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Uwe Albrecht

Bilder aus dem Tierleben, page 299 - 414

Phillip Leopold Martin (1815-1885) und die Popularisierung der Naturkunde im 19. Jahrhundert

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4039-3, ISBN online: 978-3-8288-6758-1, https://doi.org/10.5771/9783828867581-299

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
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Ergebnisse Im letzten Teil der Arbeit werden auf Basis der eingangs definierten Fragestellungen die Forschungsergebnisse im Einzelnen dargelegt und abschließend – unter Berücksichtigung der These – noch einmal knapp zusammengefasst. Zunächst einmal kommen die Motive zur Sprache, die den zoologischen Präparator Philipp Leopold Martin dazu bewogen haben, sich der praktischen Naturkunde und der Vermittlung naturkundlicher Themen mittels visueller Konzepte zuzuwenden. Hierbei finden persönliche Beweggründe ebenso Berücksichtigung wie die Rolle von Vorbildern oder Vordenkern. In einem weiteren Schritt werden dann die Gründe gesellschaftlicher, fachspezifischer oder weltanschaulicher Natur herausgearbeitet. Als nächstes wird erläutert, welche Personenkreise und Einzelpersonen Martin und seine Vorhaben – in welcher Form auch immer – unterstützt sowie seine Konzepte aufgegriffen und weiterentwickelt haben. Daran schließen sich die Untersuchungen an, wer Martin und seinen Ideen ablehnend oder gar feindselig gegenüberstand sowie welche Rolle das informelle „Netzwerk“ reformorientierter Präparatoren, und Wissenschaftler an den naturhistorischen Museen und in deren Umfeld spielte. Im Folgenden wird analysiert, wie seine visuellen Konzepte von den Medien und der Öffentlichkeit aufgenommen wurden und vor allem, ob diese – auf die Wissenschaft selbst – zurückwirkten. Dies geschieht in erster Linie an Hand seiner Mammutnachbildung, die als Kopien und unzählige Abbildungen weite Verbreitung fand. In einem letzten Schritt soll schließlich der Versuch unternommen werden, Martins Leben und Werk in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Hierbei wird der Frage nachgegangen, welche gesellschaftsgeschichtlichen und wissenschaftshistorischen Entwicklungen sein Wirken begleiteten und begünstigten. Schlussendlich wird herausgearbeitet, welche Rolle Martin während des Booms der Wissenschaftspopularisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie im Kontext des naturhistorischen Museums und der deskriptiven Naturkunde zukommt. Martins Beweggründe Herkunft und Erziehung Wie im biografischen Teil bereits erläutert wurde, wuchs der junge Philipp Leopold Martin in ländlicher Umgebung auf und kam schon sehr früh mit der Fauna und Flora seiner Heimat in Kontakt. Selbstverständlich ist dies nicht alleine der Grund, weshalb aus dem „Steckenpferd“ seiner Kindheit – Tiere zu beobachten, zu halten und nicht zuletzt zu präparieren – eine das gesamte Leben bestimmende Berufung 4 4.1 4.1.1 299 wurde. Hierfür müssen weitere, seine Erziehung prägende, Umstände berücksichtigt werden. Dazu gehörte vor allem, dass Martin seine Kindheit und Jugend im Umfeld der Herrnhuter Brüdergemeine verbrachte. Er wuchs in deren Handwerkerkolonie Gnadenberg in Niederschlesien auf und besuchte für mehrere Jahre Herrnhuter Lehranstalten.1 Bei den Herrnhutern besaßen die Naturkunde und Naturliebe einen sehr hohen Stellenwert. Viele Familien unterhielten kleine Vogel- und Mineraliensammlungen oder betrieben „Vogelstuben“.2 Andere – insbesondere Handwerker – betätigten sich als Amateurornithologen oder gehörten zu den Gründungsmitgliedern der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz.3 Martin kam vor allem in den Erziehungs- und Bildungsanstalten der Brüdergemeine mit der Naturkunde in Kontakt. Er besuchte die Bibliothek der Knabenanstalt ebenso wie die Naturaliensammlung in Niesky. Dort beeindruckten ihn die ausführlichen Naturbeschreibungen der „in alle Welt verstreuten“ Herrnhuter Missionare sowie deren auf Reisen gesammelten und nach Niesky gesandten Naturalien. Sein Weg führte ihn des Weiteren in das Museum der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz, das sich in der näheren Umgebung seines Gnadenberger Elternhauses befand.4 Den nachhaltigsten Einfluss auf seine Berufswahl und vor allem sein späteres Selbstverständnis als zoologischer Präparator und Popularisator der Naturkunde übte die Herrnhuter Erziehung und Pädagogik aus. Diese sei, so schreibt Ludwig Becker in seiner Abhandlung über die Pflege der Naturwissenschaften in der Brüdergemeine, für die „Herausbildung [einiger] wissenschaftlich arbeitender Persönlichkeiten“ außerordentlich maßgeblich gewesen.5 Ihr Ziel war es einerseits, die dem einzelnen Kinde innewohnenden Talente zu fördern und weiterzuentwickeln und andererseits eine ganzheitlich zu nennende Welterkenntnis zu fördern, die nicht ausschließlich auf theoretischem Wissen beruhte.6 Die naturwissenschaftliche Bildung der Herrnhuter war vor allem praxisorientiert. So sollte sie die Zöglinge unter anderem auf ein Leben als Missionar in weit entfernten Herrnhuter Kolonien vorbereiten und sie dazu befähigen, selbstständig zu arbeiten.7 Nicht zuletzt diente sie dazu, die „Beobachtungsgabe“ zu schärfen, der „Erbauung“ und der „Freude an der Schönheit der Natur“ zu dienen sowie „Ehrfurcht vor der Schöpfung“ zu vermitteln.8 1 Zur „Knabenanstalt“ vgl. a. Kessler-Lehmann, Gnadenberg – eine Herrnhuter Siedlung in Schlesien, 2002. Vgl. hier und im Folgenden Kap. 2.1.1, S. 53ff. 2 Becker, Die Pflege der Naturwissenschaften in der Herrnhuter Brüdergemeine, 2005, S. 40. 3 Ebd., S. 28. 4 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 29. 5 Becker, Die Pflege der Naturwissenschaften in der Herrnhuter Brüdergemeine, 2005, S. 40. Zu den „bedeutenden Naturwissenschaftlern“ die der Brüdergemeine angehörten vgl. Becker, Die Pflege der Naturwissenschaften in der Herrnhuter Brüdergemeine, 2005, S. 24ff. Unter ihnen befand sich mit Albert Möschler (1864-1945) – ein Sohn des Entomologen Heinrich Benno Möschler (1831-1886) – ebenfalls ein Präparator, der am zoologischen Institut in Königsberg wirkte. 6 „Umgang“ und „Anschauung“ sind in der Herrnhuter Pädagogik zwei zentrale Begriffe. 7 Becker, Die Pflege der Naturwissenschaften in der Herrnhuter Brüdergemeine, 2005, S. 40 f. 8 Ebd. 4 Ergebnisse 300 Einige dieser Grundsätze Herrnhuter Pädagogik und Weltanschauung beeinflussten – auch ohne dass er sich dessen bewusst war – Martins späteres Wirken. Zunächst ist die „Praxisorientierung“ zu nennen. Eine rein theoretische Auseinandersetzung mit der Naturkunde lag Martin fern. Er stellte zwar deren Sinn nicht per se in Frage, aber immer dann, wenn es darum ging, breitere Bevölkerungskreise an naturkundliche Themen heranzuführen, betonte er die Bedeutung einer praktisch ausgerichteten Naturgeschichte. Hierbei bezog er sich einerseits auf den genuin praktischen „Nutzen“ naturkundlichen Wissens, zum Beispiel für die Landwirtschaft und andererseits aber auch darauf, durch „praktisch-deskriptive“ Naturgeschichte ihre Inhalte in allgemeinverständlicher Weise mittels visueller Konzepte anschaulich zu präsentieren und zu vermitteln.9 Des Weiteren gehörte eine ganzheitliche Herangehensund Sichtweise zu den Maximen Martins. Auch hier orientierte er sich – ebenfalls ohne explizit darauf Bezug zu nehmen – an der Herrnhuter Pädagogik und Weltsicht. Martin bevorzugte und propagierte eine auf „Anschauung“ und „Umgang“ beruhende Bildung, denn nur auf diese Weise, konnte man – laut Martin – einen wirklichen Zugang zur Naturkunde bekommen und wahren Nutzen aus ihr ziehen. Daher war es ihm ein Anliegen, sein Wissen und seine Erkenntnisse bezüglich der Tierwelt und der Natur, auf Sammel- und Forschungsreisen oder auch bei der Lebendbeobachtung in zoologischen Gärten, zu vermehren und nicht nur durch das Studium von Fachliteratur oder präparierter Bälge einer Naturaliensammlung. Auch für die Rezipienten naturhistorischen Wissens war seiner Ansicht nach eine auf ganzheitlichem Erfahren basierende Zugangsweise, wie durch den Besuch eines zoologischen Gartens oder einer populären Schausammlung, die erfolgversprechendste Variante. Dass dies gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert mit seiner zunehmenden Industrialisierung und damit einhergehenden Entfremdung von der Natur immer notwendiger wurde, war ein weiteres Motiv Martins sich dafür einzusetzen. Auch in diesem Zusammenhang wurde Martin zweifellos durch die von den Herrnhutern propagierte „Ehrfurcht vor der Schöpfung“ beeinflusst. Vorbilder und Vordenker Neben dem persönlichen Umfeld, seiner Erziehung und Schulbildung spielten ganz unterschiedliche Vorbilder und „Vordenker“ eine bedeutsame Rolle für Martins Lebens- und Berufsweg. Egal, ob es sich um die Entscheidung handelte, sein Leben der Naturkunde und der Tierpräparation zu widmen, um seine Arbeitsmethoden oder auch die Motivation, naturkundliches Wissen anschaulich und ansprechend zu vermitteln – fast immer bezog er sich direkt oder indirekt auf Vorbilder und Vordenker. Zu diesen sind naturkundlich interessierte Herrnhuter Missionare ebenso zu zählen, wie ornithologische Präparatoren, Zoologen und sonstige Naturforscher. 4.1.2 9 Zur Motivation Martins aus wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Gründen Naturkunde zu vermitteln vgl. Kap. 4.1.5, S. 324ff. 4.1 Martins Beweggründe 301 Herrnhuter Missionare und Naturforscher Wie Martin selbst bekannte, sei durch die Werke der Herrnhuter Missionare und Naturforscher seine „Sehnsucht nach fremden Welttheilen und gefahrvollen Reisen wachgerufen“ worden.10 Zu seiner Lektüre gehörten aller Wahrscheinlichkeit nach die von Christian Georg Andreas Oldendorp (1727-1787) verfasste „Geschichte der Mission evangelischer Brüder auf den Caraibischen Inseln St. Thomas, St. Croix, und St. Jan“.11 Dieses Werk enthielt nicht nun eine Missionsgeschichte der dortigen Brüdergemeine sondern auch Abhandlungen über die „Geographie“ und die „natürliche Geschichte“.12 Des Weiteren ist davon auszugehen, dass Martin die kleine Schrift Johann Jakob Bossarts (1721-1789) mit dem Titel „Kurze Anweisung Naturalien zu samlen“ studiert hatte.13 Diese Schrift, in welcher der Verfasser den Missionaren Anweisungen an die Hand gab, wie sie Naturalien für das Naturalienkabinett der Herrnhuter zu sammeln, zu konservieren und zu verpacken hatten, mag Martin ebenfalls dazu angeregt und angeleitet haben, selbst Naturalien zu präparieren. Derartige Werke brüderischer Naturforscher, Dozenten und Missionare waren es, die mit dazu beitrugen, dass er sich der praktischen Naturkunde zuwandte und später als Sammel- und Forschungsreisender die „Neue Welt“ bereiste.14 Ornithologen und Präparatoren Während die Herrnhuter Missionare und Naturforscher vornehmlich die Fantasie des jugendlichen Philipp Leopold Martin beflügelten, orientierte er sich – was die praktische Umsetzung anbelangte – am Wirken der im Folgenden aufgeführten Ornithologen und Präparatoren. Hierbei handelte es sich um Johann Friedrich Naumann (1780-1857), der die mitteleuropäische Ornithologie mitbegründet hatte, Christian Ludwig Brehm (1787-1864), der zu den bedeutendsten Vogelkundlern Deutschlands und Europas zählte, Martins Vorgänger als erster Präparator am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart, Hermann Ploucquet (1816-1877) und schließlich der Amateurornithologe und frühe Vogelschützer Graf Kasimir Wodzicki (1816-1889). Mit dem Werk Naumanns kam Martin bereits in seiner Jugend in Kontakt. Wie seinem Bewerbungsschreiben an das Königliche Naturalienkabinett in Stuttgart zu entnehmen ist, handelt es sich dabei um das im Jahre 1815 publizierte Werk „Taxider- 10 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart, Personalakten Martin, Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 11 Oldendorp, Geschichte der Mission evangelischer Brüder auf den Caraibischen Inseln St. Thomas, St. Croix, und St. Jan, 1777. 12 Vgl. Beyreuther, Einführung in die Geschichte der Mission der evangelischen Brüder, 1995, S. 44ff. 13 Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder- Unität, 1994, S. 698 f. Bossart, Kurze Anweisung Naturalien zu samlen, 1774. 14 Die erwähnten Herrnhuter Naturforscher und Missionare und ihre Publikationen fanden in Martins Werk oder in seinen Briefen keine namentliche Erwähnung. Allgemein gehaltene Äußerungen – unter anderem in seinem Bewerbungsschreiben an das Stuttgarter Naturalienkabinett – legen allerdings die Vermutung nahe, dass es derartige Missionsberichte und naturhistorische Werke aus der Bibliothek der Brüdergemeine gewesen sein müssen, die er in jungen Jahren studiert hatte. 4 Ergebnisse 302 mie, oder die Lehre Thiere aller Klassen am einfachsten und zweckmäßigsten für Naturaliensammlungen auszustopfen und aufzubewahren“.15 Nach dieser Anleitung eignete sich Martin autodidaktisch die ersten Schritte bei der Naturalienpräparation an.16 Naumanns „Taxidermie“ galt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als das Standardwerk der Tierpräparation, an Hand dessen zahlreiche Präparatoren ihr Handwerk erlernten. Naumann war es auch, der sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts für eine lebenswahre Nachbildung von ornithologischen Präparaten und deren Präsentation in Glasvitrinen mit einem bemalten Hintergrund eingesetzt hatte.17 Daher waren Naumann und sein Werk für Martins beruflichen Lebensweg in zweifacher Hinsicht prägend. Einerseits erlernte er die handwerkliche Seite der Taxidermie an Hand von Naumanns Anleitungen und andererseits stellten dessen zur damaligen Zeit fortschrittliche Präparationsmethoden und Präsentationsweisen einen Teil der Grundlagen dar, auf denen Martin seine Taxidermie und Dermoplastik sowie die visuellen Methoden zur Präsentation von Natur weiterentwickelte. Im Vorwort seiner „Taxidermie“ erklärt er dazu freimütig: „In der Taxidermie oder dem Ausstopfen der Tiere bekenne ich mich zu den schriftlichen Schülern Naumann’s und habe ich diese Manier in einer mehr als dreissigjährigen Praxis mit besonderer Vorliebe zu erweitern getrachtet, […]“18 Nicht zuletzt prägte auch der künstlerische Anspruch Naumanns, der sowohl in seinen Publikationen als auch bei seinen Vogelpräparaten und Vogelgruppen sichtbar wurde, Martins späteres Selbstverständnis als Präparator. Neben Naumann spielte ein weiterer Ornithologe eine wichtige Rolle für Martins Werk, der „Vogelpastor“ Christian Ludwig Brehm.19 Brehm war nicht nur ein ambitionierter Sammler und autodidaktisch gebildeter Vogelkundler, der die Ornithologie im 19. Jahrhundert mitprägte, sondern auch ein Präparator. Wie Naumann veröffentlichte er ein umfassendes Handbuch zur Präparation von Vögeln.20. Christian Ludwig Brehm hatte sich – wie viele spätere Naturforscher – bereits in frühester Jugend der Naturkunde und insbesondere der Ornithologie zugewandt, entschied 15 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart, Personalakten Martin, Brief von Philipp Leopold Martin vom 4.10.1858. Naumann, Taxidermie oder die Lehre Thiere aller Klassen am einfachsten und zweckmässigsten für Naturaliensammlungen auszustopfen und aufzubewahren, 1815. 16 Naumann, Taxidermie oder die Lehre Thiere aller Klassen am einfachsten und zweckmässigsten für Naturaliensammlungen auszustopfen und aufzubewahren, 1815. 17 Vgl. dazu Kap. 3.2.2, S. 198. 18 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869, S. IX. 19 Zu Christian Ludwig Brehm vgl. Haemmerlein, Der Sohn des Vogelpastors, 1985. Buchda, Zur Lebensgeschichte und zum wissenschaftlichen Werk des Pfarrers und Ornithologen Christian Ludwig Brehm, 1953/54, S. 459-466. Kleinschmidt, Vater und Sohn, 1929, S. 99-110. 20 Brehm, Die Kunst, Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren, 1842. Dieses Werk war eine der wichtigsten Quellen, die Martin für seinen 1869 erschienenen ersten Band der „Praxis der Naturgeschichte“ mit dem Titel „Taxidermie“ heranzog. Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. 4.1 Martins Beweggründe 303 sich aber dennoch für ein Studium der Theologie in Jena.21 Sein jahrzehntelanges seelsorgerisches Wirken als Pfarrer in Renthendorf in Thüringen tat der Leidenschaft für die Vogelwelt allerdings keinerlei Abbruch. Während dieser Zeit widmete sich Brehm der Erforschung einheimischer Vogelarten. So legte er als Theologiestudent eine umfangreiche Vogelsammlung an und bereits 1820 gab er sein erstes ornithologisches Werk, die „Beiträge zur Vogelkunde“ heraus.22 Es waren jedoch weniger Brehms Verdienste für die Ornithologie, die Martin beeindruckt hatten und sein Werk beeinflussten. Vielmehr war es dessen Abkehr von der bloßen Buchgelehrsamkeit und „Balgzoologie“, die zur damaligen Zeit noch tonangebend war. Er gehörte, wie Johann Friedrich Naumann und Johann Matthäus Bechstein (1757-1822) zu den ersten deutschen Ornithologen, die ihre Forschungen vorwiegend in der freien Natur betrieben und nicht mehr ausschließlich im Studierzimmer.23 Des Weiteren hatten Brehms „Auge für die „Ganzheitsbetrachtung“ der Vögel sowie die Bedeutung, welche er dem Verhältnis des Vogels zu seiner Umwelt beimaß, einigen Einfluss auf Martin.24 Auch dessen Wertschätzung der Taxidermie als „Kunst25 Vögel auszustopfen“ findet sich bei Martin wieder, der sich wiederholt gegen das „Ausstopfen“ im Akkord wandte. Die Taxidermie solle man, so Brehm „etwas höher stellen, als Viele thun, damit man sie nicht handwerksmässig betreiben, sondern bei ihr danach streben möge, die herrlichen befiederten Geschöpfe […] in ihrer ganzen Pracht und Natürlichkeit darzustellen […]“.26 Diese Grundsätze sind in die – 1842 in erster und 1860 in zweiter Auflage erschienene – Schrift Brehms „Die Kunst Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren“ eingeflossen – und damit in das Werk, welches eine der maßgeblichsten Quellen für Martins ersten Band der „Praxis der Naturgeschichte“ darstellte.27 Besondere Berücksichtigung fand dort das Kapitel über die „Stellung der Vögel“, das er in seinen Grundzügen „wo möglich unverändert, jedoch bedeutend vermehrt“ berücksichtigte.28 Der Auftrag für die Neubearbeitung von Brehms Schrift 21 Stresemann, Die Entwicklung der Ornithologie, 1951, S. 305ff. Vgl. a. Buchda, Zur Lebensgeschichte und zum wissenschaftlichen Werk des Pfarrers und Ornithologen Christian Ludwig Brehm, 1953/54, S. 459-466. 22 Stresemann, Die Entwicklung der Ornithologie, 1951, S. 307. Vgl. a. Buchda, Zur Lebensgeschichte und zum wissenschaftlichen Werk des Pfarrers und Ornithologen Christian Ludwig Brehm, 1953/54, S. 459-466. Brehm, Beiträge zur Vögelkunde, 1820-22. 23 Buchda, Zur Lebensgeschichte und zum wissenschaftlichen Werk des Pfarrers und Ornithologen Christian Ludwig Brehm, 1953/54, S. 464. 24 Stresemann, Die Entwicklung der Ornithologie, 1951, S. 304. 25 Hervorhebung durch den Autor. 26 Brehm, Die Kunst, Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren, 1842, S. VIII. 27 Ebd. u. vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc. (1. Aufl.), 1869. 28 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869, S. VIIf. Brehm, Die Kunst, Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren, 1842, S. 79ff. 4 Ergebnisse 304 kam vom Verlag Bernhard Friedrich Voigts (1787-1859) in Weimar, der bereits Christian Ludwig Brehms „Kunst Vögel als Bälge zu bereiten“ publiziert hatte.29 Warum gerade Martin damit betraut wurde, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Eine mögliche Erklärung ist, dass er bereits damals, auf Grund zahlreicher Publikationen in Fachzeitschriften und dem Haus- und Familienlexikon von Brockhaus, einen hervorragenden Ruf als moderner zoologischer Präparator besessen hatte.30 Wahrscheinlich aus diesem Grund ist der Verlag an ihn herangetreten, die geplante dritte Auflage der „Kunst Vögel als Bälge zu bereiten“ einer grundsätzlichen und „zeitgemäße[n] Bearbeitung“ zu unterziehen.31 Mit Martins „Taxidermie“ und dem zweiten Band „Dermoplastik und Museologie“ seiner mehrbändig angelegten „Praxis der Naturgeschichte“ entstand freilich keine bloße dritte Auflage der ursprünglich nur 145 Seiten starken Schrift Brehms, sondern ein gänzlich neues, auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, Methoden und Techniken beruhendes Werk, bei welchem es sich, laut Martin, um eine „Verschmelzung unserer beiderseitigen Absichten zu gedachten Werke“ handelte.32 Martins Bände „Taxidermie“ sowie die „Dermoplastik und Museologie“ beschränkten sich zudem nicht auf die ornithologische Präparation sondern sie beinhalteten eine Vielzahl weiterer Themen, wie die Präparation von Säugetieren, die fachgerechte Konservierung und so weiter.33 Damit gestaltete sich Martins „Neubearbeitung“ nicht nur weitaus facettenreicher als Brehms Schrift, sondern auch um ein vielfaches umfangreicher.34 29 Der Verlag Bernhard Friedrich Voigt in Weimar brachte Publikationen aus „allen Gebieten des Lebens und der Wissenschaft“ heraus und spezialisierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf technische und handwerkliche Fachliteratur. Vgl. Wahle, Voigt Bernhard Friedrich, 1971, S. 203. 30 Vgl. die Werke Martins vor dem Jahr 1869 in der Bibliographie, Kap. 7.3.4, S. 487-491. 31 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869, S. VIIf. 32 Ebd., S. VII. Auch Brehms ursprüngliches Werk war keine gänzliche Neubearbeitung, sondern basierte seinerseits auf einer aus Frankreich stammenden Anleitung zur Taxidermie mit dem Titel „L’Art de préparer, monter et conserver les oiseaux, suivi de la manière de prendre, préparer et conserver les papillons et autres insectes“. Freilich wurde es von Brehm grundlegend neu bearbeitet und ergänzt. Vgl. Evans, P., L’Art de préparer, monter et conserver les oiseaux, suivi de la manière de prendre, préparer et conserver les papillons et autres insectes, 1841 sowie Brehm, Die Kunst, Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren, 1842. 33 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870. 34 Die Veröffentlichung eines weiteren Buches von Christian Ludwig Brehm, welches fünf Jahre später nach dessen Tod im Jahre 1863 in dritter, von Martin grundlegend überarbeiteter, Auflage ebenfalls im Verlag von Bernhard Friedrich Voigt (1787-1859) erschienen war, führte zum Streit. So wehrte sich dessen Sohn Alfred Edmund Brehm (1829-1884) dagegen, dass der Name seines Vaters im Titel des Werks genannt wurde und kritisierte, dass der Verlag und Martin aus dessen Namen „Kapital“ schlagen wollten. Daraufhin gab der Verlag nach und der Titel des Werks „Christian Ludwig Brehms Vogelhaus und seine Bewohner“ wurde schließlich bei den folgenden Auflagen in „Das Vogelhaus und seine Bewohner“ geändert. Martin/Brehm, Christian Ludwig Brehms Vogelhaus und seine Bewohner, (3. Aufl.), 1872. Wohl vor allem aus diesem Grund war das Verhältnis zwischen dem heute 4.1 Martins Beweggründe 305 Ein weiterer für die Martinsche Gedankenwelt und Schaffensweise bedeutsamer Ornithologe war der polnische Adelige Graf Kasimir Wodzicki (1816-1889). Martin lernte Wodzicki im Oktober 1851 kennen und unternahm mit ihm, als dessen Begleiter und Präparator, lange Sammel- und Jagdreisen durch Galizien. Er war ebenfalls Autodidakt und erforschte als erster die wenig bekannte Vogelwelt der weitgehend unzugänglichen Wald- und Sumpfgebieten Ostgaliziens und Podoliens.35 Seine Forschungsergebnisse publizierte er regelmäßig im „Journal für Ornithologie“ und in der „Naumannia“.36 Wodzicki legte großen Wert darauf, dass seine Beiträge mittels tagelanger Lebendbeobachtung in der freien Natur direkt „aus dem Vogelleben gegriffen“ waren.37 Im Gegensatz zu den hauptsächlich in den Sammlungen und Bibliotheken forschenden „Nesthockern“ unter den Kollegen verstand er sich als „Nestflüchter“, der – mit Ausnahme der Wintermonate – vornehmlich in der Feldforschung tätig war.38 Neben dieser Kritik an den „Nesthockern“ unter den Ornithologen, machte er sich – auch wenn er selbst ein leidenschaftlicher Jäger war – als Fürsprecher der Vogelwelt einen Namen.39 Wodzicki forderte bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Vogel- und Tierschutz noch in den Kinderschuhen steckte, die „Schonung aller nützlichen Vögel“, wie Insektenfresser und Mäuse jagender Raubvögel.40 Allein sie könnten den Schädlingen in Wald und Feld trotzen. Diese Vögel seien daher die „gefiederten Freunde“ des Menschen – so folgerte Wodzicki.41 Graf Wodzickis kritische Haltung gegenüber den „Stubengelehrten“, die Favorisierung der Lebendbeobachtung in der Natur und vor allem seine modernen Vorstellungen bezüglich des Vogel- und Naturschutzes sind in dieser und in ähnlicher Form auch bei Martin zu finden.42 Der Einfluss Graf Wodzickis auf sein Denken und Handeln ist unverkennbar. Er prägte seine Präferenzen für die Lebendbeobachtung in der Natur und sein späteres vehementes Eintreten für den Tier- und Naturschutz mit. ungleich bekannteren „Tiervater“ Brehm sowie Martin mehr oder weniger zerrüttet. Hierauf deutet auch die in Martins Werken mehrfach zu findende Kritik an Brehms „Thierleben“ hin. Vgl. z. B. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 25 u. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 184. Vgl. auch Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015. 35 Klein, Vergessene oder wenig gekannte ornithologische Beobachtungen des verstorbenen Grafen Kasimir Wodzicki, 1911, S. 164ff. 36 Zum Beispiel Wodzicki, Ornthologische Notizen, 1854, S. 85-88. Wodzicki, Einige Worte gewissenhafter Beobachtungen über die Fortpflanzung des Rallus aquaticus, Lin., 1853, S. 267-276. 37 Klein, Vergessene oder wenig gekannte ornithologische Beobachtungen des verstorbenen Grafen Kasimir Wodzicki, 1911, S. 164. 38 Wodzicki, Einige Worte gewissenhafter Beobachtungen über die Fortpflanzung des Rallus aquaticus, Lin., 1853, S. 268 f. 39 Wodzicki, Über den Einfluss der Vögel auf die Feld- und Waldwirthschaft im Allgemeinen, 1853, S. 293ff. 40 Ebd., S. 294. 41 Schmoll, Indication and Indentification. On the History of Bird Protection in Germany 1800-1918, 2005, S. 166. 42 Vgl. Kap. 4.1.5, S. 324ff. 4 Ergebnisse 306 Mit Hermann Ploucquet (1816-1877) ist ein weiterer Präparator zu nennen, der nicht nur Martins Vorgänger am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart war, sondern auch einer seiner Vorbilder und Förderer. Ploucquets Bekanntheitsgrad als zoologischer Präparator reichte bereits zu seinen Lebzeiten weit über Württemberg hinaus. Er gab der Taxidermie in der Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidende Impulse.43 Wenngleich Ploucquets dramatische, aber tiergeographisch und zoologisch nicht immer korrekte Inszenierungen, seine grotesken Darstellungen und anthropomorphen Karikaturen unter Museumsfachleuten auch auf Kritik stießen, so bezog sich deren Kritik in erster Linie auf die Wahl seiner Motive und deren Intention aber keinesfalls auf dessen Techniken und Methoden.44 Martin äußerte sich in seiner „Dermoplastik und Museologie“ über Ploucquets Talent als Präparator sowie dessen privates, populär konzipiertes „Zoologisches Museum“ in Stuttgart eher positiv.45 In mehrerlei Hinsicht trat er in die Fußstapfen seines „Vorbildes“ und Mentors Hermann Ploucquet. So wurde Martin – unter anderem auf Grund von Ploucquets Empfehlung – dessen Nachfolger als Erster Präparator am Stuttgarter Naturalienkabinett, griff seine Techniken und Methoden der Taxidermie auf und entwickelte sie weiter. Zudem nahm Martin ebenso – allerdings mit seinen Nachbildungen urweltlicher Tiere – an einer Weltausstellung teil und schlussendlich begründete er mit dem „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ auch ein eigenes kleines Privatmuseum. Ploucquet, Christian Ludwig Brehm und Johann Friedrich Naumann waren Vorbilder und Wegbereiter für Martins Methoden der Taxidermie und Dermoplastik sowie für seine Tiergruppen und Semi-Habitat-Dioramen. Ihnen war gemein, dass es sich um praktisch orientierte Autodidakten handelte. Martins Vorbilder und Vordenker beschränkten sich aber nicht nur auf diesen Personenkreis. Er orientierte sich auch an Naturforschern und Naturwissenschaftlern, wie Gustav Jäger, Oskar Fraas und nicht zuletzt Alexander von Humboldt. Naturforscher und Naturwissenschaftler Der große Universalgelehrte und Entdecker Alexander von Humboldt gilt als einer der ersten „professionellen“ Wissenschaftspopularisatoren. Mit seinen öffentlichen Vorträgen an der Berliner Singakademie in den Jahren 1827-1828 begründete er das „Genre des volkstümlichen wissenschaftlichen Vortragswesens“ und in seinem ersten populärwissenschaftlichen Werk, den „Ansichten der Natur“, stellte er neue 43 Das Königliche Naturalienkabinett in Stuttgart sei, so bemerkt Nyhart, bereits vor Martins Zeit ein innovatives Zentrum der Taxidermie und Ausstellungsgestaltung gewesen. Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 9. 44 Vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 62ff. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 223 f. 45 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 6. Zu Ploucquets Museum vgl. auch Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 64 f. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 223 und Büchele, Stuttgart und seine Umgebungen, 1858, S. 137 f. Laut Lynn Nyhart soll sich Martin der Bedeutung des Königlichen Naturalienkabinetts in Stuttgart als Zentrum für innovative Taxidermie und Ausstellungsgestaltung bewusst gewesen sein. Vgl. dazu ebenfalls Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 9. 4.1 Martins Beweggründe 307 naturwissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlicher Weise dar.46 Humboldts diesbezügliches Engagement beschränkte sich aber nicht nur auf das literarische Genre oder das Vortragswesen. Er war auch am Entstehen einer öffentlich zugänglichen Sternwarte in Berlin beteiligt und gilt zusammen mit Martin Hinrich Lichtenstein als Begründer des ersten – eigentlichen – zoologischen Gartens in Deutschland.47 Sein Engagement für die Gründung dieser Institutionen deutet unter anderem darauf hin, dass er sich der Wirkung visueller Konzepte und Medien bei der Vermittlung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bewusst gewesen war. Schon im „Kosmos“ betonte er die Bedeutung visueller Medien und skizzierte Möglichkeiten ihres Einsatzes.48 Diese entsprechenden Konzepte Humboldts, sein Engagement als begnadeter Wissenschaftspopularisator und seine Sicht der Natur als eine „Einheit in der Vielfalt“ haben Martin zweifelsfrei beeindruckt und beeinflusst.49 Zunächst einmal orientierte er sich an den von Humboldt im Kosmos skizzierten panoramaartigen Rundgemälden, welche nach dessen Vorstellungen die „Naturphysiognomie“ so darstellten sollten, dass sie dem ursprünglichen Gesamteindruck sehr nahe kamen.50 Martin griff bei seinen „geographischen Tiergruppen“ und „Zonenbildern“ auf die von Humboldt favorisierten Rundgemälde, mit wechselnden Landschaften „aus verschiedenen geographischen Breiten und […] Höhenzonen“, zurück.51 Hierbei brachte er eine Kombination mit Tiernachbildungen aus der entsprechenden geographischen Region ins Spiel, sah dem aber durch die wissenschaftliche Authentizität, genauso wie durch Raum- oder Finanzprobleme, zunächst Grenzen gesetzt.52 Erst acht Jahre später führte Martin in seinen „Naturstudien“ aus, dass mittlerweile auf Grund des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts einzelne Ideen aus Humboldts „Kosmos“ bezüglich ansprechender visueller Konzepte zur Präsentation von Natur, aufgegriffen und mittels „Stereoskopie“, „Wandelbilder“ und „Rundgemälden“ verwirklicht werden könnten.53 Ein „einheitliches Zusammenwirken als Basis einer naturgemäßen Volksbildung“ im ursprünglich Humboldt’schen 46 Tiemann, Die Popularisierung der Wissenschaften durch Alexander von Humboldt, 1993, S. 110. Humboldt, Werke. (Darmstädter Ausgabe). Ansichten der Natur, 2008. 47 Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 121. Tiemann, Die Popularisierung der Wissenschaften durch Alexander von Humboldt, 1993, S. 110. Vgl. a. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 30. 48 Vgl. Humboldt, Werke. (Darmstädter Ausgabe). Kosmos, Band VII/2, 2008, S. 79-82. 49 Daum, Alexander von Humboldt, 2000, S. 248. Die Rolle Alexander von Humboldts als „Förderer“ Martins im Hinblick auf dessen Forschungsreise nach Venezuela wird weiter unten angesprochen. 50 Die Humboldtschen Rundgemälde gelten als eine der Säulen des modernen Semi-Habitat-Dioramas. Vgl. Kap. 3.2.1, S. 194. 51 Humboldt, Werke. (Darmstädter Ausgabe). Kosmos, Band VII/2, 2008, S. 79. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 70. 52 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 70. 53 Ebd., S. 220. Unter „Wandelbildern“ verstand Martin wahrscheinlich die Dioramen Daguerres. 4 Ergebnisse 308 Sinne ließe aber dennoch weiter auf sich warten.54 Dieses „Zusammenwirken“ suchte er mit dem Entwurf seines in „Welttheile“ sowie geographische und geologische Regionen gegliederten „Centralgartens der Natur- und Völkerkunde“ umzusetzen.55 Auch hierfür griff er auf Humboldt’sche Ideen aus dem zweiten Band des „Kosmos“ zurück, in dem er im Entwurf seines „Centralgartens“ für die Einrichtung sogenannter „Warmhäuser“ und „Palmenhäuser“ mit tropischer Vegetation plädierte, wie sie schon in einigen botanischen Gärten zu finden waren.56 Martin ging auch hier noch einen Schritt weiter, indem er vorschlug in den „Warmhäusern auch Terrarien und exotische Vögel unterzubringen, damit der Besucher „hinter den breiten Blättern der nächsten Agave, so etwas ähnliches wie das Rasseln einer Klapperschlange […] oder de[n] „seltsame[n] Ruf des Tukans vernehmen“ könne.57 Neben diesen konkreten Vorstellungen Alexander von Humboldts, die Martin aufgriff und teilweise weiterentwickelte, wurde der berühmte Universalgelehrte auch in anderer Beziehung zu einem „Vorbild“. So lassen Martins Andeutungen bezüglich seines Engagements für den Tier- und Naturschutz in der „Praxis der Naturgeschichte“ durchaus den Schluss zu, dass er auch in diesem Sinne von Humboldt inspiriert wurde. Martin bezeichnet den großen Universalgelehrten in seiner Erstauflage seiner „Taxidermie“ als einen „kosmopolitisch“ denkenden Menschen, der sich zu seiner Zeit gewiss gegen die „Ausrottung ganzer Thiergeschlechter“ und die Entwaldung gewandt hätte.58 Und tatsächlich kritisierte Humboldt schon sehr früh die von ihm beobachtete ausufernde Brandrodung der Indios im heutigen Venezuela.59 Auch wenn der Universalgelehrte und Forschungsreisende Alexander von Humboldt nur wenig unmittelbaren Einfluss auf Martins Leben und Werk hatte, so übten dessen frühe populärwissenschaftliche Bestrebungen sowie seine Welt- und Natursicht große Anziehungskraft auf ihn aus.60 Er war nicht zuletzt ebenso der Meinung, die Natur nicht nur als die 54 Ebd. 55 Ebd., S. 200ff. 56 Ebd. S. 203 f. u. S. 56. Humboldt betonte in seinem Kosmos, dass der „Eindruck, welchen der unmittelbare Anblick exotischer Pflanzengruppen in Gewächshäusern und freien Anlagen auf die für Naturschönheit empfänglichen Gemüter macht […]“ durch nichts zu ersetzen wäre. […] Man knüpfe an „jede Pflanzenform die Wunder einer fernen Welt; man vernimmt das Rauschen der fächerartigen Blätter […]. So gross ist der Reiz, den die Wirklichkeit gewähren kann […].“ Humboldt, Werke. (Darmstädter Ausgabe), Kosmos, Band VII/2, 2008, S. 80 u. S. 82. 57 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1878, S. 205 f. Die Haltung von Vögeln und anderen Tieren in Gewächs- und Tropenhäusern ist mittlerweile üblich. Auch die in den letzten Jahren und Jahrzehnten vielfach entstandenen Amazonien- oder Regenwaldhäuser in einigen zoologischen Gärten, wie in der Stuttgarter Wilhelma, sind im Prinzip eine Weiterentwicklung der Humboldtschen und Martinschen Ideen. Zur Wilhelma in Stuttgart vgl. URL: www.wihelma.de (Abgerufen am 04.01.2014). 58 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869, S. 138. 59 Krätz, Alexander von Humboldt, 2000, S. 108. 60 Ob sich Martin und Humboldt jemals persönlich begegnet sind, geht aus den vorliegenden Quellen nicht zweifelsfrei hervor. In einem Nachruf, welcher 1886 in der posthum erschienenen, dritten Auf- 4.1 Martins Beweggründe 309 Summe ihrer Teile zu begreifen, sondern als ein „Ganzes“ zu erfassen und in dieser Form weiteren Kreisen zu vermitteln. Neben Alexander von Humboldt ist mit dem Zoologen und Mediziner Gustav Jäger (1832-1917) ein weiterer Wissenschaftler zu nennen, dessen Ideen zur Reform des naturhistorischen Sammel- und Ausstellungswesens von Martin aufgegriffen wurden.61 Der württembergische Pfarrerssohn wirkte nach seinem Studium der Medizin und der Naturwissenschaften als Hauslehrer, Universitätsdozent und Wissenschaftspopularisator. Er gilt er als einer der eifrigsten Vorkämpfer und Vermittler von Darwins Evolutionstheorie in Deutschland und begründete das erste öffentliche Seewasseraquarium auf dem europäischen Kontinent sowie einen zoologischen Garten am Wiener Prater und später „Am Schüttel“.62 Da diesem zoologischen Garten kein langes Leben beschieden war, kehrte Jäger bald wieder nach Württemberg zurück.63 Dort war er zunächst als populärwissenschaftlicher Autor tätig, um später Lehraufträge an der Forstwissenschaftlichen Akademie in Hohenheim, der Polytechnischen Schule in Stuttgart und der Tierarzneischule zu übernehmen.64 Zudem arbeitete er bei der Eröffnung eines weiteren Privatzoos – Nills Tiergarten in Stuttgart – als wissenschaftlicher Berater mit.65 Neben seiner umfangreichen Tätigkeit als populärwissenschaftlicher Autor sowie als Mitbegründer der Volksbildung verpflichteter zoologischer Gärten vertrat Jäger auch bezüglich der Konzeption naturhistorischer Museen und Schausammlungen eine an den Bedürfnissen des „allgemeinen Publikums“ orientierte Position. Als Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts Hermann lage der „Taxidermie“ erschienen war, behaupten seine Söhne, ihr Vater sei mit Humboldt befreundet gewesen. Er habe sich in einem „geselligen Freundeskreises“ um Humboldt bewegt. Weiterhin führen seine Söhne aus, dass Martin im Besitz eines Bildes Alexander von Humboldts mit „eigenhändiger Widmung“ gewesen sei. Tatsächlich stand Humboldt mit zahlreichen Forschern, Gelehrten, Personen des öffentlichen Lebens sowie Privatpersonen in Kontakt. Er soll zwischen 1797 und 1859 – seinem Todesjahr – über 100.000 Briefe und sonstige Anfragen erhalten haben, in denen unter anderem auch um Unterstützung für Forschungsprojekte und Forschungsreisen gebeten wurde. Da Martin mit seinem Freund Appun auch zu den von Humboldt geförderten Forschungsreisenden gehörte, erscheint es durchaus wahrscheinlich, dass Martin Alexander von Humboldt zumindest persönlich gekannt hatte. Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. VI. Mangels entsprechender Quellen und dem fehlenden privaten Nachlass Martins konnten diese Behauptungen nicht vollständig verifiziert werden. Vgl. a. Biermann/Schwarz, Moralische Sandwüste und blühende Kartoffelfelder – Humboldt ein Weltbürger in Berlin, 1999, S. 194. 61 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 120 f. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 166. Zu Gustav Jäger vgl. Weinreich, Gustav Jäger (1832-1917), 1993. Kaufmann, Gustav Jäger 1832-1917, 1984. Hartmann, Gustav Jäger, Dr. med., Professor, Naturforscher, 1921 62 Wessely, Künstliche Tiere, 2008, S. 126. Rieke-Müller, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 176ff. Zu Jäger und seinen Projekten eines Seewasseraquariums beziehungsweise eines zoologischen Gartens vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 170ff. Zu Jäger als Popularisator von Darwins Evolutionstheorie vgl. Engels, Charles Darwin in der deutschen Zeitschriftenliteratur des 19. Jahrhunderts, 2000. 63 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 180ff. u. S. 184 f. Vgl. a. Feigl, Tierschaustellungen in Wien, 2002, S. 33. 64 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 174. Hartmann, Gustav Jäger, 1921, S. 89. 65 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 120. Zu Nills Tiergarten vgl. Albrecht, Vergnügen und Belehrungen: Die Geschichte bürgerlicher Stuttgarter Tiergärten im 19. Jahrhundert. 2. Teil. Nills Tiergarten (1871-1906), 2001. 4 Ergebnisse 310 Ploucquet mit einer Wanderausstellung präparierter Tiere in Wien gastierte, nahm Gustav Jäger dies zum Anlass, die überkommene Präsentation in „gewöhnlichen Naturalien-Kabinetten“ und deren – im Vergleich mit Ploucquets Tiernachbildungen – geradezu „steifen Gestalten“ zu kritisieren:66 Dies sei, so Jäger, allerdings nicht nur eine Frage der Ausbildung oder des Talents des Präparators, sondern auch eine der Sammlungskonzeption und Organisation.67 Daher forderte Jäger einerseits eine Sammlungstrennung und andererseits die Präsentation der Schausammlung in Form von tiergeographischen Gruppen.68 Eine Schausammlung solle „zerfallen“, so Jäger weiter, „in eine Anzahl thiergeographischer69 Stücke, wo alles das beisammen steht, was beisammen lebt“.70 Dabei sei aber keine Vollständigkeit erforderlich sondern es genüge die „charakteristischsten und hervorragendsten Gestalten eines bestimmten Wohngebietes vereinigt zu haben“.71 Weitere Reformvorschläge Jägers, die er sogar im Kapitel „Einige Lücken unserer Naturalienkabinette“ von Martins „Dermoplastik und Museologie“ publizierte, betrafen die paläontologische Schausammlung. Hier plädierte er für die Anfertigung von Nachbildungen urzeitlicher Tiere.72 Die „Hauptmasse der Besucher“ würden aus der Betrachtung der Nachbildungen ausgestorbener Tierarten „auch dann, wenn sie in den Augen des Naturforschers […] nicht viel mehr als allgemeine Annäherungen an die Wirklichkeit sind, eine tief zündende Anregung“ empfangen.73 Die Besucher seien nicht im Stande, so Gustav Jäger, „sich mit Hülfe der zertrümmerten Reste […] die wir […] in unseren Kabinetten bewahren jene Gestalten vor ihr geistiges Auge zu zaubern, welche in längst entschwundenen Zeiten die Erde bevölkerten“.74 Jägers Forderungen entsprachen hierbei weitgehend den Ansichten Martins.75 So wenig seine Vorstellungen bei Kollegen auf Gegenliebe stie- ßen, so viel Zustimmung erhielt er dafür vom ihm. Natürlich war die Sammlungstrennung ebenso keine genuin Jägersche Idee, wie tiergeografische Gruppen. Die Aufteilung der Sammlungen naturhistorischer Museen in eine wissenschaftliche und eine Sammlung zu Schauzwecken wurden bekanntlich schon seit Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts im Kreis um die Naturforscher Darwin und Wallace in England diskutiert und zudem von Martin als einem der ersten Museumsfachleute in 66 Zu Ploucquets Wanderausstellung vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 65 u. S. 120. Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 105. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 9. 67 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 9. 68 Ebd., S. 10. 69 Hervorhebung des Autors. 70 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 10 f. 71 Ebd., S. 11. 72 Ebd., S. 13ff. 73 Ebd., S. 17 f. 74 Ebd. 75 Ebd., S. 9. 4.1 Martins Beweggründe 311 Deutschland vorgeschlagen.76 Auch die von Jäger geforderten tiergeografischen Gruppen übernahm Martin nicht unverändert, denn er sah wenig Chancen auf eine schnelle Umsetzung in dieser Form.77 Stattdessen favorisierte er seine eigenen, weit weniger aufwendigen, tiergeografischen „Zonenbilder“ und die für ihn typischen Familiengruppen. Auch die Idee, lebensgroße plastische Nachbildungen ausgestorbener Tierarten in naturhistorischen Museen zu integrieren, hatte Martin schon Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts entwickelt. Was andere Forderungen Jägers, wie die „Darstellungen niederer Thiere“ oder die Idee „entwicklungsgeschichtliche Modelle“ in Schausammlungen zu integrieren betraf, so gliederte Martin diese in sein Gesamtkonzept ein, wobei er aber ausdrücklich auf Jäger als Urheber und damit auch auf dessen wissenschaftliche Autorität verwies.78 Die Bedeutung Jägers für Martins Werk, ist daher weniger die eines Ideengebers, sondern eher eines „wissenschaftlichen Kronzeugen“, der gegebenenfalls herangezogen wurde, um damit unter Umständen seinen Forderungen mehr Gehör und Gewicht zu verschaffen.79 Mit dem Pfarrer und Paläontologen Oskar Friedrich Fraas (1824-1897) findet zum Abschluss dieses Kapitels eine weitere fachwissenschaftliche Autorität Erwähnung, auf welche sich Martin – in erster Linie bezüglich seiner Nachbildungen urweltlicher Tiere – berief. Fraas, der in Tübingen Theologie und Geologie studiert hatte und anschließend in den Pfarrdienst eintrat, folgte im Jahre 1854 einem Ruf an das Königliche Naturalienkabinett in Stuttgart als künftiger Konservator der geologisch-mineralogischen Sammlung. Er hatte sich bereits durch seine private Fossiliensammlung und eigene Forschungsprojekte einen Namen gemacht.80 Eine seiner ersten Amtshandlungen als „Aufseher“ der geologischen Abteilung war, diese nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu organisieren und nach didaktischen Grundsätzen zu präsentieren. Er forderte „Petrefakten“ und „Gebirgsarten“ gemeinsam – „entsprechend den geologischen Perioden“ – aufzustellen. Dadurch könne man, so Fraas, den Besuchern das „vollständigste Bild von den Entwicklungsstufen der Erde“ vermitteln.81 Zudem verfasste Fraas 1869 einen der ersten Museumsführer – und zwar für die geologische Abteilung des Stuttgarter Naturalienkabinetts.82 Auch jenseits des Museumsbetriebs widmete sich Fraas der Popularisierung seines Fachgebiets. Er entwarf unter anderem geologische Wandtafeln für den Schulunterricht und legte mit seinem Werk „Vor der Sündfluth“ aus dem Jahre 1866 eine „populäre Ge- 76 Vgl. Kap. 3.4.4, S. 261 u. Kap. 3.4.5, S. 272ff. 77 Vgl. Kap. 3.2.3, S. 202 f. 78 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 201. 79 Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Susanne Köstering. Vgl. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 166. 80 Zu Fraas vgl. Adam, Ein Forscherleben im 19. Jahrhundert: Der Geognost und Prähistoriker Oscar Fraas, 1998. Adam, Oscar Friedrich Fraas, 1991. Quenstedt, „Fraas, Oscar“, 1961. Berckheimer, Oskar Fraas, 1940. Krauss, „Oskar von Fraas“, 1898. 81 Zit. n. Warth/Ziegler, Aus der Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 19. 82 Fraas, Die Geognostische Sammlung Württembergs im Erdgeschoß des königlichen Naturalienkabinetts zu Stuttgart, 1869. 4 Ergebnisse 312 schichte der Urwelt“ vor.83 Martin griff Fraas’ Vorstellungen bereitwillig auf und erweiterte sie entsprechend seiner Präferenzen und Fähigkeiten. So verwendete er für die Konzeption seines späteren privaten „Museums von der Urwelt bis zur Gegenwart“ ebenfalls eine „chronologische“ Strukturierung seiner Schausammlung und erweiterte diese später mit lebenswahren bildlichen und plastischen Nachbildungen urweltlicher Tiere.84 Einige davon präsentierte er 1864/65 in der Vorhalle des Stuttgarter Königsbaus in einer temporären Ausstellung – in demselben Gebäude in dem Fraas seine öffentlichen Vorträge zur Naturgeschichte hielt.85 Des Weiteren gehörten zahlreiche Abbildungen aus Fraas’ „Vor der Sündfluth“ zu den Quellen und Vorlagen, die Martin für die Anfertigung seiner Nachbildungen verwendet hatte. Die erwähnten geologischen Wandtafeln nutzte Martin in seinem Privatmuseum zur Instruktion der Besucher über die geologischen Epochen und Erdzeitalter.86 Zu guter Letzt soll noch Erwähnung finden, dass auf Grund des positiven Gutachtens von Oskar Fraas seine Mammutnachbildung an den Naturaliensammler Henry Augustus Ward in die USA verkauft werden konnte.87 Die Werke von Oskar Fraas gehörten damit zu den wichtigsten Quellen, auf die sich Martin bei der Anfertigung seiner Nachbildungen ausgestorbener Tierarten stützte. Fraas’ Engagement sowie seine Konzepte für die Vermittlung naturkundlicher Erkenntnisse haben Martin beeinflusst und sicher auch darin bestärkt, diesen Weg selbst weiter zu gehen. Und nicht zuletzt stand Fraas – im Gegensatz zu seinem Kollegen Ferdinand Krauss – Martins Ansätzen, plastische Nachbildungen urweltlicher Tiere zu erschaffen, durchaus wohlwollend gegenüber.88 Wahlheimat Württemberg Mit dem Präparator Hermann Ploucquet sowie den Naturwissenschaftlern Gustav Jäger und Oskar Fraas wurden drei geistesverwandte Vorbilder und Vordenker aus Württemberg vorgestellt, die ihn in unterschiedlicher Weise motivierten und in seinem Tun bestärkten. Da Martin von 1859 bis zu seinem Tod im Jahre 1885 in Stuttgart, der Residenzstadt des Königreichs Württemberg, lebte und arbeitete, hatte seine nach Preußen zweite „Wahlheimat“ auch anderweitig Einfluss auf sein Schaffen und Wirken sowie die Gründe, sich der Popularisierung der Naturkunde in der von 4.1.3 83 Fraas, Geologische Wandtafeln für den Anschauungsunterricht. Fraas, 1866, Vor der Sündfluth, 1872. 84 Vgl. Warth/Ziegler, Aus der Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 19 u. Fraas, Die Geognostische Sammlung Württembergs im Erdgeschoß des königlichen Naturalienkabinetts zu Stuttgart, 1869. 85 Vgl. Martin, Katalog zur vermehrten Ausstellung urweltlicher Thiere versteinerter Ueberreste, Gypsabgüsse solcher und geologischer Charakterbilder, 1866. Zum Königsbau vgl. auch Lutz, Die schwäbische Akropolis war die Idee von Wilhelm I., 2006, S. 6. 86 Martin, Katalog zur vermehrten Ausstellung urweltlicher Thiere versteinerter Ueberreste, Gypsabgüsse solcher und geologischer Charakterbilder, 1866. 87 Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 74. Ward, Notices of the Mammoth, 1878, S. 3 f. Das Original des Gutachtens ist, wie weiter oben bereits erwähnt, verschollen. 88 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 70. 4.1 Martins Beweggründe 313 ihm gewählten Form zuzuwenden. Während die Bedeutung von Vorbildern, Förderern und Finanziers aus Württemberg an anderer Stelle thematisiert wurden, werden im Folgenden die anderweitigen Einflüsse untersucht und analysiert. Sie betreffen einerseits sein Engagement für die Nachbildung urweltlicher Tiere und andererseits auch die Gründe für die Auswahl bestimmter – ausgestorbener – Tierarten. In diesem Zusammenhang spielten nicht nur der Fossilienreichtums Württembergs eine Rolle, sondern auch die Tradition des Fossiliensammelns sowie das Interesse weiter Kreise der Bevölkerung an der Natur- und Urgeschichte.89 Württembergs Fossilienreichtum Die Ursachen für den Fossilienreichtum Württembergs, dem „Saurierland“ par excellence, sind vielfältiger Natur.90 Bernhard Ziegler, der ehemalige Direktor des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart, zählt dazu vor allem den spezifischen geologischen Aufbau des Landes sowie die Möglichkeit, auf Grund zahlreicher vorhandener Steinbrüche, Kiesgruben und Steilhänge gleichsam ein Schaufenster in die Erdgeschichte zu erhalten.91 So wurden in Württemberg im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aufsehenerregende Fossilien und Reste ausgestorbener Tiere entdeckt, von denen im Folgenden die Funde Erwähnung finden, die Martin zu seinen Nachbildungen urzeitlicher Tiere animiert oder die ihm sogar als Vorlagen und Quellen gedient hatten. Hierbei handelt es sich erstens um „Fischdrachen und Schlangendrachen“ aus dem Jurameer, zweitens ein „Neckarkrokodil aus dem Trias“ und nicht zuletzt um Überreste urzeitlicher Vorfahren des Elefanten aus dem Quartär wie Mammut und Steppenelefant. Die ersten Ichthyosaurier-Fossilien fanden bereits im Jahre 1749 ihren Weg an das damals noch Herzogliche Naturalienkabinett in Stuttgart.92 Dort wurden die von dem Göppinger Arzt Christian Albert Mohr (1709-1789) in der Gegend von Boll geborgenen, Fossilien zunächst als Überreste von „Fischen“ oder „Rochen“ klassifiziert.93 Erst Georg Friedrich Jäger (1785-1866), Mediziner und später Leiter des Königlichen Naturalienkabinetts in Stuttgart, bestimmte 1824 Mohrs Funde eindeutig als Ichthyosaurier.94 Bis Martin in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts damit begann, seine Nachbildungen urweltlicher Tiere zu erschaffen, wurden weitere Exemplare von Ichthyosauriern – den „Fischdrachen“ – aber auch von Plesiosauriern – den „Schlangendrachen“ – aus dem „Posidonienschiefer“ des Schwarzen Jura geborgen.95 Oskar Fraas berichtet, dass zu seiner Zeit in „Schwaben“ – neben Holz- 89 Schimkat, Popularisierung der Geologie, 2002, S. 89-91 u. S. 93ff. 90 Wild, Schwaben und seine Saurierfunde, 1986, S. 60-63. Wild/Ploch, Württemberg – klassisches Saurierland, 1979. 91 Ziegler, Der Schwäbische Lindwurm, 1986, S. 9. Zur Erdgeschichte Württembergs vgl. ebd., S. 11-20. 92 Ebd., S. 99. 93 Ebd. 94 Ebd., S. 77 u. S. 99. 95 Fraas, Vor der Sündfluth, 1866, S. 241. Zu den Saurierfunden in Württemberg vgl. auch Wild, Schwaben und seine Saurierfunde, 1986 sowie Hüne, Der Anteil der schwäbischen Saurier am Aufbau der paläontologischen Kenntnisse, 1994. 4 Ergebnisse 314 maden und anderen Fossilienfundstätten – Boll einen besonderen Ruf als Fossilienfundort besaß und bereits der einfache Arbeiter erkannt habe, ob es sich beim Fund um ein „Flossenthier“ – einen Ichthyosaurier – oder ein „Pratzenthier“ – einen Plesiosaurier – handelte.96 Aber auch im Stuttgarter Raum wurden bedeutsame Fossilien entdeckt. Laut Fraas gehörte die Gegend um Stuttgart zu den „fruchtbarsten Gegenden […] „was Saurierfunde anbelangt“.97 Hierbei taten sich ebenfalls zahlreiche Privatsammler und Amateure hervor, wie zum Beispiel der Oberkriegsrat Sixt Friedrich Jakob von Kapff (1809-1877).98 Er entdeckte in einer Grube bei Heslach, im sogenannten Stuttgarter Stubensandstein, Überreste von Reptilien aus dem Trias, die rezenten Krokodilen sehr ähnlich waren. Trotz einiger Probleme auf Grund des weichen Sandsteinuntergrunds konnten im Lauf der Zeit zwei nahezu vollständige Schädel des umgangssprachlich „Neckarkrokodil“ genannten Krokodilsauriers geborgen werden.99 Das Königreich Württemberg und die Umgebung Stuttgarts waren aber nicht nur ein „Saurierland“, sondern auch ein großer Elefantenfriedhof.100 So stellte Fraas 1867 fest, dass „bei jedem Bauwesen und jeder Erdarbeit […] hier alljährlich Mammuthe und ihre Begleiter ausgegraben“ würden.101 Zu den ersten Funden ausgestorbener Tiere Württembergs gehörten daher die Stoßzähne ausgestorbener Elefanten die 1494 und 1605 im Tal der Bühler geborgen wurden.102 Da sie – wie bereits in einem der vorangehenden Kapitel geschildert – noch nicht als solche erkannt wurden, fandensie zunächst ihren Weg in „obrigkeitliche Heimstätten“, wie Kirchen oder Rathäuser.103Auch einen der bekannteren Funde, die im Jahre 1700 an der Uffkirche in Cannstatt bei Stuttgart ausgegrabenen Mammutüberreste wurden als Knochen eines „Einhorns“ klassifiziert und zum Teil in die Hofapotheke verbracht, um daraus Arzneien herzustellen. Ein weiterer Teil fand seinen Weg in die Herzogliche Kunstkammer, wo sie zuerst als „Spiele der Natur“ oder – etwas fortschrittlicher – als Reste von den Römern ins Land gebrachter Elefanten gedeutet wurde.104 Ähnliche Mutmaßungen wurden auch bei dem Fund einer Gruppe von Mammutstoßzähnen angestellt, die – im Beisein des württembergischen Königs Friedrich I. (1754-1816) – über hundert 96 Fraas, Vor der Sündfluth, 1866, S. 243. 97 Hagel, Mensch und Natur im Stuttgarter Raum, 2001, S. 58ff. Vgl. a. Fraas, Vor der Sündfluth, 1866. 98 Ziegler, Der schwäbische Lindwurm, 1986, S. 133. 99 Ebd., S. 133ff. Vgl. a. Fraas, Vor der Sündfluth, 1866, S. 210ff. Abbildungen des Neckarsauriers sind bei Ziegler auf S. 134 und Fraas auf S. 211 zu finden. Zur Erforschung der Saurier des Stuttgarter Stubenstandstein vgl. Wild, Entdeckung und Erforschung der Saurier aus dem Stubensandstein von Stuttgart, 1991. 100 Dietrich, Elephas Fraasi, eine schwäbische Mammutrasse, 1912, S. 43. 101 Hagel, Mensch und Natur im Stuttgarter Raum, 2001, S. 58ff. Vgl. a. Fraas, Vor der Sündfluth, 1866. 102 Dietrich, Elephas Fraasi, eine schwäbische Mammutrasse, 1912, S. 46. Der Stoßzahnfund von 1605 wurde im Chor der St. Michaelskirche in Schwäbisch Hall aufgehängt, wo er heute noch zu bewundern ist. 103 Ziegler, Der Schwäbische Lindwurm. 1986, S. 20 f. Vgl. Dietrich, Elephas Fraasi, eine schwäbische Mammutrasse, 1912, S. 46. 104 Ziegler, Der Schwäbische Lindwurm, 1986, S. 26 f. und S. 28. Zu dem Fund vgl. a. Fraas, Die Mammutausgrabungen zu Cannstatt im Jahre 1700, 1861 u. Memminger, Zu Canstatt ausgegrabene fossile Thierreste, 1818. 4.1 Martins Beweggründe 315 Jahre später am Cannstatter Seelberg geborgen wurden.105 Allerdings hatte der württembergisch-französische Naturforscher Georges Cuvier (1768-1832) zu diesem Zeitpunkt bereits nachgewiesen, dass es sich dabei um Überreste eines – mit dem rezenten Elefanten verwandten – Mammuthus primigenius gehandelt haben muss.106 Nur wenige Jahre später wurden unweit dieses Ortes – auf dem Kahlenstein beziehungsweise heutigen Rosenstein – ein weiterer Fund von Elefantenüberresten gemacht.107 Darunter befanden sich Teile vom Schädel, Bruchstücke des Kiefers, Wirbel sowie einige Beinknochen und Stoßzähne.108 Der ebenfalls als Mammutus primigenius (Wollhaarmammut) identifizierte Fund stellte sich Jahrzehnte später allerdings als ein Steppenelefant – Elephas trogontherii – heraus, der aus der frühen Eiszeit stammte und das Mammut um einiges an Größe überragte.109 Lange Tradition des Fossiliensammelns Für zahlreiche Funde im „Saurierland“ und „Elefantenfriedhof “ Württemberg zeigten sich aber nicht nur Forscher und Fachleute verantwortlich, sondern auch Laien. Bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts entfachte eine Anordnung des wissenschaftlich interessierten Herzogs Carl Eugen (1728-1793) ihren Sammeleifer. So verfügte Carl Eugen im Jahre 1749, dass alle Fossilienfunde zukünftig nach Stuttgart zu senden seien.110 Zunächst wurde seinem Aufruf nur sporadisch Folge geleistet, aber mit der Zeit entwickelte sich eine rege Sammeltätigkeit unter der überwiegend ländlich geprägten Bevölkerung Württembergs, die einerseits für das Anwachsen der Sammlungen verantwortlich war und andererseits auch den Ruf Württembergs als „Mekka“ der Fossiliensammler festigte. Als besonders fleißige Sammler und Amateurforscher taten sich württembergische Landpfarrer hervor. Verbunden mit dem Sammeleifer – nicht nur der Landbevölkerung – war zudem ein reges Interesse an der Ur- und Naturgeschichte des Landes, welches zahlreiche aus Württemberg stammende Naturforscher und Geologen, wie beispielsweise Friedrich August Quenstedt (1809-1889) und Oskar Fraas, mit Publikationen und Vortragstätigkeit aufzugreifen, zu stillen und zu befördern wussten.111 105 Ziegler, Der Schwäbische Lindwurm, 1986, S. 30 f. 106 Uhland, George Cuvier (1769-1832), 1969, S. 13. Den Stuttgarter Mammutüberresten, ebenso wie anderen in Württemberg gemachten Funden ausgestorbener Tiere, wie Wollnashorn, Wildpferd, Löwe oder Wolf, hat Cuvier in seinem berühmten Werk, den „Recherches sur les ossemes fossiles“, das in mehreren Auflagen erschienen ist, ein Denkmal gesetzt. Vgl. dazu Adam, George Cuvier und das Stuttgarter Naturalienkabinett, 1969, S. 24. Vgl. a. Cuvier, Recherches sur les ossemens fossiles de quadrupèdes, 1824. 107 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin,1961, S. 55. Kranz/ Berckheimer, Die geologischen Verhältnisse des Rosensteins bei Stuttgart-Berg, 1930. 108 Kranz/Berckheimer, Die geologischen Verhältnisse des Rosensteins bei Stuttgart-Berg, 1930. 109 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 55. Fraas, Die geognostische Sammlung Württembergs, 1869, S. 51-53. Als weitere Beispiele sind die Funde von 1805 am Bopser bei Stuttgart sowie 1860 beim Bau der „Remsbahn“ an der Winterhalde bei Cannstatt zu nennen. Vgl. Dietrich, Elephas Fraasi, eine schwäbische Mammutrasse, 1912, S. 46. 110 Ziegler, Der schwäbische Lindwurm, 1986, S. 99. 111 Schimkat, Popularisierung der Geologie, 2002, S. 93ff. 4 Ergebnisse 316 Bedeutung für Martins Werk Der erwähnte Fossilienreichtum Württembergs, verbunden mit einer langen Sammeltradition und dem Interesse der Bevölkerung für natur- und urgeschichtliche Themen, kam Martin sehr entgegen und er machte sich diese Umstände zu nutze. Das damalige „Mekka“ für Fossiliensammler lag sozusagen vor seiner Haustüre und zudem hatte er als Präparator am Königlichen Naturalienkabinett auch Zugriff auf die wichtigsten Funde.112 Die Reihe der für seine Nachbildungen maßgeblichen Fossilien und Resten ausgestorbener Tiere reicht von den Krokodilsauriern der Trias – vor über 200 Millionen Jahren – über die „Fisch- und „Schlangendrachen“ des Jurameers bis zu den Höhlenbären, Höhlenlöwen, Steppenelefanten und Mammuts des Pleistozäns – damals „Diluvium“ genannt. Zudem wurde er von dem ebenfalls am Naturalienkabinett wirkenden Oskar Fraas mit Sicherheit über die neuesten Entdeckungen und Forschungen auf dem Laufenden gehalten und auch die Popularität der Erd- und Urgeschichte in weiten Kreisen der Bevölkerung war ihm sicherlich bewusst. Aus diesen Gründen wandte er sich bei seinen ersten Nachbildungen urweltlicher Tiere, die im Stuttgarter Königsbau und auf der Pariser Weltausstellung präsentiert werden sollten, vor allem den „Württembergischen Ureinwohnern“ zu. Eine dieser urzeitlichen Kreaturen hatte es Martin besonders angetan – das Mammut. Wie kaum ein anderes ausgestorbenes Tier war es – auch in Württemberg – „volkstümlich und allbekannt“.113 Es hatte, so schreibt Dietrich 1912 in den Jahresheften für vaterländische Naturkunde, „zu allen Zeiten Phantasie und Intellekt […] ununterbrochen und lebhaft angeregt“.114 Daher ist es kein Wunder, dass die größte und eindrucksvollste Schöpfung Martins, seine Mammutnachbildung werden sollte, die ebenso wie die Mehrzahl seiner weiteren Nachbildungen, zu einem großen Teil auf Basis der Funde in Württemberg entstanden waren.115 Martins Wahlheimat Württemberg spielte, vor allem im Zusammenhang mit seinen Motiven sich für die Nachbildung urzeitlicher Tiere einzusetzen und dabei Pionierarbeit zu leisten, eine sehr wichtige Rolle. Anderweitig, wie bezüglich seiner Bestrebungen zu einer Reform des Präparations- und Museumswesens im Allgemeinen, war der Einfluss hingegen geringer. Hierfür waren – unter anderem – fachspezifische Gründe weit ausschlaggebender. 112 Schimkat, Popularisierung der Geologie, 2002, S. 93ff. Ziegler, Der Schwäbische Lindwurm, 1986, S. 9. Der Fossilienreichtum Württembergs wurde auch von den Paläontologen Rupert Wild und Friedrich von Hüne betont. Vgl. Wild, Schwaben und seine Saurierfunde, 1986 u. Hüne, Der Anteil der schwäbischen Saurier am Aufbau der paläontologischen Kenntnisse, 1994/1940. Zur Geschichte der Paläontologie in Württemberg vgl. a. Staesche, Ein Jahrhundert Paläontologie in Württemberg 1958 sowie Müller, Schwäbische Paläontologie – Eine Geschichtliche Studie, 1950. 113 Dietrich, Elephas Fraasi, eine schwäbische Mammutrasse, 1912, S. 43. 114 Ebd., S. 46. 115 Dass Martin hierbei auch manche Fehlinterpretationen der damaligen Forschung übernahm, schmälert seine Leistung keinesfalls. Vgl. dazu Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 55. Fraas, Die geognostische Sammlung Württembergs, 1869, S. 51-53. 4.1 Martins Beweggründe 317 Situation des Sammlungs- und Ausstellungswesens Nach den eher biografisch geprägten Beweggründen wird im Folgenden dargelegt, was Philipp Leopold Martin auf Grundlage seiner langjährigen Analyse der Sammlungs- und Ausstellungspraxis naturhistorischer Museen und Sammlungen im Einzelnen bewog, sich für eine Reform der naturhistorischen Museen und der naturkundlichen Bildung einzusetzen.116 Des Weiteren wird angesprochen, aus welchen Gründen er sich vor allem für die Entwicklung und Umsetzung neuer visueller Konzepte zur Präsentation von Natur entschied. Unzufriedenheit mit der bisherigen Sammel-/Ausstellungspraxis Eines seiner wichtigsten Motive war die prinzipielle Unzufriedenheit mit der Mitte 19. Jahrhunderts an den meisten Naturaliensammlungen üblichen Sammelpraxis sowie der Präparation und Präsentation der Exponate. Schon bald nachdem Martin im Frühjahr 1852 seine erste Festanstellung am Berliner zoologischen Museum erhalten hatte, begann er sich intensiv damit auseinander zu setzen, wie die bisherige Präparations-, und Sammelpraxis reformiert und modernisiert werden konnte.117 Seiner Meinung nach durfte der Sinn und Zweck dieser Sammlungen nicht ausschließlich der sein, der wissenschaftlichen Forschung zu dienen. Vielmehr sollten die Sammlungen und naturhistorischen Museen auch Aufgaben der Volksbildung wahrnehmen. Das Ziel müsse daher sein, diese – auch – „zu allgemeinen Bildungsanstalten“ zu machen, in denen „eine ‚allgemeine‘ Gelegenheit zu wahrer, getreuer Naturanschauung“ geboten werden könne.118 Dies begründete er mit dem „rege[n] Fortschreiten der Naturwissenschaften und […] einzelner Zweige der Zoologie“.119 Aber noch vierzehn Jahre später – Martin war mittlerweile am Stuttgarter Naturalienkabinett tätig und hatte die ersten beiden Bände seiner „Praxis der Naturgeschichte“ veröffentlicht – hatte sich immer noch nichts Grundlegendes geändert. So stellte er in der 1870 erschienen „Dermoplastik und Museologie“ erneut fest: „Die Wissenschaft selbst ist fortgeschritten, aber die Museen befinden sich seit langer Zeit im Stillstand“.120 Mittlerweile, so Martin weiter, sei das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach naturwissenschaftlichen Bildungsmedien jedoch weiter gestiegen und würde zum Teil durch „populär gehaltene naturwissenschaftliche Literatur“ gestillt.121 Die naturhistorischen Sammlungen hingegen hätten sich noch immer nicht „dieser nothwendig werdenden Richtung“ angeschlossen und der „gegenwärtige Zustand unserer meisten Sammlungen, den Anforderungen des großen Publikums übersichtliche Belehrung zu 4.1.4 116 Zu Martins Kritik am Sammlungs- und Ausstellungswesen vgl. Kap. 3.4.4, S. 261ff. 117 Martin, Über zweckmäßiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856. 118 Ebd., S. 495. 119 Ebd., S. 485. 120 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 3. 121 Ebd. S. VIII. 4 Ergebnisse 318 [ver]schaffen“, würde kaum entsprochen.122 Mit der Reform der Taxidermie und der Einführung der Dermoplastik als einer neuen Methode der lebenswahren Tiernachbildung, ebenso wie der Neuausrichtung der naturhistorischen Museen und Sammlungen, wollte er dazu beitragen, diese Missstände zu beseitigen. Mangelhafte Präparationsmethoden Die teilweise noch zu Martins Zeit gebräuchlichen Präparationsmethoden waren kaum dazu geeignet, lebenswahre und haltbare Tiernachbildungen anzufertigen. Oftmals wurden die Präparate von der Anatomie unkundigen sowie untalentierten Präparationsgehilfen angefertigt. Das Ergebnis war in vielen Fällen eine unförmig „ausgestopfte Kreatur“, deren Proportionen in keiner Weise dem lebendigen Vorbild entsprach – von der Nachbildung ihrer natürlichen Stellung oder gar ihres „Seelenzustandes“ – wie dies Martin anstrebte – ganz zu schweigen.123 Der trostlose Anblick vieler Präparate bewog Martin dazu, auf Grundlage der Arbeit seiner Vorgänger und Kollegen, neue Methoden der Tierpräparation zu konzipieren, bei denen alleine die Natur als Vorbild dienen sollte.124 Bis zu diesem Zeitpunkt sei die Naturalienpräparation – so begründete Martin diesen Schritt – eine weitgehend „vogelfreie Kunst“ gewesen, die vorwiegend „Dilettanten“ überlassen wurde, von denen jeder seine eigene Methode besaß.125 Daher sei es notwendig, der Taxidermie eine einheitliche Richtung zu geben.126 In diesem Zusammenhang müsse, so Martin weiter, berücksichtigt werden, dass einen guten Präparator handwerkliches und künstlerisches Talent ebenso auszeichne, wie naturwissenschaftliche und zoologische Kenntnisse und vor allem eine gute Beobachtungsgabe sowie das Wissen um die Bedeutung der Lebendbeobachtung von Tieren in der Natur und im zoologischen Garten.127 Unzweckmäßige Präsentation Neben den Missständen bei der Tierpräparation war die unnatürliche Aufstellung und Präsentation der Exponate in den Naturaliensammlungen und Museen ein weiteres Motiv für Martin. So beklagte er, dass überall in den Sammlungen „trostlose Monotonie“ und „gänzlicher Mangel an objektiver Darstellung“ herrsche. Es reihe sich „eine Jammergestalt an die andere“.128 Museen seien zu Sammelsurien geworden in 122 Ebd. 123 Vgl. Kap. 3.1.2, S. 171ff. 124 Ebd. 125 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. IX. Martin, Über zweckmäßiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 497ff. 126 Ebd. 127 Martin, Über zweckmäßiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 497ff. 128 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 2. 4.1 Martins Beweggründe 319 denen man „Elephanten, Giraffen, Büffel und Nashörner, Walrösser, Delphine […] und vieles Andere in buntester Eintracht“ versammle.129 Diese Zustände, selbst an renommierten Museen wie „den Sammlungen des Jardin des Plantes in Paris“ oder dem „zoologischen Museum in Berlin seit den letzten Jahren“130, hatten Martin dazu veranlasst, neue Präsentationsweisen zu entwickeln oder bereits bestehende zu verbessern, die der Aufgabe eines naturhistorischen Museums als Bildungsinstitution entsprechen konnten.131 Seine Antworten darauf waren – wie bereits mehrfach dargestellt – die Präsentation von Tiernachbildungen in tiergeographischen und „biologischen“ Gruppen oder den von Martin besonders favorisierten Familiengruppen.132 Statt einer massenhaften Präparation und Ausstellung bloßer Arten, Unterarten und deren Varietäten plädierte er dafür lieber „wenig, aber das Wenige gut“ und das im Rahmen von Tiergruppen oder Semi-Habitat-Dioramen auszustellen.133 Dem Publikum sei, so Martin, niemals „mit der Masse […] gedient, sondern […] mit der Art der Darstellung“.134 Überholte Konzeptionen für Sammlungen Dermoplastiken, Tiergruppen und andere visuelle Konzepte bedurften selbstverständlich moderner Sammlungskonzeptionen. Die bisherige Praxis einer ausschließlich wissenschaftlichen Sammlung, in der jedes Exemplar ausgestopft, ausgestellt und allen zugänglich sein sollte, musste abgelöst werden. Schon allein auf Grund der immensen Fortschritte und Erfolge in der Naturkunde, der Entdeckung unzähliger neuer Arten und Unterarten war es nicht mehr möglich, jedes Exemplar zu präparieren und präsentieren. Wollte man beispielsweise alle „ausstopfbaren“ Wirbeltierarten – Martin gibt deren damalige Zahl mit 15.000 an – ausstellen, diese in den zwei Geschlechtern, in ihren „Jugendzuständen“ und „Varietäten“ käme man auf eine Zahl von 90.000 Exemplaren.135 Nach Martins Ansicht stießen die überkommenen Konzeptionen naturkundlicher Sammlungen an ihre Grenzen. Statt einer einzigen, für 129 Ebd., S. 182 u. S. 197. 130 Mit dieser Bemerkung weist Martin nicht zuletzt darauf hin, dass sich seiner Ansicht nach das Berliner zoologische Museum, seit Wilhelm Peters die Leitung übernommen hatte, in die falsche Richtung entwickelt hätte. 131 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 182. 132 Vgl. Kap. 3.2.3, S. 202ff. 133 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 4. 134 Ebd., S. 5. 135 Martin. Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 198. Ungefähr ein Jahrhundert später betrug die Zahl aller bekannten Wirbeltierarten über 50.000, darunter 4630 Säugetierarten, 4950 Amphibien-, 7400 Reptilien-, 9950 Vögel- und 25.000 Fischarten. Vgl. Gleich/Maxeiner/Miersch, Life Counts – Eine globale Bilanz des Lebens, 2000, S. 33. Mittlerweile wird nach neuesten Schätzungen von insgesamt 8.700.000 Arten ausgegangen, bekannt sind davon aber nur 1.800.000. Alleine die Hälfte aller bekannten Ar- 4 Ergebnisse 320 Fachleute und Öffentlichkeit zugänglichen und von ihrem Aufbau in erster Linie wissenschaftlich geprägten, Sammlung plädierte Martin stattdessen für eine Sammlungstrennung, so wie es in der Museumsreformbewegung in England und – allerdings erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts – auch im Deutschen Kaiserreich gefordert wurde.136 Spezialisierung und Differenzierung Ein weiteres Motiv Martins, neue und andersartige visuelle Konzepte als naturkundliche Bildungsmedien zu entwerfen, ist in der zunehmenden Spezialisierung der naturwissenschaftlichen und naturkundlichen Disziplinen zu finden. Er war sich der Tatsache bewusst, dass eine Spezialisierung der Naturkunde auf Grund des rapide zunehmenden wissenschaftlichen und technischen Fortschritts erforderlich und unumkehrbar war. Trotzdem mahnte er an, dennoch den Blick auf das „große Naturganze“ nicht zu vernachlässigen.137 Vor allem im Rahmen einer öffentlichen Schausammlung hielt er die „Trennung nach den drei Naturreichen“ für verfehlt, „weil eben die Natur ohne die Einwirkung des einen Reiches auf das andere nicht gedacht werden kann“.138 Die Natur sei ein „einheitliches Ganzes, das ohne seinen Zusammenhang“ nicht bestehen könne.139 Für ihn gehörten daher „alle drei Naturreiche unwiderruflich zusammen“ und vor allem die Sammlungen, „welche sie zu repräsentiren berufen sind, dürfen daher nicht getrennt behandelt werden.“140 Prinzipiell sei daher ein Institut erstrebenswert, in dem „zoologische, botanische und mineralogische Sammlungen“, sowie zoologische und botanische Gärten vereint seien.141 Konkurrenz durch zoologische und botanische Gärten Eine umfassende Reform der Sammlungspraxis sowie der Schausammlungskonzeptionen war, laut Martin, auch deshalb erforderlich geworden, weil die bisher übliche Präsentationsweise bei den Besuchern zunehmend auf Ablehnung stieß. Die überkommenen Naturaliensammlungen mussten ihnen – im Vergleich mit den „moderten gehören zu den Insekten. Vgl. Sentker, Naturhistorische Sammlungen. Der 100-Millionen- Schatz, 2014. URL: http://www.zeit.de/2014/27/naturhistorische-sammlungen (Abgerufen am 11.07.2014). 136 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 3, S. 9 u. S. 196ff. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 9. 137 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 211. 138 Ebd. 139 Ebd. 140 Ebd. 141 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 183. 4.1 Martins Beweggründe 321 nen Pflanzen und Thiergärten“ – wie „Rumpelkammern“ vorkommen.142 Wenn der Besucher eines naturhistorischen Museums „alten Stils“ mit unendlich wirkenden Reihen von „unglücklichen“, mit Drähten aufgespießten oder auf Brettern und Blöcken aufgestellten Mäusen, Ratten und Fledermäusen konfrontiert würde, dann sehe sich dieser sofort nach dem Ort um, „wo der Zimmermann das Loch gelassen hat“, so Martin in seiner „Praxis der Naturgeschichte“.143 „Die Vorführung lebendiger Thiere“ habe „das grosse Publikum […] belehrt, dass die vom lieben Gott gemachten Thiere doch etwas anders aussehen als dem Herrn Professor seine Thiere im Museum“.144 Daher bedürfe es anschaulicher „Bilder aus dem Leben“ und „das Konkrete“ – was im zoologischen Garten geboten wurde – müsse über das „Abstrakte“ des Museums gestellt werden.145 Durch die Möglichkeit der Lebendbeobachtung habe der Zoo „die Oberhand gewonnen“ und daher, so folgerte Martin weiter, würde es notwendig, dass sich das naturhistorische Museum in Konzeption und Ausrichtung vermehrt den Wünschen des „grossen Publikums“ anpasse. „Verbleiben dagegen unsere Sammlungen auf dem alten Standpunkt, so laufen sie Gefahr, von der Zeit gänzlich überholt zu werden“ warnte er.146 Mit seinem Eintreten für lebenswahre Tiernachbildungen und deren Präsentation in ihrer nachgebildeten Umgebung wollte er diesen neuen Herausforderungen begegnen. Seine visuellen Konzepte waren daher auch eine Reaktion auf die sich verändernden und gestiegenen Ansprüche der Öffentlichkeit an naturkundliche Bildungsinstitutionen und ihre Medien sowie die neuen Sehgewohnheiten des Publikums.147 Für Martin waren die Konzeptionen und Präsentationsformen des zoologischen Gartens – das „Konkrete“ – und die des naturhistorischen Museums – in eher abstrakter Form – aber nicht prinzipiell unvereinbar. Unzureichende Ausstellungsdokumentation Neben schlecht präparierten und aufgestellten Tiernachbildungen, sowie lieblos präsentierten Sammlungen, stellte – nach Martins Auffassung – die oftmals unzureichende und unverständliche Sammlungsdokumentation eine weitere Hürde für den Besuch eines naturhistorischen Museums dar. Die „meisten der dort aufgestellten Ge- 142 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 7. 143 Ebd., S. 12. 144 Ebd., S. 8. 145 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 127. Vgl. auch Crary, Techniken des Betrachtens, 1996. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 164. Hervorhebung durch den Autor. 146 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 5. 147 Vgl. dazu auch Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 126 u. S. 225. Laut Kretschmann traten die naturhistorischen Museen und Naturkundemuseen nicht nur zu den zoologischen Gärten in Konkurrenz, sondern auch zu Gewerbe- und Industrieausstellungen, Panoptiken und Dioramen. 4 Ergebnisse 322 genstände“ blieben selbst für „gebildete Dilettanten“ in undurchdringliches Inkognito gehüllt“.148 Dieser Umstand war ihm Ansporn und Motivation, Konzepte für eine ansprechende Präsentation der Sammlungen und eine verständliche Dokumentation zu entwerfen. Hierbei bezog er sich einerseits auf die Etikettierung und Beschriftung der Exponate und andererseits auf die meist fehlenden oder unzureichenden Museumsführer. So kritisierte Martin die fast ausschließliche Verwendung wissenschaftlichsystematischer Etiketten, die „in einer nur Wenigen verständlichen Sprache“ verfasst waren.149 Deren Inhalte würden sich zudem auf Autoren und „schwere Folianten“ beziehen, die für die Besucher überhaupt nicht zugänglich seien.150 Die meistens „lateinischen Etiketten“ so Martin weiter, „sind den meisten […] ein Buch mit sieben Siegeln, sind Hieroglyphen, an deren Entzifferung sie nicht denken können.“151 Stattdessen forderte er eine verständliche Etikettierung der Exponate sowie einen „populär geschriebenen Katalog“ für die Museumsbesucher.152 Dieser populäre Museumsführer war ein unverzichtbarer Bestandteil der Konzepte Martins zur Reform der Schausammlungen naturhistorischer Museen. Dessen Fehlen musste das „Publikum“ – seiner Ansicht nach – geradezu in „babylonische Verwirrung“ stoßen und zu weniger Achtung vor der Wissenschaft führen.153 Geringer Status der Präparationskunst Zum Abschluss dieses Kapitels über die fachspezifischen Motive Martins findet noch der – bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein – geringe Stellenwert der Tierpräparation und der Präparatoren an den naturhistorischen Museen Erwähnung. Zoologische Präparatoren besaßen im Museumsbetrieb der damaligen Zeit vielfach noch den Status von „Hilfsarbeitern“. Zudem gab es keinen spezifischen Ausbildungsgang, keine Standesvertretung, die Professionalität vieler sogenannter „Ausstopfer“ ließ zu wünschen übrig und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit war in der Regel nicht sonderlich hoch. Martin setzte sich auch aus diesen Gründen dafür ein, dass die Ausbildung vereinheitlicht und professionalisiert wurde und initiierte deshalb – in seiner Berliner Zeit – die Gründung einer „Schule für Konservatoren“ auf dem Dachboden der Friedrich-Wilhelm-Universität.154 Diese hatte – auf Grund des geringen Interesses und Verständnisses seines neuen Vorgesetzten Wilhelm Peters 148 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 12. 149 Ebd. 150 Ebd. 151 Ebd. 152 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 238ff. 153 Ebd., S. 240. 154 Vgl. Kap. 2.6.2, S. 86 f. 4.1 Martins Beweggründe 323 sowie übergeordneter Dienststellen – leider nur kurze Zeit Bestand.155 Des Weiteren bemühte er sich anderweitig um die Professionalisierung seines Berufsstandes und machte in gewisser Weise „Öffentlichkeitsarbeit“. So gestaltete Martin in seinem privaten „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ eine kleine Ausstellung taxidermischer und dermoplastischer Arbeiten, ihrer Arbeitsmittel, Fachliteratur sowie Modelle und Vorlagen. Diese Ausstellung sollte Kollegen ebenso wie die Besucher seines Museums mit der Arbeit „angehender Conservatoren“ bekannt machen und die Tierpräparation von ihrem Image als bloße mechanische Tätigkeit oder Handwerk befreien und nicht zuletzt zur „Kunst“ erheben.156 Gesellschaft Martins Eintreten für eine Reform der naturkundlichen Volksbildung und die Modernisierung des Sammel- und Ausstellungswesens war für ihn weder reiner Selbstzweck noch allein durch persönliche oder fachspezifische Motive begründet. Naturkundliches Wissen besaß für Martin auch gesellschaftliche Relevanz. So forderte er eine größere Rolle der Naturwissenschaft und Naturkunde in der Schule, betonte die aufklärerischen Aspekte naturkundlicher Bildung und ihre politische Dimension. Nicht zuletzt setzte er sich dafür ein, durch die Popularisierung der Naturkunde eine Bewusstseinsänderung bezüglich des Umganges mit der Natur und Tierwelt zu bewirken.157 Volksbildung und Schulbildung Mit der naturkundlichen Bildung an Schule und Universität ging Martin hart ins Gericht. Diese führe – verglichen mit ihrer tatsächlichen Bedeutung – ein Schattendasein, weil die schulische und universitäre Bildung einseitig auf Buchgelehrsamkeit und Geisteswissenschaften ausgerichtet sei.158 Ihre Förderung müsse deshalb schon in 4.1.5 155 Vgl. Kap. 2.6.2, S. 86 f. Bis zur Einführung eines offiziellen Ausbildungsgangs für zoologische Präparatoren sollten noch mehrere Jahrzehnte vergehen. Vgl. dazu Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 115 f. 156 Vgl. Kap. 2.11.1, S. 140ff. 157 Koch/Hachmann, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 2011, S. 475. Vgl. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 17. 158 Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 5 u S. 194. Tatsächlich besa- ßen die Naturwissenschaften an den Schulen – an den Gymnasien sogar bis 1882 – keinen besonders hohen Stellenwert. Die Geringschätzung lag aber nicht nur an der Dominanz der Geisteswissenschaften, sondern auch an der vorherrschenden Meinung, die naturwissenschaftlichen Fächer würden den „Materialismus“ fördern und wären zudem „politisch verdächtig.“ Außerdem wurde die aufkommende Evolutionstheorie Darwins als Angriff auf die Kirche und die christliche Schöpfungslehre fehlinterpretiert. Zur Bedeutung der naturkundlichen Fächer im Schulunterricht und ihre Zurückdrängung vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 38 f. u. Bonne- 4 Ergebnisse 324 der Schule beginnen und ihr Unterricht in anschaulicher Weise sowie praxisorientiert stattfinden. Die Schüler würden bisher, so kritisierte Martin, „Sechs bis acht der schönsten Lebensjahre, wo der jugendliche Geist so empfänglich ist […] auf der Schulbank mit den toten Sprachen“ verbringen und dadurch zu „Fremdlingen in Gottes freier Natur“ werden.159 Stattdessen solle man „das jugendliche Gemüt […] schon in frühester Zeit für den Umgang mit der Natur empfänglich“ machen.160 Die „in und mit ihr verlebten Stunden vergisst das Kinderherz nie“, so Martin weiter und dies würde das Handeln als Erwachsene – gerade bezüglich der Natur und der Tierwelt – in einem positiven Sinne prägen.161 Dem naturkundlichen Unterricht sollte daher ein gebührender Platz eingeräumt und die Lehrwerke weniger theoretisch und dafür mehr praktisch und anschaulich konzipiert werden.162 Eine neue Zeit, in welcher die Beschleunigung immer mehr zunehme, erfordere laut Martin, neue Methoden des Naturkundeunterrichts und der Volksbildung.163 „Wir müssen heute viel schneller zu Leben verstehen als vor zwanzig Jahren und deshalb muss das, was wir lernen wollen, viel leichter und fasslicher hergerichtet werden“.164 „Schwerfällige Folianten“ und das „morsche Gebäude systematischer Anschauungen“ führen nicht mehr weiter.165 Daher forderte Martin in einer seiner letzten Publikationen ebenso ansprechende wie wissenschaftlich exakte Abbildungen, Wandtafeln und vor allem lebenswahre Tierpräparate, durch die das „gesunde Auge des Kindes“ nicht „irre geleitet“ würde und sich daher „das Kar[r]ikierte“ nicht als Norm für die wirkliche Gestalt“ einprägen könne.166 Der durch Erzählungen und Anschauungen geprägte Unterricht sollte, wann immer möglich, durch Exkursionen in der Natur ergänzt werden. Und nicht zuletzt propagierte Martin deshalb ein einheitliches Zusammenwirken aller Bestrebungen zur naturkundlichen Bildung sowie Schuldbildung.167 koh, Naturwissenschaft als Unterrichtfach, 1992 sowie Scheele, Von Lüben bis Schmeil, 1981. Die Entwicklung von der Schulnaturgeschichte zum Biologieunterricht zwischen 1830 und 1933. 159 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882, S. 3 f. 160 Ebd., S. 52. 161 Ebd. Martin bezieht sich in diesem Kontext wohl auch auf seine eigene Erziehung bei der Herrnhuter Brüdergemeine, in der ein praxisbezogener und anschaulicher Unterricht stattfand sowie zahlreiche Ausflüge in die freie Natur unternommen wurden. 162 Ebd., S. 4. 163 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 202. 164 Ebd. 165 Ebd., S. 2 166 Martin, Die wissenschaftlichen und praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 308. 167 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882, S. 53. 4.1 Martins Beweggründe 325 Aufklärung und Ethik Bei der Vermittlung naturkundlicher Themen und Inhalte beschränkte sich Martin nicht auf reinen Wissenstransfer. Er verband damit die moralische Erziehung des Menschen ebenso wie eine aufklärerische Komponente. Diesbezüglich befand er sich in der Tradition Alexander von Humboldts – und damit in gewisser Weise auch der Französischen Revolution.168 So sollte seiner Ansicht nach die naturkundliche Bildung dem immer noch weit verbreiteten Aberglauben, der selbst vor gebildeten Menschen nicht Halt mache, den Boden entziehen.169 In seinem populärwissenschaftlichen Werk „Das Leben der Hauskatze und ihrer Verwandten“ widmete Martin dem Aberglauben und Halbwissen einen ganzen Abschnitt.170 Darin bemerkte er, dass es um die „Aufklärung unseres Jahrhunderts“ noch schlecht stünde, wenn er „genötigt sei gegen dergleichen albernen Dinge schreiben zu müssen“.171 Aberglauben und Halbwissen sei zumeist bei „solchen Personen zu finden, deren Erziehung eine fehlerhafte und einseitige war“, die also keinerlei oder allerhöchstens ungenügende naturkundliche Bildung genossen hätten.172 Umso notwendiger sei ein „vernünftiger naturgeschichtlicher Unterricht, der aber immer noch“ – hier kritisiert Martin wieder die Lehrpläne an den Schulen – „wie das fünfte Rad am Wagen der schönlackirten Bildungskutsche angesehen wird.“173 Ein praktisch orientiertes und umfassendes Wissen von der Natur, ihrer Zusammenhänge sowie ihrer Flora und Fauna preist Martin nicht nur als ein Bollwerk gegen den Aberglauben, sondern auch gegen die ethische Verrohung des Menschen an.174 Allein durch die Natur könne das „sittliche Bewusstsein des Menschen herangebildet werden“, daher müsse es „unser ganzes Bestreben sein, sie [die Natur] nach bestem Kräften zu erfassen“.175 Naturkundliches Wissen führe zur „Beseitigung alter Vorurtheile des Aberglaubens, der Missachtung, Rohheit und selbst der Grausamkeit gegen die Thierwelt“.176 Denn die Grausamkeit gegen die Tiere und die Natur, so schlussfolgert Martin, führe letzten Endes zur Grausamkeit gegen den Mitmenschen. „Wer die Natur achten und lieben gelernt hat, wird auch seine Nebenmenschen und die Gesetze der Gesellschaft achten“, denn das 168 Zur Aufgabe der Naturkundlichen Bildung im Zuge der Französischen Revolution vgl. Harten, Die Versöhnung mit der Natur, 1989. 169 Als Beispiel führt Martin einen Lehrer an, der seinen Schülern erklärte, dass Kängurus Beuteltiere seien und diese – an sich zutreffende – Feststellung ausgerechnet an einem männlichen Känguru demonstriert hätte. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 163. 170 Martin, Das Leben der Hauskatze und ihrer Verwandten, 1877, S. 110. 171 Ebd. 172 Ebd. 173 Ebd. Zur Rolle der naturkundlichen Fächer im Schulunterricht und ihre Zurückdrängung bereits vor der Mitte des 19. Jahrhunderts vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 38 f. u. Scheele, Von Lüben bis Schmeil, 1981. 174 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 194 f. 175 Ebd., S. 194. 176 Ebd. 4 Ergebnisse 326 Eine bedingt das andere.177 Gesellschaftliche Missstände und Probleme führte er auf eben diese „sittliche Verrohung“ zurück, die sich zum Beispiel im Massenmord der Vögel äußere, im Stierkampf oder auch darin, für den „Kopfputz“ von Damen seltene Vögel zu jagen.178 „Die Grausamkeit gegen die Tiere“ sei „die Vorschule für das gemeine Verbrechen“, so bemerkt Martin in seinen „Naturstudien“.179 Land- und Forstwirtschaft Neben diesen hehren Motiven führte Martin auch eine Reihe profaner und utilitaristischer Beweggründe auf. So bemerkte er, dass die allgemeinverständliche Vermittlung naturkundlichen Wissens gegenwärtig „zu einem volkswirthschaftlichen Bedürfnis zu werden anfängt“.180 Und zwar deshalb, weil mangelnde Kenntnisse von den in der Natur immanenten Zusammenhängen zu Problemen in der Land- und Forstwirtschaft geführt hätten. Martin beklagte vor allem die durch die Rationalisierung der Landwirtschaft hervorgerufenen Probleme für den „Haushalt der Natur“.181 Alles würde nur noch „nach dem Geldwerth berechnet“ und die Folge sei eine „trostlose Monotonie unserer Wälder“ und Felder. „Durch die beliebte rationelle Bewirthschaftung“ sei jeder hohle Baum und alles Unterholz entfernt worden, die nützlichen Vogelarten Unterschlupf boten.182 Dies führe unter anderem zur Vermehrung von Schädlingen, wie beispielsweise von Feldmäusen.183 In seinen Publikationen versuchte er daher bei den entsprechenden Personenkreisen das Verständnis für den „Haus- 177 Ebd., S. 195. Damit befand sich Martin in der Tradition der ersten pietistisch geprägten Gründer von Tierschutzvereinen, wie dem Geistlichen Christian Adam Dann (1758-1837) sowie Albert Knapp (1798-1864), die Tierquälerei als die Vorstufe zur Grausamkeit gegenüber den Menschen betrachteten und die „Mitgeschöpflichkeit“ der Tiere betonten. Vgl. dazu auch Schmoll, Erinnerung an die Natur, 2004, S. 253 f. und S. 338 f. Baranzke, Warum sollen Tiere glücklich sein, 2002, S. 4. URL: http://www.schweisfurth.de/uploads/media/Tiergluck.pdf. (Abgerufen am 08.02.2006). Jung, Die Anfänge der deutschen Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert, 1997. Scharfe, Wider die Thierquälerei! Der Tierschutzgedanke im 19. Jahrhundert, 1984. 178 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882, S. 10. 179 Ebd., S. 11. 180 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 193. 181 Martin, Unsere Sänger in Feld und Wald, 1873, S. 10. 182 Ebd. Bereits während des 19. Jahrhunderts änderte sich durch die Land- und Forstwirtschaft das Landschaftsbild erheblich. So wurden Wasserläufe begradigt und Hecken abgeholzt. Die Waldbestände waren durch das Bevölkerungswachstum im 18. Jahrhundert ebenfalls stark zurückgegangen. Vgl. dazu Schmoll, Erinnerung an die Natur – Die Geschichte des Naturschutzes im Deutschen Kaiserreichs, 2004, S. 65-71. 183 Martin, Unsere Sänger in Feld und Wald, 1873, S. 10. u. Martin, Das Vergiften der Feldmäuse und ihre Folgen, 1874, S. 331ff. Martin legte in diesem Artikel im „Zoologischen Garten“ dar, dass ein vermehrtes Auftreten von Feldmäusen eine Folge der Flurbereinigung sei, weil die natürlichen Feinde der Mäuse keinen Unterschlupf und keine Nistmöglichkeiten mehr fänden. Die Zunahme von Monokulturen führten zudem zu einer größeren Bedrohung durch Schädlinge. Vgl. dazu auch Schmoll, Erinnerung an die Natur – Die Geschichte des Naturschutzes im Deutschen Kaiserreich, 2004, S. 65-71. 4.1 Martins Beweggründe 327 halt der Natur“ zu wecken und vor allem dafür, welche Tiere – nach der damaligen Auffassung – für die Landwirtschaft eher schädlich und daher bejagt werden dürften und welche nicht.184 Noch wichtiger als die theoretische Unterweisung war für ihn die einschlägige Bildung und Ausbildung dieser Personenkreise in „praktischer Naturgeschichte“, an der es bisher allerdings mangele. Die „Hauptfehler“ lägen, so Martin, „einzig und allein in der Unwissenheit aller Stände der Gesellschaft, sobald es sich um praktische Naturgeschichte handelt“, denn es giebt keinen Katheder und keinen Professor, welcher dieselbe lehrt und es kann auch keinen Lehrstuhl dafür geben, weil derselbe nur draussen in der freien Natur aufgebaut werden kann.“185 Daher forderte er in seinen „Naturstudien“ ein Lehrfach „Praktische Naturkunde“ vornehmlich für die Ausbildung von Förstern und Jägern.186 Ihm seien eine „nicht unbeträchtliche Zahl gelehrter Forstmänner bekannt, die in Wahrheit keinen Mäusebussard von einem Habicht unterscheiden können“.187 Derartige Theoretiker fänden den „praktischen Weg“ nur selten und die Natur müsse man, so Martin weiter, „mit gesunden Augen, aber niemals durch die gelehrte Brille betrachten, deren Streiflichter oft irre führen“.188 Statt im Museum hätte praktische Naturkunde besser in den von ihm vorgesehenen „Naturhistorischen Gärten“ stattzufinden, die dazu „berufen sind, die in der freien Natur erworbenen Erfahrungen […] zur allgemeinen Anschauung und Belehrung“ zu bringen.189 Die konkrete Umsetzung dieser Pläne blieb Martin allerdings verwehrt. Nur in seinem privaten Museum der Urwelt bis zur Gegenwart präsentierte er auf begrenztem Raum und mit geringen Mitteln Exponate, welche auch zur „Belehrung“ einschlägiger Personenkreise dienen konnten.190 184 Vgl. unter anderem Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882, S. 24ff. u. Martin, Mensch und Thierwelt im Haushalt der Natur, 1882. Zu dieser Zeit wurde noch stark zwischen sogenannten „nützlichen“ und „schädlichen“ Tieren unterschieden, wie zwischen „nützlichen“ Vögeln, die Insekten oder andere Schädlinge vertilgten und „schädlichen“ Vögeln, wie zum Beispiel bestimmte Raubvögel, die mit den Menschen konkurrierten. Vgl. zum Beispiel Schmoll, Erinnerung an die Natur, 2004, S. 249ff. Hölzinger, Historischer Überblick über wichtige Rechtsgrundlagen des Vogelschutzes, 1987, S. 1436ff. 185 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 158. 186 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882, S. 50. 187 Ebd., S. 51. 188 Ebd. 189 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 158. 190 S. Martin, Katalog zur vermehrten Ausstellung urweltlicher Thiere, versteinerter Ueberreste, Gypsabgüsse solcher und geologischer Charakterbilder, 1866. 4 Ergebnisse 328 Politik Einige von Martins Beweggründen, sich für eine Vermittlung naturkundlicher Kenntnisse einzusetzen, waren im weiteren Sinne gesellschaftspolitischer Natur. Hierbei stand besonders ein Motiv im Vordergrund: Mit seinen Tiernachbildungen und Tiergruppen – dabei vor allem den Nachbildungen urweltlicher Tiere – dem internationalen Prestige seiner Wahlheimat Württemberg förderlich zu sein. Auch aus diesem Grund ersuchte Martin für die Präsentation seiner „schwäbischen Ureinwohner“ auf der Pariser Weltausstellung von 1867 beim Württembergischen Ministerium des Kirchen- und Schulwesens um finanzielle Unterstützung.191 Er begründete dies damit, dass seine Teilnahme dem „nationalen Wettstreit“ und dem „lokalen naturwissenschaftlichen Bestreben Württembergs“ diene.192 Auch das im Jahre 1874 in Stuttgart gegründete private „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ – mit der darin befindlichen Mammutnachbildung – begriff Martin als eine weitere Möglichkeit, die Naturgeschichte Württembergs und die entsprechende lokale Forschung national und international bekannter zu machen. Allerdings führte die – zu seiner Zeit – schlechte Verkehrsanbindung und die geringe Bedeutung Stuttgarts als Fremdenverkehrsmetropole dazu, dass das Museum bald wieder geschlossen werden musste.193 Die in die USA verkaufte Stuttgarter Mammutnachbildung seines Privatmuseums wäre auf Grund ihrer Einzigartigkeit und Ausführung durchaus in der Lage gewesen, auch jenseits des Atlantiks von den reichhaltigen Fossilienfundstätten Württembergs oder den Pioniertaten württembergischer Naturforscher und Paläontologen zu künden, aber ihre eigentliche Herkunft und ihr Schöpfer gerieten in ihren neuen Heimat schon bald in Vergessenheit.194 Auch wenn Martins Vorstellungen, durch seine visuellen Konzepte und Popularisierungsbemühungen, die „lokalen Wissenschaftsbestrebungen“ Württembergs bekannter zu machen, wenig erfolgreich waren, so bleibt festzustellen, dass er sich der politischen und gesellschaftspolitischen Dimension der Naturkunde sowie seiner Ideen für eine Reform des naturhistorischen Ausstellungs- und Volksbildungswesens durchaus bewusst war und sie neben anderem auch aus diesem Grund vorantrieb.195 Diesbezüglich war er allerdings auch ein Kind seiner Zeit. Denn das naturhistorische Museum besaß im damaligen „Wettstreit“ der Nationen in der Tat eine wichtige Rolle, wobei aber nicht verschwiegen werden soll, dass den Museumsleitern die „nationale Karte“ natürlich auch zur Akquise zusätzlicher finanzieller Mittel diente.196 191 Zu Martins Teilnahme an der Weltausstellung vgl. Kap. 2.9.2, S. 125ff. 192 Ebd. 193 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 80. 194 Zum Schicksal der Martinschen Mammutnachbildung, ihrer Rezeption und Rückwirkung vgl. Kap. 4.4.1, S. 361ff. 195 Vgl. Kap. 2.9.2, S. 125ff. 196 Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 276ff. 4.1 Martins Beweggründe 329 Tier- und Naturschutz Ein noch viel wichtiger – ebenfalls gesellschaftspolitischer – Beweggrund war für Martin aber durch die Popularisierung naturkundlichen Wissens in der Bevölkerung ein Bewusstsein für den Tier- und Naturschutz zu schaffen.197 Martin glaubte – was weiter oben bereits angedeutet wurde – eine bereits an Schulbank beginnende Missachtung der Natur zu erkennen.198 Diese sei letztendlich auch die Ursache dafür, dass die Natur immer weiter ausgebeutet würde.199 Die dementsprechende Geisteshaltung bezeichnete er als eines der Grundübel seiner Zeit.200 Daher stünde „ohne jeden Einwand fest […,] dass die Natur […] von ihm [dem Menschen] auch beschützt und geachtet werden muß“. bemerkte Martin im Vorwort seiner zweiten Auflage der „Dermoplastik und Museologie“.201 Die naturkundliche Volksbildung könne viel dazu beitragen, das „verloren gegangene Gleichgewicht im Naturleben“ wieder herzustellen, so „wie der Arzt eine Krankheit nur sicher zu heilen im Stande ist, wenn er das Wesen derselben in seinen Einzelheiten studirt hat“.202 Eine vermehrte Vermittlung und Bedeutung der Naturkunde werde daher zu einem „volkswirtschaftlichen“ Bedürfnis.203 Ein erster Schritt sei einerseits – wie oben bereits dargelegt – der praktischen Naturgeschichte mehr Raum in den „wissenschaftlichen zoologischen Anstalten“ zu geben, um sie damit auch für breitere Bevölkerungskreise zugänglicher zu machen.204 Des Weiteren müssten aber auch „kleine Schriften“ entsprechenden Inhalts verbreitet werden.205 Und nicht zuletzt regte er an, Vogelschutz- und „Vogelzüchtungsvereine“, wie zum Beispiel den von ihm mitbegründeten „Verein der Vogelfreunde“ in Stuttgart, zu gründen, um mit praktischem Vogelschutz, gutem Beispiel und durch öffentliche Ausstellungen belehrend voranzuschreiten.206 Alle diese praktischen Natur- und Vogelschutzmaßnahmen seien, laut Martin, aber nur dann sinnvoll, 197 Zu Martin und seine Bedeutung für den Tier- und Naturschutz vgl. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN- Skripten 417, 2015. 198 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 5. u. S. 194. 199 Ebd., S. 194. 200 Ebd. 201 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, 1880, S. VII. 202 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 193. 203 Ebd. 204 Martin, Das Vogelhaus und seine Bewohner, 1872, S. 9. 205 Martin, Das Vogelhaus und seine Bewohner, 1872, S. 8. Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 114. An den naturhistorischen Museen und Naturkundemuseen wurde die Forderung Martins, mittels naturkundlicher Bildung den Tier- und Naturschutzgedanken zu befördern und zu verbreiten, erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts umfassender aufgegriffen. Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 272. 206 Martin, Das Vogelhaus und seine Bewohner, 1872, S. 8. Vgl. a. Kap. 2.12.1, S. 150ff. 4 Ergebnisse 330 wenn „der Weg der Gesetzgebung nicht unterlassen“ würde.207 Zudem regte er an, nicht vor den Grenzen Württembergs oder des Deutschen Kaiserreichs halt zu machen. „Da das „gesamte Naturleben der ganzen Welt gefährdet“ sei, müssten größere Vereinigungen gegründet werden.208 „Diese Vereinigungen sollten“ – so die Vorstellung Martins – „ihre Arbeit in Zusammenarbeit mit den einzelnen Regierungen ausführen und ihren Schwerpunkt in der Verbreitung naturgeschichtlicher Kenntnisse“ suchen.209 Helfer, Gegner und Netzwerke Auch die überzeugendsten und hehrsten Motive Martins garantierten nicht, dass seine Vorschläge und Konzepte bezüglich einer Reform des naturhistorischen Sammel- und Ausstellungswesens sowie der Vermittlung naturkundlichen Wissens umoder gar durchgesetzt werden konnten. Hierfür war der rührige Stuttgarter Präparator auf ideelle und praktische Unterstützung sowie die Förderung unterschiedlichster Persönlichkeiten und Personenkreise angewiesen.210 Davon abgesehen stieß er in Fachkreisen mit seinen Ideen nicht nur auf Zustimmung. Vor allem die konservativen Direktoren staatlicher naturhistorischer Museen, die sich in erster Linie der Forschung und Lehre verpflichtet fühlten, standen seinem Ansinnen eher kritisch gegen- über. Beide Personenkreise – Helfer wie Kontrahenten – bildeten mehr oder weniger lose Netzwerke oder standen untereinander in Kontakt. Insbesondere die „Reformer“ unter den Präparatoren und Konservatoren, die Martins Methoden Konzepte übernahmen, umsetzten und weiterentwickelten, trugen damit dazu bei, dass sich seine Vorstellungen und Ideen langsam aber stetig an den naturhistorischen Museen und Naturaliensammlungen etablierten.211 Im Folgenden wird daher die Rolle der genannten Kreise untersucht und inwieweit sie ihn ideell, finanziell und nicht zuletzt auch praktisch unterstützt oder ihm eher Steine in den Weg gelegt haben. Förderer und Finanziers Bei den Förderern und Mentoren Martins ist an erster Stelle Martin Hinrich Lichtenstein zu nennen, der es ihm ermöglichte – parallel zu seiner eigentlichen 4.2 4.2.1 207 Martin, Unsere Sänger in Feld und Wald, 1873, S. 11. 208 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882, S. 49. 209 Ebd. 210 Einige dieser Personen fanden bereits im Kapitel über Martins Vorbilder und Vordenker Erwähnung. 211 Eine einheitliche Ausbildung von Präparatoren oder gar eine Präparatorenschule, in welcher Martin Methoden hätten unterrichtet werden können, gab es zu dieser Zeit – mit Ausnahme des Versuchs von Martin am Zoologischen Museum der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin – nicht. Vgl. Kap. 2.6.2, S. 86ff. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 331 Arbeit – während seiner Zeit am Berliner zoologischen Museum, die ersten Reformvorschläge zu entwickeln. Daneben gehören Alexander von Humboldt – neben seiner bereits angesprochenen Vorbildfunktion – zu den eher ideellen Unterstützern Martins. Andere Förderer wie der württembergische König Wilhelm I., sowie weitere Finanziers ließen ihm hingegen materielle und finanzielle Unterstützung zukommen, damit er wenigstens einige seiner Ideen – wenn auch nur teilweise oder in Ansätzen – umzusetzen im Stande war. Der Mentor Martin Hinrich Lichtenstein Der beinahe freundschaftlich zu nennende Kontakt Martins mit dem Direktor des Berliner zoologischen Museums erstreckte sich – anfänglich in Form reger Korrespondenz – über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten.212 Martin wandte sich bereits vom schlesischen Bunzlau aus, wo er als freier Präparator tätig war, an Lichtenstein und bat ihn, an Hand von Arbeitsproben und schriftlichen Abhandlungen, um eine Einschätzung seiner Fertigkeiten als zoologischer Präparator.213 Er erhoffte sich dadurch, entweder im Auftrag des Museums als freier Präparator tätig zu werden oder sogar eine feste Anstellung zu erhalten.214 Lichtenstein erkannte zwar schon früh dessen Talent aber es war ihm zunächst – aufgrund der prekären finanziellen Lage des Museums – nicht möglich, dem jungen Präparator eine feste Anstellung an seinem Museum zu offerieren. Stattdessen unterstützte er Martin dabei, gemeinsam mit dessen Bunzlauer Freund Karl Ferdinand Appun, eine naturhistorische Forschungs- und Sammelreise nach Südamerika zu unternehmen. Lichtensteins Empfehlungsschreiben öffnete den beiden angehenden Forschungsreisenden zahlreiche Türen – unter anderem bei Alexander von Humboldt.215 Den erhofften Durchbruch brachte ein sowohl von Lichtenstein als auch von Humboldt unterschriebenes „Publikandum“. Lichtenstein stellte darin die außerordentliche Befähigung Martins und Appuns für die Reise heraus.216 Wahrscheinlich vermittelte er auch die Zeichnung zusätzlicher Aktien, mit denen die Unternehmung finanziert werden sollte. Des Weiteren wurde vereinbart, dass Martin in Südamerika im Auftrag des Museums Naturalien sammeln und nach seiner Rückkehr präparieren sollte. Die Unterstützung Lichtensteins erfolgte in diesem Fall daher nicht nur aus bloßer Zuneigung, sondern lag selbstverständlich auch im Interesse des Museums, dessen Ziel es war, die Sammlung zu vergrößern und zu aktualisieren.217 Die Hoffnung Martins – nach dem vorzeitigen Ende seiner Sammel- und Forschungsreise – längere Zeit mit der Präparation der mitgebrachten Naturalien beschäftigt zu sein, zerschlug sich al- 212 Martin stand bereits seit dem Jahre 1841 mit Lichtenstein in Kontakt. Vgl. MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, 133. 213 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 1. 214 Vgl. im Folgenden Kap. 2.3, S. 62ff. 215 Vgl. im Folgenden Kap. 2.4, S. 64ff. 216 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 38. Vgl. Flora 31, 1848, S. 604-607. 217 Vgl. dazu auch Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 172 f. 4 Ergebnisse 332 lerdings.218 Stattdessen durfte er den festangestellten Präparatoren nur für einige Monate zur Hand gehen. Eine Weiterbeschäftigung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Erst Jahre später – nach seiner „Odyssee“ durch Naturaliensammlungen Deutschlands als Präparator und sogar Jäger eines polnischen Grafen – rückte der Traum einer festen Anstellung am Berliner Museum in greifbare Nähe. Lichtenstein schlug Martin als Nachfolger seines verstorbenen Präparationsgehilfen vor und bescheinigte ihm herausragendes künstlerisches Talent, eine „einigermaßen wissenschaftliche Bildung“ und umfassende praktische Erfahrung.219 Dank Lichtenstein konnte Martin seine Stelle im Frühjahr 1852 antreten. Dadurch eröffneten sich für ihn neue Perspektiven. Denn Lichtenstein war nicht nur ein nachsichtiger Vorgesetzter, er stimmte auch mit vielen Vorstellungen Martins, zum Beispiel bezüglich einer naturwahren und ästhetisch ansprechenden Präparationsweise, überein und ließ ihm nicht zuletzt die kreative Freiheit, die er brauchte um diese weiterzuentwickeln, umzusetzen und zu publizieren. Private Nebentätigkeiten in den Räumen des Museums wurden ihm gestattet und Lichtenstein gab ihm – aus Überzeugung oder laissez faire sei einmal dahingestellt – in vielen Belangen freie Hand. Dass Lichtenstein mit Martins Arbeit zufrieden war, zeigt eine Gehaltserhöhung um 100 Rthlr. im Februar 1856. Zudem durfte er den Titel „Conservator“ führen, der andernorts Wissenschaftlern vorbehalten war. Die Idee Martins, auf dem Dachboden des zoologischen Museums eine erste „Schule“ für „Conservatoren“ und Präparatoren in Deutschland zu betreiben, stieß bei Lichtenstein auf Vorbehalte, allerdings äußerte er diese – laut der Ausführungen Martins – ihm gegenüber wohl nie direkt. Sein plötzlicher Tod und die Übernahme der Museumsleitung durch Wilhelm Peters brachte eine Einschränkung der ihm bisher gewährten „künstlerischen Freiheiten“ mit sich. Daher verließ Martin schon bald nach dem Tod seines Mentors Berlin das zoologische Museum, um in Stuttgart eine neue Stelle als erster Präparator anzunehmen.220 Martin Hinrich Lichtenstein kann daher ohne Zweifel als der „Entdecker“ Martins und seines außerordentlichen Talents bezeichnet werden. Er förderte ihn, soweit es ihm unter den gegebenen finanziellen und wirtschaftlichen Bedingungen möglich gewesen war. Schließlich gewährte er Martin in seiner Stellung am Museum fast alle Freiheiten, die notwendig waren, damit sich sein künstlerisches und kreatives Potenzial frei entfalten konnte. Dieser dankte es ihm mit Loyalität und Verehrung bis ins hohe Alter, indem er seinem verstorbenen Mentor den dritten Teil seiner „Praxis der Naturgeschichte“ mit dem Titel „Naturstudien“ widmete.221 Während seiner Zeit unter der Protektion Lichtensteins entwickelte Martin die Grundzüge seiner Techniken und Methoden der Taxidermie und Dermoplastik ebenso wie die seiner weiteren visuellen Konzepte zur lebenswahren und ansprechenden Präsentation natur- 218 Vgl. im Folgenden Kap. 2.5, S. 78ff. 219 Vgl. im Folgenden Kap. 2.6.2, S. 86ff. 220 Vgl. im Folgenden Kap 2.7, S. 92ff. 221 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 333 kundlicher Schausammlungen, die er erst viele Jahre später publizieren sollte. Lichtensteins Beweggründe Martin zu fördern und ihm weitgehend freie Hand zu lassen, sind daher wohl weniger auf dessen vorgerücktes Alter und seine Nachgiebigkeit zurückzuführen, sondern vor allem darauf, dass er prinzipiell mit Martin darin übereinstimmte, dass ein naturhistorisches Museum auch eine allgemeine Bildungsinstitution sein müsse und die Sammlung entsprechend konzipiert werden sollte.222 Der Förderer junger Forschungsreisender Alexander von Humboldt Neben Lichtenstein war Alexander von Humboldt maßgeblich am Zustandekommen der Forschungs- und Sammelreise von Martin und Appun nach Venezuela beteiligt. Als Förderer junger Forscher, Forschungsreisender und Künstler bekannt, wandten sich – auf Empfehlung Lichtensteins – Martin und Appun an Humboldt mit einer Bitte um Unterstützung.223 Dieser Bitte kam Humboldt in Form eines Empfehlungsschreibens und des oben erwähnten „Publikandums“ gerne nach.Des Weiteren ermöglichte Humboldt den beiden Forschungsreisenden in den „Monatsberichten über die Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde“ einen Beitrag zu veröffentlichen, der zu den ersten Publikationen Martins gehören sollte.224 Neben dieser direkten und praktischen Unterstützung war Humboldts Rolle als Vorbild und Vordenker Martins, wie dem entsprechenden Kapitel weiter oben zu entnehmen ist, dennoch ungleich größer.225 Der „Zoogründer“ König Wilhelm I. Eine weitere exponierte Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts, die ebenfalls zu den „Förderern“ Martins gezählt werden kann, ist der württembergische König Wilhelm I.226 Der Monarch, der großes Interesse an der Landwirtschaft, der Tierzucht und der Einführung neuer Nutztierarten besaß, entschloss sich zu Beginn der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts in der Residenzstadt Stuttgart einen Akklimatisationsgarten nach französischem Vorbild zu initiieren.227 Auf welche Weise und wann Martin von den Plänen des Königs in Kenntnis gesetzt wurde, ist unklar, jedenfalls legte er Ende 1862 dem Obersthofmeister des Königs seine ersten Entwürfe für einen Akklimatisationsgarten vor und bat darum, diese dem württembergischen König zukommen zu lassen. Zwar war Wilhelm I. mit den Entwürfen Martins zunächst nicht zufrieden und seine Antworten ließen lange auf sich warten, dennoch wurde er mit weiteren Vorbereitungen betraut und zudem beauftragt, auf einer Reise durch die bekanntesten zoologischen Gärten in Deutschland und Europa Informationen einzu- 222 Vgl. auch Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 32 f, S. 126, S. 188 f. u. S. 229. 223 Vgl. im Folgenden 2.4, S. 64ff. 224 Martin/Appun, Beobachtungen auf ihrer Reise nach Venezuela im December 1848 und Januar 1849, 1849. 225 Vgl. Kap. 4.1.2, S. 301ff. 226 Vgl. im Folgenden Kap. 2.8, S. 109ff. 227 Vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 92-94. 4 Ergebnisse 334 holen.228 Martin setzte bei seiner Beratertätigkeit primär auf das Interesse des Königs an der Tierzucht und der Akklimatisationsidee, versuchte aber auch eigene Vorstellungen mit einfließen zu lassen. So plädierte er dafür, den Garten der gesamten Bevölkerung zugänglich zu machen, ihm auch Aufgaben der Volksbildung und Wissenschaft zu übertragen und damit den Tier- und Naturschutzgedanken zu „befördern“. Nach der endgültigen Entscheidung des Königs zum Bau des Gartens am 23. September 1863 oblag die Leitung des Projektes zwar „offiziell“ dem damaligen Bau- und Gartendirektor des Königs Friedrich Wilhelm Hackländer, dennoch trug Martin die Hauptlast der Vorbereitungen. Zudem hegte der Präparator die Hoffnung, später eine maßgebliche Stellung im neuen Akklimatisationsgarten inne haben zu dürfen – möglicherweise sogar als Direktor. Der Tod des greisen Monarchen im Juni 1864 machte jedoch seinen Plänen, dem mittlerweile ungeliebten Naturalienkabinett den Rücken zu kehren, zunichte. Wilhelms Sohn, König Karl. I., stellte das bereits im Entstehen begriffene Zooprojekt umgehend wieder ein. Aber auch wenn das Akklimatisationsgartenprojekt ein „tot geborenes Kind“ war, so gereichte ihm seine Mitarbeit auf längere Sicht doch zum Vorteil. Einerseits wurde es ihm dadurch möglich, Kontakte zu zahlreichen zoologischen Gärten und deren Direktoren zu knüpfen und andererseits konnte er erste Erfahrungen bei der Planung und Einrichtung eines zoologischen Gartens machen. Für die Konzeption seiner „Praxis der Naturgeschichte“ – insbesondere den Band über die Einrichtung und Anlage zoologischer Gärten – waren diese Erfahrungen von großem Nutzen. Damit ist König Wilhelm I. ebenfalls zu den Personen des öffentlichen Lebens zu zählen, die Martin und seine Vorstellungen förderten und dazu beitrugen, dass er diese – auf welche Weise auch immer – umsetzen konnte. Der Gewerbeförderer Ferdinand von Steinbeis Nach der Einstellung des Stuttgarter Zooprojektes wandte sich Martin, neben seiner Tätigkeit als Präparator am Stuttgarter Naturalienkabinett, der Nachbildung ausgestorbener Tierarten zu. In diesem Zusammenhang suchte er nach einem Gebäude für eine permanente Ausstellung und wurde beim Präsidenten der württembergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel, Ferdinand von Steinbeis vorstellig.229 Steinbeis, der auf Grund seines Interesses an der beruflichen Bildung sowie an Lehrmitteln jeglicher Art prinzipiell offen für Martins Ansinnen war, konnte ihm zunächst nicht weiterhelfen. Stattdessen eröffnete er diesem aber eine andere Möglichkeit. In der Publikation der Zentralstelle wurden württembergische Gewerbetreibende und Institutionen dazu eingeladen, an der im Jahre 1867 stattfindenden Weltausstellung in Paris mit einem eigenen Beitrag teilzunehmen. Martin, dessen Vorgänger am Stuttgarter Naturalienkabinett – Hermann Ploucquet – bereits auf der Londoner Weltausstellung von 1851 große Erfolge gefeiert hatte, plante zunächst keine Teil- 228 Vgl. Martin, Wanderungen durch die zoologischen Gärten Deutschlands, 1864, S. 582 f. 229 Vgl. im Folgenden Kap. 2.9, S. 125ff. Zu Ferdinand von Steinbeis und der Berufsbildung in Württemberg vgl. a. Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 43. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 335 nahme, änderte seine Meinung aber, wahrscheinlich nachdem er von Steinbeis dazu aufgefordert und ermuntert worden war.230 Die Frage der Finanzierung des Beitrags blieb vorerst ungeklärt. Eine Anfrage beim Naturalienkabinett und der übergeordneten Dienststelle nach einer Unterstützung seines Vorhabens zeitigte keinen Erfolg, da deren Leiter den Martinschen Aktivitäten eher kritisch gegenüberstanden. Erst die Intervention Ferdinand von Steinbeis’ und seine Zusage, Martins Teilnahme an der Weltausstellung im Rahmen des Beitrages vom Königreich Württemberg mit 100 fl. zu finanzieren, machte die am Ende mit einer Bronzemedaille prämierte Teilnahme Martins möglich. Ohne Steinbeis, dem im Rahmen seiner Maßnahmen zur Gewerbeförderung auch die – berufliche – Bildung und Weiterbildung sehr am Herzen lag, wäre die Teilnahme Martins an der Pariser Weltausstellung kaum möglich geworden.231 Er hielt, im Gegensatz zu Martins Vorgesetzten am Naturalienkabinett, viel von dessen Ansätzen und visuellen Konzepten, da er von der Notwendigkeit einer anschaulichen, ansprechenden und praxisorientierten Wissensvermittlung zutiefst überzeugt war.232 Martin dankte ihm dieses Engagement mit einer Widmung in der ersten Auflage seiner Taxidermie und wandte sich nach diesem „Erfolg“ mit Nachdruck dem lange geplanten Projekt eines privaten und populären Universalmuseums „von der Urwelt bis zur Gegenwart“ zu.233 Mitstreiter und Mitarbeiter So bedeutsam die finanzielle Beteiligung und anderweitige ideelle Unterstützung für Martin auch gewesen sein mögen, eine noch größere Rolle spielten jene Personen, die an der Umsetzung, Verbreitung und Weiterentwicklung seiner Konzepte und Pläne unmittelbar beteiligt waren. Hierzu gehören Familienmitglieder, Mitautoren und Illustratoren seiner Werke sowie vor allem Präparatorenkollegen und reformorientierte Museumsdirektoren. Familienmitglieder Martins umfangreichere Projekte, wie seine Mammutnachbildung, konnten selbstverständlich nicht von ihm alleine umgesetzt werden. Hierbei baute er vor allem auf die Unterstützung seiner 1854 und 1861 geborenen Söhne Leopold und Paul. Beide berichten im Vorwort der von ihnen nach dem Tod ihres Vaters herausgegebenen dritten Auflage der „Taxidermie“, dass es das „größte Vergnügen“ ihres Vaters gewe- 4.2.2 230 Vgl. im Folgenden Kap. 2.9.2, S. 125ff. 231 Zu Ferdinand von Steinbeis und die Berufsbildung in Württemberg vgl. a. Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 43. 232 Zu Steinbeis und einer neuen eher kritischen Sicht über ihn und sein Wirken vgl. Rottmann, Die Förderung beruflicher Wirkung in Württemberg, 2006. 233 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869, S. 6. 4 Ergebnisse 336 sen sei, „im Familienkreise an seinen Werken zu arbeiten und die Seinen an allem teilnehmen zu lassen, was er schuf.“234 Dadurch wurden sie „vollständig in seinen Schaffenskreis eingeweiht und mit wachsender Freude“, so schreiben seine Söhne weiter, „sah er uns daran immer lebhafteren Anteil nehmen“.235 Geprägt von dieser Tätigkeit und dem Vorbild des Vaters nacheifernd, schlugen beide Söhne ähnliche Berufswege ein.236 Der erstgeborene Leopold Martin jun. wurde wie sein Vater Präparator und sein zweiter Sohn Paul Martin ein in Fachkreisen bekannter Tiermediziner und Veterinäranatom.237 Auf Grund ihrer einschlägigen Neigungen und Ausbildungen wurde der Anteil am Werk ihres Vaters – als Mitautor, beziehungsweise Illustrator – mit der Zeit immer umfangreicher. Sie arbeiteten an einigen Werken Martins mit, wie den verschiedenen Auflagen der „Praxis der Naturgeschichte“ und der „Illustrirten Naturgeschichte der Tiere“. Während Paul Martin Kapitel zur Anatomie, Physiologie und Tiermedizin beisteuerte, war Leopold als Zeichner und Illustrator tätig.238 Beide hatten am Erfolg und der Verbreitung von Martins Werken einigen Anteil. Sein Sohn Paul – der Tiermediziner – ergänzte sie mit Fachkenntnissen, über die sein Vater auf Grund der fehlenden einschlägigen Ausbildung nicht verfügen konnte. Tierillustratoren Neben seinem Sohn Leopold verpflichtete Martin weitere Tiermaler und Illustratoren, wie Paul Meyerheim und Friedrich Specht zur Bebilderung seiner Werke.239 234 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (3. Aufl.), 1886, S. VIII. Ob und in welcher Weise Martins zweite Frau Charlotte Amalie Valeska dabei Mitarbeit leistete, ist nicht überliefert. Erwähnung findet sie in den Werken ihres Mannes jedenfalls nicht. 235 Ebd. 236 Beide Söhne waren aus seiner zweiten Ehe mit Charlotte Amalie Valeska, geb. Beck hervorgegangen, die er bereits 1852 in Bunzlau ehelichte. Vgl. Noell, Paul Martin, 1987, S. 7. 237 Der älteste Sohn von Philipp Leopold Martin, Paul, begann im Alter von fünfzehn Jahren ein Studium an der Tierarzneischule in Stuttgart und erhielt drei Jahre später seine Approbation als Tierarzt. Danach schlug er eine Laufbahn als Hochschullehrer ein, wurde 1886 Professor in Zürich und wechselte 1901 als Direktor des Veterinär-Anatomischen Instituts nach Gießen. Das bekannte, von Paul Martin verfasste, „Lehrbuch der Anatomie der Haustiere“ enthielt von ihm selbst angefertigte Abbildungen, die von seinem darstellerischen und künstlerischen Talent zeugen. Vgl. Martin, Lehrbuch der Anatomie der Haustiere, 1912-1915. Zur Tierarzneischule s. Frisch, Die ehemalige Tierarzneischule zu Stuttgart (1812-1912), 2001. URL: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/frischa _2001.pdf (Abgerufen am 07.01.2014). 238 Paul Martin verfasste einige Kapitel zur Tieranatomie, Physiologie und Tierhaltung, bzw. Tiermedizin in der zweiten Auflage der „Dermoplastik und Museologie“ aus dem Jahr 1880, in den „Naturstudien“ aus 1882 und der „Illustrirten Naturgeschichte der Thiere“, aus den Jahren 1884ff. Leopold Martin steuerte Illustrationen zur „Illustrirten Naturgeschichte der Thiere“ bei, der zweiten Auflage der „Dermoplastik und Museologie“ – erschienen 1880 – und den „Naturstudien“ von 1878. Beide Brüder bearbeiteten zudem zusammen die dritte Auflage von Philipp Leopold Martins „Taxidermie“, welche 1886, ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters, erschien. Vgl. a. Habermehl, Paul Martin (1861-1937), 1982, S. 634 u. S. 640 f. u. Noell, Paul Martin, 1987 sowie Martin, Lehrbuch der Anatomie der Haustiere, 1912-1915. 239 Noell, Paul Martin, 1987, S. 10. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 337 Friedrich Specht (1839-1909), der bereits im Gründungsbeirat von Nills Tiergarten in Stuttgart tätig war und die Innenausstattung einiger Tierhäuser des Gartens gestaltet hatte, studierte an der Stuttgarter Akademie und in der Lithographieanstalt von Baisch und war von 1866-1909 im Adressbuch der Stadt Stuttgart als Kunstmaler und Bildhauer eingetragen.240 Er gehörte zu den herausragenden Tierillustratoren Deutschlands und zeichnete unter anderem für die dritte Auflage von „Brehms Thierleben“ einige Abbildungen.241 Zudem gab er eigene Werke heraus.242 Auch für Martin illustrierte er, neben anderen Künstlern, die erste und zweite Auflage seiner „Dermoplastik und Museologie“, die erste Auflage der „Taxidermie“ sowie seine „Illustrirte Naturgeschichte der Thiere“.243 Specht ist, ebenso wie die bekannteren Künstlern Wilhelm Kuhnert (1865-1926) und Gustav Mützel (1839-1893) zu den Tiermalern des sogenannten „zoologischen Naturalismus“ zu zählen, in dem die lebenswahre Darstellung des Tieres im Rahmen ihrer natürlichen Umwelt propagiert wurde, ganz ähnlich wie dies Martin bezüglich der Tiernachbildungen und Tiergruppen forderte und praktizierte.244 Als wegweisend gilt in diesem Zusammenhang übrigens „Brehms Thierleben“, dessen Abbildungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Vorbild für zahlreiche weitere Werke wurde, wie zum Beispiel auch für Martins „Illustrirte Naturgeschichte der Thiere“ aus den Jahre 1882-1884.245 Der „akademische Tiermaler“ Paul Meyerheim (1842-1915) entstammte hingegen einer Danziger Künstlerfamilie, studierte von 1857-1860 an der Berliner Akademie und wirkte ab 1883 als Lehrer und Leiter der sogenannten „Tiermalklasse“.246 Meyerheim wird zu den „bedeutendsten Berliner Tier- und Genremalern des 19. Jahrhunderts“ gerechnet.247 Er orientierte sich an der Arbeit der französischen „Ani- 240 Gebhardt. Die Ornithologen Mitteleuropas, 1964, S. 340. Zur Lithographie in Stuttgart, bzw. Württemberg s. Lamparter, Geschichte der Lithographie in Württemberg, 1899. 241 Brehm, Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tierreichs, 3. Auflage, 1890-1893. 242 Nissen, Die Zoologische Buchillustration, Bd. 1, 1966-78, S. 390. 243 Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), Weimar, 1870. Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, 1882-1884. Vgl. z. B. Abb. 42, S. 204. 244 Nissen, Die Zoologische Buchillustration, Bd. 2, 1966-78, S. 184 u. S. 190. 245 Die Intention Martins bezüglich seiner „Illustrirten Naturgeschichte der Thiere“ war allerdings eine andere. Während Brehms „Thierleben“ einen unterhaltend-literarischen Charakter besaß, hatte Martins Werk eine eher lexikalische Ausrichtung und war auch als Nachschlagewerk vorgesehen. Vgl. Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, 1882-1884- Martin beurteilte die wissenschaftliche und inhaltliche Qualität von Brehms Thierleben teilweise kritisch. Vgl. z. B. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 25. 246 Menges, Meyerheim, Malerfamilie, in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 291 f. [Onlinefassung], URL: http://www.deutsche-biographie.de/sfz62929.html. 247 Kaselow, Die Schaulust am exotischen Tier, 1999, S. 57. 4 Ergebnisse 338 maliers“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts und gilt als der Künstler, der in Deutschland die „erzählende Tiermalerei“ etablierte.248 Beide Illustratoren und Tiermaler, sowohl Specht als auch Meyerheim, waren auf Grund ihres Oeuvres zur Ausgestaltung von Martins Werken prädestiniert. Ihr naturalistischer Stil und ihre „erzählende Tiermalerei“ entsprach im Prinzip den Vorstellungen Martins von naturwahren und lebensechten Tiernachbildungen sowie ihrer Präsentation in Tiergruppen. Sie strebten ebenso an „Tierbilder nach dem Leben“ zu gestalten und keine „Abmalung“ eines leblosen Präparates zu betreiben, genauso wenig wie Martin es als die Aufgabe eines zoologischen Präparators erachtete, Bälge in Serie anfertigen und ohne entsprechende Beobachtung des lebendes Tieres mehr schlecht als recht auszustopfen.249 Da Martin bereits in seinen frühen Veröffentlichungen betonte, dass eine gute naturhistorische Abbildung als Vorlage – neben der unbedingt zu präferierenden Lebendbeobachtung – für einen zoologischen Präparator unabdingbar sei, war die Zusammenarbeit mit diesen beiden herausragenden Künstlern seiner Zeit daher nur folgerichtig.250 Fachkollegen und Schüler Die wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen überkommene Präparationsmethoden und Ausstellungsweisen fand Martin unter seinen Kollegen. Es waren vor allem jüngere Kollegen und Epigonen, die seine Ideen, Konzepte und Vorstellungen zu verbreiten suchten. Von Donaueschingen über Karlsruhe bis nach Detmold wurden von ihnen die Martinschen Methoden und visuellen Konzepte rezipiert, mit eigenen Techniken ergänzt sowie weiterentwickelt. Am Badischen Naturalienkabinett in Karlsruhe wurde bereits Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts damit begonnen, die heimische Flora und Fauna – nach Martins Vorstellungen – „charakteristisch aufgestellt“ in Tiergruppen zu präsentieren.251 Aus diesem Grunde sollte der 1871 von Direktor Moritz Seubert (1818-1878) als Präparator eingestellte August Fehsenmeier, der sich die Taxidermie ebenfalls autodidaktisch angeeignet hatte, sogar einen „Unterrichtscurs bei Conservator Martin in Stuttgart“ besuchen.252 Aus den vorliegenden Quellen geht jedoch nicht zweifelsfrei hervor, ob Fehsenmeier den Kurs besucht hatte. Dass dies aber zumindest vorgesehen war, verdeutlicht, welchen Ruf Martin als Präparator und Begründer der Dermoplastik besaß – jedenfalls bei allen 248 Artinger, Von der Tierbude zum Turm der blauen Pferde, 1995, S. 51, S. 106 u. S. 128ff. Vgl. Kap. 3.2.1 S. 194ff. u. Abb. 34, S. 183 u. Abb. 35, S. 185. 249 Artinger, Von der Tierbude zum Turm der blauen Pferde, 1995, S. 114. Nissen, Die zoologische Buchillustration, Bd. 2, 1966-78 S. 190. 250 Vgl. Kap. 4.2.2, S. 336 f. 251 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 176. Mayer, Beiträge zur Geschichte der Badischen Landessammlungen für Naturkunde in Karlsruhe XIII. Von Dienern und Präparatoren des Naturalienkabinetts, 1982, S. 116. Vgl. a. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 29. 252 Vgl. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 176. Mayer, Beiträge zur Geschichte der Badischen Landessammlungen für Naturkunde in Karlsruhe XIII. Von Dienern und Präparatoren des Naturalienkabinetts, 1982, S. 116. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 339 reformorientierten Museumsleitern, Konservatoren und Kollegen.253 Auch bei dem Leiter und ersten Konservator des 1835 gegründeten Museums des Naturwissenschaftlichen Vereins für das Fürstentum Lippe in Detmold, Carl Weerth (1812-1889), fielen die Martinschen Vorstellungen auf fruchtbaren Boden. Weerth legte seit der Gründung des Museums großen Wert darauf, „die ausgestopften Thiere nach Möglichkeit in lebenswahren Aktionen aufzustellen“ und setzte sich dafür ein, Präparate nicht nur „in Reih und Glied“ zu zeigen, sondern sie in einer ihrem natürlichen Lebensraum nachgebildeten Umgebung zu präsentieren.254 Die Exponate des Museums wurden unter anderem zu Lehrzwecken im angrenzenden Gymnasium Leopoldinum verwendet, wo Weerth seit 1853 als Lehrer wirkte.255 In einer Festschrift zu den „Schulfeierlichkeiten“ im Jahre 1862 – ein Jahr nach der Eröffnung eines neuen Museumsgebäudes – betonte Weerth, „Die Art und Aufstellung dieser Vögel und Säugetiere [des Museums] möchte sich in einem Punkte von der in anderen Museen gewählten unterscheiden. Es wurde darauf Bedacht genommen, den Thieren charakteristische und lebhafte Stellungen zu geben um sie alsdann, soweit es thunlich, in Gruppen zusammen zu stellen.“256 Dazu bedürfe es jedoch – so Weerth weiter – „eines fachkundigen Auges verbunden mit einer kunstgeübten Hand“.257 Diese Eigenschaften fand Weerth in der Person Philipp Leopold Martins vereint, den er bereits Anfang der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts kennengelernt hatte.258 Damals beauftragte er ihn damit, für das Detmolder Museum lebenswahre Präparate anzufertigen.259 Zu den von Martin angefertigten Tierpräparaten gehörten: „Eine Steinbock= und Gemsenfamilie […], eine Löwengruppe […], eine Tigerfamilie, eine aus sechs Köpfen bestehende Hausrattenfamilie, u. a.“260 Weerth führte weiter aus, dass „diese Art der Darstellung zur Nachahmung“ empfohlen werden könnte, „indem sie nicht allein das Interesse der Laien weckt und fesselt, sondern sich auch stets des Beifalls aller Sachkundigen zu erfreuen gehabt hat“.261 Der Beifall und vor allem der Wunsch zur Nachahmung hielten sich zu 253 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 107 f. 254 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 155. Springhorn, Lippisches Landesmuseums in Detmold, 1985, S. 12ff. Springhorn, 150 Jahre Naturwissenschaftliche Sammlung und Naturhistorisches Museum in Detmold, 1985, S. 287 u. 291. Martin, Dermoplastik und Museologie, 1870, S. 6. 255 Springhorn, 150 Jahre Naturwissenschaftliche Sammlung und Naturhistorisches Museum in Detmold, 1985, S. 291. 256 Weerth, Das naturwissenschaftliche Museum in Detmold, 1862, S. 2. 257 Ebd. 258 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 6. Springhorn, Die frühe Phase der Naturhistorischen Sammlung des Lippischen Landesmuseums, 1985, S. 98 f. 259 Ebd. Vgl. a. Rickling/Springhorn, 175 Jahre in 175 Tagen. Lippisches Landesmuseum Detmold, 2010, S. 30. 260 Weerth, Das naturwissenschaftliche Museum in Detmold, 1862, S. 2. Vgl. a. Springhorn, Die frühe Phase der Naturhistorischen Sammlung des Lippischen Landesmuseums, 1985, S. 99. Nach Auskunft von Prof. Dr. Springhorn, dem ehemaligen Leiter des Lippischen Landesmuseums, befinden sich noch heute Präparate und Tiergruppen aus Martins Hand in der Magazinsammlung des Museums. 261 Weerth, Das naturwissenschaftliche Museum in Detmold, 1862, S. 2. 4 Ergebnisse 340 dieser Zeit aber noch in Grenzen. Das Detmolder Museum mit seinen Semi-Habitat Dioramen war, wie Martin im Jahre 1870 bemerkte, die „erste öffentliche Anstalt dieser Art“ gewesen, „welche es wagte, dem systematischen Zopf die Stirn zu bieten“ und gehörte damit zu den wenigen deutschen Naturkundemuseen, in denen diese Art der Darstellungen favorisiert wurden.262 Als ein weiteres naturhistorisches Museum im Deutschen Kaiserreich, welches tiergeografisch konzipierte Semi-Habitat Dioramen mit dermoplastischen Tiernachbildungen in einer Schausammlung einsetzte, gilt das Großherzogliche Museum in Darmstadt.263 Dessen „Inspektor“ Gottlieb von Koch (1849-1914), der sein Amt bereits im Alter von dreiundzwanzig Jahren antrat und sowohl das erforderliche künstlerische Talent als auch die handwerklichen Fähigkeiten besaß, die laut Martin einen guten zoologischen Präparator ausmachten, wandte sich ebenfalls schon früh der Martinschen Dermoplastik zu. Er gestaltete und konzipierte als „einziger Museumsdirektor“ die Dermoplastiken und tiergeografischen Gruppen seines Museums – unter Mithilfe eines Präparators – selbst.264 Zu Beginn wurde Koch dabei von dem bereits seit vierzehn Jahren in Darmstadt wirkenden Friedrich Kerz (1842-1915) unterstützt und beeinflusst.265 Kerz war ebenfalls ein Anhänger der von Martin begründeten Dermoplastik, entwickelte jedoch eine etwas von der Martinschen Technik abweichende dermoplastische Methode. Bereits zwei Jahre nach Kochs Berufung als Direktor des Darmstädter Museums wechselte Kerz als Nachfolger Martins ans Stuttgarter Naturalienkabinett, dessen Stelle seit seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst nur provisorisch besetzt gewesen war.266 Kerz erlangte schon während seiner Darmstädter Zeit, beispielsweise mit seinen Nachbildungen eines Quaggas – das letzte Quagga war im Jahre 1883 im Zoo von Amsterdam gestorben – sowie der Gestaltung einer Okapigruppe, Ruhm und Auszeichnungen und wurde zum Vorbild für junge Präparatoren.267 Er gehörte damit nicht nur zu den Präparatoren, die Martins Techniken und visuellen Konzepte aufgriffen, verbreiteten und weiterentwickelten, sondern er stellte das Bindeglied zwischen den „Altmeistern“ Ploucquet und Martin sowie den Protagonisten des neuen Jahrhunderts wie Herman H. Ter Meer dar. Als weitere Museen, an denen von Direktoren und Präparatoren die visuellen Konzepte Martins bereits in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts aufgegriffen und umgesetzt wurden, sind die fürstliche Naturaliensammlung in Donaueschingen sowie das „Zoologische Museum und Zooplastische Kabinett“ in 262 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 155. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 6. 263 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 177. 264 Ebd. 265 Ebd., S. 179. 266 Vgl. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 179. Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts in Stuttgart, 1896, S. 380ff. 267 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 179. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 341 Münster zu nennen268. Die Geschichte der Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück, als der Reichsfürst Carl Joachim zu Fürstenberg (1771-1804) in seinem Schloss in Hüfingen eine Naturaliensammlung begründete.269 Nach einer wechselvollen Geschichte fand diese Naturaliensammlung ihren Platz in der unter dem Fürsten Carl Egon III. (1820-1892) in den Jahren 1865-1868 zum Museum umgebauten Zehntscheuer in Donaueschingen, wo es sich heute noch befindet.270 Es war als sogenanntes „Vielzweckmuseum“ konzipiert, in dem auf drei Stockwerken sowohl die fürstenbergische Kunstsammlung als auch die geologisch-mineralogische und die zoologische Sammlung untergebracht werden sollte. Von Beginn an gehörte die Bildung und Belehrung der „Bevölkerung der fürstenbergischen Lande“ zu den Aufgaben des seit 1873 öffentlich zugänglichen Museums.271 Die Leitung der Sammlungen hatte seit 1842 der fürstenbergische Leibarzt Dr. Emil Rehmann (1817-1879) inne.272 Rehmann setzte sich besonders dafür ein, dass der „reiche Schatz der Naturalien auf instruktive Weise zu Jedermanns Ansicht und Nutzen ausgestellt wurde“.273 Dazu dienten, neben der schon in früheren Jahren erworbenen größeren „Anzahl gut präparierter Vögel und Säugetiere“ von der bekannten französischen Präparationswerkstatt der Brüder Verreaux, auch von Martin angefertigte Tiernachbildungen und Tiergruppen.274Zudem griff Rehmann dessen Anregungen und Vorstellungen beim erwähnten Neubau des Museums sowie der Neukonzeption der zoologischen Sammlung auf.275 Die Bemühungen Rehmanns und des Fürstlich Fürstenbergischen Museum in Donaueschingen pries Martin in seiner „Dermoplastik und Museologie“ sogar als nachahmenswertes Beispiel für andere Naturaliensammlungen.276 Auch im „Provinzialmuseum“ des Münsteraner zoologischen Gartens, das von Zoodirektor Hermann Landois (1835-1905) auf dem Dachboden des Restaurations- 268 Zum Museum in Münster vgl. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 94. u. S. 177. Zum Museum in Donaueschingen vgl. Küppers-Fiebig, Die Naturkundlichen Abteilungen der Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen, 1993 u. Küppers-Fiebig, Die Entstehung und Entwicklung der Fürstlich Fürstenbergischen Naturkundesammlungen, 1994. Vgl. a. Rehmann, Die fürstliche Naturaliensammlung in Donaueschingen, 1872. 269 Küppers-Fiebig, Die Entstehung und Entwicklung der Fürstlich Fürstenbergischen Naturkundesammlungen, 1994, S. 120. 270 Rehmann, Die fürstliche Naturaliensammlung in Donaueschingen, 1872, S. 119. Die Sammlung befindet sich auch heute noch nahezu in ihrem ursprünglichen Zustand und ist damit ein einzigartiges Zeugnis für eine naturhistorische Sammlung aus dem 19. Jahrhundert. Vgl. Küppers-Fiebig, Die Naturkundlichen Abteilungen der Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen, 1993, S. 5. 271 Küppers-Fiebig, Die Naturkundlichen Abteilungen der Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen, 1993. 272 Rehmann, Die fürstliche Naturaliensammlung in Donaueschingen, 1872, S. 114. 273 Ebd., S. 108. 274 Ebd., S. 117. 275 Rehmann, Die fürstliche Naturaliensammlung in Donaueschingen, 1872, S. 120. Vgl. dazu auch Martin, Dermoplastik und Museologie, 1870, S. 8. 276 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S, 8. 4 Ergebnisse 342 gebäudes eingerichtet worden war, begann man bereits um 1875 damit, Martinsche Ideen und Methoden zu übernehmen und umzusetzen.277 Die Konzeption der populären Schausammlung wurde von Hermann landois sowie dem Präparator Rudolf Koch (1855-1927) gemeinsam erarbeitet.278 Einerseits war geplant, in dem Schaumuseum „die Thiere, welche in der Provinz [Westfalen und Lippe] heimathen“ vollständig zu präsentieren und andererseits sollte auch die „ausländische Thierwelt in typischen Formen vorgeführt werden“.279 Die „Thiere“, so heißt es in dem Aufruf zur Gründung des Museums, „sollen in lebensfrischer Darstellung dem Auge vorgeführt werden“.280 Ebenso wie das Detmolder und Darmstädter Museum wurde die Münsteraner Schausammlung hauptsächlich nach tiergeografischen Gesichtspunkten konzipiert. Allerdings lehnte sich die Konzeption eng an Martins Vorstellungen an, indem sie zum Beispiel einerseits aus „tiergeographischen Tableaus“ für Australien, Afrika, Südamerika, etc. bestand und andererseits auch Darstellungen aus „Westfalens Vorzeit“ vorgesehen waren, ähnlich wie er sie in seinem Privatmuseum in Stuttgart gestaltet hatte.281 Die populäre Schausammlung von Koch und Landois hatte – wie Martins „Museum der Urwelt“ – nur wenige Jahre Bestand. Nach mehrfacher Erweiterung – sogar der Gastwirt musste in den Keller des eigentlichen Restaurationsgebäudes ziehen, um den zahlreichen Exponaten Platz zu machen – wurde die Schausammlung im Zuge des Museumsneubaus in Münster aufgelöst. Die neue Sammlung im 1892 eröffneten „Provinzialmuseum für Naturkunde“ wurde erneut nach systematischen Gesichtspunkten gegliedert.282 Martin äußerte sich über das Wirken von Landois und Rudolf Koch äußerst wohlwollend. So habe Landois ein „zoologisches Museum“ im Sinne seiner im zweiten Teil der „Praxis der Naturgeschichte“ formulierten „Auffassung und Darlegung […] errichtet“.283 Er selbst, bemerkte Martin, konnte mit seinen diesbezüglichen Wünschen „nicht immer so weit gehen, wie [er] 277 Hermann Landois war ursprünglich katholischer Geistlicher und wirkte später als Lehrer sowie als Privatdozent für Zoologie. 1871 wurde er „Vorsteher des zoologischen Museums“ und 1873 zum au- ßerordentlichen Professor ernannt. Er ist Verfasser zahlreicher Lehrbücher und eines Grundlagenwerks zu Westfalens Tierwelt. Außerdem stellte er – ähnlich wie Martin – „Zooplastische Präparate“ und „Tableaus“ her und verkaufte diese als Lehrmittel. Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 122 f. Tenbergen, Prof. Dr. Hermann Landois: Vom Theologen zum Zoologen, 2005. 278 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 94. Martin bezeichnet Rudolf Koch – in der ersten Auflage seiner „Naturstudien“ – als einen seiner Schüler. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1878, S. 81. 279 Franzisket, Die Geschichte des Westfälischen Museums für Naturkunde, 1967, S. 6. 280 Ebd. 281 Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 122 f. sowie Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 94. Zwischen Martin und Rudolf Koch beziehungsweise Hermann Landois gab es eine weitere Parallele. Ebenso wie Martin nahmen Koch und Landois an Weltausstellungen teil – 1873 in Wien und 1876 in London – und präsentierten dort ihre „Tableaus“ unterschiedlicher Tierklassen, die als Lehrmittel für den Unterricht vorgesehen waren. Vgl. Tenbergen, Prof. Dr. Hermann Landois: Vom Theologen zum Zoologen, 2005, S. 4 u. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 194 f. 282 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 94 f. 283 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1878, S. 81. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 343 nach Erfahrung und Ueberzeugung gern gegangen wäre“ […,] „weil man eben mit der Einführung von Gruppen in eine Staatssammlung befürchtete, von der bis dahin noch immer herrschenden Partei Vorwürfe zu erhalten“.284 Daher begrüße er es umso mehr, dass er von einigen anderen Museen, wie dem in Detmold, dem fürstlichen Museum in Donaueschingen sowie Sammlungen an anderen Orten mit Aufträgen für die Erstellung von Dermoplastiken und die Gestaltung von Tiergruppen „beehrt“ worden sei.285 Zudem hätten sich – so Martin weiter – außer ihm „noch andere tüchtige Fachleute“ – die übrigens an keinem Museum angestellt waren – wie beispielsweise Eduard Hodek (1827-1911) in Wien, „mit der Aufstellung von Thiergruppen namhaftes Verdienst erworben“.286 Der Wiener „Konservator“ Eduard Hodek gehörte zur gleichen Präparatorengeneration wie Martins Nachfolger am Stuttgarter Naturalienkabinett Friedrich Kerz. Er war aber, im Gegensatz zu den bisher erwähnten Kollegen Martins, nicht an einer Naturaliensammlung angestellt, sondern betrieb ein eigenes „Zoologisches Präparatorium“.287 Hodek war ursprünglich Forstmeister, konnte aber – auf Grund eines Unfalls – seit Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er begann stattdessen damit sein bisheriges „Steckenpferd“ – die Taxidermie – in welcher er es bereits zu großer Fertigkeit gebracht hatte, zum Beruf zu machen und eröffnete ein „steuerpflichtiges Tierausstopfereigeschäft“ in Wien.288 Ebenfalls wie Martin war er ein Verfechter dermoplastischer Techniken, die er teilweise selbst entwickelt hatte. Zudem fertigte er Auftragsarbeiten für Museen sowie private Sammler an.289 Einer seiner Auftraggeber bescheinigte ihm, dass er meisterlich „psychische Affekte der Tiere mit genialem Empfinden in den Präparaten zu Ausdruck“ bringen könnte, was, wie Martins „Dermoplastik und Museologie“ zu entnehmen ist, eines der Ziele seiner dermoplastischen Methode war.290 Inwieweit Hodek im Einzelnen Techniken und Konzepte Martins aufgriff, kann auf Basis der vorliegenden Quellen nicht mehr im Einzelnen dargestellt werden. Jedenfalls kannten und schätzten sich Martin und Hodek. Dies geht aus der ersten und zweiten Auflage von Martins Dermoplastik und Museologie hervor, in denen er Hodek als seinen „werthen Freund“ bezeichnet und ihm für seine Zuschriften und Beiträge dankt.291 Hodek ist daher zweifellos zu 284 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 16. Mit der „bis dahin herrschenden Partei“ sind die konservativ eingestellten und systematisch orientierten Museumsdirektoren gemeint. 285 Ebd. 286 Ebd. 287 Zu Hodek. S. Ráček, Mumia Viva, 1990, S. 104. 288 Ráček, Mumia Viva, 1990, S. 104. 289 Ráček, Mumia Viva, 1990, S. 104-106. Zu Hodek vgl. Tratz, Eduard Hodek der geniale Altmeister der Präparationskunst, 1969. 290 Ráček, Mumia Viva, 1990, S. 105. 291 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. XI. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 16. 4 Ergebnisse 344 jenem Kreis fortschrittlich gesinnter Präparatoren und Konservatoren zu zählen, welche die unter anderem von Martin erarbeiteten, modernen visuellen Konzepte zur Reform der Schausammlungen an naturhistorischen Museen und Naturaliensammlungen anwandten, verbreiteten und weiterentwickelten. Dazu trug er auch noch nach Martins Tod bei, indem er bei der posthum von Martins Söhnen herausgegebenen dritten Auflage der „Taxidermie“ maßgeblich mitarbeitete und diese mit den neuesten und aktuellen Entwicklungen in der Taxidermie und Dermoplastik ergänzte.292 „Netzwerke“ und ihre Bedeutung Bei der Verbreitung und Etablierung neuer Präparations- und Präsentationsmethoden spielten die informellen „Netzwerke“ der Präparatoren, reformorientierten Konservatoren und Museumsdirektoren eine wichtige Rolle. Ein Grund hierfür war, dass es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts weder einen Ausbildungsgang für zoologische Präparatoren noch eine Präparatorenschule gab.293 Stattdessen eigneten sich angehende Präparatoren die erforderlichen Techniken und Methoden mehr oder weniger autodidaktisch sowie über Lehrbücher an, wie denen von Naumann, Christian Ludwig Brehm und später Philipp Leopold Martin.294 Des Weiteren wurden das Wissen und die Arbeitsweisen ebenso wie die neuen visuellen Konzepte von Präparator zu Präparator und von Museum zu Museum weitergegeben. Arbeitsproben wurden ausgetauscht, Präparatoren oder Gehilfen zu Kollegen in die Ausbildung geschickt und gegenseitige Besuche dienten der Information und der Weiterbildung. Auf diese Weise entstand ein loses Netzwerk von Präparatoren und naturhistorischen Museen, welches der Verbreitung und der Umsetzung neuer Techniken und Konzepte diente. Und nicht zuletzt entstand dabei – wie Susanne Köstering konstatierte – eine „Ahnenreihe“ von Präparatoren, die ihr Wissen und ihre Techniken an die jeweils nächste Generation weitergaben.295 Zunächst einmal verdankte Martin zahlreiche seiner Anstellungen, in deren Rahmen er seine Techniken und Methoden entwickeln und vervollkommnen konnte, „Netzwerken“ im weiteren Sinne. Eine besonders große Rolle spielte hierbei Martin Hinrich Lichtenstein und seine zahlreichen Kontakte zu anderen Wissenschaftlern sowie Museums- und Sammlungsleitern. Lichtenstein begleitete und unterstützte Martin über Jahrzehnte hinweg. Durch ihn und seine Verbindungen erlangte er fast 4.2.3 292 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (3. Aufl.), 1886, S. IX. Eduard Hodek wird auf der ersten Seite des Werkes sogar als Mitautor angeführt. 293 Der Versuch Philipp Leopold Martins, eine Schule für Konservatoren am Zoologischen Museum im Berlin zu begründen, war leider nicht von Erfolg gekrönt. Vgl. Kap. 2.6.2, S. 86ff. 294 Naumann, Taxidermie, 1815. Brehm, Die Kunst Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren, 1842. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. 295 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 174ff. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 345 alle seiner – befristeten – Anstellungen und vor allem die Stelle im Berliner zoologischen Museum.296 Auch seine spätere Tätigkeit am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart hatte Martin im Grunde einem „Netzwerk“ zu verdanken. So wirkten zu der Zeit, als Martin die ersten Probleme mit seinem neuen Vorgesetzten Wilhelm Peters bekam, die ursprünglich aus Württemberg stammenden Zoologen Eduard von Martens und David Friedrich Weinland als Assistenten am Berliner zoologischen Museum. Dort lernten sie Martin kennen und konnten sich mit eigenen Augen von dessen Talent als zoologischer Präparator überzeugen.297 Außerdem hielt sich während dieser Zeit Martins Stuttgarter Kollege Hermann Ploucquet in Berlin auf. Er war aufgrund seines Augenleidens in die preußische Metropole gekommen, um dort einen Facharzt zu konsultieren. Ploucquet nutzte seinen Aufenthalt zu Studien am Berliner zoologischen Museum. Dort kam er mit Martin in Kontakt und schlug ihn – überzeugt von dessen Fähigkeiten – als seinen Nachfolger am Naturalienkabinett in Stuttgart vor. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn Martin hatte ähnliche Vorstellungen und Ansprüche bezüglich moderner Taxidermie sowie der Konzeption von Tiergruppen wie Ploucquet, der als „Urvater“ der „Stuttgarter Schule“ der Taxidermie und Dermoplastik gilt. Sein Urteil war wohl, neben der Fürsprache von Eduard von Martens, hauptverantwortlich dafür, dass Martin die Stelle als Erster Präparator in Stuttgart übertragen bekam. Dieser Vorgang um die Neubesetzung der Präparatorenstelle am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart verdeutlicht, dass sich die Kunde von Martins Talent als Präparator sowie seinen fortschrittlichen Präparationsmethoden in einschlägigen Fachkreisen schon während seiner Berliner Zeit – und zum Teil auch davor – verbreitet hatte. Fast überall, wo er mit seinen lebenswahren Tiernachbildungen und Tiergruppen auf das Interesse fortschrittlicher und reformfreudiger Sammlungsleiter und Konservatoren stieß, wurden seine Methoden sowie visuellen Konzepte früher oder später übernommen und weiterentwickelt. Als „Multiplikatoren“ dienten Gehilfen und Kollegen, die ans Stuttgarter Naturalienkabinett geschickt worden waren, um sie in Martinscher Taxidermie und Dermoplastik unterweisen zu lassen.298 Dies zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass die Martinsche Dermoplastik und ihre diversen Fortentwicklungen schon zu Martins Lebzeiten durch das erwähnte informelle Netzwerk von Präparatoren und naturhistorischen Museen Verbreitung fanden. Innerhalb dieses Netzwerks wurden die Martinschen Methoden weitergegeben, weiterentwickelt, gegebenenfalls ergänzt und mit besseren, aufgrund wissenschaftlicher und materialtechnischer Fortschritte erzielten, Methoden ersetzt.299 Seinen eigentlichen Ursprung hatte es am Stuttgarter Naturalienkabinett mit Hermann Ploucquet und Philipp Leopold Martin. Netzwerke waren für den Begründer der Dermoplastik aber auch anderer Hinsicht von großer Bedeutung. Ebenso wie seine Taxidermie und Dermoplastik ohne 296 Vgl. Kap. 2.3, S. 62ff. 297 Vgl. im Folgenden Kap. 2.7, S. 92ff. 298 Zu den entsprechenden Präparatorenkollegen vgl. Kap. 4.2.2, S. 339ff. 299 Vgl. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 176ff. 4 Ergebnisse 346 die Unterstützung fortschrittlicher Präparatoren und Direktoren naturhistorischer Museen nie eine so große Verbreitung hätten finden können, hätte er ohne die tatkräftige Hilfe ihm wohlgesonnener Fachkollegen und Verantwortlichen an Museen und Sammlungen auch keine adäquate Anstellung bekommen. Dasselbe gilt für die Chancen seine zum Teil recht aufwendigen visuellen Konzepte zu verwirklichen. Erst die Unterstützung der oben erwähnten einflussreichen und finanzkräftigen Personen ermöglichte es Martin, die meist sehr kostspieligen Projekte umzusetzen. Die Frage der Finanzierung war aber nur eine Seite der Medaille. So standen ihm bei Umsetzung seiner aufwendigen und arbeitsreichen Vorhaben, sei es die mehrbändige „Praxis der Naturgeschichte“ oder auch das „Museum der Urwelt“ mit seiner gigantischen Mammutnachbildung, auch ein Kreis von Familienangehörigen, Freunden und sonstigen Helfern zur Seite, ohne die er sie niemals in diesem Umfang hätte durchführen können. Gegner In Fachkreisen und im Umfeld des naturhistorischen Museums trafen seine Kritik an der Sammel- und Ausstellungspraxis sowie die von ihm vorgeschlagenen Reformen freilich nicht nur auf Zustimmung. Bisweilen musste er gegen erhebliche Widerstände und Vorbehalte konservativer Museumsdirektoren ankämpfen. Im Folgenden wird daher ergänzend angesprochen, welche Personen oder Personenkreise Martins Vorstellungen und Ideen kritisierten, ihm ihre Unterstützung versagten und aus welchem Grund sie das taten. Einige davon standen zwar untereinander in Kontakt, von einem „Netzwerk“ kann in diesem Zusammenhang allerdings nicht gesprochen werden. Zu den größten Kritikers Martins gehörten zwei seiner Vorgesetzten, der Nachfolger Lichtensteins als Leiter des Zoologischen Museums der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin, Wilhelm Peters sowie – mit Einschränkungen – der Direktor des Stuttgarter Naturalienkabinetts Ferdinand Krauss. Neben Krauss und Peters war auch der Darmstädter Zoologe Gottlieb von Koch einigen Vorstellungen Martins gegenüber eher skeptisch eingestellt. Diese exponierten Persönlichkeiten aus dem damaligen Wissenschaftsbetrieb und dem naturhistorischen Sammel- und Museumswesen stehen beispielhaft für all jene damaligen Museumsleute und Wissenschaftler, die gegenüber einer Reform des naturhistorischen Sammel- und Ausstellungswesens – nicht nur im Martinschen Sinne – grundsätzliche Bedenken hatten. Der schärfste Kritiker Wilhelm Hartwig Peters Der aus Schleswig stammende Pfarrerssohn Wilhelm Carl Hartwig Peters studierte von 1834-1838 in Kopenhagen und Berlin Medizin und Naturwissenschaften und waranschließend bei dem berühmten Physiologen Johannes Müller als Assis- 4.2.4 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 347 tent tätig.300 In den Jahren 1838-1840 sowie 1842-1848 unternahm Peters mehrere Forschungsreisen, zunächst ans Mittelmeer und zwei Jahre später nach Afrika, wo er für das Berliner zoologische Museum umfangreiche Sammlungen anlegte, die er nach seiner Rückkehr bearbeitete und klassifizierte. 1853 wurde er außerordentlicher Professor an der Berliner medizinischen Fakultät, drei Jahre später „Mitdirektor“ des Berliner zoologischen Museums und nach Lichtensteins Tod auch dessen Nachfolger.301 Sofort nach seinem Amtsantritt nahm er die – zweifellos notwendige – Neuorganisation und Neuausrichtung des Museums in Angriff.302 Dabei berücksichtige er vor allem die Aufgabe der Sammlung für die Forschung und Lehre. Ihre Organisation und Präsentation sollte künftig primär an den Bedürfnissen von Wissenschaftlern und Studenten ausgerichtet werden. Im Zusammenhang mit dem Revirement der Sammlung änderte sich auch der Aufgabenbereich der Präparatoren. Martin wurden zahlreiche Privilegien gestrichen, die er unter dem ihm eher freundschaftlich gesonnenen Direktor Lichtenstein noch besessen hatte. Außerdem kollidierte Peters streng wissenschaftlich-systematische Ausrichtung mit dessen Auffassung bezüglich einer lebenswahren Präparation – und nicht zuletzt auch mit seinem daraus resultierenden beruflichen Selbstverständnis. Der unvermeidliche Konflikt, der zwischen Peters und Martin aufflammte und im Weggang Martins kulminierte, ist weiter oben schon ausführlich dargestellt worden. Im Folgenden wird daher untersucht, aus welchen Gründen Peters kein Verständnis für Martins Arbeitsweise und seine Vorstellungen aufbrachte und in welcher Form sich dieses Unverständnis zeigte. Zudem kommt zur Sprache ob – und auf welche Weise – Peters versuchte, Martin auf seinem weiteren Lebensweg Steine in den Weg zu legen, um dessen Bemühungen zu torpedieren. Peters Auffassungen von der Aufgabe und damit auch der Konzeption einer zoologischen Sammlung unterschieden sich von der Martins und anderer Museumsreformer fundamental. Noch in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als sich die Sammlungstrennung an den Naturkundemuseen des Deutschen Kaiserreiches langsam durchzusetzen begann, lehnte Peters diese grundsätzlich ab.303 Denn in einem naturhistorischen Museum – so Peters – sollten möglichst alle rezenten Tiere aus allen Weltgegenden als zoologische und anatomische Präparate in unterschiedlichen Entwicklungsstufen untereinander und zusammen mit den ausgestorbenen Tierarten studiert und verglichen werden können.304 Einer lebenswahren Präparation oder gar Präsentation von Tiernachbildungen in tiergeografischen, biologischen oder den von Martin favorisierten Familiengruppen erteilte er eine Absage. 300 Frädrich/Klös, Die Arche Noah an der Spree, 1994, S. 65. Hilgendorf, Peters, Wilhelm Carl Hartwig, 1887, S. 489ff. Hoppe, Peters, Wilhelm Carl Hartwig, 2001, S. 247-249. 301 Frädrich/Klös, Die Arche Noah an der Spree, 1994, S. 65. Hilgendorf, „Peters, Wilhelm Carl Hartwig”, 1887, S. 489ff. u. Braun, Das Zoologische Museum der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin, 1910, S. 380. 302 Vgl. im Folgenden Kap. 2.6.2, S. 86ff. 303 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 51. Darüber geriet er während der Planungsphase des neuen Zoologischen Museums in Berlin mit dem zuständigen Architekten und dem Ministerium in Konflikt, wie Susanne Köstering darlegt. 304 Ebd. Hervorhebungen durch den Autor. 4 Ergebnisse 348 Prinzipiell stand Peters – wie mehrere seiner Biografen berichten – popularisierenden Bestrebungen eher ablehnend gegenüber und dem „größeren Publikum“ mit seinem Wunsch nach „Volkstümlichkeit“ stand er fern“.305 Dies zeigte sich unter anderem daran, dass Peters bezüglich seiner ihm nach dem Tode Lichtensteins ebenfalls zugefallenen Stellung als Königlicher Kommissar des Berliner zoologischen Gartens keine glückliche Hand hatte.306 Peters zurückhaltender Charakter und seine „Schroffheit im amtlichen Verkehr und im gewöhnlichen Leben“ mögen in diesem Zusammenhang, wo es auf gute Öffentlichkeitsarbeit und kommunikative Fähigkeiten ankommt eine gewisse Rolle gespielt haben.307 So liebenswürdig und zugänglich er Freunden und ihm nahe stehenden Personen gegenüber gewesen war, so zurückhaltend, ja fast schon feindselig, war wohl gegenüber jenen, die nicht auf sein Wohlwollen zählen konnten.308 Dies bekam Martin zu spüren. Es ist zwar nachvollziehbar, dass Peters ohne eine gewisse Härte und Durchsetzungsvermögen die Neuorganisation und Umgestaltung des zoologischen Museums nicht hätte bewerkstelligen können, seine Unnachgiebigkeit gegenüber Martin lag aber nicht alleine darin begründet. Sie hatte ohne Zweifel auch damit zu tun, dass Peters in den Bestrebungen Martins einerseits eine Gefahr für das von ihm favorisierte Bild eines ausschließlich der Wissenschaft verpflichteten naturhistorischen Museums sah und andererseits er das selbstbewusste Auftreten eines Präparators und dessen Interesse für Fragen, die weit über dessen eigentliches Betätigungsfeld hinausgingen, als nicht statthaft empfand. Anders wäre es nur schwer verständlich, dass Peters Martin auch noch nach dessen Abschied aus Berlin, Steine in den Weg legte.309 So verweigerte er seinem ehemaligen Präparator ein Arbeitszeugnis und unter anderem deswegen verzögerte sich sein Amtsantritt am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart. Das fehlende Zeugnis schadete ihm allerdings nicht, denn durch persönliche Empfehlungen wurde es mehr als aufgewogen. Wie tief und nachhaltig das Verhältnis zwischen Martin und Peters zerrüttet war und wie groß dessen Abneigungen gegen Martins Bestrebungen gewesen waren, zeigen auch die Vorkommnisse am Anschluss an die Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 – fast zehn Jahre nach seinem Weggang aus Berlin.310 Martin hatte die Nachbildung eines „antediluvianischen Löwen“ nach Berlin gesandt und sich im Begleitschreiben als Inspektor eines „Archäologischen Museums“ bezeichnet. Daraufhin beschwerte sich Peters brieflich bei dessen Vorgesetzten in Stuttgart, Ferdinand Krauss, und warf Martin Hochstapelei vor. Zudem bezeich- 305 Gebhardt, Peters, Wilhelm Karl Hartwig (1815-1883), 1970, S. 98 f. u. Hilgendorf, Peters, Wilhelm Carl Hartwig, 1887, S. 491. 306 Während das Jahr 1857 noch als besonders erfolgreiches in die Geschichte des Tiergartens einging, folgte unter Peters eine Phase der Stagnation und des Zerfalls. Der Tierbestand blieb jahrelang auf dem gleichen Niveau und die Anlagen veralteten, was freilich auch mit der schlechten finanziellen Situation des Zoos zusammenhing und nicht alleine Peters anzulasten war. Erst mit dem neuen wissenschaftlichen Direktor Bodinus begann eine neue Blüte des Berliner Zoos. Vgl. a. Klös/Fädrich, Die Arche Noah an der Spree, 1994, S. 65ff. 307 Hilgendorf, Peters, Wilhelm Carl Hartwig, 1887, S. 491 f. 308 Ebd. 309 Vgl. im Folgenden Kap. 2.7.1, S. 96ff. 310 Vgl. im Folgenden Kap. 2.10.2, S. 134ff. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 349 nete Peters – eben diese Nachbildung eines Höhlenlöwen – in einem Gutachten als „Theaterdecoration“, da sie nicht von einer wissenschaftlichen Autorität ausgeführt worden sei. Peters Vorwürfe belasteten zudem Martins Verhältnis zu seinem Stuttgarter Vorgesetzten Ferdinand Krauss, welches ohnehin angespannt war. Der strenge Vorgesetzte Ferdinand Krauss Martins Vorgesetzter, der gebürtige Stuttgarter Ferdinand Krauss, hatte – nach dem Besuch des Gymnasiums – zunächst die Apothekerlaufbahn eingeschlagen und studierte von 1834-1836 Pharmazie in Tübingen und Heidelberg.311 Anschließend promovierte er 1836 in den Naturwissenschaften.312 Von 1837 bis 1840 unternahm Krauss eine umfangreiche Forschungsreise, die ihn unter anderem nach Südafrika führte. Nach seiner Rückkehr trat er dem „Beamtenkörper“ des Stuttgarter Naturalienkabinetts als sogenannter „Unteraufseher“ bei.313 Diese Tätigkeit schloss unter anderem auch das „Ausbalgen und Skelettieren“ sowie das Erlernen der Grundlagen der Tierpräparation mit ein.314 Im Jahr 1845 wurde Krauss schließlich „dritter Aufseher“ des Naturalienkabinetts – mit dem Titel Professor – und bekam die botanische Abteilung sowie die der wirbellosen Tiere zugeteilt, bevor er im Jahre 1856 sowohl die zoologische Abteilung als auch die Leitung des Naturalienkabinetts übernahm.315 Ähnlich wie Wilhelm Peters entschloss sich Krauss zu einer Umorganisation und Neugestaltung der Sammlungen, wobei er allerdings mehr auf die Bedürfnisse des „allgemeinen Publikums“ Rücksicht nahm als sein Berliner Kollege.316 Während er die wissenschaftliche Sammlung nach taxonomisch-systematischen Gesichtspunkten organisierte, gestaltete er die sogenannte „vaterländische Sammlung“, die bis 1863 vom Verein für vaterländische Naturkunde betrieben worden war, nach „biologischen Gesichtspunkten“ – wobei unter „Biologie“ die Lehre von den „Lebensweisen der Tiere“ – also die deskriptive Biologie – zu verstehen war.317 Krauss war also – im Gegensatz zu Peters – durchaus daran interessiert, die Schausammlung seines Museums so zu präsentieren, dass sie zum Teil auch den Erfordernissen und den Ansprüchen des „allgemeinen Publikums“ entsprach.318 Diesbezüglich stimmte Krauss mit den entsprechenden Vorstellungen Martins überein, wobei dieser es aber bedauerte, dabei nicht so weit gehen zu dürfen wie er es eigentlich gewollt hätte.319 Dies war allerdings nicht der Hauptgrund, weshalb sich im Laufe der Jahre – nach anfänglicher gegensei- 311 Zu Krauss vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 58. Schüz, Professor Dr. Ferdinand von Krauss zum 150. Geburtstag, 1962, S. 83-98. Lampert, Zum 100. Geburtstag von Direktor Dr. Ferdinand Krauss,1912, S. 3-12. Krauss, Krauss, Dr. Christian Ferdinand Friedrich v., 1890, S. 127-135. 312 Ebd. 313 Lampert, Zum 100. Geburtstag von Direktor Dr. Ferdinand Krauss, 1912, S. 9. 314 Schüz, Professor Dr. Ferdinand von Krauss zum 150. Geburtstag, 1962, S. 94. 315 Ebd., S. 98. 316 Lampert, Zum 100. Geburtstag von Direktor Dr. Ferdinand Krauss, 1912, S. 9. 317 Ebd., S. 11 und Fraas, Nekrolog von Dr. Ferdinand Krauss, 1891, S. 37. 318 Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 56 u. S. 58ff. Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 15. 319 Ebd. 4 Ergebnisse 350 tiger Sympathie – das Verhältnis zwischen Krauss und Martin kontinuierlich verschlechtert hatte.320 Während Martin mit seiner Situation als zoologischer Präparator am Naturalienkabinett immer unzufriedener wurde und nach anderen – anspruchsvolleren – Aufgaben strebte, versuchte Krauss dies zu unterbinden und beharrte pedantisch auf eine Einhaltung der Dienstvorschriften und der Arbeitszeit. Auch wenn Krauss im Zusammenhang mit der Tätigkeit Martins als „Zoodesigner“ im Auftrage des württembergischen Königs Wilhelm I. sein Missfallen und seine Kritik wohl nicht zu äußern wagte, so war er in späteren Jahren weit weniger zurückhaltend.321 Dies hing in erster Linie mit Martins Bestrebungen bezüglich seiner Nachbildungen urweltlicher Tiere und deren geplanter öffentlicher Präsentation in einem eigenen Museum zusammen. Krauss missfiel Martins Engagement in dieser Richtung außerordentlich und dies nicht nur deshalb, weil es seiner Meinung nach mit seiner Arbeit am Naturalienkabinett kollidierte. Die entsprechenden Tiernachbildungen Martins hätten, so Krauss, keinerlei wissenschaftlichen Wert und seien daher der Förderung auch nicht würdig. Die Teilnahme Martins an der Weltausstellung in Paris versuchte Krauss ebenfalls zu untergraben, indem er keinerlei Finanzierung für dieses Vorhaben in Aussicht stellte und die Gewährung von Sonderurlaub zunächst ausschloss.322 Erst die Intervention von Ferdinand von Steinbeis, der Martin in dieser Hinsicht unterstützte, ermöglichte dessen Teilnahme. Krauss überzeugte das Engagement von Steinbeis aber keinesfalls. Stattdessen machte er sich die Meinung seines Berliner Kollegen Peters zu Eigen. So hatte er, bezüglich der Qualität von Martins Nachbildungen ausgestorbener Tiere und dessen „Anmaßung“, diese überhaupt anzufertigen, eine ähnliche Meinung wie Peters.323 Dass es sich bei diesen Nachbildungen wohl um die ersten lebensgroßen und plastischen Darstellungen urweltlicher Tiere auf dem europäischen Kontinent handelte und diese durchaus auf Basis der damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse und der vorliegenden Quellen entstanden waren, schien Krauss und Peters wenig beeindruckt zu haben.324 Dass er damit auf großes Interesse bei der Bevölkerung und der Besucher seiner Ausstellungen sowie der Pariser Weltausstellung gestoßen war, vermochte sie nicht überzeugen und war ihnen wohl eher suspekt. Deren fachlichen Einwände sowie die Klagen, dass Martin auf Grund seiner zahlreichen Nebentätigkeiten dienstliche Obliegenheiten vernachlässigt und die Arbeitszeit nicht eingehalten hatte, mögen zwar die Auslöser gewesen sein, waren aber gewiss nicht die eigentlichen Ursachen. Sie sind – mit ziemlicher Sicherheit – anderswo zu suchen. So hatte Martin mit seinem Verhalten, ebenso wie mit seinem Denken und Wirken, als akademisch nicht gebildeter, dem technischen Personal eines na- 320 Zu den Konflikten zwischen Krauss und Martin vgl. z. B. Kap. 2.7.3, S. 106ff. 321 Vgl. im Folgenden Kap. 2.10.1, S. 133. 322 Vgl. Kap. 2.9.2, S. 125ff. 323 Vgl. Kap. 2.10.2, S. 135. 324 Leider sind weder die Nachbildungen selbst noch deren Abbildungen erhalten. Am nächsten kommen ihnen wahrscheinlich die Darstellungen in Oskar Fraas’ Werk, „Vor der Sündfluth“, die Martin als Vorlage verwendet hatte. Fraas, Vor der Sündfluth, 1866. Martin, Katalog zur vermehrten Ausstellung urweltlicher Thiere, 1866. 4.2 Helfer, Gegner und Netzwerke 351 turhistorischen Museums zugehöriger, Präparator, eine Grenze überschritten, die ihm zu Übertreten nicht zugestanden wurde. Er maß sich nicht nur an, eigene Ideen und Konzepte zu entwickeln und diese zu publizieren, diese standen auch – jedenfalls in mancher Beziehung – den bis dato geltenden Paradigmen und Gepflogenheiten an den staatlichen naturhistorischen Museen entgegen. Die geschilderten Konflikte symbolisieren daher den Zusammenprall zweier Welten, der primär der Forschung und Lehre sowie vor allem der Systematik verpflichteten Vertreter des naturhistorischen Museums mit den jungen reformorientierten sowie eher „volkstümlichen“ Wissenschaftlern und den sogenannten „artisan scientists“, was weiter unten genauer thematisiert wird. Der Kritiker „biologischer Tiergruppen“ Gottlieb von Koch Die Kritik an Martin und seinem Werk bezog sich also weniger auf dessen Tätigkeit als zoologischer Präparator. Stattdessen stießen seine weitergehenden Ambitionen und visuellen Konzepte im Zusammenhang mit der Reform des naturhistorischen Ausstellungswesens auf Ablehnung. Denn während sich die Martinsche Taxidermie und Dermoplastik ebenso wie andere vergleichbare Techniken der Tiernachbildung im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchzusetzen begannen und Verbreitung fanden, wurde ihre Präsentation in Form von Semi-Habitat-Dioramen und Tiergruppen zunächst zurückhaltender aufgenommen.325 Die eher kritische Sicht auf die Tiergruppen Martinscher Provenienz wurde auch von dem, der Dermoplastik an sich zugeneigten, Darmstädter Konservator Gottlieb von Koch geteilt.326 Koch gehörte zwar zu den ersten Museumsdirektoren, die Martins Dermoplastik übernahmen und umsetzen – auch ließ er abstrakte tiergeografische Gruppen für sein Darmstädter Museum konzipieren und anfertigen – gegenüber lebenswahren und „biologischen“ Tiergruppen hatte er allerdings starke Vorbehalte und Bedenken.327 Er lehnte es ab, Tiere in natürlichen Posen darzustellen und bestand darauf, die dermoplastisch ausgeführten Nachbildungen ausschließlich in „Ruhestellung“ zu präsentieren.328 Andere Darstellungen würden, so Gottlieb von Koch, eher einem „Panoptikum“ ähneln und „ästhetisch empfindliche Augen geradezu beleidigen“.329 Trotz aller Kritik setzten sich die von Martin und anderen favorisierten lebenswahren Tiergruppen – vor allem die „biologischen“ und teilweise auch tiergeografischen – bis zum Beginn 325 Vgl. dazu auch Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 169. 326 Zu Gottlieb von Koch vgl. Kap. 4.2.2, S. 336. 327 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 141. 328 Ebd., S, 169. Nicht nur in Deutschland gab es Vorbehalte gegenüber dieser Art von Tiergruppen. Vgl. Lucas, The Story of Museum Groups, 1921, S. 5 u. Lucas, The Story of Museum Groups, 1914, S. 3. 329 Zitiert nach Meyer, Szenarien der Illusion: Panoramen und Dioramen, 1995, S. 47 und Meyer, Szenarien der Illusion, 1999, S. 1905. Der Begriff des „Panoptikums“ taucht bei den Kritikern immer wieder auf. Er stammt aus dem Griechischen (pãn = gesamt und optikós = optisch) und bezeichnete ein Kuriositäten- und/oder Wachsfigurenkabinett. Vgl. dazu auch Nyhart, The New Museum Idea in German Natural History, 1998, S. 18. Auch Wandolleck, Die Aufgabe der Museen, 1906, S. 638-653. 4 Ergebnisse 352 des 20. Jahrhunderts durch. Nur wenige Museumsleiter widersetzen sich noch dieser Entwicklung.330 Rezeption Die revolutionären visuellen Konzepte Martins sowie seine Weiterentwicklungen bereits vorhandener Arbeitsmethoden und Darstellungsformen stießen also auf ein geteiltes Echo. Während sie bei aufgeschlossenen und zukunftsgewandten Kollegen Interesse und Zustimmung fanden, lehnten sie weniger reformorientierte Museumsleiter zunächst ab.331 Aber wie wurde Martins diesbezügliches Wirken von ihren eigentlichen Adressaten – dem „allgemeinen Publikum“ – aufgenommen? Dies wird im Folgenden anhand ausgewählter Publikationen untersucht. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Nachbildungen urweltlicher Tiere sowie – insbesondere – der Stuttgarter Mammutnachbildung. Welchen unmittelbaren Eindruck Martins Präparate, Dermoplastiken und Tiergruppen bei Musems- und Schausammlungsbesuchern hinterlassen hatten, konnte – von Ausnahmen abgesehen – leider nicht in Erfahrung gebracht werden. Dies liegt nicht nur an der mangelnden Überlieferung entsprechender Quellen, sondern vor allem an der bis heute üblichen Sammel- und Ausstellungspraxis naturhistorischer und naturkundlicher Museen. So ist auf dem Etikett oder der Schautafel eines Exponates in der Regel – wenn überhaupt – allenfalls der Name des Sammlers oder des Mäzens und selten der des Präparators zu finden. Die Zuordnung einzelner Tiernachbildungen oder gar Tiergruppen zu einem bestimmten Präparator ist daher für Besucher und Laien kaum möglich. Selbst das Fachpersonal des Museums hat damit seine Mühe. Die Basis für die Untersuchungen über die öffentliche Rezeption von Martin und seinem Werk stellen in erster Linie ausgewählte populärwissenschaftliche Zeitschriften, die Stuttgarter Lokalpresse, sowie im Zusammenhang mit der Mammutnachbildung auch US-amerikanische Zeitungen dar. Diese Publikationen gelten in einer Zeit, in der es noch keine Besucherforschung sowie Besucherbefragungen in Museen und Sammlungen gab, als „Sprachrohr der Öffentlichkeit“ und stellten eine wichtige Verbindung zwischen dem Publikum und dem Museum dar.332 Literarisches Werk Philipp Leopold Martins mehrbändige „Praxis der Naturgeschichte“ fand nicht nur unter seinen Kollegen, sondern auch in Kreisen naturkundlich interessierter Laien Verbreitung und stieß dort auf Resonanz. Auch für sie galt der in mehreren Auflagen erschienene erste und zweite Teil der „Praxis der Naturgeschichte“ für Jahrzehnte 4.3 4.3.1 330 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 169. 331 Vgl. Kap. 4.2.4, S. 347ff. 332 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 134. 4.3 Rezeption 353 als das Standardwerk der Tierpräparation und löste die im deutschen Sprachraum verbreiteten Werke von Johann Friedrich Naumann oder Christian Ludwig Brehm ab.333 Die ersten Rezensionen zur „Praxis der Naturgeschichte“ erschienen 1869 im „Zoologischen Garten“ sowie im „Lotos“ – einer in Prag publizierten „Zeitschrift für die Naturwissenschaften“.334 Laut dem Rezensenten des „Zoologischen Gartens“ sei dieses Werk ein „Wegweiser zum Einschlagen neuer Bahnen“ in der Naturgeschichte.335 Dem Verfasser bescheinigte er „reiche Kenntnisse über die Behandlung lebender und toter Naturkörper“ und „das Streben, das Ausstopfen der Thiere zu einer wirklichen Kunst zu erheben“.336 Der Rezensent des „Lotos“ wies hingegen darauf hin, dass die dem ersten Teil beigefügten Abbildungen vom „rühmlich bekannten Thierzeichner Friedrich Specht“ stammten und das Werk in der Tradition weiterer bekannter Naturforscher und Präparatoren stünde.337 Zudem stellte er fest, dass weitere Teile folgen werden.338 Auch der ein Jahr später ebenfalls im „Zoologischen Garten“ besprochene zweite Teil der „Praxis der Naturgeschichte“ fand das Wohlwollen des Rezensenten. Die „Dermoplastik und Museologie“ Martins würde „nicht verfehlen, bei allen Fachleuten“ und bei „Allen, die sich für Sammlungen und Aufbewahrung von Tieren interessiren, Aufmerksamkeit zu erregen“ […] „und von Nutzen sein“.339 Seine Ansätze „Sammlungen anregend und darum ihrem Zwecke entsprechend auch möglichst nutzbringend zu machen“ wurde vom Verfasser der Rezension geteilt.340 Als acht Jahre später die Rezension der ersten Hälfte des dritten Teils der „Praxis der Naturgeschichte“ erschienen war, hob der Rezensent den großen Erfolg der ersten beiden Teile hervor, welche sich bereits „den Dank der Sammler, Präparateure und Naturfreunde erworben“ hätten.341 Dieser – im Jahre 1878 publizierte – Teil mit dem Titel „Naturstudien“, wurde etwas differenzierter beurteilt.342 Das Werk, welches die Haltung und Zucht lebender Tiere sowie die Konzeption und Gestaltung zoologischer Gärten zum Inhalt hatte, zeugte – laut Rezensent – davon, dass Martin ein „warmer Freund der Thiere“ sei.343 Eines seiner Anliegen war, so der Verfasser der Rezension weiter, dass er „neben möglichst günstigen Bedingungen für deren Gedeihen auch dem besseren Geschmacke in Anlage und Ausschmückung der Gärten […]“ 333 Naumann, Taxidermie, 1815. Brehm, Die Kunst Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren, 1842. 334 Der Zoologische Garten 5, 1869, S. 159. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. Weitenweber, „Die Praxis der Naturgeschichte“, in: Lotos 19, 1869, S. 64. 335 Bei den erwähnten Rezensenten handelt es sich wahrscheinlich um den damaligen Herausgeber des „Zoologischen Gartens“, dem Zoologen und Friedrich Carl Noll (1832-1893). 336 Der Zoologische Garten 5, 1869, S. 159. 337 Weitenweber, „Die Praxis der Naturgeschichte“, in: Lotos 19, 1869, S. 64. 338 Ebd. 339 Der Zoologische Garten 11, 1870, S. 387. 340 Ebd. 341 Der Zoologische Garten 19, 1878, S. 191. 342 Ebd., S. 191 f. 343 Ebd., S. 192. 4 Ergebnisse 354 Rechnung getragen wissen wollte.344 Martins umfassenden Plänen für „Naturhistorische Gärten und einem „Centralgarten für Natur- und Völkerkunde“ konnte er jedoch wenig abgewinnen.345 Er bezweifelte, dass es „möglich sein wird, botanische und zoologische Gärten, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, völlig zu verschmelzen“ und dies erscheine ihm „nicht einmal wünschenswert“.346 Drei Jahre vor Martins Tod wurde schließlich die zweite Hälfte des dritten Teils „Naturstudien“ mit dem Titel „Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder und Gesundheitspflege gefangener Thiere“ veröffentlicht.347 Auch dieses in Zusammenarbeit mit anderen Autoren verfasste Werk stieß bei den Redakteuren des „Zoologischen Gartens“ auf Wohlwollen. Sie betonten in ihrer Rezension, dass sich Martin darin vermehrt dem Naturschutz widmete und die „Hebung des naturkundlichen Unterrichts sowie der „Thätigkeit der Thierschutzvereine“ forderte.348 Dieser Aspekt der Martinschen „Naturstudien“ wurde im „Literarischen Merkur von 1882 ebenfalls gewürdigt, wobei der Rezensent besonders auf Martins Engagement bezüglich des „Allgemeinen Naturschutzes“ hinweist, welches er als „Glanzpunkt des Werkes“ bezeichnete.349 Insgesamt – so erneut der „Zoologische Garten“ – würde die „Praxis der Naturgeschichte“ die „Bedürfnisse der Thiersammler- und -Züchter“ erfüllen, sowie sich „mit Recht grossen Beifalls“ erfreuen.350 Martin selbst äußerte sich überrascht über den großen Erfolg seiner „Praxis der Naturgeschichte“.351 Ursprünglich war das in mehreren Auflagen erschienene Werk schließlich nur für einen begrenzten, fachlich gebildeten Leserkreis veröffentlicht worden. Auf Grund der weiten Verbreitung ist aber davon auszugehen, dass die „Praxis der Naturgeschichte“ auch von zahlreichen naturhistorisch interessierten Laien erworben und gelesen wurde.352 Zu seiner Popularität in diesen Personenkreisen mögen auch die vor einigen Jahren in Brockhaus’ „Illustrirten Haus- und Familienlexikon“ publizierten populären Artikel Martins zur Taxidermie beigetragen haben.353 344 Ebd. 345 Ebd., S. 192. Die Verbundenheit Martins mit der Natur und Tierwelt hob auch ein Rezensent der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift“ hervor. In seiner Besprechung von Martins populärwissenschaftlichem Werk „Das Vogelhaus und seine Bewohner“ betonte er den „gefühlswarmen, nicht selten mit Citaten geschmückten, poetisch angehauchten Style“. Vgl. Naturwissenschaftliche Wochenschrift 8 (26) 1893, S. 262. 346 Der Zoologische Garten 19, 1878, S. 192. 347 Der Zoologische Garten 23, 1882, S. 190. 348 Ebd. 349 Tappert, Rezension zu „Die Praxis der Naturgeschichte“, Teil 3. Literarischer Merkur 2 (14), 1882, S. 8. Vgl. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 73. 350 Der Zoologische Garten 23, 1882, S. 190. 351 Martin, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 234. 352 Ebd. 353 Dieses Lexikon erschien von 1860-1865 in der ersten und 1867 in der zweiten „wohlfeilen“ Ausgabe. Vgl. Brockhaus, Die Firma F.H. Brockhaus von der Begründung bis zum hundertjährigen Jubiläum: 1805-1905, 1905, S. 211. Mit der kurze Zeit vor seinem Tod ebenfalls bei Brockhaus erschienenen populär gehaltenen „Illustrirten Naturgeschichte der Tiere“, mit welcher Martin den „Kreis praktischer und theoretischer Naturkunde“ schließen wollte“, konnte er jedoch nicht an den großen Erfolg 4.3 Rezeption 355 Neben der mehrbändigen „Praxis der Naturgeschichte“ wurden auch weitere Ver- öffentlichungen Martins – vornehmlich in der einschlägigen Presse – erwähnt und zum Teil rezensiert. So findet sich 1871 ebenfalls im „Zoologischen Garten“ eine knappe Würdigung seiner in der Zeitschrift „Der Waidmann, Blätter für Jäger und Jagdfreunde“ publizierten Artikelserie „Das deutsche Reich und der internationale Thierschutz“.354 Der Rezensent weist hierbei insbesondere auf die „mit Sachkenntniss und Wärme geschriebenen Artikel“ hin, in denen sich Martin für die „Erhaltung einzelner Thiergattungen“ und damit den Artenschutz einsetze.355 Eine ausführlichere Rezension zu Martins Werk „Christian Ludwig Brehm’s Vogelhaus und seine Bewohner“ wurde im Jahr 1873 im „Journal für Ornithologie“ ver- öffentlicht.356 Dieses würde „mannigfachen Kreisen der Liebhaber sehr gelegen kommen“ und enthalte „alles, was eine vieljährige Erfahrung und Selbstbeobachtung dem Verfasser an Wissenswerthem“ dem Leser „zur Verfügung“ stelle. Der Autor wünschte „dem Buche des als geistvollen Zooplasten in den weitesten Kreisen rühmlichst bekannten Verfassers, dem ein wahres Künstlergemüth inne wohnt und der als Wanderer die Wunder der Tropen schaute, ohne die Heimat darüber zu vergessen, den ihm gebührenden günstigen Erfolg“.357 Mit dem Titel „Mensch und Thierwelt im Haushalt der Natur“ wurde eine weitere Monografie Martins einer Rezension unterzogen.358 Der Autor dieser Rezension mit den Initialen E. v. M. war wahrscheinlich kein geringerer als Eduard von Martens, der Martin bereits seit seiner Berliner Zeit kannte und der sich dafür einsetzte, dass dieser an das Stuttgarter Naturalienkabinett wechselte. Trotz dessen kritischer Anmerkungen zum besagten Werk bestätigt er die von Martin postulierte zunehmende Bedeutung des Tier- und Naturschutzes zur damaligen Zeit.359 Martins Nachbildungen urweltlicher Tiere Während der Bekanntheitsgrad von Martins literarischem Hauptwerk an Hand von Rezensionen und Verlagsschriften ansatzweise bewertet werden kann, so muss für die Untersuchung der Rezeption seiner visuellen Konzepte die zeitgenössische Presse und Lokalpresse herangezogen werden. Hierbei fanden vor allem seine Ausstellungen ur- 4.3.2 seiner „Praxis der Naturgeschichte“ anknüpfen. Diese erschien in nur einer Auflage. Vgl. F. A. Brockhaus Verlag, Vollständiges Verzeichnis der von der Firma F.A. Brockhaus in Leipzig seit dem Jahre 1873 bis zu ihrem hundertjährigen Jubiläum im Jahre 1905 verlegten Werke, 1905, S. 258ff. 354 Martin, Das deutsche Reich und der internationale Thierschutz (Teil 1), in: Der Waidmann. Blätter für Jäger und Jagdfreunde 3, Heft 1ff, 1871. 355 STR 1871, Rezension zu: Das deutsche Reich und der internationale Thierschutz. Teil 1-2, in: Der Zoologische Garten 12, S. 378-379. 356 Martin/Brehm, Christian Ludwig Brehms Vogelhaus und seine Bewohner, (3. Aufl.), 1872. 357 Bolle, Rezension zu: Chr. L. Brehm's Vogelhaus und seine Bewohner Bericht. Journal für Ornithologie 21, 1873, S. 29-30. 358 Martin, Mensch und Thierwelt im Haushalt der Natur, in: Medizinische und Naturwissenschaftliche Abhandlungen, 1889. 359 M., E. v., Rezension zu: Mensch und Tierwelt im Haushalt der Natur. Der Naturforscher 13 (39), 1880, S. 368. 4 Ergebnisse 356 weltlicher Tiere sowie die Eröffnung und das Schicksal seines privaten „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ großen Widerhall. Von Beginn an begleiteten die Stuttgarter Lokalpresse sowie der „Zoologische Garten“ die diesbezüglichen Bemühungen Martins, was aufgrund der Einmaligkeit und Besonderheit dieses Vorhabens auch nicht verwunderlich war.360 Bereits über seine erste Ausstellung urweltlicher Tiere im Jahre 1865 im Stuttgarter Königsbau wurde in der Lokalpresse berichtet, wobei natürlich in erster Linie die „plastischen“ und lebensgroßen Ausführungen seiner vier „schwäbischen Ureinwohner“ große Beachtung fanden und begeistert aufgenommen wurden.361 Der Eindruck, den sie beim Betrachter hinterlassen hatten, war mit der herkömmlicher Abbildungen kaum vergleichbar. So bemerkte die Schwäbische Chronik“, ihre Darstellung sei eine auf „wissenschaftlicher Anschauung beruhende, ruhige und nüchterne.362 Sie entspreche – soweit dies überhaupt möglich sei – „sicherlich annähernd der Wahrheit“.363 Martins Ausstellung, so „Der Zoologische Garten“, würde „unter Gebildeten das größte Interesse“ erregen und sei „für Jeden verständlich und lehrreich“.364 In den erwähnten Zeitschriften und Zeitungen hoben die Verfasser die wissenschaftliche Korrektheit der Nachbildungen hervor, die durch die Berücksichtigung der Fossilien, Knochen- und Skelettfunden des Königlichen Naturalienkabinetts in Stuttgart erreicht worden sei. Abschließend gab man Martin den Rat mit auf den Weg, seine Ausstellung urweltlicher Tiere zu vervollständigen und „sodann die Hauptstädte Europa’s mit derselben zu bereisen, was – im Zusammenhang mit der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 – dank finanzieller Unterstützung der württembergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel in einem Fall auch in Angriff genommen werden konnte.365 Ein Teil dieser Tiernachbildungen fand später in Martins privatem „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ in Nills Tiergarten am Herdweg in Stuttgart eine neue Heimat. Die Planung und Eröffnung dieses Museums wurde von der Stuttgarter Presse sowie dem „Zoologischen Garten“ aufmerksam beobachtet und lebhaft begleitet.366 Am 15. August 1874 findet sich in der „Schwäbischen“ Chronik die erste Meldung über das im Entstehen begriffene Privatmuseum. Hierin wurden Martin „große naturwissenschaftliche Kenntnisse“ bescheinigt, welche dieser dadurch „verwerthe“, dass er das „lernbegierige Publikum mit der Thier- und Pflanzenwelt der Urzeit“ bekannt machen wolle.367 Martin würde sich, so stellte die „Schwäbische Chronik“ fest, dieser Sache „mit dem vollen Ernste der Wissenschaftlichkeit und des künstleri- 360 Vgl. Kap. 2.9, S. 122ff. 361 Ebd. 362 Schwäbische Chronik vom 17. Oktober 1865. 363 Ebd. 364 Martins Ausstellung urweltlicher Thiere, in: Der Zoologische Garten 6, 1865, S. 436 f. 365 Ebd. Martin war es – wahrscheinlich aus finanziellen und organisatorischen Gründen – nicht möglich, mit seiner Ausstellung in weiteren europäischen Städten zu gastieren. 366 Einige Beiträge im „Zoologischen Garten“ über Nills Tiergarten und das daran angeschlossene Museum der Urwelt stammen aus Martins eigener Hand und werden daher im Kontext dieses Kapitels nicht herangezogen. Vgl. Bibliografie Kap. 7.3.4, S. 487ff. 367 Museum der Urwelt bis zur Gegenwart in Nills Tiergarten, in: Schwäbische Chronik vom 16. August 1874. 4.3 Rezeption 357 schen Sinnes“ widmen.368 Schon bald nach der Eröffnung am 12. Mai 1874 erschien ein weiterer Bericht. Die „Schwäbische Chronik“ forderte darin, neben den Fachleuten und Lehrern, auch den Laien die Bedeutung dieses Institutes klar zu machen, welches den Besuchern die geologische Beschaffenheit Württembergs, seine „Ureinwohner“ sowie die Naturgeschichte von der „Urwelt bis zu Gegenwart“ plastisch, anschaulich und wissenschaftlich korrekt vor Augen führe.369 Nach anfänglicher Begeisterung ließ das Interesse der Bevölkerung am Museum der Urwelt allerdings nach. Zwei Jahre später berichtete die Zeitung über die Schließung des Museums sowie den Verkauf der Mammutnachbildung in die USA an Henry Augustus Ward, den bekannten Naturalienhändler und Sammler. Dem Mammut sei, so die „Schwäbische Chronik“, „unsere Stadt doch zu klein geworden“. Der Verkauf der Mammutnachbildung wurde als Verlust gesehen, denn Stuttgart, sei dadurch um eine „eigenartige Merkwürdigkeit“ ärmer geworden.370 In den Vereinigten Staaten angekommen, zog die Martinsche Mammutnachbildung jedoch schnell die Aufmerksamkeit der US-amerikanischen Öffentlichkeit und Presse auf sich. Zeitungsreporter verfolgten den aufwendigen Transport, der in zahlreiche Kisten verpackten Mammutnachbildung zu Ward’s Natural Science Establishment mit großem Interesse.371 Auch dort hinterließ die Stuttgarter Mammutnachbildung bei den Besuchern einen nachhaltigen Eindruck. Ihre außerordentliche Naturtreue und urweltliche Größe ließ die Betrachter erschaudern. So berichtete die New York Tribune im August 1878: „As the visitor enters the door of the building […] a dark mountain of flesh rises before him […]. The monster’s brow rises like some old granite dome, wheather-beaten and darkened by the lapse of geologic ages. Two winding streams of ivory descend like glaciers from the base of the dome. […] Behind expands and uprises the mountain mass […] this majestic form stands awaiting our wonder and adoration“. 372 Die Ausstellung der Stuttgarter Mammutnachbildung auf der Pittsburgh Industrial Exposition 1879 soll den US-amerikanischen Juristen, Arzt und Dichter Frank Cowan (1844-1905) sogar dazu veranlasst haben, eine Ballade mit dem Titel „The Last of the Mammoths“ zu verfassen.373 Aber auch wenn die von Cowan besungene Martinsche Originalnachbildung Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts durch 368 Ebd. 369 Schwäbische Chronik vom 4. Juni 1875. 370 Museumsdirektor Henri Ward, in: Schwäbische Chronik vom 20. April 1877. 371 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 10. 372 Ebd. 373 Ebd., S. 11. Laut anderslautenden Quellen soll seine Ballade „The Last of the Mammoths“ anlässlich eines Fundes von Mammutresten in Westmoreland County in Pennsylvania im Jahr 1875 entstanden sein. Vgl. Albert, History of the County of Westmoreland, 1882, S. 279-293. URL: http://www.a ccessible.com /amcnty/ PA/ Westmoreland/titlepage.htm (Abgerufen am 13.03.2006). Die Ballade „The Last of the Mammoths“ ist zu finden in Cowan, Southwestern Pennsylvania in Song and Story, 2008, S. 9-17. Von Jack London stammt eine 1901 erstmals erschienene Kurzgeschichte über eine fiktive – neuzeitliche – Jagd eines Mammuts in den Weiten Alaskas. Ob Jack London sich von der Kopie der Martinschen Mammutnachbildung und ihrer Rezeption in den Vereinigten Staaten im ausgehenden 19. Jahrhundert hat inspirieren lassen, kann nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Vgl. London, A Relic of the Pliocene, 1904. 4 Ergebnisse 358 einen Wasserschaden endgültig verloren ging, so waren ihre bei Ward’s angefertigten – in einigen Details veränderten – Kopien für das US-amerikanische Publikum selbstverständlich nicht weniger eindrucksvoll. Die erste befand sich im Lewis-Brooks- Museum der University of Virginia in Rochester. Der „Jeffersonian“ berichtete am 9. Januar 1878 enthusiastisch über das neue Exponat der Sammlung: „The most conspicious and striking object in the Lewis Brooks Museum is the Mammoth“.374 Diese erste Kopie von Martins Nachbildung wurde erst im Jahre 1948 – wie weiter unten noch ausgeführt wird – entfernt und selbst nach ihrem Abbruch erinnerten sich noch viele ältere Besucher an die Mammutnachbildung.375 Die zweite Kopie des Martinschen Mammut wurde bei der Weltausstellung von Chicago im Jahre 1893 gezeigt. In dem „The Dream City“ betitelten „Bildband“ zur Weltausstellung sind nicht nur Fotos davon zu finden, es wird darin auch die ursprüngliche Herkunft der Nachbildung angesprochen: „[…] In the center of the south gallery of the Anthropological Building stood the chief object of Professor Ward's astonishing Rochester collection of prehistoric animals. This was a theoretical, but scientific reproduction of the largest animal that has developed among the quadrupeds of the earth. The scientist who superintended this construction was Doctor L. Martin, an experienced German preparator. His measurements were taken from bones of the mammoth, which are to be seen in the Royal Museum at Stuttgart, Germany.“376 In dem US-amerikanischen Werk wurde Martin zwar kurzerhand die Doktorwürde verliehen, von diesem Fehler abgesehen, wiesen die Autoren – fast zwanzig Jahre später – aber wenigstens noch auf die Urheberschaft Martins und das Ursprungsland der Mammutnachbildung hin. Den Ruhm und die Anerkennung, die Martins Mammutnachbildung in seiner Heimat weitestgehend versagt geblieben war, erlangte sie in der neuen Welt also umso mehr. Auch der Name ihres eigentlichen Schöpfers war in den USA mindestens bis zu diesem Zeitpunkt – im Jahre 1893 – noch ein Begriff. In der Heimat hingegen fiel die Stuttgarter Mammutnachbildung, ebenso wie nahezu das gesamte Werk Martins bald der Vergessenheit anheim.377 Martin im Spiegel der Öffentlichkeit Zum Abschluss der Untersuchung über die öffentliche Rezeption von Martins Wirken werden die anlässlich seines Todes publizierten Nachrufe in der Fach- und Lokalpresse ausgewertet. Hierbei zeigt sich zumindest teilweise, welches Bild Martins, seines Lebens und Wirkens in der damaligen Presse und damit auch der Öffentlichkeit 4.3.3 374 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 14. 375 Ebd., S. 15. 376 Ives, The Dream City, 1893/94. URL: http://columbus.gl.iit.edu/dreamcity/00034093.html (Abgerufen am 13.03.2006). Martin hatte aber weder Petersburg und das erwähnte Museum besucht, noch besaß er, wie in der Quelle fälschlicherweise erwähnt wurde, einen Doktortitel. Die restlichen Angaben sind korrekt. 377 Vgl. u. 4.3 Rezeption 359 vorherrschend war. Zunächst sei der 1886 von seinen Söhnen – im Vorwort der dritten posthum erschienenen Auflage der Taxidermie – veröffentliche Nachruf genannt.378 Paul und Leopold Martin stellen darin das Fachwissen ihres Vaters als Präparator, verbunden mit seinem künstlerischen Talent, heraus.379 Durch seine „scharfe Beobachtungsgabe“ konnte er, so die Verfasser, dem „Thierleben eine Menge von Situationen abgewinnen“ und die Tiere in „ausdrucksvoller, naturgetreuer Weise“ wiedergeben.380 Auch seine „plastischen Schöpfungen“ seien von „echtem künstlerischem Geiste durchlebt“ gewesen.381 Schließlich hätte er mit seiner literarischen Tätigkeit – vornehmlich der „Praxis der Naturgeschichte“ – ein „Ganzes“ geboten, das dem Naturforscher und Naturliebhaber eine Anleitung an die Hand gegeben habe, „sich in das praktische Studium des Naturlebens“ einzuarbeiten“.382 Der Nachruf seiner Söhne kann selbstverständlich nur mit aller gebotenen Zurückhaltung als Quelle für das Bild Martins in der Öffentlichkeit herangezogen werden. Aber auch andere Autoren und Publikationen kommen – bezüglich seiner Lebensleistung – zu einem ähnlichen Schluss. So weist der „Zoologische Garten“ auf die große Bedeutung der „Praxis der Naturgeschichte“ – hin, welche nicht nur von Fachleuten mit „vielem Beifall“ aufgenommen worden sei.383 In einer eher schmucklosen Notiz erwähnt auch die „Isis“, die „Zeitschrift für alle naturwissenschaftlichen Liebhabereien“, Martins literarisches Werk mit Wohlwollen.384 Die Vogelwelt hingegen betonte, der „teuere Verstorbene“ habe sich „durch seine Thaten und seine Schriften ein bleibendes Andenken in den weitesten Kreisen gesichert“. Die Naturwissenschaft verliere mit Martin „einen ihrer eifrigsten Forscher“ und „die gefiederte Sängerschaar ihren beredetsten Anwalt“.385 Den wohl ausführlichsten und umfassendsten Nachruf, der auch Martins Persönlichkeit und Biografie mit berücksichtigte, findet sich in der „Schwäbischen Chronik“ vom 10. März 1885.386 Martin sei, so die „Schwäbische Chronik“ einer der „Vorkämpfer des Tier- und namentlich des Vogelschutzes“ gewesen und „neben Brehm wohl der wichtigste Vertreter der populären Zoologie“.387 Mangelnde akademische Bildung habe er durch eifriges und gewissenhaftes Selbststudium ersetzen können und damit sei er ein „Autodidakt im besten Sinne des Wortes“ gewesen.388 „Pedanterie und engherziger Auffassung“ wäre er mit „lebendiger Naturanschauung“ entgegen getreten. Durch seine „ausgezeichneten 378 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (3. Aufl.), 1886. 379 Ebd., S. Vf. 380 Ebd., S. VIf. 381 Ebd. Mit den plastischen Schöpfungen sind Martins Nachbildungen ausgestorbener Tierarten gemeint. Anm. des. Verf. 382 Ebd. 383 Der Zoologische Garten 3, 1885, S. 96. 384 [Todesanzeige Martin], in: Isis. Zeitschrift für alle naturwissenschaftlichen Liebhabereien 10, 1885, S. 95. 385 Die Vogelwelt 6, 1885, S. 1. Vgl. Abb. 23, S. 157. 386 Schwäbische Chronik vom 10. März 1885, S. 2 f. 387 Ebd. 388 Ebd. 4 Ergebnisse 360 Leistungen im Ausstopfen der Tiere“ sowie einer „naturwahre[n] und zugleich künstlerische[n] Auffassung und Darstellung“ habe er sich in Fachkreisen einen außerordentlichen Ruf erworben.389 Auch seine Publikationen wurden, so die „Schwäbische Chronik“ weiter, von „hervorragenden Autoritäten“ wie dem Herausgeber der populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Der Natur“ Karl Müller (1818-1888) und anderen als außerordentlich verdienstvolle Leistungen anerkannt.390 Trotz der in Nachrufen oftmals üblichen einseitigen Herausstellung positiver Seiten und Erfolge, versäumte es die „Schwäbische Chronik“ dennoch nicht, auch auf die Konflikte in Martins Leben hinzuweisen. Ihm, als akademisch nicht gebildeten Autodidakten, sei, trotz seiner herausragenden Fachkenntnisse gepaart mit künstlerischem Talent, nicht zuletzt auch auf Grund seiner oftmals kompromisslosen Haltung, die Anerkennung weiterer Kreise versagt geblieben.391 Die Stuttgarter Lokalzeitung zeichnete also mit nur wenigen Worten ein außerordentlich differenziertes Bild von Martins Leben und Wirken im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Rückwirkung Nach der Rezeption von Martins Werk durch Presse und Öffentlichkeit findet im Folgenden die spannende Frage einer möglichen Rückwirkung seiner Popularisierungsbestrebungen und damit des Werks eines akademisch nicht gebildeten zoologischen Präparators auf die Wissenschaft Berücksichtigung.392 Dieser Frage wird beispielhaft anhand der durch zahlreiche Quellen unterschiedlichster Provenienz belegten Geschichte der Stuttgarter Mammutnachbildung im Detail nachgegangen. Das Schicksal von Martins Mammutnachbildung und ihrer Kopien Die in den frühen siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Martin angefertigte, lebensgroße Mammutnachbildung wurde, wie bereits mehrfach erwähnt, Ende April 1877 von dem US-amerikanischen Naturalienhändler und Sammler Henry Augustus Ward für 12500 Mark (ca. 3000 US-$) erworben, sogleich abgebrochen und in riesige Kisten verpackt, nach Amerika verschifft.393 Dort angekommen, wurde sie von New York City aus über den Erie Kanal nach Rochester transportiert, wo sie Sommer 4.4 4.4.1 389 Ebd. 390 Ebd. Zu Karl Müller vgl. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 504 u. S. 346ff. 391 Schwäbische Chronik vom 10. März 1885, S. 2. 392 Die Frage einer „Rückwirkung“ popularisierender Darstellungen auf die Wissenschaft wurde und wird vor allem in neueren Untersuchungen zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung aufgeworfen. Letztendlich dient sie dem Ziel nachzuweisen, dass die Popularisierung keine Einbahnstra- ße ist, sondern popularisierende Vorstellungen auf die „richtige” Wissenschaft Einfluss nehmen können. Vgl. Kap. 1.3.1. S. 14ff. 393 Vgl. Debus, Paleoimagery, 2002, S. 36. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 10. 4.4 Rückwirkung 361 eintraf.394 In einem Konvoi aus vierzehn, mit jeweils einer großen Kiste beladenen, Pferdekutschen beendete die Stuttgarter Mammutnachbildung ihre lange Reise schließlich bei Ward’s Natural Science Establishment.395 Obwohl es anfangs vorgesehen war die Nachbildung an die Princeton University zu verkaufen, entschied sich Ward dafür, sie – auf Grund ihrer Einzigartigkeit – in seiner Sammlung zu behalten und stattdessen über eine Wanderausstellung dem US-amerikanischen Publikum zugänglich zu machen.396 Zwar war Martins Schöpfung nicht die erste plastische und lebensgroße Nachbildung eines prähistorischen Tieres – aber eine lebensgroße Mammutnachbildung hatte bis dahin noch niemand zu Gesicht bekommen.397 Die einzigartige Sehenswürdigkeit befand sich nun im Besitz eines des bekanntesten und geschäftstüchtigsten Naturalienhändlers seiner Zeit.398 Von seinem Institut aus trat sie ihren „Siegeszug“ durch die USA und später – in Form von Abbildungen – nahezu durch die gesamte westliche Welt an. Ihre erste Station war der sogenannte „Mammoth Day“ am 12. Dezember 1877 in Rochester, an dem sie anlässlich einer Benefizveranstaltung zum ersten Mal der US-amerikanischen Öffentlichkeit präsentiert wurde.399 Später stellte Ward seine Neuerwerbung auf zahlreichen Messen und Ausstellungen zur Schau, wie zum Beispiel auf der Pittsburgh Industrial Exposition 1879 sowie Ausstellungen in Louisville, Milwaukee, Cincinnati, New Orleans oder an der amerikanischen Westküste.400 Der Erfolg war ein überwältigender, wie aus den weiter oben zitierten Augenzeugenberichten hervorgeht.401 Die von Martin auf Grund ihrer Bauweise nicht für eine Wanderausstellung konzipierte Mammutnachbildung trug dabei einige Schäden davon.402 Sie fand Jahre 1887 oder 1889 in einer Lagerhalle 394 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 10. Die Transportkosten beliefen sich auf nahezu ein Viertel des gesamten Kaufpreises. Diese und die folgenden Angaben zur Geschichte der Martinschen Mammutnachbildung und ihrer von Ward’s angefertigten Kopien beruhen auf Allen W. Debus im Jahre 2001 in den „Fossil News“ publizierten Artikel „The Last Great Siberian Mammoth“, S. 9-16 sowie dem von ihm und seiner Frau veröffentlichen Buch mit dem Titel „Paleoimagery“ aus dem Jahre 2002. Vgl. Debus, Paleoimagery, 2002. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001. 395 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 36. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 10. 396 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 10. 397 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 37. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 10. 398 Martin kommentierte den Verkauf seiner Mammutnachbildung nicht ohne Bitterkeit. Die Residenzstadt Stuttgart sei mit seinen 100.000 Einwohnern wohl „nicht der Ort wo eine derartige Ausstellung im geringsten sich deckt“. Und man würde die Umsetzung solcher Ideen, wie der seinigen, lieber dem Ausland überlassen und „adoptire sie später von denselben.“ Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 80. 399 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 37. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 11. Hantman, Brooks Hall at the University of Virginia: Unraveling the Mystery, 1989, S. 2. 400 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 37. 401 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 11. 402 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 37. Martin plante nach dem Verkauf der Mammutnachbildung die Herstellung weiterer Exemplare aus leichteren Materialien, damit diese besser transportiert werden konnten. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters und anderer Verpflichtungen kam es dazu aber nicht mehr. Vgl. Kap. 2.11.2, S. 144. 4 Ergebnisse 362 in Louisville – aufgrund eines irreparablen Wasserschadens – ihr Ende.403 Ihren einstigen Schöpfer aus der „alten Welt“ „überlebte“ sie damit nur um wenige Jahre. Das Original war damit verloren, aber der geschäftstüchtige Ward ließ die Nachbildung bereits im Jahr ihrer Ankunft – in etwas veränderter Form sowie aus haltbareren und leichteren Materialien – dreimal kopieren.404 Das Fell – von Martin aus gefärbten indischen Palmfasern hergestellt – wurde von Ward durch Gras aus der argentinischen Pampa ersetzt und mittels einer Sodalösung widerstandsfähiger gemacht.405 Die Kopien bestanden zudem aus einer innen hohlen Gipsform. Die Stoßzähne waren teilweise echte Mammutstoßzähne und zum Teil aus Holz wie bei Martins Nachbildung.406 Die erste der Kopien gelangte Ende des 19. Jahrhunderts an das Museum of Natural History der Universität von Virginia in Charlottesville, wie Adam und Lucas berichten.407 Dort avancierte die Mammutnachbildung bald zur größten Attraktion des Museums.408 Im Jahre 1948 musste sie einer Erweiterung des geologischen Instituts weichen.409 Abbildung 76: Wards Kopie der Martinschen Mammutnachbildung im Museum of Natural History der Universität von Virginia in Charlottesville, 1899. Die zweite Nachbildung fand ihren Weg nach San Francisco. Dort wurde sie im Jahr 1882 im Rahmen der „Ward-Collection“ zusammen mit anderen Tiernachbildungen, wie einem Megatherium (Riesenfaultier) und einem Glyptodon (Riesengürteltier) von der California Academy of Science für 16000 US $ erworben.410 Finanziert wurde 403 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 11. 404 Vgl. Debus, Paleoimagery, 2002, S. 37ff. u. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001. Vgl. Tabelle 3, S. 465. 405 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 11 u. S. 14 f. 406 Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 14 f. 407 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 38ff. Vgl. a. Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961 u. Lucas, The Truth about the Mammoth, 1900. Vgl. Abb. 76, S. 368. 408 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 37. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 14. Hantman, Brooks Hall at the University of Virginia, 1989, S. 2. 409 Ebd. 410 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 39 und Hittell, The California Academy of Sciences, 1997, S. 243 f. 4.4 Rückwirkung 363 der Ankauf von dem bekannten US-amerikanischen Eisenbahnpionier Charles Crocker (1822-1888) sowie Leland Stanford (1824-1893), dem „Business-Tycoon“, Politiker und Begründer der Stanford University.411 Die „Crocker-Stanford- Collection“ genannte Sammlung wurde 1891 im Neubau des Museums der California Academy of Sciences in der Market Street in San Francisco ausgestellt. Darunter befand sich auch die Mammutnachbildung, die in der Eingangshalle im Erdgeschoss präsentiert wurde.412 Beim großen Erdbeben vom 18. April 1906 und den folgenden Großbränden wurde auch diese Kopie der Stuttgarter Mammutnachbildung zerstört.413 Abbildung 77: Wards Kopie der Martinschen Mammutnachbildung im Museum der California Academy of Sciences in San Francisco, um 1890. Den wohl größten „Ruhm“ erlangte schließlich die dritte und wahrscheinlich letzte Kopie.414 Sie wurde auf der „World’s Columbian Exposition“ von 1893 in Chicago zum 400jährigen Jubiläum der Entdeckung Amerikas durch Christopher Columbus präsentiert.415 411 Zu Charles Crocker und Leland Stanford vgl. Ambrose, Nothing Like It In The World. The men who built the Transcontinental Railroad 1863-1869, 2000. 412 Hittell, The California Academy of Sciences, 1997, S. 319ff. Vgl. Abb. 77, S. 364. 413 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 39. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 15. Zu den Folgen des großen Erdbebens von 1906 für die California Academy of Sciences vgl. Hittell, The California Academy of Sciences, 1997, S. 467ff. 414 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 41. Debus mutmaßt in seinem 2002 publizierten Buch „Paleoimagery“, dass in irgendeinem Museumsdepot in den USA bis heute eine von Wards Kopien der Stuttgarter Mammutnachbildung erhalten geblieben sein soll. 415 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 39ff. 4 Ergebnisse 364 Abbildung 78: Wards Kopie der Martinschen Mammutnachbildung auf der World’s Columbian Exposition in Chicago, 1893. Bei dieser, von nahezu 26 Millionen Menschen besuchten, Weltausstellung konnte die Kopie der Martinschen Mammutnachbildung im „Anthropological Building“, neben anderen Tiernachbildungen und Skelettrekonstruktionen, von den zahlreichen Besuchern bewundert werden.416 Konzipiert wurde dieser Teil der Weltausstellung von einem Fachmann, und zwar dem US-amerikanischen Geologen Oliver Cummings Farrington (1864-1933), der später die geologische Abteilung des aus der Weltausstellung hervorgegangenen Field Columbian Museum begründete.417 416 Bancroft, The Book of the Fair, 1893, S. 629 u. S. 651. Im Katalog zur Weltausstellung wird die Martinsche Mammutnachbildung fälschlicherweise als die Nachbildung eines Mastodon aus dem Königlichen Museum in Stuttgart bezeichnet. Vgl. Bancroft, The Book of the Fair, 1893, S. 651. Im Fotoband zur Weltausstellung mit dem Titel „The Dream City“ wird dieser Fehler korrigiert. Dort ist korrekterweise von einem „Great Siberian Mammoth“ die Rede, welches ursprünglich von einem „Doctor L. Martin“, einem Präparator aus Stuttgart in Deutschland, konstruiert worden sei. Vgl., The Dream City. Ives 1893/94, URL: http://columbus.gl.iit.edu/dreamcity/00034093.html (Abgerufen am 10.07.2014). Zur Geschichte der Weltausstellungen vgl. Kretschmer, Geschichte der Weltausstellungen, 1999. Kroker, Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975. Beutler/Metken/Sembach, Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1973. Lessing, Das halbe Jahrhundert der Weltausstellungen, 1900. Zur Weltausstellung in Chicago vgl. a. URL: http://expomuseum.com/1893 (Abgerufen am 21.03.2006) und URL: http://columbus.gl.iit.edu (Abgerufen am 21.03.2006). Vgl. Abb. 78, S. 365 u. Abb. 79, S. 366. 417 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 39. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 15. Der größte Teil der naturhistorischen Exponate des Field Columbian Museums und damit auch der World’s Columbian Exposition stammten ebenfalls aus Ward’s Natural Science Establishment. 4.4 Rückwirkung 365 Abbildung 79: Wards Kopie der Martinschen Mammutnachbildung auf der World’s Columbian Exposition in Chicago, 1893. Diese dritte Kopie fand nach dem Ende der Weltausstellung in der Eingangshalle des neu gegründeten Columbian Museum of Chicago eine neue Heimat.418 Beim Umzug des 1906 in Field Museum of Natural History umbenannten Museums im Jahre 1921 ging sie auf mysteriöse Weise verloren.419 Somit war die im Museum der University of Virginia im Jahr 1948 abgebrochene Mammutnachbildung das – nach gegenwärtigem Kenntnisstand – wohl am längsten erhalten gebliebene Exemplar.420 Diesseits des Atlantiks ist sogar bis heute eine der Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins stark nachempfundene Darstellung zu finden – das „Mamut de Pedra“ in Barcelona. Abbildung 80: Das Mamut de Pedra, Barcelona. 418 Debus, Paleoimagery, 2002, S. 39. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001, S. 16. 419 Ebd. Erst im Jahre 1982 tauchte wieder ein Foto der Nachbildung auf. Und zwar im „Field Museum Bulletin“. Im Kommentar dazu heißt es, dass die Nachbildung vor dem Umzug weggeschafft oder beseitigt worden sei. Vgl. Reed/Sellar, Ziggy Finds new Home at Field Museum, 1982, S. 8. 420 Zum Verbleib der Martinschen Mammutnachbildung und ihrer Kopien vgl. Tabelle 3, S. 465. 4 Ergebnisse 366 Es entstand ungefähr zur selben Zeit als Ward’s Kopien in den Museen und Ausstellungen der USA für Furore sorgten.421 Damals planten katalanische Naturforscher um den Begründer der spanischen Höhlenforschung Norbert Font i Sague (1874-1910) auf dem ehemaligen Gelände der Weltausstellung lebensgroße Nachbildungen urweltlicher Tiere erstehen zu lassen – vergleichbar den „Crystal Palace Dinosaurs“ fünfzig Jahre zuvor in London.422 Mit dem „Mamut de Pedra“ wurde im Jahr 1907 die erste und einzige dieser Nachbildungen im Parc de La Ciutadella von dem Bildhauer Miguel Dalmau erschaffen.423 Das „Mamut de Pedra“ weist einige große Übereinstimmungen mit der Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins auf.424 Diese betreffen die Form des Kopfes, die Körperhaltung, den Rüssel sowie die zu hohe Anbringung der Stoßzähne. Mit 3,5 m Höhe und 5,5 m Länge ist das „Mamut de Pedra“ allerdings erheblich kleiner als das Martinsche Original und zudem wurde es aus Beton angefertigt.425 Aufgrund der großen Ähnlichkeit hatten sich die Schöpfer der katalanischen Mammutnachbildung wahrscheinlich an einer der damals kursierenden Darstellungen des – ursprünglich – Martinschen Mammuts orientiert. Dessen Abbildungen – unterschiedlichster Provenienz und Ausführung – fanden bis weit in das 20. Jahrhundert hinein große Verbreitung. Im Folgenden werden die bekanntesten davon vorgestellt. Abbildungen des Martinschen Mammuts Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit sind zahlreiche Abbildungen der Stuttgarter Mammutnachbildung in den unterschiedlichsten Druckwerken und Medien zu finden.426 Eine der ersten wurde ausgerechnet in den „Jahresheften des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg“ und zwar anlässlich einer Abhandlung über Fund eines Steppenelefanten im Jahre 1910 in Steinheim an der Murr durch den Paläontologen Eberhard Fraas (1862-1915) publiziert.427 Die Abhandlung trägt den Titel „Elephas Primigenius Fraasi“.428 4.4.2 421 Zum Parc de la Ciutadella vgl. Kickum, Parkanlagen in Spanien, 2005, S. 193ff. Vgl. a. URL: http://w ww.ub.es/geocrit/ciutadella.htm (Abgerufen am 24.04.2013). 422 Zu Norbert Font i Sague vgl. Iglésies, Mossèn Norbert Font i Sague, 1963. Zum Park in London vgl. a. Reinermann, Königliche Schöpfung, bürgerliche Nutzung und das Erholungsbedürfnis der städtischen Unterschichten: Londoner Parks im 19. Jahrhundert, 2005, S. 56ff. 423 Vgl. Arranz/Grau/Lopez, El parc de la Ciutadella, 1984. Über Miguel Dalmau ist wenig bekannt. Er wirkte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Barcelona als „Bildschnitzer“ und fertigte einige Werke sakraler Kunst für katalanische Kirchen an. Vgl. Rafols, „Miguel Dalmau“, 1951. Vgl. Abb. 80, S. 366. 424 Vgl. Abb. 80, S. 366 und Abb. 20, S. 143. 425 Vgl. Abb. 80, S. 366 u. Arranz/Grau/Lopez, El parc de la Ciutadella, 1984. Zur Mammutnachbildung vgl. URL: http://www.ub.edu/geocrit/ciutadella.htm#MAMUT (Abgerufen am 24.04.2013). 426 Vgl. Tabelle 4, S. 466. 427 Dietrich, Elephas Primigenius Fraasi, 1912, S. 42-106. Eberhard Fraas war der Sohn von Oskar Fraas, Konservator am Naturalienkabinett und Verfasser des verschollenen Gutachtens über Martins Mammutnachbildung, S. 45. Vgl. Abb. 81, S. 368. 428 Ebd. 4.4 Rückwirkung 367 Obwohl es sich bei Eberhard Fraas um den Sohn des mit dem Martinschen Original vertrauten Oskar Fraas handelt, fehlte die korrekte Angabe über deren Herkunft. Stattdessen übernahm er die von den jeweiligen Autoren angegebenen Urheberhinweise, ohne diese zu hinterfragen. Im Fall der Martinschen Mammutnachbildung war es eine englische Quelle und zwar das Werk „Extinct Animals“ von Edwin Ray Lankester (1847-1929) – zur damaligen Zeit Direktor der Abteilung für Naturgeschichte am British Museum.429 In dessen Werk aus dem Jahre 1905 war eine Abbildung des Martinschen Mammuts inmitten einer stilisierten eiszeitlichen Umgebung zu finden. Dort wird es korrekt als „careful restoration of the hairy mammoth“ bezeichnet, ein Hinweis auf die Urheberschaft Martins fehlt allerdings bereits hier.430 Karl Dietrich Adam führt noch eine weitere Abbildung des Martinschen Mammuts in einem englischen Werk auf. So ist auch bei Bassett Digby (1888-1962)’s „The Mammoth and Mammoth-Hunting in North-East Siberia“ eine Darstellung der Stuttgarter Mammutnachbildung zu sehen.431 Zwar wird auch hier im dazugehörigen Text erwähnt, dass es sich dabei um eine Nachbildung handelt, die Urheberschaft wird jedoch dem US-amerikanischen Schausteller Phineas Taylor Barnum (1810-1891) – „König des Humbugs“ genannt – zugeschrieben.432 Abbildung 81: Unterschiedliche Mammutdarstellungen aus der Abhandlung „Elephas Primigenius Fraasi“. Die Martinsche Mammutnachbildung befindet sich links an der dritten Stelle. 429 Ebd. u. Lankester, Extinct Animals, 1905, S. 96. 430 Lankester, Extinct Animals, 1905, S. 95 f. Vgl. a. Adam, Die Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins, 1961, S. 62 f. 431 Digby, The Mammoth and Mammoth-Hunting in North-East Siberia, 1926, S. 40 f. Vgl. a. Adam, Die Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins, 1961, S. 62. 432 Zu Barnum vgl. Harris, Humbug: The Art of P. T. Barnum, 1973 u. Betts, P.T. Barnum and the Popularization of Natural History, 1959. 4 Ergebnisse 368 Abbildung 82: Abbildung des Martinschen Mammuts in Digby’s „The Mammoth and Mammoth-Hunting in North-East Siberia“, 1926. Des Weiteren findet man in dem besagten Buch den Hinweis, dass die Abbildung als Vorlage eines sibirischen Mammuts für Kunststudenten weite Verbreitung gefunden hätte.433 In Deutschland ging die bildliche Darstellung der Stuttgarter Mammutnachbildung im Laufe des 20. Jahrhunderts in erster Linie „als ein im Eise Sibiriens überliefertes Mammut ins wissenschaftliche Schrifttum ein“ wie Adam feststellte.434 So erschien einige Jahre nach Martins Tod in der siebten und achten Auflage von Hermann Credners (1841-1913) „Elemente der Geologie“ die Abbildung des Martinschen Mammuts mit dem entsprechenden Hinweis.435. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es der „Urgeschichtler“ Moritz Hoernes (1852-1917), der in zwei seiner Werke eine entsprechende Abbildung publizierte.436 Ein Schüler von Hoernes, der Prähistoriker Hugo Obermaier (1877-1846) bezeichnete in seinem Buch „Der Mensch in der Vorzeit“ aus dem Jahre 1912 die Stuttgarter Mammutnachbildung ebenfalls als die in einem Petersburger Museum befindliche Restauration eines sibirischen Mammutfundes.437 Er bringt sie damit – wie einige der bereits genannten Autoren – mit dem 1799 im Lenadelta entdeckten und 1806 ausgegrabenen Mammutka- 433 Digby, The Mammoth and Mammoth-Hunting in North-East Siberia, 1926, S. 40 f. u. Adam, Die Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins, 1961, S. 62. 434 Adam, Die Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins, 1961, S. 51. 435 Adam, Ein altes Thema in neuer Sicht, 1983, S. 6. Credener, Elemente der Geologie, 1897, S. 741. 436 Ebd. Zu den einzelnen Abbildungsnachweisen vgl. Tabelle 4, S. 466. 437 Obermaier, Der Mensch der Vorzeit, 1912, S. 77-78, Hoernes, Der Diuviale Mensch in Europa, 1903, S. 55 u. Hoernes, Natur- und Urgeschichte des Menschen, 1909, S. 505. Vgl. a. Soergel, Die Jagd der Vorzeit, 1922, S. 116. 4.4 Rückwirkung 369 daver, dem sogenannten „Petersburger Mammut“ in Verbindung.438 Der Freiburger Paläontologe und Geologe Wolfgang Soergel (1887-1946) – der laut Adam „einer der besten Kenner vorzeitlicher Elefanten“ war – schließt sich den Mutmaßungen seiner Kollegen an. Allerdings weist er auf die Fehler der ursprünglich Martinschen Mammutnachbildung hin, wie zum Beispiel die zu hohe Anbringung der Stoßzähne.439 Abbildung 83: Die Martinsche Mammutnachbildung in Soergels „Die Jagd der Vorzeit“, 1922. Vgl. Abb. 82, S. 369. Die Vorstellung, dass es sich bei der lebensechten Nachbildung Martins um das Präparat eines im Permafrostboden Sibiriens aufgefundenen Mammuts gehandelt haben musste, hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. So wurde noch im Jahre 1956 das vermeintliche „Petersburger Mammut“. im Werk von Rafael von Uslar (1908-2003) zum einhundertjährigen Jubiläum des ersten Neandertalerfundes, als Exemplar eines „vollständig erhaltenen“ Mammuts aufgeführt.440 Aber damit noch nicht genug der Legenden bezüglich der Herkunft dieser Abbildungen. Noch in dem 1989 erschienen Lehrbuch der Paläozoologie des Freiberger Paläontologen Arno Hermann Müller (1916-2004) wurde eine Abbildung des Martinschen Mammut veröffentlicht. Müller bezeichnete die von Philipp Leopold Martin angefertigte Mammutnachbildung ebenfalls als ein „ausgestopftes, zum Teil ergänztes Exemplar 438 Adam, Die Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins, 1961, S. 51. Damit lag Obermeier nicht ganz falsch, denn tatsächlich war eine der Quellen von Martins Mammutnachbildung eben dieses am Anfang des 19. Jahrhunderts geborgene „Petersburger Mammut“. Vgl. Kap. 3.3.3, S. 232ff. 439 Soergel, Die Jagd der Vorzeit, 1922, S. 116. 440 Uslar, Der Neandertaler, 1956, S. 43. 4 Ergebnisse 370 aus dem Bodeneis von Sibirien“, das aus dem „Pleistozän der Lena-Mündung“ stamme und „lange Zeit im Museum von Leningrad aufbewahrt“ worden sei.441 Und selbst ins 21. Jahrhundert, in dem die urzeitlichen Riesen schon längst mit Hilfe von Computeranimationen oder als roboterähnliche Animatronic- Nachbildungen „wiederbelebt“ wurden, konnte sich das Martinsche Mammut hinüberretten. So entdeckte der Autor im Internet und auf dem Cover einer Multimedia-DVD weitere Abbildungen der Stuttgarter Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins.442 Sogar in dem Dokumentarfilm des ehemaligen US-amerikanischen Vize-Präsidenten Al Gore mit dem Titel „A inconvient Truth (Eine unbequeme Wahrheit) ist eine Abbildung der ehemals Stuttgarter Mammutnachbildung Martins zu finden.443 Abbildung 85: Die Martinsche Mammutnachbildung (links oben) im Dokumentarfilm „An inconvenient Truth“ von Al Gore aus den Jahr 2006. Abbildung 84: Die Martinsche Mammutnachbildung auf dem Cover einer Multimedia-DVD aus dem Jahr 2006. 441 Müller, Lehrbuch der Paläozoologie Bd. III Vertrebraten, Teil 3 Mammalia, 1989, Abb. 536B. 442 Vgl. zum Beispiel URL: http://scienceblogs.com/laelaps/2009/04/27/killing-the-last-mammoth. URL: http://www.telegraph.co.uk/technology/3348441/Mammoth-task-of-reversing-history.html URL: http://www.telegraph.co.uk/science/science-news/9537154/Mammoth-fragments-raise-cloni ng-hopes.html (Abgerufen am 18.09.2013). Vgl. zudem Réunion des Musées Nationaux, Die Steinzeit (DVD-ROM), 2006. 443 URL: http://akas.imdb.com/title/tt0497116 (Abgerufen am 11.12.2006). In dem besagten Film sind in der 55. Minute Abbildungen von bereits ausgestorbenen Tieren zu sehen, darunter auch die eines Mammuts – der Mammutnachbildung von Philipp Leopold Martin. Vgl. Abb. 85, S. 371. 4.4 Rückwirkung 371 „The Great Mammoth Hoax“ – Legendenbildung durch Martins Mammut Das erstaunlichste Zeugnis der Verbreitung, Authentizität und auch wissenschaftlichen Reputation der Stuttgarter Mammutnachbildung und ihrer Kopien legt aber eine in den USA um die Jahrhundertwende kursierende Legende ab. Diese besagte, dass in den Wäldern Alaskas noch lebende Mammuts existieren würden. Der Auslöser dieser „Mammoth Hoax“ war wahrscheinlich – neben einer älteren von Thomas Jefferson (1743-1826) überlieferten indianischen Geschichte – auch die von Henry Augustus Ward erworbene Stuttgarter Mammutnachbildung.444 Das Entstehen einer ihrer Kopien war von dem US-amerikanischen Naturforscher Charles Haskins Townsend (1859-1944) verfolgt worden, der sich wie zahlreiche andere Zoologen, Paläontologen und Präparatoren – zum Beispiel Frederic A. Lucas und Carl Akeley – zeitweise bei Ward’s in Ausbildung befand.445 Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte der besagte Townsend die Funktion eines „naturalist of the United States Fish Commission“ inne und befand sich in dieser Funktion an Bord des U.S. Zollkutters Corwin, der 1885 eine Patrouillenfahrt in den Kotzebue Sound im Norden Alaskas unternahm.446 Am Kotzebue Sound, dessen Küste bekannt für Mammutfunde ist, kamen einige Inuit mit Mammutüberresten an Bord der Corwin und berichteten, diese würden „von weit größeren Tieren als Rentieren“ stammen. Wie die Tiere möglicherweise ausgesehen hatten, konnten sie nicht genau beschreiben.447 Townsend zeigte den Inuit daraufhin in einem Lehrbuch der Geologie die Abbildung der Skelettrekonstruktion des 1806 im Lenadelta in Sibirien gefundenen „Petersburger Mammuts“, woraufhin sie ihre mitgebrachten Überreste mit der Abbildung verglichen.448 Da die Inuit aber wissen wollten, wie das Mammut dereinst lebend ausgesehen haben mag, skizzierte Townsend ihnen die Stuttgarter Mammutnachbildung, deren Kopie er bei Ward’s persönlich in Augenschein genommen hatte.449 Diese Zeichnung des Martinschen Mammuts fand unter den Inuit Verbreitung und im Laufe der Zeit waren zahlreiche von ihnen in der Lage das ursprüngliche Aussehen eines lebenden Mammuts detailliert zu beschreiben. Mit ihren Kenntnissen verblüfften sie dann ihrerseits weitere Reisende und Forscher, mit denen sie in Kontakt kamen.450 Ihr Wissen über die Urzeitriesen hatten sie scheinbar so überzeugend dargebracht, dass Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts ein Zeitungsreporter das Gerücht verbreitete, dass es in der Tundra Alaskas noch heute – Ende des 19. Jahrhunderts – lebende Mammuts geben würde. Die Meldung ging von der Pazifikküste aus durch die gesam- 4.4.3 444 Über eine indianische Legende, dass im weitläufigen Nordwesten der USA noch lebende Mammuts existieren würden, berichtete schon der dritte US-Präsident Thomas Jefferson (1743-1826). Vgl. Bedini, Thomas Jefferson and American Vertebrate Paleontology, 1985, S. 2. u. S. 8. Weitere Legenden über noch lebende Mammuts in Alaska und Sibirien sind zudem bei Lister/Bahn, Mammuts – Riesen der Eiszeit, 2009, S. 55 zu finden. 445 Lucas, The Truth about the Mammoth, 1900, S. 354. 446 Ebd. 447 Ebd. 448 Ebd. 449 Ebd. 450 Ebd. 4 Ergebnisse 372 te nordamerikanische Presse, bis sie schließlich von dem Autor Henry Tukeman (+1911) aufgegriffen wurde und dieser 1899 im „McClure’s Magazine“ eine – fiktive – Reportage mit dem Titel „The Killing of the Mammoth“ über die Jagd nach dem letzten Mammut in den Wäldern Alaskas veröffentlichte.451 Mit eindringlichen Worten berichtete er vom erstmaligen Anblick des urzeitlichen Riesen: „There he stood in a little clearing, the great beast that only one other living man had seen, tearing up great masses of lichenous moss and feeding as an elephant feeds.“452 Der vermeintliche Tatsachenbericht endete damit, dass der Kadaver des erlegten Tieres an einen Sammler verkauft worden sei, welcher ihn der Smithsonian Institution überließ wo er präpariert und ausgestellt werden sollte.453 Obgleich diese Erzählung in „McClure’s Magazine“ ausdrücklich als frei erfunden gekennzeichnet war, befeuerte sie erneut das Gerücht, dass in Alaska noch lebende Mammuts existieren und die Smithsonian Institution ein Präparat besäße, das im National Museum in Washington aufgestellt sei.454 Dies veranlasste viele Neugierige, sich an die Smithsonian Institution zu wenden und dort anzufragen, wo und wann das „ausgestopfte“ Mammut denn besichtigt werden konnte.455 Erst ein mehrfach abgedruckter Artikel von Frederic A. Lucas (1852-1929), der als Wissenschaftler am National Museum tätig war, konnte diese Legende aus der Welt schaffen. In seinem Artikel „The Truth about the Mammoth“ deckte er die als „The great Mammoth Hoax“ in die US-amerikanische Geschichte eingegangene Legende auf.456 Frederic A. Lucas wusste aber nicht nur um die Entstehungsgeschichte dieser Zeitungsente, er war sich sogar der eigentlichen Herkunft der Mammutnachbildung bewusst, die letztendlich die ganze Entwicklung ausgelöst hatte. In dem Artikel, in welchem er die „Alaska Live Mammoth Story“ publik machte, erwähnte er, dass es sich um die „Stuttgart restoration“ handelte.457 Zudem veröffentlichte er die Abbildung des sogenannten „Petersburger Mammuts“, das neben anderen Quellen und Vorlagen die Basis der Nachbildung darstellte sowie ein Foto der ersten Kopie des Martinschen Mammuts aus dem Museum der Universität von Virginia in Rochester.458 Martins Mammutnachbildung als „Ikone“ Die vorangegangenen Ausführungen über das Schicksal sowie die Rezeption der Stuttgarter Mammutnachbildung, ihrer Kopien und Abbildungen zeigen, wie sehr diese das Bild des eiszeitlichen Elefanten in der deutschen, europäischen aber auch 4.4.4 451 Ebd. u. Tukeman, The Killing of the Mammoth, 1899. 452 Tukeman, The Killing of the Mammoth, 1899. 453 Ebd. 454 Lucas, The Truth about the Mammoth, 1900, S. 354. 455 Ebd. 456 Ebd. 457 Ebd. 458 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 59-62 u. Lucas, The Truth about the Mammoth, 1900, S. 349-354. 4.4 Rückwirkung 373 der US-amerikanischen Öffentlichkeit geprägt hatte. Die Authentizität und Qualität der von Martin in selbstständiger und aufwendiger Arbeit konzipierten und konstruierten Mammutnachbildung war – trotz aller Ungenauigkeiten – nicht zuletzt so groß, dass zeitweise sogar Fachleute davon überzeugt waren, dass es sich bei der bekannten vielmals kopierten und kolportieren Darstellung um ein ausgestopftes und zum Teil restituiertes Exemplar aus dem Permafrost Sibiriens handelte. Sie scheuten daher nicht, es ihn ihren Werken abzubilden.459 Martins Schöpfung beeinflusste daher nicht nur die bildliche Darstellung des Mammuts in der Populärliteratur, sondern auch in wissenschaftlichen Werken. Damit wirkte es als populärwissenschaftliche und popularisierende Darstellung – trotz seiner zwischenzeitlich bekannt gewordenen Fehler – auf die Wissenschaft zurück. Dies belegen vor allem die zahlreichen Werke renommierter Prähistoriker und Paläozoologen, in denen die Abbildungen des in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Stuttgart erschaffenen Martinschen Mammuts wiederholt zu finden sind.460 Die Geschichte der Martinschen Mammutnachbildung ist daher ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass das Werk eines wissenschaftlich nicht gebildeten Präparators und Popularisators in gewisser Weise auch Einfluss auf die einschlägige Wissenschaft und Forschung haben kann. Einordnung Zum Abschluss des dritten Teils der Arbeit wird Martins Leben und Werk – vor allem seine populärwissenschaftlichen Bestrebungen sowie seine Konzepte zur Reform naturhistorischer Sammlungen und der naturkundlichen Volksbildung – in einen sozial-, wissenschafts- und fachhistorischen Zusammenhang gestellt. Hierbei finden alle die historischen und sozialgeschichtlichen Entwicklungen Berücksichtigung, welche Einfluss auf Martin und seine Bestrebungen gehabt haben oder gehabt haben könnten. Des Weiteren wird seine Rolle als Popularisator, Präparator sowie Museumsreformer während des Booms der Wissenschaftspopularisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie der Reform naturhistorischer Museen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erörtert und bewertet. Historischer und sozialgeschichtlicher Kontext Die in dieser Arbeit vorgestellten und detailliert untersuchten Ansätze Philipp Leopold Martins – bezüglich einer Reform des naturhistorischen Museums und der naturkundlichen Volks- und Allgemeinbildung – können nicht losgelöst von historischen, sozialgeschichtlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhängen betrachtet werden. Daher werden im Folgenden die wichtigsten Aspekte dieser „Kon- 4.5 4.5.1 459 Vgl. Tabelle 4, S. 466. 460 Ebd. 4 Ergebnisse 374 textualisierung“ angesprochen – ohne dabei allerdings sowohl inhaltlich als auch chronologisch zu weit auszuholen. Der Boom der Wissenschaftspopularisierung und damit auch der Vermittlung naturhistorischen Wissens an weitere Kreise der Bevölkerung – mit all seinen Aspekten und Facetten – ist selbstverständlich nicht ohne Grund im 19. Jahrhundert zu verorten, das unter anderem durch die Französische ebenso wie die industrielle Revolution und den daraus folgenden Umbau der Gesellschaft geprägt wurde.461 Während des „langen“ 19. Jahrhunderts, das – aus der Sicht des Historikers – von der Französischen Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges reichte, gab es eine Vielzahl der unterschiedlichsten Entwicklungen, welche diesen Boom möglich machten und begünstigten – angefangen vom Aufstieg des Bürgertums, dem Entstehen einer „Öffentlichen Sphäre“ bis hin zur Industrialisierung, dem Kolonialismus und selbstverständlich dem unaufhaltsamen Aufstieg der Naturwissenschaften.462 Diese Entwicklungen beeinflussten aber nicht nur den Boom der Wissenschaftspopularisierung an sich, sondern letztendlich auch die Art der Vermittlung sowie die dafür verwendeten Medien und visuellen Konzepte. Bürgertum und Demokratisierung des Wissens Der Aufstieg des Bürgertums und die zunehmende Notwendigkeit einer Demokratisierung naturwissenschaftlichen Wissens gehören zu den wichtigsten Aspekten, welche den Boom der Wissenschaftspopularisierung, in dessen Rahmen Martins Bestrebungen zu verorten und zu bewerten sind, möglich machten. Eine Initialzündung ging von der Französischen Revolution aus. Zu den Reformen im Zuge dieses politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, die im Gegensatz zu anderen, auch in Deutschland auf breite Zustimmung trafen, gehörten nämlich auch die Reorganisation und Modernisierung des Lehr- und Wissenschaftsbetriebs sowie die ersten Ansätze zu einer „Demokratisierung“ der Wissenschaft und des Wissens.463 Deutsche Intellektuelle und Forscher, wie Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren sehr angetan von der Idee, naturwissenschaftliches Wissen aus seinem Elfenbeinturm zu „befreien“ und nicht nur zur Charakterbildung und Sozialisierung des Volkes, sondern auch zur Förderung der Wirtschaft und Landwirtschaft zu nutzen.464 Daher trieben sie in Deutschland – vor allem in Preußen – entsprechende Maßnahmen voran. So ist die Gründung der Universität zu Berlin – später Friedrich-Wilhelm-Universität – unter Mitwirkung Wilhelm von Humboldts im Jahre 1809 als eine Antwort auf die Ecole Polytechnique zu verstehen und das Zoologische Museum der Friedrich-Wilhelm-Universität gilt als das preußische Pendant des im Zuge der Französischen Revolution reorganisierten Muséum d’histoire Naturelle.465 Auch der viel später – 1844 – gegründete Zoologische Garten Berlin lehnte sich in seiner Konzeption 461 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 2. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1976, S. 9. 462 Vgl. Kap. 1.1.1 S. 2ff. 463 Ploetz, Carl et al., Der Grosse Ploetz, 2008, S. 856 f. 464 Ebd. 465 Ebd., S. 859. 4.5 Einordnung 375 und Ausrichtung eng an den ersten Bürgerzoo, den Jardin des Plantes in Paris, an.466 Vor allem das Museum und der erste Bürgerzoo Deutschlands nahmen schon früh Aufgaben der Volksbildung und Wissenschaftspopularisierung wahr und hatten damit auch ihren Anteil am Popularisierungsboom der folgenden Jahrzehnte. Eine noch bedeutsamere Rolle als die Französische Revolution für den Aufstieg der Wissenschaftspopularisierung in Deutschland spielten allerdings der Vormärz und die „Bürgerliche“ Revolution von 1848/49. So sorgten die Restaurationsbestrebungen in Folge des Wiener Kongresses und die Karlsbader Beschlüsse von 1819 – indirekt – für eine vermehrte Produktion populärwissenschaftlicher Schriften und ein zunehmendes Interesse an der Wissenschaftspopularisierung. Denn im Zuge der Karlsbader Beschlüsse zur Vorzensur fand eine systematische Entlassung missliebiger Lehrkräfte an Schulen und Universitäten statt – kritische Geister wurden aus ihren eigentlichen Berufen gedrängt. Diese versuchten sich stattdessen auf dem weniger streng kontrollierten Feld der Wissenschaftspopularisierung. Sie trugen mit ihren Publikationen und Bestrebungen dazu bei, dass die Wissenschaftspopularisierung einen enormen Aufschwung nahm. Gehindert an der Veröffentlichung politisch motivierter Schriften, wandten sie sich dieser vermeintlich unbedenklichen Tätigkeit als „okkasionelle“ oder „professionelle“ Wissenschaftspopularisatoren zu.467 Die von dem – aus politischen Gründen – entlassenen Jenaer Professor für Zoologie Lorenz Oken (1779-1851) ab 1817 herausgegebene populärwissenschaftliche Zeitschrift „Isis“ sowie die ebenfalls unter anderem von Oken 1822 initiierten „Versammlungen deutscher Naturforscher und Ärzte“ sind zwei prominente Beispiele dafür.468 Ähnliches gilt – in noch größerem Maße – für einige Akteure der – letztendlich gescheiterten – Revolution von 1848/49. Auch die ehemaligen Revolutionäre von 1848/49, wie beispielsweise LudwigBüchner (1824-1899) und Carl Vogt (1817-1895), die Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung gewesen waren oder Emil Adolph Rossmässler (1806-1867) – ehemaliger Präsident des Stuttgarter „Rumpfparlaments“ – wurden gezwungen ihre – zum Teil akademischen Ämter – aufzugeben.469 Sie suchten von nun an ihre Grundüberzeugungen, wie den Glauben an Entwicklung und Fortschritt in der Gesellschaft, im Rahmen ihrer populärwissenschaftlichen Vermittlungsversuche weiter zu geben. Neben den populärwissenschaftlichen Bestrebungen auf dem literarischen Markt oder im Vereinswesen wirkten ehemalige Revolutionäre auch als Zoogründer. So riefen sie die ersten bürgerlichen zoologischen Gärten in Deutschland mit ins Leben.470 Die Haltung exotischer Tiere war damit kein Privileg des Adels mehr oder diente vornehmlich dem bloßen Vergnügen der Fürsten be- 466 Vgl. im Folgenden Kap. 1.1.1, S. 2ff. 467 Vgl. dazu Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 377ff. 468 Bayertz, Siege der Freiheit, 1987, S. 170. Kelly, The descent of Darwin, 1981, S. 17. Die „Versammlungen deutscher Naturforscher und Ärzte“ stellten nicht nur ein Podium zur Förderung der Naturwissenschaften dar, sondern dienten auch als Demonstration der „geistigen Einheit der Nation“ unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Vereinigung. Vgl. Bayertz, Siege der Freiheit, 1987, S. 170. 469 Vgl. im Folgenden Kap. 1.1.1, S. 5 f. 470 Vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, z. B. S. 6ff. u. S. 82. 4 Ergebnisse 376 ziehungsweise Repräsentationszwecken.471 Den neuen Bürgerzoos wurden stattdessen andere Aufgaben zugewiesen, wie die Besucher zu belehren und zu unterhalten. Und nicht zuletzt entwickelten sie sich zu Treffpunkten der bürgerlichen Gesellschaft. Auf diese Weise trugen die ehemaligen Akteure der Revolution von 1848/49, obwohl sie der eigentlichen politischen Betätigung entsagen mussten, letzten Endes dennoch einen Teil dazu bei, dass die Versuche der restaurativen Kräfte das Rad wieder zurück zu drehen, auf längere Sicht gesehen erfolglos blieb. Die bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen und die Genese einer öffentlichen Sphäre sowie bürgerlichen Öffentlichkeit bereiteten unter anderem den Boden, auf dem der Boom der Wissenschaftspopularisierung mit all seinen Facetten möglich wurde und gedieh. Wettstreit der Nationalstaaten Eine weitere Rolle für den Boom der Wissenschaftspopularisierung und der Vermittlung naturhistorischer Kenntnisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielte die zunehmende Bedeutung der Nationalstaaten und deren Wettstreit untereinander. Schon die eingangs erwähnte Neuordnung des Wissenschaftsbetriebs im Zuge der Französischen Revolution rief in Preußen Kräfte auf den Plan, es Frankreich gleich zu tun und ebenfalls entsprechende Institutionen zu begründen. Diese sollten sich – neben der Forschung – zusätzlich auch der Wissensvermittlung – vor allem Naturkunde – widmen.472 Die wichtigsten Schaufenster zur Präsentation neuer wissenschaftlichtechnischer Errungenschaften stellten die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts – beginnend mit der ersten von 1851 in London – dar.473 Hier wurde der – zunächst friedliche – Wettstreit der Nationen und Länder besonders deutlich. Zwar spielten auf den ersten Welt- und Industrieausstellungen die wirtschaftliche Entwicklung sowie ingenieurtechnische Meisterleistungen die größte Rolle, aber auch Bildungsfragen und Bildungsmedien blieben nicht außen vor. So wurden bereits auf der ersten Weltausstellung Tierpräparate und dramatische Tiergruppen präsentiert, die bei den zahlreichen Besuchern auf großes Interesse stießen. Bei der Weltausstellung von 1867 in Paris bekamen Bildung und Bildungsmittel eine noch größere Bedeutung. Philipp Leopold Martin beispielsweise setzte hier bewusst auf die „nationale Karte“. Er argumentierte, dass seine Nachbildungen urweltlicher Tiere das Prestige und das Ansehen des Königreichs Württemberg erheblich befördern könnten. Auch wenn er damit vor allem um finanzielle Unterstützung für sein Vorhaben warb, so war ihm die Bedeutung der Wissenschaft und der öffentlichkeitswirksamen Präsentation ihrer Erkenntnisse für das nationale Prestige durchaus bewusst. Die Wissenschaftspopularisierung, ihre Medien und visuellen Konzepte waren während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts daher auch ein gern genutztes Instrument, um zu zeigen, zu welch großen wissenschaftlichen Leistungen die einzelnen Nationen und Länder im Stande waren. 471 Vgl. im Folgenden Kap. 1.1.1, S. 5 f. 472 Ploetz, Carl et al., Der Grosse Ploetz, 2008, S. 856 f. 473 Vgl. im Folgenden Kap. 2.9.2, S. 125ff. 4.5 Einordnung 377 Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus Die öffentlichkeitswirksame Präsentation und Vermittlung naturkundlicher Erkenntnisse und naturwissenschaftlicher Errungenschaften war aber nicht nur dem Ansehen der eigenen Nation oder des Vaterlandes förderlich. Sie hatte auch bezüglich kolonialer Bestrebungen einige Bedeutung. Dies zeigte sich besonders bei den zoologischen Gärten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als mit dem Jardin d'Acclimatation im Bois de Boulogne der zweite Pariser Tiergarten entstand, wurde diesem neuen Institut – neben der Eingewöhnung und Zucht exotischer Nutztierrassen – auch die Aufgabe zugewiesen, als „Schaufenster“ der Kolonien zu dienen und damit den Kolonialgedanken zu befördern.474 Weitere Gründungen zoologischer Gärten – vornehmlich in Mitteleuropa und Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – mit ihrer oftmals exotistischen Architektur – deuten ebenfalls darauf hin. Sie stellten letztendlich ein „Kolonialreich im Kleinen“ dar, die vom imperialen Anspruch der jeweiligen Nation künden sollte. Zusammen mit den später ebenfalls in den Tiergärten stattfindenden Völkerschauen sowie völkerkundlichen und mit Einschränkungen auch naturhistorischen Ausstellungen dienten sie daher nicht zuletzt auch als Medien des Kolonialismus und Imperialismus.475 Industrielle Revolution und Industrialisierung Des Weiteren beförderten und begünstigten die industrielle Revolution und die Industrialisierung die Nachfrage nach der Vermittlung naturwissenschaftlichen Wissens. Die auf den modernen Natur- und Ingenieurwissenschaften fußende Industrialisierung führte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem weitgehenden Wandel der Gesellschaft. Agrarstaaten wurden langsam aber sicher zu durch Technik und Industrie geprägten Nationen. Naturwissenschaftliche Kenntnisse waren daher für immer weitere Kreise der Bevölkerung von großer Bedeutung, auch wenn es sich dabei weniger um Grundlagenwissen und vielmehr um praxisorientierte Kenntnisse handelte. Zudem hat die Industrialisierung selbst zu einer weiteren Verbreitung des Wissens beigetragen. Durch die Revolution des Verkehrswesens – beispielsweise mit dem Bau von Eisenbahnstrecken – sowie bessere Kommunikationswege fand das Wissen in Form von Literatur und Zeitschriften eine umfassendere Verbreitung und einen grö- 474 Vgl. im Folgenden, S. 2.8.2, S. 110ff. 475 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 275. Zur Geschichte der Völkerschauen vgl. Dreesbach, Gezähmte Wilde: die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870-1940, 2003 u. Thode-Arora, Für fünfzig Pfennig um die Welt – Die Hagenbeckschen Völkerschauen, 1989. 4 Ergebnisse 378 ßeren Absatz476, wobei die Leser und Rezipienten vor allem in den stetig wachsenden Städten zu finden waren.477 Trotz des weithin vorherrschenden Fortschrittsglaubens traten schon bald die ersten Schattenseiten der Verstädterung und Industrialisierung zu Tage. Fortschrittskritische Naturforscher und Wissenschaftspopularisatoren, wie beispielsweise Philipp Leopold Martin, stellten eine Zurückdrängung der Natur und Tierwelt und eine Entfremdung weiter Kreise der Bevölkerung – vor allem in den Städten – von der Natur fest.478 Martin führte sogar die einsetzende Gründerkrise nach der Reichsgründung und dem Deutsch-Französischen Krieg auf die Geringschätzung alles Natürlichen zurück. Die Ausbeutung der Natur führe, so Martin, durch Spekulation zu einer ungeheuren „Anhäufung von Rohprodukten“, die zur Überproduktion geführt habe, „an welcher unsere Industrie für lange Zeit krank darnieder liegen wird“.479 Um all diesen negativen Entwicklungen begegnen zu können, forderten die Mahner vor einer Zurückdrängung und Geringschätzung der Natur deren Schutz und forcierten eine bessere Vermittlung des naturkundlichen Wissens.480 Der technische Fortschritt und die Industrialisierung hatten daher aus sehr unterschiedlichen Gründen großen Anteil an der vermehrten Nachfrage nach popularisiertem naturwissenschaftlichen und naturkundlichen Wissens – einerseits, damit der Bevölkerung eine Teilhabe am Fortschritt möglich war, andererseits aber auch, dass sie bezüglich der Gefahren für die Natur und Tierwelt sensibilisiert und aufgeklärt werden konnte. Aufstieg der Massenkultur Der technische Fortschritt war nicht zuletzt auch die Voraussetzung für eine bessere Verfügbarkeit und größere Verbreitung von Druckerzeugnissen. Neue Druckverfahren, Setzmaschinen, Schnellpressen und später die Rotationspresse, die zum Teil bereits während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden und zur 476 Durch bessere und schnellere Verkehrsmittel wie Eisenbahnen und Dampfschiffe mit deutlich höheren Transportkapazitäten gelangten übrigens auch Naturalien schneller an ihr Ziel. In Kombination mit fortschrittlicheren Präparations- sowie Konservierungsmethoden waren diese auf Reisen nicht mehr so stark dem Verfall preisgegeben wie früher. Vgl. Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 48 f. u. S. 50. 477 Während im Jahr 1800 nur 25% der deutschen Bevölkerung in Städten lebten, waren es 1871 bereits 36,1% und 1910 schon 60%. In großen Städten ab 20.000 Einwohnern lebten zum Zeitpunkt der Reichsgründung bereits 12,5% der Bevölkerung. Vgl. Tiemann, Institutionen und Medien zur Popularisierung wissenschaftliche Kenntnisse in Deutschland zwischen 1800 und 1933, 1991, S. 176. Reulecke, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, 1985, S. 202. 478 Vgl. Kap. 2.12, S. 147ff. 479 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 194. Im Zuge der Gründerkrise beendeten Börsenspekulationen, die vermehrte Gründung von Aktiengesellschaften sowie Überkapazitäten und Überproduktion die 1867 einsetzende Phase wirtschaftlichen Aufschwungs. Vgl. Henning, Die Industrialisierung in Deutschland 1800-1914, 1973, S. 203ff u. S. 208. Vgl. a. Born, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs (1867/71-1914), 1985, S. 116ff. 480 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 272. Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 97. 4.5 Einordnung 379 Marktreife gelangten, verbesserten und beschleunigten nicht nur deren Produktion und Verbreitung, sondern machten diese auch erschwinglicher.481 Dies galt natürlich auch im Hinblick auf die Reproduzierbarkeit von Abbildungen. Hierbei traten, neben den lange Zeit üblichen Holzschnitt und Kupferstich, der Stahlstich und nicht zuletzt die Lithografie, der „Urahn aller Flachdruckverfahren“ durch Alois Senefelder, hervor.482 Vor allem die Möglichkeit, auf diese Weise Zeichnungen und sogar farbige Abbildungen besser und einfacher herstellen zu können als in früheren Jahrhunderten beim Kupferstich- oder Holzschnittverfahren, spielte im Zusammenhang mit der herausragenden Bedeutung visueller Medien und Konzepte für die Verbreitung naturkundlichen Wissens eine kaum zu unterschätzende Rolle.483 Trotz des vergleichsweise aufwendigen Verfahrens bei der Lithografie und erst recht der Chromolithografie für den Farbdruck konnten mit Hilfe der Steindruck-Schnellpresse höhere Auflagen als bisher produziert werden. Mit dem Aufkommen photomechanischer Verfahren, welche die Lithografie nach und nach ersetzt haben, wurde dies noch einfacher und vor allem günstiger möglich.484 Die, in immer kürzeren Intervallen voranschreitende, Entwicklung der Druckverfahren und Druckmaschinen waren nur eine Seite der Medaille. Mindestens ebenso wichtig waren die Alphabetisierung, die Lesefähigkeit und im Allgemeinen ein höheres Bildungsniveau.485 Während beispielsweise um 1800 nur 25% der Bevölkerung Mitteleuropas, die älter als sechs Jahre waren, lesen konnten und die meisten Bücher nur von einem verschwindend geringen Prozentsatz – von 0,1% – der Bevölkerung – gelesen wurden, stellte sich die Situation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vollkommen anders dar.486 1870 betrug der Alphabetisierungsgrad der deutschen Bevölkerung schon an die 75%.487 481 Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 31. 482 Vgl. Historische Kommission, Geschichte des Deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Band 1: Das Kaiserreich 1870-1918, 2001, S. 170ff. u. Wolf, Geschichte der graphischen Verfahren, 1990, S. 633ff. 483 Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 31. Vgl. a. Historische Kommission, Geschichte des Deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Band 1: Das Kaiserreich 1870-1918, 2001, S. 170ff. 484 Historische Kommission, Geschichte des Deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Band 1: Das Kaiserreich 1870-1918, 2001, S. 170ff. 485 Zur Alphabetisierung und Lesefähigkeit vgl. a. Quarthal, Leseverhalten und Lesefähigkeit in Schwaben von 16. bis zum 19. Jahrhundert, 1989, S. 339-350. 486 Tiemann, Institutionen und Medien zur Popularisierung wissenschaftliche Kenntnisse in Deutschland zwischen 1800 und 1933, 1991, S. 165. 487 Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. III, 1995, S. 433. Zum Durchbruch der Industrialisierung in Deutschland vgl. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. III, 1995, S. 66ff. Zum Begriff der „Kommunikationsrevolution“ vgl. Siemann, Gesellschaft im Aufbruch: Deutschland 1849-1871, 1996, S. 93 f. sowie Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. III, 1995, S. 429, S. 440 u. S. 1232. Zur Demokratisierung des Lesens vgl. Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, 1999, S. 186ff. Latein als Wissenschafts- und Bildungssprache wurde bereits im 18. Jahrhundert im Zuge der europäischen Aufklärung zurückgedrängt und durch die jeweiligen Landessprachen ersetzt, was ebenfalls zu einer weiteren Wissensverbreitung beitrug. Vgl. Wolfschmidt/ Reich/Hünemörder, Methoden der Popularisierung, S. 18. Orland 1995/96, Wissenschaft und Laienöffentlichkeit, 2002, S. 127. 4 Ergebnisse 380 Alle diese erwähnten Entwicklungen führten zusammengenommen zu einer Ausweitung des Buchmarkts und der Entstehung der Massenpresse. Unterstützt durch ein lebhaftes Ausstellungs- und Vereinswesen fanden entsprechende Medien und das darüber transportierte Wissen also ein immer größeres Publikum. Alltagsleben und Populärkultur Themen und Inhalte aus dem Bereich der Naturgeschichte, die über Druckerzeugnisse, visuelle Konzepte und Ausstellungen einem weiteren Kreis der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, hielten während des 19. Jahrhunderts bald Einzug in das Alltagsleben und die Populärkultur. Besonders deutlich wurde dies bei der ersten Weltausstellung von 1851. Wie bereits mehrfach erwähnt, stießen die dramatischen und grotesken Tiergruppen eines Hermann Ploucquet bei den Besuchern der Weltausstellung auf großes Interesse. Der Grund hierfür war aber nicht nur ihre fachliche oder künstlerische Qualität sondern auch, dass sie den Nerv des damaligen – vor allem viktorianischen – Publikums trafen.488 Während zum Beispiel die dramatischen Tiergruppen vom „struggle for existence“ und „survival of the fittest“ – bereits einige Jahre vor der Veröffentlichung von Darwins bahnbrechendem Werk – kündeten, sprachen die grotesken und karikierenden Darstellungen Schaulust und Sensationsgier des Publikums an.489 Vergleichbares gilt auch für die ersten Nachbildungen urzeitlicher Reptilien und anderer ausgestorbener Tiere, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England und auf dem europäischen Festland entdeckt worden waren.490 Auch sie fanden starken Widerhall im viktorianischen England. In den Abbildungen sich bekämpfender urweltlicher Giganten, wie zum Beispiel Ichthyosaurier und Plesiosaurier, spiegelten sich für viele Betrachter der ewige Kampf um die Vorherrschaft, um den Lebensraum und das schlichte Überleben in der Gesellschaft wider.491 Zudem repräsentierten die Darstellungen ausgestorbener Tiere oder von Landschaften längst vergangener Erdzeitalter, wie es Nicolaas Rupke postuliert, die Sicht weiter Kreis der britischen Gesellschaft von den Kolonien als fremdartige und ungastliche Landstriche mit wilden Tieren und nicht minder wilden Eingeborenen.492 Damit wurden sie zu einem Symbol für weit entfernte exotische Länder, die es zu erobern, zu beherrschen und zu „zivilisieren“ galt. „Long ago“ wurde so – bildlich gesprochen – gleichgesetzt mit „far away“.493Aber nicht nur die Kolonien und ihre Bewohner verunsicherten die Menschen, auch die schon seit der Mitte das 18. Jahrhunderts fortschreitende Industrialisierung und die gesellschaftlichen Umbrüche, die sie mit sich brachte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Nachbildungen urzeitlicher Giganten, 488 Freeman, Victorians and the Prehistoric, 2004, S. 3 f. u. S. 259ff. 489 Freeman, Victorians and the Prehistoric, 2004, S. 4. 490 Vgl. Kap. 3.3.2, S. 218ff. 491 Gesellschaftliche Umbrüche, wie beispielsweise die Entstehung der Arbeiterklasse, wurden ebenfalls mit zunehmender Sorge betrachtet und diese mit der „Wildheit“ urzeitlicher Kreaturen oder von Eingeborenen in den Kolonien in Verbindung gebracht. Vgl. Marshall, A Dim World, Where Monsters Dwell: The Spatial Time of the Sydenham Crystal Palace Dinosaur Park, 2007, S. 291. 492 Rupke, Metonymies of Empire. Visual Representations of Prehistoric Times, 1993, S. 522 f. 493 Ebd., S. 524. 4.5 Einordnung 381 schnaubend und mit zahnbewehrten Mäulern, auch mit der rasanten Industrialisierung und vor allem deren exponierten Symbol, der Eisenbahn, in Verbindung gebracht wurden. Der britische Dichter Alfred Tennyson (1809-1892) verglich zum Beispiel den Ichthyosaurier mit einer Dampflokomotive und zwanzig Jahre später setzte der Schriftsteller und zweimalige britische Premier Benjamin Disraeli (1804-1881) in seiner Novelle „Lothair“ die Eisenbahn mit einem Riesenfaultier (Megatherium) aus dem Tertiär gleich.494 Aber trotz aller Zukunftsängste wurden durchaus auch positive Zusammenhänge hergestellt, beispielsweise, dass die Kohle mit denen Dampfmaschinen und Lokomotiven beheizt wurden, gerade in der Zeit entstanden war, als diese Kreaturen die Erde beherrschten.495 Und nicht zuletzt standen sowohl die Entdeckung und „Erfindung“ des „Dinosauriers“ – ebenso wie die Dampflokomotive – als Symbole des wissenschaftlich-technischen Fortschritts.496 Vor allem auf der Weltausstellung von 1851 fanden, laut Rupke, Kolonialismus, Industrialisierung, Technik und Urwelt zusammen.497 Sie stellte ein Schaufenster der beginnenden Industrialisierung ebenso dar wie der Kolonialisierung und der Erforschung sowie Präsentation vergangener Erdzeitalter. Denn neben technischen Erfindungen, industriellen Errungenschaften und kolonialer Machtentfaltung, entstanden kurz nach der Weltausstellung die ersten und lebensgroßen plastischen Nachbildungen von Dinosauriern und anderer urweltlicher Tiere in der Geschichte der Menschheit. Im Garten des nach Sydenham im Süden Londons verlegten Crystal Palace wirkten aber als ein Teil britischen Herrschaftsgebiets – weit weniger bedrohlich und leichter beherrschbar, da sie gleichsam eingezäunt, „gezähmt“ und „zivilisiert“ waren.498 Diese wenigen Beispiele – vornehmlich aus dem viktorianischen England – zeigen eindrucksvoll, wie die Inhalte der Naturgeschichte und ihre visuellen Konzepte während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam zum Bestandteil der Alltags- sowie Populärkultur und teilweise zum Allgemeingut wurden. Auch wenn dies nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar ist, traten auch hierzulande naturhistorische Versatzstücke in Analogie zu kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen und symbolisierten deren Besonderheiten und Umbrüche.499 Bis heute stehen sie oftmals allegorisch für prägende Entwicklungen der jeweiligen Epoche und daher können sie nicht zuletzt auf dem Hintergrund aktueller wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und technischer 494 Freeman, Victorians and the Prehistoric, 2004, S. 141 f. In dieses Bild passt ebenso, dass die Züge, welche die Besucher in den Süden Londons in den Park von Sydenham zu den „Crystal Palace Dinosaurs“ brachten, bisweilen als „monster trains“ bezeichnet wurden. Vgl. Marshall, A Dim World, Where Monsters Dwell: The Spatial Time of the Sydenham Crystal Palace Dinosaur Park, 2007, S. 299. 495 Vgl. Marshall, A Dim World, Where Monsters Dwell: The Spatial Time of the Sydenham Crystal Palace Dinosaur Park, 2007, S. 299. 496 Freeman, Victorians and the Prehistoric, 2004, S. 4. 497 Rupke, Metonymies of Empire. Visual Representations of Prehistoric Times, 1993, S. 526. 498 Ebd. 499 Vgl. dazu zum Beispiel Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 29 f. So übt der „Vater der deutschen Science-Fiction-Literatur“ Kurd Lasswitz in seiner Erzählung „Homchen“ versteckte Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen des Deutschen Kaiserreichs. Saurier werden darin zu Symbolen der „alten Ordnung“ während dem weit schwächeren Beuteltier „Homchen“ die Zukunft gehört. Vgl. Lasswitz, Nie und immer: Neue Märchen, 1902. 4 Ergebnisse 382 Umbrüche betrachtet werden.500 Auch dies hat dazu beigetragen, dass popularisierte naturgeschichtliche Themen während dieser Zeit in der Gesellschaft und der Öffentlichkeit auf fruchtbaren Boden fielen. Veränderte Wahrnehmungen Eine weitere Entwicklung, welche vor allem die Einführung neuer visueller Konzepte zur Wissenschaftspopularisierung begünstigte, war die Veränderung der Wahrnehmung. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts fand eine grundlegende „Neuund Umstrukturierung“ vom „Wesen des Sehens“ und ein Wandel bei Vorstellung des Betrachters statt.501 Die noch im 18. Jahrhundert als „Paradigma des Sehens“ geltende Camera Obscura wurde abgelöst durch neue optische Geräte wie das Stereoskop oder visuelle Medien wie Panorama und Diorama.502 Während es sich bei der Camera Obscura um einen starren Aufbau handelte und Wahrnehmung sowie wahrgenommenes Objekt gleichgesetzt werden konnten, befreiten die neuen optischen Geräte und Medien das Sehen von festen Bezügen und Strukturen und führten den – nun losgelösten – Betrachter zu neuen visuellen Erfahrungen.503 Der Betrachter erhielt eine ver- änderte Stellung sowie einen anderen Blickwinkel, war nicht mehr örtlich festgelegt und wurde sogar zum Bestandteil des visuellen Mediums selbst, wie beim Panorama oder dem Daguerrschen Diorama.504 Diese neuen optischen Geräte und visuellen Medien entwickelten sich im Lauf des 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen. Es entstand eine neue Sehkultur, die zunächst der Unterhaltung und Belustigung oder beim Panorama auch propagandistischen Zwecken diente.505 Die Beziehung zwischen dem Sehenden und dem Sichtbaren hatte sich geändert und das Publikum, gewohnt an neue visuellen Medien und Präsentationsformen, wie zoologische Gärten, Panoramen, Dioramen oder Weltausstellungen stellte das Konkrete über das Abstrakte, das Dreidimensionale über das Zweidimensionale.506 Die Museen mit ihren Schausammlungen blieben davon nicht verschont und mussten mit neuen visuellen Konzepten und „Sehhilfen“ antworten.507 Landeshistorische und regionale Zusammenhänge Bei der Untersuchung des gesellschaftlichen Umfelds und des allgemeinhistorischen Kontexts, in dem Philipp Leopold Martin arbeitete und seine Ideen sowie visuellen Konzepte Gestalt verlieh, sollten auch regionale und landesgeschichtliche Entwick- 500 Freeman, Victorians and the Prehistoric, 2004, S. 4 u. S. 141. Vgl. dazu auch Rupke, Metonymies of Empire. Visual Representations of Prehistoric Times, 1993, S. 518ff. 501 Crary, Techniken des Betrachtens, 1996, S. 13 u. S. 19. 502 Ebd., S. 19. 503 Ebd., S. 25 u. S. 141. 504 Ebd., S. 117ff. Grau, Virtuelle Kunst in Geschichte und Gegenwart, 2002, S. 60. 505 Crary, Techniken des Betrachtens, 1996, S. 28. S. a. Grau, Virtuelle Kunst in Geschichte und Gegenwart, 2002, S. 53. 506 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 152. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 127. 507 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 201-202. 4.5 Einordnung 383 lungen Berücksichtigung finden. Dies gilt in besonderem Maße für seine Wahlheimat Württemberg sowie die Residenzstadt Stuttgart, in der Martin fast drei Jahrzehnte als zoologischer Präparator, Popularisator der Naturkunde und Autor wirkte. Das Land, aus dem ihn 1859 der Ruf ans dortige Königliche Naturalienkabinett ereilte, galt bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein als das „Armenhaus“ im Südwesten Deutschlands.508 Das Gros der Bevölkerung lebte von der Landwirtschaft, hinzu kam eine eher zögerliche Haltung gegenüber dem technischen Fortschritt sowie der Industrialisierung.509 Mit dem „Reformer auf dem Königsthron“ König Wilhelm I., der von 1816-1864 regierte, begann langsam aber sicher der Wandel Württembergs von einem Agrarstaat zu einem mehr und mehr industriell geprägten Land.510 Zunächst wurde als Folge der sogenannten Hunger- und Teuerungskrise nach den napoleonischen Freiheitskriegen die Modernisierung der Landwirtschaft in Angriff genommen.511 Zu den bekanntesten Maßnahmen der Landwirtschaftsreformen Wilhelms I. sind die Gründung des landwirtschaftlichen Vereins sowie die Begründung des landwirtschaftlichen Hauptfests zu nennen, auf dem die Bauern ihre Erzeugnisse präsentieren konnten. Des Weiteren entstanden im Zuge der Agrarreformen die landwirtschaftliche Hochschule in Hohenheim – auch auf Anregung Königin Katharinas (1788-1819) – sowie die Tierarzneischule in Stuttgart.512 Im Zusammenhang mit der Förderung der Landwirtschaft spielen hier auch persönliche Interessen des Regenten eine Rolle, der aufgrund seiner Vorliebe für Landwirtschaft und Tierzucht „König der Landwirte“ genannt wurde.513 Eine dauerhafte und strukturelle Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Württembergs war alleine mit Landwirtschaftsreformen aber nicht machbar.514 Daher wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts schrittweise die Industrialisierung Württembergs in die Wege geleitet.515 Diese nahm – im Vergleich mit den meisten anderen 508 Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 19. 509 Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 33. Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 170. 510 Zur Wirtschaftsgeschichte Württembergs vgl. Boelcke, Wirtschaftsgeschichte Baden-Württembergs, 1987. Zu Stuttgart vgl. Borst, Stuttgart – Die Geschichte der Stadt, 1973, S. 264ff. Zu König Wilhelm I. vgl. Sauer, Reformer auf dem Königsthron. Wilhelm I. von Württemberg, 1997. 511 Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 44. 512 Lang, Mehr Nahrung für die wachsende Bevölkerung, 2006, S. 286. Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 44 f. Weller, Württembergische Geschichte im südwestdeutschen Raum, 1972, S. 242. Zur Tierarzneischule vgl. Frisch, Die ehemalige Tierarzneischule zu Stuttgart (1812-1912), 2001. URL: http://elib.tiho-hannover.de/d issertations/frischa_2001.pdf (Abgerufen am 04.03.2014). 513 Vgl. Sauer, Reformer auf dem Königsthron. Wilhelm I. von Württemberg, 1997. Klappentext. 514 Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 44. 515 Zur Wirtschaftsgeschichte Württembergs vgl. Boelcke, Wirtschaftsgeschichte Baden-Württembergs, 1987. Zu Stuttgart vgl. Borst, Stuttgart – Die Geschichte der Stadt, 1973, S. 264ff. 4 Ergebnisse 384 deutschen Ländern – weit langsamer an Fahrt auf.516 Die Gründe hierfür waren unter anderem, dass Württemberg nicht nur arm an Bodenschätzen und Rohstoffen war, sondern auch eine gute Verkehrsanbindung fehlte.517 Um die Industrialisierung voranzutreiben setzte das Königreich Württemberg – neben dem Beitritt zum Zollverein 1833/34 – zunächst auf Gewerbeförderung.518 Hierzu gehörte einerseits die 1862 erfolgte Aufhebung des Zunftzwangs und andererseits eine bessere und gezieltere berufliche Bildung.519 Daran hatte die 1848 gegründete „Centralstelle für Gewerbe und Handel“ und ihrem – ab dem Jahr 1855 – als Direktor wirkenden Ferdinand von Steinbeis, großen Anteil.520 Steinbeis, der es als seine Aufgabe sah den Agrarstaat Württemberg ins Industriezeitalter zu führen, erkannte die enorme Bedeutung von gut ausgebildeten handwerklichen Fachkräften für das an Rohstoffen arme Land.521 Des Weiteren setzte er sich dafür ein, dass die württembergischen Erzeugnisse und wirtschaftlichen Leistungen des Landes auch über die Landesgrenzen hinaus Beachtung und Anerkennung finden sollten. Er organisierte lokale Industrieausstellungen ebenso wie die Teilnahme Württembergs an den Weltausstellungen in London und Paris, wovon bekanntlich auch Philipp Leopold Martin profitierte. Für Württembergs Weg vom reinen Agrar- zum Industriestaat genügte es auf Dauer aber nicht alleine auf Gewerbeförderung und die Ausbildung von Fachkräften zu setzen. Ausschlaggebend war vor allem eine bessere Verkehrsanbindung. Erst mit dem endgültigen Anschluss der Residenzstadt Stuttgart an das Eisenbahnnetz und dem Bau eines Bahnhofs in der Bolzstraße – zunächst 1844/45 sowie mit dem Neubau 1863-1868 – konnte sich die Hauptstadt Württembergs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Schritt für Schritt zu einem Industriestandort und einer modernen Großstadt entwickeln.522 Mit der Eisenbahn gelangte nicht nur die erforderliche Menge an Kohle und an anderen Rohstoffen einfacher und schneller in die Stadt, sondern Stuttgart wurde auch als Reiseziel attraktiver. Dennoch erhielt die beschauliche Residenzstadt Württembergs erst nach der Reichsgründung ein zunehmend „städtisches“ Gepräge, was auch durch strengere Bauvorschriften und die Ausweisung neuer, attraktiver Wohngebiete befördert wurde.523 Die etwas langsamere Entwicklung zu einer Großstadt zeigt das – im Vergleich mit anderen größeren deutschen Städten – 516 Borst, Stuttgart – Die Geschichte der Stadt, 1973, S. 266. Sauer, Das Werden einer Großstadt – Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 132ff. 517 Borst, Stuttgart – Die Geschichte der Stadt, 1973, S. 268ff. Sauer, Das Werden einer Großstadt – Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 247 f. 518 Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 44. 519 Quarthal, Berufsbildung als Gewerbeförderung in Württemberg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 1994, S. 44. 520 Zu Ferdinand von Steinbeis und der „Centralstelle für Gewerbe und Handel“ vgl. Kap. 4.2.1, S. 331 f. 521 Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 20. 522 Schmidt, Von der königlichen Residenz zur bürgerlichen Großstadt, 2006, S. 248. Boelcke, Wirtschaftsgeschichte Baden-Württembergs, 1987, S. 212. Sauer, Das Werden einer Großstadt, 1988, S. 132 u. S, 247 f., Borst, Stuttgart, 1973, S. 248 u. 268 f. 523 Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 41ff. Der zunehmenden Industrialisierung, dem Bevölkerungswachstums und 4.5 Einordnung 385 moderate Bevölkerungswachstum, das erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anzog.524 So stieg die Einwohnerzahl Stuttgarts von 47.000 im Jahr 1850 auf ungefähr 92.000 in den Jahren 1870/71. 525 Der Anschluss an das Eisenbahnnetz und der technische Fortschritt sorgten aber nicht nur für Bevölkerungswachstum und Verstädterung, sondern natürlich auch für schnellere Transport- und Kommunikationswege.526 Durch die Eisenbahnanbindung ebenso wie den bereits 1846 in Württemberg eingeführten Telegrafen gelangten Druckerzeugnisse und Nachrichten weit schneller an ihren Bestimmungsort als bisher.527 Dies festigte Stuttgarts Rolle als bedeutendes „Zentrum des Verlagswesens“. Schon 1836 befand sich – was die Buchproduktion anbelangte – die Residenzstadt des Königreichs Württembergs an dritter Stelle und nach der Reichsgründung wurde sie sogar zum Spitzenreiter im Deutschen Reich.528 Zudem war Stuttgart der Erscheinungsort zahlreicher populärer Publikumszeitschriften.529 Diese Druckerzeugnisse stießen bei der Bevölkerung auf ein lebhaftes Interesse. Denn anders als noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts fanden in Württemberg mittlerweile durchaus auch Bücher nicht religiösen Inhalts eine größere Verbreitung, wozu auch naturwissenschaftliche Literatur und Fachliteratur zählte.530 Damit einhergehend nahm die Anzahl der in den Haushalten vorhandenen Bücher zu.531 Neben der größeren Verbreitung einschlägiger Bücher und Zeitschriften zeugte außerdem das Vereinswesen – vor allem Stuttgarts – vom größer werdenden Interesse weiterer Kreise der Bevölkerung an naturwissenschaftlichen oder naturkundlichen Themen und Inhalten.532 Unter den zahlreichen Stuttgarter Vereinen befanden sich einige naturwissenschaftliche und naturkundliche, wie beispielsweise der 1844 entstandene „Verein für Vaterländische Naturkunde in Württemberg“ und der 1878 gegründete „Verein der Vogelfreunde“.533 Diese waren – neben ihren eigentlichen Hauptaufgaben – auch im Bereich der Popularisierung naturkundlichen Wissens täder Verstädterung tat die Gründerkrise wenige Jahre nach der Reichsgründung auf Dauer keinen Abbruch. Vgl. Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 136. Zum Bevölkerungswachstum und Verstädterung vgl. Boelcke, Wirtschaftsgeschichte Baden-Württembergs, 1987, S. 178 u. Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 31. 524 Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 16. 525 Ott/Schäfer, Wirtschafts-Ploetz, 1984, S. 167. Vgl. a. Sauer, Das Werden einer Großstadt – Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 31. 526 Brune, Verkehrswelt im Wandel. Neue Eile, in: Landesmuseum Württemberg 2006, Das Königreich Württemberg 1806-1918, 2006, S. 270. 527 Borst, Stuttgart – Die Geschichte der Stadt, 1973, S. 283. 528 Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 295. 529 Ebd., S. 28 f u. S. 295 f. 530 Quarthal, Leseverhalten und Lesefähigkeit in Schwaben vom 16. Zum 19. Jahrhundert, 1989, S. S. 348. 531 Ebd., S. 346 u. 348. 532 Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 30. 533 Zum „Verein für Vogelfreunde“ vgl. Kap. 2.12.1, S. 150ff. 4 Ergebnisse 386 tig. Durch Veröffentlichungen, Vortragsabende, Versammlungen und Ausstellungen wirkten sie für Württemberg und Stuttgart identitätsstiftend.534 So betrieb der Verein für Vaterländische Naturkunde zum Beispiel eine kleine Sammlung „vaterländischer“ Naturalien, welche ab 1865 im Naturalienkabinett im Rahmen einer „Centralsammlung württembergischer Naturalien“ präsentiert wurde.535 An derartigen Naturalien – vor allem aus Ur- und Vorgeschichte war – wie weiter oben bereits ausgeführt wurde – Württemberg außerordentlich reich. Angefangen von der Verbundenheit – auch der einfachen Bevölkerung – mit der Ur- und Naturgeschichte, der landwirtschaftlichen Prägung des Landes und der Rolle der Residenzstadt Stuttgart als ein bedeutendes Zentrum des Verlagswesens hatten einige dieser für Württemberg spezifische Begleitumstände durchaus Einfluss auf Martins Wirken und Wirkung und nicht zuletzt vor allem darauf, dass die Popularisierungsbemühungen im Allgemeinen auf fruchtbaren Boden fielen. Die Bedeutung der Bildung für ein an Rohstoffen armes Land bewirkte ein Übriges. Naturgeschichte im Wandel Die aufgeführten historischen und sozialgeschichtlichen – nationalen und regionalen – Entwicklungen begünstigten und beschleunigten den Boom der Wissenschaftspopularisierung im Laufe des 19. Jahrhunderts auf unterschiedliche, und eher mittelbare Weise. Unmittelbarere Auswirkungen hatte der rasante Fortschritt in den Naturwissenschaften und der Naturgeschichte. Verzeitlichung und Empirie Bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts befand sich die alte Naturgeschichte im grundlegenden Wandel. Einer der Gründe dafür waren die auf zahlreichen Forschungsreisen entdeckten zahlreichen neuen Spezies und Subspezies sowie die daraus folgende regelreche „Explosion“ der Naturaliensammlungen.536 Diese bis dato ungeahnte Flut neuer Arten und dem Wissen über sie konnte mit den überkommenen, teilweise noch aus der Antike und dem Mittelalter stammenden, Arbeitsweisen nicht mehr bewältigt werden.537 Zunächst trat an die Stelle des alten Klassifizierungssystems, welches auf einer „räumlichen“ Ordnung des naturhistorischen Wissens basier- 4.5.2 534 Landesmuseum Württemberg, Das Königreich Württemberg 1806-1918, 2006, S. 382. 535 Ebd., S. 385. Sauer, Das Werden einer Großstadt. Stuttgart zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg 1871-1914, 1988, S. 348. 536 Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 22 f. u. S. 24. Während beispielsweise Aristoteles in seiner „Historia animalium” 335 v. Chr. 300 später korrekt bestimmte Arten von Wirbeltieren beschrieb, listete Linné 1758 der „Systema naturae” bereits an die 8.000 Tierarten auf. Mittlerweile wird nach neuesten Schätzungen von insgesamt 8.700.000 Arten ausgegangen, bekannt sind davon aber nur 1.800.000. Vgl. Sentker, Naturhistorische Sammlungen. Der 100-Millionen-Schatz, 2014. URL: http://www.zeit.de/2014/27/naturhistorische-sammlungen (Abgerufen am 11.07.2014). 537 Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1976, S. 16 f. 4.5 Einordnung 387 te, ein neues, in dem ein „zeitliches Nacheinander“ angenommen werden konnte.538 Vor allem die Geologie und Paläontologie oder, wie sie zu dieser Zeit oftmals genannt wurde, die „Petrefaktenkunde“, spielte hierbei eine Vorreiterrolle. Dort gewann die „Historisierung des Wissens“ vor allem deswegen an Bedeutung, weil neue Funde anders nicht mehr eingeordnet und interpretiert werden konnten.539 Die „Verzeitlichung“ der Naturgeschichte schuf damit nicht zuletzt die Grundlage für eine „entwicklungsgeschichtliche Denkweise“, die später in der Evolutionstheorie Darwins mündete.540 Mit der „Verzeitlichung“ ging die Empirie einher. So wurde die bisherige Arbeitsweise in der Naturgeschichte, alleine die klassischen naturhistorischen Texte aus der Antike und dem Mittelalter als Maßstab heranzunehmen und diese immer wieder zu repetieren und umzuformulieren, in Frage gestellt. An ihre Stelle traten die aufgrund eigener Erfahrung, Beobachtung und bei Experimenten gewonnene Erkenntnisse.541 Herausbildung neuer Disziplinen Des Weiteren unterlag die Naturgeschichte während dieser Zeit einer zunehmenden Spezialisierung. An Stelle der alten „Historia naturalis“ mit den drei Reichen „Mineralia“, „Vegetabilia“ und „Animalia“ traten die bis heute maßgeblichen geo- und biowissenschaftlichen Disziplinen sowie deren zahlreiche Unterdisziplinen, in denen von nun an Empirie und Experiment den Ton angaben.542 Eine Vorreiterrolle spielte auch hier die Geologie, die sich schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts herauskristallisiert hatte.543 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden schließlich die weiteren Hauptdisziplinen Botanik und Zoologie sowie deren zahlreiche Subdisziplinen – wie im Fall der Zoologie beispielsweise Ornithologie oder Ichthyologie.544 In all diesen neuen wissenschaftlichen Fächern verlor die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein unangefochten vorherrschende taxonomische Systematik sowie die reine Beschreibung äußerer Merkmale – weitgehend ohne Berücksichtigung anderer Einflüsse – ihre Vormachtstellung. Sie wurde zunehmend ergänzt und verdrängt durch biologische, ökologische oder evolutionstheoretische Sichtweisen. Vor allem die Biologie – als die „Wissenschaft vom Leben“ – fasste an den Universitäten und Forschungseinrichtungen Fuß. Bei ihr stand die Frage nach einer der Natur innewohnenden Ordnung und wie Organismen funktionieren im Vordergrund.545 538 Ebd., S. 24. 539 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 77. 540 Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1976, S. 16, 19 u. 24. Auf Grund des „Hungers“ nach immer mehr Sammlungstücken und Forschungsobjekten, an denen die Evolutionstheorie Darwins untersucht und bewiesen werden sollte, kam es zu einer weiteren „Explosion“ der Sammlungen. Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 286 541 Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1976, S. 17. 542 Outram, New Spaces in Natural History, 1996, S. 249. 543 Die Erforschung der materiellen und „leblosen“ Welt unterschied sich natürlich sehr von denen der Tier- oder Pflanzenwelt – ihre fossilen Überreste eingeschlossen. Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 47. 544 Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 33. 545 Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 72. Outram, New spaces in natural history, 1996, S. 249. 4 Ergebnisse 388 Wandel vom „System zum Leben“546 Der Wandel der Naturgeschichte, die Herausbildung neuer Disziplinen sowie die Vormachtstellung der Biologie hinterließen auch im Zusammenhang mit der Wissenschaftspopularisierung ihre Spuren. Hier besaß der Begriff der „Biologie“ allerdings eine etwas andere Bedeutung.547 Während sie als wissenschaftliche Disziplin dafür zuständig war, die Gesetze des Lebens und die Funktionen von Organismen zu untersuchen, hatte sie im Rahmen der Wissenschaftspopularisierung vornehmlich die Bedeutung einer „Lehre von den Lebensweisen der Tiere“ und allem was damit unmittelbar zusammenhängt.548 In ihrer Ausprägung als „deskriptiver Biologie“ wurde sie nicht nur im Rahmen entsprechender Publikationen eingesetzt, sondern diente bekanntlich auch als eine Schausammlungskonzeption, in denen lebenswahre Tiernachbildungen und Tiergruppen dominierten.549 Die neuen, unter anderem auf der deskriptiven Biologie basierenden, Schausammlungen repräsentierten – im Gegensatz zu den überkommenen systematischen Sammlungskonzeptionen – den angesprochenen „Wandel vom System zum Leben“ in der Naturgeschichte in eindrucksvoller Weise.550 Sie zeigten Tiernachbildungen in ihrem – nachgebildeten – natürlichen Kontext und boten einzelne aufschlussreiche Szenen aus ihrem Leben dar – von der Brutpflege bis zum Beutefang. Des Weiteren thematisierte die beschreibende Biologie im Rahmen von Schausammlungen auch aktuelle evolutionstheoretische Fragestellungen, die vor allem in Deutschland hohen Stellenwert besaßen.551 Die „Verzeitlichung“ der Naturgeschichte, die Herausbildung neuer auch empirisch geprägter Disziplinen sowie vor allem die Hinwendung vom „System zum Leben“ waren daher die bedeutendsten Aspekte im Rahmen des Wandels der Naturgeschichte, die nicht nur weitgehende Auswirkungen darauf hatten, welche Inhalte der Öffentlichkeit im Rahmen von Publikationen und Ausstellungen vermittelt wurden, sondern auch mittels welcher Medien und visuellen Konzepte dies geschah. Philipp Leopold Martin: Präparator, Museumsreformer, Popularisator Die in den vorherigen Kapiteln herausgearbeiteten historischen, gesellschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklungen zeigen, in welchem Umfeld Philipp Leopold Martin seine Ideen und Konzepte entwickelte und teilweise auch Gestalt verlieh. Zudem lassen sie erkennen – in aller gebotenen Kürze – warum von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als der Blütezeit der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert in Deutschland gesprochen werden kann. Im Folgenden soll Mar- 4.5.3 546 Zit. n. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 3. 547 Zur Begriffsgeschichte der Biologie vgl. Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 77 u. 85. 548 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 83. 549 Ebd., S. 84 f. u. Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 77. 550 Zit. n. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 3. 551 Farber, Finding Order in Nature, 2000, S. 69. 4.5 Einordnung 389 tins Wirken als zoologischer Präparator, Museumsreformer und Popularisator in eben diesem geschichtlichen und fachlichen Kontext verortet werden.552 Popularisator An der Vermittlung naturwissenschaftlichen und naturkundlichen Wissens während dieses Popularisierungsbooms beteiligten sich eine Vielzahl von Fachwissenschaftlern, fachfremden Akteuren, Autodidakten sowie Amateuren auf die unterschiedlichste Art und Weise. Viele von ihnen sind schon bald nach ihrem Ableben in Vergessenheit geraten. Dennoch hatten sie einen enormen Anteil daran, dass die Vermittlung naturwissenschaftlichen und naturkundlichen Wissens in der damaligen Zeit einen so ungeheuren Aufschwung nahm. Philipp Leopold Martin war einer von ihnen. Der Höhepunkt seiner Schaffenskraft und Popularität fällt daher – nicht zufällig – in die Zeit des „Take-offs“ der Wissenschaftspopularisierung.Damals entwickelte er seine revolutionären Methoden der Taxidermie und Dermoplastik, die Konzepte verschiedenster Tiergruppen, schuf Nachbildungen urweltlicher Tiere und entwarf den Plan eines „Centralgartens für Natur- und Völkerkunde“. Die wichtigsten Gründe und Ursachen, weshalb er sich diesen Aufgaben zuwandte, wurden in einem der vorherigen Kapitel ausführlich erläutert. Martin war sich – wie aus Zitaten und persönlichen Zeugnissen hervorgeht – der Tatsache bewusst, dass die Vermittlung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf Grund der erwähnten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen immer größere Bedeutung erhielt. Von Seiten des etablierten Wissenschaftsbetriebs und der staatlichen naturhistorischen Museen, ebenso wie der allgemeinbildenden Schulen mit ihrem am klassischen und humanistischen Bildungsideal orientierten Lehrplänen wurde jedoch, so bemerkte Martin, nicht genug für die naturkundliche Volks- und Allgemeinbildung getan. Vor allem die großen Museen mit ihrer Ausrichtung auf die taxonomische Systematik und wissenschaftliche Sammeltätigkeit waren – zunächst – weder in der Lage noch gewillt, den Vorstellungen des Laienpublikums“ entgegen zu kommen. Sie besaßen keine explizite Schausammlung, die Tierpräparate waren – wenn überhaupt – weder lebenswahr präpariert noch wurden sie ansprechend präsentiert und von einer allgemein verständlichen Ausstellungsdokumentation konnte ebenso keine Rede sein. Die Museumsbesucher wollten jedoch – laut Martin – diese immer offensichtlicher werdende Diskrepanz zwischen den unnatürlich wirkenden Exponaten in der Sammlung des naturhistorischen Museums und den überaus lebendigen Tieren in den zahlreichen neu entstandenen zoologischen Gärten nicht mehr hinnehmen. Sie erwarteten vielmehr eine an ihren Ansprüchen und ihrer Vorbildung orientierte Schausammlung. Aus den Führungsetagen der großen staatlichen naturhistorischen Museen und Naturaliensammlungen kamen aber so gut wie keine Impulse, diese offensichtlichen Mängel beheben zu wollen. Selbst eine Trennung in Schau- und Lehrsammlung wurde zunächst nicht in Angriff genommen. Erst einige Jahre nach dem 552 Auf erneute Quellenachweise wird im Folgenden in der Regel verzichtet, sofern es sich bei den Ausführungen um die Zusammenfassung vorheriger Kapitel handelt. 4 Ergebnisse 390 Tod Martins waren sie eine Selbstverständlichkeit. Da sich naturhistorische Museen, ebenso wie der etablierte Wissenschaftsbetrieb, diesen neuen Entwicklungen gegen- über wenig aufgeschlossen zeigten, sprangen zunächst andere in diese Bresche. So oblag die Vermittlung naturwissenschaftlicher Kenntnisse vor allem den von der „Scientific community“ oftmals belächelten oder sogar verfemten „professionellen“ oder „okkasionellen“ Wissenschaftspopularisatoren, deren Wirkungskreis sich jedoch weitgehend auf das populärwissenschaftliche Vereins- und Publikationswesen beschränkte.553 Im Umfeld des naturhistorischen Museums wirkten in popularisierender Weise vornehmlich Amateurforscher oder handwerklich-technisches Personal. Zu diesem ist der zoologische Präparator Philipp Leopold Martin zu zählen. Er hatte zeitlebens kein einschlägiges Studium absolviert oder einen anderweitigen akademischen Grad erworben. Stattdessen eignete er sich autodidaktisch solide naturwissenschaftliche und naturkundliche Kenntnisse an. Wie nur wenige andere vermochte er die Theorie mit der Praxis und vor allem seinem künstlerisch-handwerklichen Talent zu vereinen, um dadurch der Vermittlung naturkundlicher Kenntnisse vorwiegend im Museums- und Ausstellungswesen neue Impulse zu verleihen. Daneben war Martin auch der Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Werke und Artikel, wie beispielsweise der dreibändigen „Illustrirten Naturgeschichte der Thiere“.554 Zudem wirkte er zeitweise in einem populärwissenschaftlich ausgerichteten Verein – dem Verein der Vogelfreunde in Stuttgart und Württemberg – mit. Mit all dem vermochte er während des Booms der Wissenschaftspopularisierung aber nicht dieselben Erfolge zu erzielen, wie mit seinem eigentlichen Anliegen, der Entwicklung neuer visueller Konzepten und Leitideen zur Reform des naturkundlichen Sammel- und Ausstellungswesens. Hierbei leistete er Pionierarbeit, die bis heute nachwirkt.555 Reformer des Präparationswesens Zoologische Präparatoren wie Philipp Leopold Martin die nicht zum wissenschaftlichen Personal eines naturhistorischen Museums zählten, besaßen innerhalb der Museumshierarchie – bis weit ins 19. Jahrhundert hinein – einen untergeordneten Rang. Dies spiegelten auch ihre offiziellen Tätigkeits- und Berufsbezeichnungen wider, so wurden sie unter anderem „Gehülfe“ oder „Ausstopfer“ genannt.556 Ihre Hauptaufgabe beschränkte sich weitgehend auf das massenhafte Herstellen von Bälgen und Stopfpräparaten für wissenschaftliche Zwecke, daneben hatten sie oft „fachfremde“ Tätigkeiten zu übernehmen, wie zum Beispiel als Museumsaufsicht oder Museumdiener.557 Ihre Arbeit übten sie zum Teil in zugigen und ungeheizten Werkstätten aus und außerdem waren sie durch den Umgang mit Tierkadavern und Chemikalien zur Konservierung, wie beispielsweise Arsen, außerordentlich hohen gesundheitlichen 553 Vgl. dazu Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998. 554 Martin, Illustrirte Naturgeschichte der Thiere, 1882-1884. 555 Vgl. zur Nachwirkung Kap. 5. S. 415ff. 556 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 102. 557 Ebd. 4.5 Einordnung 391 Gefahren ausgesetzt.558 Trotzdem war ihre Entlohnung oft so gering, dass sie gezwungen waren, ihr karges Gehalt mittels Nebentätigkeiten, wie der Präparation von Jagdtrophäen oder dem Handel mit Naturalien, aufzubessern. Noch prekärer war die Lage selbstständiger Tierpräparatoren. Sie waren ausschließlich auf Auftragsarbeiten, zum Beispiel für private Sammler oder Museen, angewiesen. Wer sich also in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts dazu entschloss zoologischer Präparator zu werden, um wie Philipp Leopold Martin seinen dementsprechenden Neigungen und Interessen nachzugehen, wählte dabei auch die – zumindest zeitweise – finanzielle und materielle Unsicherheit. So erhielt dieser, wie im biografischen Teil der Arbeit ausführlich dargestellt wurde, erst im Alter von siebenunddreißig Jahren eine Festanstellung als technischer „Gehülfe“ am Zoologischen Museum der Friedrich-Wilhelm- Universität in Berlin. Damit war sein Auskommen wenigstens einigermaßen gesichert und er konnte sich neben seiner Arbeit für das zoologische Museum – mit Duldung des damaligen Vorgesetzten Lichtenstein – seinen weiteren Aufgaben zuwenden. Hierbei hatte er, neben der Reform des naturkundlichen Präparations-, Sammel- und Ausstellungswesens, auch die Professionalisierung seines Berufsstandes zum Ziel und damit die Verbesserung des sozialen und wirtschaftlichen Status von Präparatoren. Ein Weg dazu war die Institutionalisierung und Standardisierung ihrer Ausbildung. Aus diesem Grund versuchte Martin im Dachgeschoss des Berliner zoologischen Museums eine entsprechende Schule zu initiieren, wobei ihm jedoch kein dauerhafter Erfolg beschieden war. Wilhelm Peters, der Nachfolger Lichtensteins als Direktor des zoologischen Museums, ließ die Schule – unter anderem aufgrund der Differenzen mit Martin – wieder schließen. Unter anderem aus diesem Grund verließ Martin das Berliner zoologische Museum und folgte einem Ruf als erster Präparator an das königliche Naturalienkabinett in Stuttgart. Auch dort arbeitete er an seinen Reformideen und Zielen weiter. Mit der Publikation der ersten Bände seiner „Praxis der Naturgeschichte“ trug er viel zur Professionalisierung seines Berufsstandes bei.559 So dienten die darin veröffentlichten Techniken und Methoden zahlreichen Kollegen schon bald als Vorlagen und Anleitungen und einige von ihnen hospitierten am Stuttgarter Naturalienkabinett, um dort moderne Tierpräparation und Dermoplastik zu erlernen. Aber trotz seines stetig wachsenden Ansehens wurden die über seinen eng definierten Aufgabenbereich hinausgehenden Bemühungen zur Reform des naturhistorischen Ausstellungswesens von seinem Vorgesetzten kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn gefördert oder unterstützt. Da Martin stark darunter litt, war der Zeitpunkt seines Abschieds, um sich von nun an ausschließlich eigenen Projekten zu widmen, absehbar. Auch wenn er anschließend nie mehr an einem staatlichen naturhistorischen Museum als Präparator wirkte, so blieben seine entsprechenden Re- 558 Zur gesundheitlichen Gefährdung von Präparatoren und ihren Berufskrankheiten vgl. Arndt, Die Berufskrankheiten an Naturwissenschaftlichen Museen, 1932, S. 47ff. 559 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870. 4 Ergebnisse 392 formbemühungen dennoch nicht ohne Folge. Dies betraf nicht nur die Konzepte für eine Reform des naturkundlichen Präparations-, Sammel- und Ausstellungswesens, sondern auch seine Vorstellungen für die Ausbildung zukünftiger Präparatoren sowie deren berufliches Selbstverständnis. Martins diesbezügliche Bemühungen entfalteten erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts voll ihre Wirkung, als sich die Lage der zoologischen Präparatoren an den staatlichen naturhistorischen Museen langsam zum Besseren zu verändern begann. Ihr Gehalt stieg, es gab mehr attraktive Stellen und die Präparatoren wurden von primär mechanischen und „niederen“ Tätigkeiten entlastet.560 Die von Martin angemahnte Professionalisierung und Standardisierung der Ausbildung ließ allerdings noch einige Zeit auf sich warten. Erst die Gründungen von Berufsverbänden, wie des „Internationalen Präparatorenvereins“ in der Schweiz – ein Jahr vor der Jahrhundertwende – sowie der Deutschen Künstlervereinigung der Museumsdermoplastiker im Jahre 1931 – angeregt durch den Martin- und Kerz-Schüler Herman H. ter Meer – legten die Grundsteine für die endgültige und offizielle Formierung des Berufsstandes.561 Das Selbstbewusstsein der Präparatoren war gewachsen, ihre Selbstorganisation im Entstehen und ihre Reputation höher als noch fünfzig Jahre zuvor.562 Von ehemaligen „Ausstopfern“ und technischen Gehilfen waren sie zu Künstlern und „Tierbildnern“ mit zeitgemäßen und fundierten zoologischen sowie anatomischen Kenntnissen geworden.563 Dies zeigte nicht zuletzt die 1934 im Museum für Naturkunde in Berlin präsentierte Ausstellung mit dem Titel „Dermoplastik einst und jetzt“, auf der die Errungenschaften und die Fortschritte der Tierpräparation einem größeren Publikum plastisch von Augen geführt wurden.564 Die Arbeit von Generationen von Tierpräparatoren für Forschung, Lehre aber auch die Popularisierung der Naturkunde wurde damit umfassend gewürdigt.565 Ein Aufstieg in die „höheren Etagen“ des Naturkundemuseums blieb ihnen allerdings – von wenigen Ausnahmen abgesehen – aufgrund der fehlenden formalen akademischen Ausbildung weiter versagt. Museumsreformer Etwas schneller als der soziale Status der zoologischen Präparatoren, ihr Ansehen innerhalb der Museumshierarchie oder die Art und Weise ihrer Ausbildung, wandelten sich die Präparationspraxis, die visuellen Konzepte sowie die Sammlungs- und Schausammlungskonzeptionen. Auch diesbezüglich wiesen die von Martin entwickelten und skizzierten Methoden weit in die Zukunft. Da es zu dieser Zeit – wie oben dargestellt wurde – noch keine institutionalisierte Präparatorenausbildung gab, verbreiteten 560 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 112ff. 561 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 53. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 116. 562 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 115 f. 563 Ebd. 564 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 53. 565 Ebd., S. 49. 4.5 Einordnung 393 sich die Martinschen Methoden ebenso wie deren Weiterentwicklungen von Kollegen, Epigonen und Schülern vor allem über das informelle Netzwerk der Tierpräparatoren – von Museum zu Museum und von Präparatorengeneration zu Präparatorengeneration.566 Lebenswahre Tierpräparate, inszenierte Tiergruppen und – ergänzend zu den wissenschaftlichen Sammlungen der Museen – auch entsprechend gestaltete, moderne Schausammlungen wurden neben den zoologischen Gärten zu den wichtigsten Medien der Popularisierung der Naturkunde – und die Präparatoren in der Tat, wie Carsten Kretschmann feststellte, zu den zentralen Akteuren der musealen Praxis sowie den „Katalysatoren“ des Wandels an den Naturkundemuseen.567 Die Initialzündung ging dabei – in den meisten Fällen – jedoch nicht von dem Museumsdirektoren oder Konservatoren sondern von zoologischen Präparatoren, wie Philipp Leopold Martin, aus. Diese versuchten ihre Ideen – entgegen allen Widerständen – der überkommenen und etablierten Sammel- sowie Ausstellungspraxis entgegenzustellen und dies obwohl sie nicht zum wissenschaftlich gebildeten Personals naturhistorischer Museen gehörten. Auch Martin ließ sich nicht davon abbringen, trotz oftmals vehementer Kritik von Vorgesetzten und Kritikern, seine Vorstellungen zu propagieren und auf die eine oder andere Weise umzusetzen. Er stellte den von taxonomischer Systematik und Wissenschaft dominierten Sammlungskonzeptionen und ihren Verfechtern, die immer noch der überkommenen Vorstellung der Aufklärung nachhingen, jedes Sammlungsstück ihres Museums müsse ausgestellt werden, ästhetisch ansprechende, didaktisch sinnvolle und zeitgemäße Konzepte entgegen. Damit gehört Martin, wie auch viele seiner Präparatorenkollegen, zweifelsfrei zu den in der modernen englischsprachigen Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssoziologie als „artisan scientists“ beziehungsweise „artisan resistants“ bezeichneten Akteuren im Wissenschaftsbetrieb und in dessen Umfeld. Diese trugen einiges zum wissenschaftlichen Fortschritt bei – jedenfalls in den Fällen, wo sich eine naturwissenschaftliche Disziplin – noch – als besonders zugänglich und populär erwies. Prominenz und Präparatorenschicksal Obwohl die zoologischen Präparatoren als „Hauptakteure“ und Katalysatoren der Museumsreform galten, wirkten sie weitgehend im Hintergrund.568 Unbekannt bei den Museumsbesuchern, vielfältigen Gefahren für ihre Gesundheit ausgesetzt und ohne reelle Chancen auf leitende Positionen im Museum fanden sie in den Museumschroniken und der Wissenschaftsgeschichte meist keine oder nur beiläufige Erwähnung. Hiermit teilten sie das Schicksal anderer im Wissenschaftsbetrieb wirkender nicht akademisch gebildeter Assistenten, Laboranten oder Zeichner, den sogenannten 566 Vgl. auch Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 174ff. 567 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 100ff. 568 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 8, S. 151ff. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 100ff. 4 Ergebnisse 394 „Amanuenses“ oder „unsichtbaren Händen“.569 Ebenso wie deren Arbeit weitgehend der Vergessenheit anheimgefallen ist, so ist auch über das Wirken zoologischer Präparatoren – von Ausnahmen abgesehen – wenig bekannt. An den Sammlungen gro- ßer naturhistorischer Museen, wie beispielsweise dem Museum für Naturkunde in Berlin, kann in den meisten Fällen nicht einmal mehr zweifelsfrei festgestellt werden, von welchen Präparatoren die einzelnen Tiernachbildungen überhaupt angefertigt wurden.570 Der Sammler hingegen oder auch der Stifter eines Tierpräparats ist in der Regel auf dem Etikett vermerkt. Das „Los der Präparatoren“ an sich war (und ist) es daher tatsächlich, wie Carsten Kretschmann treffend feststellte, „vergessen zu werden“.571 Die „Berühmtheit“ Martins – jedenfalls zu seinen Lebzeiten – war daher weniger auf seine eigentliche Arbeit als zoologischer Präparator, abgeschieden in der Stille des Präparatoriums, zurückzuführen, sondern vor allem auf seine anderen, weit publikumswirksameren Projekte und Veröffentlichungen. Angefangen von seinen Lehrbüchern für Präparatoren und Sammler über den Entwurf eines Akklimatisationsgartens im Unteren Schlossgarten in Stuttgart und die Teilnahme an der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 mit seinen Nachbildungen urweltlicher Tiere bis hin zur erstmaligen Nachbildung eines eiszeitlichen Elefanten in seinem privaten Museum, prägten diese Unternehmungen und Publikationen das Bild Martins in der Öffentlichkeit. Damit traf er den Nerv eines für didaktisch, ästhetisch und lebenswahr ausgeführte visuellen Konzepte empfänglichen Publikums, das im „Jahrhundert der Naturwissenschaft“ sowie dem Zeitalter der Industrialisierung und Massenkommunikation von den überkommenen und eintönigen Naturaliensammlungen nichts mehr wissen wollte. Nicht zuletzt trugen aber auch seine zahlreichen populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie sein Engagement als Vogel- und Tierschützer zu seinem – jedenfalls zeitlebens – beachtlichen – Bekanntheitsgrad bei. Doch all dies vermochte nicht gänzlich zu verhindern, dass – wie in der Einleitung erwähnt – Martins Werk mit der Zeit weitgehend der Vergessenheit anheimgefallen war. Mit seinem Tod sowie dem Verlust seiner bedeutendsten Tiernachbildungen – wie der Stuttgarter Mammutnachbildung – ging letztendlich auch die Erinnerung an ihn verloren. Heute sind nur noch einige Fotos und Abbildungen der Mammutnachbildung, die von ihm veröffentlichten Werke und einige seiner Präparate in den Depots mehrerer Naturkundemuseen erhalten. Mit den neueren Studien von Susanne Köstering und Carsten Kretschmann wurde Martins Wirken als einer der wichtigsten Akteure des Wandels von alten Naturalienkabinett zu modernen, der Volksbildung verpflich- 569 Vgl. Shapin, The Invisible Technician, in: American Scientist 77 (6), 1989, S. 554-563. Hentschel, Unsichtbare Hände in der Wissenschaft, in: Physik Journal 8 (2009), Nr. 1, S. 37-40. Hentschel, Unsichtbare Hände. Zur Rolle von Laborassistenten, Mechanikern. Zeichnern u.a. Amanuenses in der physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit, 2008 sowie Hentschel, Wie kann Wissenschafts- und Technikgeschichte die vielen „unsichtbaren Hände“ der Forschungspraxis sichtbar machen, 2008, S. 11-25. 570 Dies ist nicht zuletzt auch die Ursache für die oftmals schwierige Quellenlage. Das Museum für Naturkunde in Berlin beispielsweise besitzt ungefähr 30.000.000 Sammlungsobjekte. Vgl. Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 49. 571 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 100. 4.5 Einordnung 395 teten Naturkundemuseum bereits in Ansätzen gewürdigt, die vorliegende Arbeit entreißt Martins Leben und Werk in seiner Gänze der Vergangenheit, betrachtet, bewertet und ordnet sie im Rahmen der Blütezeit der Popularisierung von Naturkunde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neu ein. Lebendige Bilder der Natur Zum Abschluss wird das Gesamtwerk Martinschen Schaffens und Wirkens – was seine Präparationsmethoden, visuellen Konzepte und Reformideen anbelangt – in einen fachlich-inhaltlichen Gesamtzusammenhang gestellt. Dies geschieht auf Basis der bereits in den vorhergehenden Kapiteln herausgearbeiteten Ergebnisse. Neben den Sammlungs- und Ausstellungskonzeptionen für naturhistorische Museen werden die Taxidermie und Dermoplastik ebenso berücksichtigt wie Tiergruppen, Nachbildungen ausgestorbener Tierarten sowie die überaus zukunftsweisenden naturhistorischen Bildungsinstitute.572 Naturhistorische Schausammlungen Noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein herrschte in den Naturalien- und Raritätenkabinetten ein mehr oder weniger „geordnetes“ Chaos. Nahezu alle Sammlungen besaßen eigene Systematiken, die in den sogenannten „Thesauri“ festgehalten wurden. Das ungeheure Anwachsen der Naturaliensammlungen, zum Beispiel durch die Entdeckung zahlreicher neuer Tier- und Pflanzenarten auf Forschungsreisen, brachte diese unterschiedlichen und oftmals starren Systematiken an ihre Grenzen. Daher wurde ein neues, flexibles und auf der wissenschaftlichen Methode basierendes Ordnungssystem erforderlich. Das Klassifikationssystems Linnés brachte alle Voraussetzungen dafür mit und hielt bald in den meisten Naturaliensammlungen Einzug. Seine Systematik wurde zur Grundlage der Sammlungskonzeptionen staatlicher, der Forschung und Lehre verpflichteter, naturhistorischer Museen und Sammlungen. Auch die schrittweise Öffnung dieser Sammlungen für Laien und fachfremde Besucher, wie beispielsweise des Zoologischen Museum in Berlin oder des Königlichen – früher Herzoglichen – Naturalienkabinetts in Stuttgart änderte zunächst nichts daran. Die Gründe hierfür sind nicht nur beim damaligen Selbstverständnis der Museen zu suchen oder gar bei den an manchen Museen vorherrschenden Bestrebungen, unteren Bevölkerungsschichten den Zugang ins Museum möglichst zu erschweren.573 Manche Museumsdirektoren, wie Martins ehemaliger Vorgesetzter Wilhelm Peters, hingen lange dem aufklärerischen und liberalen Dogma an, dass den Besuchern kein einziges Sammlungsstück vorenthalten werden dürfe, damit jeder Interessierte – ob Wis- 4.5.4 572 Auf erneute Quellennachweise wird im Folgenden in der Regel verzichtet, sofern es sich bei den Ausführungen um die Zusammenfassung und die Essenz vorheriger Kapitel handelt. 573 Es wurde befürchtet, dass durch massenhaften Besuch niederer Stände, dem „anständigen“ Publikum der Museumsbesuch verleidet würde. Vgl. dazu Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 189ff. 4 Ergebnisse 396 senschaftler, Amateurforscher oder Sammler – auf Anhieb erkannte, welches Exponat dem Museum noch fehlte. Damit sie dies feststellen konnten, mussten die Sammlungsobjekte möglichst nach der Systematik Linnés geordnet werden.574 Durch die mittlerweile unüberschaubare Menge an Sammlungsobjekten wurde dieser – bis noch Ende des 19. Jahrhunderts vertretene – Anspruch aber zum Anachronismus. Daher ertönte schon bald der Ruf nach einer Aufspaltung der Sammlungen. Im Jahre 1858 regte ein Kreis reformorientierter Wissenschaftler um Charles Darwin und Thomas Henry Huxley in Großbritannien an, beim Neubau der naturhistorischen Abteilung des British Museum eine Trennung zwischen der wissenschaftlichen Sammlung und der Schausammlung vorzunehmen. Damit sollte das Museum künftig sowohl seine Aufgaben als Forschungsinstitution als auch den immer bedeutsamer werdenden Bildungsauftrag besser wahrnehmen können. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts formulierten schließlich der Kurator der zoologischen Sammlung des British Museum John Edward Gray sowie der Begründer der Tiergeografie Alfred Russell Wallace ihre Vorschläge zu einer grundsätzlichen Reform naturhistorischer Museen in Großbritannien. Diese beinhalteten – neben der angesprochenen Sammlungstrennung – unter anderem Forderungen nach einer ansprechenden Konzeption von Schausammlungen, wie die Präsentation weniger, exemplarischer und lebenswahr gestalteter Präparate sowie eine zugänglichere Ausstellungsdokumentation. Allerdings sollte es Jahrzehnte dauern, bis diese Forderungen umgesetzt wurden. Vorwiegend konservativ geprägte Direktoren und Kuratoren – wie beispielsweise Richard Owen – stellten sich einer notwendigen Reform entgegen. In Deutschland kam der Ruf nach einer Modernisierung naturhistorischer Museen und einer Sammlungstrennung aber weder von Seiten der Wissenschaftler noch aus den Führungsetagen der Naturkundemuseen. Der wohl erste Museumsfachmann in Deutschland, der explizit einen entsprechenden Umbau der Sammlungen anregte, war der zoologische Präparator Philipp Leopold Martin.575 Bereits 1856 formulierte er, dass die öffentlichen naturhistorischen Sammlungen auch zu Stätten der Allgemeinbildung umgestaltet werden müssten. Eine ansprechende Aufstellung und die Befreiung von den Zwängen der Systematik waren unter anderem einige seiner Vorschläge zum Umbau der bisher weitgehend wissenschaftlich geprägten Sammlungen.576 In dem 1870 erschienenen zweiten Band seiner „Dermoplastik und Museologie“ formulierte Martin seine Hauptforderungen noch einmal umfassender.577 Zuerst müsse ein anderes Sammelsystem initiiert werden, welches zu einer Trennung der Hauptsammlungen in wissenschaftliche und eine populärwissenschaftliche führen müsse – wobei er aber die rein wissenschaftliche Sammlung ebenso wenig in Frage stellte wie die zoologische Systematik. Alleine die populärwissenschaftliche Sammlung sollte Aufgaben der 574 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 199. 575 Vgl. dazu auch Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 107. 576 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 485-500. 577 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870. 4.5 Einordnung 397 naturhistorischen Allgemeinbildung übernehmen. Bis sich die Sammlungstrennung an den naturhistorischen Museen durchsetzte, vergingen noch einige Jahre. Das erste Museum in Deutschland, an dem die Sammlungstrennung – in der Ausführung noch konsequenter als von Martin vorgeschlagen – umgesetzt wurde, war das von 1883-1889 neu errichtete Berliner Museum für Naturkunde an der Invalidenstraße. Dem Neubau gingen jahrelange kontroverse Diskussionen und zahlreiche unterschiedliche Entwürfe voraus. Während sich die Politik und exponierte Kreise der Gesellschaft für eine Trennung von Schausammlung und wissenschaftlicher Sammlung aussprachen, die bereits bei der Planung des Museums berücksichtigt werden sollte, sperrte sich der damalige Direktor Wilhelm Peters weiter gegen eine Sammlungstrennung. Erst dessen Nachfolger Karl Möbius führte diese ein – allerdings in einem Museumsgebäude, das ursprünglich dafür überhaupt nicht vorgesehen war. So wurde die Schausammlung des Museums im Erdgeschoss des Neubaus untergebracht und die für die Öffentlichkeit nicht zugängliche wissenschaftliche Sammlung in den Obergeschossen. Neben Berlin wurde im Zuge weiterer Museumsneubauten, wie beim Naturhistorischen Museum in Wien und natürlich ab 1884 auch an der naturhistorischen Abteilung des British Museum, die Sammlungstrennung umgesetzt. Heute ist sie an allen Naturkundemuseen eine Selbstverständlichkeit. Für die neu entstehenden Schausammlungen war die bisher übliche Konzeption nach der taxonomischen Systematik zumindest in ihrer herkömmlichen, alleine der wissenschaftlichen Forschung dienenden, Form aber kaum mehr geeignet. Die britischen Museumreformer um Darwin, Huxley, Gray und Wallace erkannten dies und forderten daher neben der Sammlungstrennung auch passende Sammlungskonzeptionen. Damit stimmten sie weitgehend mit Philipp Leopold Martin überein, der entsprechende Forderungen in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts formuliert hatte. Martin kritisierte, dass die auf bloßer Systematik basierenden Sammlungen gerade für bildungshungrige Besucher immer noch viel zu wenig böten. Indem man jedes an den Sammlungen vorhandene Exemplar mehr schlecht als recht auszustopfe und alleine im Rahmen der taxonomischen Systematik, ohne Bezug zu seinem ursprünglichen Lebensraum und seiner Lebensweise präsentiere, sei – so Martin – dem Publikum nicht gedient. Die herkömmliche systematische Schausammlungskonzeption sollte daher durch eine neue, den Wünschen des „allgemeinen Publikums“ entsprechende, Konzeption abgelöst werden. Hierfür entwickelte er unterschiedliche Leitideen und visuelle Konzepte, die zu seinen Lebzeiten aber nur in Ansätzen umgesetzt werden konnten. Die wichtigste Basis seiner Schausammlungskonzeptionen stellten die von ihm entwickelte Dermoplastik sowie entsprechend gestaltete und inszenierte Tiergruppen beziehungsweise Semi-Habitat-Dioramen dar. Martin bevorzugte Familiengruppen sowie lokal begrenzte tiergeografische Semi-Habitat-Dioramen. Während die Familiengruppen die Aufgabe erhielten, Ereignisse aus dem Tierleben, wie Nestbau, die Brutpflege und Futtersuche oder Jagd darzustellen, handelte es sich bei den tiergeografisch geprägten Gruppen um Inszenierungen, bei denen Flora und Fauna, ebenso wie die geologischen und geografischen Verhältnisse eines bestimmten Lebensraums nachgebildet werden sollten. Mit beiden Arten von Inszenierungen griff Martin den späteren Schausammlungskon- 4 Ergebnisse 398 zeptionen der – deskriptiven – Biologie und Tiergeografie vor. Wie Martin sich ein populäres Schaumuseum vorstellte, offenbart sich in seinen Plänen für ein „Universalmuseum der Natur“. Dessen Ausstellung sollte in erster Linie chronologisch gegliedert werden – nach den zur damaligen Zeit bekannten geologischen Epochen. Bildliche Darstellungen in Form von Wandgemälden und anderen Abbildungen sollten schließlich mit Fossilien, geologischen Formationen sowie plastischen und lebensgro- ßen Nachbildungen urweltlicher Tiere kombiniert werden. Die rezente Tierwelt wurde dagegen sowohl durch Familiengruppen als auch tiergeografisch geprägte Zonenbilder repräsentiert. Martin setzte bei seinen Schausammlungskonzeptionen also weder auf die überkommene taxonomische Systematik noch alleine auf die Tiergeografie oder die – deskriptive – Biologie. Stattdessen sah er in der Erdgeschichte den roten Faden für die Sammlungskonzeption seines populären Schaumuseums. Eine umfassende, sowohl wissenschaftlichen als auch populärwissenschaftlichen Zwecken dienende Sammlungs- sowie Schausammlungskonzeption für ein naturhistorisches Museum mit Forschungs- und Bildungsauftrag blieb er dabei allerdings schuldig. Einige seiner Vorstellungen sind in den um die Jahrhundertwende im Zuge der „New Museum Idea“ und der Museumsreformbewegung im Deutschen Kaiserreich entstandenen Gesamtentwürfen zu finden. Die Schausammlungskonzeptionen, die sich im Zuge des Wandels von der alten, statischen Naturgeschichte zu den neuen naturkundlichen Disziplinen schließlich herauskristallisiert hatten, waren schließlich die neue, didaktisch aufbereitete, Systematik, die deskriptive Biologie, die – eigentliche – Biologie sowie die Tiergeografie. Aus der von Martin noch so vehement kritisierten althergebrachten Sammlungskonzeption der Systematik entstand – zunächst im Berliner Museum für Naturkunde – eine neuartige, nur an der Systematik orientierte didaktisch aufbereitete Leitidee entstanden, die einige der Kritikpunkte Martins aufgegriffen hatte. So wurde die Anzahl der Exponate reduziert und lebenswahre Tiergruppen sowie Tiernachbildungen eingesetzt, die mit Zusatzinformationen, wie Abbildungen, Karten und anatomischen Präparate ergänzt wurden. Die Systematik stellte nur noch den roten Faden der Sammlung dar, an der sich der Besucher orientieren konnte. Etwas weniger Verbreitung fand an den Naturkundemuseen des Deutschen Kaiserreichs die Tiergeografie als Schausammlungskonzeption. Diese basierte auf der von Alfred Russell Wallace mitbegründeten naturhistorischen Teildisziplin. Ähnlich den Martinschen tiergeografischen Semi-Habitat-Dioramen wurden hier charakteristische Tiere bestimmter geografischer Regionen zusammen mit den landestypischen geologischen Verhältnissen, entsprechenden Landschaften sowie der Flora präsentiert. Zur dominierenden Schausammlungskonzeption entwickelten sich die deskriptive sowie – mit Einschränkungen auch die eher theoretisch geprägte „eigentliche“ Biologie. Während es bei der deskriptiven Biologie darum ging – wie bei Martins Familiengruppen – das Leben der Tiere in ihrem Zusammenhang mit der sie umgebenden Flora und Landschaft darzustellen, setzte man bei der eigentlichen Biologie auf die Aufbereitung und museale Darstellung abstrakter biologischer Fragestellungen und Theorien, wie zum Beispiel der Evolutionstheorie. Um Besuchern den Zugang zu einer Schausammlung leichter zu machen, war neben der entsprechenden Leitidee auch eine adäquate Dokumentation der Sammlung 4.5 Einordnung 399 erforderlich. Zur Sammlungsdokumentation gehörten an den Exponaten angebrachte gut leserliche und verständliche Etiketten sowie in erster Linie ein Sammlungs- oder Museumsführer. Auf Grund ihres Status als vornehmlich wissenschaftliche Sammlungen und der noch nicht erfolgten Sammlungstrennung besaßen die meisten Exponate zunächst nur systematische Etiketten, auf denen der Familienname, die Gattung sowie das Geschlecht des Tieres vermerkt waren.578 Die ersten Schritte zu einer auch für Laien verständlichen Etikettierung und Sammlungsdokumentation unternahm zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Berliner zoologischen Museum Martin Hinrich Lichtenstein. Er führte verschiedenfarbige Etiketten für die fünf „Welttheile“ Europa, Afrika, Amerika, Asien und Australien ein. Diesem Ansatz seines Mentors folgend griff Martin in seiner „Dermoplastik und Museologie“ die Idee Lichtensteins Jahrzehnte später wieder auf.579 Des Weiteren regte er an, dass auf den farbigen Etiketten auch die deutschen oder fremdsprachigen Trivialnamen sowie der Fundort, das Funddatum und weitere bedeutsame Informationen vermerkt werden sollten. Aber auch die beste Etikettierung konnte einen Museumsführer nicht vollkommen ersetzen. Der an den Sammlungen und Museen übliche – aus den alten Thesauri – hervorgegangene wissenschaftliche Katalog war als populärwissenschaftlicher Museumsführer nicht geeignet. Daher war es unumgänglich, dass den Besuchern ein gedruckter Sammlungsführer an die Hand gegeben wurde. Martin wies sehr früh auf dieses Manko hin. Jahrzehnte bevor Museumsführer zur Selbstverständlichkeit wurden, bezeichnete er das Fehlen eines allgemein verständlichen Sammlungs- oder Museumsführers als eine der schlimmsten „Unterlassungssünden“ der Vorstände naturhistorischer Museen. Der gedruckte Führer diene, so Martin, nicht nur dazu, Besuchern ergänzende Informationen zu den Exponaten zu liefern oder die Vor- und Nachbereitung eines Museumsbesuchs zu erlauben, sondern er ermögliche auch – was einen sehr modernen museologischen Anspruch darstellt – einen „barrierefreien“ Zugang zu den Sammlungen. Besucher mit eingeschränkter Sehfähigkeit wären damit nicht mehr auf die oft kleinen und unleserlichen Etiketten angewiesen. Ein Museumsführer musste natürlich ebenso – so war die Vorstellung Martins – in einer verständlichen Sprache verfasst werden. Als Vorbilder dienten ihm die zu seiner Zeit bereits verbreiteten Zooführer. Ansonsten orientierte sich Martin an den von Martin Hinrich Lichtenstein in Berlin und Oskar Fraas am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart herausgegebenen ersten Museumsführern.580 Diese blieben aber – schon alleine deswegen, weil naturhistorische Museen damals noch nicht so sehr als öffentliche Bildungsinstitutionen wahrgenommen wurden – bis in die zweite Hälfte 578 Des Weiteren finden sich auf den Etiketten oftmals der Name des Sammlers und das Sammeldatum, der Name des ausführenden Präparators ist dort in der Regel jedoch nicht vermerkt. 579 Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 196. 580 Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 120. 4 Ergebnisse 400 des 19. Jahrhunderts hinein großen Ausnahmen.581 Die ersten umfassenderen Museumsführer entstanden erst ein Vierteljahrhundert später.582 Aber auch diese Publikationen entsprachen den Martinschen Vorgaben für einem populärwissenschaftlich geprägten Museumführer nur bedingt.583 Von Sammlungsführern, die den Vorstellungen Martins eher entgegen kamen und weit weniger wissenschaftlich geprägt waren, kann erst Anfang des 20. Jahrhunderts gesprochen werden, wie beispielsweise beim „Führer durch die geologisch-paläontologische Sammlung“ des Berliner Museums für Naturkunde aus dem Jahre 1910 oder dem des Stuttgarter Naturalienkabinetts aus dem Jahre 1903.584 Aber auch wenn die Konzeptionen der ersten größeren Museumsführer sehr uneinheitlich waren und die Bandbreite von wissenschaftlich geprägten Werken mit Lehr- und Handbuchcharakter über populäre, von der aufkommenden Volksbildungsbewegung beeinflusste, Publikationen bis hin zu didaktisch aufbereiteten Museumsführern reichte, etablierten sie sich mit der Zeit an den größeren naturhistorischen Museen.585 Die Auflagen blieben klein und ihr Absatz bescheiden, aber trotzdem setzten sich die Vorstellungen der Museumsreformer von einer adäquaten und „massenkompatiblen“ Schausammlungsdokumentation –lange nachdem diese bereits von Martin gefordert worden war – durch.586 Taxidermie und Dermoplastik Für die Genese eines publikumsorientierten Naturkundemuseums mit einer entsprechend konzipierten Schausammlung waren lebenswahre Tiernachbildungen von essentieller Bedeutung. Erst die von Martin, seinen Vorgängern und Epigonen entwickelten, modernen Methoden der Taxidermie und Dermoplastik ermöglichten die Anfertigung entsprechender Tierpräparate und Tiergruppen. Die Wurzeln der modernen Taxidermie reichen bis ins 18. und 17. Jahrhundert zurück – in einzelnen Aspekten auch darüber hinaus.587 Hierbei handelt es sich vor allem um die Frage der Konservierung. Ohne die Möglichkeit, organische Materialien dauerhaft vor Zersetzung und Insektenfraß zu schützen, wäre die Anfertigung von Tierpräparaten ebenso wie deren Aufbewahrung und Präsentation im Magazin oder in Schausammlungen gar nicht erst möglich geworden. Eine weitere Bedingung für die Entwicklung der modernen Taxidermie und Dermoplastik stellte die Konstruktion stabiler sowie ana- 581 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 228 f. Vgl. a. Fraas, Die Geognostische Sammlung Württembergs im Erdgeschoss des Königlichen Naturalien-Cabinets zu Stuttgart, 1869. 582 Fraas, Die Geognostische Sammlung Württembergs im Erdgeschoss des Königlichen Naturalien- Cabinets zu Stuttgart, 1869. 583 Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 229. 584 Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 229. Führer durch die Schausammlung des Museums für Naturkunde zu Berlin. Geologisch-paläontologische Schausammlung. Fraas, Die geognostische Sammlung Württembergs, zugleich ein Leitfaden für die geologischen Verhältnisse und die vorweltlichen Bewohner unseres Landes, Führer durch die Kgl. Naturaliensammlung zu Stuttgart, 1903. 585 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 229 f. 586 Ebd. 587 Vgl. dazu Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 100 f. u. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 154 f. 4.5 Einordnung 401 tomisch korrekter Tierkörper dar. Die traditionellen bis ins 19. Jahrhundert hinein verwendeten Methoden waren vor allem für Nachbildung größerer Säugetierarten weitgehend ungeeignet, da sich die aus einem Drahtgestell oder einem weichen Strohkörper (Mannequin) angefertigten Tierkörper unter der straffen und trocknenden Tierhaut rasch verformten. Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Pariser Museum d’histoire Naturelle entwickelte Starrmodellmethode, bei der die Tierkörper aus Holz angefertigt wurden, brachte den Durchbruch – allerdings erst nachdem sie Jahrzehnte später von Martin und seinen Kollegen aufgegriffen und weiterentwickelt worden war. Martin orientierte sich aber nicht nur bezüglich handwerklich-technischer Methoden am Wirken seiner Vorgänger. Auch die von ihm propagierte Lebendbeobachtung sowie die „ganzheitliche“ Betrachtung und Präsentation der Tiere war – in Ansätzen – schon bei den frühen Pionieren der Taxidermie und Ornithologie, wie Johann Friedrich Naumann oder Christian Ludwig Brehm, bekannt. So war Naumann der Überzeugung, dass ein Vogel weder losgelöst von seinem natürlichen Kontext betrachtet, noch als bloßes Präparat dargestellt werden sollte. Auch der Pfarrer und Ornithologe Christian Ludwig Brehm hatte eine ähnliche Auffassung. Er plädierte ebenfalls für eine „ganzheitliche“ Betrachtung der Tiere und betonte als einer der ersten Präparatoren die künstlerische Seite seines Faches. Mit ihren Standardwerken über die Tier- und Naturalienpräparation prägten beide ornithologischen Präparatoren die Taxidermie für viele Jahrzehnte.588 Ihre zaghaften Ansätze zu einer lebenswahren Präparation und Präsentation trafen an den der wissenschaftlichen Systematik verpflichteten staatlichen Museen zunächst auf wenig Widerhall. Daher ging die Entwicklung der modernen Tierpräparation für lange Zeit weitgehend an den öffentlichen Institutionen vorbei und wurde vornehmlich von privaten Museen, Präparationswerkstätten oder einzelnen Präparatoren vorangetrieben. Mitte des 19. Jahrhunderts zeigten – auf der ersten Weltausstellung in London – einige künstlerisch ausgerichtete Tierpräparatoren und Werkstätten zum ersten Male einem größeren Publikum, zu welchen Leistungen sie mittlerweile im Stande waren. Die dort präsentierten Kreationen der „dramatischen Schule“ der Taxidermie waren zwar zoologisch nicht immer korrekt und zielten vornehmlich auf den Publikumsgeschmack der viktorianischen Gesellschaft, bezüglich ihrer herausragenden technischen und künstlerischen Umsetzung vermochten sie aber auch Fachleute zu überzeugen. Durch die „dramatische Schule“ erhielt die Taxidermie einen ungeahnten Aufschwung und zeigte, dass sie mittlerweile – professionell, mit künstlerischem Anspruch und auf der Basis fundierter anatomischer Kenntnisse betrieben – weit mehr war als die bloße „Ausstopferei“ früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wenige Jahre nach der Weltausstellung publizierte Martin schließlich seine erste umfassende Kritik des naturhistorischen Sammel- und Ausstellungswesens.589 Darin griff er die Ansätze seiner Vorgänger auf und entwickelte sie in einem umfassenderen Zusammenhang weiter. Martin 588 Brehm, Die Kunst, Vögel als Bälge zu bereiten, auszustopfen, aufzustellen und aufzubewahren, 1842. Naumann, Taxidermie oder die Lehre Thiere aller Klassen am einfachsten und zweckmässigsten für Naturaliensammlungen auszustopfen und aufzubewahren, 1815. 589 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856. 4 Ergebnisse 402 kritisierte die wenig naturwahre Gestaltung und Aufstellung der Präparate, sowie die Dominanz der Systematik an den Naturaliensammlungen. Zudem stellte er fest, dass das gesamte zoologische Präparationswesen ohnehin keinen hohen Stellenwert besä- ße. Besonders in der damaligen Zeit – dem beginnenden Boom der Wissenschaftspopularisierung590 – in welchem dem naturhistorischen Museum eine besondere Bedeutung als Vermittlungsmedium zukäme, müsse dies zu denken geben, so Martin.591 Mit seinen Vorschlägen packte er die Probleme bei den Wurzeln. So forderte er einen standardisierten Ausbildungsgang für Präparatoren, einen professionelleren Umgang mit Sammlungsgegenständen, deren fachgerechte Konservierung – bereits auf Forschungs- und Sammelreisen – sowie die Berücksichtigung adäquater zoologisch und anatomisch korrekter Vorlagen; und nicht zuletzt die Lebendbeobachtung im zoologischen Garten oder auf Forschungsreisen.592 Er war der Überzeugung, dass der Präparator das von ihm zu gestaltende Tier lebend beobachtet haben musste, um es entsprechend nachbilden zu können.593 Trotz seines flammenden Appells änderte sich auch in den folgenden Jahren wenig. Die Bestandsaufnahme in seinem 1869 erschienenen ersten Band der „Praxis der Naturgeschichte“ – dem wichtigsten Lehrbuch für „Taxidermie“ in der damaligen Zeit – war entsprechend ernüchternd.594 So stellte er fest, dass an den meisten staatlichen naturhistorischen Museen immer noch die Systematik vorherrschend sei und daher vornehmlich die überkommene Art der Taxidermie und Balgpräparation betrieben werde. Sein Ziel war daher nach wie vor, die herkömmliche Taxidermie zu reformieren und zu professionalisieren. Seine Verbesserungsvorschläge reichten von der erwähnten Lebendbeobachtung und dem Notieren wichtiger Daten des Tierkörpers – bereits beim Sammeln – über eine bessere Konservierung mit dem von ihm selbst entwickeltem „arseniksauren Thon“ bis zur eigentlichen Präparation und der Aufstellung. Bei der Herstellung des Tierkörpers unterschied Martin zwischen kleineren und größeren Tieren. Während er bei kleineren Präparaten auf eine abgewandelte Drahtgestellmethode zurückgriff, entwickelte er für die Herstellung größerer seine neue Starrmodellmethode, die zur Erzeugung korrekter anatomischer Proportionen und der entsprechenden Körperfülle notwendig war. Ein auf diese Weise angefertigter Tierkörper war stabil genug, dass er sich durch die aufgezogene und beim Trocknen kontrahierende Haut nicht mehr verformen konnte. Die neue Martinsche Methode der Taxidermie stellte im Vergleich mit den bisherigen Präparationspraktiken zwar einen großen Fortschritt dar, bei Nachbil- 590 Einfügung des Autors. 591 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856. 592 Zur Bedeutung von Forschungsreisen für die Taxidermie und die Sammlungen und Schausammlungen naturhistorischer Museen vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 177ff. Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856. 593 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856. 594 Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869, S. VII-XII. 4.5 Einordnung 403 dungen großer Tiere mit glatter Haut oder kurzem Fell, bei denen die Körper- und Gesichtsformen deutlich zu Tage traten, stieß aber auch sie an ihre Grenzen. Martin entwickelte deshalb eine neue, aufwendigere Methode, die für diese Art von Tiernachbildungen weit besser geeignet war – die Dermoplastik.595 Die Grundlage der Dermoplastik eines Tieres stellte ein verkleinertes, anatomisch korrektes Tonmodell dar, dem eine entsprechende Skizze vorausging. An Hand dieses Modells wurde – auf vergleichbare Weise wie bei der Taxidermie – ein stabiler Tierkörper geschaffen. Die eigentliche „Dermoplastik“, also das detaillierte Formen und Gestalten der Oberfläche und der Haut des Tieres, begann erst nach der Fertigstellung des Tierkörpers. Hierfür verwendete Martin eine eigens entwickelte konservierend wirkende Modelliermasse. Diese ermöglichte vor dem Aufbringen der Tierhaut eine detaillierte Modellierung und danach weitere Korrekturen. Mittels dieser Methode wurde es erstmals möglich, eine anatomisch korrekte, lebenswahre und publikumswirksame Nachbildung auch von bisher „problematischen“ Tieren mit glatter Haut, kurzem Fell sowie nackten Haut- beziehungsweise Gesichtspartien anzufertigen. Die Dermoplastik stellte an einen zoologischen Präparator allerdings weit höhere Anforderungen als die bisherigen Präparationsmethoden. Der ausführende Dermoplastiker benötigte neben fundierten anatomischen und zoologischen Kenntnissen sowie umfassenden handwerklichen Fertigkeiten vor allem künstlerisches Talent. Da es weder eine Schule noch einen institutionalisierten Ausbildungsgang für Präparatoren gab – was weiter oben bereits thematisiert wurde – verbreiteten sich die Martinsche Methoden und Arbeitsweisen daher vor allem über die informellen Netzwerke der Präparatoren oder über Publikationen und Lehrwerke. Auf diesem Weg hielt die Martinsche Dermoplastik in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts – ausgehend vom Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart – an weiteren Museen Einzug. Damit sie überhaupt an einem Museum Fuß fassen konnte, mussten aber mehrere Voraussetzungen erfüllt sein: der Leiter oder Direktor war neuen Präsentationsformen und visuellen Konzepten gegenüber aufgeschlossen, er erkannte die Notwendigkeit einer populären Schausammlung mit lebenswahr präparierten Tiernachbildungen und am Museum musste ein Präparator tätig sein, der die hohen Anforderungen, die an einen Dermoplastiker gestellt wurden, auch erfüllen konnte. Dementsprechend talentierte Präparatoren, Schüler und Epigonen Martins entwickelten dessen Methoden im Lauf der Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich weiter. So sorgte der spätere Nachfolger Martins am Stuttgarter Naturalienkabinett Friedrich Kerz dafür, dass der eigentliche Tierkörper auf Grund anderer Materialien, wie zu einer hohlen Form vernähtes Heu, leichter wurde.596 Über Kerz führt schließlich ein direkter Weg zu dem bekannten Leidener und Leipziger Dermoplastiker und Tierbildner Herman H. Ter Meer, der ebenfalls zwei Jahre am Stuttgarter Naturalienkabinett hospitierte.597 Ter Meer stellte den Körper des Tieres aus Drähten und Maschendraht her, der anschließend mit in Gips 595 Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870. 596 Vgl. Abb. 39, S. 191 u. Abb. 90, S. 420 unten. 597 Zu Ter Meer vgl. Becker, Wie ein zweites Leben – Der Tierbildner Herman H. Ter Meer, 2004. 4 Ergebnisse 404 getränkten „Rupfen“ (Leinengewebe) überzogen wurde. Für das Modellieren der Feinheiten des Tierkörpers, wie der Muskulatur, entwickelte Ter Meer ebenfalls eine Modelliermasse. Die Methoden von Martin bis Ter Meer hatten eines gemein: sie waren aufwendig und stellten an den ausführenden Präparator besonders hohe Ansprüche. Abbildung 86: Tierkörper nach Herman Ter Meer. Praktikabler wurde das gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte „amerikanische Verfahren“ Carl Akeleys. Akeleys Methode unterschied sich von der Martinschen bezüglich der Herstellung des Tierkörpers. Akeley stellte den Tierkörper – über eine Positiv- und Negativform als Zwischenschritte – mittels in Gips getränkter Lappen her. Dieser stabile und trotzdem leichte Tierkörper wurde dann anschließend mit der Tierhaut bezogen. Akeleys Verfahren stellte im Gegensatz zu der von der Martinschen Schule angewandten Technik weniger hohe Anforderungen an den ausführenden Präparator, da Korrekturen an der Positivform jederzeit möglich waren. Abbildung 87: Tierkörper nach Carl Akeley. 4.5 Einordnung 405 Das Verfahren Akeleys hielt um die Jahrhundertwende auch an den Naturkundemuseen des Deutschen Kaiserreichs Einzug. So löste es beispielsweise in Darmstadt das Martinsche Verfahren ab und wurde am Museum für Naturkunde in Berlin sowie am Zoologischen Museum in Hamburg eingeführt. Abgesehen von der praktischen Umsetzung und den verwanden Materialien sowie Techniken blieben und bleiben die eingangs genannten Martinschen Maximen bei der Herstellung lebenswahrer dermoplastischer Tiernachbildungen natürlich nach wie vor gültig – ganz unabhängig vom Verfahren und den verwendeten Materialien. Tiergruppen und Semi-Habitat-Dioramen Tiernachbildungen – vor allem ausgeführt als lebenswahre Dermoplastiken – konnten allerdings nur „befreit“ aus den Schubladen und den Schränken der Systematiker ihre volle Wirkung entfalten und ihre neue Aufgabe erfüllen: zu unterhalten und zu belehren. Inszeniert in Tiergruppen beziehungsweise Semi-Habitat Dioramen, wurden sie die visuellen Konzepte, welche den Wandel an den Naturkundemuseen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am eindrucksvollsten symbolisierten.598 Aber auch die Tiergruppen Martinscher und anderer Provenienz stellten – wie die Taxidermie und Dermoplastik – eine Weiterentwicklung bisheriger Ansätze dar. Ihre Grundprinzipien basierten auf den unterschiedlichsten visuellen Präsentationsformen und Konzepten: Bezüglich der Erzeugung dreidimensionaler und optischer Illusionen lehnten sie sich an das Panorama sowie Daguerres „Diorama“ an. Im Zusammenhang mit den Tierdarstellungen orientierten sie sich an der modernen Tierillustration sowie Tiermalerei und was die Gesamtkomposition anbelangt, nahmen sie Anleihen bei den zukunftsweisenden naturhistorischen Panoramen und Rundgemälden Alexander von Humboldts.599 Die ersten, den späteren Tiergruppen und Semi-Habitat- Dioramen vergleichbaren, Darstellungen entstanden um die Wende zum 19. Jahrhundert. So waren im Londoner Privatmuseum von William Bullock erste Tiergruppen zu finden oder auch in Peales populärem Schaumuseum in den USA. Ebenso wie die vorwiegend aus konservatorischen Gründen erstellten ornithologischen „Tableaus“ und Vitrinen Johann Friedrich Naumanns in Deutschland stellten derartige Konzepte aber nur die ersten, – praktischen – Schritte zum Semi-Habitat und späteren Habitat-Diorama dar.600 Die Entwicklung naturhistorischer Dioramen machte – analog zur Taxidermie – schließlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen bedeutenden Schritt nach vorne. Die damals in Mode gekommenen dramatischen Tiergruppen eines Hermann Ploucquet, die auf der ersten Weltausstellung von London 598 Hervorhebungen durch den Autor. Zum Vergleich der unterschiedlichen naturhistorischen Dioramen vgl. Tabelle 1, S. 463. 599 Humboldt, Kosmos, Band VII/2, 2008, S. 79 f. Philipp Leopold Martin regte 1870 in seinem Werk „Dermoplastik und Museologie“ die Schöpfung von Rundgemälden exotischer Landschaften an, erachtete aber diese aufwändigen visuellen Konzepte zum damaligen Zeitpunkt als zu kostspielig und aufwändig. Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 70 600 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 165. 4 Ergebnisse 406 bestaunt und bewundert wurden, fanden allerdings – obgleich handwerklich und künstlerisch fortschrittlich – nicht ihren Weg in staatliche Museen. Selbst Martin hielt sie für wenig geeignet, den Betrachtern ein originalgetreues Abbild der Natur und Tierwelt zu präsentieren. Er favorisierte stattdessen seine Familiengruppen sowie tiergeografische Gruppen. In den Familiengruppen konnte eine Vielzahl „natürlicher Verhältnisse“ aus dem Leben der Tiere gezeigt werden – vom Nestbau über die Brutpflege bis zur Futtersuche und Fütterung.601 Die tiergeografischen Gruppen stellten hingegen Inszenierungen begrenzter geografischer Regionen auf kleinerem Raum dar. Bei beiden Typen von Semi-Habitat-Dioramen hütete sich Martin zudem vor schwerwiegenden Fehlern – wie der gemeinsamen Präsentation zu vieler Tierpräparate und von Tieren, die in der Natur nie zusammen beobachtet werden konnten. Ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen die Tiergruppen Martinscher und anderer Provenienz sowie Konzeption – vor allem Familiengruppen und deskriptiv-biologische Gruppen – an den naturhistorischen Sammlungen und Museen Schritt für Schritt Fuß zu fassen. Analog zur Martinschen Taxidermie und Dermoplastik verbreiteten sie sich, langsam aber stetig, über das Netzwerk fortschrittlich gesinnter Tierpräparatoren und Museumsdirektoren. So entstanden am Badischen Naturalienkabinett in Karlsruhe ebenso Tiergruppen wie in Münster oder in Darmstadt sowie gegen Ende des Jahrhunderts auch im neu errichteten Berliner Naturkundemuseum. In anderen Ländern setzten sich die Tiergruppen ebenso durch. Hierbei handelte es sich zum Teil aber auch um Weiterentwicklungen wie die sogenannten Habitat-Dioramen. Bei ihnen traten die Tierdarstellungen und Szenen aus dem Tierleben zu Gunsten des Gesamteindrucks einer Landschaft oder eines Ökosystems zurück. Sie fanden aus bestimmten Gründen, wie dem US-amerikanischen Pioniergeist oder dem größeren Landschaftsbezug der skandinavischen Naturkunde, zunächst vor allem den 601 Susanne Köstering betont in ihrer Untersuchung, dass es sich dabei um das „soziale Konstrukt“ Familie handeln würde. Sie erkennt in den Familiengruppen Martins ein Spiegelbild des Frauen- und Familienbildes des Deutschen Kaiserreichs, ja sogar die Propagierung des bürgerlichen Ideals einer Kleinfamilie mit dem Mann als Familienoberhaupt und der Frau als treusorgender Mutter und Gattin. Vgl. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 166ff. Köstering bezieht sich dabei unter anderem auf die Arbeiten von Donna Haraway. Vgl. dazu Haraway, Primate Visions. Gender, Race und Nature in the World of Modern Science, 1989, S. 26-58. Der Autor der vorliegenden Studie folgt dieser Interpretation nicht, da seiner Ansicht nach diesbezüglich andere Gründe naheliegender sind. So hat Martin in seinen Werken ausführlich dargelegt, aus welchen Gründen er Familiengruppen präferierte. Diese sind in erster Linie fachdidaktischer und wissenschaftlicher Natur. Vgl. dazu Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 65 f. u. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 15 f. u. S. 74ff. sowie Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 226 f. Mit dem Ansatz, dass auch gesellschaftliche und politische Entwicklungen an sich auf Museumskonzeptionen und die Präsentation naturkundlicher Inhalte Einfluss nehmen können, stimmt der Autor hingegen überein, was zudem in der vorliegenden Arbeit thematisiert wird. Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 276 f. u. Kap. 4.1, S. 303ff. Zu den Martinschen Familiengruppen vgl. zudem Kap. 3.2.3, S. 202ff. 4.5 Einordnung 407 USA und Nordeuropa und erst später in Deutschland Verbreitung.602 Bis heute sind an den Naturkundemuseen weltweit naturhistorische Dioramen unterschiedlichster Couleur zu finden, von einfachen Tiergruppen ohne Hintergrund über Semi-Habitat- Dioramen bis zu den umfassenden und aufwändigen Habitat-Dioramen. Nach wie vor spielen diese visuellen Konzepte, trotz der vielfältigen Möglichkeiten der neuen Medien sowie Präsentationsformen, eine wichtige Rolle bei der Vermittlung naturkundlichen Wissens. Nachbildungen ausgestorbener Tierarten Zu den Aufgaben eines populären Schaumuseums oder einer Schausammlung gehörte für Philipp Leopold Martin nicht nur die Präsentation rezenter Fauna und Flora im Rahmen von Semi-Habitat-Dioramen oder Dermoplastiken. Auch die Darstellung früherer Erdzeitalter sollte Berücksichtigung finden, um den Besuchern einen Überblick über die gesamte Naturgeschichte bieten zu können. Bei den entsprechenden Inszenierungen wollte er sich zudem nicht auf die Ausstellung von Fossilfunden oder Skelettrekonstruktionen beschränken, die für Laien wenig aussagekräftig waren, sondern auch lebensgroße plastische Nachbildungen präsentieren. Damit betrat Martin – jedenfalls in Deutschland – absolutes Neuland. Noch nie zuvor hatte es ein Geologe oder Paläontologe – von einem Präparator ganz zu schweigen – gewagt, sich dieser Aufgabe zu stellen. Einer der Gründe hierfür war, dass es sich bei der „Petrefaktenkunde“ – der heutigen Geologie und Paläontologie – noch um eine recht junge Wissenschaft handelte. Bevor Fossilfunde und andere Reste ausgestorbener Tiere überhaupt als Überreste ausgestorbener Tiere erkannt wurden, galten sie für lange Zeit als bloße „Launen der Natur“, Überbleibsel mythischer Wesen oder in der Sintflut ertrunkener Tiere. Erst der französisch-württembergische Naturforscher Georges Cuvier bereitete dieser „Phantastenzeit der Paläontologie“ ein Ende und legte mit Zeichnungen fossiler Säugetiere aus dem Pariser Gipsbecken von Montmartre im Jahr 1812 den ersten Grundstein für die Nachbildung ausgestorbener Tierarten auf wissenschaftlicher Grundlage. Auch die in früheren Zeiten als „Lindwürmer“ und „Drachen“, beziehungsweise als in der Sintflut ertrunkene Krokodile, bezeichneten urzeitlichen Echsen verdankten ihre erste annähernd korrekte Klassifizierung Georges Cuvier. Bis allerdings Lebensbilder von ihnen entstanden waren, beispielsweise auf Basis zahlreicher neuer Funde in Südengland zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vergingen weitere Jahrzehnte. Die erste Darstellung einer urzeitlichen Landschaft aus dem Lias von Dorset in Südwestengland, bevölkert mit Ichthyosaurier, Plesiosaurier und anderen Urzeitkreaturen, wurde im Jahre 1830 durch den Geologen Henry de la Beche erschaffen.603 Wie eine zehn Jahre später in „The book of Great Sea Dragons“ erschienene Abbildung des Künstlers John Martin – eine düster wirkende Szene mit Ichthyo- und Plesiosauriern – wurde sie zum Vorbild für weitere Darstellungen.604 602 S. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 173 u. Wonders, Habitat Dioramas, 1993. 603 Rupke, Metonymies of Empire, 1993, S. 514. Langer, Frühe Bilder aus der Vorzeit,1990, S. 202. 604 Hawkins, The Book of the Great Sea Dragons, 1840. 4 Ergebnisse 408 Derartige „Menageriebilder“ fanden in der Folgezeit – zum Teil abgeändert – große Verbreitung. Neben den Illustrationen von De La Beche und John Martin schuf der österreichische Paläobotaniker Franz Unger – zusammen mit dem Künstler Joseph Kuwasseg – in den Jahren 1835 bis 1849 ein weiteres, aufwändiges Werk mit vierzehn Lithographien, in welchem „die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden“ dargestellt wurde.605 Obgleich dessen Abbildungen weit weniger Verbreitung fanden als die oben genannten, regten sie viele Künstler zur Nachahmung an. Beispielsweise den französischen Autor Louis Figuier sowie den Künstler und Illustrator Édouard Riou, die in ihrer 1863 erschienenen Veröffentlichung ebenso die bekanntesten Perioden der Erdgeschichte in fünfundzwanzig Landschaftsbildern lebendig werden ließen.606 Auch das 1866 von Oskar Fraas in Deutschland publizierte Buch mit dem Titel „Vor der Sündfluth“, eine der Quellen Martins für seine späteren Nachbildungen urweltlicher Tiere, enthielt Abbildungen Rious.607 Neben diesen „Menageriebildern“ urzeitlicher Landschaften wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts der nächste große Schritt bei der Darstellung vorzeitlicher Lebewesen in Angriff genommen – der von der Abbildung zur plastischen und lebensgroßen Nachbildung. Gemeinsam mit Richard Owen, dem wissenschaftlichem Leiter, schuf der Bildhauer Benjamin Waterhouse Hawkins in den Jahren 1852-1853 im Park des Crystal Palace in Sydenham die weltweit ersten lebensgroßen und dreidimensionalen Nachbildungen urzeitlicher Kreaturen vom Trias bis zum Quartär. Unter ihnen befanden sich ein Ichthyosaurier und Plesiosaurier ebenso wie das Iguanodon oder einige Säugetiere des Tertiär und Quartär. Trotz ihrer – nicht nur aus heutiger Sicht – zum Teil „fantasievollen“ Gestaltung wurden die „Crystal Palace Dinosaurs“ zu Publikumsattraktionen ersten Ranges. Die aus Eisenstangen, Ziegelsteinen und Zement geschaffenen viktorianischen Urzeittiere prägten für lange Zeit das Bild der schrecklichen Echsen und begründeten ihren Ruf als moderne Ikone des Naturkundemuseums. Sie stellten im Hinblick auf die Entwicklung visueller Konzepte zur Vermittlung naturkundlichen Wissens sowie der Nachbildung urzeitlicher Tiere in der Tat eine „Revolution“ dar. Eine Revolution die bis zur die Wende zum 20. Jahrhundert fast weitgehend ohne Folgen blieb. Eine Ausnahme stellten die wenig bekannten, durch Philipp Leopold Martin geschaffenen, lebensgroßen und lebenswahren Nachbildungen urzeitlicher Lebewesen fünfzehn Jahre später dar. Martins Ansätze – unterschieden sich – bezüglich der Umsetzung – allerdings fundamental von Waterhouse Hawkins Vorgehensweise. Er verwendete leichtere Materialien, damit die Nachbildungen transportabel wurden und gegebenenfalls auf Wanderausstellungen gezeigt werden konnten. Außerdem plädierte er dafür, die Nachbildungen besser in einer künstlichen Urzeitlandschaft zu präsentieren und nicht inmitten nord- oder mitteleuropäischer Vegeta- 605 Rudwick, Scenes from Deep Time: Early Pictorial Representations of the Prehistoric World, 1992, S. 130 f. Vgl. Unger, Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden, 2. Aufl., 1858. 606 Rudwick, Scenes from Deep Time: Early Pictorial Representations of the Prehistoric World, 1992, S. 212. 607 Fraas, Vor der Sündfluth, 1866. 4.5 Einordnung 409 tion.608 Zudem nahm Martin sich gezielt der Tiere aus dem Tertiär und Quartär an, die Waterhouse-Hawkins nicht mehr in Angriff nehmen konnte – darunter auch an die Nachbildung eines eiszeitlichen Elefanten. Als Quellen zog Martin einige der oben aufgeführten bildlichen Darstellungen heran, wie die Urzeitlandschaften von Unger oder die Illustrationen aus Oskar Fraas’ „Vor der Sündfluth“.609 Des Weiteren stützte er sich auf Funde aus Württemberg, die im Stuttgarter Naturalienkabinett aufbewahrt wurden. Für seine erstmalige temporäre Ausstellung im Stuttgarter Königsbau wählte Martin Nachbildungen „populärer“ Tiere, von denen bereits damals zahlreiche Abbildungen existierten, wie zum Beispiel vom Plesiosaurier und Ichthyosaurier sowie von Tierarten mit lokalem Bezug, wie dem „Neckarsaurier“, dem Höhlenbären und Höhlenlöwen. Während sich bereits Waterhouse Hawkins an die plastische Darstellung eines Plesiosauriers sowie Ichthyosauriers gewagt hatte, waren seine Nachbildungen von Säugetieren aus dem Quartär in der Tat die ersten ihrer Art. Dies gilt auch für die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts geschaffene plastische und lebensgroße Darstellung eines Mammuts. Die Quellenbasis, die Martin hierfür herangezogen hatte, war weit umfangreicher als bei den vorherigen Nachbildungen. So hatte Martin aller Wahrscheinlichkeit nach – neben lokalen Mammutfunden – auch Haar- und Hautreste eines aus dem sibirischen Permafrostboden geborgenen Mammutkadavers studiert. Außerdem soll er Zugriff auf die Abbildungen von Kunstwerken eiszeitlicher Jäger und Sammler, wie die 1864 bei La Madeleine (Dordogne/Frankreich) entdeckte, detaillierte Gravierung eines Mammuts gehabt haben.610Auf Grund der vielfältigen Quellen, seiner Erfahrungen und seines Talents als zoologischer Präparator erhielt die Stuttgarter Mammutnachbildung ihre einzigartige Gestalt und Authentizität. Das Martinsche Mammut blieb für lange Zeit nicht nur die einzige, sondern auch die gelungenste Nachbildung eines eiszeitlichen Elefanten. Nachdem sie 1877 von dem US-amerikanischen Naturalienhändler Henry Augustus Ward erworben worden war, fand sie in Form von Kopien und – vor allem – Abbildungen weite Verbreitung.611 Martins Nachbildungen blieben für viele Jahrzehnte die letzten plastisch und in Lebensgröße nachgebildeten urweltlichen Tiere. Erst um die Jahrhundertwende entstanden – in den USA – erneut zunächst bildliche und später auch wieder dreidimensionale Nachbildungen. Hierbei tat sich besonders der junge Künstler Charles R. Knight hervor. In enger Zusammenarbeit mit Paläontologen gestaltete er die ersten bildlichen und plastischen Nachbildungen und Modelle spektakulärer Dinosaurierfunde aus dem Jura und der Kreide Nordamerikas auf wissenschaftlicher Grundlage. Wie einst die Crystal Palace Dinosaurs von Waterhouse Hawkins und die Mammutnachbildung von Philipp Leopold Martin im 19. Jahrhundert, schuf er damit Vorbilder für alle weiteren Nachbildungen dieser urzeitlichen Wesen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.612 608 Die Umsetzung diesbezüglicher Pläne für urzeitliche Dioramen und Panoramen blieb Martin allerdings versagt. 609 Fraas, Vor der Sündfluth, 1866. Unger, Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden, 1858. 610 Vgl. Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 47-68. 611 Vgl. Tabelle 3 u. 4, Seite 465 f. 612 Zu späteren Nachbildungen urweltlicher Tiere vgl. Kap. 5.2.3, S. 428ff. 4 Ergebnisse 410 Umfassende naturhistorische Bildungsinstitutionen Martins Bemühungen bezüglich der lebenswahren Tierpräparation, der Reform naturhistorischer Schausammlungen, der Gestaltung zoologischer Gärten sowie natürlich auch der Nachbildungen urweltlicher Tiere vereinigte er in seinem Plan für einen „Centralgarten für Natur- und Völkerkunde“.613 Damit wollte er eine neue populäre naturhistorische Bildungsinstitution schaffen, die Elemente eines zoologischen und botanischen Gartens ebenso umfasste wie die eines naturhistorischen und völkerkundlichen Museums. Hierbei galt es, ganz unterschiedliche Traditionen, Aufgabenstellungen und Zielsetzungen unter einem „Dach“ zu vereinen. Während es sich beim naturhistorischen Museum – hervorgegangen aus den Wunderkammern und Raritätenkabinetten – um eine vorwiegend der Wissenschaft verpflichtete Institution handelte, dienten die aus den fürstlichen Menagerien entstandenen, ersten zoologischen Gärten zunächst vor allem der Belehrung und Unterhaltung ihrer Besucher oder der Akklimatisation fremder Nutztierrassen. Die botanischen Gärten wiederum entwickelten sich aus den alten „horti medici“, die den medizinischen Fakultäten angegliedert waren.614 Davon abgesehen unterschieden sich selbstverständlich auch die Anforderungen logistischer und architektonischer Art. Diese so grundverschiedenen Institutionen räumlich und inhaltlich zu vereinen, war daher in der Tat ein gewagtes Unterfangen, an das sich bis dato noch niemand gewagt hatte. Allenfalls punktuell wurde mehr oder minder erfolgreich versucht, eine inhaltliche oder räumliche Verbindung zwischen dem zoologischen Garten und dem naturhistorischen Museum herzustellen, wie zum Beispiel im Jardin des Plantes, im Artis in Amsterdam oder auch am Münsteraner zoologischen Garten. Über diese meist halbherzigen Ansätze hinaus gab es sonst keine nennenswerten Versuche. Um die bisher getrennt voneinander bestehenden naturhistorischen Institutionen zu vereinen, schlug Martin eine Verzahnung auf drei Ebenen vor: der institutionellen, geografischen und der geologischen. Sein „Centralgarten“ sollte zuallererst nach den verschiedenen „Welttheilen“ oder geografischen Zonen gegliedert werden. Damit wollte Martin den Besuchern ein umfassendes Bild der jeweiligen Flora und Fauna geben und zudem der Beliebigkeit bei der Kombination von Tier- und Pflanzenarten in zahlreichen zoologischen Gärten entgegenwirken. Die geografische Ebene wurde zudem durch landestypische Architektur und ethnografische Exponate verkörpert. Hierbei übernahm er einige Elemente der landschaftlichen und architektonischen Gestaltung zeitgenössischer bürgerlicher zoologischer Gärten.615 So sollten die Besucher durch verschlungene Wege – im Stil eines englischen und chinesischen Landschaftsgartens – an den einzelnen gut einsehbaren Tiergehegen vorbeigeführt werden. Für die geplanten Bauten und Gehege griff Martin auf das Sammelsurium damals aktueller Zooarchitekturen 613 Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 6 f. u. S. 200ff. 614 Zur Geschichte des Botanischen Gartens s. Ebel/Kümmel/Beierlein, Botanische Gärten Mitteleuropas, 1990. 615 Dittrich, Warum ein Regenwaldhaus und keine Bärenburg, 2008, S. 335 f. 4.5 Einordnung 411 zurück – vom „Style Rustique“ über den Historismus und Romantizismus mit seinen Schlössern und Burgen bis hin zum Exotismus, der zudem dem Zweck diente, den Interessen des Publikums an fremden exotischen Ländern entgegenzukommen sowie die Besucher geo- und ethnographisch zu unterweisen. Allerdings unterließ er es nicht, Schwachstellen der damaligen Zoogestaltung aufzuzeigen sowie eigene Akzente zu setzen. So forderte er bei Planung und Bau auch an die Bedürfnisse der Tiere zu denken und plädierte für die Einrichtung von „Warmhäusern“, in denen exotische Tiere und Pflanzen gemeinsam gehalten werden konnten.616 Neben der tiergeografischen und geografischen Ebene integrierte Martin eine chronologisch-geologische Ebene in seinen „Centralgarten“. Dabei sollten die einzelnen „Weltteile“ durch Darstellungen lokaler geologischer Verhältnisse und Gebirgsprofile ergänzt werden. Zudem sah sein Plan vor, in einer „Hügelkette“ zwischen europäischem und afrikanischem Gebiet die wichtigsten Epochen der Erdgeschichte mit lebensgroßen und dreidimensionalen Nachbildungen urzeitlicher Kreaturen zu inszenieren.617 Zu guter Letzt war noch geplant, im „Centralgarten“ ein populäres naturhistorisches Schaumuseum zu integrieren, in welchem die Grundkonzeption des Gartens aufgegriffen und durch Inhalte und visuelle Konzepte ergänzt werden sollte, die auf andere Weise nicht dargeboten werden konnten. Hierbei handelte es sich unter anderem um weitere bildliche und plastische Darstellungen zur Entwicklung der Erde. Die „Jetztzeit“ und ihre Geschöpfe sollte hingegen durch Dermoplastiken und Tiergruppen repräsentiert werden, wobei hier vor allem die „Lebensverhältnisse“ der Tiere dargestellt werden konnten, die im Zoo nicht ohne weiteres zu beobachten waren. Der Martinsche „Centralgarten für Natur- und Völkerkunde“ stellte – trotz seiner Anleihen bei der Gestaltung zeitgenössischer zoologischer Gärten – zur damaligen Zeit ein absolutes Novum dar. In diesem weit in die Zukunft weisendem Plan für ein populäres, umfassendes naturhistorisches Bildungsinstitut, versuchte Martin die „naturwidrige“ Trennung zwischen den Disziplinen mit ihren Inhalten und den Institutionen, die sie repräsentieren, aufzuheben. Sein Konzept zielte darauf ab, den Besuchern durch ein Zusammenwirken verschiedenster Präsentationsweisen und visuellen Konzepte naturhistorische Kenntnisse unterhaltsam, anschaulich und im Zusammenhang zu vermitteln – von der Erd- und Urgeschichte bis zur Jetztzeit. Der „Centralgarten“ sollte die vorhandenen inhaltlichen, räumlichen und chronologischen Grenzen zwischen den einzelnen Fachgebieten und Ausstellungskonzeptionen transzendieren und eine wirkliche „Welt im Kleinen“ schaffen.618 Aber auch wenn Martin ausdrücklich betonte, dass er damit den herkömmlichen, vornehmlich Forschung und Lehre verpflichteten, naturhistorischen Institutionen keine Konkurrenz machen wollte und seinen „Centralgarten“ eher 616 Anhalt, Tiere und Menschen als Exoten, 2006, S. 241 u. Strehlow, Zoological Gardens of Western Europe, 2001, S. 101. 617 Vgl. Martin, Philipp Leopold, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878 u. Martin, Philipp Leopold, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 302ff. 618 StAL E 21, Bü 74, 1. 4 Ergebnisse 412 als Ergänzung verstand, stießen seine Vorstellungen zur damaligen Zeit auf große Skepsis. Weder zur damaligen Zeit noch in den folgenden Jahrzehnten wurden die bald in Vergessenheit geratenen Pläne und Ideen des Stuttgarter Präparators und Popularisators der Naturkunde aufgegriffen. Erst in neuerer Zeit sind viele der dem „Centralgarten für Natur- und Völkerkunde“ zu Grunde liegenden Ideen und Prinzipien wieder in den Blickpunkt gerückt.619 619 Vgl. dazu das folgende Kap. 5.2.5, S. 443ff. 4.5 Einordnung 413

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