4. Perspektive in:

Birgit Panke-Kochinke

Die Konstruktion der Mutterliebe im deutschen Heftroman (1970–2020), page 87 - 90

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4553-4, ISBN online: 978-3-8288-7606-4, https://doi.org/10.5771/9783828876064-87

Tectum, Baden-Baden
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87 4. Perspektive Drei Interpretationsansätze der Konstruktion von Mutterliebe im Heftroman sind denkbar: Mutterliebe ist eine Fiktion. Das gibt das Genre des Romans so vor. Mutterliebe ist Teil eines gesellschaftlichen Diskurses und in seiner Diskursivität mentalitätsbildend. Das ist die Beantwortung der Frage nach der Wirksamkeit von Aussagen, die schriftlich vorliegen und Verbreitung finden. Mutterliebe ist eine historisch gewachsene Konstruktion, ein kulturelles Deutungsmuster, das am Knotenpunkt eines Geschlechter- und Familienbildes anzusiedeln ist. Das ist die Quintessenz einer kritischen Gesellschaftsanalyse. Wohin aber treibt der Begriff der Mutterliebe? Das ist scheinbar gut zu beantworten: Er verschwindet zunehmend aus der Diskussion. Daran gibt es keinen Zweifel. Man könnte aber auch vermuten, dass sich die Gefühlskonstruktionen, die mit diesem Begriff verbunden sind, einen anderen Ausdrucksort gesucht haben. Doch wo sollte der sein? Im Rahmen einer gendersensiblen Forschungshaltung ist es kaum noch möglich von einer Mutter im klassischen Sinne zu sprechen und auch der Begriff der Mütterlichkeit wird dann, wenn er von seiner geschlechtsspezifischen Bedeutung abgekoppelt wird, nicht mehr zum Denkmal einer spezifischen beruflichen Disposition von Frauen genutzt. In einer Zeit, in der der Begriff Geschlecht zu einem Streitfeld der erkenntnistheoretischen Positionen wird, in dem sich aber gleichzeitig Geschlechtskonstruktionen in multiplen neuen Gestalten und Formen finden, die diese Diskussion auf eine recht eindrucksvolle Art und 88 Weise erneut einfangen, erscheint der Begriff der Mutterliebe fast schon beruhigend, weil er einfach nur ideologisch ist. Man könnte dann wie folgt argumentieren: Wenn es sich um eine historisch gewachsene Konstruktion handelt, dann ist es Zeit, dass er verschwindet. Er entspricht nicht mehr der Lebensrealität. Und wenn es sich lediglich um ein kulturelles Deutungsmuster handelt, dann hat dieses Muster zwar Gewicht aber keine bleibende Gestalt. Aber wenn es darum geht, philosophische Perspektiven für eine gute Gesellschaft zu entwickeln, dann kommen über die Vorstellungswelten von Familie und Glück, Individualität im Sozialen aber vor allem den Begriff der Liebe erneut Wunsch- und Hoffnungsszenarien einer besseren Welt in den Denkraum und befördern ein Modell, das ursprüngliche und spürbare Fürsorglichkeit und Nähe nicht nur zulässt sondern zur tragenden Säule einer verinnerlichten Haltung der Nächstenliebe gestaltet, auch wenn der Glaube fehlt. Unterschwellig lässt sich also vermutlich doch eine recht stabile Zukunft auch für diesen Begriffsrahmen finden. Wie könnte dieser aussehen? Immer noch hält sich eine Position im wissenschaftlichen Diskurs, die die Beziehung einer Frau zu ihrem leiblichen Kind als besonders, auch besonders stark durch die Biologie vorgegeben und die Verhaltensforschung belegbar deklariert – zumindest in dem, was Journalisten als Quintessenz dieser Wissenschaft publizieren. Davon hält auch die jüngst erfolgte Entmystifizierung des Hormons Oxytozyn nicht ab. Vor diesem Hintergrund erscheint zwar der Begriff der Mutterliebe selbst bisweilen als altertümlich und überholt, nicht aber der Bedeutungs- und damit auch Deutungsrahmen, den er trägt. Diese ideale und für alle Arten von Argumentation ausbaubare Verknüpfung von biologischen Vorannahmen und gesellschaftlicher Formung könnte immer noch als einer der Prototypen der Geschlechtscharaktere gelten. Auch die Argumentation der Abweichung – eine Frau liebt ihr neugeborenes Kind nicht und erweist sich damit als krank – passt gut in dieses Denkmodell. In die Zukunft blickend würde ich also vermuten, dass sich dieses Grundmodell des Diskurses zum Thema Mutterliebe in seinen zentralen Komponenten keineswegs auflösen wird, sondern in seiner Flexibilität ebenso stabil bleiben wird wie die Geschlechterkonstruktion selbst. Auch wenn schwule Männer mit ihrem Samen und einer fremden Eizelle in dem Körper einer Leihmutter ein Kind produzieren können und dieses Kind dann mütterlich aufziehen, bleibt das doch im Rahmen der ideologischen Vorgaben der Mutterliebe eine erzieherische und gefühlsmäßige Leistung, die sich 89 aus dem Pool derselben speist. Fürsorglichkeit, die richtige Erziehung, der Aufbau einer einzigartigen Beziehung durch das Wissen, dass es sich um das eigene Kind handelt – zwischen Besitz und Gefühl, gesellschaftlichen Anforderungen und Liebesbegehren wächst dieses Kind in einem Kokon des Anspruchsniveaus einer Mutterliebe auf, auch wenn dieser Gefühlspool nicht diesen Namen erhält. Wie ist es nun mit den Kindern, die nicht dem eigenen Samen bzw. der eigenen Eizelle entsprungen sind? In diesem Fall lässt sich weiterhin gut von einer besonderen Beziehung sprechen, die körperliche Prozesse auslöst und gesellschaftliche Modelle umsetzbar macht. Vielleicht ist in dieser Konstruktion auch einfach das Wissen um Bindung, soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Wille und Wunsch eine Art Konglomerat, das sich über den neutralen Begriff der Beziehung in genau diesem Eigentor der Selbstliebe in der Wahrnehmung eines anderen Wesens verfängt. Der Begriff der Mutterliebe mag also historisch bedingt verschwinden, das Deutungsmuster Mutterliebe zur Beschreibung einer starken Bindung zwischen zwei Menschen, von denen der eine Teil in einem stärkeren Abhängigkeitsverhältnis steht als der andere, wird aber wohl auch in der Zukunft den Diskurs weiter bestimmen.

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References

Abstract

Mother's love is a term that appears in trivial literature to the present day and has a recognizable effect. What is meant by the concept of mother’s love in the German trivial literature and what function does it have in social discourse?

As a historian and sociologist, Birgit Panke-Kochinke was looking for answers to these questions. Therefore she analysed about 400 magazine novels that have been published in Germany since the 1970s.

The result: Of course, on the one hand mother’s love is a fiction, which the genre of the novel requires. But on the other hand, it is also part of a social discourse and, in its discursiveness, it forms mentality.

Zusammenfassung

Mutterliebe ist ein Begriff, der bis in die Gegenwart durch die Trivialliteratur geistert und Wirkung zeigt. Was wird im deutschen Heftroman unter dem Begriff der Mutterliebe verstanden und welche Funktion trägt der Begriff im gesellschaftlichen Diskurs?

Die promovierte Historikerin und Soziologin Birgit Panke-Kochinke ist der Beantwortung dieser Fragen in einer Analyse von rund 400 Heftromanen, die in Deutschland seit den 1970er Jahren erschienen sind, nachgegangen.

Das Ergebnis: Mutterliebe ist zwar eine Fiktion, die das Genre des Romans so vorgibt. Sie ist aber auch Teil eines gesellschaftlichen Diskurses und in ihrer Diskursivität mentalitätsbildend.