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Teil I Die ersten Jahre in der DDR 1949 bis 1956 in:

Wolfgang Harich

Georg Lukács, page 115 - 358

Dokumente einer Freundschaft

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4068-3, ISBN online: 978-3-8288-6901-1, https://doi.org/10.5771/9783828869011-115

Tectum, Baden-Baden
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Teil I Die ersten Jahre in der DDR 1949 bis 1956 Wolfgang Harich, etwa 1947 117Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Mein Weg zu Lukács1 Zunächst war Lukács mir eher ein Ärgernis. In den ersten Nachkriegsjahren überwog bei uns eine penetrante Neigung, Urteile von ihm zu dogmatisieren. Auch erweckte es pangermanistische Ressentiments (die den Germanisten dicht unter der Haut lauern), dass er etwa Grillparzer und Stifter, Schnitzler und Werfel zur deutschen Literatur nicht zu rechnen schien (wieso dann aber Rilke, wieso Keller?). Geschichte und Klassenbewusstsein fand ich imponierend. Aber meine Kenntnis des Marxismus reichte bei weitem nicht aus, das Wertvolle daran voll zu würdigen. Das Problematische dagegen fiel mir auf, und ich missbilligte es. Denn erkenntnistheoretisch stand ich unter dem Einfluss Nicolai Hartmanns und Lenins Materialismus und Empiriokritizismus war das einzige marxistische Buch, das ich, noch im Krieg, wirklich und mit Verständnis gelesen hatte. Davon, dass Lukács die idealistischen Passagen seines berühmten Frühwerks längst selbst verworfen hatte, dass er inzwischen Abbildlehre und Naturdialektik voll bejahte, wusste ich nicht. So sah ich mich in Vorurteilen gegen ihn bestätigt, als er in Berlin einen Vortrag über unseren Goethe hielt und dessen für uns – wie ich glaubte – wichtige Naturanschauung mit keiner Silbe erwähnte.2 Auf drei »Bildungserlebnisse« (wie Gundolf es nennen würde) geht meine Bekehrung zu Lukács zurück. Erstens: Seine Polemik gegen die Konstruktion einer deutschen Präromantik, gegen die Projektion von »echt deutschem« Irrationalismus in den Sturm und Drang, gegen die falsche Antithese von »Gefühl« und »Verstand« versetzte mich in die Lage, reaktionäre Verfälschungen des mir teuren Erbes von Herder als solche zu durchschauen und zu bekämpfen. So entstand 1950/1951 meine Doktordissertation Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft.3 Sie besteht aus über hundert Seiten langen Variationen 1 Der Text entstand Anfang der neunziger Jahre. Anne Harich erinnert sich, dass ihr Mann damals an dem Beitrag zu Lukács arbeitete, der entweder in der Taz oder der Jungen Welt erscheinen sollte. Da die Redaktion aber in das Manuskript Harichs eingreifen und Änderungen durchsetzen wollte, kam der Abdruck nicht zu Stande. 2 Die Umstände wurde gerade in der Einleitung rekonstruiert. Harichs Zeitungsartikel zu Lukács’ Goethe-Vortrag im Anschluss. Siehe zum Kontext sowie mit ausführlicher Analyse der Positionen von Lukács und Harich: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017.  3 Abdruck der Dissertation in Band 1.2 (Von der Täglichen Rundschau zu Herder). Alle weiteren Dokumente und Schriften Harichs zu Herder in Band 4 (Herder und das Ende der Aufklärung). Harich erklärte die »Abhängigkeit« der Argumentation seiner verschie- 118 Teil I über ein Thema von Lukács, über eines, das bei ihm drei, vier Zeilen in Anspruch nimmt. (Merkwürdigerweise machte Herder, als er mich mit Lukács aussöhnte, mir gleichzeitig auch Gehlen hochinteressant, dessen Errungenschaften ja unmittelbar von Herder inspiriert sind. Für Lukács differenzierendes Denken, nebenbei bemerkt, ist bezeichnend, dass er in dem faschistischen Morast der Gehlenschen Soziologie unverdrossen die Goldklumpen seiner bahnbrechenden anthropologischen Befunde aufspürt und stets zu schätzen weiß.)4 Zweites Erlebnis. Mit Pascal, Kierkegaard, Heidegger und Jaspers, für die zu schwärmen in meiner Jugend schick war, hatte ich, zu meinem großen Leidwesen, nie etwas anzufangen gewusst. Ich fand einfach keinen Zugang zu ihnen, so sehr ich die um sie gescharte Adeptenschar beneidete. Als mir auch Sartre nicht einleuchten wollte, kam ich mir vor wie einer, dem Ananas nicht schmeckt. War ich etwa pervers? So empfand ich die Lektüre von Marxismus oder Existenzialismus? wie eine Erlösung. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Weder davor noch danach ist mir das ein anderes Mal zugestoßen, dass ein Buch mir tiefdringende philosophische Erkenntnisse vermittelte und zugleich mein Selbstwertgefühl steigerte. Kein Wunder, dass ich nun für Lukács auf die Barrikaden stieg, als sektiererischer Unverstand das Erscheinen ausgerechnet dieses Werks von ihm – zum Glück vergeblich – bei uns zu verhindern suchte. Drittens – und da eskalierte die Bekehrung zum »Gnadendurchbruch« – Der junge Hegel. Mein Vademecum in den Jahren, als die Formel »aristokratische Reaktion gegen den französischen Materialismus und die bürgerliche Revolution«5 im Schwange war, als der »Rotteck-Welckersche Dreck« (so Marx)6 sich des Personenkults bedienen denen Herder-Studien in seinem Beitrag zur Festschrift Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, Abdruck im vorliegenden Band. 4 Harich beschäftigte sich intensiv mit dem anthropologischen Konzept von Arnold Gehlen. Die entsprechenden Texte von ihm kommen in dieser Edition zum Abdruck. Gedruckt wurde in den fünfziger Jahren ein wichtiger Text Harichs zu diesem Thema: Über die Empfindung des Schönen, in: Sinn und Form, 1953, Heft 6, S. 122–166. 5 Dieses Diktum wurde ja Stalin zugeschrieben, in verschiedenen Dokumenten dieses Bandes wird der Kontext näher erklärt. Siehe außerdem die Hinweise des Bandes 5 (An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx). 6 Am 10. Mai 1870 antwortete Karl Marx auf einen Brief von Friedrich Engels: »Ich hatte ihm (Wilhelm Liebknecht) geschrieben, wenn er über Hegel nur den alten Rotteck-Welckerschen Dreck zu wiederholen wisse, so solle er doch lieber das Maul halten.« Harich verwendete diese Passage – er zitierte im Hegel-Aufsatz: MEGA III, 4, S. 322, Brief vom 10. Mai 1870 – mehrfach, u. a. in der Hegel-Denkschrift (Band 5, S. 136) und in seinem 119Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 konnte. Muss ich mehr sagen? Da ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Universitätsdienst stehe, kann ich es mir heute leisten, einzugestehen, dass ich damals aus der Oprecht-Ausgabe (die Züricher Ausgabe von 1948 des Jungen Hegel, AH) herausgetrennte Seiten in mein Vorlesungsmanuskript gelegt und sie an passender Stelle wörtlich, unverändert vorgelesen habe, die Studenten glaubend machend, dies sei von mir. Hochstapelei? Sicher, aber die Identifikation war vollkommen, und besser konnte ich das, was zu sagen war, mit eigenen Worten nicht vorbringen.7 (Damals fiel mir erstmals aber auch auf, wie schlimm es sein kann, wenn ein Verleger – ein kapitalistischer, versteht sich – zu geizig ist, um einen Lukács-Text durch einen deutschen Redakteur entmagyarisieren zu lassen. Mit Stolz erfüllt es mich, der DDR-Ausgabe des Jungen Hegel und danach auch der Zerstörung der Vernunft, im Einverständnis mit dem Autor, diesen Dienst erwiesen zu haben. Ein ebensolches Ferkel wie Oprecht ist Luchterhand; was die Druckfehler angeht, ein noch schmutzigeres. Ich verdanke Lukács viel, sehr viel. Das Beste, was ich im Leben geleistet habe, besteht aus Versuchen, Lücken, die bei ihm sich finden, in seinem Geiste ausfüllen zu helfen. Bei der Herder-Lücke war ich noch nicht reif genug, dass es mir hätte gelingen können. Dann aber kam die Jean-Paul-Lücke an die Reihe. Ich habe den Hesperus und den Titan, die Lukács offenkundig nicht kannte, Zeile für Zeile mit seinen Augen gelesen. Das größte Lob, das man mir gespendet hat, war der als Tadel gemeinte Vorwurf Günter de Bruyns, ich hätte Lukács in puncto Jean Paul nur ergänzt, statt mit seiner Methode zu brechen. Oh nein, mit dieser Methode breche ich nicht! Es gibt keine bessere. Wahrscheinlich deswegen, weil es die von Marx ist. Ferner: Jean-Paul-Enthusiasten, falls sie keine George-Gefolgsleute sind, geraten sehr leicht ins Börnesche Fahrwasser und schimpfen dann wie die Rohrspatzen auf Goethe. Es ist Lukács’ Verdienst, dass ich davor bewahrt blieb. Ich dachte an ihn, als ich schrieb, Jean Paul sei, Goethe nicht nur bekämpfend, sondern von ihm lernend, ihn benutzend, im Titan über sich selbst hinausgewachsen.8 großen, von der Stasi nach seiner Verhaftung aus dem Verkehr gezogenem Hegel-Aufsatz Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, 1956 (siehe etwa Band 5, S. 219). 7 Harichs Vorlesungen zur Geschichte der klassischen deutschen Philosophie im Allgemeinen und zu Hegel im Speziellen fußen in der Tat auf Lukács’ Hegel-Bild. Die Edition der Hegel-Vorlesung (Band 5, S. 437–714) zeigt deutlich auf, in welchem Umfang Harich Lukács-Zitate in seine Stunden einbaute (dabei handelt es sich nur um die Passagen, die ich eruieren konnte und die in den Manuskripten festgehalten sind). 8 Harich legte, den Spuren seines Vaters folgend, mehrere Publikationen zu Jean Paul vor. Am wichtigsten ist sicherlich seine große Monographie: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974. Auch: Reinbek bei Hamburg, 120 Teil I Ein Wort noch zu Nicolai Hartmann. Ich konnte zu ihm mich unmöglich bekennen, solange ich einerseits zusammen mit Ernst Bloch, dem er tief verhasst war, eine Zeitschrift zu machen hatte, und andererseits die Verteidigung des Progressiven an Hegel »Hauptkettenglied« im Abwehrkampf gegen Sektierertum war. Was sich aber machen ließ, war, Lukács für Hartmann zu werben, und das geschah. Aber man sollte das heute nicht überbewerten. Ich liege da zwischen den beiden Großen etwa so, wie Bebra, ein an sich kümmerliches Nest, an der Bahnverbindung zwischen Hamburg und München liegt. Man kann durchaus auch über andere Strecken fahren. Will sagen: Für seine kritische Rezeption der Hartmannschen Ontologie war Lukács, als er seine riesige Ästhetik zu schreiben anfing, sowieso überreif, und er war da schon lange für sie prädisponiert. Man vergleiche nur die Ausführungen über Teleologie im Jungen Hegel mit Einschlägigem bei Nicolai Hartmann, von diesem schließlich zusammengefasst in der Schrift Teleologisches Denken, um zu sehen, dass beide völlig unabhängig voneinander zu denselben – auch bei Hartmann im Kern materialistischen – Resultaten gelangt sind. Bei derartiger Übereinstimmung war es unvermeidlich, dass Lukács das ontologische Licht aufging. Und hätte Hartmann den Jungen Hegel gelesen, wahrscheinlich wäre er dadurch von seinem Irrtum kuriert worden, dass es für die Philosophiegeschichte, als eine solche der Probleme und Erkenntnisse, belanglos sei, die Zeitbedingungen großer Gedanken aufzudecken. Was soll heute getan werden, damit Lukács möglichst segensreich in die Zukunft hi nein weiterwirkt? Entscheidend ist die Weiterentwicklung seiner dialektisch-materialistischen Ontologie, wobei es fortan aber nicht mehr genügen wird, die systematisierte Naturdialektik als Unterbau der Gesellschaftsontologie bloß anzuerkennen. Vielmehr gilt es nunmehr – und das ist jetzt überlebenswichtig – , auch die ökologischen Gefüge so gründlich zu durchdenken wie die, die Nicolai Hartmann die dynamischen bzw. organischen Gefüge genannt hat und die bei Lukács, sprachlich nicht ganz geglückt, »prozessierende Komplexe« heißen. Hartmann und Lukács sind beide präökologische Denker. Wo die konkreten Totalitäten in ihrer organischen Abwandlung zu begreifen sind, da machen sie beim Organismus bzw., allenfalls, bei der Gattung halt. Die Gesellschaftsontologie war nur als Vorstufe zur Ethik gedacht. Wer wird sie jetzt ausarbeiten? Ich weiß es nicht. Aber geschehen muss es unbedingt. Für den entwickel- 1974. Aus dem Nachlass Harichs erschien vor kurzem: Über Jean Paul, in: Z, Nr. 101. Literatur in der Krise, März 2015, S. 186–194. 121Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 ten realen Sozialismus ist das von schlechthin zentraler Bedeutung. Wie es scheint, hat Lukács auch in der Ethik an Hartmann kritisch anknüpfen wollen. Manches spricht dafür. Man sehe sich die Bemerkungen über Wertkollisionen im Altersaufsatz über Minna von Barnhelm an und vergleiche damit die analogen Passagen in Hartmanns Ethik. Ich habe nichts dagegen. Ich bin weit entfernt von der törichten Meinung, in der materialen Wertethik gäbe es »absolut nichts«, wovon Marxisten lernen könnten. Nur: Die Hauptarbeit sollte sich nicht auf dieser Linie bewegen, auch da nicht, wo es um das Fruchtbarmachen bürgerlich-humanistischen Erbes geht. Belangvoller für uns sind da, so glaube ich, die Hegelsche Rechtsphilosophie, die Ausführungen über Ethik bei Feuerbach, zumal beim späten, und – Lukács möge mir dieses Sakrileg verzeihen – bei den ganz frühen klassischen Positivisten, nämlich bei Comte und John Stuart Mill. Die bedeutendste Synthese des Feuerbachschen und des altpositivistischen Erbes hat Friedrich Jodl hergestellt, in seiner posthum erschienenen Allgemeinen Ethik, von 1918, sehr zu Unrecht von Scheler und Nicolai Hartmann, die sie anscheinend beide nicht kannten, die sie auch beide nicht goutiert hätten, aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt – zu Unrecht, und das heißt für Marxisten dann meist: gesellschaftlich, unter Gesichtspunkten des Klassenkampfes gesehen, keineswegs zufällig. Kein Marxist von heute, der mit einer »Ethik« schwanger geht, sollte es versäumen, Jodls Allgemeine Ethik zu studieren, und er sollte möglichst danach erst prüfen, was an Nicolai Hartmanns Ethik noch brauchbar sein mag.9 Wie dem aber auch sei: Das für ihn Unentbehrlichste werden immer Lukács’ ethische Maximen und Reflexionen sein. Sie finden sich, übrigens, nicht nur in etwa hinterlassenen Bruchstücken des großen Mannes. Sie finden sich in seinem ganzen Werk. Und gar gelebt hat er sie allezeit. Georg Lukács sprach über Goethe (02. September 1949) (AH) Zuerst veröffentlicht in Tägliche Rundschau, Nr. 205, 02. September 1949, S. 4. Für die Rundschau, das offizielle Organ der sowjetischen Besatzungsmacht, arbeitete Harich in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren. Der Text war, obwohl weitgehend unbekannt, auch Ausgangspunkt der üblen Verunglimpfung Harichs durch Bernd Florath, der hier Harich 9 Die Wahrnehmung und Analyse von Jodls Philosophie in der DDR ist aufgearbeitet bei: Heyer: Zur Rezeption Friedrich Jodls in der DDR, in: Aufklärung und Kritik, Nr. 3: Friedrich Jodl und das Erbe der Aufklärung, 2014, S. 191–198. 122 Teil I sogar auf der »antisemitischen und intellektuellenfeindlichen Welle« sah. Ein Vorwurf, den ihm noch nicht einmal die Schergen des SED-Staates gemacht hatten, als sie ihn 1957 ins Zuchthaus steckten. In der Einleitung wurde dies dargestellt. Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten. Wolfgang Harich ohne Schwierigkeiten mit der Wahrheit, in: Utopie kreativ, Heft 47/48, September/Oktober 1994, S. 61. Harich verfasste verschiedene weitere Zeitungsartikel (eine Auswahl präsentiert der Band 1.2) und Aufsätze (zuvorderst aus der hier relevanten Zeit Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, Band 6.1, S. 739–794) zu Goethe und dessen Zeit. Eine ausführliche Analyse der Goethe-Bilder von Harich und Lukács bietet der Band: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. * * * * * Mit enthusiastischem Applaus wurde am Mittwochabend Professor Georg Lukács, der bedeutende ungarische Literaturhistoriker und Kritiker, im überfüllten Vortragssaal des Klubs der Kulturschaffenden willkommen geheißen. Ein überaus zahlreich erschienenes Publikum versuchte, durch herzlichste Sympathiebezeigung dem bewährten Freund und Mitstreiter des demokratischen Deutschland zu danken, der viel dazu beigetragen hat, eine fortschrittliche Deutung der klassischen deutschen Literatur und Philosophie zu erarbeiten und den literarischen Faschismus auch in seinen raffiniertesten Erscheinungsformen zu entlarven. Lukács stellte an die Spitze seines Vortrags über das Goethe-Bild unserer Zeit treffende Bemerkungen über die Entwicklung der Goethe-Deutung in Deutschland. Als Wendepunkte bezeichnete er Friedrich Schlegels Einschätzung des Wilhelm Meister, die radikalistische Goethe-Kritik des Jungen Deutschland (Börne, Menzel), sodann die »Olympier«-Konzeption der nationalliberalen Ära, in der die deutsche Bourgeoisie ihren Kompromiss mit den feudalen Gewalten durch Goethe zu rechtfertigen gesucht habe, und schließlich die Goethe-Verfälschungen der imperialistischen Epoche, in der Goethes Vermächtnis seines humanen und fortschrittlichen Charakters beraubt und durch Gundolf und Konsorten für einen bodenlosen Irrationalismus ausgeschlachtet wurde. Erst seit der Sozialismus auf einem Sechstel der Erde verwirklicht und in großen Teilen der Welt als Aufgabe auf die Tagesordnung gesetzt ist, sei es möglich, ein wahres und adäquates Goethe-Bild zu schaffen und es gegen die vernunftwidrigen und antihumanen Verfälschungen seitens der Bourgeoisie durchzusetzen – ein Goethe-Bild, das den größten Repräsentanten des Bürgertums keineswegs zum Sozialisten stempeln, sondern ihn nur so erfassen solle, wie er wirklich war, in seiner Größe und seiner kompliziert bedingten Begrenztheit. Es werde sich dann zeigen, dass eine schonungslose Kritik, die Goethes Schwächen, seine tragischen Niederlagen und Kompromisse 123Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 aufzudecken und wissenschaftlich zu erklären habe, alles Große und Vorwärtsweisende seines Vermächtnisses für Gegenwart und Zukunft um so sicherer fruchtbar machen werde. Der gescheiterte Politiker Ansätze zu solchem neuen Goethe-Bild finden sich bei Marx und Engels und bei Franz Mehring, der als erster die sentimentale Legendenbildung um die Italienische Reise zerstörte und darauf hinwies, dass Goethes Aufbruch nach Italien eine Flucht aus der deutschen Misere war. Lukács konnte Mehrings richtungsweisende Erkenntnis, dass Goethe in der ersten Weimarer Periode die revolutionären Ideen der Aufklärung in Sachsen-Weimars Staat und Gesellschaft vergeblich zu verwirklichen gesucht hatte, dahingehend ergänzen, dass er Goethes diplomatische Tätigkeit bei der Begründung des Fürstenbundes als den – ebenfalls zum Scheitern verurteilten – Versuch darstellte, die Reichseinheit gegen das antideutsche Preußen und das unförmige Konglomerat der Habsburger Monarchie durchzusetzen. Ein drittes Mal seien Goethes Hoffnungen zunichte geworden, als Napoleons Plan, durch die »Rheinbundisierung« in ganz Deutschland den partikularen Feudalismus zu liquidieren, gescheitert sei. Goethe, dessen tragendes Lebenselement ursprünglich die gesellschaftlich-politische Aktivität im Dienste des Fortschritts gewesen sei, habe immer wieder Niederlagen erleiden müssen und schließlich resigniert, weil in der deutschen Wirklichkeit alle Bedingungen für eine Erfüllung dessen, was er sich ersehnte, fehlten. Aber wenn Goethe inmitten dieser kleinlichen und miserablen deutschen Wirklichkeit auch persönlich in der Resignation, ja, im Kompromiss seine Zuflucht habe suchen müssen, so habe er sich objektiv in seinen Werken doch aufs Entschiedenste zum Fortschritt bekannt und zugleich die ganze Widersprüchlichkeit und Kompliziertheit der fortschreitenden Entwicklung der Menschheit genial erfasst. Der Reichtum der Formen Lukács wies das an Goethes ästhetischer Methode und an seiner Darstellung der Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft überzeugend nach. Goethe sei einer der größten und am meisten bewussten Realisten der gesamten bürgerlichen Literatur. Bezeichnend für die Tiefe und Vielseitigkeit seines Realismus sei die Tatsache, dass er niemals der Gefahr des Manierismus verfallen sei, sondern jedem Inhalt die 124 Teil I genau adäquate Form gegeben habe. So gebe es keinen Goetheschen Dramenstil wie es einen Shakespeareschen Dramenstil gebe: Unmöglich sei es, die Formen von Götz, Pandora, Iphigenie und Faust auf einen Nenner zu bringen. Immer wieder sei die Form neu und organisch aus dem spezifischen Inhalt erwachsen. Ebenso verhalte es sich mit Goethes Prosadichtung und seiner Lyrik. Dem Baudelaireschen Lyrikstil stehe kein Goethescher Lyrikstil, sondern die konkret unterschiedene Fülle von Ausdrucksformen gegenüber, wie wir sie z. Bsp. im Heideröslein, in der Harzreise im Winter, im Prometheus-Gedicht und in der Marienbader Elegie finden. Und während es einen Balzacschen Romantypus gebe, habe Goethe im Werther, im Wilhelm Meister und den Wahlverwandtschaften völlig verschiedene Prosaformen entwickelt. Goethes tragischer Optimismus Höhepunkt der Ausführungen von Lukács war die Interpretation der Auffassungen Goethes über die gesellschaftliche Entwicklung. Wie Goethe sich am Fortschritt der Technik begeistert habe, so habe er überhaupt jeden Fortschritt bejaht und auch die Zerstörung patriarchalischer und idyllischer Verhältnisse durch den Kapitalismus als notwendig erkannt. Aber wie Hegel habe Goethe seine größten Werke geschaffen, nachdem das »Reich der Freiheit« bereits als »Reich der Bourgeoisie« erwiesen war, und wie Hegel habe er erkannt, dass die Vorwärtsentwicklung der Menschheit, die er als Ganzes optimistisch beurteilte, eine Kette individueller Tragödien sei. Das vorwärtstreibende, daher notwendige Prinzip des Kapitalismus sei zugleich mephistophelisch und zerstörerisch. Gegen diese zerstörenden und entmenschlichenden Tendenzen habe Goethe die Kunst und die allseitig entwickelte Künstlerpersönlichkeit verteidigen wollen, und am Schluss von Faust II habe er die grandiose Erkenntnis ausgesprochen, dass – bei Erhaltung und schöpferischer Weiterentwicklung des Technisch-Zivilisatorischen – das mephistophelische Prinzip nur überwunden und die Freiheit der Persönlichkeit nur gerettet werden könnte durch das »freie Volk auf freiem Grund«. Freilich habe Goethe in der Wirklichkeit seiner Zeit keine reale Kraft erkennen können, die fähig gewesen wäre, diese letzte und höchste Sehnsucht Faustens zu verwirklichen. Um so höher sei zu bewerten, dass er niemals in einen romantisch-reaktionären Antikapitalismus zurückgesunken oder hoffnungsloser Verzweiflung verfallen sei, sondern das Höchste gegeben habe, was in seiner Zeit möglich war: Die vorahnende, wenn auch utopische Vision einer harmonischen Zukunft der Menschheit. Damit kehrte Lukács zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen zurück: Was Goethe erahnt und über alle 125Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Widersprüche seiner Gegenwart hinweg ersehnt habe, sei in unserer Zeit radikal irdisch geworden in der Sowjetunion, und so erschließe Goethes Werk seinen tiefsten Sinn erst den fortschrittlichen Menschen von heute, die sich zum Lager der Demokratie und des Sozialismus bekennen und seine Humanität bejahen, die in bewusster menschlicher Vervollkommnung und Höherentwicklung durch Arbeit und Arbeitserfahrung bestehe und in der restlosen Harmonie zwischen persönlichem Glück und gesellschaftlichem Nutzen ihre Vollendung finde. Begrenztheit des Goethe-Bildes von Lukács Selbstverständlich konnte Lukács in diesem Vortrag Goethes Bedeutung für uns auch nicht annähernd erschöpfend behandeln. Immerhin bot er eine Fülle neuer Gesichtspunkte und deutete Probleme an, die der fortschrittlichen deutschen Literaturwissenschaft, die ja immer noch in den kümmerlichsten Ansätzen steckt, weite Aufgabenbereiche eröffnen. Es ist jedoch zu bemerken, dass eine marxistische Goethe-Darstellung in ihrer ganzen Anlage umfassend sein muss, keinesfalls – wie es bei Lukács der Fall ist – an Goethes naturwissenschaftlicher Leistung vorübergehen kann.10 Die Tatsache, dass Goethe von der ersten Weimarer Periode an bis in die letzten Tage seines Lebens hinein entscheidende Schläge gegen die mechanistische Naturauffassung des 18. Jahrhunderts und deren theologische Konsequenzen geführt hat, dass er durch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen, durch den rationellen Kern seiner Lehre von der Metamorphose der Pflanzen, durch seine Wirbeltheorie des Schädels und durch seine Stellungnahme im Streit zwischen Cuvier und Geoffray de Saint Hilaire zum genialen Vorläufer der materialistischen Richtung in der Biologie wurde – diese hochbedeutsame Tatsache, die mit Goethes Weltanschauung und auch mit seinen ästhetischen Auffassungen in allerengster Beziehung steht, wird von Lukács einfach ignoriert, und zwar, wie es scheint, deshalb, weil Lukács eine – freilich vom Kopf auf die Füße gestellte – »Geisteswissenschaft« betreibt, die aber zumindest einen Restbestand bürgerlicher Ideologie in sich trägt: Das bornierte Befangensein in der Begrenztheit des Spezialfachs. 10 Harichs Goethe-Bild fokussierte genau diesen Punkt überaus deutlich – von dem frühen Goethe-Aufsatz bis zur Hegel-Vorlesung oder den Jean-Paul-Studien. Alle Quellen nennt, über die Einleitung hinausgehend, der bereits erwähnte Band: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 126 Teil I Lukács selbst hat die tragischen Auswirkungen der Arbeitsteilung auf das Bewusstsein der Intelligenz derart scharfsinnig analysiert, dass er sich dieses Mangels zweifellos bewusst ist. Im Vorwort zu seinem Buch über den jungen Hegel, wo er ebenfalls die naturwissenschaftliche Seite unberücksichtigt lässt und Hegels wichtige Jugendschrift De orbitis planetarum (Hegels Dissertation, AH) mit keinem Wort erwähnt, hat er den Mangel sogar eingestanden. Das aber bedeutet, dass man im marxistischen Sinn nur dann die Literatur- und Philosophiegeschichte sachgerecht darstellen kann, wenn man Lukács’ Errungenschaften weiterentwickelt und seine Beschränktheiten kritisiert und überwindet, statt ihn – wie es oft geschieht – für das A und O marxistischer Literaturhistorie zu halten und ihn in steriler Kritiklosigkeit abzuschreiben, wie das die Klosterschüler von Padua mit der Summa des Thomas von Aquin taten. Die Gefahr des Kosmopolitismus Ein zweiter Mangel des Goethe-Vortrages von Lukács besteht darin, dass Goethes Auseinandersetzung mit dem literarischen »Sansculottismus« und sein berühmtes Gespräch mit dem Historiker Luden nicht einmal am Rande erwähnt wurden. Lukács hat damit versäumt, Goethes große Bedeutung als nationaler deutscher Dichter, seine bewusste Repräsentanz der nationalen Einheit Deutschlands und der Unteilbarkeit der deutschen Kultur herauszustellen. Dieses Versäumnis wurzelt offenbar darin, dass Lukács in der Auseinandersetzung mit der profaschistischen und faschistischen Goethe-Verfälschung von gestern (Gundolf, Spengler, Klages, Weinhandl, Hildebrandt usw.) stecken geblieben ist und nicht klar genug erkannt hat, dass es heute bereits eine neue, ebenso gefährliche, ja, aktuellere Version der Goethe-Verfälschung gibt, die der kosmopolitischen Demagogie des amerikanischen Monopolkapitals entspricht.11 Wie ein Marxist im Jahr 1949 in Deutschland über Goethe sprechen kann, ohne den Kosmopolitismus zu entlarven, ist eine unbegreifliche Verfehlung dessen, was Goethe die »Forderung des Tages« nannte. Auch hier haben wir es mit einer Begrenztheit von Lukács zu tun, auf die unbedingt hingewiesen werden muss, wenn seine Leistungen nicht durch kritikloses Nachschwätzen zerredet, sondern kritisch weiterentwickelt, 11 Diese These war, gerade 1949, der Ausgangspunkt vieler marxistischer Goethe-Arbeiten. Natürlich sind die Schriften von Lukács dabei zuvorderst zu nennen, ihm durchaus ebenbürtig zur Seite stand beispielsweise Paul Rilla mit: Goethe in der Literaturgeschichte. Zur Problematik der bürgerlichen Bildung, Berlin, 1950. Von Harich siehe exemplarisch den Zeitungsartikel: Goethe-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den Faschisten Ortega y Gasset, in: Tägliche Rundschau vom 06. September 1949, S. 4.  127Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 bereichert, vertieft, konkretisiert und von ihren Mängeln und Schwächen befreit werden sollen. So möge sich zu der tief berechtigten Herzlichkeit des Beifalls für Lukács, dem die deutsche demokratische Intelligenz so viel verdankt, hierzulande das Bestreben gesellen, Neues zu schaffen und Lukács zu übertreffen. * * * * * (AH) Existenzialismus oder Marxismus von Lukács erschien 1951 – in einer vergleichsweise kleinen Auflage. Es war Erich Wendt, der sich persönlich für das Werk einsetzte. Gleichzeitig war es der Beginn der intensiven Zusammenarbeit von Harich und Lukács im Aufbau-Verlag. Das Buch, das der parteioffiziellen Philosophie zuzurechnen ist, umfasst fünf Studien, die (mit der Ausnahme des Heidegger-Beitrags) »im Winter 1946/1947 geschrieben wurden« (Lukács: Vorwort, S. 5): Die Krise der bürgerlichen Philosophie (S. 7–32), Der Existenzialismus (S. 33–57), Die Robinsonade der Dekadenz (S. 58–126), Die Erkenntnistheorie Lenins und die Probleme der modernen Philosophie (S. 127–160), Heidegger redivivus (S. 161–183). Die kritische Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus, vor allem in seinen deutschen und französischen Varianten, war ein wichtiger Teil der Herausbildung der jungen DDR-Philosophie. Nach den frühen Theorien von Lukács war es dann vor allem Georg Mende, der zu diesem Thema weiter arbeitete. Dass diese Debatte mit dem Existenzialismus intellektueller Konsens in der SBZ/DDR war, zeigt sich durch viele ähnliche Äußerungen von unterschiedlichen Personen jener Jahre – gerade mit Blick auf die Kritik an Heidegger und Jaspers. (So war es Lukács beispielsweise möglich, aus Blochs Erbschaft dieser Zeit von 1935 zu zitieren, S. 49.) Harich hatte sich in den späten vierziger Jahren ebenfalls in verschiedenen Zeitungsartikeln und Manuskripten kritisch zum Existenzialismus geäußert. Bei der Beurteilung Sartres gingen Harich und Lukács – unabhängig voneinander – konform, andere Existenzialisten beurteilte Harich aber durchaus ausgewogener als Lukács. Eine Auswahl der Artikel drucken die Bände 1.1 (aus der Weltbühne) und 1.2 (aus der Täglichen Rundschau). Warum das Werk tagesaktuell ebenso bedeutsam sei wie im Rahmen einer grundlegenden Verständigung über marxistische Philosophie beschrieb Lukács in seinem auf September 1951 datierten Vorwort (S. 5–6). Der Existenzialismus stelle »heute etwas wesentlich anderes« vor als direkt nach dem Krieg. »Heute hat sich der Existenzialismus entschieden: Er ist eine der wichtigen Ideologien der Konterrevolution geworden: Die Verleumdung der Sowjetunion, die Verherrlichung der Titobanditen usw. sind heute entscheidende Momente seiner Publizistik. (…) Heute handelt es sich aber um reine Heuchelei und Demagogie. Sartre und seine Schule sind zu literarischen Agenten des Imperialismus geworden.« (S. 5) Sogar die faschistische Philosophie sei intellektuell »niveauvoller« als der Existenzialismus. Was nicht zuletzt die »krampfhafte« Suche nach einem »Dritten Weg« zeige. Auf diese Weise solle das Bewusstsein der Träger des Sozialismus und Marxismus zersetzt werden. »Darum beschränken sie (die Aufsätze, AH) sich (…) nicht auf bloße Polemik, sondern stellen den philosophischen Sackgassen des Existenzialismus die echten Lösungen des Marxismus-Leninismus gegenüber; so dem Relativismus und Nihilismus der existenzialistischen Erkenntnistheorie die Lehre von der dialektischen Annäherung unserer Erkenntnis an die objektive Wirklichkeit, die Dialektik des Absoluten und Relativen usw.« (S. 6) 128 Teil I Lektoratsgutachten zu: Existenzialismus oder Marxismus?12 (28. April 1951) 1) Ich halte die Herausgabe dieses Buches für außerordentlich dringend und wichtig. Das Buch dürfte sich – einmal veröffentlicht – als geradezu unentbehrlich erweisen für unsere Auseinandersetzung mit der Intelligenz, erstens für die Erziehung der Schwankenden (die sich bei der Lektüre sowohl verstanden, als auch durchschaut fühlen und hier die äußerst geistvolle und fesselnde Zerschlagung aller ihrer entscheidenden Illusionen, ihrer wichtigsten Einwände gegen uns, erleben werden!); zweitens für das Schwankend-Machen und Nachdenklich-Stimmen von Gegnern mit einem gewissen intellektuellen Niveau. Das Buch ist, soviel ich sehe, die einzige umfassende philosophisch tiefe und richtige Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus, die überhaupt existiert. Besondere Vorzüge des Buches sind: a) Lukács behandelt den Existenzialismus als Teilaspekt der bürgerlichen Philosophie der imperialistischen Ära überhaupt und setzt ihn, unter Hervorhebung seiner besonderen Momente, in richtige Beziehung zu anderen Theorien (Irrationalismus, Machismus, Phänomenologie von Husserl und Scheler, deutscher Existenzialismus von Heidegger und Jaspers, reaktionäre Mythen von Spengler und Klages, Faschismus, Trotzkismus). b) Lukács macht den Existenzialismus verständlich, er zeigt a) welche historisch-sozialen Wurzeln, welchen Klassencharakter er hat, b) warum er besonders die kleinbürgerliche Intelligenz anspricht (und was er in ihr anspricht und mit welchem Erfolg), c) von welchen tatsächlichen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens er ausgeht, warum er diese Erscheinungen missdeutet. c) Lukács widerlegt die wichtigsten Theorien der Existenzialisten, bleibt aber nicht bei einer abstrakten Widerlegung stehen, sondern weist einerseits immer wieder auf die gesellschaftliche Funktion des Existenzialismus hin und gibt andererseits – wenn auch nur in skizzenhaften Andeutungen und in oft recht esoterischer, aber für jeden philosophisch halbwegs Gebildeten verständlicher Sprache – die richtige, marxistische Lösung der vom Existenzialismus aufgeworfenen und falsch beantworteten Probleme. d) Lukács’ polemische Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus gipfelt in einer glänzenden Interpretation entscheidend wichtiger Grundgedanken von Lenins Materialismus und Empiriokritizismus, wobei es Lukács versteht, dieses Werk von Lenin für die Widerlegung aller neueren bürgerlichen Philosopheme der imperialistischen 12 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, 28. April 1951. Nicht adressiert, interner Gebrauch im Aufbau-Verlag. 129Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Ära, die nicht unmittelbar mit Mach und Avenarius zusammenhängen, sondern eine entwickeltere Form geistiger Reaktion darstellen, fruchtbar zu machen. (Die Behandlung der naturwissenschaftlichen Fragen ist dabei im Prinzip richtig, aber stofflich ein wenig zu dürftig und daher – im Gegensatz zu den anderen Ausführungen – am wenigsten überzeugend.) 2) Gewisse Bedenken habe ich dagegen, dass Lukács insofern etwas allzu glimpflich mit den Existenzialisten (nicht mit der Richtung, sondern mit den Vertretern) verfährt, als er wiederholt vor ihrer subjektiven Ehrlichkeit den Hut zieht (besonders in der Auseinandersetzung mit Merleau Ponty und mit Simone de Beauvoir, stellenweise auch in den Ausführungen über Sartre). Dies erklärt sich wohl daraus, dass das Buch zu einer Zeit geschrieben wurde, als die Existenzialisten in Frankreich Sympathien mit der KP zeigten, als Résistance-Ideologen bis zu einem gewissen Grade auf Anerkennung ihrer Ehrbarkeit bestehen konnten und von uns – zwecks Aufrechterhaltung einer gemeinsamen Diskussionsbasis – wenigstens als Personen mit Glacéhandschuhen angefasst wurden. (Man denke an den Sartre-Empfang in Berlin, an Steinigers13 Diskussion mit Sartre. Lukács’ Buch liegt etwa auf dieser Linie.) Inzwischen sind aber die »schmutzigen Hände« (Stück von Sartre, siehe die folgenden Ausführungen, AH) der ganzen Richtung deutlich geworden, und es fragt sich, ob die wiederholte Respektverbeugung vor der subjektiven Ehrlichkeit jetzt noch sehr angebracht ist. Es muss dabei aber eines bedacht werden: Auf Leute, die selbst existenzialistisch angekränkelt sind, wirkt die Argumentation des Buches umso überzeugender, da Lukács bei aller Konzilianz seiner Verhandlungstaktik auch nicht eine einzige sachliche Konzession an die Existenzialisten macht und ihre objektive Zugehörigkeit zur Reaktion wiederholt beweist und unterstreicht. Ich habe mir erlaubt, die Betonung der subjektiven Ehrlichkeit an mehreren Stellen in einer Weise zu dämpfen, dass der Gesamtton der Ausführungen zwar konziliant bleibt, aber das Buch auch dann noch in Massenauflagen von uns verbreitet werden kann, 13 (AH) Gemeint ist Peter Alfons Steiniger, geb. am 04. Dezember 1904 in Berlin, gest. ebd. am 27. Mai 1980, der ein bewegtes Leben führte, u. a. an der DDR-Verfassung beteiligt war (neben Karl Polak federführend), selbst in die Kritik geriet, schließlich aber in der DDR trotz allem als Professor wirken konnte. Er war mit Harich befreundet. Sein Sohn Klaus Steiniger erinnerte sich an verschiedene Besuche und Diskussionen in Harichs Wohnung. 130 Teil I wenn die darin behandelten Existenzialisten (die Beauvoir und Merleau Ponty) als offene Kriegshetzer in Erscheinung treten sollten. Diese Veränderungen finden sich auf folgenden Seiten: Existenzialismus, S. 35/36, wo Lukács unterstreicht, dass er nicht den Eindruck habe, dass Sartre »der Ideologe gerade dieser Schichten«, nämlich der Großgrundbesitzer und Nachkriegsschieber sein wolle, die sich seine Ideen, ohne ihn gelesen zu haben und ohne den Existenzialismus überhaupt zu kennen, in der Praxis bereits zu eigen gemacht hätten. Hier habe ich alle Verbeugungen vor der subjektiven Ehrlichkeit Sartres, die ja wohl zumindest seit den »schmutzigen Händen«14 hinfällig ist, gestrichen. Ferner: Robinsonade der Dekadenz, S. 45. Lukács billigt hier der Simone de Beauvoir zu, dass sie »vom gesunden Instinkt eines freiheitliebenden Menschen« geleitet sei. Ich habe dies reduziert auf die Feststellung, dass es sich bei ihr um einen offenbar freiheitliebenden Menschen handle. Ferner, daselbst, S. 56. Lukács: »Es ehrt den Gegenwartssinn der Beauvoir, dass sie in dieser Frage nicht alle Konsequenzen ziehen will (…).« Meine Änderung: »Allerdings will die Beauvoir in dieser Frage nicht alle Konsequenzen ziehen.« Ferner, daselbst, S. 57. Die Beauvoir vergleicht unsere Partei mit einer »Kirche«, in der man sich »das Heil durch Taufe und Ablass erkauft«. Lukács beschränkt sich hier darauf, von dem Revolutionsromantizismus der Beauvoir (die aus der Résistance kommt) zu sprechen, und ihn als entscheidende Ursache ihrer Ablehnung der straffen politischen Organisationen anzusprechen. Ich habe hier hinzugefügt, dass die »Angst vor einer Gefährdung ihrer isoliert erhabenen Existenz« (Lukács’ Formulierung!) »sofort in ärgste Philisterei und – in ihrer politischen Konsequenz – in ordinären Antibolschewismus umschlägt« (meine Formulierung). Ferner, daselbst, S. 88. Hier stellt Lukács eine objektive Übereinstimmung zwischen Merleau Ponty und gewissen Tendenzen des Trotzkismus fest und schreibt, dass Merleau Ponty, »sonst ein Mensch von Wissen und gesundem kritischen Instinkt, eine Reihe der blödesten Verleumdungen über die Sowjetunion nachplappert« (z. B. in der Frage der gestaffelten Löhne nach dem Leistungsprinzip). Hier habe ich das »Wissen« und den »gesunden kritischen Instinkt« gestrichen. Die anderen gelegentlichen 14 (AH) Anspielung auf Die schmutzigen Hände – ein Drama Sartres aus dem Jahr 1948. Harich hat Sartre mehrfach kritisiert, aber auch als Schriftsteller-Dramatiker interpretiert. Die schmutzigen Hände kritisierte er u. a. in dem Artikel Monsieur Sartre wird missverstanden (Weltbühne, Nr. 3, 1949, Abdruck in Band 1.1, S. 259–264). In dem Stück versuche Sartre, »die dümmsten und billigsten Plattitüden der antikommunistischen Propaganda für ein Publikum genießbar zu machen, das die Leitartikel der gewöhnlichen Rechtspresse, die GPU-Filme des alten Hugenberg-Konzerns und die politischen Traktätchen des Vatikans als allzu primitiv empfindet«. (Ebd., S. 260.) 131Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Veränderungen liegen alle auf der gleichen Linie, es handelt sich aber bei den anderen Veränderungen immer nur um Streichungen einzelner Wörter. 3) Einwände, die ich zu einzelnen Punkten habe. a) In dem Teil, betitelt Die Krise der bürgerlichen Philosophie, spricht Lukács sehr interessant über den Fetischismus als objektiver Voraussetzung von reaktionären Missdeutungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Er erklärt in diesem Zusammenhang, dass das Durchschauen der Fetischisierung unmöglich sei, ohne dabei darauf hinzuweisen, dass auch im Kapitalismus organisierte Kräfte existieren, die ihn sehr wohl durchschaut haben (nämlich die Kommunisten). Die Undurchschaubarkeit des Fetischismus wird quasi zur Entschuldigung der reaktionären Ideen der bürgerlichen Intelligenz und ihrer dementsprechenden Haltung im Klassenkampf. Das Entscheidende ist doch wohl, dass die Bourgeoisie besser zahlt und geistige Hochstapeleien gestattet, und dass das falsche Bewusstsein, die verzerrte Widerspiegelung der gesellschaftlichen Realität, die freilich durch die Fetischisierung der menschlichen Beziehungen immer neue Nahrung erhält, der Betäubung des schlechten Gewissens dient. (Allerdings gebe ich zu, dass es bei Philosophen anders sein mag als etwa bei Curt Riess!) b) Lukács spricht in dem gleichen Teil über den historischen Agnostizismus der Bourgeoisie (Neukantianer) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und führt ihn zurück auf die Klassenkompromisse. Das scheint mir nur eine Seite – und nicht die entscheidende – zu sein. Das Wichtigste ist, glaube ich, die Entstehung des Marxismus, der die historischen Vorgänge zum ersten Mal wissenschaftlich-materialistisch erklärt, und der gleichzeitig – und untrennbar damit verbunden – der bürgerlichen Gesellschaft das Todesurteil spricht. Deshalb wird, meiner Meinung nach, die bürgerliche Philosophie vor die Notwendigkeit gestellt, den Glauben an die erkennbare Gesetzmäßigkeit der Geschichte auch in seiner Hegelschen (resp. in seiner Saint-Simonschen oder in seiner Guizotschen Form) als Tradition zu zerstören. Die Klassenkompromisse (in Frankreich mit Napoleon III., in Deutschland mit der von Bismarck repräsentierten Junkerreaktion) haben demgegenüber nur akzidentielle und zusätzliche Bedeutung. Sie verstärken nur die Notwendigkeit des Übergangs zum historischen Agnostizismus. c) Lukács spricht in dem gleichen Teil davon, dass die Philosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesellschaftlich gleichgültig werde. Das ist ein Moment (besonders bei den Neukantianern), aber nichts desto weniger hat diese gesellschaftlich gleichgültige Philosophie objektiv die Funktion, den heranwachsenden bürgerlichen 132 Teil I Intelligenznachwuchs – durch Vermittlung neukantianisch präparierter philosophischer »Allgemeinbildung« – bei der Stange der bürgerlichen Klasseninteressen zu halten. Lukács weist hier, meines Erachtens, nicht klar und bestimmt genug darauf hin, dass hier ein Schein von Unabhängigkeit von der Gesellschaft erzeugt wird, und dass die Intelligenz – demzufolge – unter Gesinnungsterror steht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Je mehr sich das Bewusstsein des Zusammenhanges mit der Gesellschaft verflüchtigt, desto sicherer setzt sich die gesellschaftliche Determination fatal, hinter dem Rücken der Philosophen durch. d) Lukács spricht in dem gleichen Teil davon, dass die fatalistischen Geschichtsmythen der völligen Ausweglosigkeit in der imperialistischen Ära (Spengler) der Intelligenz auf eine perverse Art und Weise Trost bieten, sie zur Kapitulation vor dem Fatum zwingen sollen. Das ist richtig, ist aber auch nur die eine Seite. Diese Mythen dienen – auf einer fortgeschritteneren Stufe der reaktionären Entwicklung (zum Beispiel im Faschismus) – der Mobilisierung und Aktivierung der Intelligenz für den Imperialismus. Und diese Funktion ist bei weitem gefährlicher als die der »Tröstung«, die zur Passivität führt, und die – wenn es bei der Passivität bliebe – auch die widerstandslose Hinnahme der revolutionären Aktionen des Proletariats zur Folge hätte, was aber keineswegs der Fall ist. e) In dem Teil Über die Erkenntnistheorie Lenins findet sich auf Seite 39 ein arger naturwissenschaftlicher Schnitzer. Lukács polemisiert hier mit Recht gegen die Leugnung der Kausalität durch die idealistischen Physiker und ihre philosophierenden Nachschwätzer. Dabei stellt er die hanebüchene Theorie der »Freiheit« und Akausalität im Atom als gleichwertige Erscheinung neben die Tatsache, dass »andere Physiker im Zusammenhang mit gewissen Phänomenen der neuen Physik den aktiven Einfluss des subjektiven Beobachters auf den objektiven Gang der Erscheinungen aufwerfen, als würden sie in der subjektiven Anwesenheit des Beobachters anders verlaufen als in seiner Abwesenheit usw.«. Hierbei handelt es sich aber nicht um ein »als ob«, sondern um eine erwiesene Tatsache. Die Beobachtung der Vorgänge im Atom macht bestimmte komplizierte Beobachtungs- und Messapparaturen erforderlich. Diese üben tatsächlich einen Einfluss auf die beobachteten objektiven Vorgänge aus, so dass sich diese Vorgänge bis jetzt überhaupt nicht in ihrer von außen unbeeinflussten Objektivität beobachten, messen u. dgl. lassen – eine Tatsache, die aber gerade die objektive Gültigkeit der Kausalität beweist, die von den Physiker-Idealisten bestritten wird. Ich habe hier keine Veränderung im Text vorgenommen, würde aber raten, diesen Satz entweder ganz zu streichen oder ihn so zu verändern, dass nicht gegen die Tatsache, 133Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 sondern gegen das Hirngespinst der Akausalität polemisiert wird. (Eine andere idealistische Schlussfolgerung, die aus dieser Tatsache gezogen wird, ist übrigens die Theorie von Weizsäcker, der aus dem Einfluss der Messapparatur auf die Bewegung der Elementarteilchen die Konsequenz herleitet, dass das beobachtende Bewusstsein die Naturerscheinungen – und zwar im weitesten Sinne – bestimme (als ob das Bewusstsein ein materieller Gegenstand wäre, wie es der Messapparat ist). 4) Das Manuskript wurde von mir sprachlich-stilistisch verbessert. Tippfehler u. dgl. wurden korrigiert. Es ist – abgesehen von den fraglichen Einwänden – druckfertig, muss aber noch abgeschrieben werden. Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács15 (28. Juni 1952) (AH) Schrickels Artikel war im ersten Heft der Einheit von 1952 erschienen. Ein Jahr danach wurde Schrickel dann Sekretär der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (als »Aufpasser« der SED), der Harich als Chefredakteur vorstand. (Hierzu verschiedene Verweise in diesem Band.) Später gelang es Bloch und Harich dann gemeinsam, Schrickel aus der Redaktion zu entfernen. Harich interpretierte Schrickels Angriff auf Lukács zu Recht als Positionierung der Partei – mitten in der beginnenden Hegel-Debatte und begleitet von den in der DDR immer mehr oder weniger offen existierenden Vorurteilen gegenüber Lukács. * * * * * Der Artikel enthält Unterstellungen, denen glatte Fälschung zu Grunde liegt, und schwere ideologische Fehler. Dem Buch wird er in keiner Weise gerecht. Der Ton ist anmaßend und denunziatorisch. Ich begründe im Einzelnen: I. Fälschungen und Unterstellungen 1) Auf Seite 6 wird gesagt, dass Lukács »noch im ganzen Buch« die »Auffassung vom dritten Weg des Existenzialismus zwischen Materialismus und Idealismus, zwischen Fortschritt und Reaktion« vertrete und dieser Auffassung erst im Vorwort von 1951 absage. Das ist einigermaßen grotesk angesichts der Tatsache, dass das ganze Buch der 15 (AH) Die Stellungnahme ist datiert auf den 28. Juni 1952 und adressiert: »An die Redaktion der Einheit, z. Hd. Genossen Besenbruch«. Schrickels Artikel war im ersten Heft der Einheit von 1952 erschienen. 134 Teil I Entlarvung der Illusionen des »dritten Weges« gewidmet ist, dass es geradezu als eine einzige Abrechnung mit der Ideologie des »dritten Weges« bezeichnet werden könnte, die Kapitel für Kapitel systematisch zerschlagen wird und von der gezeigt wird, dass sie nur den Kräften der Reaktion dienen kann. Dass Lukács »damals« (1946/1947) einigen Vertretern des französischen Existenzialismus (beileibe nicht allen) auf Grund ihres politischen Verhaltens subjektive Ehrlichkeit zugestand (Simone de Beauvoir und Merleau Ponty traten damals noch gegen die Antisowjethetze eines Köstler auf ), bedeutet nicht, dass er jemals dem Existenzialismus irgendwelche sachlichen Konzessionen gemacht und eine Ideologie des »dritten Weges« für möglich erklärt hätte. Gerade das wird von Schrickel unterstellt, womit der Sinn des Buches in sein Gegenteil verkehrt wird. 2) Auf Seite 8 wird behauptet, dass »Simone de Beauvoir sich neuerdings auf dem Gebiet der Pornographie« betätigt, indem sie einen Reißer über Sitte und Sexus der Frau in die Welt gesetzt hat. Diese Qualifizierung des Buches Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau ist zumindest leichtfertig. Wer in dem Buch, das sich übrigens vorteilhaft von anderen Elaboraten der Existenzialisten unterscheidet, etwas Pornographisches sucht, kommt nicht auf seine Kosten. Das Buch ist eine Analyse der psychologischen und moralischen Konsequenzen, die sich für die Frauen aus ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung (versklavter Parasit, parasitärer Sklave) ergeben, wobei freilich auch Fragen des Sexuallebens – unter anderem – erörtert werden. Über den Ausweg aus der menschenunwürdigen Lage der Frau heißt es: »Die bürgerlichen Freiheiten bleiben abstrakt, wenn sich keine wirtschaftliche Selbständigkeit zu ihnen gesellt. Die Frau, die – als Ehefrau oder als Kurtisane – unterhalten wird, ist nicht unabhängig vom Mann, weil sie den Stimmzettel in der Hand hat. (…) Arbeit allein vermag ihr eine konkrete Freiheit zu garantieren. (…) Indessen dürfte man nicht glauben, dass einfach das Stimmrecht neben dem Beruf eine vollendete Freiheit bedeutete: Die heutige Arbeit ist keine Befreiung. Nur in einer sozialistischen Welt würde die Frau durch den Zugang zum einen sich das andere sichern.« (Das andere Geschlecht, S. 682.) Auf den Seiten 149 bis 151 desselben Buches findet sich eine durchaus sachliche Würdigung der Stellung der Frau im gesellschaftlichen Leben der UdSSR, wobei besonders die völlige Gleichberechtigung im Produktionsprozess und in allen Berufen hervorgehoben wird. Ich will damit nicht sagen, dass man mit dem Buch in allem einverstanden sein kann. Es enthält auch schwere Fehler und Unsinnigkeiten (z. Bsp. eine zutiefst unwissenschaftliche Stellungnahme zu Engels‘ Ursprung der Familie, S. 65–66). Es ist aber leichtfertig, das Buch einfach als »pornographischen Reißer« abzutun. 135Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 3) Auf den Seiten 8–9 behauptet Schrickel: »Das Entscheidende fehlt, nämlich dass diese Krise (der bürgerlichen Philosophie, WH) allgemein basiert auf dem Imperialismus als verfaulendem und sterbendem Kapitalismus, dass sie sich verschärft auf der Grundlage der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems und dass ihr integrierender Bestandteil die Ohnmacht der bürgerlichen Philosophie zur Verarbeitung und Verallgemeinerung der Ergebnisse der Naturwissenschaften ist.« Hierzu ist zu sagen: Erstens ist das Buch keine Analyse des Imperialismus und der allgemeinen Krise, sondern eine Schrift gegen den Existenzialismus. Zweitens muss man blind sein, um nicht zu bemerken, dass Lukács die Besonderheiten des Imperialismus und der allgemeinen Krise erklärt – eben davon ist auf den Seiten 7 bis 32, insbesondere auf den Seiten 7 bis 17 die Rede. Was drittens die Unfähigkeit der bürgerlichen Philosophie, die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft richtig zu verallgemeinern, angeht, so setzt sich Lukács auch mit dieser Frage auseinander. (Siehe S. 16 f.: »Gleichzeitig werden in der imperialistischen Periode die Naturwissenschaften in der Hauptrichtung ihrer Popularisierung zu Waffen der reaktionären Weltanschauung gemacht usw.«; siehe ferner die Ausführungen zu diesem Problem auf den Seiten 134 bis 155!) Die ganze Abhandlung über die Erkenntnistheorie Lenins (S. 127–160) ist zu einem guten Teil dem Nachweis gewidmet, dass nur der dialektische Materialismus die theoretische Naturwissenschaft aus der Sackgasse ihrer Grundlagenkrisen herausführen kann und dass namentlich Lenins Materialismus und Empiriokritizismus hierbei die größte Bedeutung hat, weit hinaus über die Zerschlagung des physikalischen Idealismus der Jahrhundertwende. 4) Schrickel behauptet, dass die Einteilung der Epochen der bürgerlichen Philosophie durch Lukács »insgesamt falsch« sei (S. 9). Er beweist diese These nicht. Wenn er sie beweisen wollte, stünde er vor der peinlichen Frage, unter anderem die folgenden Fragen beantworten zu müssen: Warum ist es »insgesamt falsch«, dass es eine Aufstiegsund eine Niedergangsphase der bürgerlichen Philosophie gibt? Warum ist es falsch, dass die erste Phase, »die etwa bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, höchstens bis 1848 reicht« (Lukács, S. 11), »den höchsten gedanklichen Ausdruck der bürgerlichen Weltanschauung hervorbringt« (S. 11)? Warum ist es falsch, dass »die Revolution von 1830 und noch mehr die von 1848 zeigen, dass die bürgerliche Klasse aufgehört hat, die führende Klasse des Fortschritts zu sein«? Warum ist es falsch, dass »1830 der Zersetzungsprozess der klassischen bürgerlichen Philosophie einsetzt, der mit der 48er Revolution vollkommen beendet ist«, und dass die bürgerliche Philosophie nun »Verteidigungsstellungen gegen das aufstrebende Proletariat bezieht«? (S. 12) 136 Teil I 5) Schrickel vermisst, dass Lukács »der Entwicklung des Marxismus-Leninismus keine Beachtung schenkt« (S. 9). Auch das ist eine Unterstellung. Erstens ist das Buch nicht der Entwicklung des Marxismus-Leninismus, sondern dem Kampf gegen den Existenzialismus gewidmet. Zweitens trägt das Kapitel, auf das sich Schrickels Kritik speziell bezieht, den Titel Die Hauptepochen des bürgerlichen Denkens (S. 10–15) und dient dem Zweck, nachzuweisen, dass die bürgerliche Philosophie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem unaufhörlichen Niedergang begriffen ist. Drittens ist von der Weiterentwicklung des Marxismus durch den Leninismus in dem Buch durchaus die Rede, und zwar in dem Abschnitt über die Erkenntnistheorie Lenins (S. 127–160) – wenn auch selbstverständlich nicht erschöpfend, was gar nicht die Aufgabe dieses Buches sein kann – , eines Buches, das nicht mit der Prätention auftritt, eine Geschichte der neueren Philosophie zu sein, sondern nur u. a. in einem Abschnitt von viereinhalb Seiten (S. 10–15) auf eine bestimmte, begrenzte Seite der Geschichte der Philosophie mit äußerst knapp gehaltenen Darlegungen eingeht. 6) Schrickel behauptet, dass Lukács keine wissenschaftliche Einschätzung der russischen revolutionären Demokraten zu geben vermag, weil er »die bürgerliche Philosophie nur westeuropäisch auffasst« (S. 9). Auch daran ist kein wahres Wort. Erstens beweist die Tatsache, dass Lukács die russischen revolutionären Demokraten Tschernyschewski und Dobroljubow erwähnt und ihre Ebenbürtigkeit mit den westeuropäischen Denkern der bürgerlichen Aufstiegsepoche andeutet, zur Genüge, dass er gerade nicht den Fehler begeht, die Geschichte der Philosophie nur westeuropäisch aufzufassen (vgl. S. 12). Zweitens scheint Schrickel die russischen revolutionären Demokraten, die den revolutionären Bestrebungen der werktätigen Bauernmassen ihrer Zeit Ausdruck gaben und gesellschaftlich nur aus der Bauernbewegung Russlands um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu verstehen sind, ohne Weiteres der bürgerlichen Philosophie zurechnen zu wollen und es Lukács übelzunehmen, dass er das in seinem zweiten Abschnitt über Die Hauptepochen bürgerlichen Denkens nicht so ohne Weiteres tut. Drittens hat die Erwähnung der russischen revolutionären Demokraten bei Lukács (S. 12) folgenden Wortlaut: »Diese Feststellungen (bezüglich des Niedergangs der Philosophie seit 1848) beziehen sich nicht auf Russland. In der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung und infolgedessen auch im ideologischen Kampf Russlands entspricht im Großen und Ganzen das Jahr 1905 dem Jahr 1848 in Mittel- und Westeuropa. Darum konnten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Russland noch solche Denker leben wie Tschernyschewski und Dobroljubow.« Warum ist dieser Hinweis nicht wissenschaftlich, wie Schrickel uns weismachen will? Dass zwischen 1848 und 1905 eine Analogie besteht, 137Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 ist meines Wissens eine Einsicht Stalins (vgl. Über die Grundlagen des Leninismus, Abschnitt über die historischen Wurzeln des Leninismus!). Viertens ist es gar nicht die Aufgabe dieses bestimmten Buches von Lukács, die Rolle und Bedeutung der russischen revolutionären Demokraten darzustellen. Und fünftens ist es eine glatte Unverschämtheit, zu behaupten, dass Lukács zu keiner »wissenschaftlichen Einordnung der russischen revolutionären Demokraten« im Stande sei, angesichts der Tatsache, dass die erste wissenschaftliche Einordnung der russischen revolutionären Demokraten, die in deutscher Sprache erschienen ist und über die knappen Äußerungen von Marx und Engels hinausgeht, von keinem anderen als Lukács stammt, vgl. dessen Buch Der russische Realismus in der Weltliteratur, Abschnitt: Die internationale Bedeutung der demokratisch-revolutionären Literaturkritik (Ausgaben von 1949 und 1952). 7) Schrickel behauptet (S. 9), dass es bei Lukács »schematische Kategorien« gäbe, »die wir aus seinen Arbeiten von Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) bis zum Jungen Hegel längst kennen«. Was ist damit gemeint? Doch nicht etwa, dass die spezifischen Fehler von Geschichte und Klassenbewusstsein seit 1923 die Bücher von Lukács »bis zum Jungen Hegel« beherrschen? Schrickel wagt es nicht, diese Ungeheuerlichkeit offen auszusprechen, aber er sorgt dafür, dass der Leser dergleichen vermutet. Oder meint Schrickel mit den »schematischen Kategorien« die Kategorie des Warenfetischismus, von der sowohl in Geschichte und Klassenbewusstsein als auch in Existenzialismus oder Marxismus die Rede ist – wenn auch in etwas anderem Sinn? Aber seit wann ist der Warenfetischismus eine Privatmarotte von Lukács? Seit wann ist er eine »schematische Kategorie«? Und inwiefern ist diese »schematische Kategorie« »im Laufe von Lukács’ persönlicher Entwicklung wider Erwarten (!) nicht wissenschaftlich revidiert (?) und aufgegeben (?), sondern immer nur noch starrer, metaphysischer angewendet und so in ein begriffliches Prokrustesbett für die lebendige dialektische Wirklichkeit verwandelt worden«? Soll das heißen, dass in Lukács’ sämtlichen Arbeiten seit 1923 vom Warenfetischismus die Rede ist? Oder soll es heißen, dass Schrickel von Lukács seit 1923 erwartet, dass dieser die Kategorie Warenfetischismus revidiert und gänzlich aufgibt, woran dieser leider gar nicht denkt? Eine sonderbare »Kritik« ist das, das muss man schon sagen! 8) Auf den Seiten 11 bis 12 wirft Schrickel Lukács »Objektivismus« vor. Er behauptet, Lukács neige dazu, »die Existenzialisten als durchaus ›ebenbürtige‹ Gegner und ihre raffinierten Sophistereien als ›Irrtümer‹ zu betrachten«. Unter »ebenbürtige Gegner« kann in diesem Zusammenhang aber nur gemeint sein: »ebenbürtige Gegner des 138 Teil I Marxismus«! Wo steht dergleichen in dem Buch von Lukács? Nirgends! Aber inwiefern »neigt« Lukács dann dazu, dergleichen zu meinen? Die Sophistereien der Existenzialisten für »raffiniert« zu halten, blieb Schrickel vorbehalten. Lukács hält sie für primitiv und weist glänzend nach, wie primitiv sie sind (vgl. S. 45 über Sartres »Theorie des negativen Urteils, S. 49–57 über Sartres Begriff der »Freiheit«, S. 69–79 über das Thema: »Wider einmal Marx getötet (…)«, S. 161–183 über den Unsinn Heideggers usw.!). Allerdings ist Lukács’ der Meinung, dass der Existenzialismus sich aus Irrtümern zusammensetzt, und er zeigt auf, warum es Irrtümer sind, wie diese Irrtümer zu Stande kommen, und welche (gesellschaftlichen) Konsequenzen es hat, in diesen (gesellschaftlich bedingten) Irrtümern gefangen zu sein. Aber wieso ist das Objektivismus? Schrickel erhebt weiter den Vorwurf, dass Lukács dem Existenzialismus »ein relativ berechtigtes Moment« zuerkenne. Das klingt sehr massiv. Wenn man aber die entsprechenden Ausführungen bei Lukács liest, stellt man fest, dass sich von Objektivismus keine Spur finden lässt, dass also Schrickel – wieder einmal – verleumdet. Auf Seite 54 spricht Lukács davon, dass »die Sartresche formallogische Überspannung des Freiheitsbegriffs zu seiner Vernichtung führe« und fährt fort: »Hier handelt es sich nicht um einen zufälligen Fehler oder um einen individuellen Schnitzer Sartres. Hier taucht eine entscheidende methodologische Frage der modernen Philosophie auf: Die heutigen Irrationalisten sind im Leben auf Tatsachen dialektischen Charakters gestoßen. Da sie aber nicht dialektisch an sie herangehen, sondern auf der Grundlage eines in den Schnürleib der Formallogik gepressten, in sich selbst zerfallenden Irrationalismus, wird all das zum Unsinn, was als Moment der dialektischen Zusammenhänge sinnvoll und berechtigt wäre. Die Meister der Dialektik haben uns häufig gemahnt, dass jede Wahrheit, sobald sie überspannt wird, zur Absurdität führt. Wo ist nun bei Sartre dieses relativ berechtigte Moment? Unzweifelhaft in der Betonung der Entscheidung des Individuums, des individuellen Entschlusses, dessen Wichtigkeit der bürgerliche Determinismus und der Vulgärmarxismus gleichermaßen zu unterschätzen pflegen (…).« Lukács lässt dann (S. 55) eine Erörterung der Dialektik von individuellem Handeln und gesellschaftlichem Entwicklungsprozess folgen, wendet sich dabei gegen fatalistische Vulgarisierungen dieser Wechselbeziehungen und fährt, auf Sartre zurückkommend, fort: »Sartre macht freilich gerade das Entgegengesetzte (…). Er leugnet den wahren Zusammenhang des Individuums mit der Gesellschaft usw.« Folgt: Eine vernichtende Kritik des Sartreschen Freiheitsbegriffs. 139Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 In ähnlichem Sinn schreibt Lukács an anderer Stelle (S. 125): »Ich habe das relativ berechtigte Moment am Existenzialismus, dass es für den Menschen eine Wahl gibt, dass man sich in einer Situation zu entscheiden hat, nie bestritten.« Er leitet damit den Gedanken ein, dass auch die ehrlichen Anhänger des Existenzialismus vor einer Entscheidung stünden, dass es auch für sie eine Wahl gäbe: »Sie haben heute noch die Freiheit, aber auch die historische Verantwortung der Entscheidung; es hängt von ihnen ab, ob sie den Weg Romain Rollands oder den von Malraux zu gehen sich entschließen. Aber die Dinge haben ihre Logik, und eine Logik hat demzufolge auch die Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit in unserem Bewusstsein. Die existenzialistische Position ist ihrem Wesen nach so tief mit dem Nihilismus verbunden, dass ein Festhalten an ihr – ob man will oder nicht – in die Richtung des Malrauxschen Weges treibt, während die Romain Rollandsche Orientierung früher oder später zu einem Bruch mit den existenzialistischen Voraussetzungen führen muss. Wie immer sich auch die subjektiv ehrlichen Existenzialisten entscheiden mögen, wie ausschlaggebend dieser Entschluss auch für ihr Schicksal als Menschen und Denker sein wird, das Schicksal des Existenzialismus als Richtung hat die Geschichte dem Wesen nach bereits entschieden.« Warum schreibt Schrickel nicht, in welchem Sinn hier »relativ berechtigtes Moment« und »subjektive Ehrlichkeit« gemeint sind, warum setzt er sich nicht mit dem sachlichen Gehalt dieser Ausführungen auseinander? Warum überlegt er sich nicht, welche Bedeutung solche Sätze in unserem ideologischen Kampf haben? Antwort: Weil es ihm auf sachliche Kritik überhaupt nicht ankommt, sondern weil er verleumden will. Weiter: Schrickel erklärt: »Es ist erschreckend, mit welcher Gemütsruhe und Leidenschaftslosigkeit Lukács die Trotzkisten und ihre Theorien abhandelt.« (S. 11) Tut Lukács das wirklich? Lukács zeigt lediglich, dass Merleau Ponty von allen Existenzialisten den Marxismus am besten kennt (besser als Sartre und die de Beauvoir), dass er aber durch den Einfluss des Trotzkismus daran gehindert wird, zu wirklichen Erkenntnissen zu gelangen. Wörtlich: »Freilich bildet der Existenzialismus unverändert die Grundlage seines Denkens. Aber gewisse kritische Bedenken, die bei der de Beauvoir schüchtern hervortraten, äußern sich bei ihm weit deutlicher. Dass diese Diskrepanz zwischen neuem Inhalt und alter Methode bei ihm nicht wirklich offen zu Tage tritt, dass sie ihm selbst nie völlig bewusst wird, hat seine Ursache im Trotzkismus, der in ihm ständig lebendig ist. Wir werden sehen, wie diese Sympathie Merleau Ponty jedesmal, wenn er sich dem wirklichen Verständnis des Marxismus und den aus diesem Verständnis sich ergebenden Problemen und Folgerungen nähert, wieder von diesen ablenkt.« 140 Teil I (S. 99) Offenbar geht daraus ganz klar hervor, dass der Trotzkismus auf Merleau Ponty einen negativen, erkenntnishemmenden Einfluss ausübt. Das ist zwar nicht das einzige Negative, das sich vom Trotzkismus sagen lässt: Er leistet auch Zuarbeit für imperialistische Spionagedienste, treibt auch Mord und Sabotage. Aber außerdem hindert er auch Intellektuelle daran, zu gesellschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, und diese spezifische Wirkung des Trotzkismus an einem konkreten Beispiel aufzuzeigen, ist jedenfalls kein »Objektivismus«. (Über die »Leidenschaften« von Lukács kann Schrickel sich wohl kaum ein Urteil erlauben.) Im Übrigen war Merleau Ponty, als Lukács sich mit ihm auseinandersetzte, kein Trotzkist. Er lehnte damals die Antisowjethetze eines Koestler öffentlich ganz energisch ab. Es ging also nicht an, ihn mit dem Trotzkismus zu identifizieren. Lukács urteilt also »gemütsruhig und leidenschaftslos« nicht über Trotzkisten und ihre Theorien, sondern über einen Intellektuellen, der zwischen »existenzialistischer Orthodoxie« und »pseudomarxistischen Ketzereien« (Ketzereien vom Standpunkt des Existenzialismus) schwankt und durch trotzkistische Einflüsse daran gehindert wird, den Weg zum Marxismus zu finden, was ein Unterschied ist. Lukács’ Urteil über den Trotzkismus selbst ist sehr viel schärfer. Zum Beispiel auf Seite 103: »Obwohl er (Merleau Ponty, WH) aber Koestler so energisch abschüttelt und damit einen gesunden ästhetischen und moralischen Instinkt verrät, führt die Tatsache, dass Merleau Ponty sich überhaupt auf eine eingehende Auseinandersetzung mit solchen subalternen Renegaten einlässt, seine Ausführungen oft auf Nebengleise, überlastet sie mit Nebensächlichkeiten, die vom Hauptproblem ablenken.« Oder: »Alle konkreten Auslassungen Trotzkis faulen längst auf dem Misthaufen der Geschichte, eine seiner Einwirkungen ist aber heute noch vorläufig lebendig: Das Ablenken von den konkreten Zentralfragen der Gegenwart und im Zusammenhang damit ein Maskieren des theoretischen und praktischen Nihilismus mit revolutionären Phrasen. Trotzkis Absicht war ursprünglich vielleicht nicht, prinzipiell von diesen Fragen abzulenken; er hat sie ›nur‹ grundfalsch beantwortet, indem er zwischen Arbeiter- und Bauerninte ressen eine unüberbrückbare Gegensätzlichkeit statuierte. Da aber daraus die Leugnung der Möglichkeit, den Sozialismus in einem Land aufzubauen, erwuchs, da dieses Leugnen zum Banner der Konterrevolution wurde, zu ihrem Versuch, die Arbeiter und die rebellisch veranlagte Intelligenz in einen Gegensatz zur Sowjetunion zu bringen, ist diese Ablenkungstendenz in breiten linken Kreisen zu einer Zentralfrage geworden. Je mehr die ökonomische, politische und kulturelle Entwicklung des Sozialismus als Perspektive in den Mittelpunkt des Interesses rückt, desto mehr wird die Stellungnah- 141Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 me zur Sowjetunion ein Probierstein nicht nur für alle politischen, sondern auch für alle weltanschaulichen Fragen.« (S. 118 f.) Oder: »Was waren diese (die Moskauer Trotzkistenprozesse, WH) anders als die Enthüllung des Wesens der Trotzkismus als Revolutionsverrat bis in das Banditen- und Spitzeltum hinein? Eine Enthüllung, in welcher das ›nichtende Nichts‹ als das Wesen der Welt und der Persönlichkeit der Trotzkisten als ihr vollendeter geistig-moralischer Bankrott, ihre Situation vis-à-vis de rien vollständig zum Ausdruck kam?« (S. 122) Das ist das angeblich »gemütsruhige«, angeblich »leidenschaftslose« Urteil von Lukács über den Trotzkismus. Mit den anderen Verleumdungen, aus denen Schrickel den Vorwurf des »Objektivismus« zurechtkonstruiert (Seite 12 seines Aufsatzes, oben), steht es nicht besser. II. Ideologische Fehler 1) Schrickels Auffassung, dass »eine subjektiv-idealistische Strömung niemals zu einer allgemein führenden Ideologie geworden ist«, ist falsch. Erinnert sei an die Schopenhauer-Mode, die nach der Revolutionsniederlage von 1848 einsetzte, an den Einfluss des Neukantianismus, der seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte der imperialistischen Epoche hinein die gesamte Kathederphilosophie in Deutschland beherrschte, einen großen Einfluss auf die Intelligenz ausübte und dessen Wirkung sich bis in die Sozialdemokratie hinein (via Max Adler, Vorländer und Bernstein) erstreckte.16 Erinnert sei an die Wirkung der subjetkiv-idealistischen Grundtendenz des Positivismus, an die Wirkung des Pragmatismus in den angelsächsischen Ländern. Die Wirkung des Existenzialismus nach 1945 in Frankreich liegt auf derselben Linie. Wie »dünn« die Intellektuellenschicht auch sein mag, die dem subjektiven Idealismus bis in seine letzten absurden Konsequenzen folgt, ist nicht entscheidend: Sie ist »dick« genug, in dieser oder jener Weise das gesellschaftliche Bewusstsein zu beeinflussen, zu infizieren. 2) Was Schrickel auf Seite 7 ausführt, entkräftet das, was Lukács in seinem Vorwort sagen will, nicht. Rassismus, Neomalthusianismus, Geopolitik, Pragmatismus usw. sind eben keine neuen, sondern alte wirksame Philosophien, die es schon lange gibt. Lukács 16 (AH) Zu diesem Themenbereich liegen verschiedene Wortmeldungen Harichs vor, einschlägig sind seine geschichtsphilosophisch orientierten Artikel aus der Neuen Welt, abgedr. in Band 6.2. Zu Schopenhauer kommt im vorliegenden Band Harichs Einleitung in den von ihm veranstalteten Sammelband mit Schopenhauer-Kritiken zum Abdruck. 142 Teil I meint, dass die bürgerliche Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg nichts hervorgebracht hat, was an (freilich fadenscheiniger) »Originalität« und Wirkung solchen Büchern wie Untergang des Abendlandes von Spengler oder Sein und Zeit von Heidegger zu vergleichen wäre. Er will damit zum Ausdruck bringen, dass die bürgerliche Philosophie gegenwärtig sehr viel armseliger ist, als sie es selbst im vorfaschistischen Deutschland, in den zwanziger Jahren, war. Er schreibt: »Sogar die vorfaschistische Periode – wahrhaft ein erschreckender Tiefpunkt des bürgerlichen Denkens – zeigt ein weniger gesunkenes Niveau im Vergleich zu den philosophischen Manifestationen der amerikanischen Lebensform.« Mit dieser Feststellung hat Lukács recht, sie abzuschwächen wäre völlig falsch. 3) Schrickel behauptet, es sei falsch, zu versuchen, die Existenzialisten mit abstrakten theoretischen Mitteln zu bekämpfen (S. 7). Das ist ein grundlegender Irrtum: Philosophische Ideen kann man als marxistischer Theoretiker überhaupt nur dadurch bekämpfen, dass man zeigt, dass es falsche Ideen sind. Nur so kann man diejenigen zur Wahrheit führen, die von diesen falschen Ideen beeinflusst sind. Das Aufzeigen der historisch-gesellschaftlichen Bedingtheit der falschen Ideen, ihres Klassencharakters und ihrer dementsprechenden gesellschaftlichen Rolle ist nur eine Seite des ideologischen Kampfes des Marxismus. Wäre es anders, so hätte beispielsweise Lenin Materialismus und Empiriokritizismus nicht zu schreiben brauchen. Ob Sartre vom amerikanischen Imperialismus bezahlt wird, wie Schrickel meint, ist sehr die Frage. Wahrscheinlich wird er von seinen Verlegern bezahlt. Das ist aber auch ganz unwichtig: Selbst wenn er auf Tantiemen verzichtete und vom Mundraub lebte, würden die Ideen Sartres dem amerikanischen Imperialismus dienen, und das können sie nur, weil sie falsche Ideen, reaktionäre Ideen sind. Darauf kommt es an. 4) Schrickel hält es für mehr oder weniger belanglos, dass am Ende der Entwicklung der bürgerlichen Philosophie im 20. Jahrhundert die sogenannte »Weltanschauung« des Faschismus steht. (S. 8) Diese Bagatellisierung des Faschismus ist grundfalsch. Wenn wir sie gelten lassen, schlagen wir uns ein entscheidendes Argument aus der Hand, mit dem wir die ideologischen Vorläufer des Faschismus – zu denen auch der Existenzialismus gehört – vernichtend treffen können. Merkwürdig ist, dass Schrickel hier in den umgekehrten Fehler verfällt wie den eben kritisierten: Nachdem er eben die theoretische Bekämpfung falscher Ideen abgelehnt hat, lehnt er hier auf einmal den Hinweis auf die gesellschaftliche Rolle der reaktionären Philosophie ab. 143Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 5) Schrickel bringt es fertig, eine wichtige Kategorie der marxistischen politischen Ökonomie und Philosophie als »Schlagwort« zu diffamieren. Als ein solches »Schlagwort« bezeichnet er die Fetischisierung, die einer der genialsten Entdeckungen von Marx ist. Er hält es ferner für bloße »Schlagworte«, dass »die moderne Form des Agnostizismus in Mystizismus, in Mythenschaffung umschlägt«, dass es »die erste Aufgabe des Mythos ist, die gesellschaftlichen Folgen der wissenschaftlichen Erkenntnis zu verschleiern«. (S. 9 f.) Unsere Einschätzung der Mystizismen von Bergson, Spengler, Klages, Weinhandl und anderen Obskuranten erschöpft sich also in »Schlagworten«. Genau denselben Vorwurf erheben die Reaktionäre, die Anhänger dieser Obskuranten, gegen die marxistische Kritik ihrer Irrlehren. Ich möchte wissen, mit welchem Recht sich Schrickel noch für einen Marxisten hält. Er schreibt: »Mit diesen Schlagwörtern versucht Lukács des weiteren, einzelne Seiten des Existenzialismus zu etikettieren«, ein »Verfahren«, das »nur zu abstrakten Gemeinplätzen führt«. Der Tagesspiegel würde das ohne zu zögern drucken. 6) Schrickel schreibt (S. 11): »Ein weiterer Hauptfehler auf der gleichen Linie (auf der Linie des Objektivismus, WH) ist die sogenannte ›immanente Kritik‹. Lukács kritisiert den Existenzialismus ›von seinen eigenen philosophischen Voraussetzungen aus betrachtet‹!« Hier ist zunächst zu sagen, dass auch dies wieder eine Unterstellung ist, eine völlig unsinnige. Natürlich kritisiert Lukács den Existenzialismus nicht von dessen eigenen philosophischen Voraussetzungen aus betrachtet, sondern er kritisiert ihn vom Standpunkt des Marxismus. Die Stelle, die Schrickel – aus dem Zusammenhang herausgerissen – zitiert, ist kein Bekenntnis von Lukács zur »immanenten Kritik«, sondern besagt etwas ganz anderes. Sie lautet: »Ganz anders ist die Lage des französischen Existenzialismus (anders als die des deutschen Existenzialismus der zwanziger Jahre, WH). Er will die Philosophie der linken, progressiven, demokratischen und sozialistischen Intelligenz werden. Er kann also nicht – à la Nietzsche – mit ein paar Invektiven den Sozialismus erledigen, er kann auch nicht – à la Heidegger – unter dem Schutz der Konzentrationslager von ihm öffentlich überhaupt keine Kenntnis nehmen. Er muss sich mit ihm vielmehr im offenen geistigen Kampf messen und dabei zeigen, dass er ihm auf dem Gebiet der Geschichtsphilosophie und Moral überlegen ist, dass er auf alle Fragen, die für das menschliche Verhalten aus der Geschichte entstehen, von den existenzialistischen Prinzipien aus bessere, klarere, sicherere und konkreter wegweisende Antworten geben kann als der Marxismus. (…) Es handelt sich um die Frage einer existenzialistischen Moral unter den konkreten Bedingungen der geschichtlich aufgefassten Gegenwart. Gleich bei dieser Problemstellung zeigt es sich, dass der Existenzi- 144 Teil I alismus – von seinen eigenen philosophischen Voraussetzungen aus betrachtet – von allem Anfang an in die Defensive gedrängt ist, dass die Existenzialisten gezwungen sind, den Kampf auf einem fremden Terrain aufzunehmen. Darin drückt sich bereits das Vordringen des Marxismus aus.« (Lukács, S. 63) Das nennt Schrickel »immanente Kritik«, darauf stützt er seine Behauptung, dass Lukács den Existenzialismus »von seinen eigenen philosophischen Voraussetzungen aus kritisiert«. So viel über die Unterstellung. Und nun zu dem ideologischen Fehler Schrickels: Schrickel verneint im Grunde, dass es für einen Marxisten statthaft sei, eine Ideologie unter anderem auch dadurch zu bekämpfen, dass man ihr innere logische Unstimmigkeiten nachweist. Konkret gesprochen: Er verneint, dass ein Marxist z. Bsp. neben der marxistischen Widerlegung und Bekämpfung der Rassenirrlehre, auf die es freilich hauptsächlich ankommt, auch noch darauf hinweisen darf, dass die gleichen Nazis, die den Weltherrschaftsanspruch der »arischen Rasse« verkünden, sich nicht genieren, gemeinsam mit den »nichtarischen« japanischen Imperialisten einen Krieg gegen die »arischen« Imperialisten der USA und Großbritanniens zu führen. Schrickel nennt das »immanente Kritik« und lehnt sie als »objektivistisch« ab. Nun findet sich solche »immanente Kritik« freilich auch an gewissen Stellen des Buches von Lukács. Sie nimmt zwar nur einen verschwindend geringen Raum ein, aber Lukács lässt es sich in der Tat nicht nehmen, an bestimmten Stellen logische Unstimmigkeiten in den Äußerungen von Sartre, Simone de Beauvoir und Merleau Ponty festzunageln (er tut es nur nicht an der Stelle, die Schrickel zitiert), wobei er einmal sogar ironisch hinzufügt, es sei nicht seine Aufgabe, »über die Orthodoxie des Existenzialismus zu wachen«. (S. 54) Nochmals: Es kann dies nicht die Hauptlinie einer marxistischen Ideenkritik sein und ist es bei Lukács auch nicht. Wenn wir eine solche immanente Kritik aber prinzipiell und unter allen Umständen ablehnen würden, würden wie uns damit eines äußerst beweiskräftigen Mittels im ideologischen Kampf berauben, würden wir es uns versagen, den inneren Widersinn in den »Argumenten« unserer Gegner zu entlarven. Wer den Anti-Dühring kennt, dürfte wissen, dass Engels dieses Mittel der »immanenten Kritik« gelegentlich durchaus nicht verschmäht hat. Schrickel begeht also auch hier einen Fehler. 145Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 III. Zusammenfassendes Urteil Von allen einzelnen Fehlern abgesehen, ist der Artikel hauptsächlich deswegen falsch, weil Schrickel die Aufgabe des Buches von Lukács grundsätzlich verkennt. Das Buch soll ehrliche bürgerliche Intellektuelle, die philosophisch gebildet sind, geistige Ansprüche stellen, aber von gewissen existenzialistischen Einflüssen infiziert sind, von der Verkommenheit des Existenzialismus überzeugen und ihnen helfen, die gesellschaftliche Rolle dieser verkommenen Philosophie zu erkennen. Das kann nur durch eine Kritik der Ideen des Existenzialismus geschehen. Das Buch soll ferner seine Leser an das Studium von Lenins Materialismus und Empiriokritizismus heranführen, wo sie die erkenntnistheoretischen Probleme, die der Existenzialismus im Dienst seiner reaktionären Sophismen völlig verzerrt und mystifiziert, wissenschaftlich beantwortet finden. Daher die Abhandlung über die Erkenntnistheorie Lenins und die Probleme der modernen Philosophie, die die Aktualität des philosophischen Hauptwerks von Lenin nachweist und gewissermaßen den positiven Ausweg aus dem trüben Schleim der existenzialistischen Theorien zeigt. Der Vorzug des Buches besteht darin, dass es einen klaren marxistischen Standpunkt, eine klare Parteinahme für die objektive Wahrheit, mit einer umfassenden Informiertheit über die gegenwärtige bürgerliche Philosophie vereinigt, also geeignet ist, Intellektuelle, an die wir sonst schwer »herankommen«, zu überzeugen. Wie sich nachweisen lässt, hat das Buch schon manchen zum Nachdenken gebracht, der uns vorher fernstand. Bei der Stärke der Argumente, die Lukács ins Treffen führt, ist die Konzilianz des Tons (die von Schrickel gerügte »Leidenschaftslosigkeit«) eher ein Vorteil. Das alles sieht Schrickel nicht. Sein Artikel beweist, dass er sich die Aufgabe des Rezensenten sehr leicht macht, dass er unseren ideologischen Kampf im Grunde nicht ernst nimmt, dass er sich nicht scheut, einen hervorragenden und bewährten Genossen zu verleumden, und dass er in ernsten theoretischen Fehlern befangen ist. Sein Artikel ist geeignet, Verwirrung anzurichten und das Ansehen des theoretischen Organs der Partei (gemeint ist die Einheit, AH) schwer zu schädigen. * * * * * (AH) Im Folgenden kommen mehrere Schriftstücke und Briefe Harichs zum Abdruck, die sich mit der Auseinandersetzung um Hegel in der jungen DDR-Philosophie beschäftigen. Harich war mit seiner Vorlesung zur Geschichte der klassischen deutschen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie, gehalten an der Berliner Humboldt-Universität, in die Kritik durch die Partei geraten, da er in der Hegel-Vorlesung, mit der er am 14. September 1951 146 Teil I begonnen hatte, dass Hegel-Bild von (vor allem) Lukács und (eher partiell) Bloch weiter ausbaute.17 Die Diskussion spitzte sich im Frühjahr 1952 zu und fand ihren peinlichen Höhepunkt schließlich in der Sitzung des Philosophischen Instituts vom 16. April 1952, in der Harich erneut von mehreren Parteimitgliedern öffentlich kritisiert wurde. Teilnehmer waren: Prof. Dr. Walter Hollitscher (Ordinarius für Philosophie), Dr. Klaus Schrickel (Lehrbeauftragter), Dr. Wolfgang Harich (Lehrbeauftragter), Götz Redlow (Assistent), Hermann Scheler (Kandidat der Aspirantur), Wolfgang Heise (Kandidat der Aspirantur), Fritz Gluth (Hilfsassistent, Student); Kurt Hager und Ernst Hoffmann waren nicht anwesend. Harich hatte nach der Diskussion mit seinen Notizen ein Protokoll dieser Sitzung angefertigt, das im fünften Band dieser Edition zum Abdruck kam und die ganze Absurdität der Angelegenheit zeigt.18 Camilla Warnke schrieb über diese Sitzungen: »Die Debatte gipfelte nach heftigem Schlagabtausch für und wider die Formel von Hegels Philosophie als ›aristokratische Reaktion auf die französische Revolution und den französischen Materialismus‹ und bei sich an Intensität und Lautstärke permanent steigerndem Harichschen Einspruch gegen dieses Verdikt schließlich in dem mehrfach hintereinander in höchster Erregung ausgestoßenem Satz: ›Ich lasse auf Hegel nicht scheißen!‹ Mit ihm sprengte der gänzlich außer Fassung geratene Harich diese irre Veranstaltung.«19 Bei all dem ungläubigen Staunen, das diese Schilderung heute hervorruft, darf nicht vergessen werden, dass der, der da Harich zu Folge auf Hegel »geschissen« hatte, Stalin war. Es gibt kaum eine Handvoll Intellektuelle und Künstler, die in der DDR derart deutlich und solch ein hohes Risiko in Kauf nehmend für die Freiheit von Forschung und Lehre kämpften. Das ist Harich auch heute noch positiv zu attestieren. Dieser Vorgang wird deshalb hier in einigen kleinen Dokumenten vorgestellt, da auf diese Art jenes geistige Klima inklusive der offiziellen Parteimeinung gut erkannt werden kann, das den Druck des Hegel-Buches von Lukács verzögerte. In einigen Briefen geht es zudem explizit um Lukács und dessen Hegel-Interpretation. (Der junge Hegel war in der DDR in der Schweizer Ausgabe natürlich bekannt.) Harich wurde, wie ausgeführt, auch angegriffen, weil er mit Blick auf Hegel die Positionen von Lukács zur klassischen deutschen Philosophie vertrat. Zeitlich-chronologisch nimmt die Debatte eine Zwischenstellung ein, nachfolgend der Kritik von Shdanow an Alexandrow, die in der DDR in stalinistischer Manier fortgesetzt wurde, vorbereitend die heiße Phase der Hegel-Debatte, die dann 1954 von Rugard Otto Gropp ausgelöst wurde und ebenfalls Harich und Lukács (neben so manch anderen) betraf. (Siehe hierzu die entsprechenden Texte dieses Bandes.) 17 (AH) Die Vorlesung und verschiedene ergänzende Dokumente zur Hegel-Debatte aus der Sichtweise Harichs werden im 5. Band dieser Edition präsentiert. Dort alle weiteren Verweise. Die Hegel-Vorlesung kommt dort in den Versionen von 1951/1952 und 1956 zum Abdruck, S. 437–714. 18 (AH) Band 5, S. 160–169. Angabe der Teilnehmer nach: Ebd., S. 160. 19 (AH) Warnke, Camilla: Der junge Harich und die Philosophiegeschichte. Wolfgang Harichs Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, 1951–1954, Berlin, 1999, S. 47. Siehe auch: Warnke, Camilla: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, in: Heyer, Andreas (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR, Norderstedt, 2015, S. 159–166. 147Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Zum Abdruck kommen nacheinander: Thesen zur Diskussion über Hegel (1952), die Anlage Informationen über meine Arbeit (1952) zur Hegel-Denkschrift, Briefe an Fred Oelßner (03. Februar 1952, 30. März 1952), Ernst Hoffmann (03. Februar 1952), Kurt Hager (26. März 1952) und Schkurinow (12. April 1952), ein Auszug aus der Hegel-Denkschrift (29./30. März 1952), wichtige Verweise auf Lukács enthaltend. Der im Folgenden abgedruckte kleine Text Thesen zur Diskussion über Hegel muss im Frühjahr 1952 entstanden sein, verschiedene der entwickelten Gedanken lassen sich in anderen Kontexten erneut wieder finden, so beispielsweise in der Hegel-Denkschrift oder in dem Gutachten zum Druck von Lukács’ Der junge Hegel. Thesen zur Diskussion über Hegel20 (1952) 1) Es berufen sich in den vergangenen Jahren viele Publizisten auf eine Äußerung Stalins, der die Hegelsche Philosophie als Ausdruck der europäischen feudalaristokratischen Reaktion auf die Französische Revolution und den französischen Materialismus bezeichnet haben soll. Diese Äußerung wird in verschiedenen Versionen und niemals in direkter Rede zitiert. Ich habe bisher vergeblich versucht, festzustellen, wann Stalin diese Äußerung getan hat und welchen Wortlaut sie hat.21 20 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, undatiert, Frühjahr 1952.  21 (AH) Im Zuge des Drucks von Ernst Blochs Hegel-Buch (Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel) spielten sich ähnlich absurde Szenen ab. Kurt Hager, der Blochs Werk persönlich überprüfte, ließ diesem über Walter Janka mitteilen: »Es muss allerdings gesagt werden, dass unseres Erachtens in diesem Werk nicht klar zum Ausdruck kommen: 1) Die Einschätzung Stalins, Hegel sei der Ideologe der aristokratischen Reaktion gegen die Französische Revolution, 2) die grundlegende Umwälzung in der Philosophie durch den dialektischen Materialismus.« Janka, Walter: Brief an Ernst Bloch vom 6. Juni 1951, in: Faber, Elmar; Wurm, Carsten (Hrsg.): »… und leiser Jubel zöge ein. Autoren- und Verlegerbriefe, 1950–1959, Berlin, 1992, S. 38. Auch Bloch begab sich daraufhin auf Spurensuche und konnte ebenfalls eine entsprechende Stalin-Äußerung nicht finden. Dies teilte er Erich Wendt, mit ironischem Unterton, mit. Bloch: Brief an Erich Wendt vom 12. Juni 1951, in: Faber, Elmar; Wurm, Carsten (Hrsg.): »… und leiser Jubel zöge ein. Autoren- und Verlegerbriefe, 1950–1959, Berlin, 1992, S. 39–40. Er verwies dabei auf Stalins Anarchismus oder Sozialismus?, jenes Werk, in dem dieser das Gegenteil der ihm zugeschriebenen Hegel-These geäußert hatte. Zudem bezog er sich auf weitere Klassiker-Aussagen. Und er fragte Erich Wendt: »Sollte man das Herrn Hager nicht zur Kenntnis bringen? Mit no comment.« (Ebd., S. 40) 148 Teil I 2) Es ist meiner Meinung nach durchaus richtig, zu sagen, dass die deutsche idealistische Philosophie nicht nur Ideologie des aufstrebenden deutschen Bürgertums, sondern auch Ausdruck der aristokratischen Reaktion auf den französischen Materialismus und die Französische Revolution ist. Diese allgemeine richtige Feststellung muss aber in Bezug auf jeden einzelnen Vertreter des deutschen Idealismus und in Bezug auf die verschiedenen Phasen seiner Entwicklung konkretisiert werden. Allgemein kann man mit Recht sagen, dass der Idealismus der deutschen klassischen Philosophen von Kant bis Hegel reaktionärer Gegenschlag gegen den französischen Materialismus ist, was sich schon daraus ergibt, dass die deutschen klassischen Philosophen durch ihre Kompromisse mit der Religion zum Idealismus gelangten (Lenin: Idealismus = Pfaffentum). Komplizierter wird die Angelegenheit, wenn man die Stellung dieser Denker zur Französischen Revolution beleuchtet: Kant und Herder begrüßten die Französische Revolution. Fichte war leidenschaftlicher Anhänger der Jakobiner. Ebenso bekannte sich der junge Schelling zur Französischen Revolution. Fichte, der von der Parteinahme für die Jakobiner ausging, stand der nachthermidorianischen Entwicklung und der Ära Napoleons später verständnislos gegenüber und geriet dadurch am Vorabend der Befreiungskriege in die gemeinsame Frontstellung der reaktionären Romantiker gegen Napoleon. Schelling nahm nach 1803, spätestens nach 1806 eine reaktionäre Entwicklung und wurde zum Wortführer des romantischen Obskurantismus der ganzen Epoche bis 1848. Das »Nicht nur – sondern auch«, das als allgemeine Feststellung richtig ist, verteilt sich also sehr kompliziert auf die verschiedenen deutschen Idealisten und deren verschiedene Entwicklungsphasen. 3) Hegel hat verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen:22 a) Jugendperiode. Tübinger Stift, Hauslehrerzeit in Bern (1793–1796). Haupttendenzen: Leidenschaftliche Bejahung der Französischen Revolution, aber Ablehnung der revolutionären Praxis der Jakobiner. Trotzdem stark beeinflusst von der jakobinischen Ideologie, was sich in der Verherrlichung des antiken Demokratismus und Republikanismus äußert. Von dieser ideologischen Grundlage aus: Eine Kritik am Christentum, wie sie in dieser Zeit in Deutschland an Schärfe einzig dastand. 22 (AH) Die folgende Schilderung der Entwicklungsphasen Hegels war grundlegend für das Hegel-Verständnis von Lukács und Harich. Sie bildet sozusagen das Fundament der Interpretation und lässt sich in verschiedenen Kontexten im Denken beider Theoretiker nachweisen. 149Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 b) Frankfurter Übergangskrise (1797–1800). Überwindung der Illusionen des antikisierenden Jakobinismus unter dem Eindruck a) der Tragödie des Freundes Hölderlin, b) des Thermidorianerregimes in Frankreich. Hegel entwickelt sich zum Anhänger der Thermidorianer und des Generals Bonaparte, analog zu Goethe und Schiller. »Versöhnung mit der Wirklichkeit« als Bejahung des Kapitalismus, gleichzeitig Kritik an den antihumanen Seiten des Kapitalismus, analog zu Goethes Wilhelm Meister und Schillers ästhetischen Schriften. Nach wie vor Bejahung der Französischen Revolution. Fortschrittliche Haltung in beiden Fragen, die damals die zentralen Probleme des aufstrebenden deutschen Bürgertums sind: Kritik der nationalen Zersplitterung, die als Grundübel der deutschen Entwicklung erfasst wird (in der Schrift Die Verfassung Deutschlands), Kritik am feudalen Kleinstaatdespotismus (in der Schrift über den Württembergischen Verfassungskonflikt). Diese Einstellung macht die spätere Parteinahme für Napoleon verständlich. Deutliche Parallelität der Entwicklung Hegels und Goethes. c) Die Jenaer Periode (1801–1806). Hegel als entschiedener Anhänger Napoleons. Bejahung der Französischen Revolution. Fortschritt in der Beurteilung der Jakobiner, deren zeitweilige Herrschaft als notwendige Phase der Revolution erkannt wird. Positive Würdigung Robespierres. Vollendung des bereits in Frankfurt begonnenen Studiums der englischen politischen Ökonomie (vor allem Smith). Hegel als entschiedener Anhänger des kapitalistischen Fortschritts. Gleichzeitig Überwindung der Illusionen, in deren Zeichen die Französische Revolution siegte: Die bürgerliche Gesellschaft erscheint Hegel nicht mehr als »Reich der Freiheit«, sondern als ein »Tierreich«. Daher seine Überlegenheit über die Illusionen und Phrasen des deutschen Dutzendliberalismus. In der Philosophie: Kampf gegen den subjektiven Idealismus Kants und Fichtes. Kampf gegen die irrationalistische Glaubensphilosophie Friedrich Heinrich Jacobis. Kampf gegen die Romantik und den Mystizismus, insbesondere gegen Schelling. Herausarbeitung des objektiven Idealismus und der idealistischen Dialektik. Analogien zwischen Hegels Phänomenologie des Geistes und Goethes Faust, beides Gipfelleistungen der bürgerlichen Kultur.23 23 (AH) Die Analogisierung des Denkens von Goethe und Hegel, von Faust und Phänomenologie gehörte zum Konsens der marxistischen Philosophie- und Literaturtheorie. Gerade im Goethe-Jahr 1949 wurde diese Position mehrfach vorgetragen und setzte sich durch. Neben Lukács und Harich finden sich explizite Ausführungen zum Verhältnis von Goethe und Hegel vor allem bei Ernst Bloch, daneben auch bei Johannes R. Becher und beispielsweise Hans Mayer. Alle Genannten publizierten, teilweise auf die anderen bezogen, verschiedene Studien zu diesem Thema. Diese vielfältigen Quellen brauchen hier nicht an- 150 Teil I d) Die Periode 1806–1815. Hegel als Anhänger Napoleons. In allen wesentlichen politischen Fragen Übereinstimmung mit Goethe. Schärfster Gegensatz zu Romantik. Ausarbeitung des objektiven Idealismus und der idealistischen Dialektik in der Wissenschaft der Logik und der Enzyklopädie. e) Die Periode 1815–1831. Tiefe Resignation nach dem Sturz Napoleons. Allmählich »Versöhnung mit der Wirklichkeit«, diesmal mit dem Preußen der Restaurationszeit. Die Auffassung, dass die Weltgeschichte »fertig« sei, ist die Eselsbrücke, über die der Weg zur Vergottung des preußischen Staates beschritten wird. Hegel stellt damit seine Philosophie in den Dienst einer ungeheuerlichen Lüge: In den Dienst des heuchlerischen Verfassungsversprechens von 1815. Trotzdem bleibt auch jetzt zu beachten: a) Die Tatsache der unversöhnlichen Kritik am Obskurantismus der Romantiker, insbesondere an der reaktionären Historischen Rechtsschule Gustav von Hugos und Savignys, b) die entscheidende Bejahung der Französischen Revolution in der Philosophie der Geschichte und in der Geschichte der Philosophie. Die Französische Revolution gilt als die Grundlage der Gegenwart. Man darf aber nicht meinen, dass Hegel deswegen kein Vertreter der aristokratischen Reaktion nach 1815 gewesen wäre. Der junge Heine trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er 1832 in Bezug auf Hegel und Schleiermacher schreibt, die preußische Reaktion habe es ausgezeichnet verstanden, gerade die Revolutionäre in ihren Dienst zu stellen. Wie es möglich ist, dass ein- und derselbe Denker gleichzeitig die Französische Revolution bejahen und Ideologe der preußischen aristokratischen Reaktion sein kann, wird nur dann begreiflich, wenn man die Besonderheit der Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland erkennt, nämlich den »preußischen Weg in der Landwirtschaft« (Lenin).24 gegeben werden. Verwiesen sei auf: Fronzek, Henrik: Klassik-Rezeption und Litera turunterricht in der SBZ/DDR, 1945–1965. Zur Konstruktion eines pädagogischen Deutungskanons, Würzburg, 2012. Neuerdings außerdem: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/ DDR, Baden-Baden, 2017.  24 (AH) Bei der potentiellen Entwicklung der russischen Landwirtschaft unterschied Lenin 1907 zwischen dem preußischen und dem amerikanischen Weg. Er schrieb: »Entweder Evolution nach preußischem Typ: der Gutsbesitzer, der Fronherr wird zum Junker. Die gutsherrliche Macht im Staate ist für Jahrzehnte gefestigt. Monarchie. Ein ›mit parlamentarischen Formen verbrämter Militärdespotismus‹ an Stelle von Demokratie. Größte Ungleichheit unter der ländlichen und unter der übrigen Bevölkerung. Oder Evolution nach amerikanischem Typ. Beseitigung der gutsherrlichen Wirtschaft. Der Bauer wird freier Farmer. Volksherrschaft. Bürgerlich-demokratische Ordnung. Größte Gleichheit unter der ländlichen Bevölkerung als Ausgangspunkt und Voraussetzung für den freien Kapitalismus.« Lenin: Stärke und Schwäche der russischen Revolution, in: Ders.: Werke, Bd. 12, Berlin, 1972, S. 353. Siehe außerdem von Lenin: Das Agrarprogramm der Sozial- 151Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 4) In meiner Vorlesung wird ausschließlich die Entwicklung des jungen Hegel bis 1806, bis zur Phänomenologie, behandelt (also die Etappen a) bis c)). In diesem Zusammenhang habe ich durchaus und immer wieder darauf hingewiesen, dass der Idealismus Hegels aus einem Kompromiss mit der Religion resultiert und in dieser Hinsicht reaktionärer Gegenschlag gegen den französischen Materialismus ist. Hegels Einstellung zur Französischen Revolution ist aber in dieser ganzen Zeit positiv. Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass er in dieser Zeit Ideologe der aristokratischen Reaktion gewesen wäre. Obwohl ich die Zeit nach 1815 in meiner Vorlesung nicht behandle, habe ich mehrfach auf Hegels reaktionäre Entwicklung in dieser Zeit hingewiesen. 5) Mit den Artikeln im Bolschewik von 1944 bin ich im Großen und Ganzen einverstanden. Sie berühren meine Interpretation der Jugendentwicklung Hegels überhaupt nicht. Ebenso wenig werden sie durch meine Interpretation angefochten. In der sowjetischen Hegel-Diskussion handelt es sich um eine ganz andere Frage, nämlich darum, die Überschätzung der philosophischen Leistung Hegels durch Alexandrow und die damit zusammenhängende Herabsetzung der Bedeutung des Marxismus zu kritisieren. In diesem ganz bestimmten konkreten Zusammenhang kam es darauf an, den unversöhnlichen Gegensatz zwischen Hegelscher Philosophie und Marxismus anhand der diesbezüglichen Zitate der marxistischen Klassiker zu verdeutlichen. In meiner Vorlesung lasse ich über diesen Gegensatz keinen Zweifel. Die Hauptaufgabe meiner Vorlesung besteht aber nicht darin, sondern in etwas anderem: Ich gebe eine marxistische Interpretation der Jugendentwicklung Hegels, mache die historische Entstehung des objektiven Idealismus und der idealistischen Dialektik verständlich und polemisiere in diesem Zusammenhang gegen die reaktionäre bürgerliche Verfälschung Hegels in Deutschland, gegen Nohl, Dilthey, Glockner, Kroner, Haering und Konsorten.25 Meine Kritiker verstehen nicht, dass die verschiedenartige Akzentuierung der Artikel im Bolschewik einerseits und meiner Vorlesung andererseits durch die verschiedenartige Aufgabenstellung bestimmt ist: Wir akzentuieren auch die Darlegung des historischen Materialismus jeweils anders, wenn wir gegen eine idealistische Geschichtsauffassung einerseits und gegen die Spontaneitätstheorie andererseits kämpfen. Anhängern der Spontaneitätstheorie brauchen wir keine Vorträge darüber zu halten, dass das geselldemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907, in: Werke, Bd. 13, Berlin, 1972, S. 236 f. Harich rekurrierte oft auf diese Ausführungen. 25 (AH) Mit diesen Theoretikern setzte sich Harich ausführlich in seiner Vorlesung auseinander, siehe ebenso die verschiedenen anderen Texte und Manuskripte von ihm zu Hegel, alle abgedruckt in Band 5. Dort finden sich alle relevanten Verweise, Literaturangaben usw. 152 Teil I schaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. Das ist nämlich das einzige, was sie wissen. Ebenso hatte die Kritik an den Fehler Alexandrows eine andere Akzentuierung als die Abrechnung mit der reaktionären Verfälschung der Jugendentwicklung Hegels durch imperialistische Ideologen. 6) Nicht einverstanden bin ich mit einem Punkt in dem Artikel von Fedossejew. Fedossejew bezeichnet Hegel als Verherrlicher des Krieges. Das ist ein Missverständnis: Hegel hat im Krieg eine notwendige Erscheinungsform des Widerspruchs in der Geschichte erkannt, und das ist eine wirkliche Errungenschaft, die Clausewitz weiter entwickelte. Wie hoch Lenin Clausewitz zu schätzen wusste, ist bekannt. Der Pazifismus Kants und Herders mag uns vielleicht heute sympathischer berühren als die ein wenig zynische Nüchternheit, mit der Hegel das Phänomen Krieg betrachtete. Das ändert nichts daran, dass Hegel in der historischen Einschätzung der Bedeutung der Kriege turmhoch über Herder (und Kant) steht. Die Annahme, dass sich zwischen Hegels Auffassung des Krieges und der faschistischen Kriegshetze ein Zusammenhang aufzeigen ließe, ist absurd. Wenn Hegel in seiner Zeit einen Krieg bejaht hat, so war es der Krieg Frankreichs gegen die reaktionären Feudalmächte des alten Europa, und damit hatte er recht. 7) Ich bin der Meinung, dass eine einseitige Betonung der reaktionären Seiten Hegels nicht nur sachlich ungerechtfertigt ist, sondern unter den Bedingungen, unter denen wir in Deutschland unseren ideologischen Kampf zu führen haben, als eine ausgesprochen schädliche Erscheinung betrachtet werden muss. a) Es werden dadurch die reaktionären Verfälschungen Hegels, die die Köpfe der bürgerlichen Intelligenz beherrschen, von unserer Seite gleichsam bestätigt. b) Es werden dadurch die Lügen der pseudoantifaschistischen westlichen Publizistik aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges bestätigt, jene Lügen, die darauf hinausliefen, den Faschismus mit dem deutschen Volk gleichzusetzen und die Klassiker der deutschen Philosophie und Literatur zu Vorläufern Hitlers zu stempeln. c) Es wird dadurch dem Kosmopolitismus und der Zersetzung des nationalen Traditionsbewusstseins Vorschub geleistet. d) Es werden dadurch unter den Studenten »linke« sektiererische Tendenzen großgezüchtet, die nach meiner Meinung momentan eine besonders große Gefahr darstellen. (Das ernste, konkrete und kritische Studium der Werke Hegels wird durch »linke« 153Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Phrasen über den aristokratischen Reaktionär ersetzt. Was davon zu halten ist, zeigt Stalin in seiner Schrift Anarchismus oder Sozialismus?)26 Die Philosophiestudenten, die wir heute ausbilden, werden morgen im ideologischen Kampf in Gesamtdeutschland ihren Mann stehen müssen. Sie werden sich mit der bürgerlichen Intelligenz Westdeutschlands auseinandersetzen müssen. Sie können das nicht, wenn sie sich nicht konkrete Kenntnisse unseres nationalen Kulturerbes aneignen, sondern stattdessen falsche sektiererische Auffassungen mit sich herum tragen.27 8) Die einseitige Betonung der reaktionären Seiten Hegels ist eine schreiende Ungerechtigkeit in einer Zeit, in der über die reaktionären Seiten Goethes mit Stillschweigen hinweggegangen wird. Hegel hat weder einen Bürgergeneral gegen die Jakobiner geschrieben, noch ist er in seiner Anpassung an die Restauration jemals so weit gegangen wie Goethe, der es in seiner diplomatischen Charakterlosigkeit fertig brachte, Metternich vor den gefährlichen liberalen Tendenzen des Großherzogs Karl August zu warnen. Ich will nicht sagen, dass es heute unbedingt nötig wäre, diese Dinge hervor zu kramen. Aber was dem einen recht ist, muss dem anderen billig sein. Goethe, Beethoven und Hegel sind in Literatur, Musik und Philosophie das Dreigestirn unserer bürgerlichen Klassik. Wer das nicht begriffen hat, zeigt nur, dass er sich in der deutschen Kulturge- 26 (AH) Stalins Schrift wurde von den Hegel-Verteidigern ins Feld geführt, um zu zeigen, dass Hegel gerade nicht, wie ja ebenfalls Stalin zugeschrieben wurde, einseitig als Reaktionär interpretiert werden dürfe. Bei vielen Theoretikern der jungen DDR-Philosophie, die die idealistische Philosophie vereidigten, finden sich dementsprechende Verweise. 27 (AH) Im Rahmen der ungarischen Reformen des Jahres 1956 führte Lukács in einer Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises aus: »Der Marxismus war in der öffentlichen Meinung des Landes noch nie in einer so prekären Lage wie heute.« Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises am 15. Juni 1956, in: Lukács: Schriften zur Ideologie und Politik, ausgew. und eingel. von Peter Ludz, 2. Aufl., Darmstadt und Neuwied, 1973, S. 593. Nicht Debatte wurde geübt und Philosophie unterrichtet, so Lukács weiter, sondern »Philosophen am laufenden Band hergestellt«. Es sei nicht darum gegangen, den Marxismus zu vermitteln, sondern lediglich die Aufgabe zu stellen, »auf eine aktuelle Frage das passende Lenin- oder Stalin-Zitat zu finden, um das jeweils ›politisch Richtige‹ auszubrüten«. (Ebd., S. 595.) Und weiter: »Vor ein paar Jahren jedoch bestand das individuelle Lernen, wenn jemand Philosoph war, darin, dass er den Anti-Dühring von Seite 40–70, den Feuerbach von Seite 80–85 usw. lesen musste und um keinen Preis der Welt dazu angehalten wurde, ein Werk im Zusammenhang ganz durchzulesen.« (Ebd., S. 594 f.) Ähnlich äußerte sich auch Ernst Bloch in dem seinerzeit jedoch nicht gedruckten Aufsatz: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, in: Bloch: Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz, Frankfurt am Main, 1985, S. 357–365. 154 Teil I schichte nicht auskennt und sich auf den Hosenboden setzen und noch sehr viel lernen muss. Informationen über meine Arbeit28 (29./30. März 1952) 1) Seit Herbst 1948 habe ich einen Lehrauftrag für marxistische Philosophie an der Pädagogischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität. In dieser Eigenschaft halte ich seither laufend Vorlesungen und Seminarübungen über dialektischen und historischen Materialismus, über Stalins Schrift Grundlagen des Leninismus und über die Geschichte der KPdSU (B).29 Zeitweilig betrug mein Wochenpensum nur auf diesem Gebiet 6–8 Stunden. Zur Zeit habe ich damit wöchentlich 4 Stunden zu tun. Bereits drei Mal habe ich die gesellschaftswissenschaftlichen Zwischenprüfungen und die entsprechenden Staatsexamina an der Pädagogischen Fakultät geleitet. Im Sommer 1951 schnitt die Pädagogische Fakultät neben der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät bei den Zwischenprüfungen, die vom Staatssekretariat für Hochschulwesen kontrolliert wurden, am besten ab. Das war zu einer Zeit, als das obligatorische Grundlagenstudium des Marxismus-Leninismus noch nicht eingeführt war. 2) Seit Herbst 1949 halte ich aus eigener Initiative wöchentlich zweistündig fakultative Vorlesungen über die Geschichte der deutschen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie. Bisher wurden die folgenden Denker behandelt: Leibniz, Thomasius, Pufendorf, Spener, Christian Wolff, Crusius, Lambert, Tetens, Edelmann, Reimarus, Michaelis, Semler, Winckelmann, Lessing, Kant, Hamann, Herder, Goethe, 28 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. Anlage der Hegel-Denkschrift (29./30. März 1952). Ergänzend können die verschiedenen autobiographischen Schilderungen Harichs, abgedr. in Band 1.1 (S. 108–148), hinzugezogen werden. 29 (AH) Harichs Vorlesungszyklus zum dialektischen und historischen Materialismus umfasste fünf Teile: Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, Die Dialektik, Der philosophische Materialismus, Der historische Materialismus, Die Weiterentwicklung des Marxismus durch Lenin und Stalin (teilweise abweichende Vorlesungstitel). Die Manuskripte liegen (aus verschiedenen zeitlichen Kontexten) ediert vor, siehe: Die Entstehungsgeschichte des Marxismus (Bd. 6.2, S. 1117–1294), Der historische Materialismus (Bd. 6.2, S. 1491–1580), Grundlagen des Leninismus (Bd. 6.2, S. 1588–1638), Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus (Bd. 1.1, S. 407–498), Dialektik und Materialismus (Bd. 1.1, S. 527–610). 155Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Schiller, Hölderlin, Fichte, Schelling und Hegel. Zur Zeit behandle ich die Jugendentwicklung Hegels bis zur Phänomenologie des Geistes (1806).30 3) Seit Herbst 1951 habe ich einen zusätzlichen Lehrauftrag für Geschichte der Philosophie an der Philosophischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität. Auf Grund dieses Lehrauftrages halte ich im laufenden Studienjahr für Fachphilosophen eine Vorlesung über die Geschichte der griechischen und der hellenistisch-römischen Philosophie. Bisher habe ich behandelt: Die ionisch-milesische Naturphilosophie von Thales bis Demokrit, die Sophistik, Sokrates, Platon und Aristoteles. Zur Zeit lese ich über die Stoa. Es handelt sich um eine wöchentlich vierstündige Vorlesung.31 4) Im September 1951 habe ich mit einer Dissertation über Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft sehr gut (summa cum laude) promoviert.32 5) Im Frühjahr 1950 schied ich auf eigenen Wunsch aus meiner Stellung als Redakteur der Täglichen Rundschau und Mitglied des Redaktionskollegiums der Neuen Welt aus, um mich mehr der wissenschaftlichen Arbeit widmen zu können. Seither arbeite ich hauptberuflich als Lektor für Philosophie, Literaturgeschichte und Geisteswissenschaften beim Aufbau-Verlag.33 In dieser Eigenschaft habe ich bisher eine sechsbändige Ausgabe der Gesammelten Werke Heinrich Heines und eine zweibändige Auswahl der 30 (AH) Siehe die Vorlesungen Die großen europäischen Denker des 17. Jahrhunderts (Bd. 6.1, S. 437–644), Die Entwicklung der deutschen Aufklärung (Bd. 6.1, S. 655–738), Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution (Bd. 6.2, S. 841–942). Die letzten beiden Vorlesungen meinte Harich. Die Hegel-Vorlesung (Bd. 5, S. 437–714) führte, wie bereits erwähnt, zu den Diskussionen um das Hegel-Bild von Harich und damit auch um das von Lukács. 31 (AH) Harichs Vorlesung zur antiken Philosophie ist vollständig abgedruckt in: Bd. 6.1, S. 53–424. 32 (AH) Harichs Dissertation Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft ist abgedruckt in: Bd. 1.2, S. 657–922. Alle weiteren Manuskripte und Schriften Harichs zu Herder und dessen Verhältnis zur deutschen Aufklärung in Bd. 4: Herder und das Ende der Aufklärung. Dort auch eine Einleitung (Harichs Interpretation der Epoche der Aufklärung) des Herausgebers (S. 11–56). 33 (AH) Hierzu immer noch sehr instruktiv: Mittenzwei, Werner: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, in: Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Eine Gedenkschrift in zwei Bänden, München, 2000, Bd. 1, S. 208–243. Siehe auch die beiden großen Erinnerungsbücher von Mittenzwei: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland, 1945 bis 2000, Berlin, 2003. Zwielicht. Auf der Suche nach dem Sinn einer vergangenen Zeit, Leipzig, 2004. 156 Teil I geschichtsphilosophischen Schriften Herders (beides mit Einleitungen)34 bearbeitet und herausgegeben. Zur Zeit arbeite ich zusammen mit Nationalpreisträger Paul Rilla an der Herausgabe der Gesammelten Werke Lessings.35 Außerdem läuft die von mir angeregte Vorbereitung der Herausgabe der Schriften der französischen Materialisten La Mettrie und Diderot. * * * * * (AH) Ernst Hoffmann, um den es in den folgenden Dokumenten mehrfach geht, gehörte in den frühen fünfziger Jahren zu den Gegnern Harichs. Hoffmann war einer der ideologischen Zuträger der SED und dafür verantwortlich, die Parteimeinung auf verschiedenen Gebieten – zur Logik und zu Hegel, die Positionierung zu Bloch und Lukács – zu vertreten. Zahlreiche weitere Hinweise auf Harichs Stellung zu Hoffmann sowie zu den verschiedenen Disputen/ Auseinandersetzungen finden sich in den Bänden 2 (zur Logik) und 5 (zu Hegel) dieser Edition. 34 (AH) Gemeint sind: Heine, Heinrich: Gesammelte Werke in sechs Bänden, hrsg. von W. Harich, Berlin, 1951, 2., verm. u. verb. Aufl., Berlin, 1954–1956. Neuabdruck von Harichs Einleitung unter dem Titel Heinrich Heines Werke, in: Bd. 3, S. 326–338. Herder, Johann Gottfried: Zur Philosophie der Geschichte, hrsg. und mit einer Einl. vers. von W. Harich, 2 Bde., Berlin, 1952. Neuabdruck von Harichs Einleitung unter dem Titel Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft, in: Bd. 4, S.93–185. 35 (AH) Am 5. November 1954 war Paul Rilla verstorben. Mit ihm verlor Wolfgang Harich einen Freund und Mentor, seinen Diskussionspartner und den Anreger seines Denkens. Beide verband ihre Liebe zum Theater und sie lernten sich im Nachkriegsdeutschland zuerst durch diese Eigenschaft kennen – als Theaterkritiker und Journalisten. Zudem bemühten sie sich beispielsweise darum, Bertolt Brecht einen angemessenen Platz im Kulturleben der SBZ/DDR zu verschaffen. Schon bald entdeckten sie viele weitere intellektuelle Gemeinsamkeiten: Das Ringen um die deutsche Einheit und die Versuche der Ausgestaltung des kulturellen Erbes des Sozialismus, um nur zwei der wichtigsten Themen zu nennen. Ende 1954 war Harich gerade damit beschäftigt, seine Edition des Herder-Buches von Rudolf Haym zu beenden, als ihn die traurige Nachricht erreichte. Rilla und Lukács (sowie Hans Mayer) hatten mit ihren positiven Gutachten den Druck ermöglicht. Siehe: Harich: Trauerrede für Paul Rilla, Band 4, S. 57–63. Wichtige und interessante Einblicke in das Verhältnis von Rilla und Harich bietet: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. 157Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Fred Oelßner36 (03. Februar 1952) Werter Genosse Oelßner! Ich bitte um Abdruck des beiliegenden Artikels in der Zeitschrift Einheit. Es handelt sich um eine Stellungnahme zu der sachlich völlig ungerechtfertigten »Kritik«, die Genosse Hoffmann in seinem Hegel-Gedenkaufsatz an dem Buch Der junge Hegel von Genosse Georg Lukács (Budapest) übt. Besonderen Wert lege ich auf die Ausführungen auf den Seiten 3–5. Natürlich ist der sachliche Gehalt meines Artikels wichtiger als der Exkurs über die »Zitier«- und Unterstellungs-Methoden, die Genosse Hoffmann praktiziert. Es scheint mir aber notwendig zu sein, auch auf diese Seite der Angelegenheit hinzuweisen. Genosse Hoffmann neigt dazu, Andere – Genossen und Sympathisierende – auf Grund von völlig unzulänglichen und unüberprüften Informationen in der gehässigsten Weise zu diffamieren. Mir selbst ist mit ihm folgendes passiert: 1) Im Jahre 1950 griff Genosse Hoffmann mit scharfen Worten Professor Ernst Bloch (Leipzig) in einem Artikel, den er in der Einheit veröffentlichte, an. Er behauptete dort, dass Prof. Bloch in Leipzig Hegelianismus lehre und die Ansicht vertrete, dass die Philosophie ihrem Wesen nach nur die Sache eines kleinen, ausgesuchten Kreises sein könne, warf ihm also eine reaktionäre Elite-»Theorie« vor. Im Dezember 1951 stellte Prof. Bloch den Genossen Hoffmann deswegen zur Rede. Genosse Hoffmann erklärte, er habe sich bei dieser »Kritik« auf Informationen von »Herrn Wolfgang Harich« gestützt. Prof. Bloch machte mir daraufhin Ende des vorigen Jahres die bittersten Vorwürfe, die ich nur mühsam entkräften konnte. Tatsächlich hatte sich folgendes ereignet: Als ich im Sommer 1949 mit Prof. Bloch bekannt wurde, hatte ich ihm bestimmte Popularisierungsmethoden (Benutzung graphischer Schemata usw.) auseinandergesetzt, die ich damals in meinen Vorlesungen über Geschichte der Philosophie ausprobierte. Prof. Bloch hatte in seiner vehementen Art ausgerufen: »Das ist Pädagogik, das ist die Pest! Damit züchten Sie Oberflächlichkeit! Damit erziehen Sie zu Readers-Digest-Halb- 36 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 03. Februar 1952, Adressat: An den Genossen Fred Oelßner, Chefredakteur der Zeitschrift Einheit. Fred Oelßner, (links), 1951 158 Teil I bildung, aber nicht zu marxistischer Philosophie! Man muss den Studenten einen ordentlichen Brocken von Problemen vorsetzen usw.« Dieses Gespräch hatte ich damals, ohne mir irgend etwas besonderes dabei zu denken, als eine Art Anekdote Genossen Hoffmann mitgeteilt, als zufällig in einer Unterhaltung die Rede auf Bloch kam, den er nicht kannte, und den ich ihm auf Grund des ersten Eindrucks charakterisieren wollte. Ich habe dabei auch bemerkt: »Nach dem, was Bloch äußerte, scheint es in seinem Seminar etwas esoterisch zuzugehen.« Diese harmlose und harmlos gemeinte, rein private Äußerung von mir hat Genosse Hoffmann für einen Angriff auf Bloch im theoretischen Organ unserer Partei benutzt, ohne sich über die tatsächliche Lehrtätigkeit Blochs ernsthaft zu informieren und ohne auch nur ein einziges der größeren Werke Blochs (Geist der Utopie, Thomas Münzer usw.) zu kennen. Als ich selbst 1950 seinen diesbezüglichen Artikel las, kam ich nicht auf die Idee, dass er meine Äußerung als »Information« (und zwar als einzige!) benutzt haben könnte. Erst jetzt ist mir das durch die Vorwürfe, die mir Prof. Bloch machte, bewusst geworden. Wenn Prof. Bloch nicht ein Mensch wäre, der seit Jahren und Jahrzehnten unserer Partei eng verbunden ist, hätte der Artikel des Genossen Hoffmann großen Schaden anrichten können. 2) Im Sommer 1950 rief ich aus irgendeinem Grunde bei Genossen Hoffmann an. Als das Gespräch schon beendet war, machte er mir die geheimnisvolle Andeutung, ihm sei »berichtet worden«, dass meine Vorlesungen über dialektischen und historischen Materialismus »in letzter Zeit in Folge nachlässiger Vorbereitung« an Wert eingebüßt hätten. Ich solle mich gefälligst vor »Schluderei« hüten. Dieser Vorwurf erstaunte mich sehr, da ich mir eines solchen Fehlers in keiner Weise bewusst war. Da ich sehr empfindlich gegen solche Vorwürfe bin, versetzte er mich aber in nicht geringe Aufregung, die mir für Wochen den Appetit, den Schlaf und die Freude an der Arbeit verdarb. Vergeblich bat ich Genossen Hoffmann darum, mir zu sagen, wer diesen Eindruck hätte und worin sich das Absinken des Niveaus der Vorlesungen äußerte. Genosse Hoffmann ließ es bei dieser wagen und unpräzisen »Warnung« bewenden und dachte nicht daran, die Angelegenheit in offener Aussprache unter Heranziehung der mir unbekannten Kritiker zu klären. Bis heute weiß ich nicht, was damals bloßes Geschwätz und was ernsthafte, zu beherzigende Kritik war. Mir scheint, dass diese Erfahrungen eine gewisse einheitliche Tendenz aufweisen. Es liegt mir fern, mich an Genossen Hoffmann »rächen« zu wollen. Ich glaube aber, dass es für die Partei nützlich und auch für ihn selbst eine Hilfe ist, wenn er veranlasst wird, die Methoden, die er in ideologischen Auseinandersetzungen bisweilen anwendet, 159Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 selbstkritisch auf ihre Sauberkeit hin zu überprüfen. Die öffentliche Zurückweisung seines Angriffs auf Lukács und die Entlarvung seiner auf Diffamierung angelegten unwissenschaftlichen »Zitier«-Methode dürfte dafür ein geeignetes Mittel sein. Ich erlaube mir, einen Durchschlag sowohl meines Artikels als auch dieses Briefes an Genossen Ernst Hoffmann zu senden. Mit sozialistischem Gruß! Brief an Ernst Hoffmann37 (03. Februar 1952) Lieber Genosse Hoffmann! Ich habe mich sehr geärgert über Dich, als Professor Bloch mir kurz vor Weihnachten die bittersten Vorwürfe machte. Wie kannst Du eine zufällige, private Äußerung, die rein anekdotenhaften Charakter hat, zur Begründung eines Angriffs im theoretischen Organ unserer Partei machen, ohne die Angelegenheit überprüft zu haben, ohne Bloch zu kennen, ohne seine wesentlichen Werke gelesen zu haben, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen? Ich muss auch sagen, dass das ein skandalöses, schmieriges, widerliches Verfahren ist. Mit den Begriffen, die ich von einer Arbeiterpartei habe, lässt es sich schlechterdings nicht vereinbaren! Den Rest hat mir dann Dein Hegel-Aufsatz gegeben. Der Aufsatz ist im Großen und Ganzen richtig. Aber was kann an einer »fleißigen« Kompilation von Zitaten der Klassiker des Marxismus schon falsch sein?38 Der eigene Senf, den du dazu gibst, ist teilweise recht oberflächlich und vulgär. Aber wahrscheinlich hast Du den Artikel in zeitlicher Hetze schreiben müssen. Eine Schweinerei ersten Ranges ist jedoch der Angriff 37 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 03. Februar 1952. 38 (AH) In seinem bedauerlicher- und bezeichnenderweise nicht in der DDR, sondern erst in der Gesamtausgabe veröffentlichen Text Über die Bedeutung des XX. Parteitags hatte Bloch geschrieben: »Unter Stalin (obwohl nicht unter ihm allein, durch ihn allein) konnte es bisweilen scheinen, als sei der Marxismus eine abgeschlossene Lehre und eine Idee nichts anderes als eine Verbindung zwischen zwei Zitaten. Zugespitzt formiert: Bislang hatte nur Stalin das Recht, ein anderes als Zitate zu sagen, ein Anderes, das nun sogleich und vor allem wieder ein Zitat wurde.« Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, in: Bloch: Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz, Frankfurt am Main, 1985, S. 364. 160 Teil I auf Lukács. Wie kannst Du behaupten, dass Lukács den Hegel in der Frage der Einstellung zur Französischen Revolution beschönige? Wie kannst Du das behaupten angesichts der Tatsache, dass sich durch das ganze Buch die sehr sorgfältige, sehr überlegte, sehr gut begründete Kritik an der Beschränktheit der politischen Anschauungen Hegels zieht? Wie kannst Du aus einem Zitat aus einem Jugendbrief ein allgemeingültiges Urteil über Hegels Einstellung zur Französischen Revolution in allen seinen Entwicklungsphasen herleiten? Wie kannst Du dieses Zitat so ungeprüft hinnehmen, dass ein derartiger Schnitzer dabei herausspringt wie die Sache mit dem »Revolutionstribunal«? Wie kannst Du mit einem Zitat, das Du erst durch Lukács kennen gelernt hast, gegen Lukács in der Richtung polemisieren, dass er (Lukács) diese Seite Hegels angeblich nicht beachtet, weggewischt, beschönigt habe? Wie kannst Du erklären, Du hättest es von Rosenkranz, während Du es in Wirklichkeit von Lukács hast? Das ist Hochstapelei plus Denunziation, kurzum: ein Greuel! Schäm dich in Grund und Boden! Lies Dir die Zitate aus dem Kapital, aus dem Anti-Dühring, aus Materialismus und Empiriokritizismus durch und schäm Dich! Ich habe den beiliegenden Artikel an Genossen Oelßner geschickt, damit er ihn in der Einheit abdruckt. Hoffentlich tut er‘s, es wäre Dir sehr heilsam. (Milderungen daran vorzunehmen werde ich ablehnen, falls das Ansinnen gestellt wird!) Dass ich dem Genossen Oelßner gleich Erfahrungen, die ich mit Dir machen musste, mitgeteilt habe, wirst Du verstehen. Es geht nicht, dass ein Mitarbeiter des ZK sich solche unglaublichen Dinge erlaubt, ohne einen Nasenstüber zu bekommen und über seine Schwächen nachdenken zu müssen. Es geht nicht! Du wirst das, wie ich hoffe, einsehen und wirst respektieren, dass ich mich bei der ganzen Angelegenheit von rein sachlichen Gesichtspunkten leiten lasse. Auch den Durchschlag des Begleitbriefes an Genossen Oelßner schicke ich Dir zu, weil ich keine Veranlassung habe, gegen Dich aus dem Hinterhalt zu intrigieren, was mir ohnehin nicht liegt. Nichts für ungut! 161Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Kurt Hager39 (26. März 1952) Werter Genosse Hager! Ich bitte Dich, die folgende Erklärung von mir zu der heutigen Hegel-Diskussion zur Kenntnis zu nehmen. Ich gebe diese Erklärung hiermit als Parteimitglied der Partei gegenüber ab. 1) Ich erkläre, dass ich nach wie vor den authentischen Wortlaut und den konkreten Zusammenhang der Äußerung Stalins über Hegel aus dem Jahre 1947 nicht kenne. Ich kann beweisen, dass diese Äußerung in sowjetischen und deutschen Publikationen in verschiedenen und nicht miteinander übereinstimmenden Versionen zitiert wird. Ich mache ferner geltend, dass es unmarxistisch ist, Zitate der Klassiker des Marxismus – noch dazu halb und ungenau zitiert – ohne sorgfältige Beachtung des konkreten Zusammenhanges, in den sie gehören, zu »absoluten Wahrheiten letzter Instanz« zu erklären und damit die weitere Erforschung und Diskussion der Sache, um die es sich handelt, abzuschneiden. 2) Ich halte die Auffassung, dass die deutsche klassische Philosophie von Leibniz bis Hegel im Allgemeinen und die Philosophie Hegels im Besonderen nicht nur Ideologie des aufstrebenden deutschen Bürgertums, sondern auch Ausdruck der aristokratischen Reaktion auf den französischen Materialismus und die französische bürgerliche Revolution ist, für richtig. Meine eigene Hegel-Interpretation deckt sich mit dieser Auffassung. Ich stelle jedoch fest, dass mit dieser richtigen Auffassung die einseitige These, Hegels Philosophie sei aristokratische Reaktion auf den französischen Materialismus und die französische bürgerliche Revolution, durchaus nicht identisch ist. Ich bin der Meinung, dass diese These in ihrer Einseitigkeit – d. h. ohne das »Nicht nur – sondern auch« – falsch ist und sich mit den authentischen Äußerungen der Klassiker des Marxismus-Leninismus inklusive Stalins nicht vereinbaren lässt. Ich bin gewillt, zu dieser meiner Meinung zu stehen und sie sachlich zu begründen – unbeschadet der Tatsache, dass besagte These sich in Publikationen sowjetischer und deutscher Genossen findet, und auch unbeschadet der Tatsache, dass sie unter Berufung auf Stalin vertreten wird. 39 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 26. März 1952, adressiert an Prof. Dr. Kurt Hager, Abteilung Propaganda beim ZK der SED. 162 Teil I 3) Genosse Hoffmann hat heute in seiner zweiten Äußerung zur Diskussion, anstatt auf die von mir vorgebrachten Argumente sachlich einzugehen, behauptet, dass ich mich in Gegensatz zu Stalin stellte und die Leistungen der Sowjetwissenschaft missachtete. Er hat mir weiter Überheblichkeit gegenüber der Sowjetwissenschaft vorgeworfen. Die entsprechenden Äußerungen wurden in Gegenwart der versammelten Studenten getan. Ich weise diese Äußerungen des Genossen Hoffmann als beleidigende Unterstellung zurück. Sollte die Partei die Ansicht des Genossen Hoffmann über meine Einstellung zu Stalin, zur Sowjetunion und zur Sowjetwissenschaft teilen, so muss ich darum bitten, ein Parteiverfahren gegen mich einzuleiten, um diese Frage zu klären. Im Übrigen sehe ich in dem Versuch des Genossen Hoffmann, die Diskussion über Hegel auf ein solches Geleise zu schieben, einen Schritt zur Unterdrückung des Meinungskampfes. Ich erkläre hiermit, dass es nicht das erste Mal ist, dass Genosse Hoffmann derartige unsaubere Methoden anwendet, und stelle mich an, dies unter Beweis zu stellen. 4) Ich erkläre hiermit, dass die Kritik des Genossen Hoffmann an Georg Lukács in dem Hegel-Artikel in der Einheit nicht nur sachlich falsch ist, sondern nachweisbar mit Hilfe fälschender Unterstellung zurecht konstruiert ist. Es ist nach meiner Meinung erforderlich, dass dieser Fehler, der öffentlich – im theoretischen Organ der Partei – begangen wurde, auch öffentlich kritisiert wird. Ich werde mich nicht damit abfinden, dass diese Angelegenheit totgeschwiegen wird. 5) Ich teile der Partei hierdurch mit, dass ich unverzüglich einen Brief an die sowjetische Zeitschrift Fragen der Philosophie schreiben werde mit der Bitte, uns bei der Klärung der strittigen Fragen zu helfen. Je einen Durchschlag dieses Briefes werde ich an den Genossen Fred Oelßner und an die Abteilung Propaganda beim ZK der SED schicken. 6) Ich werde in nächster Zeit einen größeren Aufsatz über das Thema Fortschritt und Reaktion in der klassischen deutschen Philosophie schreiben. Ich werde diesen Aufsatz der Partei unterbreiten und darum bitten, dass er als Diskussionsbeitrag in einer Zeitschrift der DDR abgedruckt wird. Mit sozialistischem Gruß! * * * * * 163Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (AH) Hager antwortete Harich erst am 12. Mai 1952, nachdem sich das ZK in Gestalt von Fred Oelßner positioniert hatte.40 Er schrieb, dass es »irgendwelche Richtlinien (…) der Abteilung Propaganda des ZK, das philosophische Erbe nicht zu pflegen und insbesondere das Gedenken an Hegel zu vernachlässigen«, nicht gebe. Mit Blick auf die Hegel-Diskussion stellte sich Hager nach eigener Aussage auf den Standpunkt des Philosophischen Wörterbuchs, »der mir der einzig richtige zu sein scheint«. Zudem erklärte er: »Ich lege Wert darauf festzustellen, dass ich mit Genossen Hoffmann nicht identisch bin und meinen eigenen Kopf auf den Schultern habe, auch wenn Du in der Denkschrift mehr oder weniger unzweideutig erklärst, dass das eine Rübe ist.« Brief an Fred Oelßner41 (30. März 1952) Werter Genosse Oelßner! Bei meinen Versuchen, das klassische bürgerliche Erbe auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie zu erarbeiten, bin ich auf Schwierigkeiten gestoßen, die teilweise bedingt sind durch die – wie ich glaube – sektiererische Einstellung der Genossen Hager und Hoffmann zu Kant, Fichte, Hegel usw. Mir wird Überschätzung der Bedeutung dieser Denker, Beschönigung ihrer historischen Rolle usw. vorgeworfen. In diesem Zusammenhang wird auch behauptet, ich stellte mich bewusst in Gegensatz zu Genossen Stalin und stünde der Sowjetwissenschaft überheblich gegenüber, was ich energisch zurückweisen muss. Die Art und Weise der Begründung ist typisch talmudistisch. Mit einer Zurückweisung der persönlichen Angriffe kann ich es leider nicht bewenden lassen, weil in der ganzen Angelegenheit tieferliegende Fehler und Schwächen zum Ausdruck kommen, die unbedingt überwunden werden müssen, wenn wir mit Erfolg die gesamtdeutsche Aufgabe der Pflege und kritischen Aneignung unseres nationalen Kulturerbes bewältigen wollen. Aus diesem Grunde habe ich die beiliegende Denkschrift (die Hegel-Denkschrift, abgedr. in Band 5, AH) verfasst, in der a) an der Arbeit der Abteilung Propaganda des ZK Kritik geübt, b) die Frage »Fortschritt und Reaktion in der deutschen Philosophie« in stichwortartiger Kürze behandelt wird, und in der c) gewisse Araktschejew-Metho- 40 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 12. Mai 1952. Hager antwortete an Harichs Privatadresse. 41 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 30. März 1952. Adressiert: An den Genossen Fred Oelßner, Mitglied des Polit-Büros des ZK der SED. 164 Teil I den kritisiert werden, die sich Genosse Ernst Hoffmann abgewöhnen muss, wenn er seinen großen und verpflichtenden Aufgaben auf die Dauer gerecht werden will. Da mir von Genossen Hoffmann in Anwesenheit meiner Studenten ein bewusster Gegensatz zu Stalin und Missachtung der Sowjetwissenschaft unterstellt wurde, sehe ich mich veranlasst, einen Durchschlag dieses Schreibens dem Genossen Dr. Schkurinow von der sowjetischen Kontrollkommission zuzustellen, der für Fragen der Philosophie zuständig ist. Da es sich außerdem um eine für das gesamte Kulturleben der DDR wichtige Frage handelt, erlaube ich mir, eine weitere Durchschrift dem Mitglied des ZK und Präsidenten des Kulturbundes, Genossen Johannes R. Becher, zuzustellen. Einen dritten Durchschlag schicke ich gleichzeitig an die Kulturabteilung beim ZK, zu Händen Genossen Hager und Genossen Hoffmann, um von vornherein diesen Genossen meine Kritik zur Kenntnis zu geben, damit sie gegebenenfalls in fundierter Weise auf meine Vorwürfe und kritischen Hinweise antworten können. Ich habe die Absicht, unter Umständen – falls die Diskussion innerhalb unserer Partei kein befriedigendes Ergebnis zeitigen sollte – einen Brief an die sowjetische Zeitschrift Fragen der Philosophie zu schicken und die sowjetischen Genossen um Klärung und Hilfe zu bitten. Genosse Major Bernikow, stellvertretender Chefredakteur der Täglichen Rundschau, hat sich bereits erboten, einen solchen Brief auf schnellstem Wege nach Moskau zu befördern. Auch er hält die Ansicht, dass ich mich mit meiner Auffassung der historischen Rolle Hegels in Gegensatz zu Stalin stellte, für falsch. Ich möchte aber mit einem solchen Brief noch warten, bis die Partei zu meiner Denkschrift Stellung genommen hat. Davon abgesehen, habe ich die Absicht, das Thema Fortschritt und Reaktion in der klassischen deutschen Philosophie in einem größeren Aufsatz zu behandeln, den ich Dir und der Abteilung Propaganda des ZK vorlegen und im Falle Eurer Zustimmung als Diskussionsgrundlage veröffentlichen werde. Ich hoffe, dass Du verstehen wirst, dass ich mich nicht zum Zweck persönlicher Verteidigung an Dich wende, sondern deswegen, weil ich in der falschen, sektiererischen Haltung zur Geschichte der klassischen deutschen Philosophie eine ernste Schädigung unseres Kulturlebens sehe. Mit sozialistischem Gruß! 165Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Anlagen: (1) Denkschrift: Die Abteilung Propaganda des ZK und das klassische Kulturerbe (2) Thesen über Fortschritt und Reaktion in der klassischen deutschen Philosophie (3) Über die Methoden des Genossen Ernst Hoffmann (4) Kopie eines Briefes an Genossen Kurt Hager (5) Informationen über meine Arbeit an der Universität und beim Aufbau-Verlag * * * * * (AH) Die Dokumente, die Harich hier als Anlagen nennt, liegen allesamt gedruckt vor. Die ersten drei Manuskripte wurden unter dem zusammenfassenden Titel Hegel-Denkschrift im fünften Band dieser Ausgabe ediert (S. 121–159). Der Brief an Kurt Hager und die Informationen kamen bereits in diesem Band zum Abdruck. In den einzelnen Texten der Hegel-Denkschrift (die auf den 29. März 1952 datiert ist, also einen Tag früher als der gerade wiedergegebene Brief an Oelßner) äußerte sich Harich auch explizit zu Lukács, diese Passagen werden im Folgenden als Auszüge präsentiert, um hier ein möglichst vollständiges Bild zu zeichnen. Der Text Über die Methoden des Genossen Ernst Hoffmann. Anlage zur Hegel-Denkschrift wird gekürzt ebenfalls wiedergegeben. Auszug aus der Hegel-Denkschrift (29./30. März 1952) Ein in mancher Hinsicht wichtiges Buch ist Der junge Hegel. Über die Beziehungen von Ökonomie und Dialektik von Georg Lukács. Lukács hat in diesem Buch, das zweifellos auch Schwächen aufweist, die Hegel-Verfälschungen der ganzen reaktionären bürgerlichen Geisteswissenschaft der imperialistischen Ära zerschlagen, hat als erster die Beziehungen des jungen Hegel zur klassischen englischen politischen Ökonomie aufgedeckt und anhand der diesbezüglichen Äußerungen der Klassiker des Marxismus-Leninismus eine tiefschürfende Interpretation der Phänomenologie des Geistes erarbeitet. Genosse Hoffmann hat in seinem Hegel-Artikel, der im November 1951 in der Einheit erschien, gegen Lukács den Vorwurf der Entstellung der historischen Wahrheit erhoben. Er hat sich dabei der übelsten Methoden der Unterstellung und Verfälschung bedient. (Näheres hierüber in der zweiten Anlage zu dieser Denkschrift.) Ein Artikel, den ich zu dieser Frage für die Einheit schrieb, den ich auf Wunsch noch einmal umarbeitete, um dem Ton die polemische Schärfe zu nehmen, und den Genosse Besenbruch als ausgezeichnet qualifizierte, wurde von der Redaktion »einstweilen zurückgestellt«.42 (…) 42 (AH) Harich: Hegel-Denkschrift, Band 5, S. 130 f. 166 Teil I Es kann überhaupt keine Rede sein von einem Gegensatz zwischen Marx, Engels und Lenin einerseits und Stalin andererseits, auch nicht in der Frage der Einschätzung Hegels. Und es kann auch keine Rede davon sein, dass Stalin sich selbst widerspricht. Daraus folgt aber zweierlei:43 a) Es ist unzulässig, die bewusste These über Hegel in den Versionen 3 und 4 – ohne das »Nicht nur – sondern auch« – zu benutzen; b) Es ist unzulässig, die Äußerung Stalins dogmatisch zu zitieren, sie als eine »absolute Wahrheit letzter Instanz« zu betrachten; man muss sich vielmehr ganz genau darüber klar sein, in welchem konkreten Zusammenhang Stalin darauf hingewiesen hat, dass die deutsche Philosophie im Allgemeinen und die Hegelsche im Besonderen nicht nur Ideologie des aufstrebenden deutschen Bürgertums, sondern auch Ausdruck der aristokratischen Reaktion usw. ist. Ich selbst kenne den genauen Zusammenhang natürlich ebenso wenig wie diejenigen, die diese Äußerung dogmatisch zitieren; denn diese Äußerung ist in keiner einzigen authentischen Arbeit Stalins zu finden. Aber da ich den Sinn der europäischen Debatte über Alexandrows Geschichte der westeuropäischen Philosophie kenne, da ich weiß, dass diese Debatte zum guten Teil auf Stalins Initiative zurückzuführen ist, und da die Formulierung »Nicht nur – sondern auch« mich bestimmte Zusammenhänge ahnen lässt, erkläre ich mir diese Äußerung folgendermaßen: 43 (AH) In der Denkschrift hatte Harich geschrieben, dass es mehrere Versionen des angeblichen Stalin-Diktums zu Hegel gebe, die sich allesamt nicht durch entsprechende Stellen belegen ließen. Er schrieb: »Seit einiger Zeit hat nun die Furcht vor unserem Erbe in der Philosophie neue Nahrung durch eine ganz bestimmte – und zwar negative – Einschätzung der klassischen deutschen Philosophie erhalten. Diese Einschätzung taucht in letzter Zeit in verschiedenen sowjetischen und deutschen Publikationen auf, und sie soll zurückgehen auf eine Äußerung Stalins. Interessanterweise wird diese Äußerung Stalins aber niemals im genauen Wortlaut und niemals mit einer genauen Quellenangabe zitiert. Ja, es besteht nicht einmal darüber Einigkeit, welches die wesentlichen Kerngedanken dieser Äußerung sind. Denn faktisch wird diese Äußerung in sehr verschiedenen, inhaltlich nicht übereinstimmenden Versionen zitiert. Mir selbst sind die folgenden ›Lesarten‹ bekannt: 1) Die deutsche idealistische Philosophie ist nicht nur Ideologie des aufstrebenden deutschen Bürgertums, sondern auch Ausdruck der aristokratischen Reaktion auf den französischen Materialismus und die französische bürgerliche Revolution. 2) Die Philosophie Hegels ist nicht nur Ideologie des aufstrebenden deutschen Bürgertums, sondern auch Ausdruck der aristokratischen Reaktion auf den französischen Materialismus und die französische bürgerliche Revolution. 3) Die deutsche idealistische Philosophie ist die aristokratische Reaktion auf den französischen Materialismus und die französische bürgerliche Revolution. 4) Die Philosophie Hegels ist die aristokratische Reaktion auf den französischen Materialismus und die französische bürgerliche Revolution.« Harich: Hegel-Denkschrift, Band 5, S. 134 f. 167Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 a) In der Sowjetunion wurde beim Studium der Geschichte der Philosophie eine ganze Zeit lang Hegel allzu sehr in den Vordergrund gerückt, und zwar auf Kosten der vorhergehenden Philosophen und vor allem auch auf Kosten von Marx und Engels. (Dies weiß ich von zahlreichen sowjetischen Genossen.) b) Im dritten Band von Alexandrows Geschichte der westeuropäischen Philosophie wurde die philosophische Leistung von Hegel auf Kosten der Leistung von Marx und Engels überschätzt, der unversöhnliche Gegensatz zwischen Hegelscher Philosophie und marxistischer Philosophie verwischt und damit die gewaltige revolutionäre Bedeutung, die das Werk von Marx und Engels für die Geschichte der Philosophie hat, der qualitative Sprung, der mit der Entstehung des Marxismus in der Geschichte der Philosophie einsetzt, bagatellisiert. c) In der Diskussion über das Buch Alexandrows scheinen – das ist meine Vermutung – einige sowjetische Philosophen nur die bürgerlich-progressive Seite Hegels hervorgehoben und dabei vergessen zu haben, dass Hegel in seiner Rechtsphilosophie den preußischen Staat vergottet und damit die Restauration, die aristokratische Reaktion auf die französische Revolution, aktiv unterstützt hat. In diesem konkreten Zusammenhang war es völlig berechtigt, ja, unbedingt notwendig, zu erklären: Man darf nicht vergessen, dass Hegel nicht nur Vertreter des aufstrebenden deutschen Bürgertums, sondern auch Vertreter der aristokratischen Reaktion usw. ist. Man kann diese Äußerung also nur begrüßen, und man kann – wenn man Hegel als Marxist interpretieren will – selbstverständlich nicht mehr an ihr vorbeigehen. Aber wenn man diese Äußerung nur halb zitiert (ohne das »nicht nur – sondern auch«), wenn man dann dieses halbe Zitat aus seinem konkreten Zusammenhang herausreißt und sich auf den Standpunkt stellt, damit sei nun die Hegelsche Philosophie erschöpfend charakterisiert, dann begeht man den typischen Fehler aller Buchstabengelehrten und Talmudisten. Und dieser Fehler ist diesmal um so gefährlicher, als er zu ganz abwegigen Konstruktionen und Spekulationen darüber führt, dass gewisse wichtige Äußerungen von Marx, Engels, Lenin und Stalin über Hegel nunmehr als »überholt« betrachtet werden müssten, dass Lukács mit seiner Interpretation des jungen Hegel »in Gegensatz zu Stalin« stünde und die historische Wahrheit entstelle, dass wir aus Heines Schrift Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland absolut nichts mehr lernen könnten, dass Ernst Blochs Buch über Hegel nicht nur gewisse Fehler aufweise, sondern geradezu »feindlich« sei usw. Das aber sind Ansichten, die tatsächlich unter unseren Genossen Intellektuellen und Studenten in Umlauf sind. Das sind »Überlegungen«, die in unseren Verlagen dazu geführt haben, dass der längst geklärte »Fall 168 Teil I Hegel« als ein »heißes Eisen« betrachtet wird, das man lieber gar nicht erst anfasst, wenn man nicht »schief liegen« will. Und das sind Ansichten, die von den Genossen Prof. Hager und Ernst Hoffmann, den für diese Frage zuständigen Genossen der Abteilung Propaganda beim ZK der Partei, genährt werden.44 (…) Was wäre die Pflicht der Genossen von der Abteilung Propaganda des ZK unserer Partei? Was wäre die Pflicht derjenigen Genossen, die vor allem berufen sind, unser nationales philosophisches Erbe zu verwalten? Was wäre die Pflicht der Genossen Hager und Hoffmann? Es wäre ihre Pflicht, eine offene Diskussion über die Einschätzung der klassischen deutschen Philosophie zu organisieren und alle Genossen und Sympathisierenden, die Kenntnisse auf diesem Gebiet haben (also Besenbruch, Rilla, Bloch, Erich Wendt, Hans Mayer, Mende, Georg Klaus, Schrickel, Baumgarten, Rugard Gropp usw.), zu offener Meinungsäußerung anzuregen. Es wäre ihre Pflicht, an den Genossen Lukács zu schreiben und auch ihn zu einer Meinungsäußerung aufzufordern. Es wäre vor allem aber ihre Pflicht, diese Frage in kameradschaftlicher Form, auf dem Boden konsequenter Wissenschaftlichkeit und im Geiste rücksichtsloser Kritik und Selbstkritik mit den sowjetischen Genossen zu besprechen, sei es in Form einer Anfrage an die Zeitschrift Fragen der Philosophie, sei es in Form einer Aussprache mit sowjetischen Gelehrten, die in Karlshorst jederzeit zur Klärung solcher Fragen zur Verfügung stehen. Was aber tun die Genossen Hager und Hoffmann? Sie unterdrücken den Meinungskampf über diese Frage, weil sie selbst die klassische deutsche Philosophie nicht genügend kennen, sich daher unsicher fühlen und auf keinen Fall einen Fehler begehen wollen. Am liebsten wäre es ihnen, wenn über dieses Thema überhaupt nicht geredet und geschrieben würde. Aber das lässt sich nicht machen; denn die deutschen Philosophen haben leider manchmal Geburts- und Todestage, und die deutschen Intellektuellen, die ernsthaft an der kritischen Aneignung unseres klassischen Kulturerbes arbeiten, wollen über Kant, Fichte, Hegel diskutieren und schreiben. Was also tun die Genossen Hager und Hoffmann? Sie winden sich um die Gedenktage unserer großen Denker herum. Sie lassen Bücher über Hegel jahrelang auf Eis liegen. Und was tut Genosse Oelßner? Er schwebt hoch über den Wolken und kümmert sich um solche »Kleinigkeiten« überhaupt nicht.45 44 (AH) Harich: Hegel-Denkschrift, Band 5, S. 137–139. 45 (AH) Harich: Hegel-Denkschrift, Band 5, S. 140 f. 169Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Über die Methoden des Genossen Ernst Hoffmann. Anlage zur Hegel- Denkschrift46 (März 1952) 1. Im Sommer 1949 kehrte der bekannte antifaschistische Schriftsteller Ernst Bloch, Verfasser von Büchern über Thomas Müntzer und über die utopischen Sozialisten, aus den USA nach Deutschland zurück und übernahm das Ordinariat für Philosophie an der Universität Leipzig.47 Als Mitglied des Redaktionskollegiums der Neuen Welt forderte ich damals Prof. Bloch auf, einen Beitrag für das Goethe-Sonderheft der Zeitschrift zu schreiben.48 Bei der ersten Besprechung, die wir miteinander führten, kamen wir u.a. auch auf die Vorlesungspraxis zu sprechen. Dabei setzte ich Prof. Bloch Methoden der Popularisierung auseinander, mit denen ich damals experimentierte, z. B. die Methode, gewisse Gedankengänge Kants mit graphischen Schemata an der Tafel verständlich zu machen. Prof. Bloch erklärte mir in sehr heftigem Ton: »Das ist Pädagogik, das ist die Pest! Damit erziehen Sie keine marxistischen Philosophen, sondern bestenfalls ›linke‹ Readers Digest Leser.« Dieses Gespräch erzählte ich ein paar Tage später, ohne mir etwas Besonderes dabei zu denken, dem Genossen Ernst Hoffmann, der mich fragte, welchen Eindruck ich von Prof. Bloch hätte. (Es folgt die Darstellung der Entstehung von Hoffmanns Hegel-Artikel, hier weggelassen, AH.) 2. (Hoffmanns Kritik an Harichs Vorlesung, hier weggelassen, AH.) 46 (AH) In: Band 5, S. 155–159, dort weitere Verweise etc. 47 (AH) Ab dem Frühjahr 1948 begann der schriftliche Austausch zwischen dem noch in den USA lebenden Bloch und Leipzig. Der Streit um die Berufung Blochs ist mittlerweile gut dokumentiert. Die entsprechenden Dokumente druckt: Caysa, Volker u. a. (Hrsg.): Hoffnung kann enttäuscht werden. Ernst Bloch in Leipzig, Frankfurt am Main, 1992. Harich nannte mit dem Thomas Münzer (Thomas Münzer als Theologe der Revolution, München, 1921.) und den Sozialutopien (Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozialutopien, New York, 1946. Auszug aus dem Prinzip Hoffnung.) die zwei bekanntesten Bücher Blochs. Denn schon bei den Gutachten für seine Berufung hatte sich herauskristallisiert, dass zwar einige sich positiv über Bloch äußerten (zentral war dabei Werner Krauss, der auch die Berufung massiv gestützt hatte), allerdings kaum einer etwas von Bloch kannte oder gelesen hatte. Dessen wichtige Werke erschienen allerdings auch erst in der DDR oder später, Blochs Ruhm setzte in Leipzig ebenfalls etwas verzögert ein. 48 (AH) Gemeint ist: Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, in: Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern. Essays über Goethe, o. O. (Berlin), o. J. (1949), S. 161–178. 170 Teil I 3. In Ernst Hoffmanns Hegel-Aufsatz49 (Einheit, VI/19, S.1453/54) findet sich folgende Stelle: »Verteidigte auch Hegel stets die verkündete Theorie der Französischen Revolution, die Idee, den Begriff des Rechts, und feierte er diese Verkündung als einen herrlichen Sonnenaufgang, so verurteilte er jedoch die praktische, wirkliche Französische Revolution. Bereits im Jahre 1794 schrieb er anlässlich eines Prozesses des französischen Revolutionstribunals: ›Dieser Prozess ist sehr wichtig und hat die ganze Schändlichkeit der Robespierroten enthüllt‹ (in K. Rosenkranz, Hegels Leben, 1844, S. 66). Es ist daher eine Entstellung der historischen Wahrheit und eine Beschönigung Hegels, wenn Georg Lukács von Hegel behauptet, er hätte die in Deutschland höchste und gerechteste Einsicht in das Wesen der Französischen Revolution gehabt (Fußnote: Lukács, Der junge Hegel, Zürich, Wien, 1948, S. 21).« Zu diesem Angriff des Genossen Hoffmann auf Lukács ist folgendes festzustellen: a) Lukács vertritt die Auffassung, dass Hegel in seiner Zeit die höchste und gerechteste Einsicht in das Wesen der Französischen Revolution gehabt hat. b) Lukács kritisiert ausführlich die Beschränktheit Hegels. Er stellt ausdrücklich fest, dass Georg Forster, Fichte und Hölderlin in ihrer politischen Parteinahme, als Anhänger der Jakobiner, eine demokratischere, radikalere Einstellung bewiesen haben als Hegel. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass uns in dieser Hinsicht die deutschen Anhänger der Jakobiner näherstehen als Hegel. Wenn er trotzdem zu dem Urteil gelangt, dass Hegel von allen damals lebenden Deutschen die höchste und gerechteste Einsicht in das Wesen der Französischen Revolution gehabt hat, so deswegen, weil damals – im Gegensatz zu heute – keineswegs der konsequentere Demokratismus Bedingung der tieferen historischen Einsicht war. Diese Feststellung ist völlig berechtigt. Wenn man sich in dieser Frage nicht auf den Standpunkt von Lukács stellt, so müsste man die historischen Anschauungen des subjektiven Idealisten Fichte – nur weil er Anhänger der Jakobiner war – über die historischen Anschauungen Goethes und Hegels stellen. Die ausführlichen Erörterungen von Georg Lukács über diese Fragen werden von Genossen Hoffmann einfach unterschlagen. Er muss sie unterschlagen, weil er nur so seine Verleumdung von Lukács glaubhaft machen kann. c) Wer den Artikel von Genossen Hoffmann liest, muss glauben, dass er das Hegelsche Briefzitat von 1794 entdeckt und damit eine von Lukács nicht beachtete Tatsache angeführt habe. Das trifft aber nicht zu. Das Briefzitat findet sich auch in dem Buch 49 (AH) Hoffmann: Hegel, ein großer deutscher Denker. Zum 120. Jahrestag seines Todes, in: Einheit, Heft 19, November 1951, S. 1438–1454.  171Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 des Genossen Lukács, und zwar auf Seite 37, wo es ausführlich kommentiert wird.50 Genosse Hoffmann schämt sich also nicht, das Material, das von Lukács erarbeitet wurde, gegen Lukács zu benutzen und dabei vorzuspielen, dass es sich dabei um neues Material handle, das von Lukács nicht beachtet worden sei, und das in Widerspruch zu Lukács’ Auffassung des jungen Hegel stünde. Genosse Hoffmann kennt die Hegel-Monographie von Rosenkranz, aus der er angeblich zitiert, nicht. Warum sagt er in der Quellenangabe »K. Rosenkranz« und nicht »Karl Rosenkranz«? Antwort: Weil von Lukács dieselbe Stelle mit derselben Abkürzung des Vornamens zitiert wird. 4. Vor Wochen und Monaten schrieb ich für die Einheit eine kritische Stellungnahme zu dem Artikel des Genossen Hoffmann. Ich verteidigte darin Lukács gegen den ungerechtfertigten Angriff Hoffmanns. Genosse Hoffmann erklärte mir daraufhin: a) Er hätte in der Tat das Buch von Lukács nicht gelesen, sondern kenne nur einzelne Stellen daraus, b) darauf käme es auch gar nicht an; denn mir gehe es in Wirklichkeit darum, das Stalin-Zitat über Hegel als Vertreter der aristokratischen Reaktion in Zweifel zu ziehen; aber ich sei zu feige, dies offen zu sagen. Ich arbeitete daraufhin den Artikel noch einmal um und ergänzte ihn durch eine Anfrage bezüglich des Stalin-Zitats. Über 50 (AH) Im Anschluss an das Rosenkranz-Zitat heißt es bei Lukács: »Diese Briefstelle zeigt sehr deutlich, dass schon der junge Hegel gegen den plebejischen Jakobinismus feindlich eingestellt gewesen ist. Die Sonderstellung Hegels unter seinen deutschen Zeitgenossen liegt auch nicht in seinem politischen Radikalismus. Nicht nur Forster ging in dieser Frage viel weiter – er tat es auch praktisch – , sondern auch Fichte; und ältere Aufklärer wie Herder oder Wieland bewahrten viel länger eine lebendige Sympathie auch mit den Extremen der Französischen Revolution. Hegels spezielle Position liegt darin, dass er zwar von Anfang an den äußersten linken Flügel der Französischen Revolution ablehnt, jedoch sein ganzes Leben lang unerschütterlich an dem Gedanken der historischen Notwendigkeit dieser Revolution festhält, dass er bis an sein Lebensende in ihr die Grundlage der modernen bürgerlichen Gesellschaft erblickt. Freilich ändern sich in Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft seine Anschauungen sehr energisch. In der Berner Jugendperiode, über die wir jetzt sprechen, sieht Hegel, trotz seiner Ablehnung der Robespierreschen Politik, hier die Grundlage der kommenden Erneuerung der Gesellschaft. Später, nach der Frankfurter Krise, als er zu einer tieferen Einsicht in das ökonomische Wesen der bürgerlichen Gesellschaft gekommen ist, betrachtet er die Französische Revolution nicht mehr als den Anstoß, als das Vehikel zu einer zukünftigen Erneuerung der Gesellschaft, sondern im Gegenteil als die historisch vergangene, aber historisch notwendige Grundlage der Wirklichkeit, wie sie eben in der Gesellschaft seiner Gegenwart besteht. Dabei kommt er zu einer, freilich historisch temperierten Begeisterung auch für die radikalen Seiten der Französischen Revolution.« Lukács: Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft, 2. Aufl., Berlin und Weimar, 1986, S. 40 f. Harich verwendete die Lukács-Ausgabe von 1948 (Zürich), daher gab er andere Seitenzahlen an. 172 Teil I die zweite Fassung meines Artikels teilte mir dann aber die Einheit mit, dass erst nach der Diskussion in der Humboldt-Universität über ihr Erscheinen oder Nichterscheinen entschieden werden könne. In der Diskussion in der Humboldt-Universität setzte ich dann mit sachlichen Argumenten meine Einschätzung der progressiven und reaktionären Seiten Hegels auseinander. Als Genosse Hoffmann auf meine sachlichen Argumente in der Diskussion nichts mehr zu antworten wusste, nahm er seine Zuflucht zu übelster Verleumdung und Bedrohung. Er erklärte vor den versammelten Studenten, es gehe gar nicht um die Erforschung der progressiven und reaktionären Seiten Hegels, sondern es gehe darum, dass ich mich bewusst in Gegensatz zu Stalin stellte und eine Überheblichkeit gegenüber der Sowjetwissenschaft an den Tag legte. Das sei die eigentliche Kernfrage. Es ist offensichtlich, dass Genosse Hoffmann versucht, mit diesen Araktschejew-Methoden die Veröffentlichung einer sachlichen Kritik an den Fehlern seines Artikels und die Zurückweisung seines ungerechtfertigten und unbegründeten Angriffs auf Lukács zu verhindern. Brief an Schkurinow51 (12. April 1952) Werter Genosse Schkurinow! Ich schicke Ihnen: (1) Die erste Fassung meines Artikels gegen Ernst Hoffmann. Der Artikel musste wegen des »scharfen Tones« umgearbeitet werden. Die von mir angefertigte zweite Fassung liegt noch bei der Redaktion der Einheit. Sie wurde »vorläufig zurückgestellt« mit der Begründung, dass erst das Ergebnis der Hegel-Diskussion abgewartet werden müsse. (2) Einen Artikel Bemerkungen zum Problem der Logik,52 in dem ich das Verhältnis »Logik und Dialektik« zu klären versuche und gleichzeitig anhand einer diesbezügli- 51 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 12. April 1952. Nicht adressiert. 52 (AH) Unter dem Titel Bemerkungen zum Problem der Logik wurde Harichs ursprünglicher Aufsatz publiziert (Band 2, S. 169–196). Harich hatte seinen Gegenentwurf zu den Thesen Hoffmanns am 1. April 1952 an die Redaktion der Einheit geschickt. Auf der ersten Seite finden sich zudem die handschriftlichen Zusätze »Geeignet für die Einheit?« und »An Genossen Fred Oelßner.« Doch die Einheit lehnte wegen Harichs polemischer Hoffmann-Kritik den Druck ab. Harich überarbeitete seinen Beitrag nach der Zurückweisung mehrfach und es entstand dann schließlich jener Aufsatz, der als Beitrag zur Logik-Debatte in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschien (Neudruck in Bd. 2, S. 129–168). 173Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 chen Arbeit des Genossen Hoffmann nachweise: a) Dass Genosse Hoffmann auf dem Gebiet der Logik ein Ignorant ist, b) dass derselbe Genosse Hoffmann, der eine »ultralinke« Einstellung in der historischen Einschätzung Hegels hat, in seinen Auffassungen über die Logik typisch Hegelsche Fehler begeht und in Idealismus verfällt. Diesen Artikel habe ich ebenfalls der Redaktion der Einheit zur Verfügung gestellt, in der die Arbeit des Genossen Hoffmann Über den Gegenstand der formalen Logik erschienen ist (Jahrgang 1952, Heft 1). (3) Einen Bericht über die wichtigsten Punkte der Hegel-Diskussion vom Nachmittag des 9. April. Wie Sie sehen, soll damit die Diskussion abgebrochen werden. Vom Büro Fred Oelßner (ZK) erhielt ich am 10. April einen Brief, in dem mir der Empfang meiner Denkschrift Die Abteilung Propaganda des ZK und das klassische Kulturerbe bestätigt, aber gleichzeitig mitgeteilt wurde, dass Genosse Oelßner auf längere Zeit von Berlin abwesend sei, und dass deshalb vorläufig zu meiner Denkschrift nicht Stellung genommen werden könnte.53 Mit bestem Gruß! * * * * * (AH) Fred Oelßner antwortete am 7. Mai 1952 auf Harichs Brief. Er schrieb: »Dein zahlreiches Material über die Hegel-Diskussion habe ich erhalten. Trotz aller guten Absichten bin ich leider nicht dazu gekommen, das umfangreiche Material zu studieren, da ich ja leider nicht ›in den Wolken der philosophischen Diskussion‹ schwebe, sondern sehr viel andere Arbeit erledigen muss, die es mir nur sehr selten gestattet, mich eingehend mit theoretischen Problemen zu befassen. Und dann steht, wie Du begreifen wirst, die Diskussion über Hegel auch nicht an erster Stelle. Ich würde Dir raten, Deinen Standpunkt in dieser Frage in einem sachlichen Artikel zusammenzufassen und diesen in der neuen philosophischen Zeitschrift zu veröffentlichen.« Am 12. Mai 1952 traf dann auch das Antwortschreiben von Kurt Hager ein, der offensichtlich abgewartet hatte, wie sich das ZK entscheiden würde. Auf den Brief wurde bereits verwiesen. Hager hatte dort auch erklärt: »Eine Fortsetzung der Diskussion über die Stellung zu Hegel und damit die Einschätzung der deutschen idealistischen Philosophie wäre wünschenswert, müsste aber in einer anderen Form erfolgen als dies bisher geschehen ist. Auch die Denkschrift an Genossen Oelßner verlässt den Boden einer sachlichen wissenschaftlichen Diskussion und hat den Charakter einer persönlichen Diffamierung der Genossen Hager und Hoffmann. Auf einer solchen Grundlage kann die Diskussion nicht fortgesetzt werden. Sie entstellt zudem alle möglichen Äußerungen, Gespräche und Tatsachen.«54 53 (AH) Der Brief an Harich ist datiert auf den 5. April, 1 Blatt, gezeichnet: J/Re. 54 (AH) Hager: Brief an Harich, 2 Blatt, maschinenschriftlich, 12. Mai 1952, Blatt 1. 174 Teil I Brief an Georg Lukács55 (05. September 1952) Sehr verehrter Genosse Lukács! Genosse Wendt hat mir vor einiger Zeit eine Abschrift Ihrer Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Schrickel an Existenzialismus oder Marxismus? und zu meiner Gegenkritik zugehen lassen. Für die freundlichen Grußworte, die Sie mir bei dieser Gelegenheit ausrichten ließen, möchte ich Ihnen hiermit herzlichst danken. Das Sektierertum56, gegen das Sie sich in Ihrem Schreiben mit Recht wenden, ist bei uns in der Tat eine schlimme und gefährliche Erscheinung. In einem Lande, in dem es rechts den Halleschen Pietismus und links den Börne gegeben hat, nimmt es natürlich auch die entsprechende Färbung an, und schön ist die nicht. Ich schreibe Ihnen heute, weil ich folgende Anliegen auf dem Herzen habe: 1) Ich habe dem Aufbau-Verlag, bei dem ich seit Frühjahr 1950 als Lektor – unter Leitung des Genossen Schroeder – tätig bin, für das Produktionsjahr 1953 die Veröffentlichung Ihres Buches Der junge Hegel vorgeschlagen. In diesem Zusammenhange tauchen nun die folgenden Probleme auf: 55 (AH) 8 Blatt, maschinenschriftlich, 05. September 1952. Georg Lukács antwortete in einem ausführlichen Brief, aus dem in den Fußnoten zu Harichs Brief im folgenden einige Passagen wiedergegeben werden. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 16. September 1952, 3 Blatt, maschinenschriftlich. Teilabdruck sowohl von Harichs Brief als auch von Lukács’ Antwort in der von Reinhard Pitsch (der sich als »wissenschaftlicher Sekretär« der ja gar nicht existenten »Wolfgang-Harich-Gesellschaft« vorstellte) veranstalteten Auswahl, auf die im Fortgang immer als »Pitsch: Briefwechsel« verwiesen wird. Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich, Georg Lukács. Briefwechsel, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 2, 1997, S. 281–304. 56 (AH) Lukács antwortete, dass er Harichs Position zum Sektierertum zustimme. »Die Unausrottbarkeit des Sektierertums für eine verhältnismäßig lange Periode ist aber mit den Bedingungen des sozialistischen Aufbaus in einer kapitalistischen Umkreisung, mit der objektiven Unvermeidlichkeit des Kadermangels etc. so eng verknüpft, dass wir für eine lange Zeit nur hoffen können, eine bestimmte Form der sektiererischen Ideologie auszurotten, bald danach entsteht jedoch eine neue.« (Blatt 1) Die Sowjetunion, so Lukács, sei in dieser Hinsicht weiter als die anderen sozialistischen Staaten. Abschließen schrieb er: »Ich will Sie damit nicht mutlos machen; Sie sind noch jung genug, um die endgültige Liquidation des Sektierertums zu erleben.« (Blatt 1). Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 16. September 1952. 175Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 a) Wie steht es mit den Rechten? Soll sich der Genosse Janka direkt mit dem Europa-Verlag in Zürich in Verbindung setzen, oder werden sie das selbst erledigen? Ich möchte Sie bitten, hierüber sobald wie möglich unserem Verlag Bescheid zukommen zu lassen.57 b) Sollte man nicht – als Ergänzung Ihres Buches – eine neue Ausgabe der Jugendschriften Hegels in zwei bis drei Bänden veranstalten? Ich würde vorschlagen, ein vierbändiges Werk unter dem Gesamttitel Der junge Hegel erscheinen zu lassen: 1. Band: Georg Lukács: Der junge Hegel, 2. und 3. Band: Hegels Jugendschriften, von den so genannten »theologischen« Jugendschriften der Tübinger, Berner und Frankfurter Periode bis zur Realphilosophie und zur Jenenser Logik, wobei meines Erachtens eine Auswahl des Wichtigsten vorgenommen werden müsste, 4. Band: Phänomenologie des Geistes. Wie stehen Sie zu diesem Projekt? Halten Sie, falls man es realisiert, eine komplette Wiedergabe der verfügbaren Texte für unerlässlich? Oder finden Sie, dass in Band 2 und 3 eine Auswahl genügt? Und wären Sie bereit, die Auswahl selber vorzunehmen resp. uns die Gesichtspunkte anzugeben, nach denen sie vorgenommen werden soll? Oder halten Sie es für besser, dass Ihr Buch über den Jungen Hegel gesondert erscheint und die Herausgabe der Hegelschen Jugendschriften damit nicht gekoppelt wird? Bitte schreiben Sie mir auch hierüber recht bald Ihre Meinung.58 57 (AH) Lukács schrieb, dass er sich sehr freuen würde, wenn der Hegel auch im Aufbau-Verlag erscheinen würde. Nach 1945 sei es sinnvoll gewesen, diesen Weg zu gehen. »Jetzt wäre aber Zeit, das Buch seinem wirklichen Leserkreis zuzuführen.« (Blatt 1) Lukács erklärte, dass er mit jeder Lösung einverstanden sei, die dazu führe, dies endlich zu ermöglichen. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 16. September 1952. 58 (AH) Lukács antwortete (Wiedergabe nach Pitsch: Briefwechsel, S. 285): »Was die Verknüpfung mit der eventuellen Ausgabe meines Hegels mit einer Ausgabe der Jugendwerke von Hegel selbst betrifft, so halte ich diesen Plan für bedenklich. Ich glaube nicht, dass man die Jugendwerke Hegels auch bei vielen Auslassungen zu einer solchen, allgemeinen Lektüre machen kann, wie dies etwa bei Herder möglich ist. Wir dürfen nie vergessen, dass jene Werke Hegels, mit denen er eine dauernde geistige Macht geworden ist, die seiner Reife sind – Logik, Ästhetik, Geschichte der Philosophie. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass jemand – nicht ich – aus den drei Bänden der Hegelschen Ästhetik eine lesbare Ausgabe von einem Band macht, der im Kampf um die Entfaltung der Theorie eines tief aufgefassten Realismus, um die Großzügigkeit in der Auffassung von Kunst und Literatur eine Rolle spielen könnte. Ebenso wichtig könnte werden, eine Ausgabe der kleinen Logik, mit Zusätzen, nicht wie bei Meiner, für die ideologische Hebung der Wissenschaftler etc. Der junge Hegel kann meines Erachtens nie eine solche aktuelle geistige Macht werden, selbst die unerhört geniale Phänomenologie des Geistes ist eine viel zu schwere Lektüre, selbst für die gebildetsten Massen. Dazu kommt noch, dass das Ausspielen des jungen Hegel gegen den reifen eine Tendenz der imperialistischen Reaktion war. In meinem Buch habe ich versucht, die Wahrheit festzustellen. Dass der 176 Teil I 2) Vor einigen Tagen wurde in Berlin eine neue philosophische Vierteljahreszeitschrift der DDR unter dem Titel Deutsche Zeitschrift für philosophische Wissenschaft gegründet. Herausgeber: Arthur Baumgarten, Ernst Bloch, Wolfgang Harich. Redaktionssekretär: Klaus Schrickel. Die Linie: In der Grundtendenz und der Mehrzahl der Beiträge marxistisch, aber unter Mitarbeit bürgerlicher Philosophen, sofern ihr Schaffen humanistisch-progressive und rationale Tendenzen aufweist resp. naturwissenschaftlich-materialistisch orientiert ist. Verbreitungsgebiet: Gesamtdeutschland.59 Rubriken: 1) Essays und Abhandlungen, 2) Übersetzungen aus Zeitschriften der SU, den Volksdemokratien und aus marxistischen Journalen, die in den kapitalistischen Ländern erscheinen, 3) Diskussion strittiger Fragen, 4) Referate und Rezensionen. Im Namen der Herausgeber (also auch in meinem eigenen) möchte ich Sie herzlichst dazu auffordern, uns regelmäßig Beiträge zu schicken. Ein echter Lukács pro Nummer wäre uns hochwillkommen.60 Beachten Sie bitte, dass a) angesichts des ständigen Hinsterbens philosophischer Zeitschriften in Westdeutschland mit Interesse und Aufnahmebereitschaft auch bei der bürgerlichen Intelligenz zu rechnen ist, und dass b) bei uns in der DDR auf dem Gebiet der Philosophie außer dem dunkel aphoristischen Bloch fast nur noch märkischer Sand existiert, der entweder von sektiererischen Genossen à la Schrickel oder von halbwegs loyal gestimmten bürgerlichen Professoren minderer Güte produziert wird. Ihre Mitarbeit ist also dringend von Nöten. Erwünscht ist alles, was nicht ausschließlich literarhistorischen Charakter hat. Genosse Wendt berichtete, dass Sie zur Zeit über Ästhetik und Ethik arbeiten. Könnten Sie hiervon junge Hegel in mancher Hinsicht einen fortschrittlicheren Standpunkt einnahm als der nach Napoleons Sturz resignierte, darf die Tatsache nicht verdunkeln, dass die für die Entwicklung der Dialektik ausschlaggebenden Werke in der Berliner Periode entstanden sind.« Im Fortgang der Argumentation schlug Lukács dann die Arbeit an einer Hegel-Gesamtausgabe vor. 59 (AH) Zu dem Projekt der Zeitschrift äußerte sich Lukács aus rein organisatorischen Gründen skeptisch – er befürchtete schlichtweg einen Mangel an Zeit, Ressourcen etc. Seine Mitarbeit stellte er aber in Aussicht und verwies darauf, dass Janka bereits ein neunzig Schreibmaschinenseiten starkes Manuskript über Nietzsche besitze (ein Auszug aus der Zerstörung der Vernunft) und dieses eigentlich bei der Sinn und Form unterbringen wollte. Zudem brachte Lukács ins Spiel, dass weitere Teile der Zerstörung der Vernunft für den Druck in Aufsätzen geeignet seien. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 16. September 1952. 60 (AH) Lukács und Bloch waren bis 1956 die wichtigsten, quantitativ und qualitativ, Autoren der Zeitschrift. Der Wunsch nach einem »echten Lukács pro Nummer« ging in Erfüllung. 177Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 etwas schon jetzt der Öffentlichkeit zugänglich machen?61 Schön wäre es, wenn wir bereits für die erste Nummer mit einem Beitrag von Ihnen rechnen könnten. Redaktionsschluss: Ende Oktober. Am besten wäre es, wenn Sie den Beitrag an meine obige Adresse abschickten. 3) Zum Schluss eine private Anfrage: Kennen Sie die vierbändige Ontologie von Nicolai Hartmann (Zur Grundlegung der Ontologie, Möglichkeit und Wirklichkeit, Der Aufbau der realen Welt, Philosophie der Natur), und, wenn ja – wie stehen Sie dazu?62 Hartmann, der 1950 in Göttingen verstarb, steht uns durch die materialistische Grundtendenz seiner Philosophie von den bürgerlichen Philosophen der Gegenwart relativ am nächsten, sofern er nicht gerade von gesellschaftlichen Fragen spricht. Bemerkenswert ist seine radikale Gegnerschaft gegen alle Formen des offenen oder getarnten subjektiven Idealismus, gegen die Existenzialisten, die er hasste, gegen Mythos, Irrationalismus u. dgl., aber auch gegen idealistische und positivistische Tendenzen in der Philosophie der Naturwissenschaftler, gegen den Vitalismus in der Biologie, gegen Einsteins Gleichzeitigkeitsdefinition und gegen die Leugnung der Kausalität auf Grund der Heisenbergschen Unschärferelation usw. In meiner Entwicklung war Hartmann – während des Krieges – ein Durchgangspunkt zum Marxismus, sozusagen mein Feuerbach, seinem Einfluss verdanke ich es, dass ich Lenins Materialismus und Empiriokritizismus, als ich es zufällig in die Hand bekam, mit großem Ernst studierte, was mich dann wiederum auf den Marxismus überhaupt neugierig machte. Nun ist im Westen die Lage so, dass Hartmann (der freilich nicht zu den Modegrößen gehört) objektiv die Funktion einer letzten Auffangstellung der bürgerlichen Ideologie ausübt. Alles, was eine gesunde rationale Orientierung hat, was sich angewidert vom Idealismus, vom Tiefsinnsgeschwätz katholischer und existenzialistischer Herkunft abwendet, ohne sich aber zum Marxismus durchringen zu können oder zu wollen (wobei sich ordinäre Furcht vor behördlichen Schikanen mit Aversion gegen unsere Sektierer paart), schwört auf Hartmann. 61 (AH) Lukács schrieb: »Was nun die Bemerkungen des Genossen Wendt über meinen Ästhetik und Ethik betrifft, so handelt es sich hier leider vorläufig – um Träume. In absehbarer Zeit kann ich nicht daran denken, etwas aus diesem Komplex aufs Papier zu bringen.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 16. September 1952. 62 (AH) Lukács antwortete, dass er Hartmann vor allem im Kontext seiner Hegel-Studien beachtet habe, von dessen Hegel-Buch aber enttäuscht gewesen sei. Siehe: Pitsch: Briefwechsel, S. 285 f. 178 Teil I Denn bei Hartmann kann man zum Beispiel lesen: »Die Philosophie beginnt nicht mit sich selbst; sie setzt das in Jahrhunderten angesammelte Wissen und die methodische Erfahrung aller Wissenschaften voraus, nicht weniger aber auch die zweischneidigen Erfahrungen der philosophischen Systeme. Aus alledem hat sie zu lernen. Von dem ungeheuren Unsinn einer ›voraussetzungslosen Wissenschaft‹ ist sie jedenfalls weiter entfernt als irgendein anderer Wissenszweig.« Oder: »Wer eine ›Philosophie für immer‹ aufrichten will, wird unweigerlich die am meisten zeitbedingte schaffen. Wer wollte sich heute noch einreden, dieser Ironie alles denkerischen Schicksals entgehen zu können? Und doch – wer daraus umgekehrt den Schluss ziehen wollte, es verlohne sich um die systematische Arbeit nicht mehr, wäre erst recht im Irrtum. Er hätte die Lehre nur zur Hälfte begriffen. Denn geschichtliche Relativität hebt den Charakter des Näherungswertes in einem vergänglichen Erkenntnisstadium nicht auf, auch dann nicht, wenn von dessen Lehrgehalt nichts in spätere und reifere Einsicht übergeht. Lehrreich sind eben auch Irrtümer, und aller Fortschritt geht den Weg des Ringens mit dem Irrtum. Es ist keineswegs utopisch, als Forschender mit der vollen Fragwürdigkeit der eigenen Einsichten zu rechnen und dennoch unberührt fortzuarbeiten. (…) Wer bewusst aus der Problemlage seiner Zeit heraus und für seine Zeit forscht, wissend, dass seine Arbeit bestenfalls ein Glied in der Kette geschichtlicher Denkarbeit ist, bald überholt vom nächsten Schritt des Eindringens – der gerade hat am ehesten die Aussicht, etwas zu schaffen, was vor dem Forum späterer Generationen Geltung beanspruchen kann.« Oder – über Recht und Grenzen der Relativitätstheorie: »Beschränkt man den Kern der Relativitätstheorie auf die mathematischen Messungsverhältnisse in Raum und Zeit, so behält sie recht. Nimmt man die in ihr gezogenen Konsequenzen, den Raum und die Zeit selbst betreffend, im buchstäblichen Sinne, so behält sie Unrecht. Dass sie selbst die Grenze, die hier zu ziehen wäre, nicht einhält, ist ihr Fehler. (…) Die dem Raum und der Zeit zugeschriebene Relativität bezieht sich tatsächlich nur auf das dynamische Verhalten der Materie und der Kraftfelder, rechtfertigt aber keinen weitergehenden Schluss. (…) Die Ontologie darf ohne Rücksicht auf die spekulativen Schlüsse der Theorie ihre Konsequenz dahin ziehen, dass zwar die Metrik der realen Raum- und Zeitverhältnisse dynamisch-physikalisch bedingt ist, dass aber eben darum ihre Relativität nicht die Beschaffenheit des Realraums und der Realzeit selbst betrifft.« 179Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Oder – gegen die Leugnung der Kausalität auf Grund der so genannten Zufälligkeit der mikromechanischen Prozesse: »Von Seiten der Physik ist die Unterscheidung von Kausalität und Naturgesetzlichkeit nicht immer mit der nötigen Schärfe festgehalten worden. Das ist einer der Gründe, warum man die Kausalität dort fallen lassen zu müssen gemeint hat, wo die Gesetzlichkeit der klassischen Physik versagt. Tatsächlich lässt sich hier nun ein fester Zusammenhang aufweisen: Die Gesetze der klassischen Physik setzen die Kausalität voraus und verlieren ohne sie den Boden unter den Füßen; die Kausalität ihrerseits setzt diese Gesetze nicht voraus, sie kann an sich auch ohne sie bestehen. (…) Was im Gebiet der atomaren Prozesse versagt, ist zunächst nur die Fassbarkeit der Gesetze. Diese Fassbarkeit ist die exakte, mathematisch-mechanische. Was also fehlt hier der Kausalerkenntnis? Man kann antworten: Das Wissen um die causa efficiens. Das bedeutet, dass die Kollokationen der Realfaktoren, welche die Teilursachen bilden müssten, nicht fassbar sind, mit ihnen also auch die Gesamtursachen. Was aber folgt aus dieser Unfassbarkeit? Doch nicht, dass es hier gar keine Ursachen gäbe! Was mit bestimmten Erkenntnismitteln nicht – oder noch nicht – greifbar ist, braucht doch deswegen im Realzusammenhang nicht zu fehlen. (…) Überhaupt ist der Ausdruck ›statistisch‹ irreführend, er betrifft die Art der Überlegung, des Ansatzes, der Rechnung, nicht den Gehalt des Gesetzes selbst, auf dessen Fassung wir hinsteuern. Nicht das Gesetz ist statistisch, sondern der Zugang zu ihm. Freilich so, wie wir es fassen, sagt es über die wirkliche Bewegung des einzelnen Atoms oder Elektrons nichts aus, sondern nur etwas über die Bewegung aller im Durchschnitt. Aber diese Aussage ist durchaus exakt. Sie unterliegt dem Gesetz der großen Zahl, welches besagt, dass der Durchschnitt um so genauer erfasst wird, je größer die Anzahl der Fälle ist, von denen wir ausgehen. Was bedeutet nun das? Kann denn im Durchschnitt eine Gesetzlichkeit bestehen, die mit der Zahl der Fälle auf einen bestimmten Wert zu konvergiert – wobei sich auch die Streuung und der durchschnittliche Fehler durchaus noch berechnen lassen – , ohne dass in den Realfällen selbst eine Determination bestünde? Wie kann ein Häufigkeitsmaximum dann auch nur eine bestimmte Lage in der statistischen Kurve einnehmen? Ohne jede Ordnung in den Kollokationen wäre das ja gerade nicht möglich; mit ihr aber doch nur, wenn die Kollokationen Gesamtursachen sind. Sieht man näher zu, wie der Physiker seine Gleichungen ansetzt, so findet man auch in seinen Überlegungen stets das Rechnen mit der bestimmten Gesamtlage und ihrer Variabilität. Diese aber ist gerade die Kollokation der Ursachenmomente. Übrigens: Die Wahrscheinlichkeitsrechnung betrifft keineswegs bloß die ›Größe der subjektiven Erwartung‹. Sie ist gerade die Erhebung des Erwartungsmaßes ins Objektive: Sie stellt es auf eine im realen Geschehen selbst bestehende Basis. Wäre diese 180 Teil I Basis direkt zu erfassen, so würde die Erwartung in exakte Voraussage übergehen. Da sie nur genähert fassbar ist, bleibt die Voraussage am Durchschnitt hängen. Das ändert aber nichts daran, dass eine Basis realer Determiniertheit in den Teilprozessen selbst schon vorhanden sein muss. (…) Gerade die statistischen Gesetze sind ein Beweis dafür, dass in der scheinbar ›regellosen‹ Mannigfaltigkeit der Einzelfälle doch strenge Kausalabhängigkeit herrscht, und zwar unabhängig vom Grade ihrer Erkennbarkeit. Ganz unerkennbar sind die Einzelfälle ja auch nicht, sonst ließen sie sich nicht diskutieren. Sie sind – wenigstens vorerst – nur nicht voll erkennbar.« Oder – gegen Heidegger: »Heideggers Auffassung der Ontologie gibt nicht nur das Wertvollste preis, was die deutsche Philosophie in ihrer Blütezeit (von Kant bis Hegel) zur Einsicht gebracht hat, sie macht vielmehr die höchste Seinsschicht, die des geschichtlichen Geistes, geradezu ungreifbar usw.« An anderer Stelle: »Von alters her ist zum Beispiel die Todesangst der Menschen von spekulativen Fanatikern gewissenlos ausgenutzt worden. Statt sie den Unwissenden auszureden, schürte und nährte man sie mit den gewagtesten Jenseitsvorstellungen. Und doch liegt es auf der Hand, dass hier jede reale Fühlung mit dem Kommenden fehlt, jeder Anhaltspunkt, ob überhaupt der Tod sonderlich wichtig für den Menschen ist. Als bloßes Aufhören – mehr wissen wir von ihm nicht – ist er es jedenfalls nicht. Erschreckend muss er natürlich für den sein, der das Leben ausschließlich aus dem Belange der eigenen Person heraus führt und die Welt als bloß die seinige versteht; die habituelle Verkehrtheit des sich-selbst-Wichtignehmens rächt sich am Ich-Menschen. Relativ gleichgültig wird der Tod für den, der sich selbst in unverfälscht ontischer Einstellung als geringfügiges Individuum unter Individuen sieht, als Tropfen im Gesamtstrom des Weltgeschehens, des geschichtlichen wie des noch größeren kosmischen, und in Ehrfurcht vor dem Großen sich zu bescheiden weiß. Das ist die natürliche Haltung des Menschen in der noch ungebrochenen Lebensverwurzelung. Das Wichtigtun mit dem eigenen ›Dasein‹ der ›je seinigen‹ Welt ist immer schon Entwurzelung, künstliche Steigerung des Selbst zum allein Existierenden, oder gar superstitiöse Einschüchterung des moralisch aus dem Gleis Geworfenen. Soweit sie nicht das vitale Widerstreben gegen die Auflösung ist oder der Wunsch, noch Leistungen zu vollbringen, ist alle Todesangst ansuggerierte, selbstgemachte Pein. Das metaphysische Gaukelspiel der Angst, gesteigert durch die Unmoral zuchtloser Selbstquälerei, ist die unversiegbare Quelle endloser Irrung. Es berührt wunderlich, wenn man sieht, dass ernsthafte Denker in der Durchbildung philosophischer Theorien diesem Gaukelspiel 181Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 verfallen und die Angst zum Ansatz der Selbstbesinnung auf das Echte und Eigentliche des Menschen machen. So Martin Heidegger in seiner bekannten Analyse der Angst, und zwar mit ausdrücklicher Bevorzugung der Todesangst. Er folgt darin dem unseligsten und raffiniertesten aller Selbstquäler, die die Geschichte kennt, Sören Kierkegaard. Gerade die Angst ist der denkbar schlechteste Führer zum Echten und Eigentlichen. Gerade sie verfällt grundsätzlich jedem Truge – sei es der Tradition oder der selbstverschuldeten Vorspiegelung usw.« Diese Zitatenlese mag genügen, um die Art der Wirkung zu kennzeichnen, die Nicolai Hartmann auf Intellektuelle ausübt.63 Das gesellschaftlich Wichtigste ist, dass sein Widersachertum gegen die diversen Spielarten des modernen Obskurantismus, seine objektive Bundesgenossenschaft auf naturwissenschaftlichem Gebiet – sogar die Möglichkeit der Vererblichkeit erworbener Eigenschaften gibt er, ohne je von Mitschurin-Lyssenko gehört zu haben, grundsätzlich zu – mit einem blöden Eklektizismus in allen historischen und gesellschaftlichen Fragen Hand in Hand geht: So bringt er es beispielsweise fertig, die beiderseitigen »Überspitzungen« von Hegel und Marx dadurch zu »überwinden«, dass er erklärt, der Geschichtsprozess werde sowohl vom Geistigen, als auch vom Ökonomischen her determiniert: Der Fehler beider Denker liege darin, dass jeder von ihnen nur den einen »Faktor« gesehen und daher überschätzt habe. (Natürlich hat er von Marx keine Zeile gelesen, und von Plechanow, der diese »Faktoren«-Theorie und den dazugehörigen Eklektizismus längst kritisiert hat, kannte er nicht einmal den Namen. Im Übrigen pflegte er dem Marxismus historischen Relativismus in der Ideengeschichte und pragmatistische Tendenzen in der Erkenntnistheorie zu 63 (AH) Die Zusammenstellung der Hartmann Zitate durch Harich kommentierte Lukács wie folgt: »Die Zitate, die Sie geben, zeigen, dass es sich hier tatsächlich um eine eigenartige Erscheinung handelt. Ich verstehe also sehr gut, dass er Ihnen in Ihrer Jugendentwicklung geholfen hat. Was nun die Ausnutzung dieser Frage betrifft, so glaube ich, gibt es zwei Möglichkeiten, die beide ausnutzbar sind. Erstens können wir ganz ruhig Hartmann – bei aller Kritik und aller Vorbehalte – in der Propaganda unter den Bürgerlichen des Westens als Verbündeten ausnutzen. (…) Zweitens – und das wäre Ihre Aufgabe – wäre eine eingehende Studie über das Gesamtwerk Hartmanns sehr nützlich. Es müsste gezeigt werden, dass er einerseits einen kritisch vielfach richtig Kampf gegen subjektiven Idealismus und Irrationalismus geführt hat, dass aber ein solcher Widerstand von idealistischer Seite aus nicht mehr möglich ist.« Pitsch: Briefwechsel, S. 285 f. Es kann sicherlich gemutmaßt werden, da sich Harich schon frühzeitig für die Philosophie Hartmanns interessiert hatte, bereits in den fünfziger Jahren etwa eine große Rezension zu dessen Nachlasswerk verfasste, dass dieser Hinweis von Lukács einer der zusätzlich motivierenden Gründe war, warum sich Harich Zeit seines Lebens immer wieder mit Hartmann beschäftigte – gipfelnd natürlich in den umfangreichen Manuskripten der achtziger Jahre. 182 Teil I unterstellen. Studenten in Göttingen, Schüler Hartmanns, vor denen ich anlässlich einer Vortragsreise durch Westdeutschland sprach, waren denn auch sichtlich erstaunt, zu hören, dass man im »Osten«, wenn man als Philosoph am Begriff der objektiven Wahrheit festhalte, nicht gerade mit sibirischer Verbannung bedroht werde. Von demselben Hartmann waren die Jungens aber vortrefflich in der Argumentation gegen Dewey und Konsorten gedrillt worden.) Ich glaube, dass dies alles für Sie ein wenig interessant sein wird, und ich würde gerne von Ihnen erfahren, ob Sie sich mit Hartmanns Philosophie beschäftigt haben, wie Sie sie einschätzen und ob Sie eine Auseinandersetzung mit ihr für lohnend halten. In der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören und vor allem: bald einen Beitrag von Ihnen für unser philosophisches Journal in Händen zu halten, verbleibe ich mit den besten Grüßen Ihr Interne Mitteilung zu: Der junge Hegel64 (12. September 1952) In einer Besprechung, die ich Ende August mit Genossen Wendt hatte, erklärte mir dieser auf Befragen, dass einer Veröffentlichung des Buches Der junge Hegel von Georg Lukács (Europa-Verlag, Zürich, Wien, 1948) im Aufbau-Verlag im Produktionsjahr 1953 nichts im Wege stünde. Zur Begutachtung des Werkes möchte ich hiermit das Folgende erklären: Das Buch ist eine ausführliche, 718 Druckseiten umfassende Darstellung und Analyse der Jugendentwicklung Hegels vom Ende seines Aufenthaltes im Tübinger Stift (1788– 1793) bis zum Ende seiner Jenaer Periode (1806). Es schließt mit einer Interpretation der Phänomenologie des Geistes, als deren Zentralbegriff der Verfasser – genau wie Marx in seinen Ökonomisch-philosophischen Manuskripten – die Kategorie der »Entäußerung« herausstellt. Der Wert des Buches liegt meines Erachtens in Folgendem: 1) Die hauptsächlichen Dokumente der Jugendentwicklung Hegels, die hier zum ersten Mal marxistisch-wissenschaftlich interpretiert werden, waren bis zur Jahrhundertwende nahezu unbekannt und sind vor allem bis zu diesem Zeitpunkt niemals 64 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 12. September 1952. Adressiert: An das Lektorat des Aufbau-Verlages, z. Hd. Max Schroeder. 183Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 veröffentlicht worden. Was die ersten Hegel-Biographen, Karl Rosenkranz, Rudolf Haym und Kuno Fischer, daraus mitteilten, war völlig oberflächlich und auf spezifisch liberale Weise borniert. Der erste, der auf diese verborgenen Schätze aufmerksam machte, war Wilhelm Dilthey mit seiner berühmten Jugendgeschichte Hegel. Wenig später, im Jahre 1907, erfolgte dann die Herausgabe der religionskritischen Fragmente der Tübinger, Berner und Frankfurter Periode durch Hermann Nohl unter dem Titel Hegels theologische Jugendschriften. Die übrigen Jugendschriften Hegels hat später Johannes Hoffmeister herausgegeben, einen Teil Georg Lasson. Seit 1900 hat die bürgerliche Geisteswissenschaft in Deutschland nicht aufgehört, mit großer Ausführlichkeit die Jugendentwicklung Hegels zu deuten. (Erinnert sei hier vor allem an das umfangreiche zweibändige Werk von Theodor L. Haering, Hegel, sein Wollen und sein Werk, das ausschließlich die Jugendentwicklung Hegels bis zur Phänomenologie behandelt.)65 So unbestreitbar es ist, dass im Verlauf dieser Wiederentdeckung Hegels wertvolles neues Material zu Tage gefördert und bekannt gemacht wurde, so sicher ist auch, dass die so genannte Hegel-»Renaissance« der imperialistischen Epoche, mit der diese Entdeckungen in Zusammenhang stehen, die historische Stellung Hegels verfälschte und den großen Denker durch willkürliche Andeutung gerade seiner Jugendschriften zu einem Vorläufer des modernen Obskurantismus – einem Lebensphilosophen, Irrationalisten und Romantiker – zu machen versuchte. Die Vorstellungen der deutschen Intelligenz über Hegel sind dementsprechend auch heute noch völlig falsch. Georg Lukács unternimmt es nun, diese Hegel-Legende der deutschen Bourgeoisie systematisch zu zerschlagen – ähnlich, wie es seinerzeit Mehring mit der Lessing-Legende tat, nur auf sehr viel höherem philosophischen Niveau. Anhand einer sorgfältigen Analyse der neu erschlossenen Texte, in die er zum ersten Mal mit großem Scharfsinn die richtige chronologische Reihenfolge bringt, und in steter Polemik gegen die bürgerlichen Interpreten von Dilthey bis Haering weist Lukács den richtungsgebenden Einfluss nach, den die Französische Revolution auf Hegel ausübte. Überzeugend stellt 65 (AH) Die entsprechenden Buchtitel zu Hegels Jugendschriften nannte Harich am Ende des Briefes. Mit allen genannten Theoretikern setzte er sich im Rahmen seiner Vermessung Hegels sowie der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus mehrfach und intensiv auseinander. Siehe vor allem die Bände 3 (Widerspruch und Widerstreit. Studien zu Kant) und 5 (An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx) dieser Edition. Zu berücksichtigen sind ebenfalls die zahlreichen Hinweise, die expliziten und impliziten Debatten mit den Theoretikern in Harichs Vorlesungen (Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie), siehe hierzu die Bände 6.1 und 6.2.  184 Teil I er die Entwicklung Hegels von den republikanisch-demokratischen Idealen seiner Berner Periode über die Krisenzeit der Frankfurter Jahre zur Akkomodation an die nachthermidorianische Entwicklung dar, zeigt die Parallelen auf, die in Bern und Frankfurt zwischen seiner Entwicklung und derjenigen Hölderlins bestehen, deckt für die späteren Perioden die gleichgerichteten Motive der gesellschaftlichen Anschauungen Hegels und Goethes auf, grenzt Hegel scharf von der Romantik ab und betont ganz richtig seine weitgehende Selbständigkeit gegenüber Schelling, die nicht erst nach 1806, sondern von Anfang an bestanden hat. Auf neue Weise macht Lukács so die progressive Bedeutung des Übergangs vom subjektiven zum objektiven Idealismus in der klassischen deutschen Philosophie deutlich. Das Werk ist somit eine einzige Kampfansage gegen die imperialistische Ideologie und steht im Dienst der Verteidigung des fortschrittlichen nationalen Kulturerbes gegen dessen moderne Verfälscher. 2) Von geradezu bahnbrechender Bedeutung ist die Analyse des tiefen, vorher nie genügend beachteten und ausgewerteten Einflusses, den die Klassiker der englischen bürgerlichen Ökonomie (vor allem Steuart und Adam Smith) auf die Herausbildung des dialektischen Denkens bei Hegel seit dessen Frankfurter Periode ausübten. Die damit zusammenhängenden Fragen stehen im Mittelpunkt der Arbeit, die ja auch den Untertitel trägt: Über die Beziehungen von Dialektik und Ökonomie. Die Gedanken von Marx über die Parallelität bestimmter gedanklicher Errungenschaften von Hegel und Ricardo werden hier bis ins Einzelne konkretisiert, und zwar anhand von Dokumenten, die Marx selbst noch nicht kennen konnte (namentlich anhand der Jenaer Vorlesungen über Realphilosophie, die erst 1931 von Hoffmeister herausgegeben wurden).66 Die 66 (AH) In Leipzig hatte Bloch seinen Studenten in seiner Vorlesung erklärt – nach seiner Darstellung der bürgerlichen Hegel-Interpretationen (es ist eine von zwei Wortmeldungen zu Lukács, die zweite beschäftigt sich mit der Zerstörung der Vernunft): »Ein guter Schlag dagegen ist enthalten in dem Buch Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft von Georg Lukács, einer fleißigen, kenntnisreichen Schrift mit sehr interessanten Partien, wodurch Hegel aus den Entstellungen des immer faschistischer werdenden Neuhegelianismus herausgebracht worden ist.« Bloch, Ernst: Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, 1950–1956, hrsg. von Ruth Römer und Burghart Schmidt, 4 Bände, Frankfurt am Main, 1985, Bd. 4, S. 271. Aber Lukács schildere einen Hegel, den Marx nicht kannte, da die von Lukács verwendeten und interpretierten Schriften noch gar nicht vorlagen. Weiter heißt es: »Das Lehrreiche ist, dass die ökonomische Seite Hegels, sein ökonomisches Bewusstsein hier herausgestellt ist, vielleicht in einer übertriebenen Weise, eben als Gegenschlag. Es ist auch sonst alles sehr innerhalb Hegels gehalten. Der 185Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Herausarbeitung dessen, was Hegel – im Anschluss an die englischen Ökonomen – über die Arbeit gesagt hat, gehört zu den wichtigsten Funden, die der neueren Philosophiegeschichtsschreibung je gelungen sind. 3) Seit jeher hat die Phänomenologie des Geistes, eines der genialsten, aber auch dunkelsten Bücher Hegels, den Interpreten große Schwierigkeiten bereitet. Man war sich noch nicht einmal über den Sinn der Disposition im Klaren und wusste nicht, dass in der Phänomenologie derselbe historische Prozess dreimal hintereinander durchlaufen und unter den verschiedenen Aspekten des subjektiven, objektiven und absoluten Geistes auf jeweils neuer Ebene entwickelt wird. Einmal als Prozess der unbegriffenen Tragödien, denen sich das Subjekt der Weltgeschichte – das gesellschaftliche Bewusstsein der Menschen – ohnmächtig ausgeliefert sieht, das zweite Mal als objektiv gesetzmäßiger Gang der historischen Entwicklung der Menschheit, das dritte Mal als der schöpferische Prozess, der die bleibenden Errungenschaften der Menschheit hervortreibt. Der einzige, der diese Eigentümlichkeit des Gedankengangs der Phänomenologie, die von sämtlichen Kommentatoren seither verfehlt wurde, richtig sah und in den Grundzügen skizzierte, war Marx. (Vgl. seine Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt, 1844.) Im letzten Kapitel des Werkes von Lukács werden nun diese Hinweise von Marx bis ins Einzelne konkretisiert. Man kann sagen, dass damit zum ersten Mal der wahre Gehalt der Phänomenologie erschlossen wird.67 4) Aktuelle Bedeutung haben die breiten Ausführungen von Lukács über die widerspruchsvollen Wirkungen, die die verschiedenen Phasen der Französischen Revolution von der Verkündung der Menschenrechte bis zur napoleonischen Ära auf die deutsche Blick auf Hegel geschieht vom späten Hegel auf den jungen Hegel, es ist ein von Hegel bezaubertes Buch, was zum Verständnis Hegels natürlich sehr beiträgt, aber auch die Grenzen ausmacht, denn das Buch ist doch philologisch, literarhistorisch und nicht philosophisch, im Zusammenhang mit den anderen Arbeiten von Lukács. Daneben hat es aber immer wieder, vor allen Dingen in einem kühnen Kapitel wie Die Arbeit und das Problem der Teleologie, außerordentliche Fernblicke, wie es bei einem Verstand und einer Begabung und einem Umblick, wie sie Lukács besitzt, nicht verwunderlich ist.« (Ebd., S. 271 f.) 67 (AH) Harichs Analyse der Phänomenologie ist nachzulesen in den Manuskripten: Hegels Phänomenologie des Geistes (S. 221–246), Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte (S. 247–298), Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus, (S. 299– 312). Zudem die Hegel-Vorlesung, dort vor allem die Abschnitte: Enzyklopädie und Phänomenologie, Zur Phänomenologie, Phänomenologie des Geistes, 2. Teil (alle auf den S. 699–711). 186 Teil I Intelligenz ausübten. In einer Situation, in der es darum geht, die große nationale Bedeutung des Kampfes gegen Napoleon zu begreifen, ohne dabei die widerspruchsvollen und reaktionären Seiten dieser Befreiungsbewegung zu verkennen, ist die Arbeit von Lukács außerordentlich gut geeignet, um zu einer richtigen Bewertung der verschiedenen Lager zu verhelfen und einen wirksamen Kampf gegen die Abweichungen von der marxistischen Einschätzung dieser Epoche zu ermöglichen. Im Ganzen bin ich der Meinung, dass Lukács’ Buch über den jungen Hegel unter den marxistischen Werken, die in diesem Jahrhundert zum Zweck der Erschließung des fortschrittlichen deutschen Kulturerbes geschrieben wurden, an erster Stelle steht. Unter den Werken von Lukács, die ich, soweit sie erschienen sind, ausnahmslos gelesen habe, ist es nach meiner Meinung das bei weitem bedeutendste. In gewissen Punkten bin ich freilich anderer Auffassung als der Verfasser. So glaube ich, dass seine Einschätzung Kants allzu negativ ist, dass er sich zu weitgehend mit der Hegelschen Kritik an Kant identifiziert (so vor allem in den Fragen der Ethik).68 Eine Schwäche des Buches liegt auch in der fast völligen Ignorierung der naturwissenschaftlichen Probleme, die u. a. zu einer gewissen Unterschätzung der Bedeutung Schellings führt. Das aber sind Fehler, die den Wert der Polemik gegen die reaktionäre Geisteswissenschaft und den Wert der historischen »Funde«, die Lukács gelingen, nicht im Mindesten aufwiegen. Ich empfehle, das Buch, falls der Verfasser damit einverstanden sein sollte, zusammen mit einer zweibändigen Neuausgabe der Hegelschen Jugendschriften, herauszugeben. Eventuell müsste ein weiterer Band die Phänomenologie enthalten. Eine solche Ausgabe – unter dem Gesamttitel Der junge Hegel – würde von der internationalen Wissenschaft als eine sensationelle Neuerscheinung betrachtet werden und könnte auch von Gegnern schlechterdings nicht ignoriert werden. Sollte der Verfasser mit diesem Projekt nicht einverstanden sein, so würde ich die gesonderte Herausgabe seines Buches im Produktionsjahr 1953 empfehlen. Ein Exemplar der Ausgabe des Europa-Verlages, 68 (AH) Harichs Stellungnahmen und Analysen zu Kant finden sich in Band 3 (Widerspruch und Widerstreit). Dort alle weiteren Hinweise, Erläuterungen etc. Anders als Lukács bewertete Harich Kants Philosophie in der Tat weitaus positiver und maß ihr einen höheren Eigenwert zu. Angefangen von der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels bis zu den Kritiken. Dies zeigen vor allem seine Vorlesungen an der Berliner HU (Band 6.1 und 6.2) an. Siehe exemplarisch die Vorlesung Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie von 1955/1956, wo die Darstellung Kants den Hauptteil bildet, eingebettet in Analysen der Theorien von Leibniz und Fichte sowie Schiller (Band 6.2, S. 953–1106). 187Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Zürich, in welchem ich die Druckfehler und gewisse stilistische Unebenheiten korrigiert habe, liegt vor. Liste der Bücher, die bei der Herausgabe der Hegelschen Jugendschriften zu benutzen wären: (1) Hegels theologische Jugendschriften, herausgegeben von Hermann Nohl, Tübingen, 1907 (seither nicht mehr erschienen), Rarität. (2) Schriften zur Politik und Rechtsphilosophie Hegels, herausgegeben von Georg Lasson, Leipzig, 1923. (3) Jenenser Logik, Metaphysik und Naturphilosophie Hegels, herausgegeben von Georg Lasson, Leipzig, 1923. (4) Jenenser Rechtsphilosophie, Band I und II, herausgegeben von J. Hoffmeister, Stuttgart, 1936. (5) Aufsätze Hegel aus der Jenenser Zeit, Jubiläumsausgabe der Sämtlichen Werke, Band I, herausgegeben von Hermann Glockner, Stuttgart, 1941. Brief an Georg Lukács69 (20. September 1952) Sehr verehrter, lieber Genosse Lukács! Haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihren helfenden und freundlichen Brief vom 16. September. Ich kann Ihnen heute leider noch nicht mit der gebührenden Sorgfalt antworten, möchte Ihnen aber trotzdem jetzt schon schreiben, um Sie zu bitten, mir möglichst bald das fertige zweite Kapitel Ihres Buches Zerstörung der Vernunft – das Kapitel über Schelling, Schopenhauer Kierkegaard – zu schicken.70 Ich wäre dafür, in der neuen philosophischen Zeitschrift zunächst mit dem Vorabdruck dieses Kapitels in Fortsetzungen zu beginnen und erst in einem späteren Heft das auf Nietzsche bezügliche dritte Kapitel zu bringen (das ich übrigens noch nicht kenne). Einmal wegen der historischen Reihenfolge, zum anderen deswegen, weil die Grundzüge Ihrer Nietzsche-Auffassung unseren Lesern durch Ihren hervorragenden Aufsatz Nietzsche und der 69 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 20. September 1952.  70 (AH) Lukács schrieb am 27. September an Harich, dass er das Manuskript an Janka geschickt habe, der es Harich aushändigen solle. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. September 1952, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 188 Teil I deutsche Faschismus71 seit geraumer Zeit doch schon einigermaßen geläufig sind, während eine neue Arbeit von Ihnen über jene drei Vernunftzerstörer hier und im Westen gleich mit großer Begierde aufgenommen werden würde. Zwischen dem 15. und dem 20. Oktober 1952 wollen Ernst Bloch, Genosse Schrickel und ich das erste Heft der Zeitschrift zusammenstellen. Es wäre also schön, wenn ich recht bald Ihr Manuskript – für das ich ja anschließend auch als Lektor des Aufbau-Verlages zuständig wäre – in Händen halten könnte, um es bis dahin gelesen zu haben. Eine Frage: Werden Sie sich in Ihrem Buche auch mit Vilfredo Pareto auseinandersetzen? Es wäre, namentlich im Hinblick auf den Kampf gegen den Pragmatismus, sehr wichtig, wenn eine Äußerung von Ihnen über Pareto existierte.72 Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr dankbar ergebener Interne Mitteilung zu Der junge Hegel73 (22. September 1952) Ich schlage vor, im Produktionsjahr 1953 das Werk Der junge Hegel. Über die Beziehungen von Dialektik und Ökonomie von Georg Lukács im Aufbau-Verlag herauszubringen. Herr Wendt hat diesem Projekt bereits zugestimmt. Ebenso erklärte der Verfasser, Prof. Georg Lukács, Budapest, in einem Brief vom 16. September 1952, dass er über das Erscheinen des Buches im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik sehr froh sein würde. Ein Gutachten, das ich selbst verfasst habe, liegt beim Lektorat vor. Ein Exemplar der Ausgabe wurde von mir auf Druckfehler und stilistische Unebenheiten, die ich dem Verfasser mit entsprechenden Korrekturvorschlägen zugehen lassen werde, durchgesehen. 71 (AH) Das Buch Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie (Berlin, 1947, 1948) eröffnete mit den Aufsätzen Der deutsche Faschismus und Nietzsche (S. 5–36) und Der deutsche Faschismus und Hegel (S. 37–67). Zudem in diesem Zusammenhang von Lukács: Die Nazis und Hegel, in: Aufbau, Heft 3, 1946, S. 278–289. 72 (AH) Lukács schrieb: »In Zerstörung der Vernunft behandle ich, aus Gründen, die im Buch selbst ausführlich dargelegt werden, nur den deutschen Irrationalismus. Ausnahmen mache ich nur im Fall von Kierkegaard und Gobineau. Eine Auseinandersetzung mit Pareto wäre zwar wichtig, ich muss aber diese, wie so vieles andere, anderen überlassen.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. September 1952, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 73 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 22. September 1952. Adressiert an Walter Janka, im Namen der Abteilung Lektorat. 189Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Die Rechte befinden sich beim Europa-Verlag A. G., Zürich, Copyright 1948. Im 12. Paragraphen des zwischen dem Europa-Verlag und Prof. Lukács seinerzeit abgeschlossenen Vertrages heißt es: »Wenn zwei Jahre nach Erscheinen des oben genannten Werkes die Auflage nicht ausverkauft ist, so steht dem Verleger das Recht zu, den noch nicht verkauften Teil, sofern er mehr als ein Viertel der ersten Auflage beträgt, zu einem herabgesetzten Preis zu verramschen.«74 Prof. Lukács schlägt uns vor, entweder den Rest der Auflage aufzukaufen und nach dem Verkauf in der DDR eine neue Auflage zu machen (ein Weg, der mir aber als unsinnig erscheint), oder aber vom Europa-Verlag das Recht zu einer Lizenz-Ausgabe zu erwerben. Der Aufbau-Verlag solle die nötigen Schritte unternehmen, er, Lukács, sei mit jeder Lösung einverstanden. Mit der Bitte um Veranlassung. Brief an Georg Lukács75 (08. Oktober 1952) Lieber, sehr verehrter Genosse Lukács! Ich habe inzwischen das Nietzsche-Kapitel aus Ihrem Buch über den Irrationalismus gelesen. Es wäre sehr schön, wenn wir es für den Abdruck in der neuen philosophischen Zeitschrift bekommen und es gleich im Anschluss an die Veröffentlichung des Schelling-Schopenhauer-Kierkegaard-Kapitels bringen könnten, das wir für die ersten drei Nummern als Fortsetzungsbeitrag vorgesehen haben. Leider pocht nun aber Genosse Huchel, Chefredakteur von Sinn und Form, hinsichtlich des Nietzsche-Kapitels auf ältere Rechte, die er nur abtreten will, wenn es ihm stattdessen erlaubt wird, in der nächsten Nummer von Sinn und Form Ihren Aufsatz Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ästhetik zu bringen. Letztere Arbeit befindet sich im Manuskripten-Archiv des Aufbau-Verlages in zwei Abschriften. Ist es Ihnen recht, dass ich sie dem Genossen Huchel zur Veröffentlichung in Sinn und Form überlasse? Bitte geben Sie doch recht bald Bescheid! Und bitte: Schicken Sie doch recht bald das Schelling-Schopenhauer-Kierkegaard-Kapitel, am besten an mich direkt oder an den Aufbau-Verlag mit der Maßgabe um Weitergabe an mich. Die Partei drängt auf Fer- 74 (AH) Siehe: Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 16. September 1952, 3 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1. 75 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 08. Oktober 1952.  190 Teil I tigstellung des ersten Heftes der Zeitschrift, das noch im Dezember erscheinen soll. Wir müssten dann noch im Oktober das erste Heft abschließen. Und wir wollen doch unbedingt mit einer Arbeit von Ihnen herauskommen. Was den Jungen Hegel betrifft, so sind von unserer Verlagsleitung jetzt die nötigen Schritte zur Erlangung der Rechte unternommen worden. So hoffe ich denn, dass wir das Buch unter Umständen noch in diesem, spätestens aber in den ersten Wochen des nächsten Jahres werden in Satz geben können. Mit gleicher Post – aber nicht mit Luftpost, da dies nicht so eilig ist – schicke ich Ihnen eine eigens für Sie angefertigte Information über ein neues anthropologisch-philosophisches Werk: Der Mensch – seine Natur und seine Stellung in der Welt von Arnold Gehlen. Nach meiner Meinung ist dieses Buch die bei weitem talentvollste Leistung, die ein bürgerlicher Philosoph in unserer Zeit vollbracht hat. Merkwürdigerweise war Gehlen (der sich in letzter Zeit uns nähert und sich seit Kriegsende sehr ehrenhaft verhält) seit den Weimarer Tagen politisch ein strammer Nazi – aus fehlgeleiteter Aversion gegen bürgerliche Demokratie und Liberalismus, machte aber in seiner Philosophie wiederum vom Nazitum kaum Gebrauch. Ich glaube, dass es Sie im Zusammenhang mit Ihrem Irrationalismus-Buch interessieren wird, von Gehlens Leistung zu erfahren: Denn hier haben wir ein Beispiel dafür, dass man an die von den Irrationalisten so verhimmelten Instinkte auch ganz anders herangehen kann. Gehlen zeigt nämlich, dass unsere Instinktschwäche Resultat und Voraussetzung alles eigentlich Menschlichen, vor allem der Handlung ist, die die zentrale Kategorie seines anthropologischen Ansatzes darstellt. Außerdem ist das Buch bemerkenswert, weil es in großer Breite und Ausführlichkeit die Erkenntnis, dass Sprache und Denken eine Einheit bilden, konkretisiert. Bitte lesen Sie sich doch die fünfzehn Schreibmaschinenseiten meiner Information durch. Wenn das Buch Sie interessiert, schicke ich es Ihnen. Wenn man es mit marxistischen Augen liest und sich die darin enthaltenen rationellen Gesichtspunkte und Forschungsresultate »kritisch aneignet«, gewinnt man eine Fülle neuer Aufschlüsse, auch für psychologische, ethische, charakterologische, sprachwissenschaftliche und ästhetische Probleme. Mit den herzlichsten Grüßen und in dringender Erwartung des Manuskripts bin ich Ihr ergebener 191Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Georg Lukács76 (24. Oktober 1952) Lieber Genosse Lukács! Mit der Erwerbung der Rechte für den Jungen Hegel gibt es Schwierigkeiten, wie Sie aus der beiliegenden Abschrift eines Briefes ersehen, mit dem der Europa-Verlag (Zürich) unser Ersuchen um Genehmigung einer Lizenzausgabe beantwortete. Was lässt sich da machen? Wir halten es für das Beste, nun den folgenden Weg zu beschreiten: Wir wiederholen nochmals unsere Bitte in einem Schreiben an den Europa-Verlag, in dem wir die Notwendigkeit des Erscheinens Ihres Buches im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik näher begründen, und fügen gleichzeitig einen Vertragsentwurf als Angebot bei. Die Entwürfe dieses Schreibens und des Vertrages übermitteln wir Ihnen in der Anlage. Bitte äußern Sie sich dazu, ob Sie mit dieser Art unseres Vorgehens einverstanden sind. Sobald wir um Ihr Einverständnis wissen, schicken wir beides an den Europa-Verlag ab. Gut wäre es, wenn Sie als Autor dann gleichzeitig in einem Schreiben an den Europa-Verlag den Wunsch aussprechen würden, dass eine Lizenz-Ausgabe des Jungen Hegel im Aufbau-Verlag erscheint. Was aber machen wir, wenn der Europa-Verlag sich auch dann noch sträubt? Könnten wir unter diesen Umständen mit Ihrem Einverständnis rechnen, wenn wir den Jungen Hegel auch ohne Erteilung einer Lizenz einfach herausbringen, mit dem Vermerk, dass der Vertrieb in Westdeutschland untersagt sei, und die Lizenzgebühr auf ein für den Europa-Verlag einzurichtendes Konto überweisen? Oder sehen Sie einen anderen Weg? Bitte äußern Sie sich doch auch hierzu! Ihr Schreiben vom 13. Oktober 1952 habe ich erhalten. Vielen Dank! Kapitel II der Zerstörung der Vernunft ist inzwischen hier eingetroffen, Kapitel I und IV noch nicht. Selbstverständlich kann die Zerstörung, wie Sie es wünschen, vor dem Jungen Hegel in die Herstellung gegeben werden. Das Buch von Gehlen würde ich Ihnen in einem Exemplar schicken, das Sie dann behalten könnten. Wenn Sie Ihr Vorhaben, eine Ethik zu schreiben, verwirklichen werden, wird Ihnen das darin enthaltene Forschungsmaterial über die Zusammenhänge Arbeit-Praxis-Handlung-Motivation des Handelns usw. sicher nützlich sein. Denn – nicht wahr? – bei der bloßen Beteuerung, dass Menschen »zweifellos Handelnde« sind, 76 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 24. Oktober 1952.  192 Teil I kann man es doch nicht bewenden lassen. Da ist doch auch auf Seiten des Subjekts eine Menge ethisch Unqualifizierbares mitgesetzt. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr * * * * * (AH) Die Briefe zwischen Harich und Lukács hatten sich etwas überschnitten. Am 18. Oktober 195277 war Lukács noch einmal auf die Zerstörung der Vernunft eingegangen. Er teilte nun mit, dass er den Abdruck des Nietzsche-Kapitels in der Philosophiezeitschrift wünsche und der Sinn und Form ein anderer Text zu überlassen sei, etwa der Aufsatz über Tschernyschewskis Ästhetik aus den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik. Zum Jungen Hegel äußerte er seine Freude darüber, dass die Vorarbeiten des Verlags so gut vorangehen würden, ergänzte allerdings: »Ich möchte aber in dieser Frage meinen persönlichen Wunsch sehr entschieden aussprechen: Ich möchte, dass vor allem Die Zerstörung der Vernunft herauskommt.« Am 18. November78 bestätigte er seine bisherigen Positionen noch einmal, entschuldigte sich für verschiedene Verzögerungen im Ablauf (»Diese verfluchte Zerstörung ist schuld daran.«) und machte einige Vorschläge zum Umgang mit dem Schweizer Verleger des Jungen Hegel. Das geplante Vorgehen gegenüber dem Europa-Verlag billigte er erneut, er sei mit allen Plänen einverstanden. »Es hat keinen Sinn, dass der Europa-Verlag wie der aesopische Hund auf dem Heu liegt und die Pferde nicht fressen lässt. Da er von mir sowieso nichts herausgeben wird, ist es mir ziemlich gleichgültig, wenn es mit ihm zum Bruch kommt.« Brief an Georg Lukács79 (13. Dezember 1952) Sehr verehrter, lieber Genosse Lukács! Haben Sie vielen Dank für Ihre letzten beiden Briefe und für die prompte Absendung des unterstützenden Schreibens an den Europa-Verlag in Zürich. Ich habe mich inzwischen an die Lektüre der Zerstörung der Vernunft gemacht und möchte meinen, dass das eines der wichtigsten und nötigsten Bücher ist, die in dieser Zeit über Deutschland und für Deutsche geschrieben wurden – sozusagen der Schlusspunkt (hoffentlich!) hinter alldem, was bei uns seit über hundert Jahren an geistig Üblem geherrscht und das Denken in aller Herren Länder mehr oder weniger verpes- 77 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 18. Oktober 1952, 2 Blatt, maschinenschriftlich, das folgende Zitat: Blatt 1. 78 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 18. November 1952, 2 Blatt, maschinenschriftlich, die folgenden Zitate: Blatt 1. 79 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 13. Dezember 1952.  193Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 tet hat. Ich bin überzeugt, dass das Buch ziemliches Aufsehen erregen und vielen anspruchsvollen Köpfen, die noch im Dunkeln tappen, wenigstens sehr zu denken geben und sicher auch manchem die Augen öffnen wird. Es wäre wirklich zu wünschen, dass es auch im Westen erschiene, nicht nur um des Kompensationsgeschäftes mit dem Europa-Verlag willen, bei dem für uns der Junge Hegel herausspringen soll, sondern vor allem wegen der zu beeinflussenden Intelligenz, der man den Kierkegaard, das Diltheysche »Sinnverstehen«, das Klagessche Widersachertum von »Geist« und »Leben« und den anderen Dreck so gründlich austreiben muss, wie es hier geschieht. Nicht ganz einverstanden bin ich mit dem, was sie gelegentlich hier und da über formale Logik, formallogisches Denken usw. sagen, zum Beispiel in dem Abschnitt über Schelling und in dem über Kierkegaard.80 Ich hatte dasselbe schon an Existenzialismus oder Marxismus?, Seite 54, auszusetzen, wo es einmal heißt, dass die »formallogische« Überspannung des Freiheitsbegriffs (bei Sartre) zu seiner Vernichtung führe. Was diese Überspannung angeht, so gibt es keine einzige Regel der formalen Logik, die dergleichen legitimierte, im Gegenteil: Gerade der Satz der Identität verbietet falsche Verallgemeinerungen, und gerade dialektisches Denken ist in der Befolgung dieses formallogischen Axioms konsequenter als das metaphysische. Und was die Kritik der Schelling und Hegel an der formalen Logik betrifft, so beruht sie, glaube ich, auf fundamentalen Missverständnissen, nämlich auf einer falschen Identifizierung der metaphysischen Beschränktheit mit der formallogischen Richtigkeit. Die Ansicht, dass die Überzeugung von der absoluten Verbindlichkeit der formallogischen Gesetze für das Denken entweder zu einem Verharren in metaphysischer Beschränktheit oder aber – Kehrseite! – zum Irrationalismus gegenüber dem dialektischen Charakter der Realität führe, halte ich für falsch. Ich werde Ihnen, wenn es Sie interessiert, nächstens zwei Logik-Aufsätze und das Lektoratsgutachten über die Zerstörung der Vernunft schicken, wo das näher begründet wird. Natürlich kann und will ich Ihnen damit keine Änderung oktroyieren oder auch nur empfehlen. Es handelt sich hier ja um ein durchaus noch umstrittenes Problem, und die Diskussion dieser Fragen ist allenthalben noch im Fluss, auch in der SU. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass 80 (AH) Auf Harichs Logik-Verständnis und den für ihn zu wichtigen Kampf für die formale Logik wurde bereits verwiesen. Der 2. Band (Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie) präsentiert seine wichtigen Manuskripte zu diesem Themenkomplex. Darstellung der Logik-Debatte der DDR in dem Aufsatz: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. 194 Teil I die ganze Gegenüberstellung formale Logik – Dialektik, die daran hängenden Missverständnisse über den Satz des Widerspruchs usw. eines Tages aus unserer theoretischen Literatur gänzlich verschwinden werden, und zwar als ein Überbleibsel des deutschen Idealismus, das nicht zum Erbe gehört, sondern nur in gedankenloser Weise mitgeschleppt wurde, weil es dringendere Fragen – Fragen auf Leben und Tod nämlich – zu lösen gab als die der formalen Logik. Ich möchte Sie nun über die verschiedenen schwebenden Angelegenheiten unterrichten, die mit Ihren neuen Arbeiten zu tun haben, und in diesem Zusammenhang Sie um die Beantwortung einiger Fragen bitten. 1) Wie ich Ihren Briefen entnehme, legen Sie größten Wert darauf, dass die Zerstörung der Vernunft möglichst bald erscheint – mit Recht. Sobald das Nachwort vorliegt, wird dieses Buch auch, Ihrem Wunsch entsprechend, in Satz gegeben werden. Voraussichtlich wird es dann im Frühsommer erscheinen können. Eine Liste mit stilistischen Änderungsvorschlägen, die an bestimmten Stellen einfach unentbehrlich sind, lasse ich Ihnen im Januar zugehen. 2) Wir können nicht ganz kurz nacheinander mit drei Büchern von Ihnen herauskommen. Da streikt das »Amt für Literatur«, und auch im Hinblick auf Vertrieb und Reklame ist es nicht günstig. Ich schlage Ihnen vor: a) Spätestens im Frühjahr 1953 geht die Zerstörung der Vernunft in Satz, b) Frühsommer 1953 folgend die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, c) im Spätsommer, spätestens Herbst folgt Der junge Hegel. Wir schieben dann zwischen Zerstörung und Beiträge den ersten Band eines neuen Werkes von Ernst Bloch, der zweite Band dieses Werkes folgt zwischen den Beiträgen und dem Jungen Hegel, und der dritte Band wird im Herbst 1958 in Satz gegeben.81 Ist Ihnen diese Regelung recht? Es würden dann die drei neuen Bücher von Ihnen sämtlich noch im Jahr 1953 auf dem Markt sein, zuletzt Ihr Hegel-Buch, das ja nur für die Leser der DDR neu ist. 81 (AH) Ernst Blochs Prinzip Hoffnung erschien in den Jahren 1954, 1955 und 1959. Die Verzögerung der ersten beiden Bände ist vor allem auf Blochs Arbeitsweise, zahlreiche Veränderungen etc. zurückzuführen, der dritte Band wurde schließlich wegen der Umbrüche des Jahres 1956 samt der Isolierung Blochs von Parteiseite verhindert. Es erschien – um den Schein zu wahren – nur eine kleine Auflage, nachdem zeitlich parallel der westdeutsche Suhrkamp-Verlag das ganze Werk herausbrachte. 195Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 3) Um keine Verzögerung eintreten zu lassen, machen wir den Beginn der Drucklegung der Zerstörung nicht davon abhängig, ob der Europa-Verlag pünktlich zu dem Vorschlag, dieses Buch für eine Lizenz-Ausgabe zu übernehmen, die in der DDR mitgedruckt werden soll, Ja oder Nein sagt. Entscheidet er sich erst später, so drucken wir die Lizenz-Ausgabe eben nach. 4) Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie wird zum ersten Mal im Januar 1953 herauskommen und dann vierteljährlich in einem Umfang von 128–200 Druckseiten erscheinen. Als Herausgeber zeichnen Ernst Bloch, Genosse Arthur Baumgarten (der Rechtsphilosoph aus der Schweiz), der – bürgerliche – mathematische Logiker Karl Schröter und ich. Redaktionssekretär ist Genosse Klaus Schrickel, Verfasser jenes sektiererischen Artikels über Ihr Existenzialismus-Buch. Er ist zur Zeit leider erkrankt, so dass ich für ihn die Redaktionsarbeit stellvertretend leiten muss. (Schrickels Sektierertum ist übrigens in dem Maße im Schwinden begriffen, wie er einsehen muss, dass Seinesgleichen für die Zeitschrift nur Stroh liefert.) In der Anlage übersende ich Ihnen nun einen – freilich erst vorläufigen, noch im Fluss befindlichen – Überblick über die Beiträge, die wir in den ersten fünf Nummern der Zeitschrift veröffentlichen wollen. Sie können daraus ersehen, in welcher Gesellschaft etwa Sie sich befinden, und können vielleicht auch Ratschläge geben. Vor allem aber werden Sie sehen, dass wir sehr auf Sie angewiesen sind. Im Hinblick hierauf und im Hinblick auf unsere Absicht, auch eine von Genossen Prof. Fogarasi stammende Arbeit gegen den physikalischen Idealismus im Vorabdruck zu veröffentlichen, sagte neulich unsere witzige Sekretärin: »Ohne die Ungarn wären wir verloren: Auf der Olympiade und erst recht in unserer Zeitschrift.« 5) Sie waren so freundlich, der Zeitschrift das ganze II. Kapitel (Schelling, Schopenhauer, Kierkegaard, der Zerstörung der Vernunft, AH) zum Vorabdruck in Fortsetzungen zur Verfügung zu stellen. Im ersten Heft wird nun zunächst der Schelling-Abschnitt aus der Zerstörung – als übrigens umfangreichster Beitrag – erscheinen. Nun fragt es sich, ob wir im zweiten Heft den Schopenhauer- oder den Kierkegaard-Abschnitt bringen sollen? Bevor nämlich die dritte Nummer der Zeitschrift herauskommen wird, wird voraussichtlich die Zerstörung schon als Buch erschienen sein, so dass wir Vorabdrucke daraus nur in den ersten beiden Hef- Schopenhauer, 1852 196 Teil I ten veröffentlichen können, falls wir nicht hinter der Buchproduktion hinterherhinken wollen. Bitte teilen Sie doch mit, an welchen weiteren Abschnitt (außer dem über Schelling) Ihnen für einen Vorabdruck in der philosophischen Zeitschrift am meisten gelegen ist: Schopenhauer? Oder Kierkegaard? Oder gar etwas ganz anderes, zum Beispiel aus dem Komplex »Lebensphilosophie«? Ich würde denken, dass man Schopenhauer überspringen könnte, und dass Lukács über Kierkegaard für die Leser der Zeitschrift – auch in Westdeutschland – am interessantesten, wahrhaftesten und aktuellsten sein dürfte, zumal Kierkegaard immer noch hoch im Kurs steht. Meiner Meinung nach ist der Kierkegaard-Abschnitt auch so in sich geschlossen, dass man ihn ruhig gesondert – ohne den Schopenhauer – bringen kann. Aber wenn Sie es wünschen, bringen wir natürlich als zweites Schopenhauer. Nur stehen wir dann vor dem Dilemma, mit dem Kierkegaard nachzuhinken oder ihn in der Zeitschrift überhaupt nicht mehr zu bringen. Dass wegen der Vorabdrucke das Erscheinen des Buches hinausgeschoben wird, wollen Sie doch nicht, und der Aufbau-Verlag will das natürlich auch nicht. 6) In der dritten Nummer der Zeitschrift würden wir gerne einen Vorabdruck aus den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik bringen. Die dritte Nummer würde kurz vor Erscheinen des Buches herauskommen. Ist Ihnen das Recht? Und welchen Abschnitt halten Sie aus den Beiträgen für am meisten geeignet? Bitte bedenken Sie, dass auch Sinn und Form etwas aus den Beiträgen im Vorabdruck bringen will, und dass man vielleicht die »Zuteilung« an beide Zeitschriften unter dem Gesichtspunkt vornehmen sollte, dass Sinn und Form mit etwas mehr Musischem und wir mit der Eule der Minerva bedacht werden. 7) Im vierten Heft der philosophischen Zeitschrift, das im Herbst 1953 herauskommen wird, würden wir schließlich gerne einen größeren Abschnitt aus dem in der DDR noch fast unbekannten Jungen Hegel veröffentlichen, etwa die Skizze des Aufbaus der Phänomenologie oder aber den Abschnitt über die »Entäußerung« als Zentralbegriff der Phänomenologie.82 Ist Ihnen auch das Recht? Es wäre eine gute Vorbereitung für das Erscheinen der Lizenzausgabe. Endlich hoffen wir für das fünfte Heft, dessen Redaktionsschluss im November 1953 sein wird, und das im Januar 1954 erscheinen soll, 82 (AH) Gemeint ist: Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft, Berlin, 1954, dort viertes Kapitel, 3. Skizze des Aufbaus der Phänomenologie des Geistes, Seite 532–610, 4. Die Entäußerung als philosophischer Zentralbegriff der Phänomenologie des Geistes, Seite 611–646. 197Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 schon auf einen Beitrag aus der in statu nascendi befindlichen Ästhetik. Oder ist das völlig illusorisch? 8) Im zweiten oder dritten Heft der Zeitschrift (Redaktionsschluss: 15. Februar, resp. 1. Mai) würden wir gerne eine Rezension von Ihnen über das Hegel-Buch von Ernst Bloch (Subjekt-Objekt) bringen. Das Buch ist sehr bedeutend, aber streckenweise nicht unproblematisch. Wir wüssten niemanden, der es würdig besprechen könnte, und wollen es weder kritiklos referieren bzw. loben lassen, noch wollen wir, dass sich stumpfes Sektierertum daran vergreift. Wären Sie bereit, diese Aufgabe zu übernehmen? Eventuell auch – wenn es gar nicht anders geht – zu einem späteren Zeitpunkt? Wir würden dann die Rezension so lange aufschieben, wie es Ihre Disposition im neuen Jahr erforderlich macht.83 9) In nächster Zeit werden Ihnen die Korrekturfahnen für den Vorabdruck des Schelling-Abschnitts aus der Zerstörung zugehen – da wir sehr in Zeitnot sind: per Express und mit der Bitte, sie möglichst schnell – und ebenfalls eilbrieflich – zurückzuschicken. Oder sind Sie bereit, aufs Korrekturlesen in diesem Falle ganz zu verzichten? Dann müsste ich Sie auf ein paar redaktionelle Änderungen, die aber in keinem Falle den Inhalt beeinträchtigen, aufmerksam machen. Erstens: Das Kind musste einen Namen haben, ich habe vorläufig – vorbehaltlich einer anderslautenden Entscheidung durch Sie – den Titel Über Schellings Irrationalismus gewählt. Zweitens: Ein paar stilistische Verbesserungen, die ich selber vorgenommen habe, waren einfach unumgänglich. Ich kann sie Ihnen in einer Liste aufzählen oder sie in den Fahnen mit Rotstift anmerken. Drittens: Inhaltlich gleichgültige Nebensätze, die auf andere Kapitel des Buches verweisen, wie »Wie ich schon oben bemerkte (…)« oder »Wie wir an späterer Stelle zeigen werden (…), wurden für den Zweck des Vorabdrucks gestrichen. Sie bleiben im Manuskript der Buch-Veröffentlichung natürlich stehen. Viertens: Für die Verhältnisse der Zeitschrift ist der Schelling-Aufsatz derartig lang, dass es nötig war, ihn in Unterabschnitte aufzuteilen. Die Aufteilung habe ich – glaube ich: sachgerecht – vorgenommen. Die Unterabschnitte sind durch Sterne voneinander geschieden. Im Manuskript der Buch-Veröffentlichung wird das natürlich rückgängig gemacht werden. Falls Sie die Fahnen nicht selber korrigieren wollen, soll ich Ihnen dann nicht wenigs- 83 (AH) Lukács schrieb, dass er für »dieses Jahr ernste Arbeitserleichterungen« zugesprochen bekommen habe, die er für die Arbeiten an seiner Ästhetik nutzen wolle – und zwar ausschließlich. Von daher sei er nicht in der Lage, »die Rezension von Bloch zu übernehmen«. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 02. Januar 1953, 2 Blatt, maschinenschriftlich, die Zitate Blatt 2.  198 Teil I tens die Stellen angeben, an denen solche Sternchen stehen? Oder sollen die Sternchen durch römische Ziffern ersetzt werden? Oder legen Sie Wert darauf, dass diese Unterteilung ganz fortfällt? 10) Das Buch von Gehlen habe ich besorgt. Es wird Ihnen in den nächsten Tagen geschickt werden. Mit den besten Grüßen bin ich Ihr dankbar ergebener * * * * * (AH) Am 2. Januar 195384 antwortete Lukács. Mit den ganzen technischen und organisatorischen Vorschlägen erklärte er sich einverstanden. Für die Verteilung seiner Aufsätze schlug er vor: a) Für die Philosophiezeitschrift den Aufsatz über Vischer oder die ersten beiden Teile des Schiller-Aufsatzes, b) für die Sinn und Form den Tschernyschewski-Beitrag, c) für den Aufbau den Aufsatz über Marx’ Ästhetik. (Blatt 1 und 2) Mit Blick auf die von Harich aufgeworfenen Probleme zur formalen und dialektischen Logik schrieb er: »Ich glaube, dass Sie diese Frage zu ausschließlich vom heutigen Standpunkt betrachten und davon absehen, dass bei mir die Frage immer historisch gestellt ist. Nun weiß ich zwar sehr genau, dass metaphysisches Denken keineswegs identisch mit formaler Logik ist; wenigstens nicht prinzipiell philosophisch. In der historischen Wirklichkeit der vormarxistischen Periode ist es aber ein zumindest sehr häufiger Fall, dass metaphysische Denker, wenn sie auf logische Probleme stoßen, diese in der Form einer Verabsolutierung der formalen Logik beantworten; dass dadurch vieles an der formalen Logik entstellt wird, versteht sich von selbst. Ebenso liegt die Lage bei den Irrationalisten. Es gibt keinen wesentlichen Denker unter ihnen, der sich nicht auch mit logischen Problemen beschäftigt hätte. Sie unterscheiden sich von den gewöhnlichen metaphysischen Denkern darin, dass sie an der Schwelle der dialektischen Fragestellungen stehen – diesen aber eine Wendung ins Alogische, ins Irrationelle geben. Das hat dann auch bei ihnen zur Folge, dass sie die formale Logik verabsolutieren. Die hier entstehenden Fragen haben also nichts oder sehr wenig mit den heute aktuellen Problemen der realen Beziehung von formaler und dialektische Logik (zu tun). Das ist mein Grundgedanke in der historischen Darstellung und ich glaube, dass ich Recht habe. Ich kann hier nicht auf die Details Ihrer Ausführungen eingehen, ich muss nur darauf hinweisen, dass die Kritik Schellings und Hegels an der formalen Logik keineswegs identifiziert werden darf: Schelling springt direkt zum Irrationalismus hinüber, während Hegel die dialektischen Widersprüche in der formalen Logik untersucht und von hier aus ihre Weiterbildung in Angriff nimmt. Wie weit Hegels diesbezügliche logische Bestrebungen richtig sind, ist ein Problem der Geschichte der Logik, ändert aber nichts an dem fundamentalen Gegensatz zwischen ihm und Schelling. Wo im Manuskript diesbezüglich Missverständnisse entstehen können, werde ich bei der Durchsicht aufmerksam lesen.« 84 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 02. Januar 1953, 2 Blatt, maschinenschriftlich, das Zitat zur Logik, Blatt 1. 199Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Vorläufiger Plan für die ersten fünf Hefte der Deutschen Zeitschrift für Philosophie85 (13. Dezember 1952) (x) = bereits vorliegende Beiträge (xx) = in Auftrag gegeben (xxx) = von den Verfassern angeboten 1. Heft (1) Geleitwort der Herausgeber und der Redaktion (x) (2) Kurt Hager, Der philosophische Gehalt der Arbeit J. W. Stalins über Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR (x) (3) Ernst Bloch, Die Kategorie Möglichkeit (x) (4) Georg Lukács, Über Schellings Irrationalismus (x) (5) Paul F. Linke, Warum philosophische Wissenschaft? (x) (6) Georg Mende, Kant und das Problem des ewigen Friedens (x) (7) Karl Schröter, Die Grundlagen der Mathematik und die Philosophie (ein Vorlesungsprogramm) (x) (8) Sparte Übersetzungen: • Wostrikow, Die Klassiker des Marxismus-Leninismus über Sprache und Denken (x) • Paul Lebérene, Pius XII. und die Wissenschaft (x) (9) Sparte Diskussionen: • Wolfgang Harich, Beitrag zur Logik-Debatte (x) (10) Sparte Referate und Rezensionen: • Klaus Zweiling, Engels: Dialektik der Natur (x) • Alfred Kosing, M. M. Rosenthal: Die marxistische dialektische Methode (x) • Wolfgang Harich, Nicolai Hartmann: Teleologisches Denken (x) Erstes Beiheft: Protokoll der philosophischen Konferenz über Fragen der Logik in Jena, November 1951 2. Heft (1) Ernst Bloch, Marx-Aufsatz (zum Marx-Jahr) (xxx) (2) Wolfgang Harich, Marx-Aufsatz (zum Marx-Jahr) (xx) (3) Georg Lukács, Schopenhauer (x) oder Kierkegaard (x) 85 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, als Anhang zum Brief vom 13. Dezember 1952.  200 Teil I (4) Arthur Baumgarten, Aufsatz über rechtsphilosophische Fragen (xxx) (5) Karl Schröter, Abrechnung mit dem Positivismus in der mathematischen Logik (xxx) (6) Georg Klaus, Die philosophische Bedeutung der mathematischen Entdeckungen von Gauß (x) (7) Auguste Cornu, Bergsonismus und Existenzialismus (x) (8) Wolfgang Heise, Kritik der Studienpläne für Philosophie der DDR (xx) (9) Sparte Übersetzungen: • Sowjetischer Beitrag über Dialektik im Kapital von Marx (x) • Französischer oder englischer Beitrag zum Marx-Jahr (10) Sparte Diskussionen: • Veröffentlichung von Stellungnahmen zu den Logik-Aufsätzen von Ernst Hoffmann und Wolfgang Harich (x) (xx) (xxx) • Stellungnahmen zu dem Buch von Victor Stern Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik (xx) (xxx) (11) Sparte Referate und Rezensionen: • Georg Lukács, Ernst Bloch: Subjekt-Objekt (xx) • Walter Besenbruch, Georg Lukács: Existenzialismus oder Marxismus? (xx) • Wolfgang Schubardt, Auguste Cornu: Karl Marx und die Entwicklung des modernen Denkens (xx) • Kosing, Referat über sowjetisches Buch (xx) 3. Heft (1) Fred Oelßner, Marx-Aufsatz (zum Marx-Jahr) (x) (2) Auguste Cornu, Marx-Aufsatz (zum Marx-Jahr) (xxx) (3) Ernst Bloch, Über Probleme der aristotelischen Poetik (xxx) (4) Georg Lukács, Vorabdruck aus den Beiträge zur Geschichte der Ästhetik (xx) (5) Walter Markov, Abrechnung mit der Geschichtsphilosophie Arnold Toynbees (xxx) (6) Wolfgang Harich, Die Anthropologie von Gehlen (xxx) (7) Rugard Gropp, Ruges Stellung in der Philosophie des Junghegelianismus (x) (8) Otto Singer, Neue Probleme der Kosmogonie (xxx) (9) Erhard Albrecht, Die Bedeutung der Arbeit J. W. Stalins über Sprachwissenschaft für die Erkenntnistheorie (x) (10) Erkes, Zur Kritik der Darstellung der chinesischen Philosophie in Deutschland (xx) (11) Sparte Übersetzungen: • Sowjetischer Beitrag zum Marx-Jahr • Weiterer ausländischer Beitrag zum Marx-Jahr 201Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (12) Sparte Diskussionen: • Fortsetzung der Logik-Diskussion • Fortsetzung der Diskussion über das Buch von Victor Stern • Stellungnahmen zu dem Artikel von Wolfgang Heise in Heft 3 (13) Sparte Referate und Rezensionen: • ?, Referat über neues sowjetisches Buch • Wolfgang Harich, Georg Lukács: Der junge Hegel (xxx) • ?, Ernst Bloch: Die Hoffnung, I 4. Heft (1) ?, Weiterer Aufsatz zum Marx-Jahr (2) Scholz, Herder und die nationale Frage (zum 150. Todestag Herders) (x) (3) Wolfgang Harich, Aufsatz über die philosophische Bedeutung von Herders Arbeiten über die Sprache (zum 150. Todestag Herders) (xx) (4) Georg Lukács, Vorabdruck aus Der junge Hegel (xx) (5) Ernst Bloch, Vorabdruck aus Die Hoffnung, II (x) (6) Franz Krahl, Abrechnung mit dem Malthusianismus (xxx) (7) Paul F. Linke, Aufsatz über die Leistungen Bolzanos und Freges für die Entwicklung der Logik (xx) (8) Walter Besenbruch, Stalins Lehre von der Objektivität der Gesetze in Natur und Gesellschaft (xx) (9) Ruben, Kritik der Darstellung der indischen Philosophie in Deutschland (xx) (10) Klaus Schrickel, Über den Studienplan für Geschichte der Philosophie (xx) (11) Sparte Übersetzungen: • Sowjetischer Beitrag • Weiterer ausländischer Beitrag (12) Sparte Diskussionen: • Beendigung der Logik-Debatte • Weiterführung der Debatte über philosophische Fragen der Physik, unter Einbeziehung weiterer Neuerscheinungen (Fogarasi?) • Weiterführung der Studienplan-Diskussion (13) Sparte Referate und Rezensionen: ? 202 Teil I 5. Heft (1) Sparte Hauptbeiträge: • ?, Artikel über Fragen des historischen Materialismus • ?, Artikel über Fragen der Ethik • Ernst Bloch, Aufsatz über Kant im Zusammenhang mit dem 150. Todestag von Kant (xxx) • Georg Lukács, Vorabdruck aus dem neuen Buch über Ästhetik (?, xx) • Otto Winzer, Geschichte der Verfälschung des Marxismus durch die Rechtssozialisten • Wolfgang Harich, Über die Ontologie Nicolai Hartmanns (xxx) (2) Sparte Diskussionen: • Beendigung der Diskussion über philosophische Fragen der Physik • Beendigung der Studienplan-Diskussion (3) Sparte Rezensionen: • Wolfgang Harich, Georg Lukács: Zerstörung der Vernunft, (xxx) Der russische Realismus in der Weltliteratur. Entwurf Gutachten86 (1952) Die dritte Auflage dieser Essays von Georg Lukács überschreitet weitaus den Rahmen der beiden ersten, ja, es handelt sich um ein völlig neues Buch, das für die gesamte Situation unserer Literaturkritik, Literaturgeschichte, der literarischen Diskussion, der Bemühungen um den Realismus von entscheidender Bedeutung sein wird. Der Band gliedert sich in die zwei Teile Der kritische Realismus und Der sozialistische Realismus. Der kritische Realismus umfasst alle Essays der alten Ausgabe (mit Ausnahme der zwei Arbeiten über Gorki), hinzu kommen Artikel über Puschkin (Puschkins Platz in der Weltliteratur, Boris Godunow), und eine sehr ausführliche Arbeit über Tschernyschewskis Roman Was tun?, so dass jetzt der Bogen gespannt ist von Puschkin über die revolutionären Demokraten bis Dostojewski und Tolstoi, dieser Teil also die wichtigsten Etappen der russischen Klassik des 19. Jahrhunderts behandelt. 86 (AH) Entwurf, zwei Blatt, maschinenschriftlich, undatiert. Die dritte Auflage von Der russische Realismus in der Weltliteratur erschien 1952 als 3. erweiterte und neubearbeitete Auflage mit einem Umfang von 541 Seiten. Das Buch wurde unter anderem auf dem III. Schriftstellerkongress allen Teilnehmern überreicht. 203Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 [Neu sind die Arbeiten über Werke der Sowjetliteratur. Während sich Lukács in den bereits fertigen Bänden auf den deutschen und französischen kritisch-bürgerlichen Realismus beschränkte,]87 führt er im zweiten Teil – besonders [im Hinblick auf die großen Traditionen der russischen Literatur und] unter Berücksichtigung der engen Verbindungen zwischen russischer Klassik und Sowjetliteratur – seine Betrachtungen weiter bis auf bedeutende sowjetische Werke unserer Tage. Dieser Teil des Bandes ist [in mehrfacher Hinsicht] vor allem auch von großer aktueller Bedeutung: Erstens betont Lukács sehr scharf, dass heute jede Literaturkritik, besonders wenn sie sich mit zeitgenössischen Arbeiten befasst, ohne Beschäftigung mit der Sowjetliteratur zur Unfruchtbarkeit verurteilt ist. Lukács revidiert damit auch seine eigenen alten Anschauungen, die Anlass zu großen Diskussionen waren und auch bei uns einen gewissen Einfluss hatten und auch noch haben. Zweitens liegen mit diesen Essays bei uns erstmalig große, eingehende und genaue Untersuchungen über einzelne Werke der sowjetischen Belletristik und über komplexe Fragen und Probleme des Ideengehalts der Ästhetik usw. in der Sowjetliteratur vor. Der zweite Teil hat zum Inhalt: Arbeiten über Gorki, über die Periode des Bürgerkriegs (Fadejew, Wirta, Scholochows Der Stille Don), das Werden des neuen Menschen (Makarenko, Platanow, Scholochows Neuland), den Großen Vaterländischen Krieg (Beck, Kasakewitsch). Brief an Georg Lukács88 (10. Februar 1953) Lieber, sehr verehrter Genosse Lukács! In Beantwortung Ihres Schreibens vom 22. Januar 195389 teile ich Ihnen mit: 87 (AH) Die in eckige Klammern gesetzten Passagen hatte Harich handschriftlich auf dem Manuskript getilgt. 88 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 10. Februar 1953.  89 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 22. Januar 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. In dem kurzen Brief ging es a) um Fragen bezüglich der Kooperation mit Oprecht und b) die Aufsatz-Verteilung: »Bei der Verteilung meiner Artikel aus Beiträge zur Ästhetik ist ein Missverständnis passiert. Den Aufsatz über die Marxsche Ästhetik hat Sinn und Form erhalten statt Aufbau. Da Sinn und Form verabredungsgemäß auch die 204 Teil I 1) Für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie musste ich bei unserem ZK den Publikationsplan für das Jahr 1953 einreichen, das von der Partei zum Karl-Marx-Jahr (wegen des 70. Todes- und des 135. Geburtstages) erklärt wurde. Daraufhin wurde seitens des ZK in sehr dringlicher Form gefragt, ob nicht eine Arbeit von Lukács für die philosophische Zeitschrift verfügbar sei, die, in Deutschland noch nicht erschienen, sich für das Marx-Jahr eigne. Ich habe daraufhin Ihren Aufsatz Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer genannt und wurde beauftragt, bei Ihnen anzufragen, ob Sie diesen Aufsatz im Vorabdruck für das 3. oder 4. Heft der philosophischen Zeitschrift zur Verfügung stellen würden. Auch die anderen Herausgeber der Zeitschrift, Gen. Baumgarten und Ernst Bloch, baten mich, dies zu tun. Inzwischen hat aber der Aufbau-Verlag (Gen. Wendt, Gen. Janka) den Plan gefasst, zum Marx-Jahr eine erste deutsche Ausgabe von Marx’ Exzerpten aus Vischers Ästhetik mit Ihrem Essay als Einleitung herauszubringen, und zwar noch vor der Drucklegung der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik. Ich hatte die Absicht, Ihnen dies zu schreiben, sobald eine Nachricht unseres Marx-Engels-Lenin-Instituts vorliegt, das sich dazu äußern soll, ob die Marxschen Vischer-Exzerpte für uns verfügbar sind. Ebenfalls war es angesichts dieser Pläne nicht möglich, an Sinn und Form den Aufsatz Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer zum Vorabdruck zu übergeben. Davon abgesehen, erklärte Gen. Huchel auch, dass der Aufsatz über Marx und Vischer für Sinn und Form zu umfangreich wäre, und dass er stattdessen den Aufsatz über die Ästhetik von Marx und Engels bevorzugen würde, den ich ihm dann auch überließ, ohne zu wissen, dass Sie ihn bereits dem Aufbau versprochen hatten. Ich muss mich entschuldigen dafür, dass ich Sie davon nicht rechtzeitig in Kenntnis gesetzt habe. Aber gerade, als das Malheur schon geschehen war, erkrankte ich und konnte vorübergehend nicht einmal Briefe schreiben. Inzwischen wird das Heft 1, 1953, von Sinn und Form mit Ihrem Aufsatz über die Ästhetik von Marx und Engels bereits gedruckt. Die Sache lässt sich also schlechterdings nicht mehr rückgängig machen. 2) Ich schlage nun folgende Verteilung der Vorabdruck Ihrer Aufsätze an die hiesigen Zeitschriften vor: (a) Sinn und Form: • Heft 1: Über die Ästhetik von Marx und Engels; • Späteres Heft: Über die Ästhetik von Tschernyschewski. (b) Deutsche Zeitschrift für Philosophie: • Heft 1: Schellings Irrationalismus; Aufsätze über Marx und Vischer und Tschernyschewski erhielt, bitte ich Sie, das Manuskript über Marx’ Ästhetik an Bodo Uhse zu vergeben.« 205Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 • Heft 2: Kierkegaard; • Heft 3: Entweder Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer oder, falls dieser Aufsatz als Einleitung zur deutschen Ausgabe der Marxschen Vischer-Exzerpte verwandt wird, die Ästhetik Schillers; • Heft 4: Entweder Vorabdruck des Kapitels über die Hegelsche Phänomenologie aus dem Jungen Hegel oder Fortsetzung der Ästhetik Schillers (dies letztere, falls in Heft 3 Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer erscheint). Ich möchte zu diesem Vorschlag bemerken, dass die Deutsche Zeitschrift für Philosophie die Hilfe, durch umfangreiche Lukács-Essays ein Profil zu bekommen, am nötigsten hat, weil sie die jüngste unter den in Frage kommenden Zeitschriften und noch ziemlich schwach auf den Beinen ist. Außerdem sind die Bücher, die von Ihnen in diesem Jahr im Aufbau-Verlag erscheinen werden, Werke vorwiegend philosophischen Inhalts, denn auch die Ästhetik ist Disziplin der Philosophie. Ich muss Sie also um Verständnis dafür bitten, dass ich meinen Doppelberuf als Lektor des Aufbau-Verlages und Mitherausgeber der philosophischen Zeitschrift in diesem Sinne schamlos ausnutze. 3) Von Oprecht erhielten wir ebenfalls eine Absage. Es ist leider ganz unmöglich, dass wir die Lizenz-Ausgabe in Westmark oder Schweizer Franken bezahlen. Wir können lediglich einen anständigen Ostmark-Betrag auf ein einzurichtendes Konto überweisen. Da der Junge Hegel für uns unentbehrlich ist, werden wir – so jedenfalls hat Gen. Janka entschieden – das Buch auch ohne Oprechts Einwilligung herausbringen und ein Konto für Oprecht einrichten, auf das die gesetzmäßig zulässige Lizenzgebühr in DM- Ost eingezahlt wird. Anders geht es wohl nicht. Und die Schweiz wird wohl, wenn überhaupt, so nicht deswegen mit der DDR einen Krieg anfangen. Von Ihnen brauchen wir ein Einverständnis, das Sie nicht schriftlich zu geben brauchen, das Sie sogar, falls nötig, öffentlich verleugnen können, das Sie aber wenigstens, wenn auch insgeheim, im Herzen haben sollen. 4) Ich warte sehr auf das Nachwort zur Zerstörung der Vernunft. Sobald es vorliegt, kann das ganze Manuskript in Satz gegeben werden. 5) In den nächsten Tagen werde ich Ihnen eine Liste mit stilistischen Änderungen zuschicken, die ich für die Zerstörung der Vernunft vorschlage. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr 206 Teil I * * * * * (AH) Lukács antwortete am 18. Februar.90 Er verwies darauf, dass er sehr alte und gute Beziehungen sowohl zur Zeitschrift Aufbau als auch zu Bodo Uhse persönlich habe. Uhse sei von ihm ein anderer älterer Beitrag angeboten worden. Anschließend teilte er Harich mit, dass er in seinem Archiv ein Manuskript über die philosophische Entwicklung des jungen Marx gefunden habe, 30 Seiten lang, das freilich, da 1942 für ein Handbuch geschrieben, etwas trocken sei. Der Verwendung seines Vischer-Aufsatzes stimmte er zu, »wenn die Partei die Vischer-Exzerpte von Marx drucken will«. Allen weiteren Vorschlägen von Harich pflichtete er ebenfalls bei. Zudem konnte er vermelden, dass er das Nachwort zur Zerstörung der Vernunft vor einer Woche abgeschickt habe. Brief an Günter Caspar, Redaktion des Aufbau91 (11. Februar 1953) Lieber Günter Caspar! Ich erhielt soeben Dein Schreiben vom 9. Februar 1953. Da ich heute nicht in den Verlag kommen kann, andererseits aber möchte, dass der ganze Vorgang schriftlich festgehalten wird, teile ich Dir auf diesem Wege (Diktat durchs Telefon) folgendes mit: 1) Ich hatte zuerst den Essay Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer der Zeitschrift Sinn und Form zum Vorabdruck in Aussicht gestellt. Als dies geschehen war, musste ich der Abteilung Wissenschaft und Hochschulen beim ZK der SED (Hager und Eckert) einen Publikationsplan der philosophischen Zeitschrift für 1953 einreichen. Es wurde dann vom ZK der Wunsch ausgesprochen, noch stärker, als vorgesehen, in der philosophischen Zeitschrift das Marx-Jahr zu berücksichtigen. Besonders eindringlich wurde gefragt, ob nicht ein zum Marx-Jahr passender Aufsatz philosophischen Inhalts von Lukács verfügbar sei. Als ich erklärte, dass ich einen solchen Aufsatz in meiner Eigenschaft als Lektor des Aufbau-Verlages bereits für Sinn und Form in Aussicht gestellt hatte, wurde mir der Auftrag erteilt, unter allen Umständen zu versuchen, diesen Aufsatz für die philosophische Zeitschrift zum Vorabdruck zu sichern. Derselbe Auftrag wurde mir dann nach Rücksprache auch von den anderen Herausgebern, Prof. Baumgarten, Prof. Bloch und Prof. Schröter, sowie von unserem zur Zeit erkrankten Redaktionssekretär Schrickel erteilt. Ich hatte nun die Absicht, den Marx-Vischer-Aufsatz von Sinn und Form loszueisen, ihn im 3. Heft unserer Zeitschrift zu veröffentlichen 90 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 18. Februar 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 91 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 11. Februar 1953.  207Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 und Huchel dafür den Aufsatz von Lukács über die ästhetischen Schriften von Marx und Engels als Ausgleich zur Verfügung zu stellen. Selbstverständlich wollte ich den ganzen Plan Lukács mitteilen. Ein Brief von Lukács, in dem der Wunsch ausgesprochen wurde, den Aufsatz über die ästhetischen Schriften von Marx und Engels Euch zu geben, lag zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor. 2) Unmittelbar nach diesem Vorgang bestellte mich Gen. Janka zu sich, um mit mir zu besprechen, ob wir im Laufe des Produktionsjahres 1953 im Verlag nicht noch diese oder jene Publikation zum Marx-Jahr herausgeben könnten. Dabei kam auch die Rede auf den Essay von Lukács über Marx und Vischer. Nach telefonischer Rücksprache mit Erich Wendt beschlossen wir, Janka und ich, die Herausgabe der seinerzeit in der Sowjetunion erschienenen Exzerpte von Marx aus Fr. Th. Vischers Ästhetik, zusammen mit Lukács’ Essay als Einleitung, vorausgesetzt, dass das Marx-Engels-Lenin-In stitut damit einverstanden und der Text der Vischer-Exzerpte von Marx noch im Verlaufe des Jahres 1953 zu beschaffen sei. Bei dieser Besprechung lag der Brief von Lukács, in welchem er die Vergabe des Aufsatzes über die Ästhetik von Marx und Engels an Euch wünscht, ebenfalls noch nicht vor. 3) Eine Vergebung des Aufsatzes Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer an Sinn und Form kam unter diesen Umständen überhaupt nicht mehr in Frage. Es war klar, dass in erster Linie versucht werden musste, die Ausgabe der Vischer-Exzerpte von Marx mit Lukács’ Essay als Einleitung im Aufbau-Verlag zu ermöglichen, und in zweiter Linie, falls sich dies als unmöglich erweisen sollte, den Aufsatz über Marx und Vischer in die philosophische Zeitschrift zu übernehmen. Da nun Huchel unbedingt für das erste Heft von Sinn und Form, Jahrgang 1953, einen Lukács-Aufsatz zum Vorabdruck haben wollte und mir erklärte, dass dies auch der Wille von Becher sei, habe ich ihm als Ersatz für den in Aussicht gestellten Aufsatz über Marx und Vischer den Aufsatz von Lukács über die Ästhetik von Marx und Engels zum Vorabdruck gegeben. Dies geschah telefonisch. Da ich ihm nicht den ganzen komplizierten Fall in allen Einzelheiten auseinandersetzen wollte, beschränkte ich mich darauf, ihm zu sagen, dass die Abteilung Wissenschaft und Hochschulen beim ZK den Abdruck des Vischer-Aufsatzes in Heft 3 der philosophischen Zeitschrift wünsche. Auch zu diesem Zeitpunkt lag der Brief von Lukács mit der Bitte, den Aufsatz über die ästhetischen Anschauungen von Marx und Engels Euch zu übergeben, noch nicht vor. Dass Ihr auf einen Vorabdruck aus Lukács’ Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik reflektiert, wusste ich überhaupt noch nicht. 208 Teil I 4) Der Brief von Lukács, auf den Du Dich in Deinem Schreiben beziehst, traf erst nach diesen Vorgängen ein, und zwar zu einem Zeitpunkt, als ich krank, mit Grippe und hohem Fieber, zu Bett lag. Im unmittelbaren Anschluss an diese Krankheit musste ich einen Tag lang mehrere Vorlesungen in der Universität halten und dann für mehrere Tage dienstlich nach Leipzig fahren. Ich kam also nicht mehr dazu, mich mit Euch in Verbindung zu setzen und Lukács sofort zu antworten. Als ich aus Leipzig zurückkam, erfuhr ich, dass der Aufbau bereits im laufenden Heft den Aufsatz von Lukács über die ästhetischen Anschauungen von Marx und Engels zu veröffentlichen beabsichtige, was ich bis dahin nicht wusste. Ebenfalls unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Leipzig erhielt ich einen Anruf von Huchel, in dem er mir mitteilte, dass die Redaktion des Aufbau den Aufsatz von Lukács von ihm zurückverlange, was aber nicht zu machen sei, da sich das entsprechende Heft von Sinn und Form schon im Druck befinde. Gleichzeitig erhielt ich den zweiten Brief von Lukács, in dem ich aufgefordert wurde, den Irrtum wieder rückgängig zu machen. Dieser Brief wurde mir erst vorgestern vorgelegt und ich habe ihn gestern beantwortet. 5) Mir tut es sehr leid, dass die Redaktion des Aufbau durch diese Verwicklung der Dinge in Verlegenheit geraten ist. Zu der Zeit, als ich die erwähnte Besprechung mit Gen. Janka hatte, die den letzten Anstoß dazu gab, der Zeitschrift Sinn und Form einen anderen Lukács-Aufsatz als den ursprünglich in Aussicht genommenen zur Verfügung zu stellen, konnte ich aber wirklich noch nicht wissen, dass Ihr auf diesen anderen Aufsatz reflektiert, und dass er Euch von Lukács versprochen worden war. Andererseits muss ich aber sagen, dass, rein thematisch gesehen, die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, die als jüngste der überhaupt in Frage kommenden Zeitschriften im übrigen besonders hilfsbedürftig ist, einen vordringlichen Anspruch auf Vorabdrucke aus den in Vorbereitung befindlichen Werken Zerstörung der Vernunft und Beiträge zur Geschichte der Ästhetik beanspruchen darf, da es sich hierbei um Bücher handelt, die fast ausschließlich philosophischen Inhalts sind. Davon abgesehen, wundert es mich, dass Huchel erklärt, er hätte den Aufsatz über die ästhetischen Schriften von Marx und Engels gar nicht nehmen wollen. Zu mir hat er sich anders geäußert, als ich ihm diesen Aufsatz anbot, nämlich: Der Aufsatz über Marx und Vischer sei für Sinn und Form ohnehin viel zu lang (er umfasst über 100 Schreibmaschinenseiten), und er, Huchel, sei sehr froh darüber, statt dessen den kürzeren und auch thematisch mehr zu Sinn und Form passenden, den verhältnismäßig weniger philosophischen Aufsatz über die ästhetischen Anschauungen von Marx und Engels zu bekommen. 209Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Bei allem muss ich zugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe, als ich mich nicht sofort nach Empfang des ersten Lukács-Briefes mit Euch in Verbindung setzte. Aber, wie gesagt, ich war zu diesem Zeitpunkt krank und wusste auch nicht, dass die Angelegenheit so dringlich sei, hielt es also für vertretbar, ein wenig später an Euch heranzutreten. Mit besten Grüßen Dein Brief an Georg Lukács92 (25. Februar 1953) Lieber Genosse Lukács! Ich habe heute Ihr Nachwort zur Zerstörung der Vernunft erhalten. In der Anlage überreiche ich Ihnen nun die erste Sendung der Korrektur-Vorschläge. Ich bitte Sie, hierbei zweierlei zu beachten: 1) Die Begründung der Änderungsvorschläge ist immer so kurz wie möglich gehalten, wodurch vielleicht die eine oder andere Formulierung etwas schroff wirkt; das ist aber nicht so gemeint. 2) Es handelt sich hier wirklich nur um Vorschläge. Am Besten wird es sein, wenn Sie die Änderungen, die Sie nicht wünschen, einfach in der Liste durchstreichen. Im Wesentlichen geht es um stilistische Änderungsvorschläge, an einigen Stellen aber auch um Verschärfungen, Präzisierungen, historische Konkretisierung usw., von denen ich glaube, dass sie dem Buche dienlich sind. Dazu kommen einige weitere Änderungsvorschläge, die ich aus Erfahrung mit sektiererischer Kritik deshalb von vornherein für angebracht halte, um den betreffenden Leuten nicht Anlässe zu bieten, an denen sie einhaken können. (Ich nenne als Beispiel die Tatsache, dass Sie einmal den Utopischen Sozialismus als Gesamtwissenschaft von der Gesellschaft bezeichnen. Hier wäre, glaube ich, besser zu sagen: Eine das gesamte gesellschaftliche Leben umfassende Lehre.) Sie erhalten zuerst die Korrekturvorschläge zum Vorwort, zur Einleitung, zum Nietzsche-Kapitel, zur Lebensphilosophie, zum Neuhegelianismus, zur deutschen Soziologie. Die Listen zu den noch fehlenden Abschnitten werden zur Zeit abgeschrieben. Für die Kapitel über Schelling und Kierkegaard empfehle ich die Durchsicht der Vorabdrucke in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Die Fahnen dieser Vorabdrucke werde ich Ihnen zusenden. Es handelt sich bei den dort vorgenommenen Verbesserungen fast nur 92 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 25. Februar 1953.  210 Teil I um solche stilistischer Art, sowie darum, dass die für die Zeitschrift gestrichenen Verweise auf andere Kapitel des Buches in der Buchfassung wieder eingefügt werden müssen, eine Arbeit, die ich aber selber vornehmen werde. Ich schlage Ihnen nun vor, dass die Zerstörung der Vernunft sukzessive in Satz gegeben wird, und zwar kapitelweise jeweils dann, wenn Ihre Stellungnahme zu den Änderungsvorschlägen hier vorliegt und Ihre dabei geäußerten Wünsche ins Manuskript eingetragen worden sind. Das etwas komplizierte Verfahren ist dadurch notwendig geworden, dass unser Verlag strengste Anweisung hat, es mit dem Sparsamkeitsregime sehr ernst zu nehmen. Auf Grund dessen müssen die Manuskripte in einer Form in Satz gegeben werden, die die Notwendigkeit von Autor-Korrekturen in den Fahnen auf ein Minimum reduziert. Wie Sie an den Änderungsvorschlägen sehen werden, habe ich das Buch sehr gründlich durchgearbeitet. Ich bin der festen Überzeugung, dass es zum Wichtigsten gehört, was im letzten halben Jahrhundert in Deutschland über philosophische Fragen geschrieben worden ist. In der nächsten Woche werde ich Ihnen nun aber noch einen Brief schreiben mit einigen Fragen, die mir selbst etwas unklar geblieben sind. Vielleicht erhalten Sie dadurch auch noch die eine oder andere Anregung, hier oder dort durch einen kleinen, einzufügenden Absatz von ein paar Worten oder Sätzen zur Klarheit bestimmter Fragen beizutragen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr sehr ergebener Stellungnahme zu Georg Mendes Rezension über Georg Lukács’ Existenzialismus93 (16. Februar 1953) Lieber Genosse Uhse! In der Anlage reiche ich die Arbeit von Mende zurück. Ich finde sie nach wie vor schlecht. Der Anarchismus weist zwar sachlich gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Existenzialismus auf, ist aber in sehr wesentlicher Hinsicht etwas ganz anderes. Eine nachweisbare Anknüpfung des Existenzialismus an Stirner besteht nicht. Über die 93 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 16. Februar 1953. Adressiert: An die Redaktion des Aufbau, im Hause. 211Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Entstehung des Existenzialismus in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ist sich Lukács natürlich vollkommen im Klaren. Das hat er mit seinem gro- ßen Essay über Kierkegaard, den Mende nicht kennt und der nicht in den Zusammenhang der Abrechnung mit dem französischen Existenzialismus kommt, bewiesen. In diesem Zusammenhang werden auch der wesentliche Unterschied und die partiellen Gemeinsamkeiten von Kierkegaard und Stirner ausführlich dargelegt. Da es nun abwegig ist, Lukács vorzuwerfen, er habe in seinem Buch den Anarchismus nicht behandelt, ist es auch abwegig, ihm daraus einen Strick zu drehen, dass er nicht auf die Polemik des jungen Stalin gegen den Anarchismus eingegangen sei. Man kann bekanntlich nicht bei jeder Gelegenheit auf alles eingehen. Im übrigen finde ich die Rezension des Buches, das zu den wertvollsten Kampfschriften gegen die bürgerliche Ideologie gehört, die in den vergangenen Jahren von uns herausgebracht wurden, im Ton nicht akzeptabel. In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie würde ich es ablehnen, diese Rezension zu veröffentlichen. Ich bitte um Verzeihung, dass ich erst so spät auf Euer Schreiben antworte, aber ich war inzwischen krank, dann auf einer Dienstreise in Leipzig und habe seit meiner Rückkehr von dort alle Hände voll zu tun. Mit den herzlichsten Grüßen Dein Mende zum Existenzialismus, 1956 212 Teil I Brief an Georg Lukács94 (04. März 1953) Lieber Genosse Lukács! Ich möchte Ihnen, wie ich es in meinem letzten Schreiben bereits ankündigte, noch einige Fragen stellen, die sich auf die Zerstörung der Vernunft beziehen. 1) Aus Ihrem Nachwort geht sehr klar hervor, dass die direkte Apologie, d. h. die liberale, »freiheitliche«, »demokratische« Phrasendrescherei, in der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg die Ideologie und Propaganda unserer Feinde ist. Bei aller Richtigkeit dessen, was Sie in den vorhergehenden Kapiteln über die Tendenz indirekter Apologie und vor allem über die Tendenz der reaktionären Kritik an den westlichen Demokratien in den präfaschistischen Strömungen schreiben, scheint es mir nun angesichts der gegenwärtigen Situation gut zu sein, auf einige berechtigte Momente etwas stärker hinzuweisen, die ganz zweifellos in der echten Kritik an der westlichen Demokratie, wie sie in Deutschland geübt wurde, trotz allen extrem-falschen Konsequenzen, die daraus gezogen wurden, vorhanden waren. Dieser Hinweis bezieht sich vor allem auf die Einleitung, namentlich auf Seite 36 derselben. Die berechtigten Momente könnten zum Beispiel – dies wäre ein Vorschlag – illustriert werden am Beispiel der Betrachtungen eines Unpolitischen von Thomas Mann, die sich ja auf dieser Linie der Kritik von rechts an der westlichen Demokratie bewegen. Thomas Mann ist, wie mir scheint, gerade weil er die Entwicklungsphase der Betrachtungen mit einer so ehrlichen Leidenschaft durchlebte, zum großen Vorteil seiner weiteren Entwicklung stets davor bewahrt geblieben, auf liberale Phrasen, wenigstens als Gestalter, hereinzufallen. Daher die großartige Ironie, mit der Herr Settembrini im Zauberberg, der Mann aus Rom in Mario und der Zauberer und auch Serenus Zeitblom im Doktor Faustus gezeichnet sind. Das ist doch etwas unbedingt Positives. Natürlich soll die scharfe Entlarvung der rechten Kritik an der westlichen Demokratie, die Entlarvung ihrer Rolle in der ideologischen Vorbereitung des Faschismus, in keiner Weise abgeschwächt werden. Ihre Argumentation wird jedoch sachlich viel stärker und gleichzeitig zeitgemäßer im Hinblick auf die Situation nach 1945, wenn Sie die berechtigten Momente, vielleicht in ein paar einzuschaltenden Sätzen, vielleicht am Beispiel der Entwicklung Thomas Manns, stärker hervorheben, als es im vorliegenden Manuskript der Fall ist. 94 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 04. März 1953.  213Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 2) Kritisch stehe ich gewissen Stellen der Einleitung gegenüber, in denen Sie meines Erachtens dem Kampf der werktätigen Massen gegen den Imperialismus in Deutschland nicht ganz gerecht werden. Meine Kritik bezieht sich zunächst auf Seite 43/44 der Einleitung, wo Sie schreiben, dass der offen und streng obrigkeitliche Charakter der alten Form der Reaktion, solange die Herrschaft der Hohenzollern unerschüttert war oder wenigstens zu sein schien, die Majorität der Bevölkerung in der Stimmung einer begeisterten Loyalität festhalten konnte. Das ist unbedingt richtig für die Massen des Kleinbürgertums und für gewisse Teile der Arbeiteraristokratie, und wenn man das Wort »Majorität« streng statistisch versteht, so stimmt es sicher. Aber da ist die vor dem Ersten Weltkrieg zunehmende Zahl sozialdemokratischer Wählerstimmen, die Tatsache, dass, den letzten Wahlergebnissen vor dem Ersten Weltkrieg entsprechend, doch etwa ein Drittel des deutschen Volkes – und zwar dasjenige Drittel, auf das es qualitativ ankommt – bereit war, den Losungen des sozialdemokratischen Parteivorstandes angesichts der Beschlüsse von Basel, Kopenhagen und Stuttgart zu folgen und dann von der Führung der Sozialdemokratie buchstäblich über Nacht mit der Burgfriedenspolitik überrumpelt wurde. (Es gibt eine sozialdemokratische Theorie, die den Verrat von 1914 mit dem Chauvinismus der Massen entschuldigt und dies verschleiert.) In diesem Zusammenhang möchte ich gleichzeitig auch darauf hinweisen, dass Ihre Ausführungen über die Verführbarkeit nun auch der Arbeiterklasse in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, über ihre zunehmende Neigung, nun ebenfalls auf den Irrationalismus hereinzufallen, mir etwas zu stark dosiert zu sein scheinen. Was Sie über die Pseudo-Vernünftigkeit der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Politik schreiben, die durch die Krise jäh ad absurdum geführt wurde, wodurch die irrationalistischen Strömungen auch in den Massen einen Auftrieb erhielten, ist natürlich im Allgemeinen richtig. Wenn man jedoch die Wählerstimmen in dieser Zeit betrachtet, so stellt man fest: 1) Die Nazis aktivierten die bisherigen Nicht-Wähler und übernahmen die Wähler der bürgerlichen Mittelparteien, wurden also von ratlosen Kleinbürgermassen gewählt. 2) Die Stimmenzahl von Sozialdemokraten und Kommunisten zusammen bleibt fast gleich. 3) Die für die kommunistische Partei abgegebenen Stimmen vermehren sich beträchtlich auf Kosten der Sozialdemokratie, d. h., dass in der Arbeiterklasse in der Zeit der Krise größere Massen als vorher bereit waren, den richtigen Weg, den der kommunistischen Partei, zu gehen, während beträchtliche andere Teile des Proletariats nach wie vor an der »Vernünftigkeit« der Sozialdemokratie trotz der Krise festhielten. Die Anzahl der Arbeiter, die in der Situation der Krise den Nazis folgten, ist verhältnismäßig verschwindend gering gewesen, und das blieb so bis zu den Wahlen im 214 Teil I Frühjahr 1933. Hitler hat das Klassenbewusstsein des deutschen Proletariats erst nach 1933 brechen können, als er einerseits die Organisationen der Arbeiterklasse, die revolutionären wie die reformistischen und opportunistischen, zerschlug, und andererseits gleichzeitig die Arbeitslosigkeit durch die Kriegsrüstung beseitigte. Mir scheint also, dass an der Stelle, an der Sie vom Eindringen des Irrationalismus ins deutsche Proletariat sprechen, Ihre Ausführungen ein wenig konkretisiert werden müssten. 3) Zum Kapitel über die Lebensphilosophie möchte ich folgende Bemerkung machen: a) Ich würde das Heidegger-Zitat auf Seite 180, damit der Inhalt verständlicher werde, ein klein wenig erweitern, und zwar so, dass es mit den Worten beginnt: »Das Wer ist nicht dieser und nicht jener, nicht man selbst und nicht einige und nicht die Summe aller usw.« Auf diese Weise würde, auch für den philosophisch nicht Gebildeten, ganz klar werden, was die Heideggersche Theorie des »Man« besagen will: Eine Verächtlichmachung jeder Gesellschaftlichkeit.95 b) Ich verstehe nicht ganz, was Sie auf Seite 187 mit der »mechanischen Dualität von Raum und Zeit« im undialektischen Rationalismus meinen. Dass Raum und Zeit nicht ohne einander existieren, ist eine Tatsache. Nichtsdestoweniger sind sie aber von einander qualitativ unterschieden, was die klassische Physik mit Recht hervorhebt (in diesem Punkte ist sie nicht mechanistisch) und was von den positivistischen Einstein-Anhängern zu Unrecht geleugnet wird, wobei es freilich auch Genossen gibt, die diese Leugnung der qualitativen Unterschiedenheit von Raum und Zeit für »dialektisch« halten. Mir scheint, dass diese Relativisten Ihre Bemerkung gegen die »Dualität« von Raum und Zeit für sich ausnutzen könnten. c) Auf Seite 203 würde Ihre Polemik gegen Klages stärker und überzeugender werden, wenn sie zeigte, dass in Klages‘ Kritik an der »Ding«-Vorstellung insofern ein berechtigtes Moment steckt, als »Dinge« realiter in der Tat nur relativ stabile Stadien und Konfigurationen von materiellen Prozessen sind, während unser Bewusstsein es ist, das diese relative Stabilität irriger Weise als absolut auffasst. Selbstverständlich bleibt es völlig richtig, dass bei Klages aus diesem berechtigten Moment nichts Rationelles he- 95 (AH) Diese Position hatte Harich bereits frühzeitig bezogen, worauf die Manuskripte aus seiner Berliner Studienzeit bei Nicolai Hartmann und Eduard Spranger hinweisen: Siehe: Einführung in die Erkenntnistheorie und Erlebnis und Bildung. Prinzipielle Diskussion einer brennenden pädagogischen Gegenwartsfrage. Beide abgedruckt in Bd. 2 (Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie), S. 405–550 und 551–651. 215Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 rausspringt, sondern dass er, im Gegenteil, die Kritik an der »Ding«-Vorstellung nur demagogisch benutzt, um seinen Irrationalismus zu begründen. d) Auf Seite 205 schreiben Sie, dass Klages ein unmittelbarer Vorläufer der so genannten nationalsozialistischen Weltanschauung sei, was deren offizielle Philosophie auch immer dankbar anerkennt. Sie kommen dann auf Vorbehalte der Nazis gegen Klages zu sprechen. Hierbei erwähnen Sie den wichtigsten Grund dieser Vorbehalte nicht: Klages predigte ein Idyllikertum, lehnte Kriege ab – und zwar als Ausgeburten des lebensfeindlichen »Geistes« – und übte unter diesem Gesichtspunkt auch Kritik an der Übermensch-Konzeption Nietzsches. (In seinem Buch Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches.) Die nazistischen Vorbehalte gegen Klages könnten also in dieser Hinsicht noch konkretisiert werden: Die Nazis benutzten seinen extremen Irrationalismus, der ihnen willkommen war, fingen aber genau an dem Punkt an, die Klagessche Verächtlichmachung des Geistes nicht mehr mitzumachen, wo Klages die Kriege als Werke eben dieses »Geistes« ablehnt. Die Propaganda für den Krieg war ihnen also sogar noch wichtiger als die Irratio. e) Eine unkonkrete Formulierung benutzen Sie meiner Meinung nach in Ihrem Kapitel über den Neuhegelianismus. Sie schreiben dort, dass der Marxismus die »Vernünftigkeit« der Geschichte erkenne und anerkenne. Richtiger wäre zu sagen: Er erkennt, dass die Geschichte objektiven Gesetzmäßigkeiten unterliegt und dass diese Gesetzmä- ßigkeiten für die menschliche Vernunft erkennbar sind. Von Sektierern könnte Ihnen diese Ihre Formulierung leicht so ausgelegt werden, als ob Sie den Standpunkt des Marxismus mit Hegelschen idealistischen Kategorien (»Vernunft in der Geschichte«) wiedergäben. Dies ist alles – wenn ich von der schon früher erwähnte Frage »formale und dialektische Logik« absehe – , was mir bei der Lektüre Ihres wunderbaren und so außerordentlich wichtigen Buches an Einwänden gekommen ist. Auch hier, genau wie bei den stilistischen Korrekturen, handelt es sich selbstverständlich nur um Fragen, nur um Vorschläge, die ich nicht misszuverstehen bitte. Insgesamt sind diese Einwände (vielleicht mit Ausnahme der ersten, die sich auf die Beurteilung der deutschen Arbeiterklasse beziehen) nicht so gravierend, als dass das Lektorat des Aufbau-Verlages Ihnen ihre Befolgung empfehlen müsste. Sie können sie, wenn sie Ihnen einleuchten, wenn Sie sie für richtig halten, befolgen, Sie können es aber auch sein lassen. Ich halte es nur für meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, weil mir sehr daran liegt, dass das Buch, in allen 216 Teil I Punkten völlig unanfechtbar eine Freude für alle unsere Genossen und Freunde und ein schwerer Schlag für unsere Feinde wird. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr sehr ergebener * * * * * (AH) Am 10. März96 beantwortete Lukács die Briefe Harichs vom 20. Februar und 4. März. Einige kleinere Auszüge daraus druckt: Pitsch: Briefwechsel, S. 290 f. In dem Brief sowie in einigen weiteren kleineren Telegrammen, Briefen etc. aus den Folgewochen (etwa 28. März, 19. April)97 ging es vorwiegend um Korrekturen zur Zerstörung der Vernunft. Mitteilung zu Georg Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft98 (11. März 1953) Vor ein paar Tagen ist endlich das Nachwort von Georg Lukács zu seinem Werk Zerstörung der Vernunft hier eingetroffen, das die scharfe Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Strömungen der reaktionären bürgerlichen Philosophie, namentlich der Philosophie des amerikanischen Imperialismus, und ihre Auswirkungen auf Deutschland enthält. Ich bin der Ansicht, dass diese Ergänzung des Buches, das sonst nur die Periode bis zum deutschen Faschismus einschließlich behandelt hätte, sehr notwendig war und dem Genossen Lukács auch ausgezeichnet gelungen ist. Das Manuskript des Buches liegt nunmehr vollständig vor. Die Lektüre des übrigen Manuskripts hatte ich bereits einige Wochen vorher abgeschlossen. Mein Urteil ist, kurz zusammengefasst, folgendes: Das Buch Zerstörung der Vernunft ist, nach meiner Ansicht, das reifste und beste Werk, das Lukács überhaupt geschrieben hat. Es handelt sich um eine Abrechnung mit der gesamten irrationalistischen Philosophie von der Periode, die unmittelbar der Französischen Revolution folgte, bis zum deutschen Faschismus und bis zur gegenwärtigen imperialistischen Philosophie, wobei das Schwergewicht auf den reaktionären Strö- 96 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 10. März 1953, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 97 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 18. März 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 19. April 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 98 (AH) Die Mitteilung ist datiert auf den 11. März 1953 und diente der internen Abstimmung innerhalb des Aufbau-Verlages. Adressaten waren u. a. Walter Janka und Erich Wendt. 4 Blatt, maschinenschriftlich. 217Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 mungen der deutschen Philosophie (Schelling, Schopenhauer, Nietzsche, deutsche Lebensphilosophie, Spengler, deutsche Soziologie der imperialistischen Periode, Existenzialismus, Rassentheorie usw.) liegt. Von ausländischen Denkern wird im Hauptteil nur Kierkegaard einer ausführlichen Kritik unterzogen und im Nachwort wird näher auf die Philosophie des amerikanischen Imperialismus eingegangen. Ansonsten werden Vertreter des Irrationalismus in der ausländischen Philosophie (von Pascal bis Bergson usw.) immer nur am Rande behandelt, dabei aber mit kurzen, scharfsinnigen, treffenden Charakteristiken versehen. Diese Verteilung der Gewichte ist meines Erachtens völlig berechtigt, da die deutsche Philosophie die Eigentümlichkeit aufweist, dass sie einerseits den Marxismus hervorgebracht hat, aber auf der anderen Seite gleichzeitig zum Weltlieferanten reaktionärer Ideologie geworden ist. Auch die Beschränkung der ausländischen reaktionären Philosophie des 19. Jahrhunderts auf Kierkegaard, den Stammvater des Existenzialismus, ist meines Erachtens richtig. Lukács stellt dem ganzen Buch eine sehr tiefe und interessante Darstellung der Entwicklung der deutschen Nation, geschrieben im Hinblick auf die zentralen Probleme seines philosophisch-geschichtlichen Themas, voran. Die große Generalabrechnung mit den reaktionären Ideologien der Vergangenheit und Gegenwart, die Lukács gibt, ist von allerhöchster Bedeutung. Sie erfolgt von einem klar marxistischen, kämpferisch-parteilichen Standpunkt und ist gleichzeitig so ausgewogen und differenziert, dass sie einen tiefen Eindruck auf jeden philosophisch Gebildeten, der Ansprüche stellt und auch nur eine Spur von Unbehagen gegenüber der Lage der bürgerlichen Philosophie empfindet, nicht verfehlen kann. Natürlich ist das Buch in der Hauptsache nur auf einen bestimmten Interessentenkreis von Intellektuellen und speziell von philosophisch interessierten Intellektuellen abgestimmt, aber erstens ist dieser Kreis in Deutschland auch quantitativ recht beträchtlich, wenn man bedenkt, welche Popularität z. Bsp. die Lebensphilosophie eines Dilthey oder die Geschichtsphilosophie Spenglers erlangen konnten, und zweitens ist das Buch von Lukács in all den Punkten, in denen es um die zentral bedeutsamen Fragen und deren Zusammenhang mit den philosophischen Strömungen geht, doch in Sprache und Stil so verständlich, dass es durchaus auch noch breitere Kreise erreichen kann. Ich bin der Meinung, dass wir in diesem Fall das Buch nicht nur in einer großen Auflage herausbringen, sondern auch unbedingt Mittel und Wege finden sollten, es nach 218 Teil I Westdeutschland gelangen zu lassen, eventuell sogar durch Überlassung einer Lizenz an einen westdeutschen Verlag, der sich bereit findet, es zu bringen. Es hat gesamtdeutsche Bedeutung, trifft ins Schwarze der aktuellsten ideologischen Fragen der Gegenwart und dürfte nach meiner Einschätzung gerade in Westdeutschland in Kreisen, die einen starken ideologischen Einfluss ausüben, wie eine Sensation wirken und schwankenden, suchenden, unklar aufbegehrenden Köpfen ein gutes Stück weiterhelfen. Ich habe das Manuskript nun in der Weise durchgearbeitet, dass an folgenden Punkten Korrekturen vorgenommen wurden: 1) Verbesserung sprachlicher Unklarheiten, gröbster stilistischer Unschönheiten usw. 2) Verschärfung und Präzisierung von solchen Stellen, die von Sektierern falsch aufgefasst und zu einer aus Missverständnissen zusammengebrauten Kritik führen könnten (ich denke an die Auseinandersetzung, die es im vorigen Sommer über das Existenzialismus-Buch gab). 3) Korrektur einiger Stellen, an denen Lukács, so weit ich es beurteilen kann und nach Prüfung feststellen konnte, gewisse geringfügige Fehler in der Darstellung der Geschichte der Philosophie begeht (falsche Jahreszahlen, gewisse Saloppheiten der Chronologie usw.). Alle diese Korrekturen habe ich in einer Liste zusammenstellen lassen und Lukács als Verbesserungsvorschläge zugeschickt, und zwar so, dass jeder einzelne Vorschlag von mir kurz mit ein paar Zeilen begründet wurde. Ich habe Lukács empfohlen, diejenigen Vorschläge einfach zu streichen, die er nicht akzeptieren zu können glaubt, und zu den anderen Vorschlägen, die er als Verbesserung seiner Arbeit bejaht, seine Zustimmung zu geben. Gleichzeitig habe ich in einem Brief auf ein paar Stellen hingewiesen, die mir schwach erscheinen. Es handelt sich um die folgenden Fragen: 1) In seiner historischen Einleitung und auch an gewissen anderen Stellen des Buches behandelt Lukács die Rolle, die die reaktionär motivierte Kritik an der sogenannten westlichen Demokratie in der ideologischen Vorbereitung des Faschismus spielte. Im Hinblick auf die heutige Situation, in der die Propagierung der westlichen Demokratie und ihrer angeblichen Vorzüge und der damit verbundene Pseudo-Antifaschismus zu den wichtigsten ideologischen Narkotika geworden sind, die die Reaktion verabreicht, scheint es mir notwendig zu sein, an den betreffenden Stellen stärker darauf hinzuweisen, dass es an und für sich ganz berechtigt ist, die westliche Demokratie als bürgerliche 219Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 anzugreifen. Lukács ist in diesem Punkt ein wenig in der Volksfront-Breite stecken geblieben, die in der Polemik gegen den Faschismus notwendig war. Ich habe ihm nun vorgeschlagen, die relativ berechtigten Momente in der rechten Kritik an der westlichen Demokratie, bei aller Falschheit der Konsequenzen, die daraus abgeleitet wurden, etwa am Beispiel von Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen nachzuweisen, um die Akzente ein wenig zeitgemäßer zu setzen. 2) Lukács gibt eine nach meiner Meinung nicht genügend differenzierte Bewertung der Rolle, die die deutsche Arbeiterklasse im Kampf gegen den Imperialismus gespielt hat. Er schreibt z. Bsp. ganz allgemein davon, dass es den Nazis in der Zeit der Weltwirtschaftskrise gelungen sei, die Massen zu betäuben und für sich zu gewinnen, ohne auf die enorme Zunahme kommunistischer Wählerstimmen in derselben Zeit hinzuweisen, und ohne zu zeigen, dass die Wählerstimmen von Kommunismus und Sozialdemokratie zusammengenommen durch das Anwachsen der Nazibewegung bis zu den Frühjahrswahlen von 1933 kaum berührt wurden, dass es also kleinbürgerliche Massen waren, die der Faschismus für sich gewann. Die Narkotisierung des proletarischen Klassenbewusstseins setzte, so weit ich das beurteilen kann, erst nach 1933 durch die Zerschlagung der proletarischen Organisationen einerseits und der »Beseitigung der Arbeitslosigkeit« andererseits ein. 3) Dazu kommen ein paar unwichtige Fragen, z. Bsp. in der Beurteilung der Differenzen zwischen Klages und den Nazis usw., die ich hier nicht näher zu erläutern brauche. Ich schlage nun vor, das Manuskript in Satz zu geben, sobald die Antwort von Lukács auf die oben genannten Hinweise und Korrekturvorschläge vorliegt.99 Brief an Georg Lukács100 (18. März 1953) Lieber Genosse Lukács! Ich danke Ihnen für Ihr Schreiben vom 10. März 1953, das ich gestern erhalten habe. Alle Ihre Wünsche werden in der Weise berücksichtigt werden, dass die vorgeschlagenen 99 (AH) Der Antwortbrief von Lukács traf einige Tage nach Harichs Mitteilung ein. 100 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 18. März 1953. Schroeder und Janka unterschrieben den Brief ebenfalls. Harichs Kritik war also die offizielle Position des Verlages. 220 Teil I Änderungen, die Ihr Brief enthält, in das Manuskript eingetragen und die von mir vorgeschlagenen Korrekturen, die Ihren eigenen Wünschen nicht entsprechen, wieder rückgängig gemacht werden. In diesen Tagen übersende ich Ihnen noch die Liste mit den Korrekturvorschlägen zum Schopenhauer-Abschnitt und zum Abschnitt über die Begründung des Irrationalismus in der Periode zwischen zwei Revolutionen; was den Schelling-Aufsatz betrifft, so werde ich Ihnen das in den nächsten Tagen erscheinende erste Heft der philosophischen Zeitschrift und die entsprechenden 20 Sonderdrucke mit Ihrem Beitrag übersenden. Die Unterteilung des Schelling-Abschnitts in zwei voneinander gesonderte Teile, die in der Zeitschrift aufgegeben wurde, wird wieder hergestellt. Ebenso werde ich alle die Relativsätze, in denen Sie sich auf andere Kapitel des Buches beziehen, und die im Zeitschriftenabdruck gestrichen wurden, automatisch wieder einfügen. Ihren Wunsch, Ihnen die Fahnen der Zerstörung der Vernunft nicht kleckerweise, sondern in größeren Massen auf einmal zu schicken, werde ich gern berücksichtigen, obwohl dadurch natürlich eine gewisse Verzögerung in der Durchführung der Korrekturen eintreten kann. Aber vielleicht ist das nicht so schlecht wie eine fortlaufende Unterbrechung Ihrer gegenwärtigen Arbeit. Ich halte es für meine Pflicht, Sie bei dieser Gelegenheit aber doch nochmals auf den zweiten Einwand hinzuweisen, den ich in meinem Brief vom 4. März 1953 vorgebracht habe, und den Sie mit dem Hinweis auf viele Jungarbeiter, die Anhänger von Rotfront waren und zu den Nazis übergelaufen seien, zurückgewiesen haben. So, wie Sie diese Frage in dem Kapitel über einige Besonderheiten der deutschen Geschichte behandeln, sieht es so aus, als ob der Nazi-Ideologie, dem ent-mondänisierten, populär gemachten Irrationalismus in den Jahren 1929–1933 ein tiefer Einbruch in die deutsche Arbeiterklasse gelungen wäre. Sie schreiben zum Beispiel: »Dabei stößt man in erster Linie auf eine Verwandlung in der Arbeiterklasse. Es ist auffallend, dass diese gegen die Vernunft gerichtete Tendenz breitere Massen ergreift, auch in der Arbeiterklasse usw.« Oder: »Es gab aber eine verhältnismäßig beträchtliche Masse, besonders unter den jungen, in Folge der verzweifelten Krisenlage von Ungeduld geladenen Arbeitern (…).« Ich halte dies aus den folgenden Gründen für bedenklich: 1) Ihre Darstellung ist nicht richtig oder wenigstens zu wenig differenziert. In der Krise von 1929–1933 setzte eine sehr starke Bewegung großer Teile des deutschen Proletariats zur kommunistischen Partei hin ein – auf Kosten der Sozialdemokratie, derart, dass bei führenden Funktionären der KPD und sogar im EKKI (Komintern, AH) die Vorstellung einer unmittelbar heranreifenden Revolution entstehen konnte. 221Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Das war zwar ein Irrtum, aber einmal gab es wirklich kompakte Tatsachen, die für diese Meinung zu sprechen schienen, und zum anderen wurden die objektiven Möglichkeiten durch die zu spät einsetzende Volksfront-Politik nicht ausgenutzt. Diejenigen Massen des Proletariats, die auch jetzt noch nicht den Weg der kommunistischen Partei zu gehen bereit waren, hielten immerhin am Sozialdemokratismus fest. Das wird klipp und klar durch alle Wahlergebnisse vom Einsetzen der Krise bis zum Frühjahr 1933 bewiesen. Weil es sich so verhielt, konnte Stalin seine berühmte Kennzeichnung des Faschismus als eines Symptoms der Schwäche der Bourgeoisie, die mit den alten parlamentarisch-demokratischen Herrschaftsmethoden nicht mehr auskommt, aussprechen. Erst nach 1933, auf Grund der Kombination von terroristischer Zerschlagung aller Arbeiterorganisationen, der revolutionären und der opportunistischen, mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Kriegsrüstung, wurde das Klassenbewusstsein in erheblichen Teilen des deutschen Proletariats zerbrochen. Der Faschismus hat in der Krisensituation 1929–1933 seine Massenbasis in den ratlos gewordenen Kleinbürgermassen (siehe das Schrumpfen der Nichtwähler und der Wähler der bürgerlichen Mittelparteien) gefunden und ist in dieser Zeit in das deutsche Proletariat nicht eingebrochen. Demgegenüber stellen die Überläufe von Jungarbeitern von Rotfront zu den Nazis (es handelt sich in den meisten Fällen um Rebellionen völlig ungeschulter Halbwüchsiger gegen sozialdemokratische, gar parteilose, aber in einem nebulösen Sinne als »rot« geltende Väter) eine fast überhaupt nicht in Betracht kommende Ausnahmeerscheinung dar, die für das Verhalten der Klasse nicht typisch ist und es jedenfalls nicht erlaubt, in einem Buch, das die Geschichte des Irrationalismus von Pascal bis Hitler behandelt, von einem Einbruch des Irrationalismus in Massen der deutschen Arbeiterklasse zu sprechen. 2) In der gegenwärtigen Situation kann es sich unsere Partei nicht gestatten, die notwendige Abrechnung mit der historischen Fehlentwicklung der deutschen Nation derart zu übertreiben, dass die positiven fortschrittlichen Kräfte und Bewegungen in unserer Vergangenheit verdunkelt oder durch eine undifferenzierte Darstellung bagatellisiert werden. Zu diesen fortschrittlichen Bewegungen gehört unbedingt der Kampf der deutschen Arbeiterklasse in der Zeit der Weimarer Republik bis in die ersten Monate der Hitler-Zeit hinein. Diese Bewegung ist tragisch untergegangen und daher historisch verhältnismäßig wirkungslos geblieben, in erster Linie wegen des Klassenverrats der rechten sozialdemokratischen Führer und dann wegen der nicht rechtzeitig genug einsetzenden breiten antifaschistisch-demokratischen Volksfront-Politik der kommunistischen Internationale. (Hinzu kommen noch solche Dinge wie die katastro- 222 Teil I phale Politik von Leuten wie Heinz Neumann usw., die später als Feinde entlarvt wurden, und die es Thälmann so sehr erschwerten, die richtige, leninistische Politik in der Partei vollständig bis in die letzten Gruppen hinein durchzusetzen.) Wenn man die Bedeutung des Kampfes der deutschen Arbeiterklasse in der Zeit der Weimarer Republik abschwächt, so schädigt man das Traditionsbewusstsein, aus dem wir bei unserem gegenwärtigen Kampf Kraft schöpfen müssen. 3) Das Buch Zerstörung der Vernunft ist speziell für Intellektuelle geschrieben. Bei unseren fortschrittlich gestimmten Intellektuellen, auf die dieses Buch wirken soll, die begierig danach greifen werden und denen es in ihrer Entwicklung einen entscheidenden Schritt weiterhelfen kann, besteht allgemein die Tendenz, die Mitschuld der deutschen Intelligenz am Faschismus mit dem Hinweis auf die erdrückende Massenbewegung, Pöbelbewegung des Faschismus zu beschönigen. Dabei neigen diese Intellektuellen dazu, diese Massenbewegung nicht in ihrer wahren Zusammensetzung aus Kleinbürgertum, Bauern und Lumpenproletariat zu sehen, sondern völlig undifferenziert von einer Massenbewegung überhaupt, von Pöbel überhaupt zu sprechen. Dies hat seine Grundlage natürlich in der Unkenntnis des Marxismus und hat zur Folge, dass die betreffenden Intellektuellen in einer überheblichen Einstellung zu den Massen verharren. Wenn nun von einem Einbruch des Irrationalismus in die proletarischen Massen in den Jahren 1929–1933 gesprochen wird, ja, wenn dies in einem marxistischen Buch geschieht, so werden diese Intellektuellen in dieser schlechten Haltung feierlich bestätigt. Unsere Aufgabe ist es aber, ihnen zu zeigen, dass allein die Massen des deutschen Proletariats dem Faschismus in den Jahren der Weimarer Republik und auch der Krise energischen Widerstand leisteten. Nur wenn wir das den Intellektuellen klar machen, nur wenn wir ihre heutige Abneigung gegen die Nazi-Diktatur dazu ausnutzen, ihnen diese Bedeutung der deutschen Arbeiterbewegung klar zu machen, nur dann kann es uns gelingen, ihnen die richtige Orientierung, die Orientierung aufs kämpfende Proletariat zu geben. Momentan bereite ich die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik zum Druck vor. Sie sollen sehr bald nach der Zerstörung der Vernunft in Satz gegeben werden, und wir wollen dann auch in diesem Jahr noch den Jungen Hegel in Satz geben. Den Aufsatz über die Jugendschriften von Marx und Engels, denn Sie der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zur Verfügung stellen, habe ich inzwischen erhalten. Vielen Dank! Wir werden diese Arbeit im dritten Heft der Zeitschrift veröffentlichen, dessen 223Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Redaktionsschluss auf den 1. Juni festgesetzt wurde. Auch Ernst Bloch lässt Ihnen für den Beitrag danken. Mit den herzlichsten Grüßen Handschriftlicher Zusatz: Das Manuskript werden wir schon in den nächsten Tagen in Satz geben. Eventuell notwendige Korrekturen lassen sich in den Fahnen machen. Internes Verlagsgutachten zu: Die Zerstörung der Vernunft101 (07. April 1953) Bei dem vorliegenden Manuskript, das den Titel Zerstörung der Vernunft trägt, handelt es sich nach meiner Ansicht um das bei weitem reifste und beste Werk, das der Verfasser, der bekannte ungarische marxistische Philosophie- und Literarhistoriker Georg Lukács, überhaupt geschrieben hat. Das Buch, das für die Zerschlagung der Überreste der faschistischen Ideologie, für den gegenwärtigen Kampf gegen die reaktionäre Philosophie des amerikanischen Imperialismus und für die Heranführung breiter Intellektuellenkreise an die marxistische Philosophie von allergrößter Bedeutung ist, behandelt die gesamte irrationalistische Philosophie von der Periode, die unmittelbar der Französischen Revolution folgte, bis zum deutschen Faschismus und bis zur gegenwärtigen Philosophie. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Abrechnung mit den reaktionären Strömungen der deutschen Philosophie. Es wird in einer Art und Weise, die jedes Mal auf die aktuellsten Fragen des gegenwärtigen ideologischen Kampfes zielt, auf die philosophischen Lehren von Schelling, Schopenhauer und Nietzsche, auf die deutsche »Lebensphilosophie« (Spengler, Klages, Max Scheler, Dilthey), auf die deutsche Soziologie der imperialistischen Periode, den Existenzialismus, die Rassentheorie, den sozialen Darwinismus usw. ausführlich eingegangen. Die historisch-wissenschaftlichen Wurzeln dieser Lehren, ihre Klassengrundlage und ihre gesellschaftliche Funktion werden schonungslos bloßgelegt, ihr sachlicher Inhalt wird in einer unabweisbar überzeugenden Weise vernichtend kritisiert. Von den ausländischen reaktionären Denkern des 19. Jahrhunderts wird im Hauptteil nur Kierkegaard einer ausführlichen Kritik unterzogen, eine Einschränkung, die insofern völlig berechtigt ist, als Kierkegaard der einzige ausländische reaktionäre 101 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 7. April 1953. 224 Teil I Philosoph dieser Epoche ist, der bis heute im Westen eine sehr starke Wirkung auf die Intelligenz ausübt. Dem Buch ist ein Kapitel über einige Eigentümlichkeiten in der Entwicklung Deutschlands vorangestellt, in dem die gesellschaftlichen Ursachen dafür aufgezeigt werden, dass Deutschland auf der einen Seite, nach Vollendung und Ausgang der klassischen Philosophie, zum Geburtsland des wissenschaftlichen Sozialismus und auf der anderen Seite, im Lager der niedergehenden bürgerlichen Philosophie, seit 1848 zum Weltlieferanten der wichtigsten reaktionären philosophischen Systeme der vergangenen hundert Jahre geworden ist. An das Ende des Buches hat der Verfasser noch ein ausführliches Nachwort gestellt, in welchem er mit den aktuellsten reaktionären Strömungen der bürgerlichen Philosophie im internationalen Maßstab und vor allem mit der Philosophie des amerikanischen Imperialismus und ihrer Wirkung auf Westdeutschland vernichtend abrechnet. Die gedankliche Grundkonzeption des Werkes ist die, dass die Geschichte der Philosophie der Kampf zwischen Materialismus und Idealismus, zwischen Dialektik und Metaphysik ist, und dass im Verlauf der Entwicklung jeder Schritt der Höherentwicklung der fortschrittlichen Philosophie, jeder Schritt zu gesteigerter Wissenschaftlichkeit der Philosophie, von den reaktionären Kräften der Gesellschaft und ihrer Ideologie mit einem gegen die Vernunft gerichteten irrationalistischen Gegenschlag in raffinierter oder auch grob demagogischer Weise beantwortet wird. Dabei wird gleichzeitig gezeigt, dass alle diese Vorstöße der Reaktion in der Philosophie im Verlaufe einer langen Entwicklung nach und nach die verschiedenen Elemente der Ideologie des Faschismus vorbereitet haben. Dem philosophisch gebildeten Intellektuellen, der von der einen oder der anderen dieser Richtungen, von Schopenhauer oder Nietzsche oder Kierkegaard oder Heidegger noch infiziert ist, wird also mit unwiderlegbarer Beweiskraft klar gemacht, dass diese Ideologien, die er noch für seriös und interessant zu halten geneigt ist, in ihrer objektiven Wirkung letzten Endes die blutigste Barbarei unserer Geschichte mit heraufbeschworen haben. Aus allen diesen Gründen empfehle ich, das Buch von Lukács unbedingt, und zwar möglichst bald, im Aufbau-Verlag zu veröffentlichen. 225Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Georg Lukács102 (17. April 1953) Sehr verehrter, lieber Genosse Lukács! Lesen Sie bitte, bevor Sie sich das beiliegende Manuskript ansehen, diesen Brief durch, um nicht gleich über eine, wie Sie meinen könnten, unverschämte Zumutung ärgerlich zu werden. Es handelt sich um Folgendes: Bevor ich wusste, dass Sie für unser drittes Heft eine Arbeit zum Marx-Jahr zur Verfügung stellen würden, hatte ich mich selbst hingesetzt und mit der Arbeit an einem Essay über die philosophische Entwicklung des jungen Marx – allerdings noch ein Stück weit über die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte hinausführend – begonnen. Nun traf Ihr Manuskript ein, und ich brach diese Arbeit gleich ab, nachdem mir durch die erste flüchtige Lektüre klar geworden war, dass in Ihrem Aufsatz das Wesentliche natürlich viel besser getroffen ist. Außerdem wollte ich ja unbedingt auch in Heft drei eine Arbeit von Ihnen veröffentlichen. Inzwischen haben nun Genosse Baumgarten, Ernst Bloch, Genosse Schrickel und ich Ihre Arbeit über die philosophische Entwicklung des jungen Marx gründlicher gelesen und dabei dann doch an einer Reihe von Punkten übereinstimmend festgestellt (und eine Übereinstimmung zwischen uns ist ziemlich selten), dass sie gewisse Mängel aufweist, die es nicht als ratsam erscheinen lassen, sie in der vorliegenden Form – gänzlich ohne Veränderungen – abzudrucken. Sie selbst hatten ja seinerzeit geschrieben, dass auch Sie mit dieser Arbeit nicht mehr ganz einverstanden seien, dass der Zweck, für den Sie sie vor über zehn Jahren geschrieben hätten, Ihre Möglichkeiten der Darstellung beengt hätte usw.103 Was aber sollten wir nun tun? Einerseits wollten wir auf keinen Fall auf Ihre Arbeit verzichten und auch auf keinen Fall deren Erscheinen etwa bis zum vierten Heft hinausschieben, andererseits war uns klar, dass Sie gegenwärtig – mit der Ästhetik beschäftigt – durchaus keine Zeit zu einer Überarbeitung haben würden. In dieser Notlage machten die Genossen und Ernst Bloch den Vorschlag, ich solle doch an den Stellen Ergänzungen einfügen, resp. Veränderungen vornehmen, da ich auf Grund meiner eigenen, fragmentarisch vorliegenden Arbeit in die Materie eingearbeitet sei, und Ihnen dann das so veränderte Manuskript zur endgültigen Streichung, Redaktion usw. zu- 102 (AH) 7 Blatt, maschinenschriftlich, 17. April 1953.  103 (AH) Siehe den bereits erwähnten Brief: Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 18. Februar 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 226 Teil I 227Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 schicken. Dies habe ich nun getan, und das beiliegende Manuskript ist das Resultat. Die wichtigsten Veränderungen darf ich Ihnen im Folgenden ganz kurz andeuten: 1) Ihr Aufsatz ist sehr kurz, wir haben aber in unserer Zeitschrift ziemlich viel Platz, so dass Dinge, die Sie nur hinweisartig angetippt haben, im Interesse größerer Verständlichkeit und Überzeugungskraft ruhig etwas breiter ausgeführt werden können. 2) Dies gilt vor allem für die Zitate, die Sie anführen. Sie bringen ziemlich viele Zitate, zitieren aber die betreffenden Stellen so äußerst knapp, dass dem nicht eingeweihten Leser das Verständnis außerordentlich erschwert wird. An all den Stellen, an denen dies der Fall ist, empfahl sich also eine ausführlichere Zitierung, ein Hineinnehmen besonders plastischer Begründungen Marxens, die dem ganzen Beitrag seine allzu viel voraussetzende Abstraktheit nehmen. 3) Gewisse Dinge, die bei Ihnen nur implizite ausgesagt werden, galt es deutlicher zu akzentuieren, so zum Beispiel die Tatsache, dass Marx an alle ideengeschichtlichen Quellen, an die er anknüpft, von vornherein kritisch herantritt, also keinen Augenblick eigentlicher Hegelianer, eigentlicher Feuerbachianer oder gar Utopischer Sozialist oder gar bürgerlicher Ökonom gewesen ist. 4) In Ihrer Würdigung der Doktordissertation sieht es bisweilen so aus, als ob Sie selber Epikurs Deklination der Atome für Dialektik (gar für die Dialektik eines Materialisten) hielten.104 Aber die Deklination der Atome ist physikalisch pure Unvernunft und von 104 (AH) Lukács antwortete: »Ich meine nämlich, dass Epikur mit der Konzeption der Deklination einen genial vorwegnehmenden Gedanken gehabt hat, nämlich den, dass, wenn aus den Elementarteilen eine qualitativ differenzierte Welt entstehen soll, diese Elementarteile verschiedene Bewegungsrichtungen und Intensitäten haben müssten. Natürlich – wie überall in der antiken Naturphilosophie – ist dieser Gedanke äußerst abstrakt. Und bei seiner Anwendung können die gewagtesten und reaktionärsten (!!!) Reaktionen entstehen. Ich kenne die Arbeit von Schrödinger nicht, weiß aber, was Nietzsche und Bäumler aus Heraklit gemacht haben, weshalb auch dieser Hinweis auf mich keinen Eindruck macht. Eine wirklich historische Interpretation der antiken Naturphilosophie fehlt noch. Ich halte es für durchaus möglich, ja, wahrscheinlich, dass Sie in der Frage Demokrit Recht haben. Schon darum, weil es höchst unwahrscheinlich ist, dass ein einziger Naturphilosoph völlig undialektisch gewesen wäre. Ich neige aber auch dazu, dass man hier die schroffe Trennung von Metaphysik und Dialektik in der Philosophiegeschichte bei den großen Denkern etwas auflockern muss. Das Entwicklungsschema von Engels ist grundlegend und richtig. Aber er selbst hat schon auf die dialektischen Tendenzen bei Diderot hingewiesen und ich glaube, dass man solche Tendenzen bei den verschiedensten Denkern 228 Teil I unseren ärgsten Feinden, den physikalischen Idealisten (Schrödinger zum Beispiel beruft sich auf Epikur gegen Demokrit), »zeitgemäß« erneuert worden. Hier kam es darauf an, die Formulierungen etwas vorsichtiger zu machen, also zu sagen, dass Marx in der Dissertation sich nicht nur der materialistischen Tradition im Allgemeinen zuwendet, sondern den Versuch unternimmt, in der materialistischen Tradition Ansätze zur Dialektik aufzuspüren, wobei er – in echt dialektischer Behandlung des Ineinandersteckens von Irrtum und Wahrheit – in der physikalischen Unvernunft die darin verborgene philosophische Vernunft aufdeckt usw. (Im Übrigen ist nach meiner Meinung Demokrit nicht gar so undialektisch: Die Lehre von der Vielfalt der Welten ist eine geniale Antizipation der wissenschaftlichen Einsicht in die nur relativ stabile Gesetzmäßigkeit der dynamischen Gefüge wie der Sonnensysteme usw., und dialektisch aufgefasster Zufall ist auf der Grundlage der demokritischen Atomistik durchaus möglich, während die epikureische Fundierung der Willensfreiheit in der Willkür der Atombewegungen Indeterminismus, also Idealismus ist. Doch das ist ein weites Feld, und an der – meiner Meinung nach ungerechten – Beurteilung Demokrits habe ich nichts geändert.)105 5) Der schwerwiegendste Einwand: Die Frage Materialismus-Idealismus ist in Ihrem Manuskript nicht klar genug herausgearbeitet. Der Aufsatz ist 1942 geschrieben. Inzwischen aber ist erstens von Ihnen selbst Der junge Hegel erschienen, in dem diese Frage – nach meiner Ansicht – völlig klar und unmissverständlich behandelt wird. Und zweitens hat inzwischen die Alexandrow-Diskussion mit dem Shdanow-Referat stattgefunden.106 Wenn nun jetzt ein Marx-Aufsatz von Ihnen erscheint, in dem die Frage Materialismus-Idealismus ziemlich unklar gehalten, ziemlich verwischt ist, so wird man finden wird. Denken Sie an meine Interpretation der Ästhetik Tschernyschewskis.« Pitsch: Briefwechsel, S. 296. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 04. Mai 1953, 3 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1. 105 (AH) In seiner Vorlesung zu antiken Philosophie setzte sich Harich ausführlich mit Demokrit, Epikur und der Doktordissertation von Marx auseinander, siehe: Band 6.1 (Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie. Vorlesungen), dort zu Demokrit S. 148–162, zu Epikur S. 389–408, in diesem Zusammenhang auch ein eigenständiges Kapitel zur Dissertation des jungen Marx, S. 396–405. Teilweise hatte Harich seine Manuskripte zur antiken und frühen neuzeitlichen Philosophie vollständig ausformuliert, oftmals im Zuge einer Überarbeitung der ursprünglichen Vorlesungsnotizen. Ein Hinweis darauf, dass er eine Veröffentlichung plante. 106 (AH) Zum Kontext siehe die entsprechenden Ausführungen Harichs im 5. Band (An der ideologischen Front) dieser Edition. Shdanow: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie. Rede auf der Philosophentagung in Moskau, Juni 1947, in: Ders.: Über Kunst und Wissenschaft, Berlin, 1951, S. 80–114. 229Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 zum Teil gerechte Vorwürfe gegen Sie erheben, und dabei dann natürlich auch ungerechte, zum Beispiel den des Hegelianisierens. Dies ist um so schlimmer, als in besagtem Heft drei auch noch ein Aufsatz von Rugard Gropp über den Gegensatz von Marxscher und Hegelscher Dialektik und einer von Victor Stern über Marx’ Beziehung zum französischen Materialismus erscheinen soll. In diesen Aufsätzen wird zwar nirgends auf Sie Bezug genommen, aber es könnte doch der Eindruck entstehen, als ob in zwei Marx-Aufsätzen von Hefte drei (in denen von Gropp und Stern) gegen den dritten Marx-Aufsatz (nämlich Ihren) implizit polemisiert werde. Das sieht dann entweder so aus, als ob die Redaktion eine tückische Gemeinheit gegen Sie ausgeheckt, oder aber so, als ob die Gemeinheit sich gegen Gropp und Stern richtete, deren Aufsätze leider nicht glänzend sind. Was also tun? Ich habe zunächst den von Ihnen nur in einem Nebensatz erwähnten Feuerbach und dessen Einfluss auf Marx breiter gewürdigt. Zunächst habe ich das wichtige Dokument Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach erwähnt, dann habe ich die Bedeutung der Vorläufigen Thesen für die Kritik des Hegelschen Staatsrechts vom Frühjahr-Sommer 1843 stark betont und bei dieser Gelegenheit die Marxsche Idealismus-Kritik, die in den Manuskripten von 1843 beginnt, auch in ihrer allgemein philosophischen Bedeutung – über die gesellschaftlichen, rechtsphilosophischen Fragen hinaus – (mit Ausblick auf die Heilige Familie, mit Unterstreichung der grundsätzlichen Bedeutung für die Überwindung jeder, sei es platonischen, kantischen oder hegelschen Form von Begriffsidealismus) hervorgehoben – ich glaube: In Ihrem Sinne. 6) Eingefügt wurde schließlich ein ganz neuer Abschnitt über die Deutsch-Französischen Jahrbücher unter dem Gesichtspunkt,107 dass diese den Übergang vom revolutionären Demokraten zum proletarischen Klassenstandpunkt widerspiegeln, und dass dies die Voraussetzung für den entscheidenden qualitativen Sprung ist, noch vor den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, und dass im Grunde schon in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie das Hinüberwachsen der bürgerlichen in die proletarisch-sozialistische Revolution konzipiert wird (und nicht erst in den Vorwärts-Artikeln von 1844). Auf das »Kein Volk verzweifelt« konnte heuer schwerlich verzichtet werden, da wir uns in Deutschland doch nun in der Situation befinden, wo es sich 107 (AH) Der ganze Abschnitt stammt ausschließlich von Harich, Neuabdruck dieses Teiles unter dem Titel Die Deutsch-Französischen Jahrbücher, in: Band 5, S. 414–426. 230 Teil I zeigen wird, ob wir jetzt »aus plötzlicher Klugheit alle unsere frommen Wünsche« uns erfüllen können.108 7) Schließlich wurde die Interpretation der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte komplettiert. Was in Ihrem Manuskript vor allem fehlte, war der Hinweis darauf, dass die Hegelsche Mystifizierung der Fassung der Kategorie »Entfremdung« in erster Linie daraus resultiert, dass Hegel die Arbeit nur als abstrakt-geistige kennt. An diesem Punkt aber ließen sich ausgezeichnet die entsprechenden glänzenden Ausführungen in Ihrem Jungen Hegel (Kapitel IV, 4) plündern. Wenn also Ihr Marx-Aufsatz nunmehr auch nicht mehr ganz von Ihnen stammt, so stellt doch das von mir Hinzugefügte zu einem erheblichen Teil ein Plagiat an anderen Werken von Ihnen dar. Soviel zu den Gesichtspunkten der Umarbeitung. Lieber Genosse Lukács, es wäre sehr schlimm für uns, wenn Sie nun auf dieses Verfahren (das große Mühe gemacht hat und zumindest gut gemeint war) derart sauer reagierten, dass Sie das ganze Manuskript zurückzögen. Unsere Nummer drei würde dadurch ziemlich kläglich werden, und das wollen Sie uns doch sicher nicht antun. Wenn Sie mit der Umarbeitung absolut nicht einverstanden sein sollten, so würden wir eben Ihren Aufsatz über Die philosophische Entwicklung des jungen Marx in der Fassung bringen, in der Sie ihn uns geschickt haben; es wäre zwar bedauerlich, und wir müssten dann mit wahrscheinlicher »Prügel« rechnen, aber es wäre immer noch besser, als wenn der Aufsatz gar nicht oder umgearbeitet erst sehr viel später erschiene. Sie würden uns den größten Dienst erweisen und uns zu steter Dankbarkeit verpflichten, wenn Sie sich sine ira et studio das beiliegende Manuskript vornähmen, darin herumkorrigierten, wo immer es Ihnen nötig zu sein scheint, und es uns dann zurück- 108 (AH) In dem Aufsatz Die Lehre von Marx und die philosophische Bildung der deutschen Intelligenz hatte Harich diese Zitate im Kontext wiedergegeben. Dort heißt es: »Marx sprach im Frühjahr 1843 in einem Brief an Ruge aus, dass er über die deutschen Zustände ›Nationalscham‹ empfinde, fügte aber hinzu: ›Die Scham ist schon eine Revolution (…), und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht.‹ (MEGA I 1/1, S. 557) Als daraufhin Ruge die Unfähigkeit der Deutschen zur Revolution beklagte, erwiderte Marx: ›Ihr Brief, mein teurer Freund, ist eine gute Elegie, ein atemversetzender Grabgesang; aber politisch ist er ganz und gar nicht. Kein Volk verzweifelt, und sollt‘ es auch lange Zeit nur aus Dummheit hoffen, so erfüllt es sich doch nach vielen Jahren einmal aus plötzlicher Klugheit alle seine frommen Wünsche.‹ (Ebd., S. 461)« Abdruck in: Band 5, S. 404, dort auch zum historischen Kontext etc. 231Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 schickten. Ich versichere Ihnen, dass alle Ihre Änderungs- und Streichungswünsche dann haarklein berücksichtigt werden sollen. Dass Sie allerdings jede der Hinzufügungen als falsch ansehen, vermag ich mir nicht vorzustellen. Was die stilistische Seite der Frage angeht, so habe ich mir ziemliche Mühe gegeben, mich in Ihren Stil »einzufühlen« – wie eine Mischung von Dilthey und Robert Neumanns Parodien. Ich kann das, glaube ich, ganz gut, und ich habe einmal, in meiner bürgerlich-journalistischen Vergangenheit, im Herbst 1945 eine Parodie auf Sie veröffentlicht, nämlich eine Rezension der Fledermaus von J. Strauß – mit vielen Hinweisen auf Balzac und Hegel in der Klammer, und mit Parallelen zwischen Adele und Mignon.109 Um noch eines bitte ich Sie: Dass der Aufsatz unter Ihrem Namen erscheine. Die gesamte Konzeption und alle wichtigen Einzelheiten sind von Ihnen. Was ich eingefügt habe, ist zum größten Teil auch von Ihnen – wenn auch aus anderen Werken. Meine Überarbeitung der Sache war eine Art gehobener Redakteurstätigkeit, also Kärnerarbeit, weiter nichts, und verdient der Erwähnung nicht. Davon abgesehen, will ich in Heft drei einen größeren Aufsatz über die Anthropologie von Arnold Gehlen und außerdem noch eine Rezension über Blochs Subjekt-Objekt schreiben, und die Mitarbeiterschaft der Zeitschrift muss auf der Grundlage gemeinsamer Grundprinzipien bunt gescheckt und nach Fülle aussehen – nicht zuletzt im Interesse der Wirkung. Redaktionsschluss von Heft drei unserer Zeitschrift ist »eigentlich« der 1. Juni. Wenn wir mit Bestimmtheit mit dem – von Ihnen redigierten – Marx-Aufsatz rechnen können, so würde es genügen, wenn wir ihn am 15. Juni in Händen hielten; zu diesem Zeitpunkt müssen aber spätestens alle für Heft drei bestimmten Manuskripte in Satz gehen. Falls Sie aber zürnen und auf einer im Wesentlichen unveränderten und unerweiterten Veröffentlichung des Marx-Aufsatzes in der ursprünglichen Fassung bestehen sollten, so bitte ich Sie, dies möglichst mitzuteilen, damit wir rechtzeitig Bescheid wissen und den dann übrig bleibenden Raum von Heft drei mit anderem Material füllen können. Inzwischen ist Heft eins unserer Zeitschrift erschienen. Ihr Belegexemplar und die 20 Sonderdrucke mit Ihrem Beitrag (Schellings Irrationalismus) werden Ihnen dieser Tage vom Verlag der Wissenschaften zugeschickt werden. Schreiben Sie uns bitte einmal ein 109 (AH) Dieser Text konnte nicht gefunden werden. Unter dem Titel Nach berühmten Mustern hatte Harich ab dem 9. Februar 1946 im Kurier seine Satiren als Hipponax veröffentlicht. 232 Teil I paar Zeilen, wie Sie die Zeitschrift finden. Hier eine Information über den Inhalt von Heft zwei, das gegenwärtig gesetzt wird: (1) Nachruf der Herausgeber auf Stalin (2) Ernst Bloch, Keim und Grundlinie – über die Feuerbach-Thesen von Karl Marx (3) Wolfgang Harich, Die Lehre von Marx und die philosophische Bildung der Intelligenz (4) Georg Lukács, Kierkegaard (5) Arthur Baumgarten, Philosophische Fragen der Rechtswissenschaft (6) Eduard Erkes, Der Wandel einiger philosophischer Begriffe im Taoismus (7) Übersetzung: M. M. Rosental, Die Ausarbeitung der Lehre vom Kampf der Gegensätze in Marx’ Kapital (8) Diskussion: Über Fragen der Logik • Beitrag von Erhard Albrecht • Beitrag von Paul F. Linke • Beitrag von Walter Greulich • Georg Klaus, Das Gödelsche Theorem von den formalen unentscheidbaren Sätzen und die marxistische Dialektik (9) Diskussion: Über philosophische Fragen der modernen Physik • Beitrag von Robert Havemann • Beitrag von Günther Jacoby • Beitrag von Rolf Zahn • Beitrag von Martin Strauß (10) Rezensionen: • Kosing: Rosental, Marxistische dialektische Methode • Simon, Deutsche Avicenna-Publikationen 1952 • Harich: Nicolai Hartmann, Teleologisches Denken Hefte drei soll dann – nach den bisherigen Planungen – so aussehen: (1) Georg Lukács, Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx (2) Victor Stern, Marx’ Verhältnis zum französischen Materialismus (3) Rugard Gropp, Über den Gegensatz zwischen Marxscher und Hegelscher Dialektik (anhand Heilige Familie, Elend der Philosophie, Kritik der politischen Ökonomie) (4) Ernst Bloch, Rede über den Materialismus an die Gebildeten unter seinen Verächtern (5) Wolfgang Harich, Über die Anthropologie Arnold Gehlens (6) Otto Singer, Philosophische Fragen der neuen sowjetischen Kosmologie 233Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (7) Karl Schröter, Der Positivismus in der mathematischen Logik (8) Übersetzungen: • Sowjetischer Beitrag zur Marx-Jahr • Französischer Beitrag über Toynbee (9) Diskussion: • Über Fragen der Logik • Über philosophische Fragen der modernen Physik (10) Rezensionen: • Matthäus Klein: Das sowjetische kleine philosophische Wörterbuch • N. N.: Victor Kraft, Zur Geschichte der mathematischen Logik • Klaus Schrickel: Zum Neuerscheinen der Deutschen Ideologie • Günter Asser: Winters Bolzano-Monographie • Wolfgang Harich: Ernst Bloch, Subjekt-Objekt Ich hoffe, dass sich Ihr mit der deutschen Philosophie seit langem mitfühlendes Herze für diese Informationen interessiert und ob Ihrer gerührt sein wird. Die Hoffnung (gemeint ist die Zerstörung der Vernunft, ein Tippfehler Harichs, AH) ist inzwischen längst in Satz gegangen. Ihre letzten Beanstandungen an meinen Korrekturen erhielt ich leider erst gestern. Ich habe aber die entsprechenden von Ihnen gewünschten Änderungen gleich an die Setzerei abgeschickt. Satz und Druck werden jetzt hoffentlich flott von der Hand gehen, die Korrekturfahnen werden Ihnen – wie gewünscht – in größeren Massen zugeschickt werden. Die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik gebe ich übernächste Woche in Satz, und dann vierzehn Tage später den Jungen Hegel. Noch zwei Anfragen: Genosse Janka erzählte mir, er hätte einen bitterbösen Brief110 von Ihnen bekommen, weil der Aufbau-Verlag bestimmte Wünsche (bezüglich Büchersendungen usw.) nicht hätte erfüllen können. Der Aufbau-Verlag muss leider in allem sehr korrekt sein, und ich glaube, dass, wenn Genosse Janka nicht funktioniert hat, er es wirklich nicht konnte. Mit der Deutschen Zeitschrift für Philosophie steht es aber 110 (AH) Lukács antwortete: »Der ›bitterböse Brief‹ an Genosse Janka hat seinen Ausgangspunkt nicht in der Bücherfrage, sondern darin, dass die Absendung meiner Schreibmaschine gegen meine ausführlichen Weisungen erfolgt ist und mir viel Scherereien und Geldausgaben verursachte. Bei dieser Gelegenheit habe ich alles gesagt, womit ich beim Verlag unzufrieden war, darunter auch die Bücherfrage.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 04. Mai 1953, 3 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 2.  234 Teil I anders. Mindestens zwei unserer Herausgeber (Baumgarten und Bloch) genießen das Privilegium der Weltfremdheit, und wir können Ihnen sicher leichter Wünsche, die Sie bezüglich Bücher etc. haben, erfüllen. Außerdem haben wir sowieso kaum Etat, brauchen also auch nicht über Etat Rechenschaft zu geben, und sind großzügige Herren mit spendablen Portemonnaies. Es wird uns eine Freude sein, Ihnen Dinge, die Sie für Ihre Arbeit brauchen, zu besorgen und zu schicken. Sie müssten uns nur den Weg angeben – ob über die ungarische Botschaft oder direkt.111 Ein schlechtes Gewissen brauchen Sie uns gegenüber dann nicht zu haben; denn andererseits zahlen wir kaum Honorar, werden also eo ipso ständig in Ihrer Schuld sein. (Bloch charakterisierte den Zustand unserer Zeitschrift wie folgt: »Tja, liebe Freunde, unser Reich ist eben nicht von dieser Welt; aber was das Schlimmste: von jener Welt ist es auch nicht.«) Und noch eine letzte Frage: Hier in der DDR, in Jena, existiert ein steinalter, bald an die achtzig zählender bürgerlicher Philosoph, namens Linke. (Paul F. Linke, das »F« zum Unterschied jenes Paul Linke, der Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft und Puppchen, du bist mein Augenstern komponiert hat.) Linke ist Schüler von Frege und Husserl, findet demzufolge, es hätte nie einen größeren Tiefstand der Philosophie gegeben als die Phänomenologie des Geistes, kämpfte seit einem halben Jahrhundert gegen den Psychologismus in der formalen Logik und schreibt ein Buch – gegen den Irrationalismus. Diesem Buch wollte er ursprünglich den Titel Zerstörung der Vernunft geben, was ja nun nicht mehr geht. Dieser Linke nun, der von Ihrem Schelling-Beitrag für die philosophische Zeitschrift und von dem größeren Werk, von dem er ein Teil ist, gehört hat, erklärte, er hasse Schelling schon lange, und es herrsche in Jena seit Frege und Linke denn doch ein sehr anderer Geist als zu der Zeit, als ein Scharlatan wie »Herr Schelling« dort sein Unwesen getrieben habe. Er betrachte Sie zwar ebenfalls mit »einem gewissen Misstrauen«, obwohl Sie zweifellos »noch der Begabteste von Ihrer Couleur« wären, doch die »Duplizität der Ereignisse« lasse ihm einfach keine Ruhe, und er müsse unbedingt wissen (noch bevor 111 (AH) Lukács bat um folgende Bücher: Aldous Huxley: Themen und Variationen; Jaspers: Das Tragische; Commager: Der Geist Amerikas; Alfred Weber: Das Tragische und die Geschichte (1943); Kowalewski: Die ökonomische Entwicklung Europas; Vico: Neue Wissenschaft. Erste Ausgabe; Wolzendorff: Staatsrecht und Naturrecht. Lukács bestätigte, dass er den Versand der Bücher über die Botschaft wünsche. Außerdem bat er darum, dass ihm verschiedene Antiquariate (u. a. Hugo Streisand) laufend ihre Kataloge schicken könnten. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 04. Mai 1953, 3 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 3. 235Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 er sterbe) wie Sie den Irrationalismus beurteilen. So hat er mir den Nerv getötet mit Aufforderungen, ich sollte Sie bitten, ob er – Linke – unter Wahrung strengster Diskretion Ihre Zerstörung der Vernunft bereits in den Fahnen lesen dürfte. Ich gebe diese Bitte nun weiter und harre Ihrer Anweisung. Viel Zweck haben dürfte die Sache nicht, da Linke sicher nicht mehr zu bekehren ist. (Außer dem Leibnizschen Logik-Kalkül, der Wissenschaftslehre Bolzanos und den logischen Untersuchungen von Brentano und Frege lässt er nichts gelten; politisch ist er verhältnismäßig honorig, vor 33 linker Sozialdemokrat und jetzt loyal.) Also: Darf er – oder lieber nicht?112 Verzeihen Sie die Behelligung durch diese allzu lang geratene Epistel und durch das beiliegende dicke Manuskript. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr * * * * * (AH) Lukács antwortete am 4. Mai113 auf Harichs Schreiben und stimmte der Umarbeitung des Aufsatzes zu: »Sie waren ganz unbegründet ängstlich in Bezug auf meine Reaktion. Ich finde Ihrer Arbeit sehr gut und nehme Ihren Vorschlag der Publikation in No. 3 unter meinem Namen an. Ich tue es zwar nach einem gewissen Zögern, da Ihre Arbeit eine sehr große war und nicht überall, wie Sie versichern, einfach ein ›Plagiat‹ aus meinen anderen Arbeiten. Ich habe dazu nur eine Bedingung, die ist aber conditio sine qua non, nämlich am Anfang des Aufsatzes folgende Anmerkung zu bringen: ›Diesem Aufsatz liegt ein Manuskript aus dem Jahre 1942 zu Grunde, das als Teil einer Kollektivarbeit über Marx entworfen wurde und darum in seiner Ausführung einen lexikalisch-abgekürzten Charakter erhielt. Da mich andere Beanspruchungen daran verhinderten, dem Aufsatz die nötige Ausbreitung und Konkretisierung zu geben, unterzog sich Wolfgang Harich dieser Aufgabe. Ich spreche ihm für seine selbstlose und hingebungsvolle Arbeit meinen aufrichtigen Dank aus.‹« Pitsch: Briefwechsel, S. 296. Es schließen sich dann die Ausführungen zum antiken Materialismus an, die bereits wiedergegeben wurden. Zudem fragte Lukács nach, ob die Möglichkeit bestünde, eine Studie seines Schülers Josef Szigeti über Diderots Materialismus ins Deutsche zu übersetzen und in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zu publizieren. Es folgen dann einige Anmerkungen zu Korrekturen zum Marx-Aufsatz sowie zu den anderen Buchprojekten von Lukács im Aufbau-Verlag. Alle weiteren Punkte wurden in den Fußnoten bereits erwähnt. 112 (AH) Lukács antwortete, dass er nichts dagegen habe, wenn Paul F. Linke das Buch früher lese. Dazu die Bemerkung: »Es wird dabei natürlich nichts herauskommen.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 04. Mai 1953, 3 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 3. 113 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 04. Mai 1953, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 236 Teil I Brief an Georg Lukács114 (20. Mai 1953) Lieber Genosse Lukács! Ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 4. Mai 1953. Ihre Änderungswünsche zu der Überarbeitung des Aufsatzes über Die philosophische Entwicklung des jungen Marx werden berücksichtigt werden. Wir sind alle sehr froh darüber, dass Sie über unser Verfahren so wenig ärgerlich waren. Der Aufsatz wird nun aber doch erst im vierten Heft unserer Zeitschrift erscheinen. Wir wollten nämlich bereits im dritten Heft den Aufsatz Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer bringen, weil das vierte Heft erst Ende 1953 erscheinen wird und im Aufbau-Verlag die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik bereits in den nächsten Tagen in Satz gegeben werden sollen, so dass eine Veröffentlichung des Vischer-Aufsatzes im vierten Heft kein Vor-, sondern ein Nachabdruck wäre, was sehr unschön ist. Ich hoffe, dass Sie mit dieser Regelung einverstanden sind. Eventuell wird es nötig sein, im Vorabdruck in der Zeitschrift den letzten Absatz »Vischer und die Gegenwart« zu streichen. Der Aufsatz ist nämlich an Umfang etwas zu lang, und außerdem würde er durch diese Streichung mehr den Charakter eines Beitrages zum Marx-Jahr erhalten. Was Ihre Bücherwünsche betrifft, so werde ich das Nötige veranlassen und hoffe, dass es uns möglich sein wird, in den nächsten Wochen, wenn nicht sofort, so doch sukzessive, Ihren Bitten zu entsprechen. Mit den letzten Abänderungen zur Zerstörung der Vernunft bin ich einverstanden. Das Manuskript war aber bereits in Satz gegangen, als sie hier eintrafen. Es wird also nötig sein, sie in die Fahnen einzutragen. Ich bin leider unangenehm mit einer Magengeschichte erkrankt und muss mich morgen für einige Wochen in eine Klinik begeben. Dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie Ihre kritische Meinung zum ersten Heft der philosophischen Zeitschrift mitteilen würden. Mit den besten Grüßen bin ich Ihr * * * * * 114 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 20. Mai 1953.  237Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (AH) Lukács antwortete am 29. Mai.115 Den Vorschlägen von Harich stimmte er zu. Zudem bat er darum, dass ihm die Kapitel IV und V der Zerstörung der Vernunft als Manuskripte zugeschickt werden, da er sein Exemplar Adam Schaff mitgegeben habe, der Auszüge daraus in Polen edieren wolle. Er bat zudem um das Buch von Peter de Mendelsohn: Der Geist in der Despotie. Zur Zeitschrift könne er sich noch nicht äußern, da er sie wegen zahlreicher Verpflichtungen noch nicht gelesen habe. Gutachten zu: Beiträge zur Geschichte der Ästhetik116 (27. Mai 1953) Das vorliegende Manuskript Beiträge zur Geschichte der Ästhetik von Georg Lukács stellt eine Sammlung von Aufsätzen dar, die teilweise in den dreißiger Jahren, teilweise nach 1945 verfasst wurden. In der vorliegenden Zusammenstellung geben sie eine historisch geordnete Analyse der wichtigsten Knotenpunkte in der Entwicklung der Ästhetik, angefangen von der deutschen Klassik (Kant, Schiller, Hegel) bis zu den Arbeiten Stalins über die Fragen der Sprachwissenschaft. Eine Reihe von Aufsätzen, so die über Friedrich Theodor Vischer und Nietzsche, sind speziell der vernichtenden Kritik reaktionärer Traditionen und Strömungen in der deutschen Ästhetik gewidmet. Von besonderer Bedeutung ist auch der außerordentlich tiefe Essay über die Ästhetik Tschernyschewskis, der erste in Deutschland erscheinende wirklich marxistische Versuch, die Ästhetik des bedeutendsten Vertreters der russischen revolutionären Demokraten fruchtbar zu machen. In die Sammlung von Aufsätzen hat Lukács auch seinen großen Essay über Franz Mehring aufgenommen. Obwohl das Schwergewicht dieser Arbeit nicht auf den eigentlich ästhetischen Problemen liegt, ist sie doch deswegen sehr wertvoll, weil sie konkret aus den allgemeinen ideologischen Schwächen und Fehlern der II. Internationale, auch ihrer linken Vertreter, die falschen Literatur- und Kunstauffassungen dieser Epoche aufdeckt. 115 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 29. Mai 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 116 (AH) Erster Entwurf für den eigenen Gebrauch, ein Blatt, maschinenschriftlich, 27. Mai 1953. 238 Teil I Brief an Georg Lukács117 (14. August 1953) Lieber Genosse Lukács! Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihre letzten beiden Briefe erst jetzt beantworte. Ich war Anfang Mai, nach dem ungewöhnlich anstrengenden letzten Studienjahr, ziemlich krank geworden: Gastritis, Magengeschwür und allgemeine Erschöpfung, und musste von Mitte Mai bis Anfang Juli im Krankenhaus liegen.118 Dort wurde höllisch aufgepasst, dass ich nicht arbeitete und auch keine Briefe schrieb. Unmittelbar nach der Entlassung hatte ich dann im Juli gleich wieder viel zu tun mit der Ausarbeitung von Analysen, Berichten und Vorschlägen, den kulturpolitischen Aspekt des alten und des neuen Kurses unserer Politik betreffend. Diese Arbeiten wurden von der Parteiführung verlangt und mussten schnell und zügig erledigt werden; zwischendurch musste ich möglichst viel das Bett hüten, um mich nicht aufs Neue zu überanstrengen. Und jetzt bin ich seit über einer Woche auf Urlaub an der Ostsee. Was die Zerstörung der Vernunft betrifft, so wurde sie von mir bereits im März und April in die Herstellung gegeben. Es dauerte dann aber noch etwas mit der Satz-Genehmigung durch unser Amt für Literatur; im Laufe des Juni wurde jedoch das ganze Manuskript endlich in Satz gegeben. Inzwischen sind beim Aufbau-Verlag die ersten Korrekturfahnen eingetroffen, die Ihnen – wie erbeten – in größeren Schüben und zusammen mit dem entsprechenden Originalmanuskript zugehen werden. Die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik befinden sich inzwischen ebenfalls im Satz; bis zu meiner Abfahrt von Berlin waren aber hiervon noch keine Korrekturfahnen da. Ich rechne damit, dass dieses Buch ein bis zwei Monate nach der Zerstörung erscheinen wird. Mitte September wird dann schließlich der Junge Hegel in Satz gehen, mit dessen Erscheinen dann wohl Anfang 1954 zu rechnen ist. Noch vor der Zerstörung wird wahrscheinlich der Essay-Band über den russischen Realismus mit den neuen Arbeiten über Gogol und über Platanow herauskommen. 117 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 14. August 1953.  118 (AH) Der Aufenthalt Harichs in der Berliner Charité ist auch deswegen noch bekannt, da ihn Bertolt Brecht dort nach dem Arbeiteraufstand besuchte. Beide beratschlagten ihr weiteres Vorgehen, um Reformen in der DDR zu ermöglichen. Wichtige Einblicke liefert der Aufsatz: Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR. Fritz Erpenbeck gegen Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 55–69. 239Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Kurz vor meiner Abfahrt an die Ostsee erhielt ich das Manuskript des Essays Kunst und objektive Wahrheit, den ich gleich noch las und sehr interessant finde. In welcher Form haben Sie sich die Veröffentlichung gedacht? Ich würde vorschlagen: 1) Vorabdruck in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, 2) Aufnahme in die Neuauflage der Essays über Realismus, die Anfang 1954 im Aufbau-Verlag erscheinen soll. Ist Ihnen das recht? Was die Deutsche Zeitschrift für Philosophie angeht, so werden Sie die 25 Sonderdrucke mit dem Essay über Schellings Irrationalismus inzwischen erhalten haben. Das erste Heft, in dem wir einen Vorabdruck dieser Arbeit brachten, hat trotz des hohen Preises (5.- DM) wider Erwarten einen guten und schnellen Absatz gefunden. Die 5000 Exemplare sind fast vollständig vergriffen, und besonders erfreulich ist die relativ hohe Anzahl westdeutscher Abonnenten. Das erste Beiheft (Protokoll unserer philosophischen Konferenz über Fragen der Logik) wird zur Zeit als Buch gebunden und erscheint als solches Ende August. Fast gleichzeitig wird das zweite Heft, mit dem Vorabdruck Ihres Kierkegaard-Essays erscheinen. Im dritten Heft, das sich zur Zeit in der Herstellung befindet, bringen wir nun, wie verabredet, Ihren Essay Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer als Vorabdruck aus den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik. Da wir für dieses dritte Heft eine etwas größere Papierzuteilung erhielten, wird es nun doch möglich sein, diesen Essay ungekürzt abzudrucken, also auch den letzten Abschnitt (Vischer und die Gegenwart) in den Vorabdruck aufzunehmen. Der neue Kurs unserer Politik, den unsere Partei Anfang Juni einschlug, hat auch für die philosophische Zeitschrift gewisse Konsequenzen.119 Wir werden einerseits noch stärker als bisher auf marxistische Autoren angewiesen sein, deren Arbeiten eine wirksame marxistische Beeinflussung der philosophisch interessierten Intelligenz in Gesamtdeutschland, in Österreich und in der Schweiz gewährleisten, was u. a. bedeutet, dass wir Sie als Autor nun auf gar keinen Fall mehr entbehren können. Andererseits werden wir in jedem Heft auch je einen Beitrag eines bürgerlichen Philosophen bringen, der etwas halbwegs Rationelles zu sagen hat, um auf diese Weise die Bereitschaft für gesamtdeutsche Gespräche zu stärken. Schließlich werden wir dem Rezensionsteil eine gesamtdeutsche und internationale Orientierung geben und uns dabei sorgfältiger differenzierend und konkreter auch mit Neuerscheinungen im Westen auseinanderset- 119 (AH) Siehe hierzu von Harich: Über die Zukunft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, hrsg. v. A. Heyer, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 555–559. Dort auch eine Einführung des Herausgebers: Zur inhaltlichen Ausrichtung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie im Zeichen des Neuen Kurses der SED, in: DZfPhil, Heft 4, 2013, S. 551–554. 240 Teil I zen. Unser bisheriger Redakteur, Genosse Schrickel, ist für diese Aufgaben leider ziemlich ungeeignet, da er hartnäckig an der Vorstellung einer abgekapselten DDR-Kultur festhält, alles suspekt findet, was nicht seinem Ideal, den »Woprossi philosophii«, genau entspricht und andererseits bei jedem Versuch, sich zu einer breiteren Linie durchzuringen, in Opportunismus und Prinzipienlosigkeit abgeleitet. Aus Furcht, Fehler zu begehen, hat er nun gekündigt, so dass ab Heft vier, 1953, wieder ich (provisorisch) die Redaktionsgeschäfte leiten muss, so lange, bis wir eine bessere definitive Lösung gefunden haben. Wie steht es mit Ihrer weiteren Mitarbeit? Ich würde vorschlagen, dass wir in Heft vier (Redaktionsschluss im Oktober) zunächst einen Vorabdruck Ihres Essays über Kunst und objektive Wahrheit veröffentlichen, der dann Anfang 1954 in der Neuauflage der Essays über Realismus im Aufbau-Verlag erscheinen sollte. Für Heft eins, 1954, käme dann der Aufsatz Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx in Frage, dessen Veröffentlichung in der philosophischen Zeitschrift ja nicht so drängt, da es sich hierbei um keinen Vorabdruck aus einem in Vorbereitung befindlichen Buch handelt. Für Heft zwei, 1954, würde ich vorschlagen, dass wir einen älteren und in Deutschland noch unbekannten Aufsatz von Ihnen bringen; ich denke dabei an Ludwig Feuerbach und die Literatur des XIX. Jahrhunderts oder an eine leichte Überarbeitung Ihres Aufsatzes über Moses Hess. Oder hätten Sie noch etwas anderes in der Truhe? Bitte schreiben Sie mir, wie Sie über diese Vorschläge denken! Und nun noch zu einem anderen, ziemlich heiklen Problem. Bei der Redaktion der philosophischen Zeitschrift ist vor Kurzem ein Aufsatz von Genossen Rugard Gropp über den Gegensatz der materialistischen und der Hegelschen idealistischen Dialektik eingetroffen. Neben einigen guten und richtigen Gedanken enthält dieser Aufsatz auch höchst problematische Dinge, die auf der Linie des hiesigen philosophischen Sektierertums liegen. Die ganze klassische deutsche Philosophie und insbesondere Hegel werden darin als völlig reaktionär gebrandmarkt; es wird bestritten, dass der Idealismus der klassischen deutschen Philosophie irgendwelche fruchtbaren, zu seiner Zeit vorwärtsweisenden Gedanken hätte aufkommen lassen usw. in diesem Zusammenhang wird allerschärfste Kritik einerseits an Bloch und andererseits an Ihnen (als einem angeblichen Verwischer des Gegensatzes von Hegel und Marx) geübt, wobei dem Verfasser sehr viele Vorurteile und Missverständnisse unterlaufen, die aber hier, in den Kreisen der subalternen Parteiintelligenz und besonders unter schnellgebackenen alerten jungen Dozenten für dialektischen Materialismus, höchst virulent sind. Obwohl 241Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 der Aufsatz eine Fülle von Fehlern enthält (auf denen aber Gropp aufs Heftigste beharrt), können wir es uns nicht leisten, ihn nicht zu veröffentlichen. Der darin angegriffene Ernst Bloch würde sich dann nämlich dem Vorwurf aussetzen, eine unter anderem gegen ihn gerichtete Kritik als Herausgeber zu unterdrücken. Außerdem würden wir uns dann unweigerlich den Vorwurf des »Lukácsianertums« zuziehen, was in den genannten Kreisen als Todsünde gilt. Aber auch aus einer anderen, konstruktiven Überlegung heraus empfiehlt es sich, den Gropp-Aufsatz bei uns abzudrucken: Die Fehler, die er enthält, sind – wie gesagt – weit verbreitet, und sein Abdruck würde Gelegenheit geben, mehrere Diskussionen zu beginnen, in deren Verlauf dann über grundlegend wichtige Fragen Klarheit geschaffen und die betreffenden Fehler überwunden werden könnten. Die zu klärenden Fragen sind etwa die folgenden: (1) Fortschritt und Reaktion in der klassischen deutschen Philosophie, (2) idealistische und materialistische Dialektik, (3) Größe und Grenzen der marxistischen Erschließung des deutschen philosophischen Erbes durch Lukács, (4) die Problematik der Hegel-Interpretation von Ernst Bloch? Ich würde also vorschlagen, mit dem Gropp-Aufsatz folgendermaßen zu verfahren: Wir veröffentlichen diesen Aufsatz zunächst ungekürzt und kommentarlos in der Rubrik Diskussion unseres vierten Heftes. In Heft eins, 1954, beginnen wir dann eine Diskussion unter breiter Beteiligung aller an der Sache Interessierten, angefangen von linken Sektierern bis zu bürgerlichen Philosophen (wobei sich dann sonderbare Übereinstimmungen herausstellen werden). Im Verlaufe dieser Diskussion würde ich eine ziemlich heftige Kritik an Gropp veröffentlichen und gleichzeitig versuchen, all das, was an seinen Auffassungen richtig ist, herauszuarbeiten und zu würdigen. Im weiteren Verlauf der Diskussion müssten dann auch Sie Stellung nehmen, wobei sehr wahrscheinlich ist, dass Sie einen Zweifrontenkrieg gegen rechts und links werden führen müssen. Halten Sie diesen Vorschlag für grundsätzlich fruchtbar? Sehr schlimm wäre es, wenn Sie unserer Zeitschrift auf Grund von Taktlosigkeiten, die in dem Aufsatz von Gropp enthalten sein mögen, Ihre weitere Mitarbeit entzögen. Um diese Möglichkeit (an die ich allerdings nicht zu glauben vermag) von vornherein auszuschalten und um der Diskussion eine gute Atmosphäre zu sichern, werde ich veranlassen, dass Ihnen der Aufsatz von Gropp, bevor er in Satz gegeben wird, abschriftlich zugeht. Falls Sie darin Formulierungen finden sollten, durch die Sie sich verletzt fühlen, und von denen Sie 242 Teil I meinen, dass sie mit sachlicher Kritik nichts zu tun haben, würde ich Sie bitten, mir dies zu schreiben; ich würde dann bei Genossen Gropp durchsetzen, dass er gewisse Formulierungen ändert. Allerdings darf hierbei nicht vergessen werden, dass Gropp mit gewissen Unverschämtheiten, die er sich Ihnen gegenüber herausnimmt, nicht allein dasteht – weder in Deutschland, noch im internationalen Maßstab – , und dass die Diskussion in unserer Zeitschrift immerhin die Möglichkeit bietet, mit diesen Unverschämtheiten, je exemplarischer sie in Erscheinung treten, desto gründlicher abzurechnen. Was Ihre Bücherwünsche betrifft, so habe ich sie noch während meines Krankenhaus-Aufenthaltes an den Deutschen Verlag der Wissenschaften weitergeleitet. Leider wechselte dort inzwischen die Verlagsleitung, und der neue Verlagsleiter, Genosse Koven, hatte wochenlang derartig viel damit zu tun, den Augiasstall seines konfusen Vorgängers auszumisten (auch einen finanziellen Augiasstall), dass er die Erledigung derartiger Fragen noch ein Weilchen hinausschieben musste. Ich verspreche Ihnen aber, unmittelbar nach meiner Rückkehr nach Berlin, also Anfang September, die Besorgung der von Ihnen gewünschten Bücher selbst in die Hand zu nehmen, so dass Sie sie in absehbarer Zeit in Händen halten werden. Die Verzögerung, die in dieser Frage eingetreten ist, bitte ich zu verzeihen. Im Krankenhaus habe ich endlich Zeit gefunden, den Fragebogen von Ernst von Salomon zu lesen, ein Buch, auf das Sie sich am Ende der Zerstörung der Vernunft beziehen. Wissen Sie, dass dieses Buch die in Deutschland meist gelesene Nachkriegs-Neuerscheinung ist? Als ich vor einem Jahr zu einer Vortragsreise in Westdeutschland war, fand ich kaum jemanden, der es nicht wahrhaft verschlungen hätte – von pensionierten Hitler-Generälen bis zu achtzehnjährigen Ladenmädchen, von Theodor Litt bis zu einem Genossen Taxi-Chauffeur, der in Heidelberg als Kassierer der KP fungiert. Aus diesem Grunde, wegen dieser Massenresonanz wäre es sehr wichtig, wenn Sie den Fragebogen einmal in einer unserer Zeitschriften (etwa Sinn und Form) einer gründlichen und gut abgewogenen Kritik unterzögen. Es wäre auch im Hinblick auf von Salomon selbst sehr gut, der von merkwürdigen Prämissen her mit uns sympathisiert. (Sie erinnern sich der Schilderung Bodo Uhses, der Behandlung des Reichstagsbrandes und der Stellungnahme zu Marx!?) Damit möchte ich heute schließen, um am Strand noch etwas von der Vormittagssonnenbestrahlung abzubekommen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr 243Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 PS. Hat Genosse Janka Ihnen wegen Rudolf Haym geschrieben?120 Wir wollen dessen Herder-Biographie zum Herder-Jubiläum im Dezember 1953 neu herausbringen, wohl wissend, dass sie Problematisches in Fülle enthält. Wir glauben jedoch, dass sie ihres Materialreichtums wegen unentbehrlich ist und den Herder-Legenden der imperialistischen Ära gegenüber, wie sie auch in der DDR (von Korff etc.) nach wie vor verbreitet werden, große Vorzüge aufweist. Janka wollte bei Ihnen, Paul Rilla und Hans Mayer anfragen, ob Sie auch dieser Meinung sind. Mit der Herder-Biographie Hayms wollen wir dann im Aufbau-Verlag die Pflege des Erbes der liberalen Literarhistoriker des 19. Jahrhunderts beginnen (Gervinus, Hettner, Georg Brandes, Haym), wobei von Haym für die nächsten Jahre – meines Erachtens – noch die Romantische Schule und der Wilhelm von Humboldt in Frage kämen – weniger das Hegel-Buch (dessen Ausgrabung im Grunde auf eine Unterstützung der Fehler des Genossen Gropp hinausliefe). Ich wäre froh, wenn Sie sich bald in positivem Sinne zu unserem Haym-Herder-Projekt äußerten. Haym wird – gerade wegen des Guten, das er geleistet hat – von der bürgerlichen Literaturwissenschaft hierzulande mit Verachtung behandelt. Ich sehe in ihm einen, wenn auch nur partiellen und oft unzuverlässig, Bundesgenossen gegen die Garde der Herder-Verfälschungen von Unger über Nadler bis Korff und bin im Übrigen der Meinung, dass der Aufbau-Verlag einer neuen fortschrittlichen Literaturgeschichtsschreibung große Dienste leisten könnte, wenn er neben Ihren Werken noch einerseits die von Mehring und andererseits das Beste, was von Gervinus, Hettner, Brandes und Haym überliefert ist, herausbrächte. Brief an Georg Lukács121 (05. September 1953) Lieber Genosse Lukács! Von meinem Ferienaufenthalt in Ahrenshoop schrieb ich Ihnen einen Brief, die folgenden Fragen betreffend: 120 (AH) Die Herder-Monographie von Rudolf Haym erschien 1954. Lukács, Paul Rilla und Hans Mayer hatten die positiven Gutachten zu dem Projekt geschrieben. Haym, Rudolf: Herder. Nach seinem Leben und seinen Werken, 2 Bde., hrsg. v. Harich, Berlin, 1954. Harichs Einleitung dort: Bd. 1, S. IX-CVII. Separater Druck der Einleitung dann ein Jahr später: Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch. Beiträge zur kritischen Aneignung des literaturwissenschaftlichen Erbes, Berlin, 1955. 121 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 05. September 1953.  244 Teil I (1) Bitte um Gutheißung des Projekts, Rudolf Hayms Herder-Biographie im Aufbau-Verlag herauszubringen. (2) Bitte um die Erlaubnis, den Aufsatz Kunst und objektive Wahrheit im vierten Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie vorveröffentlichen zu dürfen – angesichts des Umstandes, dass der Aufbau-Verlag die vermehrte zweite Auflage der Essays über Realismus erst Anfang 1954 herausbringen wird. (3) Vorschlag, den Aufsatz Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx erst in Heft eins von 1954 abzudrucken, da es sich hierbei einmal nicht um einen Vorabdruck handelt, die Veröffentlichung also nicht dem Erscheinen eines bestimmten Buches zuvorzukommen braucht. In dem gleichen Brief aus Ahrenshoop teilte ich Ihnen mit, dass bei unserer Redaktion ein ziemlich sektiererischer Aufsatz von Genossen Gropp über das Verhältnis von hegelscher und marxistischer Dialektik vorliegt, in welchem auch Angriffe gegen Ihre Hegel-Interpretation enthalten sind. Ich machte Ihnen den Vorschlag, diesen Beitrag, nachdem Sie ihn in den Fahnen gelesen haben, in unserer Zeitschrift zur Diskussion zu stellen, um im Verlauf dieser Diskussion eine Klarheit über die folgenden, bei uns sehr umstrittenen Fragen zu erzielen: (1) Das Verhältnis von materialistischer und idealistischer Dialektik. (2) Fortschritt und Reaktion in der klassischen deutschen Philosophie. (3) Größe und Grenzen der marxistischen Erschließung des deutschen philosophischen Erbes durch Lukács? Leider sind einige der Briefe, die ich aus Ahrenshoop abschickte, bei den Adressaten bis jetzt nicht angekommen. Da Sie inzwischen die erste der oben erwähnten Fragen (die Herder-Biographie von Rudolf Haym betreffend) in einem Schreiben an den Aufbau-Verlag, der sich etwa gleichzeitig in dieser Angelegenheit an Sie gewandt hatte, bereits in positivem Sinne beantwortet, mir aber noch nicht geschrieben haben, halte ich es für möglich, dass mein Brief Sie nicht erreicht hat. Ich bitte Sie, falls diese Annahme zutreffen sollte, mir dies mitzuteilen, damit ich Ihnen dann die einzelnen Punkte meines Briefes ausführlicher auseinandersetzen kann. Ich war inzwischen ziemlich heftig erkrankt und verbrachte im Mai und Juni sechs Wochen im Krankenhaus (chronische Gastritis und Magengeschwür). Den August verbrachte ich an der See. Deshalb habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben und mich 245Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 inzwischen auch nicht mehr um Ihre Bücherwünsche kümmern können. Erst jetzt kann ich diese Angelegenheit wieder in die Hand nehmen und versuchen, Ihre Wünsche so schnell wie möglich zu erfüllen. Dass Zerstörung der Vernunft inzwischen in Satz gegeben wurde, wissen Sie. Die Fahnen werden Ihnen, zusammen mit dem Manuskript, das Sie zurückerbaten, zugeschickt. Die ersten Fahnen von Beiträge zur Geschichte der Ästhetik erwarten wir täglich. Der Junge Hegel wird noch im September in Satz gegeben. Das zweite Heft der philosophischen Zeitschrift mit Ihrem Kierkegaard-Essay und die dazugehörigen Sonderdrucke werden Ihnen in den nächsten Tagen zugehen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr Brief an Gertrud Lukács122 (22. September 1953) Liebe Genossin Lukács! Vielen Dank für Ihren Brief vom 4. September 1953. Über die schlechten Nachrichten, den Gesundheitszustand Ihres Mannes betreffend, war ich sehr bestürzt, und den anderen Genossen, denen ich davon etwas mitteilte (Janka, Max Schroeder und Ernst Bloch), ging es ebenso. Bitte, geben Sie mir, wenn es geht, doch recht bald wieder Bescheid, wie es um die Gesundheit Ihres Mannes steht, und sagen Sie ihm, dass ich ihm von ganzem Herzen baldige Genesung und Kraft für die Vollendung seiner Ästhetik wünsche, die uns so dringend Not tut. Mit dem Gropp-Artikel werden wir genauso verfahren, wie Sie es für richtig halten, und wie es auch der Meinung der Herausgeber der Zeitschrift entspricht. Die Korrekturen von Zerstörung der Vernunft werden Ihnen laufend zugeschickt. Ihr Mann soll nicht um der schnelleren Fertigstellung dieses Buches willen Strapazen auf sich nehmen, die ihm schaden könnten. Wenn es nicht anders geht, müssen wir eben mit der Drucklegung noch ein wenig warten. Soweit ich mich davon überzeugen konnte, ist der Satz weitgehend einwandfrei, so dass nicht viel Korrekturarbeiten erforderlich sein werden. 122 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 22. September 1953. Das 3. Blatt als späterer Nachtrag, ab »PS«. 246 Teil I Mit Wendt konnte ich bis jetzt über die Herausgabe einer Auswahl der Gedichte von Gabor noch nicht sprechen, da er in diesen Tagen schwer zu erreichen war und keine Zeit hatte. Ich werde ihn aber noch in dieser Woche an die Angelegenheit erinnern und für baldige Verständigung mit Frau Gabor sorgen. Was den öffentlichen Angriff auf mich betrifft, so ist dies eine ziemlich harmlose Sache. Der Artikel von Besenbruch enthielt offenkundige Entstellungen, meine Ausführungen in der Berliner Zeitung betreffend, was ein anderer Genosse in einem Gegenartikel, der in der Berliner Zeitung abgedruckt wurde, nachwies. Der Angriff Besenbruchs auf den Präsidialrat des Kulturbundes und das Plenum der Akademie der Künste wurde inzwischen von Abusch ziemlich energisch zurückgewiesen. Einen berechtigten Kern hatte Besenbruchs Angriff auf mich trotzdem insofern, als ich in meiner Kritik an der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten in manchen Formulierungen etwas zu heftig vom Leder gezogen hatte, was sich aber nur auf die Form, nicht auf den Inhalt der Sache bezieht – und Formalisten sind wir doch nicht, oder?123 Etwas unangenehm ist die Angelegenheit in der Grundorganisation, in der ich organisiert bin, und die von in der Mehrzahl links-sektiererischen Studenten geleitet wird (weil die Genossen Professoren beruflich zu belastet sind). In den Auseinandersetzungen, die in diesem Kreise stattfinden, muss ich nun höllisch aufpassen, weder in der Hauptsache nachzugeben, noch mich von den Genossen Studenten zu isolieren, die mich ohnehin für einen liberalen Bourgeois mit Bildungswerten halten. Das alles ist jedoch nicht so schlimm und wird sich schon wieder einrenken. Wichtig ist allein, dass wir unseren neuen Kurs richtig durchführen, mit der überflüssigen Verärgerung vernünftiger, loyal gesinnter Menschen bei uns Schluss machen und aus den westdeutschen Wahlen lernen. Auf die Zusendung des Aufsatzes Über die Besonderheit als Kategorie freue ich mich sehr. Auch hier gilt, dass Ihr Mann sich nicht vorzeitig und unnötig mit der Durchsicht des Manuskriptes strapazieren soll. Wir haben für die nächsten beiden Hefte unserer Zeitschrift noch die Aufsätze Kunst und objektive Wahrheit und Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx von ihm, so dass wir einen neuen Beitrag erst für das Heft drei, 1954, benötigen, dessen Redaktionsschluss erst im März sein wird. 123 (AH) Gemeint ist der Artikel. Harich: Es geht um den Realismus, in: Berliner Zeitung vom 14. Juli 1953. Die Publikation Harichs war mit Brecht abgesprochen und Ergebnis der Überlegungen der beiden, den Arbeiteraufstand zur Durchsetzung politischer Reformen zu nutzen. 247Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Nochmals wünsche ich Ihrem lieben Mann gute Besserung und bin mit den herzlichsten Grüßen Ihr PS (Berlin, den 23. September 1953): Soeben erhalte ich Ihren Brief vom 15. September 1953. Vielen Dank. Dass Ihr Mann sich einer Operation unterziehen musste, erfüllt uns alle mit großer Sorge. Wir – das heißt Wendt, Janka, Schroeder und andere – sind in diesen Tagen in Gedanken immer bei ihm und hoffen, dass alles gut geht. Zu ihren Wünschen: (1) Sämtliche Fahnen von Zerstörung sind in der vergangenen Woche an Sie abgegangen. Auch die erbetenen Original-Manuskripte der beiden Kapitel Lebensphilosophie und Neu-Hegelianismus. (2) Der Titel wird in Die Zerstörung der Vernunft wunschgemäß abgeändert. (Bis zu diesem Zeitpunkt hieß das Manuskript immer nur Zerstörung der Vernunft, AH.) (3) Die gewünschten Bücher und die Reproduktion des chinesischen Bildes werde ich in den nächsten Tagen besorgen und schicken lassen. Nochmals gute Besserung für Ihren Mann und herzliche Grüße von Ihrem Brief an Gertrud Lukács124 (09. Oktober 1953) Liebe Genossin Lukács! Ich habe in diesen Tagen selbst noch einmal die Korrekturfahnen von Die Zerstörung der Vernunft durchgelesen, damit eine vollständige Beseitigung aller Druckfehler, Schönheitsfehler im Satz usw. erreicht wird. Dabei sind wir gewisse Unregelmäßigkeiten der Titelgebung in den einzelnen Kapiteln aufgefallen, die die äußere Einheitlichkeit des Buches beeinträchtigen. Ich würde vorschlagen, dass den Vorbemerkungen zu dem vierten Kapitel (Die Lebensphilosophie im imperialistischen Deutschland, Korrekturfahnen Seite 314–324) ein besonderer Zwischentitel mit römischer Ziffer I gegeben wird, etwa Wesen und Funktion der Lebensphilosophie, analog zu den Abschnitten Prinzipielle Vorbemerkung zur Geschichte des modernen Irrationalismus im zweiten Kapitel und zu Die Anfänge der deutschen Soziologie im sechsten Kapitel. Unter diesen Umständen würde sich dann die römische Bezifferung innerhalb des vierten Kapitels derart 124 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 09. Oktober 1953.  248 Teil I verschieben, dass der Dilthey-Abschnitt unter II und der Abschnitt Präfaschistische und faschistische Lebensphilosophie unter VII zu stehen kommt. Ferner würde ich vorschlagen, unter die Überschriften zu den Abschnitten der Kapitel 4 und 6 die Namen der in den betreffenden Abschnitten behandelten Denker zu setzen, also Kriegs- und Nachkriegszeit (Scheler), Der Aschermittwoch des parasitären Subjektivismus (Heidegger, Jaspers). Bitte fragen Sie Ihren Mann, ob ihm dies recht ist. Ich glaube, dass es der besseren Orientierung beim Durchlesen des Inhaltsverzeichnisses zu Gute kommt.125 Wir alle sind hier immer noch in großer Sorge wegen der Krankheit und der – hoffentlich gut überstandenen – Operation Ihres Mannes vom 16. September. Bitte richten Sie ihm nochmals die herzlichsten Genesungswünsche aus und lassen Sie uns möglichst bald wissen, wie es Ihrem Mann mittlerweile geht. Mit den herzlichsten Grüßen an Sie und ihn bin ich Ihr PS. Soeben erhalte ich Ihren (undatierten) Brief. Die Nachricht über die Genesung Ihres Mannes ist ja sehr erfreulich, auch, dass er schon wieder arbeiten kann. Nochmals viele Grüße * * * * * (AH) Bei dem undatierten Brief handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein Schreiben von Gertrud Lukács126, in dem sie Harich Mitteilung machte über den Gesundheitszustand ihres Mannes. Sie schreibe »in größter Eile«: »Georg ist nach einer schweren Magenoperation wieder zu Hause und seine Regeneration geht mit Riesenschritten vor sich. Die Ärzte sind von seiner Konstitution begeistert: Natürlich ist die Grundlage ein zäher Organismus und Stahlnerven, aber außerdem auch sehr viel Selbsterziehung. Wie Sie sicher wissen, hat er nicht nur diese Operation so gut überstanden, er hat auch in anderen Fällen Ruhe und Festigkeit gezeigt, wo viele Menschen aus den Fugen gegangen wären.« Es folgten verschiedene Angaben 125 (AH) Gertrud Lukács schrieb: Georg lässt »Ihnen sagen, dass er mit Ihren Vorschlägen einverstanden ist, nur auf einen Irrtum soll ich Sie aufmerksam machen: Bei dem Untertitel Kriegs- und Nachkriegszeit kommt nicht Scheler in die Klammer, sondern Spengler, bei Relativer Stabilisierung hingegen Scheler.« Lukács, Gertrud: Brief an Wolfgang Harich, 22. Oktober 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 126 (AH) Lukács, Gertrud: Brief an Wolfgang Harich, Oktober 1953, undatiert, 1 Blatt, maschinenschriftlich 249Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 zu den Korrekturarbeiten, mit denen Lukács bereits wieder beschäftigt war. Am 22. Oktober127 berichtete sie dann vom guten Genesungsverlauf Lukács’, den Brief unterschrieb Lukács bereits wieder mit. Brief an Georg Lukács128 (06. November 1953) Lieber Genosse Lukács! Heute haben wir die Sendung mit den Fahnen Ihres Buches Die Zerstörung der Vernunft erhalten. Nach Übertragung Ihrer Korrekturen werden die Fahnen in den Umbruch gegeben werden. Unsere Herstellungsabteilung hat uns fest zugesagt, dass das Buch dann noch in diesem Jahr auf dem Markt erscheinen wird. Gleichzeitig möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass gestern Der junge Hegel in Satz gegeben wurde, nachdem ich noch einige stilistische Korrekturen in der Schweizer Ausgabe vorgenommen hatte. Die Fahnen werden Ihnen zugehen, sobald sie vorliegen. Wichtig scheint es mir zu sein, dass Sie der in der DDR erscheinenden Ausgabe noch ein besonderes kleines Vorwort voran schicken.129 Ihre neuerlichen Bücherwünsche habe ich inzwischen an den Verlag der philosophischen Zeitschrift weitergeleitet, der sie zu erledigen versprach. Mit Genosse Janka hatte ich in dieser Frage wieder kein Glück. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr * * * * * 127 (AH) Lukács, Gertrud: Brief an Wolfgang Harich, 22. Oktober 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich 128 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 06. November 1953.  129 (AH) Lukács lehnte dieses Ansinnen ab. Am 29. November schrieb er: »Was den Hegel betrifft, so bin ich im Augenblick gegen ein neues Vorwort. Ich müsste darin ganz scharf zu allen Dummheiten in der Hegelfrage Stellung nehmen, und da meinem Gefühl nach wir nicht weit vor einer richtigen Lösung der Dinge bei unseren Freunden stehen, halte ich ein solches Vorwort nicht für richtig; es wäre wahrscheinlich verfrüht oder verspätet. Natürlich kann sich die Frage während der Drucklegung ändern, wir haben aber bis dahin noch reichlich Zeit zu einer Neuentscheidung.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 29. November 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 250 Teil I (AH) Im Oktober und November überschnitten sich die Briefe zwischen Berlin und Budapest teilweise, manche gingen verloren oder kamen erst mit wochenlangen Verspätungen an. Lukács schrieb mehrfach, dass in den Beiträgen der Aufsatz über Tschernyschewski »unbedingt zwischen Hegel und Marx gedruckt werden« müsse.130 Am 24. November fragte Lukács dann nach, warum er noch keine Bestätigung für seine Korrektursendungen erhalten habe – betreffend die ganze Zerstörung der Vernunft und die Hälfte der Beiträge.131 Dazu gab es weitere kleinere sich zeitlich überschneidende Briefe beiderseits – vor allem organisatorische Fragen betreffend. Am 29. November bestätigte Lukács dann den Erhalt des Briefes vom 6. November. Er bat um Zusendung von Exemplaren der Zerstörung der Vernunft an Thomas Mann, den Verlag Einaudi, Emilio Sereni und Roy Pascal.132 Brief an Georg Lukács133 (02. Dezember 1953) Lieber Genosse Lukács! Vielen Dank für Ihre Briefe vom 18. und 24. November. Den Empfang der Korrekturen für Die Zerstörung der Vernunft (vollständig) und Beiträge zur Ästhetik (erste Hälfte) hatte ich Ihnen in einem Brief vom 6. November 1953 bestätigt. In demselben Brief hatte ich Ihnen mitgeteilt, dass am 5. November Der junge Hegel Satz gegeben wurde. Wie es scheint, ist dieser Brief verloren gegangen. Ihr Hinweis darauf, dass der Aufsatz über Tschernyschewskis Ästhetik zwischen Hegel und Marx platziert werden muss, wird selbstverständlich berücksichtigt. Die Fahnen des Tschernyschewski-Essays werden Sie inzwischen sicher erhalten haben. Der Satz dieses Essays verzögerte sich, weil das Manuskript anderweitig, nämlich bei der Vorbereitung unserer Ausgabe von Tschernyschewskis Dissertation, benötigt wurde. Die neuerlichen Bücherwünsche, die Sie in den Briefen vom 18. und 24. November äußerten, habe ich weitergeleitet.134 Gleichzeitig habe ich mir erlaubt, für Sie die soeben 130 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 28. Oktober 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. Siehe auch: Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 26. Oktober 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 131 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 24. November 1953, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 132 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 29. November 1953, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 133 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 02. Dezember 1953.  134 (AH) Lukács hatte um folgende Bücher gebeten: Ernst Jünger: Der gordische Knoten; Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus; Werner Warsinsky: Kimmerische Fahrt; Alexander Rüstow: Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. 1 und 2; H. Kühn: Kunst und Kultur der 251Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 erschienene Ästhetik von Nicolai Hartmann135, ein Nachlasswerk, zu bestellen. Auf den Aufsatz über das Besondere freue ich mich sehr. Eine Veröffentlichung in der philosophischen Zeitschrift in Fortsetzungen ist durchaus möglich.136 Für Ihre weitere Genesung wünsche ich Ihnen alles Gute. Mit den herzlichsten Grüßen auch an Ihre Frau bin ich Ihr Brief an Georg Lukács137 (09. Dezember 1953) Lieber Genosse Lukács! Ich danke Ihnen herzlichst für Ihren Brief vom 29. November. Was die Frage des Vorwortes zum Jungen Hegel betrifft, so hatte ich nicht an irgendwelche theoretischen Auseinandersetzungen mit virulenten Abweichungen, sondern ganz einfach daran gedacht, dass die Ausgabe des Werkes im Aufbau-Verlag der Schweizer Ausgabe gegen- über eine Reihe von Veränderungen aufweisen wird, über die ein kurzer Hinweis des Autors (höchstens zwei Schreibmaschinenseiten) zusammenfassend Rechenschaft geben sollte. Es handelt sich dabei um die folgenden Veränderungen: 1) Das Buch erscheint Ihrem Wunsche entsprechend, in unserem Verlag mit einem anderen Untertitel. Vorzeit Europas; Frazer: Der goldene Zweig, »ebenfalls in den zwanziger Jahren erschien«. Die beiden zuletzt genannten Bücher seien wichtig für die Arbeit an der Ästhetik. Außerdem bat Lukács um eine Ausgabe von Kafkas Schloss. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 24. November 1953, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1.  135 (AH) Nicolai Hartmann war am 09. Oktober 1950 in Göttingen gestorben. Die Ästhetik erschien posthum 1953 bei Walter de Gruyter in Berlin, 1983 folgte eine zweite Auflage. Hartmann hatte das Manuskript 1945 noch in Potsdam-Babelsberg verfasst, es diente dann als Grundlage seiner erste Vorlesung in Göttingen, 1945/1946, woraufhin er es erneut überarbeitete. Diese Arbeit hatte er bis zu seinem Tod zu ca. einem Drittel abgeschlossen. 136 (AH) Lukács hatte angekündigt, dass er dabei sei, die Arbeit über das Besondere zu beenden. Diese sei aber sehr lang und könne nur in zwei Teilen in der Zeitschrift veröffentlicht werden. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 24. November 1953, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 2.  137 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 09. Dezember 1953.  252 Teil I 2) Oprecht hatte offensichtlich das Manuskript, so wie es war, in Satz gegeben, so dass das Buch in der Schweizer Ausgabe einen zum Teil fürchterlichen deutschen Stil aufweist, ganz abgesehen von den horrenden Druckfehlern. Es war daher nötig – und ich habe mich in den vergangenen Wochen dieser Aufgabe unterzogen – , es Seite für Seite durchzugehen und zu korrigieren, selbstverständlich ohne die geringste Veränderung des Inhalts. 3) Die Werke der Klassiker des Marxismus werden in unserer Ausgabe nach solchen Ausgaben zitiert, die in der DDR nach 1945 erschienen sind. (Mit Ausnahme der MEGA.) 4) Zitate werden grundsätzlich nicht mehr in einer anderen Schrifttype gebracht, auch dann nicht, wenn es sich um längere Zitate handelt. 5) Es wurden eine Reihe neuer Fußnoten hinzugefügt, in denen auf Stellen aus Ihren inzwischen erschienenen Werken verwiesen wird, vor allem Hinweise auf Die Zerstörung der Vernunft im Zusammenhang mit Schelling, Kierkegaard, sowie auf die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik im Zusammenhang mit Vischer. Das für die Ausgabe des Aufbau-Verlages diese Veränderungen vorgenommen wurden, erscheint mir im Hinblick auf die Tatsache, dass der Verlag von Oprecht sich weigerte, uns die Rechte zu übertragen, günstig zu sein: Sie und wir können jetzt darauf verweisen, dass es sich um eine (wenn auch nirgends den Inhalt betreffende) Überarbeitung des in der Schweiz erschienenen Buches handelt. Auf die rein formalen, äußerlichen Veränderungen sollte aber doch wenigstens in einem Vorwort kurz hingewiesen werden, und es scheint mir das Beste zu sein, dass Sie das tun. Das Eintreffen der Fahnen des Hegel-Buches erwarte ich im übrigen jeden Tag. Die Fahnen werden von uns Ihnen wieder, wie bei den beiden anderen Büchern, in großen Schüben zugestellt werden. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr PS. Die Zerstörung der Vernunft wird, sobald die Auslieferung erfolgt, an die von Ihnen genannten Adressen geschickt werden, auch an Löwith nach Heidelberg. Außerdem wollen wir diesmal Rezensionsexemplare mit einem Begleitschreiben, das auf die Wichtigkeit des Werkes hinweist, an sämtliche philosophischen Zeitschriften im Westen schicken. 253Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Georg Lukács138 (31. Dezember 1953) Lieber Genosse Lukács! Zu meinem großen Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass ich bisher sowohl beim Aufbau-Verlag, als auch beim Deutschen Verlag der Wissenschaften (der die philosophische Zeitschrift herausgibt) vergeblich versucht habe, die Erfüllung Ihrer Bücherwünsche zu erreichen. Beide Verlagsleitung erklärten, dass sie in dieser Frage nicht helfen könnten. Es sei Ihnen zwar die Anschaffung im Westen erschienener Bücher möglich, jedoch bestehe ein striktes Verbot, diese Bücher ins Ausland zu schicken. Dieses Verbot zu umgehen, sei auch nicht mehr möglich, seit Unternehmen, Organisationen und Institutionen der DDR mit dem Ausland nur noch auf dem Wege über die zuständigen Dienststellen der DDR und unser Auswärtiges Amt verkehren dürfen, die dann die Briefe, Sendungen usw. über die entsprechenden Botschaften, Gesandtschaften usw. weiterleiten müssten. Was soll man da machen? Ich werde jedenfalls die von Ihnen gewünschten Bücher auf Kosten der beiden Verlage für mich besorgen lassen und will dann versuchen, Sie als Privatperson bei der Ungarischen Botschaft mit der Bitte um Weiterleitung an Sie abzugeben. Damit die Bücher dort angenommen werden, wäre es zweckmäßig, wenn Sie von Budapest aus die Genossen in der Botschaft von der Angelegenheit in Kenntnis setzen würden. Ich hoffe, dass mein letzter Brief bezüglich der Kapitelüberschriften und der Kolumnen für Die Zerstörung der Vernunft Sie inzwischen erreichte und die bestehenden Missverständnisse aufgeklärt hat. Erinnern möchte ich bei dieser Gelegenheit noch daran, dass in Ihrem Buch Existenzialismus oder Marxismus? zum Beispiel eine Kapitelüberschrift lautet: Die dialektische Bedeutung des Annäherungscharakters der Erkenntnis, während der entsprechende Kolumnentitel, um auf eine Zeile zu gehen, abgeändert werden musste in Die dialektische Bedeutung der Erkenntnis. Die wenigen Kürzungen, die für die Kolumnentitel der Zerstörung der Vernunft vorgenommen werden mussten, sind bei weitem weniger problematisch. Die Kapitelüberschriften als solche bleiben, wie gesagt, unverändert. In der bestimmten Erwartung, dass Sie mit dieser Regelung einverstanden sein werden, haben wir den Druck des Buches fortsetzen lassen, mit Ausnahme des Registers, für das das Imprimatur erst erteilt werden kann, nachdem bei allen Bögen Revision gelesen ist. Ich rechne nunmehr fest damit, dass das Buch im Laufe des Januar ausgeliefert werden wird. 138 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 31. Dezember 1953.  254 Teil I Als nächstes Werk von Ihnen werden dann in unserem Verlag die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik erscheinen. Ihre Korrekturen sind uns zugegangen und werden berücksichtigt werden. Auch der Aufsatz über Tschernyschewski wird richtig platziert werden. Ein Exemplar des korrigierten Fahnenabzuges des Aufsatzes über die ästhetischen Schriften von Marx und Engels ist gestern, wie gewünscht, nach Japan abgeschickt worden. Mit dem Erscheinen der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik kann im Februar, spätestens März gerechnet werden. Inzwischen sind auch die ersten Abzüge des Jungen Hegel eingetroffen, den wir gleich in Bögen setzen lassen, um einen Arbeitsgang zu ersparen. Die Abzüge werden Ihnen zur Autorkorrektur, wie gewöhnlich, in wenigen größeren Schüben zugehen. Auf dem ersten Bogen sind drei Seiten für das neue kurze Vorwort freigelassen worden. Wir hoffen, dass das Buch nach Durchführung der Korrekturen im Frühjahr, das heißt April, spätestens Mai, erscheint kann. Was die philosophische Zeitschrift betrifft, so ist das Doppelheft drei/vier des Jahrgangs 1953 mit Ihrem Essay über Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer dieser Tage ausgeliefert worden. Ein Belegexemplar und die Sonderdrucke werden Ihnen demnächst zugehen. Der Aufsatz Kunst und objektive Wahrheit wird in Heft eins,1954, erscheinen, das sich zur Zeit in der Herstellung befindet. Ihre Korrekturen habe ich vor einigen Tagen erhalten und berücksichtigt. In Heft zwei, 1954, wollen wir dann Ihren Aufsatz Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx (1840–1844) veröffentlichen, den ich heute in Satz gebe. Die Fahnen werden Ihnen, sobald sie vorliegen, geschickt werden. Der Aufsatz wird dann im Laufe des Jahres 1954 an die Spitze der zweiten vermehrten Auflage der Essays über Realismus (Aufbau-Verlag) gestellt werden. (In Ihrem letzten Brief schrieben Sie übrigens Probleme des Realismus. Soll das heißen, dass Sie für die zweite Auflage eine Veränderung des Titels wünschen?) In den Heften drei und vier des Jahrgangs 1954 der philosophischen Zeitschrift wollen wir dann, in Fortsetzungen, den angekündigten großen Aufsatz über Die Kategorie Besonderheit von Ihnen veröffentlichen. Mit dem Manuskript, wenigstens mit der ersten Hälfte desselben, rechnen wir im April. Wird es möglich sein, diesen Termin einzuhalten? Bis 15. Mai 1954 spätestens müssten wir nämlich alle Manuskripte für Heft drei in Satz gegeben haben, und es wäre gut, wenn die Herausgeber vorher noch Gelegenheit hätten, den Aufsatz zu lesen. 255Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Die Fahnen zu dem Aufsatz des Genossen Gropp über Die marxistische dialektische Methode und ihren Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels sind Ihnen inzwischen zugegangen. Gropp hat beim Korrekturlesen noch eine Reihe von Veränderungen an dem Aufsatz vorgenommen, so dass es nötig sein wird, Ihnen auch noch die Revisionsbögen zu schicken. Der Aufsatz ist ziemlich lang, und so werden wir ihn in zwei Teilen in den Heften eins und zwei des Jahrgangs 1954 abdrucken. In Heft eins zunächst die Abschnitte I-V, darunter auch die Ausfälle gegen Ihren Jungen Hegel. In Heft drei, 1954, wollen wir dann die Diskussion über den Aufsatz eröffnen, wobei von den Angegriffenen zunächst die Genossen Fritz Behrens und Auguste Cornu zu Worte kommen sollen. Ich selbst habe die Absicht, einen Diskussionsbeitrag für Heft vier, 1954, zu liefern. Möglicherweise werde ich aber erst später Stellung nehmen, und zwar nachdem der zugesagte Diskussionsbeitrag von Ernst Bloch vorliegt. Die Diskussion wird sich wohl um die folgenden Punkte drehen: (1) Fortschritt und Reaktion in der klassischen deutschen Philosophie, (2) die Auseinandersetzung von Marx und Engels mit Hegel im Prozess der Entstehung der marxistischen Philosophie, (3) materialistische und idealistische Dialektik, (4) die Hegel-Interpretation von Lukács, (5) die Hegel-Interpretation von Bloch, (6) das Buch von Cornu über die Jugendgeschichte von Marx und Engels139 (das außerordentlich problematisch ist und 1954 im Aufbau-Verlag erscheinen wird). Es wäre sehr zu begrüßen, wenn Sie, wenigstens in einem fortgeschrittenen Stadium der Debatte, doch noch in die Diskussion eingreifen würden. Wie ich die Dinge beurteile, wird sich für Sie die Gelegenheit bieten, einen Zweifrontenkampf zu entfalten, der es in sich hat. 139 (AH) Auguste Cornu gehörte in der Hegel-Debatte zu den Verbündeten von Harich, Lukács usw. 1950 war sein »Einführungsbuch« in den Marxismus erschienen, das Gropp hart kritisiert hatte. Cornu, Auguste: Karl Marx und die Entwicklung des modernen Denkens. Beiträge zum Studium der Herausbildung des Marxismus, Berlin, 1950. Später erschien dann der hier gemeinte Band: Cornu, Auguste: Karl Marx und Friedrich Engels. Leben und Werk. 1. Band: 1818–1844, Berlin, 1954. Siehe außerdem: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, in: DZfPhil, Heft 4, 1954, S. 894–896. (In diesem Beitrag reagierte Cornu auf die Angriffe Gropps.) Manfred Hertwig, mit Harich befreundet, kritisierte das Werk Cornus (vor allem mit Blick darauf, dass sich Cornu in der Hegel-Debatte nicht deutlich genug positioniert habe): Hertwig, Manfred: Rezension, zu: Cornu: Karl Marx, in: DZfPhil, Heft 1, 1956, S. 100–106. 256 Teil I Zum 150. Todestag von Herder fand in Weimar eine ziemlich interessante wissenschaftliche Konferenz statt mit Referaten über Herders Philosophie, über seine Bedeutung für die Literaturgeschichte und über seine Beziehung zur Musik. Es war erstaunlich, was da alles an dauernd Fruchtbarem und heute noch Zeitgemäßem zu Tage gefördert und besprochen wurde. Sehr anregend war der Diskussionsbeitrag von Günther Jacoby, dem Greifswalder realistischen Ontologen, der nicht Kant, sondern Herder an den Anfang der klassischen deutschen Philosophie stellt. Er griff dabei liberale Anti-Hegel-Argumente von Haym bis Gropp auf, um zu dem Schluss zu kommen, dass Hegel eigentlich ganz überflüssig gewesen wäre, da man alles, was bei diesem fruchtbar sei, schon bei Herder finden könnte – aber ohne preußischen Konservatismus, ohne »Begriffskonstruktionen«, ohne Schwerverständlichkeit, kurz: Ohne all das, was »den kommunistischen Herren Kollegen mit Recht missfällt«, dafür mit einem Internationalismus, der die Lappländer und die Irokesen einbeziehe, mit einem Evolutionismus, der, im Unterschied zur Hegel, auch auf die Natur ausgedehnt werde, mit Stalinscher untrennbarer Einheit von Sprache und Denken usw. Mit diesen Ausführungen löste der alte Herr wahre Exzesse der Kritiklosigkeit gegenüber Herder, gerade bei den anwesenden Genossen, aus. Begeisterung herrschte vor allem über die Anti-Kant-Polemiken des alten Herder, und es hätte nicht viel gefehlt, dass der Weimarer Konsistorialrat zum Begründer des dialektischen und historischen Materialismus ernannt worden wäre. Um die Proportionen ein wenig richtig zu stellen, sah ich mich genötigt, nun dann doch das relativ Überlegene an Kant heraus zu streichen. Ich berichte Ihnen dies, um Ihnen zu zeigen, welche Konsequenzen das Anti-Hegeltum unter anderem in der DDR zeitigt: Auf der Suche nach einem anderen Nichtsubjektivisten in der deutschen philosophischen Tradition vor Marx stößt man auf Herder und ist von der Fülle des Guten bei diesem dann so entzückt, dass man die Proportionen richtiger Wertung nun völlig verzerrt. Für das Jahr 1954 wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau, die ich herzlich zu grüßen bitte, alles Gute und bin mit den herzlichsten Grüßen Ihr * * * * * 257Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (AH) Lukács antwortete wegen Zeitnot am 26. Januar140 nur ganz kurz auf Harichs Brief – es betraf die Bücherbestellung. Er teilte mit, dass Harich die Bücher unter seinem Namen in der ungarischen Botschaft abgeben könne. Die Sache sei sehr dringend. Gutachten zu Georg Lukács: Der junge Hegel141 (1953) Das Buch Der junge Hegel von Georg Lukács ist bereits 1948 im Europa-Verlag in Zürich und Wien erschienen. Die im Aufbau-Verlag geplante Ausgabe stellt eine stilistische Überarbeitung dieses Textes dar. Es handelt sich bei dem Buch um eine ausführliche, 716 Druckseiten umfassende, Darstellung und Analyse der Jugendentwicklung Hegels vom Ende seines Aufenthaltes im Tübinger Stift (1788–1793) bis zum Ende seiner Jenaer Periode (1806). Es schließt mit einer Interpretation der Phänomenologie des Geistes, als deren Zentralbegriff der Verfasser – dem Vorbild von Karl Marx’ Ökonomisch-philosophischen Manuskripten folgend – die Kategorie der »Entäußerung« herausstellt. Der Wert des Buches liegt meines Erachtens in folgenden Punkten: 1) Die hauptsächlichen Dokumente der Jugendentwicklung Hegels, die hier zum ersten Mal marxistisch-wissenschaftlich interpretiert werden, waren bis zur Jahrhundertwende nahezu unbekannt und sind vor allem bis zu diesem Zeitpunkt niemals veröffentlicht worden. Was die ersten Hegel-Biographen – Karl Rosenkranz, Rudolf Haym und Kuno Fischer – daraus mitteilten, war völlig oberflächlich und auf spezifisch liberale Weise borniert. Der erste, der auf diese verborgenen Schätze aufmerksam machte, war Wilhelm Dilthey mit seiner berühmten Jugendgeschichte Hegels. Wenig später, im Jahr 1907, erfolgte dann die Herausgabe der religionskritischen Fragmente der Tübinger, Berner und Frankfurter Periode Hegels durch Hermann Nohl unter dem Titel Hegels theologische Jugendschriften. Die übrigen Jugendschriften hat später Johannes Hoffmeister herausgegeben, einen Teil Georg Lasson.142 140 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 26. Januar 1954, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 141 Harich verfasste als für Lukács zuständiger Lektor im Aufbau-Verlag das Gutachten 1953. Nach langen politischen Querelen und verschiedenen anderen Verzögerungen (u. a. die Vertragssituation mit dem Schweizer Verlag) war dem Unternehmen, den Jungen Hegel in der DDR zu drucken, dann endlich Erfolg beschieden. Abdruck des Textes zuerst in: Band 5, S. 170–174.  142 (AH) Siehe die Interne Mitteilung Harichs, 4 Blatt, maschinenschriftlich, 12. September 1952.  258 Teil I Seit 1900 hat die bürgerliche Geisteswissenschaft in Deutschland nicht aufgehört, mit großer Ausführlichkeit die Jugendentwicklung Hegels zu deuten. Erinnert sei hier vor allem an das umfangreiche zweibändige Werk von Theodor L. Haering: Hegel, sein Wollen und sein Werk, das ausschließlich die Jugendentwicklung Hegels bis zur Phänomenologie behandelt.143 So unbestreitbar es ist, dass im Verlauf dieser Wiederentdeckung Hegels wertvolles neues Material zu Tage gefördert und bekannt gemacht wurde, so sicher ist auch, dass die sogenannte Hegel-Renaissance der imperialistischen Epoche, mit der diese Entdeckungen in Zusammenhang stehen, die historische Stellung Hegels verfälschte und den großen Denker durch willkürliche Ausdeutung gerade seiner Jugendschriften zu einem Vorläufer des modernen Obskurantismus – einen Lebensphilosophen, Irrationalisten und Romantiker – zu machen versuchte. Die Vorstellungen der deutschen Intelligenz über Hegel sind dementsprechend auch heute noch völlig falsch. Georg Lukács unternimmt es nun, diese Hegel-Legende der deutschen Bourgeoisie zu zerschlagen, ähnlich wie es seinerzeit Mehring mit der Lessing-Legende getan hat, nur auf sehr viel höherem philosophischen Niveau. Anhand einer sorgfältigen Analyse der neu erschlossenen Texte, in die er zum ersten Mal mit großem Scharfsinn die richtige chronologische Reihenfolge bringt, und in steter Polemik gegen die bürgerlichen Interpreten von Dilthey bis Haering weist Lukács den richtungsweisenden Einfluss nach, den die Französische Revolution auf Hegel ausübte. Überzeugend stellt er die Entwicklung Hegels von den republikanisch-demokratischen Idealen seiner Berner Periode über die Krisenzeit der Frankfurter Jahre zur Akkommodation an die nachthermidorianische Entwicklung dar, zeigt die Parallelen auf, die in Bern und Frankfurt zwischen seiner Entwicklung und derjenigen Hölderlins bestehen, deckt für die späteren Perioden die gleichgerichteten Motive der gesellschaftlichen Anschauungen Hegels und Goethes auf, grenzt Hegel scharf von der Romantik ab und betont ganz richtig seine weitgehende Selbständigkeit gegenüber Schelling, die nicht erst nach 1806, sondern von Anfang an bestanden hat. Auf neue Weise macht Lukács so die progressive Bedeutung des Übergangs vom subjektiven zum objektiven Idealismus in der klassischen deutschen Philosophie deutlich. Das Werk ist somit eine einzi- 143 (AH) Theodor Lorenz Haering, geb. am 22. April 1884 in Stuttgart, gest am 15. Juni 1964 in Tübingen. Philosophieprofessor in Tübingen. Hegel. Sein Wollen und sein Werk. Eine chronologische Entwicklungsgeschichte der Gedanken und der Sprache Hegels, 2 Bde., Leipzig, Berlin, 1929–1938. Zu Harichs Verweisen auf Haering siehe vor allem den 5. Band (An der ideologischen Front). 259Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 ge Kampfansage gegen die imperialistische Ideologie und steht im Dienst der Verteidigung des fortschrittlichen nationalen Kulturerbes gegen dessen moderne Verfälscher. 2) Von geradezu bahnbrechender Bedeutung ist die Analyse des tiefen, vorher nie genügend beachteten und ausgewerteten Einflusses, den die Klassiker der englischen bürgerlichen Ökonomie (vor allem Steuart und Adam Smith) auf die Herausbildung des dialektischen Denkens bei Hegel seit dessen Frankfurter Periode ausübten. Die damit zusammenhängenden Fragen stehen im Mittelpunkt der Arbeit, die ja auch den Untertitel trägt: Über die Beziehungen von Dialektik und Ökonomie.144 Die Gedanken von Marx über die Parallelität bestimmter gedanklicher Errungenschaften von Hegel und Ricardo werden hier bis ins Einzelne konkretisiert, und zwar anhand von Dokumenten, die Marx selbst noch nicht kennen konnte – namentlich anhand der Jenaer Vorlesungen über Realphilosophie, die erst 1931 von Hoffmeister herausgegeben wurden. Die Herausarbeitung dessen, was Hegel – im Anschluss an die englischen Ökonomen – über die Arbeit gesagt hat, gehört zu den wichtigsten Funden, die der neueren Philosophiegeschichtsschreibung je gelungen sind. 3) Seit jeher hat die Phänomenologie des Geistes, eines der genialsten, aber auch dunkelsten Bücher Hegels, den Interpreten große Schwierigkeiten bereitet. Man war sich nicht einmal über den Sinn der Disposition im Klaren und wusste nicht, dass in der Phänomenologie derselbe historische Prozess dreimal hintereinander durchlaufen und unter den verschiedenen Aspekten des subjektiven, objektiven und absoluten Geistes auf jeweils neuer Ebene entwickelt wird. Einmal als Prozess der unbegriffenen Tragödien, denen sich das Subjekt der Weltgeschichte – das gesellschaftliche Bewusstsein der Menschen – ohnmächtig ausgeliefert sieht, das zweite Mal als objektiv gesetzmäßiger Gang der historischen Entwicklung der Menschheit, das dritte Mal als der schöpferische Prozess, der die bleibenden Errungenschaften der Menschheit hervortreibt. Der einzige, der diese Eigentümlichkeit des Gedankengangs der Phänomenologie, die von sämtlichen Kommentatoren seither verfehlt wurde, richtig sah und in den Grundzügen skizzierte, war Marx in Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt, 1844. Im letzten Kapitel des Werkes von Lukács wurden nun die Hinweise von Marx 144 (AH) Der verwendete Untertitel lautete dann: (…) und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft. Der Luchterhand-Verlag verwendete dann den angegebenen Untertitel. 260 Teil I bis ins Einzelne konkretisiert. Man kann sagen, dass damit zum ersten Mal der wahre Gehalt der Phänomenologie erschlossen wird.145 4) Aktuelle Bedeutung haben die breiten Ausführungen von Lukács über die widerspruchsvollen Wirkungen, die die verschiedenen Phasen der Französischen Revolution von der Verkündung der Menschenrechte bis zur Napoleonischen Ära auf die deutsche Intelligenz ausübten. In einer Situation, in der es darum geht, die große nationale Bedeutung des Kampfes gegen Napoleon zu begreifen, ohne dabei die widerspruchsvollen und reaktionären Seiten dieser Befreiungsbewegung zu verkennen, ist die Arbeit von Lukács außerordentlich gut geeignet, uns zu einer richtigen Bewertung der verschiedenen Lager zu verhelfen, und einen wirksamen Kampf gegen die Abweichungen von der marxistischen Einschätzung dieser Epoche zu ermöglichen. Im Ganzen bin ich der Meinung, dass Lukács’ Buch über den jungen Hegel unter den marxistischen Werken, die in diesem Jahrhundert zum Zweck der Erschließung des fortschrittlichen Kulturerbes geschrieben wurden, an erster Stelle steht. Unter den Werken von Lukács, die ich, soweit sie erschienen sind, ausnahmslos gelesen habe, ist es nach meiner Meinung das bei weitem bedeutendste. In gewissen Punkten bin ich freilich anderer Auffassung als der Verfasser. So glaube ich, dass seine Einschätzung Kants allzu negativ ist, dass er sich zu weitgehend mit der Hegelschen Kritik an Kant identifiziert, so vor allem in den Fragen der Ethik. Eine Schwäche des Buches liegt auch in der fast völligen Ignorierung der naturphilosophischen Probleme, die u. a. zu einer gewissen Unterschätzung der Bedeutung Schellings führt. Das aber sind Fehler, die den Wert der Polemik gegen die reaktionäre Geisteswissenschaft und den Wert der historischen Funde, die Lukács gelingen, nicht im Mindesten aufwiegen. 145 (AH) Harichs Interpretation der Phänomenologie wurde bereits erwähnt. Alle weiterführenden Hinweise etc. bietet der 5. Band (An der ideologischen Front). 261Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Georg Lukács146 (30. Januar 1954) Lieber Genosse Lukács! Ich hoffe, dass Ihnen inzwischen unser Doppelheft 3/4, 1953 mit Ihrem Aufsatz über Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer zugegangen ist. Mit Ihrer Arbeit über die Besonderheit als Kategorie rechnen wir für unser Heft 3, 1954, dessen Redaktionsschluss auf den 1. April 1954 festgesetzt wurde. Bitte, teilen Sie uns mit, ob Sie in der Lage sein werden, das Manuskript spätestens bis zu diesem Zeitpunkt zu liefern. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr * * * * * (AH) Nach verschiedenen kleineren Briefen und Telegrammen schrieb Lukács am 18. März an Janka und Harich.147 Für seinen Brief nutzte er die Zusendung der Korrekturen des Hegel-Buches und des Marx-Aufsatzes für die philosophische Zeitschrift. Anschließend beschwerte er sich darüber, dass die Zerstörung der Vernunft immer noch nicht erschienen sei und sich dadurch ja auch der Druck der anderen Bücher verzögere: »Das ist sehr schlimm.« Er beschwerte sich außerdem darüber, dass er seine Bücher immer noch nicht erhalten habe, obwohl er bei der ungarischen Botschaft alles in die Wege geleitet habe – »jedoch auch in dieser Frage werde ich vom Aufbau-Verlag boykottiert«. Zuletzt bat er dann noch um die Zusendung von Briefpapier mit einem Kopfbogen mit seiner Adresse. Brief an Georg Lukács148 (07. April 1954) Lieber Genosse Lukács! Zur Beantwortung Ihres bitterbösen Briefes, der sich mit unserem Glückwunschschreiben gekreuzt hat, möchte ich folgendes zu unserer Entschuldigung stammeln: 1) Die Zerstörung der Vernunft erscheint in diesen Tagen. Mit dem Beginn der Auslieferung rechnen wir jeden Tag. Die Verzögerung hatte verschiedene Ursachen: Erstens war es in diesem Falle besonders schwer, ein zuverlässiges Namensregister anzufertigen 146 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 30. Januar 1954.  147 (AH) Lukács, Georg: Brief an Walter Janka und Wolfgang Harich, 18. März 1954, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 148 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 07. April 1954.  262 Teil I (das ja erst nach vollendetem Umbruch in Angriff genommen werden kann), zweitens traten bei der Druckerei Verzögerungen ein, auf die wir keinen Einfluss haben, drittens kam uns Ihr Missverständnis bezüglich der Kolumnentitel in die Quere. Jetzt ist aber alles überstanden und wir hoffen, bald die Belegexemplare versenden zu können. Westdeutsche philosophische Zeitschriften reißen sich bereits um Besprechungsexemplare, was sie sonst nie tun. Sogar die neuthomistische Zeitschrift Die Scholastik will einen ausführlichen Scheiterhaufen S. J. in ihren Spalten entzünden. 2) Mit Ihren anderen Büchern steht es zur Zeit folgendermaßen: Die Beiträge zur Geschichte der Ästhetik sind nach Durchführung der Korrekturen in Umbruch gegangen. Mit dem Eintreffen der Revisionsbögen rechnen wir jeden Tag. Das Imprimatur wird dann laufend Bogen für Bogen erteilt, gleichzeitig wird das Namensregister hergestellt werden, das in diesem Falle nicht solche Schwierigkeiten bereiten wird wie bei der Zerstörung der Vernunft. Am Jungen Hegel werden zur Zeit Korrekturen durchgeführt. Die Essays über Realismus, erweitert um den Aufsatz Kunst und objektive Wahrheit, wollen wir bis Juni in Satz geben. Bei dem Erscheinen dieser drei Bücher kann unter Umständen eine gewisse Verzögerung dadurch eintreten, dass wir (und nicht nur wir, sondern alle Verlage der DDR) im II. Quartal mit erheblichen Papierschwierigkeiten zu kämpfen haben, die durch unvorhergesehenen Schulbuchdruck und Exportaufträge bedingt sind. Eine Kürzung unseres Papierkontingents ist zwar nicht erfolgt, aber die Lieferung wird sich verzögern. Natürlich werden wir versuchen, es so einzurichten, dass Ihre Bücher davon möglichst nicht betroffen werden. Aber fest versprechen können wir das nicht. Jedenfalls aber sollen alle drei Bücher noch in diesem Jahr erscheinen. 3) Das Buch über den historischen Roman würde ich vier bis sechs Wochen nach Eintreffen des Manuskripts beim Verlag in Satz geben. Ob ein Erscheinen noch in diesem Jahr möglich ist, weiß ich jedoch nicht. Unter Umständen müsste man, wenn das Buch unbedingt noch in diesem Jahr erscheinen soll, die zweite, vermehrte und verbesserte Auflage der Essays über Realismus bis zum nächsten Jahr zurückstellen. 4) Was die aus Westdeutschland bestellten Bücher betrifft, so verstehe ich Ihren Zorn vollständig, kann aber wirklich nicht mehr tun, als ich getan habe. Eine Richtigstellung: Der Aufbau-Verlag boykottiert Sie in dieser Frage nicht. Er hat vielmehr mit der ganzen Angelegenheit gar nichts mehr zu tun, nachdem er es auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen ablehnen musste, Ihnen die Bücher zu besorgen und zu schicken. Dasselbe gilt für den Deutschen Verlag der Wissenschaften, der die philosophische 263Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Zeitschrift herausgibt. Die Bücher sind, nachdem beide Verlage in der Sache nichts machen konnten, von mir persönlich bestellt worden. Ich habe dabei die Kontingente an westdeutschen Büchern, die mir persönlich einerseits bei der Universität, andererseits als Herausgeber der philosophischen Zeitschrift zustehen, ausschließlich für Ihre Wünsche in Anspruch genommen und in beiden Fällen überzogen, so dass ich selber eigene Wünsche ganz und gar zurückstellen muss. Auf die Lieferung dieser Bücher warte ich nun – seit Wochen, seit Monaten. Sobald sie erfolgt ist, gebe ich die Bücher, wie verabredet, bei der Ungarischen Botschaft in Berlin für Sie ab, dann lasse ich die Kosten dafür von Ihrem nächst fälligen Honorar bei der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abziehen und auf mein Konto überweisen. Sie können versichert sein, dass ich Ihnen zu Liebe sehr gerne sowohl meine eigenen Bücherkontingente opfere, als auch die ganz und gar illegale Handlung begehe, die geistige Konterbande nach Ungarn zu verschieben. Aber es liegt außerhalb meiner Möglichkeiten, die zentrale Beschaffungsstelle für westdeutsche und ausländische Literatur in Trab zu bringen, die bei uns außerordentlich langsam und unzuverlässig arbeitet. Eine Besorgung der Bücher direkt in Westberlin kommt angesichts des Wechselkurses von Ost- und Westmark und wegen der Polizeikontrollen, denen Ihr Name wohl erst ein Begriff sein wird, wenn wir gar keinen Staat und also auch keine Polizei mehr brauchen, nicht in Frage.149 5) Die Wünsche Ihrer Frau, das Briefpapier betreffend, wird wohl Genosse Janka erledigen können. Ich werde ihn noch einmal an diesen Ihren Wunsch erinnern. Dass das Kapitel der Ästhetik über das Besondere für die philosophische Zeitschrift nicht in Frage komme, vermag ich nicht einzusehen. 270 Maschinenseiten füllen un- 149 (AH) In einem Brief an Harich, der gleich ausführlicher vorgestellt wird, schrieb Lukács zur Bücherfrage: »Ich bin zwar gerührt darüber, dass Sie Ihren Valutafonds für mich opfern, ich halte aber dies nicht für die richtige Lösung. Wenn ich in Berlin leben würde, so wäre ein eigener Valutafonds eine Selbstverständlichkeit. Da meine Rolle in der deutschen Kulturrevolution eine ganz alleinstehende ist – ich kann das, ohne mich zu rühmen, sagen – so wäre es für die Partei ohne weiteres möglich, hier eine Ausnahme zu statuieren, ohne eine Angst davor zu haben, dass dabei ein gefährlicher Präzedenzfall entsteht. Wenn ich das Manuskript des Historischen Romans abschicke, werde ich in dieser Angelegenheit einen Brief an Becher schreiben, auf Grundlage dessen Sie mit ihm diese Frage durchsprechen sollen. Unserer Partei und Regierung hat die Wichtigkeit dieser Sache eingesehen und die von Ihnen erwähnte Transportfrage entsprechend erledigt. Sie haben aber mir seinerzeit nur dieses Hindernis erwähnt. Ich habe das Hindernis entfernt – und siehe da – nichts ist geschehen.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 19. April 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 264 Teil I gefähr 150 Druckseiten unserer Zeitschrift, die neuerdings in dickerem Format (15 bis 17 Druckbogen pro Heft) erscheint. Es ist also durchaus möglich, diese Arbeit in zwei Fortsetzungen zu je 75 Druckseiten zu bringen. Sie würden der Zeitschrift mit der Überlassung dieser Arbeit zum Vorabdruck wieder einen großen Dienst erweisen. Bitte schicken Sie mir also das Manuskript trotz Ihrer Bedenken – und zwar möglichst bald. Dass eine Kürzung und ein Herausgreifen von Details unmöglich ist und nicht in Frage kommt, weiß ich ja nun; ein Abdruck in Fortsetzungen ist sicher nicht unmöglich. Vielleicht haben Sie im Neuen Deutschland neulich den Angriff von Gropp gelesen. Sie kennen ja die Vorgeschichte des Aufsatzes von Gropp über Die marxistische dialektische Methode und ihren Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels, ein Aufsatz, in dem die Hegel-Interpretationen von Ihnen, Bloch, August Cornu und Fritz Behrens angegriffen werden. Diesen Aufsatz bringen wir in den Heften eins und zwei des Jahrgangs 1954, und zwar wegen seiner Länge in zwei Teilen. Gropp war das nicht recht, und nachdem er uns brieflich gedroht hatte, für den Fall, dass der Aufsatz nicht vollständig in einem Heft erscheine, hielt er auf einer gesellschaftswissenschaftlichen Konferenz in Berlin eine flammende Rede gegen angeblichen Sozialdemokratismus in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Auf derselben Linie liegt der Artikel im Neuen Deutschland. Sie werden dort als Sozialdemokrat und Hegelianer angegriffen, und von mir schreibt Gropp, ich würde meine redaktionelle Tätigkeit in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie dazu ausnutzen, die Veröffentlichung marxistische Arbeiten (er meint: seine eigene) zu verhindern. Die Sache sieht äußerlich sehr böse aus, ist aber nicht sehr ernst zu nehmen. Unsere Parteileitung wusste von dem Artikel Gropps nichts und missbilligt ihn. Der Redakteur beging den Fehler, ihn abzudrucken, ohne sich über den wahren Sachverhalt zu erkundigen. Jetzt ist die Lage die, dass Ernst Bloch den Gropp wutschnaubend beim Leipziger Philosophischen Institut auszubooten versucht und ausgerechnet ich ihm, Bloch, diese auch ganz übertriebene Reaktion ausreden muss, die wir uns angesichts des Kadermangels einfach nicht leisten können. Jedenfalls habe ich jetzt die hohe Ehre, von Gropp in ein und dem selben Artikel angegriffen worden zu sein wie Sie. Sie werden aber verstehen, wie mir zu Mute ist, wenn ich in dieser Situation einen Brief von Ihnen erhalte, in dem ich bezichtigt werde, sie zu boykottieren. 265Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gesundheitlich gut geht. Mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihre Frau, bin ich Ihr PS. Die Korrekturen des Aufsatzes Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie habe ich dankend erhalten, ebenso die restlichen Korrekturen des Buches über den Jungen Hegel. * * * * * (AH) Am 19. April150 bedankte sich Lukács bei Harich, Janka und Schroeder für die übermittelten Geburtstagswünsche. Besonders habe er sich darüber gefreut, dass der Aufbau-Verlag ihn als einen »Teilnehmer des Kampfes um die Wiederherstellung der autochtonen Kultur und nationalen Einheit des freien deutschen Volkes« betrachte und würdige. Er war sichtlich gerührt und gab sich daher große Mühe, die kurz zuvor geäußerte Kritik am Verlag, zumindest in Schärfe und Vokabular, zurückzunehmen: »Aber gerade diese intime Zusammenarbeit ist – so glaube ich – die Ursache, dass von Zeit zu Zeit, zum Glück nicht allzu häufig, vorübergehende Missverständnisse zwischen uns auftauchen.« Was seine Bücher angehe – so hätten diese »eine bestimmte politische Wichtigkeit«, auch mit Blick auf das Erscheinungsdatum. Aber all dies seien natürlich Probleme, über die man reden könne, ihm gehe es darum, »dass Ihr mich über diese Fragen nicht laufend informiert habt«. Ähnlich stehe die Sache mit den Bücherbestellungen. »Ich glaube aber, dass meine – minimale – Informiertheit über das, was in Westdeutschland erscheint, eine Voraussetzung meiner richtigen Mitarbeit in unserer großen gemeinsamen Sache ist.« Mit allen anderen organisatorischen und inhaltlichen Vorschlägen erklärte er sich einverstanden und wies noch einmal darauf hin, dass »der ›bitterböse Brief‹ durch rechtzeitige Information vermeidbar gewesen« wäre. Als Anlage schickte er unter anderem das Manuskript des Besonderen-Kapitels aus der Ästhetik. Zu den Hegel-Kontroversen erklärte er: »Ich danke Ihnen für die Information in der Angelegenheit Gropp. Ich glaube die Sache ist ganz unwesentlich. Dass Gropp auf die Deborin-Periode zurückgreift, zeigt einen komischen Grad der Unwissenheit. Daran bin ich aber hier bei den ›marxistischen‹ Philosophen gewöhnt.« Abschließend äußerte er dann noch einige Bücherwünsche – allesamt Publikationen aus der DDR: Korff: Geist der Goethezeit, »ich glaube vier Bände«, »die Zeitschrift Sowjetwissenschaft, beide Serien, ab 1954«, Becher: Poetische Konfession, Aufbau, Stephan Heym: Goldsborough, Saltykow Schtschedrin: Die Herren Taschkenter, Rütten und Loening. 150 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 19. April 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 266 Teil I Brief an Georg Lukács151 (21. April 1954) Lieber Genosse Lukács! Vor ein paar Tagen hat endlich die Auslieferung der Zerstörung der Vernunft begonnen. Ich hoffe, dass Sie das in Leder gebundene Exemplar inzwischen erhalten haben. Ich habe heute die folgenden Bitten: 1) Bitte schicken Sie, trotz Ihrer Bedenken wegen der Länge, möglichst bald das Kapitel aus der Ästhetik über das Besondere, das wir in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie in zwei Fortsetzungen veröffentlichen wollen. 2) Wir bereiten zur Zeit im Aufbau-Verlag in unserer Serie Klassisches Erbe aus Philosophie und Geschichte eine neue Ausgabe der gesamten Hegelschen Ästhetik (Nachdruck aus der alten Gesamtausgabe, in der Hegel bekannt geworden ist, in der ihn auch Marx und Engels gelesen haben) vor. Wir wollen die Ästhetik ungekürzt in einem Band von ca. 1300 Seiten bringen und Ihren Essay über Hegels Ästhetik, der auch die ungarische Ausgabe einleitet, an die Spitze stellen. Sind Sie damit einverstanden?152 3) Wir bereiten zur Zeit die zweite, bis zur Vollständigkeit ergänzte Auflage unserer sechsbändigen Heine-Ausgabe vor. Wir wollen an die Spitze des ersten Bandes die Heine-Biographie von Franz Mehring und Ihren Essay über Heine als nationaler Dichter stellen.153 Beide Arbeiten ergänzen sich vorzüglich: Mehring ist hinsichtlich des Biographischen konkreter, während die Analysen, die Sie in Ihrem Essay geben, die Mehringschen Fehler (zum Beispiel in der Einschätzung der Bäder von Lucca, der Börne-Angelegenheit usw.) korrigieren. Sind Sie mit dieser Lösung einverstanden? Von den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik erwarten wir jetzt täglich das Eintreffen der Umbruchbogen, die wir dann nach nochmaliger kurzer Überprüfung der Korrekturen sukzessive in Druck geben wollen. Die bestellten Bücher sind leider immer noch nicht eingetroffen. Sobald sie da sind, gebe ich sie an die Botschaft weiter. Ihre Wünsche bezüglich des Briefpapiers hat inzwischen Genosse Janka erledigt. Sehr froh wäre ich, 151 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 21. April 1954.  152 (AH) Hegel: Ästhetik. Mit einem einführenden Essay von Georg Lukács, hrsg. von Friedrich Bassenge, Berlin, 1955. Der Band hatte 1174 Seiten. 153 (AH) Gemeint ist: Heine, Heinrich: Gesammelte Werke in sechs Bänden, hrsg. von Wolfgang Harich, 2., verm. u. verb. Aufl., Berlin, 1954–1956.  267Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 wenn Sie gelegentlich Zeit fänden, sich darüber zu äußern, wie Sie unsere philosophische Zeitschrift finden. Haben Sie Heft 1, 1954, mit Ihrem Aufsatz Kunst und objektive Wahrheit schon erhalten? Mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihre Frau, bin ich Ihr * * * * * (AH) Am 27. April154 schrieb Lukács, dass er »das schöne Exemplar« der Zerstörung der Vernunft erhalten habe. In Betreff der Vorworte zu Hegels Ästhetik und Heines Werken stimmte er den Vorschlägen Harichs zu. Mit Blick auf den Artikel von Gropp erklärte er: »Den Artikel von Gropp (habe ich) nur durchgeblättert; ich bin in meiner alten Ansicht noch bestärkt, dass ich darauf nicht antworten werde und Sie, Genosse Harich, müssen die unangenehme Aufgabe auf sich nehmen, diese Mistgrube zu reinigen.« Brief an Georg Lukács155 (05. Mai 1954) Lieber Genosse Lukács! Ich bestätige Ihnen dankend den Empfang Ihres Briefes vom 19. April 1954 und vor allem der Manuskripte Der historische Roman und die Kategorie Besonderheit. Auf den ausführlichen Brief werde ich in den nächsten Tagen noch antworten. Heute möchte ich Sie bitten, uns möglichst bald eine Liste mit den Namen derjenigen Persönlichkeiten zu schicken, denen wir in Ihrem Auftrage je ein Exemplar von Die Zerstörung der Vernunft übersenden sollen. Sie hatten vor längerer Zeit schon einmal ein Zettelchen mit ein paar Namen geschickt, das aber leider nicht mehr auffindbar ist. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr * * * * * 154 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. April 1954, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 155 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 05. Mai 1954.  268 Teil I (AH) Lukács antwortete am 15. Mai.156 Er bat um die Zusendung der Zerstörung der Vernunft an folgende Personen: Ernst Fischer, Thomas Mann, Emilio Sereni, Cesare Casas, Renato Solmi, Jean T. Desanti, Emile Bottigelli, André Wurmser, Claude Morgan, J. D. Bernal, Roy Pascal, Jack Lindsay, Samuel Sillen, Theun de Vries, Campagnolo Venezia. Brief an Georg Lukács157 (19. Mai 1954) Lieber Genosse Lukács! Ich möchte mich heute wieder mit ein paar Anfragen, die Herausgabe Ihrer Bücher und anderes betreffend, an Sie wenden und Sie bitten, sie möglichst bald zu beantworten. 1) Aus zwei Gründen ist es nicht möglich, alle Bücher von Ihnen, die zur Zeit beim Aufbau-Verlag »anstehen«, so schnell hintereinander herauszubringen, wie wir das selber wünschen würden: a) Die Papierlage ist hier ziemlich angespannt, b) die Verlagsproduktion muss einigermaßen gemischt ausfallen, damit wir uns nicht dem Vorwurf aussetzen, durch Bevorzugung bestimmter Autoren andere wichtige Aufgaben zu vernachlässigen. An dem Plan, im Produktionsjahr 1954 vier Bücher von Ihnen herzustellen, wollen wir dennoch festhalten, das vierte – die zweite, vermehrte und verbesserte Auflage der Essays über Realismus – wird jedoch erst am Ende des Jahres herauskommen können. Das bedeutet, dass Der historische Roman und der erste Band der neuen Ästhetik erst 1955 erscheinen würden. Ich schlage vor, die Essays über Realismus im August 1954, den Historischen Roman im November 1954 und den ersten Band der Ästhetik im Januar, Februar 1955 (falls Sie das Manuskript bis dahin liefern können) in Satz zu geben. Es würden dann voraussichtlich erscheinen können: Essays über Realismus im Dezember 1954, Der historische Roman im Frühjahr 1955, der erste Band der Ästhetik im Sommer 1955. Ist Ihnen das Recht so? 2) Bei den Essays über Realismus erheben sich folgende Probleme: a) An zwei Stellen nehmen Sie in positiv wertendem Sinne auf André Gide158 Bezug. Sowohl Sie selbst als auch Max Schroeder scheinen das bei der ersten Auflage übersehen zu haben. Ist es 156 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 15. Mai 1954, 1 Blatt, maschinenschriftlich. (Im Original falsch datiert.) 157 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 19. Mai 1954.  158 (AH) Lukács bat um Angabe der entsprechenden Passagen. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. Mai 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1. 269Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Ihnen nun recht, dass ich das durch kleine Streichungen korrigiere? b) In der Polemik gegen Bloch und Hanns Eisler (Es geht um den Realismus) sprechen Sie an einer Stelle von »den Eislers« (»Es mag den Eislers überlassen werden, den Montagewert der zerschlagenen Stücke dieses Meisterwerks abzuschätzen (…)«, S. 186). Dieser Plural ist in der DDR missverständlich, da zu »den Eislers« hier sofort auch Gerhart Eisler gerechnet wird, der mit der Sache nichts zu tun hat. Ich würde empfehlen, zu sagen: »Es mag Bloch und Eisler überlassen werden (…)«, oder besser: »Eisler und Bloch«.159 c) Ich würde eine Erweiterung des Buches um mehrere Aufsätze empfehlen. Einmütigkeit besteht bereits darüber, dass wir in der neuen Auflage den Essay Kunst und objektive Wahrheit an die Spitze stellen wollen. Es scheint mir jedoch richtig zu sein, außerdem aus Schicksalswende den Essay Erzählen oder beschreiben? in die Essays über Realismus zu übernehmen, da er thematisch ganz und gar hierher gehört und in Schicksalswende in gewissem Sinne ein Fremdkörper ist. Schließlich würde ich in die Essays über Realismus auch noch Ihren Artikel gegen den Schematismus in unserer neuen Literatur aufzunehmen empfehlen. Ich entsinne mich, dass Auszüge daraus vor einigen Jahren in dem Mitteilungsblatt der Deutschen Akademie der Künste erschienen sind, es käme also noch darauf an, den vollständigen deutschen Text an uns zu übersenden. Und vielleicht sind in Ungarn inzwischen noch weitere Aufsätze, Artikel usw. entstanden, die sich gut in den Rahmen der Essays über Realismus einfügen würden!? d) Wenn wir uns für die Erweiterung um die genannten Stücke entscheiden, so müssten wir wissen, an welche Stelle sie in der neuen Auflage des Buches platziert werden müssten. e) Angesichts der Erweiterung der zweiten Auflage würde sich schließlich auch ein neuer Titel empfehlen. Sie schrieben in einem Brief einmal von dem Buch Probleme des Realismus; das war zwar ein Versehen, läuft aber, wie mir scheint, doch auf einen guten Vorschlag für einen neuen Titel hinaus. 3) Zum Historischen Roman möchte ich, im Einverständnis mit Max Schroeder, zu bedenken geben: a) Nicht berücksichtigt ist der sowjetische historische Roman (zum Beispiel Alexei Tolstoi). b) Die Beurteilung Feuchtwangers, die zur Zeit der Entstehung des Buches sicher richtig war (wenn auch im Tone manchmal, verzeihen Sie!, etwas »gnädig«), hält angesichts der neueren Werke Feuchtwangers vielleicht nicht mehr ganz stand, wirkt nicht mehr ganz gerecht. Wäre es Ihnen möglich, über diese Fragen etwas Berichtigendes im Vorwort hinzuzufügen? Es würde möglichen Vorwürfen die Spitze abbrechen, mögliche Pikiertheiten vermeiden helfen und käme endlich auch dem 159 (AH) Mit dem Änderungsvorschlag war Lukács einverstanden. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. Mai 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1.  270 Teil I Aufbau-Verlag in puncto Absatz zustatten (da zum Beispiel Alexei Tolstoi und Feuchtwanger bei uns erscheinen und durch die Pressekritiken leider gar nicht genügend propagiert werden).160 4) In die neue, vermehrte und verbesserte Auflage unserer sechsbändigen Heine-Ausgabe möchte ich, außer der Heine-Biographie von Mehring, auch Ihren Essay über Heine als nationalen Dichter aufnehmen. Beides ergänzt sich ausgezeichnet, da einerseits Mehring biographisch farbiger ist, andererseits Ihr Essay theoretisch tiefer und Mehringsche Fehleinschätzungen implicite korrigierend. Die Zusammenstellung beider Arbeiten im ersten Band der Ausgabe wäre angesichts dessen, dass ein größeres marxistisches Werk über Heine noch fehlt, außerordentlich nützlich. (Es folgt die gekürzte Wiedergabe des Inhaltsverzeichnisses der 6 Bände der Heine-Ausgabe, hier weggelassen, AH.) Frage: Sind Sie mit dem Vorschlag, Ihren Essay in den ersten Band aufzunehmen, einverstanden? 5) Wir wollen noch in diesem Jahr in einem Band (einem sehr dicken) die ganze Hegelsche Ästhetik, ungekürzt, herausbringen – mit Ihrem diesbezüglichen Essay als Einleitung. Frage: Sind Sie auch damit einverstanden? Eine Vorbemerkung würde darauf hinweisen, dass der Essay als Einleitung für die ungarische Ausgabe der Hegelschen Ästhetik geschrieben wurde.161 6) Nun zu der Arbeit über die Kategorie Besonderheit. Ich finde sie ganz ausgezeichnet und hochinteressant. Allerdings frage ich mich: Wenn das ein Kapitel Ihrer neuen Ästhetik ist, ist dann nicht die außerästhetische Problemgeschichte etwas reichlich lang geraten? Wenn Sie jeder ästhetischen Kategorie eine solche Vorgeschichte vorausschicken wollen, dann kommt entweder die Erklärung der Freude an Blumensträußen, kunstvoll 160 (AH) Lukács antwortete: »In Bezug auf den Historischen Roman möchte ich bemerken, dass der historische Roman des sozialistischen Realismus ausdrücklich und planmäßig nicht behandelt wurde. Es wäre unmöglich, über Alexej Tolstoi zu schreiben, ohne auf alle Probleme der Sowjetperiode einzugehen, was für mich jetzt unmöglich ist. Was Feuchtwanger betrifft, so gilt für ihn dasselbe, wie für Heinrich Mann. Ich habe im Vorwort ausdrücklich erwähnt, dass ich den zweiten Teil von Henri IV. nicht berücksichtigen konnte. An dieser Stelle des Vorworts könnte eingefügt werden, dass dasselbe auch für Feuchtwanger gilt.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. Mai 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1. 161 (AH) Lukács bekräftigte sein Einverständnis zu den Projekten Heine und Hegel. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. Mai 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1.  271Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 garnierten Torten, Hexametern und Balzacschen Schurken zu kurz, oder das Werk wächst sich zu einer ganzen Enzyklopädie aus. Natürlich ist die ganze Sache für die philosophische Zeitschrift hervorragend geeignet. Sie muss hier unbedingt in Fortsetzungen gebracht werden, wobei hier aus den Nachteilen, die die Arbeit innerhalb eines Buches über Ästhetik haben mag, sofort Vorteile werden, insofern, als die breite Klärung des Problems Allgemeines-Besonderes-Einzelnes noch ganz diesseits des Ästhetischen für alle Disziplinen der Philosophie von allergrößter Bedeutung ist, zumal für die Logik, um die hier fürchterliche Kämpfe entbrannt sind, und für die Konkretisierung der Vorstellungen über das Wesen der dialektischen Methode. Dazu kommt, dass der Aufbau-Verlag den ersten Band Ihrer Ästhetik (in den die Arbeit ja wohl hineingehört) erst im Sommer des nächsten Jahres wird herausbringen können, und es ein sträflicher Fehler wäre, einen schon verfügbaren so wichtigen Teil daraus bis dahin den Lesern vorzuenthalten. Ich empfehle daher, folgendermaßen zu verfahren: Die Arbeit in der philosophischen Zeitschrift in Fortsetzungen zu bringen, und zwar so, dass jeweils ein sinngemäß zusammengehöriger Teil in einem Heft unter einer besonderen Überschrift erscheint und in den Schlussanmerkungen des betreffenden Heftes die Fortsetzungen angekündigt werden. In Heft drei,1954, würden wir zunächst unter dem Titel Das Problem des Besonderen in der klassischen deutschen Philosophie den kleinen Vorabschnitt (über mittelalterlichen Universalienrealismus usw.), den Abschnitt über Kant und Schelling und den über den Hegelschen Lösungsversuch bringen; in Heft vier, 1954, Das Besondere im Lichte des dialektischen Materialismus; in Heft eins, 1955, Das ästhetische Problem des Besonderen in der Aufklärung und bei Goethe; in Heft zwei, 1955, Das Besondere als Zentralkategorie der Ästhetik, wobei wir dies letztere Heft dann um einige Bogen dicker machen würden. Ca. zwei Monate nach Heft zwei, 1955, würde dann der erste Band der Ästhetik im Aufbau-Verlag als Buch erscheinen. Und wenn sich, wider Erwarten, doch die Möglichkeit ergeben sollte, den ersten Band der Ästhetik noch früher herauszugeben, dann wäre der Vorabdruck der Teile I-IV der Arbeit über das Besondere doch immer noch ein derartiger Gewinn gewesen, dass ein etwa gleichzeitiges Erscheinen des Teiles V in Heft zwei, 1955, der Zeitschrift und im Rahmen des Buches demgegenüber kein Schaden wäre. Frage: Sind Sie mit dieser Lösung einverstanden? 7) Dringend benötigen wir im Aufbau-Verlag die Liste mit den Namen der Personen, an die wir Freiexemplare der Zerstörung der Vernunft schicken sollen. Der Zettel, den Sie uns vor einigen Monaten schickten, ist leider verloren gegangen – zum Glück nicht 272 Teil I durch meine Schuld. Ich habe nur noch die Namen Thomas Mann und Löwith in Erinnerung, an die das Buch denn auch abgegangen ist. Wer waren die anderen Adressaten? 8) Das Honorar für Kunst und objektive Wahrheit habe ich bei der philosophischen Zeitschrift vorläufig zurückhalten lassen für den Fall, dass die für Sie bestellten Bücher einträfen, die ich dann gleich davon hätte bezahlen lassen. Leider sind die Bücher immer noch nicht eingetroffen. (Es geht mir übrigens in dieser Hinsicht nicht allein so, auch alle anderen Dozenten hier haben denselben Ärger.) Inzwischen ist nun aber Heft zwei, 1954, mit Ihrem Aufsatz über die philosophische Entwicklung des jungen Marx, im Anrollen, und nun werde ich das Honorar für das vorige Heft abschicken lassen, da bereits ein weiteres Honorar in wenigen Tagen fällig ist. Was nun dieses weitere Honorar betrifft, so möchte ich Sie bitten, mich daran mit einem Drittel zu beteiligen – zum Entgelt für die Arbeit, die ich mit der breiteren Auswalzung Ihrer kargen Andeutungen, mit der Überprüfung der Zitate usw. hatte. Es wäre mir ziemlich angenehm. Übrigens: Ihre Bemerkung zu dem Aufsatz, meine Mitarbeit daran betreffend, wird in Heft zwei, 1954, in den Schlussanmerkungen erscheinen. Allerdings habe ich Ihren Text aus der Ich-Form in die dritte Person übersetzt und bei der Gelegenheit gleich die überschwänglichen Vokabeln, mit denen Sie mich beehren, wie »selbstlos« und »hingebungsvoll«, gestrichen, weil es sich wohl nicht ganz gehört, sich in einer Zeitschrift, zu deren Herausgebern man gehört, derart herausstreichen zu lassen. Sind Sie einverstanden? 9) Den Brief an Genossen Becher hat Janka gleich weiterbefördert. Ich hoffe sehr, sehr, dass seine Exzellenz in der leidigen Bücherangelegenheit mehr auszurichten vermag als ich. Sie ahnen nicht, wie mich die Sache bedrückt. Stellen Sie sich vor, dem jungen Fichte wäre, etwa zur Zeit der Kritik aller Offenbarung, etwas derartiges Kant gegenüber passiert, und Sie haben ein Bild meiner inneren Qualen. Ende Mai findet hier eine kleine Konferenz der Parteiphilosophen und derer, die es werden wollen, statt. Vier Tagesordnungspunkte: (1) Genosse Gropp über Entstellungen der marxistischen Philosophie in der DDR; (2) Genosse Harich über unser Verhältnis zur klassischen deutschen Philosophie; (3) Genossen Besenbruch und Heise über einige aktuelle Fragen der marxistischen Ästhetik; 273Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (4) Genosse Kosing: Kritik der bisher erschienenen Hefte der philosophischen Zeitschrift. In den Einladungen findet sich die Bemerkung, dass die Referenten ihre persönliche Meinung wiedergäben. Da nun die anderen Referenten alle links neben sich selber stehen, werde ich sicher fürchterliche Prügel beziehen. Was Gropp für Entstellungen der marxistischen Philosophie hält, wissen Sie ja. Besenbruch und Heise nehmen mir einen Aufsatz in Sinn und Form über die Empfindung des Schönen übel162 (zum Teil übrigens nicht ganz mit Unrecht, aber unter maßloser Überspitzung dessen, was sich tatsächlich dagegen einwenden ließe). Kosing gar hat gegen die philosophische Zeitschrift die schlimmsten Ressentiments.163 Es geht ihm wie dem Mann, der beim Zahnarzt im Wartezimmer ein Buch liest, das ihm nichts als Kopfschütteln abnötigt, dann feststellt, dass es sich um die Hamburgische Dramaturgie von Lessing handelt, und es kopfschüttelnd weglegt mit den Worten: »Die Sorgen von Herrn Lessing möchte ich auch mal haben.« In diesem Sinne findet Kosing zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit Kierkegaard »völlig abwegig«, während er andererseits die logisch-mathematischen Formeln von Karl Schröter von wegen ihrer Exaktheit und als Symbole des Bündnisses mit fortgeschrittener bürgerlicher Wissenschaft durchgehen lässt. Na, ich werde tüchtig zurückprügeln. A propos: Wie finden Sie denn die philosophischen Zeitschrift? Ich finde: Es lässt sich sicher viel dagegen sagen, aber sie hat einen Vorzug: Dass sie für eine einigermaßen anspruchsvolle philosophisch interessierte Intelligenz genießbar und interessant ist, und das ist doch schon etwas. Mit den herzlichsten Grüße, auch an Ihre Frau, Ihr PS. Unter uns gesagt: Es tut sich hier was zur Vorbereitung Ihres 70. Geburtstages. Da Sie ja nicht in der Lage meiner Tochter Kathrinchen sind (ich schicke beiliegend ein Bild von ihr), vor der man natürlich Geburtstagsgeschenke so lange versteckt, bis es so weit ist, sondern Vorfreuden auch zu schätzen wissen, möchte ich Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilen, dass der Doctor honoris causa der Berliner 162 (AH) Gemeint ist Harichs Aufsatz: Über die Empfindung des Schönen, in: Sinn und Form, Heft 6, 1953, S. 122–166. 163 (AH) Kosings Frontalangriff auf die Zeitschrift wurde in der Einheit veröffentlicht und spiegelte damit die offizielle Parteimeinung wider: Kosing, Alfred: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren Aufgaben gerecht?, in: Einheit, Heft 3, März 1955, S. 299– 303. 274 Teil I philosophischen Fakultät in Aussicht steht. Er wurde nach 1945 nur an Johannes R. Becher und Arthur Baumgarten verliehen. Brief an Georg Lukács164 (21. Mai 1954) Lieber Genosse Lukács! Gestern habe ich Ihren Brief mit den Adressen der Empfänger von Die Zerstörung der Vernunft erhalten. Vielen Dank! Ich habe gleich veranlasst, dass die Bücher abgeschickt werden. Die Bücher für Fischer, Sereni, Morgan und Bernal werden erst abgeschickt werden, wenn es sich als unmöglich erweisen sollte, sie den Betreffenden auf der Berliner Tagung des Weltfriedensrates zu überreichen. Löwith, der auf Ihrer ersten Liste stand, wird auch noch mit einem Exemplar bedacht (obwohl er, eine Bloch-Karikatur mit reaktionärem Vorzeichen, die Sozialhoffnung, das »tröstende Weltverständnis«, zu einer säkularisierten Mechthild von Magdeburg macht, also zur Nichtwissenschaft, und damit auch den Marxismus »erledigen« will – Erniedrigung durch »Erhöhung«). Au- ßerdem wurden noch auf die Liste gesetzt: Fred Oelßner, Kurt Hager (Leiter der Abteilung Wissenschaft und Hochschulen beim ZK der SED), Staatssekretär Prof. Gerhard Harig (Staatssekretariat für Hochschulwesen in der Regierung der DDR) und Ernst Bloch. Dass Sie zur Tagung des Weltfriedensrates nicht nach Berlin werden kommen können, ist sehr schade. Aber wenn Sie, was mich sehr ehrt, den Wunsch haben, mich persönlich kennen zu lernen, so wüsste ich Rat. Einer Einladung nach Budapest würde ich nicht widerstehen können.165 Der Gründe gäbe es genug: Mit Ihnen und Genossen Fogarasi wären Angelegenheiten des Aufbau-Verlages zu besprechen; für die philosophische Zeitschrift wäre ein Gespräch mit Genossen Janossy sehr von Nutzen, der uns 164 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 21. Mai 1954.  165 (AH) Lukács schrieb: »Was die Einladung nach Budapest betrifft, ist es schade, dass Sie die Frage so spät aufgeworfen haben, denn es hätte sich jetzt eine gute Gelegenheit geboten. Zur jährlichen feierlichen Tagung unserer Akademie der Wissenschaften wird Eure Akademie immer eingeladen und schickt auch immer eine Delegation, die nie ausschließlich aus Akademikern besteht. Selbstverständlich bestimmt man in Berlin, wer kommen soll. Könnten Sie jetzt noch Ihre Einfügung in die Delegation durchsetzen, so wäre das sehr schön. Wenn, wie ich fürchte, es jetzt schon zu spät ist, so werden wir mit Fogarasi nachdenken, wann und wie die Sache zu machen ist.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. Mai 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 2. 275Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 längst seine Beteiligung an unserer Diskussion über philosophische Fragen der modernen Physik versprochen hat, aber die Einlösung der Zusage immer wieder vertagt. Und wenn Bedarf dafür bestehen sollte, könnte ich vielleicht auch einen Vortrag halten – über die Logik-Diskussion in der DDR oder aber über die (neukantianisch formulierte, aber gar nicht neukantianisch zu beantwortende) Frage: Wie ist Anthropologie marxistisch möglich? Die Frage der von Ihnen gewünschten westdeutschen Bücher hat inzwischen Genosse Becher energisch in die Hand genommen.166 Sie werden sie bald erhalten, auch ohne dass Opferung meines Valuta-Scherfleins der armen Witwe nötig ist. Auf den Gedanken, Becher in dieser Angelegenheit zu mobilisieren, hätte ich Hammel natürlich längst auch selber schon kommen können, statt die Sache auf der niederen Ebene meiner eigenen Möglichkeiten mit so kläglichem Resultat voranzutreiben. Ihr Honorar für Kunst und objektive Wahrheit ist von der philosophischen Zeitschrift inzwischen auch angewiesen worden. In der unbescheidenen Hoffnung, Ihnen bald ein paar Arbeitstage stehlen zu dürfen und mir ansonst Original-Puszta-Klänge von Budapester Zigeunerkollektiven vorgeigen zu lassen, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihre Frau, Ihr PS. Wären Sie so freundlich, mir gelegentlich ein Exemplar Ihres Aufsatzes über Ludwig Feuerbach und die Literaturtheorien des 19. Jahrhunderts zuzusenden: Es handelt sich diesmal nicht um Abdruck, sondern darum, dass wir im Aufbau-Verlag die bedeutendsten liberalen Literarhistoriker des 19. Jahrhunderts herausgeben wollen (wenn Hayms Herder-Biographie erschienen ist, wollen wir zunächst an Hettner herangehen), und Ihr Aufsatz enthält sicher manchen wertvollen Fingerzeig für die kritischen Einleitungen? Bei Rudolf Haym (kennen Sie seine höchst interessanten Erinnerungen?) ist ja der Feuerbach-Einfluss evident. Sein Prinzip: »An die Stelle der Vernunft tritt der ganze Mensch, an die Stelle des allgemeinen der historisch bestimmte Mensch (…)«, ist natürlich Hegel-Feuerbach-Synthese ohne qualitativen Sprung, daher hin zum zahnlosen Positivismus, der aber – finde ich – erst bei Scherer ganz verblödet. 166 (AH) Lukács schrieb, dass er hoffe, dass Becher endlich die Klärung der Probleme gelingen würde. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. Mai 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 2. 276 Teil I Ich halte auf Haym (abgesehen davon, dass er in Sachen Hegel der Gropp des 19. Jahrhunderts war) ziemlich große Stücke und habe manchmal in Ihren Büchern kritische – sehr kritische Haym-Aneignung gefunden, so in dem Beispiel Nicolai-Hamann-Jacobi, an dem Sie die letzten-Endes-Einheitlichkeit der deutschen Aufklärung begründen. Haym sagt in seiner ausgezeichneten Wilhelm-von-Humboldt-Biographie fast dasselbe. Es ist nun sehr interessant und wichtig, Ihr Urteil über die Literaturtheorien des 19. Jahrhunderts und über deren Zusammenhang mit Feuerbach in Erfahrung zu bringen, da wir ohne die Haym, Hettner usw. vorläufig noch lange nicht auskommen können, die aber natürlich in den Einleitungen gründlich zerzausen müssen, damit die Leser mit kritischem Bewusstsein gewappnet an ihre Leistungen herantreten. * * * * * (AH) Lukács antwortete am 27. Mai167 auf Harichs Briefe vom 19. und 21. Mai – »ich benutze ein kleines Intermundium während unseres Parteikongresses«. Einige Anmerkungen dazu wurden bereits in den Fußnoten gegeben. Mit den organisatorischen Abläufen und dem Verlagsplan der Bücher sei er einverstanden. Eine Neuabdruck des Feuerbach-Aufsatzes lehnte Lukács ab, da dieser »nicht viel wert« sei und sich fast ausschließlich mit Hettner beschäftige. Zudem vermeldete Lukács, dass sich in Sachen Hegel-Frage die Position von ihm, Harich und anderen in der Sowjetunion mittlerweile durchzusetzen beginne: »Was alle Angelegenheiten mit Gropp und Co. betrifft, so haben Sie inzwischen sicher No. 2 der Voprosi filosofiae gelesen, wo Jowtschuk endlich mit den Hegeldummheiten aufzuräumen beginnt und wo die Zeitschrift für Philosophie mit Ihren und meinen Beiträgen wohlwollend registriert wird. Auf dieser Grundlage wird es für Sie noch leichter sein, in der Konferenz den Dummköpfen zu antworten und gegen sie offensiv aufzutreten.« Brief an Gertrud Lukács168 (28. Juni 1954) Liebe Genossin Lukács! Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, im Jahre 1955 aus Anlass des 70. Geburtstages Ihres Mannes eine Festschrift herauszugeben, die auch öffentlich verbreitet werden soll. Damit dieses Projekt rechtzeitig und solide zu Stande kommt, müssen wir es schon jetzt praktisch in Angriff nehmen. Dazu benötigen wir dringend Ihrer Hilfe. Nach dem vorläufigen Plan ist beabsichtigt, dass die Schrift folgende Teile enthalten soll: 167 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 27. Mai 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, 1. Zitat Blatt 1, alle folgenden Blatt 2. 168 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 28. Juni 1954. Janka unterschrieb den Brief ebenfalls. 277Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (1) Ein Bild Ihres Mannes. (2) Eine Lebensbeschreibung, die möglichst nüchtern referierend gehalten sein und nicht gezeichnet werden soll. (3) Glückwunschschreiben. Diese sollen von Menschen folgender Kategorien abgefasst werden: a) Führer und Theoretiker der internationalen Arbeiterbewegung, b) Persönlichkeiten der Weltfriedensbewegung, c) Schriftsteller, Philosophen, Literarhistoriker, d) persönliche Schüler, e) persönliche Freunde, f ) Studenten der Philosophie und der Literaturgeschichte, g) Verleger und Verlagslektoren. Wir hoffen, dass es möglich sein wird, an die Spitze dieses Abschnitts Begrüßungsschreiben der Präsidenten der Volksrepublik Ungarn und der Deutschen Demokratischen Republik sowie das Ehrendoktordiplom einer Universität (entweder Berlin oder Leipzig) zu setzen. Alle übrigen Glückwünsche sollen dann, damit keiner sich benachteiligt fühle, in der alphabetischen Reihenfolge der Namen der Verfasser abgedruckt werden. (4) Abhandlungen, die das Werk Ihres Mannes unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchten, verfasst von Theoretikern und Literarhistorikern, unter besonderer Bevorzugung von ungarischen und deutschen Autoren. (5) Bibliographie der Werke Ihres Mannes, enthaltend auch Artikel und verstreut erschienene Aufsätze sowie die verschiedenen Auflagen der Bücher in chronologischer Reihenfolge. Ich bitte Sie nun, uns mitzuteilen, ob Sie mit dem Plan grundsätzlich einverstanden sind, ob wir mit Ihrer Hilfe rechnen können und welche Änderungen Sie vorschlagen würden. Dabei bitte ich Sie, zu beachten, dass das Buch nicht nur als Ehrung gedacht ist, sondern mindestens ebenso sehr als Information für breite Leserkreise und weiter als ein Versuch, eine gründlichere Diskussion um das bisher vorliegende Werk Ihres Mannes anzuregen. Unter dem letzten Gesichtspunkt sollen die Abhandlungen, freilich im Ton der Ehrfurcht, durchaus auch Kritisches enthalten. Ihre Mithilfe benötigen wir zu Folgendem: Erstens wäre es wichtig, wenn Sie uns möglichst schnell eine möglichst umfassende Liste mit Namen und Anschriften von Persönlichkeiten der oben genannten Kategorien schicken würden, an die wir uns mit der Bitte um Überlassung ihrer Glückwunschschreiben wenden könnten. Zweitens bitten wir Sie, uns ein paar Vorschläge bezüglich der möglichen Verfasser von Abhandlungen zu machen. Wir selbst haben an Béla Fogarasi, Ernst Bloch, Paul Rilla, Ernst 278 Teil I Fischer, Hans Mayer, Gerhard Scholz169 und Wolfgang Harich gedacht. Drittens wäre es das Beste, wenn Sie die Abfassung der Lebensbeschreibung und der Bibliographie übernähmen, die beide übrigens nicht gezeichnet werden sollen. Das Jahr 1955 wird übrigens für unseren Verlag ein Jahr der Jubiläen werden: Zehnjähriges Bestehen des Aufbau-Verlages, achtzig Jahre Thomas Mann (aus diesem Anlass geben wir eine zwölfbändige Gesamtausgabe des Meisters heraus), siebzig Jahre Georg Lukács, siebzig Jahre Ernst Bloch und hunderfünfzigster Todestag von Friedrich Schiller. Für Ihre freundlichen Zeilen von neulich, die Bilder von Katharina betreffend, danke ich Ihnen bei dieser Gelegenheit herzlich. Mit der Bitte um eine Einladung nach Ungarn war es übrigens nicht so eilig gemeint. Ich möchte nur einmal grundsätzlich in absehbarer Zeit hinkommen. Es braucht nicht in diesem Sommer und überhaupt nicht unbedingt in diesem Jahr zu sein. Mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihren Mann, bin ich Ihr * * * * * (AH) Die Festschrift erschien 1955 (Aufbau-Verlag). Offizielle Stellungnahmen der Politik konnten nicht vorangestellt werden, was im Falle Ungarns nicht überraschend ist. Aus der DDR beteiligten sich immerhin die führenden kulturpolitischen Staatsvertreter, beispielsweise Abusch (der auch Kritik an Lukács übte) und Becher (von dem das Gedicht G. L. von 1938 erneut abgedruckt wurde). Welche Gründe Harich geltend machte, siehe den Brief an Gertrud Lukács vom 22. März 1955. Folgende Personen sendeten kleinere oder größere Glückwunschschreiben, Manuskripte etc. (die geplante Unterteilung in Glückwünsche und Abhandlungen wurde aufgegeben): Alexander Abusch, Arthur Baumgarten, Johannes R. Becher, J. D. Bernal, Ernst Bloch, Emile Bottigelli, Günter Caspar, Auguste Cornu, Günther Cwojdrak, Hanns Eisler, Fritz Erpenbeck, Konrad Farner, Ernst Fischer, Béla Fogarasi, Wolfgang Harich, Wieland Herzfelde, Hans Heinz Holz, Hans Iwand, Jürgen Jahn, Walter Janka, Heinz Kamnitzer, Roman Karst, Jürgen Kuczynski, Wolfgang Langhoff, Henri Lefebvre, Jack Lindsay, Paul F. Linke, Leopold Magon, Thomas Mann, Walter Markov, Hans Lothar Markschies, Hans 169 (AH) Gertrud Lukács schrieb am 09. November 1954: »Jetzt noch eine kleine Bemerkung in Bezug auf den Beitrag von Gerhard Scholz. Ich habe keine Ahnung, was Scholz vorstellt, aber ein Schüler Georgs, der längere Zeit in Deutschland verbrachte, meinte, dass es besser wäre, von diesem Beitrag abzusehen; nicht, weil er Lukács gegenüber kritisch eingestellt wäre, sondern weil er wahrscheinlich niveaulos-feindlich ausfallen würde. Dies können Sie besser beurteilen, aber jedenfalls bedenken Sie die Sache.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 09. November 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, Nachtrag Gertrud Lukács, hier Blatt 2. 279Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Mayer, Otto Morf, Claude Morgan, Pietro Nenni, Roy Pascal, Adam Schaff, Anna Seghers, Wolfgang Steinitz, Kurt Stern, Victor Stern, Theun de Vries, Arnold Zweig. Im Anhang kamen vier Texte von Georg Lukács zum Abdruck (Thomas Manns Roman Königliche Hoheit, 1909, Mein Weg zu Marx, 1933, Von der Verantwortung der Intellektuellen, 1948, Gesunde oder kranke Kunst?, 1952), im Anschluss eine kurze Lebensbeschreibung und eine Bibliographie der eigenständigen Monographien. Brief an Georg Lukács170 (29. Juli 1954) Lieber Genosse Lukács! Obwohl es mir natürlich sehr schwer fällt, noch mit einem Menschen zu korrespondieren, der sich von Westdeutschland im Fußball besiegen lässt, habe ich doch Disziplin und Anstand genug, Ihnen und Ihrer Frau aus meinem diesjährigen Ahrenshooper Urlaub die herzlichsten Grüße zu senden. Leider ist dieser Urlaub sehr verregnet: Seit der, nun schon seit Wochen zurückliegenden Unwetterkatastrophe, die ich – im Gegensatz zu den positivistischen, akausal denkenden Physikern – auf die H-Bomben-Experimente zurückführe, hat es keinen einzigen Tag mehr gegeben, an dem es nicht mehr oder weniger stark geregnet hätte oder zumindest der Himmel von Wolken bedeckt war. Was macht man in einem solchen Falle? Man liegt im Bett und liest oder redigiert. Besonders, wenn ein so schönes Bett da ist wie hier. Wir wohnen nämlich diesmal in der Villa des weiland General Hoffmann (Brest-Litowsk). Das Haus ist stark heruntergekommen, aber es sind noch Reste ehemaliger Pracht da: So sind die Betten – Himmelbetten mit Baldachinen. Ich liege in einem rosafarbenen, in dem ich mir vorkomme wie Friedrich Schlegels Lucinde auf einem kolorierten Kupfer im Geschmack der Zeit. Ob der General Hoffmann auch so literarisch empfunden hat, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls habe ich nun in seinem Bett – sic transit gloria mundi – die Essays über Realismus durchgearbeitet, die wir ja im August in Satz geben wollten, damit sie nach Möglichkeit noch in diesem Jahr erscheinen können. Beiliegend schicke ich Ihnen meine Vorschläge bezüglich der vorgesehenen Veränderungen (Aufnahme von drei neuen Stücken – Kunst und objektive Wahrheit, Expressionismus-Aufsatz, Erzählen oder Beschreiben? – , Reihenfolge, Streichung von anerkennenden Gide- und Regler-Erwäh- 170 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 29. Juli 1954.  280 Teil I nungen, kleine stilistische Korrekturen, Kolumnentitel usw.).171 Ich schicke gleichzeitig die redigierte Druckvorlage an den Verlag, damit sie in Satz gegeben wird. Änderungen können Sie dann, damit der Vorgang der Herstellung beschleunigt wird, in den Fahnen vornehmen, die Ihnen ja wieder zugestellt werden. Ich brauche unter diesen Umständen nicht auf Ihr Einverständnis zu warten. Im November werden wir dann – wie bereits angekündigt – das Buch Der historische Roman in Satz geben, im Februar 1955 die – um die erwähnten Stücke reduzierte – zweite Auflage der Schicksalswende. Falls Sie in letzteres Buch noch etwas aufnehmen wollen, so schreiben Sie uns das bitte bis Januar. Im Übrigen hoffen wir sehr, noch im nächsten Jahr den ersten Band der neuen Ästhetik im Manuskript zu bekommen. Inzwischen geht der Druck der Herder-Biographie von Rudolf Haym vonstatten. Die Einleitung, die ich dazu geschrieben habe, hat sich – da der Haym doch ein recht problematischer Fall ist (er viel mehr als das Buch) – zu monströsem Umfang ausgewachsen. Es schien mir doch nötig, sein Leben und die Entwicklung seiner philosophischen und politischen Ideologie zu skizzieren, wobei ich übrigens wieder Gesichtspunkte aus Ihrem Friedrich Theodor Vischer übernommen habe, um einige Nuancen abgemildert. Ich bin neugierig, was Sie zu der Art sagen werden, wie ich die Frage: Wie ist Beerbung des Nationalliberalismus a priori möglich? angepackt habe. Das Wichtigste scheint mir der Gesichtspunkt zu sein: Der liberal verflachte Fortschrittsgedanke, der in Bezug auf (die Gegenwart seiner Zeit betreffende) ökonomische und soziologische Fragen nur noch schlechteste Apologetik hergibt, ermöglicht bei Betrachtung weit zurückliegender Vergangenheit doch noch ein gewisses Maß an Parteinahme für den wirklichen Fortschritt – im Gegensatz zur imperialistischen Fortschrittsleugnung. Und dann: Kennen Sie Hayms Polemik gegen Schopenhauer? Ich finde sie, in den Grenzen, die der liberalen Fortschrittlichkeit gesetzt sind, doch erstaunlich gut und wüsste nicht, was es, vor Mehrings Abrechnung, Besseres gegen Schopenhauer gegeben hätte. (Hierzu später ausführlicher, AH.) Auf Ihr freundliches Angebot, das Honorar für den Aufsatz über den jungen Marx ganz einzustecken, habe ich mich nicht eingelassen. Schließlich ist der Aufsatz in der Grundanlage und in allen wesentlichen Partien doch von Ihnen und ich habe nur ein paar Konkretisierungen und Erweiterungen zugesetzt. So haben wir Ihnen von dem Honorar wenigstens 1000.-DM, das ist die Hälfte, überwiesen. Wie finden Sie übrigens die 171 (AH) Die Liste umfasst vier eng maschinenschriftlich beschriebene Seiten und ist im Lukács-Archiv, Budapest, erhalten. Auf eine Wiedergabe wird hier verzichtet. 281Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Zeitschrift? Es ist nicht leicht, sie zwischen der Skylla linkssektiererischer und der Charybdis snobistischer Erwartungen gesamtdeutsch hindurch zu steuern, zumal es wohl kein Gebiet gibt, auf dem man so leicht Prügel beziehen kann, wie das der Philosophie. Und dann ist unser Herausgeberkollegium wohl das sonderbarste Kollektiv, das sich je zusammengefunden hat. Ich trage mich jetzt mit dem Plan eines Buches, nachdem ich bei der Haym-Einleitung zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl hatte, so etwas schaffen zu können. Der Titel soll lauten: Alex und die Philosophen, und es soll autobiographisch erzählt werden. Und zwar: Alex ist der Genosse, der mich – in den Kriegsjahren – auf dem Wege über gemeinsame illegale Arbeit zur Partei gebracht hat. Die Philosophen – das sind die lebenden und toten Denker, mit denen ich mich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr herumschlug. Dazu gehören Kant und Hegel, aber auch Nicolai Hartmann, Klages, Heidegger usw., und nicht zuletzt, sondern vor allem ein verrückter Neuruppiner Studienrat Kuntz, der das Richard-Wagner-Kränzchen leitete, in dem ich meine ersten Schritte zur Philosophie tat (Zarathustra-Lektüre und Platon-Dialoge mit verteilten Rollen).172 Die Systeme der Philosophen werden ironisierend veranschaulichend erzählt wie Kriegserlebnisse, Liebeserlebnisse usw., und es wird gezeigt, wie ein frühreifer Halbwüchsiger daraus unmittelbar praktische Schlussfolgerungen fürs Leben zieht, 172 (AH) In dem autobiographischen Manuskript Meine Lehrer schrieb Harich: »Dr. Werner Kuntz, Studienrat, Sozialdemokrat, Freund meiner Eltern. Er hatte in der Weimarer Zeit ein ganz konfuses philosophisches Buch geschrieben: Vor den Toren der neuen Zeit – eine Mischung von Spengler und sozialdemokratischem Pseudomarxismus. Er hatte mit gro- ßen Plänen begonnen, war dann aber gescheitert und zu nichts gekommen, gab Chemieund Physik-Unterricht in einem Lyzeum und erzählte ununterbrochen von Leuten, die ihm durch Schikanen seine Laufbahn verdorben hätten. Seinen ›Drang zum Höheren‹ reagierte er dadurch ab, dass er das ›Richard-Wagner-Kränzchen‹ in Neuruppin leitete. Er hielt hier Vorträge über den philosophischen Sinn von Wagners Opern und sang zwischendurch, sich selbst begleitend, mit fürchterlicher Stimme Wagner-Arien oder gar Duette, zusammen mit seiner Mutter, einer siebzigjährigen Majorswitwe. Außerdem leitete er in seiner Wohnung einen philosophischen Zirkel, der vor allem von Schülerinnen des Lyzeums besucht wurde, die ihn anschwärmten. Zu diesem Zirkel wurde ich eingeladen, als ich konfirmiert war, also mit 15 Jahren. Hier wurde gemeinsam die Kritik der reinen Vernunft von Kant, Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung, Nietzsches Zarathustra und Spenglers Untergang des Abendlandes durchgearbeitet und besprochen, oder ›Bobby Kuntz‹ (wie ihn die Schülerinnen nannten) philosophierte auch selbst über die ewige Antinomie von himmlischer und irdischer Liebe. Immerhin weckte er mein Interesse für die Philosophie.« Band 1.1, S. 117. 282 Teil I bald nazistische, bald pseudo-antinazistische, bald geradezu verrückte (zum Beispiel beim radikalen Ernstnehmen des subjektiven Idealismus). Hineinweben will ich die märkische Kleinstadt, das Berlin der Nazizeit, das Wehrmachtsgefängnis. Der Held ist keiner, sondern ein Zwitter von intellektuell-anarchistischem Drückeberger, dem die Zumutungen seitens der Nazis unbequem sind, und wirklichem, aber sehr unreifem Antifaschisten, bis er dann endlich besagtem Alex in die Hände fällt. Er ist übrigens auch ein Mittelding zwischen dem braven Soldaten Schwejk und dem jungen Joseph bei Thomas Mann, aber mit der Philosophie als zentralem geistigem Interesse. Die Schwierigkeit des Ganzen liegt in zweierlei: Erstens in der Ehrlichkeit, zweitens darin, dass die Ironisierung der bürgerlichen Gegenwartsphilosophie eine schwejkhafte Darstellungen des Faschismus erheischt, die aber doch das Grauenhafte nicht verniedlichen darf. Das erste hoffe ich mit zusammengebissenen Zähnen und mit Schulung an Augustinus, Rousseau, Sir Samuel Pepys Tagebüchern und Brechts Dreigroschenroman (eine komische Mischung, nicht wahr?) durchzuhalten, wie ich das zweite schaffen soll, ist mir noch völlig schleierhaft. Dazu kommt: Die Sache muss von A bis Z aus Ideologiekritik bestehen, wie die Zerstörung der Vernunft, und doch so prall und deftig volkstümlich sein, dass zum Beispiel Klages wie ein Caféhaus-Tarzan wirkt. Ferner: Der Kommunist Alex darf nicht sentimental idealisiert werden. Er muss vielmehr Züge von Primitivität, Viertelbildung, Neigungen zum Talmudismus und zum Sektierertum aufweisen, dazu einen biederen Haeckel-Materialismus mit dem Marxismus verwischen, und sich dabei doch wie ein Gigant neben dem Zwergenvolk der Philosophen ausnehmen, wie ein riesiger Wegweiser zur Wahrheit. Enden soll die Sache mit dem Kriegsende 1945. Finden Sie, dass man sich an ein so sonderbares Projekt heranwagen soll? Ich hoffe sehr, dass Sie die Überschwemmungen in Budapest gut überstanden haben, und bin mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihre Frau, Ihr173 * * * * * (AH) Lukács antwortete am 27. Mai174, Auszüge daraus druckt: Pitsch: Briefwechsel, S. 302. Alle organisatorischen und verlagstechnischen Anfragen von Harich bestätigte er positiv. Über die Deutsche Zeitschrift für Philosophie erklärte er: »Ihre Schwierigkeiten mit der Zeitschrift verstehe ich sehr gut. Im Allgemeinen habe ich über Sie keinen schlechten Eindruck. Ich sage 173 (AH) Handschriftlicher Zusatz: Ab 15. August bin ich wieder in Berlin! 174 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 18. August 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, das Zitat Blatt 2. 283Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 dies in einer so vagen Form, weil ich einerseits die Nummern jetzt nicht vor mir habe und rein aus dem Gedächtnis spreche, andererseits und hauptsächlich, weil ich überhaupt ein schlechter Leser bin und besonders wenn ich, wie in letzter Zeit, sehr mit eigenen theoretischen Fragen beschäftigt bin, sehr wenig auf mir fern liegende Gebiete und Gedankengänge einzugehen im Stande bin.« Brief an Friedrich Bassenge175 (29. Juli 1954) Lieber Herr Bassenge! In der Anlage erhalten Sie das Manuskript und die Satzanweisung für Georg Lukács: Probleme des Realismus. Ich habe die ganze Sache durchgearbeitet und die mit Lukács grundsätzlich vereinbarten Korrekturen bereits vorgenommen, so dass Sie das Manuskript nur in Satz zu geben brauchen – was aber möglichst umgehend geschehen sollte, damit wir das Buch noch bis Weihnachten herausbringen können. Ein Stück fehlt im Manuskript noch: Der Aufsatz Kunst und objektive Wahrheit, der an die Spitze des Buches gestellt werden soll. Wir übernehmen gänzlich unverändert den Vorabdruck aus der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, II, 1954. Bitte lassen Sie doch Frl. Kilian von Frl. Kozanecki einen fertig durchkorrigierten Abzug oder einen Sonderdruck besorgen; falls beides nicht vorhanden, so müsste der Verlag ein Heft der Zeitschrift kaufen und den Aufsatz heraustrennen. Ich möchte Sie bitten, auch bei diesem Lukács die Korrektur mitzulesen – nicht, weil ich Sie mit Kärnerarbeit minderwertiger Art belästigen will, sondern weil ich es für sehr, sehr wichtig halte, dass Sie auch dieses Buch genau kennen lernen, das in manchen Partien philosophisch höchst beachtlich ist. Was machen die diversen Probleme unserer Abteilung? Werden jetzt endlich die weiteren Revisionsbogen der Fogarasischen Logik geliefert?176 Geht es mit den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik bei Slupianek und mit dem Jungen Hegel voran? Stehen die 175 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 29. Juli 1954. Harich schrieb aus Ahrenshoop, Kurhaus. 176 (AH) 1955 war Béla Fogarasis Logik-Buch in der DDR erschienen und sofort in die Kritik geraten. Es konnte sich nicht durchsetzen. Drei Jahre später legte dann Georg Klaus seinen Band vor, der sich über die Jahre hinweg als Standardwerk zum Thema behauptete. Fogarasi, Béla: Logik. Vom Verfasser autorisierte Übertragung von Samuel Szemere, Berlin, 1955. 2., erw. Aufl., Berlin, 1956. Klaus, Georg: Einführung in die formale Logik, Berlin, 1958.  284 Teil I Fahnen meiner Haym-Einleitung in Aussicht? Ich wäre dankbar, wenn ich über alles dies gelegentlich Bescheid bekäme. Den Spinoza-Erguss von Sellhorn habe ich bekommen. Ich will mich nun, nachdem ich den Lukács hinter mir habe, daran machen. Sehr erfreulich sieht die Sache nicht aus. Mit bestem Gruß An den Aufbau-Verlag, Abteilung Herstellung177 (29. Juli 1954) Betrifft: Manuskript Probleme des Realismus von Georg Lukács (1) Das Manuskript besteht aus • dem Aufsatz Kunst und objektive Wahrheit, Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, II, 1954, Seiten 113–151; • dem Buch Essays über Realismus, Aufbau-Verlag, 1948, Seiten 5–87; • dem Buch Schicksalswende, Aufbau-Verlag, 1948, Seiten 115–235; • dem Buch Essays über Realismus, Aufbau-Verlag, 1948, Seiten 88–265; • dem beiliegenden Inhaltsverzeichnis. (2) Ausstattung, Satzspiegel, Titelei usw. genau wie bei den anderen Lukács-Bänden. (3) Es sind alle mit Tinte, dunkelblauem und hellblauem Kugelschreiber durchgeführten Korrekturen beim Satz zu berücksichtigen. Nicht zu beachten sind Bleistift-Unterstreichungen. Nicht zu beachten sind ferner die Tinten-Unterstreichungen auf den Seiten 183–195 der Schicksalswende. (4) Alle eingefügten Gedicht-Zitate sind in normalem Schriftgrad (also nicht kleiner als üblich wie in der Druckvorlage) zu setzen. (5) Das Buch kann sofort in Umbruch gesetzt werden. Die lebenden Kolumnentitel werden erst eingefügt, wenn der Umbruch vorliegt. (6) Korrekturbogen an: Zwei an Dr. Bassenge, je einer an Georg Lukács (Budapest) und an Dr. Harich (im Hause). (7) Verantwortlicher Lektor und mit der Anfertigung des Registers beauftragt: Dr. Bassenge. 177 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 29. Juli 1954. Harich schrieb aus Ahrenshoop, Kurhaus. Siehe den zuvor abgedruckten Brief an Friedrich Bassenge. 285Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (8) Das Buch soll noch im Dezember 1954 ausgeliefert werden. Satz und Druck sind also dementsprechend zu beschleunigen. Brief an Georg Lukács178 (24. August 1954) Lieber Genosse Lukács! Herzlichen Dank für Ihren Brief vom 18. August 1954 und die guten Ratschläge für meine Arbeiten. Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub habe ich nun erfreulicherweise festgestellt, dass die erste Auflage von Die Zerstörung der Vernunft fast vergriffen ist und der Verlag beabsichtigt, eine zweite Auflage herauszubringen. Wie Ihnen Genosse Janka bereits am 20. August geschrieben hat, möchten Sie eventuelle Änderungen oder Korrekturen Ihrerseits mitteilen. Kleine Druckfehler, die wir nachträglich noch gefunden haben, und die Fehler im Register werden wir für die zweite Auflage ohnehin ausmerzen. Eine zusätzliche Frage: Von einigen Lesern wurde beklagt, dass man, ohne bereits den Inhalt des Buches zu kennen, zunächst mit dem Titel nicht viel anzufangen wisse. Ist es Ihnen recht, dass wir die zweite Auflage mit dem Untertitel Zur Geschichte des Irrationalismus oder mit etwas Ähnlichem versehen? Bei den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik nähert sich momentan der Druck seinem Ende. Auch Der junge Hegel ist in Druck gegangen. Die Probleme des Realismus wurden vor 14 Tagen in Satz gegeben. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr Brief an Gertrud Lukács179 (24. August 1954) Liebe Genossin Lukács! Ich hatte Ihnen vor einiger Zeit, am 28. Juni 1954, geschrieben, dass wir zum 70. Geburtstag Ihres Mannes ein Buch vorbereiten wollen, zu dem wir Ihrer Mithilfe bedürfen. Leider haben Sie sich bisher nicht dazu geäußert. Da die Sache rechtzeitig in 178 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 24. August 1954.  179 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 24. August 1954. 286 Teil I Angriff genommen werden muss, möchte ich Sie heute nochmals darum bitten, uns möglichst bald Bescheid zu geben und vor allem die Liste der Persönlichkeiten zu schicken, an die wir uns Ihrer Meinung nach wenden sollten. Mit herzlichen Grüßen bin ich Ihr Brief an Georg Lukács180 (29. September 1954) Lieber Genosse Lukács! Ihren Brief vom 26. September habe ich soeben erhalten. Haben Sie vielen Dank! Mein offenbar nicht angekommener Brief, den Ihre Frau erwähnt, stammt von Mitte September und wurde mit Luftpost aufgegeben. Das Mitteilenswerte, das er enthielt, werde ich nächstens in einem persönlichen Brief noch einmal andeutungsweise niederschreiben. Mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihre Frau, bin ich Ihr Brief an Gertrud Lukács181 (21. Oktober 1954) Liebe Genossin Lukács! In der Anlage übersende ich Ihnen eine Abschrift des Briefes vom 28. Juli 1954, von dem Sie mir am 14. September 1954 mitteilten, dass er Sie nicht erreicht hätte. Vielleicht können Sie noch einige Ergänzungen zu den von Ihnen bereits genannten anzuschreibenden Persönlichkeiten geben. Außerdem wäre es schön, wenn Sie die Abfassung der Lebensbeschreibung und der Bibliographie übernähmen. In der Hoffnung, dass Sie uns in dieser Sache weiter unterstützen werden, bin ich mit den besten Grüßen Ihr * * * * * 180 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 29. September 1955.  181 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 21. Oktober 1954.  287Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 (AH) Am 8. November182 schrieb Lukács an Harich: »Freunde machten mich aufmerksam, dass in Zerstörung der Vernunft sich Tito-Stellen befinden, die heute politisch nicht mehr opportun sind. Ich habe nachgesehen und fand, dass ihre Streichung am sachlichen Wesen des Textes nichts ändern würde. Falls also die Neuauflage noch nicht gedruckt ist, bitte ich Sie, Seite 259 und 260, die entsprechenden Stellen einfach zu streichen. Natürlich ist dann der Name auch aus dem Register zu streichen.« Am 9. November183 teilte Lukács Harich dann mit, dass er für die Festschrift von Ernst Bloch einen Teil des Besonderen übergeben wolle, den Abschnitt IV: Das ästhetische Problem des Besonderen in der Aufklärung und bei Goethe. Der Brief enthielt zudem eine Nachschrift von Gertrud Lukács. Hausmitteilung an die Presseabteilung, Aufbau-Verlag184 (29. Oktober 1954) Betrifft: Lukács: Beiträge zur Geschichte der Ästhetik; Kant: Träume eines Geistersehers Wir bitten, an die betreffenden Redaktionen folgenden Brief zu schreiben: Sehr geehrte Herren! Wir übersenden Ihnen heute wieder zwei philosophische Neuerscheinungen unseres Verlages, an deren Besprechung in Ihrer Zeitschrift uns sehr gelegen wäre. Bei dem neuen Buch von Georg Lukács handelt es sich um den wohl bedeutendsten Versuch eines lebenden marxistischen Philosophen, die wichtigsten Etappen der Entwicklung der modernen Ästhetik seit Schiller herauszuarbeiten und zu einer kritischen Beurteilung ihres sachlichen Gehalts zu gelangen. Mit den Träumen eines Geistersehers, der letzten »vorkritischen« Schrift Immanuel Kants, beginnt unser Verlag die Veröffentlichung einer neuen Serie. Die Philosophische Bücherei soll nach und nach die wichtigsten Texte der Geschichte der Philosophie philologisch getreu, preiswert und in geschmackvoller Ausstattung breiteren Leserkreisen zugänglich machen. Die einzelnen Bände werden jeweils eine auf das betreffende Werk bezügliche 182 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 08. November 1954, 1 Blatt, maschinenschriftlich 183 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 09. November 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 184 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 29. Oktober 1954. Abteilung Lektorat an die Presse-Abteilung des Aufbau-Verlages. 288 Teil I Einleitung und am Schluss die Lebensdaten des Verfassers enthalten; fremdsprachige Zitate und wenig bekannte Fremdwörter werden in Fußnoten übersetzt. In Vorbereitung befinden sich vorläufig die Bände: Josef Dietzgen, Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit; Immanuel Kant, Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels; Johann Gottfried Herder, Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft; Ludwig Feuerbach, Zur Kritik der Hegelschen Philosophie; Jean-Jacques Rousseau, Über den Ursprung der Ungleichheit zwischen den Menschen; Edmund Burke, Über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen. Es ist beabsichtigt, jährlich etwa zehn bis zwölf Titel der neuen Reihe herauszugeben. Gutachten zu: Der historische Roman185 (14. Dezember 1954) Laut Plan für das IV. Quartal will jetzt der Aufbau-Verlag das Buch Der historische Roman, von Georg Lukács, in die Herstellung geben. Es handelt sich um eine in vier Kapitel, mit jeweils mehreren Unterabschnitten, gegliederte marxistische Darstellung der Entwicklungsgeschichte des historischen Romans vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Literatur der deutschen antifaschistischen Emigration der dreißiger Jahre (also etwa von Walter Scott bis Lion Feuchtwanger). Der Verfasser versucht, in tiefschürfenden Analysen die Errungenschaften des klassischen historischen Romans (vor allem bei Scott, Balzac, Manzoni und Puschkin) herauszuarbeiten und an den Werken von Flaubert, Conrad Ferdinand Meyer, Adalbert Stifter u. a. den Verfall des historischen Bewusstseins in der Dichtung der Niedergangsperiode der bürgerlichen Kultur seit der Revolution von 1848 nachzuweisen. Er zeigt dann, dass auf der Grundlage des Kampfes der demokratisch-humanistisch eingestellten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gegen den Imperialismus und insbesondere gegen den Hitlerfaschismus der historische Roman einen neuen Aufschwung nimmt, der bereits wichtige Tendenzen zur Überwindung der Dekadenz zeitigt. Gleichwohl haben, nach der Überzeugung des Verfassers, auch die hervorragendsten Schöpfer historische Romane in der antifaschistischen Intelligenz Deutschlands noch nicht alle Überreste der Niedergangsperiode überwunden. Dies wird vor allem anhand der Werke von Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Bruno Frank und – in noch stärkerem 185 (AH) An das Amt für Literatur und Verlagswesen, 14. Dezember 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 289Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Maße – Stefan Zweigs dargelegt. Der Sinn der ganzen Untersuchung liegt darin, den besten demokratischen Schöpfern historischer Romane in unserer Zeit die gesellschaftswissenschaftlichen und ästhetischen Kriterien bewusst zu machen, die ihnen helfen sollen, die Schwächen der inhaltlichen Konzeption, der Gestaltungsmethode, des kompositionellen Aufbaus usw. zu überwinden, in denen sie noch befangen sind. Das Buch ist in den Jahren 1936/1937 in der Sowjetunion entstanden und dort zuerst in russischer Sprache erschienen. Zwei Abschnitte daraus wurden neuerdings in den Zeitschriften Sinn und Form und Neue Deutsche Literatur veröffentlicht. Nach der Überzeugung des verantwortlichen Lektors im Aufbau-Verlag weist es eine gewisse Schwäche insofern auf, als es bedeutende und im wesentlichen fortschrittliche Erscheinungen der Literatur des 19. Jahrhunderts, wie zum Beispiel Flaubert, die wohl eine großzügigere Beurteilung verdienen, allzu negativ einschätzt. Andererseits muss aber gesagt werden, dass Lukács in keinem anderen Buch so konkret und unmittelbar belehrend in die Praxis des Literaturschaffens der Gegenwart eingegriffen hat wie in diesem. Es ist nicht denkbar, dass ein junger Schriftsteller, der sich historischen Themen zuwendet, es sich leisten könnte, in Zukunft an der Kritik vorbei zu gehen, die Lukács an Heinrich Manns Henri Quatre, Feuchtwangers Der falsche Nero usw. übt. Aus diesem Grunde wird die Veröffentlichung des Buches, trotz gewisser Bedenken gegen die allzu radikale und allzu enge Kritik an der bürgerlichen Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, empfohlen. Dem Buch ist eine 1954 verfasste Vorbemerkung zur deutschen Ausgabe vorangestellt. Das Vorwort zur russischen Ausgabe vom September 1937 wurde ebenfalls aufgenommen. Rezension zu: Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft186 (1955) Das Buch über den geistesgeschicht lichen Vorgang, den der ungewöhnliche Titel treffend bezeichnet, ist eine histo risch angelegte Abrechnung mit dem aufdringlichsten und gefährlichsten Typus modernen Obskurantentums in der Philosophie. Herabsetzung 186 Zuerst: Rezension zu: Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1955, Heft 1, S. 133–145. Ursprünglich sollte Hermann Klenner die Rezension anfertigen, der jedoch wegen Terminproblemen absagte, so dass Harich kurzfristig einsprang. (Information von Hermann Klenner.) Vor allem die Kritik Lukács’ an Nietzsche prägte Harichs weiteres Schaffen und 290 Teil I der mensch lichen Verstandeskräfte, Verherrlichung der Intuition als angeblich höheres Er kenntnisorgan, Vernebelung des wissen schaftlichen Weltbildes durch ausge klügelte Mythen und seit Nietzsche auch der Appell an barbarische Instinkte – das sind die hauptsächlichen, die in immer neuen Kombinationen wieder kehrenden Motive und Tendenzen dieser Richtung, die in der ganzen bürgerlichen Welt während der vergangenen Jahr hunderthälfte zu wachsendem Einfluss gelangt ist und die in Deutschland den Faschismus geistig vorbereitet hat. Ihr leuchtet Georg Lukács auf den Grund, gegen sie führt er die glänzenden Waffen marxistischer Kritik ins Treffen. Und der Schluss, den er aus seinen profunden Studien zieht, ist zugleich eine Warnung: Es gibt keine »unschuldige« philoso phische Stellungnahme. So, wie in Deutschland eines Tages die Nazis die geistwidrigen Theorien, welche man seit langem in Hörsälen, Salons, Literaten cafes scheinbar unverbindlich diskutiert und verfochten hatte, zu einer primitiv demagogischen Synthese zusammengefasst auf die Straße tragen konnten, um damit breite Massen des Volkes irrezuführen und im Dienst des Monopolkapitals Mord und Verwüstung ohnegleichen anzu richten, genauso kann, wenn die objek tiven Bedingungen darauf hindrängen, »aus der aggressiv reaktionären Ideologie, die in jeder Regung irrationalistischen Denkens sachlich enthalten ist, aufs Neue eine fürchterliche faschistische Wirklich keit werden« (S. 29). * * * * * Das neue Werk von Georg Lukács – sein bisher umfangreichstes – erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch, eine komplette Darstellung der reaktionären Philosophie, geschweige denn ein Lehr buch ihrer Entwicklung zu sein. Die Auf gabe, die der Verfasser sich gestellt hat, ist eine speziellere. Unter den verschie denen reaktionären Strömungen der ver gangenen anderthalb Jahrhunderte will er nur den Irrationalismus und auch von diesem nur die wichtigsten, einflussreichsten Repräsentanten analysieren. Er will damit zugleich aber auch den »Weg Deutschlands zu Hitler auf dem Gebiet der Philosophie« (S. 6) nachzeichnen. Dass beide Themen unlösbar zusammenhängen, dass sie sich auf zwei Seiten ein- und derselben Sache beziehen, das nachzu weisen ist sein zentrales Anliegen. Die reaktionären Inhalte, die in dem wider spruchsvollen, durch und durch alogi schen Ideenkonglomerat »nationalsozia listische Weltanschauung« zusammentreffen – von der Demagogie der in direkten Apologetik des Kapitalismus bis zum Rassenmythos – , sie hätten nicht in der Weise, wie das geschehen ist, Ver breitung finden und »durchschlagen« können, wären sie nicht durch ein Ver dummungsmanöver Denken überaus deutlich. Nicht zuletzt, da Die Zerstörung der Vernunft Harich in seinen eigenen Überlegungen und Theorien bestärkte. 291Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 höherer Ordnung, nämlich durch grundsätzliche Diffamie rung und Ausschaltung des rationalen Denkens gegen alle Einwände der Ver nunft methodisch abgesichert worden. In diesem Sinne entlarvt sich die faschi stische Ideologie durch die Denkmethode, die sie zu ihrer Begründung nötig hatte, ebenso, wie umgekehrt diese durch die blutige Praxis des Faschismus, in die sie umschlug, entlarvt wird. Nachweis des Irrtums, Bloßlegung seiner geschicht lichen Wurzeln, Brandmarkung seiner sozialen Funktion geschehen so bei Lukács in einem Zuge, sind untrennbare Momente eines bis ins letzte kämpferisch parteilichen Darstellungsverfahrens, das historische Entwicklung und systema tische Kritik in virtuoser Weise in sich vereinigt. In sieben Kapiteln, einem Vorwort und einem Nachwort wird die Untersuchung, die den Zusammenhang zwischen der Ge schichte des Irrationalismus und dem Weg zu Hitler aufzeigen soll, durch geführt. Die Fülle des Trefflichen und Scharfsinnigen, die sich dabei vor un serem geistigen Auge ausbreitet, ist so groß, dass es ins Uferlose führen würde, wollten wir auf Einzelheiten eingehen. Wir müssen uns darauf beschränken, hier erst einen knappen Überblick über die Gliederung des Stoffes zu geben, um uns dann einer zusammenfassenden Würdigung des Ganzen zuzuwenden, die auch nicht annähernd erschöpfend sein kann. Das Vorwort (S. 5–29) erörtert zunächst die Gesichtspunkte der Auswahl und Disposition, begründet die Methoden, denen die Darstellung folgt, und fügt im Anschluss daran den Darlegungen des Hauptteils eine Reihe wichtiger Ergän zungen hinsichtlich der internationalen Verbreitung des Irrationalismus in der imperialistischen Periode hinzu. Dabei wird auf Bergson, William James, Croce und Sorel näher eingegangen, Pareto, Boutroux u. a. werden am Rande er wähnt: Der leitende Gedanke ist hier der, dass die imperialistische Grundlage der bürgerlichen Philosophie des 20. Jahr hunderts zwar allenthalben irrationali stische Tendenzen hervortreibt, dass aber nichtsdestoweniger Deutschland als Zen trum des modernen Irrationalismus an gesehen werden muss, sofern man nur die Weltwirkung Nietzsches und der Lebens philosophie in Betracht zieht und an das Einmünden der obskuren Strömungen in die Ideologie des deutschen Faschismus denkt. (Auch die Ausländer, die Lukács dann im Hauptteil ausführlich erörtert, gehören in der einen oder anderen Weise in den Zusammenhang der Entwicklung der deutschen reaktionären Philosophie hinein: Kierkegaard ist von der Problemsituation des sich auflösenden Hegelia nismus ausgegangen und durch die Exi stentialphilosophie der Heidegger und Jaspers zur Weltwirkung gelangt; Gobi neau hat die Rassentheorie begründet, die von den Nazis zum Kernstück ihrer »Weltanschauung« 292 Teil I gemacht wurde; H. St. Chamberlain optierte für die deutschen Imperialisten und wurde zum »Klassiker« des Hitlerfaschismus.) Das erste Kapitel (S. 31–74) analysiert die ökonomisch-soziale und historische Basis der in den folgenden Teilen be handelten geistesgeschichtlichen Erscheinungen. Es bringt einen knappen, in seiner Prägnanz großartigen Abriss der geschichtlichen Entwicklung Deutsch lands von der Reformation und dem großen Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts bis zum Jahre 1945. Von den historischen Werken der marxistischen Klassiker aus gehend, stellt hier Lukács diejenigen Eigentümlichkeiten des Werdeprozesses unserer Nation in scharfer Belichtung heraus, in denen die Grundlage dafür zu erblicken ist, dass Deutschland in der Vergangenheit einen vorzugsweise ge eigneten Boden für die Ausbildung und Verbreitung irrationalistischer Theorien bildete. Die eigentlich philosophische Unter suchung setzt erst mit dem zweiten Kapitel (S. 75– 243) ein, das die Ent stehung des modernen Irrationalismus in der Epoche zwischen der Französischen Revolution und der deutschen bürger lichen Revolutionsniederlage von 1848 zum Gegenstand hat. Eingeleitet wird dieses Kapitel durch prinzipielle Vorbemerkungen zur Geschichte des moder nen Irrationalismus, die sich abermals, wie das Vorwort und das erste Kapitel, auf das ganze Buch beziehen. Diese Vor bemerkungen versuchen, den Begriff des Irrationalismus zu präzisieren sowie die Besonderheiten zu bestimmen, die für die Entwicklung dieser Richtung reaktio nären Denkens im Rahmen des Kampfes zwischen Materialismus und Idealismus, Metaphysik und Dialektik charakteri stisch sind, und sie kommen in diesem Zusammenhang auch kurz auf deren tat sächliche oder angebliche Vorläufer im 17. und 18. Jahrhundert – auf Pascal und F. H. Jacobi einerseits, auf Vico, Hamann und Herder andererseits – zu sprechen. In den Abschnitten II bis V des zweiten Kapitels folgen vier in sich geschlossene und doch sachlich eng aufeinander be zogene Essays, in denen die Lehren von Schelling, Schopenhauer und Kierkegaard aus ihrer historisch-sozialen Genesis er klärt, in ihrer gesellschaftlichen Wir kung gekennzeichnet und einer scharfen, geistvollen Kritik unterzogen werden.Wir haben es hier mit denjenigen Den kern zu tun, die sich, auf je verschiedene Weise, der bürgerlich-progressiven Ideo logie der klassischen Periode und der vorachtundvierziger Zeit entgegenstellen und dabei neue, bis dahin unbekannte, eben spezifisch irrationalistische Formen der philosophischen Methodologie aus bilden. 293Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Schellings Theorie der »intellektuellen Anschauung« wird von Lukács als die erste Erscheinungsform des Irrationalis mus gedeutet. Von der späteren Philo sophie Schellings wird gezeigt, dass sie in der Situation der Auflösung der Hegelschen Schule, als sich die ersten Ansätze zur revolutionären Weiterentwicklung der Dialektik abzeichnen, den reaktio nären Auftrag, dem sie verschworen ist, nämlich die Dialektik im Dienst der Restaurationsromantik und der offen barungsgläubigen Orthodoxie zu be kämpfen, nur mit den Mitteln einer wüsten Mystik erfüllen kann. Schopen hauer ist gegenüber Schelling – und den vorachtundvierziger Reaktionären über haupt – der erste rein bürgerliche Irra tionalist. Eben deswegen bleibt er zu einem verschollenen Outsidertum ver urteilt, solange die reaktionäre Philo sophie Deutschlands sich noch auf einer halbfeudalen Restaurationslinie bewegt. In dieser Zeit aber stellt er bereits die geistigen Opiate bereit, deren die Bour geoisie nach der Revolution von 1848 be darf. Kierkegaards Irrationalismus resul tiert aus dem Versuch, die objektiven Dogmen der christlichen Religion, da sie sich angesichts der junghegelianischen und Feuerbachschen Kritik nicht mehr gegen die vordringende Wissenschaft behaupten lassen, preiszugeben, aber so, dass damit eine allgemeine Entwertung der Rationalität der Außenwelt – und zumal der Geschichte – verbunden und im Rückzug auf die reine Innerlichkeit des isolierten Individuums das Terrain gewonnen wird, auf dem eine Rettung der Religion als möglich erscheint. Mit Schopenhauer und Kierkegaard setzt gleichzeitig auch eine neue Methode der Verteidigung des Kapitalismus ein: Die indirekte Apologetik, die die nicht mehr fortzuleugnenden Übel und Scheuß lichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft, statt sie, nach Art des liberalen Optimis mus, zu verschleiern, grob herausarbeitet, aber nur, um sie zu Eigenschaften des menschlichen Daseins schlechthin, der Existenz überhaupt zu erklären. In mora lischer Hinsicht ermöglicht die indirekte Apologetik der parasitären Intelligenz eine Haltung, in welcher sie sämtliche Privilegien des bürgerlichen Seins genießen und »zur Erhöhung dieses Genus ses« auch noch das »Gefühl der Aus nahme, sogar der rebellischen, der ›non konformistischen‹ Ausnahme besitzen« kann (S. 243). Ihre sachliche Voraussetzung ist ein absolutes Leugnen jeder Möglichkeit eines Fortschritts, was eine völlige Irrationalisierung der Geschichts auffassung zur Bedingung wie zur Folge hat. Das ganze dritte Kapitel (S. 244–317) ist Nietzsche gewidmet. Es stellt die wohl tiefste und überzeugendste Nietzsche kritik dar, die je geschrieben wurde. Lukács spürt vor allem den Gründen nach, die die reaktionäre Weltwirkung dieses unheilvollsten Geis- 294 Teil I tes des vorigen Jahrhunderts in der ganzen imperiali stischen Epoche ausmachen. Er interpre tiert Nietzsche als den ersten Irrationa listen, der nicht mehr, wie es bei den zu vor behandelten Denkern der Fall war, nur einen bürgerlichen Typus progres siver Philosophie bekämpft (die Hegelsche Dialektik, den vormarxistischen Materialismus, den liberalen Fortschritts gedanken), sondern sich namentlich der Bewegung und Weltanschauung des Proletariats entgegenstellt. Aus dieser neuen Frontstellung folgt notwendig ein Aufhören jeder Ehrlichkeit und ein jähes Absinken des philosophischen Niveaus. Die barbarische Irrlehre Nietzsches, nicht zufällig unter dem Eindruck der Pariser Kommune konzipiert, ist aus keinem an deren Motiv entstanden als dem einer verzweifelten Abwehrreaktion gegen die kämpfende Arbeiterklasse, gegen die sozialistische Ideenwelt und ihre Tradi tionen. Das hat bei ihm eine Negierung des Humanismus in jeglicher Form zur Konsequenz. Hinter seiner Kritik am liberalen Philister, durch die Nietzsche in der Ära des Nationalliberalismus, ähnlich wie Schopenhauer in der Restau rationszeit, zu einem Outsider, einem »verkannten Genie« wird, die es ihm aber gerade deswegen auch gestattet, mit ver führerisch radikalen Gesten aufzutreten und so die imperialistische Ideologie in einer »avantgardistischen«, pseudorevo lutionären Form zu antizipieren, steckt letztlich weiter nichts als die Furcht da vor, dass die Unterdrückungsmethoden, wie sie die Bourgeoisie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts praktiziert, zur Niederhaltung des Proletariats nicht aus reichen könnten, sowie das Streben nach neuen, brutaleren Mitteln der Abwehr des konsequenten Fortschritts. Hier liegt auch die Wurzel der Barbarisierung des Bildes der Antike, der Lehre vom »Willen zur Macht«, der Verherrlichung der In stinkte, der Polemik gegen das Christentum als Sklavenmoral usw. Dass bei alledem Nietzsche Marx und Engels nicht erwähnt, ja, von ihnen nicht die geringste Kenntnis hat, ändert nichts daran, dass seine ganze Lehre gegen den von ihnen begründeten wissenschaft lichen Sozialismus gerichtet ist. Im Gegenteil: Für die Kampfesweise der neuen Phase des Irrationalismus ist diese völlige Unkenntnis des zentralen Gegners gerade tief bezeichnend. Die früheren Irrationalisten hatten von den progres siven Gegnern, gegen die sie sich wandten, noch eine mehr oder weniger klare Vorstellung, sie waren zuweilen sogar imstande, an wirklichen Schwä chen der Systeme dieser Gegner anzu setzen, welche unsinnigen Konsequenzen sie daraus auch immer ziehen mochten. (Lukács erinnert hier an den schneidenden Witz, mit dem Schopenhauer die Ver herrlichung der Bürokratie bei Hegel kritisiert, an die Polemik Kierkegaards gegen den kontemplativen Charakter der Hegelschen Philosophie.) In dem Moment jedoch, wo – wie zu Nietzsches Zeit – der proletarische Gegner auf den Plan tritt und 295Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 der Angriff der Reaktion sich auf ihn konzentrieren muss, hören jeder auch nur partiell berechtigte Gedanke und jede Wissenschaftlichkeit resolut auf. Das wiederum hat zwangsläufig eine qualitative Steigerung der irrationali stischen Zersetzungstendenzen in der Philosophie zur Folge. »Bei Nietzsche« , schreibt Lukács zusammenfassend (S. 317), »entspringt jeder Inhalt aus der in den Mythos flüchtenden Furcht vor dem eigenen Klassenuntergang, aus der Ohn macht, sich mit dem Gegner wirklich gedanklich messen zu können: Es sind Inhalte aus ›Feindesland‹, vom Klassengegner aufgezwungene Probleme und Fragestellungen, die den Inhalt seiner Philosophie letzten Endes bestimmen. Und die Aggressivität des Tones, das offensive Auftreten in jedem Einzelfall kann diese Grundstruktur nur oberfläch lich verhüllen. Der erkenntnistheore tische Appell an den äußersten Irratio nalismus, an das vollkommene Verleug nen jeder Erkennbarkeit der Welt, aller Vernunft, der moralische Appell an alle barbarischen und bestialischen Instinkte ist ein – unbewusstes – Eingeständnis dieser Lage. Nietzsches nicht alltägliche Begabung zeigt sich darin, dass er an der Schwelle der imperialistischen Periode einen solchen jahrzehntelang wirksamen Gegenmythos (gegen den wissenschaftlichen Sozialismus, WH) entwerfen konnte. Sein aphoristischer Ausdruck er scheint in dieser Beleuchtung als die adäquate Form dieser gesellschaftlichgeschichtlichen Lage: Die innere Morsch heit, Hohlheit, Unwahrhaftigkeit des ganzen Systems hüllt sich in farbig schil lernde, auch formell jeden Zusammen hang leugnende Gedankenfetzen.« Das vierte Kapitel (S. 318–431) setzt sich mit der so genannten Lebensphilo sophie, der führenden irrationalistischen Strömung der imperialistischen Periode in Deutschland, die auch Nietzsche erst zu breiter Wirkung verholfen hat, aus einander. Lukács zeigt die historischen und sozialen Ursachen auf, die den Vor gang erklären, dass um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, mit dem Über gang zum Imperialismus, in der Bour geoisie das Bedürfnis entsteht, den bis dahin vorherrschenden positivistischen Neukantianismus unter Bewahrung seiner subjektivistischen und agnostizistischen Erkenntnistheorie in der Richtung auf reaktionäre »Weltanschauung« zu über winden, und stellt dann im einzelnen dar, wie Dilthey und Simmel, Spengler und Scheler, die Existenzphilosophie Hei deggers und Jaspers‘ und präfaschistische Lebensphilosophen wie Klages und Ernst Jünger in den verschiedenen Entwick lungsphasen des deutschen Imperialis mus dieses Bedürfnis befriedigen, bis schließlich die offiziellen Ideologen des »Dritten Reiches«, die Bäumler und Boehm, Krieck und Rosenberg, aus den Resultaten des lebensphilosophischen Irrationalismus die letzten Konsequenzen ziehen. Alle 296 Teil I diese Polemiken sind in ihrer Art Kabinettstücke – vielleicht mit Aus nahme des ein wenig dürftig geratenen Abschnitts über Scheler (der im übrigen, wie uns scheint, von Lukács etwas künst lich auf den Repräsentanten der »rela tiven Stabilisierung« in der Weimarer Zeit reduziert wird). Mit Bäumler und Rosenberg ist bereits der Punkt erreicht, an dem der Prozess der Vernunftzerstörung auf den Hitler faschismus hinausführt. Die folgenden drei Kapitel setzen dann jedoch wieder an früheren Zeitpunkten an, um von je verschiedenen Ausgangssituationen her den Weg zu Hitler unter anderen Aspek ten nochmals zu beschreiben. So rechnet das fünfte Kapitel (S. 432–460) mit der zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzen den Hegel-Renaissance ab, die am deut lichsten den Irrationalismus in die Interpretation des klassischen philosophischen Erbes hineinträgt; so behandelt das sechste Kapitel (S. 461–524) die Entwick lung der bürgerlichen Soziologie in Deutschland von ihren Anfängen bei Schmoller und Wagner über Tönnies, Max Weber, Alfred Weber und Mann heim bis zu den präfaschistischen und faschistischen Soziologen Spann, Freyer und Carl Schmitt; während das siebente (S. 525–601) sogar bis zu den Anfängen der Rassentheorie im 18. Jahrhundert (Boulainvilliers) zurückgeht, um anschließend die Entwicklung des rassistischen und sozialdarwinistischen Denkens von Gobi neau über Gumplowicz, Ratzenhofer und Woltmann bis zu Houston Stewart Cham berlain darzustellen. Von Chamberlain zeigt Lukács, dass bei ihm die rassistischsozialdarwinistische mit der lebensphilo sophischen Linie zu einer Einheit ver wächst, womit der letzte Beweis dafür erbracht ist, dass die »nationalsoziali stische Weltanschauung« die demago gische Synthese der ganzen reaktionären Philosophie des deutschen Imperialismus bildet, der Hitler und Goebbels sachlich nichts wesentlich Neues mehr hinzuzu fügen, die sie nur noch, populär vergrö bert, mit der Reklametechnik der amerikanischen Trusts zu verbinden brauchten. Mit diesem Ergebnis schließt die Unter suchung des Hauptteils ab. Das umfang reiche Nachwort (S. 603–674) trägt dann der Kampfsituation der unmittelbaren Gegenwart Rechnung, indem es die Ana lyse und Kritik der irrationalistischen Strömungen bis auf unsere Tage fort setzt. Angesichts der Machtverschiebungen, die sich innerhalb des kapitali stischen Teils der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen haben, steht dabei nun die Ideologie des amerikanischen Imperialismus im Vordergrund. Sie weist auf den ersten Blick andere, zum Teil sogar entgegengesetzte Züge als die der Nazis auf. Sie bevorzugt z. Bsp. wieder die direkte Apologetik, betont ihre Herkunft aus der Aufklärung usw. Aber Lukács zeigt, dass sich hinter alledem derselbe Irrationalismus 297Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 verbirgt, der, in den USA so gut wie in Deutschland, der nämlichen imperialistischen Grundlage entspricht. Wenn z. Bsp. Burnham die Notwendigkeit von Mythen für die Beherrschung der Massen verkündet, so unterscheidet er sich von Rosenberg eigentlich nur darin, dass er in einen amerikanischen »Mythus des 20. Jahrhunderts« gleich noch die zynischen Gespräche Hitlers mit Rauschning als Kommentar aufnehmen würde. Was die seit 1945 in Westdeutschland sich abzeichnende Entwicklung der reak tionären Philosophie betrifft, so bietet sie – wie Lukács an Jaspers, Heidegger und Carl Schmitt nachweist – das charakteristischste Beispiel dafür, dass die geistigen Wegbereiter und Propagan disten Hitlers es ohne Schwierigkeit fertigbringen, sich dem Klima der sogenannten »freien Welt«, der Demokratie à la Dulles und Adenauer anzupassen und dabei unverändert ihre alten irra tionalistischen Grundtendenzen zu be wahren.187 * * * * * Als im Jahre 1945 das Weltverbrechen des Hitlerfaschismus ein Ende hatte, sahen wir deutschen Marxisten und mit uns alle fortschrittlich gesinnten Kräfte der Nation die erste, dringlichste Auf gabe auf geistigem Gebiet darin, die Naziideologie in allen ihren Bestandteilen auszurotten, über ihre Vorgeschichte restlos Klarheit zu schaffen, ihren Klassen charakter zu enthüllen und im Kampf gegen ihre Überreste ein progressives, humanistisches Traditionsbewusstsein wiederherzustellen, ohne das an demo kratischen Neubau der deutschen Kultur gar nicht zu denken war. Versuchen wir nun heute, ein Jahrzehnt später, die Leistungen zu überblicken, die in dieser Hin sicht inzwischen vollbracht wurden – auf dem Gebiet der Deutschen Demokra tischen Republik sind es sehr rühmens werte Leistungen, die von einer tiefgrei fenden Wandlung unseres Volkes, einer wirklichen Neuorientierung auch seiner intellektuellen Kräfte Zeugnis geben –, so sehen wir, dass an entscheidenden Punkten unser Bemühen am kräftigsten durch den bedeutenden ungarischen Den ker gefördert wurde, der am 13. April 1955 sein siebzigstes Lebensjahr vollendet und von dessen neuestem Werk hier die Rede ist. Was Georg Lukács als Deuter unserer Literatur, als Zerstörer von Legenden, die unsere besten nationalen Traditionen überwuchern, als Vorkämpfer realisti scher Kunst und Schöpfer neuer, soziali stischer Bildungswerte für Deutschland und insbesondere für die Selbstbesinnung der deutschen Intelligenz getan hat, kann aus der Kulturgeschichte unseres Volkes nicht mehr fortgedacht werden. 187 (AH) Siehe hierzu die verschiedenen Zeitungsartikel Harichs aus der zweiten Hälfte der vierziger Jahre, vor allem in der Täglichen Rundschau und in der Weltbühne, die in einer Auswahl in den Bänden 1.1 und 1.2 präsentiert werden. 298 Teil I Es soll dies hier nicht nur ausgespro chen werden, um bei Gelegenheit dieser Rezension den Jubilar zu ehren, sondern vor allem, damit der Leser die Tragweite der Feststellung ermessen kann, dass Die Zerstörung der Vernunft ein Höhepunkt im bisherigen Schaffen ihres Verfassers ist, ein Höhepunkt auch seines unab lässigen Ringens um die politische und geistig-sittliche Wandlung unseres Vol kes. Dies gilt, so meinen wir, in zweierlei Hinsicht: Einmal kommen der Scharf sinn von Lukács und seine eminente philosophische Bildung – Qualitäten des Denkers, die womöglich noch stärker ausgeprägt sind als die ohne Zweifel hervorragenden des Literarhistorikers – in diesem Buch großartiger zur Geltung als in allem, was er früher geschrieben hat. (Auch die breit angelegte Studie über den jungen Hegel ist hier, wie wir glauben, noch weit übertroffen.) Zum an deren führt Lukács mit seinem neuen Werk den bestgezielten Schlag, den er in seinem jahrzehntelangen Kampf gegen die Ideologie des deutschen Imperialis mus diesem niederträchtigen Gegner je versetzt hat. Damit ist zugleich gesagt: Nie war ein Buch von Lukács aktueller, nie wurde eines dringender von uns deutschen Sozialisten gebraucht als gerade dieses heute. Denn wenn es im Bereich des gei stigen Lebens in unseren Reihen zur Zeit eine Schwäche, eine Lücke gibt, so besteht sie darin, dass die Philosophen der deut schen Linken nur wenig vorzuweisen haben, was sich an Bedeutung und Über zeugungskraft etwa mit den Leistungen der zeitgenössischen fortschrittlichen Li teratur unseres Volkes vergleichen ließe. Und wenn es in der Nachkriegszeit fort während nottat, die Abscheulichkeit des deutschen Imperialismus durch Entlar vung seiner ideologischen Verführungs mittel gründlicher bloßzustellen, als es bisher faktisch geschehen ist, so muss dies als zentrale Aufgabe unseres Kampfes in einer Situation betrachtet werden, in der man sich anschickt, den Mördern von Oradour und Auschwitz wieder Waffen auszuhändigen, während ein Heidegger, mehr denn je der Modephilosoph der Weltreaktion, es wagen kann, die »innere Wahrheit und Größe der nationalsoziali stischen Bewegung« anzupreisen (Einführung in die Metaphysik, Tübingen, 1953, S. 152). Es werde gegenwärtig im Westen, so schrieb kürzlich die in Hamburg er scheinende bürgerliche Zeitung Die Welt, »an der deutschen Literatur eine Zensur ausgeübt, um die Vergangenheit weniger abscheulich zu machen, als sie war, und damit die Reaktionen des Volkes auf das, was die Zukunft in ihrem Schoß bergen mag, abzuschwächen«. In dieser Lage kommt das Buch über die Zer störung der Vernunft gerade recht. Dass es eine Lücke füllt, ist ein zu schwacher, ein allzu abgegriffener Ausdruck, um den wahren Sachverhalt zu treffen: Es macht uns an einem Punkte stark, an dem wir sonst schwach wären und an dem wir, um den 299Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Kampf gegen den wiedererstan denen deutschen Imperialismus mit all seitiger Wirksamkeit entfalten zu kön nen, auf keinen Fall schwach sein dürfen. Man mag hier einwenden, dass diese Einschätzung denn doch übertrieben sei. Und man mag das damit begründen, dass wir – auch ohne Lukács – alles getan hätten und weiter tun, um über den Klassencharakter des Faschismus Klar heit zu schaffen und vor den Gefahren zu warnen, die von den Morgenluft wit ternden Militaristen und Revanchepoli tikern in Westdeutschland drohen. Man mag schließlich auf die Fülle von Arti keln, Aufsätzen, Broschüren und Büchern verweisen, die in den letzten Jahren in der Deutschen Demokratischen Republik erschienen sind und in denen die viru lenten reaktionären Ideologien der Zeit – von der Rassentheorie bis zum Neo malthusianismus – einer vernichtenden Kritik unterzogen wurden. Das alles ist richtig. Aber es ist eben eines, die Reak tion in ihrer unmittelbaren sozialen und politischen Erscheinungsform, ein an deres, sie in den Ideen zu entlarven, mit denen sie das Bewusstsein der Gesellschaft zu verdunkeln und zu beherrschen sucht. Und selbst was den geistigen Kampf als solchen betrifft, kann eine noch so über zeugende Abrechnung mit der unmittelbar gefährlichsten, weil auf Massenwirksam keit berechneten Vulgärideologie des Imperialismus niemals ausreichen, die faschistische Gefahr in den hartnäckigen Traditionen und Denkantrieben zu treffen, welche die anspruchsvolleren Köpfe ver führbar und wehrlos machen. An der philosophisch versierten Intelligenz, die einen wichtigen, einflussreichen Teil der Gesellschaft ausmacht, den man mit spezifizierten Argumenten zum Nach denken bringen muss, redet man auf die Dauer einfach vorbei, wenn man sich darauf beschränkt, nur die Rosenberg und Burnham und William Vogt zu entlarven. Wer die Sache so ansieht und dann bedenkt, wie schnell auch der reaktionärste Teil der deutschen Intellektuellen nach 1945 bereit war, den Rassismus zu verleugnen und die Niveaulosigkeit eines Bäumler zuzugeben, mit welcher Selbst verständlichkeit aber gleichzeitig den Nietzsche und Spengler, den Dilthey, Jaspers und Jünger eine Dignität zu erkannt wurde, die bestimmte ideengeschichtliche Quellen des Faschismus selbst für ehrliche Gegner Hitlers auch heute noch als unangreifbar erscheinen lässt, der wird gewahr, dass wir deutschen Marxisten noch weit davon entfernt sind, die Aufgabe, die wir uns angesichts der Katastrophe von 1945 stellten, bewältigt zu haben. Wie oft greifen wir nur die letzten, die offensichtlich barbarischen Schlussfolgerungen des irrationalistischen Denkens an, ohne dessen – mit Verlaub gesagt: sublimere – Prämissen zu beach ten. Wie durchaus unzulänglich ist unser Bestreben, den Kampf an der ganzen 300 Teil I Breite der philosophischen Front so sachkundig und konkret zu führen, dass die Intelligenz in den sie bewegenden theoretischen Fragen sich wirklich betroffen fühlen und mit einer unentrinnbaren Argumen tation konfrontiert sehen muss. Und wie unbekümmert gehen wir meist über die reaktionäre Philosophie unserer Zeit mit ein paar sehr allgemeinen Schlag worten hinweg. Die Bedeutung des Bu ches von Lukács liegt nicht zuletzt darin, dass es alle diese Fehler mit einem Schlage überwindet. Weil es den Weg zu Hitler endlich auch dort überzeugend sichtbar macht, wo viele es mit der Würde des Tiefsinns und echter philo sophischer Kultur zu tun zu haben glau ben, ist es, nächst den Werken der marxi stischen Klassiker, eine der gediegensten, zuverlässigsten Waffen, die uns heute im Kampf um die geistige Befreiung der deutschen Intelligenz zu Gebote stehen. Unter diesem Gesichtspunkt muss man auch die Tatsache sehen, dass die Analyse, die Lukács von der Ideologie des deut schen Faschismus gibt, keineswegs etwa vollständig ist, dass wichtige Elemente dieser Ideologie von ihm gar nicht oder nur ganz am Rande behandelt werden: So die Geopolitik, so die Verbindung von sozialer Demagogie und »Dolchspitze des Terrors« im Antisemitismus, so der von allem demokratischen Inhalt entleerte romantische Volksbegriff, so die malthu sianistische Komponente der »Volk ohne Raum«-Propaganda oder die Bestre bungen zur Erneuerung nordischer Mytho logie. Wer darin einen Mangel sieht, sei darauf hingewiesen, dass es dem Verfasser nicht so sehr auf eine umfassende Kritik der »nationalsozialistischen Weltanschauung« selbst ankommt als vielmehr dar auf, die objektive Vorläuferrolle von Den kern festzustellen, die mit ihr, oberfläch lich betrachtet, wenig zu tun zu haben scheinen, ja, sich zweifellos schaudernd von Hitler, wenn sie sein Regime erlebt haben würden, abgewandt hätten, die aber nichtsdestoweniger zur Ausbildung jener methodisch gegängelten Denkver wirrung beigetragen haben, welche die deutsche Intelligenz dem Faschismus an heimfallen ließ, sie zumindest ihm gegen über wehrlos machte und heute wieder große Teile von ihr in einer präfaschi stischen Geisteshaltung festbannt. Auch dort, wo Lukács auf zentrale Be standteile der faschistischen Ideologie wie den Rassismus und den Sozialdarwi nismus ausnahmsweise ausführlich ein geht, ist daher die Kritik, die er an diesen Irrlehren zu üben weiß, wenngleich von hohem Wert, so doch weit weniger wichtig als etwa der Nachweis, dass H. St. Chamberlain den Rassismus, der in seiner alten, Gobineauschen Form für die Zwecke der deutschen Imperialisten unbrauchbar gewesen wäre, erst durch seine Verknüpfung mit einem Geschichtsmythos wirksam machte, der sich metho dologisch aufs Engste mit der Intuitions lehre 301Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 der Diltheyschen beschreibenden Psychologie berührt. Erst die Aufdeckung solcher – und anderer – Zusammenhänge, erst die Einbeziehung eines so kulti vierten, geistig so hochstehenden Den kers wie Dilthey in den Prozess der Ver nunftzerstörung, in den er mit seinem Relativismus, seiner unhistorischen Ty pologie, seiner irrationalistischen Theorie des »Verstehens« objektiv hineingehört, macht es möglich, den Irrationalismus der imperialistischen Periode, ausgehend von der Kritik der Rassentheorie, in allen seinen Versionen mit der gebührenden Schonungslosigkeit in Frage zu stellen, seine ganze Gefährlichkeit uns vor Augen zu führen und so die ge schichtliche Verantwortung der Philo sophie ins Bewusstsein der Zeitgenossen zu heben. Es geht Lukács also vor allem darum, den indirekten, so quasi unbewussten Vor läufern des Faschismus, all denen, die den schließlichen Resultaten ihres Wir kens subjektiv so fern stehen, wie ihr Niveau sie von dem platten Eklektizismus und der banausenhaften Demagogie der Hitlerleute unterscheidet, das Alibi ihres intellektuellen Ranges streitig zu machen und so ihren Anhängern den Rückzug auf Positionen zu erschweren, die, bei oberflächlicher Distanzierung von allzu kompromittierenden »Auswüchsen«, einen wirklichen Bruch mit dem faschistischen Denken, gar eine in die Tiefe dringende Abrechnung mit den reaktionären Strö mungen der vergangenen anderthalb Jahrhunderte als vermeidbar erscheinen lassen. Um zu sehen, wie äußerst zeit gemäß das ist, braucht man sich nur des Eifers zu erinnern, mit dem gleich nach 1945 begonnen wurde, den »wahren«, ver kannten Nietzsche (der z. Bsp. Bewunderer Voltaires und der französischen Mora listen gewesen sei, der den Antisemitis mus verachtet habe usf.) gegen den nazi stisch angeblich missbrauchten Nietzsche auszuspielen. Dabei liegt hier immerhin ein Fall vor, in dem die Absurdheit der artiger Rehabilitationsverfahren noch verhältnismäßig leicht einleuchtet. Kom plizierter scheinen die Fälle zu sein, in denen Vernunftzerstörer übelster Sorte dem »Dritten Reich« unmittelbar poli tisch ablehnend gegenübergestanden haben (wie Jaspers). Es ist ein besonderes Verdienst von Lukács, dass er derlei Nuancen der persönlichen Stellungnahme nicht gelten lässt, sondern ihnen gegen über darauf besteht, dass nur der Sach gehalt der philosophischen Aussage als relevant in Betracht gezogen werde. Natürlich birgt eine Kritik der ideen geschichtlichen Quellen des deutschen Faschismus, die dermaßen radikal ver fährt und geschichtlich derart umfassend angelegt ist, unter Umständen eine ganz bestimmte Gefahr in sich, nämlich die, dass sie den Gedanken nahelegt, es handle sich beim »Nationalsozialismus« um einen Elementarausbruch des »deutschen We sens«, und seine Ideologie sei eine Zu sammenfassung der Haupttenden- 302 Teil I zen der deutschen Geistes- und Kulturentwick lung. Wir kennen diese Konstruktion nicht nur in ihrer selber faschistischen Gestalt, d. h. in Form jener Legenden, die alles Große und Bedeutende deutscher Vergangenheit in eine Ahnengalerie Hit lers einbezogen. Wir kennen sie auch in Gestalt einer bürgerlich-liberalen Fa schismuskritik, die genau dasselbe, aber mit umgekehrtem Vorzeichen der Bewer tung, tat und damit eine unterschiedslose Verdammung der deutschen Kultur be gründete. Auch bei »linken« Sektierern in unseren eigenen Reihen sind nach wie vor starke Überreste dieses falsch ver standenen, alles nivellierenden und zu tiefst antinationalen Radikalismus vor handen. Sie finden ihren deutlichsten Ausdruck in der Simplifikation, sich die ganze deutsche Geschichte als eine einzige Misere vorzustellen, an der philo sophischen Front mit der Nuance, dass die klassische deutsche Philosophie von Kant bis Hegel als vorwiegend reak tionäre Entwicklungsetappe des mensch lichen Denkens interpretiert wird (Gropp).188 Mit einer marxistischen Auffassung der Geschichte der Philosophie sind der artige Tendenzen unverträglich, und dem Marxisten Georg Lukács, dem wohl gründlichsten und kenntnisreichsten unter den Philosophie- und Literatur historikern der Gegenwart, liegen sie denn auch gänzlich fern. Lukács sieht in der Geschichte – auch in der der Ideen – einen Schauplatz des Kampfes zwischen Fortschritt und Reaktion und wenn er feststellen muss, dass von Deutschland die Hauptströmungen des Irrationalismus ausgegangen sind, so führt er das nir gends auf irgendwelche mysteriösen ewigen Grundgebrechen unseres Volkes zurück, sondern auf die großen Tragödien unserer geschichtlichen Entwicklung, in denen die fortschrittlichen Kräfte hero isch kämpfend der siegreichen Misere der Reaktion unterlagen. Dazu kommt, dass Lukács’ ganzes Schaffen von tiefer, bewundernder, ja, liebender Ehrfurcht vor der Größe und Weltbedeutung der humanistischen Kul tur des deutschen Volkes erfüllt ist, einer Ehrfurcht, die auf Kenntnisse gegründet ist, in denen kein deutscher Marxist seit dem Tode von Engels sich mit ihm messen kann. Dem entspricht es, dass sein neues Buch in den Urteilen, die es fällt, nicht nur sorgfältig ausgewogen ist – das wäre ein zu schwaches Wort – , sondern mindestens ebenso sehr als Verteidigung der progressiven Leistungen der deut schen Philosophie wie als allerdings schonungslose Kritik ihrer reaktionären Seiten bezeichnet zu werden verdient. Lukács 188 (AH) Gemeint ist Rugard Otto Gropp: Die marxistische dialektische Methode und ihr Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, 1954, S. 69–112, Heft 2, 1954, S. 344–383. Alle weiteren Hinweise in diesem Band und in Band 5.  303Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 verteidigt z. Bsp. ganz entschieden Hamann und Herder gegen die Versuche, sie in die Geschichte des modernen Irra tionalismus, sei es mit positiver, sei es mit negativer Bewertung, einzubeziehen. Er zögert nicht, trotz der gebotenen Schärfe der Kritik die bahnbrechenden Errungenschaften Schellings in der Ge schichte der Naturphilosophie und der Ästhetik energisch hervorzuheben. Sein Kapitel über den Neuhegelianismus ist in erster Linie eine Verteidigung Hegels gegen die irrationalistische Verfälschung seiner Philosophie. Vor allem aber zeigt er, dass auf deutschem Boden die geistige Reaktion besonders aggressive und bar barische Form gerade deswegen an nehmen musste, weil die progressive Hauptlinie der klassischen deutschen Philosophie, dieser letzten weltbedeuten den Geistesschöpfung des Bürgertums, in der Herausbildung der Lehren von Marx und Engels ihren Gipfelpunkt erreichte. Hinter alledem steht dasselbe, unver mindert tiefe Verständnis für die posi tiven Kulturleistungen unserer Nation, aus dem heraus Lukács seine Faust studien und das Buch über den jungen Hegel, die Essays über die deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts und seine Analysen Thomas Manns geschrieben hat. Ja, man kann sagen: Nur aus brennender Liebe zu Deutschland und nur aus intimer Vertrautheit mit dem ganzen Reichtum des deutschen Kulturerbes konnten der Hass und die Verachtung erwachsen, die der Zerstörung der Vernunft von der ersten bis zur letzten Seite eigen sind – der Hass auf die Verderber des deutschen Geistes, die Verachtung ihres – bei aller eitlen Prätention, aller ausgeklügelten Interessantheit – erbärmlich kleinen Formats. »Das Volk von Dürer und Thomas Müntzer, von Goethe und Karl Marx«, schreibt Lukács (S. 29), »hat so viel Großes in seiner Vergangenheit, hat so große Perspektiven für seine Zukunft, das es keinen Grund hat, vor einer schonungslosen Abrechnung mit einer gefährlichen Vergangenheit und ihrem schädlichen, gefahrdrohenden Erbe zu rückzuschrecken.« Das ist ein Wort, dem sich jeder Deutsche, der aus den Erfah rungen der Geschichte zu lernen gewillt ist, nur aus vollem Herzen anschließen kann. * * * * * Wir glauben, damit die aktuelle Bedeu tung des neuen Werkes von Lukács in etwa angedeutet zu haben. Es wäre je doch falsch, das Buch nur unter diesem Aspekt zu sehen. Es ist keineswegs nur für den Tag und die Stunde geschrieben, und wenn es auch dem Verfasser um nichts anderes gegangen sein sollte, so hätte das Resultat doch die Absicht weit übertroffen. Die falschen und schädlichen Theorien, mit denen er sich auseinander setzt, werden allerdings den Untergang des Kapitalismus nicht überstehen, aber die vernichtende Kritik, die hier an ihnen geübt wird, wird dann noch für lange 304 Teil I Zeit den marxistischen Philosophiehisto rikern in ihrem Bemühen, den verschlun genen Weg der Entwicklung des mensch lichen Denkens zu erhellen, Vorbild und Hilfe sein. Gewiss: Ein Lehrbuch der Geschichte der Philosophie oder auch nur eines ihrer Abschnitte will Die Zerstörung der Ver nunft nicht sein und ist sie auch nicht. Dafür setzt das Werk einerseits beim Leser zu viel voraus und ist andererseits in viel zu hohem Maße auf die Kenn zeichnung reaktionärer Erscheinungen konzentriert. Aber in einer Zeit, in der die marxistische Erschließung der Ge schichte der Philosophie zu einer bren nenden Aufgabe geworden ist, von deren sachgerechter Bewältigung das Bildungsniveau der Zukunft und die Tiefe und Gründlichkeit der Beherrschung des dia lektischen Materialismus weitgehend ab hängen, muss ein Buch, welches philoso phiehistorische Themen behandelt, es sich gefallen lassen, auch dahingehend ge prüft zu werden, welche Dienste es bei der Schaffung neuer Lehrmittel zu leisten vermag. Unsere Meinung ist, dass Die Zerstörung der Vernunft, obwohl sie speziell für philosophisch interessierte Intellektuelle der Gegenwart geschrieben wurde, sich auch in dieser Hinsicht für lange Zeit als unentbehrliche Hilfe er weisen wird. Sehen wir davon ab, dass die Einschät zung der verschiedenen ausführlich be handelten Denker der Niedergangs periode der Bourgeoisie für die unge fähre Skizzierung der betreffenden Epochen ebenso wie für die gründliche Erforschung aller einzelnen Details in Zukunft richtunggebend sein dürfte, so bleibt immer noch zu beachten, dass die Anspielungen auf philosophische Strö mungen, die nur beiläufig erwähnt wer den, meist derart präzise, treffend und instruktiv sind, dass sich ihnen die wesentlichen Gesichtspunkte für eine marxistische kritische Beurteilung – etwa des Neukantianismus, des Positivis mus, des Pragmatismus, der Husserlschen Phänomenologie usw. – ohne große Schwierigkeit entnehmen ließen. Man weiß aus den früheren Werken des Ver fassers, dass er, um den Zusammenhang des Ganzen einer Epoche immer wieder dem Leser zu Bewusstsein zu bringen, in telegrammartiger Kürze, oft in Klammern gesetzt, andeutende Hinweise auf scheinbar abgelegene Probleme zu geben pflegt, die er für geeignet hält, eine gesellschaftlich typische, klassenmäßig vorherrschende Tendenz in ihren ver schiedenen, unmittelbar voneinander un abhängigen und doch zutiefst analogen Ausprägungen verständlich zu machen. Nun, Die Zerstörung der Vernunft ist an solchen Hinweisen besonders reich, und wer es versteht, ihnen nachzugehen, wird für die Erforschung von Themen, die bei Lukács nur ganz am Rande auf tauchen, die aber für eine umfassende Darstellung der Entwicklung der Philo sophie im 19. und 20. Jahrhundert von großer Bedeutung sind, die fruchtbarsten Anregungen gewinnen. 305Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Doch das ist noch gar nicht das Ent scheidende. Viel wichtiger ist das metho dologische Vorbild, das Lukács mit diesem Buch geschaffen hat. Lukács lässt es – um hier nur einiges zu erwähnen – nirgends dabei bewenden, eine Richtung als reaktionär zu stigmatisieren, sondern er gewährt, mit der Absicht, die Über zeugungskraft seiner Argumente auf ein Maximum zu steigern, der immanenten Kritik breiten Raum, ohne jedoch Klassencharakter und historisch-soziale Funktion der Lehre des Gegners, mit dem er sich jeweils auseinandersetzt, auch nur für einen Augenblick aus dem Auge zu verlieren. Weiter: Er gibt ein grandioses Beispiel dafür, wie die Weisung von Engels, die Geschichte der Philo sophie als Geschichte des Kampfes zwi schen Materialismus und Idealismus dar zustellen, konkret befolgt werden muss: Er behandelt nämlich die Geschichte einer philosophischen Richtung, die sich bei oberflächlicher Betrachtung und ihrem Namen nach der zwingenden Alternative, welche sich aus der Grundfrage der Philo sophie ergibt, zu entziehen scheint, aber er behandelt sie gerade so, dass jedem einleuchten muss, wie restlos sie in allen ihren Problemstellungen dem Kampf zwischen Materialismus und Idealismus untergeordnet bleibt. Und vor allem: Er stellt ein neues Vorbild wahrhaft partei licher Darstellung vor uns hin, indem er z. Bsp. die scheinbar neuen Inhalte, die die philosophische Reaktion in den verschie denen Stadien ihrer Entwicklung hervor bringt, als Produkte ihrer zunehmenden Unfähigkeit entlarvt, die fortschreitende Erkenntnis der Welt, die von den progres siven Klassen in der Geschichte vorangetrieben wird, auf dem Boden rationaler Argumentation zu bekämpfen, aus wel chem Dilemma sich die Notwendigkeit der Flucht in die Irratio und den Mythos ergibt. Wer sich diese Qualitäten einmal klar macht und ihre Bewährung am kon kreten Stoff verfolgt, wird unweigerlich erkennen, dass Die Zerstörung der Ver nunft ein außerordentlich bedeutsamer Beitrag zur Überwindung der vulgär soziologischen, abstrakt ideengeschicht lichen und objektivistischen Fehler ist, an denen in unserer Zeit die Versuche marxistischer Philosophiegeschichts schreibung noch weithin kranken. Auch dort, wo unsere Philosophiehistoriker in Lehre und Forschung Fragen behandeln, die mit dem Themenkreis dieses Buches wenig zu tun haben, Fragen der antiken oder der mittelalterlichen Philosophie, der Philosophie der Renaissance oder der Aufklärung, werden sie gut daran tun, bei Lukács – und gerade bei dem Lukács der Zerstörung der Vernunft – in die Lehre zu gehen. Zumindest methodisch können sie Unentbehrliches von ihm lernen. * * * * * 306 Teil I Das alles kann und darf nun nicht heißen, dass man sich zu dem ausgezeich neten Werk kritiklos verhalten sollte. Es liegt freilich sehr nahe, das zu tun, wenn man bei seiner Bewertung ausschließlich davon ausgeht, es mit der zeitgenössi schen Produktion auf dem Gebiet der Philosophiegeschichte (der bürgerlichen wie der marxistischen) in Vergleich zu setzen. Aber dies wäre ein Fehler. Unzu länglichkeiten in den Werken überragen der Geister pflegen am ehesten Schule zu machen und müssen daher besonders deutlich bei Namen genannt werden. Aus diesem Grunde seien zum Abschluss dieser Besprechung einige kritische Bemer kungen gestattet. Nur mit Vorsicht wollen wir dabei Be anstandungen aussprechen, die darauf hinauslaufen, dass wir dieses und jenes an dem Buche vermissen. Wir sind uns dessen bewusst, dass es ein übles und un zulässiges, wenn auch immer noch weit verbreitetes Verfahren ist, ein neues Werk nicht nach dem, was es gemäß den speziellen Fähigkeiten seines Verfassers an Positivem gibt, zu beurteilen, sondern nach dem, was in ihm fehlen mag. Den noch glauben wir aussprechen zu dürfen, dass Die Zerstörung der Vernunft ihren Zweck, die Intelligenz unserer Zeit über die Gefährlichkeit der irrationalistischen Philosophie aufzuklären, noch weit voll kommener erreichen könnte, wenn Lukács an manchen Punkten die Gelegenheit er griffen hätte, die Problematik und damit die Hilflosigkeit bestimmter bürgerlicher Erscheinungen sichtbar zu machen, die zum Irrationalismus in betontem Gegen satz stehen. Wir denken hier z. Bsp. an die liberale Schopenhauerkritik Rudolf Hayms189 oder an die Polemik, mit der Heinrich Rickert die Lebensphilosophie bedacht hat, u. dgl. Wir denken auch daran, dass das Reaktionärtum Nietzsches in den Unzeitgemäßen Betrachtungen unmittelbar durch die liberale Bildungs philisterei der Zeit nach 1870 (namentlich durch den alten D. F. Strauß) provoziert worden ist und später gerade von denen als aufregend interessant empfunden wer den musste, die gegen die hohl und phra senhaft gewordene liberale Tradition aufbegehrten. An Hand solcher Beispiele hätte Lukács noch sehr viel überzeugen der klarmachen können, worin eigentlich die Verführungskraft des Irrationalismus besteht, inwiefern er wirkliche Schwächen der anderen reaktionären Richtungen für sich ausbeuten kann, die ihm ihrerseits ungewollt Zutreiberdienste leisten, wie also die verschiedenen reaktionären Schulen der bürgerlichen Philosophie in ihren Kämpfen ge- 189 Harich hatte 1953 im Aufbau-Verlag einen Band herausgegeben, der die Schopenhauer-Kritiken von Rudolf Haym, Karl Kautsky, Franz Mehring und Georg Lukács enthielt: Arthur Schopenhauer, Berlin, 1953. Darin auch Harichs Vorwort (S. 5–9, Neuabdr. im vorliegenden Band), in dem er die Studie Rudolf Hayms positivierte und dem Schopenhauer-Essay Lukács’ (es handelte sich um das entsprechende Kapitel der Zerstörung der Vernunft) als wertvolle Ergänzung an die Seite stellte. 307Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 geneinander sich wech selseitig ergänzen, und warum demgegen über nur die Weltanschauung der Ar beiterklasse den Intellektuellen einen echten Ausweg zeigt. Ernster ist der Einwand, dass bei Lukács bestimmte systematische Voraussetzungen der historischen Darstellung offenbar nicht hinreichend geklärt sind. Zum Beispiel gehen an mancher Stelle der Zerstörung der Vernunft die Begriffe Metaphysik (in der Bedeutung: undialek tisches Denken) und formale Logik heil los durcheinander (S. 116–118, 206– 208). Nach Lukács entspringt etwa der Irratio nalismus, was seine erkenntnistheore tischen Wurzeln betrifft, bei Schelling und Kierkegaard aus dem Festhalten an der formalen Logik und der angeblich dadurch bedingten Unfähigkeit, die Dia lektik der Wirklichkeit rationell zu er fassen. Weil die Begründer des Irratio nalismus – nach Lukács – nicht über die formale Logik hinauszugehen ver mögen, erblicken sie das Organ der wah ren Erkenntnis im Irrationalen, in der Intuition usw. In diesem Zusammenhang werden gelegentlich formale Logik und metaphysisches Denken einfach gleichgesetzt, es wird von »formaler Logik plus Irrationalismus« als sozusagen notwendig komplementären Denkweisen gesprochen und an einer Stelle (S. 117) sogar ein in diesem Punkte unwidersprochenes Zitat von Schelling angeführt, das die abso lute Unvereinbarkeit kontradiktorischer Gegensätze in Frage stellt. Es ließe sich über diese Dinge – der Rezensent hält sie für grundsätzlich falsch – noch dis kutieren, wenn hier eine bestimmte Vor stellung von der Logik, sei es auch nur in Umrissen, angedeutet wäre. Das aber ist nicht der Fall. Es handelt sich hier einfach darum, dass Lukács ziemlich un besehen die Terminologie des deutschen Idealismus übernimmt, ohne sich über die Konsequenzen, die aus den mit ihr verbundenen Begriffen erwachsen, in systematischer Klärung der Probleme Rechenschaft gegeben zu haben. Damit fließen aber in seine Darstellung Ge danken ein, die der falschen Identifizie rung von formaler Logik und undialek tischer Betrachtung der Realität – es muss durchaus begriffen werden, dass sie bei Hegel im Grunde genauso irrig ist wie bei Schelling (man denke nur an die sonderbare Dialektik von Sein und Nichts und ihrer Aufhebung im Werden) – Vorschub leisten. Auf derselben Linie liegt die Tatsache, dass Lukács an der von Kant bis Hegel durchgehenden, wenn auch immer wieder anders akzentuierten, heute aber gänz lich hinfälligen, durch den dialektischen Materialismus sinnlos gewordenen Unter scheidung von »Verstand« und »Ver nunft« festhält. Die systematische Grund lage, von der die historische Kritik aus geht, wird dadurch unklar; die Unter scheidung von Metaphysik und dialek tischer Erkenntnismethode, um die es da bei in Wahrheit geht, wird für den Leser unweigerlich mit Vorstellungen belastet, die der Marxismus weit hinter sich ge- 308 Teil I lassen hat, nämlich einerseits mit der bei Kant vorhandenen Annahme verschie dener »Seelenvermögen« und andererseits mit der objektiv-idealistischen Bedeu tung, die Hegel dem Begriff der Vernunft gegeben hat. (Auch eine »Vernünftigkeit« des Geschichtsprozesses gibt es nicht, wohl aber dessen erkennbare Gesetz mäßigkeit, die etwas ganz anderes ist.) In diesen Fehlern kommt, so glauben wir, die negative Kehrseite der spezifischen Überlegenheit von Lukács zum Vorschein. Lukács hat sich sein so rei ches, heute nahezu unvergleichbares Wissen in der Geschichte der Philosophie, der Literatur, aber auch der sozialen und ökonomischen Theorien, und seine Fähig keit, die analogen Erscheinungen aller dieser Gebiete in Bezug auf alle Epochen der neueren Geschichte in großartiger Zusammenschau zu überblicken und auf einander zu beziehen, durch eine fast ausschließliche Konzentration aufs Histo rische erworben und, man kann sagen: erkämpft. Dieselbe Konzentration aufs Historische hat aber in dem so überaus scharfsinnigen Denker leider auch das Interesse an der systematischen Philo sophie weitgehend beeinträchtigt. Da ihn nun die Behandlung philosophiehisto rischer Themen jedoch unweigerlich mit Problemgehalten konfrontiert, die nur auf der Grundlage völliger systema tischer Klarheit bewältigt werden kön nen, akzeptiert er, statt einwandfrei den Standpunkt des dialektischen Materialis mus in der betreffenden Frage geltend zu machen, zumindest terminologisch, aber oft auch in der gedanklichen Ent wicklung der Sache selbst, die Argumen tation desjenigen Denkers, der in der zu erörternden Epoche und ihren Kontro versen den Fortschritt repräsentiert hat. Er kritisiert z. Bsp. die Methodologie Schel lings im Wesentlichen mit Hegelschen Argumenten. Er fügt freilich mit Nach druck hinzu, dass beide – Schelling und Hegel – von derselben falschen, ideali stischen Konzeption des identischen Subjekt-Objekts ausgegangen seien. Aber das hindert ihn nicht, sich bei der Be handlung eines konkreten Problems, wie des Verhältnisses von formaler Logik und Dialektik, auf den Hegelschen Standpunkt zu stellen, dessen Verkehrt heit aus eben dieser gemeinsamen Grund lage des objektiven Idealismus resultiert. Bezeichnend ist in diesem Sinne auch, wie Lukas (S. 76) bei der Beantwortung der Frage, was unter Irrationalismus zu verstehen sei, vorgeht. Aus seinem ganzen Buch ergibt sich eindeutig, dass man als irrationalistisch eine Theorie zu be zeichnen hat, die das menschliche Denken für unfähig erklärt, die entscheidenden Zusammenhänge der Wirklichkeit zu er fassen und zu erklären, und an seine Stelle angeblich höhere Erkenntnisweisen (Intuition, Erleben usw.) setzt. Aus allen einzelnen Analysen der Zerstörung 309Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 der Vernunft ergibt sich weiter, dass die irrationalistischen Theorien in neuerer Zeit immer dort auftauchen, wo eine ver altete Erkenntnismethode auf Probleme stößt, die sie mit ihren Mitteln nicht zu bewältigen vermag, und dass sie jedesmal von reaktionären Denkern ausgebildet werden, die, auf Grund ihrer Klassenlage, ihrer reaktionären Stellungnahme im Klassenkampf nicht im Stande sind, den Übergang zu neuen, der Sache angemes seneren Erkenntnismethoden zu voll ziehen, ja, darüber hinaus die progressiven Geister, welche eine Lösung in dieser Richtung suchen, mit allen Mitteln be kämpfen müssen, um so ihren objektiven Klassenauftrag zu erfüllen. Lukács dürfte mit einer solchen Kenn zeichnung des Irrationalismus – sie stammt nirgendwo anders her als aus seinem eigenen Buch und deckt sich weit gehend mit vielen seiner Formulie rungen – sicher einverstanden sein. Wie aber führt er selbst (S. 76 f.) den Begriff des Irrationalismus ein? Er sucht, man muss schon sagen: krampfhaft, nach Stellen, wo in der Geschichte der Philosophie das Wort (!) Irrationalismus zum ersten Mal gebraucht wird. Er findet glücklich bei Hegel in einem ganz abseitigen, näm lich mathematischen Zusammenhang der Enzyklopädie wenigstens das Wort »Irrationalität«, und er entwickelt dann sehr kunstvoll, aber auch außerordentlich künstlich aus dem betreffenden, höchst speziellen Hegelzitat die Definition, um die es ihm selber zu tun ist. Und dabei fließen dann natürlich sofort die Hegelschen Termini, mitsamt der Unterschei dung von »Verständigkeit« und »Vernünf tigkeit« usw., in seine Darstellung ein und belasten sie mit den Ausdrücken und Bedeutungsgehalten einer Problemlage, die längst nicht mehr die unsere ist. Es liegt auf der Hand, dass eine schlichte systematische Klärung der Äquivoka tionen des Wortes Irrationalismus an dieser Stelle bessere Dienste geleistet und das Bestreben, unter allen Um ständen irgendeinen historischen »Auf hänger« zu finden, ganz überflüssig ge macht hätte. Denn Lukács’ eigene Ana lysen zeigen ja im Verlauf der weiteren Untersuchung zwingend, dass es über haupt gar nicht darauf ankommt, wer sich Irrationalist nennt oder von an deren so genannt wird, sondern aus schließlich darauf, wer Theorien des irra tionalistischen Typus im Sinne der oben gegebenen Kennzeichnung sachlich ver treten hat. Man würde diese Kritik nun völlig missverstehen, wenn man aus ihr eine Bekräftigung der oft geäußerten Ansicht herausläse, dass Lukács den Marxismus hegelianisch entstelle.190 So einfach ist die Sache nicht, und wir meinen etwas ganz anderes. Wir halten 190 Das war ja der Vorwurf von Rugard Otto Gropp, Joachim Höppner oder Alfred Kosing – um nur einige der SED-»Philosophen« der Front gegen Lukács zu nennen. Auch in Ungarn wurde dieses Argument seit Ende der vierziger Jahre gegen Lukács angeführt. 310 Teil I Die Zerstörung der Vernunft für das Buch eines echten Mar xisten, aus dem klar zu ersehen ist, dass der Verfasser die Fehler von Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) längst und endgültig überwunden hat. Aber wir konstatieren die Tatsache, dass Lukács als Philosophiehistoriker nicht über eine in allen Detailfragen hinreichend geklärte systematische Grundlage verfügt, und halten es dabei nicht für zufällig, dass die entsprechenden Fehler gerade bei ihm, dem gegenwärtig produktivsten und kenntnisreichsten Meister seines Fachs, zum Vorschein kommen. Sie würden sich, in der einen oder anderen Weise, bei jedem anderen auch einstellen, wenn er sich der Aufgabe unterzöge, bei der Dar stellung irgendwelcher Themen der Ge schichte der Philosophie in die Tiefe der Probleme einzudringen. Und das läge in jedem Fall zunächst einfach daran, dass bestimmte Kategorien des dialektischen Materialismus eben noch der konkreten, detaillierten Ausarbeitung bedürfen. Die Diskussionen über Fragen der Logik, über erkenntnistheoretische Probleme der mo dernen Physik usw. – insbesondere in Deutschland, aber auch in der Sowjet union – zeigen das ganz klar. In Fragen der politischen Ökonomie, der Staats theorie, des Klassenkampfes, der allgemeinen Grundzüge der dialektischen Methode, des Widerspiegelungscharakters der Erkenntnis usw. würden Lukács schwerlich Abwegigkeiten der oben ge schilderten Art unterlaufen. In der Frage der Einstellung zur formalen Logik aber steht es anders. Hier klafft eine Lücke, und wo das der Fall ist, dringt unver meidlich überwundenes Ideengut ein, und zwar um so mehr, wenn das historische Interesse das systematische dermaßen überwiegt. Man kann aus alledem natürlich die Schlussfolgerung ziehen, mit dem Versuch einer umfassenden marxistischen Be handlung von Themen der Geschichte der Philosophie noch ein paar Jahrzehnte zu warten. Man wird dann zweifellos keine Fehler machen, weil man nämlich den Vorzug genießt, überhaupt nichts zu machen. Uns aber scheint, dass von allem, was man bei Georg Lukács lernen kann, das beste der Mut ist, mit dem er jedes mal neue Probleme in Angriff nimmt, ohne vor der simplen Selbstverständlichkeit Furcht zu haben, dass der Erkennt nisprozess nicht aufgehört hat, ein Pro zess nur der Annäherung an die absolute Wahrheit zu sein. Dass es dem Siebzig jährigen vergönnt sein möge, noch Jahre und Jahrzehnte in voller Schaffenskraft diesen Prozess weiter voranzutreiben, das ist unser sehnlicher Wunsch. 311Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Gertrud Lukács191 (06. Januar 1955) Liebe Genossin Lukács! Die beiden Aufsätze Ihres Mannes, den frühen über Königliche Hoheit und den von 1933 über seinen Weg zu Marx, wollen wir mit in die Festschrift aufnehmen. Es wäre jedoch sehr schön, wenn, um der Symmetrie willen, noch etwas drittes, allerneuestes hinzu käme. Wie wäre es zum Beispiel mit etwas unmittelbar Politischem, etwa einer Äußerung des alten Deutschlandfreundes gegen die westdeutsche Remilitarisierung? Es existiert eine solche Äußerung, sie wurde hier, von ihm selbst gesprochen, vor kurzem über den Funk gesendet. Kann man das Manuskript davon haben? Es käme dann ein guter Dreiklang 1911–1933–1954, gepaart mit dem Dreiklang Literaturkritik-marxistische Philosophie-Politik, zu Stande. Wenn Sie es noch rechtzeitig schaffen sollten, die Bibliographie der Werke Ihres Mannes zusammenzustellen, so müssten wir das betreffende Manuskript spätestens am 25. Januar 1955 in Händen haben. Das Bild Ihres Mannes habe ich erhalten. Ich finde es sehr gut, für die Zwecke der Festschrift sehr geeignet. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr * * * * * (AH) Am 9. Februar 1955192 schrieb Lukács Harich noch einmal wegen der Bloch-Festschrift. Er habe dem Herausgeber des Bandes den ästhetisch-historischen Teil aus dem Aufsatz über das Besondere zugesagt, da er sonst nichts anderes liefern können und so »in der größten Verlegenheit Bloch gegenüber« wäre. Er bat daher Harich, das entsprechende Manuskript an Herrn Koven vom Deutschen Verlag der Wissenschaften, wo die Festschrift erschien, zu übergeben. Harich hatte dieses Ansinnen zuvor offensichtlich gegenüber Koven mit der Begründung abgelehnt, dass auch dieser Teil in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erscheinen solle. Zudem bedankte sich Lukács für die Übersendung des Herder-Buches von Rudolf Haym, das Harich neu herausgegeben hatte, und regte in diesem Zusammenhang eine Neuausgabe des Winckelmann von Justi an. Abschließend berichtete er dann noch, dass er nun doch einen Aufsatz über Thomas Mann zu schreiben gedenke. Der Zeitschrift Aufbau habe er vor einiger Zeit eine dementsprechende Anfrage negativ beschieden, Harich solle nun bei Bodo Uhse wegen des Drucks nachfragen. Wenn der Aufbau kein Interesse habe, dann sei eine Verständigung mit Sinn und Form oder der Neuen Deutschen Literatur anzustreben. Am 191 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 06. Januar 1955.  192 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 09. Februar 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich, das Zitat Blatt 1. 312 Teil I 17. Februar193 ergänzte Lukács dann, dass der Aufsatz fertig wäre und warf noch einmal die Frage nach einem Publikationsort auf. Außerdem stellte er die Überlegung in den Raum, eine Neuauflage von seinem Thomas-Mann-Buch zu veranstalten – mit den seit der letzten Auflage entstandenen Texten. Er fragte auch an, ob die Möglichkeit bestünde, das Buch Satire und Wirklichkeit seines Schülers István Mészáros im Aufbau-Verlag zu veröffentlichen. Brief an Georg Lukács194 (17. Februar 1955) Lieber Genosse Lukács! Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief vom 9. Februar 1955. Zunächst möchte ich Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass soeben die zweite Auflage von Die Zerstörung der Vernunft bei uns herausgekommen ist – mit neuem Untertitel (Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler) und mit von mir selbst korrigiertem Register. Ich habe übrigens über dieses Buch eine längere Besprechung für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie geschrieben (gerade wiedergegeben, AH), die in Heft eins des Jahrgangs 1955 erscheinen wird – einen Panegyrikus, eingeschränkt durch Vorbehalte gegen das, was Sie im Zusammenhang mit Schelling und Kierkegaard über die angebliche Ergänzung von Irrationalismus und formaler Logik sagen. Dass Sie darauf bestehen, den ästhetisch-historischen Teil aus dem Aufsatz über das Besondere in der Festschrift für Ernst Bloch zu bringen, ist für die von ihm und mir herausgegebene Zeitschrift ziemlich bitter, aber Ihr Wunsch wird selbstverständlich respektiert werden.195 Ich bitte Sie nun, der Zeitschrift für Heft zwei des Jahrgangs 1955 einen Abschnitt aus dem Buch über den historischen Roman zum Abdruck zur Verfügung zu stellen. Ich meine den einleitenden Abschnitt aus dem Kapitel, das die Niedergangserscheinungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behandelt. Ich habe diesen Abschnitt bereits leicht redigiert, so dass er als ein geschlossenes Ganzes erscheint, und mit der Überschrift Der Verfall des historischen Bewusstseins versehen. Die Fahnen werden Ihnen von der Zeitschrift zugeschickt werden, so dass Sie Änderungen noch beliebig vornehmen können. In den Heften drei und vier des Jahrgangs 1955 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie wollen wir dann den ganzen ästhetisch-systemati- 193 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 17. Februar 1955, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 194 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 17. Februar 1955.  195 (AH) Gemeint ist: Gropp, Rugard Otto (Hrsg.): Ernst Bloch zum 70. Geburtstag, Berlin, 1955. Darin: Lukács, Georg: Das ästhetische Problem des Besonderen in der Aufklärung und bei Goethe, S. 201–228. 313Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 schen Teil des Aufsatzes über das Besondere bringen. Das lässt sich sicher machen, da Ihr neues Buch über die ästhetische Widerspiegelung, wenn das ganze Manuskript in den nächsten Wochen dem Aufbau-Verlag geliefert werden sollte, doch erst 1956 erscheinen könnte. Nun zu Ihren Verbindungen mit dem Aufbau-Verlag. Das Manuskript des Buches Der historische Roman wurde im November 1954, von mir selbst redigiert, in Satz gegeben. Wir rechnen in Kürze mit dem Eintreffen der Korrekturfahnen, die Ihnen dann auch zugehen werden. Den Rest Ihrer Korrekturwünsche zu den Problemen des Realismus haben wir gestern bekommen und in den Umbruch eingearbeitet. Das Buch wurde heute zur letzten Korrektur gegeben und wird dann anschließend gedruckt werden. Mit dem Erscheinen ist im späten Frühjahr bzw. frühen Sommer 1955 zu rechnen. Ihr neues Buch über die ästhetische Widerspiegelung haben wir, mit dem Vorbehalt, dass pünktlich Lieferung erfolgt, für das IV. Quartal 1955 eingeplant. Wir müssen das vollständige Manuskript also spätestens im November 1955 in Händen haben. Beabsichtigt ist ferner in diesem Jahr eine neue Auflage von Schicksalswende in neuer Ausstattung und mit Register. Überlegen Sie sich doch bitte, ob Sie noch irgendwelche anderweitigen Beiträge in dieses Buch aufnehmen wollen, das ja nun durch Übernahme einzelner Abschnitte in die Probleme des Realismus etwas schmal geworden ist. Große Freude werden Sie sicher an unserer demnächst erscheinenden Ausgabe der Hegelschen Ästhetik haben, der ja Ihr einführender Essay vorangestellt ist. Wir drucken vollständig in einem Band die zweite Auflage der Ausgabe von Hotho ab, usw., mit neuer Zeichensetzung, die das Verständnis in erstaunlicher Weise erleichtert. Dazu bringen wir am Schluss ein umfangreiches Stichwort-Register, das ein solider Mann anfertigt. Der Band wird ungefähr 1200 Seiten haben. Nun noch eine Bitte. Wir haben im vorigen Jahr damit begonnen, eine kleine philosophische Bücherei im Aufbau-Verlag herauszugeben, von der wir jährlich etwa 8 bis 10 Titel bringen werden. Erschienen sind bisher Träume eines Geistersehers von Kant und Wesen der menschlichen Kopfarbeit von Dietzgen, in der Herstellung befinden sich Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, Herders Metakritik, Feuerbachs Schriften zur Kritik der Philosophie Hegels, Tschernyschewskis Anthropologisches Prinzip und Rousseaus Ursprung der Ungleichheit. 314 Teil I Im Rahmen dieser Reihe wollen wir nun auch eine Schopenhauer-Publikation bringen, d. h. sie soll kein Werk von Schopenhauer und auch keine Auswahl aus Werken von ihm enthalten, sondern die besten kritischen Abhandlungen über ihn zusammenfassen. Ein Werk von Schopenhauer selbst würde den progressiv gestimmten Charakter der Reihe zerstören und wäre im übrigen auch deswegen überflüssig, weil alle Antiquariate bei uns mit Schopenhauer-Ausgaben reichlich versehen sind, so dass Studierende die Texte jederzeit bekommen können. Aber für eben diese Studierenden fehlt ein Büchlein über Schopenhauer. Wir haben nun daran gedacht, im Rahmen unserer kleinen philosophischen Bücherei ein Buch Zur Kritik der Philosophie Arthur Schopenhauers herauszugeben, das die folgenden Beiträge enthalten soll: 1) Die glänzende, in biographischer Hinsicht außerordentlich instruktive, in der Sache scharf ablehnende, wenn natürlich auch liberal-bornierte Schopenhauer-Kritik von Rudolf Haym aus den Preu- ßischen Jahrbüchern, die seit Jahrzehnten völlig unbekannt und auch antiquarisch und in Bibliotheken kaum noch aufzutreiben ist, 2) den Schopenhauer-Aufsatz von Franz Mehring und 3) den Abschnitt über Schopenhauer aus der Zerstörung der Vernunft. Dem ganzen Bändchen würde ich eine kurze Einleitung von vier Seiten voranstellen, in der diese Zusammenstellung zu begründen und kurz zu den Grenzen der Haymschen Schopenhauer-Kritik kritisch Stellung zu nehmen wäre.196 Bei dem Abschnitt aus der Zerstörung der Vernunft würde ich außerdem die ersten beiden Sätze so neu formulieren, dass sich formell eine in sich geschlossene Arbeit ergibt. Wären Sie damit einverstanden? Zur Ansicht schicke ich Ihnen mit gleicher Post den ersten Band unserer kleinen philosophischen Bücherei, aus dem Sie den Charakter der ganzen Reihe ersehen können.197 Die Herausgabe des Winckelmann von Justi ist in unserem Verlag seit langem vorgesehen, es fehlt uns nur noch der geeignete Herausgeber, der das Buch mit einer kritischen Einleitung versehen könnte. Er müsste zwei Dinge in sich vereinigen: Den marxistischen Standpunkt, der ihn zu einer klaren Einschätzung der Justischen Position befähigte, und eine ziemlich gründliche Kenntnis des gegenwärtigen Entwicklungsstandes der Archäologie, damit auch die Punkte, in denen Justi rein fachwissenschaftlich überholt 196 (AH) Abdruck im Anschluss unter dem Titel: Einleitung in die Schopenhauer-Kritiken. 197 (AH) Lukács schrieb zu den bisherigen Punkten: »Was die anderen Pläne betrifft, so bin ich selbstredend mit der Ausgabe der Hegelschen Ästhetik begeistert einverstanden. Das Bändchen Kant habe ich erhalten, die Ausstattung ist sehr hübsch. Ich glaube, es wird ohne weiteres möglich sein, einen Schopenhauer-Band, wie Sie ihn planen, in dieser Reihe herauszugeben. Ich bin einverstanden damit, dass Sie die ersten Sätze meines Kapitels für eine selbstständige Veröffentlichung umstilisieren.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 23. Februar 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1. 315Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 ist, in der Einleitung herausgestellt werden könnten. Einen solchen Mann zu finden, ist nicht ganz leicht, aber grundsätzlich halten wir an dem Projekt fest. Zunächst werden wir jedoch die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts von Hermann Hettner und eventuell die Hutten-Biographie von David Friedrich Strauß herausbringen.198 Sie sehen: Unser Verlag ist eifrig bemüht, die von Nietzsche so geschmähten »Bildungsphilister« des 19. Jahrhunderts zu reaktivieren. Das ist auch eine Art Politik des »kleineren Übels«. Bodo Uhse habe ich Bescheid gegeben, dass er mit einem Thomas-Mann-Aufsatz für den Aufbau nun doch rechnen kann. Inzwischen sind Ihnen, hoffe ich, die Hefte drei und vier des Jahrgangs 1954 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zugegangen. Durch ein Versehen hatte die Absendung sich verzögert. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr dankbar ergebener * * * * * (AH) Lukács antwortete am 23. Februar.199 Er sendete verschiedene Materialien, darunter den Thomas-Mann-Aufsatz. Angesprochen wurden danach verschiedene organisatorische Fragen. Lukács entschuldigte sich noch einmal dafür, dass der eine Teil des Besonderen an die Festschrift für Bloch gegangen sei und stimmte dem Abdruck aller anderen Teile in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zu. Weitere Anmerkungen wurden bereits in den Fußnoten gegeben. Einleitung in die Schopenhauer-Kritiken (1955) (AH) Im Aufbau-Verlag war Harich für die Philosophische Bücherei des Verlages zuständig (siehe die entsprechenden Verweise dieses Bandes sowie den gerade präsentierten Brief ), mit der dem Anspruch nach etwa der Bibliothek von Felix Meiner Konkurrenz gemacht werden 198 (AH) Lukács schlug vor, dass man einen ausländischen Marxisten mit der Aufgabe der Einleitung in die Justi-Edition beauftragen könnte, beispielsweise Baccie Bandinelli aus Italien. »Es wäre jedenfalls sehr gut, wenn dieses für die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts so wichtige Buch herauskommen könnte. Die anderen Pläne sind recht gut, besonders Hettners 18. Jahrhundert. Haben Sie aber nicht daran gedacht, dass man eventuell seine interessanteren Jugendarbeiten über Romantik und über das moderne Drama, woran Gottfried Keller mitbeteiligt ist, auch einmal herausgeben könnte?« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 23. Februar 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich, das Zitat Blatt 2. 199 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 23. Februar 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 316 Teil I sollte. Als siebter Band erschien eine Auswahl mit Kritiken der Philosophie Arthur Schopenhauers, zu der Harich ein kleines Vorwort verfasste.200 Dieses wird im Folgenden wiedergegeben. * * * * * Die Werke Arthur Schopenhauers wären in der Philosophischen Bücherei des Aufbau-Verlages, die sich der Pflege der progressiven humanistischen Traditionen der Vergangenheit verpflichtet weiß, sicher fehl am Platze. Für ihre neuerliche Edition, die aus Gründen der Erhaltung des historisch Wissenswerten allenfalls gerechtfertigt wäre, besteht gegenwärtig aber auch insofern kein Grund, als Antiquariatsbuchhandlungen, Institute und öffentliche Bibliotheken den Bedarf der fachlich Interessierten in dieser Beziehung auf lange Sicht hinreichend zu befriedigen im Stande sind. Nach wie vor ist an Gesamtund Einzelausgaben Schopenhauers kein Mangel, ja, wir könnten uns glücklich schätzen, wenn sehr viel wichtigere Zeugnisse der Entwicklung des philosophischen Gedankens, wie etwa die Schriften der französischen und russischen Materialisten des 18. und 19. Jahrhunderts, uns heute schon in gleichem Maße und mit gleicher Leichtigkeit zugänglich wären wie Die Welt als Wille und Vorstellung und die Parerga und Paralipomena. Gleichwohl stößt derjenige, der sich heute sachgerecht über Schopenhauer zu orientieren sucht – und eine solche Orientierung ist beim Studium der Geschichte der neueren Philosophie wie zum Verständnis der bürgerlichen Geistesverfassung des vergangenen Jahrhunderts allerdings unerlässlich – , in einer Beziehung auf Schwierigkeiten. Was an Literatur über Schopenhauer greifbar ist, erschöpft sich fast ausnahmslos in Verteidigungen und Verherrlichungen des Philosophen. Eine gute, aus dem Geist der Wissenschaft und des Humanismus geborene Monographie, die sich mit seiner fragwürdigen Persönlichkeit und seinem obskuren System kritisch auseinandersetzte, die zugleich der faszinierenden Wirkung auf den Grund ginge, welche er auf die bürgerliche Dekadenz der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgeübt hat, ist weit und breit nicht aufzutreiben. Diesem Mangel nun soll das vorliegende Buch abhelfen. Es vereinigt in sich die vier, wie wir glauben, vortrefflichsten Schopenhauerkritiken, die im Laufe eines knappen Jahrhunderts entstanden sind und die unter jeweils anderem Aspekt zur Erhellung der geistigen Situation Deutschlands nach der Niederlage der Revolution von 1848 beizu- 200 (AH) Haym, Rudolf; Kautsky, Karl; Mehring, Franz; Lukács, Georg: Arthur Schopenhauer, hrsg. und eingel. von Wolfgang Harich, Berlin, 1955, das Vorwort S. 5–9. 317Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 tragen vermögen – der Zeit, als der Verkünder des Pessimismus, bis dahin ein verkannter »Außenseiter«, nicht zufällig in Mode kam. Drei dieser Arbeiten – die von Rudolf Haym (1864), Karl Kautsky (1888) und Franz Mehring (1888) – sind seit langer Zeit nicht mehr erhältlich und sind unverdientermaßen dem Bewusstsein der Zeitgenossen so gut wie entschwunden. Mit ihrer »Ausgrabung« hoffen wir, unseren an philosophischen Fragen interessierten Lesern ein wertvolles Geschenk zu machen. Es geht uns dabei zugleich auch darum, einer Art Ehrenpflicht Genüge zu leisten: Wir glauben diese Veröffentlichung dem Kampfe schuldig zu sein, den ein fortschrittlich gesinnter bürgerlicher Gelehrter der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts und zwei führende Köpfe der deutschen Arbeiterbewegung in der Epoche des Sozialistengesetzes gegen die reaktionärste Philosophie ihrer Zeit führten. (Bemerkt sei, dass der Kautsky von 1888 ein bedeutender sozialistischer Denker und bei weitem noch nicht der Renegat war, als der er sich in der Zeit des Ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution erwies, so dass wir Ihn in Bezug auf die Periode, der seine Schopenhauerkritik entstammt, getrost mit Franz Mehring in einem Atem nennen dürfen.)201 Zu Schopenhauer selbst bleibt an dieser Stelle wenig zu sagen. Wir beschränken uns auf den Hinweis, dass die hier zusammengefassten Schriften über ihn sich wechselseitig aufs Glücklichste ergänzen, wenngleich einerseits hie und da thematisch unvermeidliche Überschneidungen statthaben und andererseits in weltanschaulicher Beziehung zwischen dem altliberalen Philosophiehistoriker Rudolf Haym, dem Herausgeber der Preußischen Jahrbücher, und den marxistischen Theoretikern Kautsky, Mehring und Lukács erhebliche Gegensätze bestehen. Jene Überschneidungen sind sicher ein Schönheitsfehler des vorliegenden Buches; die Gegensätze aber werden schwerlich Verwirrung stiften, ja, sie haben eine sehr positive Kehrseite: Die besonderen Schwächen des einen Aufsatzes werden jeweils durch die besonderen Vorzüge der drei anderen ausgeglichen und wettgemacht, so dass im Leser schließlich ein zuverlässig adäquates Gesamtbild entsteht. Die vorzüglichste Arbeit, was die Richtigkeit der historischen Gesichtspunkte, was die Tiefe und Wahrheit der gesellschaftswissenschaftlich fundierten Ideologiekritik betrifft, dürfte die von Georg Lukács sein. Lukács ist unter den drei hier zu Worte kommenden 201 (AH) Siehe zu diesem Thema die philosophiegeschichtlichen Artikel, die Harich in der Neuen Welt und im Aufbau veröffentlicht hatte, u. a.: Die deutsche Arbeiterklasse in der Novemberrevolution, Die »deutsche« Republik, Union der festen Hand. Einsicht und Konsequenz und Arbeiterklasse und Intelligenz. Alle neu abgedr. in: Bd. 6.2, S. 1334–1352, 1353–1363, 1445–1469 und 1470–1489. 318 Teil I Marxisten derjenige, der bereits den Standpunkt des von Lenin und Stalin schöpferisch weiterentwickelten Marxismus vertritt und der überdies, weil er Schopenhauer aus größerer zeitlicher Distanz beurteilt, dessen Philosophie geschichtlich und klassenmä- ßig sicherer einzuordnen vermag, als dies Kautsky und Mehring möglich war. So bestimmt er Schopenhauer als den ersten reaktionären Denker von rein bürgerlichem Typus, der in der Geschichte der Philosophie wirksam geworden ist, und arbeitet energisch die Keime jener Tendenzen heraus, die sich später bei Nietzsche – mit dem neuen, imperialistischen Vorzeichen einer militanten Reaktion, einer Verherrlichung des »Willens zur Macht« – entfalteten. Mit der Entlarvung des Schopenhauerschen Pessimismus als einer »indirekten Apologetik« der kapitalistischen Gesellschaft, mit der Betonung des tiefen Gegensatzes, der zwischen Schopenhauer und der deutschen Klassik, insbesondere auch Goethe, besteht, hat Lukács Erkenntnisse ausgesprochen, die den gedanklichen Gehalt der Aufsätze von Kautsky und Mehring weit hinter sich lassen. Vor allem will es uns im Lichte der von Lukács gegebenen Analyse als reichlich oberflächlich erscheinen, dass Kautsky das Denken Schopenhauers in erster Linie durch dessen philisterhafte Züge charakterisiert, so als ob hier weiter nichts als eine beliebige Manifestation der Ideologie des typischen kleinen Rentners vorläge. Dennoch kann es keineswegs genügen, sich an die Arbeit von Lukács zu halten. Denn da in dem Buche, dem wir sie mit Genehmigung des Verfassers entnehmen, Schopenhauer nur im Zuge einer Gesamtdarstellung der Entwicklung des irrationalistischen Denkens »von Schelling bis Hitler« behandelt wird – und zwar nach Schelling und vor Kierkegaard und Nietzsche – , erfahren wir hier über seinen Werdegang, über den Aufbau, die gedanklichen Details und den Begründungszusammenhang seiner einzelnen Werke fast gar nichts. Dazu kommt, dass Lukács eine ziemlich genaue Kenntnis der irrationalistischen Denker, mit denen er abrechnet, beim Leser bereits voraussetzt. Er hat sein Werk über Die Zerstörung der Vernunft nicht als Lehrbuch konzipiert, sondern es in der Absicht verfasst, in den von der reaktionären Philosophie infizierten Köpfen Klarheit zu schaffen. So wendet er sich vor allem an den mit philosophischen Fragen bereits vertrauten Teil der Intelligenz. Als kritische Einführung in Schopenhauers Lehre kommt die hier veröffentlichte Arbeit von Lukács also nur sehr bedingt in Frage. Das heißt freilich nicht, dass Lukács denen, die in die Geschichte der bürgerlichen Philosophie der vergangenen hundert Jahre erst eingeführt werden wollen, nicht gleichfalls grundlegende Einsichten zu vermitteln hätte. Aber diese Einsichten werden, soweit 319Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 sie sich auf Schopenhauer beziehen, von den Lernenden nur wirklich erfasst und angeeignet werden können, wenn diese sich zunächst einmal mit den weniger voraussetzungvollen Arbeiten von Karl Kautsky und Franz Mehring vertraut machen, die, 1888 aus Anlass des 100. Geburtstages des Philosophen entstanden, den großen Vorzug aufweisen, auf die theoretische Schulung und die Bildungsbedürfnisse proletarischer Leser zugeschnitten zu sein, denen es die sozialen Ursachen, den Inhalt und die Funktion einer damals höchst aktuellen Modeströmung des reaktionären bürgerlichen Denkens kenntlich und klar zu machen galt. In dem Essay von Rudolf Haym findet der Leser das reichste Material an Fakten, die das Leben Schopenhauers, dessen Entwicklung, die geistigen Einflüsse, unter denen seine Philosophie sich ausbildete, die Details seiner Gedankenführung, die Eigenarten seines Charakters usw. betreffen. An Hand des hier Gebotenen lässt der Sinn der Beurteilung des Philosophen, die in den drei kürzer gefassten marxistischen Arbeiten erfolgt, sich konkreter verdeutlichen und von künftiger Forschung näher ausführen. In dieser Hinsicht kann also auch der Haymsche Essay eine wünschenswerte Ergänzung bilden, ja, biographisch ist er sogar die Hauptsache. Was an ihm wertvoll ist, kann jedoch nur dann fruchtbar gemacht werden, wenn umgekehrt gesehen wird, dass er seinerseits der Ergänzung und mehr noch: der gründlichsten Korrektur seiner Gesichtspunkte bedarf. So sehr Haym verdient, gerühmt zu werden, weil er die bis Mehring bei weitem schärfste Kritik an Schopenhauer geübt hat, so wenig dürfen wir uns darüber einer Täuschung hingeben, dass diese Kritik in vielem unzulänglich ist, dass sie spezifisch liberale Borniertheiten aufweist, oft der richtigen Begründungen entbehrt und an wesentlichen Punkten blind vorbeigeht. Haym neigt dazu, um hier nur einiges anzudeuten, von dem falsch interpretierten und missbrauchten an den richtig verstandenen Kant zu appellieren; er überschätzt die zufälligen persönlichen Motive und unterschätzt die Bedeutung der Zeittendenzen, die er im übrigen selten ganz versteht; er erklärt Schopenhauers Philosophie aus einem Zusammentreffen bestimmter Charakteranlagen mit bestimmten ideellen Einflüssen; er beschränkt sich auf scharfsinnige Nachweise der inneren Inkohärenz und Widersprüchlichkeit seiner Lehre, wo es vielmehr gelte, deren reaktionären Sinn aufzudecken und kenntlich zu machen; ja, der Ordinarius aus Halle bringt es fertig, sich für den Hohn, mit dem Schopenhauer die Professorenphilosophie bedenkt, auf eine recht professorale Weise zu rächen, indem er feststellt, dass der Fortgang von der Universität dem Philosophen außerordentlich geschadet habe, da nur die Universitätluft auf eine mögliche Umgestaltung und Fortbildung seines Systems eine heilsame Wirkung hätte ausüben können usw. Das sind teils phi- 320 Teil I losophische Idealismen, teils Mängel einer fast rein ideengeschichtlichen Konzeption, teils kleinliche Philistereien, wenngleich eines noch fortschrittsfreudigen, liberalen Gelehrten, der der Wissenschaft vertraut und sich den großen Traditionen des Humanismus verbunden und verpflichtet fühlt. Jedenfalls ist an all diesen problematischen Punkten der Haymschen Polemik das Korrektiv der marxistischen Schopenhauerkritik nicht zu entbehren.202 Gutachten zur Festschrift zum 70. Geburtstag von Georg Lukács203 (17. Februar 1955) Der Aufbau-Verlag bereitet eine kleine Festschrift zum 70. Geburtstag von Professor Georg Lukács, Budapest, (13. April 1955) vor. Die Schrift enthält Glückwünsche bedeutender Persönlichkeiten des deutschen und internationalen Geisteslebens sowie kurze Würdigungen der Werke des Jubilars. Um das pünktliche Erscheinen der Schrift zu gewährleisten, war es unumgänglich, die Beiträge laufend einzeln in Satz zu geben. Wir stellen anheim, ein Fahnenexemplar des Buches anzufordern, bitten aber, Satz- und Druckgenehmigung schon jetzt zu erteilen. Brief an Gertrud Lukács204 (22. März 1955) Liebe Genossin Lukács! Ich möchte Ihnen heute einen kleinen Zwischenbericht hinsichtlich der Festschrift geben, die wir zum 70. Geburtstag Ihres Mannes vorbereiten. Die Schrift umfasst eine Fülle größerer und kleinerer Beiträge, von ganz kurzen Glückwünschen bis zu ziemlich umfangreichen Essays. Im Anhang bringen wir die vier früheren Arbeiten Ihres Mannes, die Sie uns zur Verfügung gestellt hatten, die Rezensionen über Königliche Hoheit, den Artikel über die Entwicklung von Lukács zum Marxismus (wir haben ihm den Titel Mein Weg zu Marx gegeben) und die beiden Vorträge von 1948 und 1952. Den 202 (AH) Der letzte Absatz des Vorwortes von Harich gibt dann noch die Fundstellen der einzelnen Quellen wieder, auf den Abdruck wird hier verzichtet. 203 (AH) An das Amt für Literatur und Verlagswesen, 17. Februar 1955, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 204 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 22. März 1955.  321Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Abschluss des Bandes bilden die Lebensdaten, nach Ihrem Manuskript, aber leicht redigiert, und die Bibliographie der in deutscher Sprache erschienen Bücher in chronologischer Reihenfolge. Von der Aufnahme offizieller Begrüßungen, die wir an sich vorgesehen hatten, mussten wir absehen, da niemand Offizieller so rechtzeitig hätte ein Manuskript liefern können, dass ein pünktliches Erscheinen des Buches gewährleistet gewesen wäre. Leider muss ich Ihnen nun aber auch die betrübliche Mitteilung machen, dass es mit dem Ehrendoktor für Ihren Mann, jedenfalls zur Zeit, nichts werden kann. Die Genossen Dozenten der Berliner Universität, die im Fakultätsrat der philosophischen Fakultät die Ehrenpromotion für Georg Lukács beantragen wollten, mussten, da es sich um einen Genossen handelt, vorher die Genehmigung des Sekretariats unserer Partei einholen. Die ist dann nicht erteilt worden, weil bisher nur in einem einzigen Falle – Tschou En Lai – die Ehrenpromotion des Genossen einer ausländischen Bruderpartei genehmigt worden war und man diese Form der Ehrung auch in Zukunft nur führenden Staatsmännern der befreundeten Länder vorbehalten will. Auch Genossen Becher, der in dieser Angelegenheit nochmals intervenierte, wurde diese Antwort erteilt, und er fand sie plausibel. Hoffentlich haben Sie nun Ihrem Mann noch nichts von der Überraschung, die man da für ihn vorbereitete, erzählt, so dass er nun nicht allzu enttäuscht ist. Da zu der kleinen Festschrift viele Beiträge nicht termingemäß geliefert wurden, sind wir mit der Herstellung ziemlich in Zeitnot geraten. Wir haben es aber doch geschafft, dass das Buch jetzt bereits gedruckt wird, und hoffen, dass das Ihrem Mann zugedachte, in Leder gebundene Exemplar pünktlich am 13. April in Budapest sein wird. Bitte bestellen Sie ihrem Mann viele Grüße und richten Sie ihm aus, dass die Sendung mit seinem neuen Essay über Thomas Mann, mit dem Brief an mich und den korrigierten Fahnen für die philosophische Zeitschrift vor ein paar Tagen eingetroffen ist.205 Mit den besten Grüßen bin ich Ihr 205 (AH) Am 12. April 1955 schrieb Harich einem weiteren kurzen Brief an Gertrud Lukács (1 Blatt, maschinenschriftlich, 12. April 1955.) und teilte darin mit, dass die Festschrift in der DDR seit diesem Tag, also einen Tag vor dem Geburtstag von Lukács, in den Buchläden der DDR erhältlich ist. 322 Teil I Georg Lukács und Deutschland. Gedanken zu seinem 70. Geburtstag206 (13. April 1955) Über ausländische Schriftsteller, die für uns eine Vorliebe hegten, haben wir Deutschen uns selten mit gutem Gewissen freuen dürfen. Madame de Staël spielte unsere Gemütstiefe gegen den politischen Esprit und den Materialismus ihrer Landsleute aus – weswegen Heine sie einen Blaustrumpf schalt, der viel ärger gewesen sei als die Geißel der Napoleonischen Kriege. Carlyles romantische Zuneigung gipfelte darin, dass Friedrich II. von Preußen für ihn das Vorzeigeobjekt seines Heroenkults abgab. Ein antisemitischer Engländer, Houston St. Chamberlain, tat uns die Schmach an, für Wilhelm II., für die Alldeutschen und für Hitlers Münchener Bierputsch zu optieren, weil ihm daheim an der Themse dergleichen fehlte. Und schließlich: Es war zweifellos das Inhumane, das Obskure und Hinterwäldlerische in Knut Hamsun, das diesen genialen alten Narren zum Anhänger des deutschen Faschismus werden ließ. Man muss von diesen traurigen Erfahrungen mitgenommen sein, muss ihren beschämenden Sinn empfunden haben, um als Deutscher ermessen zu können, was es heißt, dass heute ein Denker fremder Nationalität, der ein Mann der sozialistischen Revolution, ein Vorkämpfer des entschiedensten Fortschritts ist, unsere Geistestraditionen zu schätzen weiß wie kaum ein anderer Zeitgenosse. Mit solchen Freunden – mit Freunden, auf die ein Volk stolz sein kann – sind andere Nationen wahrlich reicher gesegnet als wir. Auf Frankreich blickten, als die Bastille gefallen war, die freiheitlich denkenden Menschen ganz Europas voller Sympathie und Erwartung, die Sowjetunion fasziniert heute die besten Köpfe der Welt. Was dagegen in unserer politischen Geschichte vor sich ging, war kaum dazu angetan, die Herzen fremder Völker höher schlagen zu lassen, ihre Dichter mitzureißen, ihre Philosophen zur Parteinahme für die deutsche Sache zu bestimmen. Doch seit Jahrzehnten – und was für Jahrzehnten! – steht ein ungarischer Kommunist, zugleich ein Schriftsteller von europäischem Rang, steht Georg Lukács vor aller Welt für das andere Deutschland ein – aus tiefer Vertrautheit mit den tragisch gescheiterten Freiheitskämpfen unseres Volkes – , und als Bewunderer der großartigen Aufschwünge unserer nationalen Kulturschöpfung – von Lessing bis Thomas Mann. Es ist hoch an der Zeit, dass wir erkennen und aussprechen, was wir an diesem Mann besitzen, dass wir ihm sagen, wie sehr er die Liebe unseres Volkes wert ist. Andere haben dies längst erkannt. »Dieser enzyklopädische Geist«, so schreibt der Österreicher 206 Veröffentlicht in der Zeitung Sonntag am 13. April 1955.  323Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Ernst Fischer über Lukács, »hat über den französischen, russischen und skandinavischen Realismus Wesentliches ausgesagt, er hat die internationale Entwicklung vom Aufstieg bis zum Verfall des Bürgertums beispielgebend untersucht und das Werden einer neuen, der sozialistischen, der sowjetischen Literatur mannigfaltig gewürdigt – aber seine originellste und vollkommenste Leistung ist die Entzifferung des deutschen Kulturphänomens.« Und der Pole Roman Karst schreibt: »Über das Schaffen der Deutschen schreiben, wie es Lukács tut, kann nur jemand, der dem deutschen Volk ergeben, der von der Schönheit und Größe seiner Kultur durchdrungen ist.« Georg Lukács ist mit Deutschland seit langem aufs Engste verbunden. Er hat nach der Jahrhundertwende eine Zeitlang in Berlin studiert, hat in Heidelberg in Freundschaft mit Max Weber gelebt und um 1911 Essays über Novalis, Storm und George veröffentlicht, die den zehn Jahre älteren Dichter der Buddenbrooks tief und nachhaltig beeindruckten. Damals war Lukács noch kein Marxist. Erst der Weltkrieg und die Oktoberrevolution formten den unklar sozialistisch Sympathisierenden zum Kommunisten. Als solcher ging er 1918, als das Reich der Habsburger zerfiel, in seine Heimat zurück, wurde Volkskommissar für das Unterrichtswesen und politischer Kommissar einer roten Division. Dann siegte in Ungarn der weiße Terror, die Räterepublik wurde blutig niedergeworfen und Lukács musste vor den Horthy-Faschisten fliehen, die ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilten. So ist er in den zwanziger und dreißiger Jahren, als Emigrant erst in Wien, dann in Berlin, zu einem unermüdlichen, nie sich schonenden Mitstreiter der österreichischen und der deutschen Arbeiterbewegung geworden. Diese ganze Zeit, vom Ende des Weltkriegs bis 1933, hat Thomas Mann im Sinn, wenn er sagt: »Ich will aussprechen, dass ich den Menschen Lukács hochachte der Opfer wegen, die er seinen Überzeugungen gebracht, des strengen Lebens, das er sich auferlegt hat.« Ein strenges Leben, ein Leben des Kampfes, und immer ging es, im Geistigen wie im unmittelbar Politischen, um Schicksalsfragen des deutschen Volkes. Die Jahre 1931 bis 1933 sehen Lukács in Berlin, um die Sammlung fortschrittlicher Intellektueller gegen den heraufziehenden Hitlerfaschismus bemüht. Er gehört in dieser Zeit zum Vorstand der Berliner Ortsgruppe des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller, als heftige Fraktionskämpfe zwischen der demokratisch-antifaschistischen Linken, dem korrumpierten Zentrum und der Reaktion toben. Wolfgang Steinitz, heute Vizepräsident der Deutschen Akademie der Wissenschaften erinnert sich: »Georg Lukács nahm führend an der ideologischen Diskussion teil, beteiligte sich als disziplinierter Kommunist aber auch 324 Teil I an den organisatorischen und technischen Vorbereitungen – stand uns doch damals kein Büro mit Hilfskräften zur Verfügung.« Nach der Usurpation der Macht durch die Nazis muss Lukács wieder emigrieren, diesmal in die Sowjetunion. Und gerade hier nun setzt die Phase des intensivsten Ringens um das Bewusstsein der deutschen Intelligenz ein. Es entstehen die Bücher über Hegel, über den historischen Roman, die zahlreichen großen Essays zur Geschichte der deutschen Philosophie und Literatur, ein umfangreiches Manuskript über Goethe, das dann – ein unersetzlicher Verlust – durch Kriegseinwirkung zerstört wird. Als Mitarbeiter des Philosophischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, der Fragen der deutschen Philosophiegeschichte zu bearbeiten hat, als Literaturwissenschaftler von ungewöhnlichem Fleiß und bewundernswerter Gründlichkeit, als Redaktionsmitglied der von Johannes R. Becher geleiteten Internationalen Literatur. Deutsche Blätter, als Kritiker Thomas und Heinrich Manns, Arnold Zweigs, Feuchtwangers, in der klärenden Debatte mit den deutschen Schriftstellerkollegen im Exil, mit Becher und Wolf, Bredel und Erpenbeck, über die Ländergrenzen hinweg mit Ernst Bloch, Anna Seghers, Hanns Eisler, reift der ungarische Denker zu einem wahren Praeceptor Germaniae heran. Erst von hier aus lässt sich, rückblickend, auch eine richtige Einschätzung der Verirrungen gewinnen, denen er auf dem Weg zum Marxismus zeitweilig erlag. Gerade in diesen Fehlern, diesen Abweichungen äußert sich eine intime Nähe zur Problematik der deutschen Kulturentwicklung, eine Nähe, die freilich Gefahren in sich barg, die aber ebenso auch als eine Voraussetzung der unvergleichlichen Konkretheit begriffen werden muss, mit der Lukács, nachdem er zur richtigen Lösung sich einmal durchgerungen hatte, gegen falsche Tendenzen auf der ganzen Linie anzukämpfen vermochte. Er hat in den zwanziger Jahren manche ideologische Kinderkrankheit der deutschen Kommunisten erlitten und, was schlimmer ist: theoretisch fixiert – in einer Zeit, als das Leninsche Zentralkomitee Ernst Thälmanns sich noch nicht gebildet hatte. Geschichte und Klassenbewusstsein, 1923 erschienen, ist die wohl gescheiteste, eben deswegen aber auch besonders verwirrende Formulierung eines ultralinken, subjektivistischen Aktivismus, und es sind deutsche theoretische Traditionen fragwürdigen Charakters, die sich damit vermischen: Hegelianisch-idealistische Tendenzen in der Leugnung der Naturdialektik und der Abbildtheorie, auf ökonomischem Gebiet die Akkumulationstheorie Rosa Luxemburgs. Lukács hat diese Irrtümer längst und endgültig überwunden, als er darangeht, die ästhetisch-literarischen Debatten der dreißiger Jahre zu echten 325Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Resultaten zu führen und zugleich die humanistischen Überlieferungen des deutschen Volkes von interessierter Fehldeutung zu befreien. Und der neugewonnene, leninistische Standpunkt wird von ihm nun deswegen so konsequent und überzeugend verfochten, weil eine äußerst bewusste, auf dem Weg der Selbstkritik vollzogene Abrechnung mit dem Falschen dahintersteht und habituell gegenwärtig ist. »Erst jetzt«, so bekennt er 1933, »nach fast einem Jahrzehnt der praktischen Arbeit, nach sicher über einem Jahrzehnt des theoretischen Ringens mit Marx, ist mir der umfassende und einheitliche Charakter der materialistischen Dialektik konkret klar geworden. Aber gerade diese Klarheit bringt die Erkenntnis mit sich, dass das wirkliche Studium des Marxismus erst jetzt anfängt und nie zur Ruhe kommen kann.« Die wichtigsten Werke von Lukács sind im Moskauer Exil und nach der Heimkehr von 1945 in Budapest entstanden. Wir können uns das Aufzählen bekannter Titel ersparen. Dem umfassenden Wissen, das er in ihnen ausgebreitet hat, seinem Ringen um vollendete Aneignung der marxistischen Weltanschauung, seinem immensen Fleiß, seiner schonungslosen Selbstkritik, seinem kühnen Aufwerfen neuer, noch unbewältigter Fragen, und nicht zuletzt: seiner Liebe zu Deutschland, haben wir Bildungswerte zu danken, deren volle Bedeutung erst die kommenden Generationen einer geeinten deutschen Nation werden ermessen können. Drei Dinge vor allem sind es, die diese Leistung für die Fortentwicklung der deutschen Kultur unentbehrlich machen: Lukács hat ein nationales Traditionsbewusstsein hergestellt, das zum erstenmal seit 1848 dem Aufgipfeln der deutschen klassischen Philosophie und Literatur im Werk von Marx und Engels wieder gemäß ist. Er hat, um diese »Heilslinie« der deutschen Geistesentwicklung (wie Ernst Bloch sie nennt) von Leibniz bis Feuerbach, von Lessing bis Heine klar herauszuarbeiten, die Legenden eines Jahrhunderts bürgerlicher Literaturgeschichte abgetragen und zugleich die »Unheilslinie«, welche von Schopenhauer über Nietzsche zu den obskuren Ideologien der imperialistischen Periode führt, so umfassend kritisiert und so entlarvend aus ihrer reaktionären sozialen Funktion abgeleitet, dass der Bann ihrer Faszinationskraft, ihrer verführerischen Scheinrebellionen, ihrer verwirrenden »indirekten Apologetik« gebrochen ist. Er hat endlich der radikalen Gesinnung die Augen über den Unwert eines falschen Avantgardismus geöffnet, der mit der Zertrümmerung überlieferter und bewährter Kunstformen revolutionäre Inhalte erzeugen zu können glaubt, und hat damit die Literatur der deutschen Linken zur Besinnung auf großzügigen Realismus und klassische Maßstäbe geführt. Das sind schlechthin unvergängliche Verdienste, sind befreiende Taten im 326 Teil I Kampf um das historische Selbstbewusstsein und die schöpferischen Potenzen unseres Volkes. Des Volkes? Hier meldet sich Widerspruch. Für das Volk gerade scheinen die Bücher von Lukács, seine höchst voraussetzungsvollen, abstrakt-theoretischen Darlegungen, die sich offenbar nur an Intellektuelle wenden, nicht geschrieben zu sein. Doch man vergesse zweierlei nicht: Einmal, dass das Volk sich wandelt und im Aufbau der sozialistischen Gesellschaft Ansprüche ausbildet, die sich mit populärem Elementarunterricht in Literaturgeschichte eines Tages nicht mehr abspeisen lassen, und zum anderen, dass die wichtige Aufgabe, die Massen der Intelligenz an den Marxismus heranzuführen, mit didaktischen Vereinfachungen grundsätzlich verfehlt wird. Und man messe nicht den Ernst und Eifer, mit dem Arbeiter sich Wissen anzueignen und in komplizierte Theorie einzudringen pflegen, an den Maßstäben eines Ressentiments von Halbgebildeten, denen die erzgescheite Dialektik des Georg Lukács nur deswegen nicht behagt, weil durch sie die Furcht des Spießers vor großen Talenten provoziert wird. Literatur ist der wissenschaftlichen Behandlung genau so fähig und bedürftig wie die Ökonomie, die von Marx ja auch nicht in einfältigen Worten behandelt wird. Was ein literaturtheoretisches Werk für das Volk bedeutet, hängt stets von dem wissenschaftlichen Wert seines Inhalts, und nur wenn bestimmte pädagogische Zwecke vorausgesetzt werden, auch von der unmittelbaren Verständlichkeit seiner Form ab. Der falsche Avantgardismus, die reaktionären Legenden der Scherer und Dilthey, Unger und Gundolf, die mannigfaltigen Nachwirkungen der philosophischen Unheilslinie usw. müssen gerade in den Köpfen der Intellektuellen überwunden werden, und wenn das geschehen ist, ist ein gewaltiges Hindernis beseitigt, das sich zwischen den Volksmassen und dem wertvollen Erbe der Vergangenheit auftürmt. Das größte Verdienst, das Georg Lukács sich um Deutschland erworben hat, dürfte darin bestehen, dass er auf dieses eine Hindernis seinen Kampf konzentriert hat, statt sich in den naheliegenden Gefälligkeiten eines leichteren pädagogischen Genres zu verzetteln. In marxistischer Terminologie spricht man in solchem Zusammenhang vom Anpacken des entscheidenden »Kettenglieds«. So grüßen wir den verehrten Lehrer, den Baumeister der Vernunft, der weiß, dass der Gelehrte, nur wenn er wirklich gelehrt ist, des tapferen Soldaten, des gediegenen Arbeiters, des umsichtigen kühnen Parteifunktionärs würdig sein kann. Die Höhe des 327Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 sachlichen Niveaus von Georg Lukács’ Arbeiten gehört selbst zur Sache, ist ein Teil des »strengen Lebens, das er sich auferlegt hat«. Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag207 (April 1955) Hochverehrter, lieber Genosse Georg Lukács! Es ist mir nicht möglich, Ihnen hier in einigermaßen fundierter Weise Dank zu sagen für all die Bildungswerte und neuen Erkenntnisse, die aus Ihren Büchern mir in den vergangenen zehn Jahren, den wohl ausschlaggebenden meines geistigen Werdens, zuwuchsen und mir nach und nach zu dem verhalfen, was ich mit dem Wort Traditionsbewusstsein bezeichnen möchte. Um hierüber etwas auszusagen, was Hand und Fuß hat, müsste ich auf eine Unzahl Ihrer Arbeiten eingehen, namentlich aber Ihren großen, reichen Werken über den jungen Hegel und über die Geschichte des modernen Irrationalismus gerecht zu werden versuchen – und »das ist ein weites Feld«, allzu weit für den durch »Kadermangel« und Zeitnot Geplagten. So möchte ich mich denn da rauf beschränken, hier kurz auf Fragen hinzuweisen, über die Sie bisher noch keine Essays geschrieben haben und die dennoch durch winzige, beiläufige Fingerzeige von Ihnen so weit geklärt worden sind, dass es Ihren Schülern nicht schwer fallen kann, sie mit einigem Fleiß aufs Gründlichste zu beantworten. Ich möchte, mit anderen Worten, Ihnen selbst zu Bewusstsein bringen und zugleich Ihre Leser darauf aufmerksam machen, wie gehaltvoll und richtunggebend wichtig oft die kleinen, über das jeweilige Thema hinaus weisenden Bemerkungen sind, die Sie in Paranthese zu machen pflegen. Und ich will damit sagen, dass Ihr Werk, im ganzen genommen, sich in doch sehr viel höherem Maße einer umfassenden Philosophie- und Literaturgeschichte der vergangenen zweihundert Jahren nähert, als die Titel Ihrer Bücher und die bescheidenen Warnungen in Ihren Vorworten vermuten lassen. Es hat mit jenen kleinen Bemerkungen seine besondere Bewandtnis. An einer der wenigen Stellen, an denen Sie ausnahmsweise einmal von sich selbst sprechen, haben Sie darüber Aufschluss gegeben. Ich meine die Stelle in Ihrem Briefwechsel mit Anna Seghers, wo Sie gewisse Eigentümlichkeiten Ihrer Gedankenführung plausibel machen, 207 (AH) Zuerst in: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, Berlin, 1955, S. 79–86. Die einzelnen Beiträge und Glückwünsche in dem Band erschienen jeweils ohne eigene Titel. 328 Teil I über die Ihre Freunde gelegentlich spotten. Sie erwähnen dort vor allem die häufig in Ihren Arbeiten wiederkehrende Wendung: »Nicht hier ist der Ort, darüber zu sprechen«, mit der Sie Andeutungen über Zusammenhänge abzuschließen pflegen, deren eingehende Erörterung weit über den gerade behandelten Themenkreis hinausführen würde und die man sich doch vergegenwärtigen muss, um die Sache, von der die Rede ist, möglichst allseitig erfassen zu können. »Du wirst verstehen«, schreiben Sie der Dichterin, »dass sich gerade hierin das Gefühl für die allseitige Verknüpftheit aller Probleme miteinander ausspricht, das Gefühl, dass jede Feststellung, ohne wenigstens eine Andeutung dieses Gesamtzusammenhanges, eine Tendenz zur Einseitigkeit, zur Missverstehbarkeit erhält.« Und Sie fügen hinzu: »Andere Freunde machen mir zum Vorwurf, dass ich nicht epigrammatisch zugespitzt, nicht genügend ›zitierbar‹ schreibe. Ich tue es absichtlich, aus eben demselben Gefühl heraus. Ich bin bestrebt, in jeder Einzeler- örterung den Gesamtzusammenhang, die systematische und historische Entwicklung wenigstens anzudeuten.«208 So also wollen Sie die Bemerkungen, die Sie in Klammern oder in Paranthese äußern, verstanden wissen – als Warntafeln, die dem Leser nahe legen, sich vor falscher Verabsolutierung zu hüten, als Hinweise auf jene Totalität der jeweiligen Epoche, des jeweiligen Problemzusammenhangs, von der Sie wünschen, dass man sie, in Umrissen wenigstens, sich vor Augen halte, um gegen Einseitigkeit gefeit zu sein. Nun, wer einen Zusammenhang wirklich sachgerecht andeutet – so wie Sie das tun – , der kennt ihn auch und hat ihn tief durchdacht. Und in der Tat: Ihre Bemerkungen zu Themen, über die zu sprechen »hier nicht der Ort« ist, verraten jedes Mal, dass ihr literar- und philosophiehistorisches Werk einem Eisberg gleicht, von dem nur der kleinere Teil über der Spiegelfläche des Meeres zu sehen ist. In Wahrheit steht hinter dem scheinbar lockeren Gefüge Ihrer Arbeiten, für die Sie die Form des Essays bevorzugen und die es an schulgerechter Philologie so durchaus fehlen lassen, eine sorgfältig durchdachte, in ihren Proportionen wohl ausgewogene Geschichte des europäischen Geistes von der bürgerlichen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts bis zur Sowjetliteratur. Dass Sie sie nicht selber schon geschrieben, dass Sie »nur« an Knotenpunkten der Entwicklung in die Tiefe gebohrt haben, dürfte an Ihrer klaren Einschätzung dessen liegen, was zeitgemäß ist. 208 (WH) Essays über Realismus, Berlin, 1948, S. 206 f. (AH) Der Beitrag unter dem Titel: Ein Briefwechsel zwischen Anna Seghers und Georg Lukács, S. 171–215. Er umfasst zwei Briefe (28. Juni 1938, Februar 1939) von Seghers und zwei von Lukács (28. Juli 1938, 02. März 1939). 329Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Sie gehen, wie mir scheint, von der Erkenntnis aus, dass es auf unserer Bildungsstufe des sozialistischen Bewusstseins zunächst einmal darauf ankommt, in zentralen Einzelproblemen gründlich zu sein, statt gleich ein Panorama des Ganzen auszubreiten, das nach Lage der Dinge doch nur einen imponierenden Oberflächenaspekt bieten könnte, es vor allem aber unmöglich machte, in konkreter Untersuchung den historisch relativierenden Gesichtspunkt (Nachweis der Überbaufunktion der ideologischen Phänomene) mit dem Geltendmachen absoluter Wahrheitskriterien zu verbinden. Ihnen selbst indessen ist das Ganze stets gegenwärtig, und so sind Ihre Bemerkungen in Klammern doch mehr als bloße Warnschilder; für Ihre Schüler sind es, so behaupte ich, Wegweiser, denen sie zu folgen, Orientierungspunkte, nach denen sie sich zu richten haben werden, wenn sie das gewaltige Bildungsgut, das mit Ihren Namen unauslöschlich verknüpft ist, fortschreitend explizit machen wollen. Ich will das an einigen Arbeiten, die ich selbst in den vergangenen Jahren vorlegen konnte, erläutern. An Fehlern, die mir daran unterlaufen sein mögen, sind Sie natürlich unschuldig, aber für das, was in diesen Arbeiten wertvoll sein mag, sind Sie in erster Linie verantwortlich zu machen, da es sich im Grunde dabei um Versuche handelt, hinweisartige Bemerkungen aus Ihren Büchern zu konkretisieren. Ich denke da zunächst an meine Beiträge zur Herderforschung. Mancher Genosse rechnet es mir als Verdienst an, dass ich damit eine Lücke ausgefüllt hätte, ein Thema erörternd, das von Ihnen nicht behandelt worden sei. Stimmt das wirklich? Gewiss: Sie haben niemals ein Buch oder einen Aufsatz über Herder verfasst. Aber Ihre Polemik gegen die Konstruktion einer deutschen Präromantik im 18. Jahrhundert, ferner die Ausführungen, die Sie in Ihrem Werther-Essay über die inneren Widersprüche der Aufklärung und über den deutschen Rousseauismus machen, sodann Ihre Bemerkungen über die Problematik des Kampfes, den der alte Herder gegen die Weimarer Klassik führte, und schließlich die auf Herders Geschichtsphilosophie bezüglichen Stellen im Jungen Hegel fügen sich, wie ich glaube, genau zu dem zusammen, was ich nicht erst zu entdecken, sondern, diesen Fingerzeigen folgend, nur näher auszuführen und mit konkreten Belegen zu versehen brauchte. Es waren Ihre Hinweise, diese ganz knappen, beiläufigen Andeutungen, die mir in dem uferlosen und widerspruchsvollen Schaffen des genialischen Superintendenten von Weimar das Wesentliche markiert und mich zugleich auf die zentralen Fehler seiner bürgerlichen Interpreten aufmerksam gemacht hatten. So hatte ich während der Arbeit auch stets das Gefühl, im Grunde nichts anderes zu tun, als das Herderbild von Lukács zu reproduzieren. Dass ich mich 330 Teil I darin nicht getäuscht habe, erweist Die Zerstörung der Vernunft, wo Sie Hamann und Herder davor in Schutz nehmen, als Wegbereiter des modernen Irrationalismus beansprucht zu werden. Die Legende von Herders Irrationalismus zu zerstören, eben das war das Anliegen meiner Arbeit.209 Nicht anders steht es mit meiner Studie über Rudolf Haym. Sie haben diesen liberalen Literatur- und Philosophiehistoriker freilich niemals einer derartigen Untersuchung gewürdigt. Aber an einer Stelle Ihres Hölderlin-Essays haben Sie in wenigen Worten in ganz bestimmter Weise gegen ihn polemisiert, in der Einleitung zum Jungen Hegel haben Sie kurz seine Hegelinterpretation gekennzeichnet, und in Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur gibt es andererseits eine Stelle, wo Sie sich, bei der Verteidigung der Einheit der deutschen Aufklärungsbewegung, unmittelbar an einen diesbezüglichen Passus aus Hayms Wilhelm von Humboldt anschließen. Diese Dinge und dazu Ihr Essay über Friedrich Theodor Vischer, in welchem Sie sich ausführlich mit einer analogen Erscheinung des Übergangs von der Hegelschen Schule zum Neukantianismus, einer gleichfalls liberalistischen Epigonengestalt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auseinandersetzen, bestimmen die Grundtendenz und die meisten Einzelheiten meiner Darstellung von Hayms politischer und philosophischer Entwicklung. Auch in diesem Falle bin ich Ihren Fingerzeigen gefolgt, habe ich weiter nichts getan, als aus verstreuten Andeutungen, die sich in Ihren Werken finden, ein Ganzes heraus zu entwickeln. Zur Zeit ist das Lektorat des Aufbau-Verlages, bei dem ich tätig bin, damit beschäftigt, eine neue E. T. A. Hoffmann-Ausgabe vorzubereiten, die mit einer kritischen Deutung eingeleitet werden soll.210 Wir verfügen diesmal, anders als bei der Heine-Ausgabe, anders auch als bei Hegels Ästhetik und vielen anderen Büchern unserer Produktion, leider nicht über einen »echten Lukács«, der sich als Einführung verwenden ließe. Und doch: Es steht in Fortschritt und Reaktion etc. ein kurzer, sehr gehaltvoller Absatz, den 209 (AH) In der Tat beschäftigt sich Harichs Dissertation über Herder vor allem mit den verschiedenen bürgerlichen Interpretationsansätzen, über deren Analyse Herders Philosophie dann gleichsam mit erschlossen wird, d. h. das konkrete moderne marxistische Herder-Bild entsteht in dem doppelten Bezugsrahmen aus eigener philosophiegeschichtlicher Arbeit und Auseinandersetzung mit den bisherigen, bürgerlichen Theoriemodellen. Siehe: Harich: Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft, Band 1.2, S. 657–919. Zahlreiche weitere Hinweise etc. im 4. Band (Herder und das Ende der Aufklärung). 210 (AH) Es existieren im Nachlass Harichs verschiedene Dokumente zur Hoffmann-Ausgabe, die er im Aufbau-Verlag plante. 331Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 man bei der Lektüre Hoffmanns nur immer wieder zu durchdenken braucht, um die Großartigkeit des Goldenen Topf und des Klein Zaches und des Meister Floh nicht nur spontan empfinden, sondern sie auch erklären zu können und um die geschichtliche Bedeutung eines Realismus zu verstehen, der den Alltag der Biedermeierspießerei ins Phantastische hinüberwachsen lässt.211 Wodurch unterscheidet Hoffmann sich von den anderen Romantikern? Worin liegt das Geheimnis seiner internationalen Wirkung und seines Unveraltetseins bis auf den heutigen Tag? Wie reimt sich das Mozart-Epigonentum des Komponisten, wie der Beethoven-Enthusiasmus des Musikrezensenten Hoffmann mit der Tatsache, dass der Dichter gleichen Namens formal an Tieck, in der Stoffwahl oft an Kleist anknüpft? Was ist der spezifische soziale Inhalt der Julia-Tragödie, verglichen mit dem Wetzlarer Liebesleid Goethes, dem einst der Werther entwuchs, oder mit dem Diotima-Erlebnis Hölderlins? Und was hat es damit auf sich, dass die Verrücktheit des Kapellmeister Kreisler sich so oft nur als die exaltierte Kehrseite jenes prosaischen Philistertums erweist, das jedes echte Künstlertum zu ersticken droht? Was endlich muss uns Heutigen, uns Zeitgenossen des Tonio Kröger und des Doktor Faustus die Hoffmannsche Version des Künstler-Bürger-Problems bedeuten? Ich bin überzeugt, dass alle diese Fragen sich aus Ihrem Geiste, verehrter Meister, lieber Genosse, beantworten lassen, wenn man von Ihren Büchern nur den rechten Gebrauch zu machen weiß. Seine Rechtfertigung mag dieses Bekenntnis tiefen Verpflichtetseins, das gleichwohl keiner Dogmatisierung Ihrer Auffassungen das Wort reden soll (wie sie in den ersten Nachkriegsjahren bei uns häufig war), in der Bedeutung finden, die wir Kommunisten, mit fast pathetischer Betonung, dem Lehrer-Schüler-Verhältnis beizumessen pflegen. Wir stehen mit größter Skepsis jener eitlen Originalitätssucht gegenüber, welche die bürgerliche Geisteswissenschaft unserer Zeit beherrscht, ein wahres Chaos divergierender Methoden hat entstehen lassen und doch in erschreckender Monotonie dieselben reaktionären Inhalte immer noch einmal produziert, die seit einem halben Jahrhundert 211 (AH) Gemeint ist offensichtlich die Passage: Lukács, Georg: Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, Berlin, 1947, S. 71–73. Dort heißt es im Mittelteil – mit Blick auf das von Harich angesprochene Phantastische: »Da er aber ein wirklich großer Realist ist, handelt es sich bei ihm um die neue Gesellschaft in ihren elenden deutschen Formen. Eben deshalb wird bei ihm das Neue ins Gespenstische gesteigert, auch vor allem in der kleinlichsten deutschen Erscheinungsweise der modernen Welt, und umgekehrt sieht er das Gespenstische in der Umwandlung des Deutsch-Spießerhaften durch die gesellschaftlichen Weltereignisse.« (Ebd., S. 730.) 332 Teil I die Köpfe der Intelligenz verwirren. Scheinbar paradoxerweise ist es uns, den revolutionär Gesinnten, heute aufgegeben, dieser Zerfahrenheit einen neuen Sinn für Kontinuität, für die Bewahrung und Fortentwicklung des Wertvollen entgegenzusetzen. »Wenn man Erfinder sein will«, sagt Kant (Refl. 2159), »so verlangt man, der Erste zu sein; will man nur Wahrheit, so verlangt man Vorgänger.« Das meinen wir auch. Heute kommt es freilich noch keinem marxistischen Philosophie- und Literaturhistoriker zu, Sie als seinen »Vorgänger« anzusprechen. Aber Vorgänger verlangen, das darf und soll man, und wer es ernstlich tut, kann nicht umhin, Ihr Schüler zu werden. Viele dürfen sich bereits mit Stolz so nennen, und je eifriger sie bei Ihnen in die Lehre gehen, je intensiver sie bemüht sein werden, Ihren Hinweisen auch dort zu folgen, wo diese nur vage Andeutungen zu sein scheinen, desto eher wird eine reiche, vielgestaltige, so umfassende wie interessante marxistische Philosophiegeschichte und Literaturwissenschaft entstehen, der Sie vorangegangen sein und die Bahn gebrochen haben werden. Nichts Besseres wird man ihr nachrühmen können, als dass Ihre Schüler an ihr gebaut haben, so wie man Ihnen wohl keine größere Ehre erweisen kann, als wenn man Sie einen würdigen Schüler von Marx und Engels, Lenin und Stalin nennt. Was zu Ihrem siebzigsten Geburtstag zu wünschen übrig bleibt, versteht sich von selbst: Frieden, Gesundheit, Glück und noch viele, viele Jahre ungeschmälerter Schaffenskraft, von möglichst wenig Konferenzen, Tagungen und organisatorischen Pflichten unterbrochen, dazu hohe Auflagen, fleißige Adepten, Kritiker von Geist usf. Mir sei es gestattet, zu alledem noch einen speziellen Wunsch hinzuzufügen. Ich habe es manchmal bedauert, Sie vorwiegend und zeitweilig fast ausschließlich von literaturwissenschaftlichen Fragen beansprucht zu sehen. Seit ich Geschichte und Klassenbewusstsein las, stand es für mich fest, dass der Verfasser dieses Buches, was immer man – und zwar mit Recht – gegen darin enthaltene Gedanken im einzelnen einwenden mag, jedenfalls zum Philosophen prädestiniert ist. In den letzten Jahren haben Sie mit dem Buch über den Irrationalismus und der glänzenden Studie über die Kategorie Besonderheit eine neuerliche Wendung zur Philosophie vollzogen, deren Resultate Ihr so bedeutendes bisheriges Schaffen noch überragen und uns auf weitere Leistungen dieser Art gespannt macht, die dringend Not tun. Mein Wunsch ist nun der: Möge die philosophische Altersphase im Schaffen von Georg Lukács noch Jahrzehnte ausfüllen, möge sie für immer ein Begriff bleiben, mögen Erkenntnistheorie, Ästhetik und Ethik des wissenschaftlichen Sozialismus ohne die Standardwerke, die ihr zu danken sein werden, in Zukunft nicht vorstellbar sein. 333Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 In diesem Sinne grüße ich Sie voller Dankbarkeit und Erwartung. * * * * * (AH) Am 25. April 1955212 bedankte sich Lukács bei Harich, Janka und Schroeder für die Geburtstagsglückwünsche und die Festschrift – für die Verspätung machte er Arbeitsüberlastung geltend: »Das ist auch der Grund, weshalb ich Euch so spät und auch nur so flüchtig für das von allen Seiten angesehen so schöne Gedenkbuch danke. Es muss Euch unendlich viel Mühe und Zeit gekostet haben, die Sache so gut zu drechseln. Vorderhand also nur meinen besten Dank, den ich, wie ich hoffe, in einigen Tagen werde persönlich wiederholen können.« Brief an Georg Lukács213 (03. Mai 1955) Lieber Genosse Lukács! Vielen Dank für Ihren Brief vom 25. April 1955. Ich freue mich sehr, dass Ihnen das Büchlein zu Ihrem 70. Geburtstag Freude gemacht hat. Ich hatte deswegen einige Befürchtungen, weil bei einer so »breiten Front« von Gratulanten, die von dem Picasso-Verehrer Konrad Farner bis zu dem Brentano-Schüler Linke reicht, unvermeidlich auch einige Sachen zum Ärgern darin standen.214 Ich schreibe nun heute wegen der Ankündigung Ihres Besuches in Deutschland. Ich würde natürlich sehr, sehr gerne auch Sie und Ihre Frau persönlich treffen. Deshalb bereitet es mir einigen Kummer, dass ich am 23. Mai auf Grund einer Einladung des gesellschaftswissenschaftlichen Instituts der Polnischen Partei mit Ernst Bloch und einigen anderen Genossen nach Warschau fahren muss und dort bis 6. Juli bleiben werde. Ich befürchte nun, dass Sie ausgerechnet in diesen Tagen nach Berlin kommen werden. Bitte schreiben Sie mir doch recht bald, ob das der Fall sein wird. Ich würde unter diesen Umständen versuchen – nicht sicher, ob es gelingt – , meine Reise nach Polen aufzuschieben. 212 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, Walter Janka und Max Schroeder, 25.  April 1955, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 213 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 03. Mai 1955.  214 (AH) Gemeint ist: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, Berlin, 1955. Farners Beitrag S. 34–61, Linkes Beitrag S. 133–138. Harichs Glückwusch-Aufsatz kam gerade zum Abdruck. 334 Teil I Ich lege diesem Brief den Artikel bei, den ich zu Ihrem Geburtstag für die Wochenzeitung Sonntag geschrieben habe. Leider war der Artikel etwas lang geraten und musste daher gekürzt werden, in nicht ganz glücklicher Weise.215 Das Heft der Philosophischen Zeitschrift mit der Rezension der Zerstörung der Vernunft erscheint in den nächsten Tagen. Beiliegend ferner die handschriftliche italienische Fassung des Glückwunsches von Pietro Nenni, den wir in dem Geburtstagsbuch abgedruckt haben.216 Die anderen Gratulanten haben, anders als Nenni, reguläre Manuskripte geschickt, die offenbar nicht zur Weitersendung an Sie bestimmt waren. Auch Ihrer Frau bitte ich, meinen Dank für Ihren Brief vom 25. April 1955 zu übermitteln. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr Brief an Gertrud Lukács217 (01. Juli 1955) Liebe Genossin Lukács! Ich schreibe Ihnen heute wegen des Buches von Mészáros. Der Autor hat mir aus Paris mitgeteilt, dass er mit der neuen, von Ihnen vorgeschlagenen Regelung der Übersetzerfrage einverstanden ist. Unser Verlag ist gleichermaßen mit dieser Regelung zufrieden. Ich kann Sie heute also definitiv bitten, dem jungen Mann, von dem Sie mir die Probeübersetzung mitgebracht hatten, auszurichten, dass er doch bald mit der Arbeit anfangen und uns einen Termin für die voraussichtliche Fertigstellung nennen möge. Wir werden ihm dann, sobald wir von ihm Bescheid erhalten, einen Vertragsentwurf zugehen lassen. 215 (AH) Gemeint ist: Georg Lukács und Deutschland. Gedanken zu seinem 70. Geburtstag. Abdruck in diesem Band. 216 (AH) Abgedruckt in: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, Berlin, 1955, 188. 217 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 01. Juli 1955.  335Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Ihrem Mann bitte ich, die herzlichsten Grüße auszurichten. Ich habe sowohl die letzten Sendungen der Korrekturen zum Historischen Roman, als auch die Materialien zur erweiterten Ausgabe des Thomas-Mann-Buches erhalten, die unser Verlag im letzten Quartal des Jahres in die Herstellung geben will.218 Der historische Roman wird zur Zeit korrigiert und umgebrochen, die neue Ausgabe von Schicksalswende geht im Juli in Satz. Ich schwelge noch oft in der Erinnerung an die schönen Tage in Weimar und in Berlin und wäre sehr glücklich, Sie und Ihren Mann bald wieder zu sehen. Unsere Reise durch die Volksrepublik Polen war recht ergiebig und erfreulich. Die Gespräche drehten sich, wenn nicht gerade um Tito, dann um die Logik von Fogarasi, die von den polnischen Genossen, die Fragen der Logik bearbeiten, meist aufs Schärfste abgelehnt wird. Auch hier in Berlin ist jetzt eine Fogarasi-Diskussion im Philosophischen Institut im Gange. Immerhin verfügt Genosse Fogarasi hier, anders als in Polen, über eine recht ansehnliche Fraktion, die auf ihn schwört. Aber sie besteht leider nicht aus den erfreulichsten und auch nicht aus den sachverständigsten Leuten. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr Gutachten zu: Schicksalswende219 (19. Juli 1955) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt laut Plan 1955, eine neue, verbesserte Auflage des Buches Schicksalswende – Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie von Georg Lukács zu veranstalten. Das Buch ist 1947 in unserem Verlag erschienen und inzwischen seit langem vergriffen. Es handelt sich um das letzte der nur in der alten Ausstattung vorliegenden Bücher von Lukács, das wir mit der neuen Auflage ebenfalls in die Reihe seiner in dunkelblauem Kunstleder erscheinenden Werke übernehmen wollen. Gegenüber der ersten Auflage wurden die Aufsätze Erzählen oder beschreiben? und Größe und Verfall des Expressionismus fortgelassen. Beide Arbeiten sind inzwischen in den Band Probleme des Realismus aufgenommen worden, in den sie thematisch besser 218 (AH) Lukács hatte am 15. Juni das von ihm vorgeschlagene Inhaltsverzeichnis der Neuauflage des Thomas-Mann-Buches geschickt. Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 19. Juni 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 219 (AH) An das Amt für Literatur und Verlagswesen, 19. Juli 1955, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 336 Teil I hinein passen. Neu aufgenommen haben wir stattdessen in die neue Auflage von Schicksalswende den Aufsatz von Georg Lukács über die Lyrik Johannes R. Bechers, der 1952 geschrieben wurde und zuerst als Nachwort zum ersten Band unserer Becher-Ausgabe von 1952 erschienen ist. Ein Eingehen auf den Inhalt des Buches erübrigt sich, da es ausnahmslos bereits erschienene und allgemein als wertvoll anerkannte Arbeiten des bedeutenden ungarischen marxistischen Literarhistorikers enthält. Dem Buch wird neu ein Namen- und Titelregister hinzugefügt werden. Um Druckgenehmigung wird gebeten. Brief an Gertrud Lukács220 (18. September 1955) Liebe, verehrte Genossin Lukács! Ihren Brief vom 7. August fand ich erst nach meiner Rückkehr vom Urlaub vor. Den Verdacht hinsichtlich meines »Glaubens« an die Dialektik nehme ich in keiner Weise übel. Ich muss natürlich versuchen, ihn in einem »Brief an Serena«221 zu entkräften, an dem ich heute wieder arbeitete, als meine Schreibmaschine entzwei ging. So muss ich mich zur Stunde darauf beschränken diesen Zwischenbescheid zu geben und Sie um etwas Geduld zu bitten; denn das Schreiben mit der Hand fällt mir sauer. Ich habe, seit wir uns im Mai sahen, eine recht ereignisreiche Zeit gehabt, im Guten wie im Bösen. Erst die ganz hinreißend schöne Polen-Reise mit Besuchen in Warschau, Krakau, Posen und Zoppot. Dann aber etwas recht Nervenraubendes: Meine zwanzigjährige Freundin Irene, mit der ich mich eben zu trösten begonnen hatte, nachdem meine liebe Frau mir mit ihrem Chef, dem nimmersatten Lüstling Brecht, durchgegangen war, wurde im Juni von unserer Staatssicherheit verhaftet. Sie kam dann freilich Mitte Juli wieder gänzlich rehabilitiert frei. Das arme Kind, das ein Musterbeispiel von 220 (AH) 6 Blatt, handschriftlich, 18. September 1955.  221 (AH) Der »Brief an Serena« war Harichs Ansatz, seine Gedanken in Form persönlichen Austauschs vorzutragen. Immer wieder arbeitete er mit solchen Mitteln, bis hin zu den großen Selbstgesprächen, den Dialogen des Alters über Nicolai Hartmann und Friedrich Nietzsche. Die Idee des »Briefes an Serena« nahm er dann nach seiner Haftzeit wieder auf und schilderte so seine Überlegungen zur politischen Konzeption von Robert Havemann. Das Schriftstück kam zum Abdruck: Über Robert Havemanns politische Konzeption, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Nr. 4, 2015, S. 363–379. 337Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 338 Teil I Linientreue ist und zum Sozialismus ähnlich steht wie Gretchen zum Heiland, hatte in Westberlin einen Mann agitiert (!), der in Wahrheit ein NATO-Agent ist. Sie ahnte nichts davon, um so weniger, als er sich ihr in Folge ihres dezidiert parteiverbundenen Auftretens niemals auch nur im mindesten zu erkennen gegeben hatte. Aber eine Reihe weniger erfreulicher Studenten hatte der dunkle Herr in seine Dienste genommen, und als die gefasst wurden, kam natürlich auch sie in schrecklichen Verdacht, und es bedurfte einer sechswöchigen Untersuchung, ehe ihre Schuldlosigkeit sich herausstellte. Nun ist die leidige Affäre gottlob seit acht Wochen beigelegt und Irenchen in allen Ehren wieder in Freiheit – nunmehr als eifrige Propagandistin für die Humanitas unserer Sicherheitsorgane, die Sie mit einer in der Haft erfolgten Wurzelhautbehandlung eines Backenzahns unter Beweis stellt; sonderbarerweise wurde sie braun gebrannt, mit frisch ondulierten Locken und lackierten Fingernägel entlassen. Aber Sie werden sich vorstellen können, dass meine Lage, rein psychologisch gesehen, nicht sehr angenehm war. Der Urlaub an der Ostsee hat mich aber inzwischen einigermaßen wiederhergestellt. Jetzt habe ich viel zu tun: Vorlesungen wöchentlich vierstündig über »von Leibniz bis Feuerbach« an der Universität, Vorbereitung einer sechsbändigen E. T. A. Hoffmann Ausgabe im Aufbau-Verlag, viel Ärger mit der philosophischen Zeitschrift, in die das theoretische Souterrain mit »Verallgemeinerungen der historischen Erfahrungen beim Aufbau des Sozialismus in der DDR« eindringen möchte. In Mußestunden schreibe ich an einem Buch mit dem anmaßenden Titel Zur Grundlegung der Anthropologie, von dem zur Zeit 200 Schreibmaschinenseiten vorliegen. Es wird darin – ganz undialektisch, werden Sie sagen – das »Allgemeinmenschliche« zu Ehren gebracht und zum Beispiel die »Gesinnungsethik« als »notwendiges Moment« erwiesen. Zur Produktion der Bücher Ihres Mannes! Probleme des Realismus haben sie bekommen, leider konnten wir diesmal nicht bei der üblichen Papiersorte bleiben, so dass die einheitliche Ausstattung seiner Bücher ein wenig beeinträchtigt ist. Als nächstes bringen wir eine dringlich gefragte neue Auflage von Goethe und seine Zeit heraus, noch vor dem Historischen Roman, dessen Druck aber ebenfalls in den nächsten Tagen beginnt, nachdem der Umbruch seit zwei Wochen vorliegt und fertig durchgesehen ist. Nach dem Historischen Roman folgt Anfang 1956 die neu ausgestattete Neuauflage der Schicksalswende und dann das erweiterte Buch über Thomas Mann, von dem wir erst einmal den Rest der vorhandenen zweiten Auflage absetzen müssen, was aber bis Anfang 1956 geschehen sein wird. In den nächsten Tagen wird Ihnen unsere prächtige Ausgabe der gesamten Hegelschen Ästhetik in einem Band, mit Lukács’ Essay als Einführung, 339Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 zugehen. Sie werden beide Ihre Freude daran haben, besonders an dem Stichwortregister, das in der bisherigen Hegel-Edition wirklich einzigartig ist und das Glocknersche Lexikon weit in den Schatten stellt. Unser Verlag wäre Ihrem Manne verbunden, wenn er dem Bearbeiter des Bandes, unserem Mitarbeiter Dr. jur. Dr. phil. Friedrich Bas senge, nach Empfang und kurzer Ansicht der Sendung ein paar anerkennende Zeilen schreiben würde. Im Urlaub habe ich übrigens den neu erschienenen IV. Band von Korffs Geist der Goethezeit gelesen; zum Teil nicht unbedeutend, muss ich sagen, besonders im Hinblick auf das Hoffmann-Kapitel. Auch die Deutung des West-östlichen Diwan ist nicht übel. Das Obskure, Irratio Propagierende, das den ersten Band charakterisiert, hatte sich bei dem alt gewordenen Korff merklich verloren. Ziemlich elendes Gewäsch ist aber wieder das letzte Kapitel, über die ästhetische Theorie der späten Goethezeit, wo Schelling, Hegel und Schopenhauer auf einen Nenner gebracht werden. Aber bemerkenswert sind die scharf antiobskuren Stellungnahmen zur Entwicklung von Görres, Clemens Brentano, Zacharias Werner etc. Im Übrigen bestand meine Urlaubslektüre in lauter E.T. A. Hoffmann. Ich muss sagen, dass das Meiste bei näherer Betrachtung ja doch ziemlich schrecklich ist. Vor allem die sich auflösenden geheimnisvollen Rätsel, bei denen dann als Lösung des Rätsels – Fernhypnose oder dergleichen herauskommt. Hier war jetzt alles erfüllt von den beiden deutschen Moskaubesuchen. Dass Genosse Chruschtschow Herrn Adenauer erklärt haben soll, dass unser Schwarzwälder Kirschwasser ein Getränk sei, mit dem man Stiere umbringen könne, hat in breiten Kreisen unseres frommen Volkes Gefühle tiefer Genugtuung ausgelöst. Wie gut, dass wir derlei populäre Mittelchen jetzt nicht mehr gar so ängstlich verschmähen, das erspart uns ganze Divisionen. Mit sehr herzlichen Grüßen an Sie und Ihren Mann bin ich Ihr 340 Teil I Brief an Gertrud Lukács222 (21. September 1955) Liebe Genossin Lukács! Ich muss Ihnen heute nochmals schreiben, obwohl es auch diesmal noch nicht der angekündigte »Brief an Serena« sein kann. Es ist nämlich hier etwas sehr unangenehmes passiert, was mitzuteilen mir recht schwer fällt. In der Zeit meiner Abwesenheit im Urlaub sind hier Unterlagen zu der geplanten Ergänzung des Buches über Thomas Mann aus mir bisher unerklärlichen Gründen verlegt worden. Da sie irgendwo ja sein müssen, werden sie sicher bei gründlichem systematischem Suchen noch gefunden werden. Aber das braucht erfahrungsgemäß viel Zeit, und vielleicht können Sie uns mit den Durchschlägen Ihrer seinerzeitigen Sendung aushelfen? An sich wäre das im Moment noch nicht nötig, da erst für Ende dieses Jahres vorgesehen ist, die neue, vermehrte Auflage des Buches über Thomas Mann in Satz zu geben. Aber nun benötigt Huchel ganz dringend das Vorwort zu den Erzählungen Thomas Manns, das unter den Materialien war und das er unbedingt im nächsten Heft von Sinn und Form zum Abdruck bringen will; wie er sagte, mit Ihrem Einverständnis. Würden Sie die große Liebenswürdigkeit haben und uns schnell aus der Patsche heraus helfen? Ich bin mir dessen völlig bewusst, dass hier ein unverzeihlicher Fehler begangen worden ist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber gleich auch anregen, dass Ihr Mann, in Anbetracht des Todes von Thomas Mann im August, der neuen Auflage seines Buches ein neues Vorwort voranstellen sollte, dessen Manuskript er zusammen mit der Rücksendung der Korrekturfahnen abliefern könnte. Außerdem würde ich empfehlen, den kurzen Nachruf auf Thomas Mann, der bei uns in der Berliner Zeitung abgedruckt wurde, in den Anhang aufzunehmen. In Erwartung Ihre Antwort bin ich mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihren Mann, Ihr 222 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 21. September 1955.  341Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Gertrud Lukács223 (28. September 1955) Liebe Genossin Lukács! Ich habe heute die Sendung mit dem Durchschlag des Aufsatzes Thomas Mann im öffentlichen Leben unserer Zeit erhalten. Vielen Dank! Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen. Der Aufsatz geht heute an Huchel ab, der in Sinn und Form nicht den bereits in der Berliner Zeitung erschienenen Nekrolog über Thomas Mann nochmals veröffentlichen möchte. Was die Vorbereitung der neuen, erweiterten Auflage des Thomas-Mann-Buches betrifft, so sind allerdings auch die diesbezüglichen Hinweise, die in der Sendung vom Sommer enthalten waren, verlegt worden. Könnten Sie hiervon auch einen Durchschlag schicken? Sollte das nicht möglich sein, so würden wir noch einmal versuchen, die betreffenden Unterlagen doch noch hier im Hause zu finden. Und notfalls könnte ich die auf Thomas Mann bezüglichen Stellen selbst aus den Büchern Ihres Mannes heraussuchen, die ich ja alle, angefangen von Die Seele und die Formen, besitze und kenne. Nun zu dem Brief Ihres Mannes an Genossen Janka vom 18. September, der vorgestern hier eintraf. Wir sind mit allem sehr einverstanden. Die neue Auflage von Schicksalswende habe ich aus der Herstellung zurückgezogen. Ich werde den Band erst dann, zusammen mit den Ergänzungen, die in dem Brief vom 18. September 1955 vorgeschlagen werden, in Satz geben, wenn das neue Vorwort und der neue Aufsatz über die Möglichkeiten des kritischen Realismus in unseren Tagen im Manuskript hier vorliegen. Das Buch über Thomas Mann wird entsprechend vorgezogen; ich denke, dass ich die ganze Druckvorlage der neuen, erweiterten Auflage in zwei Wochen spätestens werde in Satz geben können. Alle Abänderungen und Ergänzungen, die der Brief vom 18. September vorschlägt, werden dabei berücksichtigt werden. Inzwischen ist hier auch das Manuskript der Übersetzung des Buches von Mészáros eingetroffen. Ich schreibe an Herrn Peter Fenyö mit gleicher Post.224 223 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 28. September 1955.  224 (AH) Im Dezember hatte Fenyö immer noch keinen Vertrag vom Aufbau-Verlag und auch kein Honorar erhalten. Gertrud Lukács fragte deswegen bei Harich nach. Lukács, Gertrud: Brief an Wolfgang Harich, 20. Dezember 1955, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 342 Teil I Die Wünsche, die Ihr Mann bezüglich Bücher etc. an Genossen Janka gerichtet hat, wird dieser erledigen. Die herzlichsten Grüße, auch an Ihren Mann, und gute Wünsche für die Italienreise von Ihrem * * * * * (AH) Im September und Oktober 1955 überschnitten sich die Briefe zwischen Berlin und Budapest erneut teilweise, manche gingen verloren oder kamen extrem verspätet an. Mehrfach ging es dabei um das Thomas-Mann-Buch von Lukács – vor allem mit Blick auf Fragen des Inhalts, eines neuen Vorwortes usw. Am 26. September225 schickte Lukács einen vorläufigen Plan zum Inhalt des Mann-Buchs. Gertrud Lukács fragte zudem nach, wann mit Harichs »Brief an Serena« zu rechnen sei, in dem dieser seine Überlegungen zur Dialektik darlegen wollte. Brief an Gertrud Lukács226 (22. Oktober 1955) Liebe Genossin Lukács! Heute erst komme ich endlich dazu, Ihren Brief, den Sie mir im August schrieben, zu beantworten. Ich fand diesen Brief erst bei meiner Rückkehr im September hier vor und habe Ihnen dann bald darauf einen längeren handschriftlichen Brief, per Luftpost, geschickt, den Sie aber offenbar noch nicht erhalten hatten, als Sie mir Ihre letzten Zeilen schickten. In jenem Brief hatte ich lediglich über Verlagsvorhaben und einiges Persönliches berichtet, Ihre »große Anfrage« hinsichtlich meines Glaubens an die Dialektik aber noch umgangen, ähnlich wie Adenauer, der der parlamentarischen Debatte über den Schmeißerskandal dadurch ausweicht, dass er sich krank ins Bett legt. Dann kam ich lange Zeit aus Arbeitsüberlastung nicht zum Schreiben, vier Wochenstunden Vorlesung, Verlagsarbeit, Zeitschrift etc. waren, wie stets am Anfang des Semesters, reichlich strapaziös und zeitraubend. Jetzt möchte ich aber, wenn auch nur andeutungsweise, die philosophische Confessio, die Sie mir abverlangen, zu Papier bringen. 225 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 26. September 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich, mit einem Nachtrag von Gertrud Lukács, das Zitat Blatt 2. 226 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 22. Oktober 1955.  343Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 344 Teil I Zuerst möchte ich bekennen, dass meine Interessen und Neigungen sich in zunehmendem Maße aufs Philosophische verengen und spezialisieren, unter Abstoßung des Literarisch-Musischen, und dass mir innerhalb dieses engeren Interessenkreises an der systematischen Philosophie (Aufbau und Ausbau des dialektischen Materialismus zu einem System, das sich neben Christian Wolff sehen lassen kann) eigentlich sehr viel mehr gelegen ist als an philosophiehistorischer Forschung. In Weimar versuchte ich, Ihrem Manne Äußerungen zu entlocken, von denen ich mir eine Bestätigung dieser Interessenrichtung erhoffte, er aber, der bei seinem unermüdlichen Brückenschlagen und Retten des Erbes ganz und gar vom Konkretisieren und Spezifizieren und namentlich vom Historischen in Anspruch genommen ist, riet freundlich, aber entschieden ab. Natürlich hat mir das in den vergangenen Wochen sehr zu denken gegeben, trotzdem glaube ich, auf meiner Option für die systematische Philosophie beharren zu müssen. Und dies aus verschiedenen Gründen: 1) Mir scheint, dass das, was Hegel in der Vorrede zur Phänomenologie und unter anderem Aspekt in der Vorrede zur ersten Ausgabe der Wissenschaft der Logik ausführt (erst »Erwerbung des Prinzips in seiner unentwickelten Intensität«, dann »die höhere Forderung, dass es zur Wissenschaft werde«), mutatis mutandis auch für den Sozialismus gilt und hier in Bezug auf die Philosophie nur so zu verstehen ist, dass der dialektische Materialismus aus seinem vorsokratischem Entwicklungsstadium herausgeführt und auf den Gebieten der allgemeinen Ontologie der Wirklichkeit, der Logik, der Erkenntnistheorie, der Anthropologie, Ethik, Ästhetik usw. zu der selben wissenschaftlichen Breite entwickelt werden muss, die Marx zum Beispiel im Kapital erreicht hat. 2) Die Einsicht, dass das notwendig und zeitgemäß ist, beginnt sich in der Partei mehr und mehr durchzusetzen, und daher erleben wir zur Zeit einen rapiden Abbau von Ängstlichkeiten, Zaghaftigkeiten und entsprechenden Ketzergerichten in Bezug auf Weiterentwicklung des dialektischen Materialismus. Eines Tages wird zweifellos eine Prämierung philosophischer Fehler beschlossen werden, die irgendwo eine neue Problemstellung enthalten. 3) Die systematisch-philosophische Ausarbeitung des dialektischen Materialismus wird selbstverständlich philosophiehistorisch eminent beschlagen sein müssen und das ganze progressive Erbe aufzubieten verpflichtet sein, aber es ist die Frage, ob deswegen in rein systematischen Zusammenhängen die Vorgeschichte der Probleme auch jeweils so eingehend expliziert werden muss, wie das zum Beispiel in Lukács’ Arbeit über das 345Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Problem des Besonderen geschieht. So glänzend diese Arbeit ist: Ich muss mich immer wieder fragen, ob es nicht vom Wesentlichen fortführt, wenn die Darstellung des Hervorwachsens dieses Problems aus der gedanklichen Verarbeitung der Französischen Revolution etc. derart ins Einzelne, Konkrete und historisch Spezielle getrieben wird. 4) Ich glaube, dass, nachdem Lukács für die marxistische Interpretation der europäischen Philosophiegeschichte einmal methodisch den Grund gelegt und für einige wichtige Strecken (der Junge Hegel, die Geschichte des Irrationalismus, best. Stationen der Entwicklung der Ästhetik usw.) die Vorbilder hingestellt hat, wir das, was noch zu tun bleibt, getrost den kommenden kommunistischen Rudolf Hayms, Kuno Fischers und Windelbands überlassen dürfen, die das nun mit Biographischem, Philologie usw. anzureichern und es überdies, wobei vor allem auch Mehrings Darstellungsart als kritisch anzueignendes Erbe in Betracht zu ziehen ist, dem Bildungsbedürfnis der Massen etwas näher zu bringen haben werden, als dies Lukács selbst mit seiner ausgesprochenen Produktion von anspruchsvollster Erwachsenenliteratur zu tun vermag. Was mich betrifft, so will ich gerne eine Zeit lang ein bisschen, ein ganz klein wenig Kuno Fischer spielen (mit Arbeiten vielleicht über Platon, vielleicht über Kant?), aber nur nebenher und nur um anderen Genossen, die dann die eigentlichen Kuno Fischers sein sollen, Mut zu machen. Die Hauptaufgabe der zeitgemäßen Entwicklungsstufe des dialektischen Materialismus vermag ich darin nicht mehr zu sehen, und was mich darin nun vor allem bestätigt, ist die Tatsache, dass Ihr Mann, als der erste große Bahnbrecher auf diesem Gebiet, sich ja als allererster selbst der systematisch-philosophischen Ausarbeitung von so zentralen Disziplinen wie der Ästhetik und Ethik zugewandt hat, was natürlich kein Zufall, sondern ein sehr deutliches Zeichen der Zeit ist. 5) Der letzte Grund, den ich geltend machen möchte, ist ein persönlicher: Es widerstrebt einfach meinem Sinn für klare Ordnungsgefüge, mich gedanklich auf die unabsehbare Schlamperei einlassen zu müssen, die durch die »unregelmäßige Entwicklung« in die Weltgeschichte hinein gekommen ist. Durchaus bereit, der Frage nachzugehen, was an Trendelenburg oder Bolzano oder Nicolai Hartmann rationell sein mag, kann ich mich doch auf die Dauer nicht dazu entschließen, dies Rationelle nun immer auch auf seine verzwickten, eben unregelmäßigen historisch-sozialen Gründe zurück zu beziehen, dazu aber wäre ich verpflichtet, wenn ich an das aufzuarbeitende Erbe als Philosophiehistoriker herangehen wollte. Denn aus diesem – historischen – Blickwinkel müsste 346 Teil I ich dann ja zu erklären suchen, weshalb …, zwar in der Niedergangsperiode des bürgerlichen Denkens … , aber trotzdem … usw. Jetzt kann ich erst zur Beantwortung Ihrer Frage kommen. Wie steht es mit meinem Glauben an die Dialektik? Ich »glaube«, dass die Dialektik, wie sie von den marxistischen Klassikern gehandhabt wurde, in der Tat das einzige in Betracht kommende methodische Mittel ist, das den systematischen Aufbau des neuen philosophischen Weltbildes leisten kann, vor allem, weil nur sie im Stande ist, die durchgehenden, universellen Gesetzmäßigkeiten der Realität überhaupt angemessen mit den spezifischen Kategorien der qualitativ verschiedenen Seinsbereiche von Natur und Gesellschaft in Beziehung zu setzen, d. h. diese voneinander abzuheben als auch miteinander im Zusammenhang zu sehen. Es lässt sich, so glaube ich, bei Strafe des Zurücksinkens in mechanischen Materialismus, in diesem Sinne keine Ontologie aufbauen, die sich nicht des Erbes der Wissenschaft der Logik vergewissert und es materialistisch umstülpt. (Ich meine dabei Ontologie natürlich nicht im Heideggerschen subjektivistischen Sinne einer um das Dasein des Menschen kreisenden so genannten Fundamentalontologie, sondern im objektiven Sinne Christian Wolffs, selbstredend unter Abzug der Wolffschen Theologismen!) Aber woran ich nicht und unter gar keinen Umständen zu glauben vermag, das ist eine Aufhebung, Einschränkung, Relativierung der absoluten Gültigkeit der Gesetze der Logik durch die Dialektik. So halte ich etwa die These, dass alle Bewegung einen Widerspruch (im Sinne eines logischen Widerspruchs) enthalte, da ein in Bewegung begriffener Körper sich im gleichen Zeitpunkt am selben Ort befinde und nicht befinde, für evident falsch. Oder ich lege – um ein anderes Beispiel zu nennen – dem bekannten dreifachen Sinn des Wortes Aufhebung gegenüber immer den größten Wert darauf, dass es nicht dieselben, sondern je verschiedene Bestandstücke eines Urteilszusammenhanges sind, die bei dessen Aufhebung nun im einzelnen »vernichtet« oder aber bewahrt und durch Weiterentwicklung höher gehoben werden. (Da der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch unverbrüchlich gilt, müssen es zum Beispiel je verschiedene Bestandstücke der Hegelschen Philosophie sein, die durch Marx vernichtet und nur vernichtet oder aber bewahrt und nur bewahrt worden sind.) Und unter dem Gesichtspunkt, von dem diese Überlegungen sich leiten lassen, halte ich dann auch die Hegelsche Dialektik von »Sein« und »Nichts« und ihre »Aufhebung« im »Werden« für eine absolut haltlose Konstruktion. Und daher rührt schließlich auch 347Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 meine tiefe Aversion einmal gegen die These, die Lukács in seiner Schelling- und Kierkegaardkritik ausspricht, dass nämlich eine Art Komplementärverhältnis zwischen Beharren bei formaler Logik und Irrationalismus bestehe, zum anderen gegen all das, was Fogarasi in seinem Buch über die Grundgesetze der Logik ausführt. Mit anderen Worten: Ich halte das Programm einer »dialektischen Logik« für verfehlt, bestenfalls für ein Konglomerat kolossaler Missverständnisse, wenn damit etwas anderes und mehr gemeint sein soll als die philosophische Fundierung der gewöhnlichen, formalen Logik durch die Grundsätze dialektisch-materialistischer Ontologie und Erkenntnistheorie, wenn unter »dialektischer Logik« vielmehr verstanden wird: Eine Einschränkung (Relativierung, Aufhebung usw.) der absoluten, unverbrüchlichen Gültigkeit des Satzes der Identität, des ausgeschlossenen Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten sowie der Schlussformen und ihrer absoluten Verbindlichkeit für jedes menschliche Denken. Nochmals anders gesagt: Der dialektische Materialismus hat allerdings die Aufgabe, diese ganze Fundamentalgesetzlichkeit neu zu deuten, ihren Ursprung zu erklären, ihre ontische Fundiertheit aufzuhellen – und das mag dann meinetwegen »dialektische Logik« genannt werden – , nicht aber kann es seine Aufgabe sein, die Absolutheit dieser Gesetzlichkeit als solche in Frage zu stellen. Auf diese Ehrenrettung der Logik (im alten, aristotelischen Sinne) lege ich nun aus folgendem Grunde sehr großen Wert: Man kann über weite, weite Strecken sehr wesentliche Zusammenhänge der Realität aufdecken und dabei eine große logische Konsequenz des Denkens an den Tag legen, d. h. mit absolut stringenten Beweisen arbeiten, ohne auf die logische Gesetzlichkeit, der man dabei getreulich folgt, reflektiert zu haben. Man kann aber nicht ein philosophisches Weltbild, das mit der Wissenschaft in Einklang stehen, ja, sogar für die Wissenschaft richtungsgebend sein soll, systematisch aufbauen, wenn man von vornherein bereits in den Ansatz der dazugehörigen Theorie der Logik Missverständnisse hineinträgt, die letzten Endes darauf hinausführen, dass grundsätzlich jeder wissenschaftliche Begründungszusammenhang verneint wird. Solange diese Missverständnisse in Äußerungen von Marxisten über Fragen der Logik wirksam sind, gibt es spontan und im Widerspruch zu dem, was diese Äußerungen besagen, tiefschürfende marxistische Analysen je konkreter, bestimmter Sachverhalte, eine Art Pendant zum »Sieg des Realismus«, aber keine dialektisch-materialistische Ontologie. Die aber ist unerlässlich, wenn einer – politisch menschewistischen, philosophisch positivistischen – Argumentation der Boden entzogen werden soll, die den Marxismus entweder selbst zur Einzelwissenschaft erklärt oder ihn, weil das unter Kommunisten heute nicht 348 Teil I mehr möglich ist, wenigstens faktisch ins Schlepptau einzelwissenschaftlicher Empirie zu bringen trachtet. * * * * * (AH) An dieser Stelle bricht das Brief-Manuskript mitten auf Blatt vier ab. Offensichtlich wollte Harich den Brief später fortsetzen. Ob er abgeschickt wurde, lässt sich nicht sagen. Es existiert aber keine vollständige und auch keine andere Version dieses Schreibens (auch nicht im Budapester Lukács-Archiv). Brief an Georg Lukács227 (28. Oktober 1955) Lieber Genosse Lukács! Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass heute die neue Ausgabe Ihres Thomas-Mann-Buches in Satz gegeben werden konnte. In den Anhang habe ich noch eine kleine Stelle aus Die Zerstörung der Vernunft (Kritik der westlichen Demokratie von rechts und von links, Entwicklung von den Betrachtungen eines Unpolitischen zum Zauberberg) eingefügt. Ich nehme an, dass das Ihre Zustimmung finden wird. Die Unterlagen, die Sie im Sommer geschickt haben, sind inzwischen auch glücklich wieder aufgefunden worden, sie hatten sich in ein anderes Manuskript verirrt. Ich wäre Ihnen nun dankbar, wenn Sie mir bald die Ergänzung zu der neuen Ausgabe von Schicksalswende schicken könnten, dieses Buch wollen wir im Dezember in Satz geben. Was Ihre Anfrage bezüglich der westdeutschen Hegel-Gesellschaft betrifft, so möchte ich Ihnen im Vertrauen sagen, dass ich diese Gründung nicht für seriös halte. Herrn Beyer kenne ich nur aus einem völlig verworrenen Beitrag über Dietzgen, den er einmal der Deutschen Zeitschrift für Philosophie eingereicht hat. Holz ist ein hochbegabter, junger Mann, der aber dazu neigt, »Hans Dampf in allen Gassen« zu sein. Ich kann Ihnen also nicht raten, sich dieser Gründung anzunehmen. Wahrscheinlich wird es das Beste sein, wenn Sie die Herren wissen lassen, dass Sie ihre Bestrebungen von weitem mit Sympathie und Interesse verfolgen werden, aber leider aus Arbeitsüberlastung usw. usw. Ein schlechtes Gewissen habe ich gegenüber Ihrer Frau, deren Anfrage bezüglich meines »Glaubens« an die Dialektik, den Sie bezweifelt, ich noch immer nicht beantwor- 227 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 28. Oktober 1955.  349Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 ten konnte. Weil ich das nicht mit wenigen Worten tun kann, sondern etwas halbwegs Fundiertes dazu sagen müsste, andererseits aber in diesen Wochen ungewöhnlich stark beansprucht bin, braucht die Antwort noch etwas Zeit. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr Gutachten zu: Thomas Mann228 (28. Oktober 1955) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, eine neue, vermehrte und verbesserte Ausgabe des bereits in zwei Auflagen erschienenen Buches über Thomas Mann von Georg Lukács zu veranstalten. Gegenüber der vorliegenden Ausgabe ist das Folgende neu: (1) Das Vorwort vom Oktober 1948 ist im Hinblick auf den Tod Thomas Manns sinngemäß verändert worden. (2) Neu aufgenommen wurde der Essay Das Spielerische und seine Hintergründe, in dem Lukács sich mit den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull von Thomas Mann auseinandersetzt. Der Essay ist zuerst vollständig im Juni-Heft der Zeitschrift Aufbau erschienen. (3) Dem Band ist für die neue Ausgabe ein Anhang beigegeben, der in chronologischer Reihenfolge sämtliche wichtigen Äußerungen über Thomas Mann im Werk von Georg Lukács enthält. Er beginnt mit einer Erwähnung der Buddenbrooks in dem Buch Die Seele und die Formen (1909) und endet mit dem Nekrolog auf Thomas Mann, den Lukács im August 1955 verfasst hat. (4) Die Essays Auf der Suche nach dem Bürger und Die Tragödie der modernen Kunst wurden stilistisch verbessert. Um Druckgenehmigung wird gebeten. * * * * * 228 (AH) An das Amt für Literatur und Verlagswesen, 28. Oktober 1955, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 350 Teil I (AH) Am 28. November 1955229 schrieb Lukács Harich ausführlicher über seine Vorstellungen der Neuausgabe der Schicksalswende, d. h. bezüglich der neu in das Buch aufzunehmenden Aufsätze. Er bedankte sich für die Zusendung der Ästhetik von Hegel und lobte auch den Anmerkungsapparat und das Register von Friedrich Bassenge. Es scheine ihm besser zu sein als das Hegellexikon von Glockner. »Der Plan, die Hegelsche Geschichte der Philosophie ähnlich herauszugeben, gefällt mir sehr. Ich muss leider sagen, dass es mir vollständig unmöglich ist, ein Vorwort dazu zu schreiben. Ich würde Ihnen nun Folgendes vorschlagen. Bei der Herausgabe der kleinen Enzyklopädie Hegels waren wir hier in einer ähnlichen Verlegenheit. Wir halfen uns so, dass wir die Aussagen der Klassiker des Marxismus als Vorwort abgedruckt haben. Da über die Geschichte der Philosophie die ausgezeichneten Bemerkungen Lenins in den Philosophischen Heften vorhanden sind, ließe sich ein solches Vorwort unschwer zusammenstellen.« Brief an Georg Lukács230 (09. Dezember 1955) Lieber Genosse Lukács! Ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 28. November 1955. Mit Ihren Vorschlägen hinsichtlich der Erweiterung der zweiten Auflage der Schicksalswende sind wir voll einverstanden. Ich werde das Manuskript des Buches nun zusammenstellen und es in 229 (AH) Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 28. November 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich, das Zitat Blatt 2. 230 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 09. Dezember 1955.  Thomas Mann, 1955 351Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 der von Ihnen angegebenen Weise in Satz geben. Für die baldige Lieferung des Vorwortes wäre ich dankbar. Bei dieser Gelegenheit muss ich Ihnen nun zu meinem großen Bedauern mitteilen, dass wir vorerst doch nicht daran denken können, die neue, erweiterte Ausgabe Ihres Thomas-Mann-Buches zu veranstalten. Das Buch liegt seit 1953 in einer vierten Auflage vor, von der bis zur Stunde 4500 Exemplaren noch nicht verkauft sind. Wir hoffen, durch Intensivierung der Werbung und im Zusammenhang mit einer für Januar vorgesehenen Thomas-Mann-Feier den Rest dieser Auflage wenigstens zum größeren Teil absetzen zu können. Bevor das geschehen ist, muss unsere Verlagsleitung sich aber aus ökonomischen Rücksichten weigern, die erweiterte Auflage in Satz zu geben. Diese wird also aller Voraussicht nach nicht vor Ende 1956 erscheinen können. Von Goethe und seine Zeit konnten wir dagegen inzwischen wieder eine neue Auflage herausbringen. Sie werden die Belegexemplare sicher schon erhalten haben. An der Zurückstellung des Thomas-Mann-Buches bin ich ganz unschuldig, ich habe dagegen zu protestieren versucht, es hat aber nichts genutzt. Sollten Sie sich Ihrerseits darüber beschweren wollen, so müsste ich Sie bitten, sich direkt an Genossen Janka zu wenden. Dass Sie unsere Ausgabe der Hegelschen Geschichte der Philosophie nicht einleiten können, ist sehr bedauerlich. Die Lösung, die Sie vorschlagen, scheint mir nicht glücklich zu sein. Die Leninschen Bemerkungen sind doch allzu zusammenhanglos und werden ohnehin allzu leicht in dieser Zusammenhanglosigkeit kanonisiert, das soll man nach meiner Meinung nicht noch unterstützen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr Hausmitteilung zu: Schicksalswende231 (28. Dezember 1955) In der Anlage überreiche ich nochmals das Manuskript zur zweiten, veränderten und ergänzten Auflage des Buches Schicksalswende von Georg Lukács. Das Manuskript, das von uns bereits am 19. Juli 1955 in Satz gegeben wurde, ist bald darauf vom Verfasser wieder zurückgezogen worden mit dem Bemerken, dass er noch einen weiteren in 231 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 28. Dezember 1955. Interne Hausmitteilung der Abteilung: Lektorat, Klassisches Erbe, an Schroeder und Caspar. 352 Teil I Arbeit befindlichen Essay aufnehmen wolle. Der Verfasser hat uns jetzt mit Brief vom 28. November 1955 mitgeteilt, dass er nicht wisse, ob und wann er diesen Essay werde schreiben können. Er hat uns gebeten, statt dessen eine Reihe von Aufsätzen in das Buch aufzunehmen, die im Laufe der vergangenen fünfzehn Jahre in den Zeitschriften Internationale Literatur, Aufbau und Sinn und Form abgedruckt wurden, bisher aber noch nicht in einem seiner Bücher erschienen sind. Es handelt sich um Aufsätze, die auf Grund ihrer hohen Qualität unbedingt gesammelt zu werden verdienen und ihrer Thematik nach gut in eine neue Auflage der Schicksalswende hinein passen. Die Titel lauten: Zwei Romane aus Hitlerdeutschland (eine Besprechung von Büchern von Ernst Wiechert und Benno von Mechow aus dem Jahre 1942), Der Rassenwahn als Feind des menschlichen Fortschritts (1943), Das innere Licht ist die trübste Beleuchtungsart (1942), Wozu braucht die Bourgeoisie die Verzweiflung? (1951) und Gruß an Arnold Zweig (1952, soll jetzt als Nachwort zu der Rezension des Grischa-Zyklus gebracht werden). Der Verfasser bittet außerdem, dass die folgenden Beiträge aus dem Anhang der zu seinem Siebzigsten Geburtstag veranstalteten Festschrift in die neue Ausgabe von Schicksalswende übernommen werden: Gesunde oder kranke Kunst? (1952) und Von der Verantwortung der Intellektuellen (1948). Ich gebe das ganze Manuskript jetzt redigiert in Satz, mache aber darauf aufmerksam, dass in Kürze noch ein kurzes Vorwort von zwei Seiten nachgereicht werden wird, das uns vom Autor in Aussicht gestellt wurde.232 Da die neue, erweiterte Auflage des Buches über Thomas Mann von der Verlagsleitung zurückgestellt werden musste, möchte ich darum bitten, die Herstellung der neuen Ausgabe von Schicksalswende möglichst zu beschleunigen. 232 (AH) Am 15. Dezember hatte Lukács geschrieben: »In Bezug auf das Vorwort habe ich Sie missverstanden. Selbstverständlich lässt sich ein Vorwort in dem von Ihnen angegebenen Sinn schreiben.« Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich, 15. Dezember 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich, das Zitat Blatt 1. 353Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Brief an Gertrud Lukács233 (05. Januar 1956) Liebe Genossin Lukács! Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihren Gruß vom 20. Dezember 1955. Leider bin ich, obwohl ich mehrfach einen Anlauf dazu genommen habe, immer noch nicht dazu gekommen, mit der gebührenden Sorgfalt auf Ihre Anfrage wegen meines »Glaubens an Dialektik« einzugehen. Es gab hier immer wieder viel zu viel zu tun, und im Moment ersticke ich fast in redaktioneller Arbeit, so dass ich überhaupt nicht weiß, wie ich dazu kommen soll, etwas zu schreiben. Ich höre nun aber, dass Ihr Mann, und wohl hoffentlich auch Sie, zu unserem Schriftstellerkongress nach Berlin kommen wollen. Ich freue mich sehr darauf und hoffe zuversichtlich, dass wir dann alles mündlich viel besser abmachen können und Sie mich doch nicht zum Häretiker erklären werden. Kurz vor Weihnachten ist Der historische Roman bei uns erschienen. Die Belegexem plare werden Ihnen wohl inzwischen zugegangen sein, ebenso die des Schopenhauer-Bandes der philosophischen Bücherei, der noch in den letzten Tagen von 1955 herausgekommen ist. Mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihren Mann, und freudig gestimmt in Erwartung des baldigen Wiedersehens bin ich Ihr Gutachten zu: Über Nietzsche234 (09. Mai 1956) Als 13. Band unserer Philosophischen Bücherei wollen wir eine Sammlung der verschiedenen Arbeiten von Franz Mehring und Georg Lukács über die Philosophie von Friedrich Nietzsche herausbringen. Der Band, der von Wolfgang Harich zusammengestellt wurde, enthält von Mehring das 19. Kapitel der Streitschrift Kapital und Presse, von 1891, sowie die Aufsätze Nietzsche gegen den Sozialismus, 1897, und Über Nietzsche, 1899; von Lukács die Essays Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ästhetik, 1934, und Der deutsche Faschismus und Nietzsche, 1943, sowie das 3. Kapitel seines Buches Die Zerstörung der Vernunft. Das Vorwort beschränkt sich darauf, die Quellen 233 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 05. Januar 1956.  234 (AH) An das Amt für Literatur und Verlagswesen, 09. Mai 1956, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 354 Teil I anzugeben. Von einer Stellungnahme zu gewissen Schiefheiten in den Aufsätzen Mehrings konnte im Vorwort abgesehen werden, da bereits in den Arbeiten von Lukács, die im selben Band erscheinen, darauf kritisch Bezug genommen wird. Die Nietzsche-Aufsätze von Mehring sind gleichwohl so wertvoll, dass ihre Aufnahme in den Band als geboten erscheint. Um Druckgenehmigung wird gebeten. * * * * * (AH) Nach Harichs Verhaftung am 29. November taten Stasi und Partei alles, um seinen Namen für immer aus der Öffentlichkeit zu tilgen. So wurde beispielsweise das fünfte Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie eingezogen und im Frühjahr 1957 durch ein neues Heft (die Doppelnummer 5/6, 1956) ersetzt. Die im ursprünglichen Heft enthaltenen Hegel-Aufsätze von Bassenge, Bloch und Harich fielen der Zensur zum Opfer. Anderen Publikationen erging es ähnlich, genannt sei nur der fast vollständig vernichtete Protokollband der Konferenz Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus. Der gerade angesprochene Nietzsche-Band wurde ebenfalls diskutiert und erschien dann paradoxerweise dennoch. Allerdings als Rumpftext: Ohne die Nennung des Namen Harichs wurden 1957 die Nietzsche-Kritiken von Franz Mehring und Georg Lukács in der Philosophischen Bücherei (als 14. Band) veröffentlicht. Brief an Georg Lukács235 (17. Oktober 1956) Lieber Genosse Lukács! Das neue Vorwort zu dem Buch über Thomas Mann habe ich bereits vor Wochen erhalten und in Satz gegeben. In dem Exemplar von Die Seele und die Formen, das sich in meinem Besitz befindet, konnte ich auf Seite 85 keine Anspielung auf Thomas Mann finden. Das ganze Buch ist mir gut bekannt, und ich kann mich nicht erinnern, dass Thomas Mann noch an einer anderen Stelle als an der von uns aus dem Storm-Essay ausgezogenen erwähnt wird. Ihre neue Arbeit über den kritischen Realismus habe ich vor zwei Tagen erhalten und bereits durchgelesen. Ich finde sie außerordentlich gut und nützlich und will alles tun, damit sie möglichst noch in diesem Jahre erscheinen kann; wahrscheinlich werde ich sie schon in der nächsten Woche mit der vom Genossen Janka dringend unterstützen 235 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 17. Oktober 1956.  355Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 Maßgabe einer Beschleunigung des Herstellungsverfahrens in Satz geben können. In sprachlich-stilistischer Beziehung ist die Arbeit allerdings diesmal ganz ungewöhnlich schlecht geschrieben, so dass die Herstellung eines druckreifen Manuskripts einige Mühe verursachen wird. Ich würde im Interesse einer Beschleunigung der Herstellung vorschlagen, dass Sie die sprachlichen Verbesserungen, die keinerlei inhaltliche Veränderung bedeuten sollen, erst in der Korrekturfahne kennen lernen und, wenn nötig, eventuell monieren. Der Titel der Arbeit scheint mir etwas unbeholfen zu sein und wird sich in dieser Länge auch schwerlich als Buch- bzw. Broschürentitel graphisch anziehend gestalten lassen. Ich würde den Titel Zur Gegenwartsbedeutung des kritischen Realismus vorschlagen. Mit Gen. Janka habe ich, auf Grund Ihres Briefes, vereinbart, dass ich Formulierungen, die hier eventuell allzu anstößig wirken könnten, anmerken und mit ihm und Schroeder, bevor das Manuskript in Satz geht, durchsprechen werde. Bis jetzt sehe ich aber nicht, dass das Manuskript derartige schwer tragbare Formulierungen enthält. Die neue Auflage von Schicksalswende ist jetzt ausgeliefert worden, Sie werden Ihre Belegexemplare sicher in den nächsten Tagen erhalten. Die Arbeit über den kritischen Realismus wird wahrscheinlich noch vor dem Thomas-Mann-Buch erscheinen, in dieses könnten wir dann im Anhang noch die zwei bis drei Seiten der Arbeit über den kritischen Realismus, auf denen eine unmittelbare Konfrontation von Thomas Mann und Kafka stattfindet, aufnehmen. Ich würde weiter vorschlagen, dass wir, nachdem der Abdruck in Fortsetzungen in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgeschlossen sein wird, und das wird Mitte des nächsten Jahres der Fall sein, auch die ganze Arbeit über das Besondere im Aufbau-Verlag in einer ähnlichen Weise wie die Broschüre über den kritischen Realismus gesondert herausbringen. Sie sind Klassiker genug, um sich derartige gesonderte Veröffentlichungen von Vorstudien zu späteren größeren Arbeiten leisten zu können. Außerdem liegen in Ihrem Schaffen hierfür bereits einige Präzedenzfälle vor (man denke an den Essay über den historischen Roman der Antifaschisten oder an den Nietzsche-Aufsatz aus Schicksalswende). Ich würde es jedenfalls bedauern, wenn die allgemein philosophischen Teile aus der großen Arbeit über das Besondere – Teile, die Sie nicht in die endgültige Fassung Ihrer Ästhetik aufnehmen wollen – bis zum Erscheinen einer Gesamtausgabe nur in älteren Jahrgängen der philosophischen Zeitschrift auffindbar wären, wo dann überdies auch noch das Mittelglied, nämlich der Abschnitt über das Problem des Besonderen in der Aufklärung und bei Goethe, fehlt. (Dieser Abschnitt war ja in der Bloch-Festschrift 356 Teil I zum Abdruck gekommen, AH.) Später könnte man die umfangreichen Arbeiten über die Kategorie Besonderheit in Philosophie und Ästhetik und über den kritischen Realismus beide in eine neue, damit wesentlich erweiterte Auflage der Probleme des Realismus aufnehmen. Bestimmte wichtige Gedanken aus der Arbeit über den kritischen Realismus setzen nämlich zu ihrem wirklichen Verständnis die Kenntnis der Ausführungen in der Arbeit über das Besondere voraus. Inzwischen hat hier eine recht interessante einwöchige Konferenz von Heine-Forschern mit großer internationaler und gesamtdeutscher Beteiligung in Weimar stattgefunden, auf der ich ein längeres Referat über Heines Bild der klassischen deutschen Philosophie gehalten habe.236 Aus Ungarn war ein sehr verworrener Professor Turoci Trostler da, der über Heines Wirkung auf Petöfi sprach. Er hatte aber zwei Assistenten mitgebracht, von denen insbesondere der eine, ein parteiloser namens Bodi, auf mich einen sehr positiven Eindruck machte. In meiner Eigenschaft als Redakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie möchte ich Ihnen noch sagen, dass ich sehr auf den kurzen Überblick über die historische Entwicklung des marxistischen Hegel-Bildes und ganz besonders auf die Arbeit über die philosophischen Traditionen des Sektierertums warte, für deren Abfassung in Ungarn – wie es von hier aus scheint – der rechte Zeitpunkt herangereift sein dürfte. Im nächsten Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie wird u. a. ein Aufsatz von Bassenge, Hegels Ästhetik und das Allgemeinmenschliche erscheinen, in dem Sie diesmal, im Zuge der Zeit, von – sagen wir – ultra-rechts beanstandet werden, wenn auch in 236 (AH) Vom 8. bis zum 13. Oktober 1956 fand dann in Weimar die große Heine-Konferenz der DDR statt, die den Höhepunkt des Heine-Jahres markieren sollte. Dieter Schiller hat die Geschichte der Konferenz 2007 erstmals rekonstruiert. Schiller, Dieter: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, in: Heine Jahrbuch, 2007, S. 199–211. Dietmar Goltschnigg und Hartmut Steinecke schrieben: »Der Eröffnungsvortrag sollte von einer ›Persönlichkeit des öffentlichen Lebens‹ gehalten werden; da sich kein geeigneter Redner aus diesem Kreis fand, wurde diese repräsentative Aufgabe Harich übertragen.« Goltschnigg, Dietmar; Steinecke, Hartmut (Hrsg.): Heine und die Nachwelt. Geschichte seiner Wirkung in den deutschsprachigen Ländern. Bd. 2: 1907–1956, Berlin, 2008. Darin die Einleitung: Künstlerjude unter Deutschen. Der Streit um Heine, 1907–1956, S. 159. Harich trug eine leicht überarbeitete Fassung eines Aufsatzes vor, der in der Sinn und Form erschienen war: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie. Neuabdruck in: Band 5, S. 339–369. Harich redete insgesamt knapp zweieinhalb Stunden. Siehe neuerdings: Heyer: Wolfgang Harich über Heinrich Heine. Philosophie und Literatur in den ersten Jahren der DDR, in: Heine Jahrbuch, Nr. 55, Stuttgart, 2016, S. 45–66. 357Die ersten Jahre in der DDR, 1949 bis 1956 sehr vornehmem Ton und mit Sachkenntnis und formalem Niveau. Ich hoffe sehr, dass Sie uns dieses äußerste Extrem zu Gropp – wir Deutschen sind eben ein Volk der Extreme – ebenso wenig wie den Gropp selbst verübeln. Mit herzlichsten Grüßen, auch an Ihre liebe Frau, bin ich Ihr Gutachten zu: Die Gegenwartsbedeutung des kritischen Realismus237 (22. Oktober 1956) Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, noch in diesem Jahr die neue Arbeit von Georg Lukács, Zur Gegenwartsbedeutung des kritischen Realismus, als Broschüre herauszubringen und damit öffentlich zur Diskussion zu stellen. Es handelt sich hierbei um eine aus Vorträgen, die in der DDR, in Polen, Österreich und Italien gehalten wurden, hervorgegangene Stellungnahme zur gegenwärtigen internationalen Situation der Literatur. Lukács setzt sich im ersten Abschnitt polemisch mit den Hauptvertretern des dekadenten Avantgardismus, deren Werke in der Intelligenz der kapitalistischen Länder einen großen Einfluss ausüben, auseinander, nämlich mit Kafka, Musil, Joyce, Gottfried Benn, Henry Miller u. a.; er arbeitet dabei gleichzeitig eine progressive Linie des kritischen Realismus in der gegenwärtigen bürgerlichen Literatur heraus und weist nach, dass es solide weltanschauliche Grundlagen für ein Bündnis zwischen den Vertretern des kritischen und des sozialistischen Realismus gegen die vorherrschenden Tendenzen der Literatur der Dekadenz und der Reaktion gibt. Im zweiten Abschnitt werden die beiden Hauptströmungen in der bürgerlichen Literatur der Gegenwart, die dekadente und die kritisch-realistische, miteinander konfrontiert. Dieser Abschnitt gipfelt in einer Gegenüberstellung der bedeutendsten Vertreter dieser Richtungen, Franz Kafka und Thomas Mann, wobei Lukács die bleibende Fruchtbarkeit des Erbes von Thomas Mann für die Fortentwicklung der realistischen Literatur auch im Sozialismus deutlich macht. Im dritten Abschnitt versucht Lukács nachzuweisen, dass der kritische Realismus gegenwärtig auch in den Volksdemokratien, die den Sozialismus aufbauen, für eine 237 Datiert auf den 22. Oktober 1956, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Adressiert an das Ministerium für Kultur, Hauptverwaltung Verlagswesen. 358 Teil I lange Periode eine positive Rolle zu spielen vermag und dass es zahllose Übergänge vom kritischen zum sozialistischen Realismus in der Literatur der volksdemokratischen Länder gibt. Gleichzeitig setzt Lukács sich hier polemisch mit den Verzerrungen auseinander, die der sozialistische Realismus unter dem Einfluss der negativen Seiten der Stalinschen Periode erlitten hat. Es wird in der ganzen Arbeit so ein Zweifrontenkampf gegen die dekadente avantgardistische Literatur der Reaktion auf der einen und gegen die Einengungen und Verzerrungen des sozialistischen Realismus durch die fehlerhaften Konzeptionen Stalins und Shdanows auf der anderen Seite geführt. Die positive Konzeption, für die Lukács eintritt, ist die Verteidigung der großen realistischen Traditionen der Weltliteratur, die im sozialistischen Realismus ihre Fortsetzung finden, ohne dass dieser von heute auf morgen jede Verbindung zum kritischen Realismus abbrechen könnte. Im Ganzen ist die neue Arbeit von Lukács zweifellos als der bedeutendste Versuch zu bewerten, die Lehren des XX. Parteitags der KPdSU in schöpferischer Weise auf dem Gebiet der Literatur zu konkretisieren. Um Druckgenehmigung wird gebeten. * * * * * (AH) Am 29. November 1956 wurde Harich in der DDR verhaftet, am 09. März 1957 vom Obersten Gericht der DDR wegen »Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe« zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 18. Dezember 1964 wurde er etwas vorzeitig aus der Haft entlassen – aus Anlass einer Amnestie zum 15. Jahrestag der Gründung der DDR.

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References

Zusammenfassung

Mit Georg Lukács war Harich eng befreundet. In den fünfziger Jahren arbeiteten die beiden zusammen, Harich war im Aufbau-Verlag für die Bücher von Lukács verantwortlich und als Chefredakteur der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ für dessen Aufsätze. Die Wirkung des ungarischen Philosophen in der DDR wurde maßgeblich durch Harich gestaltet. Dabei vertraten beide ähnliche Ansätze in der Philosophiegeschichte und auch bei der Entwicklung eigenständiger marxistischer Theorien. Der vorliegende Band druckt eine Vielzahl von Dokumenten, Manuskripten und Gutachten ab, die Harich bis zu den Umbrüchen von 1956 über Lukács verfasste. Präsentiert werden zudem die meisten Briefe von Harich an seinen Freund und Mitstreiter. Nach 1956 besuchte Lukács die DDR nie wieder. Der Kontakt zu Harich brach völlig ab. Dieser wirkte ab 1970 aber in der DDR weiter für seinen früheren Weggefährten. In mehreren Eingaben, Briefen usw. mahnte er gegenüber den offiziellen Stellen der DDR „Mehr Respekt vor Lukács!“ an, dies ist ja der Titel seines bedeutenden Aufsatzes. Eine marxistische Philosophie ohne Lukács, so das Credo von Harich Zeit seines Lebens, sei zum Scheitern verurteilt.