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II DIE STREITKRÄFTE DER VOLKSREPUBLIK CHINA in:

Lutz Unterseher

Militärmacht China, page 23 - 68

Auf dem Weg zur Hegemonie?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4550-3, ISBN online: 978-3-8288-7602-6, https://doi.org/10.5771/9783828876026-23

Tectum, Baden-Baden
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DIE STREITKRÄFTE DER VOLKSREPUBLIK CHINA II Ausgaben und Personalumfänge Aufwand und Relationen Den fiskalischen Aufwand für das Gesamtgefüge der chinesischen Streitkräfte und dessen Relevanz im Rahmen der Wirtschaftsleistung des Landes sowie auch im internationalen Vergleich zu bestimmen, ist keine triviale Aufgabe. Wir sind, über die amtlichen Angaben hinaus, auf informierte Schätzungen und Plausibilitätskalküle angewiesen. SIPRI, das Stockholmer Friedensforschungsinstitut, gibt für 2019 eine Summe von rund 260 Milliarden US Dollar an, die für die Verteidigung der Volksrepublik aufgewendet worden sein sollen. Darin sind sowohl die einschlägigen amtlichen Angaben (Verteidigungsbudget) als auch Schätzungen der fiskalischen Ressourcen enthalten, die dem militärischen Sektor aus anderen Ressorts zu Gute kamen (Statista Research Department 2020). Allerdings handelt es sich hierbei offenbar um einen nominalen Wert. Um einen realistischen Eindruck zu bekommen, ist dieser in eine kaufkraftbereinigte Größe zu transformieren. Da die Streitkräfte der Volksrepublik ihre Ausgaben für Personal und Betriebsmittel auf dem heimischen Markt tätigen, und weil sie Waffen und Gerät zu einem relativ hohen – und steigenden – Anteil ebenfalls dort beschaffen (China ist ein eher nachrangiger Waffenimporteur), erscheint es vertretbar, den Faktor für diese Transformation in Orientierung an dem Zahlenverhältnis zwischen nominalem und realem BIP zu gewinnen. Dieses liegt derzeit bei etwa 1:1,9. 25 Wir setzen den Faktor auf 1,8, um damit die chinesischen Waffenimporte zu berücksichtigen. Auf dieser Basis ergibt sich, dass im angegebenen Jahr der reale Gesamtaufwand für den militärischen Sektor in China sehr wahrscheinlich bei etwa 470 Milliarden Dollar lag. Dies entspricht etwas weniger als zwei Dritteln des Aufwandes, der 2019 in den Vereinigten Staaten für die Verteidigung getrieben wurde (nämlich rund 730 Milliarden US-Dollar). Die chinesischen Militärausgaben liegen also trotz ihrer erheblichen Wachstumsraten in den vergangenen Dekaden immer noch deutlich unter denjenigen der USA. Eine Pro-Kopfrechnung verstärkt den Eindruck der Diskrepanz. Während China etwas über 2 Millionen Militärpersonen unter Waffen hält, sind es in den USA „nur“ ca. 1,3 Millionen. Hier entfallen also sehr viel mehr Mittel auf den einzelnen Mann (die einzelne Frau). Dies indiziert einen – in den USA – deutlich höheren Technisierungsgrad, den man in enger Korrelation mit der Kampfkraft sehen kann: aber nur dann, wenn ausgeblendet wird, dass typische moderne Kriegsszenarien eher robuste, einfache militärische Strukturen und Ausrüstungskonzepte als eine Dominanz von Hochtechnologie verlangen. Die geschätzt-realen chinesischen Militärausgaben machen etwa 1,9 Prozent des – ebenfalls kaufkraftbereinigten – BIP aus. Ein Anteil von um die 2 Prozent scheint von der Führung festgeschrieben worden zu sein und dürfte sich auch mit den erkennbaren Planungen vereinbaren lassen. Dies mutet auf den ersten Blick bescheiden an, haben doch die entsprechenden Ausgaben in den USA einen Anteil, der bei 3,5 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes liegt. Damit werden Volkswirtschaft und Gesellschaft der Vereinigten Staaten weit stärker mit unproduktiven Staatsausgaben belastet als die Chinas: hat sich doch gezeigt, dass Militärausgaben einen signifi- Ausgaben und Personalumfänge 26 kant geringeren ökonomischen Wachstumseffekt haben als direkte zivile Investitionen (Chalmers 1985). Die Führung Chinas scheint darauf zu setzen, dass die Wirtschaft der Volksrepublik auch weiterhin schneller wachsen wird als die der Vereinigten Staaten – vielleicht allerdings in etwas reduziertem Maße. Dann ist es bei konstanten Anteilen der Militärausgaben am Brutto-Inlandsprodukt nur eine Frage der Zeit, bis der Kontrahent USA in Sachen Rüstung überrundet ist. In diesem Zusammenhang bleibt zu notieren, dass sich das offizielle Verteidigungsbudget der Volksrepublik von 1994 bis 2014 um das Fünfzehnfache erhöht hat: nicht etwa weil man dem militärischen Sektor einen größeren Anteil am Kuchen zubilligte, sondern weil die Wirtschaft ähnlich rapide wuchs. Umfänge und Grundstruktur Gegenwärtig (2019/2020) hat die Volksbefreiungsarmee eine Präsenzstärke von 2.035.000 Frauen und Männern in Uniform (IISS 2019: 256). China verfügt damit über die mit Abstand personalstärksten Streitkräfte der Welt (Indien: 1,45 Millionen, USA: über 1,3 Millionen). Die Streitkräfte haben einen nicht unbeträchtlichen Anteil von Berufspersonal (bzw. von freiwillig Längerdienenden). Er macht etwa die größere Hälfte des Bestandes aus. Die kleinere Hälfte besteht aus Wehrdienstleistenden. Rekrutiert wird auf der Grundlage einer sehr selektiv gehandhabten Wehrpflicht, die nur für Männer gilt (Frauen als Freiwillige) und die eine Auswahl nach strengsten Tauglichkeitskriterien erlaubt. Der Wehrdienst dauert in allen Teilstreitkräften 24 Monate. Umfänge und Grundstruktur 27 Die Reserve wird auf etwas über 500.000 Personen geschätzt. Dies ist im Hinblick auf den Präsenzumfang, und auch im internationalen Vergleich mit anderen Wehrpflichtarmeen, keineswegs üppig. So etwa hat Südkorea bei einer militärischen Präsenz von 625.000 eine Reserve, die ca. 3 Millionen gut ausgebildete Mitglieder umfasst (ebd.: 284). Wahrscheinlich: Die Personalallokation für die einzelnen Verbände innerhalb der Präsenz der PLA ist so günstig, dass sich der Bedarf an zusätzlichen Reserven in Grenzen hält. Außer den Streitkräften, im engeren Sinne, gibt es in China noch paramilitärische Kräfte in Gestalt der bereits erwähnten „Bewaffneten Volkspolizei“ (People's Armed Police/PAP), der seit 2018 auch die Küstenwache untersteht und die einen Umfang von wohl unter 700.000 Personen hat (ebd.: 264). Dieser Organisation obliegen Aufgaben der Sicherung wichtiger Infrastruktur und etwa auch die der Feuerwehr außerhalb dicht besiedelter Gebiete. Sie ist den Streitkräften zugeordnet. Vor 20 Jahren hatte die PLA noch einen Präsenzumfang von fast 2,5 Millionen Soldatinnen und Soldaten. Zusätzlich gab es militärische Reserven, die etwa 1,2 Millionen Kämpfer umfassten: in milizartiger Organisation auf Provinz-Ebene (IISS 1999: 186). Fast weitere 10 Jahre zuvor lag die Präsenzstärke noch bei etwas über 3 Millionen, während die Reserven damals bereits, nach den Zeiten der früheren Volksmiliz mit ihrem gigantischen Umfang, auf etwas über 1,2 Millionen geschrumpft waren (IISS 1990: 148). Es zeigt sich also ein Prozess der personellen Reduzierung, der – wie wir uns erinnern – von einer enormen Steigerung des fiskalischen Aufwandes begleitet war und ist: Technisierung und Modernisierung. Die PLA gliedert sich gegenwärtig in die drei traditionellen Teilstreitkräfte (Land/See/Luft). Außerdem gibt es noch „Strategische Unterstützungskräfte“, die Strategic Support Force: Ausgaben und Personalumfänge 28 SSF, über deren genaue Zuständigkeiten sich gegenwärtig nur spekulieren lässt (siehe den Abschnitt „Cyber Warfare“ weiter unten). Von anderen – nicht spezifizierten – Truppenteilen (insgesamt immerhin 150.000 Personen) ist anzunehmen, dass sie Aufgaben wahrnehmen, die im Bereich der strategischen Logistik sowie des Ausbaus und Betriebs militärischer Infrastruktur liegen. Last, but not least sind die „Strategischen Raketentruppen“ zu erwähnen: Chinas wesentlicher Statusausweis in der internationalen Arena. Die Volksrepublik ist militärisch in fünf Regionalkommandos aufgeteilt (bis 2016 waren es noch sieben): Nord, Ost, Süd, West und Zentrum, die dem zentralen Hauptquartier unterstehen. Diesen Regionalkommandos sind jeweils Anteile der Landstreitkräfte, der Luftstreitkräfte und – bei jenen mit Küste – von Marine und Marineluftwaffe zugeordnet. Umfänge und Grundstruktur 29 Landstreitkräfte: Die ruhende Kraft Ein Rückblick Mao Zedong gilt als Gründungsvater der PLA: genauer gesagt der Landstreitkäfte (People's Liberation Army/Army: PLAA). Zugleich erscheint er als einer der wichtigsten Theoretiker des Guerillakrieges. Dies rechtfertigt einen Blick in die neuere Kriegsgeschichte Chinas mit der Frage danach, ob – und wenn ja, welche – aktuelle Lehren aus früheren Erfahrungen gewonnen wurden, ob die eigene Vergangenheit „typisch chinesische“ Orientierungsmuster bietet. Erstes Narrativ: Der Kampf gegen die Guomindang 1966 erschien eine Auswahl der wichtigsten militärischen Schriften Mao Zedongs in deutscher Sprache (Mao Tse-Tung 1966). Ihr Haupttitel: „Theorie des Guerillakrieges“ (die englischsprachige Fassung begnügte sich mit der sachlicheren Betitelung „Selected Military Writings“). Mao selbst spricht in seinen Schriften lieber vom Volkskrieg (obwohl er das chinesische Äquivalent des Terms „Guerilla“ ebenfalls gebraucht). Mit „Volkskrieg“ ist ein „asymmetrischer“ Dualismus bezeichnet. Was bedeutet das? Auf der einen Seite sieht Mao ein dezentrales System von Guerillastützpunkten, welche sich im Rahmen von ländlichen Selbstverwaltungsgebieten gebildet haben, die vom Geist der 31 Agrarrevolution inspiriert sind und sich der Kontrolle der Regierungstruppen (Guomindang) sowie – in einer Zwischenphase – auch jener der japanischen Okkupanten zumindest zeitweise weitgehend entziehen können. Diese Guerilla kämpft ortsgebunden und reagiert auf Eindringlinge mit Hinterhalten und Überfällen. Mao ordnet sie dennoch nicht ausschließlich der taktischen Ebene zu. Bei einem lang andauernden Kampf der Revolutionäre gegen moderne Truppen, den er im Falle Chinas mit seinen zum Teil noch archaischen Strukturen für unausweichlich hält, habe die Guerilla auch strategische Bedeutung: nämlich im Sinne einer fortschreitenden Auszehrung der gegnerischen Kräfte im Gesamtrahmen der Kampfhandlungen. Auf der anderen Seite steht für ihn die reguläre Truppe: die Rote Volksbefreiungsarmee. Sie kontrolliert die feindfreien Gebiete im kommunistischen Sinne und nutzt diese als Operationsbasen für den Bewegungskrieg. Der findet – in Reaktion auf Angriffe – innerhalb dieser Gebiete und bei Erstarken der eigenen Kräfte außerhalb statt. Die reguläre Truppe hat professionelle Züge, ist uniformiert sowie hierarchisch gegliedert: in Feldarmeen, Korps, Divisionen und so weiter. Sie ist infanteristisch geprägt, und ihre Ausrüstung erscheint in genereller Tendenz leicht, umfasst aber auch zahlreiche Maschinengewehr-Teams und eine – eher kleine – Artilleriekomponente. Die Kommunikation in der Hierarchie erfolgt über Feldtelefon und Funk. Die Armee hat sogar Spezialisten für Funkaufklärung. Im Übrigen gibt es Felddruckereien (Braun 1973). Diese Truppe, sie ist eher aus Ressourcenmangel denn aus freiem Entschluss „leicht“, mutet in ihrem Aufbau durchaus konventionell an. Ihre hierarchische Struktur macht sie für die kommunistische Partei gut kontrollierbar. Die reguläre Armee ist der Guerilla eindeutig übergeordnet. Ihre Kommandeure haben vor Ort das Sagen. Sie bestim- Landstreitkräfte: Die ruhende Kraft 32 men die Planung von Nadelstichoperationen, um daraus für die eigenen Aktivitäten Nutzen zu ziehen. Die Truppe darf sich auf keinen Fall vom „Guerillatum“ infizieren lassen, womit wohl die Zurückweisung von zu viel Initiative und wahrscheinlich auch politisch zu originellen Positionen impliziert ist. Man muss „… für autoritative Disziplin in der Armee eintreten und (sich) einer falschen sektiererischen Politik einzelner Kader widersetzen“ (Mao Tse-Tung 1966: 53). Die Guerilla gleichsam als Dienstmagd der Roten Armee? Die Geschichte des Ende 1934 beginnenden „Langen Marsches“ ist auch eine Tragödie der zurückgelassenen, den Rückzug deckenden und als „Kanonenfutter“ geopferten lokalen Kräfte (Braun 1973: 113 ff). Dass die Kommunisten am Ende die Nationalisten besiegen konnten, hat wenig mit Guerillakrieg zu tun. Wichtig war sicherlich, dass ihre reguläre Armee von einer agrarrevolutionären Bewegung getragen wurde, die den Konnex zur Bevölkerung zu bewahren trachtete. Vor allem aber ging der schließliche Erfolg darauf zurück, dass diese Armee eine militärisch reflektierte Führung hatte (wobei Mao sich gerne mit fremden Federn schmückte), die es verstand, einen strategischen Rückzug in eine große Gegenoffensive umschlagen zu lassen: durch dialektische Verknüpfung des Ersteren mit taktischen Angriffen und Letzterer mit der taktischen Verteidigung. Damit aber ging es um die Anwendung einer generellen, interkulturell validen Allokationslehre, die sich nicht nur in der altchinesischen Kriegstheorie, sondern unabhängig davon auch etwa bei Carl von Clausewitz findet (Sun Tze 1972: 54; Clausewitz 2003: 370 f, 384 f; Unterseher 2019: 78). Wenn derartiges Denken gegenwärtig an chinesischen Militärakademien vermittelt werden sollte, und dies ist mehr als wahrscheinlich, wäre seine Ableitung einzig aus der „Kriegführung Maos“ nicht korrekt. Erstes Narrativ: Der Kampf gegen die Guomindang 33 Zweites Narrativ: Kriege der Volksrepublik Die Volksrepublik China führte zwei veritable, allerdings kurze Kriege. Die erste dieser Begegnungen fand im Herbst 1962 statt und dauerte nur einen Monat (Berding 2011). Gegner war Indien, Ort ein Gebiet im nordwestlichen Himalaya mit unklarer Grenzziehung. Der Umfang der auf beiden Seiten beteiligten Truppen darf als eher bescheiden gelten. Träger der Gefechte: konventionelle Infanterie mit Gebirgsausbildung. Der mit taktischer Finesse geführte chinesische Angriff überrumpelte die indischen Truppen. Insgesamt waren ca. 2.000 Gefallene zu beklagen. Dieser Grenzkrieg, der als eine Art „Platzhirschgehabe“ zweier junger Republiken gesehen werden kann, führte – wenn überhaupt – zu nur minimalen territorialen Gewinnen Chinas. Auch der zweite Krieg, der freilich mit einer Großunternehmung Chinas begann, fällt durch seine zeitliche und räumliche Begrenzung auf (Jencks 1985; Unterseher 1999: 237 f): Anfang 1979 hatte die PLAA ca. 300.000 Soldaten an der Grenze Vietnams zusammengezogen. Im Februar erfolgte dann der Angriff. Chinesische Elitedivisionen mit insgesamt 80.000 Mann, 1.500 Geschützen und 1.000 Panzern überschritten die Grenze. Diese Operation schwerer mechanisierter Truppen wurde durch die Infiltration von Infanterie und Pionieren vorbereitet. Die chinesische Führung hatte dabei wohl nicht die Absicht, Vietnam als Ganzes militärisch niederzuwerfen, sondern der aufsteigenden kleineren Macht eine disziplinierende Lektion zu erteilen: also deren Streitkräften in wenigen Tagen eine empfindliche Schlappe zuzufügen. Aufsteigende Macht? Vietnam hatte kurz zuvor Kambodscha von dem mit China liierten Mordregime des Pol Pot befreit und dadurch in Südostasien erheblich an politischem Gewicht gewonnen. Landstreitkräfte: Die ruhende Kraft 34 Mit der Einnahme der grenznahen Stadt Lang Son, dem strategisch wichtigen Tor zum Tal des Roten Flusses, erreichten die Chinesen zwar ihr – vermutetes – Ziel (worauf sie sich dann schleunigst zurückzogen), doch dauerte der Feldzug nicht wenige Tage, sondern fast fünf Wochen. Dabei ließen zwischen 20.000 und 25.000 chinesische Soldaten ihr Leben. Im Verlauf der Operation war also weniger den Vietnamesen als vielmehr den Chinesen eine Lektion erteilt worden. Bemerkenswert: In der fraglichen Zeit gab es im Norden Vietnams überhaupt keine regulären Truppen. Es schien sich also für die Angreifer eine Gelegenheit zu bieten, die sich freilich bald als nicht so günstig herausstellte, wie zunächst angenommen worden war. Doch was fing den Stoß der Chinesen auf? Im Norden Vietnams standen insgesamt etwa 200.000 Mann umfassende, großflächig verteilte Kontingente von „Bausoldaten“: für den Wiederaufbau ziviler Infrastruktur nach dem gro- ßen Krieg. Diese Bautruppen setzten sich zum größten Teil aus unerfahrenen Wehrpflichtigen zusammen (auch Abweichlern aller Art und nur eingeschränkt tauglichen jungen Männern), die von älteren, erfahrenen Veteranen des Krieges gegen die USA angeleitet wurden. Die Ausrüstung dieser Verbände bestand nahezu ausschließlich aus leichten Infanteriewaffen in unzureichender Anzahl sowie relativ viel Sprengmitteln. Entlang der chinesischen Stoßachsen waren diese Kräfte auch quantitativ unterlegen. Gegenüber den Eindringlingen improvisierten die Bautruppen eine gestaffelte, sehr flexible Abwehr. Geländehindernisse wurden systematisch genutzt beziehungsweise verstärkt (die Kämpfe fanden in gebirgigem, stark durchschnittenem Gelände statt). Dabei wurden immer wieder Nadelstichangriffe gegen die Flanken des Aggressors angesetzt. Insbesondere die Logistik seiner schweren Truppen sollte sich als Achillesferse erweisen. Zweites Narrativ: Kriege der Volksrepublik 35 Diese Art der Gegenwehr durchkreuzte das chinesische Konzept, die Operation – orientiert am damals offenbar wirkmächtigen sowjetischen Schematismus – auf „mechanisierte Weise“ durchzuführen. Im Zuge der Kämpfe gelang es schließlich, die Bautruppen wesentlich zu stärken: und zwar durch Panzerabwehr-Lenkraketen und -Kanonen sowjetischer Herkunft. Damit war es möglich, den Vormarsch der Chinesen so zu verzögern, dass man genügend Zeit hatte, kleine, schlagkräftige Teams regulärer Truppen aus dem Süden des Landes heranzutransportieren: als Rückgrat der Defensive. So muss es als sehr unwahrscheinlich gelten, dass die PLAA-Kontingente nach dem Fall von Lang Son noch weiter in Richtung Hanoi hätten vorstoßen können (wenn das überhaupt ihre Absicht gewesen wäre). Es sollte aber nicht unterschlagen werden, dass diese erfolgreiche, zunächst von „Amateuren“ getragene Defensive mindestens so viele Opfer forderte wie sie der Aggressor zu erleiden hatte. Dennoch lässt sich notieren: Die Führung der chinesischen Volksbefreiungsarmee verlor das Gesicht – beim Angriff auf einen Gegner, der auf eine Weise kämpfte, die man ihr als Tradition zugeschrieben hat. Personal und Gliederung Der Präsenzumfang der PLAA beträgt (2019/20) etwa 975.000 Soldatinnen und Soldaten (IISS 2019: 257). Die Reserve der Landstreitkräfte hat den Löwenanteil an der Gesamtreserve von – wie bereits angegeben – etwas über 500.000 Personen. Sie befindet sich in einem Prozess gradueller Schrumpfung beziehungsweise Neuformierung und kann an dieser Stelle nicht Landstreitkräfte: Die ruhende Kraft 36 mit Einzelheiten präsentiert werden. Bisher jedenfalls war sie durch einfache infanteristische Elemente und relativ starke Kampfunterstützungskräfte gekennzeichnet: Artillerie, Pioniere, Flugabwehr. Zur Gliederung der präsenten Komponente: Den bereits erwähnten Regionalkommandos unterstehen insgesamt dreizehn Armeen (group armies), welche jeweils verschieden starke und unterschiedlich strukturierte Gruppierungen von Divisionen und (Divisions-)unabhängigen Brigaden führen. Dabei scheint der Organisationstyp „Division“ eine aussterbende Gattung zu sein. So gibt es nach der Gliederungsreform der vergangenen Dekade nur noch fünf: eine schwere mechanisierte Infanteriedivision, eine mechanisierte Infanteriedivision für den Gebirgseinsatz sowie drei motorisierte Großverbände ebenfalls für die Verwendung in solchem Terrain. Das Gros der terrestrischen Kampftruppen besteht mittlerweile aus Brigaden: 27 panzerstarken, 23 mechanisierten und 24 (motorisierten) Infanterieverbänden. Dies lässt auf den ersten Blick erkennen, dass der Akzent auf den eher schweren Formationen liegt, zumal die Mech.-Verbände über eine durchaus solide Kampfpanzer-Komponente verfügen. Dass etwa ein Drittel dieser Brigaden immer noch infanteristisch geprägt ist (in früheren Jahren war der Anteil freilich bedeutend höher, IISS 1983: 84), kann als Reaktion der Armeeführung auf die Tatsache gesehen werden, dass weite Teile mutmaßlicher Operationsgebiete relativ schwergängig sein dürften. Zum Vergleich: Die südkoreanische Armee, eine der modernsten der Welt, weist aus demselben Grund einen noch größeren Anteil an Infanterie auf (Knight/Unterseher 2020: 45). Offenkundig aber haben die Führer der PLAA ein Faible für das Schwere, symbolisch Eindrucksvolle und auch Einschüchternde. Dies mag aber nicht immer sachgerecht sein. Personal und Gliederung 37 Der Übergang zur Brigadegliederung, als Abkehr vom alten sowjetischen Vorbild (Division/Regiment), stellt eine Orientierung an westlichen Organisationsmustern dar: die Zusammenfassung verschiedener Truppengattungen im Sinne der „verbundenen Waffen“ (combined arms) in einem taktisch relativ selbständigen, flexiblen Verband. Im Sinne taktischer – und auch operativer – Flexibilität sind noch weitere Formationen der PLAA zu nennen: 13 Brigaden Spezialkräfte, 6 amphibische (hauptsächlich für Fluss- überquerungen) und 2 Luftsturm-Brigaden. Hinzukommt ein größeres Sortiment an Grenz- und auch Küstenschutzverbänden. Die (Kampf-)Unterstützung besteht u. a. aus einer beträchtlichen Artilleriekomponente (15 Brigaden), Pionieren (13), Lufttransport-/Verbindungs-/Kampfhubschraubern (13), Flugabwehr (13) und Logistik (13). Es ergibt sich der generelle Eindruck, dass der Modernisierungsauftrag der Partei von der PLAA vor allem auf dem Gebiet der Organisation umgesetzt wurde. Wie wir noch sehen werden, konnte dieses Gebot, vor allem wohl wegen der systematischen Bevorzugung von Marine und Luftwaffe, aber (noch) nicht auf die Ausrüstung für den Krieg zu Lande durchschlagen. Artillerie, Pioniertruppe und Heeresflugabwehr bilden hier allerdings eine gewisse Ausnahme (IISS 2019: 238). Profil der Ausrüstung Die Ausstattung der PLAA ist so vielgestaltig, dass in diesem Zusammenhang nur ein kurzer Überblick der wichtigsten Hauptwaffensysteme geboten werden kann (IISS 2019: 257 f): Die Landstreitkräfte verfügen über etwa 5.800 Kampfpanzer. Darunter sind nur 850 vom Typ ZTZ-99/ZTZ-A, der als Landstreitkräfte: Die ruhende Kraft 38 der relativ modernste der Panzerflotte gilt – wenngleich er den Standard der leistungsfähigsten Plattformen dieser Kategorie, etwa aus Deutschland oder Südkorea, noch nicht erreicht (siehe die „Anmerkungen zur Panzerrüstung“ im Anhang). Obwohl diese Panzer bald nach der Jahrtausendwende in Serie gingen, konnte mit der bisher erreichten Stückzahl noch nicht einmal ein Viertel der neugeschaffenen schweren (Panzer-)Brigaden ausgestattet werden. So besteht das Gros der chinesischen Kampfpanzer aus Kopien beziehungsweise Verbesserungen älterer und ganz alter sowjetischer Modelle. Eher eindrucksvoll ist die Tatsache, dass die PLAA über ca. 5.000 Kampfschützenpanzer (IFV: Infantry Fighting Vehicles) verfügt, und zwar zu allermeist aus jüngerer Produktion, nämlich der letzten zwei Dekaden. Diese Zahl zeigt an, dass – rein rechnerisch – fast jeder Kampfpanzer von einer Plattform für „Panzergrenadiere“ begleitet werden kann: eine gute Voraussetzung für die Bildung von combined arms teams. Es handelt sich durchweg um chinesische Eigenentwicklungen – zum Teil von sowjetischen Trends auf diesem Gebiet beeinflusst. So sind alle Typen relativ feuerstark und – wegen eines günstigen Leistungsgewichts – auch überdurchschnittlich beweglich. Es mangelt allerdings mehr oder weniger am Panzerschutz. Die Gewichte der chinesischen Fahrzeuge, es handelt sich um vier verschiedene Grundtypen, liegen nämlich zwischen 12,5 und 24 t, womit diese für eine unmittelbare Kooperation mit den besser geschützten Kampfpanzern zu leicht sind. Dies steht im Kontrast zu der Entwicklung etwa in Deutschland (PUMA), Israel (NAMER) und neuerlich in Russland (ARMATA), wo man die Infanterie der „unmittelbaren Begleitung“ auf signifikant schwereren Plattformen zu bewegen trachtet. Profil der Ausrüstung 39 Bemerkenswert im Übrigen, dass fast die Hälfte der PLAA- Kampfschützenpanzer Radfahrgestelle hat: was bedeutet, dass hier mehr Gewicht auf operative als auf taktische Beweglichkeit gelegt wird: gut für „lange Märsche“ in einem weiten Land. Innovativ erscheint in diesem Kontext, dass mit dem Radpanzertyp ZBL-08/ZTL-11 eine logistisch vorteilhafte „Familienlösung“ gefunden wurde: Auf einem Fahrgestell (8X8) gibt es ein Infanterie-Kampffahrzeug (mit 800 Exemplaren) und einen „Kanonenjagdpanzer“ (600): wobei Letzterer sich als Rückhalt leichter mechanisierter Verbände empfiehlt. Fast 4.000 gepanzerte Fahrzeuge (noch) geringeren Schutzniveaus dienen dem Infanterietransport: nicht zum Kampf, sondern zur zügigen Allokation von Truppen bestimmt. Es handelt sich um ein Sammelsurium chinesischer Produkte recht unterschiedlichen Alters, welches der Logistik Probleme bereiten dürfte. Etwa zwei Drittel dieser Systeme sind Kettenfahrzeuge, was hinter die operative „Zügigkeit“ ein Fragezeichen setzt. Die Artillerie, als Grobkategorie, zählt etwa 9.000 Systeme, was zur Unterstützung der starken Kräfte für den Bewegungskrieg auf den ersten Blick durchaus hinreichend erscheint. Doch zeigt eine Differenzierung, dass nur etwa 2.100 Systeme der Rohrartillerie eigenbeweglich sind. Dazu lassen sich noch 1.250 Mörser/ Kanonenkombinationen auf leichtgepanzerten Fahrzeugen zählen. Doch über 1.220 Geschütze sind auf Kraftzug angewiesen. Hinzukommen rund 1.550 Salvenwerfer zumeist kleinerer Kaliber sowie 2.800 Mörser der Infanterie, wovon nur ein sehr kleiner Teil auf geschützten Plattformen installiert wurde. Das Gros der Artillerie, einschließlich der Mörser, ist älterer, in vielen Fällen sowjetischer (bzw. chinesisch adaptierter) Herkunft. Die Modernisierung des indirekten Feuers, auf die bereits hingewiesen wurde, zeigt sich vor allem in der Verbesserung Landstreitkräfte: Die ruhende Kraft 40 der Feuerleitverfahren und der Einführung von Aufklärungsdrohnen zur optimierten Zielerfassung. Aber auch auf der Ebene der Feuereinheiten gibt es interessante Entwicklungen: Hier zeigt der Zulauf von etwa 500 leichten Panzerhaubitzen PLZ-07 (122 mm) und über 300 schweren (PZL-05: 155 mm) während der letzten Dekade einen Sprung an Leistungsfähigkeit an. Diese Fahrzeuge dürften relativ gut geeignet sein, schwere beziehungsweise mechanisierte Kräfte im Bewegungsgefecht unmittelbar zu unterstützen (combined arms). Auffällig im Übrigen, dass man mit der letztgenannten Panzerhaubitze vom alten sowjetischen Kaliber 152 mm auf das der NATO (155 mm) übergegangen ist: wohl der Exportchancen wegen. Zu Landstreitkräften, die Weltniveau anstreben, gehört auch eine multifunktionale Hubschrauberflotte. Die der PLAA liegt zwar zahlenmäßig weit hinter derjenigen der U.S. Army, ist aber im Umfang dennoch sehr beträchtlich. Sie umfasst ca. 300 moderne Kampfhubschrauber landeseigener Produktion (WZ-19, ein leichter, und WZ-10, ein mittelschwerer Typ). Dazu kommen ca. 350 Verbindungs- bzw. Mehrzweckhubschrauber sowie rund 380 mittelschwere und schwere Maschinen für Transportaufgaben. Diese beiden Flotten stellen ein Sammelsurium (chinesisch angepasster) sowjetischer, aber zum Beispiel auch französischer Systeme dar. Die PLAA-Flugabwehr schließlich ist reich an älteren Maschinenkanonen zumeist sowjetischen Ursprungs. Zudem gibt es neuerdings einen Flakpanzer (PGZ-07), dessen Entwicklung offenbar von dem deutschen Typ GEPARD inspiriert wurde. Doch wird die Zukunft sinnvollerweise im vermehrten Zulauf neuer, leistungsfähiger Lenkwaffensysteme gesehen. Gegenwärtig verfügt man bereits über mehr als 400 mobile Startanlagen samt Sensoren für Raketen kürzerer und mittlerer Profil der Ausrüstung 41 Reichweite, die nicht nur Flugzeuge, sondern auch Drohnen und Marschflugkörper bekämpfen können. Über die Dislozierung Wie bereits angegeben: Die Großverbände der PLAA verteilen sich auf fünf Regionen mit den entsprechenden Armeen (group armies), die – von der jeweiligen Situationseinschätzung abhängend – in Struktur und Umfang variieren (IISS 2019: 262 ff). Auffällig ist, dass in den Regionen „West“, den Wüstenund Gebirgsterritorien mit dem Gesicht zu Indien und Zentralasien, sowie „Süd“, gegenüber Vietnam (und auch Hongkong), nur je zwei Armeegruppen stationiert sind. Dies mag als Hinweis dahingehend dienen, dass in und um die entsprechenden Grenzzonen keine militärischen Großkonflikte erwartet, also Truppen zum Zweck des containments und allenfalls begrenzter Vorstöße für hinreichend erachtet werden. In der Region „Ost“, gegenüber Taiwan, dem bekanntlich erklärten Ziel einer „Eingemeindung“, finden sich aber drei solcher Gruppierungen. Doch verzeichnen die Regionen „Nord“ und „Zentrum“ ebenfalls jeweils drei solcher group armies. Dabei verfügen die beiden letztgenannten Kommandos jeweils über ein besonderes Potential an schweren beziehungsweise mechanisierten Brigaden. In der Zentralregion gibt es doppelt so viele solcher Großverbände wie im Süden und Westen (sowie auch deutlich mehr als im Osten). Im Zentrum stehen zusätzlich sogar noch eine schwere mechanisierte Infanteriedivision und weitere – kleinere – Verbände mit Elitecharakter. Dies kann durchaus als Indi- Landstreitkräfte: Die ruhende Kraft 42 kator für die politisch-strategische Bedeutung angesehen werden, die man den jeweiligen Gebieten in Beijing zumisst. Geht es doch in der Zentralregion, in der auch die Hauptstadt liegt, um den Schutz bzw. die Stabilisierung des Regimes und im Norden um eine starke militärische Präsenz für den durchaus nicht auszuschließenden Fall einer Krise im Länderdreieck „Russland – China – Nordkorea“. Über die Dislozierung 43 Seestreitkräfte: Geltung nach draußen Personal, Gliederung, strategische Ausrichtung Die Seestreitkräfte der Volksrepublik China (People's Liberation Army Navy: PLAN) haben einen militärischen Personalumfang von rund 250.000. Die PLAN verfügt auch über Marine-Infanterie und eine Marineluftwaffe: Erstere mit 25.000 und Letztere mit ca. 26.000 (offiziell geplant: 30.000) Soldatinnen und Soldaten. Diese Umfänge sind als Anteile an der Gesamtheit des Marinepersonals zu verstehen (IISS 2019: 257). Es gibt fünf funktionelle Organisationsstränge: U-Boote, Überwasserverbände, Marineluftwaffe, Küstenschutz einschließlich entsprechender schwimmender Einheiten und Marine-Infanterie. (Gegenwärtig gliedert sich Letztere in 6 leichte Brigaden, von denen eine mechanisiert ist, 3 motorisiert und 2 auf speziellen amphibischen Panzerfahrzeugen beweglich sind.) Das Ganze ist in drei Flotten aufgeteilt: Nord, Ost und Süd. Diese Gliederung ist auf die bereits erwähnten Regionalkommandos „mit Küste“ bezogen. Die chinesischen Seestreitkräfte haben sich aus einer Organisation des erweiterten Küstenschutzes heraus entwickelt – und damit gleichsam emanzipiert: zuerst der Schutz der eigenen Küsten und der unmittelbar angrenzenden Gewässer, dann der Vorstoß in die Randmeere mit immer stärkerem Anspruch, diese zu dominieren, und schließlich die Tendenz zur weltweiten maritimen Präsenz. So ist es mittlerweile nicht mehr allzu verwunderlich, dass in chinesischen Marinekreisen an regelmäßige PLAN-Patrouil- 45 len im Atlantik gedacht und dies in offiziellen Publikationsorganen argumentativ untermauert wird. Es gehe nämlich darum, die „amerikanische maritime Blockade zu brechen“ und dazu eine „äußere Linie“ eigener Präsenz zu entwickeln (zit. n. Goldstein 2019 b: 2). Vor solchen Operationen, sowie etwa auch weiten Vorstö- ßen in den pazifischen Raum hinein, dürfte die chinesische maritime Präsenz im Indischen Ozean weiterhin Priorität genießen: geht es doch um die Sicherung der wesentlichen Handelswege der Volksrepublik nach Arabien und Europa sowie auch um die der Verbindung nach Afrika, wo freundlich-imperialistisch ökonomische Vorteile gesucht werden: Rohstoffe und Einfluss gegen Infrastrukturhilfe und Fertigwaren. Deswegen auch die chinesischen Bemühungen, an den Küsten dieses Ozeans Marinestützpunkte errichten zu können, was bislang allerdings nur in einem Fall gelungen ist: Dschibuti an der Ostküste Afrikas. Dies kontrastiert mit dem globalen Stützpunktsystem der Vereinigten Staaten, das aus Hunderten solcher Einrichtungen besteht. Allerdings gibt es energische Bemühungen der Volksrepublik, sich Basen an den Küsten Pakistans und Sri Lankas sowie auf den Malediven zu erschließen, und dies mag schon bald Früchte tragen. Mit seiner ozeanischen Ausrichtung tritt das moderne China in die Fußstapfen von Zheng He (1371–1433), des berühmten Kastraten: jenes Admirals, der in der Zeit der Ming- Dynastie zwischen 1405 und 1433 sieben große Expeditionen in den Pazifischen und den Indischen Ozean unternahm (und zwar bis nach Afrika), dessen – friedliche – Expansionsstrategie aber einer kaiserlichen Kursänderung zum Opfer fiel. Der berühmte Kastrat wurde zum Symbol der neuen chinesischen Politik. In allen größeren Hafenstädten steht seine Statue: überlebensgroß – mit kühner Herrschergeste der See zugewandt. Seestreitkräfte: Geltung nach draußen 46 Profil der Ausrüstung Die Marine der Volksbefreiungsarmee erfuhr seit der ersten Hälfte der 1990er Jahre, und dann mit sich beschleunigendem Tempo in den vergangenen beiden Dekaden, eine komplette Runderneuerung sowie expansive Vergrößerung der Tonnage. An die Stelle älterer, sowjetisch inspirierter Plattformen traten Eigenkonstruktionen, in denen sich der Ehrgeiz verrät, technologisch zur Weltspitze vorzustoßen. Einige sowjetisch-russische Lenkwaffenzerstörer, dieselelektrische U-Boote und ein Flugzeugträger, die vor der Jahrtausendwende erworben wurden, bilden die Ausnahme von der Regel. Sie dienen offenbar vor allem auch der Inspiration in schiffsarchitektonischer Hinsicht. Wie schon im Hinblick auf die terrestrische Ausrüstung soll auch hier ein kursorischer Überblick über die wichtigsten (Kampf-)Plattformen geboten werden (IISS 2019: 258 ff). Dabei empfiehlt sich von Fall zu Fall ein Vergleich mit den Beständen der U.S. Navy: Die PLAN verfügt gegenwärtig über 4 große Atom-U- Schiffe, die jeweils bis zu 12 Raketen strategischer Reichweite starten können. Regelmäßige Seepatrouillen von zumindest einer dieser Einheiten, um durch erschwerte Auffindbarkeit die Abschreckungswirkung zu erhöhen, haben erst in jüngster Zeit begonnen. Zum Vergleich: Die U.S. Navy hat 14 solcher U- Schiffe mit jeweils mehr strategischen Raketen (noch) größerer Reichweite, von denen zu jeder gegebenen Zeit mindestens sieben in See sind. Hinzukommen bei der PLAN 6 atomar angetriebene Jagd- U-Boote, die sowohl Torpedos als auch Lenkflugkörper (gegen Schiffe) verschießen können. Die U.S. Navy verfügt hingegen über 56 – durchweg leistungsfähigere – Einheiten in dieser Kategorie. Profil der Ausrüstung 47 Bei der PLAN kommen noch 48 kleinere, dieselelektrisch angetriebene Boote hinzu, von denen 12 aus Russland stammen. Für den amerikanischen Gegenpart sind solche Plattformen schon längst Vergangenheit. Die chinesischen Unterwasserfahrzeuge gelten, vielleicht mit Ausnahme neuerer russischer Importe, als zu laut: sind also verglichen mit westlichen (oder z. B. japanischen) Entwicklungen leichter aufspürbar. Generell scheint man in China auf dem Gebiet des U-Bootbaus noch einen nicht unbeträchtlichen technologischen Nachholbedarf zu haben (Goldstein 2020 c: 2). Deswegen wohl auch die großangelegten Experimente mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen (Unmanned Underwater Vehicles: UUVs): vermutlich um auf einem relativ neuen, in diesem Zusammenhang relevanten Entwicklungsgebiet gleich in der Spitzengruppe mitspielen zu können (ebd.). Den Ansprüchen Chinas auf Seegeltung entsprechen jedenfalls die Errungenschaften in Sachen Überwasserkriegführung in deutlich stärkerem Maße. Zwar verfügt das Land derzeit nur über zwei Flugzeugträger (einer ist, wie erwähnt, sowjetischer Herkunft, der andere eine chinesische Weiterentwicklung). Diesen, sie sind erheblich kleiner sowie konventionell angetrieben, stehen 11 riesige Atomflugzeugträger der U.S. Navy gegenüber. Doch ein dritter Träger befindet sich bereits im Bau, der größer als seine Vorgänger sein und über ein leistungsfähigeres Startverfahren für die Bordflugzeuge (amerikanisches Vorbild!) verfügen wird. Eine weitere Einheit ist in Planung. Weit weniger ungleichgewichtig sieht das Bild aus, wenn es um die anderen größeren Einheiten für die Überwasserkriegführung geht: Zwar verfügt die PLAN nicht über Lenkwaffenkreuzer, von denen die U.S. Navy 22 besitzt. Doch wächst gerade die chinesische Flotte von Lenkwaffenzerstörern um Einheiten, die den amerikanischen Standard-Kreuzer an Verdrän- Seestreitkräfte: Geltung nach draußen 48 gung übertreffen sowie sehr wahrscheinlich in dessen Leistungsklasse liegen (siehe „Ein Zerstörer der Superlative“ im Anhang). Zwar besitzt die PLAN nur 27 Lenkwaffenzerstörer, und die U.S. Navy hat deren 70 (!). Doch verfügt die chinesische Marine darüber hinaus noch über 59 Fregatten, über zwei Drittel davon modern, zu denen es in der Navy kein Gegenstück (mehr) gibt und die teilweise in das Leistungsspektrum von Zerstörern hineinreichen. Notierenswert im Übrigen, dass die chinesischen größeren Überwassereinheiten ein signifikant niedrigeres Durchschnittsalter haben als die amerikanischen. Letztere wurden in Bezug auf Waffen und Sensorik zwar up to date gehalten, doch haben die jüngeren chinesischen Einheiten trotz entsprechender Anpassung der US-Schiffe Vorteile, was ihre Signatur betrifft (stealth characteristics). Ausnahme: die futuristische und extrem überteuerte Zumwalt-Klasse der Navy mit gegenwärtig nur zwei Einheiten. Anders als die U.S. Navy verfügt die PLAN über keine Littoral Combat Ships, neuartige schnelle Einheiten in der Größe kleinerer Fregatten für den Kampf vor fremden Küsten. Naheliegend ist, dass entsprechende Aufgaben von der PLAN im Falle eines Falles ihren Fregatten anvertraut werden könnten, deren Anzahl übrigens zügig wächst, sowie auch den Lenkwaffenkorvetten (ebenfalls ohne Entsprechung in der U.S. Navy), die mit immerhin über 20 durchweg modernen Einheiten (!) zu Buche schlagen. Unter den weit über 100 Einheiten der Volksmarine für den Schutz der Küste beziehungsweise ihres Vorfeldes ist der Typ 022, Houbei-Klasse (NATO-Kodename), besonders hervorhebenswert. Es handelt sich um über 60 schnelle, feuerstarke Lenkwaffen-Katamarane, die auch für Vorstöße in die Randmeerzonen geeignet erscheinen. Profil der Ausrüstung 49 Geht es um die Plattformen für amphibische Operationen, zeigt sich allerdings wiederum eine beträchtliche Diskrepanz gegenüber der amerikanischen Seite. Dies ist darin begründet, dass die U.S. Marines fast die siebenfache Kopfstärke ihres chinesischen Gegenstücks haben und für Einsätze im globalen Rahmen vorgesehen sind, während die Marine-Infanterie der PLAN bislang offenbar nur für unfreundliche Besuche von Nachbarn, also Anrainern der Randmeere, vorgesehen ist. Während die USA in diesem Zusammenhang über 32 gro- ße und sehr große Einheiten verfügen, darunter neun amphibische Angriffsschiffe mit Flugdecks für Senkrechtstarter, sind es auf chinesischer Seite nur fünf größere Docklandungsschiffe sowie allerdings eine beträchtliche Anzahl kleinerer Typen (Panzerlandungsschiffe und Landungsboote kürzerer Reichweite sowie eingeschränkter Seetüchtigkeit), die hauptsächlich der Süd- und der Ostflotte zugeordnet sind. Analytiker der U.S. Navy meinen jedoch, Pläne der PLAN in Erfahrung gebracht zu haben, nach denen die Marine-Infanterie der Volksrepublik innerhalb von 10 Jahren auf über die Hälfte(!) des Personalumfanges der amerikanischen Marines aufwachsen und deswegen die chinesische Landungsflotte um eine beträchtliche Anzahl größerer Einheiten, insbesondere auch für weitreichende Expeditionen, zunehmen soll (Fanell 2019: 20). Vor dem Hintergrund der immer noch relevanten „Randmeerorientierung“ der PLAN macht dies freilich den Eindruck eines in strategischer Absicht lancierten Schreckgemäldes. Gegenwärtig verfügt die chinesische Marine-Infanterie für Operationen an Land, außer geschützten Amphibienfahrzeugen, über einige wenige leichte Kampfpanzer eines neuen Typs (ZTQ-15, siehe die „Anmerkungen zur Panzerrüstung“ im Anhang) sowie Radpanzer der bereits erwähnten Familie ZTL-11/ ZBL-08 (90 Systeme). Zur Kampfunterstützung gibt es 40 leichte Haubitzen. Seestreitkräfte: Geltung nach draußen 50 Um den Eindruck abzurunden, werfen wir noch einen Blick auf die Marineluftwaffe: Diese betreibt mehr als 350 Kampfflugzeuge. Darunter sind etwa 30 mittelschwere Bomber eines älteren, verbesserten sowjetischen Typs, der als Träger von Seeziel-Lenkflugkörpern genutzt wird. Das Gros des fliegenden Materials ist allerdings deutlich jüngeren Ursprungs. Es handelt sich um chinesische Eigenentwicklungen oder Anpassungen neuerer russischer Importe (J-8F, J-10, JH-7/A, Suchoi 27) – für Jagd- und vor allem Luft- Schiff-Missionen. Besonders zu erwähnen: die Entwicklung der J-15 als Trägerflugzeug (auf Basis der russischen Suchoi-27). Hinzukommen über 100 Hubschrauber verschiedenster Typen für U-Bootjagd, Radaraufklärung, Verbindung und Transport. Profil der Ausrüstung 51 Luftstreitkräfte: Ringen um Modernität Personal, Gliederung, strategische Ausrichtung Die Luftstreitkräfte der Volksrepublik China (People's Liberation Army Air Force: PLAAF) verfügen über militärisches Personal im Umfang von 395.000 (IISS 2019: 261 f). Die Zahl schließt auch eine Luftlandetruppe („Fallschirmjäger“) mit ein, die sich in 7 Kampfbrigaden gliedert. Diese bilden das Pendant zu den beiden auf Hubschraubern mobilen Luftsturmbrigaden der Landstreitkräfte. Selbst wenn Erstere eher für operativ-strategische und Letztere für operativ-taktische Aufgaben vorgesehen sind, fragt sich doch, warum es eine Zuordnung zu verschiedenen Teilstreitkräften gibt. Die PLAAF ist, wie auch die PLAA, den fünf bereits mehrfach erwähnten Regionalkommandos zugeordnet (die PLAN nur jenen mit Küste): Nord, Ost, Süd, West und Zentrum. Die Kampfverbände der Luftstreitkräfte gliedern sich in 6 Regimenter mit mittelschweren Bombern, 26 Brigaden vorwiegend für Jagdaufgaben (Abfangen/Erringen der Luftüberlegenheit) sowie weitere 26 Brigaden eher für Luft-Boden-Aufgaben und schließlich 6 Brigaden, die für derartige Missionen spezialisiert sind. Wie auch bei der PLAA hat es während der vergangenen Dekade in der PLAAF eine Organisationsreform gegeben: mit dem Ziel der weitgehenden Umstellung von der Regimentsgliederung nach sowjetischem Muster auf eine Brigadestruktur. Zwar ist dabei die Anzahl der Maschinen mit im Durchschnitt unter 30 in etwa gleichgeblieben (und damit unter dem Um- 53 fang typischer NATO-Geschwader), doch sind die einzelnen Formationen auf diese Weise organisatorisch selbständiger und flexibler geworden. 45 Prozent aller taktischen Kampfflugzeuge der PLAAF (wir blenden die mittelschweren Bomber aus) sind eher für Jagd- als für Luft-Boden-Missionen bestimmt. Damit zeigt sich ein Gesamteindruck relativer Defensivität – zumal es zum Beispiel Luftstreitkräfte von NATO-Ländern gibt, die keine schwerpunktmäßige Zuordnung ihrer Geschwader zu Verteidigungsaufgaben mehr kennen. Man legt offenbar mehr Wert auf den Schutz des eigenen Luftraumes – oder jenem über dem Operationsgebiet von PLAA-Verbänden, die möglicherweise auf nachbarliches Gebiet vorstoßen. Im Kontext solcher begrenzten Angriffsoperationen würde dann wohl auch der Einsatz der Maschinen stehen, die eher für Luft-Boden-Operationen geeignet sind. Die Befähigung zu weitreichenden Luftangriffsmissionen besteht jedenfalls nur in geringerem Maße – zumal auch die Luftbetankungskapazität und das Potential an luftgestützter (Radar-)Aufklärung sich als entwicklungsbedürftg darstellen. Allerdings: Die Zeichen stehen durchaus auf Verstärkung der Angriffskomponente – und in Verlängerung dieser Perspektive auch auf Erweiterung der strategischen Reichweite der PLAAF: Projektion von Luftmacht anlog zu jener der Marine. Jedenfalls sah es früher, etwa vor 20 Jahren, ganz anders aus (IISS 1999: 188). Damals machten die Kampfflugzeuge für Luft-Boden-Einsätze nur ein Achtel derjenigen aus, die für Jagdaufgaben bestimmt waren. Dabei erschienen zu jener Zeit die Jäger noch weit stärker auf die Luftverteidigung spezialisiert als ihre heutigen Nachfolger, die zumeist auch sekundäre Multirollen-Eignung haben. Luftstreitkräfte: Ringen um Modernität 54 Profil der Ausrüstung Wiederum nur ein auszugsweiser Überblick: Die chinesischen Luftstreitkräfte verfügen über etwa 170 mittelschwere Bomber jenes Typs, der auch von der Marineluftwaffe geflogen wird. (Einige weitere dieser Maschinen dienen als fliegende Tanker). Dabei handelt es sich um ein militärhistorisches Unikum. Der Erstflug dieser ursprünglich sowjetischen Maschine (Tupolew Tu-16) fand nämlich bereits am 27. April 1952 statt. Der chinesische Lizenzbau, Xian H-6, war nach 1980 als strategischer Atombomber vorgesehen, obwohl der Aktionsradius des Flugzeuges bei nur höchstens 2.500 km lag. Die jüngste Version, H-6K, ist das Ergebnis einer Modernisierung von Grund auf, die erst vor etwas über eine Dekade stattfand: Kompositmaterial für die Zelle, Wegfall des Waffenschachtes, verbesserte Triebwerke, neue Avionik und beträchtlich vergrößerter Aktionsradius. Diese Maschinen können nun als operativ flexible Träger (Lastesel) für jeweils 6 hochpräzise Marschflugkörper mit einer Reichweite von 2.000 km (DongHai DH-10) dienen, die sich sowohl konventionell als auch nuklear armieren lassen (Waldon 2019). Das Gros der Kampfflugzeuge der PLAAF besteht allerdings aus solchen mit taktisch-operativen Aufgaben. Zu nennen sind fast 760 Maschinen hauptsächlich für Jagdzwecke, rund 700 mit stärkerem Akzent auf Luft-Boden-Missionen sowie 140 mit einer Spezialisierung auf entsprechende Aufgaben. Nicht verwunderlich: Dies entspricht der Gesamtorientierung der PLAAF, wie sie sich bereits aus der Gliederung erkennen ließ. Die Ausrüstung der „Jagdflotte“ besteht zu zwei Dritteln aus Maschinen des Typs Chengdu J-7 und seinen Varianten, einer radikalen chinesischen Modernisierung der sowjetischen MiG-21 (Erstflug 14. Juni 1956), sowie zu einem Drittel aus Profil der Ausrüstung 55 chinesischen Eigenentwicklungen und neueren russischen Importen. Die „Jagdbomberflotte“, einschließlich der Maschinen speziell für den Luftangriff, ist hingegen durch chinesische Eigenentwicklungen dominiert. Hinzukommen aber auch hier neuere russische Produkte. In ihrer Gesamtheit sind diese Flugzeuge relativ modern und in Teilen gar als sehr modern einzuschätzen (siehe „Ein Beispiel technologischen Lernens“ im Anhang). Die PLAAF macht besondere Anstrengungen, um auf dem Gebiet der taktisch-operativen Kampfflugzeuge das technologische Niveau der U.S. Air Force zu erreichen. Das lässt sich auch an dem Versuch erkennen, ein Gegenstück zur F-22 (Luftüberlegenheitsjäger/Jagdbomber mit optimalen Stealth- Eigenschaften) zu entwickeln. Das Ergebnis scheint aber noch nicht völlig zu befriedigen. Jedenfalls dürften die Maschinen dieses Typs (J-20) sich noch nicht im Normaldienst befinden. 1.000 weitere Flugzeuge stehen für Aufgaben des fliegerisch-taktischen Trainings zur Verfügung. Dazu gehören 400 Schulmaschinen mit Propellerantrieb eines älteren, sowjetisch inspirierten Typs, 200 Kampfflugzeuge (die erwähnten stark modernisierten MiG-21) sowie 400 neuere, in China konstruierte Strahltrainer, die sekundär als leichte Jagdbomber verwendet werden können. Trotz beachtlicher Erfolge bei der Modernisierung ihrer fliegenden Verbände liegt die PLAAF immer noch sehr deutlich hinter der U.S. Air Force zurück, wenn es um Elektronische Kampfführung, fortschrittlichste Radartechnologie, Stealth-Entwicklungen und Vernetzung geht. Solche Qualitäten dürften freilich bei einem offenen Konflikt von ausschlaggebender Bedeutung sein. (So etwa verfügt China über kein Gegenstück zur F-35: einem Typ, der nicht nur Stealth-Charakteristik und Multirollen-Eignung in sich vereint, sondern auch mit sei- Luftstreitkräfte: Ringen um Modernität 56 ner sehr leistungsfähigen Avionik als fliegende „Vernetzungsplattform“ gilt.) Die bodengebundene Luftverteidigung, vor allem deren Lenkwaffensektor, stellt ein weiteres Gebiet dar, auf dem China beträchtliche Anstrengungen der Modernisierung gezeigt hat: So gibt es über 350 Start- und Sensoranlagen für die weitreichende Flugabwehr: und zwar die chinesische Anpassung eines bewährten modernen Systems aus Russland (HQ-9/S-300), Zukäufe des Originals in verschiedenen Varianten, sowie eine (noch) kleine Anzahl fortschrittlichsten russischen Hochleistungsgeräts (S-400). Letzteres kann von seiner Startanlage vier technisch verwandte, in der Reichweite variierende Lenkflugkörper einsetzen. Wobei einer davon es möglich macht, auf bis zu 350 km Distanz größere Ziele beschränkter Agilität zu bekämpfen (z. B. fliegende Radarplattformen). Die weniger weit reichenden Varianten können wirksam gegen agilere Flugzeuge, Marschflugkörper sowie perspektivisch auch gegen ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen eingesetzt werden. Für die mittlere Reichweite, mit über 320 Systemen, gibt es zwar noch Uraltgerät chinesisch angepassten sowjetischen Geräts, doch machen moderne (und modernste) Eigenentwicklungen mittlerweile bereits zwei Drittel des Bestandes in dieser Kategorie aus. Schließlich: Für die Kurzstrecke gibt es neuere Eigenentwicklungen in zum Teil bereits verbesserter Version (48 Systeme) und einen weiteren Typ (30 Systeme), der aus der französischen CROTALE abgeleitet wurde. Alles in allem verstärkt sich damit der Eindruck, dass die PLAAF der Defensive, insbesondere dem Schutz der Heimat, erhebliche Bedeutung beimisst. Die Transportflotte der PLAAF umfasst über 330 Flugzeuge – darunter allerdings nur weniger als 30 für sehr schwere Lasten. Das Gros ist ein Sammelsurium von mittelschweren Profil der Ausrüstung 57 und leichteren Typen sowjetischer, chinesischer und sogar USamerikanischer Herkunft. Der Eindruck besteht, dass in diesem Zusammenhang noch keine klare planerische Orientierung entwickelt wurde. Last, but not least noch eine Notiz zur Ausstattung der zur PLAAF gehörenden Luftlandetruppe: Außer einer Brigade „Spezialkräfte“ gibt es 6 weitere, die über leichte Artillerie und Salvenwerfer (nur mit Kraftzug beweglich) sowie ca. 180 per Fallschirm absetzbare Luftlandepanzer (ZBD-03) verfügen. Diese sowjetisch inspirierte Eigenentwicklung ist feuerstark, hochbeweglich (amphibisch), doch wegen geringen Gewichts nur sehr unzureichend geschützt. Abgesetzt werden sollen diese Fahrzeuge offenbar hauptsächlich durch die neuen mittelschweren Transportflugzeuge des Typs Y-9 (stark verbesserte Y-8, die ein Nachbau der alten sowjet-ukrainischen Antonow AN-12 ist), von denen es allerdings erst eine unzureichende Anzahl gibt: nämlich zwischen 12 und 20. Luftstreitkräfte: Ringen um Modernität 58 Cyber Warfare und Weltraum-Aktivitäten Nicht nur zu Lande, zu Wasser und in der Luft will die chinesische Führung potenziellen Kontrahenten Paroli bieten, sondern auch auf Gebieten, die für die Konkurrenz um globale Macht unmittelbar relevant erscheinen: Gebieten, auf denen es sich – ohne den Ballast alter Strukturen und Technologie – neu anfangen lässt. So, dass die Verteilung der Chancen unter den Konkurrenten möglichst gleich ist. Deswegen werden hier scheinbar so disparate Gegenstände wie der Krieg in den digitalen Netzen und die Militarisierung des Weltraums in einem Abschnitt behandelt. Cyber Warfare (IISS 2019: 265) Während der letzten Dekade hat die PLA in deutlich zunehmendem Maße in Aktivitäten der Informations-Kriegführung investiert. Dies betrifft sowohl auf das Gefecht bezogene Aktivitäten (Electronic Warfare: EW) als auch die Entwicklung des Potentials für den Cyber War im weiteren Sinne. In diesem Kontext ist eine zentrale Doktrin entstanden: nämlich die der „integriert-vernetzten elektronischen Kriegführung“ (Integrated Network Electronic Warfare: INEW). Sie hat bislang Rahmen und Leitfaden aller Computer-Netz-Operationen der PLA gebildet. Die PLA-Experten scheinen allerdings im Begriff zu sein, über diesen Ansatz hinauszugehen – haben sie doch ein neues Konzept entwickelt: das der „Informationskonfrontation“ (xin- 59 xi duikang). Ziel ist es, sowohl die elektronischen als auch die nicht-elektronischen Aspekte der Informations-Kriegführung unter jeweils einer Befehlsstelle zu integrieren und zu bearbeiten. Die Vision der PLA-Analytiker für den Informationskrieg ist die der Konfrontation von ganzheitlich zusammengefassten Land-, See-, Luft-, Weltraum- und elektromagnetischen Streitkräften. So sind seit 2008 die größeren militärischen Übungen durch integrale Elemente des Cyber Warfare gekennzeichnet – und zwar in offensiver wie in defensiver Hinsicht. 2015 wurde die bereits erwähnte SSF (Strategic Support Force) geschaffen. Sie umfasst mittlerweile ca. 120.000 Militärpersonen. Als wahrscheinlich gilt, dass diese Organisation drei Aufgabenbereiche beziehungsweise Säulen hat: Die erste widmet sich der mit militärischer Planung verknüpften Informationsbeschaffung im Cyber Space. Die zweite ist für militärische Operationen im Weltraum verantwortlich und nutzt dazu Erdsatelliten unterschiedlichster Funktion (siehe den nächsten Abschnitt), während die dritte mit gefechtsbezogener – offensiver und defensiver – elektronischer Kriegführung (EW) sowie Aufklärung befasst ist. Weltraum-Aktivitäten Wie in der Sowjetunion und den USA auch gründet sich die chinesische Raumfahrt – in diesem Falle allerdings eher indirekt – auf die A4-Rakete des Teams um Wernher von Braun. Aus einer sowjetischen Ableitung daraus wurde nämlich der chinesische Erstling: Dongfeng 1. Die wesentlich weiter entwickelte Dongfeng 3 bildete dann später die Grundlage für den ersten chinesischen Träger orbitaler Nutzlasten: Changzheng 1 (CZ-1 „Langer Marsch“). Cyber Warfare und Weltraum-Aktivitäten 60 Mit der CZ-1 wurde China 1970 Mitglied im Klub der Staaten, die einen unabhängigen Zugang zum Weltraum haben. Seit 1990 startet China jedes Jahr in den Orbit. In den letzten zehn Jahren hat es Europa, mit seinen Ariane-Trägerraketen, genauso hinter sich gelassen wie Russland. Mit mittlerweile vier Weltraumbahnhöfen ringt es seit etwa fünf Jahren allein mit den USA um die Führerschaft bei der Anzahl der Raketenstarts. In Bezug auf die Technik der Trägerraketen nicht so modern wie die Falcon-Familie von SPACE X in den Vereinigten Staaten, hat die chinesische „Langer Marsch-5“ in der Transportleistung inzwischen die europäische Ariane 5 überflügelt. Das chinesische Modell kann derzeit bis zu 13 Tonnen in den so genannten „Geo Transfer Orbit“ (GTO) hieven, während das europäische nur 10,2 Tonnen schafft. Diese Tragkraft nutzt China für den Einsatz zahlreicher Erdsatelliten sowie auch verschiedener Robotersonden: mit einer Mondmission im Jahre 2018 und – für 2020 geplant – einem Trip zum Mars, um von dort Gesteinsproben zurück auf die Erde zu bringen(!). Auch in der bemannten Raumfahrt ist die Volksrepublik aktiv: So gab es zwischen 2011 und 2016 zwei relativ kleine Raumstationen, deren Besatzungen dreimal ausgetauscht wurden (Roston 2020). Neben den sich dynamisch entwickelnden zivilen Weltraum-Aktivitäten verzeichnet China auch solche militärischer Natur – mit einem Satelliteneinsatz etwa auf dem Niveau der USA und Russlands. Zu Beginn der Chang Kong-Reihe ging es 1975 noch um einen Machbarkeitstest, dem freilich schon im selben Jahr ein spezialisierter optischer Aufklärungssatellit folgte. Gegenwärtig verfügt die Volksrepublik China über mehr als Hundert aktive Erdtrabanten für den vorwiegend militärischen Gebrauch: darunter 6 Kommunikationssatelliten (auch zivil genutzt), mehr als 30 zu Zwecken von Navigation/Ortsund Zeitbestimmung (Beidou-Serie), fast 50 für die strategi- Weltraum-Aktivitäten 61 sche Radar- und Infrarot-Aufklärung (remote sensing) – zumeist der Yaogan Weixing-Serie zugehörig, sowie weitere Satelliten (etwa 15) der Shijian-Baureine mit ELINT/SIGINT-Aufgaben: Electronic/Signal Intelligence (IISS 2019: 257). Es lässt sich resümierend feststellen, dass die Volksrepublik China im Hinblick auf Weltraum-Aktivitäten, insbesondere auch die militärischen, in der ersten Reihe mitspielt. Cyber Warfare und Weltraum-Aktivitäten 62 Strategische Kräfte: Weise Selbstbescheidung Am 16. Oktober 1964 führte die Volksrepublik ihren ersten Atomtest durch – nur zwei Tage nach der Entfernung Nikita Sergejewitsch Chruschtschows aus dem Amt des Generalsekretärs der KPdSU. Weitere Tests folgten, und Rotchina, mit seiner unter Mao Zedong schier fürchterlichen humanitären Bilanz, wurde zum fünften ständigen Mitglied des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, während Taiwan, die Republic of China, ein – allerdings erst später – sich demokratisierendes und prosperierendes Land, aus der Weltgemeinschaft ausgeschlossen wurde. Struktur, Umfänge, Technik Machen wir einen Sprung in das Heute! In China stehen die landgestützten Träger von Atomwaffen (nebst Gefechtsköpfen) unter dem Kommando der Raketenstreitmacht der Volksbefreiungsarmee (People’s Liberation Army Rocket Force: PLARF). Darüber hinaus besteht unmittelbarer operativer Zugriff auf die Formationen von strategischer Bedeutung, die organisatorisch zu den See- beziehungsweise Luftstreitkräften gehören: U- Schiffe mit ballistischen Raketen sowie Atombomber. Der PLARF unterstehen nicht nur Nuklearwaffenträger, sondern auch die Truppenteile mit ballistischen Raketen mittlerer (ca. 80 Systeme) und kürzerer Reichweite (190) sowie mit 63 landgestützten Marschflugkörpern (24), die konventionell armiert sind (IISS 2019: 256). Für diese Waffenkategorien scheinen die Zeichen in besonderem Maße auf Wachstum zu stehen (Fanell 2019: 24), geht es dabei doch u. a. um Systeme, die gegen die Flugzeugträger der U.S. Navy und ihre jeweilige Begleitcorona gerichtet sind, deren Präsenz in asiatischen bzw. pazifischen Gewässern von der chinesischen Führung als strategische Herausforderung gesehen wird. Die PLARF hat gegenwärtig etwa 120.000 Soldatinnen und Soldaten in ihrem Zuständigkeitsbereich. Ihre Kampfelemente gliedern sich in etwa 30 Brigaden, was eine gewisse Dezentralität der Dislozierung von Feuereinheiten anzeigt. Hinzukommen Formationen, die für den Betrieb von 4 strategischen Radar-Großanlagen (phased array) und einer größeren Anzahl von Bahnverfolgungsstationen erforderlich sind. Schätzungen von SIPRI, des Stockholmer Friedensforschungsinstituts, haben ergeben (Kristensen/Korda 2019), dass die PLA 2019 über ca. 190 nuklear armierte, landgestützte Raketen verfügte. Diese ballistischen Raketen stellen sich als ein Sammelsurium von Typen dar, die im Hinblick auf ihr Konstruktionsjahr, das zum Teil Dekaden zurückliegt, und ihre Reichweite (1.750 bis 13.000 km) erheblich variieren. Außerdem ist da die irritierende Tatsache, dass Flüssigkeits- und Feststoffantrieb immer noch koexistieren. Sogar neuere Modelle haben erstere Antriebsart, obwohl doch letztere, wenn sie technisch beherrscht wird, bessere Reaktionsfähigkeit und Lagerung der Flugkörper ermöglicht. Neuere Modelle sind zum Teil landbeweglich, ältere nicht. Angenommen wurde auch, dass es zusätzlich noch 20 mittlere H-6-Bomber der Luftstreitkräfte mit je einer Nuklearwaffe und auf 4 Atom-U-Schiffen bis zu 48 Raketen gab. Strategische Kräfte: Weise Selbstbescheidung 64 Der Bestand an ballistischen Raketen wird modernisiert: Offenbar befindet sich eine strategische Rakete mit Reichweiten zwischen 12.000 und 15.000 km in der Erprobung, die für eine Bestückung mit mehreren Gefechtsköpfen geeignet ist und spezielle Penetrationshilfen (teilweise nicht-ballistische Flugbahn!) zur Überwindung gegnerischer Abwehrmaßnahmen aufweist. Mit ihr dürften ältere Systeme in begrenzter Zahl ersetzt werden. Da China 2019 schätzungsweise eine Gesamtzahl von ca. 290 atomaren Sprengsätzen besaß (ebd.), die Zahl der bekannten Trägersysteme aber darunter lag, ist anzunehmen, dass einige dieser Kernladungen in Reserve gehalten wurden (oder auch, dass bereits einige Raketen mehrere Gefechtsköpfe trugen). Die Gesamtzahl der chinesischen Kernwaffen dürfte sich im Rahmen der laufenden Planung in begrenztem Maße erhöhen: etwa wenn nach und nach weitere Atom-U-Schiffe zulaufen, jene 20 mittleren Bomber alle mit jeweils 6 nuklearen Marschflugkörpern (DH 10) ausgestattet und landgestützte strategische Raketen mit Mehrfachgefechtsköpfen zunehmend zum Arsenal gehören werden. So wurden für 2020 bereits 320 atomare Sprengsätze gemeldet (SPIEGEL 2020). Alles in allem ergibt sich freilich der Eindruck, dass China seine Atomstreitmacht zwar modernisiert, dieser Prozess aber eher langsam voranschreitet, auf einem etwas holprigen Pfad. Dafür jedenfalls spricht die erwähnte Vielfalt der Raketentypen, die Unsicherheit im Hinblick auf die zu wählende Technologie verrät. Wenn Modernisierung und Ausbau der Atomstreitmacht in China eine eindeutig hohe Priorität hätten, sähe das Ergebnis wahrscheinlich etwas anders aus. Struktur, Umfänge, Technik 65 Chinas Atomstreitmacht im Vergleich Das mächtige China verfügt über nicht wesentlich mehr Atomwaffen als Frankreich mit seinen etwa 300 nuklearen Gefechtsköpfen. Damit erscheint es in diesem Kontext als Zwerg gegen- über den beiden atomaren Großmächten: Russland und den Vereinigten Staaten (SPIEGEL 2020, Rudolf 2020:10). Nach einigen Reduzierungen auf beiden Seiten hat Russland immer noch fast 1.600 und haben die Vereinigten Staaten über 1.700 Atomsprengköpfe „für den sofortigen Gebrauch“. Die jeweiligen Reserven dürften in der Größenordnung von 4.000 (oder etwas darüber) liegen. Trotz des über Dekaden laufenden Abrüstungsprozesses, den allerdings die Trump-Administration kräftig gestört hat, geht das atomare Wettrüsten weiter: und zwar im Sinne der Differenzierung und Modernisierung, um die Einsatzmittel noch flexibler und in lageabhängiger Dosierung im Rahmen von Kriegführungsszenarien verwendbar zu machen. In diesem Wettstreit hatten die USA immer wieder die Führung. Russland trachtete, amerikanische Maßnahmen zu kopieren oder reagierte darauf mit technologisch-exotischen Antworten (Lange/Unterseher 2018: 54 f). Beispiel: ein ominöser atomarer Riesentorpedo. Was treibt das verteidigungs- und sicherheitspolitische Establishment der Vereinigten Staaten (die Obama-Administration sei hier ausdrücklich ausgenommen) zu solcher Dynamik? Es ist das Bestreben, jeden Konkurrenten – sei es im regionalen, sei es im globalen Maßstab – mit gezielten militärischen Einsatzoptionen so bedrohen zu können, dass keine Reaktion mit Massenvernichtungsmitteln zu befürchten ist. Es ist dies die Welt der Entwaffnungs- und Enthauptungsschläge. Kurz: Es geht um das Erringen der „Eskalationsdominanz“, eines oft kritisierten (UCS 1983; Feiveson 1989: 271 ff), wenn- Strategische Kräfte: Weise Selbstbescheidung 66 gleich immer noch – oder sogar zunehmend – wirkmächtigen strategischen Konzeptes. Danach lassen sich Einsatzkonzepte und Waffentechnik – nicht nur atomare Mittel, sondern auch solche für konventionelle Präzisionsschläge – so zuschneiden, dass sich der militärische Kontrahent vollkommen „in den Griff “ bekommen lässt. Doch dessen Antwort ist a priori nicht kalkulierbar. Anders als die Führung des in der Konkurrenz gefangenen Russland hat diejenige der Volksrepublik China Kernwaffen bisher offenbar nicht als Kriegführungsmittel, sondern als letzte Rückversicherung gegen eine entsprechende Bedrohung gesehen: im Sinne einer Minimalabschreckung. Diese ultima-ratio-Funktion kommt darin zum Ausdruck, dass – anders als in den USA – in der offiziellen Militärdoktrin ein Erstgebrauch (First Use) der Schreckensmittel ausgeschlossen wird. Es hat also kein Interesse an einem atomaren Wettrüsten bestanden, an einem Ringen um die Eskalationsdominanz mit seinen Risiken und Kosten, obwohl doch die eigene ökonomische und wissenschaftliche Basis „mehr“ ermöglicht hätte. Allerdings: „In Peking wird befürchtet, die von Washington betriebene Entwicklung von Kapazitäten zu Aufklärung, Überwachung und zum 'conventional prompt strike' sowie der Aufbau von Raketenverteidigungssystemen könne die chinesische Zweitschlagsfähigkeit gefährden“ (Rudolf 2018: 18). Deswegen ist wohl die vorsichtige Vergrößerung des strategischen Arsenals der Volksrepublik im Gange (ebd.: 19). Sie geht einher mit der bereits bezeichneten Modernisierung und Diversifizierung: Raketen auf U-Schiffen, Beweglichmachung der landgestützten und Flexibilisierung der luftgestützten Mittel (Paul 2018, Goldstein 2019 a: 4 ff). Es entsteht das Bild einer „Triade“ nach amerikanischem Vorbild – allerdings auf niedrigerem Niveau der Einsatzmittel. Vor dem Hintergrund der bisherigen militärisch-konzeptionellen Entwicklung – und der Tatsache, dass die strategischen Chinas Atomstreitmacht im Vergleich 67 Kräfte Chinas immer noch sehr bescheiden sind – steht allerdings zumindest mittelfristig nicht zu erwarten, dass eine nukleare Konkurrenz mit den USA bevorsteht. Es geht wohl eher darum, das eigene Arsenal davor zu sichern, mit einem ersten feindlichen Schlag „abgeräumt“ zu werden. Strategische Kräfte: Weise Selbstbescheidung 68

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References

Abstract

A detailed analysis of China's military power puts it in the context of the country's growing economic potential and the function as a stabilizer of the Communist Party's rule. The armed forces, with all relevant elements, are presented with their current strengths and deficits – along with a careful look at their technological and strategic perspectives: from the ground forces to activities related to cyber war and outer space. This serves as a basis for a discussion of China's relations vis-à-vis the USA and its neighbours across the adjacent seas. Not only the level of nuclear armaments, but also the question of an eventual encirclement of China is being dealt with: the latter as a means to curb Beijing's strife for hegemony.

Zusammenfassung

Eine detaillierte Analyse der militärischen Macht Chinas stellt diese in den Kontext der wachsenden wirtschaftlichen Leistungskraft des Landes und der Funktion einer Stabilisierung der totalitären Herrschaft der Kommunistischen Partei. Die Streitkräfte werden in all ihren Elementen auf Stärken und Schwächen sowie auf ihre technologischen und strategischen Perspektiven hin untersucht: von den Landstreitkräften bis zu Cyberwar- und Weltraumaktivitäten. Dies dient als Grundlage für die Diskussion des militärpolitischen Verhältnisses zu den USA und den Anrainern der chinesischen Randmeere. Dabei geht es sowohl um die Ebene nuklearer Rüstung als auch um die Frage einer etwaigen Einkreisung Chinas, um dessen Streben nach Hegemonie zu konterkarieren.