Content

19 Einleitung: Das Können zwischen Allmacht und Ohnmacht in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 243 - 246

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-243

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
IV. PRAGMATISCHE ETHIK 245 19 Einleitung: Das Können zwischen Allmacht und Ohnmacht Nachdem die ethische Situation in der existenziellen Ethik phänomenologisch expliziert (Teil II) und das universale Glücksstreben in der normativen Ethik vielfältig normiert worden ist (Teil III), fällt der pragmatischen Ethik nun die Aufgabe der Realisierung dieses Strebens zu (Teil IV). Jedes Streben drängt nämlich von sich aus und in letzter Konsequenz bereits auf Realisierung. Damit stellt sich die Frage nach den individuellen Fähigkeiten der Realisierung, also die Frage nach dem pragmatischen Können. Dieses Können kann sich einerseits auf die Veränderung von Tatsachen beziehen – das Individuum trachtet dann danach, die Welt (bzw. einen kleinen Teil von ihr) zu verändern. Wo dies (aus welchem Grund auch immer) nicht möglich ist, kann sich das Können andererseits aber auch auf die Veränderung von Haltungen gegenüber unabänderlichen Tatsachen beziehen – das Individuum verändert dann nicht die Welt, sondern seine Einstellung zu dieser Welt. Um überhaupt entscheiden zu können, welche Seite des pragmatischen Könnens zum Tragen kommen soll, muss freilich im Vorhinein erkannt sein, ob die Tatsächlichkeit eines vorliegenden Problems veränderbar oder unab- änderlich ist. Es bedarf also zunächst einer erkennenden Unterscheidung zwischen dem Machbaren und dem Unabänderlichen (Kap. 20). Diese Grenze ist insbesondere in Bezug auf das gute Leben, auf das eigene Glück und die Realisierung wichtiger Ziele zu ziehen. Dazu kann auf die Ergebnisse der empirischen Glücksforschung zurückgegriffen werden, sofern sie denn wissenschaftstheoretisch fundiert interpretiert werden (Kap. 20.5- 20.7 bzw. Kap. 5.6). Nach dieser Grenzziehung gilt es für die pragmatische Ethik erstens, auf Seiten des machbaren (beeinflussbaren) Glücks ein Verändern-können zu skizzieren (Kap. 21). Dies erfordert eine Analyse der neurobiologischen und lernpsychologischen (Kap. 21.1), psychopharmakologischen (21.2), psychotherapeutischen (21.3), psychogenerativen (21.4) und somatologischen (21.5) Grundlagen von menschlichen Veränderungsprozessen. Gegen eine Ideologie des machbaren Glücks (Kap. 20.2) muss die pragmatische Ethik anschließend die nicht-kontrollierbare Seite des Glücks herausstellen und mit Nachdruck darauf hinweisen, dass auch zum Glück ein bisschen Glück gehört. Insofern dieses Glück der Macht des Glücksstrebenden letzten Endes entzogen bleibt, ergibt sich ein Bedarf an Umgangskompetenzen mit dem Unabänderlichen – das Können erscheint hier nicht mehr als Machen, sondern als Lassen (Akzeptieren).979 Der pragmati- 979 Als ein Können zeigt sich ein solches Lassen und Akzeptieren alleine schon dadurch, dass nicht wenigen Menschen solche Fähigkeiten in einer technokratischen Welt abhandengekommen sind: so etwa die unwillkürliche Fähigkeit, einzuschlafen oder eine Erektion zu bekommen (vgl. dazu auch Böhme in Kap. 8.2). Bei diesem Können als Lassen geht es um die Fähigkeit, loslassen zu können – also paradox gesagt: die Kontrolle darüber zu haben, die Kontrolle auch mal abgeben 246 EINLEITUNG: DAS KÖNNEN ZWISCHEN ALLMACHT UND OHNMACHT schen Ethik fällt dabei die Aufgabe zu, den Verhaltensspielraum des Individuums aufzuzeigen und damit die Möglichkeit eines guten Lebens im Angesicht unabwendbaren Leidens zu erschließen (Kap. 22). Auch in der radikalen Fremdbestimmung unabänderlichen Leidens nämlich bleibt der Mensch einer Wertewelt verbunden, die das gute Leben in Form eines Hervorbringens, Erlebens und tugendhaften Handelns anzuleiten vermag – auch und gerade in unabänderlichen Situationen (Kap. 22.5). Damit kann die pragmatische Ethik dem grundsätzlichen Spannungsverhältnis menschlicher Existenz zwischen Allmacht und Ohnmacht (Kap. 7-9) Rechnung tragen: Das gute Leben erfordert eine gelingende Vermittlung zwischen Freiheit und Abhängigkeit, zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Es gilt, das Veränderbare so effektiv wie möglich zu Gunsten des eigenen Glücks zu verändern – und das Unabänderliche in einer ethisch gelungenen Weise zu akzeptieren, auszuhalten, zu ertragen. Eine Ethik des guten Lebens, die diese Polarität zu Gunsten eines einzigen Pols auflöst, bleibt notwendig lebensfern – und endet entweder in einer Ideologie der Machbarkeit oder in einem bequemen Fatalismus. Beide sind empirisch falsch, weil sie die wechselseitige Angewiesenheit von Freiheit und Determination verkennen. Unser Leben bleibt stets durchzogen von einer Dialektik von Passivität und Aktivität, von Erleiden und Machen, von Faktizität und Entwurf. Wir erleiden unser Schicksal, aber wir können es auf dieser Grundlage frei gestalten. Oder wie Schopenhauer es formuliert: „das Schicksal mischt die Karten und wir spielen.“980 zu können. Als Kompetenzen können diese Fähigkeiten natürlich wieder erlernt werden – psychotherapeutische Verfahren konzentrieren sich dabei vor allem auf die Einübung des Loslassens, etwa durch Akzeptanz- und Meditationsübungen. Unserem technokratischen Zeitalter scheint der Kontrollwahn über das Leben und seine unwillkürlichen Prozesse allerdings derart unproblematisch geworden zu sein, dass es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit ist, diese Prozesse nicht durch ein lassendes, sondern durch ein machendes Können (von außen) zu beeinflussen – in Form von Schlaftabletten und gefäßerweiternden Medikamenten. 980 Schopenhauer 1977: 510. Der Gedanke ist im Kontext etwas differenzierter beschrieben: „Kürzer können wir sagen: das Schicksal mischt die Karten und wir spielen. Meine gegenwärtige Betrachtung auszudrücken, wäre aber folgendes Gleichniß am geeignetesten. Es ist im Leben wie im Schachspiel: wir entwerfen einen Plan: dieser bleibt jedoch bedingt durch das, was im Schachspiel dem Gegner, im Leben dem Schicksal, zu thun belieben wird. Die Modifikationen, welche hiedurch unser Plan erleidet, sind meistens so groß, daß er in der Ausführung kaum noch an einigen Grundzügen zu erkennen ist.“ (Schopenhauer 1977: 510)

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.