0. Einleitung in:

Birgit Panke-Kochinke

Die Konstruktion der Mutterliebe im deutschen Heftroman (1970–2020), page 7 - 10

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4553-4, ISBN online: 978-3-8288-7606-4, https://doi.org/10.5771/9783828876064-7

Tectum, Baden-Baden
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7 0. Einleitung Warum dieses Thema? Ich habe mich entschlossen, im Feld der deutschsprachigen Heftromane dem Begriff der Mutterliebe in dem Zeitraum seit den 1970er Jahren bis in die Gegenwart nachzugehen. Warum? Mein Vorhaben ist eingebunden in eine Geschichte. In der Erkundung von Krankenschwesternromanen, die ich im Vergleich zu Sekretärinnenromanen analysiert habe (Panke-Kochinke, 2019) wurde erkennbar, dass der Begriff der romantischen Liebe zentral war, um die Lebensmuster der Protagonistinnen verstehen zu können: Die Krankenschwester verliebte sich in den Arzt oder Patienten und die Sekretärin in ihren Chef oder den Sohn desselben. Galt dieses heterosexuell definierte Muster auch für gleichgeschlechtliche Formen der Liebe? Dieser Frage ging ich in einer weiteren Untersuchung nach, die auf einer Analyse belletristischer Romane beruhte (Panke-Kochinke, 2020). Auch in diesem Feld fand ich Grundmodelle der romantischen Liebe wieder. Die meisten dieser Geschichten beschrieben nun den Weg von der ersten Verliebtheit hin zu einer wahren Liebe. Das war im hetero- und homosexuellen Milieu so. Im heterosexuellen Milieu wurden zudem neben der Liebeserklärung und dem Heiratsantrag die Geburt eigener Kinder und damit die Familiengründung als Zukunftsvorstellung formuliert. Kinder schienen eine romantische Liebe zu krönen. Angedeutet wurde auch die Grundlage dafür: Mutterliebe. Doch was sollte das sein – Mutterliebe? Das wollte ich herausfinden. Ich entschied mich für die gleiche Quellengattung, also Trivialromane, und da speziell die Heftromane. Im Feld der sogenannten Frauenromane fanden sich in den Kategorien Familien-, Heimat- und Adelsromane eine Vielzahl von Geschichten die sich genau mit der Phase des Lebens beschäf- 8 tigte, die mich interessierte. Mein Ziel war es also, das Begriffsfeld der Mutterliebe im deutschen Heftroman seit den 1970er Jahren zu rekonstruieren, es in seinen Kontexten zu erschließen und im Rahmen der wissenschaftlichen Literatur zu interpretieren. Wie bin ich in der Darstellung der Ergebnisse vorgegangen? In einem ersten Kapitel trug ich die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Diskurses zum Thema Mutterliebe zusammen. Ich sortierte sie bereits entlang der in meinem Quellenmaterial in einem ersten Durchgang als relevant erschlossenen Themenfelder. So ordnete ich mein Quellenmaterial auch in den Begriffshorizont der Familie resp. Stieffamilie ein. Ich übernahm einen Begriff von Liebe als Partnerliebe, den ich vor dem Hintergrund meiner bisherigen Studien definiert hatte und ich fragte nach der dramaturgischen Struktur von Heftromanen, die meine zentrale Quellengrundlage bildeten (Kapitel 1).In einem zweiten Kapitel rekonstruierte ich den immanenten Kern des Begriffes Mutterliebe in den von mir ausgewählten Romanen innerhalb ihres Begriffskorsetts Familie, dem wiederum der Begriff der ehelichen Liebe inhärent ist. Als Vergleichsgruppe wählte ich eine Heftromanserie aus, die in dem Milieu der Prostitution angesiedelt ist. Ich fragte nach der Differenz zwischen dem Begriff der käuflichen und der wahren Liebe und rekonstruierte das in die Geschichten eingelassene Modell der Mutterliebe (Kapitel 2) In einem dritten Schritt fasste ich meine Ergebnisse vor dem Hintergrund meiner Fragestellungen zusammen und ordnete sie in die wissenschaftliche Diskussion ein (Kapitel 3). Abschließend fragte ich danach, welche gesellschaftspolitische Perspektive dem Begriff der Mutterliebe und seinem Bedeutungshintergrund in der Gegenwart zukommt (Kapitel 4). Welche Konstruktionselemente der Mutterliebe habe ich in meinen Quellen gefunden? Eine erste Orientierungsgrundlage gebe ich in einer Darstellung der Ergebnisse bereits einleitend. Sie ermöglicht eine erste Orientierung um die Auswahl der anschießend dargestellten Horizonte nachvollziehen zu können. Im Zentrum der Mutterliebe steht natürlich das Kind – könnte man auf den ersten Blick meinen. Eine Mutter, also eine weiblich konnotierte Person, bringt einem Kind, also einem anderen menschlichen Wesen, das noch nicht erwachsen ist, Liebe entgegen. Oder sie bringt einem menschlichen Wesen, das früher einmal ein Kind war, und das sie geboren und/oder aufgezogen hat, Liebe entgegen. Doch was ist das für eine Liebe? Die fiktiven Roman- 9 geschichten entwerfen dafür Eigenschaftszuweisungen und moralische Handlungsvorgaben, die in einer Vielzahl von Konstellationen beschrieben werden. Die Konstellationen folgen im Heftroman der klassischen Logik dramaturgisch aufgebauter Heldenwege. Eine Frau wird zur Mutter und sie hat in dem Erwachen und Erleben ihrer Mutterliebe eine Reihe von Abenteuern zu bestehen. Dazu werden auch Gegenmodelle entwickelt. Eine Frau, die ein Kind geboren hat oder der ein Kind anvertraut wird, ist nicht in der Lage, Mutterliebe zu entwickeln. Das klassische Märchenbild der Stiefmutter steht dafür. Doch das ist nur ein Teil der Fiktion. Mutterliebe ist vor allem der Kern eines Ideals der Familie. So benötigt Mutterliebe eine Art naturgegebenen weiblichen Trieb, um sich angemessen entwickeln zu können aber auch gesellschaftliche Verhältnisse, die das zulassen. Dazu gehören finanzielle Sicherheit, gesellschaftliche Unterstützung aber vor allem ein sozialer Binnenraum, der Familie genannt wird. Familie bezeichnet zunächst einmal personentechnisch gesehen vor allem eine Konstellation von Vater, Mutter und mindestens einem Kind. Es muss sich dabei keineswegs um eine Blutsverwandtschaft der Kinder in Bezug auf beide Elternteile handeln. Stieffamilien sind eine mögliche Alternative. Wenn einer der Ehepartner stirbt oder eine Scheidung vollzogen wird, bricht diese Familienkonstellation zunächst auseinander um sich dann dem dramaturgischen Modell des Trivialromans folgend, neu und erfolgreich zu konstellieren. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff der Familie idealerweise ein emotional strukturiertes Feld aus Geborgenheit, Sicherheit und Glück: Die Eltern lieben sich und ihre Kinder. Die Rollenaufteilung folgt dem Muster der Zufriedenheit. In jedem Fall bedingt sie ein aktives Zusammenleben der Eltern mit Kindern an einem Ort, der Heim oder Heimat genannt wird. Im Zentrum einer Familienkonstruktion existieren so zwei Variablen, die unverzichtbar sind: Die eheliche Liebe zwischen den beiden Personen, die sich Eltern nennen als eine Kombination von romantischer und vernunftgesteuerter Beziehung zwischen zwei Erwachsenen und die unverbrüchliche Liebe der Mutter zu den Kindern, die zu dieser Familie gehören. Eine Ehe, die nur auf finanzieller Sicherheit oder/ und nur auf Vernunft aufbaut, ist diesem Modell folgend, keine wirkliche Ehe. Es fehlt die Liebe. Diese ist nicht käuflich und kann auch nicht auf Bestellung über die Vernunft hergestellt werden. Sie passiert einfach, ist Schicksal und in ihrer Wahl nicht beeinflussbar. Man liebt nicht, weil man es will, sondern weil das Schicksal es für einen vorsieht. In einer Familie reicht es nicht, einen Mann zu lieben 10 sondern es geht ebenfalls darum, die eigenen oder angenommenen Kinder in diese Liebe zu integrieren. Darin liegt sogar eine Wertigkeit und Rangfolge: Die Mutterliebe ist die stärkste Kraft. Die Liebe, die den Kindern entgegengebracht wird, kann Opfer fordern. Selbstaufgabe ist dann die Perspektive. Von diesem Idealbild aus gedacht lassen sich negativ konnotierte Abweichungen definieren, die sich in Familien ergeben können. Sie rekurrieren immer auf ein Auseinanderbrechen der ehelichen Liebe oder das Fehlen bzw. Missverstehen der Mutterliebe. Wahre/wirkliche Liebe und echte Mutterliebe konstellieren sich immer im Gegensatz zu der falschen Liebe. Nun kann es gesellschaftliche Konstellationen geben, die durch eine falsch verstandene Mutterliebe oder/und auch fehlende familiale Ordnung in einen Strudel von Missverhältnissen und Fehlverhalten münden. Der Weg in die Prostitution, die auch als käufliche Liebe bezeichnet wird, wird als ein solcher fehlgeleiteter Weg in das Leben beschrieben. In der dramaturgischen Bearbeitung dieses Themas im Heftroman zeigen sich zwei Perspektiven. Zum einen die Frau, die aufgrund ihrer Sozialisation einfach nicht mehr in der Lage ist, Mutterliebe zu entwickeln und – konstruiert als zentraler Hoffnungsträger – die Frau, die trotz aller Widrigkeiten sich zum positiven Abbild der Mutter hin entwickeln kann, weil sie eine Art innere Läuterung erfährt und dabei im geeigneten Moment durch einen Menschen unterstützt wird, der – und in diesem Fall besteht eine gewisse Auflockerung des klassischen Familienbildes – gemeinsam mit einem geeigneten Ehepartner oder aber einer Freundin und unterstützenden Institution den Weg aus der käuflichen Liebe schafft. Es handelt sich auch in diesem Fall um einen dramaturgisch angelegten Heldenweg mit dem Thema: Wie ich es geschafft habe, aus meinem Beruf auszusteigen.

Chapter Preview

References

Abstract

Mother's love is a term that appears in trivial literature to the present day and has a recognizable effect. What is meant by the concept of mother’s love in the German trivial literature and what function does it have in social discourse?

As a historian and sociologist, Birgit Panke-Kochinke was looking for answers to these questions. Therefore she analysed about 400 magazine novels that have been published in Germany since the 1970s.

The result: Of course, on the one hand mother’s love is a fiction, which the genre of the novel requires. But on the other hand, it is also part of a social discourse and, in its discursiveness, it forms mentality.

Zusammenfassung

Mutterliebe ist ein Begriff, der bis in die Gegenwart durch die Trivialliteratur geistert und Wirkung zeigt. Was wird im deutschen Heftroman unter dem Begriff der Mutterliebe verstanden und welche Funktion trägt der Begriff im gesellschaftlichen Diskurs?

Die promovierte Historikerin und Soziologin Birgit Panke-Kochinke ist der Beantwortung dieser Fragen in einer Analyse von rund 400 Heftromanen, die in Deutschland seit den 1970er Jahren erschienen sind, nachgegangen.

Das Ergebnis: Mutterliebe ist zwar eine Fiktion, die das Genre des Romans so vorgibt. Sie ist aber auch Teil eines gesellschaftlichen Diskurses und in ihrer Diskursivität mentalitätsbildend.