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Weltfabrik und Weltzivilisation in:

Ludger Eversmann

Die Große Digitalmaschinerie, page 261 - 281

Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4038-6, ISBN online: 978-3-8288-6756-7, https://doi.org/10.5771/9783828867567-261

Tectum, Baden-Baden
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Weltfabrik und Weltzivilisation Wenn wir nun Bilanz ziehen, haben wir es offenbar mit folgender Situation zu tun: Nach Eintreten des Reifestadiums der Ökonomien mit gesättigten Märkten entstehen Ungleichgewichte, die die Tendenz haben, sich selbst zu verstärken, wie die techno logische Arbeitslosigkeit, die zu nachlassender Nachfrage führt und damit wiederum zu weiterer Arbeitslosigkeit, und die Kapitalkonzentration, die über Marktmacht, me diale und politische Einflüsse weitere Kapitalkonzentration wahrscheinlich und mög lich macht;, produktivitätssteigernder technischer Fortschritt wirkt wiederum verstär kend aufbeide Ungleichgewichte. Prinzipiell könnten diese Ungleichgewichte politisch korrigiert werden, was nach Erreichen eines fortgeschrittenen Stadiums dieser Entwicklung aber schon schwer durchzusetzen ist, und mit zunehmendem technischem Fortschritt, schwindender Aufnahmefähigkeit der Märkte und der Masse des immer weiter konzentrierten Ka pitals immer schwieriger würde. Außerdem müsste man die Wiederbelebung einer Wachstumsperspektive für möglich halten bzw. erklären, um die Auferstehung eines Produktivkapitalismus glaubhaft projektieren zu können. Das ist aber schon wegen der skizzierten ökologischen Zuspitzung nicht vorstellbar. Kämen die Korrekturen unter heroischem Kräfteaufwand dennoch zustande, würden sie immer nur abzielen auf einen Interessens- und Kräfteausgleich innerhalb der systemarchitektonischen Konstanten von Kapital und Arbeit; sie führten aus der Welt des Kapitalismus also nicht hinaus, und den Transaktionskostenaufwand zur Stabilisierung müsste man endlos steigern. Es scheint daher einigermaßen aussichtlos, die klassischen Themen und Zielset zungen der Arbeiterpartei wiederbeleben zu wollen, denen es um das Erkämpfen von Rechten, Teilhabechancen und Anteilen am volkswirtschaftlichen Produkt ging, des sen Entstehung in symbiotischer Koexistenz von Arbeit und Kapital aber nicht be zweifelt wurde. Das Kapital scheint sich heute auf den Weg gemacht zu haben, das volkswirtschaftliche Produkt gänzlich ohne Mitwirkung der „Arbeiter“ herstellen zu können.413 Aber zugleich, wie gesehen, wirken die ökonomischen Wirkungen des technischen Fortschritts auf den technischen Fortschritt zurück. Die Folge des produktivitätsstei gernden technischen Fortschritts, die Sättigung, macht aus dem technischen Fort schritt einen zugleich flexibilitätssteigernden Fortschritt, oder sogar universale Pro duktionsmittel hervorbringenden Fortschritt. Damit entsteht die Möglichkeit, dem Kapital eine neue gesellschaftliche Funktion zuzuweisen. Kapital kann dadurch sehr konsumnah genutzt werden, entweder direkt im priva ten Haushalt, oder indirekt, durch Wahrnehmung der Konsumenteninteressen durch die öffentliche Hand. Wenn dies geschieht, wo dies also mit vertretbarem und über 413 Die Bestsellerautoren Matthias W eik und Marc Friedrich stellten erneut die Prognose: „Industrie 4.0: W ir wer den (fast) alle arbeitslos“ . Leider empfehlen auch sie als Lösung das allgemeine „Grundeinkommen“, das, wie sie berichten, immer mehr Anhänger zu finden scheint. Erschienen am 12.3.2017 im Heise Verlag https://www.heise.de/tp/features/Industrie-4-0-3649358.html [Stand 01.04.2017] [261] schaubarem Risiko möglich ist, und wo renditesuchendes Kapital keine wohlstands erweiternden Wirkungen mehr entfalten kann und stattdessen nur dem Ziel der Ab schöpfung einer Monopolrente dienlich ist, wird es möglich, diese entstandenen Machtungleichgewichte tendenziell zu überwinden, und den Kapitalzufluss zum weit überproportional angeschwollenen Kapital zu bremsen und zu stoppen. Das Kapital würde dann „unmittelbar gesellschaftlich“. Mit Blick auf die unterliegenden technischen Prozesse kann man also sagen: das Kapital entwickelt sich in der weiteren Perspektive von der privaten individuellen Kapitalnutzung als Renditeerzeuger zur universalen öffentlichen Maschine als Ge brauchswerterzeuger. Insofern muss man zugestehen: Karl Marx lag insoweit schein bar nicht so ganz falsch.414 Die Epoche sozialer Revolutionen müsste aber noch ein treten — allerdings, im Gegensatz zur russischen Revolution vor exakt hundertjahren, könnte sie es diesmal auch, aber mit anderen Inhalten und Zielen und, vor allem, Methoden. Der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine hat zu seiner Zeit als Fraktions vorsitzender der „Linken“ wiederholt die Verstaatlichung oder zumindest „Entmach tung“ des Bankensektors, die Rückverstaatlichung von Telekommunikation und Bahn sowie die Rekommunalisierung der Energie- und Wasserversorgung gefor dert.415 Offenbar deutet sich aus der bisherigen Argumentation an, dass dem zuzu stimmen wäre. Wenn sogar der Chef der Europäischen Zentralbank der Meinung ist, wir seien „overbanked“, und die Aufgabe der Banken nur noch darin besteht, Berge von Anlage suchendem Privatvermögen gegen Gebühr aufzubewahren, kann ein pri vater Bankensektor keine heldenhaften volkswirtschaftlichen Leistungen mehr er bringen. Dann sind Banken nur noch Tresore. Aber diese Maßnahmen, so wichtig und begrüßenswert sie auch sind, führten für sich genommen und bestenfalls eben nur zurück in vergangene und schon erlebte Zeiten (bis auf die verstaatlichen Banken). In eine neue Epoche führt erst die Mög lichkeit der „Veröffentlichung“ der Produktionsmittel. Das vor uns liegende Modernisierungsprojekt erscheint tatsächlich also auch als ein Projekt „Vollautomation“. So sah es auch Paul Mason: „Wir müssen die Techno logie auf die Verringerung des Arbeitsaufwandes ausrichten, um den raschen Über gang zu einer automatisierten Wirtschaft voranzutreiben.“ (S. 345) Er hat allerdings scheinbar nicht verstanden, dass für „uns“ da wenig voranzutreiben ist, weil das die Mechanismen der kapitalistischen Wettbewerbswirtschaft sehr zuverlässig von selber bewerkstelligen, wie Marx das bereits vor rund 150 Jahren sehr richtig erkannt hat. Marx konnte aber wiederum nicht erkennen, dass dieser Trend zur Produktivitäts steigerung eines Tages vom Trend der Flexibilitäts- und Universalitätssteigerung be 414 Der Verfasser, der sich nie als „M arxist“ verstanden hat und dem M arxschen Schriftennachlasse keine große A ufmerksamkeit gewidmet hat, schließt sich an dieser Stelle denjenigen an, die dem geradezu unglaublichen Genie M arxens ihren Respekt und ihre Anerkennung erweisen. 415 Vgl. „Deutsche Bank verstaatlichen“, Interview m it der Frankfurter Rundschau vom 28.10.2011. http://www.fr-online.de/wirtschaft/oskar-lafontaine—deutsche-bank-verstaatlichen-,1472780,l 1070526.html [Stand 15.03.2017] [262] gleitet werden würde, und zwar erst ganz am Ende der „transitorischen Notwendig keit“ der kapitalistischen Entwicklung, wenn die Aufgabe der Befriedigung der Kon sumbedürfnisse der Menschen schon weitgehend abgeschlossen ist. Mason plädiert ebenfalls dafür, die „Marktkräfte verschwinden“ zu lassen, und die „Monopole“ der Versorger mit „Strom, Wasser, Wohnung, Transport, Gesundheits wesen, Telekommunikationsinfrastruktur und Bildung“ sowie auch der von Apple und Google zu verstaatlichen und / oder zu zerschlagen. (S. 354) Öffentliche Dienste wären dann in der Tage, ihre Teistungen zum Selbstkostenpreis zu erbringen, was seiner Auffassung nach im Sinne von Wohlstandssteigerung sogar sinnvoller wäre als die Töhne zu erhöhen. Ebenso plädiert er für die „Vergesellschaftung des Finanzsek tors“. (S. 358) Dazu also volle Zustimmung. Aber um die Produktionsmittel zu vergesellschaften, kann Mason nur eine dubiose „Ausweitung der kollaborativen Arbeit“ vorschlagen. Und gleichzeitig Vollautoma tion, fragt man sich? Ein „Grundeinkommen“ schlägt wie gesehen auch er vor, er sieht aber immerhin, dass bei angenommener Weiterentwicklung des technischen Fortschritts eines Tages „im Marktsektor nicht mehr genügend Erträge erwirtschaftet [werden], die besteuert werden können, um das Grundeinkommen zu finanzieren.“ Aber er versteht nicht, wie es vor sich gehen soll, dass „die von der Menschheit be nötigten Dinge“ eines Tages auch zu den tatsächlichen Grenzkosten (nahe Null) un ter die Menschen kommen sollen. Dies wird eben erst auf die in diesem Buch be schriebene Weise möglich sein. Ist dies aber erreicht, und der Primat der Politik auf nationaler Ebene hergestellt, können sich die Verhältnisse auch in internationalem Maßstab ändern. Nicht nur Europa könnte dann Aufgaben im europäischen Maßstab übernehmen, es käme durchaus auch die Möglichkeit einer „Weltregierung“ in Sicht, mit dann globalen Auf gaben und Kompetenzen, so wie Stephen Hawking dies ja kürzlich vorgeschlagen bzw. gefordert hat.416 Ohne die allgegenwärtige Dominanz von Kapitalinteressen, die die jeweiligen nationalen Interessen der Staaten bei ihrer Arbeit in internationalen Institutionen gegenwärtig dominieren, wäre dies mit wesentlich verbesserten Erfolg saussichten vorstellbar. Es wäre dann möglich, den spieltheoretischen Fallenstellun gen der internationalen Wettbewerbe um Exportüberschüsse und Monopole zu ent rinnen, um lokale Fertigungskapazitäten aufzubauen, nach der Devise „Fabricate locally, think globally“, und dies auch in industriellem Maßstab; die Automationsdivi denden blieben so in den lokalen Volkswirtschaften, die zusätzlich größere lokale Steuerungskapazitäten gewinnen, zur Koordination des ja noch immer vorhandenen (kapitalunabhängigen) Arbeitsplatzbedarfs. Es ginge also darum, öffentliche lokale Produktionsstrukturen zu installieren, die öffentlichen Dienste auszubauen, so die Plünderung der Reichtümer der Erde zu ver hindern und zu stoppen, und dem Fortschritt eine wertegeleitete Richtung zu geben, etwa hin zu einem Kulturstaat Europa. Treibendes Subjekt dieser „Revolution“ ist dann nicht etwa eine Arbeiterklasse, sondern die ganze aufgeklärte Menschheit; jeder 416 Die W ashington Times berichtet darüber, nicht ohne Hawking als „Physiker der Linken“ zu bezeichnen: „Left’s No. 1 physicist: ‘W orld govem m ent’ only way to save hum ankind‘“ . Ausgabe vom 9.3.2017 http://www.washingtontimes.com/news/2017/mar/9/stephen-hawking-world-govemment-only-way-savehum / [Stand 10.3.2017] [263] Mensch, der in vernünftigen, kulturell entwickelten und menschenwürdigen Zustän den leben und seinen Nachkommen eine liebenswerte Heimat in einer unversehrten Lebenswelt hinterlassen möchte. Diese aber hat eine gigantische Herausforderung zu bewältigen. Wie Michael Hud son in seiner packenden Analyse der zerstörenden Wirkungen der „Finanzwirt schaft“417 beschreibt, steht die Menschheit in Gestalt von Arbeitnehmern, Industrie und Staat heute den Interessen der mächtigen globalisierten Finanzindustrie418 gegen über, der es wiederum nur zu leicht fällt, sowohl bei den Arbeitnehmern als auch bei industriellen Kapitaleignern und im Staat Partner und Verbündete zu finden. Die Fa bel vom endlosen Reichtum an den Börsen und vom Glück, das jeder auf der Straße finden kann, wenn er nur will, ist noch immer nur zu leicht an den Mann zu bringen, und die jungen Menschen, die in den 1968ern als StreetFightingM en für Freiheit, Frie den und eine liebevollere Welt kämpften, sitzen heute in von der Deutschen Bank gesponserten Hörsälen und träumen davon, in der Zuchtlotterie der Startups zu den überlebenden Fittest zu gehören, und mit 35 das Berufsleben als globetrottender Mil lionär beenden zu können. Das Geschehen in der Welt wird heute angetrieben von einer Handvoll Superrei cher, die wie der König Midas in der griechischen Mythologie glauben, nichts sei erstrebenswerter als unendliche Mengen von Gold aufzuhäufen, und darüber verges sen, dass diese Welt auch noch die Lebensgrundlagen des physischen Überlebens hervorbringen muss, weil man Gold nicht essen kann. Wie aus den sich andeutenden Fluchtbewegungen der Superreichen im Silicon Valley zu erlesen ist, reicht deren Ver antwortungsbewusstsein nicht so weit, sich um die Überlebensfähigkeit dieser einen Welt zu kümmern, in der wir alle gemeinsam leben; sie hoffen auf die kleine rettende Insel in einer umgebenden Mad-Max-Wüste, in der sie mit Bunkern voller Lebens mittel, Motorrädern und Waffenarsenalen ihren Hals retten können. Niemand habe sich diese Entwicklung vorstellen können, sagt Hudson. „Niemand konnte sich vorstellen, dass eine ,leistungslose‘ Rente in zinstragenden Bankkrediten kapitalisiert würde, um zur Basis für den größten Teil der Kredit- und Schul denschöpfung der Banken zu werden. Man erwartete, dass Renten entweder durch Besteuerung weitgehend abgeschöpft (wenn Grund- und Rohstoffrenten in privaten Händen blieben) oder aber dass Renten abwerfende Vermögenswerte verstaatlicht würden.“ (S. 531). Aber die „Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt“ (Schum peter), hat es geschickt verstanden, sich in den Wertschöpfüngskreislauf einzunisten, und all dies zu verhindern. Hudson schreibt: „Jeder Lohnempfänger muss einen so großen Teil seines Arbeitseinkommens für den Schuldendienst und die Rentenex traktion abzweigen, dass der inländische Gütermarkt austrocknet. Statt in die verhei ßene Freizeitgesellschaft tritt die Welt in ein finanzialisiertes Zeitalter der Austerität ein.“ (S. 531). Und, wie gesehen, ist es nicht nur das, was dieser destruktive Strang der kapitalistischen Entwicklungsgeschichte an Übeln generiert, es sind eben auch die 417 M ichaelH udson: D erS ek tor.W arum dieglobaleF inanzw irtschaftunszerstö rt. S tuttgart2016 418 W. Rügemeier beschreibt drastisch die Gefährdungen durch einen „Blackrock-Kapitalismus“, die „das neue transatlantische Finanzkartell" hervorruft. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2016 [264] ökologischen Verwüstungen, die im verzweifelten Bemühen um die Erzielung mini maler realwirtschaftlicher Profite ja auch noch angerichtet werden, auch wenn man sich bemüht, die Folgen möglichst weit aus dem Blickfeld zu verbannen, etwa unter die Erde wie mit den Nachlässen der Kernenergie, oder in ferne Länder südlich des Äquators, oder in die Zukunft, zu Lasten der nachfolgenden Generationen. Aber Michael Hudson kann auch nur empfehlen, sich um die „Wiederherstellung einer prosperierenden Industrie“ zu bemühen, durch Maßnahmen, die an sich alle samt der bisherigen Argumentation zufolge zu begrüßen wären: er empfiehlt Schul denerlasse, Besteuerung ökonomischer Renten, Abschaffüng der steuerlichen Ab setzbarkeit von Schuldzinsen, eine öffentliche Bankenoption, öffentliches Eigentum natürlicher Monopole, und eine höhere Besteuerung von Kapitalerträgen. (S. 548) Sein Ziel, die Wiederherstellung einer prosperierenden Industrie, ist offensichtlich der Fehler in diesem Plan. Es scheinen sehr starke Kräfte am Werk zu sein, die über die alte Welt der prosperierenden Industrien hinaus wollen — wenn auch scheinbar „hinter ihrem Rücken“, ohne deren bewusste Intention. Marx glaubte an diesen Mechanismus, der in der Geschichte wirkt. Sein „Kapital“ sollte ihn „enthüllen“: „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewe gung auf die Spur gekommen ist - und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen -, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“419 Nach 1989 war der Glaube an Marx und die von ihm enthüllten „Bewegungsge setze“ stark korrumpiert; allerdings war es nach der Oktoberrevolution 1917 ja so, dass genau dies versucht worden ist: naturgemäße Entwicklungsphasen zu übersprin gen, und sie wegzudekretieren. Genau das war das Leninsche Programm. Ob diese Einschätzung tatsächlich Lenin persönlich zuzuschreiben ist, oder ob Lenin sie etwa von Trotzki übernommen und sie in seiner Partei, den „Bolschewiki“, als strategische Ausrichtung dann zugelassen hat, ist umstritten, und vor allem ist umstritten, ob die russische Revolution ohne Lenin und ohne diese Zielsetzung überhaupt erfolgreich hätte vorangetrieben werden können. Faktum ist, dass die Phase der Industrialisierung unter der Regie privater Kapi talinvestoren übersprungen werden sollte; stattdessen proklamierte Lenin einen „Staatskapitalismus“. Kurioserweise wurde Lenin, der von 1900 bis 1917 im deut schen und schweizerischen Exil lebte, mit Unterstützung des deutschen Kaiserreichs wieder nach Russland überführt, wo er nach dem Plan der Deutschen den Weltkriegs gegner Russland von innen heraus durch Revolution schwächen sollte, und, falls er seine Revolution zum Sieg führt, zu einem für die Deutschen vorteilhaften Separat frieden gedrängt werden sollte, wozu es dann tatsächlich auch gekommen ist.420 419 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1. V orw ortzur ersten Auflage 420 Der ehemalige SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meier beschrieb die Geschichte des „Staatsgründers Lenin“ 1999 in einem umfassen Artikel. Die Verbindung zwischen Lenin und dem deutschen Kaierreich beschrieb Meyer wie folgt: „Die deutsche Heeresleitung, verstrickt in einen nicht gewinnbaren Zweifrontenkrieg, setzte darauf, Lenin werde, wenn er an der M acht sei, einen Separatfrieden schließen. General Ludendorffließ ihn deshalb samt 31 Genossen aus der Schweiz in einem Zug durch Deutschland über Schweden nach Rußland transpor tieren. Von dort tunkte ein deutscher Agent: ,Lenin: Eintritt nach Rußland geglückt. Er arbeitet völlig nach W unsch.1“ Die russischen Revolutionäre um Lenin sollen auch weiterhin m it hohen Geldbeträgen von [265] Dieser „Staatskapitalismus“ in einem rückständigen Land, in dem die Industriali sierung kaum erst begonnen hatte, gestaltete sich zu einem einzigen mit brutaler Kon sequenz durchgepeitschten Desaster, in dem in der Tat das, was Marx für eine „na turgemäße“ Entfaltung der modernen Gesellschaft für richtig und wichtig gehalten hätte, mit Füßen getreten wurde, dies groteskerweise in seinem Namen. „In welchen Büchern steht denn geschrieben, dass derartige Eingriffe in die gewöhnliche histori sche Abfolge unzulässig oder unmöglich sind?“, fragte Lenin, und schenkte diesem Buch, in dem von dieser gewöhnlichen historischen Abfolge berichtet wurde, auch sonst nur noch wenig Beachtung. „Anstelle der Ideen Marx4 von einer Arbeiterselbst verwaltung proklamierte er, beeindruckt von der Zuverlässigkeit der Deutschen Reichspost: ,Unser nächstes Ziel ist es, die ganze Volkswirtschaft nach dem Vorbild der Post zu organisieren4“, schreibt Fritjof Meyer, und weiter: „Als zentrales Pla nungsorgan nahm er sich das Waffen- und Munitions-Beschaffungsamt (,Wumba‘) der deutschen Kriegswirtschaft zum Muster: ,Macht, was die Wumba macht!4 Die Partei machte daraus die Lenkungsbehörde Gosplan, welche die russische Volkswirt schaft für ein halbesjahrhundert fesselte und schließlich an den Abgrund führte. Von Ludendorff, Deutschlands faktischem Diktator der letzten Kriegsjahre, übernahm Lenin die allgemeine Arbeitspflicht. In Deutschland sei das ein staatsmonopolisti scher Kriegskapitalismus4, wusste er, ein ,Militärzuchthaus für Arbeitet. Für Russland bedeute es aber ,unweigerlich einen Schritt, ja Schritte zum Sozialismus!4 Seine Nach folger behaupteten später, der Staatsmonopolismus sei sogar schon der Sozialismus.“ Meyer schildert in diesem Artikel die unglaubliche Brutalität, mit welcher diese „Schritte zum Sozialismus“ durchgesetzt wurden. Seither wurden die Ideen von Marx, denen Meyer selbst nahe stand, tragischerweise mit diesem menschenverach tenden Gewalt- und Terrorregime gleichgesetzt; es dauerte dann siebzigJahre, bis es endgültig von der Macht zurücktrat. „Sogar Lenin, als Marxist, hatte vorausgesagt, das Monopol an den Produktionsmitteln gerate zur Fessel der Produktion und werde früher oder später gesprengt. Insofern hat er geahnt, was 1989/91 dem staatsmono polistischen Kapitalismus Osteuropas widerfahren könnte“, sagt Meyer dazu in ei nem anderen Artikel.421 Marx selbst hatte sich „die Machtergreifung seiner Proletarier (...) als einen relativ schmerzlosen, womöglich gewaltfreien Akt vorgestellt, auch die Enteignung der we nigen Großkapitalisten, die wegen der zu erwartenden Konzentration am Ende der kapitalistischen Ara noch verblieben wären. Er erwog sogar, ,die ganze Bande auszu kaufen4. Für die USA, England und ,vielleicht4 die Niederlande hielt er den friedlichen Übergang zum Sozialismus durch Wahlen sowieso für denkbar.“ (a.a.O.) Was wäre geschehen, nach erfolgreichem Durchlaufen der kapitalistischen Phase, wenn dann nicht Lenin, sondern Marx und seine Proletarier die Macht ergriffen hät ten, und dies nicht per Revolution mit dem Gewehrlauf, sondern per Überweisung, durch „Auskaufen der ganzen Bande“? Schumpeter, um auf ihn zurückzukommen, Deutschland unterstützt worden sein, bis zu dem Moment, als man wiederum Umsturzbestrebungen gegen den deutschen Kaiser durch russische Revolutionäre befürchtete. F ritjof Meyer: A u f der Stelle erschießen. Staats gründer W ladim ir Iljitsch Lenin. Der SPIEGEL vom 19.07.1999 421 F. Meyer: Der Traum der trog; Der SPIEGEL vom 8.9.1991 [266] hatte sich eben eine Art von staatlichem Sozialismus mit einer zentralen Planungsbe hörde vorgestellt, der entsteht, weil die Schichten der Unternehmer und der Renten bezieher die Lust am Kapitalismus komplett verlassen hat; ein Auskaufen wäre nach seiner Einschätzung wohl noch nicht einmal notwendig gewesen. Ähnlich hatte wohl auch Keynes angenommen, dass man des Schielens auf die Kapitalerträge einfach überdrüssig sein werde, um sich so wie in den Clubs der bildungsbürgerlichen Schich ten üblich, zu denen er Umgang pflegte, den höheren geistigen Genüssen zu widmen. Aber die Geschichte hatte einen anderen Plan. Der Kapitalismus hat nicht nur die Finanzialisierung, sondern auch eine neue Art von Produktionsmitteln hervorge bracht. Dennoch — das Thema des Auskaufens könnte durchaus wieder auf der Ta gesordnung erscheinen. Wie wäre das Auskaufen finanzierbar — durch Kreditauf nahme, durch Verschuldung? Um dann weiterhin in Zinsabhängigkeit von den glo balisierten Kapitalmassen gefangen zu bleiben? Was wäre die Alternative? Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sieht die Möglichkeit einer Vergesellschaftung vor: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere For men der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ (Art. 15 GG) Das bedeutete einen hoheitlichen Zugriff auf die Vermögen, die der volkswirtschaftlichen Wertschöpfüng auf dem Wege der Finanzialisierung entzogen worden sind. Wie dies tatsächlich im Einzelnen zu bewerkstelligen sein könnte, würde an dieser Stelle den Rahmen spren gen; jedenfalls scheint sich doch deutlich die Konsequenz abzuzeichnen, dass ein mit der hier entwickelten Intention zu realisierender Zugriff auf die Produktionsmittel einen tiefen Eingriff in die bestehende industrielle Struktur bedeuten würde, und die ser mit erheblichem Aufwand und entsprechend mit erheblichen Kosten verbunden sein würde. Die Gesellschaften müssen ihr Schicksal in die Hand nehmen und inves tieren, im eigenen Interesse, und in einem Umfang, wie dies in der Geschichte noch niemals vorgekommen ist. Es wäre theoretisch vorstellbar, dass die sich abzeichnende neue Weise der Kapi talnutzung für den Eigenbedarf auch in privater Regie Verbreitung finden könnte, indem sich Gemeinschaften, Nutzergruppen, Genossenschaften, Eigentümerge meinschaften oder auch die beschriebenen Landkommunen bilden, um ihre Bedarfs dann mit den eigenen Produktionsmitteln zu decken. Die Situation wäre sowohl in der Verursachung (letztlich: Marktversagen) als auch in den Möglichkeiten der politi schen Reaktion ganz ähnlich zu beurteilen wie bei der Energieerzeugung, wo auch verschiedene Varianten zwischen kommunalen Stadtwerken und genossenschaftli chen Modellen diskutiert werden. Aber es spricht vieles dafür, hochintegrierte und überregional vernetzte Strukturen auf staatlicher Ebene zu schaffen; es dürfte sonst aussichtslos sein, zu erwarten, dass sich eine wirklich stabile und hochentwickelte neue Struktur von industrieller Produktion herausbildet, die in der Lage wäre, den beschriebenen Herausforderungen auf dem Feld der Ökonomie, namentlich den Kräften des finanzindustriellen „Sektors“, zu begegnen, zusätzlich zu den Herausfor derungen auf dem Feld der Ökologie. Dazu werden Strukturen auf dem Integrations niveau von Staaten wohl unausweichlich sein. Was sollte auch dagegen sprechen: die [267] Tatsache, dass staatliche Macht missbraucht werden kann, spricht nicht gegen die Idee demokratischer, souveräner, moderner und aufgeklärter Rechtsstaaten an sich. Rechtsstaatliche Demokratie ist die größte Errungenschaft, die die Kulturgeschichte hervorgebracht hat; im aufgeklärten Staat ist das Volk der Souverän, und der demo kratisch legitimierte Staat vertritt die berechtigten Interessen seiner Bürger. Die Bür ger wiederum sind geschützt durch das unantastbare Grundrecht der Menschen würde. Der Staat müsste den Menschen nun auch im beschriebenen Sinne zu ihrem Recht verhelfen; der öffentliche Sektor müsste seine Macht erheblich ausweiten. Um dies zu erreichen, wird man all die Kräfte gegen sich haben, die von einem Beharren auf dem Status Quo profitieren, zusätzlich zu denen, d ie glauben, von einem Beharren auf dem Status quo zu profitieren, und die nur durch ihre geistige Trägheit daran gehin dert sind zu erkennen, dass sie sich selber bereits auf dem absteigenden bzw. ange sägten Ast befinden. Es werden gegenwärtig enorme Aufwände getrieben, um die schweigende Mehrheit in diesem Dämmerzustand vor dem 300-Programme-Fernseher zu fixieren; Harald Schumann berichtete schon vor 20 Jahren vom dazu einzu setzenden Mittel der Wahl in seinem Bestseller „Die Globalisierungsfalle“, das damals von niemand anderem als Zbigniew Brzezinski422 ins Spiel gebracht worden ist: mit „Tittytainment“ werde dies möglich sein, einer Mischung aus Entertainment mit Spielshows, Trash Serien und blutrünstigen Krimis, mit Sex,423 und Fütterung, wie etwa eben auch — viele Zeichen deuten daraufhin — mit dem Almosen eines kärglichen „Grundeinkommens“, womit die Prophezeiung des Andre Gorz, dass der Kapitalis mus sich am Ende noch seine Käufer werde kaufen müssen, wahr geworden wäre. Um hier noch rechtzeitig das Steuer herumzureißen, ja überhaupt die Hand ans Steuer zu bekommen, tun sich also wahre Gebirge von Widerständen auf. Es gibt noch viel zu tun, bis zum Anbruch besserer Zeiten. Vor nunmehr zweiJahren, im März 2015, trat Wolfgang Streeck mit seiner düste ren Fragestellung an die Öffentlichkeit, wie der Kapitalismus enden werde. Nur das sei noch die offene Frage, nicht die, ob er enden werde. Es sei höchste Zeit, „den Kapitalismus erneut als historische Erscheinung zu begreifen, das heißt als etwas, das nicht nur einen Anfang hat, sondern auch ein Ende.“424 Dieses Ende erwartet er als die Heraufkunft eines „chronisch funktionsgestörten Gesellschaftssystems“. Der Ka pitalismus müsse sich selbst zerstören, um sein Ende zu finden; die „Implosion des 422 Zbigniew Brzezinski war sicherheitspolitischer Berater von US-Präsident Jimmy Carter und entwickelte ein geostrategisches Konzept für die USA m it dem „Ziel, keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu las sen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und dam it auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte.“ Schumann berichtet in seinem Buch von Brzezinskis Vorschlag au f einem 1995 von M i chael Gorbatschow einberufenen Treffen eines „globalen Braintrust“ zur W egfindung in eine „neue Zivilisa tion.“ Brzezinski habe seinen Vorschlag dam it begründet, dass „mit einer M ischung aus betäubender U nter haltung und ausreichender Ernährung die frustrierte Bevölkerung schon bei Laune gehalten werden könne.“ H. Schumann: Die Globalisierungsfalle. Der A ngriff auf Demokratie und W ohlstand. Hamburg 1996, S. 13 423 Ob es vielleicht auch in diesem Zusammenhang zu sehen ist, dass Nachrichtensprecherinnen seit der letzten Anpassung des äußeren Auftritts der großen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenformate stehend und häufig mit eng sitzenden Hosen bekleidet ihre Ansagen zu machen haben? damit selbst die nüchternen Nachrichtensen dungen sich m it Sexappeal aufpeppen können, und die Aufmerksamkeit für die (zweifelhaft gewordenen) Nachrichten selber ein wenig um gelenkt wird? Dem gesetzlichen Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien kann das jedenfalls kaum sonderlich dienlich sein. 424 W. Streeck: W ie wird der Kapitalismus enden? Blätter für deutsche und internationale Politik 3/2015 [268] Kommunismus“ 1989 sei deshalb auch ein Pyrrhussieg gewesen. Und so, weil nun offenbar beide Systeme, die in der Nachkriegszeit als Alternativen verstanden wur den, implodier(t)en, haben wir über eine Ende des Kapitalismus nachzudenken, das eben nur die düstere dystopische Perspektive des Zerfalls bietet: „Wir sollten — so mein Vorschlag — lernen, über ein Ende des Kapitalismus nachzudenken, ohne uns dabei die Beantwortung der Frage aufbürden zu lassen, was denn an seine Stelle treten solle. Es ist ein marxistisches — oder besser: modernistisches — Vorurteil, dass der Kapitalismus als historische Erscheinung nur dann enden könne, wenn eine neue, bessere Gesellschaft in Sicht ist — und mit ihr ein revolutionäres Subjekt, bereit und in der Lage, diese um des Fortschritts der Menschheit willen zu verwirklichen. Diese Annahme setzt ein Maß an politischer Kontrolle über unser gemeinsames Schicksal voraus, von dem wir nicht einmal mehr träumen können, seit die neoliberal-globalistische Revolution die Fähigkeit zu kollektivem Handeln, ja selbst die Hoffnung da rauf, zerstört hat. Es bedarf weder der utopischen Vision einer alternativen Zukunft noch übermenschlicher Voraussicht, um auf den Gedanken zu kommen, dass der Kapitalismus seiner „Götterdämmerung“ entgegensieht.“ (a.a.O.) Aber, wie sich hoffentlich hat zeigen lassen können, können wir Wolfgang Streeck und alle, die diese Perspektive fürchten, beruhigen. Es kommt doch eine bessere Ge sellschaft in Sicht. Und es ist eben nicht nur ein größeres Maß an politischer Kontrolle und die Fähigkeit zu kollektivem Handeln, worauf sich diese Hoffnung gründet. Es scheint, als habe der Kapitalismus eben doch die Mittel ausgebrütet, die dann dem kollektiven Handeln die substantielle Möglichkeit eröffnen, diese neue bessere Ge sellschaft hervorzubringen. Dazu muss sie diese Mittel aber auch ergreifen, und zur Reife bringen. Ohne Zweifel ist dazu ein enormes Maß an politischer Willensbildung erforderlich, aber die Hoffnung, diese Willensbildung auch zum Leben zu erwecken gründet sich darauf, dass das anvisierte Ziel sich eben nicht in der Herstellung der politischen Kontrolle erschöpft. Man kann die beiden Perspektiven in ihren zentralen Elementen einmal einander gegenüber stellen: den Abwärtstrend, und den Aufwärtstrend. Das Finale des Ab wärtstrends ist gewissermaßen der Kapitalkollaps: die radikal zerstörte Zivilisation und Lebenswelt, mit einem König Midas und seinem Goldschatz in der Mitte, der dann so viel wert ist wie die ganze Welt: nichts. Das konzentrierte Kapital hat am Ende alles Werthaltige aufgesogen, und allen Wert verloren.425 Aber es bildet sich mit Einsetzen von Sättigung der genau entgegengesetzte Trend: der Trend zur Dezentralisierung, und zur Veröffentlichung des Kapitals. Das öffent lich-gesellschaftliche Kapital ist am Ende überall und nirgends, hat seinen Kapitalwert als Tauschwert völlig verloren, und sich in reinen Gebrauchswert verwandelt: in „wirklichen Reichtum“. Mensch und Natur sind sich selbst zurückgegeben, und blü hen auf in Freiheit und Selbstverwirklichung. 425 David Leonhardt zeigt in einem Artikel der N ew York Times vom 7.8.2017 anhand eines animierten Charts das ganze Bild „unserer zerbrochenen Ökonomie“ : ab 1980 haben sich die Einkommenszuwächse von einer überproportionalen Begünstigung der niedrigeren Einkommenspercentile immer m ehr au f die obersten Einkommenspercentile konzentriert; in der Verteilung von 2014 verzeichnet das 99.999ste Percentil die weitaus höchsten Einkommenszuwächse von bis zu 6%. Nur die Superreichen werden reicher, au f Kosten der Armen. https://www.nytimes.com/interactive/2017/08/07/opinion/leonhardt-income-inequality.html [Stand 11.08.2017] [269] Was in dieser Konzentration emphatisch klingen mag, sieht nüchterner und tech nischer aus, wenn man die einzelnen Schritte dieser Prozesse betrachtet. Wenn endo gene (und exogene) Wachstumsgrenzen erreicht sind, entstehen etwa die folgenden sequentialistischen bzw. entwicklungslogischen „Skripts“: Abwärts Aufwärts Kapital, W ettbew erb ^ technischer Fort schritt als Produktivitätssteigerung Kapital, W ettbew erb ^ technischer Fort schritt als Produktivitätssteigerung plus Fle xibilitätssteigerung Reduzierte Nachfrage nach Arbeit ^ Redu zierte Nachfrage nach Produkt; Ü bererspar nis D igitalisierung der Produktion; additive Fer tigung, 3D-Druck, 140, Cyber Physikalische System e krisentreibendes U ngleichgew icht zw ischen zu hoher Ersparnis und zu geringer Investi tion ^ Entkopplung von Fertigung und Design; residente Produktion ^ sekundär reduzierte Nachfrage nach Ar beit etc.; schw indende G ew erkschafts macht; Druck auf Löhne, steigende Gew inne Abnehm ende Faktorspezifität der Ferti gungssystem e, hoher unspezifischer A uto m ationsgrad ^ öffentliche Fertigung priva ter Designs ^ Kapitalkonzentration, Finanzialisierung; A rbeitsplatzabbau, Abbau ökologischer Standards; Kapitalüberm acht Universalisierung der Fertigungssystem e; M iniaturisierung, „think globally, fabricate locally"; Internet der Dinge M achtverlust des Politischen, V ertrauens verlust, Dem okratieverfall; ^ Kapitalkollaps S ta rT re k R e p lica to r im Haushalt; Industrie verschw indet im öffentlichen Netz; Produk tion zu Herstellungskosten nahe Null Abb. 21: E n tw ick lu n g s lo g ik e n vo n K a p ita lu n d T e ch n ik Die Prognose dieser „Abwärtsbewegung“ enthält „nichts über die Wünschbarkeit des Laufs der Dinge, die sie voraussagt“, um an die Position Schumpeters zur Zu kunft des Kapitalismus anzuknüpfen. Ihren Verlauf und dessen fast mechanische Zwangsläufigkeit zu diagnostizieren, fällt inzwischen angesichts der Fülle der dazu entstandenen Untersuchungen und Veröffentlichungen nicht mehr schwer, und die innere Distanzierung von Wünschbarkeiten angesichts dieser Unabwendbarkeit auch nicht, unabhängig davon, ob man nun auch eine „Lösung“ im Hintergrund sich an kündigen sehen mag, oder nicht. Für Schumpeter waren das Ende des Kapitalismus und der Anfang des Sozialis mus, so wie er ihn verstand, noch in eins gesetzt, daran bestand für ihn kein Grund zu zweifeln. Gründe dazu sind jedoch in der Geschichte in solcher Fülle entstanden, dass wir heute lieber der düsteren Aussicht eines „chronisch fünktionsgestörten Ge sellschaftssystems“ entgegenblicken, als erneut auf einen Sozialismus Hoffnungen zu setzen. Aber: es lässt sich eben auch die Aufwärtsbewegung diagnostizieren, jeden [270] falls die immanente Logik der Entwicklung der technischen Hilfsmittel zur Produk tion des Reichtums. Solange die Transaktionen in der Sphäre der Ökonomie über haupt noch an der Norm von Rationalität festhalten, und es auch im weiteren Sinne „mit rechten Dingen“ zugeht, ist dieser Entwicklungsverlauf ebenso zwangsläufig, jedenfalls bis zu einem bestimmten-unbestimmten kritischen Moment: die Entwick lung kann offensichtlich einen Punkt erreichen, an dem das privatwirtschaftliche In teresse an der Fortschreibung des technischen Fortschritts in der „positiven“ Evolu tionsrichtung erlahmt, was daran deutlich werden sollte, dass kein Industrieunterneh men ein Interesse daran haben dürfte, einen Star Trek Replicator zur Reife zu entwi ckeln. Das Interesse kann aber schon deutlich früher erlahmen, und das könnte gegen wärtig bereits durchaus der Fall sein, so dass also im Zweifel überschüssige Liquidität ausgeschüttet426, entnommen oder im Finanzsektor investiert427 wird, als diese Tech nologien mit hohen Kosten weiterzuentwickeln. In dem Moment wäre dann die Öf fentlichkeit allmählich gefragt, die Zügel in die Hand zu nehmen, um in Verfolgung der so skizzierten Perspektive die Entwicklung weiter voran zu treiben. Das „revolu tionäre Subjekt“ wäre dann, wie bereits gesagt, nicht etwa eine heroische kampfes mutige Arbeiterklasse oder sonstwie definierte Partialbewegung, sondern die gesamte an einem Fortbestand der Zivilisation interessierte Menschheit. Es wäre nun abschließend noch zu erörtern, wie sich denn die Arbeits- und Wirt schaftswelt gestaltet, wenn ein denkbar hoher Grad an Automation erreicht worden ist; und zwar überall da, in allen Branchen und Berufen, in denen dies überhaupt möglich und sinnvoll ist. Wo hier prinzipiell die Grenzen liegen, war dazu vorne be reits umrissen worden: die Grenzen liegen in den Grenzen der Berechenbarkeit, so dass also prinzipiell nur der Bereich der höheren „Praxis“ für eine nachkapitalistische Ökonomie in Frage kommt. 426 2016 kam es in Deutschland zu „Rekordausschüttungen“ : „Dividenden als Rettung für Anleger. Deutsche U n ternehmen dürften 2016 m itü b er 38 Milliarden Euro so viel Dividende ausschütten wie nie zuvor.“ FAZ vom 23.02.2017. http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/rekord-dividenden-deutscher-untemehmen-in-2016- 14085728.html [Stand 26.03.2017] 427 Hier wird es allerdings auch immer schwieriger, noch Kapitalrenditen zu erzielen: der SPIEGEL online etwa berichtet am 9.8.2017 von der „Not“ des Investors W arren Buffet, Investitionsziele zu finden, weshalb sich die Cashbestände au f seinen Konten der 100-Milliarden-Dollar-Grenze nähern. Christoph Rottwilm: 100 M illiar den Dollar Cash - W arren Buffets Konto läuft über, http://www.spiegel.de/wirtschaft/untemehmen/warrenbuffetts-konto-laeuft-mit-100-milliarden-dollar-ueber-a-1162056.html [Stand 11.08.2017] [271] Perspektiven des tertiären Sektors Allerdings ist dies erst die fernere Perspektive; in der näheren Zukunft dürfte es erst einmal darauf ankommen, die diversen Stürme und Turbulenzen zu überstehen, die in der Luft liegen, und dies sowohl im Bereich der Ökologie428, als auch dem der Ökonomie. Hier wird es ja notwendig sein, nicht nur einen Supertanker auf einen ganz neuen Kurs zu bringen, sondern eine ganze Flotte von Supertankern, mit jeweils ganzen Flotten von Begleitschiffen. Was auch immer an politischen Maßnahmen durchgeführt werden wird, wird dies eine Operation am offenen Herzen bedeuten, denn man kann nicht die ganze Weltwirtschaft (oder auch nur einen Teil) für zwei Jahre schließen zur Generalinventur, und sie dann am 1. Januar totalrenoviert feier lich neu eröffnen. Die Menschen leben in ihren laufenden Verpflichtungen und Ver hältnissen, und das Leben der Menschen muss weiterhin in geordneten und gesicher ten Bahnen verlaufen.429 Aber man kann einige prinzipielle Überlegungen anschließen, was es für eine Öko nomie bedeuten würde, wenn die Produktion der lebensnotwendigen Bedarfs, also ein wesentlicher und nahezu kompletter Teil der eingangs diskutierten „10.000 Dinge“ in einem Haushalt tatsächlich sehr weitgehend maschinell erledigt werden kann, und diese Dinge zu gegenüber den heutigen Verhältnissen sehr stark reduzier ten Kosten zur Verfügung stünden. Die Notwendigkeit eines Wirtschaftslebens bestünde auch dann, weil einerseits auf diese Weise keine Autarkie der Wirtschaftsteilnehmer erreicht worden wäre, sie also Bedarfs haben, die sie durch Kaufkraft decken müssen, und zum anderen eben diese Bedarfs bestehen, die durch maschinelle Arbeit nicht erledigt werden können. Von diesem Wirtschaftsleben würde man nun annehmen können oder eigentlich müssen, dass in diesem Sektor maschinelle Unterstützung und damit Kapital und Kapitalkon zentration keine nennenswerte Funktion mehr haben, sondern dass die hier zu leis tende Arbeit überwiegend aus persönlichen Dienstleistungen bestehen wird, die also in der Regel von Einzelpersonen oder Personengesellschaften erbracht wird. Der französische Wirtschaftswissenschaftler Jean Fourastie hat hierzu schon vor etwa einem halben Jahrhundert theoretische Arbeit430 geleistet, die zur Skizzierung der Erwartungen an eine nachkapitalistische Ökonomie und Zivilisation noch immer wertvolle Hinweise geben kann. Fourastie unterschied drei Sektoren der Gesamtwirt schaft, und zwar nach der Entwicklung ihrer Arbeitsproduktivität: den primären Sek 428 Eine Unwettermeldung kom m t am 21.03.2017 aus Peru: „Überschwemmungen sorgen für Chaos in Lima.“ Die ZEIT fuhrt die au f El Nino zurück: „Die Auswirkungen des W etterphänomens El Nino werden einmal m ehr sichtbar, dieses Mal in Perus Hauptstadt. Heftiger Regen führte zu Überschwemmungen und Erdrutschen in der Millionenmetropole.“ Die ZEIT vom 18.03.2017 http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-03/peru-ueberschwemmungen-lima-katasfrophe-fs 429 Ulrike Herrmann spricht vor den Hintergrund ihrer klaren Diagnose einer Endlichkeit des Kapitalismus die Probleme einer möglichen Transformation an, die aus den bestehenden Bindungen und Verflechtungen der M enschen m it der bestehenden Ordnung resultieren, und fordert deshalb eine „Transformationsforschung“, um W issen über m ögliche geordnete Verläufe einer Transformation zu gewinnen. Vortrag von Ulrike Herrmann a u f der Tagung: „M arkt welcher Markt? M arktwirtschaft oder Kapitalismus?“ am 1 1 .- 13.11.2014 in Linz. https://www.youtube.com/watch?v=u2EX0p5ImFs [Stand 22.03.2017] 430 J. Fourastie: Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts. Köln 1954 [272] tor mit Landwirtschaft und Urproduktion (eher geringe Produktivität), den sekundä ren Sektor mit Industrie und zugehörigen Gewerben (hohe Produktivität), und den tertiären Sektor der Dienstleistungen (damals: geringste Produktivität). Fourastie nahm an, technischer Fortschritt werde im tertiären Sektor nur ein mi nimales Produktivitätswachstum generieren können; eine Annahme, die sich bedingt bestätigt hat, wobei es darauf ankommt zu verstehen, welche Art von Dienstleistun gen hier von Fourastie gemeint waren. Er hatte nicht etwa eine Dienstleistungsöko nomie feudalistischen Typs im Sinn, also etwa in Form persönlicher Dienstleistungen von Hausangestellten im Haushalt Wohlhabender oder von Tütenpackern an den Kassen der Supermärkte. Fourastie erwartete einen „Hunger nach Tertiärem“, wie er es nannte; er meinte damit „anspruchsvolle“ Dienstleistungen in Bildung und Erzie hung, Kultur, Gesundheits- und Sozialwesen. Typische tertiäre Berufe sind in diesem Verständnis etwa Lehrer, Professor, Schauspieler, Künstler, Artist,Journalist, Schriftsteller,Jurist, Arzt und Geistlicher.431 Fourastie unterschied folgende Teilbereiche des tertiären Sektors: den öffentlichen Sektor, das Transportwesen, das Hotel- und Gast stättengewerbe, Banken und Versicherungen, das Gesundheitswesen, den Handel und häusliche Dienstleistungen. Im Transportwesen, im Hotelgewerbe, in Banken und Versicherungen und im Handel ist es schon und wird es noch offenbar zu drastischen Produktivitätssteige rungen kommen; im Bereich der Banken schließt eine Filiale nach der anderen, weil sich das Online-Banking flächendeckend durchgesetzt hat, vollautomatisierte Hotels sind inzwischen keine Seltenheit mehr, der Handel findet ebenfalls mehr und mehr im Netz statt, und dem Transportwesen stehen autonom fahrende Lieferwagen ins Haus, oder Drohnen für persönliche Kleinfrachten. Welche Art von Dienstleistungen werden vom diesem Schicksal dann ausgenommen sein — solche, die Fourastie „an spruchsvolle“ Dienstleistungen nannte; die hohes Ansehen und Attraktivität genie ßen, und als Beruf oder geistiger Habitus jenem Menschentypus zuzuordnen sind, den Fourastie als typisch für die tertiäre Gesellschaft erwartete, nämlich dem homo intellectualis. Offenbar sind diese „anspruchsvollen“ Dienstleistungen nun genau solche, die nicht algorithmisch beschreibbar und damit nicht berechenbar und automatisierbar sind; diese Unterscheidung lässt sich also mit der vorne eingeführten Unterscheidung nach (berechenbarer) Poiesis und (nicht-berechenbarer) Praxis zur Deckung bringen. Wie kommt aber nun wirtschaftlicher Austausch, kaufkräftige Nachfrage nach die sen Dienstleistungen und ein wirtschaftlicher Verkehr zustande, der auch ein ausrei chendes Steueraufkommen generieren kann, um etwa Lehrer, Professoren, Kultur schaffende, Beamte und Pflegeberufe zu bezahlen? Wegen der allgemein sinkenden Lebenshaltungskosten würde sich dieses Problem allerdings entschärfen, denn man dürfte annehmen, dass das gesamte Einkommensniveau sinkt, dieses Aufkommen also nicht sehr hoch sein muss. Durch den typischen selbstinteressierten Nutzenmaximierer und eine durch diesen angetriebene Wachstumsdynamik dürfte eine nachkapitalistische Ökonomie eher nicht gekennzeichnet sein. Für die genannten anspruchsvollen Dienstleistungen ist 431 Fourastie (1954), S. 96 und S. 98 [273] eher mit einem Nachlassen der Wirksamkeit „kommerzieller“ Motive, und von Wett bewerb, Nutzenmaximierung und Marktkoordination zu rechnen; wie schon gesagt, nahm Jean Fourastie eine Metamorphose des homo oeconomicus zum homo intelkctualh an. Der Ökonom N. Reuter schreibt dazu: „Während der ,homo oeconomicus’ Symptom der Knappheitsgesellschaft ist, in der der Umgang mit dem allgegenwärti gen Mangel zu rationierendem Verhalten zwingt, steht der ,homo intellectualis’ für die Überflussgesellschaft, in der ökonomisches Verhalten angesichts schwindender Knappheiten an Bedeutung verliert und immaterielle, geistige Dinge sukzessive in den Vordergrund rücken.“432 Wenn nun der beschriebene Wandel des sekundären industriellen Sektors dazu geführt hat, dass Konsumgüter prinzipiell zu geringen Kosten zur Verfügung stehen, aber nur dann, wenn sie eben voll maschinell gefertigt sind, könnte man erwarten, dass manuell gefertigte Produkte einen besonderen Reiz und Seltenheitswert gewin nen. Das Handwerk bekäme dann einen ganz anderen und neuen Stellenwert, näm lich als Kontrastprogramm zur Hochtechnologie, und als Luxus, Kunst und Liebha berei, also gewissermaßen als Selbstzweck, und würde damit eben auch zur Praxis. Statt der früheren Herstellung von Dingen aus Notwendigkeit stünde jetzt die schöp ferische Entfaltung, freie Kreativität, das Werken mit den eigenen Händen im Vor dergrund; das Verstehen und Bearbeiten und der Umgang mit natürlichen Materia lien. „Dinge machen für die Ewigkeit“: dies aber nun auf dem festen Boden beste hender intelligenter industrieller Strukturen, die alles Notwendige zu Grenzkosten von Null zur Verfügung stellen können; das Notwendige ist verfügbar und man kann sich beruhigt ans Werk begeben, um Dinge um ihrer selbst und ihrer Schönheit willen zu erschaffen. Es entstünde so aber kein Wachstumsdruck, denn diese Dinge haben ihren Wert eben dadurch, dass sie nicht mit Hilfe von Kapital, mit Maschinen herge stellt worden sind. In der Tat ähnelte dies dem Manufaktum-Prinzip — es gibt sie dann wieder, die schönen Dinge. J. Rifkin verwendet in seinem Ausblick auf eine nachkapitalistische Ökonomie den Begriff des Sozialkapitals. Dem kann hier nicht gefolgt werden, denn mit diesem Be griff sind zu sehr Bedeutungen des nutzenorientierten marktlichen und gewerblichen Austauschs assoziiert. In der Sphäre des Sozialen soll es eigentlich gerade nicht um Nutzenerwägungen gehen, sondern um Verständigung, Anteilnahme und sprachli chen Austausch. Der Bereich von Gesundheit und Pflege wird natürlich viel Beschäf tigung nachfragen bzw. bieten, aber man sollte hier besser nicht den Begriff Sozial kapital verwenden. Es wäre insgesamt die Frage, ob insgesamt die private Nachfrage ausreichen wird, eine „Konjunktur“ mit stabiler Beschäftigungslage bei Vollbeschäftigung zu initiie ren. Es wäre vorstellbar, dass öffentliche Projekte einen höheren Stellenwert gewin nen, als in der Gegenwart. Für alle unter solchen Bedingungen im tertiären Sektor anfallenden Tätigkeiten und Berufe, privat oder öffentlich, dürfte man jedenfalls an nehmen, dass eine intrinsische, aus einem inneren Bezug zur Arbeit erwachsene Mo tivation gegenüber extrinsischen Motivationen durch Geld oder Prestige zumindest in den Vordergrund tritt. Zentral planende und steuernde Eingriffe dürften dennoch 432 Reuter (2000), S. 191 [274] in größerem Umfang erforderlich werden, ohne aber privatwirtschaftliche Initiative im skizzierten Umfang und „Spirit“ zu ersticken. Die entscheidende Frage ist, welche Sphäre die dominierende ist, und das kann und darf in dieser erreichten Phase der techno-sozio-ökonomischen Entwicklung nur die öffentliche Sphäre sein. Realwirtschaftliches Wachstum ist aber, wie etwa ein Blick in die seit dem Jahr 2000 heranwachsende Hamburger Hafen-City zeigt, auch in dieser stagnativen Spät phase des Kapitalismus durchaus möglich, und bringt wahrhaft faszinierende Früchte hervor. Es entsteht bzw. entstand hier inmitten des alten Hamburger Hafens ein Bi otop, der seinerseits ein reiches tätiges Leben aus vielerlei Gewerben der Gastrono mie-, Kultur- und Kreativszene hervorbringt; aus Geschäften und Boutiquen, Loka len, Event Locations, Hotels und Restaurants, und Büros und Arbeitsplätzen für Tau sende von Menschen. Es sind inzwischen 1.800 Wohnungen hier gebaut worden, in ästhetisch ansprechender und teilweise spektakulärer Architektur, und mehr als 730 Unternehmungen wurden angesiedelt. Im April 2014 nahm die HafenCity Universität für 2.500 Studenten ihren Betrieb auf, direkt an der Elbe gelegen, und im januar 2017 eröffnete (endlich) Hamburgs neues Wahrzeichen, die Elbphilharmonie mit ihren zwei Konzertsälen, einem Fünf-Sterne-Hotel und ca. 45 Wohnungen. Ein Gang durch das geschäftige Treiben in diesem Quartier, der Blick auf die Ku lisse der entstandenen architektonischen Schönheiten in diesem reizvollen Ambiente am Wasser, einige mit Blick auf hier vertäute malerische Museumsschiffe, vermag es durchaus, Optimismus und Lust auf die Zukunft zu wecken. Das Wirtschaften, das Zusammenarbeiten der Menschen der verschiedensten Begabungen und Professio nen und ihre Unterstützung durch hochentwickelte technische Mittel kann offenbar großartige Resultate hervorbringen. Reichtum in diesem Sinne, als schöpferisches Hervorbringen, kann im Rahmen des ökologisch Verkraftbaren ja in Zukunft ewig weiter wachsen und gedeihen, und als zivilisatorische Idee des effizienten Wirtschaf te n strahlendes Leitbild sein. Wo allerdings das Wachstum nur finanzialisiert ist, spe kulativ, chrematistisch und irreal, ist es destruktiv und gefährlich, und bedarf der le gitimen politischen Kontrolle. Die digitale Fabrikation in der Architektur, namentlich der 3D-Druck, würde aber auch einen extrem kostengünstigen privaten, vor allem aber auch öffentlichen kom munalen Wohnungsbau ermöglichen. Es wäre hier vorstellbar, einerseits architekto nisch attraktiven und ansprechenden, gleichzeitig durch die geringen Herstellungs kosten sehr preisgünstigen Wohnraum zu schaffen, was in Anbetracht des Mangels an bezahlbaren Wohnungen und der explodierenden Immobilienpreise städtebaulich und sozialpolitisch sicher sehr wünschenswert wäre, und sich längerfristig mäßigend auf die Preisentwicklung von Wohnraum insgesamt auswirken würde. Die digitale Fertigungstechnologie könnte darüber hinaus dazu genutzt werden, auch sehr preisgünstiges Interieur (Möbel, Beleuchtung, Haustechnik) zu entwickeln, sodass zu dem vielerorts ja bereits entstehenden Immobilienangebot in der Luxus klasse auch eine Ergänzung des Wohnens auf dem (möglicherweise extremen) Nied rigpreissektor geschaffen würde; möglicherweise und der bisherigen Argumentation zufolge eine Aufgabe, der sich Kommunen und öffentliche Hand annehmen müssen, weil der private Sektor hier zu geringe unmittelbare Renditemöglichkeiten sieht, und [275] eine aus sozialpolitischer Sicht anzustrebende Dämpfung der Wohnkostenentwicklung ja möglicherweise gerade vermeiden will. Eine tertiäre Lebens- und Kulturentfaltung, so wie siejean Fourastie vorschwebte, wäre tatsächlich wohl erst bei einer sehr niedrigen Belastung der Lebensführung mit Vorsorgeaufwendungen für die imperativen Anforderungen des „Reichs der Not wendigkeit“ möglich. [276] Arbeitsmittel und ihre ökonomischen Epochen Die während einer geschichtlichen Epoche in einem Wirtschaftsraum durchschnitt lich zur Verfügung stehenden Arbeitsmittel zur Herstellung des lebensnotwendigen Bedarfs stehen zu dieser in einem prägenden Verhältnis; die Lebensumstände nach Art und Dauer der durchschnittlich notwendigen Arbeit und nach Art und Umfang des zur Verfügung stehenden Reichtums sind von der Art der zur Verfügung stehen den Produktionsmittel offensichtlich in hohem Maße abhängig; ferner etwa von äu ßeren und durch menschliches Eingreifen kurzfristig nicht veränderbaren Bedingun gen wie den klimatischen Verhältnissen, und den zur Verfügung stehenden Boden schätzen oder der geographischen Lage. Diese durchschnittlich während einer Epoche und in einem Wirtschaftsraum zur Verfügung stehenden „typischen“ Arbeitsmittel lassen sich auf einem zweidimensio nalen Koordinatensystem mit den Achsen Flexibilität433 und Produktivität eintragen. Flexibilität meint die Losgröße pro Vorgang, Universalität die Anzahl von einem Pro duktionssystem gefertigter Produkte, und Produktivität meint die erreichbare Stück zahl pro Zeit (Maschinen- oder Arbeitsproduktivität). Im Laufe der Geschichte ha ben offensichtlich zunächst die Flexibilität bzw. Universalität pro „Arbeitssystem“ (pro Kopf, Arbeitsgruppe, Werkstatt, Manufaktur) zugunsten der Erzielung einer höheren Produktivität abgenommen. Dieser Prozess dürfte schon mit der Entste hung der allerersten regelmäßigen Spezialisierungen in vorkulturellen Stammesgrup pen eingesetzt haben. Wenn man annimmt, dass mit dem allerersten bewussten und zielgerichteten Be arbeiten von „Naturstoffen“, von rohen Materialien wie Stein oder Holz oder Tier fellen jeder Mensch zu der gleichen Arbeitsleistung pro Zeit fähig war wie der andere, und jeder nach Gelegenheit einmal die eine und einmal die andere Tätigkeit ausführte, würde man annehmen, dass die Flexibilität der frühesten „Arbeitssysteme“ maximal war: jeder arbeitende Mensch war in gleichem Maße in der Lage, jede in seinem Wirt schaftsraum bekannte und eingeführte Arbeit auszuführen, und dies in dem jeweils gleichen Arbeitstempo; die erreichte Arbeitsproduktivität befand sich also im Mini mum. Solange nun die Flexibilität maximal ist, und die Produktivität minimal, haben auch Tausch und Markt keinen Sinn, denn ein jeder versorgt (im Prinzip) sich und seine Sippe oder Familie selbst. Dies gilt im Prinzip auch noch für den griechischen Oikos: auch wenn Handwerk und handwerkliche Spezialisierung schon in größerem Umfang vorhanden waren, gab es die — auch durch die Institution der Sklaverei bedingte bzw. ermöglichte — Beschränkung des ökonomischen Verkehrs auf den inneren Kreislauf des Oikos, die häusliche Wirtschaftsgemeinschaft. Markt und Güteraustausch waren auch hier nur in geringem Umfang bekannt und üblich, und geschahen außer der Regel. 433 M it dem hier verwendeten B egriff Flexibilität ist der B egriff Universalität mitgemeint. G em eint ist eine Ver breiterung des Anwendungsbereichs eines Fertigungssystems, bzw. eine Verringerung seiner Faktorspezifität, die m it graduellen Unterschieden durch Flexibilität (verschiedene Produktvarianten) oder durch Universalität (verschiedene Produkte) erreicht werden kann. [277] Mit jeder Spezialisierung nahm in der Folge die Flexibilität ab, und die Produktivi tät zu. Solange die Arbeitsmittel derart beschaffen sind, dass eine Spezialisierung die Produktivität erhöhen kann, und solange die ökonomischen Bedingungen derart sind, dass eine durch Spezialisierung bewirkte Produktivitätssteigerung bzw. der dadurch ermöglichte höhere Output auch abgenommen wird, machen weitere Spezialisierung und Produktivitätssteigerung ökonomisch offenbar Sinn. Die Produktionsmittel ha ben sich denn auch über das Handwerk, die Manufaktur und die fordistische starre Industriefabrik in dieser Richtung entwickelt. Solange Spezialisierung und dadurch erreichte Produktivitätssteigerung den Reichtum steigern kann, hat auch die Institu tion der kapitalgestützten Marktwirtschaft wohlstandserweiternde Effekte. Mit dem Einbrechen der Massennachfrage einerseits, und der Entwicklung des ge samten umfangreichen Arsenals an High-Tech-Produktionsmitteln begann dann die ser „traditionelle Antagonismus“ von Produktivität und Flexibilität sich allmählich aufzulösen. Zunehmend wird es nun möglich, Flexibilität und Produktivität simultan zu steigern. Und je weiter diese Entwicklung fortschreitet, die also auf der Konsum seite durch Sättigung und Überangebot geprägt ist, und auf der Produktionsseite durch die progressive Entwicklung in Richtung hochproduktiver universaler Smart Factory bzw. Mikro-Fabrik, verlagert sich die Lokalisierung der Produktion von ihrer Möglichkeit und ihrer ökonomischen Nutzanwendung her immer mehr in Richtung des Konsums; die Produktionsmittel werden nicht mehr von Spezialanbietern zur Herstellung von Spezialgütern benutzt, die über den Markt allokiert werden müssen, sondern von den Konsumenten, entweder indirekt in Gestalt demokratisch legiti mierter Institutionen, oder schließlich direkt von den Haushalten, denen dennoch die gesamte Vielfalt des Güterangebots zur Verfügung steht, und die daher auf die Allo kation über den Markt verzichten können. Die Produktion am Ort des Konsums wird mit großer Annäherung an das Ideal der hochproduktiven Universalfabrik zwingend, weil eine privatwirtschaftliche Organisation im Wettbewerb um Marktanteile unter dieser Bedingung zu chaotischer Überschussproduktion führen würde, um Gewinn risiken unter extrem volatilen Absatzbedingungen zu minimieren. Die Ökonomie verwandelt sich also wieder zur Subsistenzwirtschaft, allerdings auf einem denkbar hohen Produktivitätsniveau. Besser und rationaler ist die Aufgabe der wirtschaftli chen Mittelbeschaffüng nicht mehr lösbar.434 Die Wirtschaft hat sich von einer Mangel- zu einer Überflusswirtschaft gewandelt, die sich aber dann rational dem tatsächlich bestehenden Bedarf anpassen kann, ohne tatsächlich Verschwendung und Überfluss zu produzieren. Der Beschäftigungs schwerpunkt verlagert sich in die höhere menschliche Praxis, und die Grenzen zwi schen Produzent und Konsument, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und Ka pitalbesitzer und Arbeitskraftbesitzer haben sich aufgelöst, ebenso die Rivalitäten der Völker um Ressourcenzugang, sofern der erforderliche Ressourcenbedarf an Energie und Rohstoffen durch lokal verfügbare erneuerbare und nicht endliche Quellen ge deckt wird; dies jedenfalls unter den skizzierten idealen Modellannahmen. 434 Der Verfasser hat die hier vorgestellte Argumentation in dem von T. Niechoj und C. Haag herausgegebenen Sammelband in den wesentlichen Zügen Umrissen. L. Eversmann: A N ew Kind o f Social Order? The Economic and Societal Implications o f Digital Manufacturing. In: Niechoj / Haag (Hrsg.) (2016) S. 241-261 [278] Flexibilität Losgröße / Batch Stückzahl / Zeit Produktivität oo01 Coo01 h-i kD ä r Abb. 22: Entw icklungslogikökono m ischerO rdnungen Die Wirklichkeit dürfte von den idealen Modellannahmen abweichen, aber doch nicht grundsätzlich und prinzipiell. Vielerlei Rivalitäten dürften bestehen bleiben, etwa um nichtvermehrbare Prestigegüter, um mancherlei nicht automatisierbare Dienstleistung wie etwa ärztliche Versorgung durch besonders qualifizierte Arzte, um die Leistung besonders einfallsreicher Architekten, findiger Rechtsanwälte oder aus drucksstarker Schauspieler oder Musiker; Rivalitäten um eine Immobilie in einer be vorzugten Wohnlage oder um auf eine bestimmte und sie einzigartig machende Weise hergestellte Konsumgüter, deren Besitz besonderes Prestige verleiht. Hier haben „die bloße Technik“, die Leistungsfähigkeit der gesellschaftlich allgemein verfügbaren Ar beitsmittel naturgemäß wenig Einfluss. Demjenigen, der bereit ist, sich auf (fast) nach Belieben zur Verfügung stehende maschinell hergestellte Güter zu beschränken, wer den aber wesentlich größere Freiheiten zur Verfügung stehen, und die Spiel-Räume in diesem Sinne werden sehr groß sein können. Es wird dann jedem Einzelnen die Entscheidung überlassen sein, wie er mit diesen Freiheiten umgeht. [279] Es ist in dieser abschließenden Gesamtschau erneut die Frage zu stellen, woher die Bereitschaft und der Wille entstehen und die Kraft finden könnten, ein solches Pro jekt mit einem derartig tiefgreifenden Umbau des gesellschaftlichen bzw. ökonomi schen Werte- und Zielsystems in Angriff zu nehmen.435 Wie kann der politische Wille auf die Agenda gesetzt werden, etwa der Gestaltung des öffentlichen Lebensraumes nach ästhetischen Kriterien einen gleichrangigen oder höheren Stellenwert einzuräu men als der Gestaltung des individuellen, privaten Lebensraumes? Öffentlichen In stitutionen ebenso viel Gestaltungsmacht und lebenswirkliche Bedeutung zuzugeste hen wie den privaten Eignern von Kapital? Die Bewältigung der ökologischen Her ausforderungen höher zu priorisieren als das fortdauernde Generieren wirtschaftli chen Wachstums und zugunsten privater Kapitalrenditen? Die Stimme der vereinenden Vernunft ist im lauten Chor der vehement verfoch tenen Partialinteressen oft kaum noch vernehmbar, und droht nach dem Siegeszug der neoliberalen Agenda mit ihrer Herabwürdigung des menschlichen Heimatplane ten zu einem Renditeobjekt für Heuschreckenschwärme in Vergessenheit zu geraten. Wer oder was, welches Ereignis, welche Koalitionen, welche Personen oder welche Formen des Ausdrucks könnten hier dem Mut, der Entschlossenheit und der Phan tasie Flügel verleihen, und die vereinigende Kraft der Besinnung auf eine große ge meinsame humane Zukunft in die Köpfe und Herzen der Menschen einpflanzen? Die Stimme der Vernunft zu einem millionenfachen Chor verstärken, der ihr die not wendige Gestaltungsmacht verleiht? Die Degeneration des Spätkapitalismus wird in immer bedrückenderen Ausmaßen sichtbar. Früher oder später aber, so ist jedenfalls zu hoffen, wird sich die Einsicht in die Obsoletheit und Katastrophenträchtigkeit des bisherigen Ökonomie- und Gesell schaftsmodells mit seinem nachhaltig verschlossenen Wachstumspfad durchsetzen, und man wird sich der Mittel und Möglichkeiten besinnen, die sich schon lange auf den Weg gemacht haben, auf die skizzierte Weise einen fundamentalen Wandel in eine offene, einladende und helle Zukunft herbeizuführen. Der Wandel in der Richtung des technischen Fortschritts hin zur hochproduktiven Universalfabrik ist bisher systematisch von den Sozial- oder Wirtschaftswissenschaf ten noch nicht reflektiert worden; er ist auch von keinem sich um längerfristige Prog nosen bemühenden Ökonomen jemals vorausgesehen worden. Die Implikationen sind gewaltig, und reichen in eine utopische Dimension. Es geht um mehr als eine neue Ökonomie und auch mehr als Demokratie: es geht darum, in Würde zu leben, nicht Zweck und Sache zu sein, der Stimme einer aufge klärten Vernunft gehorchen zu dürfen, und keinen äußeren Zwängen durch Sachen, 435 Der amerikanisch-britische Sozialtheoretiker David Harvey kam beim Entschlüsseln der Rätsel des Kapitals zu dem kühnen Schluss: „Der Kapitalismus wird nicht von alleine fallen. Er muss gestoßen werden. Die Ak kumulation des Kapitals wird nie aufhören. Sie m uss beendet werden. Die Kapitalistenklasse wird niemals auf ihre M acht verzichten. Sie m uss enteignet werden.“ Aber das alleine würde eben nicht reichen. Ohne weiteres W issen darüber, was m it den enteigneten Produktionsmitteln zu tun ist, fände sich eine so ermächtigte Politik in der gleichen Situation wieder wie seinerzeit die Revolutionäre um Lenin. Und die Schwierigkeit der Aufgabe wird auch weniger in der Enteignung der Produktionsmittel liegen, sondern in deren Um gestaltung zu univer salen, öffentlichen Produktionssystemen. Voraussetzung dazu wäre zunächst nur die W iedergewinnung des Primats der Politik. David Harvey: Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln. Den Kapitalismus und seine Krisen überwinden. Hamburg 2013, S. 251. [280] Sachverhalte oder Menschen unterworfen zu sein. Es geht um ein Leben in politi scher, moralischer und realer Freiheit: das ist der Quell, aus dem die Oasen der Utopie sich speisen, und der die ausgebreitete Wüste der Banalität zu neuem Leben erweckt. Es geht um ein mitmenschliches Leben in Harmonie bezüglich der Anerkennung dieser fundamentalen Werte, um die gegenseitige Anerkennung aller Menschen als Wesen gleicher Würde. Es geht um das Erschaffen einer Welt, in der nicht das allge genwärtige Vernutzen der Dinge die Würde beschädigt und entehrt, das die Men schenwürde auf einem Markttisch zum Kauf feilbietet, und den Menschen seiner ein zigartigen Stellung und Verantwortlichkeit beraubt. „Homo Deus“436 ist der Mensch, der in liebender und fürsorglicher Haltung eine wohlgeordnete Welt betrachtet, und sieht, dass sie gut ist; eine Welt des Friedens, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der solidarischen Verbundenheit und Mitverantwor tung für jetzige und zukünftige Generationen. Diese Welt zu erschaffen, gibt dem Dasein des Menschen Sinn, und in dieser Welt zu leben, wenn sie geschaffen ist, trägt seinen Sinn in sich selber. 436 Die großen W eltreligionen haben diesen Sinn durchaus erahnt, und haben in ihren Erzählungen das Göttliche in einer Haltung der liebenden Kontemplation und einer sittlichen Verpflichtung des Menschen zur Bewahrung und Vervollkommnung des Erbes der Natur und ihrer Geschöpfe erahnen lassen. Es ist eine groteske Verken nung dieser anvertrauten Schätze und Quellen von Spiritualität und geistiger Orientierung, darin etwa „virtuelle Realitätsspiele“ am Computer zu sehen, in denen es darauf ankommt, genügend Punkte durch Regelbefolgung zu sammeln, um einen nächsten „Level“ zu erreichen: „Nur wer genügend Punkte sammelt, gelangt nach dem Tod au f den nächsten Level des Spiels“, beschreibt der Autor des vielbesprochenen Buches „Homo Deus“, Yuval Noah Harari, seine Sicht au f die Religion. Darum sieht er „keinen grundlegenden Unterschied zwischen Religionen und Bildschirmen.“ Das liegt aber dann weder an den Religionen, noch an den Bildschirmen, son dern an der eher schlichten Sichtweise des Betrachtenden. Vgl. Pierre Heumann: „Die meisten Menschen sind für die W irtschaft überflüssig. Der Zukunftsforscher Yuval Noah Harari sagt: ,Das Problem wird sein, dem Leben der Menschen künftig einen Sinn zu g eben / Ein Gespräch über Cyborgs, die Zukunft der Arbeit, Com puterspiele, Religion und nutzlose M enschen.“ Artikel im Handelsblatt vom 22.02.2017 http://www.handelsblatt.com/technik/it-intemet/cebit2017/zukunftsforscher-yuval-noah-harari-religionenals-virtuelle-games-im-kopf/19553518-3.html [Stand 28.03.2017] [281]

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References

Zusammenfassung

Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der „Lehren der Philosophie“.

Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.

Ludger Eversmann hat darum diese „grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter“, die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.

Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.

Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.