Content

Teil 4. Resümee in:

Mechthild Duppel-Takayama

Das "Fließen der Assoziationen" im Erzählwerk von Kawabata Yasunari (1899-1972), page 239 - 246

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3901-4, ISBN online: 978-3-8288-6673-7, https://doi.org/10.5771/9783828866737-239

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
239 Teil 4 Resümee Ausgangspunkt der vorliegenden Studie war die Tatsache, dass der Stil und Inhalt der Erzählprosa Kawabata Yasunaris im Westen zwar häufig als außergewöhnlich poetisch und von großer ästhetischer Qualität und Empfindsamkeit gelobt wird, gleichzeitig jedoch ihre offensichtlich andersartige Struktur Verunsicherung und Ablehnung hervorruft. Die Zuhilfenahme klassischer japanischer Literatur, besonders der haiku-Dichtung, als Erklärung und Modell für Kawabatas Vorgehensweise, legt ihn dabei ausschließlich auf die Rolle eines Traditionalisten fest, ohne andere Aspekte seines literarischen Schaffens zu berücksichtigen. Bei der näheren Untersuchung möglicher Vorbilder für Kawabatas Schreibweise in Teil 1 stellte sich heraus, dass tatsächlich Verbindungslinien zur klassischen Literatur bestehen – und dies nicht nur zur Lyrik, sondern auch zu Prosaformen. So ließen sich Parallelen zu Verfahren und Idealen der monogatari ebenso nachweisen wie die Verbindung zu den zuihitsu, die auch der Autor selbst mit seinem Vorgehen, Erzählhandlungen assoziativ aufzubauen, in Beziehung setzte. Eine jedoch noch stärkere und in der Sekundärliteratur speziell betonte Gemeinsamkeit betrifft in der Tat die klassische Poesie, die sich in Kawabatas Literatur als »haiku style«, wie es Roy Starrs nennt, manifestiert. Die Erweiterung dieses Stils, nämlich das Aneinanderreihen haiku-ähnlicher Prosa-Skizzen, vergleichbar mit der Kettenstruktur der renga, konnte an dieser Stelle zunächst als ein Charakteristikum der Schreibweise Kawabatas festgehalten werden. Die Beeinflussung durch klassische japanische Literaturformen und -techniken bestätigte sich im zweiten Teil der Studie angesichts biographischer Gegebenheiten. Daneben wurde aber die zeitweilig intensive Auseinandersetzung Kawabatas mit modernen westlichen Literaturströmungen ebenfalls deutlich, die er – etwa im Fall des Stream of Consciousness – auch im Zusammenhang mit japanischen Literaturformen betrachtete und literarisch in Erzählungen verarbeitete. Gleichwohl zeigte die Untersuchung seiner Stellung als Autor in Japan und im westlichen Ausland eine bis heute unveränderte beziehungsweise sich mit der Zeit sogar verfestigende Wahrnehmung Kawabatas als der eines Traditionalisten. Diese Bewertung beeinflusst auch die Rezeption seiner Werke sowie die Ausrichtung und den Umfang der Kawabata-Forschung, deren allmähliches Versiegen unter anderem auf den Umstand zurückgeführt wurde, dass ein scheinbar nach traditionellen, also hinlänglich bekannten Mustern arbeitender Autor vor allem der einheimischen Literaturwissenschaft nicht genügend Material und Anreiz für eine längerfristige Auseinandersetzung bietet. Die Analyse der Erzählungen Yukiguni, Yama no oto und Mizuumi in Teil 3 bezog sich aus diesem Grund auch nicht in erster Linie auf Stil und Thematik der Texte, sondern auf deren interne Struktur, wobei die eigentlichen Komponenten der Strukturanalyse modifiziert und ergänzt wurden durch die Hinzunahme zweier Kategorien der Inhaltsanalyse – nämlich Erzählverlauf und Motive – sowie der Frage nach Erscheinungs- und Entstehungsweise, die zum Bereich der produktions- ästhetischen Analyse gehört. Die Darstellung dieser äußeren Umstände der Textgenese verdeutlichte die sukzessive Entwicklung der Erzählungen und zeigte auf, dass Kawabata abgesehen von zeitlichen Unterbrechungen bei der Erstveröffentlichung in Zeitschriften auch nach dem Erscheinen in Buchform an den Erzählungen weiterschrieb, bereits abgeschlossene Texte erneut bearbeitete und selbst nach der Aufnahme in eine seiner Gesamtausgaben den Stoff fortführte oder zumindest daran dachte, ein »abschließendes« Kapitel hinzuzufügen. Darüber hinaus sind Yama no oto mit der letzten Zeitschriftenveröffentlichung im April 1954 und Mizuumi, bei dem die Publikation im Januar 1954 begann, auch Beispiele dafür, dass der Autor parallel an mehreren Erzählungen arbeitete. Zwischen der äußerst komplizierten Entstehungsgeschichte von Yukiguni über Jahre hinweg, der »nur« fünf Jahre dauernden von Yama no oto und der noch kürzeren Erarbeitungszeit von Mizuumi waren zwar graduelle Unterschiede zu erkennen, doch eine grundsätzliche Änderung der Vorgehensweise Kawabatas wurde nicht sichtbar: Bei 240 Mechthild duppel-takayaMa: das »Fliessen der assoziationen« keiner der Erzählungen hatte er den Handlungsverlauf zu Beginn festgelegt, er blieb bei der allmählichen Entwicklung seiner Geschichten, die sich auf diese Weise aus vielen Geschehensausschnitten zusammenfügen und deren Gesamtstruktur tatsächlich eine Addition von Kleinstrukturen darstellt. Deutliche Unterschiede waren bei der Zeitgestaltung auszumachen, dem ersten Element der nachfolgenden Strukturanalyse. Zumindest bestätigte sich bei Mizuumi nicht, was im Falle von Yukiguni und Yama no oto überwiegend in der Entstehungsweise begründet schien: So spiegeln sich in den drei Zeitphasen der Erzählung Yukiguni die teilweise jahrelangen Unterbrechungen und die zahlreichen Überarbeitungen wider, der Erzählverlauf entspricht nicht der Chronologie, und es ergeben sich zeitliche Widersprüche im Text. Der vergleichsweise kontinuierlichen Entstehung von Yama no oto gemäß gehen die zeitlichen Phasen dort stetig zusammenhängend ineinander über, und lediglich an einer Stelle weist eine längere aufbauende Rückwendung auf eineinhalb Jahre »Veröffentlichungspause« hin. In Mizuumi dagegen wirkte sich der Publikationsverlauf nicht ähnlich auf die Zeitgestaltung aus: Obschon die Veröffentlichung der Einzelteile von Mizuumi in konstanten monatlichen Abständen erfolgte, entstand eine zeitlich vielfach gebrochene Erzählung, deren Komplexität wie erwähnt diejenige der Zeitgestaltung in Yukiguni weit übertrifft. Berücksichtigt man hierbei jedoch auch den inhaltlichen Aspekt, nämlich dass Kawabata in Mizuumi einen ebenso vielfach gebrochenen Menschen beschreibt, dann lassen sich die zahlreichen Rückbezüge auf zusätzlich eingeführte Zeitebenen als Element der Charakterisierung dieses Menschen verstehen – ein Element, das der Autor konsequent und in diesem Sinne doch der Regelmäßigkeit der Veröffentlichung entsprechend durchhält. Die überwiegend personale Erzählsituation in allen drei analysierten Werken schien zunächst ein Erzählverhalten anzuzeigen, das sich nicht von dem in westlichen Erzählungen unterscheidet. Hierbei zeigte sich indes – und dies besonders im Falle von Mizuumi – die Schwierigkeit einer immer eindeutigen Bestimmung aufgrund der im Japanischen häufig praktizierten Auslassung des Subjekts. Dieses erschließt sich zwar grundsätzlich aus dem Kontext, doch eine Unterscheidung etwa zwischen innerem Monolog (personales Erzählverhalten) und erlebter Rede (auktoriales Erzählverhalten) lässt sich auf einer solchen Basis nicht zweifelsfrei treffen. Als Beispiel sei hier – neben den bereits bei resüMee 241 der Analyse von Mizuumi genannten Passagen – ein Zitat aus Yama no oto angeführt, das im obigen Text352 unter Verwendung des Personalpronomens »er« übersetzt wurde und damit als erlebte Rede zu verstehen ist. Statt der dritten könnte aber auch die erste Person verwendet werden und die Sätze als inneren Monolog erscheinen lassen: Yume de Kikuko wo aishita tte ii dewa nai ka. Yume ni made, nani wo osore, nani wo habakaru no darō. (KYZ Bd. 12, S. 471) Warum sollte er/ich Kikuko im Traum nicht lieben? Wovor fürchtete er sich/fürchte ich mich selbst im Traum, wovor scheute er/scheue ich zurück? Aus dieser Offenheit der japanischen Sprache resultierte die für westliche Erzähltexte kaum denkbare Notwendigkeit, bei der Analyse des Erzählverhaltens bewusst zu interpretieren und das potenzielle Vorhandensein anderer Deutungsversionen als Tatsache zu akzeptieren. Ein weiteres Spezifikum, nun nicht allgemein sprachlich-grammatikalischer Natur, sondern die Textform in Kawabatas Literatur betreffend, ist in dem hohen Anteil an direkter Wechselrede in den Erzählungen zu sehen, der bei der Untersuchung der Erzählsituation festgestellt wurde. Wie erwähnt, macht dieser Anteil in Yukiguni und Yama no oto nahezu ein Drittel des Gesamttextes aus und ist auch in Mizuumi relativ hoch. Solche neutral und zeitdeckend erzählten Dialogpassagen können angesichts ihrer Häufigkeit als eine Eigenart der Schreibweise Kawabatas bezeichnet werden, mit der er einerseits den Erzählfluss verlangsamt und gleichzeitig die handelnden bzw. sprechenden Personen einem Drehbuch ähnlich präsentiert, sodass der emotionale Gehalt des Gesagten in seiner Stärke offen ist und Raum für Interpretationen bleibt. Dem Leser als Gesprächszeuge wird lediglich eine Vorlage geboten, die er nach Belieben deuten und ergänzen kann.353 Formal erinnert die Häufung direkter Wechselreden auch an die vormoderne Edo-zeitliche Literaturform der ninjōbon 人情本, illustrierten 352 Im Zusammenhang mit dem Motiv »Sexualität«, S. 167. 353 Es mag zu weit führen, die Textform des Dialogs mit einer Gedichtform in Verbindung zu bringen, doch als literarisches Mittel haben die Dialoge in Kawabatas Erzählungen eine ähnliche Wirkung wie haiku, die Situationen unkommentiert darbieten und Emotionen lediglich anklingen lassen. 242 Mechthild duppel-takayaMa: das »Fliessen der assoziationen« Lesebüchern, deren Text aus umgangssprachlichen Dialogen mit beschreibenden, das Verständnis sichernden Teilen besteht.354 Die Dialoge in Kawabatas Erzählungen sind zwar nicht so beherrschend, dass von einer direkten Ähnlichkeit gesprochen werden kann, doch wie bei den Verbindungslinien zum Genre monogatari ist hier ebenfalls ein Fortwirken literarischer Verfahrensweisen zu erkennen. Während die Dialoge eine Besonderheit der Form von Kawabatas Schreiben darstellen, betrachtete die abschließende Untersuchung der Motive vordergründig einen inhaltlichen Aspekt. Der in allen drei Erzählungen etwa gleich große Motivbestand wies erwartungsgemäß Differenzen auf, die sich aus der unterschiedlichen Thematik ergeben. Trotzdem fanden sich bei der Analyse auch gleiche Motive bzw. Motivgruppen: »Natur« (in Yukiguni und Yama no oto), »Farben« (Rot/Weiß in Yukiguni und Yama no oto, Rosa/Weiß in Mizuumi), »Brüste« und »Blut« (in Yama no oto und Mizuumi) sowie »Stimme« und »Personen« (in allen drei Erzählungen). Die Gewichtung dieser Motive jedoch gestaltete sich unterschiedlich, sodass lediglich eine tendenzielle Vorliebe des Autors für das Motiv der Natur konstatiert werden kann. Bedeutsam für die Frage nach Strukturmerkmalen in Kawabatas Literatur ist aber die Verknüpfung der Motive. Es stellte sich heraus, dass die Strukturierung der Erzählungen durch sie erfolgt: Die Motive machen den bestimmenden Faktor bei der inhaltlichen Organisa tion aus, und es ist nicht nur das jeweilige Hauptmotiv, durch das einzelne Erzählteile und Zeitebenen verbunden werden, sondern auch die zahlreichen Nebenmotive strukturieren den Text auf diese Weise. Bemerkenswert ist dabei, dass die Motive häufig im Rahmen von Assoziationen erscheinen: Gedankenverbindungen lösen sie aus, führen zu vergangenen Ereignissen oder Empfindungen und von dort immer wieder auch zu weiteren, ähnlichen Erlebnissen. Darüber hinaus werden sie kombiniert verwendet, etwa wenn ein Motiv regelmäßig im Zusammenhang eines anderen Motivs auftaucht oder wenn die von einem Motiv ausgehende Assoziation stets ein bestimmtes anderes Motiv aufruft. Deutlich wurde darüber hinaus, dass Kawabata seine Verfahrensweise der Motiv-Verknüpfung mehr und mehr verfeinerte und aus einer ähnlich großen Anzahl von Motiven zusehends komplexere Strukturen formte. Während sich etwa die Bildung von Assoziationsketten in 354 vgl. hierzu E. May 1983 sowie 1981, S. 137 ff. resüMee 243 Yukiguni vor allem auf drei Motive beschränkt, verstärkt sich dieser Aspekt in Yama no oto deutlich, und in Mizuumi sind die Motive schließlich das beherrschende Kompositionselement. Hinzu kommen dort die Halluzinationen und Visionen, die zwar kaum wiederholt erwähnt werden, sich aber häufig auf eines der Motive beziehen und durch sich anschließende Erinnerungen auch als Verbindungselemente zwischen den Zeitebenen fungieren. Diese Sinnestäuschungen können deshalb – trotz ihres unterschiedlichen Inhalts – selbst als ein Motiv verstanden werden, in welchem sich durch das Erscheinen an verschiedensten Textstellen die assoziative Schreibweise Kawabatas kristallisiert. Das oben genannte »Aneinanderreihen haiku-ähnlicher Prosa- Skizzen« kann demzufolge um eine strukturelle Dimension ergänzt werden: Es sind die Motive in diesen Skizzen, die die Aufeinanderfolge und Kombination letzterer bestimmen. Damit sind die Skizzen zwar durchaus in Kawabatas »Fließen von Assoziationen« eingebunden, stellen jedoch keine wahllose Anordnung dar, sondern sind integriert in den Motivkomplex und dessen Entwicklung. Die »Addition von Kleinstrukturen« ist mithin nicht beliebiges Summieren von Erzählteilen; sie lässt sich vielmehr anhand der Motive nachvollziehen und unterscheidet sich entsprechend vom Aufbau der rensaku (Erzählteile bezogen auf ein einziges Thema) wie auch der renga (Erzählteile thematisch aus dem direkt davorstehenden Teil entwickelt), da diese beiden traditionellen japanischen Formen nicht die Vielfalt von Motiven vorsehen, wie sie in Kawabatas Erzählungen zu finden ist, und noch weniger die wiederholte, spätere Aufnahme diverser Motive. Bei der Analyse von Erzähltexten Kawabatas ist die Untersuchung der Motive folglich der Vorgang, mit dem die gesamte Struktur seiner Erzählungen aufgedeckt werden kann. Er eröffnet neben der nur auf japanische literarische Traditionen bezogenen Interpretation eine auf der Textgrundlage nachvollziehbare und damit auch von schwärmerischer, exotisierender Etikettierung unabhängige Möglichkeit, die Literatur des Nobelpreisträgers darzustellen. Gleichzeitig können die daraus gezogenen Erkenntnisse – angesichts der Tatsache, dass Kawabatas sowohl von der japanischen Klassik als auch von der Moderne geprägte Schreibweise das Ergebnis eines individuellen künstlerischen Werdegangs ist – nicht ohne weitere Prüfung auf andere japanische Autoren oder Autorinnen übertragen werden. Allein auf Kawabatas Erzählungen beruhend lässt sich weder eine Definition der Prosaform shōsetsu 244 Mechthild duppel-takayaMa: das »Fliessen der assoziationen« formulieren noch wäre es sinnvoll, daraus eine Poetik der japanischen Gegenwartsliteratur als ganzer ableiten zu wollen. Die Benennung des »Vorhandenen« mag jedoch als erster Schritt zu einer Poetik der Literatur Kawabata Yasunaris beitragen. resüMee 245

Chapter Preview

References

Chapter Preview