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Schlusswort in:

Victoria Polzer

Das Erhabene in der Philosophie der Gegenwart, page 165 - 168

Vom Text zur Technologie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4005-8, ISBN online: 978-3-8288-6786-4, https://doi.org/10.5771/9783828867864-165

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 29

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Schlusswort Das Erhabene erlebt im Rahmen der modernen Wissenschaft und Kunst unweigerlich eine Konvergenz, was an Beispielen der Entwicklung der Ideen des Erhabenen in der Quantenphysik oder in den fraktalen Landschaften zu sehen ist. Die Vernunft ist nicht in der Lage, den flüchtigen Zustand zu identifizieren, aber man kann darüber in einer intuitiven Weise nachdenken, für diesen Zweck das ästhetische Urteil heranziehen oder dunkle Vorstellungen entwerfen, mit denen man, so Kant, die vor dem Auge schimmernden Gedankenfetzen greifen kann. In dieser Arbeit wurde eine komparative Analyse des Erhabenen und der Naturwissenschaften durchgeführt. Auf diesem Gebiet gibt es einige jüngere wissenschaftliche Forschungen. Untersucht wurden die Lehren von Skott Bukatman und Ian Greig, die vorgeschlagen haben, das Erhabene mit den grundlegenden Argumenten der Quantenmechanik zu vergleichen. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Subjekt nur über fragmentales Wissen über die Welt verfügt und jede wissenschaftliche Theorie nichts anderes als eine Vermutung ist. Vor diesem Hintergrund gilt das Erhabene als ein Versuch, die Realität zu erklären und sich zugleich mit der denkbaren Unendlichkeit abzufinden. Hierbei werden die Technologien als die neuen Quellen des Erhabenen angesehen, die, wie an Beispielen gezeigt wurde, eine weit größere Bedrohung in sich tragen können als die Betrachtung der wütenden Natur. Nach Burke muss man sich von der Gefahrenquelle distanzieren, was Solger in seiner Kritik an den Bestimmungen von Burke nicht übersehen hat. Die Elemente des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts, die man erhaben nennen kann, erscheinen als eine Art „zweiter Natur“, und auch sie versucht das Subjekt zu bändigen. Dabei erfahren die Menschen ein irrationales Angst- und Unvollkommenheitsgefühl gegenüber den von ihrer Hand geschaffenen Werken. Wichtig ist hier das Problem der künstlichen Intelligenz, die in der Wissenschaft ebenso wie in der Belletristik kommentiert wird: Der Mensch strebt danach, eine neue Version der Intelligenz zu schaffen, die frei von der Unvollkommenheit der Intelligenz ist, über die er verfügt, und mit der er diese Unvollkommenheit auszugleichen sucht. Aufschlussreich ist dabei das Werk The Sublime Dreams of Living Machines von Minsoo Kang, dessen Titel sofort an die Möglichkeit der Erscheinung einer künstlichen „Postvernunft“ denken lässt, wie ich sie nennen möchte, bei der auch Gefühle eine Rolle spielen, unter denen wiederum das Erhabene zu finden ist. Die erhabene Erfahrung ist ein Zeichen für das Vorhandensein von moralischen und ethischen Prinzipien, das die Auswirkungen auf die individuelle historische Variabilität der soziokulturellen Prozesse widerspiegelt. Man bestimmt seinen Platz in der Welt, die als Nicht-Selbst präsentiert wird, sieht die Beschränkung an sich und begreift deswegen seine eigenen Grenzen. Das Problem des Erhabenen ist mit der Suche 165 nach Antworten auf die Fragen verknüpft, was „Unendlichkeit“, „Subjektivität“ etc. bedeuten. Der subjektive Faktor ist betroffen, da die Erfahrung des Erhabenen immer individuell ist. Und hier ist die Aussage von Giambattista Vico über die Auswirkungen der Bewunderung auf die schöpferische Tätigkeit eines Individuums, die sich vor allem in der Mythenbildung manifestiert, ganz angebracht. Man kann behaupten, dass es berechtigt ist, das Streben danach, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, in dieser Weise auszulegen. Aber man muss auch die Mahnung des Wissenschaftlers in Bezug auf die Zyklen der Kultur berücksichtigen. Hat sie ihren Höhepunkt erreicht, kommt die Kultur zu ihren Wurzeln zurück und beginnt den neuen Zyklus, wenn auch auf einem höheren Niveau, was ein Zeichen für den Fortschritt ist. Der Futurologe Stanislaw Lem geht davon aus, dass sich diese Zyklen nicht endlos wiederholen können. Stimmt man dem zu, gilt es zu entscheiden, ob das Streben danach, neue Antworten zu erhalten, in Reaktion auf die Herausforderungen der sich verändernden soziokulturellen Realität ein ausreichender Grund für die Gesellschaftsentwicklung ist, da doch die Folgen einer solchen Befragung unvorhersehbar sein können. Die Basis für die Entstehung des Erhabenen ist die Überraschung. Nach Aristoteles kann man diese überhaupt als Grundlage des Wissens bezeichnen. Es wurde im Laufe der Untersuchung dargelegt, dass das Erhabene nach neuen Formen der Verkörperung „sucht“, da die Erfahrung und die Gewohnheit, wie Nikolaj G. Tschernyschewski bemerkt hat, den Gefühlen den Neuheitsstatus rauben, weswegen das Erhabene in Frage gestellt wird. Daher wird der Rezipient, der nach immer neuen Quellen des Staunens sucht, danach streben, die Realität um sich herum umzubauen. Wie schon angedeutet vermutet Stanislaw Lem, dass sich die Technologien nicht endlos entwickeln werden. Der Mensch wird sich daher vor die Notwendigkeit gestellt sehen, sich an neue Quellen des Erhabenen zu richten. Im Laufe seiner Geschichte wurden die Interpretationen des Erhabenen transformiert und verändert. In der gegenwärtigen Phase versucht man die dynamischen und mathematischen Elemente des Erhabenen mit den technischen Errungenschaften der Kultur zu verbinden; dadurch entstehen hybride Formen wie das Technisch- oder das Kybernetisch-Erhabene. Aber auch in diesem Fall sollte man das Erhabene „rhetorisch“, „architektonisch“, „musikalisch“ etc. nennen, insofern es einen solchen Effekt hervorbringt (und es gibt bereits solche Versuche). Deutlich wurde, dass die Definitionen des „technisch“ oder „elektrisch“ Erhabenen eine Einschränkung in sich tragen, die für ein Phänomen, das das Unendliche eröffnet, völlig inakzeptabel ist: Sie sind erst für den Nachweis der Objekte, die das Gefühl von Schrecken und Freude hervorrufen, notwendig. Aber das Vorhandensein solcher Objekte ist nicht wirklich erforderlich, da ja das Urteil im subjektiven Denken stattfindet. Man kann sich fragen, welche Art des Erhabenen das Kybernetisch-Erhabene dereinst ersetzen wird. Hierauf eine Antwort zu geben, ist ohne Zweifel sehr schwierig. Die Beschränkungen zerstören das Erhabene in Bezug auf seine Deutung und widersprechen logisch seinem Wesen, indem man versucht, Begriffe wie in ein Formular einzugeben, und es z. B. „elektrisch“ etc. nennt. Der Betrachter vergisst, dass sich das Erhabene erst teilweise in der Natur befindet, die das Erhabene versinnbildlicht, es für das Urteil aber dem Vorhandensein gegenübergestellt werden muss. Das Erha- Schlusswort 166 bene unterliegt keiner Abstufung. Die Intelligenz gibt den Phänomenen die Namen, unterstreicht etwas, was das Verständnis übertrifft, überrascht und begeistert. Definierend beschränkt sich das Individuum hingegen. Der Geist erhebt sich erst im Moment des Bewusstseins der aufziehenden Tragödie, und dieser Moment des Übergangs ist das Einzige, was zu verstehen gegeben wird. Die Grenzen des Wissens liegen nur in dem Vorgeschmack. Mit diesem Konzept würde ich in Anlehnung an das Vorund Nachgefühl ein anderes Vergleichselement für das Erhabene und die Katharsis vorschlagen und das Erstere „Vorgeschmack“ und das Zweite „Nachgeschmack“ nennen. Auf einer gewissen Stufe wurden diese vom Menschen geschaffenen Objekte als zweite Natur wahrgenommen. Die natürliche Natur ist nicht mehr die Quelle des Geheimnisses; sie kann nicht in demselben Maße erheben oder beängstigen wie früher. Folglich ist die Quelle des Entzückens und der Störung des Gleichgewichts, die dem Bedürfnis nach dem Empfang neuer Kenntnisse entspricht, in den Schöpfungen der Menschen selbst zu suchen. Aber für ein umfassendes Verständnis der künstlichen Natur ist das Dasein einer qualitativ vergleichbaren Intelligenz gefordert – einer künstlichen Intelligenz. Dieses Paradox führt zur Entfremdung der Rechte derjenigen Person, die sie geschaffen hat. Indem sie nicht mehr ein Teil der Natur ist, wird einer künstlichen Intelligenz die natürliche Intelligenz als etwas Unverständliches gegen- übertreten. Dadurch kehrt sich die Perspektive um – die künstliche Intelligenz beginnt, die natürliche als Absolutes zu begreifen, und sieht in ihr die Quelle des Erhabenen. Überwinden lässt sich dieses Paradoxon nur durch die Erkenntnis der Entwicklung der Idee des Erhabenen in seinem eigenen Ich. Das Phänomen des Erhabenen wird das Individuum so lange begleiten, wie man sich für die Fragen des Seins, des Geistes und der Persönlichkeit im Kontext des durch den Epochenwechsel veränderten Weltbildes interessiert. Diese historische und soziokulturelle Variabilität des Erhabenen zeigt, dass das Problem, Einsichten in das Erhabene zu gewinnen und es zu deuten, wohl immer relevant sein wird. Schlusswort 167

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Zusammenfassung

Dieses Werk nimmt die geschichtsphilosophische Analyse der Qualität des Erhabenen im Rahmen der soziokulturellen Aspekte vor. Den Ursprungsmechanismus des erhabenen Zustandes kann man als geschichtlich-konkrete bzw. als eine besondere Qualität der Gesellschaft verstehen. Das Erhabene ruft eine Person dazu auf, ihre Aufmerksamkeit speziell auf die ästhetische und ethische Komponente des täglichen Lebens zu fokussieren. Die grundlegenden Elemente des erhabenen Zustandes sind die Vorstellung und die Gewalt. Die Suche nach neuen Quellen der Verwunderung, die das Erhabene hervorruft, kann zum Rückschritt führen, weil der Mensch dabei nicht nur die Harmonie mit sich selbst verliert, sondern auch sein soziales Umfeld gefährdet. Aus diesem Grund sind die Versuche, das Erhabene durch das Sekundäre (das Kybernetisch-, Architektonisch-, Elektrisch-Erhabene etc.) zu erklären, nutzlos, solange man das Erhabene im Wesen nicht betrachtet.