbewusstsein zu stärken, so notwendig ist es auch, die Bewusstseinslage der Millionen richtig einzuschätzen, die uns aus den Gründen, die ich unter I. angeführt habe, feindlich und verschlossen gegenüberstehen. Wir müssen uns – vermutlich noch für eine geraume Weile – da rauf einrichten, dass die klassenbewussten Arbeiter in der Minderheit und die desperaten, uns feindlich gesinnten, entweder noch nazistischen oder inzwischen westblockorientierten Spießbürger in der Mehrheit sind. Und wir können es uns nicht leisten, da rauf zu verzichten, auch diese Elemente wach zu rütteln und zu überzeugen, d. h. von ihren ureigensten Lebensinteressen zu überzeugen. Für diese Elemente müssen wir uns besonderer Methoden der propagandistischen Taktik befleißigen. Wir müssen ihnen eine Zeitung vorsetzen, die zwar unsere Überzeugungen, unsere Sicht der Dinge zur Geltung bringt, aber weder in marxistischer Terminologie geschrieben ist, noch jene Art von Artikeln bringt, die für eine unsachliche Lobpreisung der Ostzone gehalten werden könnten. Vor allem dürfen wir uns hier nicht in die Verteidigung drängen lassen, über Anwürfe und Verleumdungen empört sein usw., sondern wir müssen selbst angreifen. Wir müssen eine Zeitung haben, die dem Spießer in den Westzonen weder sagt, dass er kommunistisch wählen soll, noch, dass die Sow jet uni on das fortschrittlichste Staatswesen der Erde ist, noch, dass in der Ostzone alles glänzend von statten geht (das alles sagt ihm dann unsere Parteipresse, und er wird es doch nicht glauben), sondern die ihm, dem Spießer in der Westzone, klipp und klar zeigt, auf Grund welcher Mängel in der Westzone er unzufrieden ist. Die Mehrzahl dieser Leute ist nämlich so desperat, dass sie Positives überhaupt nicht gelten lässt – nun, dann muss man diesen Leuten eben Negatives vorsetzen, so viel Negatives, dass es ihren Nihilismus freut, der sich dann aber, wenn man das reichlich vorhandene Negative nur richtig verarbeitet und interpretiert, unversehens zu bestimmten fortschrittlichen Einsichten emporschwingen kann. Immerhin ist es besser, dass die Unzufriedenheit der Spießbürger der Westzonen sich gegen den Westen richtet, als dass sie vom Westen gegen uns mobilisiert wird. Wir brauchen also für die Westzonen eine von unseren Genossen redigierte bürgerliche Zeitung, die da rauf spezialisiert ist, aus dem Blickwinkel des kleinbürgerlichen, unzu- 1477Wortmeldungen in der SBZ friedenen, durchschnittlichen Westzonenbewohners in bürgerlicher Terminologie an den Zuständen im Westen Kritik zu üben. Wir müssen allerdings auch hier bedenken, dass unter Umständen in nicht allzu ferner Zeit in den Westzonen eine Scheinprosperität durch Dollarinvestierungen usw. entstehen kann, die einen großen Teil der Unzufriedenheit abfangen würde. Wir müssen uns deshalb schon jetzt, gerade in unseren Publikationen für den Westen, da rauf konzentrieren, die Möglichkeit einer solchen Scheinprosperität zuzugeben, von vornherein aber nachzuweisen, dass damit keine Lösung der Probleme gegeben ist, die bei der nächsten Krise noch viel verheerender in Erscheinung treten müssen. Wir müssen ferner nachweisen, dass diese Scheinprosperität nur die Versklavung Deutschlands durch das amerikanische Monopolkapital verdecken würde. Um diese Thesen anhand konkreter, für die Westbevölkerung unmittelbar spürbarer Fälle, die doch wahrlich nicht rar sein dürften, exemplifizieren zu können, bedürfen wir wiederum eigener ständiger Korrespondenten im Westen. Im Übrigen dürfte uns eine Propagierung bestimmter Zielsetzungen in bürgerlicher Terminologie schon deshalb nicht schwer fallen, weil die Notwendigkeit der Einheit Deutschlands, der Bodenreform, der Planwirtschaft, der Unabhängigkeit unserer Wirtschaft vom ausländischen Kapital, der Enteignung der Schlüsselindustrien usw. auch mit bürgerlichen Argumenten vertreten werden können. Damit komme ich zu meinen konkreten Vorschlägen! III. Vorschläge zur Intensivierung unserer Pressearbeit für den Westen (im Falle der angekündigten Zulassung des freien Nachrichtenverkehrs zwischen den Zonen) 1) Sofortige Einberufung einer Konferenz der Pressereferenten der SED und der Chefredakteure und wichtigsten politischen Mitarbeiter der Parteizeitungen und derjenigen Zeitungen, die unserer Partei nahestehen. Auf dieser Konferenz müsste die Durchführung der folgenden Punkte beraten werden. Auf Grund des Papiermangels, der beschränkten Druckmöglichkeiten und der Rarität wirklich erstklassiger Mitarbeiter wäre eventuell eine Reorganisation des Pressewesens der Partei in Hinblick auf die akuten Erfordernisse der Pressearbeit für die Westzonen notwendig. 2) Neuauflagen der wichtigsten Publikationen des Dietz-Verlages, die in Massen in den Westzonen verbreitet werden müssen. 1478 Teil X 3) Neuauflagen möglichst sämtlicher bisher erschienenen Hefte der Einheit, die nach und nach in den Westzonen verbreitet werden müssen. Diese ausgezeichnete Zeitschrift ist dort von größter Wichtigkeit. Gerade die bisher erschienenen Hefte, die im Westen nicht erscheinen durften und nur in wenigen Exem plaren bei den kommunistischen Genossen zirkulierten, enthalten Beiträge, die wir den Lesern im Westen nicht deshalb vorenthalten dürfen, weil sie schon vor Monaten erschienen sind, Beiträge nämlich, die über den Tag hinaus richtungsweisende Gültigkeit haben. 4) Ständige Belieferung der Westzonen mit einer reichlichen Auflage der Zeitschriften Einheit und Neuer Weg. 5) Ständiger Vertrieb große Auflagen der Zeitungen Neues Deutschland, Vorwärts, Berliner Zeitung, Tägliche Rundschau im Westen. Diese Zeitungen müssen nach Möglichkeit in ständigen Sonderausgaben für die Westzonen erscheinen. In diesen Sonderausgaben brauchen lokale Themen Berlins und der Länder und Kreise der Ostzone nicht behandelt werden, Polemiken mit dem Tagesspiegel usw. können fortfallen. Worauf es ankommt, ist eine konzentrierte Bezugnahme auf die speziellen Probleme und laufenden aktuellen Ereignisse in den Westzonen. 6) Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, erstklassige Korrespondenten in sämtliche Landeshauptstädte der Westzonen zu entsenden, diese mit allen Möglichkeiten der Informationsforschung auszustatten. Auch ADN muss ständige Vertreter in die Westzonen schicken. 7) In Folge der Rarität an Mitarbeitern muss durch ein interredaktionelles Abkommen unserer Zeitungen dafür Sorge getragen werden, dass die besten Publikationen der Zeitungen, die nur in Berlin erscheinen (zum Beispiel die Glossen von Berlin am Mittag), in die Westzonenausgaben der anderen Zeitungen laufend übernommen werden können. 8) Die Kulturseiten der Westzonenausgaben müssen erstklassig gestaltet werden. Es ist notwendig, hier die besten feuilletonistischen Mitarbeiter des Sonntag, des Aufbau, von Theater der Zeit, Ulenspiegel, Start, für dich, Die Frau von heute, Die Weltbühne usw. heranzuziehen. 1479Wortmeldungen in der SBZ 9) Neugründung einer von der SED zu kontrollierenden Tageszeitung, die eigens für die Westzonen bestimmt ist. a) Format: Tägliche Rundschau, Neues Deutschland, Die neue Zeitung. Gutes Papier, sechs Seiten. Große Auflage. Im Impressum kein Hinweis, dass die Zeitung sow je tisch lizenziert ist. »Unabhängig und unzensuriert« würde nicht schaden. Einen Titelkopf, dessen graphisches Bild einen bürgerlichen Eindruck macht (eventuell da run ter irgendein Emblem, Weltkugel, oder etwas derartiges, vielleicht sogar ein lateinischer Spruch). Ruhiges, klares Satzbild, übersichtlicher Umbruch, nicht so unruhig wie beim Neuen Deutschland und der Täglichen Rundschau. Nach westlichem Muster: Strenge Trennung von Nachricht und Kommentar, nicht einmal fett gedruckte Nachrichten auf der ersten Seite, wie sie Der Tagesspiegel hat, relativ kleine Überschriften. b) Erste Seite: Nachrichten. Zweite Seite: Leitartikel und Nachrichten. Dritte Seite: Nur Angelegenheiten der Westzonen, politische Glossen. Vierte Seite: Kultur und Unterhaltung. Fünfte Seite: Kultur und Unterhaltung, Wirtschaftsteil. Sechste Seite: Wirtschaftsteil. c) Politische Kommentare. Hier muss der marxistische Gesichtspunkt in eine pointierte bürgerliche Terminologie übertragen werden. Äußerste Vorsicht bei lobender Erwähnung der Ostzone und der SED! Gelegentlich sogar Kritik an der Ostzone und an der SED üben. Wenn man die Ostzone lobt, dann etwa in dem Ton: »Man muss es der SED schon lassen, dass sie das und das geschafft hat.« Hauptthemen müssen sein: Marxistische Interpretation der internationalen Lage mit bürgerlicher Terminologie, wie wir sie beispielsweise in New Statesman and Nation, in Henry Wallaces New Re public und in der Weltbühne finden. Ferner: Genaues Eingehen auf die Zustände in den Westzonen. In Bezug auf beide Themen schärfste kritische Argumentation. Die besten Leitartikler unserer Zeitungen müssen hier angesetzt werden, sofern ihre Namen als SED-Journalisten bekannt sind, müssen sie unter Pseudonym schreiben. Eventuell müssen einige erstklassige Leitartikler aus anderen Redaktionen herangezogen werden. Ferner: Ständige Veröffentlichung groß aufgemachter Korrespondentenberichte aus dem Westen unter Verwendung von sensationellem Tatsachenmaterial und mit starken kritischen Seitenhieben. Argumentation und Kritik müssen äußerst scharf, aber streng sachlich, ohne einen Ton der Entrüstung, ohne Beschimpfungen des politischen Gegners und in einem eiskalten, geschliffenen Stil gehalten sein. Jedes Wochenende eine Zusammenfassung der wichtigsten politischen Ereignisse der Woche, nach Ländern 1480 Teil X geordnet und in marxistischer Interpretation, aber mit bürgerlichen Formulierungen. Als politische Leitartikler würde ich vorschlagen: Lex Ende, Dr. K von der Berliner Zeitung, Dr. Paul Rilla, Rudolf Herrnstadt, Herbert Gessner, Wolfgang Harich, Alexan der Abusch, Dr. Günther Brandt. d) Wirtschaftsteil. Ständige wirtschaftspolitische Kommentare unverhüllten marxistischen Charakters. Im Wirtschaftsteil müssen viele Erfolgsmeldungen aus der Ostzone gehäuft werden. Hier muss auch die Bedrohlichkeit der Entwicklung in den Westzonen klar und präzise aufgezeigt werden. Der Wirtschaftsteil muss einen breiten Raum ausfüllen. Hier packen wir den kleinen Unternehmer der Westzonen und zeigen ihm, wie die Dinge stehen. Hier müssen auch die besten Parteitheoretiker und marxistischen Nationalökonomenen der Universität Berlin, allerdings unter Pseudonym, schreiben. e) Kulturteil. Ganz im westlichen Stil. Amerikanische und englische Kurzgeschichten, gelegentlich ganz geschliffene und brillante Sachen aus der russischen Literatur. Anekdo ten. Feuilletons der geistreichsten linksbürgerlichen Journalisten. Erstklassige Buchbesprechungen, Theater-, Film- und Kunstkritiken. Heranziehung der besten Feuilletonisten und Kritiker, auch solcher, die politisch mit uns sympathisieren, aber noch bei der bürgerlichen Presse arbeiten, weil ihnen unsere Zeitungen zu akademisch und nicht amüsant genug sind, zum Beispiel Friedrich Luft von der Neuen Zeitung und Carl Linfert vom Kurier. Gelegentlich größere prinzipielle Artikel, die das bürgerliche Geschichtsbild marxistisch korrigieren, ohne in die marxistische Terminologie zu verfallen (zum Beispiel Prof. Meusel). Ständige Rezensionen über die wichtigsten kulturellen Ereignisse und Aufführungen in den Westzonen. Geschickt dazwischen zu streuen sind kleine, gut ausgewählte und besonders wirkungsvolle Erfolgsmeldungen über die kulturelle Aufbauarbeit in der Ostzone. In jeder Nummer der Zeitung auf der Kulturseite eine graphische Reproduktion. Fortsetzungsabdrucke von sensationellen, spannenden Romanen. f-h) Scharfe Glossen, in Tendenz und Richtung wie die Glossen in Berlin am Mittag, aber in der Diktion geistreicher und geschliffener. Preisausschreiben: Die beste Novelle, das beste Gedicht, die beste Kurzgeschichte usw. Kreuzwort- und Silbenrätsel. 10) Wenn diese Zeitung im Westen einen größeren Anhängerkreis gewonnen hat, dann muss man langsam, Schritt für Schritt, mit sehr fundierten und interessanten Artikel über die Sow jet uni on, mit Propaganda für die Ostzone, mit gelegentlichen offen mar- 1481Wortmeldungen in der SBZ xistischen Leitartikeln usw. beginnen. Dann kann man auch anfangen, im Kul tur teil, in Theaterkritiken usw. die Dinge unter dem Aspekt des historischen Materialismus zu betrachten usw. Das aber ist erst in einem allmählichen Entwicklungsprozess, den die Zeitung durchmachen muss, möglich. 11) Die Zeitung muss in Berlin redigiert und gedruckt werden, der größte Teil der Auflage in den Westzonen vertrieben werden. 12) Die Zeitung muss in den Westzonen mehrere politische Korrespondenten haben, die der Partei angehören müssen. Außerdem muss die Zeitung mehrere in den Westzonen ansässige bekannte und beliebte linksbürgerliche Journalisten als ständige Mitarbeiter anwerben (Axel Eggebrecht in Hamburg usw.). 13) Wichtig ist vor allem die ständige Fühlungnahme unserer Journalisten mit den Genossen im Westen, die uns über die Schwierigkeiten in der Lage der Massen, über aktuelle Themen, über Vorgänge hinter den Kulissen, über die Vergangenheit und die Qualitäten der politischen Persönlichkeiten der Westzonen Berichte und Tatsachenmaterial zugehen lassen, uns Tips für besonders dringliche Artikel geben müssen. Brief an Anton Ackermann106 (17. Januar 1949) Lieber Genosse Ackermann! Gestatte bitte, dass ich Dir in Form dieses Briefes ein quasi Memorandum über den Fragenkomplex Brecht-Schiffbauerdammtheater-Volksbühne etc. überreiche. Ich glaube, Dir Rechenschaft da rü ber geben zu müssen, warum und mit welcher Absicht ich es für nötig erachte, mich in diese Angelegenheit einzumischen. Auch halte ich es für möglich, dass Dich meine Ansicht über diese Angelegenheit interessiert. Zunächst zur historischen Genesis der Sache: Am Abend der Premiere von Mutter Courage und ihre Kinder107 wandte sich Genosse Bork von der Volksbildungsabteilung 106 (AH) 10 Blatt, maschinenschriftlich, adressiert »An den Genossen Anton Ackermann, Zentralsekretariat der SED«. 107 (AH) In der Täglichen Rundschau hatte Harich am 14. Januar 1949 über die Premiere berichtet. Unter dem Titel: Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn. Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht im Deutschen Theater. (Neuabdr. in: Band 1.2, S. 1178–1181.) 1482 Teil X des Berliner Magistrats an mich und unterrichtete mich von der Besprechung mit Brecht und Genossen Langhoff, die vor kurzem beim Genossen Oberbürgermeister Ebert stattgefunden hat. Er erklärte, dass er mir diese – vertraulich zu behandelnden – Interna des Magistrats deshalb nicht vorenthalten zu können glaube, weil er ernstlich befürchte, dass Brecht dem Berliner Theater, einerseits durch eigene Starrköpfigkeit, andererseits und vor allem aber durch mangelndes Verständnis seitens des Magistrats, verloren gehen könnte. Er, Bork, wünsche dringend, dies zu verhindern, könne aber selbst, als Magistratsangestellter zu einer gewissen Zurückhaltung verpflichtet, nichts Förderliches in der Angelegenheit unternehmen. Er würde es begrüßen, wenn ich mich der Sache annähme und auf irgendeine Weise versuchte, ein Gespräch wieder in Gang zu bringen, das in gegenseitiger Verstimmung zu vereisen drohe – immer mit dem Ziel, dem Berliner Theater nach Kräften zu helfen. Tags da rauf wurde ich in der gleichen Angelegenheit von Herrn Erich Engel108 angesprochen, der mir erklärte, dass es außerordentlich bedauerlich wäre, wenn Brecht in Es schloss sich dann seine Kon tro verse mit Fritz Erpenbeck an. Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag, in: Die Weltbühne, Nr. 6, 1949, S. 215–219. Harich bezog sich dabei auf den Artikel: Erpenbeck, Fritz: Einige Bemerkungen zu Brechts Mutter Courage, in: Die Weltbühne, Nr. 3, 1949, S. 101–103. Siehe hierzu: Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR. Fritz Erpenbeck gegen Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 55–69. 108 (AH) Gemeint ist: Erich Gustav Otto Engel, geb. am 14. Februar 1891 in Hamburg, gest. am 10. Mai 1966 in Berlin, Film- und Theaterregisseur. Sein Durchbruch war die Inszenierung von Brechts Dreigroschenoper, Premiere am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm. Engel war einer der wichtigsten Brecht-Interpreten seiner Zeit, nach dessen Tod inszenierte Engel am Berliner Ensemble weitere von dessen Stücken: 1957: Leben des Galilei, 1960: Die Dreigroschenoper, 1963: Schweyk im Zweiten Weltkrieg. 1949 war er maßgeblich da ran beteiligt, Brechts Rückkehr nach Berlin zu einem Triumphzug zu gestalten. Gemeinsam leisteten die beiden die Inszenierung der Mutter Courage und ihre Kinder am Deutschen Theater. Harich berichtete, wie bereits erwähnt, über die Premiere in der Täglichen Rundschau. Harich: Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn. Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht im Deutschen Theater. In den Hartmann-Ma- Anton Ackermann am 1. Mai 1950 in Leipzig 1483Wortmeldungen in der SBZ Kürze missgestimmt und resigniert Berlin wieder den Rücken drehen würde, was leider sehr wahrscheinlich sei. Er, Engel, hatte den Eindruck, Brecht habe die Schwierigkeiten, die in den Verhandlungen mit Magistrat usw. aufgetaucht seien, satt und stünde auf dem Standpunkt: »Na, dann eben nicht, meine Herren!« Man müsse hier unbedingt etwas unternehmen. Er hatte bereits mit Rudi Engel von der Deutschen Verwaltung für Volksbildung gesprochen, der ganz seiner Meinung sei, und mit ihm gemeinsam werde er einen kleinen Kreis von Fachleuten zusammenbringen, der über Wege und Möglichkeiten breitschlagen solle. Er würde es begrüßen, wenn auch ich mich da ran beteiligen würde. Ich sagte zu. Zunächst wandte ich mich dann an meinen Kritikerkollegen Genossen Paul Rilla von der Berliner Zeitung, den ich – nebenbei bemerkt – für unseren schlechthin bedeutendsten literatur- und theaterkritischen Publizisten halte. Rilla war vollkommen meiner Ansicht – der Ansicht nämlich, dass eine gründliche Auffrischung durch Brecht unserem Theater so not tut wie die Kalorien unseren werten Mägen. Er schlug vor, gemeinsam mit Genosse Rudi Engel und mit Herrn Erich Engel einen kleinen Kreis von Schriftstellern, Presse- und Theaterleuten, die Brechts Bedeutung zu würdigen wüssten, zusammenzubringen, Brecht aufzufordern, vor diesem Kreis über seine Einschätzung der Berliner Theatersituation und über seine Pläne zu sprechen, und dann mit den maßgebenden Stellen der SMA, der Partei und des Magistrats zu verhandeln. Wir kamen überein, die Schriftsteller Anna Seghers, Prof. Hans Mayer und Peter Huchel, die Kritiker Rilla, Lennig, Max Schroeder, Jhering und Harich und die Theaterleute Langhoff, Legal, Felsenstein, Erich Engel, Ernst Busch, Slatan Dudow, Hanns Eisler und Paul Dessau für die Sache zu gewinnen. Zu den entscheidenden Besprechungen dieses Kreises sollten als Vertreter der Partei Genosse Stefan Heymann, als Vertreter der Deutschen Verwaltung für Volksbildung Genosse Rudi Engel und als Vertreter der Volksbildungsabteilung des Magistrats Genosse Bork dazu geladen werden. Ich sollte vorher mit Dir, lieber Genosse Ackermann, und mit Oberstlt. Dymschitz da rü ber sprechen und die sachlichen Gesichtspunkte in Erfahrung zu bringen suchen, die von Eurer Seite allem Anschein nach gegen die Verwirklichung der Brechtschen Pläne geltend gemacht werden. nuskripten (Band 10) kam Harich erneut auf Engel zu sprechen, siehe die dortigen Hinweise. 1484 Teil X Da Du gerade mit Grippe darniederlagst und auch telefonisch nicht zu erreichen was, sprach ich mit dem Genossen Heymann, der mir in groben Umrissen Deinen Standpunkt erläuterte: Man habe – seitens Partei und Magistrat – Brecht jede Möglichkeit geben wollen, Brecht habe aber Forderungen erhoben, die a) finanziell für die Stadt nicht tragbar wären und b) dem Schiffbauerdammtheater und seinem Intendanten, Genossen Fritz Wisten, nicht zugemutet werden könnten. Es bestehe die Absicht, das derzeitige Haus der Volksbühne in der Kastanienallee in ein Uraufführungstheater der Defa zu verwandeln, das Ensemble der Volksbühne eventuell mit dem des Schiffbauerdammtheaters zu verschmelzen, das Schiffbauerdammtheater zum Haus der Volksbühne und Genossen Wisten zu ihrem Intendanten zu machen. Das Schiffbauer dammthe a ter falle für Brechts Pläne also aus, und da Brecht sich auf das Angebot, die Kam merspiele als sein Betätigungsfeld betrachten zu können, unverständlicherweise nicht eingelassen habe, könne man leider Gottes nichts machen. Am Vormittag des Freitag (14. Januar 1949) hatte ich eine Unterredung mit Genossen Oberstlt. Dymschitz. Genosse Dymschitz (übrigens ein vorzüglicher Kenner und Verehrer Brechts!) erklärte, es sei seiner Meinung nach, von den Budgetschwierigkeiten des Magistrats einmal ganz abgesehen, aus ethischen Gründen schlechthin unmöglich, den Genossen Wisten, der sich als rassisch Verfolgter in der Naziära künstlerisch nicht habe entfalten können, von dem Intendantenposten des Theaters zu verdrängen, das er unter größten Mühen buchstäblich aus dem Nichts aufgebaut hätte. Er, Dymschitz, sei der Ansicht, dass Brecht an Chancen gegeben werden müsse, was nur denkbar und möglich sei. Aber Brecht müsse auch die Schwierigkeiten der Berliner Situation realistisch beurteilen lernen, müsse sich – wenn überhaupt er in Berlin zu bleiben gedenke – in die Situation, so wie sie nun einmal sei, einfügen und gemeinsam mit den anderen zu arbeiten beginnen. Wenn er das nicht wolle, sei es zwar sehr, sehr schade, aber dann könne man nichts machen. Genosse Dymschitz betonte, dass dies seine persönliche Meinung und keineswegs der offizielle Standpunkt der SMA sei. Die SMA (und er als ihr Vertreter) betrachteten den ganzen Fragenkomplex als eine zutiefst deutsche Angelegenheit, in die sie sich nicht einzumischen gedächten. Die Entscheidung liege bei der Partei und beim Magistrat. Als ich Genossen Dymschitz berichtete, dass in Sachen Brecht ein kleines Komplott geschmiedet werde, an dem auch ich nicht ganz unbeteiligt wäre, meinte er, dies sei sehr gut. Wir brechtbegeisterten Theaterleute und Publizisten sollten uns nur zusam- 1485Wortmeldungen in der SBZ mensetzen, den Fall diskutieren und versuchen, die leider Gottes bestehenden Gegensätze zu Gunsten einer für alle Beteiligten annehmbaren Lösung auszugleichen – eine »reformistische« Aufgabe, wie er lächelnd hinzufügte. Unmittelbar nach diesem Gespräch, das mir den Standpunkt der »anderen Seite« (die Gänsefüßchen dick unterstrichen) verständlich machte, wenn er mich auch nicht überzeugte, wandte ich mich an Brecht selbst, den ich freilich wohlweislich nicht mit einem Worte über das stattgehabte Gespräch mit Genossen Dymschitz, auch nicht über das Telefongespräch mit Genossen Heymann informierte. Brecht schien sehr erfreut, zu sehen, dass sich Leute finden, die die stagnierenden Verhandlungen – so oder so – voranzutreiben wünschen. Er betonte, dass er nicht im Traum da ran dächte, Intendant werden zu wollen. Da er erkannt habe, dass sein Platz in Berlin sei und dass in Berlin manches getan werden müsse, wolle er lediglich das Berliner Theaterniveau dadurch wieder heben helfen, dass er erstklassige Theaterleute, Regisseure, Schauspieler, die noch in Westdeutschland, in der Schweiz oder in den USA wären, nach Berlin ziehen werde. Es genüge nicht, diesen Leuten, die er da im Auge habe, zum Beispiel Bertold Viertel, Therese Giehse, Käthe Gold (handschriftlicher Zusatz: das einzige Gretchen heutzutage, Goethejahr!, AH) usw., eine gesicherte materielle Existenz in Berlin zu bieten (Wohnungen in Pankow und Mahlzeiten in der »Möwe«). Diese Leute müssten vielmehr den Eindruck haben, dass in Berlin Aufgaben von hohem künstlerischen Reiz ihrer harren, und dass sie die Aussicht hätten, an erstklassigen theatralischen Kollektivleistungen mitzuwirken. Er, Brecht, sei bereit, eine solche Wirkungsstätte von einer gewissen magnetischen Anziehungskraft in Berlin schaffen zu helfen. Die Kammerspiele kämen aus technischen und architektonischen Gründen dafür nicht in Frage. Das einzige Theater, das möglich sei, sei das Schiffbauerdammtheater. Wer hier Intendant sei, sei ganz gleichgültig. Er habe nichts dagegen, dass Wisten Intendant bleibe, nur dürfe er sich nicht mit einem Wort in die künstlerischen Belange des Theaters einmischen; denn kein deutscher Schauspieler oder Regisseur von Rang, und sei er noch so fortschrittlich gesinnt, werde sich Wistens wegen nach Berlin begeben. Er, Brecht, sei bereit, sich – wenn man das Schiffbauerdammtheater ihm ohne Einschränkung im Künstlerischen zur Verfügung stelle – hier dem Aufbau einer erstklassigen Bühne zu widmen, ohne selbst Intendant zu sein. Wenn das Theater auf einen entwicklungsfähigen Stand gebracht sei, werde er sich wieder mehr und mehr auf seine litera- 1486 Teil X rische Produktion zurückziehen. Beim Magistrat habe man – in völliger Verkennung seiner Absichten – ihn als eine Art stellungsuchenden Intendanten betrachtet. Im Übrigen hätte er den Eindruck, es dort mit administrativen Stellen zu tun gehabt zu haben, die ziemlich amusisch wären und von den speziellen Problem des Theaters nicht viel verstünden. Er würde es begrüßen, einmal vor Fachleuten seine Pläne auseinandersetzen zu können. Nach Anhörung dieser Ausführungen bat ich Brecht, vor unserem Gremium über die Eindrücke zu sprechen, die er während seines Hierseins vom Berliner Theaterleben gewonnen hätte, uns seine Pläne auseinander zu setzen und die Schwierigkeiten zu schildern, die ihm – seiner Ansicht nach – hier im Wege stünden. Gleichzeitig versuchte ich (mit sichtlichem Erfolg), auf seinen Zorn mäßigend einzuwirken und ihm die Einwände der »anderen Seite« menschlich und sachlich verständlich zu machen. Nachdem Brecht seine Beteiligung an der Besprechung zugesagt hatte, beriefen Paul Rilla, Erich Engel und ich die oben genannten Personen zu der kleinen Versammlung ein, die nun heute, am Montag, den 17. Januar 1949, um 16:00 Uhr im Kulturbundklub stattfinden wird. Die genannten Personen sagten ihre Beteiligung zu. Lediglich Herr Felsenstein, den zu informieren wir auch nicht Zeit fanden, ist heute Nachmittag beruflich dringend beschäftigt. Genosse Prof. Hans Mayer hat heute in Leipzig eine Vorlesung, autorisierte aber Genossen Peter Huchel und mich, seinen Namen unter einer Resolution zu setzen, falls eine solche von dem Gremium beschlossen werden sollte. Ob Genossin Anna Seghers kommen wird, kann ich nicht sagen, da Frau Brecht-Weigel es übernahm, sie zu benachrichtigen. Ohne über weitere Besprechungen zwischen Brecht und dem Magistrat, von denen mir Genosse Heymann gestern berichtete, dass sie im Gange wären, Näheres zu wissen, und ohne über den Ausgang der heute Nachmittag stattfindenden kleinen Versammlung das Geringste sagen zu können, möchte ich Dir im Folgenden meine Auffassung der Angelegenheit kundtun, so weit ich diese auf Grund meiner Kenntnis der Berliner Theaterverhältnisse und nach Anhörung beider »Seiten« zu beurteilen vermag. 1) Prinzipiell möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich es für einen großen Fehler halte, wenn Partei und Magistrat derartig wichtige Entscheidungen treffen zu können meinen, ohne den Rat der fachlich und sachlich orientierten zuständigen Genossen vorher eingeholt und mit ihnen jegliches Für und Wider sorgfältig erörtert zu haben. Ich kann nicht begreifen, warum ein solches Gremium, wie die Genossen Rudi Engel 1487Wortmeldungen in der SBZ und Paul Rilla, Herr Erich Engel und ich es jetzt aus eigener Initiative zusammenbringen mussten, nicht längst vorher von der Partei zur gemeinsamen Diskussion aufgefordert wurde. Ich kann auch nicht begreifen, warum der Genosse Oberbürgermeister Ebert nicht vor der besagten Besprechung mit Brecht da rauf aufmerksam gemacht wurde, dass er es hier nicht mit irgendwem, sondern mit dem größten lebenden Dramatiker Deutschlands zu tun hat. Was ich über die Begrüßung Brechts durch den Genossen Oberbürgermeister von verschiedenen Seiten hörte, empfinde ich als im höchsten Maße blamabel. Ich empfinde es als um so blamabler, als von unserer Seite solche fragwürdigen Gestalten wie Gerhart Hauptmann und Wilhelm Furtwängler mit Ehren bedacht wurden, die ihnen von Rechts wegen nicht zukamen. Ich würde empfehlen, dass die Partei und speziell in Berlin der Magistrat, bevor auf kulturpolitischem Gebiet Entscheidungen von erheblicher Tragweite getroffen werden, künftighin die zu fassenden Beschlüsse mit einem breiteren Kreis der jeweils maßgeblichen und zuständigen Genossen beraten sollten. Bei der Volksbildungsabteilung des Berliner Magistrats wäre dies, sobald Theaterfragen auf der Tagesordnung stehen, um so nötiger, als der Genosse Kreuziger ein reiner Pädagoge und Schulfachmann ist. 2) Ich würde es aus drei Gründen für einen unverzeihlichen und durch nichts zu entschuldigenden Fehler halten, wenn wir Brecht unverrichteter Dinge wieder davonziehen lassen würden: a) Es ist unsere Pflicht, jeden großen antifaschistischen Künstler, der im Exil die Sache des »anderen Deutschland« vertrat und dafür sorgte, dass mittels der deutschen Sprache in den zwölf Jahren nicht nur Lügen und barbarischer Schund gesagt wurden, in unserer Mitte ehrenvoll zu bewillkommnen und ihm hier das Betätigungsfeld einzuräumen, das er sich wünscht. Wir können nicht erwarten, dass Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger usw. zu uns zurückkehren, wenn wir es aus kleinlichen provinziellen Rücksichten versäumen, einem Mann wie Brecht die ihm gebührende Wirkungsstätte zu schaffen. Vor der Weltöffentlichkeit und vor der Literaturgeschichte, die unsere Bud get sor gen ebenso uninteressant finden wird wie unseren Genossen Wisten, wäre dies eine fürchterliche Blamage. b) Dem Berliner Theaterleben, das zu einem beträchtlichen Teil in schlimmstem Provinzialismus zu versacken droht, tut der Theaterreformator Brecht dringend Not. Durch 1488 Teil X die Tatsache, dass die Westberliner Bühnen – mit Ausnahme vielleicht des Schloss parkthe a ters – bei weitem schlechter sind als die in unserem Sektor, dürfen wir uns nicht da rü ber hinwegtäuschen lassen, dass auch unsere Bühnen mit 80 Prozent dessen, was sie zu bieten haben, himmelweit davon entfernt sind, im internationalen Maßstab als Kultureinrichtungen ersten Ranges auch nur in Frage zu kommen. In dieser Lage können wir es uns nicht leisten, auf Brecht – und mag er noch so arge Forderungen stellen – zu verzichten. c) Es geht nicht um Brecht allein, sondern in der Tat um viele Künstler, die er anziehen wird. Die Tatsache, dass Eisler und Dessau wieder in Berlin sind, hängt mit Brechts Anwesenheit hier ganz eng zusammen. Ich wüsste nicht, ob diese beiden großen und entscheidenden Komponisten unserer Zeit auf die Dauer sehr viel an Berlin binden könnte, wenn Brecht sich in der Weltgeschichte herumtriebe. Im Übrigen gibt es eine Reihe von Künstlern in Berlin – ich erinnere nur an Ernst Busch und Kate Kühl –, denen ein Brechttheater ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen würde, die sie bisher in diesem Maße nicht hatten. Ich erinnere auch da ran, dass Brecht einen »guten Riecher« für Nachwuchsschauspieler hat. Beweis genug sind die drei, bisher völlig unbekannten Nachwuchskräfte, die sich in der Aufführung der Mutter Courage als ganz erstaunlich und vorzüglich bewährten.109 Wenn wir Wert da rauf legen, dass die pessimistische Legende, es gäbe keinen Nachwuchs, aus unseren Feuilletons schleu- 109 (AH) In dem erwähnten Zeitungsartikel Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn (abgedr. in: Band 1.2, S. 1178–1182) hatte Harich geschrieben: »Gemeinsam mit Erich Engel, der in den zwanziger Jahren die Uraufführung der Dreigroschenoper schuf, hat Brecht im Deutschen Theater sein Werk selbst inszeniert. Sobald der weiße Schaubudenvorhang sich öffnet und den hell ausgeleuchteten Bühnenraum in seiner ganzen Tiefe dem Blick freigibt, kann man das Gefühl nicht mehr loswerden, dass hier einmal weit das Fenster geöffnet ist und ein frischer Wind den konventionellen Mief, die Stickluft und Mittelmäßigkeit gründlich hinweggefegt hat, die das ganze Berliner Theaterleben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in letzter Zeit unerträglich machten. Hier ist eine richtungsgebende, beispielhafte Leistung entstanden, die das Berliner Repertoire der vergangenen Jahre weit überragt. Vor allem aber hat hier einmal der ›gute Riecher‹ zweier bedeutender Theaterleute die Legende widerlegt, dass es keinen adäquaten Nachwuchs gebe. Mit Ernst Kahler, Joachim Teege und Renate Keith haben Brecht und Engel einen vorzüglichen Griff getan. Wie Kahler die Problematik des tapferen Sohnes der Courage trifft, den unbekümmerten Draufgänger, der sich in eine tragisch verzerrte und verkrampfte Kreatur verwandelt, wie Teege die biedere Mauloffenheit und Begriffsstuzigkeit des braven Sohnes meistert, wie die Keith die halb kindliche Verderbtheit der Yvette in Gebärde und Stimme hat – das ist ganz ausgezeichnet und gibt zu großen Hoffnungen Anlass. Die beste schauspielerische Leistung des ganzen Ensembles aber gelingt der jungen Angelika Hurwicz, die die stumme Tochter der Courage spielt: Ein grässlich zugerichtetes, tierisch unbeholfenes Wesen, 1489Wortmeldungen in der SBZ nigst verschwindet, so brauchen wir nur Brecht als Wünschelrutengänger in die Zone zu schicken – eine Mühe, der sich unsere Berliner Intendanten bisher in sträflicher Weise fast völlig zu entziehen wussten. 3) Das Bedenken, dass Brechts Plan eine unsichere und reichlich vage Angelegenheit sei, der zuliebe man nicht allzu viel riskieren dürfe, halte ich für völlig abwegig. Brecht ist bekanntlich alles andere als ein Projekteschmied und talentierter Scharlatan. Präzise, realistische Durchdachtheit und Fundiertheit geben jeder Zeile seiner Dichtung, seinem ganzen Leben und Werk, jeder Sache, die er bis zur Stunde angepackt hat, das unverkennbare Gepräge. Wir haben es hier nicht mit einem genialisch-verrückten Phantasten zu tun (wie weiland im Falle Fehling), sondern mit einem sehr nüchternen, verstandesklaren Logiker und Realisten. 4) Was den Genossen Wisten betrifft, so muss man zugeben, dass er im Rahmen seiner Fähigkeiten und unter sehr, sehr großen objektiven Schwierigkeiten im Schiffbauerdammtheater immerhin etwas halbwegs Anständiges und Achtbares zu Stande gebracht hat. Das darf uns nicht hindern, uns da rü ber klar zu sein, dass Genosse Wisten – normale Verhältnisse vorausgesetzt – bestenfalls einen guten Stadttheaterdirektor in Ulm oder Zwickau abgäbe, und dass das Schiffbauerdammtheater – alle Schwierigkeiten zugegeben – für Berliner Ansprüche nur von sehr mäßiger Qualität ist. Ich bin der Meinung, dass – bedingt durch die Verhältnisse – nach dem Kriege eine Reihe von Leuten zweiten Ranges auf Posten gelangt sind, auf die sie von Rechts wegen keinen Anspruch hätten. Es ist durchaus kein Mangel an Selbstvertrauen, wenn ich mich selbst – sowohl als Theaterkritiker, wie als Dozent – zu diesen Leuten rechne. Wenn Siegfried Jacobsohn aus dem Grabe auferstünde, läge kein Grund vor, mich – aus ethischen Rücksichten – in meiner Position als Theaterkritiker der Täglichen Rundschau, der größten Zeitung unserer Zone, zu belassen, und wenn der Genosse Oelßner Zeit und Muße genug hätte, meine Vorlesungen über marxistische Philosophie an der pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität zu halten, gäbe es ebenfalls keinen Grund, mich in meiner Dozentenposition zu konservieren. Dies klingt nach Eitelkeit, die sich hinter prätentiöser Bescheidenheit versteckt: Aber Du weißt, was ich damit meine. Wir »Zweitrangigen« sind durchaus nicht unwichtig. Wir tun schlecht und recht und so in das die Menschlichkeit wie in einen Kerker eingesperrt ist, eine Vision menschlichen Jammers, die auf der Bühne kaum ihresgleichen hat.« (Ebd., S. 1181.) 1490 Teil X gut es geht, unsere Arbeit, und wir haben allesamt einen Anspruch da rauf, dass man unsere Bemühungen anerkennt. Aber wir haben keinen Anspruch auf Lebensstellungen. Sobald sich die Möglichkeit ergibt, unsere Positionen mit besseren Leuten, besseren Journalisten, besseren Dozenten, besseren Theaterdirektoren usw. zu besetzen, haben wir unter allen Umständen diesen zu weichen, auch wenn es schwer fällt, auch wenn wir auf »Verdienste« pochen könnten, auch wenn wir noch so gute Genossen sind, auch wenn wir es schwer gehabt haben. Das heißt – im Hinblick auf das Schiffbauerdammtheater: Wichtiger als die angestammten Rechte des Genossen Wisten sind die Rechte des Berliner Theaterpublikums, die Rechte der Zuschauermassen. Wenn man Gelegenheit hat, den Zuschauermassen ein neues erstklassiges Theater zu schaffen, kann man unmöglich aus Rücksichtnahme auf einen Einzelnen diese Gelegenheit ausschlagen. 5) Das bedeutet keineswegs, dass man deshalb den Genossen Wisten auf ein totes Gleis schieben sollte. Ist die Volksbühne ein totes Gleis? Ist das Theater in Dresden ein totes Gleis? Mitnichten. Der »zweitrangigen« Leute sind nicht zu viele, sondern auch immer noch zu wenige da. Wenn sich morgen ein tausendmal besserer Ersatz für mich bei der Humboldt-Universität oder bei der Zeitung fände (und wenn wir gute Arbeit leisten, wird das ohne Zweifel eines Tages geschehen!), so wäre ich damit doch keineswegs eine überflüssige Figur, sondern es gäbe noch Hunderte von Positionen für mich, in denen ich sehr am Platze wäre. Wisten ist ein recht guter Organisator. Wäre es eine Schande, wenn man ihm auftrüge, die Volksbühne zu reorganisieren (an der mein lieber Freund Litten leider versagt hat), oder in die miserablen Dresdner Theaterzustände Ordnung zu bringen? Keineswegs. Das wären für ihn große, lohnende und wichtige Aufgaben, für die er durchaus nicht zu schade, sondern im Gegenteil: immer noch nicht gut genug ist. Es ist – meines Erachtens – Sache der Partei, ihm das klarzumachen. 6) Was die Volksbühne angeht, so ist die Schließung des Hauses in der Kastanienallee und die Übersiedlung des Volksbühnenensembles ins Schiffbauerdammtheater durch nichts gerechtfertigt. Es ist eine ganz abwegige, dilettantische Idee, einem schlechten Theater dadurch auf die Sprünge helfen zu wollen, dass man es an einen günstigeren Ort und in ein schöneres Haus verpflanzt (wobei ich ganz davon schweigen möchte, dass das Haus in der Kastanienallee gar nicht so ungünstig gelegen ist!). Die Volksbühne kann nur vom Ensemble und nur von der Regie her gerettet werden, nicht durch einen »würdigeren« Theaterraum. Fest steht allerdings, a) dass das Haus in der Kasta- 1491Wortmeldungen in der SBZ nienallee nur ein Provisorium sein kann, b) dass der Volksbühne eine En sem ble verschmelzung mit dem Schiffbauerdammtheaterensemble nur zu gut täte und c) dass Wisten der geeignete Mann wäre, der Volksbühne zu einem relativ guten Niveau zu verhelfen. Die auf diese Weise – gemäß Punkt a und b – reorganisierte Volksbühne müsste sich dann aber künstlerisch erst einmal beweisen, bevor sie ein besseres Haus als das in der Kastanienallee zu beanspruchen hätte. Nichts wirkt lächerlicher als Dilettantismus im festlichen Rahmen. Die Kastanienallee ist das »Hic Rhodus, hic salta!« der Volksbühne: Solange sie sich unter dem Niveau des Cottbuser Stadttheaters hält (und das würde auch nach einer Ensembleverschmelzung und nach der Einsetzung eines fähigen Intendanten gewiss noch einige Zeit der Fall sein!), wäre es ganz töricht, sie in einen repräsentativeren Rahmen zu stellen. Sie muss sich erst einmal erholen, und das ist Sache der Entwicklung. Sie muss sich in ihrem jetzigen Haus in reorganisierter Form, mit aufgefrischtem Ensemble und besserem Intendanten entfalten, und wenn sie sich entfaltet hat, dann muss sie auch – als Theater mit nunmehr respektablen Leistungen – ein neues Haus bekommen. Nämlich das am Liebknecht-Platz, das ja bis dahin aufgebaut sein wird, in ein bis zwei Jahren. Genosse Heymann sprach zu mir im Zusammenhang mit der Volksbühne davon, dass ihr derzeitiger Aufenthaltsort eine Schande wäre. Aber die Schande ist nicht der Aufenthaltsort (und sei er selbst eine Scheune), die Schande besteht einzig und allein da rin, dass die Volksbühne künstlerisch von miserabler Qualität ist, dass dem Volksbühnenpublikum schlechte Leistungen zugemutet werden! Hier und nirgendwo anders muss dringlich Abhilfe geschaffen werden! 7) Was weiter die Volksbühne angeht, so halte ich die von uns nach wie vor praktizierte Einrichtung des Abonnementtheaters für eine sozialdemokratisch-spießbürgerliche und überwundene Angelegenheit. Man sollte nicht Abonnementkunden ins Theater führen – das sind unweigerlich zu 80 Prozent Kleinbürger –, sondern ganze Betriebe, und zwar prinzipiell. Die Volksbühne – oder besser im Plural: die Volksbühnen (nämlich möglichst alle Theater und die besten voran!) – müssen den Betrieben gehören. Wie das etwa gemacht werden muss, hat wiederum Brecht gezeigt, als er vor der Pre- 1492 Teil X miere die Mutter Courage in zwei Vorstellungen den Arbeitern von Hennigsdorf präsentierte.110 Ich habe mich mit dem Volksbühnengedanken nach allen Richtungen hin sehr eingehend beschäftigt und in Volksbühnenaufführungen für Abonnementzuschauer einige Male eifrig umherspioniert. Der Eindruck, lieber Genosse Ackermann, war deprimierend. Da saßen zum größten Teil Spießer, die auf ihren angestammten Platz stolz waren, aber keine Arbeiter. Von einem Kollektiv-Erlebnis proletarischer Menschen keine Spur. Bei dem, was da auf der Bühne geboten wurde, war Begeisterung freilich nicht zu erwarten. Aber vom Volksbühnenpublikum erwarte ich dann offenes, gesundes Missfallen, diskutierende Gruppen in der Pause, kollektive Kritik. In der Kastanienallee bemerkte ich nur vereinzelte, isolierte Theaterbesucher, bürgerliches Publikum also, nur in bescheidenerer Abendtoilette. Das liegt da ran, dass man es mit den Abonnementkunden sein Bewenden haben lässt und nicht an Betriebe herangeht. 8) Zusammenfassend schlage ich also Folgendes vor: a) Künftige wichtige Entscheidungen auf dem Gebiet des Theaters einem bestehenden Gremium von Regisseuren, Schauspielern, Kritikern, Vertretern des Kulturbundes usw. zu unterbreiten; b) Das Ensemble der Volksbühne mit dem Ensemble des Schiffbauerdammtheaters unter administrativer und künstlerischer Leitung des Genossen Wisten zu einem neuen Volksbühnenensemble zu verschmelzen; 110 (AH) In seiner Kritik an Erpenbeck (Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag) hatte Harich sich gegen dessen Vorwurf, dass Brechts Theater »volksfremd« sei, gewandt. Er schrieb: »Erpenbecks Frage müsste lauten: Führt Brechts Weg zur Entfernung und Entfremdung von den werktätigen Massen, zur esoterisch-geschmäcklerischen Exklusivität, zum snobistisch-antidemokratischen Kunstbetrieb? Und diese Frage könnte Erpenbeck sich leicht selbst beantworten, wenn er nicht am grünen Tisch da rü ber entscheiden wollte, was ›volksfremd‹ und ›volksnah‹ ist, sondern sich stattdessen die Mühe machte, nach den FDGB-Vorstellungen der Mutter Courage im Deutschen Theater die ›Vorhänge‹ zu zählen. Auch könnten die Arbeiter des Stahlwerkes Hennigsdorf und unsere Freunde aus der Freien Deutschen Jugend ihm über Brechts ›Volksfremdheit‹ zuverlässig Auskunft geben. Wahrscheinlich dürfte Erpenbeck sich dann veranlasst sehen, seine reichlich ›volksfremde‹ Vorstellung vom Kunstbedürfnis und Verständnis der Massen beschämt zu revidieren.« (Neuabdr. in: Band 1.1, S. 267.) 1493Wortmeldungen in der SBZ c) Das neue Volksbühnenensemble im Theater in der Kastanienallee spielen zu lassen, freilich nur provisorisch, mit dem Ziel einer endgültigen Übersiedlung in das neue Haus am Liebknecht-Platz in ein bis zwei Jahren; d) Wisten zum Intendanten des Schiffbauerdammtheaters und der Volksbühne zu ernennen, dass Schiffbauerdammtheater aber seinem künstlerischen Einfluss in jeder Beziehung zu entziehen; e) Als künstlerischen Leiter des Schiffbauerdammtheaters eine Persönlichkeit zu ernennen, die Brecht vorschlägt; f ) Brecht jede nur erdenkliche Einflussnahme auf das Schiffbauerdammtheater einzuräumen und die Verwirklichung seiner Pläne, die er hier verwirklichen will, zu unterstützen; g) Das Abonnementsystem der Volksbühne zwar nicht abzuschaffen, aber in hohem Maße durch Aufführungen für geschlossene Betriebsbelegschaften ständig zu ergänzen, mit dem Ziel, die Volksbühne zum Eigentum der Betriebe zu machen und in den Betrieben Theaterdiskussionsgruppen zu schaffen, die auf das Theater Einfluss nehmen (auch wenn die realite Aufhebung des Unterschiedes von Arbeiterklasse und Intelligenz erst die Sache einer fernen kommunistischen Zukunft ist); h) In sämtlichen Theatern regelmäßig Aufführungen für geschlossene Betriebsbelegschaften zu veranstalten. 9) Der Gedanke, Brecht die Kammerspiele zu überlassen, ist meines Erachtens absurd und kann von niemandem gutgeheißen werden, der vom Theater etwas versteht und die spezifischen Eigenarten des Brechtschen Stils und der Brechtschen Methode kennt. Die Kammerspiele haben einen viel zu kleinen Zuschauerraum. Ein Brechttheater muss beträchtliche Publikumsmengen aufnehmen können, wenn es auch nicht zu kolossalisch sein darf. Außerdem sind die Kammerspiele innenarchitektonisch wie eine Konfektschachtel anzusehen. Hier Brecht aufführen zu wollen, wäre ein Sakrileg. An Brecht, nicht an der Konfektschachtel. Dies wäre so weit alles. Lieber Anton, verzeih, dass die Epistel im Übereifer etwas zu lang und geschwätzig geraten ist, aber ich meine es nur gut. Durchdenke bitte meine Gesichtspunkte noch einmal, bevor Du sie verwirfst, dann wirst Du sie nicht verwerfen. Ich wünsche Dir gute Besserung und es grüßt Dich aufs Herzlichste Dein 1494 Teil X Wird es Krieg geben?111 (Ende der 40er Jahre) A. Hauptursachen eines möglichen Dritten Weltkrieges 1. Das Bestreben der Großbourgeoisie in den kapitalistischen Ländern, die Sow jet union zu vernichten, aus Furcht, dass der Sozialismus bei den Arbeitern ihrer eigenen Ländern Schule machen könnte. Dieses Bestreben ist bewiesen • durch die Intervention von 14 kapitalistischen Staaten im russischen Bürgerkrieg nach 1917; • durch die diplomatische Isolierung der Sow jet uni on von 1917 bis zum Rapallo-Vertrag; • durch den Überfall Polens auf den jungen Sowjetstaat im Jahre 1920 und die Annektierung der belarussischen und ukrainischen Gebiete jenseits der Curzon-Linie; • durch die realisierten und die geplanten Versuche antisowjetischer Blockbildung in den zwanziger und dreißiger Jahren (Locarno-Vertrag, Antikominternpakt der Achsen-Mächte); • durch die Verhinderung eines antifaschistischen Pakts der Kollektiven Sicherheit im Völkerbund durch die Westmächte, die Hitlerdeutschland zur Aggression gegen die Sow jet uni on ermuntern wollten; • durch die Preisgabe der Tschechoslowakei 1938/1939, die aus den gleichen Gründen erfolgte; • durch den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sow jet uni on in den Jahren 1941–1945; • durch die Verzögerung der Eröffnung der zweiten Front; • durch die Eröffnung der zweiten Front im Sommer 1944, die zu diesem Zeitpunkt nur dem Zweck diente, der Roten Armee in Europa zuvorzukommen; • durch Bruch des Potsdamer Abkommens, Marshallplan, Wiederaufrüstung und antibolschewistische Hetze in den kapitalistischen Ländern seit 1945; • durch den Überfall der USA auf Korea; • durch die Remilitarisierung Westdeutschlands und Japans; • durch Atlantikpakt, Schumannplan, europäische Armee usw.; • durch die regionalen sogenannten »Sicherheitspakte«; • durch das Stützpunktsystem der USA und Großbritanniens. 111 (AH) 12 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. 1495Wortmeldungen in der SBZ 2. Die beherrschende Rolle, die die monopolisierte Schwerindustrie (der Hauptkriegsinteressent und Hauptkriegsgewinnler) im Wirtschaftsleben der kapitalistischen Staaten spielt, vor allem in den USA, England, Frankreich, Westdeutschland und Japan. Der entscheidende Einfluss, den die monopolisierte Schwerindustrie in diesen Ländern auf den Staatsapparat ausübt. Die Tendenz des völligen Verwachsens von Schwerindustrie, Finanzoligarchie und Staatsapparat in diesen Ländern. (Dieselben gesellschaftlichen Kräfte – die Herren von Kohle, Eisen und Stahl – haben in Deutschland hinter dem Hitlerfaschismus gestanden und den Faschismus als ihr Machtwerkzeug nach innen – gegen die Arbeiterparteien und die Anhänger des Friedens – und nach außen – gegen die friedliebenden Völker Europas – benutzt.) 3. Die allgemeine ökonomische Unsicherheit und das Heranreifen einer Weltwirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern. Der Versuch der kapitalistischen Staaten, diese Krise durch forcierte Rüstungen aufzuhalten und hinauszuschieben. Die Tatsache, dass forcierte Rüstung unter kapitalistischen Verhältnissen zum Krieg führen muss, da für die Rüstung dieselben Erfordernisse des Absatzes bestehen wie für alle anderen Wirtschaftszweige, und da de Absatzmarkt kapitalistischer Rüstungsproduktion eben das Schlachtfeld ist. 4. Der Hauptkriegstreiber – die amerikanische Großbourgeoisie – hat sich mit den gefährlichsten imperialistischen Mächten von gestern auf Gedeih und Verderb verbündet – mit Deutschland in Europa und mit Japan in Ostasien. Die USA bringen in diesen Ländern systematisch die alten Kräfte, die den Zweiten Weltkrieg entfesselten, wieder zur Macht, räumen ihnen eine Vorzugsstellung gegenüber den anderen kapitalistischen Staaten ein, betreiben ihre Remilitarisierung und ermuntern sie zur Aggression. Der Appetit der deutschen und der japanischen Großbourgeoisie, der Hauptverbündeten der USA-Imperialisten, ist nach dem Zweiten Weltkrieg noch gewachsen, weil ihr ökonomischer und politischer Einflussbereich sich nach 1945 durch die Niederlage erheblich eingeengt hat. 5. Wie alle Klassen, die dem Untergang geweiht sind, wissen die Kapitalisten nicht, dass sie mit der Anstiftung eines neuen Krieges nur ihr eigenes Ende beschleunigen würden. Ihre Verblendung könnte dazu führen, dass sie aus irgendeiner ausweglosen politischen oder ökonomischen Situation (etwa aus Furcht vor einer Weltwirtschaftskrise) in ein militärisches Abenteuer flüchten. Sie würden dann zwar selbst den Kür- 1496 Teil X zeren ziehen, würden aber vor ihrer endgültigen Vernichtung vorübergehend großen Schaden anrichten. (Wie Hitler.) 6. Die Tatsache, dass die Arbeiterklasse in den USA, dem führenden kapitalistischen Land, fast ausschließlich unter dem Einfluss der reaktionären, kapitalhörigen Gewerkschaften steht, die die Arbeiter politisch verdummen und vom Kampf um den Frieden ablenken. B. Garantien der Erhaltung des Friedens 1. Die Macht der Sow jet uni on und der mit ihr befreundeten Länder, in denen die Arbeiterklasse herrscht (China, Mongolische Volksrepublik, Volksdemokratien in Osteuropa). Eindeutige Überlegenheit über die kapitalistischen Länder in folgenden Punkten: • Zahlenmäßig: über 200 Millionen Menschen in der UdSSR, nahezu 500 Millionen in China, über 100 Millionen in den osteuropäischen Volksdemokratien; • größeres militärisches Potential; • größere militärische Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg und dem chinesischen Bürgerkrieg; • größere Kampfmoral der Massen, die von Kommunistischen Parteien erzogen sind und Errungenschaften von Revolutionen zu verteidigen haben; • größere Widerstandsfähigkeit der Massen, die noch vor kurzem in rückständigen Verhältnissen gelebt haben und an ein hartes Leben gewöhnt sind; • Dezentralisierung der Industrie in riesigen geographischen Gebieten, die die eventuelle Anwendung von Atombomben zur Wirkungslosigkeit verurteilen; • gigantischer Industrialisierungsprozess ohne Wirtschaftskrisen und ohne Arbeitslose mit der Tendenz, die kapitalistischen Länder einzuholen und zu überholen; • Bündnis mit Ländern, die seit langer Zeit in technischer Hinsicht Weltbedeutung haben (Tschechoslowakei, Deutsche Demokratische Republik), systematische Auswertung der technischen Errungenschaften und Erfahrungen dieser Länder. Alle diese Faktoren haben zur Konsequenz: Erstens, dass die USA-Imperialisten sich davor hüten müssen, mit dem ganzen »Ostblock« auf einmal in Konflikte zu geraten; sie sind also im Wesentlichen da rauf angewiesen, hier und dort Kleinkriege (à la Korea) zu inszenieren, mit denen sie aber ihre eigenen Kräfte verzetteln. Zweitens wirkt die 1497Wortmeldungen in der SBZ offensichtliche Macht der UdSSR und der befreundeten Länder und Völker lähmend auf diejenigen Kreise der kapitalistischen Länder, die zwar ebenfalls Feinde des Kommunismus sind, aber nicht unmittelbar am Krieg verdienen und deshalb dazu neigen, sich »rückzuversichern«, sich vor allzu starker Kompromittierung zu hüten usw. Auf diese Kreise, bei denen sich die Angst vor dem Kommunismus als Angst vor einem Krieg gegen die Sow jet uni on äußert, können sich die Imperialisten nicht stützen. 2. Aus folgenden Gründen ist der Friedenswille der Völker und der Hass auf Militarismus und Krieg so stark wie nie zuvor: a) Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist noch unmittelbar lebendig, im Unterschied zu 1939, als eine ganze Generation herangewachsen war, die den Ersten Weltkrieg nur von Hörensagen kannte. b) Der Zweite Weltkrieg hat – im Unterschied zum Ersten Weltkrieg – die gesamte Zivilbevölkerung Europas und Asiens betroffen und ihr tiefen Abscheu gegen den Krieg eingeflößt. Das gilt vor allem für die Länder, deren Bevölkerung von den USA-Imperialisten als Kanonenfutter vorgesehen ist: England, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan. Ohne die Bevölkerung dieser Länder kann kein Krieg geführt werden. 3. In Deutschland und Japan ist es offensichtlich, dass die Remilitarisierung im In teres se ausländischer Herren erfolgt. Es ist aber unmöglich, Völker mit so stark ausgeprägtem Nationalbewusstsein wie die Deutschen und die Japaner zu Söldnern fremder Herren zu machen, zumal dann, wenn sich vorher die fremden Herren als Besatzungsmächte unbeliebt gemacht haben. Ohne aktive Teilnahme der Deutschen und der Japaner kann aber der Dritte Weltkrieg nicht stattfinden. 4. Die Remilitarisierung Westdeutschlands und Japans führen im internationalen Maßstab zu folgenden Konsequenzen: a) Sie weckt den alten Hass gegen den deutschen und japanischen Militarismus in all den kapitalistischen Ländern, die von Hitlerdeutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg okkupiert waren (Frankreich, Italien, Belgien, Holland, Norwegen, Dänemark, Indonesien). Die Energien, die aus diesem tiefen, eingewurzelten Hass gegen den deutschen und japanischen Militarismus strömen, kommen in zunehmendem Maße dem organisierten Friedenskampf in diesen Ländern zugute. b) Die Remilitarisierung Westdeutschlands und Japans stärkt die Autorität, die die Regierungen der Sow jet uni on, Chinas und der Volksdemokratien bei ihren Völkern genießen. Es wird für die Völker dieser Länder immer offensichtlicher, dass die amerikanischen Imperialisten die Mächte der Zerstörung von gestern aufs Neue wachrufen und mobilisieren wollen, und dass nur die kommunistischen Regierungen sich dieser 1498 Teil X unheilvollen Entwicklung entgegenstellen. Diese Wirkung der Remilitarisierung der früheren faschistischen Länder ist besonders stark in Polen, in der UdSSR und in China, deren Völker am meisten unter der deutschen und japanischen Aggression und Okkupation zu leiden hatten. 5. Die Aufrüstung führt zu einer starken Verschlechterung der Lebenslage der Bevölkerung in den kapitalistischen Ländern. Die zunehmende Entwertung der Währungen, die steigenden Preise, die wachsende materielle Not führen zum Erwachen immer breiterer Massen, die mit den Kommunistischen Parteien zu sympathisieren beginnen. 6. Es ist nicht möglich, in modernen industriekapitalistischen Ländern eine Riesenaufrüstung durchzuführen und einen Angriffskrieg vorzubereiten, ohne faschistische Gewaltmethoden gegenüber den Arbeiterparteien und den Friedensanhängern anzuwenden. Bürgerlich-demokratische Regierungen, die an parlamentarische Herrschaftsinstitutionen gebunden sind, sind unfähig, diese Arbeit zu leisten. Nach den Erfahrungen, die die Völker mit dem deutschen, italienischen, japanischen und spanischen Faschismus gemacht haben, können es sich die Kriegstreiber aber nicht mehr leisten, einen faschistischen Kurs zu steuern. In demselben Augenblick, wo sie dies zu tun versuchen, würden sie die gesamte Arbeiterklasse, die Bauernschaft, die Kräfte der kleinbürgerlichen Demokratie, die Masse der Intellektuellen und die liberalen und christlich eingestellten Kräfte des Bürgertums in einer geschlossenen Front unter Führung der Kommunisten gegen sich haben. Hierbei darf man nicht vergessen, dass eine Wiederholung faschistischer Staatsstreiche nach dem Muster des 30. Januar 1933 in Deutschland, Frankreich, Italien, Japan usw. nicht mehr möglich ist, da die Kommunistischen Parteien auf Grund der Erfahrungen der französischen Volksfront von 1934 und auf Grund der Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale im gleichen Moment zur Verteidigung der bürgerlichen Demokratie in einer Einheitsfront mit Sozialdemokraten und bürgerlichen Demokraten übergehen würden.112 Die Möglichkeit einer faschistischen Kriegsvorbereitung durch die Imperialisten ist also außerordentlich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. 112 (AH) Diese These hat Harich mehrfach vertreten. Eine der Lehren aus der Geschichte habe da rin zu bestehen, dass die Kommunisten Bereitschaft zeigen müssten, die Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie im Notfall zu verteidigen. In Zur Kritik der Revolutionären Ungeduld warf er dann 1971 den Neoanarchisten vor, dies zu verkennen. 1499Wortmeldungen in der SBZ 7. Der Friedenswille der Massen der Bevölkerung in den kapitalistischen Ländern äußert sich da rin, dass die Kriegstreiber nur zahlenmäßig geringfügige Streitkräfte aufstellen und für den Krieg drillen können. Hitler überfiel am 22. Juni 1941 die Sowjet uni on mit 20 Divisionen. Die Amerikaner müssen sich heute mit einem Plan begnügen, der bis 1953 die Aufstellung von 50 Divisionen in ganz Europa vorsieht, und selbst die Durchführung dieses Planes macht ihnen die größten Schwierigkeiten. 8. Die kommunistischen Parteien sind in zwei entscheidenden Ländern – in Frankreich und in Italien – die zahlenmäßig, qualitativ und organisatorisch stärksten Parteien. Die kommunistische Partei Westdeutschlands ist zwar verhältnismäßig schwach, ihr Einfluss wächst aber in dem Maße, wie die anderen Parteien die Remilitarisierung vorantreiben. Eine terroristische Unterdrückung des Kommunismus in Frankreich und Italien ist nicht mehr möglich, sie wäre aber die unabdingbare Vo raus set zung für die Entfesselung eines Dritten Weltkrieges. 9. Das Erwachen der Kolonialvölker und deren Kampf für Freiheit und nationale Unabhängigkeit bedroht eine der Hauptpositionen des Kapitalismus, führt zur Einbeziehung neuer Menschenmassen in den Kampf gegen die Kriegstreiber (die ja mit den Kolonialherren identisch sind) und bindet starke Streitkräfte der kapitalistischen Staaten, die auf diese Weise ihr militärisches Potential verzetteln, in den Kolonien. (In diesem Zusammenhang sind zu nennen: der Sieg des chinesischen Volkes, der des Volkes von Vietnam, der permanente Guerillakrieg gegen die Kolonialherrschaft in Malaysia, die nationale Befreiungsbewegungen in Burma, im angloägyptischen Sudan, in Marokko und Tunesien, der iranisch-britische Ölkonflikt und der Konflikt zwischen Großbritannien und Ägypten. Davon abgesehen, lassen sich Länder mit einem solchen für die Kriegsführung unentbehrlichen Rohstoffreichtum wie Indonesien, Indien und die über Erdöl verfügenden arabischen Staaten nicht mehr in die Kriegskoalitionen gegen die Sow jet uni on und China einbeziehen.) 10. Eine halbwegs stabile Wirtschaft lässt sich in den meisten kapitalistischen Ländern überhaupt nur noch mit Dollar-Hilfen aufrechterhalten (so vor allem in England, Frankreich und Italien). Diese Dollarhilfen belasten in immer stärkerem Maße den amerikanischen Steuerzahler, fallen für die Aufrüstung aus und demonstrieren anschaulich, dass der Kapitalismus in diesen europäischen Ländern parasitär geworden und in den Zustand definitiver Fäulnis und Zersetzung übergegangen ist. 1500 Teil X 11. In dieser Situation besteht die gesamte internationale Strategie und Taktik der Sow jet uni on da rin, immer neue Friedensvorschläge zu machen, zu immer weitgehenderen Konzessionen bereit zu sein und so ununterbrochen die reale Per spek ti ve einer friedlichen Entwicklung aufzuzeigen. Das hat zur Folge: • Die Massen erkennen in immer zunehmendem Maße, dass die Sow jet uni on den Frieden erhalten will. • Die Einpeitscher der Kriegsvorbereitung sind gezwungen, ihre aggressiven Absichten vor ihren eigenen Völkern zu entlarven. • Die Hauptkriegstreiber – die USA-Imperialisten – werden isoliert von der englischen, französischen und italienischen Bourgeoisie, die den scharfen Kriegskurs der USA nicht mitmachen wollen und immer mehr dazu tendieren, mit der Sow jet uni on durch Kompromisse einen modus vivendi zu finden. (Beweis: Die USA kämpfen in Korea faktisch alleine. England hat China anerkannt. Die USA-hörigen Mehrheiten in der UNO beginnen zu zerbröckeln.) Tatsächlich werden heute die englische, französische und italienische Diplomatie nur noch durch die Dollarsubventionen (und die damit verbundenen ökonomischen Erpressungen) von den USA bei der Stange der amerikanischen Kriegspolitik gehalten. • Durch die ständigen Friedensvorschläge der Sow jet uni on werden die imperialistischen Politiker gezwungen, Friedensliebe zu heucheln. Um so krasser wird der Widerspruch zwischen ihren Worten und ihren Taten sichtbar. 12. Die kommunistischen Parteien in der ganzen Welt konzentrieren – unter Hintanstellung aller anderen weltanschaulichen und politischen Fragen – ihre ganze Agitation und Propaganda und ihre gesamte organisatorische Arbeit auf die Mobilisierung der Volksmassen für den Kampf um die Erhaltung des Friedens. 13. Die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Ländern verschärfen sich. Der Versuch der USA-Imperialisten, die gesamte kapitalistische Welt in einer antisowjetischen Kriegskoalition zusammen zu schließen, wird durch folgende Tatsachen erschwert: • Durch den Gegensatz zwischen der englischen und französischen Bourgeoisie einerseits und der amerikanischen und deutschen Bourgeoisie andererseits in der Frage der Art und des Umfangs der deutschen Remilitarisierung und der deutschen Teilnahme am Atlantikpakt. • Durch den Gegensatz der deutschen und französischen Bourgeoisie in der Saarfrage. 1501Wortmeldungen in der SBZ • Durch den Gegensatz zwischen der englischen und französischen Bourgeoisie einerseits und der amerikanischen Bourgeoisie andererseits in der Frage des Bündnisses mit dem faschistischen Spanien. • Durch den Gegensatz zwischen englischen und amerikanischen Ölmagnaten in Persien. • Durch den Gegensatz zwischen den panamerikanischen Bestrebungen der USA gegenüber Süd- und Mittelamerika und den Autonomiebestrebungen der am meisten entwickelten südamerikanischen Staaten (z. B. Argentinien). • Durch den Gegensatz zwischen den USA einerseits und England und Italien andererseits in der Stellung zu China. • Durch die Konkurrenzfurcht der englischen und französischen vor der deutschen Bourgeoisie. 14. Auf weite Kreise der militärischen Führer der kapitalistischen Länder haben die Kriegsverbrecherprozesse gegen deutsche und japanische Marschälle, Generale und Offiziere abschreckend gewirkt. 15. Die Hetze gegen die Sow jet uni on schlägt auf diejenigen, von denen sie betrieben wird, insofern zurück, als sie in der ganzen Welt Furcht davor erzeugt, mit der Roten Armee Krieg führen zu müssen, sich der Gefahr sowjetischer Gefangenschaft usw. auszusetzen. 16. Eine ernste Gefahr für den Frieden war die Vertrauensseligkeit, mit der die amerikanische Bevölkerung, die noch niemals ernsthaft Krieg führen musste, an die Unbesieglichkeit der amerikanischen Waffen glaubte. Der Nimbus der amerikanischen Unbesiegbarkeit ist aber am Kampf der Chinesen und Koreaner mittlerweile zuschanden geworden. Für jeden ist es offensichtlich, dass die Amerikaner, die nicht einmal die Nordkoreaner und die chinesischen Verbände auf die Knie zu zwingen vermochten, jämmerlich scheitern würden, wenn sie es wagen sollten, gegen die Sowjetarmee, die Armeen der Volksdemokratien und die gesamten Streitkräfte Chinas anzutreten. Im Übrigen hat der koreanische Krieg auch in Amerika selbst, bei der Bevölkerung, starke Kriegsmüdigkeit erzeugt. 1502 Teil X C. Schlussfolgerungen Auf Grund der unter A angeführten Tatsachen schweben wir wirklich in ständiger Kriegsgefahr. Den zum Krieg drängenden Kräften stehen aber in der ganzen Welt starke, entschlossene und organisierte Friedenskräfte gegenüber, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Auf Grund der unter B angeführten Tatsachen haben diese Friedenskräfte eine durchaus reale Chance, den Dritten Weltkrieg zu verhindern und einen dauernden Frieden zu sichern. Diese Chancen wachsen in dem Maße, wie einerseits die Anstrengungen der Imperialisten zur Vorbereitung eines neuen Krieges offen, unverhüllt und für jedermann sichtbar und fühlbar hervortreten und andererseits die von der Sow jet uni on geführten Länder des Sozialismus und der Volksdemokratie wirtschaftlich und politisch erstarken und ihre Politik der Friedensvorschläge und Kompromissversuche fortsetzen und steigern. Wenn die Imperialisten trotzdem – auf Grund einer falschen Einschätzung der Kräfteverhältnisse – den Krieg in ihrer Hysterie und Ausweglosigkeit vom Zaun brechen sollten, so würden sie ihn mit einem bereits völlig zermürbten, von Widersprüchen und Gegensätzen zerrissenen, von vornherein kriegsmüden Hinterland beginnen und durch die kombinierte Aktion ihrer eigenen Arbeiterklasse und der sowjetischen Armee so schnell und gründlich zusammengeschlagen werden wie Tschiang Kai-schek in China im Jahr 1949. D. Was kann man für die Erhaltung des Friedens tun? 1. Man muss jederzeit energisch und kühn den Anhängern der Remilitarisierung entgegentreten. Man muss den offenen Kriegstreibern aufs Maul schlagen und diejenigen, die sich von ihnen beeinflussen lassen, beharrlich für die Sache des Friedens werben und überzeugen. 2. Man darf sich nicht von der vorgetäuschten Allmacht der Amerikaner imponieren lassen, sondern muss erkennen, dass das ganze amerikanische System, aller Technik und allen Stützpunkten zum Trotz, in sich brüchig, widerspruchsvoll und im Grunde schwach ist. 3. Man muss wissen, dass die Verweigerung jeder Art von Wehr- und Kriegsdienst für einen Deutschen absolut legal und rechtlich ist, und auf Grund der Kapitulationsurkunde von 1945, des von Truman, Attlee und Stalin unterzeichneten Potsdamer Abkommens, der Gesetze und Verfügungen des Alliierten Kontrollrat, der Bonner Bun- 1503Wortmeldungen in der SBZ desverfassung und der westdeutschen Länderverfassungen. Die Adenauer-Regierung, die sich über diese geheiligten internationalen und nationalen Rechtsgrundlagen einer deutschen Friedenspolitik hinwegsetzt, handelt illegal und steht mit den Gesetzen in Widerspruch. 4. Man muss der Lüge entgegentreten, dass »vom Osten« ein Angriff drohe. Man kann verschiedener Meinung sein über die Vorzüge des Ostens und des Westens. Wer die »westliche Freiheit« vorzieht (weil er Kapitalismus mit Freiheit verwechselt), mag das tun. Er muss sich aber da rü ber klar sein, dass ausschließlich die Kriegstreiber im Westen die »westliche Freiheit« bedrohen. Denn nur dann wird der »östliche Totalitarismus« über Westeuropa hereinbrechen, wenn er durch einen Angriff vom Westen provoziert wird. Gegen diese Möglichkeit kann man sich als Anhänger »westlicher Freiheit« eben dadurch am besten und wirksamsten zur Wehr setzen, dass man die Kriegstreiber im eigenen Land rechtzeitig und wirksam bekämpft. Rechtzeitig heißt aber: Man muss sich schon gegen den Versuch der Remilitarisierung mit Händen und Füßen zur Wehr setzen. 5. Der Einzelne steht der Remilitarisierung und der Kriegsgefahr wehrlos und ohnmächtig gegenüber. Helfen kann nur der organisierte Zusammenschluss der Anhänger der Friedens zum Zweck des Kampfes gegen die Remilitarisierung, der Zerreißung von Gestellungsbefehlen, der systematischen Verhinderung von Kriegsproduktion, der Aufklärung der Bevölkerung usw. 6. Die Kommunisten sind die konsequentesten und kühnsten Verteidiger des Friedens. Sie waren es schon immer, sie sind es auch heute. Das aber besagt nicht, dass man Kommunist ist, wenn man für den Frieden eintritt. Der Kampf für den Frieden ist vielmehr eine allgemeine, umfassende Angelegenheit, die alle Schichten der Bevölkerung, über alle politischen, weltanschaulichen, religiösen usw. Differenzen hinweg, angeht. Hier geht es um die Verteidigung des nackten Lebens. 1504 Teil X Das »Dogma« des Marxismus und die »wahrhaft neue Deutung der geistigen Grundlagen«. Abrechnung mit einer reaktionären Theorie113 (Ende der 40er Jahre) Dem Andenken Rosa Luxemburgs gewidmet Motto: »Wenn der Satz, dass die Summe der drei Winkel in jedem Dreieck = 2 R betragen muss, dem Interesse der Besitzenden zuwider wäre, so wäre diese Lehre durch Verbrennung aller Geometriebücher unterdrückt worden, soweit die Betroffenen es durchzusetzen vermocht hätten.« (Thomas Hobbes, 1588–1678) Im Sozialistischen Jahrhundert, der von Louise Schröder und Dr. Otto Suhr herausgegebenen Monatszeitschrift der Berliner Sozialdemokratie,114 plagen sich seit einiger Zeit die Parteitheoretiker Dr. Kurt Schumachers mit der »Verbesserung«, »Ergänzung«, »Widerlegung« und endgültigen »Überwindung« des Marxismus ab. Kein Wunder: Nachdem diese Herrschaften unter Berufung auf ihre »Meinungsfreiheit« die Einigung der sozialistischen Arbeiterbewegung in Berlin und Westdeutschland vereitelt haben, müssen sie sich die »Meinungen« erst noch mühselig zusammensuchen, deren »Freiheit« die verhängnisvolle Verewigung der proletarischen Parteienspaltung zu lohnen scheint. Dass dafür nur bürgerliche, nur antimarxistische »Meinungen« in Frage kommen, ist selbstverständlich. Für die Rechtfertigung des Klassenverrats der Spalter ist die Lehre von Marx und Engels gänzlich unbrauchbar. Also muss sie nach allen Regeln revisionistischer Kunst zurecht gebogen werden. Ohne verwässerte Theorie – keine opportunistische Praxis. Das ist das ganze Geheimnis. Bereits in der ersten Nummer des Sozialistischen Jahrhunderts, die im November 1946 erschien, fanden wir die programmatische Erklärung Dr. Werner Buengels, man müsse heute den Marxismus »als Ganzes in Frage stellen«. Im gleichen Heft erklärte Dr. Klaus Peter Schulz, einer der tonangebenden Mitarbeiter, es gehe der Sozialdemokratie um »eine wahrhaft neue Deutung und neue Formulierung der geistigen Grundlagen«. »Weltanschauliche Klärung« sei das »beglückende Ziel« der neuen Zeitschrift. 113 (AH) 20 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. Der Text vermerkt zahlreiche Verweise auf Fußnoten, die aber nicht erhalten sind. Zahlreiche hand- und maschinenschriftliche Korrekturen, stillschweigend eingearbeitet. 114 (AH) Louise Schröder und Otto Suhr waren die Lizenzträger und Herausgeber der Zeitschrift Das sozialistische Jahrhundert, die seit November 1946 erschien. Mit der Spaltung Deutschlands und Berlins stellte sie ihr Erscheinen ein. 1505Wortmeldungen in der SBZ Das »beglückende Ziel«. Man versuche einmal festzustellen, wie dieses »beglückende Ziel« aussieht und zu welchen Resultaten die »weltanschauliche Klärung« innerhalb der SPD inzwischen geführt hat. Inzwischen: Das heißt, von der Gründung des Sozialistischen Jahrhunderts an über die sozialdemokratische »Kulturkonferenz«, die im August 1947 in Ziegenhain stattfand, bis zu den anschließenden theoretischen Referaten und Debatten im August-Bebel-Institut in Berlin Wannsee, Winter 1947/1948. Die Frage ist erstens, welche wissenschaftlichen Probleme in dieser Zeit von den sozialdemokratischen Theoretikern aufgeworfen wurden; zweitens, ob die Herren für ihre Behauptung, dass der Marxismus »überholt« bzw. »ergänzungs-« und »ver bes se rungs«bedürf tig sei, irgend ein zwingendes Argument beizubringen vermochten; drittens, ob die »wahrhaft neuen Deutungen und neuen Formulierungen«, mit denen sie den »als Ganzes in Frage gestellten« Marxismus zu ersetzen gedenken, tatsächlich so »wahrhaft neu« sind, wie es ihre Ankündigungen versprachen; und viertens, worin die realen gesellschaftlichen Grundlagen dieser »wahrhaft neuen« »geistigen Grundlagen« bestehen, mit anderen Worten, was der in der Sozialdemokratie ausgebrochene Eifer, vom Marxismus loszukommen, als ideologisches Phänomen im Zusammenhang mit den sozialen und politischen Kräftekonstellationen in Nachkriegsdeutschland zu bedeuten hat. Um alle diese Fragen, die für die deutsche Arbeiterbewegung entscheidend wichtig sind, erschöpfend beantworten und zugleich die Schärfe und Brauchbarkeit der theoretischen Waffen des Sozialismus aufs Neue erproben zu können, werden wir uns im Folgenden ausführlich mit einigen Ansichten auseinandersetzen, die wir in den bisher vorliegenden Heften des Sozialistischen Jahrhunderts und in anderen sozialdemokratischen und bürgerlichen Publikationen der Nachkriegszeit vorfinden. Erstes Kapitel: Der »unabhängige Denker« Lewalter und die marxistische »Scholastik«115 Es wird aus Gründen besserer Übersichtlichkeit angebracht sein, wenn wir unsere Auseinandersetzung erst einmal mit den landläufigen, allgemeinen Einwänden gegen den Marxismus beginnen, bevor wir uns subtileren Fragestellungen zuwenden. Den Herren vom Sozialistischen Jahrhundert geht es, wie gesagt, um »wahrhaft neue Deutung 115 (AH) Dieses erste Kapitel ist, nach der kurzen Einleitung, erhalten geblieben und wird im Folgenden präsentiert. Überschrieben ist es zudem mit der Ziffer römisch I, es sollte das Thema also noch weiter ausgeführt werden. Als Motto hatte Harich vorangestellt: »Die Art, wie ein solcher Knirps z. B. Aristoteles abfertigt (…)« Karl Marx über Ludwig Büchner. 1506 Teil X und neue Formulierung der geistigen Grundlagen«. Hinter diesem hochtrabenden Anspruch steckt gleich der üblichste, der am weitesten verbreitete Vorwurf, der heute von sozialdemokratischer Seite gegen den konsequenten Marxismus erhoben zu werden pflegt, und den immer gleich ein ganzer Korb politisch dilettierender Backfische nachplappert – der Vorwurf, die Marxisten hätten aus Starrsinn und verbohrter Traditionsgläubigkeit die Doktrinen des »längst verstorbenen« Karl Marx zu ihrem »Dogma« erkoren, zu einem »Dogma«, an dem sie – kritiklos, unfähig zu vorurteilsloser Erkenntnis und geistig steril – unter allen Umständen wie an einer heiligen Offenbarung festhielten. Eben dies aber sei eines »modernen« Menschen unwürdig. Marx sei wohl genial, aber nicht allwissend gewesen, und er habe die »Probleme unserer Zeit« nicht vorausahnen können. Die »Unbefangenheit« erfordere, dass um »wahrhaft neuer Deutungen und neuer Formulierungen« willen mit dem marxistischen »Dogmatismus« gebrochen werde. Unter solchem und ähnlichem Geschwafel spreizen sich die sozialdemokratischen Marx-»Verbesserer« in der kleidsamen Pose rebellischer Traditionslosigkeit. Im Sozialistischen Jahrhundert wimmelt es nur so von selbstgefälligen Beteuerungen sozialdemokratischer »Modernität«. Die Herren treiben einen wahren Kult mit ihrer »Unbefangenheit«. Sie können nicht laut genug betonen, dass sie – im Gegensatz zu den Marxisten – keine »Dogmatiker« wären. Eine Zusammenstellung all der zahlreichen Variationen dieser wie ein Refrain immer wiederkehrenden Phrase würde uns hier zu weit führen. Ein Beispiel, wohl das prägnanteste, mag genügen. Es stammt von Dr. Ernst Lewalter, der es im Augustheft 1947 des Sozialistischen Jahrhunderts tatsächlich und allen Ernstes fertig brachte, den marxistischen »Dogmatismus« mit der mittelalterlichen Scholastik zu vergleichen. »Am weitesten«, schrieb Herr Lewalter, »ist die Entseelung in den Kreisen der marxistischen Orthodoxie gediehen. Sie sehen zu Marx als zu dem auf, der in allem, was er sagte, recht hatte. Solch ein Schicksal ist bisher in der abendländischen Geschichte nur einmal einem Denker widerfahren, allerdings in noch weit größerem Umfange, nämlich für drei Jahrhunderte in der gesamten lateinischen Christenheit, und ohne dass ihm damals jemand die Stellung eines unanfechtbaren Meisters derer, die wissen, bestritten hatte: Aristoteles.« »Wer die Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen über die Schriften des Aristoteles kennt und eine heutige orthodox-marxistische Veröffentlichungen die Hand nimmt 1507Wortmeldungen in der SBZ (etwa die vom Parteivorstand der SED herausgegebenen Zeitschrift des Wissenschaftlichen Sozialismus, Einheit), nimmt eine erstaunliche Ähnlichkeit wahr. Alles ist hier, bei den Marxisten, wie es dort, bei den Scholastikern, war: Die Ehrfurcht vor jedem Satz des Meisters, das Bestreben, auch das leichter Hingeworfene schwer und ernst zu erläutern, die unerschütterliche Überzeugung, dass das Ganze in allen Einzelheiten mit dem Ideal der Wahrheit zusammenstimmt.« (In der Folge zwei sich überschneidende Manuskriptseiten, fortgesetzt wird mit dem Ende des Zitats, AH.) Nun wissen wir es genau: Aristoteles und Marx ist das gleiche »Schicksal« »widerfahren«, ein Schicksal in zweifacher Ausfertigung, in kleinerem Umfang und in »noch weit größerem Umfang«. Wie groß war dann wohl der »Umfang« des »Schicksals«, das Kant mit den Neukantianern oder Kierkegaard mit den Existenzialisten »widerfuhr«? Was einem als Denker überragenden Formats in dieser vertrackten »abendländischen Geschichte« doch alles zustoßen kann! Und Marx ist der Aristoteles der orthodoxen Marxisten, wie Aristoteles der Marx der »gesamten lateinischen Christenheit« dreier Jahrhunderte war. Und beide »bekleiden« die Stellung eines »unanfechtbaren Meisters derer, die wissen«? Eine prachtvolle Analogie! Fragt sich nur, welches »Schicksal« eigentlich Jesus Christus während der genannten Zeitspanne in der »gesamten lateinischen Christenheit« widerfuhr? Hat er ebenfalls dem Aristoteles nicht die »Stellung« bestritten? Oder war er womöglich der Hegel, der Sismondi, der Saint-Simon der marxistischen Entseelung in den Kreisen des mittelalterlichen Katholizismus? Oder der Engels, der Bebel, der Lenin der »gesamten lateinischen Christenheit«? Und galt damals das Vaterunser oder die Nikomachische Ethik als Kommunistisches Manifest? So sei es natürlich nicht gemeint, wird Herr Lewalter hier vermutlich einzuwenden haben. Aber was meint er wirklich? Doch wohl das, was er sagt. Ein Beispiel. (Erneut das Beispiel der Einheit, hier weggelassen, AH.) Wenn Herr Lewalter die orthodox-marxistischen Veröffentlichungen nicht nur »in die Hand« nähme, sondern sich in sie vertiefen und dann kräftig dagegen polemisieren würde, so wäre uns das nur recht. Aber er müsste sich dann schon dazu aufraffen, gegen die orthodox-marxistischen Auffassungen sachliche Argumente ins Treffen zu führen. Die bloße »Wahrnehmung« einer »erstaunlichen Ähnlichkeit« mit den »Texten mittelalterlicher Universitätsvorlesungen« genügt uns nicht. Ja, wir hegen sogar den Verdacht, 1508 Teil X dass es sich um nichts anderes als um einen faulen demagogischen Trick handelt, wenn sich jemand mangels sachlicher Gegenthesen auf irgendwelche abseitigen Bildungswerte herausredet, von denen lediglich eines feststeht – dass sie nur Eingeweihten bekannt sind. Die »Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen« scheinen uns in die gleiche Rubrik zu gehören wie die »neuesten Resultate der modernen Physik« mit denen man – natürlich um Marx zu »widerlegen« und zu »überwinden« – in Ziegenhain den leidigen Kausalzusammenhang aus der realen Welt hinauszukomplimentieren versuchte. Höchst vergebliche Liebesmüh! Die Ergebnisse der modernen Elektronenphysik bestätigen, wie wir sehen werden, die Richtigkeit und ausschließliche methodische Anwendbarkeit der materialistischen Dialektik ebenso, wie die »Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen« zu der Vorstellung passen, die sich die materialistische Geschichtswissenschaft vom Geistesleben des Mittelalters erarbeitet hat. Aber natürlich: Sowohl die moderne Physik, als auch die mittelalterliche Theologie und Philosophie eignen sich nichtsdestoweniger insofern ganz vorzüglich zur »Widerlegung« von Marx, als es sich in beiden Fällen für den einfachen Menschen um böhmische Wälder handelt, in deren schummrigem Zwielicht ihn die halbgebildeten Bildungshochstapler der sozialdemokratischen Theorien um so bequemer irreführen können. Und weiter: Wenn zwischen den »Texten mittelalterlicher Universitätsvorlesungen über die Schriften des Aristoteles« und den theoretischen Veröffentlichungen der orthodox-marxistischen SED eine »erstaunliche Ähnlichkeit« wahrzunehmen sein soll (für welche »Wahrnehmung« die Mitgliedermassen der SPD erst einmal das Theologiestudium ab solvie ren müssten!), so wären demnach die SED-Leute die mittelalterlichen Universitätslehrer der Gegenwart, und die mittelalterlichen Universitätslehrer wären ihrerseits eine Art SED des Mittelalters gewesen, eine SED in »noch weit größerem Umfange«, eine SED mit dreihundertjähriger Lebensdauer in der »gesamten lateinischen Christenheit«. Vortrefflich! Worin besteht dann aber die Übereinstimmung? Nach Lewalter »in allem«. Nachdem erst zu Aristoteles und zu Marx »als zu denen« »aufgesehen« wurde, die »in allem«, was sie sagten, recht hatten, sind hier wiederum die mittelalterlichen Aristoteliker und die orthodoxen Marxisten untereinander »in allem« gleich. Denn: »Alles ist hier, bei den 1509Wortmeldungen in der SBZ Marxisten, wie es dort, bei den Scholastikern, war.« Alles! Also wohl wahrscheinlich auch die Trennung von Kirche und Staat bei den Scholastikern und das heilige Abendmahl bei den Marxisten, oder? Nein, offenbar doch nicht »alles«, nicht ganz »alles«, sondern nur: »Die Ehrfurcht vor jedem Satz des Meisters, das Bestreben, auch das leichter Hingeworfene schwer und ernst zu erläutern, die unerschütterliche Überzeugung, dass das Ganze in allen Einzelheiten mit dem Ideal der Wahrheit zusammenstimmt.« Das Ganze in allen Einzelheiten! Soll heißen: Wenn Aristoteles zum Beispiel die Sklaverei als den naturgegebenen, selbstverständlichen und rechtmäßigen Gesellschaftszustand auffasste – und das tat er –, so »stimmte« das »Ganze« auch dieser aristotelischen Doktrin für die Scholastiker »in allen Einzelheiten« mit dem »Ideal der Wahrheit« »zusammen« (wobei »zusammenstimmen« übrigens auf Deutsch »übereinstimmen« heißen müsste!). Es ist nun peinlich, dass die Scholastiker rund anderthalb Jahrtausende nach dem »längst verstorbenen« Aristoteles lebten und als Zeitgenossen des Feudalismus, der Leibeigenschaft, der Zunftordnung, die Sklaverei überhaupt nicht kannten. Wie nun? Fiel ihnen etwa dreihundert Jahre lang diese recht beträchtliche »Einzelheit« nicht auf? Lies ihre »Verfallenheit an einen Autoritätsglauben« auch in diesem Punkt keine »Abweichung« zu? Und wie steht es mit Lewalters modernen Scholastikern, mit den Marxisten? Marx prophezeite (oder deutete doch wiederholt an), dass die proletarische Revolution in allen kapitalistischen Ländern fast gleichzeitig ausbrechen und den Umsturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung herbeiführen werde. Wenn Lewalter recht hätte, müssten noch heute alle Marxisten von der Richtigkeit dieser Prognose unerschütterlich überzeugt sein, obwohl auf die Russische Oktoberrevolution, die erste siegreiche Revolution des als Klasse organisierten Proletariats, bekanntlich nicht die Weltrevolution, nicht der Weltsozialismus folgte, sondern einerseits der Aufbau des Sozialismus in einem einzigen Land, in der Sow jet uni on, andererseits, in der übrigen Welt, ein neues katastrophales Entwicklungsstadium des kapitalistischen Imperialismus. Die orthodoxen Marxisten können und wollen und dürfen – Herrn Lewalter zu Folge – diese »Einzelheit« einfach nicht wahrhaben. Und wenn die Weltgeschichte seit mindestens dreißig Jahren keineswegs mehr »in allen Einzelheiten« mit »allem« »zusammenstimmt«, was Marx sagte (der für waschechte orthodoxe Marxisten angeblich »in allem, was er sagte, recht hatte«) – dann um so schlimmer für die Weltgeschichte. Die 1510 Teil X Lewalterschen orthodoxen Marxisten, »Dogmatiker«, die sie sind, »verfallen« an einen »Autoritätsglauben«, mit der »Scheu vor der Abweichung« und der »Furcht, bei unabhängigem Denken ins Bodenlose zu geraten«, haben absolut keine Veranlassung, deswegen an den »Worten« und »Sätzen ihres »längst verstorbenen« Meisters zu zweifeln. Die historische und gesellschaftliche Wirklichkeit ist nichts, das »Ideal der Wahrheit« und die »unerschütterliche Überzeugung« sind alles. Nachdem Herr Lewalter diesen erschütternden Unsinn glücklich angebracht hat, verfällt er zu allem Überfluss auch noch auf jenen unselig verallgemeinernden Gattungssingular, der im kleinbürgerlichen Redeschwall immer dann auftaucht, wenn über konkrete historische Nuancen und Differenzierungen hinweggepfuscht wird. »Der« Mensch und »das« Wesen »des« Menschen und »der« Staat und »der« faustische Mensch und »die« Seele »des« russischen Menschen und »der« Jude, »der« an allem schuld ist – wem wären derlei gemeingefährliche törichte Spießbürgerfiktionen nicht schon begegnet? Hier haben wir es nun mit »dem« Scholastiker zu tun. Was tut »der« Scholastiker? Er kommentiert Aristoteles, andächtig vor dem »Lebenswerk eines längst Verstorbenen«. Und »anderen Denkern gibt der Scholastiker (und ebenso der orthodoxe Marxist) nur soweit recht, als ihre Sätze zu denen des Meisters harmonieren; wo sie von ihm abweichen, werden sie verworfen«. Sehr schön! Aber wer ist »der« Scholastiker? Man orientiere sich im oberflächlichsten, simpelsten Kompendium der Geschichte der Philosophie über Namen und Werke der wirklichen, historischen Scholastiker, um festzustellen, dass »der« Scholastiker des 9. bis 12. nachchristlichen Jahrhunderts (der weit weniger ein homogenes Wesen ist als zum Beispiel »der« Neukantianer oder »der« Existenzialist) die Schriften des Aristoteles überhaupt nicht kennt.116 Da ist im 9. Jahrhundert der Ire Johannes Scotus Eriugena (etwa 810–877), der neuplatonisch-mystische Naturphilosoph und idealistische Erkenntnistheoretiker, Leiter der Hofschule Karls des Kahlen zu Paris, Übersetzer der areopagitischen Schriften und eigentlicher »Vater der Scholastik«. Eriugena steht noch ganz unter dem Einfluss des 116 (AH) Zur Scholastik und den im Folgenden erwähnten Theoretikern sowie ihren Werken äußerte sich Harich ausführlich in seinen Vorlesungen, vor allem in der Vorlesung Die großen europäischen Denker des 17. Jahrhunderts, abgedruckt in Band 6.1, vor allem relevant S. 437–503. Dort auch eine Einleitung (Harichs Vorlesung zur neuzeitlichen Philosophie) des Herausgebers, S. 427–426. In diesem Kontext alle notwendigen Erklärungen, weiterführenden Hinweise usw. 1511Wortmeldungen in der SBZ Augustinus, und wenn in seiner Naturphilosophie unter anderem Unterscheidungen zu finden sind wie das »unbewegt Bewegende«, das »bewegt Bewegende« und das »bloß Bewegte«, die auf die Metaphysik von Aristoteles hinweisen, so handelt es sich dabei doch lediglich um die Fortsetzung einer vielfach übermittelten philosophischen Überlieferung, die mit einem bewusst an Aristoteles anknüpfenden Epigonentum nicht das Mindeste zu tun hat. Da ist weiter – im 10. Jahrhundert – der universal gebildete Gerbert (gestorben 1003), einer der faszinierendsten Geister des Mittelalters: Erst Erzbischof von Reims, Lehrer und Freund Ottos III., dann als Papst Sylvester II. Stifter der Stephanskrone und Inspi ra tor der Gründung des polnischen Erzbistums Gensen, weitsichtiger Politiker und zugleich Philosoph von kühnem, unersättlichem Wissensdrang, den seine Zeitgenossen als Zauberer fürchten und verehren. Gerbert ist der erste Scholastiker, der alle Wissensgebiete seiner Zeit zu einem imponierend einheitlichen System verbindet; aber vergeblich wird man bei ihm nach einer Anknüpfung an Aristoteles suchen. Da ist schließlich Berengar von Tours (999–1088) aus der Schule von Chartres, der bereits im 11. Jahrhundert die wissenschaftliche Autorität der Kirchenväter und der Bibel leise anzuzweifeln wagt, und von dem das Aufklärerwort stammt: »Der Buchstabe tötet!« Auch er ist kein Aristoteliker. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bemächtigt sich die scholastische Philosophie dann des wichtigen, noch heute umstrittenen logischen und erkenntnistheoretischen Problems, ob die Allgemeinbegriffe (»universalia«) für sich existierende, von den Dingen unabhängige ideale Wesenheiten darstellen, nach denen sich die realen Dinge richten, oder ob sie bloße »Namen« sind, die auf der abstrahierenden Tätigkeit des Verstandes beruhen. Um diese Frage entbrennt der »Universalienstreit«: Roscelin von Compiègne, der erste konsequente »Empirist«, und Anselm von Canterbury, Wilhelm von Chapeaux, Peter Abaelard, der »Troubadour unter den Scholastikern«, und Bernhard von Clairvaux kreuzen die scharfen Klingen der philosophischen Fehde. Die Lewaltersche Fiktion »des« Scholastikers löst sich hier bereits in verschiedene, einander bekämpfende Tendenzen und Richtungen auf. Und zwar gibt eine Stelle aus der Einleitung des Porphyrios zur Logik des Aristoteles den Anlass zur Scheidung der Geister. Aber da der betreffende Satz beiden Parteien des Universalienstreits nur in der lateinischen Übersetzung des Boethius zugänglich ist, 1512 Teil X handelt es sich hier um ein zweifach vermitteltes Verhältnis. Kein einziger aristotelischer »Satz« ist sonst auch nur verfügbar. Studium und Kommentierung der Werke des »Meisters« sind in dieser Epoche fast ausschließliches Reservat der Orientalen: Die Aristoteliker des 9. bis 12. Jahrhunderts haben wir nicht in der Scholastik, nicht in der »gesamten lateinischen Christenheit«, sondern am Kalifenhof zu Bagdad, unter den Hofgelehrten der Abassiden, unter den arabischen Mutaziliten, den großen orientalischen Ärzten, den Arabern in Spanien und unter den jüdischen Denkern zu suchen. Abgesehen davon gibt der scholastische Universalienstreit der Alternative von Materialismus und Idealismus, Empirismus und Apriorismus, Erfahrungs- und reiner Vernunfterkenntnis eine spezifisch mittelalterliche Prägung, die gegenüber der entsprechenden antiken Fragestellung völlig neuartig ist. Die Einflüsse der Antike auf die frühscholastische Philosophie erfahren durch das andersartige gesellschaftliche und ideologische Medium eine unvermeidliche Brechung. Das gilt für beide Richtungen des Universalienstreits: Weder sind die »Realisten« reine Platoniker, noch weniger die Nominalisten Aristoteliker. Und wenn bei einigen Nominalisten (insbesondere bei Peter Abaelard) gewisse aristotelische Gedankengänge anklingen, so lässt sich doch nirgends eine direkte Bezugnahme auf Aristoteles, geschweige denn ein »andächtiges« Auslegen und Kommentieren seiner »Worte« und »Sätze« nachweisen. Wo also bleibt »der« Scholastiker, der anderen Denkern »nur soweit Recht gibt, als ihre Sätze mit denen des Meisters harmonieren«? Unter den wirklichen historischen Scholastikern des 9. bis 12. Jahrhunderts ist er beim besten Willen nicht aufzuspüren. Aber wir wollen gerecht sein: Die Scholastik umfasst sieben Jahrhunderte, und da Herr Lewalter nur von drei Jahrhundert spricht, gewinnt »der« Scholastiker durch diese Einschränkung erheblich an historischer Bestimmtheit. Wenn die Scholastiker des 9. bis 12. Jahrhunderts die Werke des Aristoteles nicht kennen – wie steht es mit denen des 13. bis 15. Jahrhunderts? In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird der griechische Urtext der Schriften des Aristoteles von Konstantinopel her bekannt, und die vorzüglichsten katholischen Gelehrten stellen sich in den Dienst der Übersetzerarbeit. In den Statuten der Pariser Universität von 1215 wird zum ersten Mal neben der »alten« auch das Studium der »neuen«, aristotelischen Logik erlaubt, die Beschäftigung mit der Naturphilosophie und Metaphysik des Stagiriten aber noch ausdrücklich untersagt. Erst 1237 (offiziell 1254) wird diese Einschränkung aufgehoben. 1513Wortmeldungen in der SBZ Die Scholastiker knüpfen von nun an erst zögernd und voller Vorbehalte, dann jedoch um so radikaler an Aristoteles an, als sie zu der Überzeugung gelangen, dass sich seine Philosophie zur Systematisierung des katholischen Dogmas eignet. Aber führt die nun tatsächlich einsetzende Verschmelzung von Scholastik und Aristotelismus, das Werk des Engländers Alexander von Hales, des Deutschen Albertus Magnus und des Italieners Thomas von Aquin, zu der von Lewalter behaupteten geistigen Stagnation? Keines wegs! Bereits Bonaventura (1221–1274) durchsetzt den Aristotelismus wieder mit mys ti schen Gedanken, die an Augustin und an die »Viktoriner« des 12. Jahrhunderts anklingen. Albertus Magnus, der unter anderem 21 Folianten mit Aristoteles-Kommentaren füllt, bekennt sich in Glaubensdingen ebenfalls zu Augustin, in medizinischen Fragen zu Hippokrates. Selbst Thomas von Aquin, der mit seiner Summa theologica methodisch die Lehre des Aristoteles in das Dogma der Kirche einordnet, gibt nirgends eine stetige Wiederholung und Kommentierung überlieferter »Sätze«. Die Summa ist das Gedankenwerk eines großen, schöpferischen Geistes, ist außerdem adäquater ideologischer Ausdruck der Zeit, System der Ideologie der herrschenden Mächte des mittelalterlichen Feudalismus. Ihre völlig neuartigen Modifikationen der aristotelischen Lehre, ihre zahlreichen Umbildungen und Umformungen insbesondere auf den Gebieten der Ethik, der Psychologie, der Metaphysik und der Staats- und Gesellschaftslehre verraten keine Spur von jener angeblichen dogmatischen »Ehrfurcht vor jedem Satz des Meisters«, die nach Lewalter »anderen Denkern« »nur soweit Recht« gibt, »als ihre Sätze mit denen des Meisters harmonieren«. »Andere Denker«? Thomas von Aquin polemisiert allerdings gegen »andere Denker«. Sein philosophisches Hauptwerk De veritate fidei catholicae contra Gentiles ist eine einzige Abrechnung mit den arabischen Philosophen, den »Heiden«. Aber es irrt sich, wer da glaubt, dass die arabischen Denker etwa deshalb »verworfen« werden, weil sie von Aristoteles »abweichen«. Ganz im Gegenteil: Der arabische Aristotelismus ist insofern viel orthodoxer als der scholastische, als er nicht in erster Linie einer theologischen Konzeption unterworfen, sondern als systematische Zusammenfassung naturwissenschaftlicher Einsichten angelegt ist. Ebenso gilt Thomas von Aquins Kampf gegen die griechischen »anderen Denker« Demokrit, Empedokles und Anaxagoras dem antiken Materialismus, nicht den »Abweichungen« von den »Sätzen« des Meisters. 1514 Teil X Aber wenn man freilich auch nicht bestreiten kann, dass Aristoteles (durch Hinzufügung und Hineindeutung ganz erheblicher »Abweichungen«) bei Alexander von Hales, Albertus Magnus und Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gewaltige Autorität erlangt und seither in der Philosophie des Katholizismus nicht nur dreihundert Jahre lang, sondern bis auf den heutigen Tag eine beherrschende Rolle spielt, so ist doch zu bedenken, dass bereits im 13. Jahrhundert innerhalb der Scholastik die Opposition der Franziskaner gegen den thomistischen Aristotelismus einsetzt. Da ist Heinrich von Gent (1217–1293), der gegen Thomas von Aquin auftritt und wieder auf Platon und Augustin zurückgreift. Da ist der geniale Johannes Duns Scotus (1265–1308), der Erkenntniskritiker der Scholastik, der als erster mittelalterlicher Philosoph, ein halbes Jahrtausend vor Kant, die Notwendigkeit der Trennung von Glauben und Wissen zu begründen wagt, außerdem eine scharfsinnige Psychologie des Willens ausarbeitet und in seiner Metaphysik das konkrete, individuelle Ding als das Vollkommenere gegenüber dem allgemeingültigen Idealprinzip auffasst. Da ist vor allem Roger Bacon (1214–ca. 1290), der bedeutende Mathematiker und physikalische Experimentator, der der Erfahrung vor dem deduktiven Vernunftbeweis den Vorrang gibt, auf Erforschung der empirischen Wirklichkeit dringt und zu vortrefflichen Einsichten in das Wesen des Kausalzusammenhangs gelangt. »Doctor admirabilis« nennen die Zeitgenossen nicht zufällig diesen revolutionären Denker, der seiner Epoche weit vorauseilt. Im 13. und 14. Jahrhundert werden zwischen den verschiedenen Richtungen der Scholastik, zwischen Aristotelikern und Platonikern, Thomisten und Scotisten, Dominikanern und Franziskaner heftige philosophische Fehden ausgetragen, in deren Verlauf die Epigonen Thomas von Aquins in immer stärkerem Maße zu fruchtlosen Dogmatikern und spitzfindigen Kommentatoren entarten. Von ihnen mögen die »Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen über die Schriften des Aristoteles« stammen, auf die sich Herr Lewalter bezieht. Aber erstens ist in dieser Zeit nicht jede Universität eine Zuchtstätte autoritätsgläubigen Stumpfsinns. Auf Padua und Bologna trifft die Kennzeichnung zu, Paris indessen bleibt nach wie vor Schauplatz bewegter Richtungskämpfe. Zweitens sind die thomistischen Kommentatoren durchaus nicht identisch mit »dem« Scholastiker, und drittens beherrschen sie nicht das mittelalterliche Geistesleben dreier Jahrhunderte. Auch Bonaventura, Heinrich von Gent, Roger Bacon und Duns Scotus gehören, wenn nicht 1515Wortmeldungen in der SBZ alles trügt, zur »gesamten lateinischen Christenheit«. Und wenn der Richtungsstreit innerhalb der Scholastik schließlich in England, bei Wilhelm von Ockham (gestorben 1347), zur Erneuerung des Nominalismus und damit zu einer radikal empiristischen Begründung der Wissenschaft führt, so passt auch diese historische Tatsache nicht ganz in das Lewaltersche Bild der »Verfallenheit an einen Autoritätsglauben«. Das Eigenartige ist nun, dass sich Wilhelm von Ockham – im Gegensatz zu seinen Vorläufern Roger Bacon und Duns Scotus – wieder auf Aristoteles beruft. Aber diese Anknüpfung an den »Meister« hat ihren besonderen Sinn. Sie ist das abendländische Pendant zu dem Aristotelismus der Araber, gegen den Thomas von Aquin polemisiert hatte. Der arabische Aristotelismus basierte auf ungleich fortgeschritteneren naturwissenschaftlichen Vo raus set zungen als die scholastische Philosophie des 13. Jahrhunderts. Die Angriffe, die Thomas gegen die »Heiden« richtete, waren also ihrer Tendenz nach konservativ. Da Thomas sich aber ebenfalls auf Aristoteles stützte, nahm er automatisch auf lange Zeit hinaus den oppositionellen Geistern der Scholastik die Möglichkeit, Aristoteles in der gleichen Weise naturwissenschaftlich-empiristisch auszunutzen, wie das die Araber getan hatten. Die franziskanische Opposition war folglich zunächst gezwungen, auf Platon, Augustin usw. zurückzugreifen und Aristoteles in Frage zu stellen. Aber sie richtete sich in Wirklichkeit gegen den spezifisch thomistischen Aristotelismus, gegen den »Intellektualismus«, gegen das deduktive Vernunftsystem, zu dem Thomas von Aquin die Philosophie des Stagiriten bereits willkürlich verarbeitet hatte. Da in diesem System aber die starken materialistischen und empiristischen Elemente der aristotelischen Lehre durch die religiöse Tendenz weitgehend absorbiert waren, galt der Kampf auch weniger der Sache, als dem Namen nach dem Aristoteles. Im Grunde richtete er sich bereits ketzerisch gegen die Vermengung von Wissenschaft und Offenbarung. Und wenn die Opposition sich vorerst konservativ gab, wenn sie Platon und die Kirchenväter erneuern wollte, so verbarg sich doch hinter den loyalen Prätentionen der progressive Geist. Die großen Franziskaner des 13. Jahrhunderts nahmen – gewissermaßen getarnt und insgeheim – den Geist des Empirismus und Materialismus, der Renaissance und Reformation, der Naturwissenschaft und der bürgerlichen Aufklärung vorweg. Alles Tendenzen, deren früheste, keimhafte Ansätze im scholastischen Denken des 13. und 14. Jahrhunderts noch nicht offen zu Tag treten konnten, sondern gleichsam mit einer 1516 Teil X theologischen Schutzhülle umgeben bleiben mussten. Sachlich wäre die Philosophie des Aristoteles mit den Gedanken der franziskanischen Opposition ebenso, wenn nicht besser zu vereinbaren gewesen als mit den apologetischen Anliegen und Hierarchie-Bedürfnissen des Thomismus. Das beweist die ganze Entwicklung des Aristotelismus in der arabischen Kultur. Erst Wilhelm von Ockham spricht in seiner Opposition gegen den Thomismus offen aus, dass er, der konsequenteste Nominalist, mit seinen Anschauungen den »wahren« und »echten« Aristoteles wiederherstelle, in schroffem Gegensatz zu Albertus und Thomas, die in Wirklichkeit »Platoniker« wie Anselm von Canterbury und die anderen »Realisten« des alten Universalienstreits gewesen seien. Auch Peter Abaelard und Duns Scotus lehnt er als nicht radikal genug ab. Wilhelm von Ockham ist ein rebellierender Erneuerer der europäischen Philosophie, ein Vorläufer und Wegbereiter der großen Materialisten und Empiristen, und wenn er – in ganz anderem Sinne als Thomas, freilich auch im Gegensatz zu seinen eigenen Vorläufern – sich wiederum auf Aristoteles beruft, so kommt seine Lehre sachlich dessen Intentionen wohl am nächsten, beschränkt sich zugleich aber am wenigsten auf »ehrfürchtige« Kommentierung irgendwelcher »Sätze« irgendeines »Meisters«. »Verfallenheit an einen Autoritätsglauben« ist dem Aristoteliker Ockham so fremd wie keinem anderen Denker des Mittelalters, vielleicht mit Ausnahme Berengars von Tours, Roscelins von Compiègne und Roger Bacons. Wo also bleiben Lewalters drei Jahrhunderte? Und wer ist in diesen drei Jahrhunderten »der« Scholastiker? Wir wollen einmal das Jahr 1200 als Ausgangstermin der Hochscholastik gelten lassen, das Jahr, in dem Philipp August die Pariser Universität privilegiert. Albertus Magnus ist zu dieser Zeit noch ein siebenjähriger Knabe, Thomas von Aquin wird erst ein knappes Menschenalter später das Licht der Welt erblicken. Wenn wir nun – wie Herr Lewalter – behaupten wollten, dass von diesem Zeitpunkt an drei Jahrhunderte lang niemand »in der gesamten lateinischen Christenheit« da ran zu zweifeln gewagt hätte, dass jeder »Satz« des Aristoteles »in allen Einzelheiten« mit dem »Ideal der Wahrheit« »zusammenstimmt«, so müssen wir erstens das Lebenswerk des Thomas von Aquin zum bloßen Aristoteles-Kommentar degradieren, zweitens die Frage, ob Thomas oder die von ihm bekämpften arabischen Aristoteliker stärker von den »Sätzen« des Meisters »abgewichen« sind, ignorieren und drittens die Existenz von Bonaventura, Heinrich von Gent, Duns Scotus, Roger Bacon unterschlagen – ganz zu 1517Wortmeldungen in der SBZ schweigen von den deutschen Mystikern, ganz zu schweigen auch von der italienischen Platon-Akademie am Hofe Cosmo von Medicis und von solchen Denkern der frühen Renaissance wie Nikolaus Cusanus. Wenn wir aber, schon wesentlich bescheidener, die »gesamten lateinische Christenheit« aus dem Spiel lassen und lediglich behaupten wollten, dass innerhalb dieser dreihundert Jahre (also von 1200–1500) jeder Scholastiker, der sich auf Aristoteles berufen hätte, ein verbohrter, geheiligte »Sätze« fruchtlos und ehrfürchtig nachbetender Dogmatiker gewesen sei, so müssten wir erstens wiederum die Originalität und den großen historischen Wert der thomistischen Philosophie bestreiten, zweitens aber die eigenartige Tatsache ignorieren, dass in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit Wilhelm von Ockham ein scholastischer Aristoteliker auftritt, der alles andere als dogmatisch beschränkt, vielmehr – in den Grenzen seiner Zeit – ein durchaus revolutionärer Philosoph ist, der gegen den Thomismus opponiert und bereits wesentliche Gedanken der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie, insbesondere des englischen Empirismus, vorwegnimmt. Wir müssten drittens all die Auseinandersetzungen um Aristoteles in der Frühzeit der Renaissance ignorieren (…) (An dieser Stelle bricht das Manuskript ab, AH.) 1519 Teil XI Drei Schriftstellerkongresse 1520 Teil XI Kongresspause vor den Berliner Kammerspielen, 6. Oktober 1947 1521Drei Schriftstellerkongresse Andreas Heyer Die ersten Schriftstellerkongresse der DDR, 1947–1952117 1. Der Erste Deutsche Schriftstellerkongress Der Erste Deutsche Schriftstellerkongress, der vom 4. bis 8. Oktober 1947 in Berlin an verschiedenen Veranstaltungsorten stattfand, war eines der zentralen kulturpolitischen Ereignisse der Nachkriegszeit. In der aufgeteilten Stadt trafen Autoren aus ganz Deutschland und ausländische Vertreter zusammen. Nicht eingeladen waren Künstler, die mit dem Nationalsozialismus zusammengearbeitet hatten.118 Ging es doch um die Bündelung aller humanistischen Kräfte, die dem Nationalsozialismus und seinen Verlockungen (Macht, Geld, Ideologie etc.) widerstanden hatten. »Nicht unmittelbar nach der Zerschlagung des Hitler-Regimes griffen die aus dem Exil heimgekehrten Künstler zu diesem Instrument kollektiver Arbeit. Das unvorstellbare Ausmaß an materieller und geistiger Zerstörung ließ einen Schriftstellerkongress nicht sofort zu. Erst 1947 war ein 117 Die in diesem Teil abgedruckten Beiträge Harichs werden im Folgenden nicht gesondert zitiert und mit Quellenangaben versehen. In Klammern finden sich die entsprechenden Kürzel: Erste Rede auf dem Ersten deutschen Schriftstellerkongress – 1SK, 1R; Zweite Rede auf dem Ersten deutschen Schriftstellerkongress – 1SK, 2R; Rede auf dem Zweiten Schriftstellerkongress – 2SK; Rede auf dem Dritten Schriftstellerkongress – 3SK; der Weltbühne-Artikel Im Gespräch bleiben! – IGb. 118 Siehe: Gansel, Carsten: Zur Vorgeschichte, Durchführung und den Folgen des II. und III. Schriftstellerkongresses 1950 und 1952 in der DDR, in: Gansel, Carsten; Walenski, Tanja (Hrsg.): Erinnerung als Aufgabe? Dokumentation des II. und III. Schriftstellerkongresses in der DDR 1950 und 1952, Göttingen, 2008, S. 9 f. 1522 Teil XI solches Treffen möglich, zugleich aber auch zu einem dringenden Gebot der Stunde geworden.«119 Der Aufruf zu dem Kongress stieß auf vielfältige Zustimmung. Insgesamt waren knapp 280 Schriftsteller, Verleger und Wissenschaftler an der Konferenz beteiligt. »Es trafen sich zum ersten Mal Autoren aus allen vier Besatzungszonen: Schriftsteller der inneren und äußeren Emigration, Menschen unterschiedlicher geistiger und politischer Herkunft, mit ungleichen Gegenwarts- und Zukunftserwartungen und sehr verschiedener Literaturauffassung. Auch durch die Anwesenheit von Autoren anderer Völker, die unter deutscher Okkupation gelitten hatten, erhielt die Tagung einen für diese Jahre ungewöhnlichen Charakter. Die Militärregierungen der Alliierten hatten das Treffen toleriert und zum Teil sogar gefördert.«120 Doch es gilt, weiter zu differenzieren. Hans Mayer, der bis 1963 in Leipzig wirkte,121 schrieb in seinen Erinnerungen, es habe sich schnell gezeigt, »dass die Tagung zwar von vier Besatzungsmächten gebilligt schien, dass es jedoch höchst verschiedene Wärmegrade der Zustimmung gab.«122 Vor allem die Sowjets förderten und unterstützten das Vorhaben und mischten sich dabei nicht in die Vorbereitung und Planung ein. Die westlichen Besatzungszonen standen dem Projekt allenfalls tolerierend gegenüber. Die Amerikaner nutzten den Kongress allerdings, um ihre antikommunistische Politik in Deutschland zu stärken. Sie provozierten so die Spaltung der versammelten Autoren und trugen damit die Politik des Kalten Krieges in das Feld der Literatur. Das wog auch deshalb schwer, da »unter den zahlreichen Kongressteilnehmern (…) Einigkeit und Einmütigkeit (bestand): Die drohende politische Spaltung Deutschlands müsse mit Vehemenz verhindert werden.«123 119 Bock, Sigrid: Literarische Programmbildung im Umbruch. Vorbereitung und Durchführung des I. Deutschen Schriftstellerkongresses 1947 in Berlin, in: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 22. Band, 1979, S. 121. 120 Reinhold, Ursula; Schlenstedt, Dieter: Vorgeschichte, Umfeld, Nachgeschichte des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses, in: Reinhold, Ursula; Schlenstedt, Dieter; Tanneberger, Horst (Hrsg.): Erster Deutscher Schriftstellerkongress. 4.–8. Oktober 1947, Berlin, 1997, S. 13 f. Die vorhergehenden Daten ebenfalls dort. 121 Zu Mayers Leipziger Jahren siehe: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Dort alle Verweise auf die vorhandene Forschungsliteratur. 122 Mayer, Hans: Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen Band 1, Frankfurt am Main, 1982, S. 387. 123 Wende-Hohenberger, Waltraud: Vorwort, in: Dies. (Hrsg.): Der erste gesamtdeutsche Schriftstellerkongress nach dem Zweiten Weltkrieg, Frankfurt am Main u. a., 1988, S. V. 1523Drei Schriftstellerkongresse Das war in der Tat eines der zentralen Anliegen der Tagung.124 In diesem Sinn machte Sigrid Bock zwei zentrale Momente des Kongresses aus. Als erstes sei der Versuch zu nennen, Einfluss auf die deutschen Verhältnisse zu gewinnen: »Die Stellung der Literatur innerhalb der sich verändernden Klassenauseinandersetzungen musste geklärt werden. Faschistische Kräfte und neu sich etablierende imperialistische Stimmen waren zurückzudrängen und die Kongressdebatten zur Sammlung und zum Zusammenschluss aller antifaschistisch-demokratischen Schriftsteller gegen eine Politik des Kalten Krieges und der Spaltung Deutschlands zu nutzen.«125 Zweitens ging es auch um die Rückkehr der deutschen Literatur auf die Weltbühne. Man wollte die »erneute und gleichberechtigte Teilhabe«126 an den Diskussionen der Gegenwart. Nicht zuletzt, um die Bereitschaft für Frieden, Sozialismus und Antifaschismus zu zeigen und diese sowohl in die Diskussionen, als auch in die Politik einzubringen. Diesen Zielsetzungen trug das auf der Veranstaltung verabschiedete Manifest127 Rechnung. »Es war Bekenntnis zu einer Literatur, die das Bewusstsein moralischer Verantwortung für die von Hitlerdeutschland der Welt zugefügten Leiden wachhalten, die humanistischen Traditionen der deutschen Kultur bewahren und fortführen, die gegen die drohende Spaltung Deutschlands und für den Frieden in der Welt wirken sollte.«128 2. Harichs Beiträge auf dem Ersten Kongress Harich ergriff auf dem Schriftstellerkongress zwei Mal das Wort – am 5. und am 7. Oktober. Er war der jüngste Redner – sicherlich ein Indiz für die einflussreiche Rolle, die er sich im Berlin der Nachkriegszeit in nur wenigen Monaten erarbeitet hatte. So war er u. a. an dem Neugründungsprojekt der Weltbühne beteiligt und arbeitete seit seinem Weggang vom Kurier (siehe die Artikel in diesem Band) an der Täglichen Rundschau (Abdruck einer Artikel-Auswahl in Band 1.2) mit – sowie der dazugehörigen Neuen Welt. Er war Teilnehmer des ersten Lehrgangs zur Ausbildung von Philosophen für den universitären Betrieb – neben Kurt Hager, Klaus Schrickel, Georg Klaus, Georg Mende oder Ernst Hoffmann. Eine eklatante Lücke sollte so geschlossen werden.129 124 Siehe: Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. S. 10 f. 125 Bock: Literarische Programmbildung im Umbruch, S. 123. 126 Bock: Literarische Programmbildung im Umbruch, S. 123. 127 Manifest des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 496 f. 128 Reinhold/Schlenstedt: Vorgeschichte, Umfeld etc., S. 14. 129 Siehe: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Harich: Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie (Band 2, S. 13–19). Markov, Walter: 1524 Teil XI Und nicht zuletzt verfügte Harich über gute Kontakte zu den sowjetrussischen Kul turoffi zieren. Davon zeugt beispielsweise auch, dass er einer der Delegierten der Reise deutscher Kulturschaffender in die Sow jet uni on war, die 1948 veranstaltet wurde (gemeinsam mit Ellen und Bernhard Kellermann, Anna Seghers, Stephan Hermlin, Wolfgang Langhoff, Michael Tschesno-Hell, Eduard Claudius, Heinrich Ehmsen und Günther Weisenborn). Das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Harich in Berlin erlebt – als Mitglied des antifaschistischen Widerstand.130 Nach dem Einmarsch der Roten Armee fand er schnell Kontakt zur russischen Militärverwaltung sowie zu den mit dem Neuaufbau der DDR betrauten Kommunisten. In einem Fragment gebliebenen autobiographischen Text schrieb er: »Am 2. Mai 1945 traf Walter Ulbricht mit der Gruppe seiner Begleiter in Berlin ein und suchte hier Antifaschisten, die bereit wären, beim Wiederaufbau zuzupacken. Ich weiß nicht, ob er in den da rauffolgenden Wochen durch irgendwelche anderen Mitglieder der Gruppe Vogel/Schmidt oder durch den sowjetischen Stab in der Sundgauerstraße auf mich aufmerksam gemacht worden ist. Jedenfalls schickte er seinen damaligen Mitarbeiter Wolfgang Leonhard zu mir, der mich in der Wohnung meiner Freundin Nong Yau in der Miquelstraße in Dahlem aufsuchte. Leonhard erläuterte mir die politische Linie und das Wiederaufbauprogramm der aus Moskau heimgekehrten deutschen Antifaschisten und überzeugte mich davon, dass es das Beste wäre, mich der Aufbau-Arbeit zunächst bei einem Stadtbezirksbürgermeister zur Verfügung zu stellen. Alles, was er sagte, schien mir sehr vernünftig und konstruktiv zu sein, so dass ich mit Freuden auf seine Vorschläge einging.«131 Der gerade angesprochene Wolfgang Leonhard hat der Erzählung seines Gesprächs mit Harich in seinem bekannten Werk Die Revolution entlässt ihre Kinder einige Seiten gewidmet.132 Harich selbst stand einer administrativen Laufbahn eher skeptisch gegen- über, was er auch Leonhard mitteilte, der über den Ausgang seiner ersten Begegnung Zwiesprache mit dem Jahrhundert. Dokumentiert von Th. Grimm, Berlin und Weimar, 1989, S. 180. Eckholdt, Matthias: Begegnung mit Wolfgang Harich, Schwedt, 1996, S. 44. 130 Siehe hierzu die Darstellung (mit Interviews) bei Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 15 ff. Siehe ebenfalls die autobiographischen Schilderungen Harichs in Band 1.1. 131 Ein autobiographisches Fragment, in: Utopie kreativ, 1996, Heft 65, S. 75. Neuabdr. unter dem Titel Widerstand und Neubeginn im zerstörten Berlin in Band 1.1, S. 122–142. 132 Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entlässt ihre Kinder, Jubiläumsausgabe, Köln, 2005, S. 434–437. 1525Drei Schriftstellerkongresse mit Harich notierte: »Wir verabschiedeten uns und am gleichen Abend befand sich auf unseren Listen der Hinweis: ›Wolfgang Harich, antifaschistischer Student, gebildet, interes siert an Mitarbeit bei Kul turor ga nisationen, Presse oder Stu den tenbewegung.‹ Sein Wunsch ging übrigens genau in Erfüllung: Auf der Gründungsversammlung des Kulturbundes, Anfang Juli 1945, sprach Harich als Vertreter der studentischen Jugend. (Abdr. der Rede in diesem Band.) Er kam später in die Kulturredaktion der Täglichen Rundschau, besuchte 1948 den ersten Dozentenlehrgang der Parteihochschule und war bis zu seiner Inhaftierung (November 1956) Dozent an der Ostberliner Humboldt-Universität.«133 Charakteristisch für Harichs zwei Beiträge auf dem Schriftstellerkongress ist, dass die Literatur als Teil der Sphäre der Politik erscheint. Literatur war für Harich Politik mit den Mitteln der Sprache. Wertungen über die Literatur und Kunst wurden zu diesem Zeitpunkt von ihm von einem politischen bzw. sogar von einem ideologischen Standpunkt aus vorgenommen. Ja, die Politik absorbierte sogar teilweise die Kunst. Schon seine Weltbühne-Artikel zeigen beispielsweise, dass er in der frühen Phase seines Denkens und Schreibens bereit war, unterschiedliche Themenbereiche dem Primat der Politik unterzuordnen. Zwar stehe gerade der Nationalsozialismus für den Versuch, das Gebiet der Kunst politischen Zwecken zugänglich zu machen. Gleichzeitig sei es aber genau die Literatur gewesen, mit deren Hilfe das einzelne Individuum innere Widerstandskräfte bilden konnte. Das wäre auch deshalb zentral, da der Nationalsozialismus nicht nur an die irrationalen Wesenszüge des Menschen anknüpfte, sondern auch rationale 133 Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder, S. 437. Bundeskonferenz des Kulturbundes, Bürgermeister Ferdinand Friedensburg, rechts Johannes R. Becher und Paul Wandel, 20. Mai 1947 1526 Teil XI und nachvollziehbare Angebote machte.134 Harich nannte als Vertreter der gegen den Nationalsozialismus imunisierenden Literatur die Schriftsteller Heinrich Mann, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Erich Weinert, Ludwig Renn und (den Katholiken) Theodor Haecker. (1SK, 1R) Die gemeinten Bücher und Schriften dieser Autoren sind vor 1933 erschienen. In seinen Erinnerungen (Ahnenpass) schrieb Harich dann rückblickend: »Ich bin stark davon beeindruckt, dass die meisten bedeutenden Vertreter der deutschen antinazistischen Exilliteratur nach 1945 entweder in die Ostzone übersiedeln (Becher, Arnold Zweig, Brecht, Anna Seghers, Ludwig Renn, Ernst Bloch, dem Wunsch nach 1949/1950 sogar Heinrich Mann) oder sich aufs Deutlichste zu ihr bekennen (Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank) oder zumindest für sie in vorbehaltvoll sympathisierender Weise aufgeschlossen sind und mit ihr Freundschaft zu pflegen wünschen (Thomas Mann, Erich Kästner). Genau die aber sind die Schriftsteller, deren Bücher mich in meiner Jungvolkzeit davor bewahrt haben, Nazi zu werden.«135 Gerade dies habe ihm, so Harich weiter, die Entscheidung erleichtert, in die KPD einzutreten. Zudem wäre so seine intellektuelle Entwicklung hin zum Marxismus forciert worden.136 Auf dem Schriftstellerkongress nannte Harich auch das Gegenbeispiel: »Von den Büchern der Ina Seidel – Unser Freund Peregrin –, Ernst Wiecherts Einfaches Leben, der Philosophie von Karl Jaspers, den Büchern von Carossa137 – von denen kann ich nur sagen: Wenn ich auf diese Literatur allein angewiesen gewesen wäre, hätte ich ganz gut 134 „(…) und der Faschismus hatte seine großen Lockungen. Der Faschismus hat nicht nur an die üblen Instinkte im Menschen appelliert, sondern er hat auch an die besten Instinkte appelliert, die er dann missbrauchte für seine schändlichen Zwecke, und viele, viele sind besten Willens da rauf hereingefallen und haben mitgemacht, besonders junge Menschen.« (1SK, 1R) 135 Harich: Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie, Berlin, 1999, S. 170 f. 136 Ebd., vor allem S. 168–176. Siehe hierzu: Heyer, Andreas: Wolfgang Harichs Staatsbegriff und seine Demokratiekonzeption, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 7–32. Immer noch grundlegend die entsprechenden Passagen in: Schivelbusch, Wolfgang: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin, 1945–1948, München, Wien, 1995. Zahlreiche wichtige Hinweise und Erklärungen, Dokumente etc. finden sich in den Erinnerungen von: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. 137 Im Vorfeld des Kongresses wurde über die Teilnahme der Schriftsteller Ina Seidel, Hans Carossa, Hans Blunck, Paul Fechter und Hans Reimann, die alle in den Nationalsozialismus verstrickt waren, intensiv diskutiert. Ihre Teilnahme wurde mit einem breiten Konsens abgelehnt. Hierzu: Gansel, Carsten: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 9 f. 1527Drei Schriftstellerkongresse ein strammer SS-Mann werden können.« (1SK, 1R) Zwischen diesen beiden – wenn man so will – Extremen lagen verschiedene Mittelwege, die Harich unter Berücksichtigung der besonderen Umstände des Nationalsozialismus anerkannte. So beispielsweise die »innere Emigration«. Die »Flucht nach innen« sei angesichts des »Gesinnungsterrors« der NSDAP verständlich, da man nicht in »offener Form gegen das Regime opponieren« konnte. (1SK, 1R) Allerdings kritisierte Harich das Schweigen der Kunst in den Zeiten vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten: »Man konnte im Dritten Reich kein Buch veröffentlichen gegen die Judenverfolgungen, aber man konnte sehr wohl im Jahre 1919 protestieren gegen die schändlichen Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.« (1SK, 1R) In diesem Sinn war Harich in der Mitte des Jahres 1946 schon gegen Ernst Jünger vorgegangen. Eine Debatte, mit deren Interpretation und Darstellung sich der VIII. Teil (Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall) dieses Bandes beschäftigt. Das ist ein charakteristisches marxistisches Argument, wird doch eine geschichtliche Kausalität konstruiert, die vom Ersten Weltkrieg über Weimar in den Zweiten Weltkrieg führt. Gleichzeitig wird damit auch gesagt, gerade an die Adresse der SPD gerichtet, dass man 1918/19 und in der Weimarer Republik den Nationalsozialismus hätte verhindern können bzw. zumindest die Ausprägung und Verallgemeinerung jener Strömungen, Tendenzen und Vorurteile, die später seinen Aufstieg begünstigten. Auch in anderen Kontexten begegnen wir diesem Argument – zum Beispiel in Harichs Plattform. Allerdings nahm er (abweichend von der offiziellen SED-Position) 1956 auch die KPD in die Verantwortung. 138 Dies kann da ran liegen, dass das gerade angetippte Verständnis der Weimarer Zeit ein wichtiger und wesentlicher Baustein seines geschichtsphilosophischen Konzeptes war, wie es sich kurz nach dem Ersten Schriftstellerkongress herauskristallisierte und in verschiedenen Aufsätzen niederschlug.139 Und genau diese Konstellation blieb Grund- 138 Harich: Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus, in: Ders.: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Zur nationalkommunistischen Opposition 1956 in der DDR, Berlin, 1993, S. 129–137. 139 Mehrere frühe Aufsätze sind für die Herausbildung von Harichs geschichtsphilosophischer Konzeption, die er bis hin zu den Hartmann-Manuskripten der achtziger Jahre immer weiter ausbaute, relevant: Arbeiterklasse und Intelligenz, in: Neue Welt, 1949, Heft 7, S. 57–70. Bemerkungen zu Goethes Naturanschauungen, in: Verlag Tägliche Rundschau (Hrsg.): Zu neuen Ufern. Essays über Goethe, o. O. (Berlin), o. J. (1949), S. 179–231. Die 1528 Teil XI lage von Harichs Philosophie, wie beispielsweise jener große Brief zeigt, den er am 28. März 1980 an Willy Brandt sendete.140 In diesem Sinne sei die innere Emigration kein Spezialfall der Zeit des Nationalsozialismus. »Ich glaube, man muss hier zu sprechen kommen auf das Verhängnis der deutschen Innerlichkeit, auf das Problem der deutschen Innerlichkeit, das irgendwie auch immer vermengt ist mit dem Problem der inneren Emigration. Die deutsche Innerlichkeit hat sehr köstliche literarische Früchte gezeitigt. Aber sie ist auch eine sehr gefährliche Tradition, die meiner Meinung nach beginnt mit dem Verhängnis der Trennung von subjektiver und objektiver Moral in der Reformation.« (1SK, 1R) Seinen Ausdruck finde dieses Denken in der Philosophie Karl Jaspers, der den Nationalsozialismus bagatellisiere, indem dieser von einer »allgemeinen Schuld der menschlichen Existenz« spreche. (1SK, 1R) Doch eben diese schuldhafte Verantwortung könne ausgemacht und zugeschrieben werden – von individueller Teilhabe reiche sie bis hin zum Versagen der Kultur in der Zeit vor 1933.141 Die Nennung von Jaspers in diesem Kontext ist übrigens kein Zufall, ganz im Gegenteil: Zeit seines Lebens gehörte Harich zu den Kritikern des Existenzialismus. Jaspers und Heidegger kamen dabei immer wieder zur Sprache, vermittelt sicherlich maßgeblich durch Georg Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft, das Harich als dessen Lektor ja gut kannte und auch rezensiert hatte. Aber die Existenzialismus-Kritik Harichs setzte sich von den »offiziellen« Parteibotschaften ebenso ab wie von der umfassenden, allzu schematisierenden Radikalität Lukács’. Denn Harich war bereit, anhand »deutsche« Republik, in: Neue Welt, 1948, Heft 20, S. 39–45. Die deutsche Arbeiterklasse in der Novemberrevolution, in: Neue Welt, 1948, Heft 21, S. 66–79. Über die Empfindung des Schönen, in: Sinn und Form, Heft 6, 1953, S. 122–166. Über einige Probleme der Logik, in: Sinn und Form, 1952, Heft 6, S. 78–114. Union der festen Hand. Einsicht und Konsequenz, in: Aufbau, 1946, Heft 8, S. 808–827. Die Beiträge werden im Rahmen dieser Edition neu präsentiert. 140 Abdruck in: Harich: Ökologie, Frieden, Wachstumskritik, Band 8, S. 191–216. 141 »Es steckt viel Schuld auch sowohl in jedem einzelnen des deutschen Volkes, aber es steckt auch viel Schuld und mehr Schuld bei der Intelligenz, die den Menschen des deutschen Volkes nicht die Waffen in die Hand gab, sich gegen den Faschismus energisch genug zu verteidigen. Und in diesem Sinne muss uns heute jede Verächtlichmachung der Masse, jedes Snobistentum muss uns heute von vornherein suspekt sein. Denn Verachtung der Masse ist immer Verachtung jedes einzelnen Menschen, der in der Masse drinsteckt, also mithin Menschenverachtung.« (1SK, 1R) 1529Drei Schriftstellerkongresse der Inhalte zu differenzieren, und kam so beispielsweise zu einer teilweise positiven Bewertung von Simone de Beauvoir (die er freilich seinerseits auch Lukács zugestand).142 Anne Hartmann und Wolfram Eggeling schrieben über die Grundtendenzen des Kongresses: »Das so vorausgesetzte und offen formulierte operative, gegen die Trennung von Kunst und ›tatsächlichem Leben‹ gerichtete Verständnis von Literatur stand dem in der Hitlerzeit als Ausweg gesehenen Rückzug aus der Öffentlichkeit in die angeblich autonome Sphäre des Privaten entgegen, die nunmehr als politisch rückschrittlich betrachtet wurde. Bei grundsätzlicher Duldung der sogenannten ›inneren Emigration‹, deren scharfe Trennung vom ›äußeren Exil‹ man aufgehoben wissen wollte, ergab sich eine klare Abgrenzung gegenüber allen Positionen der ›Innerlichkeit‹.«143 Harichs Äußerungen werden von beiden Autoren ebenfalls in den so beschriebenen Kontext eingeordnet, der auch Änderungen für das Verhältnis von Freiheit und Literatur bzw., weitergehend noch, für die Freiheit des Schriftstellers zur Folge hatte: »Freiheit, so formulierte es Anna Seghers144, dürfe nicht als anarchische verstanden werden, sondern (mit Kant) als ›Einsicht in die Notwendigkeit‹. Die Hervorhebung des ›Dienstes am Volk‹ als höchste Verwirklichung schriftstellerischer Freiheit war, ebenso wie die polemische Abgrenzung von den westlichen ›bürgerlichen‹ Vorstellungen zu diesem Thema, ein konstitutives Merkmal sozialistischer Literaturpolitik. Und in Seghers’ Appell, ein Schriftsteller müsse seinen Mitmenschen die Wirklichkeit unter Berücksichtigung der Bewegung auf die Zukunft bewusst machen, sind deutlich Elemente der Definition des sozialistischen Realismus, wie sie seit 1934 in der Sow jet uni- 142 Die entsprechenden Hinweise bieten die Dokumente und Briefe des 9. Bandes (Georg Lukács. Dokumente einer Freundschaft), dort vor allem von Harich: Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács, S. 133–147. Siehe ebenfalls die Hinwendung Harichs zum ökologischen und feministischen Denken seit Mitte der siebziger Jahre. Der gerade erwähnte Band Ökologie, Frieden, Wachstumskritik druckt verschiedene Texte, in denen sich Harich den Quellen dieser Diskurse öffnete. 143 Hartmann, Anne; Eggeling, Wolfram: Sowjetische Präsenz im kulturellen Leben der SBZ und der frühen DDR, 1945–1953, Berlin, 1998, S. 50. 144 Seghers, Anna: Der Schriftsteller und die geistige Freiheit, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 202–208. Ricarda Huch vertrat (wie weitere Teilnehmer) eine ähnliche Position. Huch: Ruf an die Schriftsteller, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 101–103. Huch war die Ehrenpräsidentin des Kongresses und »hob einmal mehr die Bedeutung von Literatur für die Gegenwart heraus«. Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 13. Außerdem: Wende-Hohenberger: Vorwort, S. VIf. 1530 Teil XI on gültig war (Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung), zu erkennen.«145 Durch diese historische Gemengelage bedingt, ergebe sich, wie Harich betont, auch das Anforderungsprofil der Literatur der Zukunft, d. h. der sozialistischen Literatur. Harich mahnte die Einheit von Volk und Intelligenz an, die sich herausbilden müsse. Die Literatur habe dem Volk zu zeigen, dass seine Wünsche und Probleme Ernst genommen und künstlerisch umgesetzt werden. Die Sehnsucht nach Freiheit, Demokratie, Frieden und Humanität seien die Hoffnungen des Volkes, die der Literatur ihren Rahmen vorgeben würden. Die Intelligenz habe hinter dem Volk zu stehen und dessen Aufgaben zu teilen. »Das heißt selbstverständlich, dass die Literatur, das Schrifttum, die Publizistik und vor allem die politische Publizistik sich auch für den kleinen Mann einsetzen muss, wenn ihm Unrecht geschieht und wenn er verfolgt wird.«146 (1SK, 2R) Das ist, mit etwas abweichender Prämissensetzung, durchaus der tragende Gedanke des Prinzips Hoffnung von Ernst Bloch. (Harich gehörte später im Aufbau-Verlag zu den »Betreuern«, Lektoren, Gutachtern usw. dieses Werkes und weiterer Schriften, Bände von Bloch. Siehe den entsprechenden Teil XIV: Ernst Bloch.) Das hier von Harich kurz angerissene Programm darf nicht mit den brachialen Aspekten des sozialistischen Realismus verwechselt werden. Dieser brachte, zur Parteidoktrin erhoben, kaum Nutzen. Ganz im Gegenteil mutierte er zügig zu einem Instrument der Unterdrückung künstlerischer Freiheiten nach ideologischen Vorgaben. Harichs Vision eines Bündnisses von Intellektuellen und Arbeitern scheiterte schon einige Jahre später. 1953 ließen die Intellektuellen die Demonstranten des Juni-Aufstandes im Stich.147 Nur einige wenige versuchten mit dem Volk gemeinsam Änderungen herbeizuführen – Harich war, gemeinsam mit Bertolt Brecht, einer von ihnen. Bekannt ist aus diesen Tagen sein Zeitungsartikel Es geht um den Realismus, in dem er die Staatliche Kunstkommission massiv angriff.148 Darüber hinaus verfasste er zahlreiche weitere 145 Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 50. 146 Eben dies in der Nachkriegszeit nicht zu tun, warf Harich ja zum Beispiel Erich Kästner vor. Harich: Erich Kästner wird fünfzig, Neuabdr. in diesem Band. 147 Gut aufgearbeitet ist Harichs Verhalten 1953 in: Eckholdt: Begegnung mit Wolfgang Harich, S. 5–17. Das entscheidende Treffen zwischen Brecht und Harich (der damals im Krankenhaus lag und von Brecht besucht wurde) schildert: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 124. 148 Harich: Es geht um den Realismus, in: Berliner Zeitung vom 14. Juli 1953. 1531Drei Schriftstellerkongresse Aufsätze, Beiträge, Denkschriften und Eingaben, die teilweise bis heute unbekannt sind und in seinem Nachlass lagern. Auch der Zweite Diskussionsbeitrag Harichs ist eher politisch denn literarisch-künstlerisch motiviert. Um den Frieden zu verwirklichen, so Harich programmatisch, dürfe man vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschrecken. »Panzerwagen ist (nicht) gleich Panzerwagen«, oder anders formuliert: »Es ist nicht dasselbe, wenn im Jahre 1933 die Bücher von Thomas Mann und im Jahre 1945 die Bücher von Alfred Rosenberg verbrannt wurden. Ein gewaltiger Unterschied.« (1SK, 2R) Siegfried Prokop hat diese Ausführungen in den historischen Kontext eingeordnet: »Harich war, wie diese Passagen zeigen, voll erfüllt von den Idealen des ostdeutschen Zeitgeistes. Für ihn war klar, dass sich der für bürgerliche Gesellschaftsverhältnisse typische Widerspruch zwischen Geist und Macht im Sozialismus auflösen würde. Sozialismus war für Harich gleichbedeutend mit dem Beginn eines ›Reiches der Freiheit‹. So war es für ihn nur logisch, dass der Schriftsteller einer Gesellschaft gegenübertreten könne, die über eine politische Kultur des Widerspruchs verfügt.«149 Harich zu Folge seien historische Konstellationen vorstellbar, in denen Gewalt angewendet werden müsse, um das »Gute«, das »Richtige«, das »Beste« zu verwirklichen. Beispiele waren für ihn die Französische Revolution, die Russische Revolution und die gegenwärtige Situation am Ende des Zweiten Weltkrieges. Es komme einem »lächerlich vor, was gegen Gewaltanwendung in der Vergangenheit gesagt wurde, wenn die Gewalt nach vorn ging, wenn sie revolutionär war, wenn sie einen fortschrittlichen Zweck erfüllte und wenn sie Hinderungen, die der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im Wege stehen, beiseite räumte.« (1SK, 2R) Die Intelligenz müsse diese »notwendige« Gewalt propagieren und verteidigen, sonst entstünden Situationen wie etwa in der Reformation, als Martin Luther den Krieg gegen die Bauern theoretisch rechtfertigte und praktisch mitinitiierte. Zwar sei die vorrangige Aufgabe der deutschen Intelligenz da rin zu sehen, die Demokratie so zu stärken, »dass die Besatzungsmächte keine Gewalt mehr anwenden müssen«. (1SK, 2R) Doch gerade die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sowie die Aufarbeitung seiner Ursachen und Nachwirkungen verändere diese Aufgabe: »Der Kampf gegen den Faschismus ist ein Kampf, der verschiedenartige Mittel erfordert, 149 Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 52. 1532 Teil XI geistige Mittel, Mittel der Überzeugung, der Überredung, der Diskussion, der Belehrung, der Pädagogik, aber unter anderem auch Mittel der Gewalt.« (1SK, 2R) Harich hat auch die Kehrseite dieser Auseinandersetzung benannt: Während der Kampf für den sozialistischen Fortschritt auch den Einsatz von Gewalt möglich mache, so dürfe doch nicht davon gesprochen werden, dass der Schriftsteller nur in der Opposition zu seinen Thesen und Ausdrucksmöglichkeiten finden könne.150 Am Aufbau der sozialistischen Zukunft habe er sich aktiv zu beteiligen. »Aber dort, wo das Konstruktive, Gute, Aufbauende, Fortschrittliche im Wachsen und Werden ist, da muss der Schriftsteller auch konstruktiv bejahend und – unter der Vo raus set zung, dass der Staat der Staat des Volkes ist – auch staatserhaltend sein, wenn Sie dieses Wort gestatten.« (1SK, 2R) 3. Der Skandal um Lasky Wenn heute über den Kongress gesprochen oder geschrieben wird, dann finden sich immer auch Aussagen zu dem Skandal, den der amerikanische Journalist Melvin Lasky auslöste. Er referierte zu dem Thema Freiheit und Demokratie. Dabei attackierte er, wie gleich zu zeigen ist, auch die Sow jet uni on deutlich. Werner Mittenzwei schrieb rückblickend, dass mit Laskys Rede jene »Diktion« zu Wort kam, »die in den folgenden Jahrzehnten, fast ein halbes Jahrhundert lang, die literarische Auseinandersetzung zwischen Ost und West bestimmte. Dabei griff er in seiner Rede noch nicht einmal auf die schlimmsten Äußerungen des sowjetischen Kulturpolitikers Shdanow zurück. Aber Lasky ging auch nicht auf die Verhältnisse in Amerika ein, was nicht weniger schlimm und beschämend war.151 In seinem Land mussten sich Brecht und elf seiner amerikanischen Kollegen vor dem House UN-American Activities Committee verantworten. Weil sich Brecht auf dieses Verhör vorbereitete, konnte er nicht am Kongress teilnehmen.«152 Im Sinne dieser Vorwürfe gegen Lasky hatte sich 1947 schon Harich in der Weltbühne geäußert. Er fragte, welche Entscheidungen der amerikanischen Politik Lasky eigentlich kritisiere, wofür bzw. wogegen er Partei ergreife: »Gegen die rechtlose Einkerkerung Gerhart Eislers? Gegen die schikanöse Behandlung seines Bruders, des Komponisten Hanns Eisler? Gegen die widerwärtigen Gesinnungsschnüffeleien des Faschisten Ran- 150 Siehe hierzu: Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 50. 151 Der Vorwurf ist so nur teilweise zutreffend. Wir werden da rauf zurückkommen. Siehe: Lasky: Redebeitrag, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 298 f. 152 Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945 bis 2000, Berlin, 2003, S. 55 f. 1533Drei Schriftstellerkongresse kin? Gegen die Intrigen, denen Charlie Chaplin ausgesetzt ist? Gegen die Metternichmethoden, mit denen man den Anna Seghers-Film Das siebte Kreuz und den neuesten Roman von Sinclair Lewis von Deutschland fernhält? Gegen die Ausbootung Carlebachs aus der Frankfurter Rundschau? Oder wogegen sonst? Nein und abermals nein! Mr. Lasky schwimmt im Opportunitätsstrom der amerikanischen Rechten und beträgt sich dabei päpstlicher als der Papst (…).« (IGb) In letzter Konsequenz war Lasky Mittenzwei zu Folge nicht mehr und nicht weniger als ein staatlich bestellter Agitator Amerikas. »Was Laskys Rede jedoch für die einen zum Ereignis, für die anderen zum Skandal machte, war nicht seine einseitige Kritik, sondern jener Radschlag eines Pfaus, zu dem Intellektuelle aller Seiten von ihren Regierenden immer wieder veranlasst werden, um politischen Wendungen Überzeugungskraft zu verschaffen. Bisher war es nicht üblich gewesen, dass Vertreter einer Besatzungsmacht die andere vor einem deutschen Publikum beschimpften. Aber eben dieses Prinzip kündigten die Alliierten 1947 auf.«153 Laskys Ausführungen besaßen auch deshalb das Potential, die Epoche des kulturellen Kalten Krieges erstmals (und äußerst symbolträchtig) auszudrücken, weil sie in einer historischen Situation getätigt wurden, die vor eben dieser Differenzierung stand. Carsten Gansel hat ausgeführt, dass die versammelten Autoren bewusst versuchten, »dem Auseinanderleben der Deutschen in den verschiedenen Besatzungszonen entgegenzuwirken. Dies hielten die Teilnehmer für entscheidend, da bereits im Vorfeld des Kongresses die ideologische Polarisierung zwischen den Großmächten zugenommen und sich auf den Bereich der Literatur und Kunst ausgewirkt hatte. Es handelte sich bei den beginnenden Kon tro versen im kulturpolitischen Bereich um einen Prozess, der Folge der beginnenden politischen und kulturellen Ausdifferenzierung unterschiedlicher Systeme war.«154 Die Schriftstellerkonferenz fand eindeutig in einer Umbruchzeit statt: »Am Ende der ersten, noch offenen Phase der Nachkriegsentwicklung und am Beginn der zweiten, der der Konfrontation des Kalten Krieges, die für viele Jahre bestimmend werden sollte. Leicht ist es heute, von Illusionen zu reden, wenn man das Bemühen von Schriftstellern beobachtet, den Riss zu überspannen, der damals gezogen wurde.«155 153 Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 56. 154 Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 10. 155 Reinhold/Schlenstedt: Vorgeschichte, Umfeld, Nachgeschichte des Ersten Deutschen Schriftstellerkongressses, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 14. 1534 Teil XI Laskys Redebeitrag markierte nicht nur eben diesen »Riss«. Quasi über Nacht wurde Lasky eine Berühmtheit. »Nach dem Kongress war er ein Held der westlichen Welt. Eine glänzende Karriere stand ihm bevor. Ein Jahr später wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Der Monat, die vom amerikanischen Geheimdienst mitfinanziert wurde.«156 Harich schrieb – über die Monate vor der Rede: »Mr. Lasky ist der Berliner Korrespondent zweier belangloser Journale jener ›heimatlosen Linken‹, deren ›Heimatlosigkeit‹ da rin besteht, dass sie am prächtigsten unter der Protektion der finsteren Reaktionäre zu gedeihen pflegt. (…) Die Partisan Review, die amerikanische Trotzkistenzeitschrift, die Mr. Lasky in Berlin vertritt, schwamm im Kriege in der Tat gegen den Strom, gegen den Strom nämlich des antifaschistischen Freiheitskrieges der Vereinten Nationen, also mit dem Strom der Hitlerschen Aggression, und ihre ›Unabhängigkeit‹ bestand da rin, dass sie von den isolationistischen Reaktionären der Wall Street ausgehalten wurde.« (IGb) Lasky hatte am 7. Oktober 1947 geredet, am 8. Oktober, dem letzten Tag der Konferenz, verbot die amerikanische Militärverwaltung in ihrem Sektor den Kulturbund.157 Es wurde zurecht da rauf hingewiesen, dass Laskys Beitrag nicht isoliert betrachtet werden dürfe. Die sowjetischen Delegierten hatten die Konferenz von Anfang an als Chance politischer Selbstdarstellung und der Auseinandersetzung mit den westlichen 156 Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 56 f. Nicht nur Der Monat, auch weitere Zeitschriften (Preuves, Paris, Encounter, London, Forum, Wien, Cuadernos, Madrid) wurden mit CIA-Mitteln finanziert, wie 1961 aufgedeckt wurde. Dies ist ein wichtiges Indiz dafür, dass Lasky 1947 tatsächlich die neue amerikanische Position vertrat, also nicht als privates Individuum, sondern gleichsam als »offizieller« Sprecher handelte. Siehe hierzu: Anmerkung 299, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 477 f. 157 »Mit dem Kulturbundverbot, das wohlüberlegt am letzten Tag des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses erfolgte, wurde den deutschen Intellektuellen zu verstehen gegeben, dass sie sich für die östliche oder westliche Seite entscheiden müssten.« Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 35. Schon vorher hatte es in den westlichen Besatzungszonen zahlreiche Verbote unterschiedlichster Art gegenüber »linken« Künstlern und Schriftstellern gegeben. Alexander Dymschitz (r) und Sergei Tjulpanow im Mai 1946 1535Drei Schriftstellerkongresse Systemen betrachtet. Schon in seiner Begrüßungsrede hatte Alexander Dymschitz158 eine ideologiegeprägte Sprache benutzt, die derart aufgeladen war, dass sogar im Neuen Deutschland bei der offiziellen Berichterstattung Korrekturen vorgenommen wurden. Noch nicht einmal den Lesern des Parteiorgans der SBZ wollte man die sowjetische »Kampfansage« zumuten.159 So gesehen ist Lasky zu attestieren, dass er ein Stück weit reagierte und nicht nur agierte. Weit weniger glaubhaft ist dagegen die Aussage Laskys, dass er von Günther Birkenfeld erst am Abend des 6. Oktober, also einen Tag vor seinem Auftritt, zum Vortragen eines Referats überredet wurde.160 Hier handelt es sich maximal um den Versuch einer Aufhübschung der eigenen Biographie. Ist doch durchaus vorstellbar, dass Lasky von seiner damaligen Rolle mit einigem Abstand selbst peinlich berührt war. Was hatte Lasky gesagt? Zuerst begrüßte er die Anwesenden als »unabhängiger amerikanischer Schriftsteller« (der er nicht war, weder unabhängig noch Schriftsteller), um die »neu gewonnenen Freiheiten« zu diskutieren.161 Seine These war, dass sich kulturelle Freiheit und Totalitarismus antagonistisch gegenüberstehen. »Das Übel zu hassen, ist eine gute Sache; aber wir müssen wissen, worin das Übel besteht und wie man es am besten bekämpft. Das heißt, dass wir die Prinzipien des Totalitarismus und die Prinzipien der kulturellen Freiheit verstehen und aus diesem Verständnis handeln müssen.«162 Die Amerikaner könnten auf eine lange Tradition permanent wachsender Freiheit zurückblicken, die Geschichte des Landes zeige die kontinuierliche Zunahme von Freiheiten, bürgerlichen Errungenschaften, individuellen Rechten und Debatten. Nicht zuletzt garantiere die Meinungsfreiheit immerwährende Diskussionen und damit die Erkenntnis des allgemeinen Besten als Ergebnis von Auseinandersetzungen. Ja, sie fungiere gleichsam als Basis der Zivilisation.163 Dies äußere sich auch als Kontrast zwischen der offiziellen Politik des Landes und dem Denken der Künstler. Oder anders formuliert: Der Staat garantiere jenen Rahmen, in dem die Künstler ihre Kritik am Staat vortragen können. 158 Dymschitz, Alexander: Begrüßungsrede, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 87 f. 159 Siehe hierzu: Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 51. 160 So: Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 52. 161 Lasky: Redebeitrag, S. 295. 162 Lasky: Redebeitrag, S. 296. 163 »Für die meisten Amerikaner ist ein politisches und kulturelles Leben ohne das Aufeinanderprallen und Miteinanderringen der Ideen, ohne Kritik, ohne Opposition, ohne Meinungsverschiedenheiten und ohne das Recht auf uneingeschränkte Meinungsfreiheit undenkbar. (…) Es ist die Vo raus set zung für eine ausgeglichene und zivilisierte Regierung.« Lasky: Redebeitrag, S. 296 f. 1536 Teil XI Der Zweite Weltkrieg, so Lasky weiter, habe allerdings eine gewisse Zäsur erbracht: »In den vergangenen Jahren war diese politische Freiheit für die Schriftsteller und Verleger jedoch einer harten Probe unterworfen. Während des Krieges wurden ihr viele vorübergehende Beschränkungen auferlegt. Ehrgeizige Bürokraten in Washington hatten die Möglichkeit, die amerikanische Publizistik zu beeinflussen. Es war oft schwer, offen zu schreiben. Dennoch blieb der Amerikaner ein Rebell. Er kritisierte, wenn er es für richtig hielt, die Kriegsführung Präsident Roosevelts. Er gab seiner Meinung über Indien und Palästina freien Ausdruck, obwohl England ein Verbündeter war. Er verteidigte deutsche Antinazis und weigerte sich, dem blinden Hass gegen einen militärischen Gegner freien Weg zu lassen, der das verbrecherische Naziregime mit ganz Deutschland identifizierte. Er begrüßte den heroischen Kampf des russischen Volkes gegen den Hitlerismus und konnte gleichzeitig sagen, dass das gegenwärtige Regime in Russland unglücklicherweise eine wenig anziehende Diktatur sei.«164 An dieser Stelle zeigt sich Laskys Argumentationsstrategie. Auf den ersten Blick scheint er Amerika zu kritisieren. Doch mit jenen Büchern, die nicht erscheinen durften, sind nicht die Werke der verbotenen kommunistischen Literatur (und auch nicht die damit einhergehende äußerst rigide Politik gegen alle Intellektuellen, die unter Kommunismus-Verdacht standen) gemeint. Vielmehr sprach Lasky von den Büchern, in denen der Kommunismus negativ betrachtet wurde.165 Es kann daher Werner Mittenzweis Beobachtung zugestimmt werden, dass Lasky die eigentlich drängenden und dringlichen Vorwürfe gegen Amerika nicht erhob.166 Ein weiterer Punkt ist, dass Lasky oft von Totalitarismus sprach und nur selten vom Faschismus. Mit dem Oberbegriff des Totalitarismus glaubte er, beide Regime erfassen zu können: Den Nationalsozialismus und die Sow jet uni on. »Für einen Menschen, der 164 Lasky: Redebeitrag, S. 300. 165 »Er (der Amerikaner, AH) durfte zum Beispiel Trotzkis Biographie über Stalin nicht herausbringen, obwohl schon einige Exem plare zur Besprechung an die Presse gegangen waren. Die Beamten in Washington glaubten, dass es die Beziehungen zu Moskau trüben könnte. In dieser Zeit wurden viele ehrliche und unabhängige Bücher zurückgehalten, die Kritik an der sowjetischen Diktatur, an dem kommunistischen Einparteiensystem, an dem russischen Apparat der politischen Konzentrationslager und der Zwangsarbeit übten. Aber ich bin froh, sagen zu können, dass sie nur zurückgehalten wurden. Sie sind inzwischen sämtlich veröffentlicht.« Lasky: Redebeitrag, S. 298. Die einzige Einschränkung der Freiheit war Lasky zu Folge also die zeitweise Unterdrückung antikommunistischer Schriften, um die Sow jet uni on nicht zu verärgern. Weitere Probleme gab es nicht. 166 Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 55 f. 1537Drei Schriftstellerkongresse an Demokratie glaubt und die menschlichen Rechte, kennt die Sorge um die Freiheit und die menschlichen Rechte keine nationalen Grenzen.«167 Teilweise erhielt Lasky für diese Ausführungen auf dem Kongress Beifall, sahen doch auch einige der Westemigranten eine ähnliche Konstellation. Auf der Basis seiner Ausführungen setzte er dann zu seiner zentralen These an: Auch in der Sow jet uni on werde die Kultur unterdrückt. Gerade die deutschen Intellektuellen seien angesichts dieser Situation besonders gefordert.168 Lasky formulierte, seine Solidarität gelte den »Schriftstellern und Künstlern Sowjetrusslands. Auch sie kennen den Druck und die Zensur. Auch sie stehen im Kampf um die kulturelle Freiheit, und ich glaube, wir alle müssen ihnen unsere offenherzige Sympathie entgegenbringen. Wir wissen, wie deprimierend es ist, mit dem Bewusstsein zu arbeiten, dass hinter einem der politische Zensor steht und hinter diesem die Polizei. Denken Sie da ran, was es für die russischen Schriftsteller bedeuten muss, dauernd in Sorge zu sein, ob die neue Parteidoktrin, ob die revidierte Staatsform des sozialen Realismus oder Formalismus oder Objektivismus oder was auch immer es sei, nicht bereits überholt ist und sie vielleicht über Nacht schon als ›dekadente konterrevolutionäre Werkzeuge der Reaktion‹ abgestempelt hat. Denken Sie da ran, wie demütigend es für einen bedeutenden Künstler wie Sergej Eisenstein, dessen Panzerkreuzer Potemkin und Zehn Tage, die die Welt erschütterten in der westlichen Welt noch immer als Meisterwerke der Filmkunst angesehen werden, sein muss, alle paar Jahre vor einem argwöhnischen Politbüro zu erscheinen, um gestehen zu müssen, dass er bis dahin einfach nicht richtig verstanden habe, welches die wahren ästhetischen Prinzipien seien, die der sowjetischen Kunst zu Grunde liegen müssten.«169 Lasky thematisierte die Unterdrückung der Kultur in totalitären Regimen und am Schluss seines Vortrages schlug er dann den Bogen, dass, so gesehen, auch die Sow jetuni on eine totalitäre Diktatur sei. Während seiner Rede wurde Lasky mehrfach von Beifall, Zwischenrufen und kritischen Anmerkungen unterbrochen. Das Protokoll verzeichnet auch »starke Unruhe« und »Entrüstung bei einem Teil der Kongressteil- 167 Lasky: Redebeitrag, S. 299. 168 »Die deutsche Intelligenz, die den Nationalsozialismus überlebt hat, weiß wie wenige Intellektuelle in der Welt um die furchtbare Bedeutung einer versklavten, totalitären Kultur. Der deutsche Schriftsteller weiß, was es bedeutet, der Gnade einer diktatorischen Partei und fanatischer politischer Funktionäre ausgeliefert zu sein.« Lasky: Redebeitrag, S. 296. 169 Lasky: Redebeitrag, S. 300. 1538 Teil XI nehmer, Zustimmung bei einem anderen Teil«.170 Nachdem er die Sow jet uni on direkt benannte, lauteten die Zwischenrufe: »Weniger Lügen! Hanns Eisler! Bruch des Gastrechts! So kann doch ein ausländischer Gast nicht sprechen!«171 Allerdings reagierte nur ein Diskutant auf der Konferenz direkt auf Laskys Ausführungen. Valentin Katajew bezeichnete Lasky (es sei erlaubt festzustellen: durchaus berechtigt) »als lebendigen Kriegsbrandstifter«172. Dieser sei »nicht eine Persönlichkeit, sondern eine Erscheinung«, d. h. Lasky repräsentiere einen bestimmten Typus – den des amerikanischen antikommunistischen Kriegstreibers.173 In diesem Sinne sei alles, was er über die Sowjet uni on sage, kaum mehr als ideologisch motivierte Propaganda: »Das, was der unbekannte Lasky über die Sow jet uni on sprach, ist natürlich von Anfang bis zu Ende eine Lüge. Eine solche Lüge ist keine Neuheit für uns. Noch der verstorbene Dr. Goebbels hat sich derselben Mittel bedient in der Hetzerei gegen die Sow jet uni on. Womit das endete, dürfte allen bekannt sein.«174 4. Harichs Abrechnung mit Lasky Nach der Konferenz wurde Laskys Beitrag wie schon erwähnt zum Skandal.175 Viele Zeitschriften und Zeitungen thematisierten die Rede. Verwiesen sei aber auch auf Hans Mayer, der in den Frankfurter Heften einen Bericht über den Kongress veröffentlichte, ohne den Fall anzusprechen: »Die Episode Lasky kam nicht vor; immer noch hoffte ich, mit vielen anderen, dass trotz allem eine Kontinuität denkbar sein könnte.«176 170 Lasky: Redebeitrag, S. 300. 171 Lasky: Redebeitrag, S. 301. 172 Katajew, Valentin: Redebeitrag, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 336. 173 Katajew: Redebeitrag, S. 336. 174 Katajew: Redebeitrag, S. 336. Auch, allerdings antisozialistisch verzerrend: Rüther, Günther: Greif zur Feder, Kumpel. Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR, 1949–1990, Düsseldorf, 1991, S. 34. 175 Eine Liste aller Zeitgenössischen Berichte, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 500 f. 176 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, S. 395. Auch: Mayer: Macht und Ohnmacht des Wortes, in: Frankfurter Hefte, 1947, Heft 12, S. 1179–1181. Valentin Katajew in den 20er Jahren 1539Drei Schriftstellerkongresse Mayer schrieb nicht über Lasky, um die Möglichkeit weiterer Treffen aller Schriftsteller zu erhalten, jenseits aller Zonen- und Ländergrenzen. (Mit Hans Mayer arbeitete Harich in den ersten Jahren der DDR mehrfach zusammen, verbunden u. a. durch den gemeinsamen Freund Paul Rilla, zu dessen Tod beide die Trauerreden hielten.177 In der Täglichen Rundschau war Harich für Mayers Beiträge verantwortlich. Mayer ermöglichte, zusammen mit Georg Lukács und Rilla den Druck von Harichs Neuedition des Herder-Buches von Rudolf Haym – durch die entsprechenden positiven Gutachten.178 Später zerstritten die beiden sich völlig – Anlass war Harichs Kritik am Thomas-Mann- Buch von Mayer.179) Anders als Mayer hat sich Harich in dem Weltbühne-Artikel Im Gespräch bleiben! zu diesem Thema geäußert und dabei auf die von Katajew geprägte Struktur zurückgegriffen. Er betonte die starken ideologischen Gegensätze der unterschiedlichen politischen Lager in Deutschland. Eine These, die ihre Rechtfertigung für ihn dadurch gewann, dass eben in den westlichen Besatzungszonen faschistische Autoren wie Hjalmar Schacht180, die Brüder Jünger (siehe den entsprechenden Teil VIII in diesem Band) oder Ernst von Salomon politisch weitestgehend unbehelligt blieben, wohingegen kommunistische Autoren vor allem im amerikanischen Sektor verboten wurden, nicht publizieren konnten, sich nicht organisieren durften und teilweise verhaftet wurden. In der SBZ hingegen sah er den kulturellen und von »oben« organisierten Aufschwung,181 an dem er sich ja intensiv beteiligte und der die große Mehrzahl der antifaschistischen Schriftsteller, Künstler und Gelehrten umfasste. Und die Teilnehmerliste des bereits angesprochenen Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses liest sich wie ein Who’s-Who der deutschen Intelligenz – wohnhaft zum größten Teil in der sowjetischen Zone. Harich ging davon aus, dass der Kampf gegen den Faschismus die eigentlich »im Ster- 177 Harich: In Memoriam Paul Rilla. Trauerrede, in: Sinn und Form, 1955, Heft 1, S. 114–119. (Neuabdr. in: Band 4: Herder und das Ende der Aufklärung, S. 57–63.) Mayer, Hans: Gedenkrede, in: Sinn und Form, 1955, Heft 1, S. 120–134. 178 Harichs Einleitung (Rudolf Haym und sein Herderbuch. Beiträge zur kritischen Aneignung des literaturwissenschaftlichen Erbes) neu abgedr. in: Band 4, S. 311–446. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Rudolf Haym und die bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts, S. 291–310. 179 Siehe hierzu: Heyer: Der gereimte Genosse. 180 Siehe: Harich: Offener Brief an Ernst Rowohlt, in: Die Weltbühne, Nr. 40, 1948, S. 1253– 1258. Harich: Nochmals: Schacht und Rowohlt, in: Die Weltbühne, Nr. 7, 1949, S. 255–257. (Neuabdr. in: Band 1.1, S. 250–258, 271–276.) 181 Exem plarisch: Harich: Das Fettpaket und die Musen, in: Die Weltbühne, Nr. 14, 1949, S. 465–468. (Neuabdr. in: Band 1.1, S. 276–281.) 1540 Teil XI ben liegende« bürgerliche Lebensart (und Kultur) und den fortschrittlichen Sozialismus zumindest auf kulturellem Gebiet ein letztes Mal vereinigt habe.182 Mit dem Ende des Gegners Faschismus würden nun die Differenzen noch deutlicher hervortreten. Eine Position, die sich in dieser Denkrichtung etwa auch bei Alfred Kantorowicz findet.183 Harich schrieb: »Die heftige Differenzierung innerhalb des Lagers der antifaschistischen Intelligenz, die nur einig sein konnte, solange der gemeinsame Feind Deutschland beherrschte, und die sich mehr oder minder schnell wieder entzweien musste, sobald die Klammer des Terrors zerbrach – diese Differenzierung hat ihre Ursache in dem fundamentalen Gegensatz zwischen bürgerlicher und sozialistischer Ideologie. Der Faschismus war ein letzter und schlimmster Auswuchs der bürgerlichen Sozialordnung, ein Auswuchs aber, der nicht nur das Proletariat, sondern breite Schichten des Bürgertums selbst in Mitleidenschaft zog.« (IGb) Das bürgerliche Lager, so Harich weiter, könne den Nationalsozialismus bekämpfen. Allerdings nur die Erscheinungen bzw. die ausgeprägte historische Gestalt. Die Ursachen des Faschismus würden den Bürgerlichen verborgen bleiben. Sie zu benennen bedeute, den Kampf für den Sozialismus aufzunehmen. »Der bürgerliche Schriftsteller, welcher speziellen Richtung auch immer, konnte daher sehr wohl aus ehrlicher Überzeugung Gegner des National›sozialismus‹ sein, konnte ›Ausrichtung‹ und Bevormundung, Sprachschändung und Nivellierung der Persönlichkeitswerte usw. als Qual empfinden und vor Entsetzen über die Gräueltaten und Schändlichkeiten der braunen Tyrannen erstarren. Was er, seiner bürgerlichen Per spek ti ve wegen, aber nicht konnte, war dies: Die sekundären, abgeleiteten Phänomene auf ihren sozialen Ursprung zurückführen, hinter den Konsequenzen, unter denen er Unsägliches litt, die Ursachen aufzuspüren, kurzum: In den Unerträglichkeiten, die zwölf Jahre lang in seinen bürgerlichen Gesichts- und Erlebniskreis hineinragten, den Klassencharakter und die reaktionäre Funktion des Faschismus entziffern.« (IGb) 182 Ein Befund, der durch die Beiträge zum Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, der 1935 in Paris stattfand, nicht vollständig bestätigt wird. Schon damals war absehbar, dass bürgerliche und sozialistische Schriftsteller aneinander vorbei redeten. Das ist insofern wichtig, als einige der Teilnehmer der Berliner Konferenz schon in Paris gesprochen hatten. Siehe die Edition: Paris. 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente, hrsg. von Wolfgang Klein, Berlin, 1982. 183 Kantorowicz, Alfred: Schriftsteller in der Emigration, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, a. a. O., S. 142–147. 1541Drei Schriftstellerkongresse Es sind dies eben jene Argumente, die Harich schon im Zusammenhang seiner Auseinandersetzung mit Erich Kästner vortrug. Ja, über das Bisherige hinausgehend, formulierte Harich noch deutlicher: Es sei nicht von zentraler Bedeutung, den Faschismus abzulehnen, vielmehr müsse sein Wesen durchschaut werden.184 Eine Bemerkung, die eine der Konstanten seines frühen Denkens bildet. Das bevorstehende Ende des bürgerlichen Lagers, markiert durch die Oktoberrevolution, führe die sozialistischen Schriftsteller zur Einsicht in den Klassencharakter der Kunst. Nicht zwischen Ost und West, zwischen bürgerlicher und sozialistischer Demokratie verlaufen die Grenzen. Diese seien einzig sozialer Natur, d. h. Ergebnis der gesellschaftlichen und staatlichen Situation. Wir haben bereits gesehen, dass Harich die endgültige Überwindung des Nationalsozialismus an die gesellschaftliche Umformierung in Richtung Sozialismus koppelte. »Die Grenzlinie, an der die geistigen Auseinandersetzungen entbrannt sind, ist sozialen, nicht geographischen Charakters, sie schneidet horizontal durch unsere Gesellschaft, nicht als Demarkationslinie durch unser Land.«185 Von zentraler Bedeutung sei, diesen »Klassenantagonismus« anzuerkennen, damit über ihn diskutiert werden könne. Doch es ist nicht das bürgerliche Diskussionsprinzip, das Harich an dieser Stelle einfordert, sondern eine Art sozialistische Variante (in der Idealvorstellung, nicht in der Realität). Im Mittelpunkt steht nämlich nicht der potentiell zu erzielende Kompromiss, sondern der Austausch als solcher – über Differenzen, Gemeinsamkeiten, Probleme oder Hoffnungen. Damit wird die zu treffende Wahl an das Individuum übergeben, das sich positionieren muss. Es war der rätesozialistische bzw. der genossenschaftliche Gedanke, der hier Pate stand. »Entscheidend bleibt, dass auf jeder Seite Loyalität, Diskussionsbereitschaft und menschliche Respektierung des 184 »Während der Nazizeit mochte es zur Bewahrung der inneren Anständigkeit genügen, den Faschismus abzulehnen. Heute kommt es da rauf an, das Wesen des Faschismus zu erkennen und zu durchschauen, um den Anfängen einer gleichen oder ähnlichen Schmach rechtzeitig begegnen zu können.« (IGb) 185 Harich: »Die Gegensätze im Geistigen sind heute notwendige Modifikationen der sozialen Schichtung. Viel heftiger, als es geschah, hätten sie auf dem ersten Schriftstellerkongress ausgetragen werden müssen. Wenn sie verschwiegen oder mit höflichen Floskeln überspielt werden, so müssen sie sich unweigerlich zu unersprießlicher Feindseligkeit verhärten. Nur dann, wenn sie überall in Deutschland offen konfrontiert werden, gibt es eine Hoffnung, über alle ideologischen Differenzierungen hinweg doch noch zu einer Gemeinsamkeit gegenüber den wichtigsten Schicksalsfragen unserer nationalen Existenz zu gelangen.« (IGb) 1542 Teil XI Gesprächspartners, auch wenn er anderer Meinung ist, gewahrt werden, damit die Grenzlinie, die unantastbar da ist und auf Grund der gegenwärtigen Konstellation da sein muss, sich auf keinen Fall zu einem unüberbrückbaren klaffenden Abgrund vertiefe. Wenn Überzeugung gegen Überzeugung steht, so ist nicht der matte Kompromiss, der immer nur eine trübe Atmosphäre der Lüge und des Misstrauens erzeugen kann, wohl aber das ehrliche, offene Streitgespräch der beste Brückenschlag, der sich denken lässt.« (IGb) Nicht zuletzt klingt an dieser Stelle Harichs vielleicht wichtigstes Anliegen bereits durch: Die deutsche Einheit dürfe nicht gefährdet, vorhandene Gräben und Differenzen nicht vertieft oder gar auf Dauer gestellt werden. In seinem Artikel in der Weltbühne hatte sich Harich auch mit Lasky auseinandergesetzt. Nachdem er diesem wie schon Valentin Katajew die Bezeichnung Schriftsteller absprach,186 interpretierte er Laskys Rede als Teil der amerikanischen Politik gegenüber der Kultur der SBZ. Laskys Verhalten wäre »dreist«, es sei »eine Unverschämtheit, uns Mr. Lasky als amerikanischen Vertreter auf unserem Schriftstellerkongress zuzumuten«. Die Amerikaner hätten mit Laskys Entsendung ihre »tiefe Missachtung« gegenüber dem Kongress zum Ausdruck gebracht. Laskys Anschuldigungen gegenüber der Sowjet uni on seien falsch und unhaltbar. Er habe »von den sehr lebhaften und keineswegs monotonen kulturpolitischen Auseinandersetzungen in der Sow jet uni on keinen blassen Schimmer«. (IGb) Die zentrale Übereinstimmung der Ausführungen von Harich und Katajew bezieht sich auf den Vorwurf, dass Lasky einen bestimmten Typus bzw. die amerikanische SBZ-Politik repräsentiere. »Die deutschen Schriftsteller haben in Mr. Lasky die mustergültige Personifikation all der plumpen und behutsamen, raffinierten und naiven, brutalen und sanften, offenen und versteckten Spaltungstendenzen zu Gesicht bekommen, die seit Jahr und Tag jeden Versuch, durch offenherzige Diskussion und tolerante Respektierung anderer Meinungen zu einer freiheitlichen Gemeinsamkeit zu gelangen, vereiteln.« (IGb) Sah Katajew noch den »Kriegsbrandstifter«187 Lasky, so fo kussier te Harich über diesen Vorwurf hinausgehend dessen Wirken vor allem als Versuch, die Einheit Deutschlands zu verhindern – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich motiviert. »Die Laskys sind täglich und stündlich am Werk. Sie wollen uns mit allen Mitteln der De ma gogie und Camouflage in eine ›Unabhängigkeit‹ hineinzwingen, die mit Verantwortungslosigkeit gegenüber unserer Nation und mit sklavischer Abhängig- 186 Katajew: Redebeitrag, S. 336. 187 Katajew: Redebeitrag, S. 336. 1543Drei Schriftstellerkongresse keit von der Willkür anonymer Wirtschaftsmächte identisch wäre. Untereinander werden wir uns nicht scheuen, unsere Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten mit radikalem Bekennermut auszutragen. Aber gegen die Laskys müssen wir zusammenhalten. Wie gegen den Antisemitismus, gegen die Kriegshetze, gegen die Zerreißung unseres nationalen Zusammenhalts.« (IGb) Der Schriftstellerkongress zeigt heute ein doppeltes Gesicht. Einerseits stellte er den Versuch dar, die deutsche Intelligenz zu versammeln und für den Wiederaufbau Deutschlands sowie den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu gewinnen. Andererseits markierte er das Scheitern eben dieses Ansatzes – maßgeblich wegen des Verhaltens der USA. »Der Verlauf des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses (…) und die Streitigkeiten in seinem Umfeld hatten bloßgelegt, dass die Bündnisstrategie unter antifaschistisch-demokratischem Vorzeichen von der realpolitischen Entwicklung de facto bereits überholt war. Die Programmatik des Zusammenwirkens aller aufbauwilligen Kräfte wurde im Zuge der Zwei-Lager-Theorie Shdanows durch die Forderung abgelöst, Position zu beziehen und sich zum sozialistischen Lager zu bekennen.«188 Günther Rüther schrieb ähnlich: »Die Aufspaltung der Schriftsteller in ein freiheitlich-westlich und ein kommunistisch-sowjetisch orientiertes Lager nahm ihren unglückseligen, der gemeinsamen deutschen Sache schädlichen Verlauf. Der Erste Deutsche Schriftstellerkongress wollte Brücken schlagen, aber er verfehlte sein Ziel, weil der begonnene ›Kalte Krieg‹ einen Verständigungsversuch der Autoren erschwerte, eine Politisierung dort herbeiführte, wo sie ursprünglich bemäntelt werden sollte.«189 Harich ist mit seinen Ausführungen genau in diesem Spannungsfeld zu verankern. Auch bei ihm steht auf der einen Seite der Versuch, alle potentiellen Verbündeten gegen den Nationalsozialismus zu vereinen und gleichzeitig die nationale Identität der Deutschen über Sektorengrenzen hinweg mit den Mitteln und Möglichkeiten der Kultur zu wahren. Doch sollte dieses Vorhaben scheitern, hatte er die Alternativstrategie ebenfalls bereits durchdacht: Gegen die bürgerlichen Länder mit ihrer Neigung zum Nationalsozialismus (wie der Marxismus klar aufzeige) müsse sich der Einzelne deutlich positionieren und ausdrücken, auf welcher Seite er stehe und wirken wolle. In den folgenden Jahren revidierte Harich diese Position jedoch sukzessive. In der Mitte der fünfziger Jahre vertrat er dann die Auffassung, dass gerade das weite Feld der Kultur 188 Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 63. 189 Rüther: Greif zur Feder, Kumpel, S. 34. Rüther schreibt die Schuld an der Spaltung einseitig und damit, wie gesehen, historisch falsch, der sowjetischen Seite zu. 1544 Teil XI eine Klammer bilden könne, mit deren Hilfe die Spaltung Deutschlands überwindbar werde. Die gemeinsame kulturelle Tradition bildete nun jene Basis, auf der sich die unterschiedlichen Positionen annähern könnten. Doch davon ist hier nicht zu reden. Übrigens endete die Kon tro verse zwischen Harich und Lasky durchaus versöhnlich. Die Geschichte machte weitere Diskussionen überflüssig. Am 17. Mai 1991 berichtete Michael Naumann in der Zeit über ein Treffen von Lasky und Harich: »Unter dem üppigen Bronze-Torso eines nackten Mädchens sitzt der 71-jährige Gründer der Zeitschrift Monat, Melvin J. Lasky. Vor ihm, im angedeuteten Kniefall – die Wiedervereinigung vereinigt das Unvereinbare –, hat sich der Philosoph, Konspirateur und fellow traveler seiner selbst, der ostdeutsche Autor Wolfgang Harich, acht Jahre Bautzen, fünfzig Jahre Marxismus-Leninismus, positioniert. Beide sind Gäste des feinsinnigen Berliner Gastgebers Nicolas Sombart, und Harich sagt: ›Lasky, der Krieg ist aus, du hast gewonnen.‹«190 Es ist sicherlich übertrieben, wenn Michael Naumann meint, dass erst diese Aktion den Kalten Krieg wirklich beendete. »Gysi mag die PDS zu Godesberger Ufern führen (…), aber die eigentliche Debatte des 20. Jahrhunderts, das wollte Harich wohl sagen, nämlich die um Freiheit versus Gleichheit, Selbstbestimmung versus Kollektivismus, Gerechtigkeit versus Parteilichkeit, Planwirtschaft versus Marktwirtschaft, Kommunismus versus Kapitalismus – diese Ideenschlacht des Kalten Krieges ist vorüber, gottlob, und der Berliner Amerikaner aus New York, Lasky, hatte jahrelang im Monat und später in der Zeitschrift Encounter die siegreichen Diskutanten angeführt.«191 Auch wenn es banal ist, so ist dennoch da rauf hinzuweisen, dass der ehemalige Kulturstaatsminister fulminant irrte. Es gibt, rückblickend auf das 20. Jahrhundert, keine »siegreichen Diskutanten«, vielmehr unter den Intellektuellen nur Verlierer. Gewonnen – wenn diese Bezeichnung ansatzweise legitim ist – hat nur das Individuum, der einzelne Mensch. Und auch dieser erhielt bzw. errang nicht vorgefertigte Kategorien wie Freiheit oder ähnliches, sondern nur das, was er selbst daraus machen möchte, aus der neuen Geschichte (und natürlich nur soweit die Umstände ihn lassen). Ein Letztes noch: Sicherlich meinte Harich nicht das, was ihm Naumann in den Mund legte bzw. in den Kopf hineinschob. Denn damit können wir sein spätes Denken und 190 Naumann, Michael: Melvin, du hast gewonnen. Mit dem Ende des Kalten Krieges kam das Aus für den Encounter, in: Die Zeit, Nr. 21 vom 17. Mai 1991, S. 74. 191 Naumann: Melvin, du hast gewonnen, S. 74. 1545Drei Schriftstellerkongresse Handeln nicht erklären. Wurde er doch nach der Wende zum Vorsitzenden der Alternativen Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte, die sich nicht mit der offiziellen Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch den Bundestag abfinden wollte.192 Nachdem er vierzig Jahre dafür gestritten hatte, die von Naumann betonten Gegensätze (sofern es sie in dieser naiven Dichotomie überhaupt gegeben hat) in einer Synthese aufzuheben. Am 9. September 1993 trafen Harich und Lasky erneut aufeinander. Auf der Veranstaltung Siegen in der Geschichte: Die Ostdeutschen – befreit oder besiegt? Und Manfred Demmer, der über die Diskussion einen (ideologisch tendenziösen) Bericht verfasste, ließ ihn mit den Worten enden: »Nach diesem Abend – nach dem Auftreten eines so exponierten ›Siegers‹ wie Melvin Lasky und eines streitbaren Vertreters einer anderen, einer alternativen Sichtweise, wird für manchen Betrachter und Zuhörer klar gewesen sein: Sieger, Mister Lasky, Sieger sind sie noch lange nicht!«193 Die Dummheit ist eben ein Bigamist und legt sich, freundlich lächelnd, in alle Betten jedes ideologischen Lagers. 5. Der Zweite und der Dritte Schriftstellerkongress Während sich Harichs Position liberalisierte und entideologisierte, er steuerte auf eine undogmatische und sich an den originären Quellen orientierende Interpretation des Marxismus zu,194 ging die Politik der SBZ bzw. DDR den gegenteiligen Weg. Die ersten Debatten um die Zukunft der Kunst, ihre politischen und gesellschaftlichen Funktionen, ihre Aufgaben etc. wurden angestoßen. Die Begriffe Realismus und Formalismus künden noch heute von der beginnenden Engstarrigkeit (verbunden mit sich permanent ausweitenden repressiven Maßnahmen aller Art) der Kunstpolitik der SED. Es lassen sich mehrere Konferenzen und Tagungen benennen, die das literarische und künstlerische Geschehen der DDR zu regeln trachteten.195 192 Hierzu mit guter bibliographisch orientierten Chronologie: Prokop, Siegfried: Wolfgang Harich und die Alternative Enquetekommission, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 70–82. 193 Demmer, Manfred: Sieger sind sie nicht, Herr Lasky!, in: Prokop, Siegfried (Hrsg.): Ein Streiter für Deutschland, Berlin, 1996, S. 218. 194 Hierzu die beiden Beiträge von: Amberger, Alexander; Heyer, Andreas: Der konstruierte Dissident. Wolfgang Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, Berlin, 2011. 195 Aufzählung nach: Rüther: Greif zur Feder, Kumpel, S. 37 (dort teilweise fehlerhafte Angaben); Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc. Grundlegend: Herzberg, Guntolf: Anpassung und Aufbegehren. Die Intelligenz der DDR in den Krisenjahren 1956/58, Berlin, 2006. 1546 Teil XI • Tagung Parteigenössischer Schriftsteller der Ostzone, Dezember 1947, April 1948 • Zentrale Kulturtagung der SED, 8. Mai 1948 • Arbeitstagung der sozialistischen Künstler und Schriftsteller, September 1948 • Gründung des Deutschen Schriftsteller-Verbandes (DSV) im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, 1. April 1950 • Zweiter Schriftstellerkongress, 4.–7. Juli 1950 • Dritter Parteitag der SED, 20.–24. Juli 1950 • Fünfte Tagung des Zentralkomitees der SED, 15.–17. März 1951 • Dritter Schriftstellerkongress, 22.–25. Mai 1952 Mit diesen Daten ist ein Prozess umrissen, an dessen Ende eine allenfalls belanglose offizielle Literatur ebenso stand wie eine wirksame und künstlerisch überzeugende Opposition.196 Und, gleichsam als letzte Option, die Übersiedlung in den Westen. Erhart Neubert setzt den Prozess der Erzeugung bzw. Ausprägung einer »stalinistischen Enge«197 mit dem Ersten Schriftstellerkongress an. »Der Kulturtag der SED am 8. Mai 1948 polemisierte schon gegen Formalismus und Modernismus. Parteimitglieder wurden aufgefordert, Kunst als sozialistisches Erziehungsmittel bewusst einzusetzen. Seit 1949 waren daher Ausfälle gegenüber Vertretern aller SED-unabhängigen Kunstrichtungen an der Tagesordnung. Noch aber wehrten sich viele betroffene Künstler, ignorierten die Angriffe und versuchten, sich zu behaupten. (…) In diesen frühen Vorgängen erschien schon das bis zum Sturz der SED bestimmende Muster im Verhältnis von Macht und Geist: entweder Unterwerfung im Namen des Antifaschismus oder Flucht in den oft gar nicht geliebten Liberalismus des Westens.«198 Ob diese Betrachtung so zutrifft – Zweifel bleiben, genährt durch die Stellungnahmen herausragender Intellektueller, von Hans Mayer bis Werner Mittenzwei. Die SED billigte dem DSV zwar eine herausgehobene Stellung innerhalb der kulturpolitischen Landschaft zu – eben mit dem Zweck, dieses wichtige Feld zu kontrollieren. 196 Die Anwendung des Begriffs »Oppositionelle« auf diejenigen DDR-Theoretiker, die dem »offiziellen« Marxismus kritisch gegenüberstanden, ist mit verschiedenen Fragezeichen zu versehen, aber als analytisches Hilfsinstrumentarium dennoch geeignet. Alexander Amberger hat kürzlich die entsprechenden Fallstricke und Einwände formuliert: Amberger: Bahro, Harich, Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR, Paderborn, 2014. 197 Neubert, Erhart: Geschichte der Opposition in der DDR, 1949–1989, 2. erw. Aufl., Bonn, 2000, S. 51. 198 Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR, S. 51. 1547Drei Schriftstellerkongresse Doch als vom 4. bis 7. Juli 1950 der Zweite Schriftstellerkongress stattfand, verzichte Johannes R. Becher in seinem Einleitungsreferat bewusst auf tagespolitische Anspielungen und konzentrierte sich ausschließlich auf allgemeine literarische Ausführungen. Otto Grotewohl verdeutlichte in seinem Beitrag das offizielle Programm: »Grotewohls Rede machte bereits die Spielregeln deutlich: Die SED sah in der Literatur ein Organ, das der Bestätigung des Offizialdiskurses dienen sollte.«199 Bodo Uhse schlug vor, dass die Literatur beim Kampf gegen den Faschismus anknüpfen sollte. So könne eine fortschrittliche Literatur entstehen, die den Gedanken des fortschrittlichen Humanismus, entstanden als Gegenpol zum Dritten Reich, in die Gegenwart und Zukunft transportiere. Und ausgerechnet Kuba (Kurt Bartel), einer der ideologischen Einpeitscher der DDR-Literatur, kritisierte zumindest indirekt die Reduzierung künstlerischer Freiheiten durch das Konzept des Realismus. Auch der SED-Funktionär Stefan Heymann relativierte den brachialen Tonfall seiner im Vorfeld des Kongresses geäußerten Kritik an der ungenügenden Berücksichtigung des Formalismus-Problems durch die Künstler ein Stück weit. Carsten Gansel ist zuzustimmen, wenn er schreibt, »dass die Zurückhaltung auf dem Kongress verwundern (muss). Aber allem Anschein nach wollte die SED-Führung in Verbindung mit der Gründung eines Schriftstellerverbandes jede Zuspitzung vermeiden. Dies um so mehr, da der Kongress der politischen Manifestation diente, und auch international unterstreichen sollte, in welcher Weise in der DDR ›Geist und Macht‹ ein ›Bündnis‹ eingegangen waren.«200 Nach dem Zweiten Schriftstellerkongress intensivierte die Politbürokratie ihre Bemühungen um die Kontrolle der künstlerischen Gebiete. Im Sekretariat der SED um Walter Ulbricht wurde regelmäßig über den DSV diskutiert, ebenso über die weiteren künstlerischen Vereinigungen und Organisationen. Es ging um die Festlegung von Plänen, Personalentscheidungen, inhaltliche Ausrichtungen und ähnliches. Parallel zeichnete sich ab, dass der Schriftstellerverband nur wenig Resonanz bei den Autoren fand, die Diskussionen über ihn waren intensiver als in ihm. Immerhin aber zeigt das auch, dass noch – in gewissen Grenzen – frei debattiert werden konnte, die Kontrolle noch nicht allumfassend war. Etwa dann, wenn der DSV als Fehlgründung bezeichnet und ihm die notwendige Kompetenz abgesprochen wurde. Um diese Problemfelder aufzuheben, wurde eine Loslösung des DSV vom Kulturbund erörtert und später auch durchgeführt. 199 Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 23. 200 Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 26. 1548 Teil XI Vom 22. bis 25. Mai 1952 fand dann der Dritte Schriftstellerkongress statt. Durch die internationale Lage und verschiedene, teilweise antikommunistisch motivierte Vorgänge in der Bundesrepublik (z. Bsp. Essener Blutsonntag) gaben die Schriftsteller die noch zwei Jahre zuvor geübte politische Zurückhaltung auf. Häufig kam es in den einzelnen Beiträgen zu Stellungnahmen zur Tagespolitik, aus denen die jeweiligen Diskutanten dann Funktionen der Literatur ableiteten. Von Bedeutung ist, dass die Kritik innerhalb des Kongresses aktiv blieb. Es kam noch nicht zu den später prägenden Einheitsversammlungen nach Vorschrift und Plan. In die Kritik geriet vor allem Johannes R. Becher. Neben Irma Loos und Martin Pohl attackierte ihn auch Kuba – er warf dem Minister Becher vor, das Leben nicht mehr richtig zu kennen. Ein weiteres Indiz für die noch möglichen Räume für Diskussionen ist die Wahl des erweiterten Vorstandes. Hier wurden wegen eines Zurufs aus dem Saal die Stimmzahlen der Wahl offen angesagt. Becher erzielte das drittschlechteste Ergebnis. Doch direkt nach dem Ende des Kongresses setzte die Bevormundung und Zensur wieder ein. Das Protokoll des Kongresses wurde nicht veröffentlicht. Auch wenn der Vorstand des DSV auf seiner Sitzung keine Gründe nannte, so mutmaßt Carsten Gansel sicherlich richtig, dass es darum ging, die Angriffe auf Becher zu verschweigen und sie nicht noch öffentlich zu machen.201 6. Harichs Beiträge auf dem Zweiten und Dritten Schriftstellerkongress Auf dem Zweiten Schriftstellerkongress verpflichtete Harich in seinem Diskussionsbeitrag die Künstler der DDR auf die Teilnahme an der Realität. Es war ein Bekenntnis zur Theorie des sozialistischen Realismus, wenn er die große Bedeutung einer »Berufstätigkeit für angehende und auch für arrivierte Schriftsteller« betonte. (2SK) Durch den Aufbau des Sozialismus sei eine neue Wirklichkeit entstanden. Über diesen Prozess müssten die Schriftsteller berichten. Die geforderte Einheit von Arbeiterklasse und Intelligenz war nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der offiziellen Kulturpolitik, sie prägte auch Harichs Thesen. Der Literat müsse sich an der neuen Wirklichkeit beteiligen und sie mit künstlerischen Mitteln abbilden: »Ich bin aber der Meinung (…), dass die HO ein derartig interessantes Stück Wirklichkeit ist, dass ein Mensch, der dort arbeitet, soviel Buntes, Interessantes, Neues, Werdendes, Falsches und Gutes erleben kann, wenn er Phantasie hat – Phantasie zu haben heißt, die Wirklichkeit tiefer zu sehen als andere Menschen –, dass er auch aus einer solchen Stellung unbedingt 201 Angaben nach: Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 27–54. 1549Drei Schriftstellerkongresse großen Nutzen und, ich glaube, größeren Nutzen ziehen muss als durch Reisen durch das Land.« (2SK) Harich passte in der soeben zitierten Stelle sogar die Definition der Phantasie an die Forderungen des Realismus an – sie bedeute nicht abzuschweifen oder gar die Grenzen der Realität zu durchbrechen (das wäre unzulässige Abstraktion oder gar Formalismus), sondern sei lediglich ein Mittel zur Schärfung der Wahrnehmung der Realität. Als Beispiel für die literarisch fruchtbringende Verbindung von Arbeitsleben und Schriftstellerei nannte Harich Theodor Fontane. »Man kann nicht behaupten, dass der Beruf des Apothekers z. B. viel mit Literatur zu tun hätte; aber was wäre Fontane, wenn er nicht Apotheker gewesen wäre? Was wäre Effi Briest ohne den Apotheker Theodor Fontane?« (2SK) Einen Schriftsteller aus der DDR erwähnte er nicht. Rudolf Leonhard hat in seinem Beitrag direkt nach Harich auf dessen Ausführungen reagiert. Er wolle »eine Lanze für den Berufsschriftsteller einlegen«202. Literatur sei kein Nebenerwerb, der zusätzlich zu einer normalen Arbeit betrieben werden könne. Ja, so Leonhard programmatisch, der Schriftsteller müsse eine enge Beziehung zum Leben haben, aber er könne sie nicht dadurch vertiefen, dass er einen weiteren Beruf ausübe. »Ich möchte diesen Einwand machen, weil ich wünsche, dass man nicht vergisst, dass Schriftstellerei eine Arbeit ist, eine ernste, schwierige, zeitraubende Arbeit und eine Arbeit, die ein Handwerk erfordert.«203 Die gegenteiligen Positionen von Harich und Leonhard wurden in der Presse wiedergegeben.204 Den zweiten Teil seines Beitrags widmete Harich den Fragen der Hebung des Bildungsniveaus der Bevölkerung und der Vermittlung des klassischen literarischen Erbes. Zu beiden Themenkreisen hatte er sich entweder schon an anderer Stelle geäußert oder er griff sie später wieder auf. Die Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus müsse forciert werden, gerade da das Interesse der arbeitenden Massen an Literatur, Kultur und Bildung deutlich zu erkennen sei und zum Programm des Sozialismus elementar hinzugezählt werden müsse. Um die entstehenden Energien und Bedürfnisse weiter zu stärken und sofort zu stillen sowie in geordnete Bahnen zu lenken, seien organisierte Maßnahmen notwendig: 202 Leonhard, Rudolf: Diskussionsbeitrag auf dem Zweiten Kongress, in: Gansel/Walenski: Erinnerung als Aufgabe?, S. 149. 203 Leonhard: Diskussionsbeitrag auf dem Zweiten Kongress, S. 149. 204 Gansel, Carsten; Walenski, Tanja: Zum Presseecho auf die Schriftstellerkongresse, in: Dies.: Erinnerung als Aufgabe?, S. 69. 1550 Teil XI »Es kommt nun da rauf an, dass dieser erwachenden geistigen Aufmerksamkeit und geistigen Aufgeschlossenheit etwas Richtiges und Neues geboten wird, und so möchte ich die dringende Forderung an den Schriftstellerverband richten, einige Maßnahmen zu treffen, die wirklich zur Heranführung breiter Publikumsmassen an die Literatur und zur Diskussion der Literatur in breiten Publikumsmassen führen könnten. Ich denke z. B. in erster Linie an die absolute Notwendigkeit der Einrichtung von Leserkonferenzen, die ich zu einer Forderung an den Schriftstellerverband machen möchte.« (2SK) In der Sow jet uni on habe sich diese Einrichtung bewährt. Diese Position vertrat Harich zeitgleich auch in verschiedenen anderen Publikationen, vor allem in seinen Artikeln in der Weltbühne. Parallel hierzu müsse auch die »Vermittlung des klassischen Erbes mit richtiger wissenschaftlicher marxistischer Interpretation« gestärkt werden. (2SK) An der Berliner Universität sei es zum Beispiel nicht möglich, sich zu diesem Gebiet zu bilden, da keine entsprechenden Lehrveranstaltungen angeboten werden.205 In der Hegel-Denkschrift schrieb Harich dann am 29. März 1952: »An der Universität Berlin ist seit 1945 noch keine einzige obligatorische Vorlesung oder Seminarübung über ein Thema aus der klassischen deutschen Philosophie gehalten worden. Die Geschichte der Philosophie lag bis 1950 in Händen von Prof. Richter206, einer mystisch verschwommenen und verquollenen, religiös und existenzialistisch orientierten alten Jungfer. Um diesem Missstand abzuhelfen, habe ich im Herbst 1949 begonnen, neben meinen Lektionen über dialektischen und historischen Materialismus wöchentlich zweistündig fakultative Vorlesungen über Geschichte der deutschen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie zu halten.«207 205 Harich: »Sie haben ein paar ganz fragwürdige, auf schlechtem Niveau stehende bürgerliche Philologen, die auch als bürgerliche Philologen keineswegs Kapazitäten sind, die also irgendwelche ganz gleichgültigen Dinge vortragen. Aber die deutsche Literatur von Lessing bis Heine, die in die Köpfe hinein muss, und zwar mit der richtigen marxistischen Interpretation, kann an der Berliner Universität nicht gehört werden.« (2SK) 206 Gemeint war Liselotte Richter, seit 1948 als Professorin für Philosophie an der HU. 1951 wechselte sie auf Druck der SED an die Theologische Fakultät der HU (Professur für Religionsphilosophie). 207 Harich: Hegel-Denkschrift, gerichtet an Politbüromitglied Fred Oelßner (Band 5, S. 129). Die Vorlesungen Harichs liegen mittlerweile gedruckt vor: Harich: Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie, Vorlesungen, Band 6, 2 Teilbände. 1551Drei Schriftstellerkongresse Auch in anderen Kontexten setzte sich Harich für die Bewahrung und Pflege des philosophischen Erbes ein – erinnert sei nur an die von ihm initiierten und vorgeschlagenen Editionen im Aufbau-Verlag: Von der Zusammenarbeit mit sowie der Betreuung der Werke Georg Lukács’ und Ernst Blochs bis zur Erinnerung an Rudolf Haym oder der Sammlung der Kritiken an Arthur Schopenhauer.208 Auf der zwei Jahre später stattfindenden Dritten Schriftstellerkonferenz gehörte Harich erneut zu den Rednern. Und nun übte er Kritik am Formalismusvorwurf und am Konzept des Realismus. Nach wie vor ging Harich davon aus, dass Literatur politisch ist bzw. sein muss: »Es heißt, dass die Literatur mit den anderen Künsten und den andern Äußerungen der Ideologie, der Weltanschauung, das gemeinsam hat, dass sie der Gesellschaft dient und dass sie im Klassenkampf dieser oder jener Klasse dient oder auch diesem oder jenen Überbau oder dieser oder jener Basis dient.« (3SK) Die Geschichte der deutschen Aufklärung und der fortschrittlichen Kräfte des 19. Jahrhunderts zeige deutlich auf, dass zuerst der Inhalt, die Kritik und die Auseinandersetzung stehen. Harich brachte das Beispiel »Herder, der an den Goetheschen Balladen die fehlende Moral bemängelte, worauf Goethe ihm antwortete, es wird aus einem guten Kunstwerk auch immer eine gute Moral zu entnehmen sein, aber wenn man die Kunst der Moral unterordnen wollte, dann sollte man ihr lieber gleich einen Mühlstein um den Hals hängen und sie ersäufen.« (3SK) Es sei wichtig, überhaupt etwas zu tun – was, wie, in welcher Form etc. sind zweitrangige Fragen. Zuerst komme die Kunst, die sich frei entfalten müsse. Dann, in einem zweiten Schritt, könne man da rü ber nachdenken, was diese eigentlich wolle, welche Botschaften sie aussende und wie sie ideologisch zu bewerten sei. Heinrich Heine diente zur Illustrierung als Beispiel. Heine, »der in der Lyrik (…) die größten revolutionären lyrischen Werke deutscher Sprache geschaffen hat, der einen Kampf führte gegen die gesellschaftlich belanglose, sich vor den Problemen des Tages drückende Kunst, der gleiche Heinrich Heine hat einen erbitterten Kampf geführt gegen die flache, im abstrakten Freiheitspathos steckenbleibende, unkünstlerische Tendenzpoesie des Jungen Deutschland (…).« (3SK) Er bekämpfte also die ideologische 208 Hierzu (neben zahlreichen anderen relevanten Publikationen): Mittenzwei, Werner: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, in: Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis, München, 2000, Bd. 1, S. 208–243. Siehe die entsprechenden Dokumente dieses Bandes. Dort alle weiteren Informationen, Hinweise usw. 1552 Teil XI Literatur seiner Zeit: Jene Werke, die mit einem bestimmten Auftrag entstanden, ein bestimmtes Thema darstellten und variierten, bei denen der Inhalt wichtiger war als ästhetische Fragen. Der Bezug auf Heine war kein Zufall, da Harich in den fünfziger Jahren als einer der besten Heine-Kenner galt. Seine sechsbändige Ausgabe war die erste Edition, die bewusst den »politischen Heine« präsentierte.209 Harichs Verweis auf Heine war mehr als eine Kritik am Realismus und am Formalismus-Vorwurf. Es war die Forderung nach einer zumindest partiellen Freiheit der Kunst, die freilich ein staatssozialistisches System – so unsere bisherigen Erfahrungen – nicht ermöglichen kann. Wenn es mit einem speziellen Kunstwerk Probleme gäbe, so müssten diese individuell besprochen werden. Mit einer vorgefertigten Kritik oder plakativen Vorwürfen komme man nicht weiter.210 Zu viele Umstände wären zu berücksichtigen – die Bandbreite reiche von der Art des Kunstwerkes über die Erfahrung des Künstlers bis hin zum eigentlichen Problem und dem verarbeiteten Stoff. »Entschuldigen Sie, aber in unserer Literatur gibt es diese Situation, dass wir das Zeitnahe wollen und wünschen und eine solche Tendenz, die Fragen der Gestaltung des Realismus und der Form verbal, in verbalen Zugeständnissen an den Rand zu schreiben, dass wir einfach übersehen, wie sehr die beste Idee kompliziert wird durch eine schlechte Gestaltung und einfach nicht ankommt.« (3SK) * * * * * Die Reden Harichs auf den ersten drei Schriftstellerkongressen zeigen eine bemerkenswerte Entwicklung und sie zeigen einen echten Denkprozess. Vom »Ja« zu politischer Literatur und der stark polemischen Kritik an Melvin Lasky211 kam er zu einer Kritik an den bürokratischen Auswüchsen des Formalismus-Vorwurfs. Nur ein Jahr nach seiner Rede auf dem Dritten Deutschen Schriftstellerkongress gipfelte diese Entwicklung 209 Heine: Gesammelte Werke in sechs Bänden, hrsg. und eingel. von W. Harich, Berlin, 1951. Auch: 2., verm. u. verb. Aufl., Berlin, 1954–1956. Kritisch zur Bevorzugung des politischen Heine äußerte sich seinerzeit Hans Kaufmann, der Harich nach dessen Verhaftung als »Heine-Experte der DDR« ablöste. Der Preis, den er dafür entrichten musste, war die Beteiligung an der Schmähung Lukács’. Kaufmann: Rezension zu: Heine: Gesammelte Werke etc., in: Aufbau, 1952, Heft 3, S. 282–285. Siehe die entsprechenden Hinweise bei: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 210 Harich: »Ich glaube, dass die problematischen Werke jeweils individuell zu behandeln sind. Es gibt in unserer jungen Literatur Werke, die inhaltlich und in der Form so schön sind und so groß und so wichtig und richtig, auch von jungen Schriftstellern, dass man zum Beispiel sagen kann, schon das ist große deutsche Lyrik.« (3SK) 211 Hierzu: Harich: Ahnenpass, S. 157 ff., S. 188 ff. 1553Drei Schriftstellerkongresse vorläufig in der gemeinsam mit Bertolt Brecht unternommenen Auseinandersetzung mit der Staatlichen Kunstkommission – im Zuge des Arbeiter-Aufstands von 1953. Auch der Streit um Hegel, in den er an vorderster Linie involviert war, zeigt in aller Deutlichkeit an, dass er sich zu einem eigenständigen Denker und Theoretiker entwickelt hatte.212 Auf der Basis des Marxismus, als überzeugter Kommunist, verteidigte er in der Folge vor allem eins – das Recht auf freies Denken und freie Meinungsbildung. Aber die Kritik am Nationalsozialismus, die er auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress, in zahlreichen Weltbühne-Artikeln und in weiteren Texten ausgeführt hatte, blieb die feste Grenze der intellektuellen Freiheit – gleichsam als Wegscheide von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit. Außerdem blieb auch sein Konzept einer politischen Kunst, freilich abgewandelt, Bestandteil seines Denkens. Das zeigen seine Arbeiten zu Jean Paul ebenso wie die späten Schriften zu Friedrich Nietzsche. Kunst hatte für Harich immer politische Dimensionen, die in die politischen und gesellschaftlichen Sphären hineinragen. Schon Anfang der fünfziger Jahre, in der Hegel-Debatte, zeigte ihm der Parteiapparat allerdings die Bedingung des eigenen Sozialismusverständnisses auf – gegen Stalin dürfe man nichts sagen. Das war die Mauer (eine der ersten), die die Partei damals errichtete. 212 Siehe: Amberger/Heyer: Der konstruierte Dissident. Von Harich alle einschlägigen Texte und Manuskripte in dem Band: Harich: An der ideologischen Front, Band 5. 1554 Teil XI Reden auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress 1. Rede, 05. Oktober 1947 Ich bin nicht befugt, aus der Per spek ti ve des Schriftstellers über das Thema der inneren Emigration zu sprechen, weil ich erst nach dem Kriege angefangen habe zu schreiben. Aber ich bin vielleicht befugt zu sprechen über die Literatur der äußeren und inneren Emigration aus der Per spek ti ve eines, der in den zwölf Jahren in Deutschland groß geworden ist. Ich frage mich jetzt manchmal: Woran liegt es eigentlich, dass ich nicht auch ein Nazi geworden bin? Und es liegt mir fern, das meinem Verdienst zuzuschreiben. Denn ich weiß sehr gut, dass die persönliche Entwicklung des Menschen nicht so sehr abhängig ist von ursprünglichen Qualitäten schlechter oder guter Art, die ihm von vornherein anhängen, sondern durch die Umwelt, in die er hineingeboren wird – und der Faschismus hatte seine großen Lockungen. Der Faschismus hat nicht nur an die üblen Instink te im Menschen appelliert, sondern er hat auch an die besten Instinkte appelliert, die er dann missbrauchte für seine schändlichen Zwecke, und viele, viele sind besten Willens da rauf hereingefallen und haben mitgemacht, besonders junge Menschen. Die Einflüsse im Elternhaus, die guten antifaschistischen Einflüsse im Elternhaus wiegen auch nicht sehr schwer, denn man braucht nur eine oppositionelle Konstitution zu haben, dann wird man, gerade weil man gute Einflüsse von zu Hause mitbekommt, gegen diese opponieren und dadurch in das falsche Fahrwasser kommen. Eine ganz besonders große Wirkung aber schreibe ich dem literarischen Einfluss zu, und hier möchte ich nun sprechen als einer, der die segensreichen Wirkungen der Literatur der inneren Emigration hätte spüren müssen, wenn sie da gewesen wären. Wenn ich mich recht erinnere, welche Bücher mich in meiner geistigen und politischen Entwicklung am stärksten beeinflusst haben, dann waren es die Bücher, die hinten, in der zweiten Reihe des Bücherschrank standen, weil es gefährlich war, diese verbotenen Bücher, Bücher von Emigranten, noch zu besitzen. Es waren die Bücher insbesondere von Heinrich Mann, es waren die politisch-satirischen Feuilletons von Kurt Tucholsky, die pazifistischen Gedichte von Kästner, die flammenden Appelle Erich Weinerts, der Roman Krieg von Ludwig Renn und auch die Schriften eines katholischen Schriftstellers, der mich sehr beeindruckt hat, eines katholischen Antifaschisten namens Theodor 1555Drei Schriftstellerkongresse Haecker – Bücher, die vor 1933 erschienen waren. Von den Büchern der Ina Seidel213, Unser Freund Peregrin, Ernst Wiecherts Einfaches Leben, der Philosophie von Karl Jaspers, den Büchern von Carossa – von denen kann ich nur sagen: Wenn ich auf diese Literatur allein angewiesen gewesen wäre, hätte ich ganz gut ein strammer SS- Mann werden können. Ich mache den Schriftstellern, die unter der Nazizeit hier gewesen sind und hier geschrieben haben, aus der Wirkungslosigkeit und Wehrlosigkeit ihrer Literatur, die sie unter diesen Verhältnissen hier schreiben mussten, keinen Vorwurf. Denn was sollte ein Schriftsteller, der damals in Deutschland lebte, schon tun? Konnte er in einer offenen Form gegen das Regime opponieren? Er konnte es nicht. Und wenn er es in einer versteckten Form tat, so bestand immer die Gefahr, dass es nicht gemerkt wurde – und es wurde nicht gemerkt. Und wenn es gemerkt wurde, dann konnte man wieder sagen: Ja, damit diente er ja der Toleranzfassade des Dritten Reiches. Also, der Schriftsteller im Dritten Reich stand unter einem ungeheuren Druck. Und es war nur zu verständlich, dass er die Flucht nach innen antrat. Es sind in dieser Zeit zum Teil wunderbare Bücher erschienen – jenseits des Tages, jenseits der Realität. Ich erinnere noch einmal an die Novelle von Ina Seidel Unser Freund Peregrin. Das ist ein Juwel deutscher Literatur, die aber überhaupt nicht irgendein Gegengift gegen den Faschismus in uns erzeugen konnte und uns immun machen konnte gegen diese Zeit. Wenn ich nun sage, ich mache den Schriftstellern aus ihrem Verhalten, sofern sie nicht Kompromisse gemacht haben und vor den Tyrannen zu Kreuze gekrochen sind, aus ihrer Flucht nach innen während der Nazizeit keinen Vorwurf, ich respektiere, dass die deutschen Dichter unter dem Druck des Gesinnungsterrors in die Innerlichkeit emigrieren mussten, so muss ich doch andererseits auch sagen: Ich respektiere nicht, dass ein Teil der deutschen Dichter schon vor 1933 in die Innerlichkeit geflohen war. Und ein Teil der deutschen Literatur war vor 1933 in die Innerlichkeit geflüchtet, und auf diese Weise war der Gesinnungsterror nach 1933 auch von einem Teil redlich verdient. Und hatte sich nicht ein großer Teil unserer Dichter durch Innerlichkeit bereits wehrlos gemacht, bevor es nötig gewesen wäre? Flucht nach innen kann bestenfalls heißen: Aus der Not einer despotischen Zensur eine Tugend machen. Aber diese Tugend ist so 213 (AH) Der Band 1.1 druckt die Briefe ab, die Harich 1941/1942 an Ina Seidel geschrieben hat. 1556 Teil XI lange ein schändliches Laster, so lange die Not, die als Entschuldigung geltend gemacht werden kann, nicht existiert. Man konnte im Dritten Reich kein Buch veröffentlichen gegen die Judenverfolgungen, aber man konnte sehr wohl im Jahre 1919 protestieren gegen die schändlichen Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Wenn nicht die ganze deutsche Literatur damals geschlossen gegen diese Schändlichkeiten 1919 und in den Jahren der Weimarer Zeit protestiert hat, so liegt es da ran, dass sich ein Teil bereits in der deutschen Innerlichkeit befand. Ganz zu schweigen davon, dass der größere Teil der deutschen Literatur 1914 auch nicht gegen den schändlichen imperialistischen Krieg Wilhelms II. energisch genug protestierte. Wa rum haben viele deutsche Schriftsteller, so frage ich, an der deutschen Misere nur gelitten und ihr Leiden genüsslich sublimiert, als noch Zeit war, gegen die deutsche Misere zu kämpfen? Thomas Mann hat 1933 oder 1934 einen Generalstreik der deutschen Intelligenz gefordert. Wa rum setzten nicht früher derartige Forderungen ein, als auch schon vorher Schändlichkeiten geschahen? Ich glaube, man muss hier zu sprechen kommen auf das Verhängnis der deutschen Innerlichkeit, auf das Problem der deutschen Innerlichkeit, das irgendwie auch immer vermengt ist mit dem Problem der inneren Emigration. Die deutsche Innerlichkeit hat sehr köstliche literarische Früchte gezeitigt. Aber sie ist auch eine sehr gefährliche Tradition, die meiner Meinung nach beginnt mit dem Verhängnis der Trennung von subjektiver und objektiver Moral in der Reformation.214 Ich möchte ihnen hier eine ganz kleine Stelle aus einem Buch vorlesen, dass im Jahre 1930 erschienen ist. Das Buch heißt Die geistige Situation der Zeit und ist erschienen als tausendster Band der Sammlung Göschen. Der Verfasser heißt Karl Jaspers und schrieb damals: »Es ist wie am Anfang seines Weges dem Menschen noch einmal etwas geschehen, das da rin zum Ausdruck kommt, dass er vor das Nichts geraten ist, nicht nur faktisch, sondern für sein Wissen.« Er beschreibt dann dieses Nichts als den Aufstand das existenziellen Plebejertums, in dem jedem von uns gegen das Selbstsein, das die Gottheit in ihrer Verborgenheit fordert, Gefahr droht. Er gebrauchte damals die Vokabeln Massendasein, Massenordnung, Massenorganisation, Herrschaft des Apparats – 214 (AH) Zur »inneren Emigration« siehe neben weiteren tagesaktuellen Stellungnahmen Harichs aus jenen Jahren auch seine spätere Position, formuliert in den achtziger Jahren in den Hartmann-Manuskripten (Band 10). Dort auch zur im Folgenden noch thematisierten Philosophie von Jaspers. 1557Drei Schriftstellerkongresse und er sagte: »Da der Weltlauf undurchsichtig ist, ist das Beste, was heute geschenkt werden kann, die Nähe selbst seiender Menschen. Sie sind die Garantie, dass es ein Sein ist. Dem einzelnen, ganz auf sich in seiner Nacktheit zurückgeworfen, bleibt heute zunächst nur der Beginn mit dem anderen einzelnen, dem er sich treu verbindet.« Praktisch erläutert er das dahin, dass der Riesenapparat der so genannten Vermassung so viele Lücken haben würde, dass es für Menschen, die es wagen, in einer anderen Gestalt als der erwarteten aufzutreten, möglich ist, ihre Geschichtlichkeit aus eigenem Ursprung zu verwirklichen. Das ist eine Haltung, bei der man alles äußere Geschehen oppositionslos als nun einmal gegeben und unabänderlich hinnimmt, um sich zurückzuziehen auf die Nähe »selbst seiender Menschen«. Das schrieb Herr Jaspers im Jahre 1930, als die SA schon die Straßen beherrschte, als man aber noch ein offenes Wort gegen die SA wagen konnte. Und wenn dieser Herr Jaspers jetzt nach dem Kriege eine Broschüre über die Schuldfrage geschrieben hat, in der er das sehr richtige moralische Problem der allgemeinen Verantwortung für den Faschismus dahin gehend zu verschieben versucht, indem er von einer allgemeinen Schuld der menschlichen Existenz schlechthin spricht, so möchte ich im Namen der jungen antifaschistischen Intelligenz Deutschlands, die sich trotz der Einflüsse des Faschismus von dem Gift freigehalten hat, nur antworten: Wir verzichten auf eine Philosophie, die 1933 den Rückzug auf das Private durch die Maschen des Apparats predigte und heute mit einer Tartufferie die Schuldfrage abtun will. Dieses Wort Vermassung wird oft von den Innerlichkeits-Apologeten gebraucht, und sie bringen damit zum Ausdruck, man müsse sich auf sich selbst zurückziehen, weil von der Masse die Gefahr drohe. Tatsächlich ist es so, dass der Faschismus durch eine raffinierte De ma gogie sich eine Massenbasis schaffte, unter der der geistige Mensch sehr wohl leiden konnte und leiden musste, so dass der Faschismus das Gepräge eines Egalitarismus, eines Plebejertums hatte. Ich sage, er hatte das Gepräge. Er war natürlich kein echtes Plebejertum, und wenn dieses Pseudo-Plebejertum des Faschismus für den geistigen Menschen so unerträglich war, so deshalb, weil der geistige Mensch eben zu wenig dafür getan hatte, dass das Volk, die Masse, energisch genug für seinen Ideale, für die Ideale der Humanität und der Freiheit und des Friedens kämpfte. Das ist ein gegenseitiges Bedingungsverhältnis. Es steckt viel Schuld auch sowohl in jedem Einzelnen des deutschen Volkes, aber es steckt auch viel Schuld und mehr Schuld bei der Intelligenz, die den Menschen des deutschen Volkes nicht die Waffen in die 1558 Teil XI Hand gab, sich gegen den Faschismus energisch genug zu verteidigen. Und in diesem Sinne muss uns heute jede Verächtlichmachung der Masse, jedes Snobistentum von vornherein suspekt sein. Denn Verachtung der Masse ist immer Verachtung jedes einzelnen Menschen, der in der Masse drin steckt, also mithin Menschenverachtung. Und wenn ich mir eine Literatur beschreiben will, wie ich sie mir für die Zukunft wünsche, so muss es so sein, dass der kleine Mann aus der Masse deshalb für Frieden, Demokratie, Freiheit und Humanität kämpft, weil er weiß, er, der kleine Mann, das hinter seinen Forderungen nach Recht und Freiheit die ganze Elite der Intelligenz steht. 2. Rede, 07. Oktober 1947 Vor zwei Tagen, als ich hier schon einmal oben stand, habe ich meinen ersten Diskussionsbeitrag mit den Worten beendet: Ich wünsche mir eine Literatur, die dem kleinen Mann, dem einfachen Menschen aus der Masse des Volkes deutlich werden lässt, das hinter seinen Forderungen nach Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Demokratie und Humanität die Elite der deutschen Intelligenz steht. Das heißt selbstverständlich, dass die Literatur das Schrifttum, die Publizistik und vor allem die politische Publizistik sich auch für den kleinen Mann einsetzen muss, wenn ihm Unrecht geschieht und wenn er verfolgt wird. Es ist nun hier gestern an uns ein Problem herangetragen worden, von dem ich glaube, dass wir uns ganz ernsthaft und prinzipiell mit ihm auseinandersetzen müssen, und zwar das Problem, dass selbstverständlich in dieser Situation auch Menschen verfolgt werden. Und es ist sozusagen mit dem Ansinnen an uns Schriftsteller herangetragen worden, dass wir für diese Menschen heute das gleiche leisten müssten, was Zola mit seinem »J’accuse« für den ungerecht verfolgten Franzosen Dreyfus geleistet hat. Vielleicht erscheint Ihnen das als eine Abschweifung vom Thema. Meiner Meinung nach fließen in diesem Kernproblem alle Themen, die in den letzten beiden Tagen behandelt worden sind, zusammen. Nämlich die Themen: Ist der Nazismus noch vi rulent?, Der Schriftsteller und die Gesellschaft, Der Schriftsteller und die geistige Freiheit, Die Forderung der Zeitnähe und Wie kämpft der Schriftsteller für den Frieden? Ich möchte dies alles in einem ganz aktuellen Thema zusammenfassen, mit dem wir uns unbedingt sachlich auseinandersetzen müssen, dem Thema: Literatur und Gewalt. In welcher Wechselbeziehung stehen sie? Inwiefern muss Literatur gegen Gewalt kämpfen und inwiefern wirkt Literatur schädlich, wenn sie gegen bestimmte Gewalt auch kämpft? 1559Drei Schriftstellerkongresse Es kam hier in der heutigen Vormittagsdiskussion eine Kollegin, die sagte, ihr fordert, unsere Literatur müsse kämpferisch sein, ja, Kinder, das hat ja Hitler auch schon immer gesagt. Da haben Sie einen typischen Fall, dass man einen Begriff formal auffasst, ohne da rauf zu achten, was er in der konkreten Situation und benutzt von einem konkreten Menschen oder in einer bestimmten konkreten Richtung zu bedeuten hat. Es wird der Begriff kämpferisch genommen. Es wird abstrahiert von der Funktion, die dieser Begriff im gesellschaftlichen Ganzen hat. Und es wird gesagt – kämpferisch gleich kämpferisch. Wir müssen prinzipiell diesen Formalismus abtun, weil er falsch und weil er gefährlich ist. Sie können mir glauben, ich bin von Herzen ein friedliebender, eigentlich pazifistischer Mensch. Aber ich würde niemals sagen – Panzerwagen gleich Panzerwagen. Denn ein Panzerwagen, der im Zweiten Weltkrieg für Roosevelt oder für Stalin kämpft, ist nicht derselbe wie ein Panzerwagen, der für Hitler kämpft. Bücherverbrennung und Bücherverbrennung ist auch nicht dasselbe. Es ist nicht dasselbe, wenn im Jahre 1933 die Bücher von Thomas Mann und im Jahre 1945 die Bücher von Alfred Rosenberg verbrannt wurden. Ein gewaltiger Unterschied. Wir müssen also, wenn wir hiermit prinzipiell festgestellt haben, dass jeder Begriff verschiedene Bedeutungen, verschiedenen Sinn im gesellschaftlichen Ganzen haben kann, wir müssen also jetzt die Beziehung zwischen Literatur und Gewalt untersuchen. Es muss gesagt werden, dass Gewalt, Gewaltanwendung nicht unter allen Umständen zu verwerfen ist. Meiner Meinung nach ist Gewalt nicht unter allen Umständen zu verwerfen. Es fragt sich eben nur, diese Frage gilt nur dem Kriterium, ob jemand Gewalt mit Recht ergreift oder nicht. Danach frage ich. Und hier erlauben Sie mir bitte, um das zu beantworten, eine ganz kleine historische Abschweifung. Im Zeitalter der Reformation hat der deutsche Reformator Luther, der für die deutsche Geschichte große, große Verdienste hat, gegen die Gewalttaten der aufrührerischen Bauern in den Bauernkriegen zu seiner Zeit gepoltert, geflucht, getobt. Er hat die Gewalt, die die Bauern gegen ihre Fürsten und ihre Herren gebrauchen mussten in Grund und Boden verdammt, und machte sich mit dieser Verdammung objektiv zu einem Instrument der Gewalt der Fürsten. Ich frage Sie: Wo ist hier das Kriterium in den Bauernkriegen, welche Gewalt im Recht war und welche im Unrecht? Die der Fürsten, die der Ritter? Die der Feudalherren oder die der Bauern, die um ihre Freiheit kämpften? Ich möchte diese Frage hier nicht beantworten, sondern ich möchte nur auf das Buch unserer verehrten großen Ricarda Huch, Das Zeitalter der Glaubensspaltung, hinweisen, wo sich Ricarda Huch mit diesem 1560 Teil XI Problem in wunderbarer Weise auseinandergesetzt hat, und ich möchte hinweisen auf die Antwort, die Thomas Mann in seiner Rede Deutschland und die Deutschen gegeben hat, wo er sagt: Bei diesem Verrat Luthers an dem kämpfenden revolutionären Bauerntum beginnt die deutsche Misere. Ein weiteres Beispiel: Man hat die Gewalt, die in der Französischen Revolution angewandt wurde, auch verdammt. Aber die größten deutschen Geister jener Zeit, Kant, Goethe und Schiller, haben sich zur Französischen Revolution bekannt, aber dann haben sich Goethe in dem Gedicht Hermann und Dorothea und Schiller in seiner Glocke von der Französischen Revolution distanziert. Wenn wir diese Gedichte heute lesen, dann beschleicht uns ein Gefühl der Beschämung, dass Goethe und Schiller, die sich zur Französischen Revolution bekannten, dann doch nicht verstanden, dass diese Revolution bis zum Ende hätte durchgeführt werden müssen, dass also ihre Distanzierung von der Französischen Revolution in ihren Konsequenzen objektiv rückschrittlich war. Bei der Oktoberrevolution ging in der ganzen Welt ein Riesengeschrei los über die Gewaltanwendung, die die Bolschewisten gegen den Zarismus und gegen die Gutsbesitzer und die Kapitalistenklasse praktizierten. Das einzige, was ich auf der Schule über die Sow jet uni on gelernt habe, sind Gräuelgeschichten über die Ermordung des armen Zarewitsch. Ich frage Sie heute: Das große Befreiungswerk in der Sow jet uni on, das, um nur ein Beispiel zu nennen, den Hass der Nationalitäten untereinander aufgehoben hat, so dass also heute nicht mehr Tatar gegen Usbeke, Russe gegen Jude, Ukrainer gegen Russe steht, wiegt dieses Befreiungswerk nicht vielleicht mehr als die Leute, die in der Oktoberrevolution mit Gewalt bei Seite geräumt werden mussten, damit dieses Werk gelang? Wenn wir heute diese Literatur lesen, so kommt sie uns einfach lächerlich vor. Und uns kommt alles das lächerlich vor, was gegen Gewaltanwendung in der Vergangenheit gesagt wurde, wenn die Gewalt nach vorn ging, wenn sie revolutionär war, wenn sie einen fortschrittlichen Zweck erfüllte und wenn sie Hindernisse, die der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im Wege standen, bei Seite räumte. Wie müssen wir uns zu der Gewaltanwendung, die heute in Deutschland stattfindet, stellen? Es ist bedauert worden in einem gestrigen Referat, dass auf Deutschland Bomben gefallen sind, die hier große Verheerungen angerichtet haben. Und wir respektieren selbstverständlich das menschliche Mitleid, das wir mit jedem haben, der in diesem Kriege Schaden erlitten hat. Aber wer in diesem Kriege Antifaschist war in Deutschland, 1561Drei Schriftstellerkongresse musste jede Bombe, die fiel, und wenn sie sein eigenes Haus zertrümmerte, begrüßen als einen Schritt zur Befreiung vom Faschismus. Es ist traurig, es ist bitter, dass wir nicht selbst genug Gewalt anwenden konnten in unserem Lande, um diese Bande zu verjagen. Aber wenn es so war, wenn wir das nicht selbst zu tun vermochten, so müssen wir unbedingt die Gewalt bejahen, die nun einmal nötig war, das große Zuchthaus aufzusprengen, in das wir uns selbst eingesperrt hatten. Wenn es heute in Deutschland leider notwendig ist, dass auch junge Menschen, die bekanntlich besonders der Verhetzung durch den Faschismus ausgesetzt waren, eine Tätigkeit ausüben, die es notwendig macht, dass man die Gesellschaft vor ihnen schützt, so legt uns das nur die Verpflichtung auf, von früh bis spät da ran zu denken, die ganze deutsche Jugend zur Demokratie und zur Freiheit und zum Frieden und zum Antifaschismus umzuerziehen. Und hier ist eine der größten Aufgaben des Schriftstellers. Die Aufgabe kann nicht da rin bestehen, sich da rü ber aufzuhalten, dass die eine Besatzung dies und die andere das tut, sondern unsere Aufgabe besteht da rin, die Vo rausset zungen dafür zu schaffen, dass die Besatzungsmächte keine Gewalt mehr anwenden müssen, sondern dass wir selbst die Demokratie in unserem Lande sichern können, auch mit der Literatur. Ich möchte jetzt noch eine Frage ganz kurz streifen: Der Kampf gegen den Faschismus ist ein Kampf, der verschiedenartige Mittel erfordert – geistige Mittel, Mittel der Überzeugung, der Überredung, der Diskussion, der Belehrung, der Pädagogik, aber unter anderem auch der Gewalt. Cromwell hat gesagt: Wenn man das Schwert gegen die Obrigkeit erhebt, so muss man die Scheide wegwerfen. Das heißt: Wenn man gegen ein schlechtes System, gegen ein verbrecherische System kämpft, dann muss man so lange kämpfen, bis es auch vollkommen vernichtet ist. Nur noch eine ganz kleine Frage. Es ist heute Vormittag gesagt worden, dass der Schriftsteller die Opposition brauche, die Opposition unbedingt, die Opposition um jeden Preis. Ohne Opposition ginge es eben nicht. Ich bin anderer Ansicht. Ich bin der Meinung, dass der Schriftsteller überall gegen das Schlechte, Rückständige, Reaktionäre opponieren muss. Aber dort, wo das Konstruktive, Gute, Aufbauende, Fortschrittliche im Wachsen und Werden ist, da muss der Schriftsteller auch konstruktiv bejahend und, unter der Vo raus set zung, dass der Staat der Staat des Volkes ist, auch staatserhaltend sein, wenn Sie dieses Wort gestatten. Wenn wir uns aber auf die Frage der Gewalt einlassen und wenn wir dann sagen, es müsste unbedingt Opposition um 1562 Teil XI jeden Preis sein, so möchte ich denjenigen, der dieser Opposition hier forderte, auf etwas aufmerksam machen, wo er seine Opposition sehr gut geltend machen könnte, wenn er wollte. Er könnte zum Beispiel dagegen opponieren, dass der Film von Anna Seghers in Deutschland nicht gezeigt werden kann, dass das jüngste Buch von Sinclair Lewis nicht in Deutschland gedruckt werden kann, weil es über die Negerfrage geht und das hier nicht angebracht erscheint in der betreffenden Zone, dass das Buch von Elliot Roosevelt über seinem Vater, das Tagebuch, hier nicht erscheinen kann, dass, um ein letztes zu sagen, einer unserer anständigsten Publizisten, der jahrelang im KZ gesessen hat, ohne Begründung, ja, ohne den Versuch einer Ausrede seiner Lizenz beraubt wurde. Ich meine Carlebach.215 Es ist zum Heulen, dass man heute versucht, mit den Zensurmethoden der metternichschen De ma gogenverfolgung bei uns Demokratie einzuführen. So wird man es nicht schaffen. Das war alles, was ich sagen wollte. Im Gespräch bleiben!216 Über den Verlauf des Ersten Deutschen Schriftstellerkongress, der vom 4. bis 8. Oktober in Berlin stattfand, ist in den Tageszeitungen jeglicher Himmels- und politischen Richtung des Langen und Breiten berichtet worden. Für uns kann es sich nicht darum handeln, den zahlreichen Reportagen, den veröffentlichten Protokollausschnitten, den Stimmungsberichten, den beifälligen und kritischen Bewertungen einzelner Referate und Diskussionsbeiträge hier eine neue Variante hinzuzufügen. Wenn diese Zeilen erscheinen werden, wird der Schriftstellerkongress längst nicht mehr aktuell sein. Eine getreue Repetition dessen, was sich dort am ersten, am zweiten und dritten Tage zutrug, und in welcher Reihenfolge es sich zutrug, dürfte dann das Wesentliche eher verschleiern als verdeutlichen. 215 (AH) Gemeint ist: Emil Carlebach, geb. am 10. Juli 1914 in Frankfurt am Main, gest. ebd. am 9. April 2001. Bereits 1934 wurde Carlebach wegen dem Verbreiten illegaler Flugblätter verhaftet, nach drei Jahren normaler Haft kam er ins KZ Dachau, später dann nach Buchenwald. Nach der Befreiung arbeitete er zuerst in verschiedenen Funktionen in Hessen und war zudem Lizenzträger und Mitbegründern der Frankfurter Rundschau. Die US-Militärbehörde ließ ihn 1947 aus dieser Position entfernen, da rauf spielte Harich an. Nach dem Verbot der KPD in der Bundesrepublik, 1956, zuerst in der Illegalität tätig, gelang ihm schließlich die Flucht in die DDR. Erst 1969 konnte er in seine Heimat zurückkehren. 216 (AH) Zuerst in: Die Weltbühne, Nr. 20, 1947, S. 886–892. 1563Drei Schriftstellerkongresse Auf das Wesentliche aber, auf das für unsere geistige Situation Relevante und Entscheidende kommt es an. Unsere Frage hat also zu lauten: Was war an dem Schriftstellerkongress charakteristisch für die spezifische historische Konstellation, die die geistigen Menschen Deutschlands gegenwärtig umfangen hält? Und weiter: Ist unsere Lage, wie sie sich auf dem Kongress darstellte, ausweglos, oder ist eine rettende Lösung noch denkbar? Es ist nur selbstverständlich, dass zwischen den zeitgenössischen deutschen Dichtern und Publizisten starke Gegensätze bestehen – Gegensätze der politischen Konfession, der ideologischen Orientierung und der persönlich-privaten Eigenart und Auffassung. Diese Gegensätze können durch keinen faulen Kompromiss behoben werden. Sollen es auch gar nicht, denn wenn sie es könnten, so wäre dies nur ein beängstigendes Symptom dafür, dass die diversen Meinungen nicht scharf genug durchdacht sind und nicht leidenschaftlich genug vertreten werden. Der Kompromiss, im Alltäglichen möglich und notwendig, wäre zwischen Schriftstellern nur ein Armutszeugnis für alle Beteiligten. Die Frage ist nur: Worauf beruhen die vorhandenen Gegensätze? Sind sie das notwendige Resultat der Sprachverwirrung, die der Faschismus anrichtete? Oder geben sie jenem großen, weltpolitischen Spannungsverhältnis Ausdruck, dessen Pole fragwürdig und vage mit den geographischen Vokabeln »Ost« und »West« umschrieben zu werden pflegen? Die zweite Erklärung ist eine bequeme und oberflächliche Simplifikation. Das in jeder Zone andere Tendenzen vorherrschen, ist eine Tatsache. Aber dass sich deshalb die Geister flink nach Bezirken und – wenn man so will: Machtsphären – geschieden hätten, ist ein grundlegender Irrtum. Die Themen, die auf dem Schriftstellerkongress behandelt wurden, das Problem des Zueinanderfindens der »äußeren« und »inneren« Emigration etwa, oder die Frage der geistigen Freiheit, oder der Kampf gegen die Sprachverwilderung, stehen in allen Zonen zur Diskussion, überall entzünden sich da ran die gleichen Meinungsverschiedenheiten, und zwar primär nicht etwa deswegen, weil die Zonen einander propagandistische Vorhuten zusenden, sondern deshalb, weil das gemeinsame Erlebnis von Faschismus und Krieg sehr verschiedenartige Reaktionen ausgelöst hat. Die heftige Differenzierung innerhalb des Lagers der antifaschistischen Intelligenz, die nur einig sein konnte, so lange der gemeinsame Feind Deutschland beherrschte, und die sich mehr oder minder schnell wieder entzweien musste, sobald die Klammer des 1564 Teil XI Terrors zerbrach – diese Differenzierung hat ihre Ursache in dem fundamentalen Gegensatz zwischen bürgerlicher und sozialistischer Ideologie. Der Faschismus war ein letzter und schlimmster Auswuchs der bürgerlichen Sozialordnung, ein Auswuchs aber, der nicht nur das Proletariat, sondern breite Schichten des Bürgertums selbst in Mitleidenschaft zog. Der bürgerliche Schriftsteller, welcher speziellen Richtung auch immer, konnte daher sehr wohl aus ehrlicher Überzeugung Gegner des National-„sozialismus« sein, konnte »Ausrichtung« und Bevormundung, Sprachschändung und Nivellierung der Persönlichkeitswerte usw. als Qual empfinden und vor Entsetzen über die Gräueltaten und Schändlichkeiten der braunen Tyrannen erstarren. Was er, seiner bürgerlichen Per spek ti ve wegen, aber nicht konnte, war dies: Die sekundären, abgeleiteten Phänomene auf ihren sozialen Ursprung zurückführen, hinter den Konsequenzen, unter denen er Unsägliches litt, die Ursachen aufzuspüren, kurzum – in den Unerträglichkeiten, die zwölf Jahre lang in seinen bürgerlichen Gesichts- und Erlebniskreis hineinragten, den Klassencharakter und die reaktionäre Funktion des Faschismus zu entziffern. (Wobei wir gar nicht erst reden wollen von den zahllosen bürgerlichen Literaten, die anfangs »gutgläubig« Konzessionen machten und ihr Damaskus dann erst sehr spät und nur »innerlich« erlebten!) Während der Nazizeit mochte es als Bewahrung der inneren Anständigkeit genügen, den Faschismus abzulehnen. Heute kommt es da rauf an, das Wesen des Faschismus zu erkennen und zu durchschauen, um den Anfängen einer gleichen oder ähnlichen Schmach rechtzeitig begegnen zu können. Angesichts dieser Aufgabe ist der bürgerliche Schriftsteller, nachdem das zutiefst beunruhigende, aber irgendwie unbegreifliche und im Grunde unverarbeitete Erlebnis des Faschismus hinter ihm liegt, in höchster Gefahr, aus Missverständnis falsche und schädliche Konsequenzen zu ziehen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der bürgerliche Schriftsteller, der den Faschismus mit der Vokabeln »Vermassung« abtun zu können meint (eben deshalb, weil sein geistiger Individualismus unter dieser »Vermassung« zu leiden hatte), wird heute gleich dazu neigen, eine ex treme Esoterie zu kultivieren und diese geistesaristokratische Massenverachtung, diese intellektuelle Elitenüberheblichkeit für Antifaschismus par excellence zu halten. Erst wenn er begriffen hat, dass die Vokabel »Vermassung« eine inhaltsleere Phrase ist, dass der Faschismus Massenversklavung bedeutete, und dass deshalb konsequent antifaschistisch nur sein kann, wer für die Befreiung der Massen kämpft – erst dann wird der bürgerliche 1565Drei Schriftstellerkongresse Schriftsteller über die mysteriösen Unerträglichkeiten der zwölf Jahre hinweg zu einem realistischen Verständnis der sozialen Zusammenhänge gelangt sein. (Aber eben dann ist er auch kein bürgerlicher Schriftsteller mehr.) Die Grenzlinie, an der die geistigen Auseinandersetzungen entbrannt sind, ist sozialen, nicht geographischen Charakters, sie schneidet horizontal durch unsere Gesellschaft, nicht als Demarkationslinie durch unser Land. Sie ist, vorausgesetzt, dass jeder es ehrlich meint, auch alles andere als ein Einteilungsprinzip für menschliche Wert- und Qualitätsunterschiede; denn weder verbürgt einerseits die selbst gewählte individualistische Isolation und vermeintliche politische Unabhängigkeit einen höheren Originalitätsgrad der Persönlichkeit und des Urteils, noch braucht andererseits derjenige, der über eine realistische Vorstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse verfügt, auch nur um ein Deut ehrlicher zu sein als der in bürgerlichen Vorurteilen und Täuschungen Befangene. Entscheidend bleibt, dass auf jeder Seite Loyalität, Diskussionsbereitschaft und menschliche Respektierung des Gesprächspartners, auch wenn er anderer Meinung ist, gewahrt werden, damit die Grenzlinie, die unbestreitbar da ist und auf Grund der gegenwärtigen Konstellation da sein muss, sich auf keinen Fall zu einem unüberbrückbaren klaffenden Abgrund vertiefe. Wenn Überzeugung gegen Überzeugung steht, so ist nicht der matte Kompromiss, der immer nur eine trübe Atmosphäre der Lüge und des Misstrauens erzeugen kann, wohl aber das ehrliche, offene Streitgespräche der beste Brückenschlag, der sich denken lässt. Es ist tief bedauerlich, dass das bürgerliche Lager es auf dem Kongress meist an Offenheit fehlen ließ, dass es zwar immer wieder eifrig zum anonymen Applaus die Hände rührte, wenn es durch Camouflagebegriffe wie »Totalitarismus« das ersehnte Stichwort erhielt, aber scheu zurückhielt, sobald es einmal galt, mit Argumenten eine Meinung zu präsentieren. Vereinzelte Redner, wie beispielsweise der Lyriker Rudolf Hagelstange, verschanzten sich sogar hinter verschwommenen Andeutungen und zweideutigen Metaphern, als ob es heute tatsächlich noch nötig wäre, durch die Blume zu reden oder zwischen den Zeilen Opposition zu spielen. Unvergleichlich sympathischer als die im Vagen und Unbestimmten verrinnenden Äußerungen dieses Dichters der jungen Generation, der in seinen Versen anscheinend nicht ganz ohne Grund die verführerische Glätte des Grafen Platen anstrebt, war da doch der leidenschaftliche Protestruf, zu dem etwa Frau Birkenfeld sich veranlasst sah, als Ernst Niekisch – übrigens mit vollem 1566 Teil XI Recht – zwischen der Philosophie Ortega y Gassets und dem Faschismus Parallelen zog. Dass sich an diesen Zwischenfall nicht unmittelbar eine klärende Diskussion anschloss, gehörte zu den offenkundigen Mängeln des Kongresses. In der Bürgerpanik vor dem »Aufstand der Massen«, dem man heute ein überhebliches Abendländertum entgegen zu setzen pflegt, liegt tatsächlich ebenso wie in der absonderlichen Tatsache, dass der Individualist und Geistesaristokrat Ortega sich zum Hofmetaphysiker des Despoten Franco erniedrigt hat, ein Problem, das zwischen deutschen antifaschistischen Schriftstellern bürgerlicher und sozialistischer Richtung sehr wohl der eingehenden Erörterung wert wäre. Der Vorwurf, dass dem – heftig applaudierten – Zwischenruf kein einziges Argument folgte, trifft diejenigen, die sich aus wer weiß welchen Gründen während des ganzen Kongresses vom offenen, mutigen Streitgespräch fernhielten. Wa rum taten sie das wohl? Weil es ein hoffnungsloses Unterfangen ist, sich mit geistigen Menschen anderer Richtung auseinanderzusetzen? Welche erbärmliche Borniertheit! Welch – Verzeihung! – zutiefst »totalitaristischer« Gesinnungsdünkel! Wenn man bei einer Meinung verharrt, wenn man sich mit Händen und Füßen dagegen sträubt, auch nur im mindesten von ihr zu lassen, und dabei die höfliche Einladung der Gegenseite, sie zur Diskussion zu stellen, ausschlägt oder mit Stillschweigen und diskreter Besserwisserei beantwortet, so liegt die Vermutung nahe, dass es mit der Begründung dieser Meinung herzlich schlecht bestellt ist. Oder ist selbst diese eine und dringlichste Forderung, unbedingt und unter allen Umständen im Gespräch bleiben zu müssen, schon eine Falle? Nun, wenn sie es ist, so doch wohl einzig deshalb, weil die Thesen der einen Seite zu schwach sind, als dass sie der Auseinandersetzung standhalten könnten. Die Gegensätze im Geistigen sind heute notwendige Modifikationen der sozialen Schichtung. Viel heftiger, als es geschah, hätten sie auf dem ersten Schriftstellerkongress ausgetragen werden müssen. Wenn sie verschwiegen oder mit höflichen, nichtssagenden Floskeln überspielt werden, so müssen sie sich unweigerlich zu unersprießlicher Feindseligkeit verhärten. Nur dann, wenn sie überall in Deutschland offen konfrontiert werden, gibt es eine Hoffnung, über alle ideologischen Differenzierungen hinweg doch noch zu einer Gemeinsamkeit gegenüber den wichtigsten Schicksalsfragen unserer nationalen Existenz zu gelangen. 1567Drei Schriftstellerkongresse Aber gibt es überhaupt noch Ansatzpunkte zu solcher Gemeinsamkeit? Es gibt sie. Der Schriftstellerkongress hat das deutlich bewiesen. Als Hermann Duncker, der aus Amerika heimgekehrte greise Lehrmeister einer ganzen Generation deutscher Marxisten, die Resolution gegen den Antisemitismus einbrachte, als Johannes R. Becher das Bekenntnis der Schriftsteller zum Frieden und zur Völkerversöhnung formulierte, als Arnold Bauer die Forderung des »Miteinanderredens« aufstellte, da wurde klar, dass es bestimmte fundamentale Prinzipien gibt, in denen wir um jeden Preis einig sein müssen, wenn wir uns nicht selbst verlieren wollen. Alle übrigen Differenzen werden wir so loyal wie streitbar miteinander auszufechten haben. Aber in der Ächtung von Rassenhass und Kriegshetze, in dem unbedingten Vorsatz, überhaupt miteinander im Gespräch zu bleiben (was letzten Endes nur möglich sein wird in einem einigen Deutschland) – in allen diesen Grundfragen unseres Daseins müssen wir zusammenstehen. Die Tatsache, dass der Kongress auf die Resolution Hermann Dunckers und die Rede Bechers einmütig reagierte, zeigt zur Genüge, dass irgendwo eine Gemeinsamkeit auch der geschiedensten Geister existiert. Diese Gemeinsamkeit wäre belanglos, wenn sie sich auf Selbstverständliches erstreckte. Aber solange Friedfertigkeit und Rassentoleranz keineswegs selbstverständlich sind (und man muss schon mit Blindheit geschlagen sein, um das behaupten zu können), kann gar nicht oft und nachdrücklich genug das Gemeinsame betont werden. Gleichschaltung und Uniformität sind hassens- und verabscheuungswerte Erscheinungen, aber Gemeinsamkeit in den elementaren Grundsätzen der Humanität ist, bei aller Ersprießlichkeit klarer und distinkter weltanschaulicher Differenzen, eine absolute, gebieterischer Notwendigkeit. Der Schriftstellerkongress zeigte nicht nur, dass das Gespräch möglich und die Übereinstimmung in bestimmten Prinzipien vorhanden ist. Er zeigte leider auch, dass Einflüsse wirksam sind, die uns das Gespräch verleiden, zu unversöhnlichem Hader gegeneinander aufstacheln und unsere Gegensätze zu einer unüberbrückbaren Kluft aufreißen können, falls wir einmal aufhören sollten, wachsam zu sein. Wenn auf der ersten gesamtdeutschen Begegnung der deutschen Schriftsteller nach dem Kriege jemand das Podium usurpierte, der es offensichtlich da rauf abgesehen hatte, aus der geistigen Debatte eine Saalschlacht zu machen, und wenn dieser »Jemand« sich als »unabhängiger amerikanischer Schriftsteller« ausgab, so dürften wir hinreichend belehrt sein, aus welcher Himmelsrichtungen uns hier Gefahr droht. Wer war dieser »unabhängige amerikanische Schriftsteller«? Und was hatte er uns zu sagen? 1568 Teil XI Es fängt damit an, dass die Berufsbezeichnung, die Mr. Lasky sich zugelegt hat, auf glatter Hochstapelei beruht. Ein Schriftsteller? Weit gefehlt! Mr. Lasky ist der Berliner Korrespondent zweier belangloser Journale jener »heimatlosen Linken«, deren »Heimatlosigkeit« da rin besteht, dass sie am prächtigsten unter der Protektion der finstersten Reaktionäre zu gedeihen pflegt. So Herr Albrecht, der sich mit seinem Verratenen Sozialismus in den Dienst des Propagandaministeriums stellte, so Herr Koestler, der als rosarotes enfant terrible in den Salons englischer Konservativer und amerikanischer Finanzmagnaten herumgereicht wird, so Mr. Lasky, der von den Pressekonferenzen General Clays enttäuscht ist, weil sie nicht genug antisowjetisches Material hergeben. (Seinerzeit musste Lasky sich, als Antwort auf einen seiner stereotypen provokatorischen Fragen, von General Clay sagen lassen, dass die angeblichen »politischen Flüchtlinge« aus der Ostzone arbeitsscheue Elemente und Schieber sind!) Dieser Lasky erdreistete sich also, im Namen der »unabhängigen amerikanischen Schriftsteller« zu sprechen. Man bedenke, was das bedeutet! Man überlege sich, was etwa geschehen würde, wenn auf einem Schriftstellerkongress in London oder Paris irgendein beliebiger ausländischer Reporter das Wort zu einer weitschweifigen Rede ergriffe, anstatt bescheiden in der Ecke zu sitzen und sich Stichworte für seinen Zeitungsbericht zu notieren! Es würde zweifellos als ein ungeheuerliche Taktlosigkeit und Anmaßung empfunden werden. Nicht minder ungeheuerlich ist die tiefe Missachtung, die die Amerikaner unserem Kongress gegenüber bekundeten, als sie ihren Lasky zu seiner »unabhängigen« Attacke ermächtigten. Man kann sich im Ausland auf den Standpunkt stellen, dass es noch verfrüht sei, mit uns geistigen Kontakt aufzunehmen und wir werden das beschämt und schuldbewusst respektieren. Man kann sich auch, wie die Tschechoslowakei, da rauf beschränken, Beobachter zu entsenden, und wir werden die Gründe dieser Distanzierung verstehen. Aber wenn einerseits aus Russland bedeutende Dichter wie Gorbatow, Katajew und Wischnjewski, aus England Hermon Ould, der Generalsekretär des PEN- Clubs, und H. N. Brailsford, aus Jugoslawien Jovan Popovič usw. zu uns kommen, wenn andererseits Leute wie ausgerechnet Schumacher in Flugzeugen über den Ozean nach USA flitzen dürfen, weil das Ausland solange keine deutschen Chauvinisten mehr genossen hat – dann ist es eine Unverschämtheit, uns Mr. Lasky als amerikanischen Vertreter auf unserem Schriftstellerkongress zuzumuten. Mr. Lasky benutze die Gelegenheit, mit einer Lektion über den geistigen »Totalitarismus« in der Sow jet uni on seinem kecken Trotzkistenbärtchen Ehre zu machen. Er 1569Drei Schriftstellerkongresse plädierte für den »unterdrückten« Soschtschenko, der nach wie vor in Russland pu bliziert und gelesen wird und demnächst einen neuen Roman herausbringt. Er erhob sein J’accuse für den »unterdrückten« Eisenstein, der in Russland heute wie je zuvor zu den beliebtesten und erfolgreichsten Filmregisseuren gehört. Er wetterte gegen die sowjetische »Ächtung« von Picasso und Matisse, die vor kurzem in der Prawda angegriffen und gleich da rauf von Ilja Ehrenburg in einem langen Artikel leidenschaftlich verteidigt wurden. Er sprach – das ist das Schönste! – dem armen Professor Alexandrow, dessen philosophiegeschichtliches Werk von der Kommunistischen Partei »verworfen« worden sei, sein kollegiales Mitgefühl aus, vergaß dabei aber zu erwähnen, dass Professor Alexandrow der Propaganda-Chef eben dieser nämlichen Kommunistischen Partei ist. (Wenn der sowjetische Philosophenkongress sich neulich nicht mit dem Buch Professor Alexandrows kritisch befasst hätte, dann hätte Lasky sicher da rü ber gezetert, dass den armen russischen Philosophen die sakrosankte Auffassung des offiziellen Parteipropagandisten aufgezwungen werde! Was die russischen Wissenschaftler, Künstler und Kritiker auch tun mögen, es wird sich immer ein Lasky finden, der sich daraus einen »totalitären« Kinderschreck zurecht macht!) Kurzum: Lasky bewies, dass er von den sehr lebhaften und keineswegs monotonen kulturpolitischen Auseinandersetzungen in der Sow jet uni on keinen blassen Schimmer hat. Im übrigen hatte das Thema, das er da anschnitt, und das – etwa im Rahmen der »Gesellschaft zum Studium der Sowjetkultur« – allerdings einer sehr ernsthaften Prüfung und Diskussion wert wäre, nicht das Geringste mit den spezifischen Problemen der deutschen Schriftsteller zu tun. Was hatte er nun diesen an weisen Ratschlägen zu bieten? Eigentlich nichts außer der Phrase, dass der Schriftsteller »gegen den Strom schwimmen« müsse und zwar immer und in jedem Fall. Der »unabhängige amerikanische Schriftsteller« (damit meinte er vornehmlich sich selbst) sei sogar im Kriege gegen den Strom geschwommen und habe den engstirnigen »Bürokraten am grünen Tisch in Washington« mit munterster Opposition das Leben schwer gemacht. Und hier log Mr. Lasky nun ausnahmsweise einmal nicht: Die Partisan Review, die amerikanische Trotzkistenzeitschrift, die Mr. Lasky in Berlin vertritt, schwamm im Kriege in der Tat gegen den Strom, gegen den Strom nämlich des antifaschistischen Freiheitskrieges der Vereinten Nationen, also mit dem Strom der Hitlerschen Aggression, und ihre »Unabhängigkeit« bestand da rin, dass sie von den isolationistischen Reaktionären der Wall Street ausgehalten wurde. Und 1570 Teil XI die »Bürokraten am grünen Tisch in Washington«, das waren Roosevelt und die »New Dealer«. Denen machten Lasky und Konsorten, »heimatlos« und »links«, wie sie waren, das Leben schwer – wie McCormick, wie Hearst, wie die Brüder Dulles, wie Henry Ford und der Oberst Lindbergh. Die also sollen die deutschen Schriftsteller sich zum Vorbild nehmen. Nur ja nicht etwa konstruktiv werden! »Gegen den Strom schwimmen« ist ja so viele amüsanter! (Wobei allerdings die Frage entsteht, gegen welchen Strom Mr. Lasky jetzt eigentlich schwimmt: Gegen die rechtlose Einkerkerung Gerhart Eislers? Gegen die schikanöse Behandlung seines Bruders, des Komponisten Hanns Eisler? Gegen die widerwärtigen Gesinnungsschnüffeleien des Faschisten Rankin? Gegen die Intrigen, denen Charlie Chaplin ausgesetzt ist? Gegen die Metternichmethoden, mit denen man den Anna-Seghers-Film Das siebte Kreuz und den neuesten Roman von Sinclair Lewis von Deutschland fernhält? Gegen die Ausbootung Carlebachs aus der Frankfurter Rundschau? Oder wogegen sonst? Nein und abermals nein! Mr. Lasky schwimmt im Opportunitätsstrom der amerikanischen Rechten und beträgt sich dabei päpstlicher als der Papst, indem er auf allen möglichen Pressekonferenzen mit seinen aggressiv-provokatorischen Fragen sogar dem gewiss nicht kommunistenfreundlichen General Clay auf die Nerven fällt!) Die deutschen Schriftsteller haben in Mr. Lasky die mustergültige Personifikation all der plumpen und behutsamen, raffinierten und naiven, brutalen und sanften, offenen und versteckten Spaltungstendenzen zu Gesicht bekommen, die seit Jahr und Tag jeden Versuch, durch offenherzige Diskussion und tolerante Respektierung anderer Meinungen zu einer freiheitlichen Gemeinsamkeit zu gelangen, vereiteln. Die von dieser Seite her beabsichtigte Zerstörung des Schriftstellerkongresses gelang diesmal nicht. Lasky machte seine Sache viel zu plump. Aber täuschen wir uns nicht: Die Laskys sind täglich und stündlich am Werk. Sie wollen uns mit allen Mitteln der De ma gogie und Camouflage in eine »Unabhängigkeit« hineinzwingen, die mit Verantwortungslosigkeit gegenüber unserer Nation und mit sklavischer Abhängigkeit von der Willkür anonymer Wirtschaftsmächte identisch wäre. Untereinander werden wir uns nicht scheuen, unsere Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten mit radikalem Bekennermut auszutragen. Aber gegen die Laskys müssen wir zusammenhalten. Wie gegen den Antisemitismus, gegen die Kriegshetze, gegen die Zerreißung unseres nationalen Zusammenhalts. 1571Drei Schriftstellerkongresse Rede auf dem Zweiten Schriftstellerkongress Liebe Freunde! Ich glaube, es ist notwendig, zu dem Referat von Kuba eine korrigierende Ergänzung in einem Punkt zu geben, der mir wichtig zu sein scheint. Ich weiß nicht, ob ich Kuba missverstanden habe in dem, was er über die Einengung der Entwicklung junger Schriftsteller durch Berufstätigkeit gesagt hat. Ich möchte deshalb, weil ich glaube, dass es möglich ist, diese Ausführungen misszuverstehen, ganz eindringlich da rauf hinweisen, dass Berufstätigkeit für angehende und auch für arrivierte Schriftsteller von ganz großer Bedeutung ist. Ilja Ehrenburg hat bei der Diskussion mit uns vor einigen Wochen mit großem Recht da rauf hingewiesen, dass Anton Tschechow zum Beispiel eine Fülle von dem, was er aus dem Leben geschöpft und in seinen Werken wiedergegeben hat, nicht in dieser Tiefe hätte erfassen können, wenn er nicht den Beruf eines Arztes ausgeübt hätte; und Ehrenburg knüpfte da ran Bemerkung, dass es für einen jungen Schriftsteller, der eine Novelle oder ein Buch geschrieben habe, von größtem Schaden sei, wenn er sich nun als Berufsschriftsteller etabliere. Natürlich soll sich ein junger Schriftsteller nicht in ein Büro einsperren lassen. Ich bin aber der Meinung, wenn Kuba hier von den Pressereferenten bei der HO sprach, dass die HO ein derartig interessantes Stück Wirklichkeit ist, dass ein Mensch, der dort arbeitet, so viel Buntes, Interessantes, Neues, Werdendes, Falsches und Gutes erleben kann, wenn er Phantasie hat – Phantasie zu haben heißt, die Wirklichkeit tiefer zu sehen als andere Menschen –, dass er auch aus einer solchen Stellung unbedingt großen Nutzen und, ich glaube, größeren Nutzen ziehen muss als aus Reisen durch das Land. Selbstverständlich sind Reisen durchs Land notwendig, aber wenn man sich nur kurze Zeit an einem Ort aufhält und nur kurze Zeit in einem Betrieb tätig ist, dann empfängt man doch immer nur einen relativ oberflächlichen Eindruck von der dortigen Wirklichkeit, während ein Verwurzeltsein in einem Beruf einem den ganz spezifischen Charakter eines bestimmten Stücks Leben offenbart. Ich weiß nicht, ob ich einmal fähig sein werde, etwas Erzählendes zu schreiben. Wenn ich aber dazu in der Zukunft einmal fähig sein werde, dann nur deshalb, weil ich als Journalist, als Universitätslehrer berufstätig gewesen bin, und das ist, glaube ich, eine ganz wesentliche Grundlage überhaupt, um das Leben kennen zu lernen. Man kann nicht behaupten, dass der Beruf des Apothekers zum Beispiel viel mit Literatur zu tun 1572 Teil XI hätte. Aber was wäre Fontane, wenn er nicht Apotheker gewesen wäre? Was wäre Effi Briest ohne den Apotheker Theodor Fontane? Ich möchte da noch zu einem zweiten Punkt ein paar Bemerkungen machen, nämlich zu der von Kuba angeschnittenen Frage des Leserpublikums von heute, aus dem die Schriftsteller von morgen entstehen werden. Ich denke da an zwei Begebenheiten, die sich in jüngster Zeit ereignet haben. So an den Brief, den ein Arbeiter an die Redaktion des Neuen Deutschland schrieb, in dem er sich bitter über die Romane von Theodor Fontane beschwerte, die teils in adliger Gesellschaft spielten und nichts mit den Problemen unserer Zeit zu tun hätten. Er fragte, warum dieser Theodor Fontane immer noch in seiner Ecke sitze und über diesen alten Kram nachdenke und Bücher schreibe. Ein ähnlicher Brief erreichte neulich den Aufbau-Verlag. Er kam von einem Junglehrer und Pionierleiter, der ähnliche Einwände gegen Mark Twains Tom Sawyer hatte. Dieses Buch habe er seinen Pionieren vorlesen wollen und er hätte dabei festgestellt, dass da doch ein recht übler junger Mensch, der aus dem Elternhaus ausbricht, alle möglichen fragwürdigen Abenteuer beginnt und die Schule schwänzt, sympathisch dargestellt würde, und das wäre doch nicht die richtige Literatur für junge Pioniere. Dem Kritiker an Fontane hat Heinz Lüdecke im Neuen Deutschland in einem sehr guten Artikel geantwortet. Er bekam auf diesen Artikel zig Briefe für und gegen Fontane, für und gegen Lüdecke. Was zeigt das? Das ist doch in der deutschen Gesellschaft etwas Neues und Erfreuliches, gleichgültig, was in diesen Briefen stehen mag, dass sich einfache Menschen aus dem Volk hinsetzen und über ein Buch an eine Zeitungsredaktion einen empörten oder lobenden, jedenfalls beeindruckten Brief schreiben. Es kommt nur da rauf an, dass dieser erwachenden geistigen Aufmerksamkeit und geistigen Aufgeschlossenheit etwas Richtiges und Neues geboten wird, und so möchte ich die dringende Forderung an den Schriftstellerverband richten, einige Maßnahmen zu treffen, die wirklich zur Heranführung breiter Publikumsmassen an die Literatur und zur Diskussion der Literatur in breiten Publikumsmassen führen könnten. Ich denke zum Beispiel in erster Linie an die absolute Notwendigkeit der Einrichtung von Leserkonferenzen, die ich zu einer Forderung an den Schriftstellerverband machen möchte. Ich denke an Leserkonferenzen zwischen Schriftstellern, Kritikern und dem 1573Drei Schriftstellerkongresse Leserpublikum aus den Massen, wie sie sich in der Sow jet uni on sehr bewährt haben und wie sie sich, wie ich höre, auch in den Volksdemokratien zu bewähren anfangen.217 Das zweite Entscheidende ist, dass etwas zur Vermittlung des klassischen Erbes zusammen mit richtiger wissenschaftlicher marxistischer Interpretationen getan wird. Meine Damen und Herren, es ist schlimm, wenn man folgendes bedenkt: An einem Bildungsinstitut wie der Berliner Universität, an dem die Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte usw. von morgen ausgebildet werden, gibt es keine einzige Möglichkeit, sich wissenschaftlich über die ganze klassische deutsche Literatur informieren zu lassen. Bis auf den heutigen Tag haben sie keine Möglichkeit dazu. Sie haben ein paar ganz fragwürdige, auf schlechtem Niveau stehende bürgerliche Philologen, die auch als bürgerliche Philologen keineswegs Kapazitäten sind, die also irgendwelche ganz gleichgültigen Dinge vortragen. Aber die deutsche Literatur von Lessing bis Heine, die in die Köpfe hinein muss, und zwar mit der richtigen marxistischen Interpretation, kann an der Berliner Universität nicht gehört werden. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass unsere Lehrer von morgen Halbgebildete sind. Wenn es an der Berliner Universität schon so ist, wie soll es dann an den Volkshochschulen, in den Betrieben usw. sein? Das ist ein ernstes Problem, das der Schriftstellerverband sich zum Thema machen muss. Rede auf dem Dritten Schriftstellerkongress Meine Damen und Herren! Während nunmehr vor zwei Jahren der Zweite Deutsche Schriftstellerkongress in Berlin tagte, fand in der Sow jet uni on jene große Diskussion über Fragen der Sprachwissenschaft statt, die gekrönt wurde durch die Arbeiten Stalins über die Fragen der 217 (AH) Das sowjetische System von organisierten Leserkonferenzen, dem Zusammentreffen von Schriftstellern, Regisseuren, Schauspielern und dem Publikum, die Einrichtung von Jugendtheatern, speziellen kulturellen Veranstaltungen für Werktätige und ganze Betriebe usw. hatte Harich in verschiedenen Artikeln umrissen, vor allem in seinen entsprechenden Beiträgen nach der Reise in die Sow jet uni on, die er 1949 mit Anna Seghers, Jürgen Kuczynski, Stephan Hermlin, dem Ehepaar Kellermann und anderen absolviert hatte. Siehe exemplarisch seine entsprechenden Artikel in der Weltbühne (Band 1.1, S. 230–249) und der Täglichen Rundschau (Band 1.2, S. 1147–1168). Dort auch ausführlich zu seiner Reise in die Sow jet uni on. 1574 Teil XI Sprachwissenschaft, von denen ich glaube, dass sie für das Problem der Literaturkritik eine eminente Bedeutung haben.218 Ich glaube, dass zumindest einige Punkte, die in 218 (AH) Gemeint ist: Stalin: Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft, Berlin, 1951. Die Broschüre war in der DDR weit verbreitet und Anlass von zahlreichen Konferenzen, Selbstkritiken, Selbstüberprüfungen usw. In der Logik-Debatte konnte mit Hilfe der Argumentation Stalins ein modernes Konzept der Logik vertreten werden, das der SED-Position (präsentiert von Ernst Hoffmann) konträr gegenüberstand. Siehe: Hagedorn, Udo: Der Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft. Die Diskussion der Stalinschen Linguistik-Briefe in der DDR, Münster, 2005. Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. Alle relevanten Texte Harichs enthält der 2. Band (Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie). In dem § 7: Basis und Überbau (Freitag, den 12. 01. 1951, abgedr. in Band 1.1, S. 592–608) der Vorlesung Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus (abgedr. in Band 1.1, S. 558–610), Teil Der Materialismus, äußerte sich Harich ausführlich vor den Studenten zu Stalins Schrift. Es heißt: »Bei fortschreitender Entwicklung der Produktivkräfte und fortschreitender Teilung der Arbeit entstehen produktive Funktionen der Menschen, die Arbeit sind, ohne der unmittelbaren Herstellung materieller Güter zu dienen. Es handelt sich dabei um abgeleitete Erscheinungsformen der Arbeit, die den Strukturtypus der Arbeit in differenzierter, abgewandelter Form weiterentwickeln, und deren Technik eine eigene Gesetzmäßigkeit der Entwicklung aufweist. (Beispielsweise alle ›rein geistigen‹ Tätigkeiten, Philologie, Kunst, Klavierspiel.) Das Gleiche gilt laut Stalin auch für die Sprache. Die Sprache ist ein Mittel der Verständigung. Als solche kann sie verschiedenen Klassen dienen, d. h. sie ist für alle Gesellschaftsklassen dieselbe. Sie wird nicht durch jede neue Basis völlig neu geschaffen, gehört also nicht zum Überbau. Zweitens spiegelt sich aber in der Sprache die objektive Realität wider. (Zum Beispiel die Zeit als Daseinsform der Materie in den verschiedenen Tempora und Verben.) An dem Verhältnis von Plusquamperfekt und Imperfekt ändert sich im Sozialismus nichts. Freilich auch hier nicht unabhängig von den Gesellschaftsformationen, die den Sprachschatz verändern, die Sprache allmählich abstreifen. Aber die Sprache ist nichtsdestoweniger Entwicklungsprodukt der verschiedenen Basen und der verschiedenen Überbauformationen. Das Denken. Der Denkinhalt – ›Wenn es regnet, ist es nass.‹ – ist mit der Kausalbeziehung ›Wenn, dann***‹ durch die Entwicklung der Basen des Überbaus nicht verändert worden. Es handelt sich um Widerspiegelung der objektiven Realität. Einwirkung von Basis und Überbau: Teleologische Kategorien, Gottesvorstellungen, wurzelnd in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen und der jeweils zu Grunde liegenden Basis. Mechanische Kausalitäts-Kategorie ebenfalls. Zusammenhang von Mehrwert und Krise als Kategorie des Denkens. Nur möglich im Marxismus. Dieser wiederum ist nur möglich auf der Grundlage des proletarischen Klassenkampfs. Aber die Entwicklungsgeschichte des Denkens vollzieht sich eben durch die verschiedenen Kategorienbildungen hindurch. Schlussfolgerung: Die Entwicklung der Arbeit und der verschiedenen aus ihr abgeleiteten Tätigkeitsformen, sowie die Entwicklung der Sprache und des Denkens vollziehen sich keineswegs unabhängig vom gesellschaftlichen Sein und Bewusstsein, sie haben aber, ungeachtet dieser Bedingtheit, eine in sich selbst zusammenhängende, relativ unabhängige, relativ selbständige Gesetzmäßigkeit der Entwicklung, die bei jeder dieser 1575Drei Schriftstellerkongresse diesem Zusammenhang bedeutsam sind, hier erwähnt zu werden verdienen. Ich kann selbstverständlich auch nicht an nähernd die Anregungen, die für die Literaturkritik da rin stecken, ausschöpfen, sondern möchte mich da rauf beschränken, eine Frage hervorzuheben, die meiner Meinung nach vielleicht in einem Diskussionsbeitrag nicht ganz klargestellt wurde und auf die man hier noch einmal zu bekommen sollte, auf die Frage des so genannten »Inhaltismus« und der richtigen Einschätzung der Bedeutung der künstlerischen Form. Stalin schreibt nämlich, dass sich das Gemeinsame der Sprache und der anderen gesellschaftlichen Erscheinungen da rin erschöpfe, dass sie der Gesellschaft dient. Und danach, schreibt er, beginnen sehr wesentliche Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Erscheinungen. Die Sache ist die, dass die gesellschaftlichen Erscheinungen außer diesem Gemeinsamen ihre spezifischen Besonderheiten haben, die sie von ei nander unterscheiden und die für die Wissenschaft das wichtigste sind. Was heißt das, wenn man das anwendet auf die Literatur? Es heißt, dass die Literatur mit den anderen Künsten und den anderen Äußerungen der Ideologie, der Weltanschauung, das gemeinsam hat, dass sie der Gesellschaft dient und dass sie im Klassenkampf dieser oder jener Klasse oder auch diesem oder jenem Überbau oder dieser oder jener Basis dient. Das ist aber auch das, worin sich diese Gemeinsamkeit erschöpft, und dann beginnen die Unterschiede, und die Unterschiede sind das wichtigste. Und das Spezifische der Literatur muss für die Literaturkritik Funktionen als solche erforscht werden muss und nicht schematisch aus Veränderungen der Basis und des Überbaus hergeleitet werden kann, und zwar deshalb nicht, weil es sich hier um Produkte von Entwicklungsprozessen handelt, die das Resultat der gesamten Entwicklung verschiedener Basen und ihres jeweiligen Überbaus, das Resultat der Entwicklung von hunderten und tausenden von Generation sind. Praktische Schlussfolgerung: Der historische Materialismus ist eine Anleitung zum wissenschaftlichen Studium, seine Leitsätze können aber nicht das Studium, können nicht die konkrete Detailforschung auf jedem Gebiet ersetzen.« (Ebd., S. 594 f.) Veranstaltung in Leipzig, 1950 1576 Teil XI auch das wichtigste sein, vor allen Dingen dann, wenn die Literatur sich in einer Gesellschaft entwickelt, in der über das fortschrittliche Wollen und die fortschrittlichen Bestrebungen der Schriftsteller Einigkeit bestehen dürfte. Dann braucht man sich nicht zu beteuern, dass es da rauf ankomme, im Inhalt den fortschrittlichen Ideen zu dienen, sondern dann muss man die Frage stellen, wie diesen Ideen gedient ist. Wenn wir nun dieses Problem und diese Aufgabe unter dem Aspekt der Entwicklung der deutschen Literaturgeschichte in der Vergangenheit betrachten, dann stellen wir fest, dass es eine starke Tradition gibt, und zwar eine den Gegenpol der Innerlichkeit darstellende Tradition, die dieses Spezifische der Literatur und der Kunst überhaupt vergessen macht. Sie trat zum ersten Mal auf in der von mir ansonsten sehr geliebten Aufklärung und wurde vertreten von dem ansonsten so überaus liebenswerten Herder, der an den Goetheschen Balladen die fehlende Moral bemängelte, worauf Goethe ihm antwortete – es wird aus einem guten Kunstwerk auch immer eine gute Moral zu entnehmen sein, aber wenn man die Kunst der Moral unterordnen wolle, dann solle man ihr lieber gleich einen Mühlstein um den Hals hängen und sie ersäufen. Der Kampf der deutschen Klassik, der Kampf um die Ästhetik, von Kant bis Hegel, der Kampf Goethes und Schillers für die Emanzipation der Mittel der Kunst, von der Unterstellung unter religiöse oder moralische Tendenzen, hat die Kunst überhaupt erst, die fortschrittliche Kunst des 19. Jahrhunderts überhaupt erst befähigt, die Wirklichkeit als Wirklichkeit in ihren wesentlichen Zügen rücksichtslos darzustellen. Das ist also ein entscheidender Schritt, ein entscheidender Schritt zum Realismus. Das ist eine Errungenschaft – und nur eine Errungenschaft bleibt eine Errungenschaft. Goethe hat in dieser Frage recht. Der große Heinrich Heine, der in der Lyrik – ich hoffe, dass ich keinen der Anwesenden verletze, wenn ich sage – die größten revolutionären lyrischen Werke deutscher Sprache geschaffen hat, der einen Kampf führte gegen die gesellschaftlich belanglose, sich vor den Problemen des Tages drückende Kunst, der gleiche Heinrich Heine hat einen erbitterten Kampf geführt gegen die flache, im abstrakten Freiheitspathos stecken bleibende, unkünstlerische Tendenzpoesie des Jungen Deutschlands, die vor allen Dingen protegiert wurde von Ludwig Börne. Heine hat im Kampf gegen diese flache Literatur, die im Grunde die Idee, die sie vertrat, kompromittierte und unvolkstümlich machte, seinen großen Atta Troll geschrieben, dieses Werk, das sich richtet gegen jene, die die demokratischen Ideen dazu missbraucht haben, in jener Zeit ihre Talentlosigkeit 1577Drei Schriftstellerkongresse und Mittelmäßigkeit in Szene zu setzen. Ich glaube, dass diese Tradition in der deutschen Literatur doch derartig schädliche Konsequenzen gezeitigt hat, dass auch die Tradition des Atta Troll, die Tradition des großen Heine in dieser Beziehung eine weiter zu entwickelnde, berechtigt notwendige und unentbehrliche Tradition unseres Erbes darstellt. Wir müssen um die Kritik einen Kampf führen und für die künstlerisch legitime Gestaltung der demokratischen Idee, für eine Kunst, die der Ideen, die sie vertritt, würdig ist. Nun, unsere Kritik vergisst das manchmal, und der Fehler beginnt dabei, dass sie die spezifischen Eigenarten der verschiedenen Künste bagatellisiert. Man hat manchmal den Eindruck, als ob über Musikwerke, Werke der bildenden Kunst, lyrische Gedichte und Romane in genau den gleichen Kategorien geschrieben wird, in genau den gleichen Kategorien auch literaturhistorisch, als ob nicht spezifische Gesetze der Musik, der Kunst, der Literatur, der Lyrik und des Romans existieren, obwohl sie das alle gemeinsam haben, dass sie der Gesellschaft, dieser und jener Klasse dienen. Es gibt da eine solche Verwischung der Genre und einen solchen primitiven Soziologismus, der nicht aufrechterhalten werden kann, wenn man aus der Stalinschen Arbeit über die Sprachwissenschaft die Schlussfolgerungen auf die Literatur durch Literaturkritik zieht. Manchmal geht es mir so, dass ich eine Kritik in der Zeitung lese und denke, sie handelt über einen Vortrag über wissenschaftliche und politische Fragen, und stelle dann nachher im letzten Absatz fest, ach, da werden ja Schauspielernamen erwähnt, also wird es sich wohl um eine Theateraufführung handeln. Ich glaube, dass das ein ernstes Problem ist. Nun noch eine Frage zur Kritik als Hilfe des Sich-Entwickelns. Ich glaube, dass die problematischen Werke jeweils individuell zu behandeln sind. Es gibt in unserer jungen Literatur Werke, die inhaltlich und in der Form so schön sind und so groß und so wichtig und so richtig, auch von jungen Schriftsteller, dass man zum Beispiel sagen kann, das ist große deutsche Lyrik. Heute habe ich zufällig etwas gelesen in der neuen Nummer des Aufbau von unserem Freunde Fühmann, diese Gedichte über Belojannis, deren erste zwei wirklich große, schöne deutsche Lyrik sind. Zweitens, es gibt Schriftsteller wie diese Christa Reinig, die eine ungeheure Begabung verraten und anscheinend – wie Anna Seghers das hier sagte – mit den inhaltlichen Fragen nicht sicher sind, schwankend sind, nicht die wesentlichen Probleme der Zeit erfasst haben usw. Wie ist unsere Einstellung dazu? Ich glaube, wir müssen das so sehen, 1578 Teil XI dass eine Begabung wie diese Christa Reinig, die hervor sticht aus diesem Bund junger deutscher Erzähler, so ungeheuer wertvoll für uns ist und von uns entwickelt und individuell oder kollektiv herangeführt werden muss zu den wichtigsten Problemen unserer Zeit, dass wir da sehr behutsam vorgehen müssen und dass es nicht angeht, dass sie sofort von der Kritik herunter gemacht wird, da sie ja sehr begabt ist, aber als inhaltlich völlig mystisch kritisiert wurde. Das ist falsch. Drittens gibt es aber auch Schriftsteller, junge und solche, die alt sind wie der Westerwald, die in den ideellen Fragen absolut klar sind und wegen ihrer Klarheit in den ideellen und auch inhaltlichen Fragen auch schon einen Knuff vertragen sollten, denn wenn sie ihn nicht vertrügen, dann wären sie gar nicht so klar, die aber einfach schludern und wo Anfangs zum Teil Werke herauskommen, dass man sagen kann, nun also, wenn schon die jüngere Generation begonnen hat, die ältere zu kritisieren, so möchte ich hier ganz offenherzig sagen, dass ich bei manchen unserer Freunde, so zum Beispiel bei Gustav von Wangenheim, und nicht erst bei der letzten Revue, sagen könnte, obwohl ich das gesehen habe, stehe ich nach wie vor felsenfest auf dem Boden der Ideen, die er vertritt. Entschuldigen Sie, aber in unserer Literatur gibt es diese Situation, dass wir das Zeitnahe wollen und wünschen und eine solche Tendenz, die Fragen der Gestaltung des Realismus und der Form verbal, in verbalen Zugeständnissen an den Rand zu schreiben, dass wir einfach übersehen, wie sehr die beste Idee kompliziert wird durch einen schlechte Gestaltung und einfach nicht ankommt. Es klatscht derjenige, der sich, weil er das sowieso weiß, verpflichtet fühlt, die Idee gut zu finden, und die scharfe Kritik wird von dem Betreffenden, der so etwas schreibt, wenn er wirklich auf der Höhe der Ideen ist, die er vertritt, sehr akzeptiert werden müssen. Der wird sich dadurch keineswegs vernichtet fühlen. Sie wird aber manches Schädliche, das das minderwertige, mittelmäßige Kunstwerk angerichtet hat, in der Öffentlichkeit durch ihre Schärfe wieder gutmachen, und das Publikum wird sagen: Da ist einer, der auf die Kunst Wert legt und der die Wahrheit sagt. Also, ich glaube, wir müssen gerade in der Situation, wenn wir die Waffen des Kampfes für unsere Ideen, für den Frieden, für die Demokratie schärfen wollen, in der Kritik rücksichtsloser, mutiger und konsequenter sein. Teil XII Im Aufbau-Verlag 1580 Teil XII 1581Im Aufbau-Verlag Brief an Heinz Kamnitzer219 (14. November 1950) Lieber Genosse Kamnitzer! Wie ich von Max Schroeder hörte, willst Du den Thomas-Münzer-Band zusammen mit Gen. Prof. Meusel herausgeben, und zwar in der Weise, dass Meusel den einleitenden Essay schreibt und Du die Auswahl besorgst. Wir haben dieses Projekt hier im Verlag besprochen, finden es ausgezeichnet und wären froh, den entsprechenden Band in unsere Sammlung aufnehmen zu können. Ich möchte Dich bitten, mir nun mitteilen zu wollen, bis zu welchem Termin die ganze Arbeit (Einleitung und Auswahl) fertig gestellt sein kann, damit wir disponieren können. Sobald ich Deine Antwort in Händen habe, werde ich mir erlauben, Dir einen Vertragsentwurf zuzuschicken. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein stets getreuer 219 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 14. November 1950. Adressiert an Heinz Kamnitzer, Berliner Humboldt-Universität. Heinz Kamnitzer (2. v. l.) bei 70. Geburtstag Erich Honeckers 1582 Teil XII Brief an Heinz Kamnitzer220 (10. Januar 1951) Lieber Genosse Kamnitzer! Im Auftrage der Verlagsleitung des Aufbau-Verlages erlaube ich mir, Dich höflichst da rauf aufmerksam zu machen, dass bis zur Stunde noch nicht der unterschriebene Vertrag über die Thomas-Münzer-Ausgabe, den wir Dir am 28. November 1950 zugeschickt haben, bei uns eingegangen ist. Ich bitte Dich sehr darum, uns möglichst bald den Vertrag zurückzusenden. Der Verlag hatte Dir bereits einen Vorschuss von 500,– DM am 20. Dezember 1950 gezahlt und es ist deshalb um so dringender, dass wir den Vertrag als Unterlage in Händen haben. Was Deine Arbeit über Lessing betrifft, so ist sie sehr gut und wir wären prinzipiell bereit, sie zum Lessing-Gedenktag als Broschüre zu veröffentlichen. Allerdings scheint mir die vorliegende Fassung, die 24 Seiten umfasst, für eine Broschüre quantitativ dann doch ein wenig zu dürftig zu sein. Ich hörte jedoch von dem Genossen Caspar, dass Du auch eine umfangreichere Fassung geschrieben hast. Ich bitte Dich, mir diese so schnell wie möglich zuzustellen, damit wir hier möglichst bald eine definitive Entscheidung fällen können. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Brief an Paul Rilla221 (25. September 1951) Sehr verehrter Herr Rilla! Gestatten Sie bitte, dass ich das Ergebnis unserer gestrigen Unterredung noch einmal schriftlich fixiere und Ihnen Vorschläge bezüglich der in Angriff zu nehmenden Arbeiten unterbreitete, wie sie sich aus unserer Besprechung ergeben. Wir waren uns über folgende Punkte einig: 220 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 10. Januar 1951. Adressiert an Heinz Kamnitzer, Berliner Humboldt-Universität. 221 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 25. September 1951. 1583Im Aufbau-Verlag 1) Der Verlag besorgt die Munckersche Ausgabe und stellt sie Ihnen zusammen mit dem Registerband von 1924 so bald wie möglich zur Verfügung. 2) Für unsere Entlastung bei allen möglichen laufenden Arbeiten steht seitens des Verlages Herr Dahnke zur Verfügung, der sich bei Ihnen in der kommenden Woche melden wird. 3) Der Plan der Ausgabe wird auf sieben Bände erweitert. Band I: Gedichte, Fabeln und Erzählungen und ausgewählte Jugenddramen. Band II: Klassische Dramen vollständig und von den dramatischen Fragmenten Samuel Henzi, Faust, Spartacus. Band III: Auswahl aus den frühen Schriften zur Theater- und Literaturkritik (bis inklusive Berliner Literaturbriefe und mit Ausnahme der theologischen und philosophischen Jugendschriften, die wir an die Spitze von Band VI stellen). Band IV: Hamburgische Dramaturgie. Band V: Laokoon mit Auswahl aus dem Anhang, Briefe antiquarischen Inhalts, Wie die Alten den Tod gebildet, eventuell Auswahl von ästhetischen Schriften aus dem Nachlass. Band VI: Theologische und philosophische Schriften I (inklusive Jugendschriften). Band VII: Theologische und philosophische Schriften II. 4) Klarheit besteht bereits über Band II und IV. Bei Band I muss noch entschieden werden, welche Jugenddramen zusätzlich zu den dreien, über die wir uns einig sind, aufgenommen werden sollen, wobei auch die Frage der ungefähren Gleichmäßigkeit des Umfangs der Bände eine Rolle spielt. Ferner müssen bei Band I einige Gedichte ausgeschieden werden. Bei Band V ist noch zu entscheiden, in welcher Form wir den Anhang zum Laokoon veröffentlichen, und welche ästhetischen Schriften aus dem Nachlass – soweit Platz vorhanden ist – aufgenommen werden sollen. Bei Band VI und VII lassen wir uns von der Absicht leiten, so vollständig wie möglich zu sein, werden aber aus Platzgründen auf einige Stücke verzichten müssen, über die wir uns noch nicht schlüssig sind. Die größten Schwierigkeiten bereitet Band III. 5) Sie sind bereit, eine Einleitung zu der gesamten Ausgabe und Vorbemerkungen zu den einzelnen Komplexen zu schreiben. Mit der Lieferung dieser Arbeiten, die während der Herstellung der Ausgabe erfolgen soll, kann der Verlag in den Monaten Dezember 1951, Januar 1952 rechnen. 6) Ich übernehme die Verantwortung für die philologische usw. Bearbeitung. Dazu gehören a) die Fußnoten, b) die Anmerkungen zu jedem Band. Die Fußnoten sollen 1584 Teil XII enthalten: Erläuterungen von Worten, die seit Lessings Zeiten einen Bedeutungswandel durchgemacht haben, Erläuterung von Namen, die dem heutigen Leser unbekannt sind, Übersetzung fremdsprachiger Zitate, Quellen-Angaben bei Zitierung anderer Autoren durch Lessing, Varianten von inhaltlich wesentlicher Bedeutung, Verdeutschung heute ungewöhnlicher Fremdwörter, Hinweise auf Texte, die aus unserer Ausgabe fortgelassen sind. Die Anmerkungen zu jedem Band geben Aufschluss über die Erstdrucke, über Besonderheiten unserer Textwiedergabe (Kürzungen usw.) und über die benutzten philologischen Vorarbeiten. Für die Übersetzung fremdsprachiger Zitate verpflichtet der Verlag Herrn Dr. Schubringk von der Akademie der Wissenschaften. Ich bin verpflichtet, Ihnen den Apparat, bevor er in Satz geht, jeweils vorzulegen. Von diesen Resultaten unserer Besprechung ausgehend, halte ich es für richtig, die folgenden Arbeiten in Angriff zu nehmen: 1) Vorbereitung der Drucklegung der Bände I, II und IV. Ich beabsichtige, bis zum 15. Oktober Band II und bis zum 1. November die Bände I und IV – soweit es sich um die vorliegenden Lessingschen Texte handelt – in Satz zu geben. Vorschlag zur Disposition des Bandes II übersende ich Ihnen in der Anlage. Die Fragen, die bei Band I noch offen stehen, müssten bis Ende Oktober geklärt werden. Was Band IV angeht, so wäre bis Ende Oktober zu klären, ob ein Namensverzeichnis zur Hamburgischen Dramaturgie gegeben werden soll. 2) Zur Vorbereitung von Band I: Ich lese selbst bis Ende Oktober die Jugenddramen Lessings und beauftrage gleichzeitig mit derselben Aufgabe Herrn Dahnke. Wir beide werden Ihnen dann mitteilen, welche Jugenddramen wir außer Freigeist, Junger Gelehrter, Juden für die relativ wertvollsten halten. Zu dem gleichen Zeitpunkt werden wir Ihnen auch Vorschläge bezüglich der Fortlassung einzelner Gedichte Lessings unterbreiten. 3) Zur Vorbereitung von Band IV: Ich beginne gleich mit der Arbeit am Fußnoten-Apparat zur Hamburgischen Dramaturgie. 4) Ich beauftrage Herrn Dr. Schubringk mit der Übersetzung fremdsprachiger Zitate zunächst aus denjenigen Werken Lessings, die unter allen Umständen in unserer Ausgabe aufgenommen werden. 1585Im Aufbau-Verlag 5) Sie sind so liebenswürdig und setzen mich über Beanstandungen, die sich auf die Disposition des II. Bandes beziehen, bis Mitte Oktober in Kenntnis. Ich werde mir erlauben, mich etwa in 14 Tagen wieder bei Ihnen zu melden, bevor ich die Texte zu Band II in Satz gebe. Mit den besten Grüßen Ihr stets getreuer Brief an Max Schroeder222 (18. November 1951) Lieber Max! Ich habe übers Wochenende das Lotte in Weimar-Manuskript von Herrn Hilscher gelesen und mein Eindruck ist folgender: 1) Vorausgesetzt, dass es sich bei dem Verfasser um einen jungen Menschen handelt, sollten wir uns unbedingt seiner annehmen. Er scheint ein für heutige Verhältnisse ungewöhnlich umfangreiches und gediegenes literarisches Wissen zu haben und hat sich in einer Atmosphäre, die zum allzu bequemen Hantieren mit allzu allgemeinen soziologischen usw. Kategorien verführt, einen erfreulich soliden Philologenfleiß bewahrt. Nach dem Girnus-Geschwafel war es geradezu ein Genuss, diese um hieb- und stichfeste Nachweise bemühte Analyse zu lesen. Allerdings darf Hilscher, um etwas Rechtes zu Stande zu bringen, so nicht weitermachen, sonst wird er ein Philologe à la Düntzer (»Hier irrt Goethe«)223. Er muss noch lernen, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden, und er muss sich mit dem Marxismus beschäftigen. Gelingt es ihm, dies zu tun und gleichzeitig seine Akribie zu pflegen und auszubauen, so kann er ein hervorragender Literaturhistoriker werden. Was ihm nottut, ist meines Erachtens ein Studium in Berlin bei gleichzeitigem Umgang mit Genossen, die im Stande sind, ihm wesentliche Gesichtspunkte zu vermitteln. Ich halte es im Übrigen für sehr wahrscheinlich, dass er sowohl für die literarhistorische Kommission der Aka- 222 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 18. November 1951. Adressiert an »Max Schroeder, Aufbau-Verlag«. 223 (AH) Goethe hatte festgehalten, dass er von allen Frauen am meisten Lili Schönemann geliebt hätte. Der Philologe Heinrich Düntzer kommentierte dies in einer der bekanntesten Fußnoten der Literaturgeschichte wie folgt: »Hier irrt Goethe.« Es sei vielmehr, der Dichter habe sich getäuscht, Friederike Brion gewesen. 1586 Teil XII demie der Künste als auch für die Herausgabe von Klassiker-Ausgaben in unserem Verlag schon jetzt überaus wertvolle Hilfsdienste leisten könnte. Ihm selbst wäre meines Erachtens mit einer solchen Arbeit freilich nur dann gedient, wenn er gleichzeitig Gelegenheit hätte, Philosophie, politische Ökonomie und Geschichte zu studieren. 2) Für einen Abdruck im Aufbau-Verlag kommt Hilschers Studie nicht in Frage. Die Arbeit ist eine sympathische, in vielem richtige Verteidigung Thomas Manns und seines Goethe-Bildes, ist aber in der Behandlung der wesentlichen Fragen (Problematik der Befreiungskriege, Goethes Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen usw.) sehr flach und durchforscht dafür Nebensächliches mit einem feierlichen Ernst, der halb komisch, halb rührend wirkt. Ich nenne als Beispiele: a) Die mit gravitätischem Philologenernst betriebene Verteidigung der Erwähnung erotischer Intimitäten in Lotte in Weimar auf den Seiten 39–44, wo der authentische Charakter der entsprechenden Stellen umständlich belegt wird – mit dem resümierenden Bemerken: Die Psychologie habe »den enormen Anteil der erotisch-sexuell-gefärbten Sphäre in der Gedankenwelt eines jeden Menschen« nachgewiesen, »deshalb sage ich: Sollte Goethe nicht zum pathologischen Fall werden, durfte bei der Darstellung der Gedankenspule in Lotte in Weimar da rauf einfach nicht verzichtet werden. Thomas Mann entledigt sich der Aufgabe immerhin mit feinem Takt, und wenn auch engstirnige, prüde Moralisten die Nase rümpfen, so wird der Wissende da rin die dazugehörige naturhafte Seite eines gigantischen Vollmenschentums sehen.« b) Die Ausführungen über Goethes Verhältnis zu Eltern und Verwandten auf den Seiten 62 ff., wo Hilscher zunächst beteuert: »Als eine unerlässliche ethische Forderung wird sicher den meisten Menschen des Christengebot erscheinen: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren!«, um dann in Briefen und Tagebüchern Goethes »furchtbar bestätigt« zu sehen, dass dieser Vater und Mutter nicht geehrt habe (S. 64). Resümee: »Wollen wir diese kalte, liebestötende Haltung auch nur ein wenig milder und verständlich machen, so sind wir etwas in Verlegenheit« usw. (S. 66). Derlei Kindlichkeiten gibt es in der Arbeit viele. Wenn es sich um die Arbeit eines älteren Menschen handelte, wäre es ein ziemlich hoffnungsloser Fall. Wenn der Verfasser ein junger Mensch ist, so sind es harmlose, leicht überwindbare infantile Reste eines begabten und vor allem bemühten, überaus fleißigen jungen Intellektuellen, von dem 1587Im Aufbau-Verlag wir zweifellos in Zukunft noch wertvoller Arbeiten zu erwarten haben und der jede Förderung und Aufmerksamkeit verdient. Mit besten Grüßen! Brief an Bruno Kaiser224 (23. November 1951) Werter Genosse Kaiser! Ihren Brief und den Durchschlag Ihrer Rezension über meine Heine-Ausgabe habe ich erhalten. Bei der Feststellung einer Reihe von Fehlern, die den Wert der Ausgabe beeinträchtigen, haben Sie Recht. Ich werde diese Fehler bei der Vorbereitung einer zweiten, verbesserten Auflage zu gegebener Zeit auszumerzen versuchen. Vo raus set zung ist allerdings, dass bis dahin das von Ihnen angeführte neuere Forschungsmaterial über Heine für mich erreichbar ist, was mir in manchen Fällen als zweifelhaft erscheint. Ich werde mich jedoch darum bemühen und werde mir dabei auch erlauben, an Sie mit der Bitte um eine präzisere Kritik an meiner Ausgabe heranzutreten. In einigen Punkten muss ich Ihrer Kritik widersprechen. 1) Sie unterstellen, dass der Aufbau-Verlag eine Heine-Ausgabe hätte herausgeben wollen, die das Gesamtwerk des Dichters umfasst. Dies trifft nicht zu. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, dass in der Ausgabe (Vorbemerkung, Anmerkungen) wiederholt da rauf hingewiesen wird, dass es sich um eine Auswahl handelt. Es kann Ihnen auch nicht verborgen geblieben sein, dass ich in den Anmerkungen zu Bd. III, IV, V und VI diejenigen Werke Heines, die in meiner Ausgabe fehlen, unter Hinweis auf frühere Gesamtausgaben, in denen sie zu finden sind, angeführt habe. Der Leser wird also von mir über die Lücken der Ausgabe nicht nur informiert, sondern es wird ihm auch Aufschluss da rü ber gegeben, wo er bei Bedarf das Fehlende finden kann. Sie aber behaupten, »dass der große Versuch des Aufbau-Verlages nicht gelungen ist, der Versuch, 224 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 23. November 1951, adressiert an »Herrn Dr. Bruno Kaiser, Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der SED«. Kaisers Antwortbrief an Harich, vom 27. November 1951 (2 Blatt, maschinenschriftlich), ist ebenfalls erhalten. Kaiser wies alle Einwände Harichs zurück. Sein Brief endet damit, dass er noch einmal ausführte, dass er in Harichs Heine-Edition »Belege dafür (sehe), wie wir unser großes Kulturerbe nicht verwalten dürfen«. Harichs Einleitung in die Heine-Edition, die im Folgenden auch thematisiert wird, ist neu abgedr. in: Band 5, S. 326–338. 1588 Teil XII für Deutschland und die Welt (!) eine Heine-Ausgabe zu besorgen, die einwandfrei und zuverlässig das Gesamtwerk (!) des Dichters unter Auswertung aller wissenschaftlichen Forschungsergebnisse vereinigt«. Diesen Versuch hat der Aufbau-Verlag nicht gemacht, er ist also auch nicht misslungen. 2) Die Aufgabe, die mir vom Aufbau-Verlag gestellt wurde, bestand da rin, in möglichst kurzer Zeit eine brauchbare Heine-Ausgabe in 5–6 Bänden zusammenzustellen, die – ohne vollständig zu sein – alle wesentlichen Werke des Dichters enthält. Wenn Sie diese Aufgabenstellung und deren Erledigung innerhalb eines Dreivierteljahres als »Leichtfertigkeit« bezeichnen und mir Mangel an Legitimation vorwerfen, so steht Ihnen ein solches Urteil frei. Ich bin niemals mit der Prätention aufgetreten, ein perfekter Heine-Philologe zu sein. Wenn Sie aber Ihre Vorwürfe mit dem Bemerken begründen, dass »Walzel seinerzeit mit einem ganzen Stab hochqualifizierter Mitarbeiter mehrere Jahre für die Fertigstellung seines Insel-Heine benötigt« hätte, »der dennoch – außer in den von Jonas Fränkel bearbeiteten Bänden – reichliche Mängel aufweist«, so beweisen Sie damit, dass Sie unserer Situation verständnislos gegenüberstehen. Weder verfügen wir über den von Ihnen gewünschten »Stab hochqualifizierter Mitarbeiter«, den man jahrelang mit der Vorbereitung einer neuen historisch-kritischen Heine-Ausgabe beschäftigen könnte, noch können wir es uns leisten, die Veröffentlichung einer neuen Heine-Ausgabe, für die ein dringendes gesellschaftliches Bedürfnis besteht, noch jahrelang hinauszuschieben. 3) Auf Seite 2 Ihres Manuskripts loben Sie »die fleißige Arbeit des Herausgebers, durch die die drei verschiedenen Fassungen der Handschrift und der deutschen und französischen Ausgaben leicht zu vergleichen und gegenseitig zu ergänzen sind. Einen so übersichtlichen Text gab es bisher kaum.« Dieses Lob freut mich, aber es ist nicht ganz fundiert. Erstens handelt es sich um vier verschiedene Fassungen: 1) Augsburger Allgemeine Zeitung, 2) deutsche Buchausgabe, 3) französische Ausgabe, 4) Originalmanuskript. Zweitens war die Arbeit so fleißig nun wiederum nicht, denn was ich tat, war weiter nichts als eine Übernahme von Leistungen Strodtmanns und Lachmanns (worauf ich in den Anmerkungen hinweise). Und drittens besteht in Ihrer Rezension ein innerer Widerspruch, wenn Sie einerseits die Textbearbeitung der Lutetia loben, und mir andererseits vorwerfen, dass ich »neben Elster und Walzel eine völlig veraltete Reclam-Ausgabe für die Texte benutzt« hätte. Bei dieser « völlig veralteten Reclam-Ausgabe« handelt es sich gerade um die von Lachmann, der ich die Varianten der franzö- 1589Im Aufbau-Verlag sischen Ausgabe der Lutetia entnommen habe. Den übersichtlichen Text, den es bisher kaum gab, gab es bisher durchaus, und zwar in der völlig veralteten Reclam-Ausgabe. 4) Mit der Auffassung, dass meine Ausführungen über Heines Platen-Polemik zu lang geraten und umfangmäßig nicht in richtiger Proportion zu dem sonstigen Inhalt meiner Vorbemerkung stehen, haben Sie zweifellos recht. Ich glaube aber, dass die Kritik an Platen und die Stellungnahme für Heine notwendig sind. Über die Argumente, mit denen ich die positive Einschätzung der Platen-Polemik begründe, sagen Sie in Ihrer Rezension – abgesehen von der Bemerkung über die Verdienste Herweghs – so gut wie nichts. Ich hätte solche Fehler gemacht wie diesen: Die Abhängigkeit von Platens Stil habe Herwegh verhindert usw. Welche Fehler den noch – außer diesem bestimmten, der meines Erachtens keiner ist? Zu bestreiten, dass Platen und Börne zu unserem Erbe gehören, liegt mir fern. Aber innerhalb unseres Erbes gibt es Wertdifferenzen, und da Mehring nicht entschieden genug hervorgehoben hat, wie sehr Heine gegen Platen und gegen Börne im Recht war, ist es unsere Pflicht, diesen Fehler zu korrigieren. 5) Sie erklären, die Fehler, die ich Mehring »vorrechnete«, hätten ihren Ursprung »zumeist« da rin, dass Mehring im Jahre 1911 über bestimmtes Material noch nicht verfügt hätte. Zumeist? Der erste Fehler ist die unzulängliche Würdigung von Zur Geschichte der Religion und Philosophie usw. Das Material hierüber ist Engels’ Ludwig Feuerbach. Der zweite Fehler – die unzulängliche Stellungnahme zur Platen-Polemik – hatte mit bestimmtem Material usw. absolut nichts zu tun. Ebenso ist der dritte Fehler (Einschätzung Gutzkows und der Gegensätze zwischen Heine und dem Jungen Deutschland) primär eine politische und weltanschauliche Frage (Liberalismus und Demokratie). Bleibt also das Material zum vierten Fehler: Der Brief von Marx an Engels vom 17. Januar 1855 (Bemerkung über die »retrospektive Aufklärung«). Mir scheint, dass Mehring den Briefwechsel zwischen Marx und Engels seit 1910 gekannt hat. Was bleibt also übrig von Ihrem Material und Ihrem »zumeist«? Mehrings Selbstkritik aus Grünbergs Archiv kenne ich freilich nicht. Ich habe sie aber auch aus Ihrer Rezension nicht kennen gelernt. Sie erwähnen sie, lassen es aber offen, ob sie sich überhaupt auf die vier Fragen bezieht, die in meiner Vorbemerkung zur Debatte stehen – was ich für ausgeschlossen halte. Im Übrigen: Wenn Sie schreiben, dass es sich nicht um Fehler Mehrings, sondern um meine Fehler handelt, so vergessen Sie, zu erwähnen, dass ich mich in allem Grundsätzlichen an das Vorwort zur Moskauer deutschen Ausgabe von 1937 bis 1940 halte, gegen deren Herausgeber Sie logischerweise genau den gleichen Vorwurf erheben müssten. Wa rum tun Sie das eigentlich nicht? 1590 Teil XII 6) Die sowjetische Heine-Forschung, die 1949 in der SU erschienene zwölfbändige Ausgabe, die Arbeiten Prof. Metallos’ usw. sind mir leider nicht zugänglich. Ebenso war für mich die berichtigte Ausgabe der Memoiren von 1925 nicht erreichbar, als ich die Druckvorlage meiner Ausgabe – terminmäßig gebunden an den Produktionsplan des Verlages – in Satz geben musste. Ebenso bin ich nicht in der Lage gewesen, die neuen, nach 1920 in Zeitschriften verstreut erschienenen Publikationen Heinescher Nachlassgedichte zu beschaffen bzw. mir auch nur einen Überblick da rü ber zu verschaffen. Wenn Sie mir dies vorwerfen, so deshalb, weil Sie immer von der falschen Vo raus set zung ausgehen, ich hätte eine historisch-kritische Gesamtausgabe auf dem Niveau der letzten philologischen Leistungen im internationalen Maßstab veranstalten wollen. Meine Aufgabe war aber eine viel bescheidenere, und ich bin der Überzeugung, dass für die Zwecke, die die neue Ausgabe zu erfüllen hat, die vorliegenden Ausgaben, die ich benutzt habe, als philologische Grundlage vollständig genügen. Es handelt sich um die Ausgaben von Strodtmann, Elster, Lachmann, Walzel und um die Hesse-Beckersche. (Soviel ich weiß, bringt zum Beispiel die berichtigte Ausgabe der Memoiren von 1925 gegenüber der Engelschen von 1884 inhaltlich nichts wesentlich Neues.) 7) Ein großer Teil Ihrer Einwände bezieht sich auf Kleinigkeiten. Sie gehen dabei so weit, dass Sie mir sogar Druckfehler ankreiden (zum Beispiel N. statt A. Strodtmann; oder: der Titel der französischen Ausgabe der Lutetia sei falsch wiedergegeben, wobei es sich ebenfalls um einen Druckfehler – Lutece statt Lutèce – handelt.) 8) Dass Heine mit dem Lied vom freien Rhein das Rheinlied von Becker gemeint haben soll, ist möglicherweise richtig, und ich gebe zu, diese Möglichkeit nicht bedacht zu haben. Aber es ist meines Erachtens nicht richtig, apodiktisch zu erklären, dass dieser Schlager von 1870/1871 im Jahre 1840 – wo er entstand (auf Grund des drohenden Kriegsausbruchs Frankreich-Deutschland nach der Übernahme der Pariser Regierung durch Thiers) – völlig unbekannt gewesen wäre. Die übrigen Fußnoten zum politischen Bekenntnis von 1855 sind meines Erachtens absolut richtig und auch notwendig, insbesondere die Richtigstellung der Begriffe bei dem Wort »Kosmopolitismus«. 9) Was die neu formulierten Titel betrifft, die ich im Übrigen in den Anmerkungen als solche angegeben habe, so sind sie ebenfalls durch den Charakter der Ausgabe gerechtfertigt. Der chronologische Aufbau innerhalb der Prosabände hätte in Band IV dazu geführt, dass der Band mit einem nichtssagenden Vorwort zur französischen Ausgabe der Lutetia endet, in Band V wäre plötzlich mitten zwischen Titeln, die etwas Inhaltsbe- 1591Im Aufbau-Verlag zogenes aussagen, eine Vorrede zum ersten Band des Salon erschienen. Um dies zu vermeiden, habe ich die neuen Titel Politisches Bekenntnis 1855 und Über die Vaterlandsliebe gewählt, die das Wesentliche des Inhalts klar zum Ausdruck bringen, für Nichtkenner einen stärkeren Anreiz zum Lesen in sich bergen, und die deshalb keine Verfälschung darstellen, weil eine Fußnote gleichzeitig den ursprünglichen Titel mitteilt. 10) Dass bei der neu bearbeiteten Übersetzung des Politischen Bekenntnisses von 1855 an vier Stellen wichtige, für das Verständnis notwendige Worte fehlen, müssen Sie mir nachweisen. Ich halte dies für ausgeschlossen. Wie gesagt, diese Gegeneinwände sollen nicht besagen, dass ich die Ausgabe selbst für fehlerfrei hielte. Ich beurteile sie aber als einen wirklichen Fortschritt gegenüber früheren Klassikerausgaben, die bei uns erschienen sind (Goethe-Ausgabe von Wiegler, 1948, Heine-Auswahl von Rudolf Kurz usw.), bin ebenso überzeugt, dass in einigen Jahren die Möglichkeit bestehen wird, eine endgültige Heine-Gesamtausgabe in aller Ruhe und Gründlichkeit vorzubereiten, durch die die jetzige Ausgabe als unzulänglich überholt sein wird. Was ich an Ihrer Rezension am meisten vermisse, ist aber, dass Sie auf das Wichtigste eingehen: Auf Heine und seine Bedeutung für unsere Zeit. Mit besten Grüßen Brief an den Aufbau-Verlag, Heine-Edition225 (10. Januar 1952) Betrifft: Heine-Ausgabe Werte Genossen! Ich habe in den vergangenen Wochen die Kritik des Genossen Dr. Bruno Kaiser, die dieser an der von mir bearbeiteten Heine-Ausgabe übte, sorgfältig geprüft und dabei festgestellt, dass sie – abgesehen von geringfügigen Einzelheiten – für die beabsichtigte Verbesserung der Ausgabe völlig unergiebig ist. Sie ist es vor allem im Hinblick auf 225 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 10. Januar 1952, adressiert an den »Aufbau-Verlag, Gen. Erich Wendt, Gen. Walter Janka, Gen. Max Schroeder«. 1592 Teil XII angebliche neue Forschungen, die ich nicht berücksichtigt hätte. Genosse Kaiser hat mir zum Beispiel vorgeworfen, ich hätte nicht die Ausgabe von Fritz Strich beachtet. Die Nachprüfung ergab, dass in der Ausgabe von Strich von neuen Forschungsergebnissen und dergleichen nicht die Rede sein kann, da sie textlich auf den auch von mir benutzten Ausgaben von Elster und Walzel fußt und lediglich ein neuartiges Prinzip der Anordnung aufweist, das aber für uns nicht in Frage kommt (Aufnahme der Erstdrucke in chronologischer Reihenfolge, so dass zum Beispiel alle Teile des Buches der Lieder doppelt erscheinen). Mit der von Kaiser vermissten neueren Edition der Memoiren verhält es sich folgendermaßen: Der erste Herausgeber der Memoiren, Eduard Engel, hat 1884 einige verstümmelte Stellen des Manuskripts sinngemäß durch eigene Worte ergänzt, während der Herausgeber der neuen Ausgabe von 1925, Loewenthal, die Memoiren manuskriptgetreu, also mit verstümmelten Sätzen, veröffentlicht hat. Meines Erachtens wäre es töricht, wenn wir uns unter diesen Umständen an die neue Ausgabe halten würden. Der Leser hätte von einer solchen »Akribie« wenig Nutzen. Eine Kennzeichnung der von Engel ergänzten Worte und Satzstellen stelle ich anheim, halte sie aber für überflüssig; sinnvoll wäre sie nur in einer Ausgabe mit großem Lesarten-Apparat. Mit den anderen Hinweisen von Genossen Kaiser steht es nicht viel besser: Dass die benutzte Reclam-Ausgabe »völlig veraltet« sei, trifft nachweisbar nicht zu. Abgesehen von den Willkürlichkeiten der Anordnung ist sie textlich ziemlich einwandfrei, und in den Fällen, in denen sie es nicht ist, wurde die neuere Ausgabe von Walzel (Insel-Verlag) herangezogen, die auch von der neuesten (Strich) in keinem Punkt übertroffen wird, dafür aber hinter der benutzten Reclam-Ausgabe insofern zurückbleibt, als sie die französischen Lesarten der Prosa-Werke vermissen lässt. Ich kann also nur empfehlen, an den bisherigen – und von Kaiser zu Unrecht beanstandeten – Druckvorlagen festzuhalten. Am Sonntag, den 6. Januar, habe ich Genossen Kaiser in seiner Wohnung aufgesucht, um von ihm Ratschläge für die Verbesserung der Ausgabe zu erbitten. Die Unterredung war ebenfalls nahezu ergebnislos. Sie bezog sich auf die folgenden Punkte: 1) Ich bat darum, mich über neuere Forschungen zu informieren. Genosse Kaiser konnte mir lediglich sagen, dass ein (ihm dem Namen nach unbekannter) Philologe einen Teil von Heines Nachlass 1933 in die USA gebracht hätte, und dass dieser Mann 1593Im Aufbau-Verlag seit einiger Zeit sukzessive in amerikanischen Fachzeitschriften einzelne Nachlass-Stücke publiziere. Er zeigte mir die Kopie eines Entwurfs zu einer Vorrede zum vierten Band des Salon, erschienen in der amerikanischen Zeitschrift Philological Quarterly, eine fragmentarische, unausgeführte Arbeit, deren wesentliche Gedanken in anderen Werken Heines, besser formuliert, wiederkehren und deren Abdruck in unserer Ausgabe überhaupt nicht in Frage kommt. Genosse Kaiser gab dies selbst zu, erklärte überdies, dass es unmöglich sei, einen Überblick über diese Art von Nachlasspublikationen zu gewinnen, und dass eine Wiedergabe der verfügbaren Stücke einen rein zufälligen Charakter haben würde. Inhaltlich sei das, was er selbst von diesen Publikationen gesehen hätte, nicht sehr interessant. Es wäre aber »schön«, wenn man ein internationales (!) Forscherkollektiv organisieren könnte, das den zerstreuten Nachlass Heines systematisch erfassen und in einer großen historisch-kritischen Gesamtausgabe vereinigen würde. 2) Aussprache über die Ausgabe von Fritz Strich. Genosse Kaiser blieb dabei, dass sie wesentliche textkritische Neuerungen enthalte. Da er die Ausgabe nicht in seiner Biblio thek hat, konnte ich ihm nicht das Gegenteil nachweisen, sondern ihn nur dazu anregen, noch einmal die Einleitung von Strich zu lesen, in der dieser selbst erklärt, dass er sich ohne eigene Textkritik ausschließlich an die Ausgaben von Walzel und Elster halte. Es war offensichtlich, dass Genosse Kaiser über den Charakter der Ausgabe von Strich nicht richtig informiert ist und sie wahrscheinlich seit langem nicht in der Hand gehabt hat. 3) Sowjetische Forschungen. Ob die in der Sow jet uni on jüngst erschienene Heine-Ausgabe neues Material enthält, wusste Genosse Kaiser nicht. Er wies jedoch wiederum auf die Heine-Biographie von Prof. Metallos hin, die im Manuskript vorliege, und empfahl, dass wir sie anfordern und von Frl. v. Schultz (!) übersetzen lassen sollten. Wahrscheinlich sei da rin einiges zu finden, was sich für unsere Ausgabe als wertvoll erweisen werde. 4) Aussprache über die Forschungen von Hirth. Die Auskünfte des Genossen Kaiser erschöpften sich in dem Hinweis, dass Hirths Ausgabe des Briefwechsels nicht umgangen werden dürfe (was ich schon wusste), dass man aber im Übrigen mit der Übernahme Hirthscher Forschungsergebnisse vorsichtig sein müsse, da dieser nicht nur persönlich ein Schwein (nämlich Agent des »Deuxième Bureau«), sondern auch als Philologe ein Hochstapler sei. 1594 Teil XII 5) Lesarten von Gedichten. Hierzu wusste Genosse Kaiser nur zu bemerken, dass man – um gänzlich einwandfrei zu arbeiten – die Handschriften einsehen müsse. Er selbst habe einmal eine Fassung des Gedichts an Herwegh (Herwegh, Du eiserne Lerche) gefunden, in der es »blüht« statt »lebt« heißt (»blüht der Frühling« statt »lebt der Frühling«). Im Gegensatz zu allen anderen Herausgeber habe er »blüht« als »legitim empfunden« und daher das Gedicht in dieser Version in seinen Herwegh-Band aufgenommen. Derartige Entscheidungen könnten aber nur auf Grund der Handschriften von Fall zu Fall gefällt werden, wobei dann jeweils alle Umstände berücksichtigt werden müssten. Die Frage, ob sich dabei wesentliche Veränderungen gegenüber den vorliegenden Ausgaben von Strodtmann bis Walzel als notwendig erweisen würden, musste er verneinen. Trotzdem wäre es »schön«, wenn usw., siehe oben! 6) Genosse Kaiser wollte mir eine Faksimile-Ausgabe des Wintermärchens zur Verfügung stellen, die wegen der gestrichenen Strophen bemerkenswert wäre. Ich wies dieses Anerbieten aber dankend zurück, a) weil mir diese gestrichenen Strophen aus der Ausgabe von Elster bereits bekannt sind und zur Verfügung stehen, b) weil ihrer Wiedergabe in unserer Ausgabe nicht in Frage kommt, da sie bedeuten würde, dass wir beide Gedichtbände mit einem vollständigen Lesarten-Apparat versehen müssten. Die positive Ausbeute des Besuchs war recht mager: Sie besteht in einem Band der Hoffmann und Campe-Ausgabe mit textgetreuer Wiedergabe der Aphorismen, die in unserer Ausgabe in der alten Strodtmannschen Fassung erschienen sind, in einer Übersetzung von Teilen der Vorrede zur französischen Ausgabe der Lutetia, die Genosse Kaiser aber selbst als unzuverlässig bezeichnete (es handelt sich um die mir bis dahin unbekannte Übersetzung von Karpeles), und in dem Rat, noch einmal die Bibliographien von Dietrich und Körner anzusehen, in denen vielleicht noch wertvolle Hinweise zu finden seien. Ich werde nun die Vorbereitung der neuen Auflage unserer Heine-Ausgabe unter Benutzung aller verfügbaren Hilfsmittel in Angriff nehmen und dabei so sorgfältig verfahren, wie es nur möglich ist. Das wenige, was von den Einwänden des Genossen Kaiser richtig und brauchbar ist, werde ich dabei beachten. Den Plan für die neue Ausgabe übersende ich in der Anlage. 1595Im Aufbau-Verlag Brief an den Aufbau-Verlag, Klassisches Erbe226 (10. Januar 1952) Betrifft: Klassisches Erbe Philosophie Werte Genossen! Nachdem die Arbeit an der Auswahl der geschichtsphilosophischen Schriften J. G. Herders abgeschlossen ist, möchte ich Euch weitere Projekte vorschlagen, von denen ich das eine oder andere im Verlauf des Jahres 1952 realisieren könnte. Es handelt sich durchweg um Aufgaben, die sowohl hinsichtlich der Einleitung, als auch der Auswahl wesentlich leichter zu bewältigen sind als das halbtheologisch-halbmaterialistische Ungetüm Herder. Ich denke an die folgenden Möglichkeit: 1) Holbach, Système de la nature. Die »Bibel« des französischen Materialismus. Es existiert eine deutsche Übersetzung von 1843, aus der ich einmal größere Teile gelesen habe, die in ausgezeichnetem Deutsch geschrieben sind. Die Übersetzung erschien mehr als 70 Jahre nach der Publikation des Werkes in Frankreich, zu einer Zeit, als in Deutschland im Zusammenhang mit der bürgerlichen Opposition des Vormärz der philosophische Materialismus aufkam, ist also auch in dieser Hinsicht interessant. Die Einleitung zu schreiben, kann nicht schwer sein, da Holbach eine eindeutige, unkomplizierte Erscheinung der Geschichte der Philosophie ist, und da unser Verhältnis zu ihm im Wesentlichen bereits geklärt ist (durch eine Fülle von marxistischen Äußerungen, angefangen von der Heiligen Familie bis zu dem Essay von Plechanow). Das Buch ist allerdings ein Wälzer, für den wir zwei Bände benötigen würden. Kürzungen würde ich wegen der Rarität in diesem Fall nicht empfehlen. (Bei deutschen Klassikern ist das etwas anderes, von ihnen liegen verfügbare Gesamtausgaben vor.) 2) Lukrez, De rerum natura. Das Hauptwerk des Materialismus zur Zeit der römischen Antike. Ich würde empfehlen: Eine zweisprachige, snobistische Ausgabe Lateinisch und Deutsch. Als deutsche Übersetzung die sprachlich wunderschöne Hexameter-Nachdichtung von Goethes Freund Knebel. Dazu in Fußnoten an den entsprechenden Stellen, wo Knebel um des Sprachrhythmus willen willkürlich verfährt, die wörtliche Übersetzung auf Grund der wohl bis heute noch nicht übertroffenen philologischen Leistungen von C. Lachmann und Hermann Diels. In der Einleitung käme es da rauf 226 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 10. Januar 1952, adressiert an den »Aufbau-Verlag, Gen. Erich Wendt, Gen. Walter Janka, Gen. Max Schroeder«. 1596 Teil XII an, kurz die Entwicklung des Materialismus von Demokrit zu Epikur und die Stellung Lukrez’ innerhalb der epikureischen Schule zu umreißen, was keinesfalls schwierig ist. Außerdem müsste ein Wort über die Wirkung gesagt werden, die Lukrez auf die Renaissance-Denker und die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ausübte. Etwas komplizierter ist die Aufgabe der Kommentierung, aber auch hierüber existieren solide Vorarbeiten, die nur »kritisch angeeignet« werden brauchen. 3) Ludwig Feuerbach, Ausgabe der wichtigsten Schriften in einem Band: Thesen zur Reform der Philosophie, Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Das Wesen des Christentums – also diejenigen Werke, die bei der Entstehung des Marxismus eine wesentliche Rolle gespielt haben. In der Einleitung: Abriss der Entwicklung Feuerbachs, Hinweis auf die Wirkung, die er nicht nur auf Marx und Engels, sondern zum Beispiel auch auf Gottfried Keller, Richard Wagner usw. ausgeübt hat, also Behandlung derjenigen Zusammenhänge, die in der Schrift von Engels nicht erwähnt werden. Im Anhang: Abdruck sämtlicher Äußerungen von Marx, Engels, Lenin, Stalin über Feuerbach, inklusive der Engelsschen Broschüre. – Etwas heikel und schwierig ist die Frage des Einflusses, den Feuerbach auf die großen Russen 19. Jahrhunderts ausübte. Einerseits ist hier nur wenig Material zugänglich, andererseits haben unsere sowjetischen Freunde eine gewisse Aversion dagegen, dass ideengeschichtliche Zusammenhänge zwischen Hegel-Feuerbach einerseits und den russischen Materialisten andererseits betont werden, Zusammenhänge, die als Infragestellung des autochthonen Charakters des russischen Materialismus missverstanden werden könnten. Die Einleitung müsste also sehr sorgfältig geschrieben und genau geprüft werden. Das Projekt würde meines Erachtens die relativ längste Zeit benötigen. 4) La Mettrie. Falls Hollitscher, nachdem er den Termin bereits mehrfach weit überschritten hat, auch das neuerliche Termin-Angebot des Genossen Janka nicht erfüllen sollte, wäre ich bereit, die Einleitung zu schreiben. Die vorliegende deutsche Übersetzung der philosophischen Werke La Mettries habe ich bereits gelesen. Die Aufgabe ist nicht schwierig, da La Mettrie – wie Holbach – eine völlig eindeutige und unkomplizierte Erscheinung ist. Ich glaube, die Einleitung und die druckfertige Manuskriptvorlage der entsprechenden Werke in jedem Fall bis zum September 1952 liefern zu können. Selbstverständlich könnte ich nur die eine oder die andere Aufgabe übernehmen. Falls der Verlag sich für Lukrez entscheiden sollte, würde ich mir Ratschläge (die zu honorieren wären) bei Prof. 1597Im Aufbau-Verlag Stroux holen, mit dem ich vor längerer Zeit bereits einmal über dieses Projekt gesprochen habe. Mit bestem Gruß! Brief an Tilly Bergner227 (31. Januar 1952) Sehr geehrte Frau Bergner! Der Aufbau-Verlag übermittelte mir mit der Bitte um Stellungnahme a) Ihr Schreiben vom 14. Januar 1952, b) den Durchschlag Ihres Schreibens vom 15. November 1951, c) ein Begleitschreiben des Amtes für Literatur und Verlagswesen, unterzeichnet von Herrn Kienast. Zu Ihrer Beschwerde möchte ich Folgendes erklären: 1) In der verhältnismäßig kurzen Zeit, in der ich den Druck der Heine-Ausgabe vorbereiten musste, gelang es mir weder, das französische Original des Lutetia-Vorwortes von Heine aufzutreiben, noch eine vollständige Übersetzung des Vorwortes außer der Ihren (in dem Heine-Lesebuch von Walther Victor) zu finden. Ich entschloss mich daher, Ihre Übersetzung zu übernehmen. Als ich bei Herrn Victor deswegen anfragte, erklärte er mir sein Einverständnis, unter der Vo raus set zung, dass ich a) meine Bitte nochmals schriftlich an ihn richte, b) sein Heine-Lesebuch als Quelle und Sie als Übersetzerin in der Vorbemerkung des Herausgebers oder in den Anmerkungen nennen würde. Bei dieser Gelegenheit machte ich Herrn Victor da rauf aufmerksam, dass der Auszug aus dem Lutetia-Vorwort, der sich bei Mehring findet, an einer wesentlichen Stelle – bei dem Wort »Kosmopolitismus« – von Ihrer Übersetzung abweicht. Er erklärte mir, dass Kosmopolitismus die legitime Übersetzung des Heineschen Textes sei, dass er aber an dieser Stelle, um Missverständnisse zu vermeiden, das – zugegeben unkorrekte – »bekennen sich zur ganzen Menschheit« vorgezogen hätte. Ich setzte ihn davon in Kenntnis, dass ich hier die wörtliche Übersetzung des Heineschen Textes für richtiger hielte. Es schien mir besser zu sein, das Wort, das übrigens damals keine negative Bedeutung hatte, zu bringen, aber in einer Fußnote zu kommentieren. 227 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 31. Januar 1952. Adressiert an »Frau Tilly Bergner«, Berliner Privatadresse. 1598 Teil XII Bei diesem Gespräch mit Herrn Victor wusste ich aber noch nicht, dass Ihre Übersetzung noch eine Reihe anderer Unkorrektheiten enthält. Das stellte ich erst kurz danach fest, als meine Bemühungen um das Original des Lutetia-Vorwortes endlich erfolgreich waren. Zu dieser Zeit war aber Ihre Übersetzung schon in Satz. Ich habe daher versucht, die Schwächen Ihrer Übersetzung durch entsprechende Fahnenkorrekturen auszumerzen. Dass ich Ihnen hier von keine Mitteilung machte, ist – wie ich zugeben muss – ein bedauerlicher Fehler. 2) Zu den Korrekturen selbst, die Sie beanstanden, möchte ich im Einzelnen folgendes sagen. (Es folgt eine Reihe von einzelnen Vergleichen von Wörtern oder Satzteilen, hier irrelevant, AH.) 3) In der Fußnote zu dem Wort »Kosmopolitismus« habe ich nicht gegen Sie polemisiert, sondern versucht, zu erläutern, was Heine unter diesem Wort (das er faktisch gebraucht hat) verstand, und warum die Bezeichnung der Kommunisten als Kosmopoliten nicht zutrifft. Indem ich nochmals mein Bedauern aussprechen, dass ich mich wegen der Korrekturen nicht rechtzeitig mit Ihnen ins Benehmen setzte, verbleibe ich mit den besten Grüßen Ihr sehr ergebener Tilly Bergner im Gespräch mit Jan Dobraczynski, 1954 1599Im Aufbau-Verlag Internes Gutachten zu Alfred Meusel: Über Reformation und Bauernkrieg228 (25. März 1952) Betrifft: Alfred Meusel: Über Reformation und Bauernkrieg Zu den folgenden Äußerungen muss ich bemerken, dass ich weder Historiker, noch genauer Kenner der Reformation und des Bauernkrieges bin. Vor der Lektüre der vorliegenden Arbeit von Prof. Meusel habe ich jedoch nochmals die folgenden einschlägigen Werke gelesen: a) Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg; b) Franz Mehring, Deutsche Geschichte vom Ausgang des Mittelalters (erster Abschnitt, Über Reformation usw.); c) Karl Kautsky, Das Zeitalter des Humanismus und der Reformation in Thomas More und seine Utopie; d) Karl Kautsky, Die deutsche Reformation und Thomas Münzer in Vorläufer des neueren Sozialismus. Prof. Meusels Arbeit besteht aus vier in sich geschlossenen Teilen: Im ersten Teil wird kurz die dem Bauernkrieg um ein halbes Jahrhundert vorausgehende Bewegung des Pfeiffers von Niklashausen geschildert. Im Anschluss da ran werden die hauptsächlichen ökonomischen Ursachen der Bauernrebellionen erörtert und die besonderen strategischen und taktischen Schwierigkeiten der ganzen Bewegung auseinandergesetzt (Problem der Gutgläubigkeit, Strategie und Taktik der Herrschenden usw.). Dabei wird teilweise auf Ereignisse vorgegriffen, deren konkrete Darstellung erst in den späteren Teilen erfolgt. Der zweite Teil behandelt den Verlauf der ganzen Reformation – vom ersten Aufbegehren gegen den Ablasshandel bis zur Unterdrückung des Bauernkrieges –, aber so, dass die Entwicklung Luthers und seiner Reformation im Vordergrund steht, während die Bauernbewegung und der Ritterkrieg, die den Ausgang der Reformation bestimmen, selbst noch nicht in ausführlicher Darstellung erscheinen, sondern nur als bewegende Kräfte von der Reformation her gesehen werden. Der dritte Teil behandelt die Bewegung der Ritter. Die Arbeit gipfelt im vierten Teil: Thomas Münzer und die Volksreformation. Das eigentliche Thema wird also sehr sorgfältig dadurch vorbereitet, 228 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 25. März 1952, adressiert an »das Lektorat des Aufbau-Verlages«. 1600 Teil XII dass es zunächst von drei verschiedenen Seiten her angegangen und dann erst als solches behandelt wird. Soweit ich es beurteilen kann, handelt es sich hier um eine ganz hervorragende Arbeit. Prof. Meusel hat eine tief durchdachte, wahrhaft marxistische Analyse der Zusammenhänge gegeben. Er steht klar und eindeutig auf dem Boden der bäuerisch-plebejischen Bewegung, wird aber dabei – ohne im Mindesten in »linke« Vulgarisierungen auszugleiten – der historischen Größe und Bedeutung Luthers völlig gerecht. Er fördert eine Fülle von noch unbekanntem oder nicht genügend beachtetem Material zu Tage, das außerordentlich aufschlussreich ist, und polemisiert an gewissen Punkten mit köstlich trockenem Witz gegen die bürgerlichen Darstellungen der Reformation (vor allem gegen Ranke). Ein besonderer Vorzug der Arbeit besteht da rin, dass sie – ohne inhaltliche Verflachung – sehr leicht und volkstümlich geschrieben ist, ja, streckenweise erzählenden Charakter annimmt (so bei der Darstellung des Pfeiffers von Niklashausen oder bei der Darstellung von Luthers Verhör durch den Reichstag zu Worms). Der Umfang der Arbeit (192 Schreibmaschinenseiten) sprengt zwar den Rahmen einer Einleitung, aber es ist gleichzeitig zu bewundern, mit welcher Disziplin und souveränen Stoffbeherrschung die Fülle und Kompliziertheit der Vorgänge auf so knappem Raum übersichtlich und verständlich gemacht wurde. Im Grunde gibt Meusel nämlich eine komplette Darstellung der ganzen Reformation und des Bauernkrieges, wobei er sich allerdings auf das Historische beschränkt und auf die Widerspiegelung der Bewegung in Kunst und Literatur nicht eingeht. Ich schlage dem Verlag vor: 1) Die Arbeit, so wie sie ist, zu akzeptieren und von einer weiteren Prüfung abzusehen, die sie schon deswegen erübrigt, weil Prof. Meusel als einer der führenden marxistischen Historiker der DDR ohnehin anerkannt ist; 2) die Arbeit entweder als gesonderten Band in einer zweibändigen Ausgabe oder als einleitenden Essay zu einer einbändigen Ausgabe zu veröffentlichen, je nachdem, wie umfangreich die von Prof. Kamnitzer bearbeiteten Texte sind; 3) die Arbeiten möglichst umgehend in Satz zu geben, auf jeden Fall aber vor der Goethe-Publikation von Girnus, damit wenigstens die ersten beiden Publikationen unserer Erbe-Sammlung ein gewisses Niveau aufweisen. Die Text-Edition von Prof. Kamnitzer, die schon seit Monaten fertig vorliegen soll, wurde angefordert. Sie ist von Meusel gebilligt. 1601Im Aufbau-Verlag Zur Tschernyschewski-Edition229 (10. April 1953) In der Anlage überreiche ich: 1) Das durchkorrigierte und stilistisch bearbeitete Tschernyschewski-Manuskript von Lukács.230 Es müssen nur noch a) die Zitate, die Lukács aus Tschernyschewskis Dissertation anführt, mit unserer Übersetzung verglichen und eventuell neu formuliert werden, b) es muss die Schreibweise der Namen in Übereinstimmung gebracht werden: Düwel schreibt Belinski und Tschernyschewski, Lukács schreibt: Belinskij und Tschernyschewskij (das Letztere ist nach meiner Meinung richtig). Diese beiden Korrekturen können aber von Düwel selbst vorgenommen werden. 2) Ich überreiche das Manuskript von Düwel mit ein paar Randbemerkungen. Im Ganzen finde ich die Arbeit recht gut. Sie stellt eine wertvolle und notwendige Ergänzung des Lukács-Essays durch ihre historischen und biographischen Angaben dar. Ich halte jedoch an folgenden Stellen eine Überarbeitung für nötig: Seite 2: Die russische Arbeiterbewegung trat nicht erst Anfang des 20. Jahrhunderts auf, sondern entwickelte sich bereits in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts (siehe KPdSU). Seite 3: Ich empfehle die Einfügung des an den Rand geschriebenen Hinweises auf die westeuropäische Aufklärung, damit besonders die Klassenposition der russischen revolutionären Demokraten klarer wird. Seite 4: Was hier steht, sollte meines Erachtens nicht weggelassen, sondern nur besser formuliert werden. (Im Manuskript ist es durchgestrichen.) Seite 6: Daten des Krimkriegs angeben! Seite 8: Unklarheit über das Verhältnis der Liberalen zur Bourgeoisie und umgekehrt. Seite 9: Erhebliche Unklarheit über das Verhältnis zwischen der liberalen Bourgeoisie und dem Zarismus. Düwel scheint sich hier und überhaupt durch die Tatsache, dass die revolutionären Demokraten zeitweilig ihre Hauptangriffe gegen die Liberalen richteten, zu der Annahme verleiten zu lassen, dass nicht der Zarismus, sondern die Liberalen der Hauptfeind des Fortschritts waren, ja, Zarismus und liberale Bourgeoisie einfach in einen Topf zu werfen. An dieser Stelle macht er sogar den Zarismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Instrument der liberalen Bourgeoisie; dieser, so schreibt er, hätte die riesige Maschine des zaristischen Staates zur Verfügung gestan- 229 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 10. April 1953. Adressiert an »Lektorat des Aufbau-Verlags, zu Händen Max Schroeder«. 230 (AH) Siehe ergänzend die entsprechenden Briefe Harichs an Lukács, abgedr. in: Band 9. Dort alle weiteren Hinweise, der größere Kontext usw. 1602 Teil XII den. So geht es nicht. Die russische liberale Bourgeoisie war gegen den Zarismus, namentlich in der Zeit, die Düwel behandelt. Sie war nur aus Furcht vor den Massen derart unfähig zur Führung der Revolution und derart kompromissbereit, dass sie schließlich objektiv das System der Selbstherrschaft befestigte. Seite 10: Der Sozialismus Tschernyschewskis sollte schon hier als vormarxistischer einschränkend gekennzeichnet werden. Marx und Engels sprechen von einem »sozialistischen Lessing«231; sie selbst waren nicht Lessings, auch nicht sozialistische. Seite 10: Die Zeitschrift Der Zeitgenosse sollte wenigstens einmal – bei ihrer ersten Erwähnung – mit ihrem russischen Titel, unter dem sie bekannt ist, genannt werden. Seite 11: Wieder die Unklarheit mit den Liberalen. Als ihre Hauptgegner betrachten Tschernyschewski und Dobroljubow selbstverständlich nicht die Liberalen, sondern die zaristische Selbstherrschaft, die Aristokratie und – ideologisch – den orthodoxen Obskurantismus, die mystizistisch-romantischen Tendenzen usw. Wenn sie zeitweilig ihre Hauptangriffe auf die Liberalen konzentrierten, so deshalb, weil diese mit ihren Kompromissen den Hauptfeind entscheidend stützten. Dies muss unterschieden werden. Seite 13: Vorsichtiger dosieren das, was über die Annäherung Tschernyschewskis an den Standpunkt des wissenschaftlichen Sozialismus gesagt wird. 231 (AH) In dem Artikel Dobroljubow – der »sozialistische Lessing«. Anlässlich des Erscheinens seiner Werke in deutscher Sprache, erschienen in der Täglichen Rundschau am 5. Februar 1950 (Neuabdr. in: Band 1.2, S. 1210–1214), hatte Harich geschrieben: »In einem Artikel, der im Oktober 1874 im Leipziger Volksstaat erschien, bezeichnete Friedrich Engels Tschernyschewski und Dobroljubow als ›zwei sozialistische Lessings‹. Bei anderer Gelegenheit, in einem Brief an E. Papritz, erklärte Engels, die literarhistorische und kritische Leistung dieser beiden russischen Denker stünde ›unendlich höher als alles, was Deutschland und Frankreich auf dem Gebiete der offiziellen historischen Wissenschaft hervorgebracht haben‹. Diese Urteile wurden vor einem Dreivierteljahrhundert gefällt. Aber erst jetzt, durch Initiative des sowjetischen ›Verlages für fremdsprachige Literatur‹, werden Dobroljubows Werke in deutscher Übersetzung herausgebracht. (N. A. Dobroljubow, Ausgewählte philosophische Schriften, Moskau 1949.) In der dazwischenliegenden Zeitspanne hat die russische Literatur des 19. Jahrhunderts in Deutschland beträchtliche Resonanz gewonnen. Sie wird von vielen geliebt, von einigen missverstanden, von allen bewundert. Ihre Kenntnis jedenfalls gehört hierzulande längst zur selbstverständlichen Allgemeinbildung. Die Geburtshelfer und Wegbereiter dieser gewaltigen Literatur aber, die russischen revolutionären Demokraten des 19. Jahrhunderts, die Klassiker der russischen materialistischen Philosophie, Belinski, Tschernyschewski, Dobroljubow, blieben bis auf den heutigen Tag bei uns nahezu völlig unbekannt. Und wenn Tschernyschewski wenigstens in der Neuen Zeit, dem theoretischen Organ der alten deutschen Sozialdemokratie, gelegentlich gewürdigt wurde, so waren – was Dobroljubow anbetrifft – Marx und Engels bislang die einzigen Deutschen, die seine Bedeutung richtig einschätzten.« (Ebd., S. 1210.) 1603Im Aufbau-Verlag Seite 14: Alle Gebiete der Wissenschaft hat Tschernyschewskis geistiges Ringen nicht erfasst, so viel ich weiß. Er war kein Aristoteles seiner Zeit, sondern etwas ganz anderes – sehr viel mehr und sehr viel weniger! Seite 15: Wieder die Unklarheit in Bezug auf den Liberalismus. Es ist nicht wahr, dass der Hauptangriff Tschernyschewskis gegen Hegel gerichtet war. (Siehe Seite 21 des Manuskripts, wo aus Düwels Ausführungen klar hervorgeht, inwieweit Tschernyschewski von Hegel beeinflusst war.) Seite 16: Unklarheit in der Kennzeichnung dessen, was Tschernyschewskis »anthropologisches Prinzip« war. Hier eine konkrete Erklärung zu geben, wäre um so nötiger, als Lukács in seinem Essay die Kenntnis der Bedeutung dieses Begriffs stillschweigend voraussetzt. Seite 17: Was in dem durchgestrichenen Absatz steht, sollte nicht fehlen. Es sollte nur viel, viel besser formuliert werden. Seite 17: Tschernyschewski war natürlich nicht »vielleicht der überhaupt größte fortschrittliche Denker bis Marx und Engels«. Er war derjenige, der ihnen unter den vormarxistischen Denkern an Erkenntnis, an teilweiser Übereinstimmung der Methode usw. am nächsten kam. Das war für Aristoteles nicht möglich. Trotzdem war Aristoteles größer. Das Wort »groß, größer, größte« ist also der Sache nicht angemessen. Seite 18: Die kritische, realistische Tendenz der russischen Literatur hat nicht in Gogel ihren Höhepunkt erreicht, sondern mit der »Gogolschen Periode« (Belinski) ihren – allerdings sehr, sehr bedeutend – Anfang genommen. Ostrowski, Tolstoi usw. stehen höher als Gogol. Seite 20: Düwel schreibt, dass Tschernyschewski aus Rücksicht auf die Zensur in der Hauptsache gegen Vischer polemisiert, aber in Wahrheit Hegels Ästhetik gemeint habe. Er formuliert dies so, dass man annehmen muss, die Hegelsche Ästhetik wäre durch die zaristischen Behörden gegen Polemiken geschützt worden. In Wahrheit verhielt es sich genau umgekehrt: Dass Hegel der russischen Reaktion als verdächtig und gefährlich galt und deshalb nicht erwähnt werden durfte. Dies ergibt sich auch ganz klar aus den Tatsachen, die Düwel auf den Seiten 21, 25 erwähnt! Zweitens: Der Hauptangriff richtet sich nicht gegen Hegel, sondern gegen die liberalen, auf dem Standpunkt des Idealismus verharrenden, im Übrigen auf den Ästhetizismus von Kant zurückgreifenden Hegel-Epigonen wie vor allem Fr. Th. Vischer. Dabei wird Hegel natürlich mit kritisiert, aber gleichzeitig übernimmt Tschernyschewski auch viele Einsichten Hegels. Drittens: Einen l’art pour l’art-Standpunkt kann man nicht mit, sondern nur gegen Hegels Ästhetik, durch Verfälschung von Hegels Ästhetik begründen, wie es Fr. Th. Vischer getan hat. Was Düwel auf Seite 20 schreibt, ist also durchaus schief. – Mir scheint im 1604 Teil XII Übrigen, dass die Darstellung der philosophischen Problematik Tschernyschewskis ganz dem Essays von Lukács überlassen bleiben sollte, jedenfalls in all den Punkten, die sich auf ästhetische Fragen beziehen. Seite 21: Was hier über den Inhalt der Dissertation Tschernyschewskis gesagt wird, beweist durchschlagend die Unsinnigkeit der These, dass Tschernyschewskis Polemik sich in der Hauptsache nicht gegen Vischer, sondern gegen Hegel gerichtet hätte. Seite 24: Zusammenhang! Der Übergang von der apolitischen Haltung Feuerbachs zum Fehlen des Praxis-Gedankens bei ihm ist etwas abrupt. Es handelt sich um zwei verschiedene Dinge. Besser wäre es, zunächst das Marx-Zitat über Feuerbach aus dem Brief an Ruge vom 15. März 1843 anzuführen: »Feuerbachs Aphorismen sind mir nur in dem einen Punkt nicht recht, dass er zu sehr auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden kann.« (MEGA, I, 1/2, S. 308.) Beim Praxis-Gedanken, auf den Düwel dann zu sprechen kommt, handelt es sich um ein ganz anderes Problem. Seite 25: Die Zitierung der elften Feuerbach-These rückt Tschernyschewski wieder zu eng an Marx heran. Seite 30: Der Abschluss wäre besser, wenn er nüchterner wäre. Meine Überzeugung ist, dass alle angeführten Mängel sich sehr leicht ausmerzen lassen. Stilistische Korrekturen habe ich in einigen Fällen bereits gleich im Manuskript vorgenommen. Internes Verlags-Gutachten zu: Auguste Cornu: Die Jugend von Marx und Engels232 (20. Mai 1953) Das Buch Die Jugend von Marx und Engels von Auguste Cornu behandelt die gesellschaftlichen und ideologischen Entstehungsbedingungen des Marxismus in Deutschland, die Jugendentwicklung von Marx und Engels bis 1844 und ihre Werke von den frühsten Jugendschriften bis zu den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von Marx. Das Buch ist das Resultat einer zwanzigjährigen Erforschung der Entstehungsgeschichte des Marxismus durch den jetzt 65 Jahre alten französischen Kommunisten Auguste Cornu, der sich mit großer Liebe und Sorgfalt in die Geschichte und Kultur Deutsch- 232 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. Mai 1953. Handschriftlich adressiert an Walter Janka. 1605Im Aufbau-Verlag lands hinein gearbeitet hat und als aufrichtiger Freund der deutschen Arbeiterbewegung geehrt zu werden verdient. Es kann in diesem Gutachten nicht auf irgendwelche Einzelheiten eingegangen werden. Es sollen hier nur die wichtigsten positiven und negativen Momente in aller Knappheit, aber auch in aller Deutlichkeit zur Orientierung genannt werden. Positiv ist das Buch vor allem deswegen, weil es ein außerordentlich umfangreiches und interessantes Tatsachenmaterial ausbreitet, das man in dieser Vollständigkeit in keiner bisherigen Darstellung dieser Epoche der Geschichte der Philosophie findet. Der Verfasser geht zum Beispiel auf der einen Seite auf alle Details der Umgebung, in der Marx und Engels gelebt haben, ein und erklärt (um nur ein Beispiel dafür zu nennen) bei der Behandlung von Marx’ Geburtsort Trier, was es zum Beispiel mit der Porta Nigra auf sich hat. Auf der anderen Seite behandelt er sehr detailliert all die geistigen Strömungen, mit denen Marx und Engels in ihrer Jugend Berührung hatten, zum Beispiel die literarische Bewegung des Jungen Deutschland, die Gegensätze, die in der damaligen juristischen Fakultät der Berliner Universität zwischen Eduard Gans und Savigny bestanden, sowie die einzelnen Vertreter des Junghegelianismus und deren Lehren (Bruno Bauer, Köppen, Cieszkowski usw.). Dieses Material ist teilweise noch völlig unbekannt und unerforscht. Weniger gut, ja, teilweise problematisch ist die Interpretation der Jugendwerke von Marx und Engels. Der Verfasser ist alles andere als ein tief philosophischer Kopf. Er beschränkt sich im Wesentlichen da rauf, den Inhalt der Jugendschriften von Marx und Engels referierend wiederzugeben, wobei er die philosophischen Probleme teilweise außerordentlich verflacht.233 Dazu kommt, dass seine ganze Terminologie sehr unpräzise und verschwommen ist. Es ist hier aber zu bedenken, dass Cornu sich nicht etwa in Gegensatz zu irgendwelchen Lehren des entwickelten Marxismus stellt, so dass sein Buch nicht irgendwelchen feindlichen Strömungen in der Arbeiterbewegung Vorschub leistet, wie es zum Beispiel bei der Marx-Biographie von Mehring in Bezug auf die Frage der Diktatur des Proletariats oder in Bezug auf die Einschätzung Lassalles der Fall ist. Der einzige Vorwurf, den man hier erheben könnte, ist der, dass durch die allzu breite Behandlung des ganzen Junghegelianismus die Bedeutung der marxistischen Revolu- 233 (AH) Dieser Einwand war später auch der Hauptvorwurf an Cornu in der Rezension des Freundes von Harich, Manfred Hertwig: Rezension, zu: Cornu: Karl Marx, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, 1956, S. 100–106. 1606 Teil XII tion in der Geschichte der Philosophie abgeschwächt werde. Ich würde diesen Vorwurf aber für ungerechtfertigt halten, da es ja auch eine legitime Aufgabe ist, einen breiten Überblick über die geistigen Strömungen der dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Deutschland zu geben, ohne dass deswegen die Leistung von Marx und Engels selbst irgendwie verkleinert zu werden brauchte. Der genannte Vorwurf wäre meiner Meinung nach nur dann berechtigt, wenn der Verfasser das qualitativ Neue des Marxismus, das ja erst in den von 1844 an erschienenen Werken von Marx und Engels völlig klar zum Ausdruck kommt, so darstellen würde, als ob es bereits von den Vorgängern geschaffen worden wären. Das aber ist nicht der Fall, da das Buch ja nur bis an die Schwelle des eigentlichen Marxismus heranführt. Ich gebe ferner zu bedenken, dass die außerordentliche Flachheit der philosophischen Darstellung und die unpräzise Terminologie Cornus bis zu einem gewissen Grade dadurch wettgemacht werden, dass Cornu, vor allem in Form von Fußnoten, sehr viele Zitate aus den Jugendschriften von Marx und Engels bringt. Sein Werk kann also als ein vereinfachter, populärer biographischer Leitfaden zum Studium der Jugendschriften von Marx und Engels derart dienen, dass der Leser in die Tiefe der Probleme eindringt, wenn er die angeführten Zitate durchdenkt und dadurch zur Lektüre der Jugendschriften von Marx und Engels selbst angeregt wird. Der Leser bringt dann bei dieser Lektüre bereits neue bildungsmäßige Vo raus set zungen mit, die ihn befähigen, die Jugendschriften von Marx und Engels auf Grund der Kenntnis der geistigen Kämpfe der damaligen Zeit tiefer und richtiger zu verstehen. Das Buch von Prof. Cornu liegt jetzt in einer umgearbeiteten Fassung vor, die der Verfasser schuf, nachdem die ursprüngliche Fassung von Mitarbeitern des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts beim ZK der SED (unter anderem von Genossen Wolfgang Schubardt) heftig kritisiert worden war. Die jetzt vorliegende Fassung wurde von Genossen Kurt Hager, Leiter der Abteilung Wissenschaft und Hochschulen, gelesen. Genosse Hager erklärte, dass das Buch als Materialsammlung über die Jugendentwicklung von Marx und Engels sehr wertvoll sei. Für eine Veröffentlichung im Dietz-Verlag sei es nicht geeignet. Es sei aber gegen eine Veröffentlichung in einem anderen Verlag (vornehmlich im Aufbau-Verlag) seitens der Partei nichts einzuwenden. Ich empfehle der Leitung des Aufbau-Verlages: 1) Die oben entwickelten Gesichtspunkte bei dem für Marx-Publikationen zuständigen Genossen vom ZK der SED (Büro Fred Oelßner) geltend zu machen, das heißt die Annahme des Buches und dessen 1607Im Aufbau-Verlag Veröffentlichung trotz der Schwächen, die es aufweist, zu erbitten; 2) das Manuskript grundsätzlich zur Veröffentlichung anzunehmen und mit dem Autor einen Vertrag über eine Auflage von vorerst 5000 Exem plaren zu schließen; 3) das ganze Manuskript noch einmal von einem qualifizierten Genossen lesen zu lassen, der verschiedene missverständliche Stellen korrigieren und das Ganze vor allem sprachlich überarbeiten müsste; sowie 4) diese Korrekturen von dem Betreffenden in einer Liste zusammenstellen und durch den Verfasser, falls er mit ihnen einverstanden ist, autorisieren zu lassen. Für diese Aufgabe schlage ich vor: Genosse Krüger vom Staatssekretariat für Hochschulwesen, der am 1. Juni aus seiner bisherigen Stellung ausscheidet und in den nächsten zwei Monaten dafür Zeit haben würde. Zur Herder-Biographie von Rudolf Haym, Hausmitteilung234 (29. Juli 1953) Ich unterbreitete hiermit folgenden Vorschlag: 1) Von der Herausgabe der Briefe Heinrich Heines im Produktionsjahr 1953 ist abzusehen, und zwar aus folgenden Gründen: a) Eine sorgfältige Prüfung des Briefwechsels von Heine hat ergeben, dass er bei weitem nicht so interessant ist, als dass seine Herausgabe als Ergänzung zu der sechsbändigen Ausgabe der gesammelten Werke Heines nicht noch einen Aufschub von ein bis zwei Jahren duldete. b) Wenn wir den Briefwechsel Heines herausgeben wollen, so können wir meines Erachtens nur eine Gesamtausgabe des Briefwechsels veranstalten, da der Versuch, auszuwählen, außerordentliche Schwierigkeiten bereitet! Eine dieser Schwierigkeiten besteht da rin, dass sich viele »Perlen« in ausführlichen Briefen finden, die daneben eine Fülle völlig belangloser und uninteressanter Dinge enthalten. Eine zweite Schwierigkeit bereitet die Tatsache, dass Heine in den letzten Jahrzehnten seines Lebens vorwiegend eine rein geschäftliche Korrespondenz mit seinem Verleger geführt hat, die kaum noch interessante und wichtige Äußerungen zu Literatur, Politik usw. enthält; die Auswahl des Bedeutsamen würde also dazu führen, dass der frühere Briefwechsel einen unverhältnismäßig breiten Raum einnimmt und von Briefen des späteren Heine sehr wenig 234 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 29. Juli 1953. Hausmitteilung, zu Händen von Wendt und Janka. 1608 Teil XII gebracht wird. Wenn wir uns aber wirklich dazu entschließen sollten, eine Gesamtausgabe des Briefwechsels zu veranstalten, so würde dafür der festgesetzte Umfang von zwei Bänden mit ca. 600 Seiten bei weitem nicht ausreichend. Wir müssten dann mindestens drei Bände herausbringen, und eine solche Papiermenge scheint mir das Projekt wenigstens vorerst nicht wert zu sein. c) Als Druckvorlage käme nur die Ausgabe des Heine-Briefwechsels von Friedrich Hirth in Frage, da alle anderen Ausgaben als veraltet gelten. Nun ist die Hirth-Ausgabe aber urheberrechtlich geschützt, und zwar als philologische Leistung von Hirth; das ist ausdrücklich auf der Rückseite des Titelblattes vermerkt. Da Hirth uns ausgesprochen feindselig gegenübersteht, kann mit einer Lizenz nicht gerechnet werden. Andererseits können wir nicht einfach nachdrucken angesichts der Tatsache, dass unsere gesamtdeutsche Politik im Rahmen des neuen Kurses zu gesteigerter Korrektheit in urheberrechtlichen Fragen zwingt. d) Es wäre nötig, die Ausgabe des Briefwechsels von Heine mit einem umfangreichen Apparat von Erläuterungen, Personen und Ereignisse betreffend, Fremdworterklärungen usw. zu versehen. Dies würde für mindestens vier Monate die volle Arbeitskraft von Kollegen Hofmann und mir in Anspruch nehmen und außerdem die Heranziehung verschiedener Experten zusätzlich erforderlich machen. Ein solcher Aufwand an Arbeitskraft stünde zu dem Ergebnis in keinem Verhältnis. 2) Ich empfehle, statt des Heine-Briefwechsels noch im Produktionsjahr 1953 die zweibändige Herder-Biographie von Rudolf Haym in die Herstellung zu geben, und zwar so rechtzeitig, dass mindestens der erste Band noch im Dezember 1953, zum 150. Todestag Herders, herauskommen kann.235 Es handelt sich bei diesem Werk um eine der bedeutendsten und gründlichsten Leistungen, die die deutsche liberale Philosophie- und Literaturgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert vollbracht hat, und um das biographische Standardwerk über Herder, 235 (AH) Das Projekt wurde (nach einigen Schwierigkeiten ideologischer Art, gegen die die Gutachter Georg Lukács, Paul Rilla und Hans Mayer ins Feld geführt werden mussten) verwirklicht: Haym, Rudolf: Herder. Nach seinem Leben und seinen Werken, 2 Bde., hrsg. v. Wolfgang Harich, Berlin, 1954. Das philosophische und literatur-, wissenschaftsgeschichtliche Erbe Hayms war Harich sehr wichtig. Nach seiner Haftentlassung setzte er sich in den siebziger Jahren erneut für den Druck von dessen Büchern in der DDR ein. Seine entsprechenden Editionspläne finden sich in den Bänden 6.2 und 9. 1609Im Aufbau-Verlag das bis heute unübertroffen ist. Das Werk enthält eine bis ins Detail gehende Beschreibung des Lebens von Herder, seiner sämtlichen persönlichen Beziehungen zu seinen Zeitgenossen, der zeitgeschichtlichen Einflüsse, unter denen er stand, sowie eine zusammenfassende Wiedergabe seiner sämtlichen Werke in chronologischer Reihenfolge. Im Gegensatz zu der bürgerlichen Herder-Literatur des 20. Jahrhunderts, die unter dem Einfluss der imperialistischen Ideologie steht, finden sich in dem Werk Hayms keinerlei obskurantistische Verfälschungen des Vermächtnisses von Herder und keinerlei Unterschlagung von Tatsachen, die seine fortschrittliche Haltung bekunden. Allerdings legt das abschätzige Werturteil, das Haym an einigen Stellen über gewisse politische Äußerungen Herders, zum Beispiel über dessen zeitweilige Bejahung der Jakobiner, fällt, davon Zeugnis ab, dass Haym bis zu einem gewissen Grade unter dem Einfluss des National-Liberalismus stand. Alle diese Stellen sind aber erstens sehr selten und zweitens verwischen sie niemals das, was Herder wirklich getan und gedacht hat. Aus diesem Grunde sind sie harmlos. Wenn Haym zum Beispiel an einer Stelle, schweifwedelnd vor den Hohenzollern, Ausfälle Herders gegen die Monarchie mit der Bemerkung kommentiert, die Monarchie hätte auch heute noch ihr Gutes, und Herders abschätzige Äußerungen über sie seien reichlich übermütig, so vermag ich in dieser offensichtlichen Borniertheit nichts zu sehen, was unsere Leser ideologisch schädlich beeinflussen könnte. Eine weitere Schwäche des Buches von Haym liegt da rin, dass er bestimmte philosophische Leistungen von Herder, in denen – noch verworren – geniale dialektische Erkenntnisse stecken, als Mystizismus abtut, weil er nur die Verworrenheit sieht (dieselbe philosophische Verständnislosigkeit hat Haym übrigens in seinem gegen Hegel gerichteten Buch der Phänomenologie des Geistes gegenüber an den Tag gelegt). Auch in diesem Falle vermag ich hierin nicht Schädliches zu sehen, weil völlig deutlich wird, was Herder selbst gesagt hat und wie Haym da rü ber urteilt. Die Wiedergabe von Herder-Gedanken ist so korrekt und so präzise, dass der Leser, der den Marxismus kennt, sofort die genialen Ansätze zur Dialektik bei Herder wahrnimmt und das verständnislose Urteil Hayms bei Seite schiebt. Selbstverständlich wird es notwendig sein, der Herder-Biographie von Rudolf Haym eine kurze Einleitung voran zu schicken.236 Diese Einleitung würde ich selbst in der 236 (AH) Diese »kurze Einleitung« füllte ein eigenes Buch. Siehe: Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch. Beiträge zur kritischen Aneignung des literaturwissenschaftlichen Erbes, 1610 Teil XII Zeit meines bevorstehenden Urlaubs schreiben. Sie kann bis Anfang September ohne große Schwierigkeiten fertig sein. Ich würde in einem ersten Abschnitt eine kurze zusammenfassende Charakteristik der wichtigsten Leistungen Herders auf philosophischem und literarischem Gebiet geben. In einem zweiten Abschnitt würde ich dann, ausgehend von einer knappen Analyse des problematischen Charakters und der unbestreitbaren Errungenschaften der deutschen liberalen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, auf Rudolf Haym und seine Entwicklung vom Vormärz-Radikalen zum gemäßigten National-Liberalismus bismarckscher Observanz zu sprechen kommen. In einem dritten Abschnitt würde ich schließlich begründen, warum wir das Werk Hayms über Herder herausbringen und sehr scharf die Hauptfehler dieses Werkes kritisieren. Bei dieser Gelegenheit möchte ich nun aber vor allem da rauf aufmerksam machen, dass die Herder-Biographie von Rudolf Haym seit Jahrzehnten eine Rarität darstellt. Das liegt da ran, dass die reaktionären, obskurantistischen Literaturhistoriker der imperialistischen Epoche, die die deutsche Intelligenz im Zeitalter des Imperialismus beeinflussten, das gesamte Erbe der liberalen Literatur-Historiker des 19. Jahrhunderts mit Füßen getreten haben, unter dem Vorwand, es sei weltanschaulich überholt, wegen seines humanistischen Charakters verderblich und wegen seiner wissenschaftlichen Akribie verstaubt und pedantisch. Wenn wir Marxisten bei unseren Bemühungen um eine neue, fortschrittliche Literaturgeschichtsschreibung überhaupt an bereits vorliegende Leistungen auf diesem Gebiet anknüpfen wollen, so müssen wir vor allem das Erbe der liberalen Literaturhistoriker des 19. Jahrhunderts, Gervinus, Hettner und Rudolf Haym, mit Vorbehalten pflegen und kritisch aneignen. Es gibt faktisch nichts Zuverlässigeres über die deutsche Aufklärung und die klassische deutsche Literatur, wenn wir von dem verhältnismäßig Wenigen absehen, was marxistische Literatur-Historiker uns bisher erschlossen haben. Bei der bürgerlich-fortschrittlich eingestellten Intelligenz in ganz Deutschland würde die Ausgrabung der zu Rarität gewordenen Werke von Gervinus, Hettner und Rudolf Haym als eine Kulturtat ersten Ranges empfunden werden. Rudolf Haym ist unter diesen drei Literatur-Historikern derjenige, der das bei weitem meiste Material zu Tage gefördert hat und außerdem am besten über die Wechselbeziehungen von Literatur Berlin, 1955. Teilweise zuerst in der genannten Haym-Edition: Harich: Einleitung, in: Haym: Herder, Bd. 1, S. IX-CVII. (Neuabdr. in: Band 4, S. 311–446. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Rudolf Haym und die bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts, S. 291–310.) 1611Im Aufbau-Verlag und Philosophie in der deutschen Aufklärung und Klassik orientiert war. Aus diesem Grunde sind gerade seine Werke über die Romantische Schule, über Herder und über Wilhelm von Humboldt, also über Themen, die eine literar-historische und eine philosophische Seite haben, für das Verständnis unserer nationalen Kulturtraditionen völlig unentbehrlich. Die Pflege des Vermächtnisses von Rudolf Haym im Aufbau-Verlag, der gleichzeitig die Werke von Georg Lukács herausbringt, würde sehr klar das Bestreben der deutschen Marxisten zum Ausdruck bringen, ein Bündnis mit den fortschrittlichen Traditionen auf dem Gebiet der Literaturgeschichtsschreibung gegen den modernen literar-historischen Obskurantismus herzustellen, wie er in der DDR zum Beispiel durch den Leipziger Literaturhistoriker Korff237 (Geist der Goethezeit) repräsentiert wird. Grundsätzlich möchte ich vorschlagen, dass wir in den nächsten Jahren unter diesem Gesichtspunkt dann auch die Romantische Schule und das Buch über Wilhelm von Humboldt von Haym bei uns herausbringen. 3) Die beiliegende zweibändige Druckvorlage kann so, wie sie ist, in die Herstellung gegeben werden. Es handelt sich um die beste Auflage des Werkes von Haym. Wichtig wäre nur, die zum Teil altertümliche Rechtschreibung Hayms zu modernisieren. 237 (AH) Gemeint ist: Hermann August Korff, geb. am 3. April 1882 in Bremen, gest. am 11. Juli 1963 in Leipzig. Der Geist der Goethezeit ist sein bekanntestes Werk. Siehe: Teil 1: Sturm und Drang, Leipzig 1923, Teil 2, 1: Weltanschauung, Leipzig 1927, Teil 2, 2: Klassik, Leipzig 1930, Teil 3: Frühromantik, Leipzig 1940, Teil 4: Hochromantik, Leipzig 1953, Registerband für alle vier Bände, Leipzig 1957. Harich gehörte zu den Kritikern Korffs, rang sich in der Mitte der fünfziger Jahre aber zu einem durchaus positiven Urteil über dessen wissenschaftliches Werk durch. An Gertrud Lukács schrieb er am 18. September 1955: »Im Urlaub habe ich übrigens den neu erschienenen IV. Band von Korffs Geist der Goethezeit gelesen; zum Teil nicht unbedeutend, muss ich sagen, besonders im Hinblick auf das Hoffmann-Kapitel. Auch die Deutung des West-östlichen Diwan ist nicht übel. Das Obskure, Irratio Propagierende, das den ersten Band charakterisiert, hatte sich bei dem alt gewordenen Korff merklich verloren. Ziemlich elendes Gewäsch ist aber wieder das letzte Kapitel, über die ästhetische Theorie der späten Goethezeit, wo Schelling, Hegel und Schopenhauer auf einen Nenner gebracht werden. Aber bemerkenswert sind die scharf antiobskuren Stellungnahmen zur Entwicklung von Görres, Clemens Brentano, Zacharias Werner etc.« Abgedr. in: Band 9, S. 339. 1612 Teil XII Gutachten zu: Rudolf Haym: Herder – Sein Leben und sein Werk238 (03. August 1953) Die Herausgabe des zweibändigen Werkes Herder – Sein Leben und sein Werk von Rudolf Haym noch im Jahre 1953 ist aus den folgenden Gründen zu empfehlen: 1) Dem Herder-Jubiläum (150. Todestag) kommt, besonders unter dem Gesichtspunkt des neuen Kurses, große Bedeutung zu. Es ist im Sinne der Kulturpolitik unserer Republik dieses Jubiläum in einer Form zu begehen, die eine breite gesamtdeutsche Wirkung gewährleistet. Das genannte Werk sollte als besonderer Beitrag des Aufbau-Verlages aus diesem Anlass neu herausgebracht werden. 2) Es handelt sich um eines der besten und gründlichsten Werke, die die deutsche Literaturgeschichtsforschung im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat. Gleichzeitig ist es das große Standardwerk über Herder und als solches sowohl für die Herder-Forschung, als auch für die Popularisierung von Herders Leben und Werk unentbehrlich. 3) Rudolf Haym war ein deutscher liberaler Gelehrter, der sich vom Vormärzradikalismus zum Nationalliberalismus entwickelte. Den ausgesprochen reaktionären Strömungen in der Literatur und Philosophie seiner Zeit stand er ablehnend gegenüber, so dass seine Bücher (besonders die Werke über die Romantische Schule, über Wilhelm von Humboldt und über Herder) sich sehr vorteilhaft von den reaktionären Verfälschungen des Klassischen Erbes unterscheiden, die in der bürgerlichen Literaturgeschichtsschreibung im 20. Jahrhundert beherrschend sind. Zusammen mit den Leistungen der Literarhistoriker Gervinus und Hettner, seinen Zeitgenossen, gehören die Bücher von Haym durchaus zu dem fortschrittlichen Erbe in der Literaturwissenschaft, das wir pflegen und an das wir kritisch anknüpfen müssen. Selbstverständlich weist die Darstellung des Lebens und der Werke Herders durch Rudolf Haym eine Reihe Fehler auf, die in der Linie der liberalen Anschauungen des Verfassers liegen. Aus diesem Grunde ist es unerlässlich, dem Buch eine kritische Einleitung voranzustellen, die sich, vom Standpunkt des Marxismus ausgehend, mit diesen Fehlern auseinandersetzt. (Ich habe die Absicht, diese Einleitung selbst zu schreiben; sie wird ca. 20 Schreibmaschinenseiten umfassen und bis Mitte September vorliegen.) 238 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 03. August 1953. Adressiert an das »Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1613Im Aufbau-Verlag 4) Das genannte Werk stellt heute in Bibliotheken und Antiquariaten eine ausgesprochene Rarität dar. Es ist seit langen Jahrzehnten nicht mehr schien. Auch ist es deswegen »aus der Mode gekommen«, weil die reaktionären Literarhistoriker des 20. Jahrhunderts das Erbe Rudolf Hayms gerade wegen seiner fortschrittlichen Seiten ver leum de ten. Internes Gutachten zu F. C. Weiskopf: Verteidigung der deutschen Sprache239 (1953) Ich habe das Manuskript gelesen und halte es im Großen und Ganzen für einen au- ßerordentlich wertvollen Beitrag zur Pflege und Reinigung der Literatursprache. Etwas oberflächlich ist das Karl Krauss gewidmete Kapitel (Hohe Schule und Sprache), und nicht ganz mein Geschmack sind die Vorschläge, die zum Schluss zur Wiederbelebung ungebräuchlich gewordener Wörter gemacht werden. Aber das sind keine wesentlichen Einwände. Vorschläge für den Perspektiv-Plan des Aufbau-Verlages240 (15. Januar 1954) I. Klassiker der deutschen Literatur 1) Gellert, Fabeln und Erzählungen 2) Klopstock, Auswahl (2 Bd.) 3) Wieland, Auswahl (enthaltend mindestens: Abderiten, Musarion, Oberon, Agathon) 4) Herder, Gesammelte Werke 5) Ausgewählte Dramen des Sturm und Drang (2 bzw. 3 Bd.) 6) Joh. Chr. Günther, Gedichte (Gesamtausgabe in 1 Bd.) 7) Goethe, Gesammelte Werke (15 Bd.) 8) Hölderlin, Gesammelte Werke (4 Bd.) 9) E. T. A. Hoffmann, Gesammelte Werke 10) Kleist, Gesammelte Werke (3 Bd.) 11) Clemens Brentano, Auswahl (2 bzw. 3 Bd.) 239 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert oder adressiert, vermutete Entstehung um 1953. 240 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 15. Januar 1954, adressiert »An den Aufbau-Verlag, Lektorat, z. Hd. Herrn Max Schroeder«. 1614 Teil XII 12) Eichendorff, Gesammelte Werke 13) Hauff, Gesammelte Werke 14) Börne, Gesammelte Werke 15) Platen, Auswahl (1 bzw. 2 Bd.) 16) Hebbel, Dramen (Auswahl in ca. 4 Bd.) 17) Stifter, Nachsommer 18) Stifter, Witiko 19) Grillparzer, Auswahl (in 2 bzw. mehr Bänden) 20) Theodor Storm, Gesammelte Werke 21) Gottfried Keller, Gesamtausgabe 22) Theodor Fontane, Gesamtausgabe 23) Uhland (1 Bd.) 24 Rückert (1 Bd.) 25) Chamisso (1 Bd.) 26) Tieck, Auswahl (2 Bd.) 27) Achim von Arnim, Auswahl (2 Bd.) 28) Mörike (1 Bd.) 29) Otto Ludwig (1 Bd.) 30) Raimund (1 Bd.) 31) Nestroy, mehrbändige Auswahl 32) Droste-Hülshoff, Gesammelte Werke 33) Gutzkow (2 Bd.) 34) Immermann, Gesammelte Werke 35) Grabbe, Gesammelte Werke (4 Bd.) 36) Goethe-Schiller, Briefwechsel 37) Jean Paul, Auswahl (5 Bd.) 38) Raabe, Gesammelte Werke 39) Wilhelm Busch, 2 Alben Auswahl 40) Anthologie deutscher Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart II. Klassiker des Auslandes 1) Aischylos, Dramen 2) Sophokles, Dramen 3) Euripides, Dramen 4) Aristophanes, Dramen 5) Homer, Ilias, Odyssee 6) Vergil, Aeneis 1615Im Aufbau-Verlag 7) Properz, Elegien 8) Horaz, Satiren, Epoden, Oden, Episteln, ars poetica 9) Ovid, ars amandi, amores, Metamorphosen 10) Juvenal, Satiren 11) Terenz, Komödien 12) Plautus, Komödien 13) Sueton, Kaiserbiographien 14) Boccaccio, Dekameron 15) Shakes peare, Gesammelte Werke 16) Swift, Gesammelte Werke 17) Dickens, Ausgewählte Werke (8–10 Bd.) 18) Thackeray, Gesammelte Werke 19) Stendhal, Gesammelte Werke 20) Balzac, Gesammelte Werke 21) Flaubert, Gesammelte Werke 22) Zola, Gesammelte Werke 23) L. Tolstoi, Gesamtausgabe 24) Strindberg, Auswahl (ca. 8–10 Bd.) 25) Ibsen, Gesammelte Werke (6 Bd.) 26) J. P. Jacobsen, Auswahl (2 Bd.) 27) Gustaf af Geijerstam, Auswahl, naturalistische Frühwerke III. Billige Klassiker-Volksausgaben 1) Dramen der griechischen Antik (2 Bd.) 2) Shakes peare, Dramen (2 bzw. 3 Bd.) 3) Goethe, Gedichte, Dramen, Romane (3 Bd.) 4) Schiller, Gedichte, Dramen (3 Bd.) 5) Lessing, Gedichte, Dramen, Auswahl kritischer Prosa (3 Bd.) 6) E. T. A. Hoffmann, Meisternovellen (1 Bd.) 7) Heine, Gedichte, Prosaauswahl (3 Bd.) 8) Kleist, Dramen, Michael Kohlhaas (1 Bd.) 9) Herwegh, Freiligrath, Weerth, Gedichte (1 Bd.) 10) Storm, Novellen (2 Bd.) 11) Fontane, Romane (3 Bd.) 12) Keller, Novellen, Grüner Heinrich (3 Bd.) 13) Gerhart Hauptmann, Dramen (1 Bd.) 14) Puschkin, Auswahl (1 Bd.) 1616 Teil XII 15) Ostrowski, Dramen (1 Bd.) 16) Molière, Dramen (2 Bd.) IV. Neuere deutsche Literatur 1) Wedekind, Auswahl 2) Schnitzler, Auswahl 3) Arno Holz, Auswahl 4) Liliencron, Auswahl 5) Hofmannsthal, Auswahl 6) Rilke, Auswahl 7) Hesse, Gesammelte Werke 8) Werfel, Barbara, Abituriententag, Vierzig Tage des Musa Dagh, Verdi-Roman 9) Wassermann, Caspar Hauser 10) Stefan Zweig, Novellen (Amok usw.) 11) Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz 12) Ina Seidel, Das Labyrinth (Georg-Forster-Roman) 13) Hermann Stehr, Frühe Erzählungen (wie Der Schindelmacher, Leonore Griebel, Drei Nächte) 14) Franz Kafka, Das Schloss (mit einem Nachwort gegen den westlichen Kafka-Missbrauch) 15) Franz Kafka, Novellen und kleinere Erzählungen V. Neuere ausländische Literatur 1) Hemingway, Fiesta, A Farewell to Arms 2) Bernard Shaw, Gesammelte Werke 3) W. St. Reymont, Die Bauern 4) Galsworthy 5) Sinclair Lewis 6) Hamsun, Hunger, Victoria, Das letzte Kapitel, Wanderer-Trilogie, Landstreicher, August Weltumsegler, Nach Jahr und Tag VI. Geschichte der Literatur, der Philosophie usw. 1) Rudolf Haym, Herder 2) Rudolf Haym, Die romantische Schule 3) Rudolf Haym, Wilhelm von Humboldt 4) Rudolf Haym, Hegel 5) C. Justi, Winckelmann 6) H. Hettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts 7) Gervinus, Geschichte der Nationalpoesie der Deutschen 1617Im Aufbau-Verlag 8) Georg Brandes, Hauptströmungen usw. 9) Rosenkranz, Diderot 10) Rosenkranz, Hegels Leben 11) Rosenkranz, Goethe und seine Werke 12) D. F. Strauss, Voltaire 13) D. F. Strauss, Ulrich von Hutten 14) D. F. Strauss, Reimarus 15) Lotze, Geschichte der Ästhetik in Deutschland 16) Georg Brandes, Goethe 17) Georg Brandes, Voltaire VII. Philosophie A. Neuere Denker 1) Ernst Bloch, Gesamtausgabe, in Einzelbänden, sukzessive 2) Georg Lukács, Gesamtausgabe B. Kleine Serie 1) Loewy, Literatur und Realität 2) Gropp, Marxistische dialektische Methode und ihr Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels 3) Fogarasi, Sammlung kleiner Aufsätze 4) Gehlen, Zur Systematik der Anthropologie (mit einem Vorwort von Harich) C. Klassisches Erbe aus Philosophie und Geschichte 1) Tschernyschewski, Beziehungen der Kunst zur Wirklichkeit (Düwel, Lukács) 2) Kant, Frühwerke (Klaus) 3) Holbach, System der Natur (Harich, Plechanow) 4) Dietzgen, Ausgewählte philosophische Schriften (Mende) 5) La Mettrie, Philosophische Schriften (Antkowiak) 6) Hegel, Ästhetik (Lukács) 7) Lukrez, Über die Natur der Dinge (Diels, Luschnat) 8) Diderot, Philosophische Schriften (Lücke) 9) Diderot, Ästhetische Schriften (Lücke) 10) Vico, Nuova scienza (Einleitung, Joachim Krüger) 11) Voltaire, Ausgewählte philosophische Schriften (Girnus) 12) Platon, Ausgewählte Dialoge (Harich) 13) Aristoteles, Metaphysik (Bloch) 14) Fragmente der Vorsokratiker (Luschnat) 15) Morus, Utopia (Kautsky) 1618 Teil XII 16) Feuerbach, Pierre Bayle 17) Feuerbach, Leibniz 18) Saint-Simon 19) Fourier D. Beiträge zur Philosophischen Bibliothek (Allgemeine Philosophie) 1) Kant, Träume eines Geistersehers 2) Helvétius, Über den Geist, Über den Menschen 3) Spinoza, Theologisch-politischer Traktat 4) Rousseau, Über die Künste und Wissenschaften, Über den Ursprung der Ungleichheit, Der Gesellschaftsvertrag 5) Herder, Über den Ursprung der Sprache, Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, Kalligone 6) Condillac, Abhandlung über die Empfindungen 7) Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht 8) Kant, Streit der Fakultäten 9) Lessing, Jacobi, Herder, Mendelssohn, Goethe, Kant, Beiträge zum Spinozastreit, 1781–1787 10) Hegel, Theologische Jugendschriften 11) Wilhelm von Humboldt, Ausgewählte philosophische Schriften 12) Einzelausgaben der Dialoge Platons 13) Bruno, Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen 14) Locke, Über den menschlichen Verstand 15) Cieszkowski, Prolegomena zur Historiographie E. Beiträge zur Philosophischen Bibliothek (Ästhetik) 1) Aristoteles, Poetik 2) Boileau, L’Art poétique 3) Batteux, Cours de belles-lettres 4) Hume, Ästhetik aus den Elements of Critique 5) Burke, Ursprung unserer Ideen über das Erhabene und Schöne 6) Diderot, Ästhetische Schriften 7) Kant, Gefühl des Erhabenen und Schönen 8) Baumgarten, Ästhetik 9) Sulzer, Theorie der schönen Künste 10) Kant, Kritik der Urteilskraft (1. Teil) 11) Herder, Kalligone 1619Im Aufbau-Verlag 12) Schelling, Philosophie der Kunst 13) Schiller, Die wichtigsten ästhetischen Schriften 14) Hegel, Einleitung zur Ästhetik 15) Jean Paul, Vorschule der Ästhetik 16) Solger, Erwin 17) Solger, Vorlesungen über Ästhetik 18) Heine, Französische Maler 19) Vischer, Ästhetik 20) Rosenkranz, Ästhetik des Hässlichen 21) Arnold Ruge, Neue Vorschule der Ästhetik 22) Lotze, Geschichte der Ästhetik in Deutschland 23) Tschernyschewski, Beziehungen der Kunst zur Wirklichkeit 24) Dobroljubow, Beiträge zur Ästhetik 25) Belinski, Beiträge zur Ästhetik 26) Groos, Der ästhetische Genuss VIII. Geschichte 1) Mathiez, Lefèbvre, Geschichte der Französischen Revolution Gutachten zu: Kant: Träume eines Geistersehers241 (16. März 1954) Sehr geehrte Herren! Der Aufbau-Verlag will mit der Schrift Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik von Immanuel Kant seine seit längerer Zeit geplante Schriftenreihe Philosophische Bücherei eröffnen. Es handelt sich bei dieser Schrift um das letzte und am stärksten antitheologische Werk, das Kant vor seinem Übergang zu der so genannten »kritischen« Periode, das heißt zu seinem transzendentalen Idealismus, verfasste. Kant zieht in dieser Schrift eine Parallele zwischen den Hirngespinsten des »Geistersehers« Swedenborg und den theologischen Tendenzen der deutschen Schulmetaphysik des 18. Jahrhunderts, um gegen beide vom Standpunkt der bürgerlichen Aufklärung zu polemisieren. 241 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 16. März 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1620 Teil XII Wie allen späteren Publikationen dieser neuen Reihe, wird auch den Träumen eines Geisterseher von Kant eine kurze Einschätzung des Werkes, unter besonderer Berücksichtigung seiner zeitgeschichtlichen Bedeutung, vorangestellt und am Ende des Bandes eine kurze Darstellung der wichtigsten Lebensdaten und Werke des Verfassers gegeben. Beides stammt in diesem Falle von dem neuen Mitarbeiter des Aufbau-Verlages, Dr. Dr. Friedrich Bassenge. Hochachtungsvoll Gutachten zu: Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik242 (28. April 1954) In seiner Reihe Klassisches Erbe aus Philosophie und Geschichte will der Aufbau-Verlag die berühmte Ästhetik von Hegel (genauer Titel: Vorlesungen über die Ästhetik) mit einem einleitenden Essay von Georg Lukács herausbringen. Die Hegelsche Ästhetik bedeutet auf dem Gebiet der Kunstphilosophie den Gipfelpunkt des bürgerlichen Denkens. Die Klassiker des Marxismus haben sie hoch geschätzt und deshalb ihr eingehendes Studium empfohlen. »Man werde«, schreibt Engels einmal in einem Brief, »über ihren reichen Inhalt staunen«. Die materialistische Umstülpung der Hegelschen Ästhetik ist heute im einzelnen noch nicht geleistet. Die Einleitung von Georg Lukács macht die Wichtigkeit dieser Aufgabe und die bei Marx und Engels, Lenin und Stalin vorhandenen entscheidenden Ansätze zu ihrer Lösung klar. Das Neuerscheinen des Werkes soll die Bewältigung dieser Aufgabe fördern.243 Zu bemerken ist, dass eine Einzelausgabe der Hegelschen Ästhetik, die deren vollständigen Inhalt bringt, noch niemals existiert hat. Das Werk ist bisher vollständig nur als Teil der großen Gesamtausgabe oder aber in Auswahlbänden außerordentlich stark gekürzt erschienen. Der einleitende Essay von Georg Lukács wurde zuerst vor einigen Jahren als Einleitung zu der ungarischen Ausgabe der Hegelschen Ästhetik in der Volksrepublik Ungarn veröffentlicht und später in Deutschland in der Zeitschrift Sinn und Form abgedruckt. 242 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 28. April 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 243 (AH) Siehe die entsprechenden Briefe von Harich an Lukács (in: Band 9). Dort auch ausführliche Verweise zur Ästhetik Hegels. 1621Im Aufbau-Verlag Gutachten zu: Heinrich von Kleist: Gesammelte Werke244 (30. April 1954) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, im Rahmen seiner Klassiker-Ausgaben die Gesammelten Werke von Heinrich von Kleist neu herauszugeben. Die Ausgabe wird vier Bände umfassen: 1. Band: Einleitung des Herausgebers, Gedichte, Dramen; 2. Band: Dramen; 3. Band: Prosawerke; 4. Band: Briefe. Die textkritische Bearbeitung und die Kommentierung besorgte Peter Goldammer. Als Herausgeber zeichnet Prof. Dr. Heinrich Deiters, der auch die Einleitung verfasst. Die einzelnen Bände sollen zwischen Mai und September 1954 sukzessive einzeln in Satz gegeben werden. In der Anlage überreichen wir den 4. Band, der den Briefwechsel enthält. Gutachten zu: Holbach: System der Natur245 (19. Juli 1954) Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um das Hauptwerk des französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts. Das Buch ist seit den vierziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts, wo es auch nur in einer verstümmelten Übersetzung herauskam, nicht mehr in deutscher Sprache erschienen. Es soll jetzt in unserer Serie Klassisches Erbe aus Philosophie und Geschichte Aufnahme finden – als ein Beitrag zur Pflege der Traditionen materialistischer Philosophie. Dem Werk werden in der Ausgabe des Aufbau-Verlages vorangestellt eine Darstellung von Holbachs Leben und Zeit, verfasst von Dr. Edith Zenker, und als Einführung in den gedanklichen Gehalt des System der Natur der bekannte Holbach-Essay von G. W. Plechanow, aus dessen Beiträgen zur Geschichte des Materialismus. 244 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 30. April 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 245 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 19. Juli 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1622 Teil XII Zu Heinrich und Marie Simons: Die alte Stoa und ihr Naturbegriff, Hausmitteilung246 (24. August 1954) Bei dem Buch Die alte Stoa und ihr Naturbegriff von Heinrich und Marie Simon handelt es sich um die umgearbeitete und erweiterte, zu einem geschlossenen Ganzen zusammengefügte Fassung der Dissertationen, mit denen die beiden Autoren im vorigen Jahr die Würde des Doktors der Philosophie erworben haben. Beide sind Dozenten der Berliner Humboldt-Universität. Dr. Heinrich Simon als Spezialist für mittelalterliche, Dr. Marie Simon für hellenistisch-römische Philosophie. Das Buch stellt den ersten Versuch deutscher Marxisten dar, ein wichtiges Kapitel der antiken Philosophie auf der Grundlage des dialektischen und historischen Materialismus zu behandeln. Es ist eine, schon aus diesem Grunde zu beachtende interessante und von reicher Materialkenntnis getragene Arbeit, die zentrale theoretische Probleme der Stoiker in einem neuen und aufschlussreichen Sinne beleuchtet. Das Buch wurde vom Koll. Bassenge und mir gelesen und als geeignet befunden, in unserem Verlag zu erscheinen. Dr. Bassenge hat in seinem Gutachten einige Einwände zu zentralen Fragen geltend gemacht, die inzwischen mit den Verfassern diskutiert und von ihnen zum größten Teil bei einer nochmaligen Überarbeitung bestimmter Teile des Manuskripts berücksichtigt wurden. In seiner gegenwärtig vorliegenden Fassung kann das Manuskript als druckreif betrachtet werden. Gutachten zu: Herder: Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft247 (08. September 1954) Als Band 4 unserer kleinen Philosophischen Bücherei wollen wir die Schrift Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft von Johann Gottfried Herder veröffentlicht. Das Werk stammt aus dem Jahre 1799. Es handelt sich um eine ausführliche Streitschrift Herders gegen das kritizistische Hauptwerk Kants und enthält wertvolle materialistische Argumente. Diese Schrift Herders, die seit Jahrzehnten nicht mehr erschienen und heute weithin unbekannt ist, hat unter anderem Anlass dazu gegeben, dass die philo- 246 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 24. August 1954. Hausmitteilung, an die Verlagsleitung. 247 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 08. September 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1623Im Aufbau-Verlag sophische Leistung Herders von der neukantianisch beeinflussten bürgerlichen Philosophie-Geschichtsschreibung im allgemeinen außerordentlich geringschätzig behandelt wurde. Obwohl die Schrift auch eine Reihe von Verworrenheiten enthält und der Größe Kants nicht gerecht wird, enthält sie doch so viele richtige Gesichtspunkte, dass ihre Neuherausgabe als ein Beitrag zur Pflege verschütteter materialistischer Traditionen in der deutschen Philosophie gewertet werden muss. Der Neuausgabe ist eine kurze Einleitung von Friedrich Bassenge vorangestellt, in der zum ersten Mal versucht wird, der Arbeit Herders vom Standpunkt der heutigen, wissenschaftlich-materialistischen Philosophie gerecht zu werden. Wie allen Bänden der kleinen Philosophischen Bücherei des Aufbau-Verlages werden auch diesem Band die Lebensdaten des Verfassers hinzugefügt. Gutachten zu: Johannes R. Becher: Im Blühen der Welt (Poetische Konfession, II)248 (30. November 1954) Bei dem neuen Werk Johannes R. Bechers, das der Aufbau-Verlag unter dem angegebenen Titel herauszubringen beabsichtigt, handelt es sich um die Fortsetzung der früher erschienenen Bände Verteidigung der Poesie und Poetische Konfession; wie in diesen, setzt sich der Dichter auch in dem neuen Buch in ständiger Weiterführung und Vertiefung seiner demokratischen Auffassung der Dichtung mit dem Problem der Literatur auseinander, wobei auch hier im Mittelpunkt wieder die Überlegung steht, dass in einer Zeit, in der das Prinzip des Menschlichseins bedroht ist, »das Lebensrecht der Poesie nur im Zusammenhang mit den Rechten verteidigt werden kann, die uns erlauben, Menschen zu sein«. Durch die umfassende Begründung dieses Bekenntnisses, die in der lockeren, scheinbar ungeordneten Form von Tagebuchnotizen gegeben wird, gehört Im Blühen der Welt zu den wichtigsten Selbstzeugnissen bedeutender fortschrittlicher Repräsentanten unserer Zeit. 248 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 30. November 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1624 Teil XII Gutachten zu: Heinrich von Kleist: Gesammelte Werke, Band III249 (03. Dezember 1954) Der Aufbau-Verlag gibt jetzt von der in Vorbereitung befindlichen Ausgabe der Gesammelten Werke Heinrich von Kleist den 3. Band in die Herstellung. Der Band enthält die erzählenden Werke Kleists und seine kleinen Schriften, da run ter die Anek do ten, die politischen, philosophischen und literaturkritischen Schriften. Der Band ist wieder von unserer Mitarbeiter Peter Goldammer mit erläuternden Fußnoten und mit Schlussanmerkungen, die über Motivgeschichte und Entstehung der einzelnen Werke Aufschluss geben, versehen. Projektvorschlag: Ausgabe der Werke E. T. A. Hoffmanns250 (14. Januar 1955) Ich erlaube mir, der Verlagsleitung hiermit den folgenden Vorschlag zu unterbreiten: 1) Im Jahre 1956/1957 eine Ausgabe der erzählenden Werke von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann herauszugeben; 2) mit der Auswahl, der Bearbeitung und Zusammenstellung der Texte, der Abfassung der Einleitung und der Schlussanmerkungen für die einzelnen Bände mich zu beauftragen und mit mir demnächst hierüber einen entsprechenden Herausgebervertrag abzuschließen. Ich habe vor einigen Wochen damit angefangen, systematisch noch einmal die Werke E. T. A. Hoffmanns, die mir übrigens aus früherer Lektüre zum großen Teil ziemlich gut bekannt sind, sowie die bisher erschienenen literaturwissenschaftlichen Arbeiten über Hoffmann zu lesen. Ich bin dabei mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass die Vorbereitung einer neuen Hoffmann-Ausgabe durch unseren Verlag in absehbarer Zeit ein dringendes Erfordernis ist. Es wäre mir lieb, wenn der Herausgebervertrag noch im Juli dieses Jahres abgeschlossen werden könnte. Zum 1. Juli könnte ich einen Gesamtplan für die Ausgabe, die Auswahl und die Disposition der einzelnen Bände betreffend, vorlegen und im Anschluss da ran, sobald dieser Plan bestätigt ist, die Arbeit in Angriff nehmen. (Vor dem 1. Juli käme 249 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 03. Dezember 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 250 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 14. Januar 1955. Adressiert an »Aufbauverlag, Verlagsleitung, zu Händen Herrn Walter Janka«. 1625Im Aufbau-Verlag ich in Folge der Arbeiten an der Lessing-Ausgabe und anderer Verpflichtungen nicht dazu.) Der Plan würde fünf, höchstens sechs Bände mit einem Umfang von ca. 400 bis 600 Seiten im Format unserer üblichen Klassikerausgaben (Heine, Lessing, Schiller, Kleist) vorsehen. Ich würde den Plan so gestalten, dass die musikkritischen und literaturtheoretischen Schriften Hoffmanns (da run ter auch die Gespräche der Serapionsbrüder) sowie die Briefe und Tagebücher zunächst entfallen würden. Im Bedarfsfalle könnten sie dann in späteren Jahren in zwei bis drei Ergänzungsband hinzugefügt werden. Zum Terminplan: Ein Band könnte bereits im September 1955 ein zweiter im November 1955 in die Herstellung gegeben werden. Die restlichen drei bzw. vier Bände könnten in den ersten beiden Quartalen 1956 folgend. Die fertige Einleitung könnte ich bis zum 1. Juli 1956 liefern. Sie würde vier bis fünf Bogen umfassen und dem ersten Band vorangestellt werden. Zu jedem Bande würde ich Schlussanmerkungen liefern, die jeweils zusammen mit dem fertig bearbeiteten Manuskript des betreffenden Bandes in Satz gegeben werden könnten. Die Bände könnten einzeln auf Subskription ausgeliefert werden, der mit der Einleitung versehene Band 1 als letzter (wie bei Schiller). Unter dieser Vo raus set zung könnten vier Bände im Laufe des Jahres 1956, der fünfte bzw. der fünfte und sechste 1957 ausgeliefert werden. Hinsichtlich der Honorierung möchte ich die folgenden Vorschläge unterbreiten: 1) Für die Auswahl, Zusammenstellung und Textbearbeitung zahlt der Verlag mir 150,– DM pro Druckbogen, jeweils zahlbar dann, wenn dem betreffenden Bande das Imprematur erteilt wird, und zwar für den betreffenden Band. 2) Für die Einleitung erhalte ich 1000,– DM pro Druckbogen. Über die Veröffentlichung einer erweiterten Fassung der Einleitung in Buchform müsste, falls sie in Frage kommt, gesondert Vertrag gemacht werden. 3) Für die Schlussanmerkungen, die jeweils einen, höchstens zwei Bogen pro Band umfasst werden, erhalte ich 400,– DM pro Bogen, zahlbar, wenn der betreffende Band imprimiert wird. Die gesamte Redaktionsarbeit an der Ausgabe würde ich in diesem Falle selbst übernehmen, also nicht die Mitarbeit eines Kollegen vom Lektorat beanspruchen. Da in der Einleitung auch musiktheoretische Dinge zur Sprache kommen müssen, Hoffmann war bekanntlich auch Komponist und war als Musikkritiker ein Bahnbrecher Beethovens, wird es erforderlich sein, zur Beratung und Begutachtung der entsprechenden 1626 Teil XII Ausführungen noch ein oder zwei Fachleute auf diesem Gebiet gegen angemessene Vergütung heranzuziehen. Ich bitte, zu gegebener Zeit auf diese Vorschläge zurückzukommen und mir eine diesbezügliche Unterredung zu gewähren. Gutachten zu: Alexander Abusch: Friedrich Schiller – Größe und Tragik eines deutschen Genius251 (17. Februar 1955) Unser Verlag will aus Anlass des 150. Todestages von Friedrich Schiller ein neues Buch des Stellvertreters des Ministers für Kultur, Alexander Abusch, mit dem Titel Friedrich Schiller – Größe und Tragik eines deutschen Genius herausbringen. Es handelt sich um eine Schiller-Biographie, der in den siebzehn verschiedenen Kapiteln Interpretationen der Werke eingefügt sind. Die Darstellung erfolgt auf marxistischer Grundlage, zum ersten Mal seit der in vielem fehlerhaften Schiller-Biographie von Franz Mehring, ist aber in der Form nicht streng wissenschaftlich gehalten, sondern wendet sich an breiteste Leserkreise, denen Leben und Werk des Dichters nahe gebracht werden sollen. Da das Buch unbedingt pünktlich zu den Schiller-Gedenktagen im Mai bereits ausgeliefert sein soll, war es erforderlich, das Manuskript nach Durchführung der Redaktionsarbeiten kapitelweise laufend in Satz zu geben, ohne es vorher dem Amt für Literatur und Verlagswesen zu eventueller Prüfung unterbreitet zu haben. Aus dem gleichen Grunde kann dieses Gutachten erst jetzt nachgereicht werden. Wir stellen anheim, während der Herstellarbeit ein Fahnenexemplar von uns anzufordern, bitten aber, uns jetzt schon Satz- und Druckgenehmigung erteilen zu wollen. 251 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 17. Februar 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1627Im Aufbau-Verlag Gutachten zu: Emil Utitz: Egon Erwin Kisch, der klassische Journalist252 (26. Februar 1955) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, zum 70. Geburtstag des großen Reporters Egon Erwin Kisch das Werk von Emil Utitz Egon Erwin Kisch, der klassische Journalist herauszugeben. Emil Utitz, Professor der Ästhetik in Prag, kennt Leben und Werk Kischs aus jahrzehntelangem freundschaftlichen Umgang sehr genau. Seine Monographie gibt eine eingehende Einführung in die Prager Atmosphäre, in der der junge Kisch aufwuchs und seine ersten Erfolge hatte. Neben der Wiedergabe einzelner neuer biographischer Details hat dieses Buch aber in der Hauptsache eine Würdigung der menschlichen Größe und politischen Haltung Kischs im Sinne. Außerdem versucht Emil Utitz – eigentlich als erster – eine ausführliche Interpretation der Reportagen und sonstigen Werke seines Freundes. Nicht zuletzt bemüht sich Utitz auch um eine ästhetische Beurteilung der Reportage als Kunstform. Wir halten dieses Buch für einen wesentlichen Beitrag zur Ergänzung des Kisch-Bildes. Gutachten zu: Jean Jacques Rousseau: Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen253 (15. März 1955) Im Rahmen seiner kleinen Philosophischen Bücherei will der Aufbau-Verlag die Schrift von Jean Jacques Rousseau Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen herausgeben. Dieses Buch, das bedeutendste und einflussreichste Werk des demokratischen Flügels der französischen Aufklärung, das unmittelbar der ideologischen Vorbereitung der Französischen Revolution diente, ist seit dem 18. Jahrhundert, als Moses Mendelssohn eine völlig unzulängliche Übersetzung vorlegte, nicht mehr in deutscher Sprache erschienen. Das vorliegende Manuskript kann also die erste einwandfreie deutsche Übersetzung der epochemachenden Schrift genannt werden. Als Herausgeber zeichnet Peter Goldammer, der dem Buch eine ausgezeichnete 16 Seiten lange historische und kritische Würdigung vom Standpunkt des Mar- 252 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 26. Februar 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 253 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 15. März 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1628 Teil XII xismus-Leninismus voranstellt und auch die Lebensdaten, die wieder am Schluss des Bandes gebracht werden, verfasst hat. Gutachten zu: Helvétius: Philosophische Werke, I. und II. Band254 (24. März 1955) Der Aufbau-Verlag wird jetzt den ersten Band der zweibändigen Ausgabe der Philosophischen Werke von Claude Adrien Helvétius die Herstellung geben. Der Band wird ein kurzes biographisches Vorwort der Herausgeberin und Übersetzerin, Dr. Edith Zenker, als Einführung den Essay über Helvétius von G. W. Plechanow und das erste der beiden großen philosophischen Werke von Helvétius, Vom Geist, enthalten. Es handelt sich hier um eine der bedeutendsten und scharfsinnigsten Leistungen des französischen Materialismus und Atheismus des 18. Jahrhunderts, um ein Buch, das insbesondere im Kampf gegen religiöse Vorurteile auch heute noch von großem Wert ist. Vom Geist von Helvétius ist seit der noch von Gottsched herausgegebenen deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1760, also seit fast 200 Jahren, nicht mehr in deutscher Sprache erschienen, was die Dringlichkeit seiner Neuherausgabe im Sinne der Pflege und Wiederbelebung vergessener Traditionen der materialistischen Philosophie in unserer Republik noch unterstreicht. Das vorliegende Manuskript stellt eine durch sorgfältigen Vergleich mit dem französischen Original hergestellte vollständige Neubearbeitung der ersten deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1760 dar. Die Vorbemerkung der Herausgeberin befindet sich zur Zeit noch in Arbeit, kann also erst in ein paar Wochen nachgeliefert werden. Diese Vorbemerkung wird lediglich die biographischen Tatsachen darstellen, die in dem Essay von Plechanow keine Berücksichtigung finden. Der Sinn der Aufnahme des Plechanowschen Essays ist es, dem Band gleich eine marxistische Kritik an Helvétius hinzuzufügen. Der in Vorbereitung befindliche zweite Band der Philosophischen Werke von Helvétius wird dessen Werk Vom Menschen enthalten. 254 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 24. März 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1629Im Aufbau-Verlag Projektvorschlag zur Anthropologie255 (19. April 1955) Lieber Genosse Janka! Ich würde gerne mit dem Aufbau-Verlag über den folgenden Titel einen Vertrag abschließen: Wolfgang Harich: Zur Grundlegung der Anthropologie. Es handelt sich um eine philosophische Arbeit, die ursprünglich für die im Deutschen Verlag der Wissenschaften erscheinende Festschrift für Ernst Bloch gedacht war, für diesen Zweck aber viel zu lang geraten ist – über 200 Schreibmaschinenseiten – und aus sachlichen Gründen nicht sich kürzen lässt, dort also nicht abgedruckt werden kann. Sie umfasst die Kapitel: Vorwort; I. Terminologisches, Äquivokationen; II. Das Problem der Gegenstandsbestimmung; III. Das Problem der Klassifikation der Wissenschaften und die Anthropologie; IV. Zur Geschichte der Anthropologie; V. Exkurs über das Verhältnis von Philosophie und positiver Wissenschaft; VI. Der Biologismus als exemplarischer Gegner; VII. Marxismus und Anthropologie; VIII. Anthropologische Abstraktion und historische Konkretheit; IX. Mensch und Arbeit; Literaturverzeichnis; Register. – Fertig sind die Kapitel I–VIII, die zusammen eine in sich geschlossene Arbeit ergeben, die aber zweckmäßigerweise noch durch das erst im Rohzustand befindliche IX. Kapitel und ein Vorwort ergänzt wird. Ich würde mich verpflichten, das Ganze in endgültiger Fassung am 1. Juli dieses Jahres druckfertig zu liefern. Das Buch könnte in derselben Aufmachung wie Rudolf Haym und sein Herderbuch hergestellt werden und würde auch etwa denselben Umfang haben, vorausgesetzt, dass dieselbe Schrift gewählt wird. Als Auflage würde ich 5000 Exem plare empfehlen. Als Gutachter schlage ich im Hause Dr. Bassenge und Genossen Caspar, außerhalb des Hauses Genossen Matthäus Klein vom Gesellschaftswissenschaftlichen Institut beim ZK der SED vor. Mit sozialistischen Gruß! 255 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 19. April 1955. Adressiert an »Aufbauverlag, Verlagsleitung, zu Händen Herrn Walter Janka«. Im Archiv des Aufbau-Verlages befindet sich ein weiterer Durchschlag dieses Briefes, dort mit dem handschriftlichen Vermerk »einverstanden«, offensichtlich von Janka. 1630 Teil XII Gutachten zu: Tschernyschewski: Das anthropologische Prinzip256 (13. Juni 1955) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, als 8. Band seiner kleinen Philosophischen Bücherei zwei der wichtigsten philosophischen Arbeiten des russischen revolutionären Demokraten N. G. Tschernyschewski herauszugeben. Es handelt sich um die folgenden Werke: 1) Das anthropologische Prinzip in der Philosophie, die umfassendste Darlegung der materialistischen Anschauungen Tschernyschewskis, die uns überliefert ist; 2) Zur Kritik der philosophischen Vorurteile gegen den ländlichen Gemeinbesitz, diejenige Schrift, in der Tschernyschewski unabhängig von Marx und Engels einen Versuch unternimmt, die Hegelsche Dialektik materialistisch umzudenken und mit dem Gedankengut des Utopischen Sozialismus zu verbinden, das er zugleich auf das Problem der russischen Dorfgemeinde anwendet. Die erstgenannte Arbeit war bisher für den deutschen Leser nur in der inzwischen vergriffenen Ausgabe der Ausgewählten Philosophischen Schriften Tschernyschewskis erhältlich; sie verdient unbedingt, gesondert herausgegeben zu werden. Die zweite Arbeit ist bisher in deutscher Sprache überhaupt noch nicht erschienen. Wir werden beide Arbeiten unter dem Sammeltitel Das anthropologische Prinzip veröffentlichen. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Alfred Kurella, die kurze marxistische Einführung und die Lebensdaten am Schluss des Bandes stammen von unserer Mitarbeiter Wolf Düwel, der zugleich als Herausgeber zeichnet. Um baldige Druckgenehmigung wird gebeten. Brief an Emil Utitz257 (22. Juli 1955) Wir danken Ihnen herzlich für Ihre letzten beiden Briefe und die Übersendung Ihres Lebensabrisses. Bei dieser Gelegenheit möchten wir Sie noch von dem Fortgang der Arbeit an Ihrem Buch unterrichten: Bis auf die letzten drei Fahnen ist Ihr Buch in Umbruch gegangen. Die letzten drei Fahnen wurden zurückgehalten, weil Herrn Jahn bei dem Vergleichen der einzelnen Daten, die sich auf das Erscheinungsjahr der Bücher Kischs beziehen, verschiedentlich Differenzen zu den im Kisch-Almanach und im 256 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 13. Juni 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 257 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 22. Juli 1955. Adressiert an »Prof. Dr. Emil Utitz«, Privatadresse Prag. 1631Im Aufbau-Verlag Anhang zur Ausgabe des Marktplatz der Sensationen (Deutsche Volksbibliothek im Aufbau-Verlag) angegebenen Erscheinungsdaten aufgefallen sind. Sind die von Ihnen angeführten Daten eventuell die Daten der Entstehung der Bücher? Wir können diese Frage für uns nicht lösen und bitte Sie, uns hierbei behilflich zu sein. Wir schicken Ihnen die betreffenden Fahnen zu, in denen Herr Jahn die fraglichen Daten angemerkt hat. Bitte seien Sie so freundlich und geben Sie uns möglichst bald Bescheid. Das Register, das bis jetzt noch nicht gedruckt worden ist, wird nach Eingang des Umbruchs dem Band beigefügt werden. Mit den besten Grüßen Gutachten zu: Theodor Storm: Gesammelte Werke, Band II258 (28. Juli 1955) Laut Plan 1956 gibt der Aufbau-Verlag eine neue Ausgabe der Gesammelten Werke von Theodor Storm, herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Peter Goldammer, in vier Bänden heraus. Den Band II, der die Novellen von 1864 bis 1877 umfasst, wollen wir schon jetzt in Satz geben. Da der betreffende Band eine Einleitung nicht enthält, erübrigt sich eine Begutachtung. Um Druckgenehmigung wird gebeten. Gutachten zu: Georg Weerth: Gesammelte Werke259 (09. September 1955) Der Aufbau-Verlag wird im nächsten Jahr die erste vollständige Ausgabe der Gesammelten Werke des Dichters Georg Weerth, Freundes und Mitkämpfers von Marx und Engels, in fünf Bänden herausgeben. Als Herausgeber zeichnet Dr. Bruno Kaiser vom Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut, der zum Teil bisher völlig unbekannte Werke Weerths in dieser Ausgabe der deutschen Öffentlichkeit zugänglich macht. Wir geben jetzt zuerst den 3. Band der Ausgabe in Satz. Er enthält das umfangreichste Werk des Dichters, das hier zum ersten Male erscheint: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten, eine von Weerth selbst ausgewählte und neu redigierte 258 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 28. Juli 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 259 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 09. September 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1632 Teil XII Zusammenstellung seiner Aufsätze über England aus den Jahren 1843 bis 1847. Der Band enthält außer dem Text eine kurze Einleitung, wie sie der Herausgeber zu allen einzelnen Teilen der Ausgabe verfassen wird, und Anmerkungen. Von diesen kurzen Einleitungen abgesehen, wird die gesamte Ausgabe im ersten Band einen umfangreichen einführenden Essay über Weerths Leben und Werk bringen, der uns aber noch nicht vorliegt. Wir bitten, für den dritten Band der Ausgabe, den wir hiermit vorlegen, die Druckgenehmigung erteilen zu wollen. Brief an Alfred Kurella260 (04. November 1955) Sehr verehrter Herr Kurella! Wir hatten Ihnen im September die Korrekturfahnen des bei uns in Vorbereitung befindlichen Werkes Das anthropologische Prinzip von N. G. Tschernyschewski (Philosophische Bücherei, Band 8) mit der Bitte um baldige Durchsicht zugehen lassen. Leider haben wir die mit Ihren Korrekturen versehenen Fahnen bis heute nicht zurückerhalten. Ein Brief unseres Mitarbeiters Dr. Düwel, der Sie um Angabe eines Termins der Rücksendung der Fahnen bat, ist unbeantwortet geblieben. Ich möchte Sie nun höflichst darum ersuchen, uns nicht weiter warten und so mit unserem Produktionsplan in Konflikt geraten zu lassen. Sollten Sie momentan keine Zeit erübrigen können, so würden wir uns genötigt sehen, auf Ihre Korrekturen zu verzichten. Mit den besten Grüßen 260 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 04. November 1955. Adressiert an Alfred Kurella, Privatadresse Berlin. Kurella antwortete am 08. November (1 Blatt, maschinenschriftlich) auf Harichs Brief und machte Arbeitsüberlastung für die Verzögerung geltend. Er empfahl den Druck ohne seine Anmerkungen – er habe das Manuskript überflogen und nichts Wesentliches bemerkt. Handschriftlich aber der Zusatz, doch den Übersetzer, also ihn, wie üblich namentlich zu benennen. (Brief Kurella, Archiv des Aufbau-Verlages.) 1633Im Aufbau-Verlag Gutachten zu: Johann Gottlieb Fichte: Über den Gelehrten261 (15. November 1955) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, als 9. Band seiner Philosophischen Bücherei die Vorlesungen Johann Gottlieb Fichtes über den Gelehrten, herausgegeben und eingeleitet von Peter Goldammer, zu veröffentlichen. Der Band enthält die folgenden Stücke: 1) Einleitung, von Peter Goldammer; 2) Fichte: Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten (1794); 3) Fichte: Über das Wesen des Gelehrten und seine Erscheinungen im Gebiete der Freiheit (1805); 4) Fichte: Fünf Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten (1811); 5) Fichtes Lebensdaten. Breitere Leserkreise unserer Republik an das fortschrittliche, humanistische Vermächtnis Johann Gottlieb Fichtes heranzuführen, ist seit langem ein dringendes Erfordernis. Wenn bisher so wenig dazu getan wurde und getan werden konnte, so lag das vor allen Dingen an den großen Schwierigkeiten, die jedes Mal das Problem der Einleitung mit sich brachte. Schon vor fünf Jahren hatte der Aufbau-Verlag einen vergeblichen Versuch gemacht, dieses Problem zu bewältigen, das deswegen so kompliziert ist, weil die unnachsichtige Kritik an dem ex tremen subjektiven Idealismus Fichtes mit einer angemessenen positiven Würdigung seiner ausgesproch demokratisch-plebejischen, jakobinerhaften Tendenzen organisch verbunden werden muss. Wir glauben nun, dass in dem beiliegenden Manuskript diese Aufgabe in einer vorbildlichen Weise gelöst worden ist. Ausgewählt wurden mit Bedacht die Vorlesungen Fichtes über den Gelehrten, in denen die progressiven gesellschaftlichen Auffassungen des Denkers besonders deutlich zum Ausdruck kommen und die überdies als wörtliche Niederschriften populärphilosophischer Reden sehr leicht verständlich und also in hohem Maße geeignet sind, eine erste Einführung in seine Philosophie zu geben. Da diese Vorlesungen nun immer wieder dasselbe Thema betreffen, aber in ganz verschiedenen Entwicklungsphasen Fichtes gehalten wurden, kann an ihnen mit besonderer Anschaulichkeit und Überzeugungskraft der geistige Werdegang Fichtes von 1794 bis 1811 klargemacht und mit dem 261 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 15. November 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1634 Teil XII Umbau, den sein System in dieser Zeit erfahren hat, einleuchtend in Beziehung gesetzt werden. So ergibt sich die Gelegenheit, in der Einleitung, ausgehend von einer verhältnismäßig einfachen und speziellen Problemstellung, die gesamte Problematik der Fichteschen Philosophie vom marxistischen Standpunkt aus aufzurollen und dabei wirklich überzeugend zu ihren revolutionären und reaktionären Seiten Stellung zu nehmen. Gerade dies ist dem Herausgeber, wie wir glauben, gut gelungen, und wenn er in seiner Einleitung eine Fülle sorgfältig ausgewählter Zitate aus Fichtes anderen Schriften anführt, so ist das in diesem Zusammenhang nur zu begrüßen, da auf diese Weise die Verbindung der Vorlesungen über den Gelehrten zum Ganzen des Fichteschen Systems und seiner Entwicklung hergestellt wird. Um Druckgenehmigung wird gebeten. Gutachten zu: Edmund Burke: A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful262 (02. Dezember 1955) Als 10. Band seiner Philosophischen Bücherei will der Aufbau-Verlag das Werk A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful von Edmund Burke (1729–1797) herausgeben. Bei dem Verfasser handelt es sich um einen englischen Politiker und Publizisten des 18. Jahrhunderts, der durch seine gegen die Französische Revolution gerichtete Schrift von 1790, die auch die gesellschaftlichen Anschauungen der deutschen Romantik maßgebend beeinflusste, berüchtigt ist. Burke hat jedoch in seiner Jugend, im Jahre 1756, die genannte sehr bedeutsame Arbeit über Grundprobleme der Ästhetik verfasst, die in Bezug auf ihre Zeit als positiv einzuschätzen ist und in einem progressiven Sinne befruchtend und anregend auf die ästhetischen Theorien der klassischen deutschen Philosophie und Literatur eingewirkt hat, derart, dass ohne ihre Kenntnis eine wirklich fundierte Auseinandersetzung mit den Leistungen, die Kant, Schiller, Goethe und Hegel auf dem Gebiet der Ästhetik vollbracht haben, kaum möglich ist. Die Burkesche Schrift liegt nun seit dem Jahre 1773 nur in einer in der ganzen Zwischenzeit niemals wieder nachgedruckten, völlig unzulänglichen deutschen Übersetzung von dem Popularphilosophen Garve vor. Es besteht aus diesem Grunde seit langem ein dringendes wissenschaftliches Bedürfnis, das Werk aufs Neue in einer adäquaten deutschen Über- 262 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 02. Dezember 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1635Im Aufbau-Verlag setzung herauszubringen. Uns dieser Aufgabe zu unterziehen, haben wir uns bereits bei der Begründung unserer Philosophischen Bücherei vorgenommen, als wir an die planmäßige Aufnahme der wichtigsten Dokumente der Geschichte der Ästhetik in diese Reihe dachten. Wir können heute die neue deutsche Übersetzung, die für die Philosophen und Literaturhistoriker unserer Republik und ganz Deutschland ein Gewinn sein dürfte, vorlegen. Als Herausgeber und Übersetzer der Burkeschen Schrift, die in unserer Ausgabe den Titel Vom Erhabenen und Schönen tragen wird, zeichnet sich unser Mitarbeiter Dr. Dr. Friedrich Bassenge verantwortlich, der auch hier wieder eine sehr gediegene wissenschaftliche Arbeit geleistet hat. Bassenge hat die Schrift auch mit einer inhaltlich ausgezeichneten ausführlichen Einleitung versehen. In dieser setzt er sich zunächst einmal mit der Problematik der Persönlichkeit Burkes und seiner Stellung in den politischen und ideologischen Kämpfen seiner Zeit auseinander, wobei er eine Reihe von Irrtümern und Fehlinterpretationen der bürgerlichen Philosophiegeschichte aufdeckt (Windelband, Hettner). Er gibt sodann eine ebenso umfassende wie klug differenzierende kritische Darstellung der Hauptgedanken des Burkeschen Werkes, wobei er die positiven Seiten und die Grenzen der mechanisch-materialistischen philosophischen Konzeption dieses Denkers aufzeigt. Erhebliche Aufmerksamkeit widmete Bassenge ferner der sehr interessanten Frage der Wirkung der ästhetischen Theorie Burkes in Deutschland, wobei er auf Moses Mendelssohn, Lessing, Herder, Kant, Goethe, Schiller und Hegel eingeht. Schließlich behandelt er in einem letzten Abschnitt seiner Einleitung das Problem der Übersetzung Burkes. Wir glauben, dass diesen letzteren Darlegungen insofern ein besonderer Wert zugesprochen werden muss, als sie, von dem unmittelbaren Anlass abgesehen, für jeden aufschlussreich sind, der ausländische philosophische und wissenschaftliche Werke in deutschen Übersetzungen liest oder gar selbst mit der Abfassung derartiger Übersetzungen beschäftigt ist. Zur Übersetzung selbst wird von Seiten eines hierfür zuständigen anderen Gutachters erklärt, das Ergebnis der Überprüfung sei durchaus positiv. »Die Neuübersetzung war unbedingt notwendig, da die Garvesche Übersetzung von 1773 den Inhalt oft nur sinngemäß wiedergibt, terminologisch uneinheitlich ist und außerdem in Folge der altertümlichen Diktion nicht immer leicht zu lesen ist. Dr. Bassenge hat nicht radikal modernisiert, sondern den Stil des Originals so sehr respektiert, wie es ohne Beeinträchtigung der Lesbarkeit möglich war. Ich kann seine Übersetzung nur als äußerst 1636 Teil XII sorgfältig und in jeder Einzelheit gründlich überlegt bezeichnen. Einige Fälle, bei denen er im Zweifel war, haben wir besprochen und geklärt.« Bemerkt sei noch, dass beabsichtigt ist, diesem Bande der Philosophischen Bücherei, sobald die Bogen vorliegen, ein terminologisch orientiertes Sachregister sowie ein Namensregister, das einen schnellen Überblick über die ästhetische Welt Burkes ermöglichen soll, beizufügen. Um Erteilung der Druckgenehmigung wird gebeten. Gutachten zu: Jürgen Kuczynski: Über einige Probleme des historischen Materialismus263 (01. Februar 1956) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, in derselben Aufmachung wie die bei uns erschienenen Bücher von Victor Stern, jetzt eine Reihe sachlich eng zusammengehöriger Aufsätze von Professor Dr. Jürgen Kuczynski unter dem Titel Über einige Probleme des historischen Materialismus, dargestellt vornehmlich an Beispielen aus der deutschen Geschichte herauszugeben. Der größte Teil dieser Aufsätze ist in den vergangenen Jahren bereits je gesondert veröffentlicht worden, und zwar in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, in der Wissenschaftlichen Zeitschrift der Berliner Humboldt-Universität, in den Wissenschaftlichen Annalen der Deutschen Akademie der Wissenschaften und im Rahmen der Arbeiten des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Humboldt-Universität Berlin. Eine ins Einzelne gehende Begutachtung dieser Aufsätze erübrigt sich daher. Neu sind lediglich die beiden ersten Arbeiten: Über die Verschiedenheit des Wirkungsbereichs von Gesetzen und Ökonomische Gesetze – Abstraktes Modell und konkrete Wirklichkeit. Bei diesen Arbeiten handelt es sich um Versuche, die marxistische Lehre vom objektiven Charakter der wissenschaftlichen Gesetze zu konkretisieren und damit einen Beitrag zur Ausarbeitung und Weiterentwicklung des historischen Materialismus und der marxistischen politischen Ökonomie zu leisten. Der Verfasser hat diese Arbeiten ausführlich mit Prof. Kurt Hager, Sekretär des Zentralkomitees der SED, und mit Alfred Kosing, Mitarbeiter des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts beim Zentralkomitee der SED, durchgesprochen. Beide sind der Auffassung, dass eine Veröffentlichung dieser Arbeiten, die die Diskussion der einschlägigen Fragen bei uns wesentlich 263 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 01. Februar 1956. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1637Im Aufbau-Verlag zu fördern vermögen, dringend geboten ist, obwohl sie selbst mit grundsätzlichen Thesen des Verfassers nicht oder nur teilweise übereinstimmen können. Von Seiten des Lektorats bleibt zu dem vorliegenden Manuskript nur zu bemerken, dass es sich im Ganzen um einen bedeutenden Beitrag zur Diskussion weithin noch offener Probleme des historischen Materialismus und der marxistischen Darstellung der deutschen Geschichte handelt; diese Probleme aufgegriffen und in schöpferischer Weise neu durchdacht zu haben, ist ein besonderes Verdienst in einer Situation, in der viele Theoretiker bei uns der Erörterung der Prinzipien des historischen Materialismus sowie der vielseitigen Fragen, die sich bei ihrer konkreten Anwendung ergeben, ausweichen. Selbstverständlich kann keine Rede davon sein, dass der Verfasser in jedem Punkt bereits die endgültige und abschließende Lösung zu geben wüsste. Auch der Unterzeichnende hat gegen seine Ausführungen manche Vorbehalte, die hier im Detail zu begründen zu weit führen würde. Es wäre aber grundsätzlich falsch, die Veröffentlichung, mit der die Diskussion angeregt werden soll, von einer im Vorhinein zu erfolgenden Klärung abhängig machen zu wollen. Für die Publikation ist die kleine Buch-Serie des Aufbau-Verlages, in der Victor Stern seine Kritik der Relativitätstheorie Einsteins zur Diskussion gestellt hat (Erkenntnistheoretische Probleme der moderne