3. Ergebnis in:

Birgit Panke-Kochinke

Die Konstruktion der Mutterliebe im deutschen Heftroman (1970–2020), page 77 - 86

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4553-4, ISBN online: 978-3-8288-7606-4, https://doi.org/10.5771/9783828876064-77

Tectum, Baden-Baden
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77 3. Ergebnis Was wird in den von mir untersuchten Heftromanen als Mutterliebe bezeichnet? Wo und wie wird dieser Begriff eingesetzt und welche Funktion hat er? Und - wie lassen sich die Ergebnisse meiner rekonstruktiv angelegten Quellenanalyse vor dem Hintergrund der Sekundärliteratur interpretieren? Kurz zusammengefasst ergibt sich folgende Erkenntnis: Mutterliebe erscheint im Heftroman als eine weiblich konnotierte Fähigkeit und Eigenschaft von Frauen, ein spezifisches Kind – und dabei ist es egal, ob es sich um ein leibliches oder angenommenes Kind handelt – so zu betreuen, dass es sich geborgen und geschätzt fühlen kann. Das geschieht am ehesten in einer Familie die sich um dieses Kind herum organisiert. Die beiden Personen, die Elternfunktion übernehmen, geben durch ihre Liebe füreinander den Raum frei für eine gelingende Beziehungskonstruktion. In Feld der käuflichen Liebe gelingt es der zentralen Handlungsfigur immer, einen positiv besetzten Weg in die gesellschaftliche Legitimität zu finden, die sie zufrieden sein lässt. Die Dramaturgie spielt mit den vorab genannten Bildern der Gewalt, Unterdrückung, des Drogenmilieus, der sozialen Dispositionen, um Konstellationen eines Handlungsmusters zu beschreiben, die dekoriert durch den Begriff des Schicksals immer zu einer positiv konnotierten Lösung führen. Und diese positiv konnotierten Lösungen haben oft die Perspektive auf eine romantisch angelegte Fiktion von Liebe, die sich dann erneut mit dem Dogma der Mutterliebe verbinden kann. Ich werde im Folgenden diese grundlegende Erkenntnis auffalten und sie dabei in Bezug zur Sekundärliteratur setzen. In einem ersten Schritt werde 78 ich eine textimmanente Definition der Mutterliebe entwickeln, indem ich sie innerhalb ihrer Begriffsfamilie zu erfassen versuche. Eine Mutter ist eine Frau dann, wenn sie selbst ein Kind geboren hat oder/ und wenn sie ein eigenes oder fremdes Kind aufzieht und von diesem Kind als Mutter bezeichnet wird. Liebe, wenn sie sich auf eine Mutter bezieht, ist anders als die Liebe zwischen Mann und Frau, die eine seelische und körperliche Komponente hat. Sie ist nicht nur anders, sie ist auch stärker und gibt eine Prioritätensetzung vor. Mutterliebe ist ein Begriff, der zum einen eine tiefe gefühlsmäßige instinktive Beziehung einer Frau zu einem Wesen beschreibt, das sie als ihr Kind ansieht. Dabei ist es unerheblich, ob sie die leibliche Mutter dieses Kindes ist oder es als ihres angenommen hat. Mutterglück entsteht innerhalb der Mutterliebe und bezeichnet ein Gefühl, das eine Frau überkommt, wenn sie ihr leibliches oder ein spezifisches fremdes Kind im Arm hält zu dem sie sich besonders hingezogen fühlt. Mutterliebe ist aber ebenso ein Synonym für die Fähigkeit einer Frau, ein Kind entsprechend den sozialen und gesellschaftlichen Anforderungsprofilen angemessen zu versorgen und zu erziehen. An diesem Punkt besteht ein Anschluss an den Begriff der Mütterlichkeit und des Mutterseins. Muttersein ist ein Begriff, der mit den Aufgaben und Pflichten einer Frau zu tun hat, die als Mutter definiert wird. Mütterlichkeit bezeichnet im Prinzip eine Eigenschaft und Fähigkeit die eine Frau haben kann auch wenn sie keine leiblichen oder angenommenen Kinder hat. Mütterlichkeit ist eine Haltung anderen Menschen gegenüber, denen sich eine Frau fürsorglich zuwendet. Sie ist – dem Modell von Christoph Sachße folgend (Sachße, 1986) – eine gesellschaftlich festgelegte Eigenschaftszuweisung für Frauen, die sie besonders befähigt, in sozialen Berufen tätig zu sein. Diese Modellgrundlage findet sich in den Heftromanen wieder, wenn es um Frauen geht, die in Schulen, Kinderheimen, Kindergärten, Kinderhorten oder in Privathaushalten mit der Versorgung und Erziehung von Kindern beschäftigt sind. Mütterlichkeit kann mit der Mutterliebe korrespondieren. Mutterliebe ist in dieser Kombination zu verstehen als ein starkes Gefühl einer Frau einem spezifischen Kind gegenüber, das auf einer mütterlichen Haltung Menschen generell gegenüber beruht, die Unterstützung und Fürsorge benötigen. Damit bindet der in den Heftromanen verwendete Begriff der Mutterliebe eine Vielzahl von Komponenten ein, die in der Literatur als Bestandteile der historisch gewachsenen Konstruktion des kulturellen Deutungsmusters der Mutterliebe bezeichnet werden. 79 Mutterliebe benötigt nun einen bestimmten gesellschaftlichen und sozialen Raum, um sich angemessen im Blick auf die Entwicklung des Kindes entfalten zu können. Der Topos zur Beschreibung dieses Entwicklungsrahmens ist in dem Begriff der glücklichen Familie aufgehoben. Eine glückliche Familie wird definiert als eine Personengruppe, die aus mindestens drei Personen (Vater, Mutter, Kind) besteht. Sie zielt auf Rechtssicherheit durch Eheschließung und gegebenenfalls Adoption sowie ein auf Dauer angelegtes Zusammenleben der Familienmitglieder in einem entwicklungsförderlichen Wohn- und Lebensraum, der ausreichende finanzielle und soziale Rahmenbedingungen einschließt. Und sie zielt – als Garantie für das Glück – auf die Kombination von Liebe als Liebe zwischen Mann und Frau und Liebe als Elternliebe, die ihren geschlechtsspezifischen Ausdruck in der Mutter- und Vaterliebe findet. In einer Art Triangulation erlebt sich das Kind in einer solchen Familie als geschützt und geborgen und ist in der Lage, die Liebe, die es empfängt, auch zurückzugeben – an und innerhalb der Familie aber auch außerhalb derselben. Es fühlt sich ebenso sicher wie die Personen, die er als seine Eltern ansieht und die sich durch ihre Liebe zueinander ebenfalls Sicherheit, Vertrauen und Geborgenheit geben. Dieses in sich runde Keimzellenbild der glücklichen Familie beruht also darauf, dass es eine starke Verbindung zwischen zwei Formen der Liebe, der romantischen Liebe und der Elternliebe, insbesondere der Mutterliebe, gibt, die in dieser Familie eine Chance hat, lebenslang zu wirken. Sie strahlt vorbildhaft auf andere weniger glückliche Lebenskonstellationen aus. Die ethische Grundlage einer solchen Gesellschaftssicht ist letztlich ein in der Umsetzung geschlechtsspezifisch konnotiertes Modell von einem guten Leben, das in eine interessante Nähe zu dem von Axel Honneth entwickelten Modell der Anerkennung rückt (Honneth, 2012). Der Begriff der Fürsorge, wie er sich in dem ebenfalls geschlechtsspezifisch konnotierten Modell der Mütterlichkeit findet, hat Anklänge in der von Martha Nussbaum entwickelten Vorstellung einer Fürsorgegesellschaft (Nussbaum, 2010) und lehnt sich an das Gesellschaftsmodell an, das Carol Gilligan in ihrer weiblich konnotierten Care-Ethik entworfen hat (Gilligan, 1984). Aus psychologischer Sicht ist das in den Heftromanen präferierte Modell der glücklichen Familie spannend, weil es auf Grundwerten der von Bowlby bereits 1953 entwickelten Bindungstheorie beruht (Bowlby, 1995). Es sind nicht nur die leiblichen Kinder, die von einer funktionsfähigen Familie profitieren, sondern auch die nicht leiblichen Kinder, die in einer entsprechenden Familie aufwachsen können. Mutterliebe, die in einer engen Definition 80 die Beziehung zwischen einer leiblichen Mutter und ihrem Kind beschreibt, weitet sich in diesem erweiterten Konzept auf die Kinder aus, die in den Familienzusammenhang aufgenommen und gefühlsmäßig und juristisch als eigene Kinder anerkannt werden und aufwachsen können. Die erzieherischen und moralischen Implikationen dafür passen sich jeweils zeitgemäß an die gesellschaftlichen und sozialen Standards an. Einen großen Raum nehmen in den Heftromanen die Schilderungen der Problemkonstellationen ein, die ein solches Idealbild der glücklichen Familie in Frage stellen. Aus soziologischer Sicht handelt es sich neben der Schilderung von innerfamilialen Konflikten zwischen Eltern und ihren leiblichen Kindern vor allem um Beschreibungen von unvollständigen Familien. Perspektivisch geht es darum, aus einer solchen Problemkonstellation ein Lösungsmodell zu kreieren, das auf die Erreichung eben dieser glücklichen Familie zielt. Es handelt sich weitgehend um – soziologisch gesprochen – Stieffamilien. Viele der in der Literatur geschilderten Konstellationen solcher Stieffamilien (Bundesministerium für Familie, 2013; Krähenbühl, Jellouschek, Kohaus-Jellouschek, & Weber, 1995) tauchen in den Romanen auf. Damit entsprechen die Beschreibungen im Roman weitgehend den gesellschaftlichen Modellen die sich für diese Personengruppe ergeben. Sie werden aus der Sicht der Erwachsenen und der Kinder beschrieben. Deutlich wird, dass es auch darum geht, über die Kernfamilie hinaus die Stellung der Mitglieder einer erweiterten Familie in ihrem Einfluss auf die erstgenannte zu bestimmen – wiederum aus der Sicht der „neuen“ Eltern und „ihrer“ Kinder. Die fiktiven Problemkonstellationen entsprechen so durchaus den in der Literatur geschilderten Modellen. Abweichungen ergeben sich vor allem durch den vorgegebenen dramaturgischen Charakter der Heftromane als Trivialliteratur, die ein Happy End zwingend machen. Ein psychologisch und soziologisch angenommenes Idealbild einer gelingenden Beziehung von Menschen in einer Kern- und erweiterten Familie gerät in den Romanen zur unabwendbaren Lösung. Gesellschaftliches Idealbild und fiktive Erzählung sind weitgehend kongruent in Bezug auf eine bestimmte Variante dieses gesellschaftlichen Idealbildes, nämlich der Idee, wie eine solche glückliche Familie auszusehen hat. Weitgehend ausgeschlossen bleiben so z.B. lesbische und schwule Lebenspartnerschaften, perspektivisch auch alleinstehende Frauen oder Männer mit leiblichen oder fremden Kindern, die sich in ihrer Rolle durchaus wohlfühlen und keine Partnerschaft anstreben. Sie sind ein Problem und keine Lösung. 81 Wendet man nun den Blick von der Beziehung zwischen Eltern und Kind auf die Beziehung der potentiellen Eltern zueinander, bleibt das tradierte Modell der romantischen Liebe in seiner bürgerlichen Funktionskonnotation in den Heftromanen als Leitbild ungebrochen bestehen. Das entspricht in idealer Weise dem Modell der glücklichen Familie in ihrem Kleinfamilienidyll. Wenngleich die eher moderne Problemperspektive der Stieffamilien in den Mittelpunkt rückt, so bleiben innerhalb dieses Musters doch die Wertvorstellungen einer einmaligen, echten, wahren Liebe als ein Kern dieses Konstrukts bestehen. Auch dann, wenn also ein Mensch in seinem Leben mit Problemen in der Partnerschaft zu kämpfen hat, wenn Kinder unehelich geboren werden, wenn Ehen nicht zustande kommen oder sich als nicht tragfähig erweisen, wenn das Schicksal einem den Ehepartner oder Freund nimmt – es ist in diesen fiktiven Geschichten immer möglich, einen Neuanfang zu wagen. Und dieser Neuanfang ist die Erkenntnis, dass man einen Menschen so sehr liebt, dass man mit ihm sein Leben auf Lebenszeit teilen möchte. Es bleiben auch die beiden Komponenten einer solchen wahren Liebe bestehen: körperliches Begehren und seelische Anziehung, die zu einem unbegrenzten Vertrauen zueinander führen sollen und die Grundlage für eine gemeinsame Lebensführung bilden. Wenn man die Romaninhalte unter dieser Perspektive betrachtet, dann stellen sie einfach nur eine Auswahl von Themenfeldern aus der jeweiligen gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit ihrer Zeit bzw. der Zeit, zu der sie geschrieben wurden, dar, die in ihrer vorab festgelegten Zielperspektive auf ein ideales Muster der gesellschaftlichen Regulierung verweisen. Das entspricht der dramaturgischen Vorgabe eines Heftromans. Und das macht vermutlich ihren Erfolg aus. Nun ist es eine Verkaufsstrategie der Verlage, diese Romane immer wieder in Neuauflagen und in verschiedenen Formen von Sammelbänden auf den Markt zu bringen. Zwischen der Produktion eines Romans und den weiteren Auflagen können so mehr als zwanzig Jahre liegen. Sollte man diesen Heftromanen also eine Art Überzeitlichkeit bescheinigen? Sind die geschilderten Lebenswege und Lösungsmodelle vielleicht archetypisch oder doch zumindest idealtypisch angelegt? Man könnte nun argumentieren, dass in der Gegenwart auch die Romane von Hedwig Courths-Mahler eine gewisse Beliebtheit haben und damit der historische Hintergrund eher anregend wirken kann. Die meisten Heftromane werden allerdings ohne Angabe zu ihrer Entstehungszeit und im Rahmen von neuen Serien immer wieder aufgelegt. Sie werden nicht als historische Romane deklariert. Dafür existieren eigene Serienlabels. Das gewählte Grundmuster 82 mit der Frage, wie gelingt es aus einer Problemkonstellation mit einem Kind in eine glückliche Ehe und Familie einzutreten, entsteht vermutlich in den 1950er Jahren und erweist sich bis in die Gegenwart hinein als verkaufsträchtig. Es ist mittlerweile nicht mehr nur der Kuss, der ein Begehren zwischen Mann und Frau anzeigt und aus verlagsmoralischen Gründen keine weiteren Beschreibungen sexueller Begegnungsformen zulässt – und trotzdem scheint auch das weiterhin attraktiv zu sein. Alternative Trivialliteratur, die den sexuellen Akt in einer pornografischen Form genau und redundant beschreibt, steht parallel im Übermaß zur Verfügung. Eine Erklärung lässt sich vielleicht finden, wenn man berücksichtigt, dass diese Heftromane als Frauenromane deklariert werden. Zwar scheint es sich um eine zunehmend älter werdende weibliche Leserschaft zu handeln aber auch dann liegt die Vermutung nahe, dass diese Form der idealen Lebenskonstruktion in einer glücklichen Familie immer noch Konjunktur hat. Anknüpfend an die vielen Möglichkeiten des Scheiterns bieten sie offensichtlich weiterhin in der Gegenwart ein Identifikationsmodell an, das verlockend wirkt. Wenn ich nun den Blick auf meine Vergleichsgruppe lenke, also die Gruppe der in Heftromanen geschilderten Prostituierten, so lässt sich zunächst einmal mit Blick auf die wissenschaftliche Literatur zum Thema festhalten, dass deren Milieu für die Zeit der 1970er bis in die 1980er Jahre in Deutschland, folgt man v.a. Girtler, durchaus zutreffend und genau beschrieben wird (Girtler, 1988). Es ist die Zeit bevor Aids und steigender Drogenkonsum die Beschaffungsprostitution ansteigen lassen. Die Ausgaben, die mir vorliegen, sind vornehmlich aus diesem Zeitraum. Es ist die Zeit, in der osteuropäische Schlepper- und Zuhälterringe noch nicht das Preisniveau gesenkt haben. Das sind Problemfelder die erst seit den 1990er Jahren in der Sekundärliteratur ihren Niederschlag finden. Im Hinblick auf eine Definition von Prostitution als eine zumeist von Frauen ausgeübte Dienstleitung, bei der Frauen ihren Körper für Geld anbieten und in der Beschreibung der sozialen Herkunft, der sozialen Not, der innerpsychischen Probleme und des hohen Gewaltfaktors im Prostituiertenmilieu stimmen die Aussagen in den Romanen mit den Untersuchungen in der Sekundärliteratur ebenfalls grundsätzlich überein. In der Frage des Ausstiegs aus diesem Arbeitsfeld allerdings driften die Aussagen insofern auseinander, als aus rein dramaturgischen Gründen im Handlungsmodell des Happy Ends die Frauen, die einen Ausstieg aus der Prostitution schaffen, in den Romanen im Mittelpunkt stehen während sie real nur eine kleine Gruppe ausmachen. 83 Die Serie Rote Laterne gehörte zu einer der Erfolgsserien, die vornehmlich für ein weibliches Publikum geschrieben wurde. Im Prinzip handeln die Geschichten davon wie eine Frau zur Prostituierten wird und wie es ihr gelingen kann aus dieser Prostitution wieder auszusteigen. Das ist ein gesellschaftlich gewünschtes Idealbild und entspricht vermutlich zugleich der Verlagsmoral. Ein zentrales Motiv, um den Ausstieg aus diesem Milieu zu schaffen, ist es in der Romandramaturgie, dass eine Prostituierte wieder lernt, einen Mann zu lieben. Wahre Liebe und Prostitution sind in den Romanfassungen nicht vereinbar. Und genau an diesem Punkt beginnt die ideologisch gestaltete Lösungsperspektive. Das romantische Ideal der Liebe mendelt sich in die Herzen der Prostituierten ein. Allerdings ist für sie der Weg in diese bürgerliche Normalität von Ehe und Familie ein anderer. Sie muss erst einmal Vertrauen zu einem bestimmten Mann gewinnen und das vor dem Hintergrund ihres Berufes, der ihr über die Käuflichkeit von Sexualität einen Lebensunterhalt verschafft. Um das Begehren in ihrem Körper spüren zu können benötigt sie zunächst einmal den seelischen Vertrauensraum. Das braucht Zeit und Geduld von Seiten ihres Gegenübers. Aus psychologischer Sicht ist das durchaus nachvollziehbar. Der Weg zu dieser seelischen und körperlichen Liebe einem Mann gegenüber funktioniert aber dann, wenn ein Kind vorhanden ist, anders. Die Zuneigung, also Liebe zu diesem Kind, ermöglicht es ihr, erst einmal ein anderes Wesen wieder lieben zu lernen und zwar in einem sexuell gefahrlosen Raum. Und erst wenn sie gelernt hat, ein Kind zu lieben, gelingt es ihr, einem erwachsenen Mann ihre Liebe zu geben. Das Ziel ist gleich. Es geht um die Befähigung, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen. Die gesamte Dramaturgie der Lösungsperspektive ist auf einer psychologischen Grundlage angesiedelt. Sie gibt vor, dass eine Frau, die als Prostituierte arbeitet, letztendlich doch in die Normalität einer bürgerlichen Familie zurückkommen möchte. Sie wird als eine innerlich verletzte Frau dargestellt, die den Glauben an diesen Rückweg verloren hat. Zugleich besitzt sie eine Art Restbestand an mütterlichfürsorgerischen Fähigkeiten, die ihr die Richtung anzeigen, wie sie es trotzdem schaffen kann. Die Schwarz-Weiß-Malerei funktioniert als stilistisches Mittel auch in dieser Serie. Und die gute Prostituierte ist die Frau, die immer noch über ein gewisses Maß an sozialer Verantwortung verfügt, das insbesondere durch den Missbrauch an Kindern geweckt wird. Die Fantasie von Prostituierten, nach einer bestimmten Zeit wieder aussteigen zu wollen, wird in diesen Heftromanen immer umgesetzt. Und die Leserschaft, die sich in 84 diesem Milieu nicht auskennt oder selbst aus diesem Milieu kommt, wird mit einer durchaus positiven Variante des Prostituiertentypus konfrontiert. So bleibt ihr dann die Sicherheit, dass es zwar eine durch Doppelmoral entstandene sexuelle Ausbeutung von Frauen gibt, die Männern ihren Körper für Geld anbieten, aber auch Auswege aus diesem Milieu, wenn die Mutterliebe und die Liebe zum Mann geweckt werden kann. Die Doppelbödigkeit der Doppelmoral löst sich so in dem Idealbild der Liebe auf. Die Aussage, dass der Begriff der Mutterliebe eine ideologische Konstruktion in einer fiktiv angelegten Romandramaturgie ist, scheint in seiner Tautologie kaum erkenntnisfördernd. Dass es sich dabei um einen Diskurs handelt, der auf einer trivialen Ebene der Verschriftlichung angesiedelt ist, ebenso. Interessant erscheint mir allerdings die Erkenntnis, dass dieser Diskurs innerhalb eines Diskursfeldes angesiedelt ist, der das Modell der bürgerlich konnotierten romantischen Liebe und der Mutterliebe in dem Bild der glücklichen Familie ansiedelt. Dieses Dreigestirn der Liebe begründet nun eine Phantasie oder philosophisch-ethische Perspektive der Suche nach einem guten Leben. In den Begriffen Vertrauen, Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Fürsorge, der Vorstellung von Freiheit durch Loslassen und Gemeinsinn vermittelt es die Idee einer besseren Gesellschaft. Darin unterscheidet sich die implizite Botschaft in einem trivial angelegten Heftroman nur wenig von einer als hochrangig eingeschätzten wissenschaftlich begründbaren ethischen Perspektive. Different ist allenfalls die Dramaturgie selbst, die nur bestimmte gesellschaftskonforme Wege zur Erreichung dieses Ziels zulässt. Diese sind aus einer kritischen Perspektive problematisch insofern, als sie alternative Lebensmuster zwar einbeziehen, sie aber nicht als den richtigen Weg zur Erreichung des eigentlichen Zieles markieren. Glück hat dabei nichts zu tun mit einem schicksalhaften Verlauf des Lebens sondern einer angemessenen Entscheidungsfähigkeit für den richtigen Weg. Das ist zwar eine triviale Aussage, die aber durchaus ebenfalls an tiefgreifende philosophische Konzepte andocken kann. Auch wenn also der Begriff der Mutterliebe als veraltet eingeschätzt wird und in seiner geschlechtsspezifischen Konnotation nicht mehr über biologistische Hormonmuster gestützt werden kann, so bleibt doch der Bedeutungsrahmen dieser Mutterliebe gesellschaftlich tragend als eine Art Identifikationsmodell für Frauen, die sich fragen, wie sie mit einem leiblichen Kind oder einem Kinderwunsch umgehen sollen. Und das ist vermutlich ein Grund dafür, dass er als eine Mentalitätsgrundlage oder kulturelles Deutungsmuster immer noch wirksam ist und sich in Ritualen der Mütterlichkeit 85 manifestiert, deren Relevanz kaum zur Gegenwart zu passen scheinen. Und – so einfach, also trivial, diese Heftromane auch erscheinen mögen, genau das ist ihre Stärke und macht ihre aktuelle gesellschaftspolitische Relevanz aus.

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References

Abstract

Mother's love is a term that appears in trivial literature to the present day and has a recognizable effect. What is meant by the concept of mother’s love in the German trivial literature and what function does it have in social discourse?

As a historian and sociologist, Birgit Panke-Kochinke was looking for answers to these questions. Therefore she analysed about 400 magazine novels that have been published in Germany since the 1970s.

The result: Of course, on the one hand mother’s love is a fiction, which the genre of the novel requires. But on the other hand, it is also part of a social discourse and, in its discursiveness, it forms mentality.

Zusammenfassung

Mutterliebe ist ein Begriff, der bis in die Gegenwart durch die Trivialliteratur geistert und Wirkung zeigt. Was wird im deutschen Heftroman unter dem Begriff der Mutterliebe verstanden und welche Funktion trägt der Begriff im gesellschaftlichen Diskurs?

Die promovierte Historikerin und Soziologin Birgit Panke-Kochinke ist der Beantwortung dieser Fragen in einer Analyse von rund 400 Heftromanen, die in Deutschland seit den 1970er Jahren erschienen sind, nachgegangen.

Das Ergebnis: Mutterliebe ist zwar eine Fiktion, die das Genre des Romans so vorgibt. Sie ist aber auch Teil eines gesellschaftlichen Diskurses und in ihrer Diskursivität mentalitätsbildend.