2. Rekonstruktion in:

Birgit Panke-Kochinke

Die Konstruktion der Mutterliebe im deutschen Heftroman (1970–2020), page 37 - 76

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4553-4, ISBN online: 978-3-8288-7606-4, https://doi.org/10.5771/9783828876064-37

Tectum, Baden-Baden
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37 2. Rekonstruktion Bevor Heftromane seit den 1970er Jahren den deutschen Markt regelrecht überfluteten, waren die Leihbücher in der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre eine der zentralen Quellen, aus denen Leserinnen und Leser ihre triviale Lektüre preisgünstig rekrutieren konnten (Panke-Kochinke, 2019, S. 22; Weigand, 2018). Innerhalb und neben diesem Leihbuchmarkt existierte eine Lektürerubrik, die als Sittenroman bezeichnet wurde. Durch die Bildwahl angeregt versprachen sie pornografische Inhalte. Real handelte es sich zeitgemäß eher um Geschichten, die von Eheskandalen und Mädchenhandel berichten. Ein großer Teil dieser Romane fiel in den 1950er Jahren der Zensur zum Opfer. Auch diese Bücher und Hefte behandeln das Thema Mutterliebe (Ankelmann, o.J.; Buchner, o.J.; Busch B. , o.J.; Graf, 1955; Holger, o.J.; Louis, o.J.) und – in den Sittenromanen – das Thema eheliche Untreue (Holz, 1951) und Prostitution (Reiterlein, 1952). Mutterliebe wird in diesen Leibuchromanen aus der Perspektive des Opfers und Verzichtes betrachtet – ein Blickwinkel, der in der Folge die Handlungsmuster bestimmen kann. Im Mittelpunkt steht dabei die Beziehung einer Mutter zu ihren schon erwachsenen Kindern – eine Perspektive, die in der Folgezeit eher in den Hintergrund gerät. Im Fokus der folgenden Rekonstruktion stehen nun allerdings die Heftromane, die seit den 1970er Jahren in Deutschland erschienen sind und sich implizit oder explizit mit dem Thema Mutterliebe auseinandersetzen (vgl. Tabelle 2). Sie finden sich in verschiedenen Reihen und Serien in unterschiedlichen Verlagen. Aus dieser Gruppe von Romanen habe ich insgesamt 403 gelesen (vgl. Tabelle 1). Inhaltlich handelt es sich zumeist um Geschichten, in denen es um Familienneugründungen oder erneute Familienzu- 38 sammenführungen geht. Essentiell sind dafür mindestens drei Personen: eine Frau, ein Mann und ein Kind. Diese bilden in der einheitlichen Zielperspektive vieler Romane im Sinne des angestrebten dramaturgischen Happy Ends einer glücklichen Familie den Mittelpunkt. Zumeist werden die Geschichten aus der Perspektive der Frauen erzählt, selten der Männer. Häufiger werden die Perspektiven der Kinder eingeflochten. Diese Romane lassen sich dem Genre der Frauenromane zuordnen. Wie die Übersicht meiner Auswahl zeigt, fanden sich diese in unterschiedlichen Serien der Heimat-, Arzt-, Adels-, Schicksals- und Familienromane (vgl. Tabelle 1). Aus diesem Konvolut habe ich immanente Kategorien für meine weitere Analyse erstellt. 63 dieser Romane waren der vom Zauberkreisverlag herausgegebenen Reihe der „Roten Laterne“ zuzuordnen. Sie dienten mir als Vergleichsgruppe. Inhaltsangaben entsprechend meinen kategorialen Vorgaben (bibliografische Angaben, „wahre“ Liebe, (fehlende) Mutterliebe, Herkunft, Sozialisation, Person, Charakter, Lebensweisheiten, Handlungsfeld Mutterliebe, Träume, Wünsche) und zumindest bedingt statistisch auswertbare Daten habe ich von 226 Romanen, also 56% meines Konvolutes erstellt. Ausgewertet wurden nur die vorliegenden Informationen für die Personen, die primäre Handlungsträger sind. Nicht ausgewertet wurden die Parallelgeschichten, die sich in vielen Romanen finden. Die statistischen Angaben bleiben ungenau, weil entsprechende Daten in einer Reihe von Romanen nicht exakt erschließbar sind. Es lassen sich allenfalls Tendenzen erkennen. In einem weiteren Analyseschritt erfolgte meine Sortierung anhand folgender, ebenfalls immanent entwickelter Kategorien: Person und Milieu: Erfasst wurden die zentralen personenbezogenen Daten der Hauptakteure und deren Herkunft und sozialer Status. Konstellationen: Darunter werden die in den Romanen jeweils eingangs geschilderten Problem- und Konfliktszenarien verstanden. Wahre Liebe: Es handelt sich um eine Rekonstruktion der in den Romanen geschilderten Grundelemente der Liebe zwischen den beiden Personen, die sich ineinander verlieben, ihre Liebe erkennen und letztendlich heiraten. Sie bilden das neue Elternpaar. Ehe und Familie: Erfasst wurden die Idealbilder, die sich in den Romanen mit dem Konzept der glücklichen Familie verbinden. 39 Mutterliebe: Zusammengetragen und systematisiert wurden Eigenschaftsund Fähigkeitszuweisungen, die mit dem Begriff der Mutterliebe auch in einer Kombination mit dem Begriff der Mütterlichkeit erkennbar waren. Ein erstes Modell (Modell 1) wurde entwickelt. Die Auswertung der Heftromane, die der Serie Rote Laterne und damit einer Beschreibung des Prostituiertenmilieus zuzurechnen sind, wurden gesondert ausgewertet und als Modell 2 bezeichnet. 2.1. Modell 1 2.1.1. Person und Milieu Welche Personen stehen im Mittelpunkt des Geschehens? Aus welchen sozialen Schichten kommen diese? Es handelt sich in den meisten Fällen um unverheiratete, ledige Frauen, die im Mittelpunkt einer Geschichte stehen. Daneben werden Konstellationen mit Witwen und Witwern, geschiedenen und verheirateten Personen beschrieben. Sie machen insgesamt etwa 40% der beschriebenen Fälle aus. Das Alter der weiblichen Protagonistinnen liegt zumeist zwischen 17 und 38 Jahren. Am häufigsten stehen Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren im Mittelpunkt einer Geschichte. Bei den Männern werden neben dieser Altersspanne zwischen 20 und 30 Jahren darüber hinaus auch die Altersgruppen der zwischen 31 und 45 Jahre alten Personen erwähnt. Bei den Kindern kann es sich um unehelich geborene, angenommene oder ehelich geborene Kinder handeln. Die Gruppe der unehelich geborenen Kinder bzw. der Kinder, deren Eltern sterben oder bereits gestorben sind, geht im Laufe der Geschichte auch in die Gruppe der angenommenen Kinder über (Pflegekind, Adoption). Am häufigsten steht in den Geschichten die letztbenannte Gruppe im Mittelpunkt. Das Alter der Kinder reicht von den Neugeborenen bis hin zu den 15jährigen. Am häufigsten werden Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren erwähnt. 40 Die Berufsfelder, die für die weiblichen und männlichen Handlungsträger beschrieben werden, umfassen ein recht breites Feld, das allerdings immer im höheren oder mittleren Segment der Berufsbildung liegt. Eine Bardame tritt nur einmalig auf und in diesem Fall handelt es sich um eine geschiedene Frau, die nachts arbeiten möchte, um ihr Kind bei sich behalten zu können. Wenn eine Frau oder ein Mann noch studieren und keinen Studienabschluss erworben haben, tauchen sie in dieser Kategorie nicht auf. Ich habe die sich bedingt überschreitenden Berufsfelder in die Rubriken künstlerische Berufe, Berufe im Feld der Selbstständigkeit, akademische Berufe und Angestelltenberufe unterteilt. In dieser Kategorisierung sind einander ausschließend eigentlich nur die Berufsfelder Selbstständigkeit und Angestelltenberuf. Akademiker und Künstler können sowohl selbstständig als auch angestellt sein. Bei den Frauen finden sich in der Gruppe der künstlerischen Berufe (in der Reihenfolge der Häufigkeit der Nennungen) Opern/Sängerinnen, Fotomodelle, Malerinnen, Tänzerinnen (intus Primaballerina), Mannequins, Schauspielerinnen (intus Filmschauspielerinnen) und Fotografinnen. Bei den Männern steht das Berufsbild des Schriftstellers an erster Stelle, gefolgt von dem Dirigenten, dem Sänger, Maler und Pianisten. Die Selbstständigkeit bedeutet für Frauen zum einen die Leitung eines Betriebes oder einer Firma (als Erbin und/oder nach dem Tode des Ehemannes), zum andern den Besitz eines Geschäftes im Sektor der Modebranche, einer Pension bzw. eines Hotels oder eines Bauernhofes bzw. Gutes. Bei den Berufsfeldern der Männer in der Selbstständigkeit wird ebenfalls der Juniorchef oder Firmenbesitzer angeführt. Neben handwerklichen Betrieben (Zimmermann, Elektromeister) werden Besitzer kleinerer Geschäfte wie z.B. einer Tierhandlung oder Pensionsinhaber bzw. Hotelbesitzer benannt. Ebenfalls tritt der selbstständige Versicherungskaufmann und Immobilienmakler auf. Bei den akademischen Berufen – und zwar für beide Geschlechter – stehen die Ärzte im Vordergrund. Bei den Frauen die praktischen Ärzte, die Kinder- und Tierärzte, bei den Männern die Chefärzte, die Professoren und die Zahnärzte. Frauen arbeiten als Psychologin, Lehrerin, Apothekerin oder Betriebswirtin, Männer darüber hinaus als Rechtsanwälte, Steuerberater, Innen/Architekten und in verschiedenen Ingenieurberufen. 41 Die größte Varianz zeigt bei den Frauen das Feld der Angestelltenberufe. Im Vordergrund stehen die Felder der Sekretärinnen (intus Chefsekretärinnen), Fremdsprachenkorrespondentinnen resp. Dolmetscherinnen, Laborantinnen (intus Fotolabor), der Mitarbeiterinnen bzw. Abteilungsleiterinnen in Einrichtungen der Kinderbetreuung, der Krankenhäuser und der Fürsorgeeinrichtungen sowie der Buchhandlungen. Angestellte in Boutiquen kommen hinzu. Tradierte Handlungsfelder wie Kindermädchen und Haushälterin werden als Übergänge im Berufsleben dann angegeben, wenn es darum geht, dass Beruf und Kindererziehung miteinander kompatibel sein sollen. Bei den Männern stehen die leitenden kaufmännischen Berufe im Vordergrund (intus: Speditionskaufmann, Industriekaufmann), gefolgt von Piloten und Physiotherapeuten. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die für Frauen und Männer benannten Berufsfelder eher im oberen und mittleren Segment der gesellschaftlich anerkannten Berufe angesiedelt sind. Für Frauen sind es im Bereich der Angestelltenberufe geschlechtsspezifisch die Sekretärinnen, die am häufigsten erwähnt werden, bei den Männern die Ingenieure. Aufgrund der Lebenssituationen, die im Verlauf der jeweiligen Romane geschildert werden, lassen sich Karrieremuster erkennen, die insbesondere bei Frauen zwischen einem Zustand vor und nach der Eheschließung bzw. der Geburt eines ehelichen oder unehelichen Kindes differieren und sich im Lebensverlauf ändern können. Bei den Männern ist eher ein eindimensional nachvollziehbarer Karriereweg zu erkennen, auf den sich der Familienstatus nur selten auswirkt. Folgende Karrieremuster lassen sich für Frauen rekonstruieren: Eine Frau studiert und wird gezwungen (durch die Geburt eines unehelichen Kindes, den Tod der Eltern, die das Studium finanzieren oder eine Eheschließung), dieses Studium abzubrechen. Es kann eine Weiterbeschäftigung in einem ähnlichen, aber niederrangigen Berufsfeld folgen (z.B. Jurastudium und Arbeit als Rechtsgehilfin in einer Kanzlei, Studium von Fremdsprachen und Arbeit als Sekretärin, Studium der Medizin und Sprechstundenhilfe). Eine Frau hat eine Ausbildung in einem beliebigen Berufsfeld abgeschlossen und entschließt sich aufgrund ihrer familiären Situation, selbstständig zu werden (z.B. eine Boutique eröffnen, zu Hause als Schneide- 42 rin für die Modebranche zu arbeiten, als ehemalige Tänzerin eine Ballettschule eröffnen). Eine Frau hat eine erzieherische oder pflegerische Ausbildung abgeschlossen und beschließt aufgrund der familiären Situation in einem Privathaushalt zu arbeiten, so dass sie für ihr Kind und sich kompatible Wohn- und Arbeitsbedingungen vorfindet. Nahezu durchgängig erkennbar sind die Bruchstellen und Veränderungen, die sich durch die jeweilige familiäre Situation ergeben können und die Berufswahl bzw. den Berufswechsel begründen. Die Gruppe der unehelichen Mütter, der geschiedenen und verwitweten Frauen mit Kindern ist in dem Romanmuster häufig gezwungen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen bzw. das Erbe des verstorbenen Mannes weiterzuführen. Eine Eheschließung mag zu einer Unterbrechung der Berufstätigkeit geführt haben und führt in der Strategie des Happy Ends weiterhin häufig dazu. In den Zwischenzeiten allerdings arbeiten diese Frauen und versuchen so, ihre eher geringen Rentenansprüche, so diese überhaupt existieren, aufzubessern. Sie können dabei von Verwandten, vor allem den Eltern unterstützt werden. In dieser Gruppe von Frauen geht es darum, eine Lösung für sich zu finden, die es ihnen erlaubt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei geraten sie in ein Spannungsfeld, sich zwischen der Versorgung ihrer Kinder und dem Beruf verhalten zu müssen. Das hat weniger mit Karriere oder Selbstfindung sondern vielmehr mit dem Dilemma zwischen Muttersein und Überleben-Können zu tun. In solchen Situationen bieten sich Lösungen der Kinderbetreuung an, die je nach finanziellen Möglichkeiten gewählt werden können. Kinderheime zur wöchentlichen Aufbewahrung, Großeltern, private Kindermädchen, Kinderkrippen und –gärten unterstützen diesen Weg. In anderen Fällen werden im Angesicht der zu erwartenden Schwierigkeiten die Kinder zu Pflegeeltern gegeben, Adoptionen werden ermöglicht oder Kinder werden zu dem jeweils wohlhabenderen geschiedenen Ehepartner geschickt. Jede dieser Lösungen – so zumindest der Tenor der Romane – enthält Probleme für die verantwortliche Erziehungsperson. 43 2.1.2. Konstellationen Die Dramaturgie eines Trivialromans, wie sie sich aus den Heftromanen rekonstruieren lässt, ist einfach und überschaubar. Es gibt ein Problem. Es gibt einen Weg, dieses Problem zu lösen. Und es gibt immer ein Happy End, in dem das Problem gelöst wird. Eine zentrale dramaturgische Rolle spielen Schicksal und Zufall. Das Problem besteht inhaltlich darin, dass es nicht zur Gründung und zum Erhalt einer glücklichen Familie kommt bzw. dieses Glück gestört wird. Die Lösung liegt darin, dieses Glück wiederherzustellen oder eine neue glückliche Familie zu bilden. Zwischen dem Problem und der Lösung liegen die Geschichten, die in ihren vielfältigen Konstellationen den größten Teil der 63 bis 66 Seiten des Romans umfassen. Ich habe mich entschieden, die Variabilität der Ausgangslage zunächst zu erfassen und zu systematisieren um in einem zweiten Schritt die beiden zentralen Komponenten, die auf die Lösung hinweisen, in ihrer Struktur nachzuzeichnen: Die wahre oder wirkliche Liebe zwischen Erwachsenen, die in einer Ehe mündet und die Mutterliebe, die kombiniert mit der Vaterliebe als Elternliebe Ausdruck einer gelungenen Beziehung zwischen Mann, Frau und Kind ist. Beide Komponenten zusammen sind, der Logik der Romandramaturgie folgend, notwendig, um am Ende in einem Happy End die glückliche Familie präsentieren zu können. Die Ausgangslage In der Ausgangslage wird immer ein Problem bzw. ein Konflikt beschrieben. Und diese Problembeschreibung variiert in jedem Roman mehr oder weniger, ist aber nie gleich. Immer geht es darum, dass eine glückliche Familie entweder gar nicht existiert oder in irgendeiner Weise auseinanderbricht. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach dem Kind dem diese Idealkonstruktion der glücklichen Familie abhandenkommt oder die diese gar nicht erst kennenlernt. Entweder handelt es sich um innereheliche Probleme, Probleme also, die entstehen, weil eine Ehe oder Beziehung auseinanderbricht (Scheidung oder Tod des Ehepartners) oder es handelt sich um Frauen, die ein uneheliches Kind erwarten und keinen Partner dafür haben oder haben wollen. So lässt sich aus der Sicht der Erwachsenen die Gruppe der unehelich schwangeren und alleinstehenden Frauen, die Gruppe der verheirateten Frauen (mit unerfülltem Kinderwunsch, mit leiblichen, adoptierten oder 44 Pflege/Kindern, mit problematischen Beziehungen zwischen den Eheleuten), die Gruppe der Witwen und Witwer (mit unterschiedlichen Variationen der leiblichen, angenommenen Kinder), der geschiedenen und/oder neu verheirateten Paare (mit unterschiedlichen Formen das Alleinseins, des Stiefmutter- oder Stiefvaterstatus) systematisieren. Aus der Sicht der Kinder kommt die Gruppe der Waisen hinzu, wenn die leiblichen Eltern verstorben sind. Die Variationsbreite der Problemschilderungen ist zwar groß, systematisiert man allerdings die Elemente, mit deren Hilfe diese konstruiert werden, dann lässt sich eine gewisse innere Logik herausarbeiten, die sich zu folgenden typisierenden Ausgangsszenarien zusammenfassen lässt. Eine Frau wird unehelich schwanger und muss, da der leibliche Vater nicht zur Verfügung steht, mit dieser neuen Lebenssituation alleine fertig werden. In einer Ehe entwickeln sich Probleme. Eine Ehe wird geschieden und das Kind/die Kinder leiden darunter. Es entsteht eine unvollständige Familie. Die leibliche Mutter/ der leibliche Vater heiraten (erneut) und es ergeben sich Probleme zwischen dem Stiefelternteil und den Kindern. Die Eltern der Kinder sterben. Die Kinder werden zu Waisen. Die Beschreibung der Ausgangssituation umfasst somit das zeitgenössische gesellschaftlich mögliche Spektrum einer Problemkonstellation, die das Idealmodell der glücklichen Familie in Frage stellt. In der Realität eines gelebten Lebens geht es nun darum, mit diesen Konstellationen umzugehen. Ein Scheitern ist möglich und wahrscheinlich, zumindest wenn man dieses Idealmodell präferiert. Und genau an diesem Punkt setzt die andere Wirklichkeit des Heftromans an, die als fiktionale Konstruktion immer und nur darauf hinarbeitet, dass das Leben trotz aller Probleme gelingt. Dramaturgisch bedeutet das nun, mit einer Vielzahl von nicht gerade stringent entwickelten Wegbeschreibungen zu arbeiten. Die Hilfskonstruktion des Zufalls und das Modell des Schicksals sind die Standbeine, die immer wieder Erzählstränge zusammenbinden können, so dass sich das Happy End herstellen lässt. Das entspricht in allen Phasen des Romans dem Grundprinzip des Heldenweges und kaum dem Weg eines Märchenheldes oder einer Märchenheldin. Letztere müssen bestimmte Aufgaben auf dem gefahrenreichen Weg zu ihrem Ziel erfüllen. Das ist in den Heftromanen keineswegs immer der Fall. Die Trivia- 45 lität dieses Handlungsmodells besteht also nicht in der Anfangskonstellation, die immer ein Problem beinhaltet oder den sehr variationsreichen Wegen, um mit diesem Problem umzugehen sondern in dem Ziel selbst, das sich kaum erreichen lässt. Das Ziel Das Ziel ist es in den meisten Fällen, wie bereits angedeutet, eine glückliche Familie zu konstruieren. Wie sieht diese aus? Bei dem Wort Glück handelt es sich um eine Umschreibung von konsensual getroffenen Entscheidungen in einer Gruppe von Menschen, die mindestens aus einem Mann, einer Frau und einem Kind bestehen. Diese mindestens drei Personen müssen sich dar- über einig sein, dass sie in der Zukunft gemeinsam eine Familie bilden wollen. Glück manifestiert sich zum einen in diesem Triumvirat an sich, in einem gemeinsamen Ort, einem Zuhause, einer Heimat für alle sowie drittens einer klaren Rollendefinition (Mann liebt Frau und Mann und Frau lieben das Kind und das Kind liebt Mann und Frau und nennt sie Mama/Mami/Mutti und Papa/Papi/Vati). Um dieses Glück zu garantieren bedarf es zwei Formen der Liebe: die eheliche oder wahre und wirkliche Liebe zwischen den Ehepartnern und die Elternliebe. Die Elternliebe manifestiert sich vor allem in der mütterlichen Liebe zwischen Kind und Frau. Die väterliche Liebe ist ebenfalls notwendig, wird aber eher randständig beschrieben und weist auf ein gewisses Arsenal von Verpflichtungen und Gefühlen der zärtlichen Zuneigung hin. Das Vaterbild ist getragen von einem Verantwortungsbewusstsein der Familie gegenüber. Er liefert den sicheren Hintergrund als zentraler Ernährer und Versorger. Gegenüber dem Kind nimmt er in der Familie die Rolle der Kameradschaft ein, die unterlagert wird von leicht diffusen zärtlichen Gefühlen. Wahre Liebe und Mutterliebe stellen die beiden Grundpfeiler einer glücklichen Familie dar. Was kennzeichnet diese zentralen Komponenten im Heftroman? 2.1.3. Wahre Liebe Wahre oder wirkliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau ist eine notwendige Grundlage für eine gute Ehe und eine glückliche Familie. Sie ähnelt in vielen Aspekten dem Modell der romantischen Liebe, die eine 46 Verbindung von Verstand und Gefühl beinhaltet. Es gibt zwei Rituale, die den Zustand der Verliebtheit in den Zustand der Liebe überführen: Der Kuss, der erkennen lässt, dass eine starke erotische Anziehung vorliegt, die das gesamte Konvolut von Zärtlichkeit und damit Zuneigung umschließt. Und der geäußerte Satz „Ich liebe dich“, der als eine Art Bekenntnis oder Geständnis von beiden Personen geäußert werden muss, um eine Beziehung als Liebe zu bezeichnen. Wahre oder wirkliche Liebe hat eine körperliche Grundlage, die sich in Verlangen, Begehren und damit sexueller Anziehung manifestiert. Und sie hat eine seelisch-ethische Grundlage, die sich in einer auf das ganze Leben angelegten Zuneigung, einem gegenseitigem unerschütterlichem Vertrauen und einem Gefühl von Vertrautheit äußert. Liebe in den von mir untersuchten Heftromanen ist immer eine Kombination aus körperlicher und seelischer Anziehung. Die körperliche Anziehung In der Sprache von Metaphern ist körperliche Liebe zum einen etwas, das der Naturgewalt des Feuers, der Luft und des Wassers ähnelt. Sie ist Begehren, leidenschaftliche Anziehung. Sie kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wirkt wie ein elektrischer Schlag, fließt heiß durch den Körper, entfacht ein Feuer der Leidenschaft, wie ein Feuerstrom, wallt heiß in einem empor, ist eine helllodernde Flamme, brennt wie eine stille Flamme. Man schwebt wie auf Wolken, erlebt sie wie einen Wirbelwind. Ein Sturm von Gefühlen wird ausgelöst, man wird hinweggeschwemmt, schwebt durch ein goldenes Licht, man schwimmt in einem Meer aus Seligkeit. Sie ist wie eine ungeheure Woge, eine Welle, die hinüberspringt. Sucht man den Sitz der körperlichen Liebe im Körper, dann findet man sie vor allem im Herzen. Sie hat aber auch in den Augen und im Magen ihren Platz. Das Herz rast, klopft, pocht, stockt, flattert, vollführt Trommelwirbel, schlägt für den anderen. Man verliert dieses Herz an den anderen. Man spricht die Sprache des Herzens. In jeder Faser des Herzens brennt diese Liebe wie eine Flamme. Die Augen strahlen vor inniger Liebe. Im Magen flattern Schmetterlinge. 47 Die seelische Anziehung Auf der anderen Seite ist Liebe ein Gefühl von uneingeschränkter Zuneigung, unerschütterlichem Vertrauen, von Geborgenheit und Glück. Man meint, alles meistern zu können. Es ist eine Gewissheit da, dass man mit dem anderen Menschen leben will, dass man auf ewig zusammengehören will. Man ist einander die vollkommene Ergänzung. Man fühlt sich tief miteinander verbunden, gehört zum anderen und fühlt sich so als würde man den anderen schon lange kennen. Beides - leidenschaftliche Anziehung und romantische Zärtlichkeit wirken zusammen. Unverzichtbar dazu kommen Vertrauen und Vertrautheit, die auf ein ganzes Leben angelegt sind. Für einen Mann, den man so liebt, kann eine Frau alles aufgeben. Für eine Frau, die man so liebt, wagt man es, den Satz oder nach Barthes (Barthes, 2016) die Formel „Ich liebe dich“ auszusprechen. Dieser Satz hat eine Reihe von Variationsmöglichkeiten. „Ich liebe dich“ von ganzem Herzen, von Tag zu Tag mehr, noch immer, unendlich, über alle Maßen, wahnsinnig, bedingungslos, so sehr, dass ich für dich sterben könnte. Eine Antwort ist zwingen erforderlich, wenn man in eine Beziehung zueinander eintreten will: „Ich liebe dich auch.“ Man kann den Namen des Geliebten an diesen Satz anschließen. Das passiert in diesem Szenario eher selten. Der Kuss ist nun eine Art Kontrollinstrument bzw. eine Möglichkeit, um die Gefühle, die man für jemand anderen hat, auf einen Prüfstein zu stellen. Sinn und Verstand werden ausgeschaltet. Durch den Kuss merkt man, dass man liebt. Er besiegelt die Liebe. Der Kuss ist ein Bekenntnis der Liebe, durch den Kuss steigt man in ein Land der Liebe auf, man wird in eine andere Zeit und Welt versetzt, man spürt, dass einen nichts mehr von dem anderen trennen kann Die Variationsbreite des Kusses ist groß. Sie reicht von einem zärtlichen, innigen Kuss, der einen wohligen Schauer verbreitet bis hin zu einem leidenschaftlichen, heißen, begehrenden Kuss, bei dem man meint, dass die Welt um einen herum versinkt und man aufhört zu existieren. Man glaubt sterben zu müssen. Neben den körperlichen Gefühlen, die das Begehren ausdrücken, kann der Kuss aber auch das Gefühl von Geborgenheit, den Gleichklang der Herzen spürbar machen. 48 2.1.4. Ehe und Familie 2.1.4.1. Konstruktionskonzept Eine vollständige Klein/Familie besteht für gewöhnlich aus einer männlichen Person, die als Vater, einer weiblichen Person, die als Mutter bezeichnet wird und einem Menschen, der als Kind diesen beiden Personen zugehörig ist. Eine Familie kann glücklich genannt werden, wenn diese mindestens drei Menschen einander in Liebe zugeneigt sind. Dabei ist die Liebe zwischen Mann und Frau eine andere als die Liebe des Vaters oder der Mutter zum Kind und die Liebe des Kindes zu seinen Eltern bzw. zu dem jeweiligen Vater und der jeweiligen Mutter. Jede dieser Liebesformen ist zwingend notwendig, um die Bedingungen der Konstruktion einer glücklichen Familie zu erfüllen. Der gesetzliche Rahmen dafür ist die gesetzlich sanktionierte Eheschließung und dann, wenn es sich nicht um die leiblichen Kinder der beiden Ehepartner handelt, die Pflegschaft bzw. Adoption des Kindes, das zu dieser Familie gezählt wird. Ist diese Konstruktion auch nur an einer Stelle nicht erfüllt, dann entstehen Schwierigkeiten. Das ist im Prinzip das Rahmenmodell das die Vorlage gibt für eine Vielfalt von dramaturgisch inszenierten Handlungsszenarien. Um diese Klein/Familie sortiert sich der erweiterte Kreis der Familie, flankiert von Freunden und Bekannten. Die Eltern, Geschwister, Tanten und Onkel resp. Nichten und Neffen der beiden erwachsenen Mitglieder der Familie sowie beste Freunde und Freundinnen bilden den engeren Kreis. Der soziale Nahraum wird ergänzt durch Nachbarn, weitere Ortsbewohner, Amtspersonen, das berufliche Umfeld, Kindergartenangehörige und je nach Handlungsmuster Krankenhäuser, Rechtsanwälte, Kinderheime, Waisenhäuser, Urlaubsbekanntschaften etc.. Diese geben weitere Handlungsmodelle vor. Quer durch diese Aktionskreise wird das Thema Scheitern und Gelingen durchdekliniert. Entsprechend den dramaturgischen Vorgaben eines Trivialromans dienen Erzählelemente, die ein Scheitern implizieren, dem Spannungsaufbau, der sich in einer Erzählung, die von diesem Scheitern zum Gelingen führt, auflöst. Das Happy End ist ein notwendiger Bestandteil der jeweiligen Geschichte. Unter dem Begriff des Schicksals versammeln sich dann tragende Ereignisse, die die Handlungsstränge in die eine oder andere Richtung beeinflussen und nicht in der Hand der Akteure liegen. So ist der Tod der 49 Eltern oder eines Elternteils ebenso schicksalsbedingt wie die Begegnung mit dem Menschen, der einem das Gefühl wahrer Liebe vermittelt. Der Zufall findet demgegenüber seinen Platz im Handlungsgeschehen immer dann, wenn es darum geht, bestimmte Personen zusammenzubringen, z.B. im Urlaub, auf der Straße und/oder an einem anderen Ort. Ähnlich wie im Märchen geht es in den Trivialromanen darum, den Weg der Heldin/ des Helden zu ihrem Glück zu beschreiben. Während allerdings in Märchen der Held oder die Heldin dabei bestimmte Aufgaben auf seinem/ihrem Heldenweg bewältigen muss, um seinem Ziel näher zu kommen, fällt dem Helden/ der Heldin im Roman dieses Glück eher zu, wenn er/sie über bestimmte Charaktereigenschaften verfügt. Charakter und Schicksal bzw. Zufall ebnen den Weg zum Glück. Die Frage der Bewährung in bestimmten archetypischen Handlungssituationen (Jung, 1992) kann sich zwar stellen, gehört aber nicht zwingend zum Verlauf der Erzählung. In jedem Fall jedoch siegt mit dem Glück das Gute und das Böse wird vernichtet. Das Gute ist einfach das, was zu einer glücklichen Familie führt, also auf Liebe gründet und das Böse ist das, was diese Vorgaben nicht anerkennt, zerstört oder in Frage stellt. Damit wäre eine einfache moralisch definierte Haltungsmaxime definiert, die sich durch den Roman zieht: Das Gute zu wollen, also eine glückliche Familie anzustreben heißt, das Böse zu erkennen und sich dem entgegenzustellen. Wenn man diese Haltung einnimmt, dann wird einem das Glück durch das Schicksal geschenkt. Zentral ist es dabei – und das allein macht die Handlungsspielräume aus – sich an und in den entsprechenden Situationen richtig zu entscheiden bzw. dem eigenen angeborenen Spürsinn zu folgen. Liebe gewinnt man z.B. nur dann, wenn man auch bereit ist, sie wahrzunehmen und sich einzugestehen, dass sie als Schicksalsgabe lediglich angenommen werden kann. Setzt man nun diese Bestandteile des Konzeptes zusammen, dann wird erkennbar, dass sich eine unendliche Vielfalt an Geschichten erzählen lässt, die sich wie immer neue Puzzleteile um das gleiche Grundbild sortieren. Obwohl im Prinzip die gleiche Geschichte der gelingenden glücklichen Familie erzählt wird ist diese Geschichte dramaturgisch so facettenreich gestaltet, dass man sich in redundanter Form immer wieder selbst bestätigt fühlt. Das spannende Thema ist dann weniger, dass sich diese Romankonstruktion in den Köpfen seiner/ihrer Leser/Innen verankert – davon ist auszugehen – sondern vielmehr die Beantwortung der Frage, wie sie das im Rahmen der jeweiligen historisch sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse tut. Wie also wirken sich die Gesetzgebung (z.B. Eherecht, Adoptionsrecht, 50 Beruf), die sozialen Verhältnisse (z.B. Erziehungskonzepte, Schichtzugehörigkeit, finanzielle Ausstattung, Bildung, Emanzipationsvorgaben, Konsumverhalten, Rituale) und die politischen Einflussfaktoren (z.B. Krieg, landestypische Regierungsformen) auf das Grundmuster einer glücklichen Liebe aus, deren Kern ein Konglomerat von Liebesvorstellungen ist, die sich zwischen den Konzepten einer romantischen Liebe, einer naturgegebenen und/oder sozial erlernten Mutterliebe, einer versorgenden Vaterliebe und einem als wehrlos und schutzbedürftig verstandenen minderjährigen Kind und Jugendlichen bewegen? Zunächst einmal ist der Prozessfaktor der gesellschaftlichen Veränderung in ein recht einfachen und überzeitlichen Grundkonzept eingebunden: In einer funktionierenden glücklichen Familie, sind alle beteiligten Personen sich in Liebe zugeneigt. Damit diese Liebe in der Familie gelingen kann, müssen alle Beteiligten bestimmten moralischen Implikationen folgen und sich dem schicksalhaften Verlauf des Lebens in einer geeigneten Form anpassen. Schicksal muss man annehmen, Zufälle passieren und positive Handlungsmöglichkeiten, die auf das anvisierte Ziel gerichtet sind, müssen gesehen und wahrgenommen werden. Auch wenn die Ausgangsbedingungen denkbar ungünstig sind, so hat doch jeder Mensch die Chance, Glück zu erleben. Im Laufe einer imaginierten Lebenslinie lassen sich so falsche Entscheidungen revidieren. Eine ungewollte Schwangerschaft kann zum Erleben des Glückes der Mutterschaft führen. Wenn man aufgrund von ungünstigen sozialen Verhältnissen das eigene Kind zur Adoption freigibt kann man es später doch wiederfinden. Es ist möglich, sich von der eigenen Erziehung durch uneinsichtige Eltern zu befreien. Wenn der richtige Mann kommt, dann kann man die wahre Liebe auch nach einer Enttäuschung erleben. Wenn es in einer Ehe Streit gibt, der aus einer falschverstandenen Eifersucht resultiert, dann lassen sich die Probleme bewältigen. Man kann zu einer glücklichen Ehe zurückfinden. Ein Kind, das von seiner leiblichen Mutter und/oder seinem Vater verlassen wurde, kann in einer anderen Frau/ einem anderen Mann eine neue Mutter und/oder einen neuen Vater finden. In diesem Grundmodell werden die jeweiligen historisch bedingten sozialen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zu einer Kulisse für Konstellationen, die das Erreichen dieses Lebensglückes befördern oder behindern. Klare Positionen werden eingenommen gegen eine schwarze Pädagogik, die Kinder leiden lässt und Gesetze sowie soziale Verhältnisse, die uneheliche Mütter zu Straftätern machen. Aber auch Frauen, die lieber Karriere machen wollen, um ihre Schönheit durch Schwangerschaft fürchten 51 oder einfach keine Muttergefühle haben werden allenfalls dann moralisch gerechtfertigt, wenn sie im Laufe ihres Lebens erkennen, dass das Kind das Wichtigste im Leben ist. Der Begriff des Opfers, also der Aufgabe von bestimmten sozialen und gesellschaftlichen Zielen zugunsten eines Kindes, verliert sich zwar historisch gesehen, bleibt aber in dem Entscheidungsbegriff für das Kind z.B. gegen eine angestrebte Bindung zu einem Mann erhalten. Wenn der potentielle Ehemann keine spürbare Liebe zu Kindern hat oder das eigene Kind ablehnt, ist er kein Kandidat für eine glückliche Familie. Das gilt ebenfalls in der Auswahl einer potentiellen Ehefrau, die unweiblich und vor allem nicht mütterlich ist, weil sie kein Gefühl für Kinder entwickeln kann. Dieses Denkmodell findet sich durchgängig. Im Prinzip sind Väter genauso wichtig für die Kinder wie Mütter. Sie verfügen nur über andere Aufgaben, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Dieses Modell bleibt in seinen Grundzügen ebenfalls erhalten. Ein Familienvater empfindet seinem Kind gegenüber Zärtlichkeit und Verantwortung. Er liebt seine Familie und übt seinen Beruf aus, um diese Familie zu ernähren. Eine Mutter empfindet dem eigenen oder angenommenen Kind gegenüber eine tiefe unerklärliche Zuwendung, die über die Versorgungsrolle hinausgeht. Sie lebt ihr Leben mit und für das Kind und die Familie und was dann noch an Energie übrig ist, investiert sie diese in Beruf und Sozialleben. Das Modell wird historisch bedingt, immer weiter aufgebrochen – von einem Zweiphasen- zu einem Dreiphasenmodell der Berufstätigkeit oder zu einem unterstützenden Modell der ausgewogenen Berufstätigkeit beider Partner vor allem in höheren sozialen Segmenten der Gesellschaft. Die beruflichen Einschränkungen treffen nicht – und das ist gesellschaftspolitischer Standard – die Frauen, die nicht verheiratet sind. Auch dann, wenn sie uneheliche Kinder haben, müssen sie für diese sorgen und sie tun das mit allen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Sie meistern ihre Lebenssituation zwar, sind aber keineswegs glücklich damit. Sie gewinnen eine Haltung, die für sie das Kind zum Lebensinhalt oder zum Ersatz für eine funktionierende Zweierbeziehung macht. Die Opferdramatik findet einen Ausdruck in einem überhöhten Verzicht auf jede Form gesellschaftlicher Kontakte und Bemühungen um einen neuen Partner. Entsprechend dem historischen Rahmen verändert sich allerdings der Umgang mit diesem unehelichen Kind. Es wird zunehmend mehr zu einer gesellschaftlichen Tatsache, die die Mutter nicht unbedingt herabsetzt. Ein uneheliches Kind zu haben ist nicht mehr ein Drama sondern eine Lebensvariante, die akzeptabel dann er- 52 scheint, wenn der leibliche Vater vor der Eheschließung gestorben, verschollen oder geflohen ist und die zumeist junge Frau sich offen zu diesem Kind bekennt. Das Kind muss nicht mehr versteckt oder weggegeben werden. Auch eine uneheliche Mutter findet eine Stellung und kann ihren Lebensunterhalt verdienen. Eine Witwe mit ihren Kindern ist eine Frau, die entweder eine entsprechende Rente bekommt, Schulden aus ihrer Ehe übernimmt, einen eigenen Beruf ausübt oder wieder ausüben kann und möchte und mithilfe von Eltern und Freundinnen versucht, ihr Leben neu zu gestalten. Das gelingt zumeist recht gut, wenn sich auch Existenzangst erkennen lässt. In jedem Fall behält sie ihre Mütterlichkeit und ein Aufgabenfeld, das sie bereits vorher bewältigt hat: Haushalt und Erziehung. Für die Kinder ist diese Situation nur insofern problematisch, als sie ein männliches Gegenüber vermissen. Ein Witwer mit Kindern steht vor anderen Problemen. Diese changieren zwischen der zeitweisen Unterbringung der Kinder in Kinderheimen, der Einstellung von Hausangestellten, dem Versuch, Kinder und Beruf, wenn sie diesen zu Hause ausüben können, miteinander zu verbinden. Der Tenor ist: Männer bemühen sich zwar, sind dafür aber eigentlich nicht wirklich geeignet. Eine Frau ist notwendig, um aus diesem alltäglichen Dilemma herauszufinden. 2.1.5. Mutterliebe 2.1.5.1. Immanente Definition Mutterliebe scheint in erster Linie ein Begriff zu sein, der sich selbst erklärt. Die Zielrichtung wird vorgegeben: Mutterliebe richtet sich von einer Frau auf ein Kind. Dass muss keineswegs das leibliche Kind sein. Es kann sich auch um die leiblichen Kinder anderer Frauen handeln. Es ist immer eine singuläre Beziehung. Eine Frau empfindet Mutterliebe immer gegenüber einem spezifischen Kind. Davon zu unterscheiden ist die Mütterlichkeit als eine Haltung, die eine Frau gegenüber anderen Menschen generell haben kann. Sie wird wirksam, wenn eine Frau z.B. als Erzieherin in einem Kinderheim arbeitet. Dann richtet sich die Mütterlichkeit auf alle Kinder, die von dieser Frau betreut werden. 53 Metaphorisch umschrieben ist Mutterliebe ein Gefühl, das eine Frau warm durchpulst und als Strom zu ihrem Herzen führt. Es ist eine Art Urgewalt, gegen die man sich nicht wehren kann, ein unsichtbares Band zwischen einer Frau und einem Kind. Mutterliebe sitzt also im Herzen. Äußerlich erkennbar wird die Mutterliebe einer Frau an ihrem Lächeln, ihrem Gesicht, das weich und zärtlich wird, in ihren Augen, die von innen heraus leuchten. Das Gesicht einer Mutter ist schön, gütig, voller Glück. Sie scheint in eine Aura von Liebe und Wärme eingehüllt zu sein. Mutterliebe ist stärker als die Liebe zu einem erwachsenen Mann. Sie bewirkt, dass das geliebte Kind wichtiger als alles andere wird. Die Beziehung einer Mutter zu „ihrem“ Kind ist der eigentliche Sinn ihres Lebens. Sie ist Aufgabe, innerer Halt und gibt Sinn. Man ist nicht mehr allein. Das Kind kommt an erster Stelle in ihrem Leben. Für dieses Kind kann die kämpfen, ihm Opfer bringen. Es handelt sich um eine Beziehung, die niemand mehr trennen kann. Die schwangere Frau erlebt dieses Gefühl bereits vor der Geburt, bei den ersten Kindsbewegungen entsteht ein Gefühl von völlig erfüllender Freude. Das ist dann letztendlich das Mutterglück. Eine Woge von unbeschreiblichem Glück überschwemmt sie. Sie wird ganz erfüllt von einem Gefühl der Freude. Eine wunderbare Ruhe, ein tiefer Frieden, kehrt in ihrem Herzen und in ihrem Wesen ein. Wenn eine Frau ihr leibliches Kind das erste Mal nach der Geburt im Arm hält entsteht ein starker Strom von Zuneigung und reinem, hei- ßem Glück. Mutterliebe ist die Grundlage dafür, dass eine Frau zu einer Mutter werden kann. Diese tiefe, instinkthafte Liebe, befähigt eine Frau dazu, ihr Kind als zentralen Lebensinhalt zu erleben und ihm das zu geben, was es dringend braucht, nämlich Liebe. Auf dieser Liebe als eine Art unverzichtbarer, kaum zu definierender naturgegebener Nährboden für die seelische und körperliche Entwicklung des Kindes, beruhen Pflichten, die das Muttersein zu einer gesellschaftlichen Aufgabe machen. Und diese Aufgaben und Pflichten sind keineswegs angeboren sondern müssen erlernt werden. Man wird nicht als Mutter geboren. Das ist eher ein hartes Stück Arbeit. Eine Mutter gibt ihrem Kind in allen schwankenden Gefühlen einen tiefen Halt, behütet und beschützt ihr Kind, gibt ihm Geborgenheit und führt es ins Leben, 54 ist immer da, wenn ihr Kind sie braucht, lässt es nicht alleine, umsorgt und pflegt es, schützt es vor Gefahren. Sie ist sich bewusst, dass ihr Kind sie braucht. Eine Mutter ist aber nicht nur Beschützerin ihres Kindes, sondern auch Erzieherin desselben. Sie verfügt über einen einfühlsamen Verstand und Klugheit. Sie erstickt ihr Kind nicht in Zärtlichkeit. Ihre Sorgfalt ist gewissenhaft und liebevoll zugleich. Sie trägt die Verantwortung dafür, dass sich das Kind angemessen entwickelt. In dem Begriff der Angemessenheit steckt eine Ablehnung der überbehütenden falsch verstandenen Einbettung des Kindes in eine Art Mutterkäfig sowie der überfordernden nicht altersgemäßen Aufgabenerfüllung eines Kindes als kleinem Erwachsenen. Wenn das Kind aufgrund der Mutterliebe an erster Stelle im Leben einer Mutter stehen sollte heißt das keineswegs, dass ihm/ihr dabei nicht in angemessener Weise der Weg in eine soziale Umgebung geebnet wird. Das ist mit Lebensfähigkeit verbunden. Das sichere Nest der Geborgenheit gilt es altersgemäß anzupassen. Liebevolles Handeln heißt auch Loslassen-Können. Nicht in der Not alleine und im Stich lassen meint keineswegs dem Kind immer alles abzunehmen sondern einschätzen zu können, was ihm zuzumuten ist und was nicht. Hinter dem instinkthaft angelegten Konzept der Mutterliebe steckt also durchaus auch ein Erziehungskonzept, bei dem es nicht nur darum geht, sich auf diesen Instinkt zu verlassen, sondern diese Art von Herzensbildung in ein gesellschaftsstabilisierendes Konzept zu übertragen. Wenn die Mutterliebe allerdings fehlt, wird jedes Erziehungskonzept zu einem traumatisierenden Erlebnis für das Kind – zumindest dann, wenn kein angemessener Ausgleich vorhanden ist. Es gibt Frauen, die eine Mutterliebe nur vortäuschen, die im Prinzip ihren Kindern oder den ihnen anvertrauten Kindern gegenüber gleichgültig sind und sich recht wenig um sie kümmern oder die sich rein formal zwar kümmern, aber wenig liebevoll sind. Und es gibt Frauen, die gar keine Kinder haben wollen, weil sie einer beruflichen Anforderung oder Leidenschaft, einem Schönheitsideal oder einer Beziehungsvorstellung nachlaufen in der Kinder keinen Platz haben. Das sind Typisierungen von Frauen, die auch dann, wenn sie Kinder haben, keine Mutterliebe besitzen oder bei denen sich im Erleben der Mutterschaft keine solche einstellen kann. Sie treffen eine Entscheidung für ihre beruflichen oder anderen Leidenschaften, weil – und da greift das Konzept der Mutterliebe wieder – das Kind eben nicht an erster Stelle steht. Der Konflikt der Entscheidung für ein Leben mit Kind oder für eine berufliche Karriere ist somit 55 auch ein Konflikt zwischen Mütterlichkeit und Beruf. Das schließt keineswegs die Berufstätigkeit der Mutter aus, signalisiert nur die Prioritätensetzung. Der Anteil des Kindes in diesem Gewebe der Mutterliebe definiert sich entsprechend reziprok. Ein Kind braucht unbedingt, um überleben zu können, Mutterliebe. Das muss nun aber nicht unbedingt die leibliche Mutter sein, aber eine Frau, die eine solche Mutterliebe für das Kind empfindet und fähig ist, ihre gesellschaftliche Aufgabe als Mutter auszufüllen. Es stellt für die Frau, die sich als Mutter für dieses Kind definiert, eine sinngebende Instanz dar. Die Zärtlichkeit, die ihm gegeben wird, gibt es zurück. Diese Frau wird zu seinem Lebensmittelpunkt, dem Wichtigsten in seinem Leben, seine große Liebe. Mutter und Kind sind sich Sinn des Lebens – zumindest so lange, bis dieses Kind in der Lage ist, seinen Weg selbstständig zu gehen. In diesem Fall gilt wieder das Loslösungsprinzip: Ein Kind wird seine Mutter immer mehr aus der Verantwortung loslassen, allerdings immer darauf bauen können, dass diese Mutter im Notfall für es da ist. Was passiert nun, wenn eine Frau sich nach einem Kind sehnt also zwar über Mutterliebe verfügt aber kein Kind vorhanden ist, um diese anwenden zu können, das Herz also nach einem Kind schreit? In diesem Moment bleibt das Konzept der Mutterliebe dann tragfähig wenn diese Frau nicht nur auf die leiblichen sondern auch fremden Kinder rekurrieren kann. Ein Pflegekind, ein adoptiertes Kind, ein Kind, dessen Eltern also gestorben sind oder es nicht wollen, ein Kind, das man in einer Beziehung zu einem Mann als dessen leibliches Kind aufnimmt – wie und wo auch immer, es muss ein Kind gefunden werden, dem diese Gefühle zugewandt werden können. Dann ist dieses Konzept weiterhin tragfähig. Zentral in den Szenarien, wie sie in den ausgewählten Heftromanen geschildert werden, ist der Punkt, an dem dieses Kind, wenn es schon älter ist, zu dieser Frau „Mama“, „Mami“ oder „Mutti“ sagt. Die Bezeichnung symbolisiert den Übergang zu einer als echt bezeichneten Mutter-Kind- Beziehung. Das Kind, so es seine leibliche Mutter gekannt hat, kann nun differenzieren zwischen einer „richtigen Mami“ und einer „zweiten Mami“. Weil ein Konzept dahintersteht, die jeder Frau zunächst einmal Mutterliebe als Instinkt zuordnet, wird es für das Kind möglich, jede Frau als potentielle Mutter zu sehen. Diejenigen Frauen, die diese Muttereigenschaften nicht haben, können leicht über die Gefühlsebene herausgefiltert und verworfen werden. Das Kind erhält so ein Sensorium in die Hand um herauszufinden, ob sich eine spezifische Frau als Mutter eignet. 56 Wie ist es nun mit der Vaterliebe? Das in den Heftromanen präsentierte Modell ist einfach gestrickt: Es ist vor allem die Zärtlichkeit, die einen Mann beim Anblick seines leiblichen oder eines fremden Kindes überrollt. Sie signalisiert ihm, dass hier eine tiefe Berührung stattfindet. Die Zärtlichkeit ist verbunden mit einem wachsenden Gefühl von Verantwortung. Er möchte das Kind beschützen, behüten und ihm Sicherheit geben. Das Kind muss wissen, wohin es gehört. Und zudem gibt es eine einfache und unhinterfragte Konstante: jedes Kind benötigt eben auch einen Vater. Es scheint darüber hinaus eine Art von Übersprungshandlung zu geben: Weil ich diese Frau liebe und sie ein Kind hat, liebe ich auch dieses Kind, weil es ein Teil von ihr ist. 2.1.6. Zusammenfassung Der Begriff der Mutterliebe, wie er in den von mir analysierten Heftromanen verwendet wird, beschreibt zweierlei: ein instinkthaft angelegtes und bedingungsloses Gefühl der Zuneigung einem spezifischen Kind gegenüber, über das im Prinzip jede Frau verfügen kann und einen erlernbaren Umgang mit diesem Kind, das den gesellschaftlichen und sozialen Anforderungsprofilen einer gelingenden Erziehung entspricht. Der Begriff der Mütterlichkeit weist demgegenüber auf eine Haltung und Einstellung hin, die nicht gebunden ist an ein spezifisches Kind sondern den Umgang mit anderen Menschen generell als fürsorglich beschreibt. Mutterliebe ist so naturgegeben und erlernbar zugleich, einerseits voraussetzungslos gegeben und andererseits an Prinzipien der Erziehung gebunden. Entscheidungen, die eine Frau trifft, wenn sie Mutter eines leiblichen Kindes wird oder sich einem spezifischen fremden Kind zuwendet, finden innerhalb dieses scheinbar widersprüchlichen Handlungsrahmens statt. Das Gegenmodell beschreibt zum einen eine Frau, deren Instinkte fehlgeleitet oder nicht vorhanden sind und die zum andern nicht in der Lage ist, die richtigen Entscheidungen für die Aufzucht und Erziehung des Kindes zu treffen. Sie ist vom Gefühl her kalt und herzlos und von ihrer Aufgabenerfüllung her hartherzig oder zu nachgiebig. In beiden Fällen leidet das Kind. Mutterliebe kann sich am besten im Rahmen eines Familienmodells das als glücklich bezeichnet wird, entfalten. In einer entsprechenden Konstruktion der glücklichen Familie wird sie kombiniert mit einer funktionierenden elterlichen Beziehung, die durch die Liebe zwischen zwei Erwachsenen 57 gekennzeichnet ist. Mutterliebe und die Liebe, die sich zwischen einer Frau und einem Mann entwickelt, sind in diesem Modell von einer grundlegend anderen Struktur, ergänzen sich jedoch in idealer Weise. Zwischen den mindestens drei Personen, die einer glücklichen Familie angehören, entwickelt sich ein Beziehungsgeflecht, bei dem jeder die Art von Liebe geben und nehmen kann, die notwendig ist für dieses Glück. Wichtig sind dabei auch die Rahmenbedingungen, die dieses Familienmodell kennzeichnen: ein geeignetes Heim, hinreichende finanzielle Mittel, ein funktionierender sozialer Nahraum und eine geklärte Form der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, also dem Elternpaar, gehören dazu. Diese Konstruktion der Mutterliebe im Rahmen einer glücklichen Familie ist eine vornehmlich bürgerliche Konstruktion. Die in den Heftromanen geschilderten Szenarien verweisen auf eine Vielzahl von Problemen hin, die bei der Umsetzung möglich sind. Sie rollt in ihrem dramaturgischen Modell des Happy Ends diese Probleme von der angestrebten Lösungsperspektive her auf und transportiert so eine eindeutige Botschaft: Was immer im Leben an Problemen auftritt – letztendlich setzt sich doch für denjenigen, der die richtigen Entscheidungen trifft, das Gute durch. Und das Gute ist eine glückliche Familie, in der alle Beteiligten sich untereinander auf ihre je spezifische Weise lieben. Mutterliebe ist in diesem Bedingungsgeflecht nur eine Komponente. 2.2. Modell 2 Die Vergleichsgruppe, die ich gewählt habe, sind die Frauen in Heftromanen, die sich einheitlich dem Milieu der Prostitution zuweisen lassen. 63 Hefte der zwischen 1972 und 1982 erschienenen und mehrfach neu aufgelegten Heftromanreihe Rote Laterne boten dafür die Grundlage. Diese Romanreihe wurde im Wesentlichen gestaltet von Giesela de Fries resp. Gisela Friebel die selbst vor ihrer Pensionierung als Angestellte bei der Kriminalpolizei gearbeitet hat. 46 der 63 mir vorliegenden Romane wurden von ihr geschrieben. Für weitere sieben Hefte zeichnet Henry Seymour resp. Helmut Hartmann als Autor. Mich interessierte die Frage, ob und wenn ja wie sich in diesem bürgerlichen Gegenmilieu die Normen einer Mutterliebe im Kontext von Familie und ehelicher Liebe oder außerhalb derselben manifestieren. Die Romanadaption des Berufsfeldes der Prostitution in den 1970er und 1980er Jahren bot dafür eine Matrix. Die Geschichten, die unter diesem 58 Serienlabel erzählt werden, passten insofern in den Kontext bürgerlicher Moral- und Sittenvorstellungen, als es immer auch darum geht die Geschichte des Einstiegs in die Prostitution und die Möglichkeiten des Ausstiegs aus dieser zu erzählen. Es handelte sich durchgängig um Erfolgsgeschichten einer gelungenen Bewältigung. Das entspricht dem dramaturgischen Muster eines Trivialromans, der dem Heldenweg seiner Protagonisten durch Probleme und Konflikte zu Glück und Liebe folgt. 2.2.1. Person und Milieu Person Bei den Prostituierten wie sie in den Heftromanen der Roten Laterne als Handlungsträger auftauchen, lässt sich ein Gegensatzmodell erkennen. Es gibt die Frauen, die sich letztendlich als fähig erweisen, aus der Prostitution auszusteigen und die Gruppe von Frauen, die dazu aufgrund ihres sozialen Hintergrundes und vor allem ihrer moralischen Vorgaben und des Grades ihrer seelischen und körperlichen Zerstörung dazu nicht (mehr) in der Lage sind. Und nur um die erstgenannte Gruppe von Frauen geht es im Folgenden. Die Botschaft lautet: Wenn man entsprechende moralische Grundanlagen besitzt und zudem das Glück hat und einen Menschen findet, den man lieben kann, gelingt eine Neuorientierung im Leben. Problematische soziale Verhältnisse und unglückliche Umstände sind letztendlich zu überwinden: Liebe zu einem Mann oder/und einem Kind eröffnet den Weg bzw. die Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft. Die Liebe zu einem Kind, sei es nun das leibliche oder ein fremdes Kind, ermöglichen dabei auch Lebenskonstruktionen, die nicht unbedingt in eine Ehe münden müssen. Es können zwei Frauen zusammen leben und ein Kind erziehen oder eine ehemalige Prostituierte kann sich entscheiden, in einem sozialen, erzieherischen Beruf zu arbeiten und so glücklich zu werden. Wie wird diese Gruppe der potentiellen Aussteigerinnen beschrieben? Die Prostituierte im Heftroman ist zumeist zwischen 18 und 25 Jahren alt. Es kann sich auch um Minderjährige in dem Alterssegment zwischen 14 und 18 Jahren handeln. Darüber hinaus werden alternde Dirnen bis etwa 40 Jahren beschrieben, die entweder auf einem unteren Verdienstniveau liegen oder als Edeldirnen mit einem guten Verdienst arbeiten. 59 Das Aussehen der Prostituierten entspricht dem polarisierenden Modell. Es gibt die gut aussehende, besondere Dirne, die sich durch ihre Schönheit (lange Beine, große Augen, herzförmiges Gesicht) auszeichnet. Sie ist gepflegt, achtet auf ihre Gesundheit, ist intelligent und/oder gebildet. Dem steht die abgearbeitete, verlebt aussehende Prostituierte gegenüber. Sie ist nicht schön ist und nicht auf ihr Äußeres bedacht (eher spindeldürr, gewöhnlich, heruntergekommen, stark geschminkt). Sie ist oft Alkoholikerin. Im Prinzip kommen die Prostituierten aus allen sozialen Schichten. Folgende Problemszenarien, die den Einstieg in die Prostitution befördern, werden geschildert: arme, eher asoziale Verhältnisse (Eltern sind Alkoholiker, Mutter eine Schlampe bzw. eine Prostituierte, Geschwister dumm und arbeitsscheu), die einen Einstieg in die Prostitution nahezu zwingend erscheinen lassen, eigene Erfahrungen als uneheliches Kind, das in Heimen und bei Pflegeeltern aufwächst, die dem Kind nicht die notwendige Versorgung geben, einfache Arbeiter- oder Bauernfamilien, deren glückliches Familienleben durch den Tod der Eltern aus den Fugen gerät, verarmte bürgerliche Familien, deren Vermögen durch den Tod des Ernährers, die Alkohol- oder Spielsucht des Vaters oder die Krankheit der Schwester weitgehend verloren gegangen ist, wohlhabende bürgerliche Familien aus denen eine Tochter, die sich durch die Erziehung unterdrückt fühlt, versucht auszubrechen. Der konkrete Einstieg in die Prostitution erfolgt aus Motiven, die mit diesen Grunddispositionen korrespondieren, um schnell und einfach Geld zu verdienen, eine Arbeit auszuüben, die ein großes Maß an Freiheit verspricht und es einem ermöglicht nach den eigenen Bedürfnissen zu leben. ein uneheliches oder eheliches leibliches Kind nach einer Scheidung oder dem Verlust des Ehemannes durch Tod zu versorgen, dem Vater eine teure Operation zu ermöglichen oder familiäre Schulden abzutragen. sich nach einer Vergewaltigung selbst zu zerstören, weil man sich zerbrochen fühlt und keine seelische Unterstützung findet. seinen Trotz und seine Wut gegenüber den Eltern auszuleben. selbstständig zu werden. gegen Schuldgefühle anzuarbeiten (z.B. an einem tödlich verlaufenden Autounfall der Schwester und deren Familie). 60 ein unehelich geborenes Kind zu ernähren. dem Ehemann eine Unterbringung in einer Einrichtung zu ermöglichen. Der Einstieg in die Prostitution erfolgt auch, weil eine Frau entführt und von einem Zuhälterring dazu gezwungen wird. sich an ihrer Mutter, die Prostituierte war, rächen will. das Geld ihres Ehemannes verloren hat. sich in den Zuhälter verliebt hat. sich an ihrem Ehemann und seinem scheinbaren Ehebetrug oder an ihren Arbeitskollegen rächen will. Das Prostituiertenmilieu, das in der Roten Laterne in den meisten Fällen für deutsche Verhältnisse geschildert wird, ist durch interne Vorgaben reguliert. Wer, wo und wie zu welchem Preis arbeitet und wie sich das Verhältnis zu dem eigenen Zuhälter, der Puffmutter und den anderen Prostituierten zeigt, folgt ungeschriebenen Gesetzen. Die Rahmenbedingungen dieser Arbeitsverhältnisse werden ausführlich beschrieben und geben für den Leser und die Leserin eine Art Milieustudie ab. Während in den vorab analysierten Heftromanen der Modellgruppe 1 die Berufsbezeichnung häufig auszureichen scheint, um eine bestimmte Vorstellung des Berufsfeldes bei den Leserinnen und Lesern zu aktivieren, wird in der Heftromanserie Rote Laterne vergleichsweise genau beschrieben, wie sich dieses Arbeitsfeld intern strukturiert. Wo arbeiten Prostituierte? Die Arbeitsorte der Prostitution sind breit gestreut und folgen einem bestimmten Hierarchiemuster, das sich während der Berufsphase ändern kann. Aufstiegs- und Abstiegsszenarien sind denkbar. Der Straßenstrich (intus Hafenstrich), das Bordell, der Edelpuff, die Privatwohnung des Freiers oder der Prostituierten, das Eros-Center, die Bar oder der Club (als Animierräume) können als Arbeitsräume genutzt werden. Dabei gehört der Hafenstrich zur untersten Kategorie für die ausgemusterten Dirnen. Er fungiert auch als Bestrafung. Auf dem Straßenstrich gibt es unterschiedliche Bereiche. Der obere Straßenbereich mit dem Platz unter einer Laterne ist für die eher teuren Dirnen vorbehalten. Je weiter man die Straße hinuntergeht, desto dunkler es wird, umso billiger und weniger angesehen werden die Stehplätze. In den Bordellen wiederum können Prostituierte 61 eigene Zimmer mieten und warten in den sogenannten Koberstuben auf ihre Freier. Wie funktioniert nun das Prostituiertenmilieu? Jeder und jede hat eine bestimmte ihm/ihr zugewiesene Funktion. Das System kontrolliert sich so selbst. Der Zuhälter (oder im Lesbenmilieu die Zuhälterin) bietet Schutz für „seine/ihre“ Prostituierte (er/sie hält sich in der Nähe des Strichs auf und kontrolliert die Freier, bei Gefahr ist er erreichbar) Er überwacht die Organisation der Prostitution (er kauft und verkauft „seine Dirnen“, spricht den Arbeitsort ab, verteidigt diese mit Hilfe von Hilfsluden gegenüber anderen Zuhältern). Er ist für die Prostituierte ein Statussymbol (je wohlhabender er auftritt, desto größer ist der Wert „seiner Dirne“) und erfüllt die Funktion, einer Frau Liebe zu geben, die sie benötigt, um ihre Arbeit machen zu können. Wenn es zu Überschreitungen der Absprachen zwischen Prostituierter und ihrem Zuhälter kommt, werden Disziplinierungsmaßnahmen eingesetzt (Drohungen, Prügel, Liebesentzug, einsperren, Vergewaltigungen). Die Puffmutter, also die Frau, die ein Bordell führt, rechnet das eingenommene Geld ab (mit den Prostituierten selbst oder einem möglicherweise vorhandenen Zuhälter, der das Gelände des Bordells aber nicht betreten darf) und kümmert sich um die Versorgung der Dirnen mit alltäglichen Dingen wie Essen und Kleidung. Der Freier bezahlt für die Nutzung des Körpers einer Prostituierten eine vorab bestimmte Summe Geld. Die Prostituierten untereinander stehen zwar in Konkurrenz zueinander, informieren die Neueinsteigerinnen aber über die Gewohnheiten, Gefahren und Abläufe der Prostitution. In der Not helfen sie sich untereinander. Der Verdienst (je nach Kategorie als einfacher Verkehr, französisch, ganz ausziehen u. ä.) wird entsprechend Status und Nachfrage festgelegt und ist in vorab festgelegter Art und Weise zwischen Zuhälter und Prostituierter zu teilen. Der größte Teil des Verdienstes geht zumeist an den Zuhälter, an die Puffmutter, für das gemietete Zimmer oder/und den Standplatz an der Straße. Manche Prostituierte bekommen gar kein Geld, andere die Hälfte des Verdienstes oder einen vorab festgelegten Prozentsatz. Sie müssen dabei ein 62 bestimmtes Tagessoll erreichen und dürfen das darüber hinaus verdiente Geld behalten. Welche Gesetze gelten? Die Freier werden nicht geküsst, Perverse werden nicht bedient und es wird nur mit Präservativ gearbeitet. Diese Regeln lösen sich im Feld der sogenannten Edeldirnen bedingt auf. Sie arbeiten in eigenen Räumen, bisweilen ohne Zuhälter. Sie bieten ihren Kunden auch andere Formen der Dienstleistungen an, die nicht nur auf den schnellen Vollzug des sexuellen Verkehrs aufgerichtet sind. 2.2.2. Konstellationen Im Folgenden werde ich die in der Heftromanserie Rote Laterne beschriebenen Ausgangskonstellationen nur im Hinblick auf die Faktoren des Musters der wahren Liebe zwischen Mann und Frau und der Mutterliebe analysieren. Vergleicht man diese Konstellationen mit den vorab geschilderten Konstellationen aus dem bürgerlichen Rahmen (vgl. Kap. 2.1.), dann lassen sich bekannte und neue Varianten erkennen. Drei Faktoren sind dabei tragend. Zum einen die eigene Sozialisation, der Zufall und drittens der Umgang mit den eigenen leiblichen Kindern. Das Zufallsmuster ist in vielen Aspekten ähnlich wie im bürgerlichen Milieu, beinhaltet aber einige Extremvarianten des Erlebens. Junge Mädchen und Frauen werden von ihren Arbeitgebern, von Jugendgruppen und Zuhältern vergewaltigt. Sie nehmen Drogen oder geraten an Liebhaber, die Drogen nehmen. Alkoholismus ist ein Thema und das Motiv der bösen Stiefmutter eskaliert insofern, als diese den Anstoß für die Prostitution bietet. Der schlagende, alkoholisierte Vater, der seine Arbeit verliert und in eine schwere seelische Krise gerät, kommt hinzu. Die eigene Mutter, die im Gefängnis sitzt weil sie angeblich den schlagenden Vater umgebracht hat, erzeugt einen Lebensweg, der getragen ist von Abwehr und Enttäuschung. Der sexuelle Übergriff und die seelische Abhängigkeit führen zu Problemkonstellationen, die das Mädchen oder die Frau in ein gesellschaftliches Off bringen. Ihr bleibt, der Logik der Romane folgend, nichts anderes übrig, als sich selbst zu prostituieren. Möglich sind Konstellationen, in denen aus einer Jugendliebe, einem Verhältnis zu einem verheirateten Mann oder einer gescheiterten Ehe Kinder 63 hervorgehen, die aus der Sicht der betroffenen Frau kaum ernährt werden können. Neu ist allerdings die Variante der Witwe oder geschiedenen Frau, die mit ihrer Lebenssituation nicht zurechtkommt und Alkoholikerin wird oder sich aus Sehnsucht allen nur möglichen Männern an den Hals wirft. Die Kinder werden abgetrieben, weggegeben, ausgesetzt. Neu ist in diesem Kontext lediglich das Problemmuster der Abtreibung. Auch das Problem, dass die Eltern früh versterben und die Kinder nicht hinreichend finanziell versorgt zurücklassen, so dass ein Studium oder eine Berufsausbildung abgebrochen werden müssen und es gilt, jüngere Geschwister zu versorgen, ist erkennbar. Sieht man von den Extremvarianten ab, dann finden sich also ähnliche Faktoren wie in den vorab analysierten Heftromanen der Modellgruppe 1 wieder. Sie greifen dort aber niemals so weit, dass sie einen sozialen Abstieg in das Prostituiertenmilieu evozieren. Erzählerische Anschlussstellen sind erkennbar, wenn es zu einer unehelichen Schwangerschaft kommt. Das zentrale Problem besteht darin, dass – ob nun ein gewisses Maß an mütterlicher Liebe vorhanden ist oder nicht – die Schwierigkeiten, dieses Kind zu ernähren und aufzuziehen in allen Fällen dazu führen, dass diese Kinder, wenn sie überhaupt geboren werden, weggegeben werden. Die Frage des unerfüllten Kinderwunsches ist kein Thema. Fehlgeburten werden kaum erwähnt. Wenn es sich um Witwen oder geschiedene Frauen handelt, tritt die Strategie des Doppellebens ein: die Umwelt und die Kinder selbst dürfen nicht erfahren, welchen Beruf die leibliche Mutter ausübt. Diese Strategie ist neu. 2.2.3. Wahre Liebe Käufliche Liebe ist der wahren Liebe diametral entgegengesetzt. Eine Prostituierte verkauft für einen vorab festgelegten Preis lediglich gewisse Nutzungsrechte an ihrem Körper. Mit dem Konzept der wahren Liebe hat das nichts zu tun. Es besteht eine gewisse Angst, sich wirklich zu verlieben, weil dann eine weitere Arbeit als Prostituierte nicht mehr möglich ist. Insofern ist die Liebe zu einem Zuhälter in dieser Konstruktion kaum unter den Begriff der wahren Liebe zu fassen. Eine Prostituierte kann allerdings auch die wahre oder wirkliche Liebe finden. Das ist der Mann, der sie küssen darf, der ihr Herz gewinnt und ihr Vertrauen. Es muss für sie möglich werden, die völlig abgespaltenen Erfah- 64 rungsebenen zwischen Körper und Seele wieder zusammenzubringen – und das braucht einfach Zeit. Ob eine Prostituierte es also will oder nicht, irgendwann verliebt sie sich und kann nichts dagegen machen. Um diese Liebe leben zu können ist es notwendig, dass sie auf jemanden trifft, der ihr Geduld und Zeit entgegenbringt, so dass sie die Vergangenheit und damit alles vergessen kann, was sie in dem Beruf erlebt hat. Wahre Liebe führt dann dazu, dass sie Frieden im Herzen findet, einen Neuanfang wagt, von vorne beginnen kann und es sich zutraut, eine glückliche und harmonische Ehe mit Kindern zu führen. Im Zentrum steht es für sie die abgespaltenen Ebenen ihres Körpers und ihrer Seele wieder zusammenzubringen. Wahre Liebe überwindet so alles, gibt Kraft zu verzeihen, holt einen aus dem Zustand der Selbstaufgabe heraus und befähigt einen, ein neues Leben zu beginnen. Liebe heißt dann vor allem, den anderen zu brauchen, sich geborgen zu fühlen, Fürsorge zu erleben, dem anderen vollkommen zu vertrauen, sich ohne Worte zu verstehen, sich aufzuopfern, immer zusammen zu bleiben, den anderen festzuhalten und nicht mehr loszulassen, Halt zu finden, Zutrauen zu haben, beschützt zu werden und selbst zu beschützen. Liebe meint Ruhe, Zufriedenheit und Glück, jemanden zu haben, der sich um einen kümmert. Liebe schließt die körperliche Anziehung ein, bedeutet, ein Kribbeln zu erleben und den Sog der Leidenschaft, den heißen Strom, den elektrischen Schlag zu spüren, den sexuelle Anziehung ausmacht. Sie ist Begehren und Verlangen, das sich wie glühende Lava durch den Körper wälzt. Über die Liebe gelingt es – das ist die Botschaft – die getrennten Bereiche von Körper und Seele wieder zusammenzuführen und sich als Mensch akzeptiert zu fühlen. Der Kuss Der Kuss nun ist ganz den Gesetzen der Prostitution folgend, dem Mann vorbehalten, den man liebt. Er ist das Tor zu einer Form der Liebe die einem sexuellen Begehren Raum bietet. Das Blut verwandelt sich in glühende Lava, wilde heiße Schauer rinnen durch den Körper. Wie ein elektrischer Schlag wird das Verlangen erlebt. Die Zweifel schwinden dahin. Doch dieses Tor zu einer positiven Sexualität zu öffnen, ist eher ein Akt, der erst nach einer vorsichtigen Prüfung möglich erscheint. Eine Verlustangst, die 65 Angst sich selbst, seine eigene Seele zu verlieren, erfordert eine solche langsame und vorsichtige Annäherung. Eine Frau – so der Tenor – die sich mit allen Formen körperlicher sexueller Akte und Aktionen auskennt, die damit ihr Geld verdient, dass sie einem anderen Mann diese sexuelle Lust verschafft, ohne selbst davon einen Lustgewinn zu haben, wird durch diese Erlaubnis, sich küssen zu lassen, zu einer liebenden Frau, deren Sexualität nicht ihr Verkaufskapital sondern Ausdruck ihrer Zuneigung ist. Für sie hat der Kuss wenig von dem Moment der ersten zärtlichen Berührung, er scheint eher der Punkt zu sein, an dem eigene sexuelle Bedürfnisse zugelassen werden können. Der Standardsatz „Ich liebe dich“ wird auch in diesen Szenarien als Manifestation eines Zustandes der Zuneigung gewählt, die zu einem Zusammenleben oder zu einer Heirat führt. Neu ist der Satz, der auf der Seite des liebenden Mannes das „Ich liebe dich“ mit dem Zusatz „… aber das hat nichts mit Sex zu tun“ versieht – ein erneuter Hinweis darauf, dass hier dem Bedürfnis einer als Prostituierte arbeitenden Frau stattgegeben wird, vornehmlich als Mensch geliebt zu werden. 2.2.4. Ehe und Familie In der Konstruktion eines Ausgangsproblems oder Konfliktes sind Ehe und Familie Variablen für den Entschluss einer Frau, zur Prostituierten zu werden. Die Eheschließung und Gründung einer Familie stellt aber auch in der Konstruktion eines Lösungsmusters einen Weg dar, um aus diesem Arbeitsfeld der Prostitution auszusteigen und eine Rückkehr in die bürgerliche Welt zu wagen. Wie diese Familie dann konkret aussehen kann wird nicht beschrieben. 2.2.5. Mutterliebe Mutterliebe bezeichnet einen Motivationspool, eine Art Kraftquelle, aus dem/der heraus sich eine als Prostituierte arbeitende Frau aus ihrem Milieu heraus- und auf ein Kind zubewegt, das sie lieben kann. Kinder sind Menschen, denen man ungeschützt Liebe entgegenbringen kann, die den Sinn des Lebens repräsentieren, die Freude, Frieden und Geborgenheit, Glück 66 und Zärtlichkeit, Selbstlosigkeit und Fürsorglichkeit in einem wecken. Sie gehören zu einem und sie heilen schreckliche Wunden. Aus Mutterliebe kann man töten. Aus Mutterliebe kann man das Kind weggeben. Aus Mutterliebe kämpft man wie eine Löwin. Und - über die Liebe zu einem Kind kann man auch die Liebe zu einem Mann lernen. Mutterliebe zu empfinden und zuzulassen ist also eine Art Schlüssel, um den Weg in ein bürgerlich konnotiertes Ehemodell mit einem Mann zu finden und zuzulassen. Entsprechend sind auch die Lösungsmuster in den analysierten Romanen angelegt. 2.2.6. Zusammenfassung Die Gründe, warum eine Frau als Prostituierte arbeitet, sind vielfältig und lassen sich – zumindest dann wenn man den Heftromanen der Serie Rote Laterne folgt – nicht allein auf die soziale Herkunft und die als Kind selbst erlebten Erziehungsdefizite reduzieren. Spürbar wird allerdings eine Haltung im Umgang mit Problemen und Konflikten, die selbstzerstörerische Elemente in sich trägt. Angesprochen und als Auslöser genannt werden auch Themen wie Vergewaltigung und Abtreibung, Schläge, Ausbeutung und Diebstahl. Irgendwie gerät eine zumeist junge Frau in die Fänge einer verbrecherischen Gruppe oder Person und findet keinen anderen Ausweg als die Prostitution aus einem Dilemma, das sich vor ihren Augen auftut. Das ist die eine Gruppe der Verführten. Die andere Gruppe entscheidet sich für dieses Berufsfeld, um dem eigenen bürgerlichen Leben zu entgehen, selbstbestimmt leben zu können und schnell und leicht Geld zu verdienen. In den Heftromanen scheint es zumindest in einer Variation der Geschichten einen Anreiz zu geben, um den Weg in diese bürgerliche Welt zurückgehen zu wollen: Die Begegnung mit dem leiblichen oder einem spezifischen fremden Kind, das man lieben lernen kann. Dieses Kind weckt den Wunsch nach einer Familiengründung. Die Erfahrung einer voraussetzungslosen kindlichen Liebe eröffnet den Weg zu einer Liebe einem erwachsenen Mann gegenüber. Die Grundlage dafür ist genau das, was während der Prostitution verloren gegangen ist: das Vertrauen in einen anderen Menschen. Da im Berufsfeld der Prostitution lediglich bestimmte körperlich-sexuelle Dienstleitungen käuflich sind, besteht in der Form der wahren Liebe sowohl ein Bedürfnis als auch eine Angst. Allenfalls innerhalb des Milieus, mit einem Zuhälter also, lassen sich 67 diese Bedürfnisse zumindest ansatzweise umsetzen. Verliebt sich nun eine Prostituierte in einen Mann, dann ist sie für sich gezwungen, diese Bedürfnisse zuzulassen und sich vertrauensvoll einer anderen Person zu öffnen. Genau das aber ist in ihrem Beruf tabuisiert. Sie braucht, aus ihrer eigenen Sicht, dafür Zeit und die Geduld eines Mannes, der sie vor allem und zuerst als Mensch liebt. Erst in einem zweiten Schritt wird es für sie möglich, ihr sexuelles Begehren zu entdecken und zuzulassen. 2.3. Muster und Modelle Mutterliebe zu geben und zu bekommen ist für Mutter und Kind gleichermaßen beglückend. Das ist eine der zentralen Botschaften, die sich in den von mir analysierten Heftromanen findet. Dieses Glück manifestiert sich in einer Reihe von Interaktionsmerkmalen, die in den Geschichten immer wieder musterhaft durchdekliniert werden: Ich erlebe einem bestimmten Kind gegenüber ein besonderes Gefühl von Zärtlichkeit. Halte ich mein eignes Kind im Arm spüre ich eine unerklärliche und tiefe Freude. Dieses Kind rettet mich, weil ich in der Lage bin, Prioritäten zu setzen und auf unwichtige Dinge zu verzichten. Nennt mich ein Kind das erste Mal „Mutter“, dann fühle ich mich angenommen und geliebt. (2.3.1.) Drei Modellkonstruktionen sichern direkt oder indirekt dieses Glück. In einer glücklichen Familie findet Mutterliebe ihren idealen Rahmen (2.3.2.). Wenn es eine solche Familie nicht oder noch nicht gibt, ist es möglich und manchmal besser, wenn ein Kind in einem guten Kinderheim lebt. Gut ist ein solches Heim dann, wenn das Kind dort die Zuneigung und Versorgung erlebt, die es glücklich macht. Das ersetzt zwar keine glückliche Familie, verhindert aber seelischen und körperlichen Schaden durch eine unangemessene Versorgung (2.3.3.). Dramaturgisch gibt es eigentlich nur ein Modell, das in einer großen Variationsbreite durchdekliniert wird: Welche Probleme auch immer auftauchen, 68 die Geschichte geht gut aus. Erwachsene und Kinder werden glücklich (2.3.4.) 2.3.1. Muster Innerhalb des positiven Leibildes der Mutterliebe gibt es einige Muster, die redundant sind und dieses Leitbild tragen. Sie vermitteln ein Bild davon, wie Mutterliebe gelebt werden soll. 2.3.1.1. Das Erwachen der Mutterliebe Die Botschaft lautet: Ich sehe dich und habe ein besonderes Gefühl von Zärtlichkeit und Nähe. Wenn eine Frau zum ersten Mal einem bestimmten Kind/ihrem leiblichen Kind begegnet erlebt sie, dass zwischen ihr und dem Kind eine Art geheimnisvolle alchimistische Verbindung entsteht. Das kann nach der Geburt des eigenen Kindes passieren – dann entspricht es dem Muster „Das eigene Kind nach der Geburt im Arm halten.“ Es kann auch passieren, wenn sie dieses leibliche Kind, das sie nicht kennt und zur Adoption freigegeben hat, später sieht. Sowohl sie als auch das Kind merken, dass sie zusammengehören. Es kann ferner passieren, wenn eine Frau ein Kind sieht, das ihr bisher fremd war und das sie nicht geboren hat: plötzlich ist diese geheimnisvolle Verbindung da. Es handelt sich um eine Art weich-werden. 2.3.1.2. Das leibliche Kind nach der Geburt im Arm halten Die Botschaft lautet: Wenn ich mein eigenes leibliches Kind das erste Mal in meinen Armen halte, spüre ich eine unerklärliche und tiefe Freude. In dem Moment, in dem eine Frau ein Kind geboren hat und es das erste Mal in ihren Armen hält, vollzieht sich mit und in ihr eine Verwandlung. Die Mutter erkennt ihr Kind und wendet sich ihm in einer ihr unverständlichen und doch selbstverständlichen Geste zu. In einem Akt der Liebe ent- 69 steht zwischen diesen beiden Menschen eine unauflösliche Verbindung, die mystisch erscheint. Anklänge an eine Marienmetaphorik sind erkennbar. 2.3.1.3. Das eigene Kind als Rettung Die Botschaft lautet: Ich entfalte meine mütterlichen Fähigkeiten, um dem Kind das zu geben, was ich selbst nicht oder nur in geringem Maße erlebt habe. Ein leibliches oder ein spezifisches fremdes Kind kann eine wichtige Funktion im Leben einer Frau übernehmen. Das gilt insbesondere für Frauen, die sich innerlich nicht ausgefüllt fühlen, obwohl oder gerade weil sie einer beruflichen Karriere ihre Zeit und Energie opfern und keine Zeit für eine Familiengründung zu haben scheinen. Auch sie verfügen über ein mütterliches Potential, das Bedürfnisse danach weckt, Liebe geben und empfangen zu können. In dem Moment, in dem sie mit einem Kind konfrontiert werden, das sie lieben und versorgen wollen, erwacht diese Mütterlichkeit und es tritt eine Art von Selbstrettung ein. Sie werden zufrieden, glücklich und verzichten in einer Art Prioritätensetzung freiwillig und gerne auf ihren bisherigen Lebensstil. 2.3.1.4. Das Opfer und der Verzicht Die Botschaft lautet: Für mein Kind opfere ich mich. Für mein Kind verzichte ich. Der Opfermythos der Mutter ist ein Motiv, das in den Heftromanen in dem von mir gewählten Zeitraum eher selten auftaucht. Es wird durch den Begriff des Verzichtes ersetzt. Verzicht heißt dann, das eigene Leben so zu gestalten, dass die Prioritätensetzung für das Kind gelebt wird, auch wenn das mit den anderen Vorstellungen, Erwartungen und Ansprüchen an das Leben nicht vereinbar erscheint. Verzicht beinhaltet eine Entscheidung für diese Prioritätensetzung. 70 2.3.1.5. Ich nenne dich Vater/ Mutter Die Botschaft lautet: Wenn ich dich Vati/Papa oder Mutti/Mama/Mami nenne, dann bezeichne ich dich als meinen Vater/ meine Mutter. Ich nehme dich als Vater/Mutter an und werde von dir als dein Kind angenommen. Zwischen uns herrscht Liebe. Wenn ein Kind Menschen, die nicht seine leiblichen Eltern sind, als Mutter und Vater bezeichnet, dann wird eine Phase der Erprobung verlassen und der Eingang in ein gemeinsames Familienleben proklamiert. Diese Haltung der gegenseitigen Annahme ist zu unterscheiden von dem Zwang der auf das Kind ausgeübt wird, Erziehungspersonen und ebenso leibliche Eltern mit diesen Begriffen anzureden. Es handelt sich nicht nur um eine Funktionsbezeichnung. 2.3.2. Modelle 2.3.2.1. Die glückliche Familie Eine glückliche Familie entsteht dann, wenn in einer durch Liebe zwischen den Eltern gekennzeichneten Beziehung Raum ist für die Liebe dieser Eltern zu einem Kind und wenn dieses Kind ebenfalls jeden Elternteil für sich und beide zusammen liebt. Es entsteht eine Art Triangulation der Liebesformen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um ein leibliches Kind beider Elternteile, eines der beiden Elternteile oder um Pflegekinder respektive adoptierte Kinder handelt. Auch in der Kombination der Kinder unterschiedlicher Abstammung und Herkunft entwickelt sich eine Gemeinschaft, die auf gegenseitiger Zuneigung beruht. Wenn es, wie bei Kindern als Normalität bezeichnet, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen gibt, dann greift das niemals die Grundlagen der Gemeinsamkeit an. Für diese Familie gibt es ein/e gemeinsame/s Heim/Haus/Heimat. Ein Lebensmittelpunkt wird gesucht und gefunden. Er orientiert sich an dem Arbeitsplatz des Mannes/Vaters, bisweilen auch der Frau/Mutter. Ob Haus oder Wohnung, Schloss oder Bauernhof – es ist der Raum, in dem sich alle wohlfühlen. Die Küche wird zum Ort der Begegnung. Der Garten lädt zum Ruhen und Spielen ein. Das Wohnzimmer ist ein Ort der gemeinsamen Er- 71 lebnisse und die Zimmer sind so eingeteilt und eingerichtet, dass sie den Ansprüchen der Benutzer vollständig entsprechen. Niemand muss in einer Besenkammer hausen. Die Eltern haben immer ein gemeinsames Schlafzimmer. Die Familie ist auf eine zeitlich unbegrenzte Dauer angelegt. Das heißt für die Eltern als Liebespaar, dass sie sich in unverbrüchlicher Liebe ein Leben lang treu sind und das heißt für das Kind/die Kinder, dass sie solange sie es brauchen die jeweils altersgemäß angemessene Nähe zu den Eltern genießen können. Die Erziehung des Kindes/ der Kinder folgt normativen Vorgaben, die ein jeweils angemessenes Maß an Klarheit, Autorität und Freiheit beinhalten. Das Kind/die Kinder lernen so, Vertrauen zu entwickeln und sich aus diesem Vertrauen heraus selbstständig zu machen (Bindungstheorie). Wichtig ist es, dass das Kind/die Kinder immer dann, wenn es/sie jemanden brauch/t/en, diesen vorfinden. Verlassenheit erzeugt Angst und Angst ist kein geeignetes Mittel für die Erziehung. Aufgrund der vorgegebenen Familienstruktur ist das zumeist eine Aufgabe der Frau und Mutter. Der Mann und Vater bleibt in der Rolle des Ernährers, der sich in seiner freien Zeit liebevoll um die Kinder kümmert. Die Hausfrau und Mutter, die auch bedingt berufstätig sein kann, wenn sich das mit ihren Pflichten in der Familie vereinbaren lässt, ist die Person, die immer da ist, die sich den Sorgen und Nöten der Kinder zuwendet und Lösungen sucht. Das heißt nun keineswegs, dass sie immer vor Ort sein muss, sondern räumlich und innerlich erreichbar sein sollte, wenn ein Problem entsteht, dass das Kind/die Kinder nicht alleine lösen können. Sie stellt also eine personenbezogene Sicherheit her. Sie ist darüber hinaus zuständig für die Schaffung und den Erhalt des sozialen Nahraumes. Diese Arbeitsteilung ist nicht Gegenstand einer kontroversen Verhandlung, sondern entsteht quasi selbstständig aus der Situation heraus. Wenn das Kind räumlich die Familienwohnung verlässt, bleibt es trotzdem im Idealfall den Eltern verbunden. Im geeigneten Fall kann dieses bereits erwachsene Kind die Unterstützung der Eltern anfragen und bekommt sie. In dieser Form der Familie herrscht gegenseitiges Vertrauen, Schutz und Geborgenheit. In einem so geschützten Raum entsteht Glück. Glück besteht aus Harmonie, die jeden Tag wieder neu hergestellt und erfahren werden muss, aus Liebe, die sich zwischen allen Familienmitgliedern in einer jeweils anderen Form entwickelt, aus Fürsorge, die sich in einer Haltung aller Familienmitglieder zueinander zeigt und Sicherheit, die als finanzielle und innere Sicherheit die Entwicklung und letztendlich Freiheit der Kinder 72 garantiert und den Eltern einen dafür geeigneten Handlungsspielraum lässt. Menschen, die in einer glücklichen Familie leben, die ihren Binnenraum entsprechend ummantelt ist, können gegenüber anderen Menschen fürsorglich sein und ihnen in Notlagen helfen. 2.3.2.2. Das Kinderheim der glücklichen Kinder Die unter dem Titel Sophienlust. Das Haus der glücklichen Kinder von 1998 bis 2012 erschienene Serie ist eine der erfolgreichsten Serien des Kelter- Verlages, die zahlreiche Neuauflagen erfahren hat. Seit 2020 ist eine Nachfolgeserie im Handel betitelt Sophienlust. Die nächste Generation. Ein fester Handlungsrahmen in den jeweils einzelne neue Geschichten eingeflochten werden, gibt eine ideale Konstruktion zur Erfassung einer Fülle von Problemkonstellationen vor, die die Unterbringung eines Kindes in einem Kinderheim notwendig erscheinen lassen (Kinder, deren Eltern in Schwierigkeiten sind bzw. vermisst oder gestorben sind, die bis zum Erwachsensein oder für einen begrenzten Zeitraum eine Unterkunft brauchen). Das Kinderheim der glücklichen Kinder, in denen Kindertränen versiegen und sie wieder lachen lernen, gibt diesen Kindern genau die Sicherheit und Liebe, die sie benötigen, um glücklich zu werden. Sie wachsen in einer Gemeinschaft heran, die ihnen temporär oder dauerhaft den Rahmen bietet, um mit ihrem Schicksal nicht nur fertig werden zu können, sondern auch zu lernen, sich der Welt wieder mit positiven Gefühlen zuzuwenden. Dazu gehören geeignete weibliche und männliche Ansprechpartner, dazu gehören aber auch Tiere, die die Fürsorglichkeit und Liebe der Kinder auf eine Art ermöglichen, die heilsam ist. Außerdem spielen dabei die Umgebung, die Räumlichkeiten, die Landschaft und die Ernährung im Rahmen einer nicht nur angemessenen sondern liebevollen Versorgung eine wichtige Rolle. Ein solches Kinderheim ist zwar immer nur ein Ersatz für Eltern und Familie, aber ein durchaus guter und sinnvoller Ersatz. In jedem Fall ist ein solches Kinderheim besser geeignet als eine häusliche Atmosphäre, die dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Kind nicht die Liebe, Zuwendung, Sicherheit und damit das Glück findet, das ihm hilft im besten Sinne erwachsen zu werden. Solche Negativfaktoren können eine Mutter, Stiefmutter, Adoptiveltern bzw. eine Großmutter als Erziehungspersonen sein, die ohne echte Mutterliebe sind, ein Haushalt ohne Mutter mit reinen Versorgungsinstanzen wie ebenfalls lieblosen Kindermädchen oder Haushälterinnen oder/und ein 73 alleinstehender überforderter Vater oder eine ebenfalls überforderte alleinstehende Mutter. Es ist nicht nur der Wohlstand, nicht die Organisation der Versorgung alleine, die hier positiv wirkt, sondern zentral sind und bleiben die Charaktere und Fähigkeiten der Eltern bzw. anderer Erziehungspersonen. Wenn allerdings finanzielle Schwierigkeiten dazu kommen, wie sie z.B. für geschiedene oder verwitwete Elternteile entstehen können, dann wirken sich diese Faktoren einfach deshalb negativ aus, weil die Kinder aufgrund der Berufstätigkeit der Erwachsenen keine angemessene Versorgung mehr genießen können. Ein Kinderheim wie Sophienlust als ein Haus der glücklichen Kinder gibt neben der Versorgungssicherheit und der angemessenen Erziehung durch die Personen, die in diesem Heim arbeiten, eine Art Familienleitbild vor, das dem Kind signalisiert, dass es nicht nur versorgt sondern auch gewünscht und geliebt wird. Die Probleme des Kindes werden ernst genommen. Es bekommt Hilfestellung und ihm wird die körperliche und seelische Nähe gewährt, die es zu seiner Entwicklung benötigt. In der Gemeinschaft als eine Art erweiterte Familie, lernt dieses Kind zudem ein soziales Verhalten, das getragen ist von einer gegenseitigen Verantwortung und Zuneigung anderen Kindern, Erwachsenen und Tieren gegenüber. Diese in sich gefestigte Gruppe ist in der Lage, neue Kinder zu integrieren, weil es eine gelebte Ethik der Zusammengehörigkeit gibt. Glück in einem solchen Kinderheim beruht also auf dem Schutz vor zerstörerischen Familienbindungen, der Sicherheit durch eine angemessene leibliche und seelische Versorgung und Liebe als Haltung der Erziehungspersonen gegenüber den Kindern. 2.3.2.3. Die Dramaturgie des Happy Ends Alles wird letztendlich gut. Das weiß die Leserin/ der Leser bereits, wenn sie/er sich entschließt, einen Heftroman zu kaufen. Die Heldenreise (Vogler, 2018) als dramaturgische Matrix des Romans nutzt das Stilelement des Zufalls und des Schicksals (als göttliche Fügung), um die Handlungsstränge in eine Systematik zu überführen, die am Ende das erwartete Happy End möglich macht. Das Verlaufsprinzip dieser Heldenreise folgt dem Motto: Wie es mir gelungen ist, mein Leben zu meistern. Wenn es um die Heftromane geht, die sich im engeren und weiteren Sinne mit der Konstruktion der glücklichen Familie und damit der zentralen Kombination von romantischer Liebe und Mutterliebe resp. Vaterliebe 74 beschäftigen, geht es eigentlich immer um das Schicksal des Kindes. Wie also kann es gelingen, dass ein Kind so heranwachsen kann, das es als Erwachsener in der Lage ist, sein Leben so zu gestalten, dass es glücklich ist? Oder andersherum gefragt: Welche Faktoren behindern diese Entwicklung? Wie also kann man heilen, wenn doch die Bedingungen dafür nicht unbedingt gut sind oder gänzlich fehlen? Die Antwort ist einfach: Ein Kind braucht Liebe. Diese Liebe können am besten Eltern geben, die sich selbst lieben und damit einen emotionalen Sicherheitsraum für die Entwicklung bieten. Es braucht ebenfalls eine räumliche und soziale Umgebung, die dieser Entwicklung förderlich ist. Das schließt den finanziellen Rückhalt, die guten sozialen Kontakte zu anderen Menschen, eine angemessene Bildung und Erziehung sowie geeignete Wohnbedingungen ein. Das sind die Grundelemente eines Happy Ends. Der Weg von der Beschreibung einer Konfliktsituation zur Erreichung dieses Happy Ends wird dramaturgisch gestaltet durch die Elemente Zufall und Schicksal. Die Botschaft lautet: Das Leben verläuft nicht immer einfach aber letztendlich siegt immer das gute Leben, weil man die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit trifft. Was sind die Bestandteile, die eine Entscheidung für ein gutes Leben befördern? Man hat Glück und kann dieses auch wahrnehmen. Man kann gut und böse unterscheiden. Man ist in der Lage, den guten und richtigen Gefühlen nachzugehen und sich damit gegen die Menschen zur Wehr zu setzen, die einen in eine bestimmte negative Richtung treiben wollen. Man begegnet den Menschen, mit denen man das Gute leben kann. Man muss diese Chance wahrnehmen. Es gibt immer wieder die Menschen, die einen dabei unterstützen, sich dem Guten zuzuwenden. Und es gibt Menschen, die einen dabei behindern. Es ist wichtig, das unterscheiden zu lernen. Man gewinnt eine gewisse Lebensweisheit ohne sich von Allgemeinplätzen leiten zu lassen. Man orientiert sich an dem gesellschaftlichen Modell des richtigen Verhaltens ohne in eine kleinbürgerliche Haltung zu verfallen. Zu einem guten Leben gehören Kinder, eine Frau (Mutter) und ein Mann (und Vater) und das alles fließt in dem Modell der glücklichen Familie zusammen. 75 Eine Frau besitzt Mutterliebe, weil sie im Prinzip einen Mutterinstinkt hat, weil sie eine Frau ist und sich die Qualifikation dafür erworben hat. Sie setzt in ihrem Leben die richtigen Prioritäten und dann gelingt es ihr auch zu erkennen, dass Verzicht und Opfer bisweilen zu mehr Glück und Zufriedenheit führen. Ein Mann besitzt Vaterliebe, die er als ein Gefühl von Zärtlichkeit erlebt. Er weiß jetzt, für wen er sorgen muss und erwirbt dadurch einen Sinn im Leben. Ein Kind braucht eine Mutter aber auch einen Vater, um sich zu einem glücklichen Menschen entwickeln zu können. Die richtigen Bezugspersonen ermöglichen es ihm, Fehlverhalten anderer Erwachsener letztendlich zu überwinden. Er lernt zu vergessen. Erziehung eines Kindes heißt nicht grenzenlose Verwöhnung oder im Gegenzug unangebrachte Strenge sondern ein ausgewogenes Maß an Zuwendung und Autorität, damit aus dem Kind ein guter Mensch werden kann. Ein gutes Leben ist also ein glückliches Leben, das bestimmt wird durch das Schicksal und die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit zu treffen. Wenn diese nicht zeitnah getroffen werden können, weil die gesellschaftlichen Bedingungen und der eigene Status der Erkenntnis das nicht ermöglicht, gibt es eine zweite Chance. Erkenntnis als Erfahrung und Wahrnehmung der eigenen Gefühle ermöglicht diese. Das moralische Modell des richtigen Verhaltens beruht auf einer Mischung von angeborenen Instinkten und ethisch begründeten Regeln des Verhaltens. Der Begriff der Liebe bindet diese naturgegebene und erworbene Haltung in der Fähigkeit zusammen, sich einem Menschen bedingungslos zuwenden zu können, also körperliche Anziehung und seelische Hingabe vertrauensvoll zuzulassen und zugleich dafür zu sorgen, dass diese beiden zentralen Komponenten der Liebe in einer Form gelebt werden können, die ein Leben lang hält. Wenn in einer solchen Konstruktion romantischer bürgerlicher Liebe ein Kind geboren wird oder auf anderen Wegen Mitglied dieses Paares wird, also eine Familie entsteht, wird dieses Modell der ehelichen Liebe ergänzt durch das Modell der Elternliebe, die sich in der Mutterund Vaterliebe unterschiedlich zeigt. Ein Kind zu lieben heißt dann, gemeinsam dafür zu sorgen, dass es Zuneigung und Sicherheit erfährt. Die Liebe zu einem Kind ist von der Seite einer Frau, die die Mutterrolle einnimmt, ganzheitlich und kompromisslos. 76 Für den liebenden Vater ist sie gekennzeichnet durch Zärtlichkeit und eine Haltung der Verantwortung. Jedes Fehlverhalten wirkt sich nun nicht nur schädlich für die Erwachsenen sondern insbesondere für ein als hilflos eingeschätztes Kind aus, das sich nicht wehren kann. Die Verantwortung wächst. Auch in diesem Fall gilt es, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit zu treffen. Das Kind innerhalb einer Familie hat im Idealfall ein glückliches Leben, weil es sich grundlegend geborgen und uneingeschränkt geliebt fühlt. Ein gutes Leben dieser mindestens drei Personen in einem Rahmenmodell, das Familie genannt wird, wiederum ist durch das Glück aller gekennzeichnet.

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References

Abstract

Mother's love is a term that appears in trivial literature to the present day and has a recognizable effect. What is meant by the concept of mother’s love in the German trivial literature and what function does it have in social discourse?

As a historian and sociologist, Birgit Panke-Kochinke was looking for answers to these questions. Therefore she analysed about 400 magazine novels that have been published in Germany since the 1970s.

The result: Of course, on the one hand mother’s love is a fiction, which the genre of the novel requires. But on the other hand, it is also part of a social discourse and, in its discursiveness, it forms mentality.

Zusammenfassung

Mutterliebe ist ein Begriff, der bis in die Gegenwart durch die Trivialliteratur geistert und Wirkung zeigt. Was wird im deutschen Heftroman unter dem Begriff der Mutterliebe verstanden und welche Funktion trägt der Begriff im gesellschaftlichen Diskurs?

Die promovierte Historikerin und Soziologin Birgit Panke-Kochinke ist der Beantwortung dieser Fragen in einer Analyse von rund 400 Heftromanen, die in Deutschland seit den 1970er Jahren erschienen sind, nachgegangen.

Das Ergebnis: Mutterliebe ist zwar eine Fiktion, die das Genre des Romans so vorgibt. Sie ist aber auch Teil eines gesellschaftlichen Diskurses und in ihrer Diskursivität mentalitätsbildend.