Julian Poppe

Die Ethnogenese des englischen Volkes

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-8288-4639-5, ISBN online: 978-3-8288-7712-2, https://doi.org/10.5771/9783828877122

Tectum, Baden-Baden
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Julian Poppe Die Ethnogenese des englischen Volkes Julian Poppe Die Ethnogenese des englischen Volkes Mit einem Vorwort von Prof. em. Dr. Dr. h.c. Jens E. Olesen Tectum Verlag Julian Poppe Die Ethnogenese des englischen Volkes © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2021 ePDF 978-3-8288-7712-2 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4639-5 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 1063851852 von APeriamPhotography | www.istockphoto.com/ Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Vorwort Das Interesse für die Entstehungsgeschichte der Völker stellt seit langem ein zentrales klassisches Thema in der Forschung dar. Besonders in der Frühen Neuzeit in der Renaissance war das Erkenntnisinteresse von der Suche nach Vorfahren und Gründervätern der Völker gekennzeichnet. Durch sorgfältiges Quellenstudium, Sprachgeschichte und -vergleiche sowie Namen und Ortsnamen, die ersten Ansätze zur archäologischen Forschung und mit Hilfe anderer Methoden, versuchten die damaligen frühneuzeitlichen Gelehrten die Abstammungen und Völkergenealogien festzulegen. Denn die Suche nach den Vorfahren und Anfängen war von großer politischer Bedeutung und Prägnanz, denn prestigeträchtige Vorfahren und Abstammungsmythen stifteten Identität, sicherten Loyalität und förderten Zusammenarbeit. Nach dem genealogischen Denken bestimmten die Tugenden und Charakterzüge der Vorfahren die Eigenschaften ihrer Abkömmlinge. Laut Jean Bodin (1560) war die Suche nach den Ursprüngen der Völker von immanenter Bedeutung und die wichtigste Frage der Geschichtsschreiber, die es zu beantworten galt. Die frühen Humanisten in Italien entdeckten somit die Etrusker, und im Heiligen Römischen Reich zogen die Gelehrten nach 1500 nach und beanspruchten die Germanen als ihre Vorfahren. Andere Standesgenossen suchten die Vorfahren ihres Landes in Griechenland oder im Alten Testament. Die vorliegende Publikation analysiert ausgehend vom heutigen Gesichtspunkt und Stand der Forschung die Herausbildung eines Volkes am Beispiel des englischen Volkes von der vorindoeuropäischen Prägung bis hin zu seiner Entwicklung unter der Herrschaft der Normannen im Hochmittelalter. Dieser Prozess, namens Ethnogenese, profitiert von der Bestimmung von Gruppen mit Hilfe der Genetik mit ihren DNA-Untersuchungen sowie von einer Fülle von modernen Forschungsuntersuchungen. Darüber hinaus werden Ergebnisse mehrerer Forschungsdisziplinen als Novum miteinander in Verbindung gebracht, V um die unterschiedlichen Besiedlungswellen auf Ethnogenese des englischen Volkes zu bestimmen. Es ist dem Verfasser Julian Poppe gelungen, die prägnantesten und wichtigsten Auswirkungen der Besiedlungswellen in England überschaubar darzustellen und auf den Punkt zu bringen. Nach einem Überblick über den Stand der Ethnogenese-Forschung wird die Urbevölkerung der britischen Inseln unter die Lupe genommen, gefolgt von den Kelten, Römern, Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen. Dabei wurden die Skandinavier und die Normannen nicht vergessen. Das Buch verdeutlicht, dass jede historische Besiedlungswelle maßgeblich die Ethnogenese des englischen Volkes geprägt hat, und dass es im Verlauf der unterschiedlichen Besiedlungswellen zu mehreren ethnogenetischen Prozessen kam, in denen Völker sich angeglichen haben, um später in einer Ethnogenese ineinander aufzugehen. Für Interessenten im Bereich der Ethnogenese der Völker bietet die vorliegende Publikation einen prägnanten und gut verfassten Überblick über die Entstehung und Entwicklung des englischen Volkes. Das Thema ist nach dem EU-Austritt Großbritanniens am 31. Januar 2020 nicht weniger aktuell geworden. Prof. em. Dr. Dr. h.c. Jens E. Olesen Greifswald, Januar 2021 Vorwort VI Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1 1 Hauptteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2 7 Ethnogeneseforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1 7 Aktueller Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1.1 7 Etymologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1.2 13 Ethnogenese Definition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1.3 15 Die Ethnogenese des englischen Volkes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2 20 Urbevölkerung der britischen Inseln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.1 20 Kelten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.2 24 Römer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.3 37 Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.4 47 Skandinavier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.5 58 Normannen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.6 68 Gesamtbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.7 73 Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3 79 Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 83 Kurzvita . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 VII Einleitung Zufällig fiel die abschließende Themenwahl dieser Arbeit ausgerechnet mit dem Tag des Brexits, also des EU-Austritts des Vereinigten Königreichs am 31. Januar 2020, zusammen. Das Austreten aus der EU wirft ein besonderes Licht auf jenes Vereinigte Königreich, welches trotz seiner vielfältigen Mitgliedsstaaten (England, Schottland, Wales und Nordirland) oft im Volksmund einfach nur als England, oder Großbritannien bezeichnet wird, wenn das gesamte Vereinigte Königreich gemeint ist. Es werden hier also viele kleinere Bestandteile, von denen ich eben auch nicht alle konkret benannt habe, zu einer Einheit zusammengefasst. Das Vereinigte Königreich war bis vor Kurzem noch Teil eines größeren Gebildes vieler kleiner Nationen: Es war Mitglied der Europäischen Union. Doch es ist nicht das erste Mal, dass sich auf dem Gebiet des heutigen Vereinigten Königreichs große Veränderungen vollzogen haben, sich von einem größeren Gebilde abgespalten und zu etwas Neuem zusammengefunden wurde. Entwicklungen dieser Art können zudem durch Bevölkerungsbewegungen hervorgerufen werden. Schon früher gab es viele Migrationsströme, welche das heutige Vereinigte Königreich gestaltet und verändert haben. Ein Teil des Vereinigten Königreichs lässt sich mit dem Überbegriff England beschreiben. In diesem Bereich leben hauptsächlich jene, die sich selbst als English People bzw. englisches Volk definieren. Dass Engländer auch von außen als eigenes Volk angesehen werden, ist nicht selbstverständlich, denn es gibt auch Bevölkerungen, die sich zwar selbst als Volk empfinden, aber nicht allgemein als solches akzeptiert werden. Dafür dient das aktuelle Beispiel der Katalanen. Dieses Beispiel ist exemplarisch für die wissenschaftliche Diskussion des Phänomens von Identitäten und ihres Wandels. Auch die momentan schnell voranschreitenden Fortschritte im Bereich der genetischen Forschung befassen sich mit Völkern und ihrer Herkunft. Ihre Erkenntnisse zeigen, dass sich die Völker früherer Zei- 1 1 ten vermischten und aus ihnen neue Völker hervorgingen. Heutige Populationen stellen Mischungen verschiedener Anteile uralter Populationen dar. Jeder Mensch hat eine Vielzahl von Vorfahren vorzuweisen, von denen er allerdings nicht von allen Erbgut in sich trägt. Denn weil jeder biologisch nur ungefähr die Hälfte der Gene von Vater und Mutter erhalten kann und von Generation zu Generation eine Hälfte verloren geht, bilden genealogische Abstammungen über Generationen nicht spiegelbildlich das genetische Erbgut ab. So trägt zum Beispiel Königin Elisabeth nicht unbedingt noch DNA von ihrem vermeintlichen Vorfahren Wilhelm dem Eroberer. Manchmal können sich durch genetische Isolation oder natürliche Auslese bestimmte Eigenschaften in Populationen herausbilden, die in diesen dann vermehrt auftreten. So lassen sich in den heutigen Briten statistisch Merkmale wie unter Anderem im internationalen Vergleich eine höhere Körpergröße, ein verzögertes Wachstum und größere Köpfe von Säuglingen nachweisen. Einst vorhandene Merkmale können mit der Zeit verloren gehen. Ähnlich ist das auch bei der Entstehung von Völkern: Nicht alle Völker, Stämme und sonstige Gruppierungen haben sich auf diese genetisch oder kulturell in gleichem Maße ausgewirkt und an deren Ethnogenese Anteil gehabt.1 Die vorliegende Examensarbeit mit dem Titel „Die Ethnogenese des englischen Volkes“ behandelt den Prozess der Herausbildung eines Volkes am Beispiel des englischen Volkes in der bestimmten Periode von seiner vorindoeuropäischen Prägung bis hin zu seiner Entwicklung unter der Normannenherrschaft. Das für die Untersuchung maßgebliche englische Volk ist aus einem Prozess namens Ethnogenese, zu Deutsch „Volkwerdung“ hervorgegangen. Wir wissen, dass es heutzutage ein englisches Volk gibt, doch wie es genau entstanden ist und welche historischen Völker einen wie großen Anteil an seiner Entstehung gehabt haben können, wird in der Forschung durch neue Erkenntnisse ständig neu zu bewerten sein. Die Forschungsfrage dieser Arbeit ist daher: Wie wirkten sich die verschiedenen Besiedlungswellen der britischen Inseln von der Altsteinzeit bis ins zwölfte Jahrhundert auf die Ethnogenese des englischen Volkes aus? 1 vgl.: Reich, David: Who We Are and How We Got Here. Ancient DNA and the New Science of the Human Past, New York 2018, S. xxiii-22. 1 Einleitung 2 Dabei sollen dann auch folgende Unterfragen zur näheren Untersuchung der Forschungsfrage herangezogen werden: Woher stammen die einzelnen Besiedlungswellen? Auf welche Weise verlief die Besiedlung der britischen Inseln? Wie lassen sich die einzelnen Besiedlungswellen ethnogenetisch bewerten? Auf welche Bereiche wirkte sich der Einfluss der Besiedlungswellen aus? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen? Wie verhalten sich die einzelnen Besiedlungswellen in Bezug auf Brüche und Kontinuitäten? Dazu wird dann auf viele verschiedene Aspekte wie Bevölkerungszusammensetzung oder Auswirkungen auf Sprache, Religion und Kultur eingegangen werden. Nachdem der Hauptteil dieser Arbeit abgearbeitet worden ist, sollen in einer Gesamtbetrachtung nochmal kurz die im Hauptteil dieser Forschungsarbeit bearbeiteten Fragestellungen in Bezug zur Forschungsfrage zusammengefasst und folgende Unterfragen in Bezug auf die Forschungsfrage bewertet werden: Was sind die Ursprünge des englischen Volkes? Welche der Besiedlungswellen hat dabei die größte Auswirkung auf die Volkwerdung des englischen Volkes gehabt? Angesichts des aktuellen politischen Umfeldes und um für einheitliche Verwendung des Ethnogenesebegriffs in dieser Arbeit zu sorgen, ergibt es Sinn, als Erstes den wissenschaftlichen Fachbegriff „Ethnogenese“ zu klären. Dafür ist es zielführend, sich mit dem aktuellen Stand der Ethnogeneseforschung auseinanderzusetzen und deren Fachbegriffe zu klären sowie selbst welche aufzubringen, um sich danach einer eigenen Definition zuzuwenden. Hierbei bedarf es zunächst sowohl einer ausführlichen Klärung der einzelnen Bestandteile des Titelthemas als auch einer kritischen Auseinandersetzung mit der Ethnogenese an sich. Ist der früher übliche Ethnogenesebegriff noch dazu geeignet, solcherlei Vorgänge zu beschreiben? Danach werden dann die Bevölkerungsentwicklungen Englands von seiner Urbevölkerung, dem Eindringen der Kelten, über die Besetzung durch die Römer, den Einfall der Angeln, Sachsen, Friesen und Jüten sowie die spätere skandinavische Besiedlung und Eroberung bis hin zum Einfall der Normannen untersucht. Nach jeder Besiedlungswelle soll eine Bewertung hinsichtlich der durch die Besiedlungswelle erfolgten Auswirkung auf den Ethnogeneseprozess bezüglich verschiedenster Aspekte erfolgen. Überprüft werden sollen dabei wenn möglich 1 Einleitung 3 sowohl kulturgeschichtliche, historische, archäologische, sprachgeschichtliche, literarische wie auch naturwissenschaftliche und darunter speziell genetische Forschungserkenntnisse. Letztere sollen aufgrund ihrer Aktualität und Nachweisbarkeit sowie ihrer bisherigen Vernachlässigung in der deutschsprachigen Forschung im besonderen Maße in dieser Arbeit für die Untersuchung herangezogen werden. Des Weiteren werden neben Forschungsliteratur auch historische Schriftquellen für die Untersuchung konsultiert. Allerdings soll der Fokus nur an ausgewählten Stellen auf der selbstständigen Analyse historischer Schriftquellen basieren, da deren Historizität im Sinne von legitimer Geschichtsdarstellung in Abgrenzung zur Fiktion nicht immer zu gewährleisten ist und sich in Bezug auf die Forschungsfrage nicht in jedem Fall gewinnbringend einbinden lassen können. Auch wenn das ihren Wert für die bisherige Forschung natürlich nicht unterbewerten soll, ist diese Vorgehensweise wissenschaftlicher Forschung sinnvoll, um neue Erkenntnisse und daraus aufkommende Fragestellungen hervorzubringen und nicht einfach alte Vorgehensweisen zu wiederholen.2 Die Resultate verschiedener Disziplinen sollen miteinander in Verbindung gebracht werden, um so ihre einzelnen Einflüsse herauszustellen. Natürlich würde ein systematisches Eingehen auf alle Facetten dieser einzelnen Volkbildungen den Rahmen dieser Arbeit sprengen, daher soll der Fokus auf die prägnantesten und für die Bearbeitung der Fragestellung nach den Auswirkungen der verschiedenen Besiedlungswellen auf Ethnogenese des englischen Volkes sinnvollsten Beispiele gelegt werden. Als betrachtetes Gebiet dient vor allem England. Da allerdings komplett Großbritannien und Irland sowie die verschiedenen Herkunftsgebiete von Völkern auf dem Festland eine Rolle spielen, wird auf diese ebenfalls zurückgegriffen. Am Ende der chronologischen Durcharbeitung der einzelnen Besiedlungswellen soll dann auf den einzelnen Entwicklungsschritten basierend die gesamte Ethnogenese des englischen Volkes untersucht werden. Der zeitliche Rahmen für diese Betrachtung beginnt mit der Ur- und Frühgeschichte Europas, da auch die erste Be- 2 vgl.: Faust, Avraham: Israel´s Ethnogenesis. Settlement, Interaction, Expansion and Resistance, London/New York 2014, S. xiii-8. 1 Einleitung 4 siedlung der britischen Inseln sich auf die englische Ethnogenese ausgewirkt haben könnte. Nach hinten erfolgt eine Abgrenzung dadurch, dass die normannische die letzte Besiedlungswelle ist, die untersucht werden soll und dass somit aktuelle Bevölkerungsveränderungen nicht berücksichtigt werden können. 1 Einleitung 5 Hauptteil Ethnogeneseforschung Aktueller Forschungsstand Es ist ein großer Glücksfall für diese Arbeit, dass Christian Uebach im Jahre 2003 mit seiner vergleichenden Analyse zur Landnahme der Angelsachsen, Wikinger und Normannen in England3 bereits einen sehr ähnlichen Bereich erforscht und somit eine für die jetzige Untersuchung großartige Vorarbeit geleistet hat. Seit seiner Arbeit sind allerdings wieder knapp 20 Jahre vergangen. Besonders in der genetischen Forschung sind neue Erkenntnisse hinzugekommen. Diese sind unter Anderem in den Werken von Oppenheimer4, Sykes5 und Manco6 für Teile des von mir betrachteten Bereichs bearbeitet worden. Sykes hatte herausgefunden, dass die gemischt germanischskandinavische Abstammung auf der Mutterlinie der Engländer im Osten zehn und im Norden fünf Prozent ausmacht, während er die männliche Abstammungslinie der Gruppe je nach Region von zehn bis zwanzig Prozent beziffert und den Normannen lediglich unter zwei Prozent der verbliebenen Y-Chromosomen in Südengland zurechnet. Interessanterweise hat er ein paar vereinzelte DNA-Sequenzen auf der Mutterlinie ausmachen können, denen er einen römischen Ursprung beimisst. Insgesamt bewertet er die Engländer als überwiegend keltischstämmig und kommt zu dem Schluss, dass sich die verschiedenen 2 2.1 2.1.1 3 Uebach, Christian: Die Landnahme der Angelsachsen, der Wikinger und der Normannen in England. Eine vergleichende Analyse, Marburg 2003. 4 Oppenheimer, Stephen: The Origins of the British. The New Prehistory of Britain. A Genetic Detective Story, London 22007. 5 Sykes, Brian: Blood of the Isles. Exploring the genetic roots of our tribal History, London 22007. 6 Manco, Jean: The Origins of the Anglo-Saxons. Decoding the Ancestry of the English, London 2018. 7 Siedlungswellen auf die Genetik nur marginal ausgewirkt haben und dass das keltische Substrat nur geringfügig verändert worden ist.7 Oppenheimer kam zu ähnlichen Ergebnissen. Er führte aus, dass sich zwar jede der Siedlungswellen auf die Genetik ausgewirkt hat, davon allerdings keine mehr als zehn Prozent der heutigen DNA ausmacht.8 Mancos Resümee war, dass die DNA der heutigen englischen Bevölkerung nicht einfach nur als angelsächsisch und keltisch zusammengefasst werden darf, sondern dem Einfluss der als Normannen zusammengefassten Besiedlung sowie hier nicht betrachteter darauffolgender Migrationen ebenfalls eine große Rolle spielen, was sie weiterhin sprachlich damit belegt, dass 70% des heutigen Englisch nicht germanischen Ursprungs ist.9 Ich möchte deren Erkenntnisse überprüfen, durch das Anführen weiterer Studien ergänzen und sie gegebenenfalls neu bewerten. Dabei kann auch die Rolle der genetischen Forschung für die Ethnogeneseforschung geprüft werden. Mit dieser Arbeit soll zwar zum Teil auch der gleiche historische Prozess wie in Uebachs Werk behandelt werden, jedoch unter einer anderen Fragestellung. Ferner wird zeitlich bis zum Ursprung der Besiedlung zurückgegangen, um einen größeren Abriss der Ethnogenese der heutigen Engländer abzubilden. An Uebachs Resultaten kann deshalb sehr gut angeknüpft werden, um zu erschließen, inwieweit sich die einzelnen Besiedlungswellen auf die Ethnogenese des englischen Volkes ausgewirkt haben. Ein gelungenes Beispiel von interdisziplinärer Herkunftsforschung unter besonderer Einbeziehung genetischer Aspekte ist Ferdinand Hennerbichlers Untersuchung über die Herkunft der Kurden10. Dieser schaffte es, Populationsgenetik mit Archäologie, Linguistik und Geschichtswissenschaft in Verbindung zu bringen und dadurch aufzuzeigen, dass bei der Ethnogenese der Kurden diese zum größten Teil lediglich sprachlich iranisiert worden sind. Ihre multiethnischen Vorfahren gehören ihren Kern betreffend hauptsächlich Nachkommen von 7 vgl.: Sykes 2007, S. 327–339. 8 vgl.: Oppenheimer 2007, S. 470. 9 vgl.: Manco 2018, S. 204–207. 10 Hennerbichler, Ferdinand: Die Herkunft der Kurden. Interdisziplinäre Studie, Frankfurt am Main 2010. 2 Hauptteil 8 neolithischen Ackerbaukulturen an, welche seit nunmehr 12.000 Jahren im Gebiet des nördlichen Fruchtbaren Halbmondes heimisch gewesen sind. Wenn er sie auch als eigenständiges Volk klassifiziert, so ist der Kurden engste Verwandtschaft nicht etwa wie durch ihre Sprache zu vermuten bei den Iranern, sondern bei Juden, Jesiden und Armeniern zu suchen, mit denen sie einen Großteil ihrer Vorfahren teilen. So konnte die Einbeziehung genetischer Forschungen dazu genutzt werden, Annahmen anderer Wissenschaftsbereiche zu überprüfen, zu ergänzen und neu zu bewerten.11 Die Verwendung des Begriffs „Ethnogenese“ könnte in der heutigen Zeit eventuell als gewagt erscheinen. War er 1959 mit Werken wie Neys „Ethnogenese des estnischen Volkes“12 oder auch 1968 in der DDR mit Gramschs „Forschungen zur Ethnogenese zu Germanen, Slawen und Deutschen“13 noch allgegenwärtig, geriet er danach jedoch mehr und mehr in den Hintergrund, da Kritiker an ihm bemängeln, dass er die Entstehung von Ethnien als einen von der Natur gegebenen, historischprozesshaften Vorgang beschreibt. Während in den 1960ern damit noch der Fortschritt gegenüber älterer Forschung bestand, dass die Völker aus der Spätantike oder dem frühen Mittelalter nicht eine Kontinuität zu den Altvölkern wie beispielsweise den Indoeuropäern darstellen, sondern auch aus anderen Gruppen neu entstehen können und sich somit ständig im Wandel befinden.14 Dennoch erschienen weiterhin Werke, die sich des Begriffs „Ethnogenese“ bemächtigten. So „die Ethnogenese in Südosteuropa“15 1974, „Frühmittelalterliche Ethnogenese im Alpenraum“16 1985 und „Die ersten Germanen: Ethnizität und Ethnogenese“17 1998. 11 vgl.: Hennerbichler 2010, S. 245–246. 12 Ney, Gottlieb: Zur Ethnogenese des estnischen Volkes. Hauptsächlich im Lichte der neueren estnischen Forschung, Bonn 1959. 13 Gramsch, Bernhard: Germanen. Slawen. Deutsche. Forschungen zu ihrer Ethnogenese, Berlin 1968. 14 vgl.: Steinacher, Roland: Ethnogenese/ethnische Identität, publiziert am 26.11.2018, in: Historisches Lexikon Bayerns. URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns. de/Lexikon/Ethnogenese/ethnische_Identität. (gesichtet am 21.04.2020). 15 Grothusen, Klaus-Detlev: Ethnogenese und Staatsbildung in Südosteuropa, Göttingen 1974. 16 Beumann, Helmut; Schröder, Werner (Hrsgg.): Frühmittelalterliche Ethnogenese im Alpenraum, Sigmaringen 1985. 17 Lund, Allan: Die ersten Germanen. Ethnizität und Ethnogenese, Heidelberg 1998. 2.1 Ethnogeneseforschung 9 Die 1990 veröffentlichten „Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksichtigung der Bayern18“, an denen Herwig Wolfram maßgeblich beteiligt war, bekräftigten die Verwendung des Begriffes abermals, indem sie ihn in ihrem Titel beinhalteten. Wolfram war dafür bekannt, dass er den Begriff „Ethnogenese“ durch seine „Geschichte der Goten“19 in der deutschen Frühmittelalterforschung publik machte. Damit grenzte er seinen Begriff von Zöllners ambivalentem Begriff der Volkbildung sowie von Wenskus‘ Begriff der Stammesbildung ab. Der wissenschaftliche Diskurs in der Sowjetunion wollte die essentialistische und somit von ihrem Ursprung ausgehende Kategorie „Ethnos“ einführen, ein Begriff, der später noch weiter erläutert wird. Begriffe wie Ethnogenese sollten in der Frühmittelalterforschung dabei helfen, durch die Herrschaft der Nationalsozialisten in Verrufenheit geratene Begriffe wie Stamm, Volk und völkisch im wissenschaftlichen Gebrauch so wenig wie möglich zu gebrauchen. Man wollte sich eines Forschungsgebietes annehmen, welches in der Gesellschaft nach den Erfahrungen in der Vergangenheit höchst kritisch be- äugt werden würde. Dies tat Wolfram dann auch. Für ihn war eine Ethnogenese ein offener Prozess, welcher sich nicht kontinuierlich, sondern durchaus auch mit Brüchen und Neuansätzen vollzieht. In der Zeit der Völkerwanderung gab es zumal auch gar keine vollständig in sich abgeschlossenen Einheiten, weder im Politik- noch im Territorialbereich. Auch Nationen in unserem heutigen Sinne gab es dort noch nicht.20 Bei Wolfram standen Hermeneutik und quellennahe Arbeit im Fokus der Ethnogenese. Dennoch sah er seine Vorgehensweise nicht als ein Prototyp oder gar als allgemeingültiges Modell von Ethnogenese an. Sein Ethnogenesebegriff wurde besonders im angelsächsischen Bereich dankbar aufgenommen und weiterverwendet. Er hatte es zusammen mit Wenskus geschafft, eine durch den Nationalsozialismus belastete 18 Wolfram, Herwig; Pohl, Walter (Hrsgg.): Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksichtigung der Bayern I, Wien 1990. 19 Wolfram, Herwig: Geschichte der Goten. Entwurf einer historischen Ethnographie, München 1979. 20 vgl.: Pohl, Walter: Von der Ethnogenese zur Identitätsforschung, in: Pohl, Walter; Diesenberger, Maximilian; Zeller, Bernhard (Hrsgg.): Neue Wege der Frühmittelalterforschung: Bilanz und Perspektiven, Wien 2018, S. 16–18. 2 Hauptteil 10 Forschung wieder zu entideologisieren, wenn auch manche ihm vorwarfen, dass er dennoch einen Teil ihrer Ergebnisse als Vorlage nahm. Marxistische Intelektuelle sahen die ganze Thematik an sich gar als ideologisch belastet an und wollten von ihr komplett Abstand nehmen. Goffart kritisierte Wenskus und Wolfram scharf, dass sie essentialistisch und hinsichtlich einer antirömischen Tradition forschten und ihre Forschungen zur Ethnogenese lediglich für die Germanen anwendbar wären und somit Germanentum verkörpern würden.21 Der Begriff Volkwerdung, sprich Ethnogenese bis hin zur Ethnizität ist heute kontroverser als je zuvor. Mittlerweile muss man sich erklären und rechtfertigen, wenn man solcherlei Begriffe verwendet. Das musste Wolfram bei seiner Beschäftigung mit den Goten als ethnische Gruppe nicht und er musste deren Verwendung schon gar nicht begründen. In der heutigen westlichen Welt herrscht noch ein Unwohlsein, sich mit ethnischnationalen Bindungen sowie Identitätspolitik zu befassen. Viele Grundbegriffe dieses Forschungsbereichs wie Ethnizität, Identität, Nation, Stamm und Volk sind in der Forschung durch ihre politische Geschichte sowie die Ausnutzung durch Ideologien negativ konnotiert und werden somit gemieden. Dennoch ist es nicht empfehlenswert, wie Wenskus meint, Völker isoliert von ihrer Geschichte zu betrachten bzw. ihre Geschichte künstlich auszublenden. Denn diese haben solche Völker sehr wohl, selbst wenn sie aus verschiedenen Völkern entstanden sind und viele Herkunftssagen ganz sicher nicht buchstäblich der Wahrheit entsprechen. Nur weil die Beschäftigung mit einem Forschungsbereich als problematisch verrufen ist, muss man sich dennoch mit diesem zugrunde liegenden Sachverhalt wissenschaftlich auseinandersetzen und kann ihn nicht einfach ignorieren.22 So nahm sich Walter Pohl als Schüler seines Lehrers Wolfram der Thematik an und baute die Konzepte von jenem sowie von Wenskus aus, indem er sie sozialwissenschaftlich und dekonstruktivistisch überprüfte. Ethnizitität macht für ihn lediglich noch „einen möglichen konstitutiven Faktor in sozialen und politischen Prozessen“23 aus. Ethnische Identitäten sind nach Pohl nunmehr als eine nicht zwingend bewusst 21 vgl.: Pohl 2018, S. 20–25. 22 vgl.: Pohl 2018, S. 30–31. 23 Steinacher 2018. (gesichtet am 30.04.2020). 2.1 Ethnogeneseforschung 11 verwendete Strategie anzusehen. Somit wollte er einer Überlastung der herkömmlichen Kategorien entgegenwirken.24 Für Pohl ist ethnische Identität demnach das Resultat einer zuvor stattgefundenen Identifikation, der von ihm sogenannten „Identitätsbildung“25. Letztere entsteht durch Selbstzuordnung von kleinen Gruppen zu einer großen ethnischen Einheit, mit der die Mehrzahl der Gruppe einverstanden sein muss. Des Weiteren muss diese Gruppe auch von außen als solche wahrgenommen werden (Außenwahrnehmung), indem sie durch gemeinsames Handeln sowie gemeinsame Rituale (kollektive Repräsentation) als solche erkennbar wird. Haben sich solche Identitäten dann erst einmal festgesetzt, so werden sie gerne als selbstverständlich hingenommen. Demzufolge hinterlassen sie in Quellen dann nicht mehr so viele Spuren, als wenn es sich um gerade neu gefundene und sich erst frisch etablierende Völker, bzw. Identitäten handelt. Zudem sollen immer weitere Identitäten wie zum Beispiel sprachlicher, kultureller oder religiöser Natur im Zusammenhang mit der ethnischen Identität betrachtet werden. Trotz dieser Neuerungen verteidigt Pohl als Schüler von Wolfram seinen Lehrer und sieht dessen Ethnogeneseforschung weiterhin als produktiv an. Die Punkte der Kritiker jener Forschung als Anhänger der „Ethnogenesis theory“26 verwirft er als überholt. Denn es sei Ethnogeneseforschung an sich auch nicht auf eine einfache und allgemeinanwendbare Schablone zu reduzieren. Aus diesem Grund sei sie auch heute noch so ertragreich im Sinne neuer Zugänge und zeigt auf, wie lebendig und erkenntnisreich die heutige Forschung in dem Bereich für die Geisteswissenschaften als solches sein kann.27 So erweiterte sein Identitätsbildungskonzept die ethnogenetische Forschung und wird daher für die Bearbeitung der Forschungsfrage angewandt werden. 24 vgl.: Steinacher 2018. (gesichtet am 30.04.2020). 25 Pohl 2018, S. 31. 26 Murray, Alexander: Reinhard Wenskus on ‘Ethnogenesis’. Ethnicity, and the Origin of the Franks, in: Gillett, Andrew: On Barbarian Identity. Critical Approaches to Ethnicity in the Early Middle Ages, Turnhout 2002, S. 39–68. 27 vgl.: Pohl 2018, S. 31–34. 2 Hauptteil 12 Etymologie Um sich an dieser aktuellen Forschung beteiligen zu können, ist es zunächst wichtig, sich mit der Etymologie der im Titelthema verwendeten Begriffe auseinanderzusetzen und die Fragen zu stellen, was ist éthnos, was ist génesis? Was ist eigentlich englisch und was ein Volk? Alle diese Begriffe ließen sich auch gut in Anführungszeichen setzen, weil sie eben nicht definitiv greifbar sind, wie man das auf den ersten Blick vermuten könnte. Erstere zwei Begriffe stammen aus dem Altgriechischen. Bei éthnos (ἔθνος) handelt es sich um einen mehrdeutigen Begriff. Er kann so viel bedeuten wie soziale Klasse, Menge, Haufen, Kriegsschar, Geschlecht (abstammungstechnisch gesehen), Schar, Menschenklasse, Heiden, Volk, Nation, Völkerschaft oder Volksstamm.28 Es handelt sich also um einen vieldeutigen Begriff. In dieser Arbeit wird ἔθνος durchgängig mit Volk gleichgesetzt werden. Der Begriff „Nation“ ist für die zu behandelnde Zeit noch nicht passend, da er zu modern ist und neben der Zustandsbeschreibung eines Volkes eher auch eine gesellschaftliche Ansammlung von Individuen beschreibt oder gar alle Angehörige eines Staates zusammenfasst.29 Doch auch „Volk“ ist ein vieldeutiger Begriff und muss zwingend definiert werden. Volk agiert in dieser Arbeit im Sinne von Ethnizität, die Gruppen beschreibt, die sich nach Weber30 aus einem Glauben an gemeinsame Abstammung, Kultur und Geschichte als zusammenhängend betrachten. Auch eine gemeinsame Kultur wie Bräuche, Kleidung, Religion oder Sprache können für ein Volk als Ethnizität konstituierend wirken. Allerdings meint ein Volk hier keine gänzlich in sich abgeschlossenen, endogamen Gruppierungen mit homogener Kultur und 2.1.2 28 vgl.: Gottwein, Egon; Gottwein, Gisela: ἔθνος, in: Online-Altgriechisch-Wörterbuch basierend auf: Pape, Wilhelm: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Griechisch-deutsches Handwörterbuch, Braunschweig 31914. URL: https://www. gottwein.de/GrWk/Gr00.php. (gesichtet am 03.05.2020). 29 vgl.: Nitschke, Peter: Nation, in: Schwarz, Martin; Breier, Karl-Heinz; Nitschke, Peter (Hrsgg.): Grundbegriffe der Politik, Baden-Baden 22017, S. 133–137. 30 Begriffsdefinition nach Max Weber basierend auf einem Manuskript, beschrieben in: Banton, Michael: Max Weber on ‘ethnic communities’. A critique, in: Nations and Nationalism Bd. 13, 1 (2007), S. 19–35. 2.1 Ethnogeneseforschung 13 der Begriff ist somit nicht als essentialistisch zu verstehen, sondern inkludiert auch subjektive Gemeinschaftsauffassungen der sich als Volk begreifenden Akteure. Ferner ist der Volksbegriff hier nicht als allein durch die Geburt als identitätsbildend und somit nicht als streng primordialistisch zu begreifen, da zu unterschiedlichen Zeiten oder häufig mehrere ethnische Identitäten nebeneinander auftreten, die gegebenenfalls miteinander verwoben sind. Dennoch soll die Geburt als identitätsstiftende Konstante nicht komplett verworfen werden, da diese durch Fremdzuschreibungen, Stigmatisierungen sowie durch ihre hohen emotionalen und politischen Bedeutungen sehr wohl maßgeblich zu einer Volkbildung, bzw. Volkwerdung beitragen kann.31 Im übertragenen Sinne kann eine Volkwerdung auch als Geburt angesehen werden. So kommt es auch, dass der altgriechische Begriff génesis (γένεσις) als eine seiner Bedeutungen, bzw. Übersetzungen die Geburt vorzuweisen hat. Einer Geburt ist eine Schwangerschaft vorangegangen, welche aus Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entstanden ist. Genauso können auch verschiedene Völker- oder Volksbestandteile gar Individuen in der Geschichte zu einem neuen Volk verschmelzen oder auch von Mitgliedern eines Vorgängervolks geboren werden. Doch auch γένεσις ist ein mehrdeutiger Begriff. Es kann die Abstammung, das Entstandene, Entstehen, Entstehung, Entwicklung, Erschaffung, Erzeugung, Fortpflanzung, Geburt, Geschlecht, Geschöpf, Schöpfung, Urquell, Ursache, Ursprung, Verfertigung und Werden bedeuten. Hier wird es nun schwieriger, einen der Begriffe dominant zu setzen. Denn das Erzeugte wird aktiv erstellt, während eine Entstehung auch passiver Natur sein kann. Richtig ist, dass diese Genese eine Entwicklung beschreibt, und zwar die Entwicklung der Herausbildung eines neuen Volkes, wie sie in dieser Arbeit verstanden werden will.32 Ist eine Herausbildung dann einmal abgeschlossen, dann könnte man von einem Volk sprechen. Eines dieser Völker könnte das englische Volk darstellen. Doch was genau ist gemeint? Würde man eine zufälli- 31 vgl.: Wimmer, Andreas: Ethnizität, in: Streck, Bernhard (Hrsg.): Wörterbuch der Ethnologie, Wuppertal 22000, S. 53–55. 32 vgl.: Gottwein, Egon; Gottwein, Gisela: γένεσις, in: Online-Altgriechisch-Wörterbuch basierend auf: Pape, Wilhelm: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Griechisch-deutsches Handwörterbuch, Braunschweig 31914. URL: https://www. gottwein.de/GrWk/Gr00.php. (gesichtet am 03.05.2020). 2 Hauptteil 14 ge Person auf der Straße ansprechen, würde vermutlich entgegnet werden, alle die, die in England wohnen. Oft wird England dann mit dem Vereinigten Königreich gleichgesetzt werden. Doch was sind dann Schotten, Iren und Waliser? Und wer in England ist noch ein Zugehöriger der namensgebenden Angeln, wer ein Sachse? In einem Lexikon ist das Volk der Engländer folgendermaßen beschrieben: Englisch, das ist ein nordwesteuropäisches Volk wohnhaft im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland sowie die Bevölkerung der britischen Inseln. 48 Millionen Menschen soll es davon in der Gesamtzahl geben. Abseits davon sollen auch noch viele englischstämmige Menschen in außereuropäischen Gebieten leben. Weiterhin wird ein kurzer Abriss der Geschichte dieser Völker geboten und dargestellt, wie und woraus sich dieses englische Volk herausgebildet hat. Es wird also eine Ethnogenese beschrieben.33 So zeigt sich auf, dass auch „englisch“ nicht eindeutig greifbar ist. Es gibt englische Kultur, englische Sitten und Bräuche, eine englische Sprache und ein englisches Volk. Ob da nun auch die Iren, Schotten und Waliser zugehören und was aus den Angeln, Sachsen und weiteren Völkern geworden ist, soll in dieser Arbeit geklärt werden. Ethnogenese Definition Viel wurde über die Ethnogenese an sich bereits geschrieben und ihre Entwicklung in der Forschung dargelegt. Steinacher spricht in seinem Lexikonartikel davon, dass der Begriff Ethnogenese bereits ein Ende in der historischen Identitätsforschung der Wiener Schule gefunden hat.34 Dem möchte ich stark widersprechen. Herwig Wolfram benutzt den Begriff in seinem neuesten Werk35. Viele andere taten es ihm gleich und benutzen diesen Begriff weiter und auch ich möchte durch die ausgiebige Beschäftigung mit der Forschungsfrage aufzeigen, wie 2.1.3 33 vgl.: Wahl, Detlev: Engländer, in: Wahl, Detlev (Hrsg.): Lexikon der Völker Europas und des Kaukasus, Schwerin 1999, S. 66–71. 34 vgl.: Steinacher 2018. 35 Wolfram, Herwig: Das Römerreich und seine Germanen. Eine Erzählung von Herkunft und Ankunft, Wien/Köln/Weimar 2018. 2.1 Ethnogeneseforschung 15 gut er heutzutage noch anwendbar ist. An dieser Stelle soll also Wolframs ausführliche Definition modifiziert werden. Bei einer Ethnogenese handelt es sich kurz zusammengefasst um den Begriff einer Herausbildung eines Volkes. Ihre Erforschung benötigt die Hilfe vieler verschiedener Wissenschaftszweige. So benötigt man für sie Archäologie, Anthropologie, Sprachforschung aber auch Genetik sowie weitere Wissenschaftszweige können bei ihrer Erforschung vom Vorteil sein.36 Die heutigen Engländer werden oftmals auch Angelsachsen genannt. Einige Angelsachsen mögen gar sagen, dass sie aus dem gleichen Bein und Blut wie die Altsachsen sind.37 Dies ist nur teilweise richtig. Neueste genetische Untersuchungen zeigen, dass zumindest durchschnittlich 38% der ostenglischen Bevölkerung ihre DNA von den angelsächsischen Migrationsbewegungen erhalten haben.38 Ethnogenesen beschreiben das Zusammenhalten und Zusammenfassen oftmals sehr heterogener Gruppen. Bekannte Familien, welche ihre Herkunft oftmals von Göttern ableiten oder die Gruppierungen durch besondere Leistungen oder Überzeugungskraft von sich überzeugen können, stellen Traditionskerne dar. Diese bilden dann die Grundpfeiler mit deren Unterstützung sich Völker um sie herum abspalten oder neu bilden können. Zu diesen neu entstanden Gemeinschaften sowie deren Traditionen können sich dann auch nicht innerhalb ihrer Grenzen Geborene dazugesellen, wenn sie sich für sie bewähren oder sich zu ihr bekennen und dieses Bekenntnis auch von der Hauptgruppe angenommen wird. In Abgrenzung zu einer biologischen Abstammungsgemeinschaft entstehen bei Ethnogenesen so häufig nichtbiologisch- überlieferte Gesellschaften. Nichtsdestotrotz können diese Abstammungsgemeinschaften häufig auch nebeneinander bestehen und sich 36 vgl.: Zinkevičius, Zigmas; Luchtanas, Aleksiejus; Česnys, Gintautas: Woher wir stammen. Der Ursprung des litauischen Volkes, Vilnius 2005, S. 8. 37 vgl.: Wolfram, Herwig: Einleitungen oder Überlegungen zur Origo Gentis, in: Wolfram, Herwig; Pohl, Walter (Hrsgg.): Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksichtigung der Bayern I, Wien 1990, S. 30. 38 vgl.: Schiffels, Stephan; Haak, Wolfgang; Paajanen, Pirita [u.a.]: Iron Age and Anglo-Saxon genomes from East England reveal British migration history, in: Nature Communications 7, 10408 (2016). URL: https://doi.org/10.1038/ncomms10408. (gesichtet am 04.05.2020). 2 Hauptteil 16 langsam miteinander vereinen. Diese Verschmelzung kann friedvoll durch Bündnis oder Gemeinmachung, aber auch durch Eroberung und Unterjochung entstehen. Sie können des Weiteren zwischen Gruppen verschiedener Rangordnungen geschlossen werden. Auch wenn die gemeinsame Geschichte in diesen Gruppen zumeist chronologisch angeordnet wird, so geschieht sie doch nicht geradlinig. Nichtsdestotrotz tauchen in der Volkbildung häufig „primordiale Taten“39 auf, wie zum Beispiel ein wichtiger militärischer Erfolg, die Überquerung von Flüssen oder gar Meeren, also generell Bewährungen, die einen Traditionskern legitimieren und volksbildend wirken. Oftmals gehen diese Entwicklungen mit einem Kult- oder Religionswechsel einher. Ist eben diese volksbildende erste Tat durch eine Schlacht errungen worden, so definiert sich die Gruppe dann zumeist eben durch ihre gemeinsame Stellung gegen eben diesen Feind, der häufig ursprünglich nicht fremd war, sondern oftmals auch einer gemeinsamen Gruppe zugeordnet war, oder einem zuvor übergeordnet gewesen ist.40 Viele von Wolframs Begriffen wie Ethnogenese, Volk, Traditionskern oder primordiale Tat sind in der wissenschaftlichen Forschung kritisiert worden und bedürfen an dieser Stelle einer Verteidigung. Besonders František Graus äußerte seine Kritik, wenn auch er bei seiner Meinung nach belastenden Begriffen wie Volk keine bessere Alternative aufzuweisen hatte. Allen voran der Begriff Ethnogenese wurde kritisiert, welchen Wolfram dadurch verteidigt, dass der Prozess den dieser Begriff beschreiben soll, nie vollkommen abgeschlossen ist, sondern wie eine Transformation stetig für neue Veränderungen aufgeschlossen ist und somit eben keine in sich abgeschlossene Rassentheorien repräsentiert, sondern einen Gegenpol dazu darstellen soll. So konnte aus einer Gruppe, die der Welt zunächst als Skythen bekannt war, später eine Gruppe werden, die als Goten am Weltgeschehen teilhatten. Manchmal entstehen ethnische Sondernamen binnen zwei Generationen. Und eben jene Gruppen der Ost- und Westgoten hatten sich 39 Wolfram, Herwig; Daim, Falko: Die Völker an der mittleren und unteren Donau im fünften und sechsten Jahrhundert. Berichte des Symposions der Kommision für Frühmittelalterforschung. 24. bis 27. Oktober 1978. Stift Zwettl. Niederösterreich, Wien 1980. 40 vgl.: Wolfram 1990, S. 30–31. 2.1 Ethnogeneseforschung 17 ebenfalls aus jeweils zehn oder mehr verschiedenen Ethnien herausgebildet.41 Von dem Begriff Traditionskern, der ja wie zuvor bereits erklärt, eine bestimmte Herrschaftsschicht wie Königtum oder Adel bezeichnete, welche in ihrer Gruppe als Führungsschicht einen großen Einfluss auf deren Werdung beigetragen hat, distanziert Wolfram sich, auch wenn er ihn lange verteidigte, mittlerweile selbst. Ich möchte den Begriff weiterverwenden, aber mit zwei weiteren, neuen Begriffen unterstützen, da sich in ethnogenetischen Prozessen nicht zwingend kleine Führungsschichten oder durch bestimmte Leistungen herausragende Gruppen, sondern manchmal auch Mehrheiten einer Ethnie in einer bestimmten Gruppe oder auch Kulturgemeinschaften verschiedener unverwandter Gruppierungen maßgeblich auswirken können. Verschiedene ethnische Gruppen können gemeinsam zur Traditionsbildung beitragen. Es könnten in der Traditionsbildung sogar gewisse genetische Entwicklungslinien durch die ethnische Majorität einer Gruppe auftreten. Hiergegen würde sich Wolfram erwehren, da sich in der Geschichte die Menschen ihre „gewünschten“ Vorfahren häufig durch erfundene Erzählungen selbst andichteten oder diese durch außenstehende Betrachter aufoktroyiert bekamen. Mündliche Überlieferungen entstanden, welche in vielen Fällen jeglicher genetischen Grundlage entbehren.42 Dem möchte ich nicht grundsätzlich widersprechen, allerdings zeigen uns neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse, dass es zuweilen doch genetische Kontinuitäten gibt, die tradierte Mythen tatsächlich bestärken. Auch wenn Traditionen und ihre Festlegung auf Mythen und ein Erbe von Vergangenheit, wenn auch oft sehr langlebig, gestaltet, manipuliert und verändert werden können und in manchen Fällen auch müssen, um überleben zu können. Schriftliche Traditionen scheinen dabei die verlässlicheren zu sein, sodass bestimmte Gruppen durch gelehrte Sprecher ihre Identität und somit ihr Ethnos, wenn auch ein wenig verändert, bewahren konnten.43 Als Beispiele von genetischer Kontinuität kann die indigene Bevölkerung der nördlichen 41 vgl.: Wolfram 2018, S. 31–38. 42 vgl.: Wolfram 2018, S. 39–44. 43 vgl.: Wolfram 2018, S. 39–44. 2 Hauptteil 18 nordamerikanischen Nordwestküste angeführt werden, diese weisen eine genetische Kontinuität von mindestens 10.300 Jahren auf.44 Ein europäisches Beispiel für genetische Beständigkeit bieten die Sarden, deren DNA derer der frühen europäischen Bauern wie beispielsweise dem in Südtirol gefundenen über 5000 Jahre alten Ötzi am ehesten entspricht, egal ob das genetische Material dieser Farmer nun in Schweden, Ungarn oder Spanien gefunden worden ist. Die erstaunliche genetische Ähnlichkeit erklärt sich durch die lange Isolation der Sarden und lediglich sehr wenig spätere Zuwanderung.45 Ein Beispiel, wo die schriftliche Tradition einer Gruppe auch genetisch nachvollziehbar ist, ist das der Ashkenazi-Juden, welche sich als Nachfahren des jüdischen Volkes sehen, welches vor seinem Exil im nahen Osten gelebt haben soll. Ihre Y-Chromosomen und somit ihre väterlichen Abstammungslinien weisen größtenteils Haplogruppen, also Gensignaturen auf, welche größere Übereinstimmungen mit anderen jüdischen und nahöstlichen Bevölkerungen nahe legen, als mit der in ihren jeweiligen aktuellen Ländern befindlichen europäischen Population und bestätigen dementsprechend eine nahöstliche Herkunft.46 Selbst die Abstammungslinie der Ashkenazi-Leviten, welche zunächst fälschlicherweise Osteuropa zugeordnet worden ist, lässt sich nach neuesten Erkenntnissen auf eine nahöstliche Herkunft zurückführen.47 Somit lässt sich doch festhalten, dass es in manchen Fällen auch genetische Kontinuitäten geben kann. Diese müssen allerdings nicht zwin- 44 vgl.: Kindo, John; Achili, Alessandro; Perego, Ugo [u.a.]: Ancient individuals from the North American Nortwest Coast reveal 10.000 years of regional genetic continuity, in: PNAS 114, 16 (2017). URL: https://www.pnas.org/content/114/16/4093. (gesichtet am 27.05.2020). 45 vgl.: Marcus, Joseph; Posth, Cosimo; Ringbauer, Harald [u.a.]: Genetic history from the Middle Neolithic to present on the Mediterranean island of Sardinia, in: Nature Communications 11, 939 (2020). URL: https://doi.org/10.1038/s41467-020 -14523-6. (gesichtet am 27.05.2020). 46 vgl.: Nebel, Almut; Filon, Dvora; Faerman, Marina [u.a.]: Y chromosome evidence for a founder effect in Ashkenazi Jews, in: European Journal of Human Genetics 13, 388–391 (2005). URL: https://doi.org/10.1038/sj.ejhg.5201319. (gesichtet am 27.05.2020). 47 vgl.: Rootsi, Siiri; Behar, Doron; Järve, Mari [u.a.]: Phylogenetic applications of whole Y-chromosome sequences and the Near Eastern origin of Ashkenazi Levites, in: Nature Communications 4, 2928 (2013). URL: https://doi.org/10.1038/ncomms 3928. (gesichtet am 27.05.2020). 2.1 Ethnogeneseforschung 19 gend adlige oder anderweitig herausragende Träger der Traditionen und somit ein herkömmlich verstandener Traditionskern sein, können aber dennoch den ethnischen Kern (Ethnokern) einer Bevölkerung und somit die Träger einer ethnischen Verbindungslinie widerspiegeln. Dieser Kern kann, muss aber nicht zwingend einem anknüpfendem Kern (Kontinuitätskern) entsprechen, welcher in Abgrenzung zu Wolframs Traditionskernbegriff die Kontinuität von Trägern einer Kultur innerhalb einer Gruppe, die nicht zwingend ethnisch verbunden begründet sein muss, aber eben auch nicht aus einer Führungsschicht oder besonders herausragend begabten Personen bestehen muss, sondern auch von der einfachen Bevölkerung einer Kultur getragen wird. Den Begriff der Gründungstat, bzw. der primordialen Tat, verwendet auch Wolfram weiter. Als Beispiele solcher Vorgänge nennt er den Auszug aus Ägypten sowie die Überquerung des Roten Meeres, welche das Volk Israel absolviert haben soll. Goten und Langobarden sollen sich ebenfalls über geographische Widerstände hinweggesetzt haben und dabei noch mächtige Widersacher wie die Vandalen sowie die Hunnen, bzw. die Awaren überwunden haben. Auch in der Ethnogenese des englischen Volkes werden sich sicherlich konstituierende Taten sowie das Überwinden von Hindernissen verschiedenster Art finden können. Nachdem nun also die Problematik einiger zwingend notwendiger Begriffe zur Ethnogeneseforschung sowie deren Bedeutung geklärt worden sind und auch der Umstand, dass diese, wenn auch häufig heftig kritisiert, manchmal in Ermangelung passender unproblematischerer Begrifflichkeiten, verwendet werden müssen, hervorgebracht worden ist, kann sich nun der konkreten Untersuchung der Ethnogenese des englischen Volkes zugewandt werden.48 Die Ethnogenese des englischen Volkes Urbevölkerung der britischen Inseln Ein Aspekt, der bei der Betrachtung der englischen Geschichte gern außer Acht gelassen wird, ist der der „Urbevölkerung“ Großbritanni- 2.2 2.2.1 48 vgl.: Wolfram 2018, S. 45–46. 2 Hauptteil 20 ens. Für die Bewertung der Auswirkung der Besiedlungswellen der britischen Inseln auf die Ethnogenese eines englischen Volkes ist auch dieser teilweise sehr weit zurückliegende Teil der Volkwerdung von Bedeutung. Obgleich es je weiter man in die Zeit zurückgeht, umso schwieriger wird, Zeugnisse vergangener Zeiten zu finden, soll in diesem Teil auf die Bevölkerungsteile eingegangen werden, die auf den britischen Inseln vor der Ankunft der Kelten vorherrschten. Ältestes Zeugnis menschlichen Lebens auf den britischen Inseln ist ein Fund eines Homo heidelbergensis in Boxgrove. Dieser muss dort ungefähr 500.000 vor Christus gelebt haben.49 Doch seit dieser Zeit waren die Inseln nicht durchgängig menschlich besiedelt. Für einen Zeitraum von vor 23.000 bis ungefähr 13.500 vor unserer Zeit lebten dort keine Menschen. Dementsprechend kann diese Urmenschenart keinen Einfluss auf die Ethnogenese des englischen Volkes gehabt haben. Lange Zeit sind die britischen Inseln auch gar keine Inseln gewesen, sondern waren durch eine Landmasse, bekannt als Doggerland, mit dem Festland verbunden und ermöglichten so den Austausch menschlicher Bevölkerung ohne die geographische Begrenzung durch die Nordsee. So kamen aus dem inneren Europa wieder Menschen in das Land, welches sich durch eine unbekannte Flora und Fauna auszeichnete. Es entwickelten sich entlang der damaligen Küstengrenzen Gemeinschaften, die jagten, fischten und sammelten. Im Vergleich mit Gruppen im europäischen Inland waren diese relativ sesshaft und besiedelten die von ihnen bewohnten Regionen ziemlich dicht. Doch von 12.000 bis 6000 Jahre vor unserer Zeit stiegen die Wasserstände und das verbindende Doggerland wurde nach und nach von der Nordsee verschlungen. Die Küstenbewohner bewegten sich daraufhin mit der sich stetig veränderten Küste gen Inland. Inlandsgruppen waren ihnen zahlenmäßig unterlegen und hatten auch nicht die nötige Erfahrung, sich der neuen Umgebung anzupassen. So ging ihre Kultur in der der Küstenbewohner auf und sie integrierten sich in der bereits an Küstenbedingungen angepassten Gemeinschaft. Aber Inländer waren nicht gleich Inländer. Es muss zwischen den Acker- und Viehwirtschaft be- 49 vgl.: Petersmann, Astrid: Die Kelten. Eine Einführung aus archäologisch-historischer, sprachkundlicher und religionsgeschichtlicher Sicht, Heidelberg 2016, S. 79. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 21 treibenden und den sammelnden und jagenden Inländern unterschieden werden. Besonders ab 5400 vor Christus wuchs die Landwirtschaft betreibende Gruppe immer weiter an und weitete ihren Einfluss aus. Im Gegensatz zu den Küstenbewohnern, die mit der zurückweichenden Küste lebten, war die agrarische Menschengruppe sesshaft und legte alsbald sogar Friedhöfe an. Alle diese Gruppen tauschten sich kulturell aus, wenn sie aufeinander trafen und verschmolzen häufig allmählich miteinander. Somit geschah hier die erste Ethnogenese zwei oder drei unterschiedlicher Gruppierungen, über die uns nicht viel bekannt ist.50 Diese verschiedenen Menschengruppen zu unterschiedlichen Zeiten aus dem inneren Europa kommend mit ihren unterschiedlichen Überlebensstrategien näherten sich allmählich einander an und schufen gemeinsam eine neue Kultur und Bevölkerungsgruppe. 2500 vor Christus errichteten sie Steindenkmäler wie Stonehenge und Grabhügel. Ähnliche Megalithbauten ließen sich zu dieser Zeit auch an der Nordatlantikküste sowie in Nordafrika finden. Somit lässt sich schließen, dass die britischen Inseln immer noch kulturell mit dem Festland verbunden gewesen sind. Mehrheitlich gehörten sie zu dieser Zeit zu einer autochthonen vorindoeuropäischen Bevölkerung, die sich früher im gesamten Westeuropa anfinden ließ. Verwandte dieser alten Bevölkerung Großbritanniens waren die Vorfahren der Basken als Nachfolger der Aquitanier und die früher im Nordosten Schottlands lebenden Pikten. Sowohl die Pikten, als auch die Vorfahren der heutigen Basken können anhand linguistischer Forschungen mit den hamitosemitischen Sprachen Arabisch, Ägyptisch und Berber in Verbindung gebracht werden. Somit lässt sich vermuten, dass dort auch eine genetische Beziehung bestehen könnte, auch wenn sprachliche Verbindungen nicht immer auf genetische Beziehungen Rückschlüsse geben können.51 Denn eine Sprache wird erlernt und nicht zusammen mit der DNA vererbt.52 Im Inselkeltischen finden sich Begriffe, die durch die später keltisierten Pikten ihren Eingang in die Sprache der Neuan- 50 vgl.: Coles, Bryony: Doggerland. The cultural dynamics of a shifting coastline, in: Geological Society London Special Publications 175 (2000), S. 393–401. 51 vgl.: Petersmann 2016, S. 79–80. 52 vgl.: Manco 2018, S. 58. 2 Hauptteil 22 kömmlinge gefunden haben könnten.53 Genetische Beziehungen, die nachweislich bestehen, lassen sich durch die Ähnlichkeit der Y-Chromosomen-Signaturen, also den männlichen Abstammungslinien, der Kelten und der Basken attestieren, was dafür spricht, dass diese auf ihrer väterlichen Linie in der näheren Vergangenheit gemeinsame Vorfahren gehabt haben müssen. Die Urbevölkerung der britischen Inseln wird sich also aus einer gemeinsamen Stammbevölkerung, die diese zusammen mit den Basken ausmachte, abgespalten haben, um dann den Ethnokern, bzw. die ethnische Grundlage für die vorkeltische Bevölkerung auf den britischen Inseln zu bilden.54 Die ersten Gruppen moderner Menschen gelangten über das damals zunächst noch durch Doggerland mit der späteren Insel verbundene europäische Festland in das heutige Großbritannien. Aufgrund der schwierigen Quellenlage lässt sich nicht ausmachen, wie sich diese Siedlungswelle nach dem Bewertungsschema Pohls selbstzuordnete und wie sie von außen wahrgenommen wurde. Als Zeichen einer kollektiven Repräsentation können für die Zeit ab 2500 vor unserer Zeit die archäologischen und sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse angewandt werden. Eine primordiale Tat ist nicht auszumachen. Wenn auch zunächst durch Unterschiede in der Nahrungsbeschaffungsweise und teilweise kulturell getrennt, verschmolzen jagende und Landwirtschaft betreibende Inländer sowie die Küstenbewohner in einem ethnogenetischen Prozess kontinuierlich miteinander. Ihre Ankunft brachte eine Änderung in viele Bereiche dieser Insel, da sie zuvor noch unbesiedelt gewesen war. Ob sich nach diesen ersten Siedlern ein Bruch vollzog, kann erst im nächsten Kapitel dieser Arbeit bewertet werden. 53 vgl.: Petersmann 2016, S. 80–81. 54 vgl.: Wilson, James; Weiss, Deborah; Richards, Martin [u.a.]: Genetic evidence for different male and female roles during cultural transitions in the British Isles, in: PNAS 98, 9 (2001). URL: https://www.pnas.org/content/98/9/5078. (gesichtet am 09.06.2020). 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 23 Kelten Vorhin wurde der Begriff Urbevölkerung angeführt. Diese ist vorkeltisch und ist für sich ebenfalls aus einem Ethnogeneseprozess entstanden. Urbevölkerung deswegen, weil es sich um eine Bevölkerung handelt, die vor der Ankunft der Kelten anwesend gewesen ist und in der neuen keltischen Bevölkerungswelle aufgegangen ist, ja vielleicht sogar mit ihr zusammen ein neues Volk konstituiert hat, also mit den neuankommenden Kelten zusammen in einer Ethnogenese aufgegangen ist. Für viele andere Betrachter dieses Zeitraumes gelten allerdings die Kelten als Urbevölkerung. Das kommt immer darauf an, wann man mit seiner Betrachtung beginnt. Wenn man weit genug zurückgeht, ist diese Urbevölkerung vermutlich auch aus anderen uns unbekannten Populationen entstanden. Da die Kelten für den in dieser Arbeit untersuchten Zeitraum die Urbevölkerung bilden, soll der Begriff Urbevölkerung auf die Bevölkerung vor den Kelten referieren. Doch was sind eigentlich diese Kelten? Der Keltenbegriff an sich lässt sich gar nicht so spezifisch auf eine Gruppierung anwenden. Er ist breiter. Vielleicht passt er auch gar nicht so sehr auf die Urbevölkerung Großbritanniens. So sind in der antiken Ethnographie viele unterschiedliche Völker im Gebiet Mitteleuropa unter dem Keltenbegriff zusammengefasst. Auf Griechisch verfassende Autoren bezeichneten damit Völker, die man heute als Germanen kennt. Die Bevölkerung des heutigen Großbritanniens und Irlands nannten die antiken Schreiber nie Kelten. Gesichert ist, dass Herodot die Kelten an der Donau am Quellgebiet des Istros verortet und somit die erste gesicherte Verwendung dieses Bevölkerungsnamens belegt.55 Und doch werden zu diesen Kelten im Metzler Lexikon auch die Bewohner der britischen Inseln gezählt. Die Inseln sind dort neben dem Alpenraum, Gallien, Nordwestspanien, Oberitalien und Süddeutschland als Kerngebiete der Kelten aufgeführt. Zur Ethnogenese der Kelten an sich wird vermerkt, dass sie über das südwestliche Mitteleuropa in der Hallstattzeit, bzw. im sechsten und siebten Jahrhundert vor Christus erfolgte. Mit dieser Geburt der Kelten wird die sogenannte 2.2.2 55 vgl.: Maier, Bernhard: Die Kelten. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 32016, S. 17–18. 2 Hauptteil 24 La-Tène-Kultur verbunden. Sie breitete sich immer weiter aus. Neben Gallien keltisierte die La-Tène-Kultur im dritten Jahrhundert vor Christus auch die iberischen Stämme und ihre Anhänger vermischten sich mit diesen, um dort das Volk der Keltiberer zu konstituieren. Diejenigen Kelten, die nach Britannien vorstießen, schlossen diesen Prozess erst im ersten Jahrhundert vor Christus ab.56 Sie waren Teil eines Bauern- und Hirtenvolkes, welches sich ab 700 bis 600 vor Christus auch des Eisengebrauches bemächtigte. Einige als Kelten bezeichnete Gruppen besetzten um 400 vor Christus Rom und entmachteten die Etrusker. Selbst im Jahre 279 vor Christus soll es ein keltischer Stamm gewesen sein, der das Orakel von Delphi zerstörte, um sich dann in Kleinasien im neugegründeten Königreich Galatien niederzulassen. Sie sollen von 450–250 vor Christus die stärkste Gruppierung in Europa gewesen sein und siedelten von Galatien bis Galicien. Nach Britannien setzten ab 600 vor Christus verschiedene keltische Verbände über. Zwischen 500 und 400 waren dies die hauptsächlich aus dem heutigen Nordfrankreich und den Niederlanden stammenden Kelten der Hallstatt-Kultur, während Latènekulturkelten über Gallien nach Brittanien und von dort aus ins heutige Irland vorstießen. Dabei traten sie nicht als große Masse ins neue Land über, sondern bauten ihre Herrschaft aus einer Minderheitenposition langsam aus.57 Allerdings ist dieser gesamte Vorgang sowie seine Datierung zu problematisieren, da es sich aus Ermangelung archäologischer Quellen für den Zeitraum nicht sicher eingrenzen lässt, wann genau es zu einem Übersetzen kam. Zudem sind schon um 1900 vor Christus Indoeuropäer mit ihrer stempelverzierten Glockenbecherkultur in größeren Ausma- ßen auf die britischen Inseln gekommen. Sie lassen sich noch nicht als Kelten bezeichnen. Die nachweislich als keltisch zu bezeichnenden Gruppen, die ab 600 vor Christus kamen, weisen kulturelle Verbindungen zum Festland auf, haben ihre archäologischen Objekte jedoch selbst erstellt und haben trotz vieler Ähnlichkeiten zu den Festlandkelten doch eine eigenständige inselkeltische Kultur aufgebaut. Gleichzeitig lassen sich festlandkeltische Einflüsse durch die der französischen 56 vgl.: Prack, Norbert: Kelten, in: Brodersen, Kai; Zimmermann, Bernhard (Hrsgg.): Metzler Lexikon Antike, Stuttgart; Weimar 2000, S. 287–288. 57 vgl.: Vogt, Hermann: Kulturen der Einsamkeit. Der keltische Rand Europas, Darmstadt 1994, S. 15–16. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 25 Marnekultur ähnlichen Kelten der Arraskultur nachweisen. Dem entgegenzusetzen ist erst ab dem zweiten Jahrhundert vor Christus eine nachweisbare Verbindung von britischen Kelten in Kent und dem festlandkeltischen Stamm der Belger. Diese neuen Kelten verdrängten ältere Bewohner der Inseln, die ihrerseits auch bereits keltischen Ursprungs sein könnten.58 Dieser keltische Ursprung könnte älter als jener der Glockenbecherkultur sein, die ihre Vorfahren hauptsächlich in den Jamnaya Viehzüchtern finden, die aus der eurasischen Steppe stammen. 2500 vor Christus breitete sich diese Kultur in Westeuropa und Nordwestafrika aus. Ein paar Jahrhunderte später findet man die Kulturvertreter auch in Britannien. Ein paar neolitische europäische Farmer können sich ihnen angeschlossen haben. Den Großteil macht die Jamnayaabstammung aus. Es handelte sich hierbei um eine massive Einwanderung, welche 90% des Genpools der Ureinwohner Britanniens ersetzte. Dies wird mit starken Veränderungen sprachlicher und kultureller Natur einhergegangen sein. Auch wenn noch nicht geklärt ist, ob sich diese massive Umwandlung durch soziale Komponenten, Klima, Bevölkerungsgrößen oder durch Bakterien vollzogen hat. So lässt sich diese große Veränderung dennoch genetisch belegen und stellt einen Bruch in der Ethnogenesegeschichte des englischen Volkes dar.59 Auch wenn nicht ganz klar ist, ob diese Glockenbecherkulturmenschen ebenfalls keltisch gesprochen haben, so sind sie doch als eine indoeuropäische Vorkultur zu den Kelten anzusehen, die ihnen sehr ähnlich war, oder aus der auch selbst Kelten entstanden sein könnten.60 Zieht man für die Betrachtung der Ethnogenese der Kelten in Britannien schriftliche Quellen heran, so lassen sich folgende Aussagen tätigen: Laut Caesar gibt es auch einen Unterschied zwischen den Bewohnern des inneren und des äußeren Britanniens. Er verortet die Küstenbewohner als Nachfolger der Belger und vergleicht die Bevölkerungsgröße und die Behausungen der Küstenbewohner Britanniens mit de- 58 vgl.: Petersmann 2016, S. 81–83. 59 vgl.: Olalde, Iñigo; Brace, Selina; Allentoft, Morten [u.a.]: The Beaker phenomenon and the genomic transformation of northwest Europe, in: Nature 555, 190–196 (2018). URL: https://doi.org/10.1038/nature25738. (gesichtet am 28.06.2020). 60 vgl.: Gibson, Catriona; Wodtko, Dagmar: The background of the Celtic languages. Theories from archaeology and linguistics, Aberystwyth 2013, S. 3–16. 2 Hauptteil 26 nen der Gallier. Ihre Viehhaltung beschreibt er als ziemlich ausgeprägt und ihre Währung als aus Erz- oder Eisenstückchen bestehend. Er beschreibt die Küstenbewohner im Gegensatz zu den Bewohnern des Binnenlandes als am zivilisiertesten und vergleicht sie abermals mit den Galliern. Die Bewohner des Binnenlandes sind laut ihm keine Bauern, sondern leben von Milch und Fleisch. Sie tragen Felle. Als Gemeinsamkeit der Inländer sowie der Küstenbewohner nennt er ihre durch Waid erzeugte blaugrüne Körperfärbung.61 Also lässt sich auch bei Caesar ein Unterschied zwischen verschiedenen keltischen Gruppen erkennen. Dieser wird vermutlich auch bestanden haben, dennoch sind Caesars Angaben mit Vorsicht zu genießen, da sich sein vermeintlich objektiver Kriegsbericht bei genauerer Betrachtung als Propaganda für sein eigenes Wohl enttarnen lässt. Er eroberte von 58–51 vor Christus ganz Gallien, weswegen er die ihnen bekannten Gallier, bzw. ihre näheren Verwandten an den Küsten Großbritanniens vielleicht besser darstellt, als die ihm noch nicht so nah bekannten und noch unbezwungenen inneren Inselkelten. Allerdings teilen sich bei ihm beide Gruppen kulturelle Eigenheiten.62 Schauer bewertet Cäsars Beobachtungen in seinem Gallischen Krieg zwar auch als gefärbt, aber auf einem wahren Kern basierend.63 Somit eignen sich Cäsars Beobachtungen aus dem Jahre 56 vor Christus besonders für diese Untersuchung.64 Der nächste Anknüpfpunkt für die Untersuchung ist ungefähr 540 nach Christus zu datieren65: Eine weitere, viel später als der eigentlich beschriebene Prozess verfasste Quelle von Gildas, einem romanisierten Kelten aus Britannien, ist uns erhalten geblieben. In seinem Geschichtswerk De Excidio et Conquestu Britanniae66 betätigt er sich kirchenpolitisch und bildet dabei hauptsächlich die christliche Sicht auf 61 vgl.: Gaius Iulius Caesar: De Bello Gallico, 5, 12–14. 62 vgl.: Zimmermann, Bernhard: Caesar, in: Brodersen, Kai; Zimmermann, Bernhard (Hrsgg.): Metzler Lexikon Antike, Stuttgart; Weimar 2000, S. 101–102. 63 vgl.: Schönberger, Otto: Caesar: Der Gallische Krieg. Studienausgabe, Berlin 82012, S. 498–499. 64 vgl.: Schauer, Markus: Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk, München 2016, S. 83. 65 vgl.: Winterbottom, Michael: Gildas. The Ruin of Britain and other works, London/ Chichester 1978, S. 1. 66 Gildas: De Excidio et Conquestu Britanniae. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 27 die Geschichte des poströmischen Britanniens sowie die Landnahme der Angelsachsen ab.67 Es lassen sich allerdings auch einige Aussagen über die vorrömischen Bewohner der Insel machen. Er beschreibt die Urbewohner der Insel als engstirnig und als undankbare Rebellen, die sich oft auch gegeneinander sowie gegen Gott auflehnten. Er verteufelt die Religion, die die Einwohner der Insel vor dem Christentum hatten. Außerdem bestätigt er, dass er keine Schriften seines eigenen Volkes verwenden wird, weil diese, wenn sie denn noch existieren sollten, oder je existiert haben, für ihn nicht zugänglich sind, oder verfälscht worden seien. Anders als Caesar macht er sich also nicht die Mühe, verschiedene Gruppierungen der Kelten zu beschreiben, sondern könnte sein Volk als eines sehen, welches seit der ersten Besiedlung der Insel auf dieser Bestand hat.68 Weitere Aufschlüsse über die ethnogenetischen Prozesse zur Zeit der Kelten bietet uns das Werk von Beda dem Ehrwürdigen, der seine Kirchengeschichte des englischen Volkes erstellte, deren behandelter Zeitraum bis 731 reicht. Er war ein angelsächsischer Christ und gibt somit eine angelsächsischchristliche Kultur aus seiner Heimat Nordhumbrien wieder.69 Dieser schreibt von den fünf Sprachen derer fünf Völker, der Engländer, Briten, Iren, Pikten und der Lateiner, in denen zu seiner Zeit das göttliche Gesetz verfasst vorgefunden werden kann. Seiner Erzählung nach waren die Briten die ersten, die Britannien besiedelten und der Insel somit ihren Namen gaben. Gekommen sein sollen sie aus Armorika und die Insel von südlicher Seite aus besiedelt haben. Als dann die Pikten aus Skythien kommend auf Irland siedeln wollten, verboten es ihnen die ansässigen Iren und rieten ihnen, doch lieber den Norden Britanniens zu besiedeln. Später sollten auch noch Iren nach Brittanien übersiedeln. Für die Zeit vor der römischen Besiedlung macht Beda also drei verschiedene Völker aus, von denen die Briten die Ureinwohner Britanniens darstellen, wenn auch durch das Geschilderte nicht klar wird, wie lange vorher die Iren schon in Irland beheimatet waren. Diese drei Völker werden von ihm nicht als eines ge- 67 vgl.: Prack, Norbert: Gildas, in: Brodersen, Kai; Zimmermann, Bernhard (Hrsgg.): Metzler Lexikon Antike, Stuttgart; Weimar 2000, S. 205–206. 68 vgl.: Gildas: De Excidio et Conquestu Britanniae, 2, 4. 69 vgl.: Spitzbart, Günter: Beda der Ehrwürdige. Kirchengeschichte des englischen Volkes, Darmstadt 1982, S. 1. 2 Hauptteil 28 sehen und von einem gemeinsamen Ursprung wird nicht ausgegangen.70 Eine ebenfalls sehr ausführlichere Darstellung liegt uns durch Nennius vor. Dieser soll seine Historia Brittonum71 ca. 830 verfasst haben.72 Manche Kritiker wie David Thornton sind sich sicher, dass Nennius diese Geschichte der Briten nicht veröffentlicht hat.73 Seine Zusammenstellung britischer Geschichte, die er obwohl er Waliser war, auf lateinischer Sprache verfasste, stellt keine geschlossene Darstellung dar. Er reiht Quellentexte chronologisch aneinander und verarbeitet sie in literarischer Form, was in seiner Zeit eine einzigartige Vorgangsweise abbildete. Leider sind viele seiner Informationen eher in dem Bereich der Legende zu verorten und werden an dieser Stelle deswegen auch nicht in Gänze ausgeführt werden, weil sie für diese Betrachtung nicht die nötigen Resultate liefern können. Er schafft es allerdings, Gildas an einigen Stellen sinnvoll zu ergänzen.74 Eine interessante Stelle zur Auswertung vor der römischen und angelsächsischen Zeit liefert Nennius, in der er die Briten als im dritten Zeitalter der Welt auf die Insel kommend, beschreibt. Die Skoten sollen erst später, im vierten Zeitalter der Welt dazugestoßen sein. Über die Ankunft der Pikten wird nichts Genaueres gesagt. Allerdings werden die Briten als friedliebend dargestellt sowie als Opfer ständiger Angriffe der Skoten vom Westen her und der Pikten von Norden her dargestellt. Erst lange danach sollten die Römer dazustoßen. Nennius beschreibt also schon mehrere keltische Gruppierungen, was vielleicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass er viel später über diese Vorgänge schreibt, wo sich bereits neue Völker herausgebildet haben können.75 Geoffrey von Monmouth komplettierte seine Historia Regum Britanniae ungefähr im Jahre 1138. Es ist nicht sicher, ob er ein Waliser war oder 70 vgl.: Beda: Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum, 1, 1. 71 Nennius, Historia Brittonum. 72 vgl.: Gransden, Antonia: Historical Writing in England, New York 1974, S. 6. 73 vgl.: Thornton, David: Nennius, in: Harrison, Brian (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 40, Oxford 2004, S. 423. 74 vgl.: Schottky, Martin: Nennius, in: Cancik, Hubert; Schneider, Helmuth; Landfester, Manfred (Hrsgg.): Der Neue Pauly, Leiden; Boston 2006. URL: http://dx.doi. org/10.1163/1574-9347_dnp_e819750. (gesichtet am 28.06.2020). 75 Nennius, Historia Brittonum, 3, 15. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 29 ursprünglich von woanders stammte. Geboren wurde er vermutlich in Südostwales. Sein Anliegen war es, die Vorfahren der Waliser und Bretonen zu verherrlichen. Außerdem musste er versuchen, die Normannen durch sein Werk nicht zu verärgern. Er stellt die Briten in seinem Werk als Gottes auserwähltes Volk dar, wofür ihm bereits Gildas einen Ansatz bot. Er erweitert die Geschichte von Nennius, nach der Britannien von Aeneas‘ Urgroßenkel Brutus ausgegangen und nach ihm benannt sein muss. Also ist vieles, was er schreibt als Fiktion zu entlarven, auch wenn er sich auf ältere und gesicherte Quellen beruft. Allerdings nennt er als eine seiner Quellen ein urbritisches Buch, aus dem er Informationen hat, die in diesem Buch gar nicht hätten stehen können, wenn es wirklich so uralt gewesen sein sollte. Zum Beispiel sollen darin bereits die Normannen vorkommen. Er war einer der Autoren, die den Artusstoff bekannt machten.76 Diese Artussage soll auf altbritischen, also keltischen Wurzeln basieren, allerdings ist Geoffrey einer derjenigen, die zu diesem keltischen Ursprung noch sehr viel dazu gedichtet haben.77 Nicht weiter verwunderlich ist es, dass auch bei Geoffrey fünf verschiedene Völker auftauchen: Die Briten, Römer, Sachsen, Pikten und Schotten. Auch bei ihm sind die Briten die Urbesiedler Britanniens. Ihre Sünde des Stolzes sollte es sein, die dazu führte, dass Pikten und Sachsen sie überwältigten. Über der Briten Herkunft führt er eine sehr lange fiktive Geschichte aus, die darin mündet, dass Brutus in Britannien ein neues Troja errichtet. Diese ausführliche Geschichte ist Fiktion und deswegen für diese Betrachtung nicht genauer auszuführen. Für die Ethnogenese des englischen Volkes ist hier wichtig zu entnehmen, dass abermals die Briten als die Ureinwohner Britanniens angeführt werden, wenn man mal von den dort vorher beheimateten Giganten absieht.78 Da sich besonders Caesar und auch Gildas noch relativ nah an der hier betrachteten Zeit der Kelten befinden, sind ihre Beobachtungen hierfür am wertvollsten. Caesar sieht zwar Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten beider Gruppen und Gildas macht gar nicht erst Un- 76 vgl.: Ashe, Geoffrey: Geoffrey of Monmouth, in: Lacy, Norris (Hrsg.): The New Arthurian Encyclopedia, New York/London 1996, S. 179–182. 77 vgl.: Zimmer, Stefan: Die keltischen Wurzeln der Artussage. Mit einer vollständigen Übersetzung der ältesten Artuserzählung. Culhwch und Olwen, Heidelberg 2006, S. 193. 78 vgl.: Geoffrey of Monmouth: Historia Regum Britanniae, 1, 2–18. 2 Hauptteil 30 terschiede. Die späteren Autoren teilen die Urbevölkerung immer mehr auf, was auch nicht verwunderlich ist, weil zu ihren Zeiten bereits eine Trennung abgeschlossen zu sein scheint. Während die Briten meistens als Ureinwohner genannt werden, wird die Herkunft der anderen Völker nicht immer beschrieben. Es lässt sich vermuten, dass das Wissen darüber fehlt, dass sie denselben (keltischen) Ursprung haben könnten. Über die ersten Kelten Britanniens ist abgesehen von den historischen Schriftquellen aus dem archäologischen Bereich bekannt, dass sie mysteriöse Steinkreise sowie Steintotems errichteten. Häufig wurden diese astronomisch ausgerichtet. Auch Wallburgen errichteten sie, welche als befestigte Anlagen besonders in kriegerischen Auseinandersetzungen vorteilhaft gewesen sein könnten. Ein Beispiel so einer Wallburg ist Trapain Law im heutigen Schottland, welche so groß war, dass aus ihr eine Stadt wurde, in dem der keltische Stamm der Votadiner wohnte. Die Gesellschaft der britischen Kelten setzte sich aus Kriegsadel, Handwerkern sowie Lehrern, besser bekannt als Druiden, zusammen. Schriftliche Quellen darüber, wie sich die Kelten selbst sahen und ob sie sich überhaupt als eine eigenständige Gruppe begriffen, sind leider nicht vorhanden, weil die Kelten Britanniens lediglich eine mündliche Tradition besaßen. Somit ist auch nicht nachweisbar, ob die Kelten sich selbst als ein Volk sahen. Die als archäologische Anlage hervorzuhebende Wrekin Wallburg trägt beispielsweise auch heute nachweislich noch ihren keltischen Namen Uriconion. Weiterhin können uns eisenzeitliche Münzen ein wenig Aufschluss über die keltische Linguistik geben.79 Einige weitere keltische Namen konnten sich erhalten. So ist Old Sarum auf Sorviodunon zurückzuführen. Almondbury in Yorkshire hieß zu keltischer Zeit Camulodunon, nach Camulos dem Gott des Krieges, welcher ebenso für Colchester namensgebend gewesen sein könnte. Viele andere Namen gingen durch die spätere römische Besetzung und den damit verbunden sozialen Umwälzungen verloren. Die Neuankömmlinge gaben ihnen neue Namen, wodurch mit der Zeit viele keltische Namen verloren gingen.80 79 vgl.: Sykes 1998, S. 10–12. 80 vgl.: Hogg, Alexander: Hill-Forts of Britain, London 1975, S. 17. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 31 Nicht nur das, was Wolfram für einige Herausbildungen von Ethnogenesen als wichtig erachtete, als auch das, was für Pohl die Herausbildung ethnischer Identitäten ausmachte, ist auch in Hinsicht auf die Ethnogenese der Kelten der britischen Inseln interessant. Es wird in dieser Arbeit auch noch häufiger zum Einsatz kommen. Denn das, was für Pohl so eine Identität darstellt, kann auch für die Herausbildung eines Volkes konstituierend wirken. Wie war es also mit der Selbstzuordnung?81 Krause schreibt, dass es eine große Vereinfachung wäre, von den Kelten als einem Volk auszugehen, weil diese weder national noch ethnisch eine zusammenhänge Gemeinschaft gründeten, die in einem gemeinsamen Herrschaftsbereich resultierte. Sie verblieben immer in ihren kleinen Gruppen, den Stämmen, wo sie sich laut Selbstzuordnung als eigene Gruppe ansahen, aber sich eben auch von anderen keltischen Gruppen abgrenzten. Das zeigt sich am Beispiel von der keltischen Bevölkerung Irlands, welche Probleme hatte, einen gemeinsamen König für ihre Insel zu finden, mit dem alle Stämme einverstanden waren. Im Gegensatz zu den germanischsprachigen Gruppierungen ein Jahrhundert später, bekriegten sie sich weiter und schafften es nicht, eine Einheit zu finden. In dieser Hinsicht lässt sich von den Kelten also nicht als von einem zusammenhängenden Volk sprechen. Die Kelten ordneten sich selbst nicht einem keltischen Volk, sondern eher einem keltischem Stamm zu.82 Andererseits breitete sich ihre Kultur auch bei denjenigen aus, die weder ethnisch noch sprachlich Kelten waren. Oft schlossen sich ihr auch Germanen an, was vielleicht auch die Verwechslung durch die antiken Autoren begründet. Die Traditionen blieben bewahrt und die gemeinsame Kultur war trotz der einzelnen kleinen Stammesgemeinschaften ähnlich. Man verarbeitete Eisen, übernahm allerdings auch von anderen Kulturen wie denen der Griechen und Etrusker, aber auch von den Skythen Elemente wie die Verwendung von Reitpferden. Eine neue Zivilisation einer keltischen Kultur entstand, die es vorher noch nicht gegeben hatte. Traditionskerne wie sie Wolfram sah, gab es hier auch, allerdings wurden diese Herrscherschichten oftmals durch die anderer 81 vgl.: Pohl 2018, S. 31–34. 82 vgl.: Krause, Arnulf: Die Welt der Kelten. Geschichte und Mythos eines rätselhaften Volkes, Frankfurt am Main 22007, S. 18–19. 2 Hauptteil 32 keltischer Adliger ersetzt, wenn es unter ihnen Machtkämpfe gab. Also war es nicht unbedingt eine bestimmte adlige Gruppe, aber dennoch die Aristokratie und somit hauptsächlich ein Traditionskern, der nicht zwangsweise auch ein Ethnokern gewesen sein muss, der diese Kultur maßgeblich beeinflusste, aber dennoch eine gewisse Kontinuität weitertrug. Viele Stämme anderer Ethnien schlossen sich freiwillig und friedlich den Kelten an. Über mehrere Generationen hinweg eigneten sie sich deren Sprache an und keltisierten ihre eigenen Bräuche und Traditionen. Dieser offenen kulturellen Gemeinschaft des Volkes der Kelten konnten sich viele verschiedene Ethnien anschließen und taten dies in den meisten Fällen auch von sich aus und mussten nicht kriegerisch unterworfen werden. Sie alle erlernten, wenn sie sie nicht vorher schon beherrschten die indoeuropäische keltische Sprache, welche sich im Gegensatz zum Festlandkeltischen in seiner inselkeltischen Ausprägung bis heute noch auf den britischen Inseln mit einer größeren Sprecherzahl erhalten hat.83 Ältere Forschungen teilten dieses Inselkeltische in die Zweige Goidelisch und Britannisch auf, auch wenn sich nicht sicher nachweisen lässt, ob diese beiden Ausprägungen in der schriftlosen Zeit bereits vorherrschten. Es wird vermutet, dass diese Aufspaltung sich erst in jüngerer Zeit vollzog. Inwieweit sich auch vorkeltische und in diesem Fall auch nicht indoeuropäische Einflüsse sich auf die Sprache ausgewirkt haben, lässt sich nur abschätzen.84 Eine Vielzahl ethnischer Einflüsse und die dementsprechend zu vermutende Offenheit keltischer Gesellschaften könnten die Aussagen antiker Schreiber belegen. Während der antike Autor Hecataeus von Miletus 500 vor Christus die Kelten als groß und blond beschrieb, schilderte sie Herodot sie als klein und dunkel.85 Natürlich kann man vom äußeren Erscheinungsbild einer Gruppe nicht zwingend auf deren ethnische Herkunft schließen. Genetische Studien jedoch lassen diese unterschiedlichen Beschreibungen der Kelten damit plausibel erscheinen. Genetisch gab es tatsächlich keine einheitlich als keltisch zu bestimmende Gruppe in den nicht altsächsischbesiedelten Bereichen des heutigen Englands. Stattdessen lassen sich mehrere verschiedene Cluster 83 vgl.: Krause 2007, S. 18–21. 84 vgl.: Maier 2016, S. 163–165. 85 vgl.: Sykes, Homer: Celtic Britain, London 1998, S. 11. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 33 in bestimmten Regionen erkennen. Ferner ist das Abstammungsprofil von Cornwall recht unterschiedlich von den Profilen anderer walisischer Siedlungsgebiete und ähnelt mehr jenen von Devon sowie von Zentral- und Südengland. Abgesehen von diesen Ausnahmen weisen walisische Regionen die höchste Übereinstimmung mit Populationen auf, die den ersten Siedlern Britanniens nach der Eiszeit am meisten ähneln.86 Die erwiesenen unterschiedlichen Abstammungen der Kelten bestätigen Krauses Überlegungen, dass es zu sehr vereinfacht wäre, von den Kelten als eigenes Volk zu sprechen.87 Doch wie sah es mit der Außenwahrnehmung aus? Anders als die bisherigen antiken Autoren grenzt Julius Cäsar in seinem Gallischen Krieg88 im erstem Jahrhundert vor Christus die Kelten besonders stark von den Germanen ab. Allerdings war es zu der Zeit die Praxis von Römern und Griechen, dass sie kleine Völker willkürlich zusammenfassten und sich dabei oft auf dubiose Quellen beriefen, deren Ursprung ihnen selbst nicht zwingend bekannt gewesen ist. Dabei vermischten sie oft eigene Erfahrungen mit verschiedenen literarischen Ursprüngen und stellten dabei besondere Auffälligkeiten heraus, was dazu führte, dass gewisse Bereiche wie die keltische Kunst ausgespart blieben, während Wissenswertes zu Kultur und Religion besonders auffällig herausgestellt worden ist.89 Wenn es mit der Fremdwahrnehmung so schwer ist, wie sieht es dann mit der Religion der Kelten im Unterschied zu den Germanen hinsichtlich Pohls kollektiver Repräsentation aus? Diese Frage zu beantworten, ist gar nicht so leicht, da sich die keltische und germanische Religion regional sehr oft überschnitt und sich beide Kulturen viel voneinander abschauten. Die Kelten fungierten dabei als eine Art Vermittler zwischen dem Norden und dem Mediterranen, was abermals ihre offene Kultur unterstreicht.90 Des Weiteren ist es generell schwie- 86 vgl.: Leslie, Stephen; Winney, Bruce; Hellenthal, Garret [u.a.]: The fine-scale genetic structure of the British population, in: Nature 519, 309–314 (2015). URL: https: //doi.org/10.1038/nature14230. (gesichtet am 14.06.2020). 87 vgl.: Krause 2007, S. 18–21. 88 vgl.: Gaius Iulius Caesar: De Bello Gallico, 6, 11–28. 89 vgl.: Maier 2016, S. 17–18. 90 vgl.: Egeler, Matthias: Celtic Influences in Germanic Religion. A Survey, München 2013, S. 172–131. 2 Hauptteil 34 rig, eine allen keltischen Siedlungen gemeinsame Religion zu finden, weil viele Elemente sich regional unterscheiden und nicht zwangsläufig über einen größeren Bereich erstrecken. Oft wurden Bräuche neuerer Kelten von den Einheimischen übernommen, oder andersherum. Somit wird es generell schwer sein, eine einheitliche keltische Religion herauszustellen.91 Trotzdem soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, Gemeinsamkeiten herauszustellen. Eine große Rolle spielten bei den Kelten weibliche Gottheiten, die sich mütterlich, heilend und schützend gegenüber ihren Verehrern auswirken sollten. Oft wurden solche Gottheiten in Britannien als Feen wieder aufgegriffen. Tod und Vergänglichkeit wurden bei den Kelten viel ernsthafter behandelt als in der römischen und griechischen Religion. In der keltischen Religion konnte zudem jeder Einzelne in den Kontakt zu seinen Göttern treten.92 In Nordbritannien wurde beispielsweise in Ballachulish eine Frauenfigur gefunden, die eine keltische Göttin abbilden könnte und auf jeden Fall zur keltischen Religion zuzuordnen ist.93 Ein auch in Britannien auftauchendes maßgebliches Merkmal der keltischen Religion waren ihre Druiden. Diese Priesterklasse der keltischen Gesellschaft ist bei den Galliern wie auch in Britannien nachgewiesen worden. Sie waren Träger des Wissens, der Kultur und der Tradition der Kelten und standen ganz oben in der gesellschaftlichen Rangordnung. Sie glaubten an eine Wiedergeburt, eine Seelenwanderung, in der auf den Tod ein neues Leben folgt, was besonders für kriegerische Auseinandersetzung eine besondere Motivation und Furchtlosigkeit begünstigte, da man durch die Wiedergeburt ja quasi unsterblich war. Auch grausame Rituale wie Opferungen oder den besiegten Feinden den Kopf abzuschlagen, gehörten zum keltischen Repertoire. Caesar war es, der eben jene keltischen Druiden als den unterscheidenden Faktor zwischen den Kelten und den Germanen anführte. Die Germanen sollten laut ihm nichts Vergleichbares besitzen. Somit lässt 91 vgl.: Haeussler, Ralph: How to identify Celtic religion(s) in Roman Britain and Gaul, Coimbra/Porto 2008, S. 52–54. 92 vgl.: Petersmann 2016, S. 191–192. 93 vgl.: Sharp, Mick: Holy Places of Celtic Britain. A Photographic Portrait of Sacred Albion, London 1997, S. 21. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 35 sich zumindest für die Gallier und die britischen Kelten religiös eine kollektive Repräsentation ausmachen.94 Die Kelten, die ihren Ursprung im südwestlichen Mitteleuropa haben und ab 600 vor unserer Zeit über Gallien nach Großbritannien vorstie- ßen und die sich weiterhin in ganz Europa ausbreiteten, waren multiethnisch und besiedelten allmählich in kleinen Wellen und ohne auszumachende primordiale Tat Großbritannien. Zuvor waren weitere indoeuropäische, jedoch vorkeltische Gruppierungen vom europäischen Festland her gekommen. Bewertet man nun abschließend die Auswirkungen der Ethnogenese der britischen Kelten vor der Ankunft der Römer, so lässt sich festhalten, dass es kein Wunder ist, dass viele Untersuchungen die Kelten als Urbevölkerung Britanniens sahen, da die Kelten die vorindoeuropäische Urbevölkerung bis auf kleine Reste verdrängten, was auch die DNA-Ergebnisse belegen und die Übriggebliebenen in ihre Kultur einschlossen sowie absorbierten. So wie es ja generell ein Zeichen keltischer Kultur gewesen ist, andere Menschen und Einflüsse in ihre Kultur aufzunehmen, was auch an anderen Orten als den britischen Inseln geschah. Allerdings kann man auch nicht ganz von einer einheitlichen Bevölkerung sprechen, weil es regionale Unterschiede gab, die sich mit der Zeit durch die Bildung neuer Völker aus der keltischen Urbevölkerung verstärkten. Es kann auch nicht sicher gesagt werden, ob die indoeuropäischen Vorgänger der Kelten nicht auch durch spätere keltische Einflüsse keltisiert worden sind. Durch diesen Prozess könnten sprachliche sowie kulturelle Unterschiede kontinuierlich und nur mit wenigen Spuren beseitigt worden sein. Es ist davon auszugehen, dass sich ähnlich wie in Bezug auf die DNA ein großer Bruch vollzogen hat, sodass nur noch kleine genetische Anteile der Urbevölkerung verblieben sind und es sich mit ihrer Kultur ähnlich verhielt. Die schriftlichen Quellen bestätigen diese Ansicht desto mehr, je näher sie am beschriebenen Zeitpunkt verfasst worden sind. Hier wird es wohl schwer sein, von einem Ethnokern zu sprechen, die genetische Zusammensetzung ist vor langer Zeit zwar ähnlichen Ursprungs gewesen, doch zu divers, um diesen Begriff auf die Kelten anzuwenden. Zudem unterscheidet sich die Urbevölkerung genetisch stark von den eindringenden Kelten, welche auch nicht ganz einheit- 94 vgl.: Krause 2007, S. 165–176. 2 Hauptteil 36 lich sind. Auch von einem Traditionskern ist aufgrund der Vielfalt der Einwanderungswellen nicht auszugehen. Daher ist der Begriff des Kontinuitätskerns hier der am ehesten passend. Ähnliche Sprachen erhielten sich und trotz Spaltung konnte man wohl vieles voneinander verstehen. Es bildete sich neben ähnlichen Sitten eine gemeinsame Kultur und Religion aus. Verschiedene Ethnien und kleinere Stammesverbände schlossen sich an. Unter ihnen auch Germanen. Die Kelten waren genetisch und vom Phänotyp her unterschiedlich und fügten sich zu einer kulturellen Gemeinschaft zusammen. Diese ließ sich wie beispielsweise mit ihren Druiden von anderen Völkern abgrenzen. Trotz fehlender primordialer Tat und unterschiedlicher kultureller sowie genetischer Herkunft bildete sich durch eine langsam vollzogene Ethnogenese ein keltisches Volk in Britannien aus, welches von anderen als zusammenhängend wahrgenommen wurde und sich kollektiv repräsentierte. Wenn auch die Selbstzuordnung eher noch zu Stämmen als zu einem Volk erfolgte, so lässt sich doch von eine keltischen Volk sprechen, was durch feindlichen Einfluss von außen noch zusammengeschweißt werden allerdings auch aufgespalten werden könnte. Römer Ein einender Feind sollte sehr bald kommen. Es war Caesar, der Ende Sommer des Jahres 55 vor Christus den Entschluss fasste, nach Britannien überzusetzen.95 In seinem Gallischen Krieg berichtet er darüber, wie er Gaius Volusenus mit einem Kriegschiff losschickte, um Britannien zu erkunden. Seine Motivation war die, dass seine Feinde die Gallier oft von Britannien aus Hilfe erhielten und er deswegen die Bewohner dieses Landes kennenlernen und die Unterstützung seiner Feinde unterbinden wollte. Er selbst machte sich zu den Morinern auf, von deren Gebiet aus er gut nach Britannien übersetzen konnte. Mittels Kaufleuten war dieser Vorgang einigen keltischen Stämmen Britanniens bereits bekannt geworden. Sie schickten Gesandte zu Caesar, die ihm signalisierten, dass sie sich Rom unterwerfen und ihm Geiseln 2.2.3 95 vgl.: Brodersen, Kai: Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte, Darmstadt 1998, S. 1. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 37 stellen würden. Als sich Caesar dann allerdings Britannien selbst näherte, wurde er von den Einheimischen attackiert. Caesar und seine Truppen gewannen die Schlacht und schlossen Frieden mit den keltischen Briten. Aber nur für kurze Zeit. Nachdem ein Sturm Caesars Kriegsschiffe beschädigte, ergriffen die Briten abermals die Waffen gegen die römischen Eindringlinge.96 Diese römischen Invasoren, deren Soldaten zunächst zwar nur aus dem heutigen Italien, später aber auch aus den verschiedenen anderen Provinzen des römischen Reiches rekrutiert worden sind, stellten einen Fremdkörper in Britannien dar.97 Die Römer an sich bildeten weniger ein Volk, als eine kulturelle Gruppe ab, da sie eroberte Gebiete mitsamt ihren Einwohnern romanisierten und selbst ethnogenetisch gesehen aus einer Mischung von Völkern entstanden sind. Diese Völker und ihre Kultur hörten an sich auf zu existieren, indem sie in der römischen Kultur aufgingen. Nur einige wenige Gruppen wie die Bulgaren durch ihre schiere Masse sowie die Juden durch ihre Beharrlichkeit wurden nicht romanisiert.98 Für einen Römer war es nicht gut, wenn er einer bestimmten ethnischen Gruppe zugeordnet werden konnte und seine fremde, nicht römische Sprache beibehielt. Dies konnte besonders im politischen Kontext zum Nachteil gereichen. Mit den Römern nahte nun also eine Besiedlungswelle Britannien, die sich durchs Assimilieren auszeichnete.99 Wie sollte sich also so eine Gruppe auf die Ethnogenese des englischen Volkes auswirken? Da die Römer eher eine kulturelle Gruppe als ein Volk waren und sich aus vielen verschiedenen Ethnien zusammensetzen, ist es schwer, ihre Auswirkung auf die Bevölkerungszusammensetzung auszumachen. Eine wissenschaftliche Studie von 2016 legt nahe, dass sich die römischen Einwanderer und die Urbevölkerung zumindest kulturell angeglichen haben. Es ist DNA einiger ihrer Kultur nach römischer Briten aus Gräbern aus der Zeit des römischen Yorks vorhanden, die Übereinstimmungen mit dem Durchschnitt der heutigen 96 vgl.: Gaius Iulius Caesar: De Bello Gallico, 4, 20–30. 97 vgl.: De La Bédoyère, Guy: Companion to Roman Britain, Stroud/Brüssel/Erfurt [u.a.] 1999, S. 35. 98 vgl.: Kaldellis, Anthony: Romanland. Ethnicity and Empire in Byzantium, Cambridge 2019, S. 123–127. 99 vgl.: Kaldellis 2019, S. 151. 2 Hauptteil 38 Waliser zeigt. Sie scheinen alle sechs gebürtige Briten zu sein. Die meisten von ihnen haben laut genetischen Schätzungen vermutlich braune Augen und braune oder schwarze Haare gehabt. Außerdem weisen die meisten die Blutgruppe 0 auf. Lediglich die Stichprobe 3DRIF-26 weist eine genetische Affinität zur heutigen Bevölkerung des Nahen Ostens auf, ihre J2-L228-Haplogruppe ist aber ebenfalls im Kaukasus, dem Balkan und Italien auffindbar, was darauf schließen lässt, dass es sich hierbei um einen gebürtigen Römer handelt. Dieser wurde im selben Grabkontext aufgefunden, was für eine kulturelle Angleichung spricht.100 Ausgrabungen im ostenglischen Oakington zeigen keine signifikante römische Abstammung an.101 Auch wenn das Keltische sich im Stammbaum der indoeuropäischen Sprachen mit dem Italischen eine Vorgängersprache teilt, so ist doch nicht davon auszugehen, dass sich Römer und keltische Verbände auf ihren Sprachen miteinander verständigen konnten. Auch die genetische Abstammung, zumal sich Sprache wie in dieser Untersuchung bereits mehrmals vorangestellt nicht mit der Genetik zusammen verbreitet, sondern erlernt wird, ist bei beiden dieser Gruppen divergierend und lässt sich dementsprechend nachweisen. Heute verändern sich Sprachen weniger schnell als früher, da sie schriftlich fixiert werden.102 So konnte auch der romanisierte Kelte Gildas, aus seiner christlichen Sicht verfassend, in der Sprache der Römer sein Geschichtswerk niederschreiben.103 Und nicht nur die Sprache dieser neuen Besiedler nahm er an. In seiner Darstellung macht er seine eigenen keltischen Verwandten schlecht. Laut ihm seien sie feige im Krieg und treulos im Frieden. Er spricht von der verräterischen Löwin Boudica und dass aufgrund von Briten wie ihr Kulturgüter wie Wein und Öl von der Insel verschwanden, sodass die Römer später welche der ihren auf der Insel verbleiben lassen mussten und aus Britannien ein Romania zu 100 vgl.: Martiniano, Rui; Caffell, Anwen; Holst, Malin [u.a.]: Genomic signals of migration and continuity in Britain before the Anglo-Saxons. in: Nature Communications 7, 10326 (2016). URL: https://doi.org/10.1038/ncomms10326. (gesichtet am 04.07.2020). 101 vgl.: Schiffels; Haak; Paajanen [u.a.] 2016. (Gesichtet am 04.07.2020). 102 vgl.: Krause, Johannes; Trappe, Thomas: Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren, Berlin 2019, S. 144–152. 103 vgl.: Prack 2000, S. 205–206. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 39 machen, in dem sämtliche Metallwaren mit dem Antlitz Caesars geziert werden sollten.104 Dabei wirkten sich Caesars Leistungen vermutlich gar nicht groß auf Britannien aus. Eine Zahlung des durch Caesar geforderten Tributs ist nicht belegt. Er hatte dem Atrebaten Commius vertraut, der ihn verriet und auf Britannien eine fast 100 Jahre währende Dynastie erschuf. Caesars Vorstöße nach Britannien sind also mehr als eine Erkundung zu bewerten, die nicht wirklich etwas an der ethnogenetischen Zusammensetzung der britischen Inseln veränderte und ebenso wenig kulturell auf Britannien eingewirkt hat.105 Letzteres ist allerdings damit zu widerlegen, dass sich Britannien nach Caesars Übersetzen mehr und mehr dem römischen Einfluss, Handel sowie Gütern öffnete. Darunter fielen Wein, Glas sowie Keramik. Auch auf den von Gildas erwähnten Münzen ließen britannische Herrscher nun ihre Namen vermerken. Doch mit dem Voranschreiten der Zwischenzeit von 54 vor bis 43 nach Christus wurden sich die Einwohner Britanniens immer mehr dem schwindenden Einfluss Roms auf ihre Insel bewusst.106 Dies sollte sich jedoch bald ändern, als nach der Ermordung Caligulas sein Nachfolger aus dem Wunsch Roms, militärisches Ansehen wiederherzustellen, die Eroberung Britanniens anstrebte. Seine Zielsetzung dabei war es, das Druidentum als einende Komponente gegen Rom auszurotten und sich des Wohlstands Britanniens zu bemächtigen.107 Die Druiden einten die Kelten als ethnogenetische Gruppierung, da sie sich aus herrschenden und zumeist reichlich mit Landbesitzungen ausgestatteten Adligen rekrutierten. Zudem war es ihnen durch ihren Priesterstatus erlaubt, von Stamm zu Stamm zu reisen, ohne dass man ihnen ein Leid zufügen durfte. Durch ihren Kontakt mit den Römern und den Griechen erwarben sie eine Schriftkultur, was sich an archäologischen Erkenntnissen wie dem Coligny Kalender nachweisen lässt.108 Aulus Plautius nahm mit Hilfstruppen und vier 104 vgl.: Gildas: De Excidio et Conquestu Britanniae, 2, 4–7. 105 vgl.: Brodersen 1998, S. 21–27. 106 vgl.: Webster, Graham: Boudica. The British revolt against Rome. AD 60, London 21993, S. 38–53. 107 vgl.: Scullard, Howard: Roman Britain. Outpost of the Empire, London 1995, S. 37. 108 vgl.: Webster 1993, S. 63–81. 2 Hauptteil 40 römischen Legionen Südostengland für seinen Kaiser Claudius ein. Als der Kaiser dann selbst nach Britannien kam, ordneten sich elf keltische Könige ihm unter. Britannien wurde römische Provinz, bekam mit Colchester eine Hauptstadt und bekam Plautius als Statthalter. Im Verlauf von drei weiteren Jahren bauten die römischen Verbände die Herrschaft aus. Claudius wurde der Beiname Britannicus zu eigen.109 Immerhin verlieh er ihnen unter seiner Herrschaft von 41 bis 54 das Bürgerrecht, was eine Romanisierung in Gang setze und die keltische Sprache im öffentlichen Gebrauch dem Latein weichen ließ. Auch die keltischen Götter mussten römisch werden und taten dies durch das Verschmelzen mit ihren römischen Äquivalenten, oder durch eine Romanisierung ihres Namens.110 Allerdings wurde die keltische Religion nicht immer nur romanisiert übernommen. Eine archäologische Fundstelle nahe des Flughafens Heathrow in London zeigt eine langjährig genutzte Kultstelle, die kurz nach der römischen Eroberung nicht mehr weiter verwendet worden ist. Davon gibt es noch weitere Beispiele. Und dass, obwohl die Römer zur Zeit der Eroberung durch Plautius großen Respekt für die Gottheiten anderer Völker zeigten, weil sie Angst hatten, dass sie diese verärgern könnten und sich diese dann gegen sie wenden würden.111 Nach anfänglichen Siegen und der Zerstörung einer wichtigen Kultstätte auf der heutigen Insel Angsley, welche damals Mona hieß, und der Überwältigung des von der Ikenerin Boudica nach der Ermordung ihres Gatten Prasutagus angeleiteten Aufstands ließ Rom weiterhin Härte walten und die Römer verwüsteten die Regionen aufbegehrender Stämme. Die Kelten im heutigen England und Wales, großen Teilen des damaligen Britanniens, wurden kulturell immer römischer. Ihre Oberschicht bekam römische Erziehung und Bildung. Des Weiteren wurde die Infrastruktur ausgebaut und Städte wie Bath, Lincoln, London und York gegründet. Römische Tempel und römische Bäder ließen die Kelten kulturell immer mehr zu Römern werden. Aber nicht alle Kelten. Diejenigen Kelten, aber auch Stämme, die ihnen nicht hundertprozentig sicher zugeordnet werden können, lehnten sich im Nor- 109 vgl.: Vogt 1994, S. 27–28. 110 vgl.: Petersmann 2016, S. 193. 111 vgl.: Webster 1993, S. 82. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 41 den gegen die Römer auf. Die Kaledonier in Schottland lebten zwar auch in Britannien, aber im nichtrömischen Britannien jenseits des im Jahre 122 errichteten Hadrianswalls. Hier konnte sich keltische Kultur erhalten, die in den südlichen Gebieten der römischen Kultur wich. Auch Irland wurde von den Römern nicht erobert. Seine 400 vor Christus keltisierten Einwohner konnten sich ihre keltische Sprache und Kultur erhalten. Sie lebten noch ähnlich wie in der La Tène Zeit. Im römisch regierten Britannien waren dagegen fast alle freien Kelten der Romanisierung unterworfen.112 Eine römische klare Hierarchie hielt im besetzten Britannien Einzug, während sich zuvor die Stammesverbände sowie deren Gebietsherrschaften noch mit ihren jeweiligen Herrschern und deren Glück flüssig wandelten, wurde durch die Römer eine Verwaltung festgelegter regionaler Zonen eingerichtet.113 Dabei erlaubten sie den Briten so viel Selbstverwaltung, wie es möglich war und überzeugten sie, die neue römische Lebensart anzunehmen und auf ihre Weise umzusetzen.114 Stadtnamen die aus dieser römischen Zeit stammen, haben sich in ihren Abwandlungen bis heute erhalten. Beispiele dafür sind Dover, London, Lympne und Reculver.115 Christliche Schreiber wie Gildas, Beda, Nennius und Geoffrey von Monmouth schrieben die für diese Untersuchung herangezogenen Texte allesamt in lateinischer Sprache. In ausführlicher Form ist in diesem Teil nur Gildas konsultiert worden, da er an der Römerzeit in Britannien am dichtesten dran gewesen ist, als verlässlich eingestuft wird und spätere Chronisten wie Beda sich wiederholt auf ihn beziehen.116 Ihre Sprache Latein ist mit den Römern nach Britannien gekommen. Während die einfachen Bauern und unbelesenen Briten nur Keltisch sprachen, so setzte sich in der gebildeten Oberschicht Latein durch. Bereits vor der durch Claudius begonnenen Invasion könnten Teile der Oberschicht oberflächliche Kenntnisse von Latein besessen haben. Danach wurde Vulgärlatein von der multiethnischen römischen Armee nach Britannien getragen. Dennoch ist das britannische Latein aufgrund der lateinischen Schulbildung vermutlich reiner gewesen als in 112 vgl.: Krause 2007, S. 128–139. 113 vgl.: De La Bédoyère 1999, S. 95. 114 vgl.: Scullard 1995, S. 49. 115 vgl.: Myres, John: The English settlements, Oxford 1986, S. 31. 116 vgl.: Myres 1986, S. 1–20. 2 Hauptteil 42 Rom selbst. Auf dem Land sprach man die britische Ausprägung des Keltischen, während in der Stadt beide Sprachen vorherrschten. Anders als das Festlandkeltische ist die britannische Sprache nicht trotz seiner vierhundertjährigen Verwendung zu einer romanischen Sprache geworden. Allerdings haben sich auch in sie mindestens 600 Wörter verschiedener durch das Eindringen der Römer geprägte Bereiche erhalten. Erst zum Ende der römischen Zeit wurde auf britannisch verfasst.117 Während also die lateinische Sprache und Schrift schon früh Einzug ins römische Britannien erhielt, so kam das viele der betrachteten historischen Autoren einende Element des Christentums erst später nach Britannien. Während die monotheistische Religion in den ersten zwei Jahrhunderten in Britannien nur wenig Einfluss hatte, so schreibt Tertullian im Jahre 206, dass das Christentum in den Teilen der britischen Inseln, die noch nicht von den Römern unterworfen worden sind, Einzug gehalten hat. Gemeint sind damit Irland und Schottland. Beda schreibt von drei britischen Märtyrern, die die aktuelle Forschung ins dritte oder vierte Jahrhundert verortet. Nach der Verfolgung von Christen, die mit Diocletian große Ausmaße annahm, wurde diese mit der Konversion Kaiser Konstantins sowie dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 beendet. Das Christentum wurde nun als eine Religion der Römer anerkannt und war auf dem stetigen Vormarsch bis in 391 Theodosius mit dem Verbot von Heidentum und der Schließung der Tempel den Sieg des Christentums verfestigte. Schriftquellen belegen eine aktive und voll organisierte Kirche in Britannien ab dem frühen vierten Jahrhundert. Archäologische Funde und Inschriften sind sehr spärlich aufzufinden, was sich so interpretieren lässt, dass sich das Christentum zuerst in der Unterschicht sowohl in Stadt und Land ausbreitete, um dann allmählich auch in den höheren Rängen als Religion angenommen zu werden und in Mosaiken und Silberbesteck seine archäologische Verewigung fand.118 Allerdings ist die Christianisierung der Kelten generell ein langwieriger Prozess gewesen, da der Kontakt mit den Göttern über die Natur einen starken Kontrast zu einem transzendentem jüdischchristlichen Gott darstellte. Die britannischen Kelten, 117 vgl.: Scullard 1995, S. 147–149. 118 vgl.: Scullard 1995, S. 165–166. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 43 zu denen auch der heilige Patrick als Begründer der irischen Kirche gezählt wird, sind durch die auf dem Bischofssystem basierenden römischen Strukturen und den damit auch sich auf die umliegenden Dörfer auswirkenden Einfluss, ein wenig schneller Christen geworden.119 In Irland vollzog sich die Christianisierung anders als im britischen Bereich. Dort konnten sich wichtige traditionelle Relikte und Vorstellungen des keltischen Heidentums in der neuen Religion erhalten.120 Kulturell gesehen übten die Römer also einen sehr starken Einfluss auf die keltischen Briten aus. Ihre religiösen Umschwünge zogen auch nach Britannien ein. Nach anfänglichen Aufständen waren die Römer also in Britannien angekommen. Doch wie nahmen sie die Besiedelten wahr? Mommsen schrieb, dass die Briten die treusten Verbündeten Roms gewesen sind und dass es Rom war, welches ihre treuen Untergebenen im Stich ließ und ihnen durch Honorius´ Briefe im Jahre 410 beteuerte, sie sollen sich doch selbst helfen, wenn sie könnten. Auch wenn sich manche keltische Briten flehend an Kaiser Honorius wandten, so verjagten andere ihre römischen Herrscher.121 Doch warum waren die römischen Besiedler nicht gekommen, um zu bleiben? Im vierten Jahrhundert fielen mehr und mehr fremde Völker und Krieger in den römischen Teil Britanniens ein. Es waren keltischstämmige Völker, die sich nun als Iren, Pikten und Skoten begriffen. Die Iren kamen vom Westen her, während Skoten und Pikten von Norden ins römische Britannien eindrangen. Doch auch ein neues Volk bedrängte nun das römische Britannien. Vom Südosten her kamen die germanischen Sachsen.122 Ähnlich war es anderen römischen Provinzen zuvor ergangen. 395 wurde das römische Imperium zweigeteilt. Der germanische Westgote Alarich schaffte es, 410 Rom zu erobern. Alanen, Burgunder, Sueben und Vandalen stießen weit ins gallische und spanische Rom hinein. Um dieser Herausforderung Herr zu werden, wurden immer mehr Truppen aus Britannien abgezogen. Ein gallischer Chronist berichtet über einen großen sächsischen Vorstoß, den die noch römischen Briten abwehren konnten. 410 hörte Britannien auf, ein Teil des 119 vgl.: Petersmann 2016, S. 196–197. 120 vgl.: Krause 2007, S. 141. 121 vgl.: Brodersen 1998, S. 248–249. 122 vgl.: Krause 2007, S. 142. 2 Hauptteil 44 römischen Reichs zu sein. Die meisten Römer waren abgezogen, allerdings war dies keine dramatische plötzliche Flucht der römischen Besiedler. Der Prozess hatte sich zuvor über einen längeren Zeitraum erstreckt. Auch wenn nun fast alle ethnischen Römer, sofern es sie denn gab, verschwunden waren, verblieben die kulturell römisch beeinflussten Briten in Britannien.123 Für diese Zeit des Chaos‘ und der Anarchie ist die historische Quellenlage spärlich. Krause geht davon aus, dass die römischkeltischen Briten sich nun selbst verwalteten, in London einen König wählten und sich auf ihre vorrömischen Wurzeln beriefen. Wie die Iren in Irland, die sich ihr altes Brauchtum bewahrt hatten, knüpften sie an längst vergangene Zeiten an, nutzten die alten Wallburgen wieder und wechselten vom Geld- zum Tauschhandel. Das römische Britannien wurde in mehrere Herrschaftsgebiete aufgeteilt von denen die einen keltisch, manche römisch und wiederum einige eine Mischkultur aufwiesen.124 Auch Wolfram bestätigt die Ansicht, dass die Briten keine herausragend guten Römer waren, sondern sich ähnlich wie andere Völkerschaften entwickelten, nachdem der Besatzer verschwunden war. Es ist hier also keine Sonderentwicklung auszumachen. Römische Staatlichkeit hatte auf die Briten keinen Einfluss mehr und mittlerweile einheimische wie bald auch fremde Völker und Könige traten auf. In einigen Städten konnte sich allerdings das römische Steuersystem erhalten. Die Ausführung eines kaiserlichen Befehls in Britannien ist auch noch bis 435 nachgewiesen worden, was dafür spricht, dass man bis dahin Britannien trotz allem noch als Teil des römischen Reiches ansah. Sollten entgegen der genetischen Erkenntnisse noch Römer in Britannien verblieben sein, so schlossen sie sich nun aus der Not heraus auch den neu entstehenden Herrschaften an.125 Zusammengefasst sind die Auswirkungen der Römer auf die Ethnogenese des englischen Volkes wie folgt zu betrachten: Caesar kundschaftete das Land für die Besiedlung aus. Anschließend kam mit einiger zeitlicher Verzögerung die kulturelle Gruppe der Römer aus dem heutigen Italien, aber auch aus den anderen Bereichen des römischen Rei- 123 vgl.: Scullard 1995, S. 173–176. 124 vgl.: Krause 2007, S. 142–143. 125 vgl.: Wolfram 2018, S. 346–347. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 45 ches. Sie eroberten die Insel Britannien systematisch und nicht durch eine primordiale Tat. Sie segregierten den Teil, den sie nicht erobern konnten, mit dem Hadrianswall ab. Ihre Besiedlung wirkte sich auf verschiedene Bereiche über Kultur, Sprache, Schrift und Infrastruktur auf die Briten aus. Neben lateinischer Schrift und Sprache brachten sie durch Besetzung und Handel beispielsweise Wein, Glas, Keramik, Öl und Bildung ins Land und errichten Bäder sowie Tempel. Die keltischen Götter wurden erst ihrer gemeinsamen polytheistischen Natur nach ins römische Pantheon eingefügt, bzw. romanisiert und später in weiten Teilen durch das Christentum ersetzt. Ethnogenetisch betrachtet lässt sich keiner der Kernbegriffe gut auf sie anwenden, da sich die Römer später wieder von der Insel verabschiedeten. Bzw. wenn sie überhaupt auf der Insel verblieben, war ihr Einfluss auf die ethnische Zusammensetzung der Engländer so gering, dass dieser sich in den genetischen Forschungsergebnissen von heute nicht widerspiegelt. Die auch nicht bestätigen, dass sich Römer und Kelten ethnisch vermischten. Dies muss nicht heißen, dass überhaupt keine Römer verblieben und dass keine gemeinsamen Nachkommen gezeugt worden sind. Aber wenn sie nur eine ganz geringe Anzahl ausmachten, ist es höchstwahrscheinlich, dass bereits nach fünfzehn Generationen keine identifizierbare DNA mehr von ihnen vorliegt, weil sie über die Jahre verloren gegangen ist.126 Kulturell wirkten sich die Römer dagegen sehr stark auf die Ethnogenese aus. Briten und Römer schafften kollektive Repräsentation durch gemeinsame Rituale, wurde von außen als römische Provinz wahrgenommen und betrachtete sich als römisch. Doch die schnelle Trennung widerlegt hier den Ansatz einer abermals erfolgten Volkbildung. Als Gemeinsamkeit haben die Römer und die Kelten ihren Polytheismus sowie die spätere Christianisierung, bzw. einen gemeinsamen Konfessionswechsel vorzuweisen. Unterschiede der beiden Gruppen bestehen stark in Sprache und Kultur. In der Zeit des römischen Britanniens gibt es eine ethnische Kontinuität, während sich bis auf anfänglichen Gemeinsamkeiten in der Religion kulturell ein Bruch vollzieht. Auch der gemeinsam vollzogene Bruch der polytheistischen Religion hin zum Christentum ist hier hervorzuheben. Allerdings kristallisierten sich die keltischen Briten im Bereich des heutigen Englands 126 vgl.: Reich 2018, S. 10–15. 2 Hauptteil 46 heraus, während ihre entfernten Verwandten die Pikten, Skoten und Iren sich mehr und mehr von ihnen abgrenzten und zu eigenen Völkern wurden. Dieser Prozess wurde durch den römischen Einfluss verstärkt, der definitiv ethnogenetische Auswirkungen nach sich zog und die Briten zwar nicht zu Römern werden ließ, sie jedoch teilromanisiert ihre eigene Kultur ausprägen ließ. Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen Während sie sich gegen die anderen keltischstämmigen Völker durchsetzten und es ihnen für eine kurze Zeit nach der römischen Besatzung gut gehen sollte, waren die damaligen Briten abermals durch Schiffsanlandungen vom europäischen Festland bedroht. So sind laut Beda ab 448 Landungen der Sachsen belegt, auch wenn davon auszugehen ist, dass diese schon 20 Jahre länger in Britannien siedeln konnten.127 Archäologische Funde bestätigen diese Annahme und gehen bereits ab dem Jahre 407 von Sachseneinfällen aus.128 Geschichtsschreiber der Gallier aus dem fünften Jahrhundert vermerkten 408 sowie 410/411 Verwüstungen durch Sachsen und andere Landnehmer. Motiviert waren diese vermutlich dadurch, dass schon 407 die meisten römischen Militärs Britannien verlassen hatten und sie nun ein Machtvakuum witterten und sie außerdem bereits erschlossenes Ackerland für sich einnehmen wollten.129 Beda schreibt weiterhin, dass die mithilfe von drei Langschiffen eingetroffenen Angeln oder Sachsen vom König Britanniens dazu eingeladen worden sind, im Osten der Insel zu siedeln, wenn sie für ihre neue Heimat zu kämpfen bereit wären. Das waren sie auch. Aber anders als es der britische König erwartet hatte, kämpften sie gegen ihn, siegten, holten Verstärkung und wurden dann wieder befriedet. Nachdem sie für die Briten die Pikten besiegt hatten, wuchs ihre Bevölkerungszahl und sie forderten größere Nahrungslieferungen von den Briten. Als diese der Forderung nicht nachkommen wollten oder konnten, begann eine Reihe von militärischen Handlungen zwi- 2.2.4 127 vgl.: Scullard 1995, S. 177. 128 vgl.: Capelle, Torsten: Die Sachsen des frühen Mittelalters, Darmstadt 1998, S. 13–14. 129 vgl.: Uebach 2003, S. 31. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 47 schen den Neuankömmlingen und den Einheimischen. Diese sollten 44 Jahre bis zur sagenumwobenen Schlacht des Mons Badonicus anhalten.130 Während Beda sich schon bei deren Landung nicht ganz sicher ist, ob es nun Angeln oder Sachsen waren, so führt er aus, dass es sich um drei germanische Völker handelte, die England besiedelten. Die Jüten besiedelten ihm zufolge Kent sowie die Insel Wight. Angeln aus der gleichnamigen Region im heutigen Schleswig-Holstein sollen die Ostangeln, Westangeln, Mercier und Nordhumbrier begründet haben. Ostsachsen, Westsachsen und Südsachsen sollen aus dem Gebiet der Altsachsen im heutigen Niedersachsen stammen.131 Bedas Analysen können durch archäologische Funde bestätigt werden. Grabfunde aus englischen Gräbern sind vergleichbar mit denen, die man im heutigen Nordwestdeutschland und im südlichen Dänemark auffindet. In Ostanglien wurden Urnen gefunden, die denen in Altsachsen so ähnlich sind, dass sie von denselben Erstellern angefertigt worden sein könnten. Beda nennt die Friesen nicht. Wir können allerdings davon ausgehen, dass sich auch Friesen unter die Sachsen mischten.132 Dafür gibt es allerdings keine stichhaltigen archäologischen Belege. Auch die Meinung, dass das Friesische und Englische im Vergleich zu den anderen germanischen Sprachen einem gemeinsamen Ursprung entsprungen sind, ist nicht unbestritten.133 Allerdings scheinen genetische Studien zum Y-Chromosom der britischen Inseln die Annahmen zu unterstützen, da die britischen Genergebnisse denen der friesischen Referenz ein wenig ähnlicher waren als dem nordwestdeutschdänischen Vergleichsexemplar. Auch wenn beide Gruppen sich genetisch generell schon sehr ähneln. Dies kann an ihrer geografischen Nähe liegen, die es übrigens auch nicht abwegig erscheinen lässt, dass auch in geringem Maße Friesen nach Britannien übersiedelten.134 Ältere Studien zum Y- 130 vgl.: Beda: Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum, 1, 14–16. 131 vgl.: Beda: Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum, 1, 15. 132 vgl.: Blair, John: The Anglo-Saxon Age. A very short Introduction, Oxford/New York 2000, S. 1–4. 133 vgl.: Uebach 2003, S. 26–28. 134 vgl.: Capelli, Christian; Redhead, Nicola; Abernethy, Julia [u.a.]: A Y Chromosome Census of the British Isles, in: Current Biology 13, 11 (2003). URL: https://doi .org/10.1016/S0960-9822(03)00373-7. (gesichtet am 09.07.2020). 2 Hauptteil 48 Chromosom bestätigten die Annahme ebenfalls, dass Friesen und Engländer sich genetisch sehr stark ähneln und dass in mehreren englischen Städten diese Ergebnisse bestätigt werden konnten. Daraus lässt sich schließen, dass die Nordsee weniger ein genetisches Hindernis darstellte, als der Übergang von England nach Nordwales. Genetische Überlegungen zu der ethnischen Uneinheitlichkeit der Kelten wurden abermals bestätigt, da die zwei nordwalisischen Städte signifikant voneinander abwichen. Norwegische Referenzpopulationen waren ebenfalls entfernt von denen der englischen Stichproben, weswegen sich der Wikingereinfluss als gering einschätzen lässt. Es können allerdings auch dänische Wikinger dort gelandet sein, welche den Friesen genetisch ähnlich gewesen sein könnten.135 Wenn es auch archäologische Funde, die denen der Franken ähneln, in England gibt, so ist trotzdem nicht davon auszugehen, dass viele Franken nach Britannien übersiedelten.136 Im Gegensatz zu dem größtenteils keltischen Ursprung der bisherigen Bewohner Britanniens, ist den Zuwanderern eines gemeinsam: Sie werden zu den Germanen gezählt. Tacitus nahm wie einige seiner Zeitgenossen an, dass es sich bei den Germanen um die Ureinwohner eines Landes, das er “Germanien“ nannte, welche weder durch das Eindringen fremder Völker noch durch deren Aufnahme vermischt worden wären und sich ihre Eigenheiten dadurch bewahren konnten. Weiterhin beschreibt er den Vorgang, dass es sich bei Germanen um den Namen eines einzelnen Stammes gehalten habe, der dann auf das ganze Volk übergangen sei. Alle Germanen sollen sich auf den Erdgott Tuisto und dessen Sohn Mannus, zurückführen lassen, welcher wiederum drei Söhne hatte, welche die Urahnen der drei verschiedenen germanischen Obergruppen darstellen sollen.137 Auch wenn wir heute wissen, dass das Vorkommen derart radikal abgeschlossener, nicht im Austausch mit anderen Völkern stehender, biologischer Gruppierungen wie das der Germanen laut Tacitus nicht der Wahrheit entspricht 135 vgl.: Weale, Michael; Weiss, Deborah; Jager, Rolf [u.a.]: Y Chromosome Evidence for Anglo-Saxon Mass Migration, in: Molecular Biology and Evolution 19, 7 (2002). URL: https://doi.org/10.1093/oxfordjournals.molbev.a004160. (gesichtet am 15.07.2020). 136 vgl.: Uebach 2003, S. 27. 137 vgl.: Tacitus: De Origine et Situ Germanorum, 2–4. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 49 und meistens aus dem Grunde des Zusammenhalts als Mythos geschaffen worden ist und dass der Germanenname als Fremdbezeichnung von den Römern begründet wurde, so lässt sich dennoch festhalten, dass ein großer Teil eben jener Germanen eine gemeinsame Abstammung auf der väterlichen Linie teilt.138 Eine dieser Abstammungslinien ist die Y-Haplogruppe R1b-U106/S21, deren Prävalenz dort am höchsten ist, wo Germanen in der nachrömischen Zeit nachzuweisen sind. Prozentual ist diese Gruppe im heutigen nordwestlichen Niedersachsen, den Niederlanden, England und Südwales so stark vertreten, dass sie dort 30–40% der väterlichen Abstammungslinien der heutigen Bevölkerung abbildet. Aufgrund ihrer Verbreitung kann man sie sehr gut als vorherrschende Y-Haplogruppe der Sachsen und Friesen und vermutlich auch als der der Angeln und Jüten annehmen, welche auch heute noch einen großen Teil des angelsächsisch besiedelten Bereichs ausmacht und sich von der skandinavischen Y-Haplogruppe I1 abhebt.139 Es ist anzumerken, dass sich die vier, später zu Angelsachsen zusammengefassten Stämme, auf einen sehr nahen gemeinsamen Ursprung zurückführen lassen können.140 Archäologische Fundstücke wie beispielsweise Tongefäße, die von der Unterweser bis zu den Inseln der Nordfriesen aufgefunden worden sind, ähneln sich in Verzierung und Form so vehement, dass stark angenommen werden kann, dass von einem regen Austausch im gesamten Gebiet ausgegangen werden kann. Immerhin teilten Plinius sowie Tacitus die hauptsächlichen Verbreitungsgebiete dieser Gruppen verallgemeinernd als Chaukengebiet ein.141 Auch die Ortsnamen, die in der neuen Heimat zur Anwendung kamen, waren selten neu. Sie beriefen sich meist auf germanische Ortsnamen, die bereits auf dem Festland in Regionen wie in Flandern und dem westlichen Niedersachsen auftraten und ebenfalls auf eine gemeinsame Herkunft hindeuten könnten.142 138 vgl.: Manco 2018, S. 35. 139 vgl.: Manco 2018, S. 90–91. 140 vgl.: Springer, Matthias: Die Sachsen, Stuttgart 2004, S. 55–56. 141 vgl.: Capelle 1998, S. 12–14. 142 vgl.: Springer 2004, S. 50. 2 Hauptteil 50 Weitere genetische Studien belegen, dass 38% der DNA der Einwohner Ostenglands143 sowie generell 10–40% des genetischen Erbguts der gesamten Bevölkerung Zentral- und Südenglands durch eben jene angelsächsische Besiedlungswelle herzuleiten ist.144 In unserer Zeit fasst man diese unterschiedlichen Stämme oder Völkerschaften gerne als Angelsachsen zusammen. Dieser Begriff ist allerdings erst seit um 800 belegt. Dabei sprechen die meisten lateinischen Autoren vom fünften bis neunten Jahrhundert lediglich von Sachsen. Auch mit dem Land Sachsen war damals manchmal Altsachsen und mal England gemeint.145 Es handelt sich bei den Sachsen um eine Fremdbezeichnung für durch Piraterie in Erscheinung tretende germanische Seefahrer, die deren Angehörige nicht weiter ausführten. Obgleich Ptolemaios und Tacitus schon im zweiten Jahrhundert die Sachsen im nördlichen Holstein und die Friesen im nördlichen Holland verorten und auch die Angeln erwähnen.146 Capelle bringt an, dass bei ihnen die genaue Zuordnung als Fremd- oder Eigenbezeichnung nicht ganz so einfach ist, weil die Sachsen ihren Namen auch von ihrem einschneidigen Hiebschwert, dem Sax, erhalten haben könnten. Im Norwegischen ist der Begriff auch heute noch als „saks“ erhalten und bedeutet Schere. Obschon auch andere germanische Stämme das Saxschwert benutzten, kann es für die saxführenden Seefahrer dennoch so prominent geworden sein, dass es wie ein Wahrzeichen für sie wurde. Für die Sachsen ist belegt, dass ihr Gott Saxnot, dessen Name übersetzt Sachsengenosse bedeutet, von ihnen besonders verehrt wurde.147 Beda sah sich selbst als von den Angeln abstammend.148 So wurde nun also eine große Anzahl germanischer Siedler in der Außenwahrnehmung zusammengefasst. Bedas übergenaue Trennung der drei Völkerschaften ist durch archäologische Funde so nicht haltbar. Metallarbeiten der Kenter ähneln beispielsweise denen in Ostanglien. Die Überfahrt geschah vermutlich in kleinen Wellen durch uneinheitliche Gruppierungen und nicht durch ein primordiales Übersetzen einer 143 vgl.: Schiffels; Haak; Paajanen [u.a.] 2016. (Gesichtet am 09.07.2020). 144 vgl.: Leslie; Winney; Hellenthal [u.a.] 2015. (Gesichtet am 09.07.2020). 145 vgl.: Springer 2004, S. 55–56. 146 vgl.: Uebach 2003, S. 23–24. 147 vgl.: Capelle 1998, S. 9–11. 148 vgl.: Kleinschmidt, Harald: Die Angelsachsen, München 2011, S. 24. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 51 großen Gruppe. Die exakte Abstammung von einem Stamm oder Volk wurde mit der Zeit immer weniger wichtig, da sich die Kultur des damaligen Skandinaviens, des Gebiets des heutigen Deutschlands und des heutigen Nordfrankreichs sehr ähnlich war. Mit der Zeit entwickelte man eine gemeinsame Identität, die durch eine kollektive Repräsentation gefestigt worden ist.149 Dass Beda nur drei dieser Völker explizit nannte, könnte daran liegen, dass Beda sich einer dichterischen Quelle bedient hat. Auch aus Nordeuropa können Schweden und Norweger nach Britannien gekommen sein, was sich an archäologischen Funden wie Sutton Hoo in Suffolk belegen lässt.150 Die hauptanteilhabenden Stämme dieser Besiedlungswelle waren allerdings jene Völker, welche als Nordseegermanen bzw. Ingwäonen von Tacitus eingeteilt worden sind und aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft genetisch schwer auseinanderzuhalten sind.151 Auch kulturell waren sie sich dementsprechend noch sehr ähnlich, da ihre jeweiligen Volkwerdungen noch nicht lange genug her waren. Auch wenn der Name England ursprünglich Land der Angeln bedeutete, so waren doch auch an der nordseegermanischen Besiedlungswelle viele kleinere germanische Völker beteiligt.152 Dass dann letztendlich doch der Name der Angeln im Landesnamen verewigt werden sollte, ist dem Umstand zu verdanken, dass ab dem fünften Jahrhundert hauptsächlich Angeln in das englische Gebiet vorstießen, welche die schon vorher eingetroffenen Sachsen, Friesen und Jüten eingliederten. Obgleich in den zwei Jahrhunderten zuvor noch Sachsen die germanische Mischgruppe dominierten und für frühere Geschichtsschreiber den Inbegriff barbarischer Seefahrer aus dem Norden darstellten und für Regionen wie Essex, Middlesex, Sussex, Surrey und Wessex namensgebend wirkten. Auch die romanisierten Briten bezeichneten der Einfachheit halber die nordseegermanischen Einwanderer als Sachsen, selbst wenn sich diese wie im Fall von Penda von Mercien als die reinsten Angeln sahen und das einem großen Teil der späteren Angelsachsen so ging. Vielleicht wurden gerade deshalb 149 vgl.: Blair 2000, S. 4. 150 vgl.: Springer 2004, S. 50–51. 151 vgl.: Tacitus: De Origine et Situ Germanorum, 1–2. 152 vgl.: Elmentaler, Michael: Historische Graphematik des Deutschen. Eine Einführung, Tübingen 2018, S. 180. 2 Hauptteil 52 diese beiden Namen im Zuge der Ethnogenese zur einenden Bezeichnung der nordseegermanischen Eroberer Englands.153 Ethnogenetisch gesehen, glichen sich die neuen germanischen Einwohner Britanniens, was durch die Besiedlungswelle zu einem Angelland geworden war, immer weiter aneinander an. Doch wie verlief diese Besiedlung der nordseegermanischen Einwanderer nach Britannien nun genau und welche Bereiche betraf sie? Was geschah mit den bereits einheimischen keltischen Briten? Und verschmolzen die Angelsachsen mit ihnen? Ein unbekannter gallischer Historiker gibt an, dass Britannien 441–442 unter die Herrschaft der Sachsen kam. Doch auch hier ist keine primordiale Tat auszumachen, da zuvor schon Sachsen im Land gewesen sind und es nicht mit einem Mal erobert wurde.154 Für die britischen Widersacher der Angelsachsen scheint es mit dem Kampf bei Mons Badonicus um 500 doch fast zu so etwas wie einer primordialen Tat gekommen zu sein, obwohl die Briten natürlich vorher schon Bestand hatten, so einte man sich nun gegen den neuen Feind, schlug ihn zurück und ordnete sich ihm nicht wie zu Römerzeiten unter. So wurde dieser historische Sieg zu einem Mythos. Er wurde nachträglich einem britischen Kriegsfürsten namens Artur zugeschrieben.155 Ein Artur, der als mythische Figur nicht historisch belegbar für politische Zwecke herangezogen wurde und besonders durch Geoffrey von Monmouth ausgestaltet worden ist.156 Dennoch lassen sich historische Umstände, auf denen seine Legende begründet sein könnte, ausmachen. Ideologisch konnte so ein mit keltischen Traditionen unterfütterter Held den viel besiegten und zurückgedrängten Briten Trost bieten im Kampf gegen ihre heidnischen angelsächsischen Widersacher.157 Die Angelsachsen sollten sich mit ihrem Beowulf-Epos im Jahre 1000 ihre eigene Heldengeschichte verfassen, die wie im Falle der Briten ebenfalls der Selbstzuordnung dienen konnte. Interessant ist, dass der in Beowulf beschriebene Vorgang einer Bestattung eines Herrschers in 153 vgl.: Myres 1986, S. 104–109. 154 vgl.: Springer 2004, S. 48. 155 vgl.: Blair 2000, S. 6–7. 156 vgl.: Higham, Nicholas: King Artur. Myth-Making and History, London/New York 2002, S. 264–266. 157 vgl.: Zimmer 2006, S. 191–194. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 53 einem Schiff teilweise durch die Funde bei Sutton Hoo belegt werden konnte. Doch in dem Schiffsrumpf aus dem frühen siebten Jahrhundert wurden keine Leichen vorgefunden. Andernfalls wäre der heidnische Jenseitsglaube der Angelsachsen noch leichter zu bestätigen gewesen. Allerdings wurden heidnische wie christliche Beigaben gefunden, weswegen sich Sutton Hoo in die Übergangsphase der Angelsachsen zum Christentum einordnen lässt.158 In der Zeit von 430 bis 570 vollzogen sich drastische Veränderungen im Süden und Osten von Britannien. Eine neue germanischheidnische Religion hielt Einzug in viele Bereiche und verdrängte beispielsweise das römischbritische Christentum. Die römisch beeinflusste Kultur der Briten wich der Kultur der eindringenden Angelsachsen, die auch Änderungen in Architektur und Kultur brachten.159 Genetische Funde aus Oakington, die die frühe Sachsenzeit (fünftes und sechstes Jahrhundert) widerspiegeln, zeigen durchaus gemischte Einwohner, was dafür spricht, dass sich Angelsachsen und Briten miteinander vermehrt haben. Kulturell sollen sie weiteren archäologischen Funden zufolge angelsächsisch gewesen sein. Interessant ist dabei, dass das Individuum Oakington 4 seinen Genen nach ein ausschließlicher Nachfahre einheimischer Briten gewesen sein muss. Gerade in seinem Grab wurden die meisten Beigaben gefunden, während die eingewanderten Angelsachsen in ihren Gräbern viel spärlichere Beigaben hatten. Eine Unterwerfung unter die Angelsachsen muss also nicht zwangsweise mit Eigentumsverlust einhergegangen sein. Es wird vermutet, dass die Einwanderer ärmer waren. Spätere Funde (siebtes bis neuntes Jahrhundert) aus Hinxton zeigen dagegen eine unvermischte Gruppe von Individuen an, die vielleicht auch noch auf dem Kontinent geboren wurden.160 Der Umstand, dass es auch Individuen mit beiderlei Wurzeln gab, unterstützt Uebachs Beobachtung, dass die Angelsachsen eben nicht die einheimischen Briten ausrotteten, sondern unterwarfen. Auch wenn sie das von den Römern verlassene Land und seine Siedlungen in An- 158 vgl.: Kleinschmidt 2011, S. 33–34. 159 vgl.: Higham, Nicholas: The Origins of England, in: Higham, Nicholas; Ryan, Martin (Hrsgg.): The Anglo-Saxon World, New Haven/London 2015, S. 70. 160 vgl.: Schiffels; Haak; Paajanen [u.a.] 2016. (Gesichtet am 12.07.2020). 2 Hauptteil 54 spruch nahmen, so siedelten sie auch in von ihnen neu gegründeten Orten. Allerdings verwarfen sie Wirtschaft und Verwaltung der Römer. Man lebte in Sippen, Gefolgschaften sowie unter Heerkönigen, die ihren Stand gerne an die nächste Generation weitergaben. Während der Osten und der Süden des Landes fest in angelsächsischer Hand waren, verblieben im Norden und im Westen des heutigen Englands noch mehr Briten. In den westlichen Gebieten durften Briten sogar noch über sich selbst herrschen, was vielleicht der Grund dafür gewesen ist, dass sich die lateinische Sprache und das Christentum in diesem kleinen Randgebiet halten konnten.161 Während die Genergebnisse zeigen, dass einige Briten unter der Herrschaft der Angelsachsen lebten, so werden doch auch viele in eben jene Westgebiete des heutigen Britanniens, Wales und Cornwall, geflohen sein. Einige flohen sogar noch weiter in die heutige Bretagne, woher auch der Name stammt. Für die Angelsachsen waren die Briten die Fremden und Wales seiner Wortbedeutung nach das Land eben jener. Ihre Sprache und Kultur konnten die Briten nur in ihren eigenen Reichen bewahren. Im Land der Angelsachsen legten die vielen verschiedenen Dialekte der nordseegermanischen Einwanderer die Grundsteine für das heutige Englisch.162 Allerdings wurde die britische Sprache nicht abrupt aufgegeben. Die Ortsnamen bis ungefähr um 730 sind nämlich nicht rein angelsächsisch, sondern in knapp 25% der Fälle auf einen britischen Ursprung zurückzuführen.163 Aktuelle Sprachvergleiche des heutigen Englisch mit den keltischen Sprachen haben ergeben, dass es im Vergleich zu anderen germanischen Sprachen typologische Gemeinsamkeiten mit dem Keltischen aufweist. Zuvor hatte man noch angenommen, dass aufgrund der recht wenigen keltischen Lehnwörter im Englischen der Einfluss auf das heutige Englisch als so gut wie nicht vorhanden einzustufen wäre. Doch den hatte das Britische sehr wohl.164 Obwohl im angelsächsischen System viele Briten und deren Nachfahren als Unfreie lebten, war ihre schiere Anzahl wohl doch noch so groß, dass sie die künftige Ausprägung 161 vgl.: Uebach 2003, S. 52–54. 162 vgl.: Krause 2007, S. 143–144. 163 vgl.: Uebach 2003, S. 46–47. 164 vgl.: Filppula, Markku; Klemola, Juhani; Paulasto, Heli: English and Celtic in Contact, New York/London 2008, S. 258–260. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 55 der Sprache ihrer Eroberer nachhaltig prägen konnten.165 Ihre Herren schienen sich untereinander gut zu verstehen. In Runenschrift verzeichnete man Wörter, die in den Sprachen der einzelnen Einwanderer ähnlich und somit verständlich waren. Auch grammatische Regeln glichen sich dabei einander an. Diese Entwicklung sollte mit dem Aufkommen des Christentums in England noch weiter verstärkt werden. Dann wich die volkssprachliche Runensprache dem Latein in religiösen Belangen. Standardisiert hat sich die Sprache allerdings bis zum neunten Jahrhundert nicht. Dennoch konnten sich die angelsächsischen Landnehmer und neu zuwandernde Nordseegermanen vom Festland miteinander verständigen. Es waren nicht nur die Angelsachsen, die noch lokal unterschiedliche Sprachausprägungen aufwiesen, es hielten sich selbst im von den Angelsachsen regierten Bereich noch einige britische Sprachinseln.166 Trotz dieser starken Hierarchie wird heute nicht mehr davon ausgegangen, dass die Sachsen von einem Traditionskern geleitet Britannien unterwarfen.167 Zumindest in der frühsächsischen Zeit bis 600 lässt sich dieser Begriff nicht anwenden, da man keine bestimmte Herrscherschicht, sondern viele verschiedene Einwanderer hatte. Erst in der mittelsächsischen Zeit bis 800 wich das von den Einwanderern eingebrachte germanische Heidentum dem Christentum. Und auch erst in dieser Zeit kristallisierten sich mehrere verschiedene Königreiche mit ihren jeweiligen Führungsschichten und Adel in England heraus.168 Waren die Einwanderer sich zunächst noch ähnlich und hatten eine gemeinsame Selbstwahrnehmung, Außenwahrnehmung und kollektive Repräsentation, so wie es auch die feindlichen Briten hatten. So wurden sich im Verlauf des siebten Jahrhunderts die sieben angelsächsischen Reiche selbst zum Feind und sie kämpften auf einmal gegeneinander um die Vormacht. So verschwommen langsam die Grenzen zwischen Sachsen und den sachsifizierten Briten, dennoch taten sich neue Grenzen zwischen den einzelnen sächsischen Reichen auf. Im gleichen Jahrhundert vollzog sich auch die Christianisierung der Sach- 165 vgl.: Uebach 2003, S. 48. 166 vgl.: Kleinschmidt 2011, S. 38–44. 167 vgl.: Springer 2004, S. 57. 168 vgl.: Capelle, Torsten: Archäologie der Angelsachsen. Eigenständigkeit und kontinentale Bindung vom 5. bis 9. Jahrhundert, Darmstadt 1990, S. 19. 2 Hauptteil 56 sen sowohl durch römischpäpstliche als auch durch iroschottische Missionare. Sie waren sich untereinander nicht einig. Das isolierte Christentum in Irland und Schottland wollte sich Rom nicht unterordnen, da es durch die lange Zeit der Abgeschiedenheit eine eigene christliche Ausprägung ausgebildet hatte. Gewonnen hat 664 dann letztendlich die römische Kirche, was zu einer Angleichung innerhalb der Kultur und Politik Englands führte. Aus den restbritischen Gebieten kamen keine Missionare nach England. Die Differenz zwischen denjenigen Briten, die sich nicht unterworfen hatten und den Angelsachsen war einfach zu groß.169 Möglich wurde die Christianisierung durch die Konversion verschiedener englischer Könige.170 Von diesen vielen Königreichen setzte sich bis 900 das westsächsische Königreich gegen das lange sehr starke Merzien durch. Im Verlaufe des Vormachtkampfes der verschiedenen Königreiche wurde sich in kulturellen Belangen aneinander angeglichen. Ferner gab es Prägungen durch den fränkischen und römischchristlichen Einfluss des Festlandes.171 Ab dem fünften Jahrhundert kamen also mit den Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen aus dem heutigen Niedersachsen, Schleswig-Holstein und den Niederlanden nach Britannien. Diese Nordseegermanen gemeinsamen Ursprungs wurden zunächst von den einheimischen Briten angeworben, wendeten sich dann aber später gegen sie, vertrieben und unterjochten sie. Die verschiedenen germanischen Einwanderer und ihre ähnliche Kultur könnte man als Ethnokern identifizieren, da es in ihrem Fall die gemeinsame Abstammung und keine Elite war, die sie zusammenschweißte. Ihre britischen Kontrahenten waren zuvor schon aus einer Ethnogenese hervorgegangen und verloren nun Angehörige an die Angelsachsen. Auch wenn beide Seiten später versuchten, mit literarischen Mitteln aus den Kreisen König Arturs oder Beowulf primordiale Taten zu konstruieren, so sind die dennoch nicht auszumachen. Lediglich die Schlacht bei Mons Badonicus kommt einer primordialen Tat für die keltischen Briten nahe. Die kleinen kulturellen, sprachlichen und ethnischen Unterschiede gingen bei den Angelsachsen langsam verloren. Es bildete sich mit der Zeit eine lockere eth- 169 vgl.: Uebach 2003, S. 55–58. 170 vgl.: Blair 2000, S. 21. 171 vgl.: Yorke, Barbara: Kings and Kingdoms of early Anglo-Saxon England, London/New York 1990, S. 177–178. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 57 nogenetische Einheit, obwohl man sich regional unterschied und Schreiber wie Beda sich auf ihre spezifisch anglische Ahnenreihe beriefen. So veränderte die angelsächsische Besiedlungswelle Kultur, Sprache, Religion und Verwaltung auf dem Gebiet des heutigen Englands und ließ nur kleine Bereiche unberührt. Die Nordseegermanen brachten unter Anderem die Runenschrift mit und waren durch ihr typisches Saxschwert bekannt. Auch wenn die Angelsachsen ab dem siebten Jahrhundert christlich wurden, so verschmolzen sie dennoch nicht komplett mit den unterjochten Briten. Selbst jene konnten sich teilweise ihre Sprache und Kultur bewahren. In manchen Fällen wurden gar britische Ortsnamen übernommen. Es vollzog sich ein starker kultureller Bruch in Britannien. Denn es wurde bis auf einige Bereiche im Norden und im Westen englisch. Keltische Briten und Angelsachsen unterschieden sich in Schrift, Sprache, Religion und in ihrer Kultur. Genetisch gibt es eine weitaus größere Kontinuität, als es von der vorindoeuropäischen Urbevölkerung bis zu den Kelten der Fall war. Denn ansonsten müsste der prozentuale Anteil der DNA der heutigen Engländer noch viel mehr angelsächsischer Herkunft sein. Einige keltische Briten wurden kulturell zu Angelsachsen und zeugten Kinder mit ihnen. Andere keltische Briten flohen und isolierten sich in ihren eigenen Reichen Wales und Cornwall. Dort konnten sie ihre Kultur, Religion und Sprache erhalten. Aber auch in angelsächsischen Gebieten schafften es einige Briten, ihre Sprache zu bewahren und die der Landnehmer zu beeinflussen. Zwischen 600 und 900 gerieten die einzelnen angelsächsischen Königreiche in militärische Konflikte miteinander und ihr Zusammenhalt wurde durch die Zersplitterung in verschiedene Königreiche gespalten, um sich dann letztendlich doch wieder unter der Herrschaft von Wessex zu einen. Skandinavier Einer der Herrscher von Wessex, König Alfred, wird mit der Entstehung der angelsächsischen Chronik in Verbindung gebracht. Diese größtenteils auf der Volkssprache Altenglisch in den frühen 890ern verfasste Sammlung verschiedener Annalen, deren Original verloren gegangen ist, behandelt einen Zeitraum von 60 vor Christus bis (in der 2.2.5 2 Hauptteil 58 Peterborough-Fassung) 1154. Es gibt mehrere verschiedene erhaltene Abschriften des Originals, die verschiedene lokale Bezüge, Korrekturen und weitere Zusatzinformationen enthalten. Ihre Urfassung scheint stark mit der dynastischen Entwicklung des angelsächsischen Herrschergeschlechts von Wessex in Verbindung gestanden zu haben.172 In dieser ist für 793 die Verwüstung des angelsächsischen Klosters Lindisfarne sowie das brutale Auslöschen seiner Bewohner überliefert. Nicht nur durch reale Wetterereignisse wie Gewitter und Wirbelstürme, sondern auch durch fiktive Erscheinungen von feurigen Drachen soll die beschriebene Ankunft plündernder heidnischer Männer angekündigt worden sein.173 Es muss sich auf die Geschichtsschreibung der Angelsachsen verlassen werden, da die ankommenden skandinavischen Wikinger selbst lediglich in späterer Zeit Sagengeschichten zu Papier brachten und zuvor kaum Schriftquellen hinterlie- ßen. Seit der Herrschaft Alfreds ab 871 sind in der angelsächsischen Chronik viele Begegnungen mit den neuen skandinavischen Einwanderern nach England beschrieben, nachdem zuvor bereits 851 die Überwinterung von Heiden in England berichtet worden ist.174 Wer waren diese Invasoren? Und woher stammt diese neue Besiedlungswelle? Manche bezeichneten sie ihrer nichtchristlichen Religion nach als Heiden, andere als Nordmänner, weitere als Dänen und wiederum andere fassten sie als Wikinger zusammen. Oft werden die Wikinger mit den Skandinaviern gleichgesetzt.175 Allerdings ist der Wikingerbegriff zu problematisieren, da seine Etymologie nicht sicher ist und man unter ihm im historischen Gebrauch oft eine Gemeinsamkeit von Identitäten und Zielsetzungen der beschriebenen Gruppe zusammenfasst, die sich in den Schriftquellen nicht nachweisen lässt. Deswegen wird hier in Inspiration durch Hadley diese Besiedlungswelle als die skandinavische Besiedlungswelle zusammengefasst werden.176 Aus 172 vgl.: Ryan, Martin: The Anglo-Saxon-Chronicle, in: Higham, Nicholas; Ryan, Martin (Hrsgg.): The Anglo-Saxon World, New Haven/London 2015, S. 271–276. 173 vgl.: Anglo-Saxon Chronicle, 793. 174 vgl.: Uebach 2003, S. 61. 175 vgl.: Uebach 2003, S. 64–65. 176 vgl.: Hadley, Dawn: Viking Raids and Conquest, in: Stafford, Pauline (Hrsg.): A Companion to the Early Middle Ages. Britain and Ireland c.500-c.1000, Chichester/Malden/Oxford 2009, S. 195–196. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 59 Norwegen stammt das Gros derjenigen Skandinavier, die in Irland, Schottland und den nordwestlichen Inseln eindrangen. Dies lässt sich anhand von Bodenfunden sowie Erkenntnissen der Sprachwissenschaft belegen, da sich beispielsweise das heutige Norwegische und Isländische als westnordischen Ursprungs belegen lässt, während in Dänemark und Schweden eine ostnordische Ausprägung sich von der gemeinsamen Ursprache Altnordisch herausgebildet hat. Ostnordisch sprachen also auch diejenigen Siedler, die im heutigen England das Gros der Neusiedler stellten, weshalb die Vermutung nahe liegt, dass sie eher aus dem heutigen Dänemark stammten. Man darf allerdings nicht so scharf trennen, da vereinzelte Ortsnamen im englischen Bereich auf norwegische Landnehmer hindeuten. Auch Siedler aus dem heutigen Schweden sind denkbar, da Teile davon damals zu Dänemark gehörten. Wenn sich auch alle dieser Skandinavier ihren heidnischen Glauben mit ihren nordgermanischen Gottheiten, eine kulturelle Prägung sowie ihre Runen teilten, so kämpften Skandinavier aus Dänemark häufig auch gegen aus Norwegen stammende Neusiedler. Die Selbstzuordnung erfolgte bei den Skandinaviern vielmehr durch ihre regionale Herkunft, als durch die Zuordnung zu einer größeren Region und ihrem Kulturkreis. Angetrieben waren sie durch den gewaltigen Vorteil, den ein erfolgreicher Beutezug ihnen in der Heimat verschaffen konnte. In Skandinavien herrschte zwar kein Hunger, aber die höheren Schichten und deren Kinderreichtum begünstigten es, dass ihre Vertreter als Glücksritter auf Raubzüge gingen, um bei Erfolg in der Heimat durch Ruhm und den Handel mit der Beute in der Rangordnung aufzusteigen oder aber als Siedler in der neuen Heimat dort politische Macht und Einfluss auszuüben.177 Vielleicht ist es gerade deswegen so gewesen, dass die skandinavischen Landnehmer genauso wie ihre angelsächsischen Vorgänger in ihrer Außenwahrnehmung als Piraten und Räuber aufgefasst wurden.178 Doch wie verlief nun diese neue Besiedlungswelle? Während man aufgrund der schwierigen Quellenlage für Nordbritannien nicht sicher sagen kann, wann die ersten kleinen skandinavischen Verbände im Norden des heutigen Englands siedelten, so weisen doch vereinzelte 177 vgl.: Uebach 2003, S. 65–72. 178 vgl.: Hadley 2009, S. 195–196. 2 Hauptteil 60 archäologische Funde darauf hin, dass bereits im achten Jahrhundert Skandinavier im nördlichen Bereich Britanniens siedelten. Obschon dies in der Forschung nicht unumstritten ist.179 Auf den Inseln Orkney und Shetland ist ein derart früher Besiedlungszeitpunkt durch Skandinavier zwischen 790 und 800 Konsens. Entgegen des Mythos des Ausrottens der einheimischen Bevölkerung, haben die skandinavischen Siedler sich dort genetisch nicht so stark ausgewirkt, als dass es ein Genozid gewesen sein könnte. Piktische und skandinavische Kulturgüter wurden Seite an Seite ausgegraben, was eine Verschmelzung beider Kulturen nahelegt.180 Es wird vermutet, dass der Angriff auf das Kloster Lindisfarne sowie die anschließenden Überfälle in Nordhumbrien bereits eine Siedlungswelle nach sich geführt haben könnten, wenn sie denn weiterhin erfolgreich verlaufen wären.181 Danach werden in der angelsächsischen Chronik bis 835 keine weiteren Angriffe skandinavischer Herkunft verzeichnet, was jedoch nicht heißen muss, dass es keine gab. Vielleicht gab es dort Angriffe kleinerer Art, da über die Jahre immer grö- ßere Gruppen von Skandinaviern nach England übersetzten. Kamen sie zunächst noch in Gruppierungen mit 30–35 Schiffen, so nahmen sie bis in die 860er Ausmaße von bis zu 260 Schiffen an. Diese Vorstö- ße konnten vorerst noch vom westsächsischen Königreich bewältigt werden bis im Jahre 865 das große heidnische Heer England in großen Teilen erobern und besiedeln sollte. Es rekrutierte sich nicht etwa durch direkt aus Skandinavien kommende Angreifer, sondern bestand aus skandinavischen Landnehmern, die sich zuvor in Nordbritannien, Irland und im Frankengebiet etabliert hatten.182 Ein primordialer Charakter lässt sich dieser gemeinsamen Armee zuordnen: Ihre Anführer Ivar, Halfdan und weitere Brüder wurden im Nachhinein als Söhne eines legendären Dänenkönigs namens Ragnar Lodbrok oder als Sprosse 179 vgl.: Hadley 2009, S. 196–197. 180 vgl.: Davis, Greame: The Early English Settlement of Orkney and Shetland, Edinburgh 2007, S. 29–30. 181 vgl.: McLeod, Shane: The Beginning of Scandinavian Settlement in England. The Viking 'Great Army' and Early Settlers, Turnhout 2014, S. 60–61. 182 vgl.: Ryan, Martin: The Anglo-Saxons and the Vikings. c. 825–900, in: Higham, Nicholas; Ryan, Martin (Hrsgg.): The Anglo-Saxon World, New Haven/London 2015, S. 258–260. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 61 der norwegischen Königsfamilie so sagenhaft ausgedeutet, dass es sich historisch nicht bestätigen lässt. Vermutlich waren sie die Enkel Harald Klaks, einem historisch greifbaren König von Dänemark.183 Im Zusammenhang dieser Heidenarmee war es auch, dass die erste konkret nachweisbare Siedlung skandinavischer Siedler in England erfolgte. Zuvor soll es allerdings bereits Siedlungen gegeben haben, die von Händlern ausgegangen waren. Jetzt war es der Teil des großen heidnischen Heeres, der einem seiner Anführer namens Halfdan untergeordnet war, der sich in England niederließ.184 Der von den vorwiegend dänischen Skandinaviern eroberte Teil Englands wurde Danelag genannt, was namentlich bedeutet, dass er unter dänischer Herrschaft steht. Es wird angenommen, dass in diesem dänisch besetzten Teil ab 892 auch Frauen und Kinder aus Skandinavien siedelten. Doch die Ausmaße dieser Migrationswelle sind umstritten.185 Um die Ausmaße dieser Besiedlung besser fassen zu können und ethnogenetische Aspekte zu verdeutlichen, könnten genetische Ergebnisse helfen. Manco stellte anschaulich dar, wie sich die genetische Zusammensetzung von Y-Chromosom Signaturen in den skandinavischen Ländern zusammensetzt. In allen skandinavischen Ländern macht die Haplogruppe I1 den größten prozentualen Anteil aus, wenn auch R1b- Gruppen bei den Dänen ungefähr einen genauso großen Anteil ausmachen. Davon ist die im Angelsachsenkapitel angeführte Haplogruppe R1b-U106/S21 lediglich eine Untergruppe, weswegen davon ausgegangen werden kann, dass I1 sich gut dafür eignet, skandinavische Besiedlungswellen auszumachen. Obgleich darauf hingewiesen werden muss, dass I1 in keinem der drei skandinavischen Länder über 50% der männlichen Abstammungslinien ausmacht. Interessant ist, dass diese Haplogruppe in England heute lediglich 11–16% ausmacht, während sie in Norwegen, Schweden, den dänischen Inseln und überraschenderweise Pommern in großen Teilen über 26% der Y-DNA ausmacht. In dem mit dem Festland verbundenen Teil Dänemarks ist sie genauso häufig vertreten wie im heutigen England. Im Vergleich mit der typi- 183 vgl.: Manco 2018, S. 175–176. 184 vgl.: McLeod 2014, S. 62. 185 vgl.: Uebach 2003, S. 88–92. 2 Hauptteil 62 schen Y-Gruppe der Nordseegermanen hat sich die skandinavische Besiedlung also genetisch nicht so stark ausgewirkt.186 Eine Studie aus 2015 bewertete die Auswirkungen der skandinavischen Besiedlungswelle auf die englische DNA ebenfalls als gering. Ein Viertel der DNA der Bevölkerung von Orkney soll skandinavischen Ursprungs sein und gleichzeitig die größte Auswirkung skandinavischer Besiedlung darstellen. Allerdings wird in dieser Studie auch verdeutlicht, dass für sie Referenzpopulationen aus der heutigen Zeit verwendet worden sind und dass sie deswegen auch nicht die Bevölkerung der damaligen Zeit verlässlich abbilden kann. Außerdem kann es durch genetische Übereinstimmungen von DNA zwischen den Nordseegermanen mit den späteren dänischen Einwanderern nicht eindeutig ausgemacht werden, von welcher Siedlungswelle sie nun genau stammt.187 Genau diese Problematik wurde bereits von Kershaw und Røyrvik vertieft, die die Referenzpopulation aus Norddeutschland auch als von dänischen Wikingern beeinflusst anführen und die fehlende geografische Distinktion zwischen den beiden Populationen hervorheben. Des Weiteren sind auch zwischen Angelsachsen und dänischen Siedlern in England gemeinsame Nachkommen gesichert. Sie belegten ihre Interpretation zusätzlich mit archäologischen und linguistischen Befunden. Sie nehmen an, dass ähnlich wie bei der Besiedlung Islands zwischen 20.000 und 35.000 skandinavische Siedler in der skandinavischen Siedlungsperiode auszumachen sind und somit die Besiedlungswelle der Skandinavier in ihren höchsten geschätzten Ausmaßen mit der der angelsächsischen Einwanderungswelle gleichgesetzt werden kann. Ihre Schätzung des Einflusses der dänischen Einwanderer auf die genetische Ausprägung der heutigen Engländer ordnen sie im Bereich von 10–50% ein.188 Unter Berücksichtigung der anderen genetischen Studien lässt sich der skandinavische Einfluss aber geringer als der angelsächsische Einfluss bemessen. 186 vgl.: Manco 2018, S. 90–91. 187 vgl.: Leslie; Winney; Hellenthal [u.a.] 2015. (Gesichtet am 21.07.2020). 188 vgl.: Kershaw, Jane; Røyrvik, Ellen: The ‘People of the British Isles’ project and Viking settlement in England, in: Cambridge Unversity Press, 90, 354 (2016), S. 1670–1680. URL: https://doi.org/10 .15184/aqy.2016 .193 . (gesichtet am 21.07.2020). 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 63 Eine ältere Studie zu Y-Chromosomen hatte ebenfalls zum Ergebnis, dass dänische und nordwestdeutsche Referenzpopulationen sich so nahe sind, dass man sie mit dem damaligen Stand der Forschung nicht auseinanderhalten konnte. Die norwegischen Stichproben sind ihnen zwar auch ähnlich, aber nicht so sehr, als dass man sie nicht unterscheiden könnte. So lässt sich der Einfluss der Norweger hauptsächlich im nördlichen Teil der britischen Inseln ausmachen, während im heutigen England eine schwer zu differenzierende Mischgruppe aus Angelsachsen und Dänen den größten Einfluss auf die heutige Bevölkerungszusammensetzung hatte.189 Hiermit lässt sich auch die Beobachtung eines norwegischen Zeitgenossen Alfreds namens Ohthere belegen, der zwischen Dänen, Norwegern und Schweden unterschied, wobei abermals betont werden muss, dass zu Dänemark damals auch Teile des heutigen Südwestschwedens gehörten.190 Also sind die Skandinavier auch genetisch nicht als einheitliche Gruppe zu greifen, sondern teilen sich in Südskandinavier (Dänen) und Nordskandinavier (Norweger und Schweden) und führten eine dementsprechende Selbstzuordnung durch, während sie in den Quellen der Angelsachsen häufig als Dänen zusammengefasst worden sind, sofern sie denn mit Altnordisch die Sprache der Dänen sprachen. Dies geschah sogar, wenn sie aus dem norwegischen Hordaland stammten.191 Der vom Westsachsenkönig Egbert begonnene Ausbau angelsächsischer Verteidigungsanlagen wurde viele Jahre später durch Dänenkönige 876 durchbrochen. Nachdem der Angelsachsenkönig Alfred mit diesen Frieden geschlossen hatte, eroberten sie Mercien. Im weiteren Verlauf wurde Alfred bis in die Parret-Sümpfe zurückgedrängt. Doch die Angelsachsen erholten sich, besiegten die Dänen und brachten den Dänenkönig Guthrum sowie wichtige seiner Männer dazu, sich taufen zu lassen. Ein weiterer Sieg, der Alfred wieder in den Besitz Londons brachte, mündete in einem Vertrag, der die Reiche der Dänen und Angelsachsen trennte. Obschon ein Bevölkerungsaustauschsverbot zwischen den beiden Gebieten ausgemacht wurde, so ist dennoch gesichert, dass in den nun dänischen Gebieten Angelsachsen unter die 189 vgl.: Capelli; Redhead; Abernethy [u.a.] 2003. (Gesichtet am 21.07.2020). 190 vgl.: Uebach 2003, S. 66–67. 191 vgl.: McLeod 2014, S. 111–112. 2 Hauptteil 64 Herrschaft von Skandinaviern gerieten.192 Der Religionswechsel der dänischen Skandinavier muss nicht derart abrupt gewesen sein, da viele Mitglieder der großen Heidenarmee bereits in Schottland, Friesland und Irland mit dem Christentum in Berührung gekommen sind und nicht alle direkt aus dem heidnischen Skandinavien kamen. Archäologische Funde zeigen nur vereinzelt heidnische Fundstücke wie Thors Hammer auf. Freundschaftliche Begegnungen zwischen Angelsachsen und Skandinaviern oder die Eheschließung miteinander werden damit in Verbindung gebracht, dass das Christentum selbst in Bereichen ohne Klerus auf die skandinavischen Siedler überging und diese nicht nur für die Öffentlichkeit konvertierten. Das Christentum war ihnen durch ihre Reisen und Eroberungen bekannt geworden und immer mehr Skandinavier nahmen besonders ab 900 die Religion ihrer neuen Heimat England an. Die kulturelle Angleichung der Skandinavier an die Angelsachsen nahm ihren Lauf.193 Begünstigt wurde diese kulturelle Angleichung dadurch, dass Altnordisch der altenglischen Sprache im angelsächsischen England in einer Weise ähnelte, dass man sich ohne Zweisprachigkeit oder Übersetzer verständigen konnte.194 Der Westsachsenkönig Eduard beendete die Dänenherrschaft und einte 923 England. Nachdem die Dänen abermals aufbegehrten, zementierte Eduards Sohn Æthelstan die Einung Englands vier Jahre später.195 So wurde die skandinavische Bevölkerung in England mit der Zeit friedlich, bis zur zweiten Eroberung, die sich im späteren zehnten Jahrhundert ereignete. Auch zu dieser Zeit waren die neuen skandinavischen Einwanderer sprachlich mit den Angelsachsen kompatibel. Beide Gruppen ordneten sich einer gemeinsamen Familie zu. So assimilierten sich viele Skandinavier freiwillig und wurden selbst zu Engländern. Nachvollziehbar wirkten sie sich auch auf die Kultur ihrer neuen Heimat aus. Häufig setzte sich die skandinavische Form eines Wortes wie beispielsweise „sister“ vom Altnordischen „systir“ im Vergleich zum Altenglischen „sweostor“ durch. In 192 vgl.: Uebach 2003, S. 79–83. 193 vgl.: McLeod 2014, S. 243–280. 194 vgl.: Townend, Matthew: Language and History in Viking Age England. Linguistic Relations between Speakers of Old Norse and Old English, Turnhout 2002, S. 210–211. 195 vgl.: Manco 2018, S. 181–182. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 65 Geschichten wie Beowulf beriefen sich die Engländer auf ihre gemeinsamen skandinavischen Wurzeln, während historische Akteure wie König Alfred und seine Nachfahren die englische Kultur festigten. Diese gemeinsamen kulturellen Wurzeln und das Zusammengehörigkeitsgefühl konnten allerdings nicht gegenüber den nicht zu Angelsachsen gewordenen keltischstämmigen Briten herausgestellt werden.196 Für alle außer ihnen sollte zu dieser Zeit „Engla lond“ die einende Bezeichnung für das gemeinsame Land werden, in dem alle zu Engländern werden sollten.197 Skandinavische Metallarbeiten, Schmuck, Keramik, Kunst und Kleidungszubehör fanden ihren Einzug im angelsächsischen Bereich und wurden durch Handel und kulturellen Austausch mit den einheimischen Formen zu etwas Neuem verwoben. Nur vereinzelt wurden im skandinavisch besiedelten Bereich Gräber gefunden, die sich auf eine heidnische Identität beriefen. Zumeist unterscheiden sich diese Funde nicht von denen im angelsächsischen Bereich. Das Wesen der Siedlung ist des Weiteren aufgrund der Orts- und Flächennamen nicht im Sinne eines Traditionskerns durch eine kleine militärische Elite, sondern durch eine größere Zahl von Landwirtschaft betreibenden Siedlern auszumachen.198 Selbst die familienbasierte Ordnung dieser vorchristlichen Siedler im rechtlichen sowie im sozialen Bereich, hatte sich der der Angelsachsen angeglichen.199 Der große Einfluss der skandinavischen Besiedlungswelle konnte nur dadurch erreicht werden, dass auch skandinavische Frauen übersiedelten. Es waren junge Erwachsene mit ihren Familien, die in England siedelten, was spätestens ab 873/874 belegt ist. Dass sich die alte skandinavische Religion nicht erhielt und so viel Angleichung geschah, mag daran liegen, dass diejenigen skandinavischen Siedler, denen diese wichtig war, sich um der Kultur der Engländer bewusst waren und dann eher auf die Faröer-Inseln oder nach Island übersiedelten.200 196 vgl.: Algeo, John: The Origins and Development of the English Language, Boston 62010, S. 83–85. 197 vgl.: Kleinschmidt 2011, S. 117. 198 vgl.: Hadley, Dawn: Scandinavian Settlement, in: Stafford, Pauline (Hrsg.): A Companion to the Early Middle Ages. Britain and Ireland c.500-c.1000, Chichester/Malden/Oxford 2009, S. 212–218. 199 vgl.: Uebach 2003, S. 97. 200 vgl.: McLeod 2014, S. 281–284. 2 Hauptteil 66 Über die skandinavische Besiedlungswelle lässt sich festhalten, dass ihre Angehörigen aus den skandinavischen Ländern, Dänemark, Norwegen und Schweden stammten, sich im Falle der Heidenarmee jedoch auch Skandinavier aus Irland, Nordbritannien und dem Frankenreich nach England aufmachten. In diesen Regionen können die skandinavischen Siedler kulturell beeinflusst worden sein, oder sich ihnen gar Einheimische angeschlossen haben. Das Gros der englischen Siedler hatte Wurzeln im damaligen Dänemark. Das Ausmaß nordskandinavischer Siedler in England ist als gering zu bewerten. Die Besiedlung verlief bis zur Heidenarmee 865 nur vereinzelt. Nach erfolgreichen Schlachten begann die zahlenmäßig ausschlaggebende Besiedlung erst richtig. Mit Halfdan ließ sich ein wichtiger Anführer der Heidenarmee in England nieder und für 873/874 sowie 892 sind Siedlungen mit Frauen und Kindern vermerkt. Während zunächst hauptsächlich im Danelag gesiedelt wurde, stand den Skandinaviern nach der Einigung von 927 das ganze Land zum Siedeln offen. Die sich dann im Lande befindlichen Skandinavier sowie auch spätere Nachzügler verschmolzen mit den Angelsachsen allmählich zu Engländern und legten dabei ihre heidnische Religion ab. Ihre Kulturgüter, Arbeitstechniken und manche sprachliche Eigenheiten gingen in eine gemeinsame Kultur über. Mit Beowulf wurden gemeinsame Helden geschaffen. Auch wenn die Heidenarmee und ihr Vorrücken die Skandinavier locker einte, so war es doch die Einigung unter Æthelstan, die das zuvor schon gesellschaftliche Verschmelzen beider Gruppen zementierte. Sein Handeln könnte als eine primordiale Tat verstanden werden. Die keltischen Briten wurden bei dieser Vorstufe einer Ethnogenese ignoriert, wenn sie nicht zu denen gehörten, die zuvor bereits Angelsachsen geworden waren. Wurden Angelsachsen und Dänen zunächst noch durch unterschiedliche Selbstzuordnung und Fremdwahrnehmung getrennt, so schufen sie durch das Verschmelzen ihrer Kulturen eine neue kollektive Repräsentation. Dies war nicht verwunderlich, da beide Gruppen mit Ausnahme der Religion schon vor der Besiedlung viele Gemeinsamkeiten aufwiesen. Es passt hier keiner der Begriffe Ethnokern, Kontinuitätskern oder Traditionskern so richtig, weil beide Gruppen sich sowieso schon so ähnlich waren. Vielleicht könnte man in den zuvor aus Nordseegermanen und einigen keltischen Briten entstandenen Angelsachsen am ehesten einen Kontinuitätskern sehen. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 67 Der Prozess des Zusammenwachsens betraf Sprache, Keramik, Metallarbeiten und viele soziale Güter und Belange. Die christliche Religion der Angelsachsen setzte sich durch und trotz des teilweise sehr hoch eingeschätzten Ausmaßes der Siedlungswelle kam es zu keinem Bruch, sondern zu einer Kontinuität mit kleinen Modifikationen. Es lässt sich aber noch nicht von einer vollständigen Ethnogenese sprechen, sondern eher von einer Angleichung zwischen zwei Völkern. Normannen In einer Zeit zum Ende des zehnten Jahrhunderts, in der es wieder vermehrt zu Skandinaviereinfällen nach England kam, verhielten sich die skandinavischstämmigen Engländer, deren Anglisierung noch nicht vollständig vollzogen worden war, zurück und halfen den Angelsachsen nicht. Der angelsächsische König Æthelred wandte sich deswegen den Normannen aus der Normandie zu, mit deren Herzog er sich gegen den Dänenkönig Sven Gabelbart verbündete. Dennoch schaffte es Gabelbart, 1013 England zu erobern. Nach dessen Tod wurden die Dänen wieder aus England vertrieben. Als dann allerdings 1016 Æthelred starb und auch sein Sohn nur noch kurze Zeit lebte, wurde Gabelbarts Sohn Knut vom englischen Adel zum Herrscher auserkoren. Unter ihm kam es zu einer uneingeschränkten Gleichberechtigung von Angelsachsen und Skandinaviern und die beiden Gruppen verschmolzen noch weiter miteinander. Das Rechtssystem baute dabei auf gemeinsamen Wurzeln auf und es wurde ein hausherrschaftliches Gefolgschaftssystem geschaffen. Selbst die Kirche hatte sich dem König unterzuordnen. Nach Knut und seinen beiden Söhnen kam mit Eduard wieder ein Westsachse auf den Thron. Er war es auch, der den Normannen aus dem heutigen Nordfrankreich immer mehr Einfluss zugestand. Selbst seine Frau hatte ihre Kindheit in der Normandie verbracht und war dementsprechend geprägt. Eduard begüterte viele Normannen mit Land in England, was ihn bei Teilen des englischen Adels in Ungnade fallen ließ. Diese Opposition versammelte sich um Godwin, der mit der Unterstützung der durch vorangegangene Invasionen beeinflussten Bevölkerung gewaltigen Druck auf Eduard ausübte. Dies bewegte Edu- 2.2.6 2 Hauptteil 68 ard dazu einzulenken und den Großteil der Normannen aus England auszuweisen.201 Mit Eduards Tod begann ein Streit um dessen Nachfolge. Auf der einen Seite stand für die Engländer Godwins Sohn Harold und auf der anderen Seite der Normanne Wilhelm. Auch Harald der Dritte von Norwegen wollte sich den englischen Thron sichern. Harold schlug Harald, fiel dann wiederum bei Hastings am 14. Oktober im Kampf gegen Wilhelm. Als Folge des Sieges der Normannen flohen viele Engländer nach Dänemark oder Norwegen, was zeigt, dass die Angelsachsen den Skandinaviern näher waren als den Normannen. Der Großteil der Engländer verblieb im nun normannisch beherrschten England.202 Den Sieg errangen die Normannen mit einer Truppe, die sich geschätzt aus 7.000 – 8.000 Männern zusammensetze.203 Diejenigen Engländer, die sich der normannischen Herrschaft unterwarfen, durften ihre Ländereien behalten. Doch nicht auf Dauer: Viele von den verbliebenen englischen Adligen aus dieser Zeit waren Kinder und wurden, sobald sie alt genug waren, mit normannischen Frauen oder Männern verheiratet. Andere wurden entfernt. Während die Römer damals noch versuchten, die einheimische Elite zu romanisieren, so ersetzen die Normannen die Elite der Angelsachsen hauptsächlich und assimilierten den Rest von ihnen. Die Engländer wurden von der normannischen Herrscherklasse unterjocht, ihre Kirche normannisiert und Feudalismus eingeführt. Während zu Beginn der Normannenherrschaft noch auf die Engländer niedergeschaut wurde, wurde mit den Jahren der Verfestigung ihrer Herrschaft, besonders ab dem zwölften Jahrhundert, die britische und englische Vergangenheit wieder in einem positiven Licht betrachtet und von Autoren wie Geoffrey von Monmouth mythologisch ausgestaltet. Weitere Kulturgüter inklusive der englischen Sprache wurden zumindest im mündlichen Gebrauch von den einfachen Engländern beibehalten.204 Dennoch wurde sie mit der Zeit stark durch das normannische Französisch geprägt, welches besonders in der Verwaltung zur Anwendung kam, während in der 201 vgl.: Uebach 2003, S. 102–106. 202 vgl.: Manco 2018, S. 183–184. 203 vgl.: Bennett, Matthew: Campaigns of the Norman Conquest, London 2013, S. 25–27. 204 vgl.: Black, Jeremy: English Nationalism. A Short History, Oxford 2018, S. 37–41. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 69 Kirche Latein gesprochen wurde. Die englische Sprache der einfachen Bevölkerung sollte auch die normannische Herrscherschicht übernehmen, nachdem ihnen 1204 die Normandie verloren ging und sich 1337 mit Beginn des hundertjährigen Krieges die Feindschaft gegenüber ihren alten Verbündeten und kulturellen Verwandten in Frankreich zementierte. Und mit der Sprache kam allmählich auch die Identifikation der normannischstämmigen Bevölkerung als Engländer.205 In der Architektur hatten die Normannen mit ihren Burgen sowie mit dem Abreißen und Neuerrichten von Kirchenbauten nach normannischer Art einen revolutionären Einfluss.206 Trotz der einschneidenden normannischen Herrschaft ähnelt das England von 1400 dem von 1000 in vielen Eigenheiten doch, was den Anschein vermuten lässt, dass es die Normannen gewesen sind, die zu Engländern wurden und nicht andersherum.207 Doch woher waren diese normannischen Eroberer gekommen? Sie waren die Nachfahren jener Skandinavier, die nach ihren Eroberungszügen unter Rollo mit dem König des Westfrankenreiches einen Vertrag abschlossen und die Stadt Rouen sowie weitere Ländereien erhielten. Diese Skandinavier sollten auch zum größten Teil dänischer Herkunft gewesen sein und dehnten ihre Herrschaft über die Normandie weiter aus. Allerdings waren sie mit nur sehr wenigen Frauen angelandet. In der Folge heirateten sie französischsprachige Einheimische, womit das Französische die Muttersprache ihrer Kinder wurde. Mit der Zeit gingen sie in der Mehrheitskultur auf, da die Masse der Bevölkerung fränkisch war und lediglich ihre kleine Herrscherkaste dänisch. Im Laufe der Assimilation durch die fränkische Mehrheit verloren sie in großen Teilen die Kenntnis ihrer dänischen Sprache und übernahmen zudem weitere Eigenheiten der Kultur der Franken.208 Dieser Assimilationsprozess hatte des Weiteren zur Folge, dass sich die Normannen als Gruppe auch in Bezug auf ihre Genetik veränderten, da deren Herrscherklasse sich, wie so oft bei den Römern außerhalb Britanniens geschehen, über mehrere Generationen mit der beherrschten Bevölke- 205 vgl.: Algeo 2010, S. 113–114. 206 vgl.: Thomas, Hugh: The Norman Conquest. England after William the Conqueror, Lanham/Boulder/New York [u.a.] 2008, S. 129. 207 vgl.: Blair 1984, S. 71. 208 vgl.: Uebach 2003, S. 113–115. 2 Hauptteil 70 rung vermischte und deren Nachkommen dann dementsprechend Teile beiderlei Erbguts in sich trugen.209 In dieser ungefähr im Jahr 1000 abgeschlossenen Ethnogenese der Normannen gingen deren namensgebende skandinavische Herrscherschicht und aus den Völkern der Bretonen, Gallier, Römer und Franken stammende Einheimische ineinander auf. Sie alle waren Bewohner eines Gebietes namens Normandie, dessen erste Nennung zu gleichen Zeit erfolgte.210 Doch die Normandie sollte nicht das einzige Gebiet bleiben, in dem Normannen die Herrschaft übernehmen sollten. Als Wilhelm der Eroberer nach Britannien übersetzte, kam er nicht nur mit seinen normannischen Adligen, sondern schloss in seine Truppen ebenfalls Flamen, Franzosen sowie noch nicht assimilierte Bretonen mit ein.211 Als diese verschiedenen normannischen Truppen dann nach England kamen, waren sie so verschieden, dass sich ihre Kultur in Sprache, Gesetzen, Kleidung und militärische Vorgehensweisen wie ein Fremdkörper in England anfühlte. Selbst ihre Ausprägung der christlichen Religion war unterschiedlich. Die englischen Chronisten bezeichneten sie daher zumeist als Franzosen. Obgleich zwischen von englischer Geburt zu sein, aber normannischer Abstammung zu sein einen Unterschied darstellte, waren sie doch alle Bürger Englands. So konnte sich ein französischer Immigrant der Selbstzuordnung nach als Engländer fühlen, auch wenn er in seiner Außenwahrnehmung nicht zwangsweise als einer wahrgenommen wurde. War man unterschiedlicher Abstammung, so waren die Grenzen doch fließend, welcher Abstammung man sich nun mehr zugeneigt fühlte oder mit welchen kulturellen Eigenheiten sich am meisten identifizierte.212 Soll nun der genetische Einfluss der Normannen auf die Ethnogenese des englischen Volkes bemessen werden, gestaltet sich das dementsprechend schwierig. Obgleich deren männliche Abstammungslinien sich in Teilen in England erhalten haben könnten, so rotteten die vielen Kriege diese Abstammungslinien dermaßen aus, dass bis 1600 bei den Adligen lediglich 209 vgl.: Chibnall, Marjorie: The Normans, Malden/Oxford/Melbourne 2006, S. 3. 210 vgl.: Houben, Hubert: Die Normannen, München 2012, S. 14–16. 211 vgl.: Manco 2018, S. 188. 212 vgl.: Hadley, Dawn: Ethnicity and acculturation, in: Crick, Julia; Houts, Elisabeth van (Hrsgg.): A social history of England. 900–1200, Cambridge/New York/ Melbourne [u.a.] 2011, S. 237–241. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 71 noch drei Abstammungslinien des Y-Chromosoms verblieben. Dieser Aspekt wurde weiter dadurch unterstützt, dass bei einigen normannischen Familien gar nicht erst männliche Nachkommen geboren wurden.213 So war es selbst in Irland, welches das normannische England im zwölften Jahrhundert eroberte, durch deren ethnische Vielfalt schwierig, die Normannen genetisch zuzuordnen.214 Wenn sie auch eine Vereinfachung darstellt und in der Forschung nicht unumstritten ist, ist es für die Zeit der englischen Eroberung Irlands und bereits von vielen Historikern angeführt worden, dass die Bezeichnung englisch für den Verbund aus Normannen und Engländern zur Zeit der Eroberung Irlands bereits legitim ist. Obgleich man zu diesem Zeitpunkt sicher noch nicht von einer vollständigen Anglisierung der Normannen sprechen kann.215 Manco hob hervor, dass die DNA der heutigen Engländer weniger Anteile der Jamnaya-Steppenbevölkerung hat, als es die alten Angelsachsen hatten. Diese Steppenbevölkerung hat ihre Abstammung hauptsächlich im Norden Europas ausgewirkt. Dass dieser Anteil geringer ausfällt, könnte durch die teils südliche Abstammung der Normannen und ihrer Verbündeten sowie durch spätere Migrationen nach England gekommen sein.216 Die Auswirkungen der normannischen Siedlungswelle auf die Ethnogenese des englischen Volkes lassen sich wie folgt zusammenfassen: Das multiethnische Volk der Normannen ist in der Normandie entstanden. Von dort setzte es zusammen mit anderen Völkern 1066 unter Wilhelm dem Eroberer über, eroberte und besiedelte sukzessiv England. Dabei vertrieb und ersetze die normannische die englische Herrscherschicht und assimilierte deren Überbleibsel nur in geringem Maße. Dadurch drückten die normannischen Siedler dem Land ihre christliche Ausprägung auf, übernahmen die Regierung und beeinflussten Sprache und Kultur. Des Weiteren revolutionierten sie die eng- 213 vgl.: Manco 2018, S. 189. 214 vgl.: Gilbert, Edmund; O’Reilly, Seamus; Merrigan, Michael [u.a.]: The Irish DNA Atlas. Revealing Fine-Scale Population Structure and History within Ireland, in: Scientific Report 7, 17199 (2017). URL: https://doi.org/10.1038/s41598-017-1712 4-4. (Gesichtet am 24.07.2020). 215 vgl.: Frame, Robin: Ireland after 1169. Barriers to acculturation on an 'English' edge, in: Stringer, Keith; Jotischky, Andrew: Norman Expansion. Connections, Continuities and Contrasts, Farnham 2013, S. 115–118. 216 vgl.: Manco 2018, S. 193. 2 Hauptteil 72 lische Architektur. Dennoch konnte sich Englisches bewahren, sodass später Normannen zu Engländern wurden. Zuvor waren die noch nicht komplett assimilierten Skandinavier durch die durch die Normannen nach Frankreich gerichtete, kulturelle Neuausrichtung und die Zurückschlagung von Harald und der damit verbundenen Aufhebung der kulturellen Verbindung nach Skandinavien zu Engländern geworden. Eine primordiale Tat ist bei der Volkwerdung zwischen Engländern und Normannen nicht auszumachen, obschon sich dieser Verbund bei der gemeinsamen Eroberung Irlands schon selbst als englisch wahrnahm. Als den Normannen dann mit der Zeit die Normandie verloren ging und der hundertjährige Krieg begann, kam es zu einer gemeinsamen kollektiven Repräsentation mit den Engländern. Als Feinde Frankreichs waren sie dann auch in ihrer Außenwahrnehmung alle englisch. Bei dem Prozess dieser Ethnogenese stellen die Normannen einen prototypischen Traditionskern dar, der gegen den durch die Masse der Bevölkerung getragenen Kontinuitätskern unterliegt. Daher lässt sich lediglich in der englischen Herrscherschicht ein Bruch ausmachen, der sich mit Verlauf der normannischen Herrschaft durch die Englischwerdung der Führungsschicht wieder aufhob. In Teilen lässt sich kulturell und genetisch lässt sich zum Großteil eine Kontinuität ausmachen. Gesamtbetrachtung Die Auswirkungen der Besiedlungswellen auf die Ethnogenese des englischen Volkes und die damit verbundene Frage nach den Ursprüngen des englischen Volkes und deren Volkwerdung ist eine Geschichte, die selbst voller vorher bereits vollzogener Ethnogenesen steckt. Die erste Ethnogenese vollzog sich während der vorindoeuropäischen Besiedlung Englands. Diese Urbevölkerung in ihren verschiedenen Ausprägungen verschmolz miteinander und legte so den Grundstein von Sprache und Kultur im damaligen England. Dieser Grundstein sollte mit der Ankunft der Indoeuropäer, welche sich später zu Kelten entwickeln sollten, tiefe Risse bekommen. Es kam zu einem Bruch, der gut 90% der Urbevölkerung durch jene ersetze, die später als Kelten bekannt werden sollten. Es ist zu vermuten, dass sich diese große prozen- 2.2.7 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 73 tuale Bevölkerungsveränderung in gleichem Maße, wenn nicht sogar noch mehr auf Kultur und Sprache der Urbevölkerung ausgewirkt haben wird. Auf dem Festland entwickelten sich ebenfalls Kelten heraus und keltische Gruppen strömten kontinuierlich nach England ein, sodass die dortigen Indoeuropäer, wenn sie vorher nicht schon keltisch waren, weiter keltisiert wurden. Die keltische Kultur und ihre Träger bildeten hiermit im Sinne eines Kontinuitätskernes den Katalysator für die Verschmelzung von Kelten und der Urbevölkerung Englands. Wenn die Gesellschaft auch hier schon multiethnisch war, so konnten sich Teile der gemeinsamen Kultur und Sprache anders als auf dem Festland bis heute noch halten. Die Römer wirkten sich kulturell sehr stark auf die Kelten aus, brachten ihre lateinische Sprache sowie Schrift mit und legten mit ihrer Infrastruktur den Grundstein für weitere Siedlungswellen. Auf die Kelten außerhalb ihrer Regierungsmacht wirkten sich die Römer nicht groß aus, sodass nach ihrem Verschwinden die zu neuen Völkern gewordenen keltischen Vertreter den keltischen Briten wieder ein wenig keltische Kultur einprägten, wenn diese sich nicht sowieso noch in römischen Gebieten gehalten hatte. Erkennbare genetische Spuren hinterließen die Römer nicht. Auch von einer vollzogenen Ethnogenese zwischen den Römern und Kelten lässt sich nicht sprechen. Die Kelten wurden lediglich teilromanisiert und zusammen mit den Römern christianisiert. Durch die Römer vollzog sich also kein vollständiger Bruch und die Kelten behielten Eigenes wie in Teilen auch Römisches bei. Wie verschiedene keltische Gruppierungen zuvor, schafften es auch die nordseegermanischen Gruppierungen der angelsächsischen Besiedlungswelle, sich aneinander anzugleichen, um zunächst eine lockere ethnogenetische Einheit zu bilden. Sie rotteten die Kelten nicht aus, sondern assimilierten einen Teil von ihnen und vertrieben den anderen. Diese Vertriebenen gründeten dann in Wales und Cornwall eigene Reiche und blieben kulturell unberührt. Sie konstruierten primordiale Taten, die es historisch nicht gegeben hatte und deuteten Schlachten wie die bei Mons Badonicus primordial aus. Auch auf der Seite der Angelsachsen wurde mit Beowulf versucht, primordiale Taten zu konstruieren, die es historisch nicht gegeben hatte. Ihre Sprache wurde zum Grundstein der englischen Sprache, wenn auch ganz leicht vom Keltischen und nach der Christianisierung stärker vom Lateinischen beeinflusst. Weiterhin wirkten sie sich auf Kultur, 2 Hauptteil 74 Sprache, Religion und Verwaltung aus, auch wenn sie später selbst zu Christen werden und ihr Heidentum ablegen sollten. Bei der Ethnogenese der Nordseegermanen und nicht geflohenen Kelten zu Angelsachsen stellten die Nordseegermanen einen Ethnokern dar, auch wenn die komplette Verschmelzung sich langsam vollzog und sich einige keltische Briten in Sprachinseln im angelsächsischen Bereich noch halten konnten. Generell lässt sich in diesem Zusammenhang von einem starken kulturellen Bruch sprechen. Der Bruch auf genetischer Seite ist nicht ganz so stark wie beim Einzug der indoeuropäischen Bevölkerung, aber dennoch beträchtlich. Eine der nordseegermanischen Gruppen wurde namensgebend für all jene, die später zu Engländern, den Einwohnern eines gemeinsamen Englands, werden sollten. Die lockere ethnogenetische Einheit sollte dadurch verstärkt werden, dass mit den Skandinaviern, die hauptsächlich Dänen und in geringer Zahl Norweger waren, wieder fremde Kulturen im englischen Gebiet Einzug hielten. Sie sollten ebenfalls langsam zu Engländern werden. Sie waren den Nordseegermanen von vornherein genetisch sowie kulturell ähnlich. Dennoch bekämpften sich beide Gruppen zunächst. Die heidnische Armee einte die aus Dänen, Norwegern und Schweden bestehende Armee locker. Nach einer Zeit des untereinander aufgeteilten Englands glichen sich beide Gruppen kulturell an. In dieser Angleichung zwischen zwei Völkern gingen Kulturgüter wie Keramik und Metallarbeiten sowie sprachliche Eigenheiten wechselseitig ineinander über. Nur die mitgebrachte heidnische Religion der skandinavischen Besiedlungswelle schwand. Bei dieser kulturellen Angleichung, die einer Ethnogenese vorangeht, symbolisierten die bereits großteilig miteinander verschmolzenen keltischen Briten, die nicht nach Cornwall oder Wales geflogen waren, und die Angelsachsen zusammen einen Kontinuitätskern. Obgleich der Begriff Kontinuitätskern hier nicht optimal passt. Auch genetisch vollzog sich kein großer Bruch, da sich beide Gruppen trotz kleiner kultureller Unterschiede genetisch sehr ähnlich waren. Besonders die Südskandinavier und Nordseegermanen sind genetisch sehr ähnlich, aber auch die Nordskandinavier beiden Gruppen genetisch einigermaßen nah. Die Einigung der Angelsachsen und der Skandinavier unter Æthelstan könnte für die Ethnogenese als primordiale Tat angesehen werden, wenn sie auch noch eine weitere Besiedlungswelle benötigte, um weiter voranzuschreiten. Mit Ankunft 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 75 der frankophonen Normannen wurden die restlichen Engländer weiter zusammengeschweißt, da durch sie eine Abgrenzung Richtung Skandinavien und eine Zuwendung hin zum französischen Bereich durch ihre Heimat die Normandie, die alten Verbindungen kappten. Als die normannischen Herrscher dann auch mit ihren französischen Verbündeten brachen und Seite an Seite mit den von ihnen beherrschten angelsächsischen Engländern (beispielsweise in Irland und später im hundertjährigen Krieg) kämpften, wurden sie kulturell zu Engländern und verschmolzen auch genetisch mit ihnen. Die englische Sprache und Kultur erhielt sich modifiziert, da die Normannen lediglich einen Traditionskern ausmachten, der schwächer ist als der aus dem Rest der Bevölkerung bestehenden Kontinuitätskern und ihm deswegen in diesem ethnogenetischen Prozess unterlag. Dennoch wirkten sie stark auf die englische Kultur ein, revolutionierten deren christliche Ausprägung, Regierung sowie Architektur und setzten England damit einen kulturellen Stempel auf, obgleich sie später selbst zu Engländern wurden. Kulturell lässt sich also nicht komplett von einem Bruch sprechen und genetisch sowieso nicht, da die Besiedlungswelle der Normannen lediglich aus einer adligen Herrscherschicht und nicht aus einer breiten Masse einer Bevölkerung bestand. Soll nun also mithilfe der erarbeiteten Ergebnisse der Einfluss der verschiedenen Besiedlungswellen auf die Ethnogenese des englischen Volkes eingeschätzt werden, so hat sich für England die nordseegermanische Besiedlungswelle am größten ausgewirkt, da sie den Grundstein für die Sprache gelegt hat und ihre Kultur sich aufgrund der Vertreibung der keltischbritisch gebliebenen Briten nach Wales und Cornwall besonders im englischen Bereich festgesetzt hat. Genetische Untersuchungen unterstützen diese Vermutung. Dass sich die Normannen später auch als Angelsachsen begriffen, spielt dieser Bewertung ebenfalls zu. Als zweiteinflussreichste Welle sind die Kelten anzuführen, die sich genetisch auch in England stark ausgewirkt haben, obschon sie kulturell weniger zur Ausprägung kamen, weil die in England verbliebenen Kelten assimiliert worden sind. Ihre Auswirkungen auf die englische Sprache sind zwar auszumachen, dennoch als nur sehr gering einzuschätzen. Die skandinavische Besiedlungswelle hat sich am drittgrößten auf das heutige England ausgewirkt. Ihre Einflüsse sind sowohl in der Genetik, als auch in der Sprache sowie in kulturellen Be- 2 Hauptteil 76 langen herausgestellt worden. Die vierteinflussreichste Welle stellen die Normannen dar, welche sich hauptsächlich kulturell auswirkten und das auch bleibend. Der Großteil des römischen Einflusses verschwand wieder nach der Flucht der Römer. Der genetische Einfluss ist gering und auch wenn er nicht gut nachzuweisen ist, so schätze ich ihn dennoch geringer ein, als den genetischen Einfluss der vorindoeuropäischen Urbevölkerung, deren kulturelle Überbleibsel ebenfalls schwer einschätzbar sind und lediglich im Inselkeltischen ein paar vermutete Sprachrelikte von ihnen verblieben. Ihr Einfluss ist dennoch am geringsten einzuschätzen, sodass die römische Besiedlungswelle aufgrund der von ihr begründeten Infrastruktur und durch ihre kulturellen Einflusse trotz nicht nachweisbarer genetischer Einflüsse, am fünftmeisten zur Ethnogenese des englischen Volkes beigetragen hat. Allgemein lässt sich jedoch feststellen, dass jede dieser Siedlungswellen essentiell wichtig für die Entstehung des heutigen englischen Volkes gewesen ist und dass es ein Zusammenspiel der Auswirkungen der einzelnen Besiedlungswellen Englands ist, das das englische Volk begründet hat. 2.2 Die Ethnogenese des englischen Volkes 77 Schluss Abschließend lässt sich festhalten, dass sich jede Besiedlungswelle maßgeblich auf die Ethnogenese des englischen Volkes ausgewirkt hat und es die Engländer so heute nicht geben würde, wenn auch nur eine dieser Wellen ausgeblieben wäre. Im Verlauf der verschiedenen Besiedlungswellen kam es zu mehreren ethnogenetischen Prozessen, in denen Völker, aus denen das englische Volk später entstanden ist, sich anglichen, um später in einer Ethnogenese ineinander aufzugehen. Hierbei nicht ausgeschlossen sind die Römer, die sich zwar lediglich in geringem Maße als Bevölkerung in England gehalten haben, aber durch ihre kulturelle Prägung die Herausbildung derjenigen keltischen Briten begünstigten, welche sich dann von den anderen keltischen Völkern Britanniens außerhalb Englands unterschieden. Denn obwohl die meisten Römer England wieder verließen, verblieben ihre Infrastruktur, viel von ihrem Latein und kulturelle Prägungen. Von der Urbevölkerung Britanniens verblieb nur ein kleiner genetischer Abdruck und kulturell sowie sprachlich ist das ähnlich. Die mit den zweitmeisten an der Ethnogenese der Engländer beteiligten keltischen Briten als Nachfolger der Indoeuropäer, die einst die Urbevölkerung bis auf zehn Prozent zurückdrängten, blieben genetisch als zweitgrößter Part der heutigen Engländer bestehen. Auch ihre kulturellen Eigenheiten konnten sie sich bewahren. Ihre ehemalige Sprache hat sich unter den Engländern in England zwar nicht gehalten, besteht aber in Wales fort. Sie beeinflussten die heutige Ausprägung des Englischen dennoch leicht und ihre Kultur maßgeblich. Einen etwas kleineren Anteil an Auswirkungen auf Sprache, Kultur und Genetik weisen die Skandinavier auf, die den drittgrößten Anteil an der Ethnogenese des englischen Volkes hatten. Die Normannen kamen als letzte hier behandelte Gruppe und beeinflussten England durch ihre Besiedlung kulturell stark. Sie regierten anders, revolutionierten Christentum und Architektur und ersetzten die englische Herrscherschicht. Aufgrund ihrer geringen Anzahl haben sie sich genetisch weniger stark auf die Engländer ausgewirkt. 3 79 Die größte Auswirkung hatte die Besiedlungswelle der Nordseegermanen auf das heutige England. Sie legten den Grundstein für die englische Sprache und die Kultur, da sie die vor ihnen in England befindlichen Kelten assimilierten und ein großer Teil der Kelten vor ihnen floh. Da die Nordseegermanen (Angelsachsen) und die Kelten die beiden Gruppen sind, die sich im Bereich des heutigen Englands am meisten auf die Ethnogenese des englischen Volkes ausgewirkt haben, ist es nicht verwunderlich, dass Bezeichnungen wie Engländer, Briten oder Angelsachsen heute noch geläufig sind. Ein Engländer, das ist jemand, der in England wohnt, während als Briten alle Einwohner der britischen Inseln bezeichnet werden. Die Einschätzung des größten Einflusses der Nordseegermanen auf die Ethnogenese des englischen Volkes konnte durch verschiedene genetische Studien in Verbindung mit Forschungsliteratur zur Kultur in Verbindung gebracht werden. Das Ergebnis reiht sich in eine Reihe mit dem von Manco, auf deren Ergebnisse sich bei dieser Untersuchung zum Teil gestützt worden ist, weil auch sie aktuelle genetische Forschungsergebnisse verarbeitete. Weiterhin widerspricht das Ergebnis dieser Untersuchung den Ergebnissen von Sykes und Oppenheimer. Pohls Bewertungsmaßstäbe zur Identitätsbildung lassen sich hilfreich für die Ethnogeneseforschung verwerten. Auch Wolframs Begriffe lassen sich in erweiterter Form fruchtbar für ethnogenetische Untersuchungen verwenden. Leider ist dieser langwierige Prozess der Ethnogenese des englischen Volkes im Rahmen einer Abschlussarbeit nur in stark komprimierter Form realisierbar gewesen. Die genetische Hilfswissenschaft bietet der Ethnogeneseforschung eine gute Unterstützung, da sie objektiv ist und dabei assistieren kann, an Ethnogenesen beteiligte Gruppen zu identifizieren und deren Verwandtschaft miteinander zu klären. Sie kann helfen, die nötige Detektivarbeit für Zeiten zu leisten, in denen Schriftquellen nicht existent sind und erlaubt es uns, weit in die Zeit zurückzuschauen. Manchmal macht sie uns auf Gruppen wie die vorindoeuropäischen Siedler Großbritanniens aufmerksam, von denen in einigen Fällen vorher nichts bekannt war. Außerdem kann sie dabei nützen, archäologische und historische Quellen besser einzuordnen. Dennoch kann sie nicht alleine stehen, was sich am römischen Einfluss auf die Angelsachsen zeigt. Würde dort nur nach der genetischen Auswirkung der römischen Be- 3 Schluss 80 siedlung auf die Ethnogenese der Engländer geschlossen werden, so könnte fälschlicherweise angenommen werden, dass sie keinen Einfluss auf die Ethnogenese der Engländer gehabt hätte. Das wäre nicht korrekt. Ethnogenese muss dementsprechend nicht als deterministisch kritisiert werden. Andererseits kann die Genetik manchmal eine Spur zur Kultur aufdecken, da sie uns Aufschluss darüber liefern kann, wie groß bestimmte Siedlungswellen gewesen sein müssten, um in der heutigen Bevölkerung noch in solchem Maße vorhanden zu sein. Sie kann infolgedessen kulturelle Einflüsse besser messbar machen, da wie sich in der Untersuchung zeigte, sich oft die Vielzahl in Form eines Ethnokerns oder Kontinuitätskerns gegenüber einen kleinen Herrscherschicht (Traditionskern) bei der kulturellen Prägung während einer Ethnogenese durchsetzte. Dies wurde besonders am Beispiel der Normannen deutlich, die sich ähnlich wie die Römer kulturell gegen die Mehrheit nicht durchsetzen konnten. Hier zeigt sich ein demokratisches Phänomen von Ethnogenese. Einerseits haben Römer und Normannen mehr zur Ethnogenese beigetragen als es ihr genetischer Beitrag vermuten lassen würde und andererseits hat sich die Mehrheitskultur der Angelsachsen durchgesetzt. Deswegen können neue prozentuale Einschätzungen durch die Auswertung genetischer Daten dabei helfen, Siedlungsereignisse sowie die daraus resultierenden Ethnogenesen besser einzuschätzen. Interessant ist, dass sich die heutigen Engländer entgegen des größten angelsächsischen Einflusses auf ihre Genetik trotzdem im Gegensatz zu ihrer Sprache in ihrem Volksempfinden auch an ihrem genetisch zweitgrößten, inselkeltischen Erbe orientieren. Aufgrund von relevanten Ergebnissen, wie sie diese Arbeit hervorgebracht hat, sollte die Ethnogeneseforschung nach entsprechender Problematisierung weiter verfolgt werden. Darüber hinaus sind aktuelle Bevölkerungsentwicklungen nach den Normannen nicht berücksichtigt worden, deren Auswirkungen es ebenfalls zu messen gilt. Zumal besonders im genetischen Bereich ständig neue Ergebnisse dazukommen und mit etwas Glück auch weitere archäologische Funde gemacht werden, die es auch zukünftig nötig machen, Ethnogenese aufzugreifen und dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung anzupassen. 3 Schluss 81 Quellen- und Literaturverzeichnis Quellen Anglo-Saxon Chronicle. [English], released, translated and collated by Anne Savage, London 1982. Beda der Ehrwürdige: Kirchengeschichte des englischen Volkes. [Lateinisch- Deutsch], herausgegeben und übersetzt von Günter Spitzbart, Darmstadt 1982. Caesar: Der Gallische Krieg. [Lateinisch-Deutsch], herausgegeben und übersetzt von Otto Schönberger, Berlin 82012. Geoffrey of Monmouth: History of the Kings of Britain. [English], translated by Aaron Thompson with revisions by John Giles, Cambridge/Ontario 1999. Gildas: The Ruin of Britain. [Latin-English], released, edited and translated by Michael Winterbottom, London/Chichester 1978. 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In der Arbeit wurden Erfahrungen aus seinem bisherigen Berufsleben und Studium mit einem Themengebiet in Verbindung gebracht, das viele Überschneidungspunkte mit den privaten Interessen des Autors aufweist. 89

Abstract

This work manages to breathe new life into the old concept of ethnogenesis research and the associated linking of various modern research disciplines on culture, religion and language by drawing on the results of the latest genetic research on the history of the origin of the English people. In doing so, ethnogenetic processes in England from the original population of the British Isles up to and including the Norman Conquest are analysed, their effects evaluated, and the influence of the Anglo-Saxons and Celts judged to be greatest. It also highlights the applicability of ethnogenesis research today and the extent to which advances in genetics enrich it.

With a foreword by Jens Ejnar Olesen.

Zusammenfassung

Dieses Werk schafft es, dem alten Konzept der Ethnogeneseforschung und dem damit einhergehenden Verbinden verschiedener moderner Forschungsdisziplinen zu Kultur, Religion und Sprache durch das Zurückgreifen auf die Ergebnisse der neuesten genetischen Untersuchungen zur Entstehungsgeschichte des englischen Volkes neues Leben einzuhauchen.

Dabei werden ethnogenetische Prozesse in England von der Urbevölkerung der britischen Inseln bis einschließlich zur Eroberung durch die Normannen analysiert, ihre Auswirkungen bewertet und der Einfluss der Angelsachsen und Kelten als am größten beurteilt. Es wird zudem herausgestellt, dass die Ethnogeneseforschung auch heute noch anwendbar ist und inwieweit die Fortschritte in der Genetik diese bereichern.

Mit einem Vorwort von Jens Ejnar Olesen.

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Abstract

This work manages to breathe new life into the old concept of ethnogenesis research and the associated linking of various modern research disciplines on culture, religion and language by drawing on the results of the latest genetic research on the history of the origin of the English people. In doing so, ethnogenetic processes in England from the original population of the British Isles up to and including the Norman Conquest are analysed, their effects evaluated, and the influence of the Anglo-Saxons and Celts judged to be greatest. It also highlights the applicability of ethnogenesis research today and the extent to which advances in genetics enrich it.

With a foreword by Jens Ejnar Olesen.

Zusammenfassung

Dieses Werk schafft es, dem alten Konzept der Ethnogeneseforschung und dem damit einhergehenden Verbinden verschiedener moderner Forschungsdisziplinen zu Kultur, Religion und Sprache durch das Zurückgreifen auf die Ergebnisse der neuesten genetischen Untersuchungen zur Entstehungsgeschichte des englischen Volkes neues Leben einzuhauchen.

Dabei werden ethnogenetische Prozesse in England von der Urbevölkerung der britischen Inseln bis einschließlich zur Eroberung durch die Normannen analysiert, ihre Auswirkungen bewertet und der Einfluss der Angelsachsen und Kelten als am größten beurteilt. Es wird zudem herausgestellt, dass die Ethnogeneseforschung auch heute noch anwendbar ist und inwieweit die Fortschritte in der Genetik diese bereichern.

Mit einem Vorwort von Jens Ejnar Olesen.