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4 Das Schicksal und das Ritual in:

Anselm Geserer

Vom Erlebten zum Erlebnis, page 91 - 104

Eine Bestimmung des Außeralltäglichen durch Bungee

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3871-0, ISBN online: 978-3-8288-6652-2, https://doi.org/10.5771/9783828866522-91

Series: Studien zur Unterhaltungswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Vom Erlebten zum Erlebnis Das Schicksal und das Ritual 91 4 Das Schicksal und das Ritual Aus den geführten Interviews, lassen sich weitere unbewusste Figuren entnehmen, die nun beschrieben und gedeutet werden. Zum einen sind es Komponenten des Rituals, die sich bei den Springenden manifestieren und zum anderen findet sich eine Figur ordalischen Charakters. 4.1.1 Die Figur des Schicksals Die erste Figur, die sich beim Bungee-Springen identifizieren lässt, ist eine Figur, die mit einer Vorstellung von Schicksal in Verbindung steht. Diese Vorstellung ist auf das Risiko284 zurückzuführen, das von den Springern eingegangen wird. Risiken werden immer aktiv eingegangen und stehen somit in engem Verbund mit dem Handeln – also der Entscheidung zu Springen. Während des Sprungs findet sich eine Sequenz, die Ursprung dieses Risikos ist. Von ihr geht ein Momentum aus, das für das Subjekt nicht kalkulierbar ist. Dieser Kontrollverlust (das Unkalkulierbare) findet zum einen im Sturzflug selbst und zum anderen in der technischen Sicherung des Seils seine Herkunft und führt, wie oben erläutert wurde zum Thrill, die als Angstlust bezeichnet wird285. Die Angstlust begründet eines der Motive, wieso sich viele Menschen häufig in riskante Situationen begeben. Ein weiteres ebenfalls psychologisches Motiv findet seinen Ursprung in der Gunstbezeugung des Schicksals, welches ebenfalls dem Risiko entspringt. 284 Risiko ist ein Begriff, der Etymologisch von Wagnis und Gefahr abzuleiten ist (span. Risco ist Klippe, Gefahr). In der Unterscheidung zu dem Wort Gefahr erlangt Risiko in diesem Kontext Geltung. Definiert wird Risiko als das Moment, das beim und durch Handeln entsteht, wohingegen Gefahr ein Momentum ist, dem die Betroffenen ausgeliefert sind. Der Aspekt des „Risiko Eingehens“ ist in diesem Fall von elementarer Bedeutung und setzt eine Form der Kalkulation voraus. Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin, Boston, 25. durchg. u. erw. Aufl. 2011, S. 769. Vgl. Luhmann, Niklas: Risiko und Gefahr. In: Krohn, Wolfgang (Hg.); Krücken, Georg (Hg.): Riskante Technologien: Reflexion und Regulation. Einführung in die sozialwissenschaftliche Risikoforschung. Frankfurt a. M. 1993, S. 139ff. Vgl. Luhmann, Niklas: Soziologie des Risikos. Berlin, New York 1991, S. 19ff. 285 Vgl. Kapitel 3.4 92 Interview 1: 54B kontrolle hast du in dem moment ä nicht viel des 55 heißt du kannst nur drauf achten das eben grade mit 56 körperspannung runterkommst ähm (2,5) und ja des 57 andere is dann is dann sache des seiles der der 58 sicherung äh dann kann man nur noch kontrollieren 59 wenn man wieder im rebound nach oben schießt das du 60 eben dich nicht im seil verhedderst Diese Schilderung macht deutlich, dass sich das Subjekt während eines Bungee- Sprunges unterwirft; zwar sollte auf ein einige Dinge geachtet werden, wie die Körperspannung (Zeile 56) oder die Meidung des Verhedderns im Seil während des Rebounds (Zeile 60), dennoch ist es eine freiwillig herbeigeführte Demontage der Kontrolle über das Schicksal des Subjekts selbst. Der Ausgang der Situation oder besser des Sturzes ist schlussendlich Sache des Seils und der Sicherung (Zeile 57f). Zwischen dem realen Todesrisiko und einem weiteren Leben nach dem Sprung stehen lediglich technische Komponenten und entscheiden über eben diesen Ausgang. Dieser Umstand sollte, der menschlichen Intuition folgend, Unbehagen oder Angst auslösen. Solche Überlegungen sollten darüber hinaus dazu führen, dass Menschen sich gegen einen solchen Sprung entscheiden. Doch gerade dies scheint nicht der Fall zu sein; nicht nur dass Springern dies nichts auszumachen scheint, hinzu kommt, dass es (insbesondere retrospektiv) sogar „beflügelnd“ zu wirken scheint. Sowohl in diesem, als auch in den anderen Interviews286 werden Glücksgefühle angesprochen, die nach dem Sprung in Erscheinung treten. Interview 1: 123I Okay äm danke erstmal hierzu wie fühlst du dich 124 jetzt nach dem Sprung? 125B Ich fühl mich gut ä ich war jetzt grade fast bis 126 jetzt noch eigendlich ziemlich glücklich darüber 127 [lach] das alles gut gegangen is ich hatte meinen 128 spaß und ich freu mich auf mein nächsten sprung Der Vielspringer beschreibt, dass er sich gut fühle (Zeile 125) und in direktem Anschluss hieran, dass er glücklich darüber sei, dass alles gut gegangen sei (Zeile 126f). In diesem Fall liegt die Deutung nahe, dass die beiden Aussagen in engem Zusammenhang zu einander stehen. Hieraus ist ebenfalls folgerbar, dass die empfundene Freude dem Umstand zu verdanken ist, dass die technischen Hilfsmittel so funktio- 286 Vgl. Kapitel 2.2. Vom Erlebten zum Erlebnis Das Schicksal und das Ritual 93 niert haben, wie es vorgesehen war; nämlich den durch einen Aufprall herbeigeführten Tod zu verhindern. Dies ist einerseits zwar sehr erfreulich, dennoch meldet sich andererseits eine Art Paradoxon zu Wort: ein Subjekt setzt sich willentlich einer riskanten Situation aus und erfreut sich nachfolgend über den positiven Ausgang. Es scheint durchaus gerechtfertigt, diesen Umstand gründlich zu hinterfragen. Am naheliegendsten wäre eine Antwort, die sich darauf beriefe, dass Bungee-Sprünge heutzutage ungefährlich wären. Dies ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dennoch zeigt sich hier eine Art unbewusste Figur: Der Sturz Richtung Erdoberfläche suggeriert, auch wenn dieser technisch abgesichert ist, Todesnähe; ebendiese Todesnähe scheint nun Euphorie und Freude auszulösen287. Die Frage warum dies so ist, ist Thema des folgenden Abschnitts. 4.1.2 Die Lust am Risiko – warum sich Menschen in den Abgrund stürzen Auf die Frage, warum Menschen Risiken eingehen, sich Gefahren aussetzen oder die (symbolische) Nähe zum Tod suchen, findet der Soziologe und Anthropologe Le Breton seine ganz eigene Antwort; diese soll im folgenden Abschnitt erläutert werden. Betrachtet wird Risikoverhalten, das im Rahmen des „Nutzlosen“ stattfindet, ähnlich dem Spiel, wie es von Huizinga definiert wurde.288 Ausgangspunkt ist hierbei eine Gesellschaft, die sich in einer Art „Wertekrise“ befindet, Individuen sind auf Grund des stark erweiterten Handlungsspielraumes, welcher differente Wertekonzepte mit sich bringt, auf sich allein gestellt, wenn es darum geht, sich in der Gesellschaft zu verorten und Sinn für ihr persönliches Leben zu finden.289 „Da die symbolische Ordnung ihm keine Sinnschranken mehr setzt, will das Individuum erfahren, wo seine Schranken liegen, und zwar konkret, tatsächlich.“290 Das Analysemuster bildet eine Analogie zum Ordal, dem Gottesurteil291; dieses ist ein rituelles Gerichtsverfahren mit langer Tradition menschlicher Geschichte. Dem ursprünglichen Ordal wird ein holistisches Weltbild zugrunde gelegt, in dem menschliches Handeln eifersüchtig von Göttern überwacht wird und in welchem auf jede menschliche Handlung eine gottgewollte, deterministische Konsequenz folgt292. Das Ordal findet in einer solchen Gesellschaft bei rechtlichen Auseinandersetzungen, die einer Klärung bedürfen, Anwendung. Durch ein spezifisches Ritual, das gleichfalls 287 Vgl. Ausführungen über Thrill Kapitel 3.4. 288 Vgl. Ausführungen im Kapitel 3.4.1. 289 Vgl. Le Breton: Lust am Risiko, S. 36ff. 290 Ebd, S. 38f. 291 Vgl. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 836. Und: vgl. Le Breton: Lust am Risiko, S. 16, 17. 292 Vgl. ebd, S. 17. 94 als Prüfung bezeichnet werden kann, wird der Wille der Götter / des Gottes ermittelt und hierdurch eine Bestrafung festgelegt. In vielen Fällen starben die Menschen bei dieser Prüfung, was durch das Konvergieren von Prüfung und Urteil legitimiert wurde. Ein bekanntes Ordal ist beispielsweise die Feuerprobe: hierbei wird die Unschuld eines der Delinquenz Beschuldigten durch das Ausmaß seiner Brandverletzungen beurteilt, die er aus der Prüfung davon trägt; der Beschuldigte wurde in einer bestimmten Art und Weise dem Feuer ausgesetzt, trug er keine Brandwunden davon, war er unschuldig. Der zu unrecht Beschuldigte ging nun mit dem Urteil Gottes in eine gestärkte und legitimierte Position in der Gesellschaft ein.293 Zweifelsfrei stellen sich die Fragen, wie das erstens mit der modernen Welt und Gerichtsbarkeit in Zusammenhang steht und zweitens, in wie weit das darüber hinaus mit Extremsport oder in unserem Falle Bungee-Jumping in Verbindung zu bringen ist. Erfreulicherweise findet in modernen Justizsystemen das Ordal keine Anwendung mehr, der Anlass für die Analogie liegt in einer sinngenerierenden Komponente, die das Ordal in sich trug oder trägt, denn „wer die Todesprüfung besteht, erwirbt ein Zeugnis, das zum Leben berechtigt.“294 Beim klassischen Ordal zeichnete sich diese „Berechtigung“ eher gesellschaftlich und kollektiv aus, wohingegen heutzutage diese Sinnstiftung primär subjektiv generiert wird. Es geht um das Muster, das Veranlassung gibt, einen analogen Schluss zu ziehen: Durch einen glücklichen Ausgang einer ungewissen Situation (oder Handlung) wird Sinn erzeugt. Das moderne Ordal ist eine unbewusste Figur, ist nicht länger ein sozialer Ritus, sondern ein individueller Übergangsritus. Es setzt eine atomisierte Gesellschaft voraus, die sich in einer Legitimations- und Ordnungskrise befindet. (…) Entkommt er [der Akteur] der Gefahr, in die er sich freiwillig begeben hat, erbringt er den Beweis, daß sein Leben Sinn und Wert hat.295 Hierbei sind zwei Punkte von zentraler Bedeutung; essenziell ist zum einen die Charakteristik, einer Situation ausgeliefert zu sein, in der die Kontrolle nicht mehr ausschließlich oder sogar gar nicht mehr beim Subjekt liegt296, das Leben ist in Folge dieses Kontrollverlustes in die Entscheidungsgewalt des Schicksals gelegt. Es wird 293 Vgl. Le Breton: Lust am Risiko, S. 17. 294 Ebd, S. 15. 295 Ebd, S. 18. 296 Die willentliche Herbeiführung eines Kontrollverlusts scheint eine paradoxe Antwort auf das Streben unserer Gesellschaft nach Sicherheit und Kontrolle zu sein. Vgl. Le Breton: Lust am Risiko, S. 65, 66ff. Vom Erlebten zum Erlebnis Das Schicksal und das Ritual 95 demnach außerhalb des Subjekts entschieden, ob es das ihm geschenkte Leben weiterführen darf; ist die Prüfung bestanden, taucht „der symbolische Sieg über den Tod ... das Leben danach in das Licht neu erstrahlender Berechtigung und erweckt ein intensives Lebensgefühl.“297 Zum anderen ist es in unserer abstrakten Zeit und der Zeit der Symbole hinreichend wenn die Todesnähe symbolischer Art ist; in der sekuritätsorientierten Gesellschaft ist die reale Todesnähe der symbolischen untergeordnet298. Es ist das Spiel mit dem Risiko, nicht die vorsätzliche Herbeiführung des Todes, die den ordalischen Charakter in sich trägt. Nach le Breton offenbaren sich verschiedene Figuren des modernen Ordals299, in unserem Kontext ist insbesondere die Kategorie Vertigo von Bedeutung. Vertigo ist vergleichbar mit der Erscheinungsform Ilinx, die beim Spiel zu finden ist300. Es ist der Rausch, die Geschwindigkeitsmanie, das Schweben oder die Toxikomanie, die diese Art des Rausches ausmacht. Die „Lust am Taumel“ und der „Rausch der Sinne“301 rufen nach Le Breton eine Umwälzung des Selbst hervor. Diese Umwälzung mündet in einem tranceartigen Betäubungszustand302. Dieser Zustand scheint nun durchaus mit dem hier vorgestellten Erlebniskonzept vergleichbar. Dennoch behandelt dieser Abschnitt eine Form der Motivation sich Risiken auszusetzen; diese Motivation liegt nun in der sinnstiftenden Komponente, die aus der (symbolischen) Todesnähe hervorgeht, denn „nur im Schatten des Todes weht jener Hauch von Sinn, der kurzweilig das Leben beseelen kann.“303 Le Breton spricht von einem symbolischen Existenzgarantievertrag, der mit dem Tode geschlossen wird, aus dieser überstandenen Gefahr geht eine Form des Allmachtgefühls hervor, da Tod besiegt wurde. Die Grenzen des Selbst dehnen sich weit aus, und die dabei empfundene Freude bildet einen Akkord mit der eingegangenen Todesgefahr, auch dann, wenn die Berührung mit dem Tod in der gemilderten Form der Metapher angesprochen wird.304 Der ordalische Charakter ist den Handelnden heute in der Regel wohl keinesfalls bewusst, dennoch wird ein Urteil über das Weiterleben gefällt und eine gesteigerte 297 Le Breton: Lust am Risiko, S. 17. 298 Vgl. ebd, S. 22. 299 Vgl. ebd, S. 19-32. 300 Siehe Kapitel 3.4.1. Und: Caillois: Die Spiele und die Menschen, S. 19, 21-36. 301 Le Breton: Lust am Risiko, S. 20. 302 Vgl. ebd. 303 Le Breton: Lust am Risiko, S. 21. 304 Ebd, S. 22. 96 Lebensberechtigung erworben305 und genau hierin ist die Analogie begründet. Diese Grundfigur findet sich, so Le Breton, in jedem riskanten Verhalten, das nicht darauf aus ist, willentlich und absolut den Tod herbeizuführen306. Um dieses Konzept nun auf Bungee-Jumping anzuwenden ist nicht allzu viel nötig. Ein Sprung, der in ein Fallen mündet, bei welchem der Fallende gen Erdoberfläche rast – und das Kopf voraus, ist zweifelsfrei ein – dem Subjekt suggerierter – Todessturz; ein symbolischer Tod. Diese freiwillig eingegangene symbolische Todesnähe hat unbestreitbar genau diesen ordalischen Charakter. Der Springer übergibt sich dem Schicksal, dem Lauf der Dinge und erfreut sich bei bestandener Prüfung einer gestärkten Lebenslegitimation. Wenn Extremsportler nun von den extremen Glücksgefühlen sprechen, von denen sie nach einem solchen Ereignis durchflutet werden, so könnte dies die Euphorie sein, die durch das gefällte Urteil und die dadurch neu gewonnene und gesteigerte Lebenslegitimation hervorgerufen wurde. Interview 2.1 77B (1,5) ja man war auf einmal so ganz glücklich und 78 zufrieden irgendwie, des war so - gut du fällst 79 nicht raus [lacht] is alles sicher, {lachend} es war 80 schön 4.1.3 Die Figur des Rituals Möglich ist es, dass Bungee zum reinen Vergnügen am Erlebnis praktiziert wird; dem ist jedoch gegenüber zu stellen, dass es eine Tendenz zu geben scheint, die über ein hedonistisches Konzept hinausgeht. Erkennbar ist ein strukturelles Merkmal, das sich abzeichnet und mehr zu bedeuten scheint als der reine Spaß an der Sache selbst. Interview 2.1: 133I ä was glaubst du wos herkommt? 134B wos herkommt? (1) wahrscheinlich aus einem der 135 urvölker (1,5) 136I okee - glaubst du es hat irgendwie ne besondere 137 bedeutung? 138B also ich de also wenn ich jetzt ich weiss jetzt 139 leider nich mehr wie dieses naturvolk heisst aber da 140 gibts ja auch äm - diesen turm den sie ja bauen - wo 141 ja irgnd – da wird man dann zum mann oder wie au 305 Vgl. Le Breton: Lust am Risiko, S. 41 -50. 306 Vgl. ebd, S. 18. Vom Erlebten zum Erlebnis Das Schicksal und das Ritual 97 142 [stockt] irgendwie keine ahnung in die gesellschaft 143 aufgenomnmen oder man zeigt dadurch dass man jetzt 144 einfach zum mann wird wo ja auch die männer ja von 145 unten runterspringen - an so seilen nur dass es nich 146 unbedingt federt [starkes lachen] so des is jetzt 147 vielleicht so wie son (2) wie son einweihen eines 148 neues [stockt] ein ein neuen lebensabschnittes is 149 vielleicht soetwas 150I und glaubst du dass es äm hier bei uns auch so etwas 151 – so etwas oder soetwas ähnliches bedeuten könnte? 153B hier? - ich denke mal dass e dass es sicherlich 154 viele leute gibt - äm die des dafür nutzen (.5) also 155 zum beispiel um sich [stockt] irgnd keine [stockt] 156 einfach mal über sich selbst hinaus zu wachsen – 157 etwas zu - ä zu wagen was sie jetzt so normalerweise 158 jetzt nicht gemacht hätten [lufthol] n inneren 159 schweinehund überwinden [undeutlich] einfach 160 wirklich auf risiko gehen wobei es ja hier natürlich 161 sicher is aber trotzdem isses ja noch n risiko - man 162 kann ja nicht wissen was passieren kann - ähm (1) 163 und - ja ich denk mal schon dass es son gefühl davon 164 auf jeden fall auslöst auch wenn die intention 165 vorher vielleicht nicht da war dass es son gefühl 166 von neuanfang irgendwie mitsichbringt dass die leute 167 sich dann auch ganz anders vielleicht - ja im alltag 168 danach bewegen, oder weissichnich - keine ahnung Diese Befragte beschreibt die Wurzeln der Bungee in einem rituellen307 Kontext (Zeile 138-149), in dem die Menschen mit Sprüngen einen neuen Lebensabschnitt einweihen. Diese Schilderungen können derart gedeutet werden, dass diese „Ursprünge“ für die Interviewte wie eine latente Konnotation auf Bungee-Jumping Einfluss nehmen. Wenn die Befragte demnach an Bungee denkt oder selbst springt, könnte sich diese Form des rituellen Kontextes im „Hinterkopf“ befinden und mit in die subjektive Wahrnehmung und Deutung einfließen. Im Darauffolgenden (Zeile 153-168) wird davon gesprochen, dass es vorstellbar wäre, dass Bungee in diesem technisiertem Kontext Ähnliches bedeuten könnte. Zunächst weist nichts darauf hin, dass diese Aussage auf die Person selbst zutrifft. Jedoch wird gegen Ende der Passage (ab Zeile 163) beschrieben, dass die Befragte davon ausgeht, dass ein Gefühl von Neuanfang (Zeile 163, 166), durch einen Sprung hervorgerufen wird. Diese Aussage 307 Vgl. nachfolgendes Kapitel über Ritual. 98 gewinnt dann an Plausibilität, wenn davon ausgegangen wird, dass bei der Interviewten selbst ein solches Gefühl ausgelöst wurde. Diesbezüglich passt folgender Abschnitt in den Sinnzusammenhang: Interview 2.1: 81I oke super - ähm wie fühlst du dich jetzt nach dem 82 sprung? 83B nach dem sprung? ehrlich gesagt hätt ich erwartet – 84 dass ich weiche knie hab - (.5) aber eigentlich fühl 85 ich mich ähm – super - irgendwie jetzt kann der tag 86 irgendwie nochma [stockt] richtig gut weiter gehen 87 und – ja Diese Passage deutet in gleicher Weise auf einen Neuanfang hin, der Tag kann „nochmal“ beginnen, so lautet der erste Ansatz der Interviewten (Zeile 86), da dies jedoch nicht möglich ist, korrigiert sie sich und setzt den Tag an diesem Punkt fort. Ähnlich lässt sich der folgende Abschnitt deuten, hierbei fällt eine Art Übergang oder Grenzüberschreitung stärker ins Gewicht: Interview 3.1: 112I ähm was glaubs glaubst du es könnt irgendwas 113 bedeuten? irgendwas spezielles? 114B nö 115I wenn man des macht? 116B ho des 117I für dich - für unsre gesellschaft? 118B ja ich deng a mol frei aso so so freisein halt so 119 [stockt] w w wie willn song - soo fff joa [lufthol] 120 - äää grenzen durchbrechen soch i jetzt a mol ne – 121 weil (1,5) is ja eigndlich scho irgdnwie ämol ä 122 kindheitstraum wenns du von irgnd ä mauer 123 runderspringst oder irgendwas nä des is halt 124 [lufthol] - des megst halt einfoch (.5) ne Zu Beginn der Schilderung weiß der Befragte nicht darauf zu antworten, dies mag zum einen daran liegen, dass im ersten Moment keine passende Antwort parat liegt und zum anderen daran, dass die Frage auf einen komplexen und durchdringenden Sachverhalt abzielt und eine intuitive und schnelle Beschreibung sehr schwer fällt. Vom Erlebten zum Erlebnis Das Schicksal und das Ritual 99 Das Nachharken des Interviewers führt schließlich zu einer Antwort, die ergiebig gedeutet werden kann. Zwei angesprochene Motive sind von zentraler Bedeutung. Es lassen sich das Motiv der „Freiheit“ und das des „Frei-Seins“ erkennen (Zeile 118). Die besondere Thematisierung dieses Kernpunkts spricht dafür, dass in gewöhnlichen oder alltäglichen Fällen das Moment der Freiheit nicht eingegliedert ist. Erst durch das Erscheinen des Gefühls, fällt auf, dass es sich hierbei um etwas Besonderes handelt, etwas, das eben nicht alltäglich ist. Darüber hinaus wird ebendieses Freiheitsmoment markiert durch ein Durchbrechen von Grenzen (Zeile 120). Das Überschreiten von Grenzen deutet gleichfalls auf einen Übergang hin308, da eine Grenze zwei Bereiche voneinander trennt und ein Überschreiten oder Durchbrechen sogleich den Eintritt in einen anderen Bereich kennzeichnet. Das damit verbundene Freiheitsmoment zeichnet sich ebenfalls in folgender Passage ab: Interview 4.1: 79I oke super - äm wie fühlst du dich jetzt - nach dem 80 sprung? 81B [lufthol] total erlei - [stockt] ja erleichtert 82 entsponnt freeii [lachende gespräche im hintergrund] 83 (4,5) ja supper – supper […] 114I oke ähm [stockt] ä findest du dass bungee irgendwas 115 spezielles bedeutet? (2,5) für dich zum beispiel? 117B (3,5) für mich? also äm m [stockt] ä bevor dass ich 118 jetzte gsprungen bin - ä einfach ähm - ja irgndwei 119 is immer der gedanke ma leut sich da unte f ma leut 120 sich da unte folln - is denkt an nix (1,5) is ff ja 121 wie soll ich song is freeii is - gedankenloos (3,5) 122 ja stürtzt ma sich da unte also irgendwei ich hob – 123 na ich hob ma da eigndlich so nie gedanken drüber 124 gmocht - na wirklich net „Erleichtert“, „entspannt“ und „frei“ sind die Stichworte des ersten Abschnitts (Zeile 81-83), diese weisen allesamt auf eine Form des Übergangs hin, denn was auch immer belastend oder aufmerksamkeitsfokussierend war, scheint nun vergessen und in den Hintergrund gedrängt. Im zweiten Abschnitt (Zeile 117-124) reproduziert die Befragte bezüglich der Bedeutung von Bungee thematisch das, was sie unmittelbar davor erlebt hat. An dieser Stelle ist ebenfalls der Begriff der „Freiheit“ sowie der der „Gedankenlosigkeit“ ins Zentrum gerückt. Mehr weiß die Befragte hierzu nicht 308 Vgl. Übergangsrituale im nachfolgenden Kapitel. 100 zu sagen, da sie sich mit dieser Thematik noch nicht eingehender beschäftigt habe. Diese begrifflichen Schwerpunkte deuten allesamt auf eine Form von Übergang hin, ein Übergang in welchem dauerhaft oder temporär Freiheit erzeugt wird. Diese Freiheit kann erneut als Gegenstück zu Alltag gedeutet werden, da dieses Moment genau dann in Erscheinung tritt, wenn ersteres verdrängt wird. Im Verlauf dieser Arbeit wurde gezeigt wie und warum dieses Verdrängen von Alltäglichem vonstattengeht, dies erklärt allerdings nicht welche Bedeutung eine solche Form des Übergangs haben kann. Hierzu sollen im Folgenden Rituale und dessen Bedeutung für Bungee eingehender erläutert werden. 4.1.4 Übergang und Veränderung Aus dem letzten Abschnitt ging hervor, dass Bungee eine Art von Übergang mit sich zu bringen scheint. Hierbei findet eine Loslösung von Konzepten und Vorstellungen statt, die vor eben diesem Übergang noch von Bedeutung waren. Diese Merkmale entsprechen einer Struktur, die in Ritualen zu finden ist. Der Begriff Ritual309 lässt sich auf das lateinische ritualis zurückführen, was „den Kultgebrauch betreffend“ bedeutet, dies wiederum bezieht sich auf das lateinische Substantiv ritus, was sich mit „religiösem Brauch“, „hergebrachter Weise der Religionsausübung“, „Zeremoniell“ oder „Sitte“ beschreiben lässt. Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff auf gleichbleibende Festbräuche des profanen Lebens ausgeweitet; in diesem Zuge wurde dem Ritual eine Charakteristik zugeschrieben, die sich außerhalb religiöser Kontexte definiert. Zweifelsfrei wird innerhalb dieses Rahmens eine Definition von Ritualen benötigt, die sich abhebt, vom religiösen Ritual und sich auf ein modernes Phänomen wie Bungeejumping anwenden lässt: Der grundsätzliche Unterschied zu den früheren exklusiven Ritualbegriffen besteht bei moderneren Ritualaufassungen darin, daß sie das Augenmerk stärker auf strukturelle oder formelle Merkmale der zu bestimmenden Handlungsweisen richten.310 Um sich grundsätzlich ein Bild von Ritualen zu machen, scheint es unausweichlich sich mit der ersten, klassifizierenden Analyse von 1909, Les rites de passage311 von 309 Vgl. Etymologie in: Steuten, Ulrich: Das Ritual in der Lebenswelt des Alltags. Gießen 1998, S. 28. 310 Steuten: Das Ritual in der Lebenswelt des Alltags, S. 45. 311 Van Gennep, Arnold: Übergangsriten. Les rites de passage. Frankfurt a.M., New York, 3. Aufl. 2005. Vom Erlebten zum Erlebnis Das Schicksal und das Ritual 101 Arnold van Gennep zu befassen312 und darüber hinaus mit der weiterführenden Analyse von Victor Turner313, die 1969 veröffentlicht wurde. Ausgangspunkt der Überlegungen Van Genneps sind soziale Positionen und Etappen, die im Leben eines jeden durchlaufen werden. „Es ist das Leben selbst, das die Übergänge von einer Gruppe zur anderen und von einer sozialen Situation zur anderen notwendig macht“314. Wichtig hierbei sind, wie der Titel des Werkes schon verrät, die Übergänge; auf diesen ruht das Augenmerk des Forschers. Zwischen den Positionen oder Etappen befinden sich nun Rituale, die den Zweck in sich tragen, „das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte Situation hinüberzuführen.“315 Einer der Schwerpunkte ruht auf einer Form der Klassifikation von Ritualen; Van Gennep macht sich vier Dimensionen zu Nutze, um Rituale zu verorten: animistisch – dynamistisch, sympathetisch – kontagiös, positiv – negativ und direkt – indirekt.316 Für unsere Zwecke jedoch wesentlich bedeutsamer ist das begleitende dreigliedrige System, das die Rituale selbst in Fragmente gliedert. Drei Phasen werden benannt: die Trennungsphase, die Schwellenoder Umwandlungsphase und die Angliederungsphase.317 Victor Turner schließt mit seinen Konzepten an diesen Punkten an und komplementiert diese mit Ausführungen über Symbolik, Ort des Rituals, die benannten Phasen selbst und das essentielle Pendant zum Ritualsubjekt, die Communitas318. Mit Communitas wird ein spezifischer Zustand der Gemeinschaft bezeichnet, den diese während des Rituals einnimmt319. Gemeint ist nicht Gemeinschaft in gebräuchlichem Sinne, sondern die „Einheit“, die dem Ritualsubjekt gegenüber steht. Diese Gemeinschaft entlässt das ritualempfangende Subjekt und gliedert es zum Abschluss wieder ein. Dieses begleitende Kollektiv oder das „dynamische Gegenüber“320 ist für Victor Turner der Gegenbegriff zu Struktur, denn innerhalb dieses Zustandes sind alle Hierarchien, Machtpositionen und Beziehungen unstrukturiert und undifferenziert. Gemeinschaft in herkömmlichem Sinne will er im Gegenzug als strukturiert, differenziert und hierarchisiert verstanden wissen. 312 Vgl. Steuten: Das Ritual in der Lebenswelt des Alltags, S. 19. 313 Turner, Victor: Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur. Frankfurt a.M., New York, Neuaufl. 2005. 314 Van Gennep: Übergangsriten, S. 15. 315 Ebd. 316 Vgl. ebd, S. 19. 317 Vgl. ebd, S. 21. Vgl. ebenf.: Steuten: Das Ritual in der Lebenswelt des Alltags, S. 32. Vgl. ebenf.: Turner: Das Ritual, S. 94f. 318 Vgl. Turner: Das Ritual, S. 17, 21, 42, 55, 94. 319 Vgl. ebd, S. 96f. 320 Ebd, S. 124. 102 Rituelle Überführungen lassen sich in verschiedensten Lebenssituationen finden, so sind Geburt, soziale Pubertät, Elternschaft, Aufstieg, Initiation oder Anderes denkbar. Übergänge dieser Art zeichnen sich durch Grenzüberschreitungen aus; Van Gennep beschreibt diese Art der Grenzüberschreitung am Beispiel von Territorien bei Kulturen, die ihre Grenzen an landschaftlichen Merkmalen fixieren. Oftmals liegt hinter der eigenen Grenze eine Art neutrale Zone, die durchquert werden muss, um in das nächst gelegene Gebiet zu gelangen. Zwischen diesen Arealen nun liegt eine neutrale Zone und zwar sowohl in räumlicher als auch in sakraler Hinsicht. In dieser Übergangszone schwebt der sich Befindende zwischen den Welten, er ist weder hier noch da, er ist im Transit begriffen und in eben einem solchen Übergangszustand.321 Übergangsrituale markieren Orts-, Zustands-, Positions- oder Altersgruppenwechsel zwischen (relativ) stabilen oder wiederkehrenden und kulturell definierten Zuständen322. Zu Beginn eines solchen Rituals steht die Trennungsphase, sie initiiert den Übergang. In ihr weisen symbolisches Verhalten und die Symbole selbst auf die Loslösung eines fixierten Punktes in der Sozialstruktur. Hierauf folgt die mittlere und markanteste Phase, die Schwellenphase; sie ist durch Ambiguität gekennzeichnet, da sie wenig oder keine Merkmale des vergangenen oder künftigen Zustandes in sich trägt. In der dritten und letzten Phase, der Angliederungsphase, ist der Übergang vollzogen, das Subjekt befindet sich wieder in einem stabilen Zustand, sowohl subjektbezogen als auch innerhalb der Gesellschaft. Es unterliegt demzufolge wieder Sozialstruktur bedingten Rechten und Pflichten, die vorübergehend, während des Überganges aufgehoben waren.323 Die Schwellenphase324 ist durch den Zustand der Liminalität gekennzeichnet, das Subjekt hat sich gelöst von herrschender Rangordnung und Sozialstruktur und befindet sich auf der Schwelle. „Schwellenwesen sind weder hier noch da; sie sind weder das eine noch das andere, sondern befinden sich zwischen den vom Gesetz, der Tradition, der Konvention und dem Zeremonial fixierten Positionen.“325 Die Sozialordnung ist innerhalb der liminalen Phase symbolisch aufgehoben, es ist das Zwischenstadium der Statuslosigkeit. Häufig weisen Symbole auf diese Status- und Besitzlosigkeit hin. 321 Vgl. Gennep: Übergangsriten, S. 25 – 33. 322 Vgl. Turner: Das Ritual, S. 94ff. 323 Vgl. ebd, S. 94ff. Diese Phasen werden gleichfalls als präliminal, liminal und postliminal bezeichnet. Vgl. Steuten: Das Rital in der Lebenswelt des Alltags, S. 32. 324 Vgl. Turner: Das Ritual, S. 95f, 102ff. 325 Ebd, S. 95. Vom Erlebten zum Erlebnis Das Schicksal und das Ritual 103 In der postliminalen Phase drängt der Fokus des Rituals vom Subjekt auf die Interaktion von Communitas und Subjekt. Denn in dieser Phase wird das Ritualsubjekt wieder in die Gemeinschaft eingegliedert. Diese bewusste Eingliederung ist erforderlich, da das ritualempfangende Individuum nun eine neue Position im gesellschaftlichen System einnehmen wird. Rituale der Statuserhöhung „in denen das Ritualsubjekt oder der Novize irreversibel von einer niederen zu einer höheren Position in einem institutionalisierten System solcher Positionen befördert wird“326, erfordern eine Wiedereingliederung. Eine solche Angliederungsphase betont die neue Position in der Gemeinschaft, dies bedeutet jedoch ebenfalls, dass die Communitas schwindet, da Ränge und Status wieder Bedeutung erlangen. Mit der postliminalen Phase zeichnet sich das Ende des Rituals ab, in dem das Ritualsubjekt in seiner neu gewonnenen Position willkommen geheißen und aufgenommen wird.327 Die liminale Phase kann analog zum Erlebnis betrachtet werden. Gleich dem Erlebnis negiert sowohl die Schwellenphase, als auch die Communitas aktiv den Alltag, beziehungsweise die Struktur, die für Turner den Alltag charakterisiert. Innerhalb der liminalen Phase weist alles auf eine Loslösung des Subjekts vom Alltag hin. Die (sozial-) Struktur ist sowohl für das Ritualsubjekt als auch für die Communitas nicht mehr von Bedeutung. An dieser Stelle lässt sich das Moment der Freiheit verorten, das den Interviews zu entnehmen war. Diese Loslösung von hegemonialer Sozialstruktur geht mit einer Befreiung des (unterworfenen) Subjekts einher. Innerhalb des Erlebnisses wurde das Außeralltägliche verortet, das ebenfalls den Alltag und seine Strukturen negiert328. Während des Schwellenzustandes bewegt sich das Subjekt zwischen kulturell definierten Situationen oder „zwischen den Welten“. In sakralen Kontexten bedeutet dies, für den Moment keine Zugehörigkeit oder Identität zu besitzen, dennoch weilt das Magische und Transzendente im Hintergrund. Das Subjekt befindet sich sozusagen an den Polen und Grenzen der liminalen Phase – gleich dem Außeralltäglichen, das eine latente transzendente Konnotation in sich trägt. Demnach ist es plausibel, den liminalen Zustand als einen außeralltäglichen Zustand zu definieren, da er alle Eigenschaften der Außeralltäglichkeit aufweist. Die liminale Phase weist noch weitere Gemeinsamkeiten mit dem Erlebnis auf. Im Zentrum steht zwar das Subjekt, dennoch verlangt es der Übergang alles, was ein Individuum identifiziert, abzulegen, also das, was das Subjekt von seiner Umwelt unterscheidet. Wie sich das Subjekt selbst in der Liminalität fühlt ist bedauerlicherweise nicht pauschal zu beurteilen, da sich Rituale und die damit verbundenen Abläufe stärker voneinander nicht unterscheiden könnten. Dennoch findet sich zum einen 326 Turner: Das Ritual, S. 160. 327 Vgl. ebd, S. 94, 96. 328 Vgl. Kapitel: 2.2.1, 3.3. 104 oftmals ein magisch transzendenter Hintergrund und zum anderen eine Form der Subjektnegierung von Seiten der Communitas. Darüber hinaus – so lässt sich vermuten – befindet sich das ritualempfangende Subjekt selbst in einem transzendenten Modus. Diese Dispositionen gleichen den Eigenschaften der doppelten Transzendenz, die beim Erlebnis zu finden ist; bei dieser ist das Subjekt transzendent, da es eine Einheit mit seiner Umwelt bildet und parallel ist die Situation charismatisch transzendent, da das Außeralltägliche seine Anziehungskraft geltend macht. Eine weitere Charakteristik des Erlebnisses ist die Fokussierung. Bei dieser lässt sich ebenso wenig wie bei der Subjekttranszendenz pauschal sagen, ob sich diese in der liminalen Phase wiederfindet. Dennoch lässt sich dies vermuten, da es unwahrscheinlich scheint, dass sich das Subjekt auf etwas anderes als auf sich in Bezug auf seine Umwelt konzentriert. Das mit der Fokussierung einhergehende begrenzte Stimulusfeld, das auf die eigene Identität329 gerichtet ist, führt zu einem Verlust des Vermögens die „soziale Zeit“ einschätzen zu können. Diese veränderte Zeitwahrnehmung ist ebenfalls Teil des Zustandes der Fokussierung, die in Erlebnissen zu finden ist. Rituale könnten demzufolge Erlebnisse, wie sie hier verstanden werden sollen, in sich tragen, müssen es jedoch nicht. Bedeutsam am Ritual ist hingegen die liminale Phase, die das Außeralltägliche in sich birgt und das Individuum den Alltag vergessen lässt. Auf der Schwelle und während des Übergangs schwebt das Subjekt zwischen Sinnwelten, es überschreitet eine Grenze und gelangt in eine neue soziale Situation. Diese Situation wird durch die postliminale Phase markiert, in welcher das Ritualsubjekt in den neuen relativ stabilen Zustand innerhalb der Gemeinschaft begrüßt und eingegliedert wird. Dieses Merkmal findet beim Bungee-Springen ebenfalls seine Entsprechung. Nach dem Sprung, wird das Subjekt fürsorglich vom geschulten und erfahrenen Team in Empfang genommen; dies kann in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: in wörtlichem Sinne und im Sinne einer Communitas, die das Ritualsubjekt wieder in die Struktur der Gesellschaft eingliedert, ihm die Hände schüttelt und ihm die Schulter geklopft wird. 329 Identität soll die Einheit mit der Umwelt und die Einheit mit der Tätigkeit oder dem Geschehen heißen. Siehe Kapitel: 2.2.2, 3.4.

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Zusammenfassung

Ob in der Gastronomie, in Schwimmbädern oder in der Pädagogik – überall prangt das Versprechen um das „ganz besondere Erlebnis“. Tatsächlich sind Erlebnisse in unserer Gesellschaft essentiell. So lässt sich zeigen, dass erst das wahre und außeralltägliche Erlebnis Entgrenzung, Freiheit und persönliche Zufriedenheit möglich macht. Doch was genau ist ein „Erlebnis“ und worin unterscheidet es sich von einer ganz alltäglichen Erfahrung?

Wissenschaftlich fundiert arbeitet Anselm Geserer jene Konstituenten heraus, die das Erlebte auch tatsächlich zum Erlebnis werden lassen. Zur näheren Bestimmung dient ihm dabei der Bungee-Sprung als prototypische Verkörperung dessen, was wir als Erlebnisphänomen betrachten. In Kombination aus der Empirie qualitativer Erlebnismuster und einschlägiger soziologischer sowie psychoanalytischer Theorien zeigt der Autor, wie Bungee den Körper instrumentalisiert, unterwirft und mit seinem erbarmungslosen Charakter zum Erlebnishöhepunkt führt.

Für seine Arbeit erhielt der Autor den Alumni-Preis der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.