7 Islamischer Staat in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 85 - 104

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-85

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
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85 7 Islamischer Staat Der „Islamische Staat“ formierte sich zwischen 2003 und 2014 als Sammelbecken verschiedener islamistisch-extremistischer Terrororganisationen. Der „Islamische Staat“, der vor der Ausrufung des Kalifats noch als Islamischer Staat im Irak und Syrien/Levante (ISIS oder ISIL) bekannt war, entwickelte sich aus der Terrororganisation Al-Qaida. Ahmed Fadil Nazal al-Khalia, genannt Abu Musab al-Zarqawi, gründete nach dem Tod Osama Bin Ladens „Al-Qaida im Irak“ (AQI), bevor er 2006 bei einem US-Luftangriff getötet wurde. Aus AQI wurde schließlich der „Islamische Staat im Irak“. Der Iraker Ibrahim Award Ibrahim, bekannt als Abu Bakr al-Baghdadi, spaltete sich von Al-Qaida ab und operierte unter dem genannten Vorläufer des IS und später ISIS/ISIL in Syrien (vgl. Verfassungsschutzbericht 2013, 209.). Diese islamistische Terrororganisation, deren Mitglieder sich zu einer radikalen Auslegung des sunnitischen Islams bekennen, kontrolliert zur Zeit Teile Syriens und des Irak. Zur Zahl der „IS“-Kämpfer gibt es nur Schätzungen, die von einigen Zehntausend bis zu mehreren Hunderttausend reichen. Die Gruppe „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) trat erstmals (2004) als Teil von „Al Khaida im Irak“ auf, wo sie schwere Attentate verübte. Im Frühsommer 2014 stieß die dschihadistische Miliz „Islamischer Staat“ im Irak und in Scham (Großsyrien) (ISIS), aus Syrien kommend, in den Nachbarstaat Irak vor und eroberte in wenigen Tagen weite Landesteile. Die Namensänderung von ISIS hin zu „Islamischer Staat“ (IS) artikuliert den universalen Machtanspruch der Organisation, von diesem Territorium aus eine islamische Weltherrschaft zu errichten (vgl. Reader Sicherheitspolitik Ausgabe 2/2015). Die Terrororganisation verfügt über immense Einnahmen. Ihren Reichtum hat sie vornehmlich auf ihrem Siegeszug im Irak erbeutet. Eingetriebene Wegzölle an der Grenze zwischen Irak und Syrien, Schutzgelder und Steuern sowie Einkünfte aus Gas- und Ölverkäufen füllten die Kriegskasse. Die Frage nach der „IS“-Ideologie steht seit dem Aufstieg der Organisation im Lauf des Jahres 2013 im Zentrum 86 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie der Diskussionen. Angesichts der Gräueltaten von „IS“-Anhängern, des Führungsanspruchs des „Kalifen“ al-Baghdadi, alle Muslime zu repräsentieren oder der wiederholten Aussage von Repräsentanten des „IS“, ein Staat zu sein, suchen Politiker, Wissenschaftler und Medienvertreter immer wieder diese Ideologie zu begreifen. Die wissenschaftliche Untersuchung des „Islamischen Staates“ steht vor forschungspraktischen Hindernissen. Empirische Untersuchungen, Interviews und teilnehmende Beobachtungen sind kaum zu finden. Diese Arbeit wertet neben wissenschaftlichen Berichten und Aufsätzen auch „IS-Propagandamaterial“ und „IS-Medien“-Inhalte als Quellen aus. 7.1 Geschichte des IS Die Entstehung des heutigen „Islamischen Staates“ ist eng mit den inneren Konflikten im Irak verbunden. Nach dem zweiten Irakkrieg im Frühjahr 2003 und dem Sturz des Diktators Saddam Hussein stand das Land zwischen Euphrat und Tigris viele Jahre am Rande eines Bürgerkriegs. Der Regime-Wechsel in Bagdad vertiefte ethnisch-religiösen Unterschiede im Land. Der Entmachtung der alten sunnitischen Eliten folgte 2006 die Bildung einer schiitisch geprägten Regierung in Bagdad, die zunächst stark von der amerikanischen Zivilverwaltung abhing. Im Juni 2014 nahm der „Islamische Staat“ im Irak und Syrien (ISIS) weite Teile des West- und Nordwestirak einschließlich der Millionenstadt Mosul ein. Kurz darauf erklärte sich ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen aller Muslime und nannte seine Organisation in „Islamischer Staat“ (IS). Ihr Gründer war der jordanische Terrorist Abu Musab az-Zarqawi (1966–2006), der seine Anhänger 2003 in den Irak führte, wo er und seine Nachfolger die amerikanischen Besatzungstruppen und den neuen irakischen Staat bekämpften (vgl. Steinberg, 2014, 3). Da es sich bei der Entstehung und der Entwicklung des „IS“ um ein hoch komplexes Gebilde handelt, sollen im Folgenden lediglich die wichtigsten Ereignisse zum Verständnis des Phänomens im Blickpunkt stehen. 877 Islamischer Staat Der heutige Siegeszug des „Islamischen Staates“ begann unauffällig, als im Jahr 2012 ein kleines Vorauskommando der „IS“-Führung nach Syrien ging. Das vom Bürgerkrieg zerrissene Land, in dem viele unterschiedliche Rebellengruppen gegen das Regime des Diktators Baschar al-Assad kämpften, bildete die Basis für den Aufstieg des „IS“. Dabei gründete der „Islamische Staat“ seine Macht zunächst weder auf Terror noch auf die Zustimmung der syrischen Bevölkerung. Maßgeblich war eine aufwändige, Monate währende und diskret durchgeführte Unterwanderung und Ausspionierung der anarchischen Rebellenszene Nordsyriens, die zunächst friedlich und später erbarmungslos aggressiv betrieben wurde (vgl. Reuter, 2015, 10). Die Herrschaftsstrukturen innerhalb des „IS“ sind eindeutig definiert. Der Kalif steht über allen und bestimmt Handeln und Vorgehen der Terrororganisation. Abu Bakr al-Baghdadi konnte sich von der bis dato einflussreichsten Terrororganisation Al Qaida abspalten und dank eines autoritären Führungsstils sich als stärkste Kraft im Terrornetzwerk „IS“ etablieren. Eine neue internationale Ausrichtung des „IS“ ist seit dem Jahr 2015 festzustellen. So können dem „IS“ allein im Jahr 2015 über zehn internationale Anschläge zugeordnet werden. In Saudi-Arabien wurden 2015 bislang 37 Menschen durch den „IS“ getötet, in der Türkei bei Anschlägen in Diyarbakır, Suruç und Ankara mehr als 130. Im Januar 2015 starben bei den Anschlägen auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und an der Porte de Vincennes in Paris 16 Menschen. Beim Überfall auf das tunesische Nationalmuseum von Bardo in Tunis am 18. März wurden 24 vorwiegend ausländische Touristen ermordet. Am 26.  Juni starben bei Anschlägen auf den Touristenort Sousse in Tunesien, eine Gasfabrik in Frankreich, eine Moschee in Kuwait und eine afrikanische Friedenstruppe in Somalia über 100 Menschen. Vermutlich ebenfalls dem „IS“ zugerechnet werden kann der Absturz von Kogalymavia-Flug 9268 am 31. Oktober. Am 13. November wurden bei einer Serie von Explosionen, Schießereien und Geiselnahmen in Paris über 120 Menschen getötet. Gleichzeitig kamen bei einem Anschlag in der libanesischen Hauptstadt Beirut über 40 Menschen ums Leben. In San Bernardino, USA, fielen einem Anschlag von „IS“-Sympathisanten Ende November 14 Men- 88 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie schen zum Opfer, ein weiterer Anschlag konnte Anfang Dezember in London eben verhindert werden (vgl. Schirra, 2015, 296 ff.). Die Auflistung dieser Taten belegt eindrucksvoll die transnationale Ausrichtung des „IS“-Terrorismus. So hat diese neue Tendenz, Anschläge außerhalb von Syrien und dem Irak zu verüben, das Medieninteresse deutlich erhöht. Ab 2015 kann also von einer zweiten Phase der Kommunikationsstrategie des „IS“ gesprochen werden. Terroristische Anschläge hatten seither nicht wie zuvor im Irak und Syrien den Anspruch einer territorialen Ausbreitung, sondern vielmehr einen kommunikativen Auftrag. Der Welt sollte durch die Menge und die Häufigkeit von Anschlägen die Durchsetzungsfähigkeit und Entschlossenheit der Organisation deutlich gemacht werden. Botschaften und Erklärungen werden seither deutlich stärker betont. Das Handlungsprinzip Terrorismus wurde somit zu einem bewusst gewählten Kommunikationsmittel zur Übermittlung von Botschaften. 7.2 Kommunikationsstrategien des IS Grundsätzlich sind in der Logik von Terroristen nicht die unmittelbar Betroffenen eines militanten Akts die Zielgruppe der Aktion, sondern die kommunizierte Referenz auf den Akt. Eine Ausnahme zeigt dabei das Attentat auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdo. Bei diesem Attentat waren die Opfer bewusst auf Grund ihrer Arbeit ausgesucht worden. Die islamistischen Terroristen des „IS“ stehen in der Tradition der „Propaganda der Tat“. Die terroristischen Taten sind somit unter dem Punkt der Inszenierung auf ein möglichst großes Publikum zu verstehen (Wichmann, 2013, 78). Ihre Operationen betreffen allerdings kein auf einen Nationalstaat beschränktes Publikum, sondern erfolgen an unterschiedlichen Orten und beziehen unterschiedliche Tätergruppen und Zielöffentlichkeiten ein, was dem „IS“ in seiner Gesamtheit eine besonders große und weit gestreute Medienpräsenz verschafft. Die Tat wird „für“ ein Publikum durchgeführt. Als „Regisseure“ richtet der „IS“ seine Taten nach einem „Drehbuch“ aus, welches eine möglichst hohe Zuschauerzahl sichern soll. Die mediale Verwertbarkeit der Gewalttat 897 Islamischer Staat des „IS“ ist also intrinsischer Bestandteil des Terrorakts (vgl. Tinnes, 2012, 8). Spätestens seit der Ausrufung eines Kalifats durch den „Islamischen Staat“ im Juni 2014 ist die strategische Kommunikation des „IS“ zum Gegenstand öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses geworden. Ein Schwerpunkt der Auseinandersetzung liegt dabei auf der geschickten Nutzung sozialer Netzwerke durch den „IS“. Bislang hat sich die Forschung dazu vor allem auf quantitative Aspekte der Themensetzung konzentriert und den visuellen Charakter von Terrorkommunikation und seine spezifischen Funktionen nur am Rand behandelt. Die Kommunikationsstrategie des „Islamischen Staates“ ist komplex. Anschläge, Ermordungen, Entführungen und anderen Gewalttaten des „IS“ dienen in erster Linie einer Rekrutierungsstrategie und Kommunikationsstrategie. Bei ihren Kommunikationsbestrebungen differenzieren die Akteure dabei ihre Adressatengruppen nach deren ideologischer Haltung. So unterscheidet der „IS“ zwischen Freunden, Feinden und unbeteiligten Dritten. Meist werden noch zusätzliche Subdifferenzierungen vorgenommen, beispielsweise nach Religion, nach politischer Position oder nach Nationalität oder ethnischer Gruppe. Die Botschaften werden deshalb auch mitunter explizit an bestimmte Adressatenkreise gesendet (vgl. Steinberg, 2005, 44). Die terroristischen Anschläge des „IS“ sowohl im Nahen Osten als auch in Europa, Afrika und Amerika dienen als gutes Beispiel, Terrorismus als Kommunikationsstrategie zu verstehen. Der „IS“ hat bereits früh den Symbolwert eines Terroraktes erkannt und sieht seinen Erfolg in der massenmedialen Berichterstattung bestätigt. Es kann daher durchaus von einer „Ikonographie des Schreckens“ (vgl. Bernhardt, 2014) gesprochen werden. Seit Beginn des Vormarsches des „IS“ zählt dabei die symbolische Besetzung von Orten zu den zentralen Repräsentationsmerkmalen des „IS“. Der Einzug von Terroristen in besetzten Gebieten und ihre Markierung mit der „IS“-Flagge gehören ebenso zum Bildprogramm wie die Geltendmachung von Territorialansprüchen durch das Rammen eines Säbels in den staubigen Boden. Das symbolische Hissen der Flagge, ein wiederkehrendes Motiv in den Videobotschaften des „IS“, ist eine Siegesgeste, die tief im abendländischen Bildgedächtnis verankert ist und zahlreiche historische Vorbilder aufruft (vgl. Bernhardt, 2014, 4). 90 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Wie bei kommunikativen Strategien des „IS“ häufig der Fall, richten sich diese Bilder nicht nur an die direkt betroffenen Menschen, sondern auch an imaginierte Feinde nah und fern. Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg unterscheidet so zwischen dem „nahen“ und dem „fernen“ Feind. Als letzterer gilt der Westen, also insbesondere Europa und die USA, er tritt dann auf die Bühne, wenn sich der nahe Feind nicht besiegen lässt (vgl. Steinberg 2005, 39). Die Kommunikationsstrategie des „IS“ zeigt somit eine professionelle und facettenreiche Umsetzung des terroristischen Kalküls. Denn wie die meisten Anschläge des „IS“ dienten sie bislang dem Ziel, den westlichen Einfluss in der islamischen Welt einzudämmen. Es ging weniger darum, den Westen direkt anzugreifen, auch wenn Anschläge in europäischen Metropolen verübt wurden, sondern darum, ihm seine Verletzlichkeit zu zeigen und dadurch indirekt auf sein politisches Handeln einzuwirken (Prinzip der Provokation). Anschläge in Paris und Brüssel sind daher hauptsächlich als eine terroristische Kommunikation zu verstehen, da sie nicht zum Ziel haben ein bestimmten Territorium zu besetzten oder zu befreien. Das Hauptziel der Anschläge in Paris und Brüssel war daher in der Aufmerksamkeitserzeugung zu finden. Das terroristische Kalkül des Islamischen Staates reicht dennoch weit über eine reine Provokation des Westens hinaus. Der „Islamische Staat“ will die totale Spaltung zwischen Westen und muslimischer Welt erreichen. Zur Durchsetzung dieses Ziels sollen viele verschiedene Strategien den öffentlichen Fokus auf den „IS“ gelenkt werden. Dieser Absicht dient beispielsweise die weltweit medienwirksame Lancierung von Entführungs- und Enthauptungsvideos. Es lassen sich beim „IS“ generell zwei Phasen der Kommunikationsstrategie unterscheiden: In der ersten ging es um eine nationale Kommunikationsstrategie im Irak und Syrien. Damals konzentrierte sich die Organisation darauf, durch Anschläge im Irak Botschaften an einen nationalen Rezipientenkreis zu versenden. Zahlreiche Bombenanschläge sowie groß angelegte, inszenierte Hinrichtungen und Folterungen politischer und religiöser Gegner sollten als Abschreckung und Drohung gegenüber der irakischen und syrischen Zivilbevölkerung dienen. Die Organisation erzeugte dadurch unter den dort ansässigen Menschen und bei den instabilen Regierungen Furcht und Schrecken. Gleichermaßen stand bei dieser Strategie aber auch die Rekrutierung 917 Islamischer Staat von Sympathisanten im Blickpunkt. Diese Kommunikationsstrategie sollte zunächst Machtansprüche in diesen Ländern etablieren und die Gesellschaften spalten. Verstärkt wurde dieser Effekt durch die rasante geografische Expansion des „IS“. Millionenmetropolen wie Mossul, Raqqa oder auch Kubane wurden in wenigen Tagen vollständig erobert, was die Durchsetzungskraft der Organisation nachhaltig unterstrich. Eine zweite Phase der Kommunikationsstrategie zeigte sich im Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris am 7.  Januar 2015. Der Rezipientenkreis wurde dadurch von einem nationalen zu einem transnationalen erweitert. Nicht nur der transnationale Machtanspruch, sondern auch die kommunikative Ausbreitung des „IS“ wurde so statuiert. Die darauf folgenden terroristischen Anschläge des „IS“ dienten somit hauptsächlich der Verbreitung der eigenen Botschaft und sind weniger als Rache am Westen zu verstehen. Auch die Opferzahl oder der Zerstörungsgrad der Tat selbst lässt sich durchaus als zweitrangig beschreiben. Primäres Ziel des „IS“ war und ist es, durch großangelegte und symbolträchtige Anschläge in den Mittelpunkt des öffentlichen Bewusstseins zu gelangen, Sympathisanten zu gewinnen und Reaktionen des angegriffenen Staates zu provozieren. Auch die Attentate selbst verraten gravierende Unterschiede. Während die erste Phase der terroristischen Kommunikationsstrategie im Irak und Syrien maßgeblich von militärischen Feldzügen und Eroberungen geprägt war, finden in der zweiten Phase mehr Sprengstoffanschläge durch Selbstmordattentate oder Amokläufe statt. Der „IS“ nutzte somit den „klassischen“ Sprengstoffanschlag oder Amoklauf als terroristische Kommunikationsstrategie im Westen. Begründungen liegen hierbei sicherlich in der Durchführbarkeit eines Anschlags. So wäre ein militärischer Feldzug in westlichen Ländern unmöglich, während Bombenanschläge durchaus als umzusetzende Strategie genutzt wurden und werden. Es kann daher von einer hohen Anpassungsfähigkeit der kommunikativen Gewaltausübung durch den „IS“ gesprochen werden. Die ideologischen Ziele hingegen können als gleichbleibend beschrieben werden. Wegen der Masse an Fällen kann diese Arbeit lediglich durch prägnante Beispiele belegen, wie der „IS“ Terrorismus als Kommunikationsstrategie einsetzt. Die zweite Phase der terroristischen Kommunikationsstrategie des „IS“ wird nun untersucht. Dies soll allerdings 92 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass die erste Phase die eingangs aufgeführten Charakteristika einer Kommunikationsstrategie (Verbreitung von Angst und Schrecken, Provokation, Rekrutierung) nicht beinhaltet. Generell müssen die Taten in Syrien und im Irak unter einer anderen kommunikativen Sichtweise betrachtet werden. Hauptmotive von Anschlägen und anderen Gewaltakten dienten hauptsächlich der territorialen Expansion. Terroristische Attentate in Europa und in den USA hingegen müssen als ganzheitliche Kommunikationsstrategie verstanden werden, da sie keinerlei territorialen Anspruch erheben (vgl. Schirra, 2015, 110). Wie bereits aufgezeigt, ist die terroristische Gewalt der Transmissionsriemen in der Kommunikationsstrategie (vgl. Glaab, 2007 98). Die Gewalt des „IS“ schafft somit ein Aktionspotential. Durch ihre gewalttätigen Aktionen erreichen sie, dass ihnen die breite Massen Aufmerksamkeit zukommen lässt. Dies erreichen sie jedoch nur dann, wenn die Gewalt innovativ bleibt. Immer wieder fragen die Medien oder Politiker nach den Ursachen für diese Aktionen des „IS“. Nach den Anschlägen in Paris und Brüssel war allgemein Verunsicherung und Hilflosigkeit erkenn- und spürbar. Diese ist nicht Begleiterscheinung, sondern die beabsichtigte Reaktion. Zu den Botschaften, welche die Anschläge in Paris am 13 November 2015 verbreiten sollen, zählen die Unberechenbarkeit der Tat und, dass die Organisation auch im Westen die Propaganda des Worts durch die Propaganda der Tat ersetzt hat. Zudem wurde das Versagen des französischen Staats aufgezeigt, welches das Vertrauens der Bevölkerung untergraben soll. Wie bereits dargestellt, können terroristische Attentate ohne erklärende Bekennerschreiben leicht missverstanden oder gezielt falsch gedeutet werden, etwa von Politikern. Der Anschlag auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdo29 enthielt erstmals ein neues Element. Zwar hatten zuvor schon einige Beiträge im Internet als Reaktion auf Karikaturen von Mohammed deutlich gedroht. Jedoch verzichtete der „IS“ auf Bekennerkommunikation. Ein Grund ist in der Opferauswahl zu erkennen. So wurden bei diesem Anschlag, nicht wie sonst beim 29 Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ wurde am 7. Januar 2015 Ziel eines Terrorangriffs, bei dem zwölf Menschen starben. 937 Islamischer Staat „IS“ üblich, Unbeteiligte zu Opfern gemacht. Stattdessen hatte der „IS“ mit den Satirikern Opfer gewählt, die aus seiner Sicht schon aktiv am Kampf zwischen Westen und Islam beteiligt waren. Die Botschaft der Terroristen lautete: Wer Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, muss mit dem Tod rechnen. Ziel der Botschaft ist somit das Erzeugen von Angst und die Einschüchterung der Journalisten (vgl. Peters, 2015). Kommunikationskraft und Botschaft des Anschlags auf Charlie Hebdo waren deutlich genug, um noch eine Erklärung zu benötigen. Lediglich die Zuordnung der Täter war missverständlich. Immer wieder wurde spekuliert, wer für den Anschlag verantwortlich war. Lediglich die im Vorfeld verfassten Drohungen ließen einen Schluss auf die Täter zu. Der „IS“ setzte in der Vergangenheit auf verschiedene Gewaltformen, um in den öffentlichen Diskurs zu kommen und auch die gewollte Botschaft zu übermitteln. Die terroristische Strategie der Geiselnahme eignet sich besonders für die Inszenierung des „Theater of Terror“ (Laqueur, 1987, 45). Denn Kidnappings erstrecken sich erfahrungsgemäß über einen längeren Zeitraum und entfalten dabei dramatisches Potential (vgl. Tinnes, 2012, 16). So folgen Entführungen durch den „IS“ einem klaren dramaturgischen Aufbau mit einem Beginn, Verlauf und Ende, sowie Handlungsträgern, die sich simplen dichotomischen Kategorien zuordnen lassen (Protagonisten vs. Antagonisten, Leben vs. Tod etc.). Die Taten lassen sich darüber hinaus gut personalisieren und emotionalisieren (z. B. durch Interviews mit Angehörigen). Der kommunikative Effekt wird bei Entführungen durch den „IS“ besonders durch die Präsentation der Geiseln verstärkt. Das Vorführen der Entführten in orangefarbenen Overalls, welche an die Kleidung der Gefangenen in Guantanamo-Bay und in US-amerikanischen Sicherheitstrakten erinnern, erniedrigt die Geisel und teilt eine direkt an die US-Regierung gerichtete Botschaft mit. Denn letztere gilt als Verantwortliche für die jeweilige Entführung. Am 19. August 2014 wurde dem US-Journalisten James Foley30 in einem aufwendig produzierten Video nach einer Rede des Entfüh- 30 James Wright Foley war ein US-amerikanischer Journalist. Er wurde 2012 in Syrien entführt und im August 2014 von einem Mitglied der Terrororganisation Islamischer Staat enthauptet. Foley arbeitete als renommierter Fotograf für verschiedene Redaktionen. 94 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie rers mit einem Messer der Kopf abgetrennt. Die Aufnahmen wurden unter dem Titel „Eine Botschaft an Amerika“ ins Internet gestellt. Das Internet-Video zeigt zunächst Fernsehbilder von Barak Obama, als er die jüngsten Luftangriffe auf Stellungen des „IS“ im Irak verkündet. Anschließend wird Foley auf Knien gezeigt. Er ruft seine Familie und Freunde auf, gegen die amerikanische Regierung als „eigentlichen Mörder“ vorzugehen. Das Hinrichtungsvideo markiert eine strategische Neuausrichtung der „IS“-Kommunikationsstrategie. Erstmals richten sich dabei die Extremisten nicht an Muslime, sondern direkt an den US-Präsidenten. Die Inszenierung ist vor allem als an den Feind gerichtete Provokation zu deuten. Das Zur- Schau-Stellen des Gefangenen ist eine klare Botschaft, um die USA zu einer überharten und von Emotionen geleiteten Reaktion herauszufordern. Darüber hinaus richtet sich dieses Video an eine zweite Rezipientengruppe: Junge Männer und Frauen, die als Sympathisanten infrage kommen, sollen sehen, dass der „IS“ seine Drohungen wahrmacht. Darüber hinaus haben terroristische Gewalttaten des „IS“ immer auch das Potential, neue Täter zu rekrutieren. Der Eindruck der Opferbereitschaft wird bei Selbstmordattentaten noch verstärkt. Die Kommunikationsstrategie des „IS“ zeigt sich auch in folgenden Beispielen. Im Februar 2016 veröffentlichte der „Islamische Staat“ ein Video, das zeigte, wie Dschihadisten einen jordanischen Piloten lebendig verbrannten. Jedes Detail dieses Films war aufwendig inszeniert. Muaz al-Kasasbeh musste einen orangefarbenen Overall tragen und war in einen Käfig gesperrt. Die hochauflösende Kamera, die seinen Todeskampf aufzeichnete, gehörte zu einer teuren Ausrüstung. Die eindringlichsten Szenen der Hinrichtung wurden in verschiedenen Kameraeinstellungen eingefangen und in Super-Zeitlupe wiederholt. Der „Islamische Staat“ flutete das dschihadistische Internet mit dem Film mit dem Kalkül, dass die internationalen Medien es nicht ignorieren würden. Die Berechnung ging auf. Flächendeckend wurde in allen europäischen Massenmedien von der Hinrichtung des Piloten berichtet. Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie der „Islamische Staat“ mit aufwendig produzierten und im Internet verfügbar gemachten Videos auch die Filter der klassischen Massenmedien zu durchbrechen 957 Islamischer Staat sucht. Die Kommunikationsstrategie verfolgt doppelte Publizität aus (zunächst eine virale Verbreitung im Internet und anschließend eine weitere durch die Massenmedien). Andere Gewalttaten, die der „IS“ gezielt inszenierte und veröffentlichte, zeigen die Zerstörung Palmyras im August 2015, die Versklavung der JesidInnen (2014–2015) und die Eroberung der Stadt Mossul. Besonders hervorzuheben ist die Zerstörung von Palmyra. Anders als bei den Hinrichtungsvideos zeigten westliche Medien in unzensierter Form die vom „IS“ gefilmte Zerstörung von Palmyra. Die Videos zeigen, wie Bauwerke gesprengt und historische Schriften verbrannt werden. Die unzensierte Verbreitung dieser Bilder durch westliche Medien brachte einen weitaus höheren kommunikativen Effekt als die der zuvor diskutierten Gewalttaten. Die Bilder/Videos dokumentierten die Zerstörung von „Götzenbildern“, das Ende der „Vielgötterei“ sowie der Auslöschung eines kulturellen Welterbes. Die Zerstörung von Kulturgütern ist keinesfalls eine neue Kommunikationsstrategie, da bereits andere Terrororganisationen wie Beispielsweise Al-Qaida den Symbolwert von vorsätzlich zerstörten Kulturgütern für ein hohes Medieninteresse nutzten. Diese Beispiele zeigen weitere Grundbestandteile einer terroristischen Kommunikationsstrategie. Zunächst ist bei sämtlichen hier aufgeführten Taten eine deutliche strategische Ausrichtung festzustellen. Ort, Zeit und Durchführung der Tat waren erkennbar nach ihrem kommunikativen Wert ausgesucht worden. Die Aufarbeitung und das in Szene setzten von Gewalt und Leid beinhaltete darüber hinaus die Erzeugung von Angst und der Verunsicherung. Provozierend wirken dagegen die Videos durch ihre Aufmachung auf den anvisierten Feind. So wurden in einigen Videos Sequenzen von Reden westlicher Staatspräsidenten eingespielt oder durch klare Schuldzuweisungen die Schuld für die Tat bei den jeweiligen Feinden gesucht. Das Prinzip der Provokation ist daher deutlich erkennbar. Zusammenfassend können den Gewalttaten des „IS“ folgende drei kommunikative Aspekte zugesprochen werden: Zentral ist die Erzeugung von starken emotionalen Reaktionen. Gefühle der Furcht und des Schreckens, zumindest starker Verunsicherung bei den Feinden sind erwünscht. Diese werden mit Hilfe von Medien transportiert und 96 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie verstärkt. Trotz Charlie Hebdo und Bataclan, trotz Würzburg31 und Ansbach32 gibt es in Europa aktuell – verglichen mit den 1970er- und 1980er Jahren – selbst nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und jüngst auch in Deutschland vergleichsweise wenige Terrorattacken. Dennoch zeigen Umfragen eine erhöhte Angst der Bevölkerung vor terroristischen Anschlägen. Eine Forsa-Umfrage vom 15.07.2016 mit 1.002 Teilnehmern zeigt, dass 39 Prozent der Befragten angaben, dass sie aus Angst vor Terroranschlägen nur mit einem unguten Gefühl auf Großveranstaltungen gehen. Kurz vor den Anschlägen am 13. November in Paris hat eine weitere Umfrage gezeigt, wovor die Deutschen sich 2015 am meisten fürchteten: 52 Prozent hatten Angst vor Terror. Im Jahr zuvor hatten ganze 13 Prozent weniger Furcht vor Anschlägen. Keine andere Sorge war binnen eines Jahres so angestiegen (vgl. Terrorismus - Statista-Dossier 2016). Besonders direkt nach Anschlägen zeigen Umfragen eine erhöhte Angst vor Terror. Die Kommunikationsstrategie des „IS“ versucht daher immer möglichst viel Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung aufrecht zu halten. Als weiteres Element sind überstürzte, von einer gewissen Panik diktierte Schutz- und Vergeltungsmaßnahmen von Seiten des angegriffenen Staates erwünscht. Seit den Anschlägen in Paris, Nizza und Brüssel wurden die Sicherheitsmaßnahmen an öffentlichen Plätzen und Gebäuden verstärkt, aber auch Gesetzesänderungen und Einschränkungen, etwa des Datenschutzes, sind Reaktionen darauf. Nach den terroristischen Anschlägen vom 13.  November 2015 wurde in Frankreich der Ausnahmezustand ausgerufen, der bis heute gilt. Militärische Reaktionen waren beispielsweise Bombardements der französischen Luftwaffe von „IS“-Stellungen in Syrien und Irak. Mag die Kommunikationsstrategie der Terroristen des „IS“ auch rational zu fassen sein – die Tötung von Zivilisten ist ein Mittel, das 31 Bei einem Anschlag in einer Regionalbahn bei Würzburg am 18. Juli 2016 verletzte ein minderjähriger Syrer fünf Menschen mit einem Beil und einem Messer, vier davon schwer. Der Täter wurde in der Folge von einem Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei erschossen. 32 Am 24.  Juli 2016 wurde ein islamistischer Terroranschlag in der Altstadt von Ansbach (Bayern) verübt. Dort zündete ein 27-jährige syrische Flüchtling (Mohammed Daleel) vor einem Weinlokal eine Rucksackbombe, verletzte damit 15 Personen und kam selbst ums Leben. Der Attentäter hatte seit zwei Jahren in Deutschland gelebt und Verbindungen zur Terrormiliz „Islamischer Staat“. 977 Islamischer Staat nur schwer zu rechtfertigen ist. Dieses Dilemma erkennen auch die Terroristen des „IS“. Deshalb verweisen ihre Bekennerschreiben stets auf die zuvor erfolgte Tötung von Zivilisten bei westlichen Militäroperationen. Genau diese unschuldig getöteten Muslime verschaffen den Terroristen kommunikativ die Möglichkeit zur „Vergeltung“ (vgl. Peters, 2015). Die Unterstützung und aktive Mithilfe beim angestrebten Kampf ist die dritte Kernbotschaft der terroristischen Gewalttaten des „IS“. Aufrufe zur aktiven Unterstützung im Kampf gegen den Westen enthalten viele Bekennervideos des „IS“. Diese Dreiersequenz gilt für das klassische terroristische Kalkül und findet sich in der Kommunikationsstrategie des „IS“ exemplarisch wieder. Ein Beispiel dafür, dass nicht alle terroristischen Taten medienwirksam und in kommunikativer Hinsicht geeignet sind, zeigte sich bei der Verfolgung und Versklavung der JesidInnen33 durch „IS“-Einheiten im Zeitraum 2014 bis 2015. Bilder und Videos zu diesen Taten finden sich nur sehr vereinzelt und in schlechter Qualität. Anders als die bisher analysierten Attentate, Zerstörungen oder Morde, die mit aufwendiger Technik inszeniert und massenwirksam zusammengeschnitten wurden, wurden diese Gräueltaten des „IS“ nicht medienwirksam zu Propaganda Zwecken genutzt. Gründe hierfür sind vor allem in der Rechtfertigung der Taten und der Vermittlung der Botschaft auszumachen. Denn nicht alle Gewalttaten des „IS“ lassen sich für kommunikative Zwecke nutzen. Jesidinnen, die aus der Gefangenschaft des „IS“ entkommen konnten oder gegen Lösegeld freigelassen wurden, berichteten von systematischen Vergewaltigungen, Freiheitsentzug und Gewalt (vgl. Bericht von Amnesty International, 23.12.2014). Dass die Inszenierung der Taten unterblieb, kann so interpretiert werden, dass nach ihnen sozusagen in der Gesellschaft und/oder der Anhängerschaft keine Nachfrage bestand. Die Kommunikationsstrategie des „IS“ wäre dann den Bedürfnissen seines Publikums ange- 33 Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen. Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religionen wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. 98 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie passt worden. Denn jede Kommunikationsstrategie steht und fällt mit ihren Rezipienten. Wer es versäumt oder ignoriert, sich mit seinen Adressaten und mit ihren Bedürfnissen näher zu beschäftigen, riskiert, seine Botschaft nicht erfolgreich zu übermitteln. Der „IS“ hat die Wichtigkeit einer Rezipientenanalyse erkannt und seine Kommunikationsstrategie in diesem Sinn ausgerichtet (vgl. Jirschitzka, 2010, 82). Dieses Beispiel zeigt zudem deutlich die strategische Ausrichtung der Kommunikation. Gewalttaten, welche nicht zur Übermittelung von Botschaften dienen, werden medial nicht aufgearbeitet. 7.3 Mediennutzung durch den IS Die Propagandisten des „Islamischen Staates“ sind Meister der Inszenierung. Sie integrieren Journalisten und deren Reaktionen in ihre Planung. Denn Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit sind der Sauerstoff des Terrorismus (vgl. Fetscher, 1981 145). Und mehr als jede andere Gruppe entscheiden Journalisten über die Verteilung dieser beiden Ressourcen. Islamistische Terroristen haben eine neue Dimension der Medienpräsenz erreicht, was auch an ihren besonders ausgeklügelten Kommunikationsstrategien liegt. Ihre im Vergleich zu anderen terroristischen Gruppen größere Medienpräsenz ist auf drei weitere Faktoren zurückzuführen: Erstens ist die Kommunikationsstrategien des „IS“ aus dem spezifischen Mediengebrauch unterdrückter Gruppen in den autoritären Systemen des Nahen Ostens entstanden. Dieser Mediengebrauch ist gekennzeichnet von einer cross-medialen Nutzung kleiner Medien und Massenmedien und ist sowohl auf nationale als auch auf globale Zielöffentlichkeiten gerichtet. Zweitens präsentieren die islamistischen Terroristen in den von ihnen produzierten Images ein dichotomes Weltbild, das als Realisierung der westlichen Konstruktion des Orients zu verstehen ist, also Folge der Zuschreibung kultureller Andersartigkeit durch den Westen ist. Drittens wird dieses Weltbild dankbar von den Massenmedien sowohl in der arabischen als auch in der westlichen Welt aufgenommen, da diese Konstruktionen von beiden Seiten verstanden und von den Medien als bekannte „Frames“ übernommen werden können (vgl. Glaab, 2007, 75). 997 Islamischer Staat Visuelle Inhalte sind im Rahmen der strategischen Kommunikation des „IS“ von zentraler Bedeutung (vgl. Zelin, 2015). Doch obwohl er außergewöhnlich stark auf visuellen Inhalten basiert (vgl. ebd., S. 89), ist dieser spezifische Modus der terroristischen Kommunikation vergleichsweise schlecht erforscht. Nur wenige Arbeiten setzen sich explizit mit Bildmaterial auseinander. Enthauptungs-Videos bei Youtube, radikale Aufrufe bei Twitter: Der Krieg des „Islamischen Staats“ zeigt sich besonders deutlich im Internet und in den sozialen Netzwerken. Junge Muslime werden durch Web-Videos radikalisiert und folgen den Aufrufen zum Kampf nach Syrien oder in den Irak. Für Al-Qaida, den „Islamischen Staat“ und andere sind eigene Foren und Webseiten, Instant Messenger wie Kik oder WhatsApp sowie soziale Medien wie Twitter, Facebook oder Ask.fm eine wichtige Plattform für Propaganda, Rekrutierung sowie Organisation und Logistik. Wie wichtig neue Medien für den „IS“ sind, wird aus einem Brief vom 5. Juli 2005 vom jüngeren Bruder des Anführers Abu Musab al- Zarqawi, Aiman al-Zawahiri deutlich. Dort heißt es übersetzt: „Unser vorgebliches Ziel ist das Kalifat im Sinne des Propheten […] Wir sind in einem Krieg, der zur Hälfte auf dem Schlachtfeld der Medien stattfindet […]. In diesem Krieg geht es um die Herzen und Gedanken der muslimischen Gemeinschaft“ (zitiert nach Schirra, 2015, 77). Diese mediale Kommunikationsstrategie lässt sich als „Ikonographie des Schreckens“ bezeichnen. Georg Frank spricht in diesem Zusammenhang von einer vom „IS“ perfektionierten Aufmerksamkeits- ökonomie (Frank, 2013, 11). Heutzutage sind Klicks, Tweets usw. als Einnahmequellen. Der „IS“ sucht immer mehr Aufmerksamkeit zu erhalten und verfährt nach dem Grundsatz: je gewaltsamer und spektakulärer die Tat, umso höher die Aufmerksamkeit. Der Zusammenhang zwischen „Islamischem Staat“ und den Medien wird nun erläutert. Denn obwohl das Internet zentral für die Medienarbeit des „IS“ ist, nehmen klassische Massenmedien (Print, Fernsehen, Radio) weiterhin einen großen Raum in der Medienlandschaft ein. Der pluralisierte Zugang zum Internet gibt zwar auch marginalisierten Akteuren eine reale und preiswerte Möglichkeit, Bilder 100 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie und Texte zu produzieren und zu verbreiten. Doch ohne Anbindung an die Massenpresse bzw. den Rundfunk können sie Breitenwirkung und damit Deutungsmächtigkeit nicht entfalten. Zwar hat die Einführung des Internets in einigen Bereichen die Abhängigkeit terroristischer Organisationen von den Massenmedien verringert. Denn unzensierte „IS“-Veröffentlichungen von Bildern, Texten und Videos sind problemlos im Internet verfügbar. Trotzdem muss der „IS“ immer auch daran interessiert sein, in den Massenmedien beachtet zu werden. Das liegt an deren größerem Wirkungsradius. Um Bilder oder Videos des „IS“ im Internet zu sehen, bedarf es einer gewissen Grundmotivation des Rezipienten. Sendeplätze bzw. Bilder und Texte in den Massenmedien beispielsweise in Sondersendungen im Fernsehen verlangen kaum derartiges Engagement. Daher wäre es durchaus als falsch zu bezeichnen, dass durch die Etablierung des Internets die Bedeutung der Massenmedien herabgesetzt wurde. Sicherlich besteht auch weiterhin eine Angewiesenheit auf traditionelle Medien, sodass der „IS“ in gewisser Weise weiter von Journalisten und klassischen Massenmedien abhängig ist. Abschließend kann daher gesagt werden, dass die Mediennutzung des „IS“ vielschichtig und auf dem neusten technischen Stand ist. Sowohl in der Nutzung unterschiedlicher Medien (Internet, Printmedien, Fernsehen, Radio) als auch in der Aufbereitung des Materials zeigen die Terroristen des „IS“ einen hohen Grad an Anpassungsfähigkeit. Terroranschläge werden nachträglich wie ein moderner Actionfilm bearbeitet, Aufrufe zu Terroranschlägen werden in einschlägigen Foren einer breiten Öffentlichkeit zu Verfügung gestellt, illusorische Bedingungen werden suggeriert, um Rekruten zu erzeugen, Hinrichtungsvideos und Bilder zeigen die volle Brutalität und erzeugen Angst und Unsicherheit bei ihren Gegnern. Terrorakte in Europa und den USA sind der Versuch, höchstmögliche kommunikative Wirkung zu erlangen. Dies gelingt dem „IS“ durch spektakuläre Anschläge in Europa und den USA mit vielen Opfern problemlos. Für Bekennerschreiben bzw. Videos und Audiobotschaften werden die westlichen Massenmedien nicht direkt benötigt, da jene im Internet veröffentlicht und oftmals erst dann von den Medien aufgenommen werden. 1017 Islamischer Staat Das Internet ist ohne Zweifel zum wichtigsten Werkzeug des „IS“ für den „Heiligen Krieg“ geworden, denn es ist den Terroristen gelungen, die Funktion der Trainingslager in die virtuelle Welt zu übertragen (vgl. Rohde, 2002). Über das Internet werden junge Muslime für die Sache begeistert und mit Anleitungen für ihren „Do-it-yourself“- Dschihad (Bötticher, 2012, 268) versorgt. Sie kommunizieren per Email und in Chatrooms, und sie planen ihre Anschläge mit allen Tricks, die die Technologie zu bieten hat. Terrororganisationen wie der „IS“ verwenden das Internet vor allem zu Rekrutierung und Verbreitung von Propaganda, aber auch für die psychologische Kriegsführung. Sie lancieren u. a. Falschmeldungen, um die Angst vor terroristischen Anschlägen präsent zu halten und dem Feind seine Hilflosigkeit zu verdeutlichen. Die Mediennutzung des „IS“ ist sehr professionell angelegt. Sowohl eigene als auch andere Medien werden für die Verbreitung und Ver- öffentlichung von Propaganda- und Bekennermaterial genutzt. Doch durch das Einsetzten von eigenen medialen Kanälen ist die Abhängigkeit von etablierten Massenmedien klar gesunken ist. Moderne Technik wie Handy-Kameras, mobiles Internet und Livestreams erleichtern die Verbreitung von Botschaften. 7.4 Propaganda und Rekrutierung des IS Wie keine andere Terrorgruppe zuvor wirbt der „Islamische Staat“ für seine Sache und nutzt das Internet für seine Propaganda. Die Dschihadisten kapern auf Twitter trending topics, organisieren sich auf Facebook oder verschicken ihre Botschaften über eigene Onlinemagazine und Radiostreams. In den Reihen des „IS“ weiß man, wie und wo junge Leute erreicht werden: in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Das Social Web ist für die Verbreitung islamistischer Propaganda zentral. Nahezu alle großen Plattformen haben Inhalte aus diesem Spektrum. Die Foren bilden bis heute den Kernbereich des Internets und sind immer noch der wichtigste Ort, an dem Materialien an die Öffentlichkeit lanciert, Informationen ausgetauscht und Diskussionen geführt werden (vgl. Steinberg, 2012, 13). 102 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Dass der virtuelle Kommunikationsraum zu einem unübersichtlichen Sammelbecken des internationalen Terrorismus geworden ist, zeigen vor allem die Studien des Kommunikationsprofessors Gabriel Weimann von der Haifa Universität in Israel: Laut Weimann ist der Cyberspace der Ort, an dem Terroristen und ihre Sympathisanten nicht nur untereinander Kontakt aufnehmen, sich konspirativ verabreden und unerkannt Informationen austauschen, sondern auch ein quasi-professionelles „Fundraising“ betreiben und neue Mitglieder, darunter sogar Kinder und Frauen, rekrutieren, indoktrinieren und für ihre perfiden Zwecke instrumentalisieren. Wegen seiner dezentralen Struktur und den multimedialen Angebotsplattformen, auf denen Schrift, Grafiken, Audio- und Bildsequenzen miteinander verknüpft werden können, eignet sich das Internet, so Weimann, optimal als „die neue Arena“ für terroristische Aktivitäten (Weimann, 2006, 65). Der „Islamische Staat“ fordert die Muslime weltweit auf, sich ihm anzuschließen und so das propagierte Kalifat auszubauen. Ein prägnantes Beispiel für erfolgreiche Rekrutierungs- und Propagandakampagnen ist das Online-Magazin Dabiq34. Dieses professionell gestaltete Hochglanzmagazin des „IS“ publiziert sowohl aktuelle Bekennerschreiben als auch Aufforderungen und Drohungen für künftige Anschläge. Der „Islamische Staat“ veröffentlichte 2014 im Internet unter dem Namen Dabiq eine eigene Propagandazeitschrift. Die mit zahlreichen großformatigen Fotos hergestellte Publikation mutet dabei wie ein modernes Magazin an und ist optisch durchaus mit dem seit mehreren Jahren bekannten Magazin „Inspire“ von Al-Qaida vergleichbar. Fotos von fröhlich spielenden „IS“-Kindern werden mit solchen kontrastiert, die verstümmelte Babyleichen zeigen, Aufnahmen verbrannter feindlicher Soldaten erscheinen neben jubelnden Dschihadisten, Hinrichtungsbilder oder Fotos zerschossener Gesichter finden sich neben blühenden Kirschbäumen. Bilder und Texte spiegeln die simple Weltsicht der Terroristen wider: Es gibt nur Gut oder Böse, Gläubige oder Ungläubige. Dabiq ist zwar das „Leitmedium“ der Propaganda des „IS“. Es wird aber flankiert von zahlreichen weiteren Einzelschrif- 34 „Dabiq“ wird vom al-Hayat Media Center, der Medienabteilung des Islamischen Staates herausgegeben. Die Online-Publikation erschien erstmals im Juli 2014 im PDF-Format auf Englisch. 1037 Islamischer Staat ten sowie von Audio- und Videobotschaften, die von den Medienstellen des „IS“ (das al-Hayat Media Center und die al-Furqan Media Foundation) professionell aufbereitet und verbreitet werden. Hier kommen sowohl Vertreter der Bewegung, wie auch einzelne ausländische Kämpfer zu Wort, die sich in ihren Auftritten insbesondere an die Bevölkerung ihrer jeweiligen Heimatstaaten richten. So zum Beispiel der ehemalige Berliner Gangsterrapper Denis Cuspert, der zunächst seinen Treueschwur (bai´a) auf den „IS“ ablegte und seitdem zur Ausreise in das „Kalifat“ oder auch zu Anschlägen auf deutschem Boden aufruft (vgl. Schirra, 2015, 302). Nach eigener Aussage ist das Blatt auf fünf Themenbereiche fokussiert: Tawhid (Einzigkeit Allahs), Manhaj (Methodik, Lebensweise), Hijrah (Migration in das Land des Islam), Jihad (Anstrengungen auf dem Weg Gottes) und Jama’ah (Gemeinschaft). Das Magazin wendet sich auch an bereits entschlossene Anhänger der Bewegung, um ihnen zu verdeutlichen, dass die angestrebten Ziele ganz real verwirklicht werden können und in den eroberten Gebieten bereits verwirklicht worden sind. Es trägt so zur inneren Festigung der Bewegung bei. Vorrangig dient die Zeitschrift aber der Rekrutierung von weiteren Kämpfern für den „Islamischen Staat“. Dabei hat die Bewegung klar auch Islamisten in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika im Blick. Mittlerweile existieren weitere Magazine, die in ihrem Aufbau und Inhalt Dabiq ähneln, jedoch andere Sprachräume erreichen sollen. Zu nennen wären Dar al-Islam (Gebiet des Islams) für den französischen, Konstantiniyye (Konstantinopel) für den türkischen sowie Istok (Ursprung) für den russischen Sprachraum. Ein weiteres Ansinnen von Dabiq ist das Suggerieren der Staatlichkeit des „IS“. Die Zeitschrift informiert über Fortschritte im Krieg gegen die „Ungläubigen“ (Niederlagen werden in der Regel verschwiegen oder relativiert), das Gesundheitswesen im Islamischen Staat, Altenheime und Kindererziehung oder die Bestrafung von Kriminellen und enthält religiöse Unterweisungen der Zivilbevölkerung. Die Publikation ist das offizielle Staatsorgan des Kalifats, ihre Berichte sollen den Eindruck eines funktionierenden Staatswesens vermitteln. Hierin unterscheidet sich Dabiq von dem seit mehreren Jahren bekannten englischsprachigen Online-Magazin Inspire der Terrorgruppe Al- 104 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Qaida, das vor allem radikalisieren will, zu Anschlägen aufruft und auch gleich die benötigten Bombenbauanleitungen mitliefert. Dabiq ist also eine Plattform für die Rekrutierung und die Ver- öffentlichung von Bekennerschreiben. Zudem werden die Adressaten über begangene Attentate informiert. Der kommunikative Rang der Publikation für die Übermittlung von terroristischen Botschaften und Informationen ist recht hoch. Die terroristische Kommunikationsstrategie des „IS“ ist hierin deutlich erkennbar.

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Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.