1. Wissenschaftlicher Diskurs in:

Birgit Panke-Kochinke

Die Konstruktion der Mutterliebe im deutschen Heftroman (1970–2020), page 11 - 36

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4553-4, ISBN online: 978-3-8288-7606-4, https://doi.org/10.5771/9783828876064-11

Tectum, Baden-Baden
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11 1. Wissenschaftlicher Diskurs Was wird als Mutterliebe bezeichnet? Der Begriff der Mutterliebe, wie er in den von mir untersuchten Heftromanen auftritt, ist nicht als solitär zu betrachten. Die Konstellationen, in denen er entwickelt wird, weist, wie bereits angesprochen, eine enge Verbindung zu dem Begriff und Konzept der Familie auf. Familie, zumindest dann, wenn sie im Sinne der Romanideologie als erstrebenswert betrachtet wird ist etwas das sich in zweierlei Formen von Liebe manifestiert. Dazu gehört zum einen die Liebe zwischen einem Elternpaar zumeist als eine heterosexuelle Konstruktion. Dazu gehört des Weiteren die Liebe der Frau zu einem Kind, das Teil dieser Familie ist oder sein soll, die Mutterliebe also. Diese Verknüpfung zwischen ehelicher und mütterlicher Liebe in der Familie ist entsprechend zu berücksichtigen. In welchem Milieu spielen sich diese Geschichten ab? Die Personen, die im Mittelpunkt der ausgewählten Romane stehen, stammen zumeist aus einem mittleren bis gehobenen bürgerlichen, bäuerlichen auch adligen Milieu und umfassen so im Prinzip nahezu alle gesellschaftlichen Schichten. Ausgeschlossen sind allerdings weitgehend die unteren sozialen Schichten. Das ist in der Vergleichsgruppe, die im Prostituiertenmilieu angesiedelt ist, anders. Prostitution ist ein Berufsfeld, das sich zwar scheinbar außerhalb des gesellschaftlichen Rahmens befindet, aber im Rahmen einer Doppelmoral diese doch stabilisiert. Die interne Struktur der Prostitution folgt spezifischen Vorgaben. Ihre moralische Diskriminierung bedingt besondere Lebensverhältnisse. Welche Eingangskonstellationen stehen im Mittelpunkt der Geschichten? Es sind vor allem die Problemkonstellationen, die Familien instabil werden bzw. auseinanderbrechen oder erst gar nicht zustande kommen lassen. Das 12 Lösungsmuster liegt in der Wiederbelebung einer bereits bestehenden Familie oder in der Gründung von neuen Stieffamilien. Neben der ehelichen Liebe und Familie mit eigenen leiblichen oder angenommenen Kindern ist es vor allem die Stieffamilie, die in den Romanen im Mittelpunkt steht. Sie spielt sich in einem bestimmten bürgerlichen Milieu ab und definiert die moralischen Vorgaben für den Umgang von Eltern und Kindern untereinander. Es handelt sich entsprechend dem Quellenmaterial um die Analyse von fiktionaler Literatur in der Form des Heftromans, die auf der Ebene des Trivialen angesiedelt wird. Welche Auswirkungen hat das? Es bedingt eine bestimmte Mustervorgabe in der Dramaturgie und es bedingt zudem eine gesellschaftliche oder vielmehr intellektuell verbrämte Abwertung des Gegenstandes selbst. Diese ist ebenfalls zu berücksichtigen. 1.1. Der Begriff der Mutterliebe Folgt man der wissenschaftlichen Literatur, dann ist der Begriff der Mutterliebe nicht mehr und nicht weniger als eine historisch gewachsene gesellschaftliche Konstruktion. Der Begriff dient nach Ansicht der Autorinnen und Autoren lediglich dazu, Menschen, die biologisch als Frauen definiert werden, eine klare Aufgabe in der Gesellschaft über eine angeborene oder erworbene innere Haltung in der Familie zuzuweisen. Mutterliebe sei so „weder eine übergeschichtliche Konstante noch eine universelle Haltung von Müttern, die unabhängig von Zeit und Raum existiert.“ (Gschwend, 2009, S. 13) So erscheint Mutterliebe oft im Rückbezug auf die Ausführungen von Elisabeth Badinter (Badinter, 1981) relativ einhellig nicht als ein naturgegebener Mutterinstinkt sondern als normative Kraft eines kulturellen Musters mit einem hohen Grad der Emotionalisierung, die sich vor allem in einer fürsorglich-aufopfernden Hingabe äußert (Tyrell, 1981, S. 421) Topos eines kulturellen Deutungsmusters, das im jeweiligen kulturellen und historischen Kontext normativ aufgeladen, idealisiert und romantisiert wurde. Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung, Hinwendung, Rührung und Verantwortung seien die entsprechenden Bezugspunkte. 13 Die Hingabe des Kindes werde um den Preis des freiwilligen Verzichts der Frauen erkauft (Rendtorff, 2016, S. 435-443), Knotenpunkt aus Geschlechter- und Familienbild, gesellschaftlicher Erwartung und Identität, begleitet von dem Begriff der Mütterlichkeit als aufopferungsvolle und zärtliche Hinwendung zu einem Kind (Schlicht, 2016, S. 109), eine Geschichte normativer Konstrukte (Opitz, S. 164), Topos eines normativ aufgeladenen kulturellen Deutungsmusters, das nur in seinem jeweiligen kulturellen und historischen Kontext zu verstehen ist ( (Rendtorff, 2016, S. 436), eine Mütterlichkeitsideologie, die mütterliche Praxen als scheinbar natürlich definiert, obgleich es sich nur um ideologisch überformte handelt (Braches-Chyrek, 2011, S. 174-176), Teil eines Deutungsmusters, eine männliche Erfindung, die normative Interpretation der Rolle der Frauen und der Familie (Dolderer, Holme, Jerzak, & Tietge, 2018, S. 26-28), ein Begriff, der nicht scharf umrissen ist, allenfalls eine Vielfalt von fürsorglichen, opferbereiten Formen der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind umschreibt und zudem aus dem gesellschaftlichen Diskurs nach 1945 fast verschwunden ist (Heidinger, 2008, S. 236) und als Definition einer angeborenen, bedingungslosen Liebe, die historisch betrachtet eine Vielfalt von Mutterbildern evoziert hat (Niedergesäß). Ab Mitte des 20. Jahrhunderts habe sich nach Gschwend der Pflichten- und damit Anforderungskatalog der Mutterliebe vor allem durch seine Psychologisierung beträchtlich erweitert. Das habe auch zu einem beträchtlichen Anstieg der mütterlichen Schuldgefühle beigetragen (Gschwend, 2009, S. 22). „Mutterliebe sollte sich nun neben optimaler körperlicher Versorgung, gesellschaftlich angemessener Erziehung und emotionaler Zuwendung zusätzlich an der intellektuellen Stimulation des Kindes beweisen.“ (Gschwend, 2009, S. 20) Aus Sicht psychologischer Theorien sei unter dem Begriff der Mutterliebe „ein spezielles Schutz- und Fürsorgeverhalten (zu verstehen, B.P.-K.), das auf einer besonderen Bindung und Bezogenheit der Mutter zu ihrem leiblichen Kind beruht, wobei dieses Verhalten ganz selbstverständlich als liebend, fürsorglich und selbstlos vorausgesetzt wird.“ (Gschwend, 2009, S. 23). 14 Sie zeige sich „dabei in einer bestimmten Haltung und Einstellung dem Kind gegenüber, die eben nicht zwangsläufig mit einer biologischen Mutterschaft verknüpft ist. ... Frauen haben bereits vor der Geburt eines Kindes eine bestimmte Haltung ihm gegenüber, empfinden mehr oder weniger Mutterliebe.“ (Gschwend, 2009, S. 24) Dieses Ideal der psychologischen Konstruktion von Mutterliebe lässt sich nach Gschwend besonders deutlich in dem Seelenbild der Großen Mutter als zentralem Bestandteil des archetypischen Konstruktion des Muttermythos nach C.G. Jung erkennen. Diesem Modell folgend sei sie Mutter unentbehrlich für die Entwicklung des Kindes. Jede Mutter liebe ihre Kinder gleichermaßen. Mutterliebe sei selbstlos, rein und ungetrübt (Gschwend, 2009, S. 34). „Es ist jene Mutterliebe, welche zu den rührendsten und unergeßlich sten Erinnerungen des erwachsenen Alters gehört und die geheime Wurzel allen Werdens und aller Wandlung, die Heimkehr und Einkehr und jeglichen Anfangs und Endes schweigenden Urgrund bedeutet. Innigst bekannt und fremd wie die Natur, liebevoll zärtlich und schicksalhaft grausam – eine lustvolle, nimmermüde Spenderin des Lebens, eine Schmerzensmutter und die dunkle, antwortlose Pforte, die sich hinter dem Toten schließt. Mutter ist Mutterliebe, ist mein Erlebnis und mein Geheimnis.“ (Jung, 1992, S. 90) Auch nach Erich Fromm, 1956 erstmals in seinem Buch Die Kunst des Liebens thematisiert, sei Mutterliebe als bedingungslose Bejahung des Lebens und der Bedürfnisse des Kindes zu verstehen. Die Aufgabe der Mutter sei es, durch ihre Fürsorge und ihr Verantwortungsgefühl dem Kind eine Haltung der Liebe zum Leben zu vermitteln. Wahre Liebe besteht nach Fromm darin, für das Wachstum des Kindes zu sorgen. „Nur die wahrhaft liebende Frau, die im Geben glücklicher ist als im Nehmen und die in ihrer eigenen Existenz fest verwurzelt ist, kann auch dann noch eine liebende Mutter sein, wenn das Kind sich im Prozeß der Trennung befindet.“ (Fromm, 1999, S. 470) Die Ausführungen von John Bowlby aus dem Jahre 1953 sind insofern interessant, als sie sich mit einem tragenden Themenfeld der analysierten Heftromane beschäftigen: der Frage, welche schädlichen Folgen die Mutterentbehrung für die Entwicklung eines Kindes haben und unter welchen Umständen es trotzdem noch zu einer positiven Entwicklung desselben kommen kann (Bowlby, 1995). Auch wenn man generell feststellen könne, dass die 15 mütterliche Fürsorge für die Entwicklung eines Kindes im Säuglingsalter und in der frühen Kindheit von entscheidender Bedeutung sei, so ließe sich doch der Schaden, den eine Deprivation im frühen Kindesalter anrichte, bis zu einem Alter von drei bis fünf Jahren zumindest bedingt auffangen. Eine angemessene Mutterliebe lasse sich am ehesten in einer Familie erleben, weil dort der Fürsorgerahmen am günstigsten sei (Bowlby, 1995, S. 69–70). „Denn die wichtigste Voraussetzung zur Verhütung der Mutterentbehrung ist die Möglichkeit, in der eigenen Familie aufzuwachsen.“ (Bowlby, 1995, S. 73). Und das könne eigentlich an jedem Ort sein, der diese Form eines normalen Familienlebens aufweist. Bowlby führt eine Vielzahl von Problemen an, die das Modell der „natürlichen Familiengruppe“ in Frage stellen können: uneheliche Geburten, chronische Erkrankungen, Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung, volle Berufstätigkeit der Mutter, Verlassen der Familie durch einen Elternteil, auswärtige Beschäftigung des Vaters und gesellschaftliche Notstände (wie z.B. Krieg, Hungersnot, Tod eines Elternteils) (Bowlby, 1995, S. 77–78). Das sind genau die Konfliktkonstellationen, die in den analysierten Romanen auftreten. Er gibt an, unter welchen Bedingungen diese im Prinzip gescheiterten Familienkonstellationen trotzdem für das Kind positiv wirken können. Auch das wirkt wie das dramaturgische Skript eines Heftromans. Das Aufwachsen bei Verwandten des Kindes sei als positiv einzuschätzen, wenn diese in einem gesicherten finanziellen und emotionalen Rahmen leben. Das Leben mit der unehelichen Mutter sei zu akzeptieren, wenn diese eine stabile Persönlichkeit ist, eine verständnisvolle Einstellung zu Problemen hat, ihr Kind bejaht und liebt, dem vermutlichen Vater zugetan bleibt und eine Ursprungsfamilie hat, die nicht darauf besteht, dass sie das Kind weggeben muss. Das Aufwachsen in einer Pflegefamilie und damit auch der spätere Übergang in eine Adoption sei sinnvoll, wenn es in dieser Familie weitere Kinder gibt. Das Kind werde allerdings diese Ersatzfamilie auch immer als eine solche erleben. Eine Heimunterbringung in kleineren Heimen ebenso wie in familienähnlichen Gruppen sei besser als in großen Heimen (Bowlby, 1995, S. 76–141). Auf der philosophischen Ebene sei nach Rohr, der sich dabei auf Harry Frankfurt bezieht, „die Liebe von Eltern zu ihren Säuglingen oder kleinen 16 Kindern die Sorge, die einem erkennbar reinen Fall von Liebe am nächsten kommt.“ (Rohr, 2018, S. 243–244) Sie sei gekennzeichnet durch Selbstlosigkeit und nicht auf die reziproke Gratifikation des Geliebtwerdens (Rohr, 2018, S. 244). Eltern können diese Liebe ihren Kindern nur dann schenken, wenn sie sie selbst erfahren haben. Diese Position nimmt nach Rohr auch Jonas ein und bezeichnet diese Liebe als Fall „elementarer nicht – reziproker“ Beziehung. Diese Liebe habe einen wertsetzenden Charakter. Sie sei bedingungslos (Rohr, 2018, S. 245). Beruhend auf den Erkenntnissen der Objektbeziehungstheorie ist für Axel Honneth die mütterliche Liebe ein Element, um eine positive Selbstbeziehung zu entwickeln. Sie ist grundlegend für sein Konzept der Anerkennung (Honneth, 2012). „Die Anerkennungsformen der Liebe, des Rechts und der Solidarität bilden intersubjektive Schutzvorrichtungen, die jene Bedingungen äußerer und innerer Freiheit sichern, auf die der Prozeß einer ungezwungenen Artikulation und Realisierung von individuellen Lebenszielen angewiesen ist.“ (Honneth, 2012, S. 279). In der spannungsreichen Balance zwischen Verschmelzung und Ichabgrenzung lernen die Individuen so Selbstvertrauen zu entwickeln – eine elementare Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstverwirklichung (Honneth, 2012, S. 282). Unter Liebe versteht Honneth dabei „alle Primärbeziehungen, ... soweit sie nach dem Muster von erotischen Zweierbeziehungen, Freundschaften und Eltern-Kind-Beziehungen aus starken Gefühlsbindungen zwischen wenigen Personen bestehen.“ (Honneth, 2012, S. 153). Im Rückbezug auf Freud, Spitz, Bowlby, Stern und Winnicott, Erikson und Benjamin entfaltet er die psychologischen Grundmuster einer gelingenden Mutter-Kind- Beziehung als notwendige Voraussetzung dafür, dass ein Kind lernen kann, Vertrauen zu sich selbst zu entwickeln. Er bezieht sich in diesem Rekurs dann aber vornehmlich auf die Beziehung zwischen Kind und Mutter. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen wissenschaftlichen Denkmodellen? Ich versuche eine Einschätzung. Wenn es sich bei der Mutterliebe lediglich um ein kulturell und historisch gegebenes Deutungsmuster handelt, dann wären auch die psychologischen Theorien über das Bindungsverhalten zwischen Mutter und Kind als Diskurs zu sehen. Das gilt ebenso für die philosophischen Denkmodelle, die genau in diesem Bindungsverhalten eine wichtige Chance für die Entstehung von Selbstvertrauen und damit 17 Selbstverwirklichung sehen. Wenn man von der Seite der psychologischen Theorien aus argumentiert, dann wäre in einer gelingenden Mutter-Kind- Beziehung eine der zentralen Säulen einer Gesellschaft zu erkennen. Das Misslingen einer solchen zentralen Beziehung wäre die Ursache für gesellschaftliche und soziale Fehlentwicklungen. Argumentiert man von einem philosophischen Blickwinkel, dann wäre die Mutterliebe oder mütterliche Fürsorge eine der drei Grundformen der Liebe und das Erleben von Liebe wiederum wäre eine der zentralen Bedingungen, um ein gutes Leben zu garantieren. Nahezu durchgängig rekurrieren alle diese Modelle auf einem implizit vorhandenen geschlechterspezifischen Denken. Aber auch dann, wenn man versucht, diese Geschlechtsspezifik zu eleminieren, wie es Heidinger probiert, lösen sich die Verwirrungen nicht. Heidinger verfängt sich ebenfalls letztendlich in dem vorab präsentierten bunten Arsenal von gesellschaftlichen Diskursvorgaben. So bezeichnet sie Mutterliebe als eine Haltung gegenüber einem Kind, der abgetrennt von dem Begriff der leiblichen Mutterschaft und dem Begriff der Liebe gedacht werden soll. Mutterliebe wäre in ihrem Denkmodell mit dem Begriff der Mütterlichkeit gleichzusetzen. Als Grundgebärde einer Beziehung sei sie nicht an ein Geschlecht gebunden. Diese Beziehung sei als dauerhaft, feinfühlig und verlässlich zu bezeichnen. Es handle sich um eine soziale Ressource und Kulturleistung und definiere damit letztendlich die Bereitschaft und Fähigkeit zu einer verlässlichen und feinfühligen Begleitung eines Kindes, gekennzeichnet durch uneigennützige Sorge für das Wohl und die Förderung seiner körperlichen, seelischen und mentalen Entwicklung und seiner Integration in die Gesellschaft (Heidinger, 2008, S. 284). 1.2. Der Heftroman Welchen Sinn hat es, sich mit dem Medium des Heftromans zu beschäftigen, wenn es darum geht herauszufinden, wie der Diskurs über die Mutterliebe in einer Gesellschaft aussieht? Heftromane sind – zumindest in Deutschland seit den 1950er Jahren – ein Massenmedium mit einem großen mentalen Einfluss. Wenn es um die sogenannten Frauenromane geht, dann thematisieren sie eigentlich in allen ihren Variationen nichts anderes als redundant das Thema Liebe. Sie tun es auf eine Art, die trivial ist. Trivial meint nicht nur einfach oder verständlich 18 sondern auch in dem Handlungsverlauf vorhersehbar. Die Dramaturgie gibt einen engen Korridor vor, der interessanterweise trotzdem sehr geeignet dafür ist, eine ungeheure Vielfalt von Konstellationen zu behandeln. Diese Konstellationen, die problembezogenen Ausgangssituationen, sind es, die der Breitflächigkeit des gesellschaftlichen Lebens Rechnung tragen. Der Weg zu einer Lösung des anvisierten Problems erscheint demgegenüber irrelevant in Bezug auf die Lösung selbst. Man weiß bereits zu Beginn einer Geschichte, eigentlich schon dann, wenn man ein solches Heft in die Hand nimmt, dass es eine vorhersehbare Lösung gibt. Und entsprechend den gesellschaftlichen Problemkonstellationen ändert sich diese Lösungsperspektive auch nur geringfügig – zumindest in dem von mir betrachteten Zeitraum. Es kann mir also vermutlich nicht gelingen in diesem Zeitraum einen Diskurswechsel zu ermitteln – eher eine Konstanz des Grundmusters, die sich immer wieder neu anpasst. Das ist eher als eine Struktur langer Dauer (Longue durée) zu bezeichnen, die mit der Erfindung der romantischen Liebe im 18. Jahrhundert begann und noch andauert. Wie ist es aber mit dem Begriff der Mutterliebe? Historisch jüngeren Datums, erwachsen scheinbar in dem Modell der romantischen Liebe als eine Art Hilfskonstruktion, um Frauen ihren Aufgabenhorizont innerhalb der Familie zuzuweisen und zu begründen, fußt er auf einer bunten Mischung innerpsychischer, archetypischer Konstruktionen und einer physischen Konstruktion von Geschlecht als biologische Konstante eines gesellschaftlichen Herrschaftssystems. Aber was ist eine Mutter und wie gestaltet sich nach diesem Modell dann die Beziehung zu einem Gegenüber, das ein Kind ist oder war? Interessant ist zunächst einmal die Feststellung in den Heftromanen, dass es sich bei diesem Kind nicht um das eigene, leibliche Kind handeln muss. Weiterhin spannend ist die Frage, wann genau eine als Frau definierte Person merkt, dass das Gegenüber von ihr mit mütterlichen Gefühlen belegt wird. Weiterhin ist erkennbar, dass es in diesem Modell der Mutterliebe positive und negative Konnotationen gibt. Das alles lässt sich in der gewählten Quellengruppe der Heftromane in einer gewissen Deutlichkeit erschließen. Dieser eher triviale Romandiskurs wird nun flankiert von einem scheinbar eher kontrovers geführten wissenschaftlichen Diskurs, der sich zudem einer ganzen Reihe von weiteren Begriffen bedient, um die Beziehung eines Menschen, der als Frau und zugleich Mutter deklariert wird und eines Menschen, der diesem in irgendeiner Weise als Mutter gegenübertritt. Ich wähle also diese Literaturgattung eines mental wirksamen schriftlichen Mediums aus, um zunächst einmal herauszufinden, was eine triviale 19 Bezeichnung für das ist, was ich unter dem Begriff der Mutterliebe subsumiere. 1.2.1. Verbreitung und Struktur Heftromane sind, folgt man Buck, „belletristische Texte aus dem Bereich der Trivialliteratur, die in Heftchen- oder Taschenheftform in einer gezählten Reihe oder Serie periodisch erscheinen. Sie werden speziell für das Massenmedium Heftchen nach standardisierten Vorgaben geschrieben und kommen außerhalb des Sortimentsbuchhandels zu einem niedrigen Preis auf den Markt. Sie sind auf allen Ebenen standardisierte Produkte, die für ein Massenpublikum produziert und auf den größtmöglichen Gewinn für ihre Verleger ausgerichtet sind.“ (Buck, 2011, S. 16) Den Markt für diese Heftromane in Deutschland nach 1945 statistisch zu erfassen, ist nach Buck nur bedingt möglich (Buck, 2011, S. 40). Konzentriert man sich auf die sogenannten Frauenromane, dann habe sich im Vergleich zu den 1970er Jahren an der Anzahl der Reihen und Serien bis 2008 grundsätzlich nichts geändert. Es seien lediglich die historischen Liebesromane hinzugekommen. Die Gruppe der Kriminalromane sei geschrumpft. Frauenromane dominieren weiterhin über die Männerromane (Buck, 2011, S. 62). Die Auflagenhöhe sei bis 2008 als stabil zu bezeichnen. Im Vergleich zu den 1970er Jahren habe sich auch bei der Herstellung und dem Vertrieb der Heftromane kaum etwas geändert. Eine kostengünstigere Produktion sei möglich. Das steigere den Gewinn der Verleger. Die Autorinnen und Autoren arbeiten zu den gleichen Konditionen. Auch das Layout sei im Wesentlichen gleich geblieben (Buck, 2011, S. 81-82). Diese Aussage muss allerdings für den Zeitraum von 2008 bis 2020 zumindest in Bezug auf die Auflagenhöhe bezweifelt werden, vor allem dann, wenn es um die in gedruckter Form vorliegenden Hefte geht. Hinzugekommen und gewachsen ist in jedem Fall der Anteil der E-Book-Produktion. In dieser digitalen Sparte sind die erotischen Reihen eindeutig in der Mehrzahl. So war für den Bastei-Verlag 2013 bereits 20% des Umsatzes über diese digitalen Produkte erzielt worden. Nach Angaben des Buchreports (www. Buchreport.de) waren für das Jahr 2017 jede Woche 100 neue Heftromane und Neuauflagen von bereits veröffentlichen Romane sowie Sammelbände in einer Druckauflage von etwa 10 20 Millionen Bänden erfassbar. Das würde eine jährliche Auflagenhöhe von etwa 120 Millionen Bänden bedeuten. In einer Reihe des Südwestfunks (Detlef Berentzen: Groschenromane. Geschichte und Gegenwart der trivialen Lektüre) betrug die jährliche Auflage dieser Verlage 22,5 Millionen. Die Zeit registriert im Jahre 2015 für den Bastei-Lübbe-Verlag 36 Heftreihen mit einer Auflage von 520.000 Exemplaren, das heißt 27 Millionen Heften im Jahr. Der Martin-Kelter-Verlag habe in dem gleichen Zeitraum eine jährliche Auflagenhöhe von 39 Millionen Exemplaren, die sich auf 55 Heftreihen verteilen. Man könne also in jedem Fall von einer jährlichen Auflagenhöhe von etwa 60 Millionen Heftromanen allein für diese beiden Verlage ausgehen.1 120 Heftroman-Reihen sind nach Angaben von Buck 2008 auf dem Markt. 86 Titel zählen zu den Frauenromanen (71,7%), 34 Titel (28,3%) zählen zu den Männerromanen. Bei den Frauenromanen machen die Liebesromane den größten Teil der Produktion mit 39,17% aus. Familienromane werden mit 5% der Gesamtmenge angegeben, verstecken sich aber nachweislich auch in den anderen Frauenromankategorien (Arzt-, Adels-, Heimat- und Bergromane). Der aktuelle Stand wurde von mir in einer entsprechenden Tabelle für ausgewählte Verlage dokumentiert (vgl. Anhang 7.2.). In jedem Fall erreichen die Heftromanreihen auch in der Gegenwart Millionenauflagen. Ihr Verbreitungsgrad ist hoch. Die jährliche Produktion aller Heftromane wird von Buck allein für das Jahr 1971 auf 340 bis 370 Millionen Exemplare geschätzt (Buck, 2011, S. 41). Versucht man vor dem Hintergrund der im Internet veröffentlichten Einzelinformationen die Auflagenhöhe für die Jahre um 2015 bis 2017 hochzurechnen, kommt man allerdings auf lediglich 120 Millionen Bände. Das würde auf einen deutlichen Rückgang zumindest der Druckexemplare hindeuten. Welche Verlage geben die entsprechenden Heftromane heraus? Nach Buck existierten im Jahre 1977 zehn Verlage, die entsprechende Publikationen nachweisen. Die fünf größten waren: der Bastei-Verlag in Bergisch- Gladbach1, der Erich Pabel-Verlag in Rastatt, der Wolfgang Marken Verlag in Köln, der Martin Kelter Verlag in Hamburg2 und der Arthur Moewig 1 Der Bastei Verlag wurde 1949 in Köln gegründet, 1953 von Gustav Lübbe übernommen und ist seither in Bergisch-Gladbach angesiedelt. Von den 26 Reihen sind 11 zu den Männer- und 15 den Frauenromanen zu zählen (Buck, 2011, S. 63-65). 2 Der Martin Kelter Verlag wurde 1938 in Leipzig gegründet. 1948 wurde der Verlag Mein Roman gegründet und 1951 mit dem Martin Kelter Verlag vereinigt. Das Heftro- 21 Verlag in München (Buck, 2011, S. 41). Von diesen Verlagen haben sich bis in die Gegenwart mit hohen Auflagen der Bastei-Verlag und der Martin- Kelter-Verlag erhalten. Bastei-Lübbe gibt für 2017/2018 eine jährliche Druckauflage von 715.000 Exemplaren an. Der Martin-Kelter-Verlag hat 2012 nach eigenen Angaben eine Auflagenhöhe von 67 Millionen Heften, 2015 von 46 Millionen Heften. Folgt man diesen eher unvollständigen statistischen Angaben so ist zumindest davon auszugehen, dass Heftromane auch in der Gegenwart noch eine große Leserschaft haben, auch wenn man vermuten kann, dass diese sich – zumindest was die Druckexemplare angeht – im Rückgang befindet. Der formale Rahmen sowie der inhaltliche Aufbau und die Struktur dieser Romane sind, wie bereits von mir an anderer Stelle ausgeführt (Panke- Kochinke, 2019, S. 21–30), so angelegt, dass sie für die Leserinnen und Leser einen hohen Wiedererkennungswert haben. Der Umfang eines Heftromans beträgt immer zwischen 63 und 66 Seiten. Das dramaturgische Ablaufmuster ist in seiner Grundstruktur gleich. Der Heftroman muss ein Happy End haben und er muss spannend sein. Das Happy End ist vorgegeben und der Weg zu diesem Happy End ist durch eine Problemkonstellation, die eine Reihe weiterer Konflikte nach sich zieht und am Ende in ein positives Lösungsmuster überführt wird, gekennzeichnet. Der Spannungsaufbau folgt einem dramaturgischen Modell, wie es Vogler in seinem Konzept der Heldenreise vorgegeben hat (Vogler, 2018; Panke-Kochinke, 2019, S. 36–41). Zufall und Schicksal spielen in dieser fiktionalen Struktur des Romans eine zentrale Rolle. manprogramm umfasst 33 Reihen und Serien. 24 entfallen auf Frauenromane. Daneben erscheinen 48 Sammel- und Sonderbände. Pro Woche werden nach Auskunft des Verlages 2 Millionen Heftchen verkauft. Das sind im Jahr 150 Millionen Exemplare. Der Verlag selbst gibt die monatliche Druckauflage aller seiner Frauenreihen mit 3,3 Millionen Exemplaren an. Die wöchentliche Auflage beträgt also 825.000 Exemplare. Die Gesamtproduktion beträgt 81 Reihen und Serien, davon sind 65 Reihen im Feld der Frauenromane anzusiedeln. Die Reihe Mami kam 1968 auf den Markt und ist bis heute in über 2.300 Bänden erschienen (Buck, 2011, S. 65–69). Die Frauenromantitel des Erich Pabel Verlages wurden 1997 an den Martin Kelter Verlag verkauft. 22 1.2.2. Funktion Heftromane dienen ebenso wie die Feuilletonromane folgt man Luhmann wie er von Bachleitner interpretiert wird, vornehmlich der Unterhaltung ihrer Leserinnen und Leser (Bachleitner, 1999, S. 12). Unterhaltung wird verstanden als die Schaffung von Welten mit eigener fiktionaler Realität, die von den Spielregeln der Realität befreit ist. Das ist unbestritten und Grundlage für ihren finanziellen Erfolg, der sich in der starken Verbreitung dieser Medien zeigt. Andererseits müsse sie, um überhaupt verstanden zu werden, in dieser Fiktionalität des Handlungsverlaufes eine Reihe von gesellschaftlichen Standards beinhalten. Dem stimmt auch Szendi zu, wenn er darauf hinweist, dass eine „sinnlich erlebbare fiktive Welt“ sich auf eine Erfahrungswirklichkeit bestimmter sozialer Zielgruppen stützt, die im Rahmen von Normen und im Alltag befestigter Denk- und Verhaltensweisen beruhen (Szendi, 2006, S. 26–27). In diese Unterhaltungsliteratur eingewirkt sind somit moralische Implikationen und gesellschaftliche Anspruchshorizonte, die sie implizit auch zu einem Medium der Meinungsbildung machen. Das ist ebenfalls nicht erstaunlich und macht Heftromane, wie andere Medien auch, zu einem Diskursträger. So stellt Nusser bereits 1991 in seiner Analyse der Wirkungsforschung von Trivialromanen fest, dass Heftromane, auf einer Reproduktion von Normen und Wertvorstellungen gründen, die vom größten Teil der Bevölkerung vertreten werden. So würden auch von Seiten der Verlage, die einen starken Einfluss auf die Struktur der Romane nehmen, Inhalte und sprachliche Merkmale mit den Sozialbeziehungen und Einstellungen der Leser- und Leserinnengruppe argumentativ in Beziehung gesetzt (Nusser, 1991, S. 133–134). Nun ist dieses Feld der Normen und Wertvorstellungen allerdings in einer Gesellschaft zeitgleich auch unterschiedlich. Erkennbar scheint mir, zumindest bei den Frauenromanen, dass diese auch die Funktionen von Ratgebern in Familien-, Ehe und Erziehungsfragen übernehmen. Sie wirken somit auch gesellschaftssteuernd. Das ist ihre diskursive Funktion. Mehr oder weniger deutlich vermitteln sie Ratschläge, wie man aus einer Konfliktsituation herauskommen kann, wie es gelingt, eine zerbrechende Ehe zu retten, welche Erziehung für Kinder in welchem Alter angemessen ist und wie unverheiratete Frauen mit einem Kind ihr Leben gestalten sollten. Das alles geschieht vornehmlich aus der Perspektive der Frau. Wenn Scholz davon ausgeht, dass literarische Werke eher selten definierte moralische Lehren oder Lösungen moralischer Konflikte anbieten (Klauk & Köp- 23 pe, 2014, S. 227), dann trifft das zumindest für diese Gruppe der Trivialliteratur keineswegs zu, es sei denn man verweigert diesen Heftromanen generell den Status der Literatur. Nach Bayer bietet nun ein Trivialroman letztendlich nur „Scheinproblematiken“ an, die in der Form einer „Zwangsharmonisierung“ gelöst werden (Bayer, 1971, S. 94–113). Klischees würden in ständiger Wiederholung eine Art verschwommene Harmonie erzeugen, die realitätsfern sei. Das mag zutreffen, wenn es um die Art und Weise geht, wie ein Happy End nahezu erzwungen wird. Trotzdem sind die Faktorenbündel, die dem Erzählverlauf zugrunde liegen, doch zumindest so gestaltet, dass sie diese Art der Annäherung und Verschmelzung mit dem Gegenstand zulassen. Diese Gegenstandsfelder sind oft gut recherchiert. Die Problemkonstellationen und die eher impliziten moralischen Standpunkte, die zu einzelnen Themen vertreten werden, weisen aus einer eher soziologischen Sicht eine gewisse Realitätsnähe aus. Wenn man einen Ratgeber erwirbt, dann erwartet man per definitionem einen Rat. Der individuelle Konflikt- oder Problemanlass ist einem selbst bekannt und man sucht Unterstützung in der Lösung dieses Konfliktes oder Problems. So sind auch Familien, Zweierbeziehungen und Elternschaft resp. Erziehung neben anderen Bereichen wie Krankheit, Ernährung, Gesundheitsverhalten etc. zentrale Themen von Ratgebern (Scholz, Lenz, & Dreßler, 2013). In den Heftromanen, die in dem Feld der Frauenromane anzusiedeln sind, werden diese Ratschläge nun nicht auf spezifische von den Leserinnen und Lesern gestellte Fragen gegeben, sondern eher implizit in den Text eingeflochten. So erhält man während der Lektüre eine Art Moralgerüst vermittelt, das auch klare Hinweise darauf enthält, wie man sich diesem Gerüst in bestimmten Handlungssituationen zu verhalten hat. Gerade der Umgang mit Kindern wird im Rahmen eines Erziehungsmodells verhandelt, das sich an den jeweiligen zeitbedingten Standards einer modernen Erziehung orientiert. 1.2.3. Zeitstruktur und Veröffentlichungspraxis Wer schreibt was wann, wie und unter welchen Bedingungen? Diese Frage lässt sich für die Heftromane kaum beantworten. Es ist nur bedingt möglich zu bestimmen, wann ein Heftroman das erste Mal erscheint und wie viele Auflagen er wo und in welchem Zeitraum hatte. Die Heftromane folgen nicht der Struktur von Büchern, in denen auch das Jahr der Veröffentlichung 24 angegeben ist. Eine ISBN-Nummer existiert nicht. Möglich ist es, mithilfe der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) und anderer Onlineportale sowie der Sekundärliteratur das Erscheinungsdatum einzelne Publikationen bzw. Reihen oder Serien nachvollziehbar zu machen (vgl. Tabelle 2). Die Angaben sind allerdings nicht vollständig. Viele Heftromane werden innerhalb von großen Zeitspannen mehrfach wieder aufgelegt (Abbildung 1). Abbildung 1: Verwertung des Originalbeitrages Wenn man also einen Heftroman aus dem Jahre 1970 in der Erstauflage vorliegen hat, so kann es durchaus sein, dass dieser in den kommenden 40 Jah- Originalbeitrag Abdruck in Sammel-, Jubiläums-, Großbänden Auflagen in der gleichen Reihe unter anderer Seriennummer Wiederauflage in der gleichen Reihe Abdruck in einer anderen Reihe 25 ren immer wieder neu aufgelegt wird. Sammel- und Jubiläums- bzw. Großbände, der Neuabdruck in einer anderen Romanreihe oder auch die Wiederveröffentlichung in einer späteren Nummer dergleichen Reihe sind möglich. Wer diese Auswahl nach welchen Kriterien vornimmt ist eine Verlagsentscheidung (Abbildung 2). Abbildung 2: Verlagsentscheidungen So lassen sich Zeiträume von mehreren Jahrzehnten überspringen. Die Leserinnen und Leser wissen dann nicht, wann das von ihnen erworbene Heft das erste Mal veröffentlicht wurde. Sie können sich lediglich an dem Kaufdatum Verlagsentscheidung Käuferschichten Profil/ Ethik/ Renommée Vertriebssysteme Verkauf (Kosten- Nutzen) 26 orientieren. Diese Praxis wird aktuell durch die digitale Produktion in der Form von E-Books unterstützt. Zudem ist es aufgrund der Autorenpseudonyme, also der Praxis, dass ein Autor/ eine Autorin unter mehreren verschiedenen Pseudonymen schreiben kann bzw. Autorenkollektiven, die als Eigentum des Verlages genutzt werden und mehrere Autorinnen und Autoren unter einem Pseudonym vereinen (Rucktäschel & Zimmermann, 1976, S. 41), häufig auch nicht möglich, herauszufinden, wer unter welchem Namen einen Roman veröffentlicht (Abbildung 3). Jeder Verlag gibt darüber hinaus Schreibanweisungen für das jeweilige Genre heraus, die einen bestimmten Handlungsablauf vorgeben (Nusser, 1976, S. 61–79; Nusser, 1991; Bachleitner, 1999; Kelleter, 2015; Wittek, 2012; Psaar, 1991) Zur Verfügung gestellt werden auch Fachinformationen über das jeweils im Mittelpunkt stehende Handlungsfeld (Rucktäschel & Zimmermann, 1976, S. 48–50). 27 Abbildung 3: Autorinnen- und Autorennamen 1.3. Prostitution als Kulisse Für meine Vergleichsgruppe habe ich exemplarisch Heftromane aus der vom Zauberkreis herausgegebenen Reihe der Roten Laterne ausgewählt. Mutterliebe als Topos taucht in diesen Romanen in zweierlei Formen auf, zum einen als Negativbild fehlender Mutterliebe, die als Hintergrundinformation dient, um zu erklären, warum eine Frau Prostituierte wird. Und zum andern als Liebe der Prostituierten zu einem leiblichen oder fremden Kind Autorin/ Autor schreibt unter Autorenpseudonym schreiben mit unterschiedlichen Pseudnomyen in verschiedenen Serien schreiben unter Verlagspseudonym verwenden den Originalnamen 28 das für sie zu einem Weg wird um das Arbeitsfeld der Prostitution auch wieder zu verlassen. Über die Liebe zum Kind – so eine zentrale Aussage der Romane – findet eine Prostituierte auch den Weg zurück zu einer körperlichen und seelischen Liebe einem Mann gegenüber. Die Romane spielen im Prostituiertenmilieu der 1970er und 1980er Jahre. Es handelt sich um eine Subkultur, die – folgt man Girtler – dadurch gekennzeichnet ist, dass sie dieselben Ziele wie die Gesamtgesellschaft verfolge: viel Geld zu verdienen für ein gutes luxuriöses Leben. Um dieses Ziel zu erreichen, bediene sich diese Personengruppe allerdings anderer Mittel (Girtler, 1988, S. 254). Zeitbedingt geht es dabei weniger um Drogenkonsum. Lediglich die Alkoholsucht rückt in den Mittelpunkt. Auch Aids bzw. HIV werden nicht erwähnt. Migrantinnen als Rekrutierungsfeld für die Prostitution nehmen ebenfalls einen eher geringen Raum ein. Eine Vielzahl von Problemkonstellationen, die sich auch in der Sekundärliteratur zum Thema Prostitution finden, werden allerdings als Handlungskulisse in dieser Reihe genutzt. Man gewinnt zudem den Eindruck, dass die Beschreibungen, die Girtler für die Wiener Prostituiertenszene aus einer Kenntnis ihrer inneren Struktur und Muster entwickelt hat sich durchaus als Folie für diese Heftromanserie anbietet. Folgende Vergleichsebenen sind erkennbar: Nach Girtler verfügt eine Prostituierte, die er im Jargon der Szene als Dirne bezeichnet, durchaus über ein gewisses Maß an Autonomie. Sexualität als Geschäft und Sexualität als eine Form der Zuneigung werden streng unterschieden. So sei der Kuss auf den Mund grundsätzlich nicht zugelassen. Eine Prostituierte verkaufe ihre Ware Sexualität aber nicht sich selbst. Diese innere Distanz zu den Kunden sei notwendig, um sich emotional nicht zu binden. Diese Aufgabe übernähmen eher die Zuhälter. Sie seien auch nicht als Gewalttäter par excellence zu bezeichnen. Sie würden aus der Sicht des Milieus selbst als Symbolträger für eine erfolgreiche Arbeit gesehen, als „Hure der Hure“ (Girtler, 1988, S. 19). Nicht jede Dirne habe zudem einen Zuhälter. Der größte Teil der Prostituierten kommt, Girtler folgend, aus Heimen und auch vom Land. Kinder von Prostituierten, die nicht abgetrieben werden, lebten zumeist in Heimen oder bei Verwandten. Das Fehlen bzw. Verschwinden positiver familiärer Beziehungen, auch Gefängnisaufenthalte böten einen Zugang zum Milieu. Der müsse auch nicht immer über die Zuhälter sondern könne in vielen Fällen auch über Freunde und Freundinnen aus dem Milieu selbst erfolgen. 29 Einer ersten Kontaktaufnahme in das Milieu folge in einer zweiten Phase der Entschluss, in diesem Feld zu arbeiten. Dieser ginge langsam in eine endgültige Akzeptanz über. Die Registrierung als Prostituierte besiegelt diesen Rahmen. Sie wird auch als Stigmatisierung verstanden und bedinge einen Identitätswandel (Girtler, 1988, S. 39–45). Der Wunsch, aus dem Milieu auszusteigen und in einen bürgerlichen Beruf zurückzukehren, würde insbesondere von den „alten“ bzw. erfahrenen Huren geäußert. Das gelänge allerdings nur selten. In einer Typologie der Prostituierten erfasst Girtler bestimmte immanente Regeln dieses Berufsfeldes. So gibt es seiner Untersuchung nach Prostituierte, die nur bestimmte sexuelle Handlungen zulassen und andere, die bereit sind, mehr zu tun. Registrierte und nicht registrierte Prostituierte arbeiten auf dem Straßenstrich, in Hotelzimmern, als Hostessen in Wohnungen, in Bordellen oder Animierlokalen. Neben der „neuen Hure“ existiere die „fertige Hure“, die schon länger in diesem Beruf arbeite. Die „Nobelhure“ stamme im Gegensatz zu der Mehrzahl ihrer Kolleginnen weitgehend aus der Mittelschicht. Sie sei nicht auf dem Straßenstrich tätig, sondern arbeite eher in einem privaten Rahmen (Girtler, 1988, S. 89–106). Welche weiteren relevanten Informationen zum Milieu der Prostitution lassen sich aus der Sekundärliteratur erfassen (Schroedter, 2017; Stempfhuber, 2008; Ruhne, 2008; Stallberg, 1991; Angelina, Piasecki, & Schurian- Bremecker, 2018)? Alle Autorinnen und Autoren sind sich zunächst einmal darin einig, dass Prostitution eine zumeist von Frauen ausgeübte Dienstleitung ist, bei der diese Person ihren eigenen Körper zur sexuellen Befriedung einer anderen Person gegen materielle Entlohnung anbietet. Es handele sich um einen sehr heterogenen Beruf. Der sozialen Herkunft wird ein hoher Einfluss auf die Wahl des Berufseinstieges beigemessen. Prekäre Familienverhältnisse in jeder Form und die daraus resultierenden innerpsychischen Labilisierungen, die Suche nach Anerkennung und Zuneigung brächten selbstdestruktive Bewältigungsstrategien hervor, die einen emotionalen Missbrauch befördern könnten. Soziale Not, Zwang, Schuldentilgung, Drogenkonsum, Finanzierung des Lebensunterhaltes der Familie, Armut, Unterstützung eines Lebenspartners, 30 zu dem eine gefühlsmäßige Beziehung existiere, seien mögliche Einstiegsmotive. Verändert habe sich die Arbeitssituation der Prostitution im 21. Jahrhundert durch den hohen Anteil der Migrantinnen aus Osteuropa sowie durch die erweiterte Infrastruktur des Internets (Flatrate-Bordelle, Digitalisierung) und dem veränderten Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Sexualität und Nacktheit in der Öffentlichkeit. Die Gewaltfaktoren innerhalb des Berufsfeldes seien stark gestiegen. Die psychischen Belastungen seien hoch. Die Beschaffungsprostitution zur Finanzierung der Drogensucht folge weniger dem von Girtler aufgeführten Ehrenkodex sondern anderen gewaltfördernden Rahmenbedingungen. 1.4. Das Ideal der bürgerlichen Liebe als Ziel Wie sehen nun die konzeptionellen Vorgaben die Liebe aus, wie sie sich in den Heftromanen manifestieren? Die wahre oder wirkliche Liebe beruht auf einer unitären seelischen und körperlichen Anziehung zweier Menschen zueinander. Sie hat einen romantischen Entstehungshintergrund und eine bürgerlich funktionale Form (Scholz, Lenz, & Dreßler, 2013). Diese Liebe ist auf Dauer angelegt. Die Eheschließung besiegelt den Akt. Kinder sind Ausdruck dieser auf Dauer angelegten ehelichen Beziehung. Ehe und Familie beruhen in diesem Denkmodell also auf der einen und nur dieser einen Verbindung zweier füreinander bestimmter Menschen zueinander. Schicksal ist der Begriff, der diese solitäre Verbindung in ihrer Unausweichlichkeit begründet. Eigene Analysen im Feld der Trivialliteratur (Panke-Kochinke, 2019; Panke-Kochinke, 2020) haben ergeben, dass sich dieses Modell im Prinzip sowohl in hetero- als auch in homosexuell angelegten Beziehungskonstellationen wiederfindet. Bestimmte Verlaufsmuster lassen sich rekonstruieren, die von der Verliebtheit, dem Spüren einer seelisch-geistigen Verbindung, dem ersten Kuss, der ersten sexuellen Begegnung zu einem Bekenntnis der Liebe führen, die sich in dem Satz „Ich liebe dich“ manifestieren und in vielen Fällen zu einem Heiratsantrag führen oder doch zumindest zu einem gegenseitigen Bekenntnis, das Leben miteinander teilen zu wollen. Die gewonnenen Ergebnisse können als Vergleichshorizont für die vorliegende Untersuchung genutzt werden. 31 Für die Gruppe der Krankenschwestern und Sekretärinnen ließ sich festhalten: „Wahre Liebe, die sich zwischen zwei Menschen manifestiert, ist ein unglaubliches, unaussprechliches und doch permanent wortreich beschriebenes Paradoxon, das im fiktiven Szenario zu einer trivialen Lösung führt. Wahre Liebe ist so die fiktive archetypische Konstruktion einer Synthese gegensätzlich-gleicher Elemente. Körper, Seele und Geist eines Mannes und einer Frau vereinen sich in einem irdischen Paar, das überzeitlich ist und einen gottgewollten Charakter annimmt. Die Sehnsucht nach Einheit in der Zweiheit wird einfach wahr. Das ist der Kern der wahren Liebe. Gegenseitige Anerkennung begründet diese wahre Liebe.“ (Panke-Kochinke, 2019, S. 114) Im Prinzip ist dieses Konzept der romantischen Liebe auch tragend für die gleichgeschlechtliche Liebe. Es lassen sich allerdings unterschiedliche Schwerpunkte feststellen. „In der Konstruktion der Frauenliebe gehören Liebe und sexuelles Begehren, das seine Erfüllung im Orgasmus findet, zusammen. Liebe übernimmt den eher handlungspraktischen und gleichzeitig metaphorischen Part in der Suche nach sich selbst im Anderen. Die primären Sexualorgane werden als Instrumente des Körpers zum Erfüllungsorgan, zur Verbindungsinstanz zwischen beiden Parts. Die immanente Argumentation ist folgende: Reines sexuelles Begehren führt nicht in das Paradies des wahren Selbst. Liebe ist eine Art notwendiges Plus zu sich selbst. Sie bezeichnet die Stelle, den Punkt, an der/dem sich entscheidet, ob diese Suche nach dem wahren Selbst erfolgreich ist oder nicht. So funktioniert die Konstruktion einer romantischen Liebe über das Tor der Vulva. Indem man loslässt und Vertrauen fasst – und das ist die Funktion der Liebe, ist sie das Instrument, das den Weg zu sich selbst ermöglicht. Von der Wirklichkeit des Wunsches nach und dem Wunsch nach einem Erleben des bewältigten Mangels bietet sie als Schlüssel den Weg zum eigenen Selbst. In diesem Moment, so die Konstruktion, bin ich bei mir und damit auch beim Anderen, das ich selbst bin.“ (Panke-Kochinke, 2020, S. 95–96) Für die Männerliebe wird in diesem Konzept der romantischen Liebe der Phallus zum Symbol des zentralen Anderen. Eine eher zerstörerische Phantasie bricht sich innerhalb dieses Konzeptes Bahn. „Der Weg zur Liebe führt über dieses Schlachtfeld der Gewalt. Sie ist präsent insofern sie flüchtig ist. Sie ist spürbar, wenn sie verflogen ist. Auch diese Konstruktion ist eingebunden in den imaginären Wunsch nach einem anderen Ge- 32 genüber, das eine innere wie äußere Übereinstimmung hervorbringt, die unzerstörbar ist. Unzerstörbar ist sie dann, wenn sie den Krieger, den Soldaten, den Matrosen in dem Moment beherbergen kann, wenn er auf dem Schlachtfeld ist. Liebe erscheint so als eine Art Leerstelle zwischen zwei Angriffen.“ (Panke- Kochinke, 2020, S. 96) 1.5. Die Stieffamilie als Lebensmodell In den ausgewählten Romanen bleibt entweder die klassisch konzipierte Kleinfamilie nach einer Reihe von Schwierigkeiten erhalten oder es kommt zur Neugründung einer Form der Familie, die in der Sekundärliteratur mit dem Begriff der Stief- oder Patchworkfamilie bezeichnet wird. Folgt man den Ausführungen des Bundesministeriums für Familie aus dem Jahre 2013, dann bezeichnet der Begriff der Stieffamilie, zitiert nach Döring „eine um Dauer bemühte Lebensgemeinschaft, in die mindestens einer der Partner ein Kind aus einer früheren Partnerschaft mitbringt, wobei das Kind bzw. die Kinder zeitweise auch im Haushalt des jeweils zweiten leiblichen Elternteils leben kann bzw. können.“ (Bundesministerium für Familie, 2013, S. 6) Welche Formen von Stieffamilien existieren nun? Welchen Stellenwert nehmen sie in der Gesellschaft ein und wie verarbeiten die Kinder diese Neukonstruktionen des familiären Zusammenlebens? Das alles sind Fragen, auf die in den Heftromanen eine fiktive Antwort gegeben wird. Folgt man weiterhin dem Bundesministerium für Familie aus dem Jahre 2013 dann lassen sich folgende Formen von Stieffamilien unterschieden: Neben der einfachen Stieffamilie, die in zwei Formen auftritt, existiert die zusammengesetzte und die komplexe Stieffamilie. Bei den sogenannten einfachen Stieffamilien unterscheidet man in Stiefmutter- und Stiefvaterfamilien. Stiefmutterfamilien sind Familien, in denen nur zwischen dem Kind bzw. den Kindern und dem männlichen Erwachsenen im Haushalt ein biologisches Elternschaftsverhältnis besteht. Stiefvaterfamilien sind Familien, in denen das biologische Elternschaftsverhältnis nur zwischen dem Kind bzw. den Kindern und der weiblichen Erwachsenen im Haushalt besteht. Bei den zusammengesetzten Stieffamilien handelt es sich um Familien, in denen beide Erwachsene eigene Kinder haben, die im gemeinsamen Haushalt leben aber keine gemeinsamen Kinder vorhanden sind. Als komplexe 33 Stieffamilien werden diejenigen Familien bezeichnet, in denen sowohl gemeinsame Kinder als Kinder aus vorherigen Partnerschaften im Haushalt leben. Diese werden als Patchworkfamilien bezeichnet (Bundesministerium für Familie, 2013, S. 7) Alle diese Formen lassen sich in den Heftromanen finden. Auf wie viele Familien in Deutschland treffen diese Familienkonstellationen zu? Handelt es sich also um ein eher randständiges oder deutlich erkennbares Phänomen? Im Jahre 2008 lassen sich 7-13% der Familien in Deutschland als Stieffamilien klassifizieren. 2005 lebten 10,9% der Kinder unter 18 Jahren in Stieffamilien (Bundesministerium für Familie, 2013, S. 13). Das subjektive Familienverständnis der Kinder in Stief- und Patchworkfamilien zeige nun ein anderes Wahrnehmungsgefühl in Bezug auf die Familienzugehörigkeit als Erwachsene (Tabelle 6.1. und 6.2.). Sie beziehen den außerhalb lebenden Elternteil in ihr Verständnis von Familie ein (Bundesministerium für Familie, 2013, S. 8). Die Gestaltung der neuen familiären Beziehungen nach der Trennung der Eltern, die als deutliche Belastungsfaktoren erkennbar sind, habe nun einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Kinder. Sie brauchen Zeit, Empathie, individuelle Förderung und Orientierung durch die Erwachsenen um diese Lebenskrise angemessen zu verarbeiten (Bundesministerium für Familie, 2013, S. 18). Eine Untersuchung zum Thema Stieffamilien, die bereits 1995 von Krähenbuhl u.a. durchgeführt wurde, ergänzt diese eher psychologische Perspektive um Hinweise auf Problemfelder, die bestimmte Ausgangs- und Konfliktbewältigungsstrategien ergeben. Sie bilden die in den Heftromanen beschriebenen Problem- und Lösungsstrategien ab, wenn auch z.T. in einer anderen Einschätzung. Aus dem von Krähenbuhl u.a. erfassten Problemhorizont wird in den Heftromanen ein sicheres Zeichen für eine gelungene Integration. So wird z.B. die Wahl der Bezeichnung „Vati“ oder „Mutti“ bzw. „mein Sohn oder „meine Tochter“ von Seiten der Stiefkinder bzw. –eltern von Krähenbühl als Ausdruck einer Tabuisierung des Stieffamilien-Seins gesehen, während es in den Heftromanen als positiver Impuls im Übergang zu einer funktionierenden neuen Familie gewertet wird (Krähenbühl, Jellouschek, Kohaus-Jellouschek, & Weber, 1995, S. 96–97). Ebenso wird in den Heftromanen das, was Krähenbühl u.a. als Überengagement eines Stiefelternteils bewerten, eher als Hinweis auf persönliche Eignung interpretiert (Krähenbühl, Jellouschek, Kohaus-Jellouschek, & Weber, 1995, S. 102). 34 1.6. Rahmenmodell Auf der Grundlage des wissenschaftlichen Diskurses habe ich ein inhaltliches Rahmenmodell entwickelt, das ich als eine erste Folie nutze, um meinen Untersuchungsgegenstand darin spiegeln zu können. Der Diskurs zum Thema Mutterliebe ist historisch betrachtet vergleichsweise neu. Es handelt sich um ein kulturelles Deutungsmuster, das variiert werden kann. Der Begriff der Mutterliebe ist darin eingebunden als eine Konstruktion, die im Rahmen eines anderen Diskurspartikels erwächst – der romantischen Liebe, wie sie am Ende des 18. Jahrhunderts entworfen wurde. Auf diese Weise verschafft sich eine gewisse Paradoxie eine innere Logik, die bis in die Gegenwart in einer kaum variierten Form ihren Argumentationskontext behält: Liebe zwischen Mann und Frau ist ein individuelles Gefühl von ganzheitlicher körperlicher und seelischer Anziehung, die in einem bestimmten Moment zwischen zwei spezifischen Menschen gespürt wird. Liebe ist aber auch die Grundlage für eine lebenslange Beziehung, die in der Form der Ehe ihren Rahmen findet und auf Treue, Vertrauen und Pflichterfüllung beruht. Und eine Ehe wiederum findet als Familie eine Bestätigung, wenn ein Kind geboren wird. Dieses Kind benötigt auf der Seite der weiblichen Bezugsperson ein Pendant zu der unverbrüchlichen, starken und einzigartigen romantischen Liebe einem Partner gegenüber. Das wird als Mutterliebe bezeichnet. Wenn nun die biologische Zeugungsfähigkeit eines der beiden Ehepartner gestört ist, lässt sich dieses Prinzip der Mutterliebe als weibliches, angeborenes Gefühl von bedingungsloser Zuneigung zu einem spezifischen Kind argumentativ relativ problemlos auf ein angenommenes Kind übertragen. Dieses Denkmodell wiederum bietet darüber hinaus die Chance, eine Brücke zu schlagen zu dem, was Christoph Sachse „Mütterlichkeit als Beruf“ genannt hat (Sachße, 1986). Mütterlichkeit ist dann eine Haltung, die es Frauen ermöglicht anderen Personen gegenüber fürsorglich zu handeln. Auf dieser Grunddisposition entfaltet sich im 19. und 20. Jahrhundert ein gesellschaftliches Bild weiblicher Identität, das sich in seinem Variationsreichtum als ein flexibles und durchaus haltbares Konstrukt erweist. Richtiges und falsches Verhalten können bestimmt, geahndet und verurteilt bzw. gelobt werden. Verhaltensmuster werden konstruiert. Die Regeln für moralisches Denken und Handeln werden vorgegeben. Im Feld der Wissenschaft werden psychologische Modelle entworfen. Biologistische Argumentationen begründen weiblich konnotierte Handlungsmuster. Philosophische Ideen 35 eines „guten Lebens“ werden formuliert, die sich in gesellschaftspolitischen Maximen manifestieren und die Elternliebe als eine der Grundkonstanten ausweisen, um Selbstverwirklichung zu erlernen. Dem Begriff der Mutterliebe wird der Begriff der Mütterlichkeit an die Seite gestellt. So ist es möglich, Mutterliebe von dem biologisch bestimmten Geschlechterbegriff und damit aus der Mutter-Kind-Dyade abzulösen und ihn als zentralen Begriff für eine soziale Haltung der Fürsorgeverpflichtung anderen Menschen gegenüber zu definieren. Er wird zwar im Rahmen der Neuen Frauenbewegung kritisiert und als Unterdrückungselement einer geschlechterspezifisch definierten Gesellschaftsordnung bezeichnet, bleibt aber in Formen einer Neuen Mütterlichkeit erhalten. Der Kampf gegen eine ökologische Veruntreuung der als natürlich bezeichneten Ressourcen der Erde wird ebenso wie der Wunsch nach einer friedvollen, menschenwürdigen Welt zu einer eher weiblich konnotierten Aufgabe, die durchaus Elemente dieser Konstruktion der Mutterliebe beinhaltet. Der Umgang mit Kindern, die als hilf- und wehrlos erscheinen, wird in Erziehungskontexten von diesem Rahmenprogramm der vertrauensbildenden, fürsorglichen und verantwortungsvollen Mutterliebe getragen. Letztendlich erscheint alles das, was einem eher ausbeuterischen, kapitalistischen Wirtschaftssystem entgegensteht, in der Tradition dieser Haltung einer mütterlichen Zuwendung. Innerhalb dieser Konstruktion lässt sich nun das abgrenzen, was als moralisch verwerflich zu bezeichnen ist. Fehlende oder falsch verstandene Mutterliebe wird erkennbar in einem als zu hoch definierten Maß von Eigensinn und Egozentrismus, einer als schädlich bezeichneten Form der Fürsorgeverweigerung für andere Menschen, die Hilfe benötigen. Diese Verurteilung trifft nun wieder insbesondere Menschen, die biologisch als Frauen bezeichnet werden. Prostitution ist die andere Seite dieser gesellschaftlichen Moral, die allerdings durchaus in eben diesem Modell gründet. Der Begriff der käuflichen Liebe bezeichnet dabei Angebot und Vollzug eines sexuellen Geschlechtsaktes für den man je nach Leistungskatalog mit Geld bezahlen muss. Er ist zumeist im heterosexuellen Milieu angesiedelt. Eine Frau verkauft oder bietet ihren Körper einem Mann für einen bestimmten Preis an, damit er vorab definierte sexuelle Handlungen daran vornehmen kann. Ein entsprechendes Kaufmodell ist auch für homosexuelle Konstellationen erkennbar. Dieses Handlungsfeld wird als eine Art Darkroom gesellschaftlicher Stigmatisierung kaum wissenschaftlichen Analysen unterzogen, die nach ihrer Binnenstruktur fragen. Ebenso wenig scheint es möglich zu sein, Prostitution als 36 Faktorengerüst zu rekonstruieren. Was an der Spitze dieses trotz einer liberalisierenden Gesetzgebung moralisch als verwerflich bezeichneten Handlungsfeld konstruiert wird, sind lancierte Informationen über Kriminalität und Gewalt, die den Anschein des Verwerflichen untermauern. Der gewalttätige, vergewaltigende ausbeutende Zuhälter – den gibt es sicherlich, aber Girtler nennt das bezogen auf die Relevanz dieses Erscheinungsbildes eine „kriminalpsychologische Märchenfigur“ (Girtler, 1988). Es ist nicht zu leugnen, dass Gewalt, Zwangsprostitution, Drogen, Aids und ausbeutende mafiöse Strukturen das Feld der Prostitution durchziehen. Die Frage, die sich aber trotzdem stellt, ist, inwieweit sie dieses Feld in dieser unausweichlich erscheinenden Form tatsächlich prägen. Das trifft auch auf Erhebungen zu, die sich mit der psychologischen Grundlage des Einstiegs in die Prostitution beschäftigen. Ist die zukünftige Prostituierte tatsächlich durch ihre Sozialisationserfahrung nahezu prädestiniert für diese Berufswahl? Zwischen Zwang und Prädestination bewegt sich dann ein öffentliches Bild der Frau, die den Beruf der Prostitution ausübt, das sich nicht nur an den Rändern der Gesellschaft bewegt sondern geradezu und immer noch deren negativen Spiegel ausmacht. Das Bild des zumeist männlichen Kunden, der diese zumeist weibliche Dienstleistung für sich in Anspruch nimmt, ist diffus. Anzahl, Häufigkeit und Motive sind außerhalb einer wissenschaftlich nachvollziehbaren soziologisch untermauerten Erkenntnis. Das schließt keineswegs aus, dass nicht ebenso wie bei der Person der Prostituierten psychologisch motivierte Vermutungen darüber angestellt werden, warum ein Mann zu einer Prostituierten geht, um dort bestimmte Sexualleistungen abzurufen. In den Heftromanen hebt sich diese Unsicherheit bzw. Unsichtbarkeit im Rahmen einer genau vorgegebenen Erzählstruktur weitgehend auf. Gut und Böse werden deutlich voneinander abgegrenzt. Das Happy End lässt immer das Gute siegen. Die dramaturgischen Verwicklungen bedienen sich bewährter Modelle und Muster, um diesen Weg nachzuzeichnen. Das ist ein tragendes Fundament, das den Verkaufserfolg dieses Literaturgenres sichert.

Chapter Preview

References

Abstract

Mother's love is a term that appears in trivial literature to the present day and has a recognizable effect. What is meant by the concept of mother’s love in the German trivial literature and what function does it have in social discourse?

As a historian and sociologist, Birgit Panke-Kochinke was looking for answers to these questions. Therefore she analysed about 400 magazine novels that have been published in Germany since the 1970s.

The result: Of course, on the one hand mother’s love is a fiction, which the genre of the novel requires. But on the other hand, it is also part of a social discourse and, in its discursiveness, it forms mentality.

Zusammenfassung

Mutterliebe ist ein Begriff, der bis in die Gegenwart durch die Trivialliteratur geistert und Wirkung zeigt. Was wird im deutschen Heftroman unter dem Begriff der Mutterliebe verstanden und welche Funktion trägt der Begriff im gesellschaftlichen Diskurs?

Die promovierte Historikerin und Soziologin Birgit Panke-Kochinke ist der Beantwortung dieser Fragen in einer Analyse von rund 400 Heftromanen, die in Deutschland seit den 1970er Jahren erschienen sind, nachgegangen.

Das Ergebnis: Mutterliebe ist zwar eine Fiktion, die das Genre des Romans so vorgibt. Sie ist aber auch Teil eines gesellschaftlichen Diskurses und in ihrer Diskursivität mentalitätsbildend.