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Wolfgang Harich, Andreas Heyer (ed.)

Das grüne Jahrzehnt

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-8288-4545-9, ISBN online: 978-3-8288-7595-1, https://doi.org/10.5771/9783828875951

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
SCHRIFTEN AUS DEM NACHLASS WOLFGANG HARICHS – Band 14 SCHRIFTEN AUS DEM NACHLASS WOLFGANG HARICHS – BAND 14 Mit weiteren Dokumenten und Materialien herausgegeben von Andreas Heyer Wolfgang Harich Das grüne Jahrzehnt Tectum Die Veröffentlichung des vorliegenden Bandes wurde gefördert durch die Wolfgang Harich Das grüne Jahrzehnt Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs. Band 14 Mit weiteren Dokumenten und Materialien herausgegeben von Andreas Heyer © Tectum – Ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2021 ePDF 978-3-8288-7595-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4545-9 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Bundesarchiv DH 2 Bild-F-01930, Leuna-Werke, Destillationsanlagen Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet: www.tectum-verlag.de Ergänzende Bildnachweise: 97 | Ludwig Binder Haus der Geschichte Studentenrevolte 1968 2001 03 0275.4240 (16900018369).jpg; 121 | Bundesarchiv Bild 183-1989-1216-014, Berlin, SED-Sonderparteitag, Bahro.jpg; 141 | Deutsche Fotothek, Fotothek df roe-neg 0006021 008 Chöre mit einem Porträtbild Stalins auf der Bühne. jpg; 323 | Bundesarchiv Bild 183-1989-1109-030, Berlin, Schabowski auf Pressekonferenz.jpg; 330 | Bundesarchiv Bild 183-86336-0001, Werneuchen, Bauernforum mit Hans Reichelt.jpg; 365 | Bundesarchiv Bild 183-1983-0321-037, Wartburg, Klaus Höpcke auf Lutherkonferenz.jpg; 399 | Bundesarchiv Bild 183- Z1212-049, Döllnsee, Erich Honecker und Helmut Schmidt.jpg; 410 | Bundesarchiv B 145 Bild- F054975-0009, Bonn, Helmut Schmidt, Ronald Reagan cropped.jpg; 427 | Bundesarchiv B 145 Bild- F039410-0008, Hannover, SPD-Bundesparteitag, Eppler.jpg; 448 | Bundesarchiv B 145 Bild- F023743-0013, Bonn, Lübke mit Berliner Bürgermeister Albertz.jpg; 520 | Bundesarchiv B 145 Bild- F065187-0022, Bonn, Pressekonferenz der Grünen, Bundestagswahl.jpg; 529 | Bundesarchiv B 145 Bild- F032086-0003, Kanzleramt, Brandt gibt Sommerfest, G. Grass.jpg; 531 | Bundesarchiv B 145 Bild- F031406-0017, Erfurt, Treffen Willy Brandt mit Willi Stoph.jpg; 537 | Bundesarchiv B 145 Bild- F063257-0006, Carl Friedrich von Weizsäcker.jpg; 567 | Bundesarchiv Bild 145 Bild-F035073-0018, Marion Gräfin Dönhoff Friedenspreis des Buchhandels.jpg; 646 | Bundesarchiv B 145 Bild-F034159-0008, Bonn, Bundeskanzler Brandt empängt Schauspieler.jpg; 708 | Bundesarchiv Bild 183-T0927-019, Berliner Ensemble, Probe Mutter Courage.jpg; 802 | Bundesarchiv Bild 183-1990-0208-015, Logo Grüne Partei der DDR.svg; 824 | Bundesarchiv Bild 183-1990-1015-012, Berlin, Pressekonferenz der Grünen. jpg Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Zur Edition Wolfgang Harich (1923–1995) zählt zu den wichtigen und streitbaren Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Befreundet mit Georg Lukács, Bertolt Brecht und Ernst Bloch wirkte er als Philosoph, Historiker, Literaturwissenschaftler und durch sein praktisches politisches Engagement. Letzteres führte nach seiner Verhaftung von 1956 wegen Bildung einer »konterrevolutionären Gruppe« zur Verurteilung zu einer zehnjährigen Haftstrafe. Die nachgelassenen Schriften Harichs erscheinen nun erstmals in einer elfbändigen Edition, die das reichhaltige Werk dieses undogmatischen Querdenkers in seiner ganzen Breite widerspiegelt: von seinen Beiträgen zur Hegel-Debatte in der DDR über seine Abrechnung mit der 68er-Bewegung im Westen bis zu seinen Überlegungen zu einer marxistischen Ökologie. Die Edition würdigt Wolfgang Harich als Philosophen, Literaturhistoriker, Feuilletonisten, als praktischen Streiter für die deutsche Einheit und die ökologische Umorientierung. Sie wird im Herbst 2013 eröffnet mit drei Bänden zur klassischen Deutschen Philosophie des Idealismus sowie zum Verhältnis von Materialismus und Idealismus. Zum Herausgeber Andreas Heyer, Dr. phil., Jg. 1974, Politikwissenschaften und Jura. Von 2000 bis 2002 war er Stipendiat der Graduiertenförderung des Landes Sachsen-Anhalt, im Anschluss dann Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 2003 promovierte er u. a. bei Iring Fetscher mit einer Arbeit über Diderots politische Philosophie. 2005 erschien in zwei Bänden das Lehrbuch Die französische Aufklärung um 1750. Zwischen 2003 und 2007 war er Mitarbeiter des DFG-Projekts Sozialutopien der Neuzeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte der politischen Utopien der Neuzeit sowie zur Philosophie in der DDR. Im Zuge dieser Arbeiten entstand sein besonderes Verhältnis zu den Schriften Wolfgang Harichs, das sich in mehreren Veröffentlichungen niederschlug. Seit 2012 arbeitet er mit Unterstützung durch Anne Harich an der Herausgabe der nachgelassenen Schriften Wolfgang Harichs. Editionsplan (Stand November 2020) 1. Frühe Schriften (in 3 Teilbänden, erschienen) 2. Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie (erschienen) 3. Widerspruch und Widerstreit – Studien zu Kant (erschienen) 4. Herder und das Ende der Aufklärung (erschienen) 5. An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx (erschienen) 6. Vorlesungen zur Philosophiegeschichte (in 2 Teilbänden, erschienen) 7. Schriften zur Anarchie (erschienen) 8. Ökologie, Frieden, Wachstumskritik (erschienen) 9. Georg Lukács – Dokumente einer Freundschaft (erschienen) 10: Nicolai Hartmann. Der erste Lehrer (erschienen) 11: Arnold Gehlen. Eine marxistische An thro po lo gie? (erschienen) 12: Friedrich Nietzsche. Der Wegbereiter des Faschismus (erschienen) 13: Schriften zur Kultur (in 2 Teilbänden) 14: Das grüne Jahrzehnt 15: Schriften zur Politik 16: Autobiographie Inhalt Das grüne Jahrzehnt (Andreas Heyer) 19 a) Zurück ins Leben 19 b) Wege zur Ökologie 36 c) Scheitern in der DDR 54 d) Weg in den Westen 71 e) Im Westen 85 f ) Literatur 129 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ 131 Zur Einführung. Von Freimut Duve 133 I. Dialektischer Materialismus und Ökologie 137 II. Marx + Mal thus? 151 III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten 176 IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome 207 V. Ökologische Krise und Klassenkampf 229 VI. Kommunismus als Lösung 251 VII. Kritik der Bedürfnisse und der Kommunismus Babeufs. Briefe an Freimut Duve 285 Teil II: Briefe und Dokumente 317 1) Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit (27. Juni 1976) 319 2) Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit (26. Juli 1976) 322 3) Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit (30. August 1976) 325 4) Brief an Robert Jungk (06. August 1976) 327 5) Brief an Hans Reichelt (30. August 1976) 329 6) Brief an die Redaktion des Neuen Deutschland (01. September 1976) 331 7) Grenzen des Wachstums des Elends? Ein Zukunftsentwurf aus der Dritten Welt (Juli 1977) 332 8) Zur Auseinandersetzung um die Kernkraftwerke (Herbst 1977) 339 9) Grußbotschaft an den Kongress »Sozialistische Umweltpolitik« der Jungsozialisten in Frankfurt am Main (BRD) vom 28. Oktober bis 6. November 1977 (Oktober 1977) 347 10) Brief an die Redaktion der Weltbühne (01. November 1977) 355 11) Brief an die Redaktion der Weltbühne (02. Dezember 1977) 356 12) Brief an die Redaktion der Weltbühne (24. Januar 1978) 360 13) Brief an Freimut Duve (21. Fe bru ar 1978) 363 14) Brief an Klaus Höpcke (14. November 1978) 364 15) Brief an Klaus Höpcke (20. November 1978) 368 16) Brief an Klaus Höpcke (31. Dezember 1978) 373 17) Brief an Christian Fenner (19. Fe bru ar 1979) 376 18) Brief an die Botschaft der Republik Österreich in der Deutschen Demokratischen Republik (02.  April 1979) 377 19) Brief an die Spanische Botschaft in der DDR (02.  April 1979) 378 20) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich (12.  April 1979) 380 21) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich (17.  April 1979) 383 22) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich (19. Mai 1979) 384 23) Brief an Samuel Geiser (31. Mai 1979) 387 24) Brief an das Komitee für die Freilassung Rudolf Bahros (16. Juni 1979) 388 25) Brief an Friedrich Bauer (15. Juni 1979) 390 26) Brief an die Botschaft der Republik Frankreich in der Republik Österreich (22. Juni 1979) 390 27) Brief an Karl Kolbe (04. Juli 1979) 392 28) Brief an das Maison Heinrich Heine (04. Juli 1979) 393 29) Brief an das Bezirkspolizeikommissariat Leopoldstadt (14. Juli 1979) 393 30) Brief an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (26. Juli 1979) 394 31) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich (26. Juli 1979) 396 32) Brief an das Sozialistische Regionalbüro (19. August 1979) 397 33) Brief an Helmut Schmidt (27. August 1979) 398 34) Brief an Günther Heipp (05. September 1979) 401 35) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich (05. September 1979) 402 36) Brief an Peter Grohmann (06. September 1979) 403 37) Brief an Herbert Gruhl (12. September 1979) 405 38) Brief an Inge Feltrinelli (16. September 1979) 406 39) Brief an Rudolf Kießlinger (25. September 1979) 407 40) Brief an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (20. Oktober 1979) 408 41) Brief an Helmut Schmidt (20. Oktober 1979) 409 42) Brief an Gisela Wittkowski (24. Oktober 1979) 412 43) Brief an Walter Kratzer (26. Oktober 1979) 416 44) Brief an Herbert Gruhl (11. November 1979) 417 45) Brief an Freimut Duve (13. November 1979) 420 46) Brief an Wolf-Dieter Hasenclever (21. November 1979) 420 47) Brief an Herrn Holzer (29. November 1979) 424 48) Brief an Erhard Eppler (30. November 1979) 425 49) Brief an Herbert Gruhl (04. Dezember 1979) 428 50) Brief an Dorothea Baroness von Plettenberg (15. Dezember 1979) 432 51) Brief an Herrn Schüler (15. Dezember 1979) 433 52) Brief an Friedrich Bauer (16. Dezember 1979) 435 53) Brief an Egon Bahr (17. Dezember 1979) 437 54) Brief an Freimut Duve (17. Dezember 1979) 438 55) Brief an Hannes Schwenger (17. Dezember 1979) 438 56) Brief an Lucia Laaf (22. Dezember 1979) 439 57) Brief an Henri Nannen (22. Dezember 1979) 439 58) Brief an Helmut Gollwitzer (17. Januar 1980) 441 59) Brief an Heinrich Albertz (17. Januar 1980) 448 60) Brief an Wolf-Dieter Hasenclever (20. Januar 1980) 452 61) Brief an Robert Jungk (21. Januar 1980) 455 62) Brief an die Redaktion des Kurier (27. Januar 1980) 462 63) Brief an Helmut Gollwitzer (03. Fe bru ar 1980) 463 64) Brief an Heinrich Albertz (03. Fe bru ar 1980) 466 65) Brief an Lucia Laaf (20. Fe bru ar 1980) 468 66) Brief an Rudolf Steinke (22. Fe bru ar 1980) 470 67) Brief an Annemarie Dieter (24. Fe bru ar 1980) 473 68) Brief an Wolf-Dieter Hasenclever (24. Fe bru ar 1980) 474 69) Brief an Erhard Eppler (24. Fe bru ar 1980) 474 70) Brief an Herbert Gruhl (25. Fe bru ar 1980) 475 71) Brief an die Evangelische Studentengemeinde (25. Fe bru ar 1980) 477 72) Brief an das Sozialistische Büro Hamburg (25. Fe bru ar 1980) 478 73) Brief an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (26. Fe bru ar 1980) 478 74) Brief an Harald Kirchner (27. Fe bru ar 1980) 482 75) Brief an Herbert Gruhl (14. März 1980) 483 76) Brief an Helmut Gollwitzer (17. März 1980) 491 77) Brief an L. J. Brinkhorst (26. März 1980) 494 78) Brief an Herbert Gruhl (27. März 1980) 495 79) Brief an Wilfried Osterkamp (31. März 1980) 498 80) Brief an August Haußleiter (05.  April 1980) 499 81) Brief an Helmut Gollwitzer (07.  April 1980) 503 82) Brief an Günther Kuhring (07.  April 1980) 505 83) Brief an Wiebke Bruhns (07.  April 1980) 506 84) Brief an Arno Klönne und Karl Maria Schulte (08.  April 1980) 507 85) Brief an Helga Koppel (08.  April 1980) 508 86) Brief an Gisela Wirth (09.  April 1980) 509 87) Brief an Herbert Gruhl (10.  April 1980) 510 88) Brief an Roland Vogt (11.  April 1980) 516 89) Brief an Norbert Mann (11.  April 1980) 517 90) Brief an Petra Kelly (11.  April 1980) 519 91) Brief an Caroline de Luis (12.  April 1980) 521 92) Brief an Werner Jung (12.  April 1980) 523 93) Brief an Werner Jung (18.  April 1980) 525 94) Brief an Günter Grass (18.  April 1980) 528 95) Brief an Helmut Schmidt (18.  April 1980) 529 96) Brief an Willy Brandt (19.  April 1980) 530 97) Brief an Carl Friedrich von Weizsäcker (20.  April 1980) 536 98) Brief an Helmut Gollwitzer (20.  April 1980) 540 99) Brief an August Haußleiter (20.  April 1980) 541 100) Brief an Joana Maria Gorvin-Bauer (28.  April 1980) 541 101) Brief an die BfA (30.  April 1980) 544 102) Brief an Petra Kelly (30.  April 1980) 549 103) Brief an Peter Glotz (10. Mai 1980) 550 104) Brief an Walter Hähnle (10. Mai 1980) 553 105) Brief an Helmut Gollwitzer (10. Mai 1980) 554 106) Brief an Egon Bahr (16. Mai 1980) 555 107) Brief an Waltraud Finck (18. Mai 1980) 558 108) Brief an Wiebke Bruhns (20. Mai 1980) 559 109) Brief an Carl Friedrich von Weizsäcker (21. Mai 1980) 561 110) Brief an Marion Gräfin Dönhoff (21. Mai 1980) 566 111) Brief an Kilian und Bea Wittkowski (30. Mai 1980) 569 112) Brief an Helmut Gollwitzer (08. Juni 1980) 572 113) Brief an Helga Koppel (10. Juni 1980) 577 114) Brief an die Koordination »Ökologie und Frieden« (10. Juni 1980) 578 115) Brief an Egon Bahr (10. Juni 1980) 579 116) Brief an Frau Wittenburg (12. Juni 1980) 580 117) Die Grünen und die Bundestagswahl 1980 (11. Juni 1980) 581 118) Brief an Helmut Schmidt (18. Juni 1980) 590 119) Brief an Egon Bahr (18. Juni 1980) 592 120) Brief an Thomas Heilmann (01. Juli 1980) 598 121) Brief an Freimut Duve (01. Juli 1980) 598 122) Brief an VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften (01. Juli 1980) 599 123) Brief an Werner Heine (07. Juli 1980) 600 124) Brief an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (07. Juli 1980) 601 125) Brief an Peter Offenbach (08. Juli 1980) 603 126) Brief an Werner Heine (10. Juli 1980) 604 127) Brief an Peter Glotz (15. Juli 1980) 605 128) Brief an Petra Kelly (15. Juli 1980) 606 129) Brief an Wieland Elfferding (15. Juli 1980) 606 130) Brief an Wolf-Dieter Narr und Klaus Vack (16. Juli 1980) 607 131) Brief an John Erpenbeck (17. Juli 1980) 608 132) Brief an die Akademische Verlagsanstalt Athenaion (28. Juli 1980) 611 133) Brief an Kilian und Bea Wittkowski (28. Juli 1980) 612 134) Brief an die Stadt Osnabrück (09. September 1980) 613 135) Brief an die Universität Hamburg, Theatersammlung (09. September 1980) 613 136) Brief an Jan Robert Bloch (25. September 1980) 614 137) Brief an Wolfgang Krüger (26. September 1980) 615 138) Brief an Peter Glotz (27. September 1980) 616 139) Brief an Die Zeit (29. September 1980) 617 140) Brief an Max Winkler (21. Oktober 1980) 618 141) Brief an Omar A. Shalbak (21. Oktober 1980) 622 142) Brief an Rolf Stolz (21. Oktober 1980) 623 143) Brief an Herrn Siska (31. Oktober 1980) 623 144) Brief an Klemens Wittkowski (06. November 1980) 624 145) Brief an Brigitte Bach (07. November 1980) 627 146) Brief an Matthias Schiller (09. November 1980) 635 147) Brief an Jutta Kolesnyk (09. November 1980) 636 148) Brief an Folker Fröbel und Marianne Müller (24. November 1980) 641 149) Brief an Jutta Held (30. November 1980) 642 150) Brief an E. F. Schumacher-Gesellschaft (30. November 1980) 643 151) Brief an Erik Nohara (05. Dezember 1980) 645 152) Brief an Ulrich Goch (05. Dezember 1980) 647 153) Brief an Egon Bahr (09. Dezember 1980) 651 154) Brief an Familie Röder (10. Dezember 1980) 654 155) Brief an Ulrich Goch (Zweite Dezemberwoche 1980) 655 156) Brief an Gisela Wittkowski (14. Dezember 1980) 657 157) Brief an Herbert Gruhl (15. Dezember 1980) 660 158) Brief an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (08. Januar 1981) 662 159) Brief an Klaus Hoffmann (08. Januar 1981) 665 160) Brief an Wolfgang Döbrich (09. Januar 1981) 668 161) Brief an die E. F. Schumacher-Gesellschaft für Politische Ökologie (20. Januar 1981) 668 162) Brief an Emil Birkert und Gerda Kunkel (20. Januar 1981) 672 163) Brief an Herbert Gruhl (20. Januar 1981) 672 164) Brief an Helga Koppel (20. Januar 1981) 673 165) Brief an Erhard Eppler (20. Januar 1981) 675 166) Brief an Inge Feltrinelli (21. Januar 1981) 676 167) Brief an Jörg Kammler (23. Januar 1981) 678 168) Brief an August Haußleiter (26. Januar 1981) 679 169) Brief an Eva Pfisterer und Bruno Aigner (29. Januar 1981) 680 170) Brief an Hubert Fragner (29. Januar 1981) 681 171) Brief an Manfred Siebker (09. Fe bru ar 1981) 683 172) Brief an Erhard Eppler (10. Fe bru ar 1981) 688 173) Brief an Freimut Duve (10. Fe bru ar 1981) 689 174) Brief an Iring Fetscher (12. Fe bru ar 1981) 691 175) Brief an Richard Weißkopf (17. Fe bru ar 1981) 692 176) Brief an die Regierung der DDR (24. Fe bru ar 1981) 693 177) Brief an Barbara Herbig (10. März 1981) 694 178) Brief an Erhard Eppler (13. März 1981) 697 179) Brief an Arnold Haumann (15. März 1981) 701 180) Brief an Alfred Mechtersheimer (15. März 1981) 702 181) Brief an Hartmut R. Fondermann (Mitte März 1981) 705 182) Brief an Erhard Eppler (05.  April 1981) 706 183) Brief an Gisela May (26.  April 1981) 708 184) Brief an Eva Pfisterer (26.  April 1981) 711 185) Brief an Gisela Wittkowski (28.  April 1981) 712 186) Brief an Erhard Eppler (14. Mai 1981) 714 187) Brief an Eta Harich-Schneider (21. Juni 1981) 716 188) Brief an Jörg Kammler (21. Juni 1981) 717 189) Brief an das Sozialgericht München (23. Juni 1981) 717 190) Brief an Eberhard Zamory (25. Juni 1981) 720 191) Brief an Carl Amery (25. August 1981) 721 192) Brief an Pino und Caroline de Luis (28. August 1981) 722 193) Brief an Andreas Widmer (28. August 1981) 723 194) Brief an Gisela Wittkowski (01. September 1981) 724 195) Zur Soziologie der Kriegsgefahr. Kölner Vortrag vom 15. September 1981 729 196) Brief an Gregor Schirmer (16. Oktober 1981) 739 197) Brief an das Sozialgericht München (22. Dezember 1981) 741 198) Brief an Klaus-Dieter Oetzel (27. Dezember 1981) 742 199) Brief an Gregor Schirmer (05. Januar 1982) 744 200) Brief an den Rat des Stadtbezirks Friedrichshain (11. Mai 1982) 748 Teil III: Nachklänge 751 Wolfgang Harichs ökologisches Denken in der Wendezeit (Andreas Heyer) 753 1) Brief an Jost Herbig (21. August 1988) 801 2) Brief an die Grüne Partei in der DDR (25. November 1989) 802 3) Brief an die Grüne Partei in der DDR (26. November 1989) 802 4) Nochmals: Die Grünen der DDR zur deutschen Frage (26. Dezember 1989) 803 5) Brief an Günter Gaus (02. Januar 1991) 810 6) Konsumterror oder ökologische Vernunft (Januar 1990) 811 7) Brief an Gert Wolf (05. Fe bru ar 1990) 818 8) Ökologiebücher für die DDR (27. Fe bru ar 1990) 822 9) Brief an Eberhard Walde (24. März 1990) 823 10) Globale Revolution? Weltrevolution? Vortrag (04. November 1991) 826 11) Brief an Gottfried Kludas (02. Dezember 1991) 830 12) Brief an Adam Schaff (14. Juni 1992) 831 Leuna-Werke, Destillationsanlagen 19 Andreas Heyer Das grüne Jahrzehnt a) Zurück ins Leben Am 18. Dezember 1964 wurde Harich wegen einer Amnestie anlässlich des 15. Jahrestages der Gründung der DDR aus dem Zuchthaus entlassen. Er blieb in dem kleineren deutschen Staat, vor allem aber in seiner Heimatstadt Berlin, die so wichtig für ihn war, wie er auch in verschiedenen Briefen aus den Jahren 1980 und 1981 formulierte. So sprach er, um nur ein Beispiel zu geben, gegenüber Max Winkler, mit dem er in der »Ernst Friedrich Schumacher-Gesellschaft für Politische Ökologie« zusammenarbeitete, am 21. Oktober 1980 von »starkem Heimweh nach Berlin und der Mark Brandenburg«. Seine Frau, Anne Harich, schrieb in ihren Erinnerungen über seine Entlassung aus dem Zuchthaus: »Von Bautzen wird er mit einem Auto abgeholt, die Fahrt endet in Berlin, Friedenstra- ße 8. Dort lebt seine Mutter. Die Reise führt über den Alexanderplatz. Der Begleiter ist stolz auf die herrliche Architektur, die auf und um den Alexanderplatz herum entstanden ist, und er sagt: ›Diese Pracht wäre ohne unseren antifaschistischen Schutzwall nicht denkbar‹, und Harich denkt: wie furchtbar, und das alles wollte ich verhindern. Er kehrt mit leeren Händen zur Mutter zurück. Sein Kopf aber ist gefüllt mit den Schriften Jean Pauls und anderem mehr, und überhaupt, er hat viele Pläne und ist guter Hoffnung, sie umsetzen zu können. Er will jetzt alles wieder gutmachen, bereut hat er lange genug. Über Jean Paul durfte er im letzten Jahr seiner Haft arbeiten und forschen, eine Art Ersatztherapie nach einem erlittenen Herzinfarkt. Das Ergebnis verschwiegen die zuständigen Ärzte. Eine Einweisung in ein Haftkrankenhaus fand 20 Einführung nicht statt. Bei Jean Paul aber fand Harich alles, was seinem kranken Herzen nur guttun konnte. Allein die Vorstellung: Harich in seiner Zelle sitzend, liest Jean Pauls erste Satire Lob der Dummheit. (…) Aber jetzt ist er nicht mehr ein- und weggeschlossen. Er ist wieder mitten drin im Getriebe des Lebens, und das heißt für ihn: erst einmal muss er sich heiß verlieben. Das klappt mit Gisela May, der Schauspielerin und Brechtinterpretin. Die ist sein Typ. Die hat gerade Liebeskummer, und die Weigel sagt ihr: Nimm dir den Harich, der hat acht Jahre lang gesessen, der ist scharf wie eine Rasierklinge. Sie überlegt ein bisschen, aber nicht zu lange. Und der Freigelassene stürzt sich leidenschaftlich, voll guten Glaubens in die Liebe und in seine ausgiebigen Jean-Paul-Studien. Er zieht in die Dachkammer der May, seinen Elfenbeinturm. Er hält fleißig an Jean Paul fest; 1968 erscheint in Leipzig und Frankfurt am Main, Suhrkamp-Verlag, Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus. Nebenbei betreut er, philologisch, die von Werner Schuffenhauer herausgegebene Werkausgabe Ludwig Feuerbachs. Er arbeitet nicht systematisch und schon gar nicht nur zurückgezogen an Jean Paul. Das geht nicht. Es ist eine viel zu aufregende Zeit. Das revolutionäre Feuer, entfacht durch die studentischen Bewegungen, tobt hinter Stacheldraht und Mauer, es droht europaweit, ja weltweit auszubrechen. Die verheißungsvollen Erhebungen, die er gezwungenermaßen auf Distanz beobachtet, fordern ihn zum Um- und Nachdenken und zum Einmischen in das Geschehen heraus; es beeinflusst seine Sicht auf Jean Paul, den zeitbezogenen Dichter und Gesellschaftskritiker, und auch er, Harich, muss sich zu den Ereignissen seiner Zeit äußern, das geht nicht anders für ihn. Auf welche Möglichkeiten kann er zurückgreifen? Mit der Philosophie sei es für ihn vorbei, hatte man ihm vor der Entlassung aus dem Zuchthaus gesagt. Er vergisst die Anordnung, er will seine Kritik an der revolutionären Ungeduld, die er zu erkennen meint, eingreifend zum Ausdruck bringen.«1 Auch Harich kann zu seiner Entlassung und den letzten Monaten seiner Inhaftierung zu Wort kommen. Im Frühjahr 1992 schrieb er in der Arbeit Die Ereignisse aus meiner Sicht: »Am 7. Oktober 1964 ward mir zum vierten Mal die Zeitung durch einen Offizier und mit Emphase in die Zelle gereicht, diesmal von einem mit strahlenden Augen. In Anwesenheit Breshnews, im Zeichen des Machtwechsels von Chruschtschow zu ihm und Kossygin, hatte am Vorabend die Volkskammer anlässlich des 15. Gründungstages der DDR eine große Amnestie erlassen. Leicht lässt sich ausrechnen, dass unter die 1 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 164. 21Heyer: Das grüne Jahrzehnt auch alle noch einsitzenden ›Konterrevolutionäre‹ von 1956/1957 fielen, mich einbegriffen. Am 18. Dezember 1964, nach 8 Jahren und 21 Tagen Haft, ließen zwei Vernehmer mich zum letzten Mal zu sich bringen, nachdem ich über zehn Wochen lang, von Glücksgefühl beflügelt, wenn auch unter sich mehrenden Extrasystolen des Herzens, meine Arbeit an Jean Paul emsig fortgesetzt hatte. Die Inquirenten machten mich mit einem Oberstleutnant der Stasi bekannt, der mir zu Beginn des neuen Jahres bei meiner Eingliederung ins Berufsleben behilflich sein werde. ›Es werden sich Leute finden‹, meinte der mürrische Vernehmer zum Schluss, ›die Sie wegen der Geschichten, die Sie angestellt haben, loben werden. Vergessen Sie nicht, dass Sie nie werden wissen können, von wem die kommen. Wir meinen es gut mit Ihnen, deshalb sagen wir Ihnen das gleich.« Der Soldat, der das Tor aufschloss, drückte mir die Hand, indem er Ulbrichts übliche Floskel sprach: ›Viel Erfolg bei der Arbeit und alles Gute im persönlichen Leben!‹ Der Oberstleutnant ließ mich in seinen Wagen steigen. Er fuhr eine Schleife über den Alexanderplatz, um beim Anblick der Neubauten zu sagen: ›Diese Pracht wäre ohne unseren antifaschistischen Schutzwall nicht denkbar.‹ Vor meiner Haustür setzte er mich ab. Irene war längst auf und davon. Meine Mutter drückte mich ans Herz. Sie hatte zwei Infarkte hinter sich.«2 Nachdem Harich die ersten Jahre seiner Haftzeit in völliger intellektueller Isolation verbracht hatte, abgeschnitten von jeglichen Nachrichten und von jedweder Lektüre, durfte er ab 1963 wieder vereinzelt Bücher lesen, zuvorderst jedoch vor allem Parteiliteratur, darunter beispielsweise die Grundlagen der marxistischen Philosophie oder die Geschichte der KPdSU. Außerdem hatte er die Erlaubnis erhalten, sich Notizen und Exzerpte anzufertigen, auf vorher von der Gefängnisleitung durchnummerierten Blättern, die er dann zur Kontrolle abgeben musste, wobei natürlich nicht das Gefängnis, sondern die Staatssicherheit die Überprüfung bewerkstelligte. Einige dieser Notizen sind in seinem Nachlass überliefert und wurden in den letzten Jahren ediert. Es ist auch heute noch bedrückend, wenn man beispielsweise seine Ausführungen über Nicolai Hartmann liest, unterteilt in zwei Kapitel, das erste sich mit dessen Leben, das zweite mit seiner »philosophischen Entwicklung« beschäftigend, in denen Harich sein vorhandenes Wissen rekapitulierte, bis ins einzelne, ihm noch bekannte, bewusste Detail ausformulierte und schließlich den ganzen Versuch mit den Worten abbrach (die sicherlich ein Stück weit auch für die Staatssicherheit bestimmt waren): »Unmöglich, die Arbeit auch nur skizzenhaft fortzusetzen, ohne wenigstens die Bücher Nicolai 2 Harich: Die Ereignisse aus meiner Sicht, S. 104. 22 Einführung Brief an Gisela May 23Heyer: Das grüne Jahrzehnt Hartmanns zur Hand zu haben.«3 Immerhin bekam er aber in den Monaten vor seiner Entlassung, wie gerade vermerkt, auch Bücher von und über Jean Paul zu lesen. Es kann angesichts dieser Gesamtsituation nicht überraschen, dass sich Harich in den Monaten und Jahren nach seiner Haft sukzessive ins intellektuelle, denkerische Leben zurücktasten musste – ihm fehlten schlicht und ergreifend zehn Jahre. Und so arbeitete er da weiter, wo er 1956 unterbrochen worden war. Es waren Themen aus dieser Zeit, mit denen er sich nun noch einmal beschäftigte, um in den Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zurückzukommen. Im Folgenden bietet es sich an, diese Themenfelder in sechs Unterpunkten nacheinander anzusprechen. 1) In der Haftzeit hatte er sich – wie gerade gesehen: teilweise nur auf der Basis seines Gedächtnisses, teilweise anhand von offizieller Parteiliteratur – mit verschiedenen Themen beschäftigt. Dabei tritt dem Leser noch heute das ganze wirklich Traurige und Ausweglose seiner damaligen Situation vor Augen. In ganz kleiner Schrift verfertigte er seine Exzerpte und Ausführungen, fast schon konzentriert auf jeden einzelnen Buchstaben, dessen Niederschrift bedeutete, dass Zeit mit intellektueller Betätigung verging. In der Auseinandersetzung mit der offiziellen Parteiliteratur verbrachte er die letzten ein bis zwei Jahre seiner Haftzeit. Auf seinen Versuch, sich beispielsweise mit Nicolai Hartmanns Philosophie zu beschäftigen, wurde bereits verwiesen.4 Zeitlich daran anschließend durfte er dann die Broschüre Die deutsche Philosophie von 1917–1945 lesen und verfertigte dabei Notizen zu den darin enthaltenen Ausführungen von Erhard Albrecht über Nicolai Hartmann, Günther Jacoby und Aloys Wenzl. Obwohl ihm klar war, dass die Staatssicherheit seine Arbeiten las, kritisierte er den Text von Albrecht, der in der Broschüre die Seiten 26–36 einnahm, ausführlich auf fast 50 Seiten.5 Daneben beschäftigte er sich beispielsweise mit Plechanows Ausführungen über Logik und Dialektik, die er ebenfalls kritisierte,6 und verfertigte Kritische Bemerkungen zu Pawlows Zweitem Signalsystem (Sprache).7 Seine intensive Lektüre des Lehrbuchs Grundlagen der marxistischen Philosophie führte zu einem ausführlichen – kommentierenden, kritisierenden und zustimmenden – Exzerpt sowie in diesem Zusammenhang zu verschiede- 3 Band 2, S. 775. – Texte Harichs aus anderen Teilen der Edition werden mit Angabe der Bandnummer und Seitenzahl zitiert. Texte aus dem vorliegenden Band sind nicht extra ausgewiesen. 4 Band 2, S. 757–775. 5 Band 10, S. 816–863. 6 Band 2, S. 697–756. 7 Band 11, S. 506–513. 24 Einführung nen weiteren kleinen Studien, beispielsweise den Dispositionen Widerspruch und Widerstreit. Ein Beitrag zur Klärung des Verhältnisses von formaler Logik und materialistischer Dialektik sowie Die Raum-Zeit-Auffassung des Materialismus.8 2) Während sich Harich in den letzten Monaten seiner Haftzeit vor allem mit erkenntnistheoretischen Fragestellungen beschäftigt hatte, erarbeitete er sich nach seiner Freilassung auch das von ihm bis 1956 intensiv erforschte philosophiehistorische Erbe wieder. Er beschäftigte sich erneut mit der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus, vor allem mit Hegels Überlegungen. Es entstanden beispielsweise die Manuskripte Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus.9 Doch auch die Erkenntnistheorie im weiteren Sinn hielt ihn nach wie vor in ihrem Bann. Bereits in seinen Gefängnisnotizen taucht die Überschrift Widerspruch und Widerstreit auf. Er hatte zu diesem Thema gearbeitet, erste Manuskripte angefertigt und stellte in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in verschiedenen, mehrere Überarbeitungsstufen anzeigenden Versionen das Manuskript gleichen Namens fertig.10 Der Inhalt steht insofern einzigartig in der DDR da, als Harich nicht nur die Auseinandersetzung mit verschiedenen DDR-Philosophen suchte, sondern sogar die entsprechenden Schriften Lenins überaus kritisch durchleuchtete. Am 19. November 1969 schrieb Harich an den Leiter des Akademie-Verlages Werner Mußler: »In meinen Schubläden liegen drei umfangreiche Manuskriptfragmente – das umfangreichste mit 150 Schreibmaschinenseiten – und zahlreiche noch unausgearbeitete Notizen und Exzerpte zum Thema Widerspruch und Widerstreit. Ein Beitrag zur Klärung des Verhältnisses von Logik und Dialektik. Der Unterschied zu den einschlägigen Schriften von Stiehler und anderen besteht a) darin, dass ich von einer sehr umfassenden, gründlichen, ins Detail gehenden kritischen Analyse der sogenannten ›transzendentalen Dialektik‹ Kants, insbesondere des Antinomienkapitels in der Kritik der reinen Vernunft ausgehe und erst von da her zu Fichte, Schelling und Hegel gelange, b) in der Gegensätzlichkeit der Resultate (die Widerspruchslogik der klassischen deutschen Philosophie erscheint bei mir als etwas rein Idealistisches, das nicht zum progressiven Gedankenerbe gehört) – womit gesagt ist, dass ich jetzt, allerdings mit subtileren gedanklichen Mitteln und auf einem höheren Niveau philosophiegeschichtlicher Bildung, 8 Alle abgedr. in: Band 3, 445–536. 9 Beide abgedr. in: Band 5, S. 247–312. 10 Alle abgedr. in: Band 3, S. 53–316. 25Heyer: Das grüne Jahrzehnt in diesem bestimmten Punkt ähnliche Ansichten vertrete, wie ich sie einst, vor vielen Jahren, an Rugard Otto Gropp u. a. als ›ultralinks‹ und ›sektiererisch‹ abgelehnt habe. Sie sehen: Nicht ungestraft nimmt man ›Gelegenheit zum Nachdenken‹, wie sie mir beschieden gewesen, ausgiebig wahr.«11 3) Auch wenn die Staatssicherheit ihm überaus deutlich gesagt hatte, dass er weder in das Licht der Öffentlichkeit zurückkehren noch sich mit direkt philosophischen oder politischen Themen auseinandersetzen dürfe, konnte Harich sich an diese Weisung natürlich nicht halten. Widerspruch und Widerstreit ist dafür nur ein Beispiel. Um allerdings Konfrontationen zu vermeiden, beschäftigte er sich mit der Politik, indem er lange Briefe an fiktive Personen schrieb, die er nie abschickte. Einen davon verfasste er zwischen dem 28. und dem 31. Mai 1968.12 Er suchte darin die Auseinandersetzung mit Robert Havemanns Artikel Sozialismus und Demokratie. Der »Prager Frühling« – Ein Versuch, den Teufelskreis des Stalinismus zu durchbrechen, der, nach Vorabdrucken in Dänemark und der Tschechoslowakei am 31. Mai 1968 auch in der Zeit erschienen war. Zusammenfassend schrieb er: »Havemanns Vorschläge in irgendeinem sozialistischen Land verwirklichen hieße nicht nur, alle konterrevolutionären Kräfte in dem betreffenden Land ermuntern, es hieße, in der Ausstrahlung auf den Westen, gleichzeitig auch, die Abneigung der ›anarchistisch‹ revoltierenden Studenten gegen unseren Sozialismus nur noch steigern (denn ein bürgerlich-demokratisches ›Establishment‹ bei uns wäre ihnen auf die Dauer ja noch widerwärtiger als das bisherige ›bürokratische‹), und es hieße vor allem die nicht-anarchistischen, konventionell linken Parteien und Gewerkschaften im Westen in der falschen Vorstellung bestätigen, dass es richtig und angemessen sei, die latent revolutionären Massenbewegungen im Rahmen der Institutionen, Formen und Spielregeln der bürgerlichen Scheindemokratie, des Parlamentarismus, des gewerkschaftlichen Ringens ums Sozialpaket, festzubannen – wie in Frankreich gehandhabt –, statt energische Schritte in Richtung Rätedemokratie, nach dem Muster der Pariser Kommune von 1871 und der russischen Revolutionen von 1905 und 1917, zu tun, wozu große Teile der französischen Arbeiterklasse wahrscheinlich schon jetzt bereit gewesen wären.«13 11 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 167. 12 Abgedr. in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, S. 359–379. 13 Harich: Über Robert Havemanns politische Konzeption, S. 379. 26 Einführung 4) Im Frühjahr 1969 kam von Hans Magnus Enzensberger die Einladung zur Beteiligung am Kursbuch Nummer 19, das der Anarchie-Problematik gewidmet sein sollte.14 Es ist nicht klar, warum Enzensberger Harich ausgerechnet zu diesem Thema als Autor wollte, eventuell ging dies auf verschiedene Gespräche etc. zurück. Harich sagte seine Mitarbeit zu und begann zügig mit der Herstellung des Manuskript. Aus dem geplanten Aufsatz wurde ein Buch. Der ihm nun vorliegende Text war für das Kursbuch viel zu lang. Harich nahm das fertige Manuskript und kürzte es zusammen. Verschiedene Passagen oder Kapitel ließ er dabei ganz weg, allerdings blieb die Originalstruktur voll erhalten. Der so entstandene Text (dessen Anmerkungsapparat ebenfalls reduziert wurde) umfasste insgesamt 43 Seiten des Kursbuchs und erschien unter dem Titel Zur Kritik der revolutionären Ungeduld.15 Doch wohin mit dem vollständigen Manuskript? Das Buch erschien schließlich 1971 in Basel, in der bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannten, da neu gegründeten »edition etcetera«. Der vollständige Titel, sicherlich auch in Abgrenzung zum Kursbuch, lautete: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus. Das Manuskript hatte – bis zu seinem Druck – eine kleine Odyssee hinter sich, die in Berlin begann. Es war für Harich selbstverständlich, dass er das Werk zuerst Verlagen der DDR zum Druck anbot. So verfuhr er immer, der Westen war für ihn als Publikationsort nur eine Notlösung – und selbst als solche hatte er damit oft Probleme, unternahm lieber die dritte, vierte, fünfte Umarbeitung mit Blick auf DDR-Verlage, DDR-Zeitschriften, schrieb Briefe und Eingaben etc.16 Je politischer und tagesaktueller, philosophisch grundlegender ein solcher Text war, desto mehr war Harich bereit, Arbeitszeit zu investieren, um einen Druck, oder zumindest die Diskussion der aufgestellten Thesen in der DDR irgendwie zu ermöglichen. Dieses Vorgehen unterschied ihn (neben vielen anderen Aspekten) völlig von Personen wie beispielsweise Robert Havemann, die ihre Arbeiten direkt für 14 Das Kursbuch 19 erschien im Dezember 1969. 15 Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, S. 71–113. 16 Dem Nachdruck seines in der Sinn und Form erschienenen Aufsatzes Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß (in leicht überarbeiteter Form) im Westen – im Rowohlt Literaturmagazin, S. 88–122 – stimmte Harich nur zu, da auch die von ihm kritisierten Stücke Heiner Müllers in der Bundesrepublik erhältlich seien und dort diskutiert werden würden. Den Platz für die eigentliche Debatte aber sah er in der DDR und deren Zeitschriften (siehe S. 116 f.). Gegenteilig entschied er sich beispielsweise im Fall Rudolf Bahros. Nach dessen Verhaftung verweigerte er jede Stellungnahme in der Bundesrepublik zu dessen Alternative, da sich Bahro nicht in Freiheit in den gleichen Publikationsorganen wehren könne. Siehe hierzu: Heyer: Rudolf Bahros »Alternative«, S. 93–105. Siehe auch in diesem Band die Briefe an Rudolf Steinke. 27Heyer: Das grüne Jahrzehnt bundesrepublikanische Verlage und Zeitschriften anfertigten.17 Harich glaubte immer daran, auch nach seiner Haftentlassung, dass er sich in der DDR als Autor durchsetzen werde. Am 19. November 1969 schrieb er an Werner Mußler: »Ich hoffe, dass Sie inzwischen meine Arbeit Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus gelesen haben und dass Sie Ihnen einigermaßen gefällt – unabhängig davon, ob sie sich für den Akademie-Verlag eignet oder nicht. Ich habe mittlerweile, von Enzensberger und Michel gedrängt, eine Kurzfassung dieser Arbeit (…) des Ihnen vorliegenden Manuskriptes zusammengestellt und sie der Redaktion des Kursbuch zum Vorabdruck überlassen. Selbstverständlich ist, den Vorschriften entsprechend, das Büro für Urheberrechte davon in Kenntnis gesetzt worden, dem ich im Übrigen auch einen Fahnenabzug zugehen lassen werde; einen weiteren Abzug erhalten Sie. (…) In den redaktionellen Anmerkungen am Schluss des Heftes wird folgendes vermerkt werden: ›Der Aufsatz von Wolfgang Harich, Kritik der revolutionären Ungeduld, wurde vom Autor aus in sich gekürzten Teilen einer größeren Auseinandersetzung mit dem alten und dem neuen Anarchismus zusammengestellt, die demnächst erscheinen wird.‹18 Von dem umfangreichen Anmerkungs-Teil des Ihnen vorliegenden Manuskripts ist in der Kurzfassung aus Raumgründen nur sehr wenig übrig geblieben. (…) Was das ungekürzte, Ihnen vorliegende Manuskript anbelangt, so habe ich es bis jetzt noch keinem westdeutschen Verleger angeboten, auch nicht dem Suhrkamp-Verlag, der das Kursbuch ja verlegerisch betreut. Ich werde auch keine Schritte in dieser Richtung unternehmen, sondern erst einmal abwarten, wie der Akademie-Verlag nach Prüfung des Manuskripts diese Angelegenheit beurteilt.«19 In Harichs Nachlass finden sich leider keine weiteren Schriftstücke, die über den Fortgang seiner Bemühungen, das vollständige Manuskript in der DDR zu veröffentlichen, Auskunft geben. Aber die Sache scheiterte, der Akademie-Verlag (Harichs Hauptansprechpartner für Buch-Manuskripte in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR) lehnte den Druck ab. Dies geschah die ganze Zeit der DDR hindurch mit fast schon typischer Regelmäßigkeit, am bedauerlichsten ist sicherlich der Umgang mit den Hartmann-Manuskripten Harichs.20 In dem 1972 verfassten Nachtrag Die Baa- 17 Hierzu alle wichtigen Hinweise bei: Heyer: Robert Havemanns »Morgen« und der postmaterielle Utopiediskurs, S. 70–92. Außerdem: Amberger: Bahro, Harich, Havemann. 18 Dieser Passus findet sich im gedruckten Kursbuch 19 nicht, die Herausgeber hatten Harichs Bitte ignoriert. 19 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 168 f. 20 Siehe die Dokumente des 10. Bandes. 28 Einführung der-Meinhof-Gruppe hatte sich Harich auf den ersten Seiten ziemlich ausführlich zur Publikationsgeschichte der Kritik der revolutionären Ungeduld nach dem Scheitern seiner DDR-Bemühungen geäußert.21 Es heißt dort: »Als mein Manuskript noch halbwegs aktuell war, ist es zwischen Ende 1969 und Frühjahr 1970 nacheinander fünf Verlagen in der Bundesrepublik angeboten worden, die sich alle nicht entschließen konnten, es zu bringen. Suhrkamp, Pahl-Rugenstein, Rowohlt und Piper lehnten es entweder überhaupt ab oder bestanden auf Änderungen, die mir nicht einleuchteten. Die Beanstandungen reichten von einer zu weit gehenden Sympathie mit dem Anarchismus, geltend gemacht von Pahl-Rugenstein, bis zu dem traurigen Kopfschütteln des Herrn Klaus Piper darüber, dass ich, statt den Weg der Piper-Autoren Kolakowski und Havemann zu gehen, ein unverbesserlicher Stalinist geblieben bin. Im April wandte ich mich an Luchterhand. Auf Anraten Frank Benselers nahm man dort meine Arbeit zwar ohne Änderungswünsche an, aber gegen Benselers Proteste machte man die Veröffentlichung nun von rechtlichen Bedingungen abhängig, die ich trotz monatelanger Bemühungen nicht zu erfüllen im Stande war.«22 Frank Benseler, der sich – im zeitlichen Anschluss an Harichs Verhaftung – in der Bundesrepublik um die Werke Georg Lukács’ im deutschen Sprachraum verdient gemacht hat23 (und bis heute verdient macht), versuchte also, Harichs Manuskript bei Luchterhand unterzubringen, doch auch dieses Unterfangen scheiterte. In Die Baader-Meinhof-Gruppe schilderte Harich dann den weiteren Verlauf. Auf Vermittlung Benselers landete das Manuskript schließlich in Basel bei der »edition etcetera«, der Druck erfolgte 1971. 1972 erschien in Mailand bei Feltrinelli eine italienische Übersetzung des Werkes.24 Zu diesem Vorgang liegt ein Brief Harichs an Inge Feltrinelli vor, datiert auf den 16. Mai 1971, in dem das Übersetzungsprojekt angedacht wurde.25 Die Rechtelage des Buches war ja insofern etwas unklar, als Harich keinen Vertrag mit dem Baseler Verlag hatte. Von daher schrieb er Inge Feltrinelli, dass er davon ausgehe, die Auslandsrechte frei vergeben zu können. Diese teilte (unter dem Hinweis, dass sie die Rechte von Harich bekommen habe) der »edition etcetera« am 18. Oktober 1972 den Druck der italienischen Ausgabe mit. 21 Band 7, S. 223–450. 22 Band 7, S. 223 f. Siehe hierzu: Hamm: Revolutionäre Geduld, S. 41. 23 Harich äußerte sich in dem Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! zu Benseler als Lukács-Herausgeber. Siehe die Dokumente des 9. Bandes. 24 Critica dell’impazienza rivoluzionaria, Mailand, 1972. 25 Brief an Inge Feltrinelli vom 16. Mai 1971, S. 9–10. 29Heyer: Das grüne Jahrzehnt Im Zuge dieser Entwicklung kehrte Harich 1972 auch inhaltlich arbeitend, überarbeitend, noch einmal zu dem Werk zurück. Er plante offensichtlich eine deutsche Neuausgabe des Buches (dieses war mit zahlreichen, teils sogar entstellenden Rechtschreib- und Druckfehlern erschienen) und verfasste einen umfangreichen Nachtrag, der vor allem den thematischen Zweck hatte, seine Ansichten von 1969 auf der Basis der vorgefallenen politischen Entwicklungen und neuen Herausforderungen zu aktualisieren. Das Manuskript trägt den Titel Nachtrag 1972. Ein Gespräch mit dem Autor. (Abweichend auch: Die Baader-Meinhof-Gruppe.) Datiert ist das Fragment auf der letzten Seite mit dem Hinweis »Abgeschlossen am 24. Oktober 1972, Berlin.« (Da Harich in diesem Text zur Ökologie sich äußerte, wird später darauf zurückzukommen sein.) 5) Es klang in den bereits gebrachten Zitaten bereits an, dass die Beschäftigung mit Jean Paul für Harich seit seiner Haftentlassung am wichtigsten war, zentrale Bedeutung hatte. Die Arbeit an den entsprechenden Manuskripten unterbrach er, um anderes zu erlegen, und kehrte dann immer zu seiner Hauptaufgabe zurück. 1992 schrieb er in Die Ereignisse aus meiner Sicht, wie es zu seiner Beschäftigung mit Jean Paul gekommen war: »Im Oktober 1963 holte die Stasi mich wieder nach Berlin ab. Diesmal ging es, per ›Minna‹, wieder in die Haftanstalt Magdalenenstraße. Ich bekam dort – eine neue Vergünstigung – nicht mehr aus dem Blechnapf zu essen, sondern von Porzellantellern, und erhielt Liegeerlaubnis nach den Mahlzeiten. Nachdem ich sieben Jahre abgesessen hatte, ließen mein liebenswürdiger Vernehmer und einer seiner Vorgesetzten mich ihnen vorführen, um mir zu eröffnen, dass ich beruflich von der Philosophie ganz würde Abschied nehmen müssen. Aber ich hätte ja auch Germanistik studiert, und ich solle mir ein Thema aussuchen, an dem ich da meine Befähigung erproben könne. Man werde mir dabei behilflich sein, vor allem beim Heranschaffen von Büchern, wenn nötig auch aus der Staats- und der Universitätsbibliothek. Nach dem Jahreswechsel fand eine weitere Unterredung statt. Ärgerlich darüber, dass im März 1963 das Neue Deutschland mit keiner Silbe des 200. Geburtstages von Jean Paul gedacht hatte, wählte ich mir dessen Vermächtnis zum Forschungsgegenstand,26 mit dem Vorsatz: ›Euch 26 Die Staatssicherheit hatte ihm verschiedene andere literaturwissenschaftliche Arbeitsbereiche vorgeschlagen, beispielsweise die Analyse der Werke Friedrich Hebbels. Doch mit diesem wollte sich Harich nicht beschäftigen, da er sich nicht zur 48er-Revolution äußern wollte. Die verschiedenen Probleme bei der wissenschaftlichen Arbeit mit der SED-Dogmatik (u. a. die Logik-Diskussion; die zermürbenden Streitereien um Bertolt Brecht und 30 Einführung werde ich’s zeigen!‹ Ich beabsichtigte, auf marxistischer Grundlage die einschlägigen Forschungen meines Vaters fortzusetzen. Auch erinnerte ich mich an Becher, der zu mir mehrmals geäußert hatte: ›Jean Paul, das ist, ich spüre es, etwas ganz, ganz Großes. Aber wie an ihn heran kommen? Ich weiß es nicht. Jeder Anlauf von mir ist da stecken geblieben. Und Lukács? Jean Paul dürfte bei ihm die ärgste Bildungslücke sein. Beim Quintus Fixlein hat er aufgegeben, die umfangreichen Romane, wie den Titan, nie auch nur in die Hand genommen.‹ Mit meiner Themenwahl zeigte die Stasi sich äußerst zufrieden. Sollte ich meine Strafe absitzen müssen, hatte ich noch knapp drei Jahre Zeit. Berge von Büchern durfte meine Mutter mir mit Hilfe des Berliner Ensembles, das den Transport übernahm, herbeischaffen. In meiner Zelle, in der es kein Regal gab, stapelten sie sich auf dem Fußboden. Ich machte mich ans Lesen, ans Exerpieren, ans Schreiben.«27 Walther und Anne-Lise Harich Mit Jean Paul hatte sich bereits Harichs Vater beschäftigt und ein Buch über diesen geschrieben (Jean Paul, Leipzig, 1925). Jean Paul war also seit Harichs Jugend Teil von dessen geistiger Genese, wie bereits seine frühen Briefe an Ina Seidel deutlich aufzeigen.28 dessen mögliche und nötige Wirkung im Berlin des Nachkriegsjahrzehnts; der Hegel-Streit inklusive der Auseinandersetzungen um seine philosophiehistorischen Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität) in den fünfziger Jahren hatten ihn nach der Haft vorsichtig gemacht. 27 Harich: Die Ereignisse aus meiner Sicht, S. 103 f. 28 Siehe beispielsweise seinen Brief vom 11. Juni 1942: »Ich habe mich immer am begeistertsten (ist dieser Superlativ gestattet?) zu denjenigen Büchern und Menschen bekannt, die mir nicht so viel neues gaben, als vielmehr mir Zusammenhänge, Gedanken, Parado- 31Heyer: Das grüne Jahrzehnt In dem Manuskript Meine Lehrer heißt es: »Ich fing mit 15 Jahren an, ihn zu lesen. Ich verdanke ihm vor allem (nächst Thomas Mann) nationales Bewusstsein und Sinn für Skurriles. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hielt ich ihn für den größten Schriftsteller aller Zeiten. Lektüre von Shakespeare, Goethe, Balzac und Tolstoi hat mich inzwischen eines anderen belehrt. Aber nie wieder habe ich Bücher so geliebt, wie ich die von Jean Paul liebte.«29 Und noch im hohen Alter war er von dem Dichter fasziniert. Seine Frau erzählte mir, dass das Jean-Paul-Buch und der Dingo-Aufsatz die beiden Produkte aus seiner Feder waren, in denen er selbst gern blätterte und las. In ihren Erinnerungen schrieb sie außerdem: »Erinnere ich mich solcher Stunden, dann sehe ich Harich auf seinem Sofa liegen, es ist eingerahmt von Bücherregalen. Vom Kopfende aus erreicht er mühelos sein Radio, und mühelos kann er nach den Werken Lukács’ und Hartmanns greifen, und über beiden hat er für Jean Paul ein Stück Brettlänge eingerichtet, und zum Fußende hin folgen Marx und Engels. Das war sein Fleck, sein Platz, hier schlief er des Nachts, und hier ruhte er am Tage aus; hier flüchtete er hin, hier waren seine Lehrer und Verbündeten versammelt, bei ihnen fand er Halt und Schutz und Kraft gegen Verletzung; bei ihnen holte er sich Gewissheit über Gedachtes, über Geschehenes und Wahrgenommenes; und hier holte ihn Vergangenes ein, dass er nie jemandem anzuvertrauen vermag.«30 1967 erschien dann im Leipziger Reclam-Verlag ein Band mit einer Auswahl aus Texten Jean Pauls, zu dem Harich bereits im Sommer 1965 eine Einleitung verfasst hatte. Im Dezember 1967 wurde diese von ihm nochmals überarbeitet und erweitert und schließlich erschien der Band im Frankfurter Suhrkamp-Verlag im darauf folgenden Jahr erneut. 1974 schließlich erschien in Ost und West gleichzeitig Harichs Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer neuen Deutung seiner heroischen Romane – das Ergebnis seiner knapp zehnjährigen Beschäftigung mit diesem Thema. xismen, Situationen etc. zu Bewusstsein brachten, die ich nur irgendwie dunkel geahnt hatte, und auf die ich nun dadurch, dass sie ausgesprochen wurden, hingestoßen wurde. Es ist eine verklärte Art des Wiedererkennens. Wenn man ein philosophisches Buch liest, so ist das Wiedererkennen kein Wunder. Ein solches Buch besteht überhaupt immer ausschließlich aus Gedanken, die notwendig wiedererkannt werden müssen, weil sonst das ganze Buch nicht verstanden werden kann. Bei Dichtern begegnet einem dieses Phänomen schon seltener. Derjenige Dichter, in dem ich mich am stärksten wiedererkenne, ist Jean Paul. Und bei Menschen begegnet es einem ganz selten.« (Band 1.1, S. 88 f.) 29 Meine Lehrer, Band 1.1, S. 120. 30 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 148. 32 Einführung Durch die Arbeit zu Jean Paul gelang Harich, wenn man so formulieren will, der Weg zurück ins wissenschaftliche Leben, wobei er freilich in der DDR nie wieder offiziell in »Amt und Würden« eingesetzt werden sollte. Sein Ausschluss aus den philosophischen Diskussionen der DDR, der in den achtziger Jahren den Höhepunkt erreichte, begann bereits nach seiner Haft – publizieren durfte er zu politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Fragestellungen nicht. Jean Pauls Revolutionsdichtung war sein letztes Buch, das er in der DDR veröffentlichen durfte. Nur das Gebiet der Kultur stand ihm, ebenfalls unter starken Restriktionen, noch offen (siehe beispielsweise den Dingo-Aufsatz in der Sinn und Form). Vermittelt über die Nähe zu Gisela May fand Harich aber wieder Anschluss an die Berliner Künstlerkreise, vor allem im Umfeld des Berliner Ensembles.31 Und, man kann es durchaus so formulieren, unter dem Schutz ihrer Berühmtheit über die Grenzen der DDR hinaus, waren auch »Westkontakte« möglich. Mit Arnold Gehlen setzte er den brieflichen Austausch fort,32 Rudolf Augstein kannte er bereits aus der Zeit vor seiner Haft, hinzu traten nun Bekanntschaften zu Enzensberger, Marlies und Wolfgang Menge oder beispielsweise Günter Gaus. Über die Kontakte zu den Feltrinellis berichtete Harich in dem Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe.33 In den siebziger Jahren kam es dann vor allem zu verschiedenen Kontakten mir Ökologen, Wachstumskritikern und Friedensforschern. Während dieser Zeit wohnte er dann bereits bei Gisela May, die von Anne Harich erwähnte Dachkammer war seine Studierstube geworden.34 Dies erklärt sich auch dadurch, dass Harich, obwohl er an der Feuerbach-Ausgabe des Akademie-Verlages als (aus SED-Sicht selbstredend nicht in irgendwelchen Titelangaben benannter) philologischer und editorischer Bearbeiter maßgeblich mitwirkte, im Verlag selbst kein Arbeitszimmer bekam – man befürchtete, dass, vermittelt durch den Raum, neue »konterrevolutionäre« Aktivitäten zu Stande kommen könnten.35 Der Akademie-Verlag hielt, in enger Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, seine dortige Arbeit fast schon geheim – anhand der nach dem Ende der DDR archivierten Materialien lässt sich heute nicht einmal mehr belegen, dass Harich je für den Verlag tätig war. Die Beschäftigung mit Jean Paul war keine solitäre Angelegenheit und schon gar nicht ein thematischer Bruch, sondern Fortsetzung des Begonnenen auf – wenn man so 31 Siehe hierzu: Halberstadt: Erinnerungen an Gespräche mit Wolfgang Harich, S. 138–145. 32 Siehe die entsprechenden Dokumente in Hinweise in Band 11. 33 Siehe Band 8. 34 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 164 f. 35 Siehe hierzu: Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 127 f. 33Heyer: Das grüne Jahrzehnt will – einem neuen, politisch sicherlich unverfänglicheren (mit Blick etwa auf Hegel) Gebiet. Mit der Jean-Paul-Monographie hatte Harich für sich jenes Diktum umgesetzt, das er bereits 1952 in seiner Hegel-Denkschrift aufgestellt und das beispielsweise auch seine intensive Vorlesungstätigkeit sowie weitere Manuskripte dieser frühen Jahre geprägt hatte.36 Im Zuge der Verteidigung seiner Vorlesungstätigkeit erklärte er dort: Es »dürfte kein Zweifel darüber bestehen, dass z. B. ein Germanist, der Schiller verstehen will, auch etwas von Kant und von Schillers ästhetischen und philosophischen Schriften wissen muss. Es dürfte auch kein Zweifel darüber bestehen, dass, wenn man über eine marxistische Interpretation dieser Themen verfügt – man sie auch ausnutzen muss.«37 Im Jean-Paul-Buch zeigte Harich, dass selbstverständlich auch jeder Literatur produzierende Zeitgenosse von Kant, der sich zu diesen oder zu anderen Fragen äußerte, den Königsberger Philosophen zu verstehen trachtete – was den meisten, so Harich bedauernd, leider kaum gelungen sei. Doch zurück ins 20. Jahrhundert: Wenn der zu Schiller arbeitende Germanist sich mit Philosophie beschäftigen müsse, sei natürlich gerade vom Philosophen zu fordern, dass sein Horizont fast schon universalhistorisch angelegt zu sein habe. Georg Lukács war der Zeitgenosse, dem Harich dies zu allererst zubilligte. Doch mit der Fertigstellung des Jean-Paul-Buches trat die Literaturwissenschaft in den Hintergrund, die Ökologie absorbierte Harichs Energie nunmehr voll und ganz. Eine gedruckte Wortmeldung Harichs zu Jean Paul kam in den Jahren bis zu seinem Tod nicht mehr zu Stande. Jean Pauls Revolutionsdichtung blieb Höhepunkt und »offizieller« Abschluss seiner Beschäftigung mit dem Schriftsteller, der ihn wie kein zweiter in 36 Siehe die entsprechenden Passagen bei: Eckholdt: Begegnungen mit Wolfgang Harich. Dort auch zahlreiche Anekdoten und weiterführende Beobachtungen. 37 In: Band 5, S. 129. Jean Paul, von Vogel von Vogelstein, 1822 34 Einführung seinen Bann gezogen hatte. Am 04. Juli 1979 schrieb er in einem »Brief an das Maison Heinrich Heine« an einen Herrn Harder: »Ich danke Ihnen für Ihre vom 28. Juni 1979 datierte Einladung, im Winter 1979/1980 zu einem Vortrag oder einem zweiwöchigen Seminar zu ihnen nach Paris zu kommen. Folgen werde ich Ihrer Einladung nicht, da ich grundsätzlich jedwede Beschäftigung mit Literaturwissenschaft aufgegeben habe und meine Zeit und Arbeitskraft nur noch der politischen ökologistischen Bewegung widme. Ihren Germanistikstudenten bitte ich auszurichten, sie mögen ihre ganze nutzlose Tätigkeit einstellen und sich der Frage zuwenden, wie die katastrophenschwangeren Weltkrisen, die auf uns zukommen, ja, in denen wir schon mitten darin stecken, noch aufzuhalten sind. Mit freundlichem Gruß.« Wichtig und bedeutsam blieb Jean Paul aber dennoch für Harich. Seine Versuche einer Neuauflage des Werkes in der DDR scheiterten aber ebenso wie Jean Paul so gut wie jede Würdigung in der DDR verwehrt blieb, in den achtziger Jahren sicherlich ein Stück weit auch deshalb, weil sich Harich für diese einsetzte. Für ihn selbst aber, im privaten Gespräch, blieb Jean Paul eine Autorität. An Jutta Held und Norbert Schneider schrieb er am 30. November 1980: »Euch möchte ich nun vor allem bitten, Euch schnellstens zu vergewissern, ob Ihr mein Jean-Paul-Buch wiedergefunden habt. Wenn ja, dann beachtet bei der Lektüre im Gedanken an ›edle Motive‹ die folgenden Charaktere: Gustav und Ottomar; Flamin, Klotilde und Victor; Albano und Idoine. Wenn nein, dann teilt mir den Verlust des Buches schleunigst mit, damit ich euch über den Rowohlt-Verlag ein neues Exemplar zugehen lassen kann.« Und es gab von Seiten Harichs dann sogar noch Versuche, erneut zu Jean Paul sich zu äußern. Am gleichen Tag schrieb er an Carl Amery und Max Winkler, dass er sich gern an der von der »Ernst Friedrich Schumacher-Gesellschaft« geplanten Vortragsreihe »Ökologie und Literatur« mit einem Vortrag zum Thema Zur Vorgeschichte der alternativen Insel in der deutschen Klassik beteiligen wolle. Folgende Gliederung schlug er vor: 1) »Einleitende Bemerkung in eigener Sache zum Zusammenhang zwischen meinen literaturwissenschaftlichen und politischen-ökologischen Bemühungen. 2) Die alternative Insel in der heutigen Ökologiebewegung und die Vorgeschichte dazu im Utopischen Sozialismus (theoretisch bei Fourier, theoretisch und praktisch bei Owen). 35Heyer: Das grüne Jahrzehnt 3) Noch vorher dasselbe Problem in der deutschen Klassik, insbesondere bei Goethe und bei Jean Paul. 4) Zu Goethe: a) Die Urgestalt des Wilhelm Meister in dem 1910 wieder entdeckten Fragment. b) Die Umarbeitung des Fragments: Vom bloßen Theater- zum umfassenden Bildungsroman. c) Die Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahren als alternative Insel. Widerspiegelung der Resultate der Französischen Revolution. Antifeudale Grundtendenz bei Ablehnung des Staatsproblems. Emanzipation durch ästhetische Erziehung. Der Einfluss Schillers. 5) Zu Jean Paul: a) Der perennierende Grundgedanke der drei heroischen Romanen: Utopie einer Übertragung der Französischen Revolution auf Deutschland. b) Die Einwirkung des Wilhelm Meister von 1796 an: Lernbereite Adaption und kritische Abwehr zugleich. c) Im Titan: Albano und Roquairol als Gegencharaktere zu Wilhelm Meister. Politische statt ästhetischer Erziehung. d) Die Gestalt der Prinzessin Idoine. Ihr Arkadien als alternative Insel. Übereinstimmung mit der Turmgesellschaft aus Wilhelm Meister und Gegensatz dazu. e) Der Sinn der Ausgangsutopie des Titan: Die Staatsmacht als Hebel zur Veränderung der gesellschaftlichen Totalität. 6) Aktuelle Nutzanwendung: a) Von der Subkultur der APO zur dezentralen Produktions- und Lebensgruppe bei den (praktizierenden) Grünen. Aktuelle Entsprechungen des in der deutschen Klassik und im Utopischen Sozialismus vorgezeichneten Modells der alternativen Insel. b) Positiver Sinn und entpolitisierende Gefahr der alternativen Insel heute.« 6) Neben diesen privaten wissenschaftlichen Studien war Harich nach seiner Haftentlassung freiberuflich, d. h. auf Honorarbasis, für den Akademie-Verlag tätig. Bekannt ist, dass er die Feuerbach-Edition des Verlages, die Werner Schuffenhauer herausgab, philologisch umfassend betreute. Daneben übernahm er aber auch noch verschiedene andere Projekte. So erarbeitete er beispielsweise verschiedene Exposés mit Vorschlägen zur Erschließung des philosophischen, kulturellen und literarischen Erbes der bürgerlichen Vergangenheit. Außerdem er betreute unter anderem die Herausgabe von Schriften Georg Klaus’ (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und der Einzelwissenschaften), 36 Einführung mit dem er ja bis zu seiner Verhaftung intensiv zusammengearbeitet hatte.38 An Werner Mußler, den Leiter des Akademie-Verlages, schrieb Harich am 31. März 1973: »Ich überreiche gleichzeitig das Manuskript des o. g. Bandes an die Redaktion Philosophie des Akademie-Verlages, zu Händen Frau Häfner. Eine frühere Ablieferung des Manuskripts war wegen meiner laufenden Beanspruchung durch die Feuerbach-Ausgabe, die stets den Vorrang behalten sollte, nicht möglich. (In meiner Freizeit konnte ich mich, angesichts eigener Arbeiten – zum Beispiel des großen Buches über Jean Paul –, dem Projekt Klaus in den vergangenen Jahren nicht widmen. Den zweiten Band Klaus werde ich voraussichtlich erst Anfang 1974 in Angriff nehmen können, da jetzt bei der Feuerbach-Ausgabe die folgenden Aufgaben anstehen: a) Die Durchsicht der Bogen zu Band 5 (Das Wesen des Christentums), b) die Herstellung des Manuskripts für die Bände 12 und 13 (J. P. A. Ritter von Feuerbachs biographischer Nachlass, bearbeitet, herausgegeben und eingeleitet von seinem Sohn Ludwig Feuerbach) und c) die – zum Teil recht komplizierte – Korrektur der Fahnen zu Band 1 (Frühschriften), letzteres laut Plan ab 12. September 1973. Daneben werden in meiner Freizeit die Korrekturen an dem Jean-Paul-Buch laufen. Bis Ende 1974 hoffe ich, auch das Manuskript von Klaus Band 2 vorlegen zu können.«39 b) Wege zur Ökologie Am 10. Januar 1983 schrieb Harich an Robert Steigerwald über seine Beschäftigung mit der Philosophie seines akademischen Lehrers Nicolai Hartmann, die ja in den achtziger Jahren das Hauptfeld seiner philosophischen Überlegungen bildete – genauer, über den von ihm dabei beschrittenen Weg: »Anfang der siebziger Jahre folgte Besessenheit von Zukunftsforschung und politischer Ökologie; letzteres übrigens auch wieder durch die frühe Nicolai-Hartmann-Rezeption vorbereitet, die mich die Stalinschen ›Grundzüge‹ hatte sehr Ernst nehmen und daher den ersten ›Grundzug‹ schon 1948/1949 mit ökologischem Illustrationsmaterial anreichern lassen, weshalb denn, als die Zeit erfüllt war, der ›Club of Rome‹ mich wie ein coup de foudre traf.«40 Der Beginn von Harichs Auseinandersetzung mit ökologischen Fragestellungen wäre also 38 Die entsprechenden Texte, Briefe usw. druckt Band 1.3, S. 1858–1921. 39 Band 1.3, S. 1918. 40 Band 10, S. 871. 37Heyer: Das grüne Jahrzehnt bereits in die späten vierziger, frühen fünfziger Jahre zu verlegen. Dies ist richtig und falsch zugleich. Zutreffend ist, dass er sich in diesen Jahren intensiv mit Naturphilosophie, mit physikalischen, chemischen und biologischen Fragen beschäftigte, also als Philosoph in das Gebiet der Naturwissenschaften übergriff. In verschiedenen Aufsätzen und in seinen Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität ging er auf diesen Komplex mehrfach ein. Aber ohne dabei ein ökologisches Bewusstsein zu entwickeln, das sich ja sowieso erst, beginnend in Amerika, in der Mitte der sechziger Jahre zu artikulieren begann. Es mag sein, es ist angesichts der vielen Kontinuitäten im Denken Harichs sogar durchaus wahrscheinlich, dass ihm seine damals gewonnenen Kenntnisse in den Siebzigern bei der Errichtung jenes Fundaments halfen, auf dem sein ökologisches Konzept dann ruhte. In den Jahren der SBZ und der jungen DDR jedoch vertrat Harich mit Blick auf Industrialisierung, die Ausgestaltung der sozialistischen Gesellschaft usw. Thesen, die vollständig im Kontext der damaligen sozialistischen Ideologie aufgingen. Als Beispiel hierfür kann auf seinen Aufsatz Zum Problem der neuen Arbeitsmoral verwiesen werden, der 1949 in der Einheit (es war der einzige Beitrag, den Harich je für diese Zeitschrift verfasste) erschien. Darin verteidigte er das Prinzip des Leistungslohns, das heißt die Beibehaltung eines eigentlich kapitalistischen Instruments zum Aufbau der sozialistischen Wirtschaft.41 Das sei wichtig, um der Gleichmacherei ebenso entgegen- 41 Es heißt: »In der antifaschistisch-demokratischen Ordnung der sowjetisch besetzten Zone erscheinen der ultralinke Radikalismus und utopistische Illusionismus hauptsächlich in der Form von Gleichmachereibestrebungen. Die Forderung der Gleichmacher hat erfahrungsgemäß immer dann bei den Massen Resonanz und kann zur Gefahr werden, wenn das Proletariat die führende Rolle im gesellschaftlichen Leben zu spielen beginnt und sich vor die konkreten Aufgaben und Probleme der Übergangsepoche gestellt sieht. (…) Die Notwendigkeit der Entwicklung eines neuen Arbeitsethos im Zusammenhang mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität, die fortschreitende Entfaltung des Prinzips der Leistungslöhne nach technisch begründeten Normen und der Methode des sozialistischen Wettbewerbs. Der Begriff ›Arbeitsethos‹ hat für die Arbeiter, verständlicherweise, einen verdächtigen Klang. Er scheint dadurch belastet, dass er eine beliebte Antreiberphrase der Ausbeuter war. Ebenso scheint das Prinzip der Leistungslöhne eine Neuauflage des Taylorsystems, der maximalen Auspressung der Arbeitskräfte durch Akkordsätze zu sein. Die Arbeiter müssen also auf einmal – scheinbar gleiche – Dinge bejahen und erstreben, die sie vorher verneinten und bekämpften. Erst das Bewusstsein der völlig neuen gesellschaftlichen Situation, der eigenen führenden Rolle im gesellschaftlichen Leben, der Tatsache, dass die Steigerung der Arbeitsproduktivität nicht mehr die Profite von Ausbeutern mehrt, sondern fortschreitend die eigenen Lebensbedingungen verbessert – erst dieses Bewusstsein ermöglicht dem Proletariat jene innere Umstellung, die es zur Meisterung der neuen Aufgaben und Probleme befähigt. Die Totengräber des Kapitalismus müssen sich – mit 38 Einführung zutreten wie dem »utopischen Illusionismus, hauptsächlich in der Form von Gleichmachereibestrebungen«.42 Insgesamt machte er acht Punkte geltend, die beweisen würden, dass die Bezahlung des Einzelnen nach seiner jeweiligen Leistung den Aufbau des Sozialismus begründen und beschleunigen könnte. Diese seien hier wiedergegeben, um Harichs damaliges Denken zu illustrieren: »1. Das schlagendste Argument ist die Entfaltung der Aktivistenbewegung im volkseigenen Sektor, die durch ihr bahnbrechendes, erzieherisches Beispiel den letzten Widerstand, das letzte Misstrauen beseitigen und durch systematische Organisierung des Wettbewerbs in den Betrieben und zwischen den Betrieben nach und nach alle Arbeiter in den Prozess der Umwandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse, in den Prozess der geistigen und moralischen Verwandlung des Proletariats hineinreißen wird. einem Wort – in die Baumeister des Sozialismus verwandeln. Das Schwierige und Komplizierte dieser Verwandlung besteht nun darin, dass sie einerseits im Bewusstsein vollzogen sein muss, damit die Baumeisterinitiative sich überhaupt schöpferisch und vielseitig entfalten kann, dass aber andererseits dieses Bewusstsein in der Masse des Proletariats erst Schritt für Schritt, erst im Prozess des Bauens, erst wenn die Konturen des neuen Hauses bereits sichtbar zu werden beginnen, heranreift, sich festigt und selbstverständlich wird. In diesem Prozess der Verwandlung des gesellschaftlichen Bewusstseins des Proletariats, der zugleich der Prozess der bewussten Verwandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse durch das Proletariat ist, ist die Aktivistenbewegung ein Faktor von gewaltiger Bedeutung. Die Aktivisten schlagen die erste kühne Bresche in die überlebten Vorstellungen und Gewohnheiten. Sie reißen die widerstrebenden, misstrauischen, schwerfälligeren, weniger bewussten Elemente der Klasse in den Prozess der Verwandlung hinein. Sie sind die Träger des neuen Bewusstseins, der neuen sozialistischen Arbeitsmoral.« (Band 6.2, S. 1369 f.) 42 Band 6.2, S. 1373, 1369. Der junge Harich 39Heyer: Das grüne Jahrzehnt 2. Es ist die Verwendung falscher, voreiliger Bezeichnungen für die sozialökonomische Struktur der sowjetischen Besatzungszone zu vermeiden und zu bekämpfen. Wir leben weder im Sozialismus noch in einer Volksdemokratie, sondern in einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung, in der die Arbeiterklasse bereits entscheidende Positionen errungen hat und eine führende Rolle spielt. Nur wenn wir diese neue Ordnung Schritt für Schritt festigen und weiterentwickeln, den Einfluss der Ausbeuterelemente zurückdrängen, die Schieber, Spekulanten und Saboteure vernichten, wird unsere Zone der Magnet werden, der seine Anziehungskraft auf die werktätigen Massen Westdeutschlands nicht verfehlen wird. Unsere erste Aufgabe ist der Kampf um die nationale Einheit Deutschlands. Der Verwirklichung dieser Aufgabe dient unser Kampf um die Festigung und Weiterentwicklung der neuen demokratischen Ordnung in der sowjetischen Besatzungszone. 3. Die volkseigenen Betriebe, die den Hasardeuren der imperialistischen Kriegspolitik entrissen und den Arbeitern übergeben wurden, sind die Grundlage der neuen demokratischen Ordnung. Sie wird um so gefestigter, je mehr die volkseigenen Betriebe ihre Rentabilität und ihre klare Überlegenheit über den privatkapitalistischen Sektor erweisen. Das wird nur dann möglich sein, wenn in den volkseigenen Betrieben die Leistungen der Arbeiter durch Intensivierung und bessere Organisation der Arbeit, durch technische Verbesserungen und Erfindungen, durch Entfaltung der Aktivistenbewegung und des sozialistischen Wettbewerbs verdoppelt und verdreifacht werden. Die Hauptbedingung dafür ist eine neue Arbeitsmoral, ein Hauptmittel der Leistungslohn. 4. Die Arbeiter in den volkseigenen Betrieben der sowjetischen Besatzungszone arbeiten nicht mehr für profitlüsteme Ausbeuter, sondern für sich selbst, für die Verbesserung ihrer eigenen materiellen Lebensbedingungen, für die Sicherung eines glücklicheren Lebens ihrer Kinder, für eine Zukunft ohne Krisen und Kriege. Wenn heute das von den Arbeitern in den volkseigenen Betrieben geschaffene Mehrprodukt noch nicht restlos den werktätigen Massen zu Gute kommt, so auch deshalb, weil immer noch Schieber und Spekulanten ihr Unwesen treiben. Die Schieber und Spekulanten jedoch können durch ein Nachlassen in den Anstrengungen der Arbeiter nicht einmal geschädigt werden. Sie können aber mit Unterstützung aller Werktätigen durch die Organe unseres neuen Staatswesens vernichtet werden. (…) 5. Das Wechseln der Arbeitsplätze seitens der qualifizierten Arbeitskräfte ist eine Gefahr für den volkseigenen Sektor. Der Leistungslohn verhindert das Wandern der qualifi- 40 Einführung zierten Arbeiter von einem Betrieb zum anderen, bindet sie an den volkseigenen Betrieb, schafft ihnen gewohnte, übersehbare, heimische Arbeitsplätze, an denen sie das Maximum ihrer Möglichkeiten ausschöpfen können. 6. Der Leistungslohn ist keine endgültige, sondern nur eine vorübergehende Einrichtung. Das unverrückbare Ziel des Proletariats bleibt die kommunistische Gesellschaft, in der ›die knechtende Unterwerfung der Menschen unter die Teilung der Arbeit‹, der Unterschied zwischen Stadt und Land, der Unterschied zwischen Handarbeitern und Intellektuellen aufgehoben und die Arbeit nicht mehr notwendiges Mittel zum Leben, sondern erstes Bedürfnis der Menschen sein wird. Auf dieser Stufe wird jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten und jeder nach seinen Bedürfnissen genießen. Damit sie erreicht werden kann, muss der Reichtum der Menschheit gewaltig vermehrt, die Arbeitsproduktivität ins Gigantische gesteigert und der arbeitende Mensch zu einem neuen Menschen erzogen werden. Der Leistungslohn, das sozialistische Prinzip: ›Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen!‹ ist die Quelle des kommunistischen Überflusses, der Motor der steilen Aufwärtsentwicklung der Arbeitsproduktivität und das beste Mittel zur Erziehung des neuen Menschen. Die Tendenzen der Gleichmacherei, die darauf abzielen, die Menschen, die im Kapitalismus herangewachsen sind, von heute auf morgen mit – falsch verstandener – kommunistischer Gleichheit zu beglücken, ohne dass auch nur ein Bruchteil der zur Befriedigung aller Bedürfnisse nötigen Konsumtionsmittel vorhanden wäre, stehen der Verwirklichung des Kommunismus hemmend im Wege und verzögern die Überwindung der Ungleichheit. 7. Der Leistungslohn ist kein notwendiges Übel, das auf einer Übergangsstufe leider in Kauf genommen werden müsste. Er ist eine echte revolutionäre Errungenschaft des Proletariats, ein revolutionäres Mittel zur Vermenschlichung des Menschen. Der Leistungslohn entwickelt die besten Eigenschaften, die den Menschen der bürgerlichen Aufstiegsepoche kennzeichnen, zu höchster Vollkommenheit: Seinen Tatendrang, seinen Fleiß, seine Kühnheit, seinen Erfindungsgeist, sein Selbstbewusstsein, seine Initiative, seine schöpferische Kraft. Aber er hilft dem Menschen zugleich, alle verderblichen, negativen Wirkungen des Kapitalismus, alle Verkrüppelungen und Unmenschlichkeiten zu überwinden: Seinen Egoismus, seinen Neid, seine Brutalität, seine kriecherische Unterwerfung unter Besitzende und Privilegierte, sein demütiges Winseln um die Gunst der Herrschenden. Der Leistungslohn schafft neue sittliche Maßstäbe: Er ersetzt die Rangordnung der Herkunft und des Besitzes durch den neuen Adel der schöpferischen Arbeit im Interesse des werktätigen Volkes. 41Heyer: Das grüne Jahrzehnt 8. Der Leistungslohn spornt also die schöpferische Kraft des arbeitenden Menschen zu kühnen, hinreißenden Taten an, und zwar unter Bedingungen, unter denen der Mensch seine Arbeit nicht mehr als fremde, aufgezwungene Last zu empfinden, unter Bedingungen, unter denen er seinen eigenen Fleiß nicht mehr zu hassen braucht, weil ihm die Früchte seines Fleißes nicht mehr entwendet, nicht mehr in Ausbeuterprofite umgesetzt und zur Finanzierung neuer, verschärfter Ausbeutung missbraucht werden können. Die Arbeiter lehnten sich unter dem Kapitalismus mit Recht gegen die Intensivierung der Arbeit, gegen das Akkordsystem auf. Dabei bestand die Tragik ihrer Lage nicht nur darin, dass sie mit raffinierten und brutalen Methoden ausgebeutet wurden, sondern auch darin, dass sie im Zustand des Ausgebeutetseins gezwungen waren, sich mit ihrer Empörung gegen die Ausbeutung zugleich gegen ihre eigenen schöpferischen Kräfte zu empören, zugleich ihre eigene Arbeit zu verwünschen und zu verfluchen und ihren eigenen Fleiß zu hassen. Der Leistungslohn gibt den Arbeitern zum ersten Mal die Möglichkeit, ihre schöpferische Kraft allseitig zu entfalten und auf ihren Fleiß stolz zu sein, ohne die Bereicherung des Klassenfeindes, ohne den Missbrauch ihrer Arbeit befürchten zu müssen. So wird der Leistungslohn den tragisch zerrissenen und zerspaltenen, den ausgebeuteten, betrogenen und unterdrückten Arbeiter der kapitalistischen Epoche in einen neuen Menschen verwandeln, dem die Arbeit ein Bedürfnis sein wird.«43 Aber Harich machte in den Jahren nach dem Krieg auch Schritte in Richtung ökologisches Problembewusstsein, das sollte nicht unterschlagen werden. Als solcher kann sicherlich der Aufsatz Union der festen Hand. Einsicht und Konsequenz verstanden werden, den er 1946 in der Zeitschrift Aufbau über den gleichnamigen Roman Erik Regers veröffentlichte.44 In diesem ist zu erkennen, dass Harich die kapitalistische Industrialisierung, 43 Band 6.2, S. 1373–1375. 44 Band 6.2, S. 1445–1469. Harich mit Tochter Katharina 42 Einführung die eine der Grundlagen für den Aufstieg des Faschismus im Allgemeinen und des deutschen Nationalsozialismus im Besonderen gewesen war, durchaus negativ konnotierte. Vor dem Ersten Weltkrieg, nach dem Ende dieses Krieges, während der Weimarer Republik hätten die Sozialdemokraten ebenso versagt wie auch weite Teile der kommunistischen Bewegung. Diese These entwickelte Harich in den Jahren bis zu seiner Verhaftung immer weiter – ein kaum zu überschätzender Schritt. Denn die zentrale Voraussetzung für sein ökologisches Konzept ist schlichtweg darin zu sehen, dass er dazu vorstieß, die marxistische Philosophie nicht als einen dogmatisch-monolithischen Block zu betrachten, über dessen Füllung und Auslegung allein die Partei entscheide. Nein, der Intellektuelle habe auf der Basis seiner Erkenntnisse und Erfahrungen das Recht dazu, den Marxismus weiterzuentwickeln. Gegen Ende der siebziger Jahre verband sich das ökologische Denken bei Harich in immer stärkerem Maße mit abrüstungs- und friedenspolitischen Überlegungen. Und dieser Strang seiner Theorien lässt sich nun vollumfänglich bis in die vierziger und fünfziger Jahre hinein zurückverfolgen. Es ist dabei nicht nur an den für sein Leben und Denken grundlegenden Antifaschismus zu denken, der ihn auch in eine Widerstandstätigkeit gegen den Nationalsozialismus brachte. Andere Bausteine dieses Teils seiner gesellschaftlichen und politischen Konzeption sind beispielsweise die in den Jahren nach dem Weltkrieg immer wieder angemahnte Aussöhnung Gesamt-Deutschlands mit der Sowjetunion und mit Polen, sein Engagement für einen europäischen Frieden, über die Konfrontationen zwischen Ost und West hinweg. Wiedergegeben werden können an dieser Stelle in einem längeren Zitat die ersten Absätze seines Offenen Briefes an einen Stumm-Polizisten, den er 1950 in der Weltbühne veröffentlicht hatte. Zusammen mit anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hatte Harich in Westberlin gegen die Atombombe demonstriert und war dabei verhaftet worden. Er schrieb nun: »Sie werden sich erinnern, dass ich am Dienstag, dem 18. Juli, zusammen mit einer Gruppe von Studenten der Berliner Humboldt-Universität am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße beim Sammeln von Unterschriften für die Ächtung der Atombombe verhaftet und in das von Ihnen geleitete Polizeirevier eingeliefert wurde. Bei der Feststellung unserer Personalien wurde uns leider keine Gelegenheit gegeben, die Gründe, die uns zur Beteiligung an der Friedensaktion veranlasst hatten, darzulegen. Ebensowenig hatten wir Gelegenheit, die Vorgänge, die unserer Festnahme vorausgegangen waren, zu schildern. Ich erlaube mir daher, mich auf diesem Weg an Sie zu wenden, 43Heyer: Das grüne Jahrzehnt da ich annehme, dass gewisse Tatbestände und Zusammenhänge, über die in den Westsektoren Berlins noch weitgehend Unklarheit besteht, Ihnen und Ihren Beamten zu denken geben dürfen. Dabei lasse ich mich von dem zuversichtlichen Vertrauen leiten, dass Sie nicht gewillt sind, als Polizeibeamter die Rolle eines gedanken- und verantwortungslosen Befehlsempfängers und Machtwerkzeugs zu spielen, sondern das ehrliche Bestreben haben, der Gerechtigkeit und der Ordnung zu dienen und sich über die Rechtmäßigkeit Ihrer gesellschaftlichen Funktion jederzeit Rechenschaft zu geben. Sie sollten zunächst wissen, dass die vielen Friedenskämpfer, die am Dienstag bei der Unterschriftensammlung in Ihrem Revier festgehalten wurden, außerdem noch einige andere Dinge zu tun haben. Gustav von Wangenheim ist der Drehbuchautor und Regisseur einer Reihe von Filmen, die zu den wichtigsten Leistungen der deutschen Filmproduktion seit Kriegsende zu rechnen sind. Peter Schäffer ist einer unserer führenden außenpolitischen Kommentatoren. Werner Klein ist ein Rundfunkreporter, der in ganz Deutschland Ansehen genießt. Ich selbst halte als Dozent der Humboldt-Universität Vorlesungen über die klassische deutsche Philosophie. Die inhaftierten Studenten, die teilweise bis in die Nachtstunden hinein auf Ihrem Revier festgehalten wurden, sind mir als eifrige und fleißige Hörer meiner Vorlesungen bekannt. Sie stammen größtenteils aus Arbeiterfamilien und bilden sich zu qualifizierten Wissenschaftlern und Lehrern aus. Wenn Sie sich den Stundenplan eines solchen Studenten ansehen würden, würden Sie nicht umhin können, dem enormen Fleiß dieser jungen Menschen, ihrer leidenschaftlichen Hingabe an die wissenschaftliche Arbeit Ihren aufrichtigen Respekt zu bezeugen. Ich will damit nur andeuten, dass wir ausnahmslos alle Hände voll zu tun haben, den Anforderungen, die unsere Arbeit an uns stellt, gerecht zu werden. Wir lieben unsere Arbeit und wir wären froh, wenn wir uns ausschließlich dieser unserer Arbeit widmen könnten, wären froh, wenn keine Notwendigkeit bestünde, auf den Straßen und Plätzen und in den Häusern Westberlins für die Sache des Friedens zu werben. Wir halten gar nichts von einer Romantik des ›gefährlichen Lebens‹, wir sind auch nicht so eitel, dass es uns Vergnügen machte, die Rolle von Märtyrern zu spielen. Wenn wir uns trotzdem mit solcher unbeirrbaren Hartnäckigkeit an den Aktionen der Weltfriedensbewegung beteiligen, wenn wir es für unsere Pflicht halten, auch in den Westsektoren Berlins dem Stockholmer Appell zur Ächtung der Atomwaffe Geltung zu verschaffen, so deshalb, weil wir die elementare Voraussetzung unserer Arbeit – die 44 Einführung Erhaltung des Friedens – gefährdet sehen, weil wir wissen, dass alle unserer Bemühungen zunichte gemacht werden würden, wenn es den Mächten, die an der gegenseitigen Zerfleischung der Völker interessiert sind, gelingen sollte, einen dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen und die Atomwaffe anzuwenden. Wir wissen: Wenn es so weit kommt, dann ist unsere Arbeit zwecklos gewesen. Und dagegen setzen wir uns jetzt schon zur Wehr. Noch wichtiger als unser Studium, das wir leidenschaftlich lieben, ist für uns die Verteidigung unseres Studiums, seine Sicherung gegen die unermesslichen Zerstörungen, die einen Atomkrieg mit sich bringen würde. Das zweite, was ich Ihnen bei dieser Gelegenheit sagen wollte, ist dies: Wir haben keinesfalls die Absicht, irgend jemandem unsere politischen Auffassungen aufzunötigen. Wenn Sie einen unserer Studenten gefragt hätten, wie er zu den Verhältnissen in der DDR steht, so hätten Sie allerdings zur Kenntnis nehmen müssen, dass er von der Richtigkeit unseres Weges überzeugt ist. Das ist kein Wunder: Unsere Studenten verdanken die Möglichkeit, als Arbeiterkinder studieren zu können, den sozialen Errungenschaften, die in den vergangenen fünf Jahren in der DDR geschaffen wurden. Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht darum, wie Sie und wie wir zur DDR, zur sozialistischen Weltanschauung usw. stehen. Es geht vielmehr darum, dass alle Deutschen, wie sie politisch auch immer eingestellt sein mögen, in erster Linie daran interessiert sind, dass unser leidgeprüftes, ohnehin zerstörtes und verwüstetes Deutschland nicht das Opfer eines Atomkrieges wird. Freilich: Ich mache kein Hehl daraus, dass ich von Herzen wünsche, dass sich die gesellschaftlichen Neuerungen der DDR in ganz Deutschland durchsetzen. Vermutlich teilen Sie diesen Wunsch nicht, vermutlich sind Sie sogar der Auffassung, dass das unter allen Umständen verhindert werden muss. Wir wollen diese grundsätzliche Meinungsverschiedenheit nicht verschleiern. Aber wir sollten uns darin einig sein, dass der Atombombenkrieg ein gänzlich ungeeignetes Mittel ist, diese Frage zu entscheiden, weil er ganz Deutschland in eine einzige Wüste, in ein einziges Massengrab verwandeln würde. Wenn wir den Atombombenkrieg von vornherein verurteilen und verdammen, so schützen wir damit die elementarsten Lebensgrundlagen unseres ganzen Volkes. Wir bekennen uns damit nicht zu einer bestimmten Regierung oder einer bestimmten Partei. Wir stellen nur fest, dass diejenige Regierung, die es wagen sollte, als erste von der Atomwaffe Gebrauch zu machen, von uns allen als verbrecherisch betrachtet und dementsprechend behandelt werden wird. Das ist eine sehr einfache Feststellung, deren Berechtigung kein vernünftiger Mensch bestreiten kann. Sie könnte ohne Zögern sogar vom Präsidenten Truman unterzeichnet 45Heyer: Das grüne Jahrzehnt werden, vorausgesetzt, dass Präsident Truman wirklich gewillt wäre, nicht als erster von der Atomwaffe Gebrauch zu machen. Haben Sie niemals, geehrter Herr, darüber nachgedacht, warum es in den Westsektoren von Seiten der Obrigkeit verboten ist, sich der einfachen elementaren Forderungen der Vernunft und der Menschlichkeit, die mit dem Verlangen nach Ächtung der Atomwaffen ausgesprochen wird, anzuschließen? Warum Polizei und Schlägerkolonnen mobilisiert werden, um diejenigen zu verhaften oder zusammenzuschlagen, die sich für diese Forderung der Vernunft einsetzen? Sind Ihnen die Machthaber, die von Ihnen die Unterdrückung dieser Friedensaktionen verlangen, niemals verdächtig geworden? Sind Sie niemals von schlechtem Gewissen gepeinigt worden, wenn Sie gezwungen waren, in Ausübung Ihrer dienstlichen Obliegenheiten Friedenskämpfer ihrer Bewegungsfreiheit und der Ausübung ihrer demokratischen Bürgerrechte zu berauben? Man redet Ihnen ein, dass die Unterdrückung der Unterschriftensammlung ein notwendiger Bestandteil des Kampfes gegen den Kommunismus sei. Aber erstens ist es ganz falsch, die Friedensbewegung mit dem Kommunismus zu identifizieren, denn wenn alle, die an der Ächtung der Atomwaffe interessiert sind, deswegen schon Kommunisten wären, so hätte der Kommunismus längst die ganze Welt erobert. Und zweitens ist nicht einzusehen, warum die Friedensbewegung durchaus verdächtig sein sollte, weil sich die Kommunisten an ihr mit aller Energie beteiligen. Bekanntlich haben die Kommunisten auch vor den Kriegsvorbereitungen Hitlers frühzeitig gewarnt. Bekanntlich sind sie deshalb von den Nazis unterdrückt, in die KZ und Folterhöllen der Gestapo verschleppt oder außer Landes vertrieben worden. Bekanntlich haben die Kommunisten mit der Warnung, dass Hitler einem Weltkrieg vorbereite, recht behalten. Es ist also erwiesen, dass wir keinen Grund haben, uns den Warnungen der Kommunisten zu verschließen. Wer aus der deutschen Geschichte, aus dem Zusammenbruch der Weimarer Republik, aus der Naziära und dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat, muss praktisch zu der Schlussfolgerung gelangt sein, den Kommunisten Gehör zu schenken, ihre Analyse der weltpolitischen Situation aufmerksam zu studieren und die Richtlinien ihrer Politik vorurteilslos und sachlich zu überprüfen. Von Vorurteilslosigkeit und Sachlichkeit kann freilich in Westberlin keine Rede sein. Es gibt dort keine sachliche Diskussion mehr über den Kommunismus, es gibt nicht einmal mehr die Möglichkeit einer sachlichen Auseinandersetzung über den Stockholmer Friedensappell. Wir wünschten, dass man uns im öffentlichen Gespräch Argumente entgegenhalten würde, die – mögen sie auch noch so scharf sein – sich mit unseren 46 Einführung Forderungen auseinandersetzen. Das aber tat man am 18. Juli keineswegs. Als mein Freund und Kollege Professor Steinitz (übrigens ein in ganz Deutschland bekannter und geachteter Sprachwissenschaftler) am Kurfürstendamm einen der übelsten Rowdies, die uns da entgegentraten, aufforderte, mit ihm sachlich zu reden, erhielt er einen Faustschlag ins Gesicht, so dass er zu Boden stürzte (zur Stunde liegt Steinitz noch mit einer schweren Gehirnerschütterung in der Charité). Einer der Studenten unserer Gruppe wurde von den Rowdies beinahe totgeschlagen. Mich versuchte man, mit der Krawatte zu würgen. Ihren Beamten, mein Herr, ist dies alles nicht entgangen. Aber was taten sie? Sie verhafteten nicht die Schläger, die auf Grund ihrer ungeheuerlichen Brutalitäten hohe Zuchthausstrafen verdient hätten, sondern sie verhafteten uns, die wir nichts anderes getan hatten, als öffentlich für die Erhaltung des Friedens einzutreten. (Im übrigen kann ich bezeugen, dass einer der Schläger, die den Professor Ruben tätlich angriffen, sich gegenüber einem britischen Militärpolizisten durch Vorzeigen eines Sonderausweises legitimierte. Die Schläger waren also im Einverständnis mit Besatzungsmacht und Polizei organisiert. Eine feine Besatzungsmacht! Eine feine Polizei!)«45 Diese Hinweise können genügen, um die Kontinuitäten in Harichs Denken ebenso aufzuzeigen wie jene Punkte bzw. Elemente, die der Neuentdeckung oder Weiterentwicklung fähig waren. Zurück zu der Frage, wo die Ursprünge echten ökologischen Problembewusstseins bei ihm zu suchen und zu finden sind. Ein ganzes Stück weit analog zu dem Eingangs zitierten Brief an Robert Steigerwald schilderte Harich seinen Weg zur Ökologie, freilich viel ausführlicher, auf den ersten Seiten seines Buches Kommunismus ohne Wachstum, das im vorliegenden Band an erster Stelle abgedruckt wird. Dort führte er, gleich zu Beginn, noch einmal aus, dass sein Interesse an der Ökologie bis 1948 zurückreiche: »Ich war damals Philosophiestudent, Nebenfach Germanistik, und verdiente mir gleichzeitig mit journalistischer Arbeit, als Kritiker, meinen Lebensunterhalt. Da beschloss die SED, der ich als Mitglied angehörte, in die Universitätslehrpläne der SBZ, der späteren DDR, Vorlesungszyklen über marxistische Philosophie aufzunehmen. Einige philosophisch versierte Genossen, darunter ich, wurden auf einem Dozentenkurs der Parteihochschule auf diese Aufgabe vorbereitet. Danach erhielten wir entsprechende Lehraufträge, ich an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität, fast drei Jahre vor meiner Promotion. Den Stoff trugen wir unter Zugrundelegung von Stalins 45 Harich: Offener Brief an einen Stumm-Polizisten, S. 19–23. 47Heyer: Das grüne Jahrzehnt Traktat Über dialektischen und historischen Materialismus, von 1936, vor. Stalins lapidare Thesen erläuterten wir anhand von Beispielen aus den verschiedensten Wissensgebieten, wobei wir uns, den Intentionen der Partei folgend, darum bemühten, auch den Naturwissenschaften, nach ›neuestem Erkenntnisstand‹ versteht sich, Rechnung zu tragen. Für einen Schöngeist wie mich, einen Theaterkritiker, war das ziemlich lustig, zumal ich den Ehrgeiz hatte, den ›neuesten Erkenntnisstand‹ nicht ausschließlich aus dem Anti-Dühring und der Dialektik der Natur von Friedrich Engels zu beziehen. Aus der Zeit vor meiner Hinwendung zum Marxismus war ich zwar, durch die Ontologie meines Lehrers Nicolai Hartmann, grundsätzlich darauf vorbereitet, im Rahmen philosophischer Systematik u. a. auf Grundlagenprobleme der Naturwissenschaften einzugehen. Doch mir lag das nicht sehr, und so werden meine Vorlesungen streckenweise sicher dilettantisch gewesen sein. Was ich den Zuhörern damals aber auch beigebracht haben mag, meiner eigenen Entwicklung gereichte es zum Vorteil, dass ich mit 24 Jahren ein mathematisches und naturkundliches Schulwissen wieder auffrischen musste, das sonst meinem Gedächtnis für immer entschwunden wäre. Auf bestimmten Gebieten, besonders in Physik, Astronomie und Biologie, gewann ich neue Kenntnisse hinzu. (…) Für die Erläuterung des Entwicklungsgedankens erwies die Abstammungslehre sich als ergiebiger. Aber in der organischen Natur musste ich halt auch nach Beispielen fahnden, die geeignet erschienen, Stalins ›ersten Grundzug der materialistischen Dialektik‹ zu erhärten, und hierbei bin ich auf die Ökologie gestoßen, von der ich bis dahin nie gehört hatte. Es galt, detailliert die These zu begründen, dass ›die Natur ein zusammenhängendes einheitliches Ganzes‹ ist, in welchem ›die Dinge und Erscheinungen miteinander organisch verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen‹. Auf physikalischer Ebene ließ sich dies anhand der dynamischen Gefüge im kosmischen wie im atomaren Bereich demonstrieren. Die biologischen Bestätigungen jedoch fand ich in der Pflanzensoziologie von Du Rietz, in Wohlfahrts Waldkunde, Baloghs Grundzügen der Zoozönologie und in einer Abhandlung von Thienemann, Der See als Lebenseinheit. Indes las ich diese Werke, so sehr sie mich fesselten, noch nicht unter den heute aktuellen Gesichtspunkten. Ihnen Argumente für die Notwendigkeit umweltschützender Maßnahmen zu entnehmen, gar apokalyptische Geschichtsprognosen aus ihnen abzuleiten, wäre mir nicht im Traum eingefallen.« Mit diesen letzten Worten bestätigte Harich, dass er, wie vermutet, in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren kein ausgeprägtes ökologisches Problembewusstsein besaß, sondern ihn andere Sachen interessierten, beispielsweise »die Ausführungen über Kausalität und Wechselwirkung, die in der Wissenschaft der Logik stehen, nament- 48 Einführung lich Hegels Kritik an dem, was wir heute ›lineare Kausalität‹ und ›monokausales Denken‹ nennen«. Im Prinzip machte er dergestalt ein Arbeiten an den Grundlagen seines Naturverständnisses geltend. Duve, sein Gesprächspartner in Kommunismus ohne Wachstum, fragte daraufhin, wann ihm die »futurologische Dimension der Ökologie aufgegangen« wäre. Harich antwortete: »Genau zehn Jahre später durch zwei Bändchen von rowohlts deutscher enzyklopädie, die meine Mutter mir in den Strafvollzug schicken durfte: Leben und Umwelt von dem mir bereits bekannten August Friedrich Thienemann und Der Mensch und die Mikroben von Hugh Nicol. Der große Limnologe Thienemann brachte mir jetzt erstmals Gedanken nahe, die mir früher im ökologischen Schrifttum, auch bei ihm selbst, nicht begegnet, jedenfalls nicht aufgefallen waren. Sie betrafen den Menschen als ›überorganischen Faktor‹, der von seiner Naturbasis nicht nur getragen wird, sondern auf sie auch zurückwirkt – unter Umständen zerstörend. Mir erschien dies im Allgemeinen als glänzende Bestätigung der Aussagen des dialektischen Materialismus über die zwischen Natur und Gesellschaft obwaltenden Wechselbeziehungen, die N. Hartmann mit seiner Schichtentheorie so stark simplifiziert,46 und zugleich wurde ich im besonderen zum erstenmal darüber belehrt, dass auf unserem Planeten die organische Natur à la longue durch die industrielle Zivilisation und deren Agrikultur gefährdet sei. Bei der Lektüre des rde-Bändchens von Nicol sah ich mich obendrein noch mit dem Problem unserer Abhängigkeit von nichtregenerierbaren Roh- und Brennstoffen konfrontiert, deren Vorrat eines Tages erschöpft sein werde.« Während seiner Haft durfte Harich keine westlichen Bücher lesen. Aber auch gegenüber Arnold Gehlen hatte er einmal geschrieben, dass er dessen Buch Urmensch und Spätkultur in den ersten Jahren seiner Haft studiert habe.47 Seine Motivation war dabei sicherlich eine Verteidigung der DDR gegenüber dem Westen. Die drohenden Gefahren der ökologischen Krise wären ihm noch später »ins Bewusstsein gerückt worden: Durch Gordon Rattray Taylors Doomsdaybook (1970), durch das englische Blueprint for Survival (1972) und am eindringlichsten durch die Kassandra-Rufe des Club of Rome (MIT-Studie The Limits to Growth von Dennis Meadows u. a., 1972; Menschheit am Wendepunkt von Mihailo Mesarović und Eduard Pestel, 1974). Seit dem Bekanntwerden mit Taylors Buch lese ich kaum noch etwas anderes als Literatur zu diesen 46 Zu Hartmanns Schichtentheorie ausführlich in den Bänden 2 und vor allem 10. 47 Siehe Harich Brief an Gehlen vom 22. Juli 1965, der den Beginn der Wiederaufnahme ihrer Korrespondenz nach Harichs Haft markiert, Band 11, S. 326. 49Heyer: Das grüne Jahrzehnt Fragen.« Gerade Taylors Buch und die beiden Studien an den Club of Rome prägten in der Tat Harichs ökologisches Denken. Immer wieder griff er auf den Inhalt dieser Werke argumentativ zurück. Die eben wiedergegebenen Jahreszahlen liefern einen weiteren wichtigen Hinweis: Es wurde bereits angesprochen, dass Harich 1972 an dem Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe arbeitete, das einer überarbeiteten Auflage der Kritik der revolutionären Ungeduld als Anhang beigegeben werden sollte. Und in diesem Text finden sich nun erstmals direkt ökologische Überlegungen Harichs. Er ging dabei von seinen Überlegungen zur philosophischen Anthropologie aus,48 die er in seiner Auseinandersetzung mit den Schriften Arnold Gehlens, mit den »Forschungsergebnissen der modernen Ethnologie, namentlich durch die der amerikanischen Schule von Malinowski, Boas, Benedict, M. Mead«,49 und auch durch seine intensive Beschäftigung mit Herder ge- 48 »Unter den Bedingungen, von denen Marx den Übergang zum Kommunismus abhängig macht, findet sich eine, die zeigt, dass ihm die Variabilität und Plastizität der Antriebe menschlichen Verhaltens unreflektiert geläufig war. Er spricht nicht ausdrücklich von ihr, setzt sie aber stillschweigend voraus, wenn er erklärt, es müsse, unter anderem, den Menschen die Arbeit zum ersten Bedürfnis geworden sein, ehe sie usw. An instinkthaft starr fixierte Bedürfnisse beim Menschen hat er also auch nicht geglaubt, so dass es prinzipiell in seinem Sinn wäre, an dieser Stelle aus der Sicht unserer heutigen Erfahrungen noch eine Reihe zusätzlicher Bedingungen einzufügen, die erfüllt sein müssten, bevor an Kommunismus zu denken sei. Sollte die umweltfreundliche Technologie, die wir benötigen, uns auch einen so hohen Grad an Arbeitsproduktivität und damit so viel Freiheit gewähren wie die bisherige umweltfeindliche – was aber keineswegs gesagt ist –, dann würde das Bedürfnis zu arbeiten unter den Gewohnheiten, die der Mensch unter sozialistischen Verhältnissen annehmen soll, nicht mehr an erster Stelle zu stehen brauchen, sondern, sagen wir, an zweiter oder dritter. Wichtiger oder zumindest ebenso wichtig wäre dann z. Bsp. die Angewöhnung eines umweltfreundlichen Konsumverhaltens. Wie dem auch sei, jedenfalls könnte man dergestalt einen ganzen Katalog im Sozialismus erst zu erwerbender menschlicher Qualitäten aufstellen und von ihnen jeweils erklären, sie müssten uns zum Bedürfnis geworden sein, bevor es uns möglich sein werde, uns die Segnungen des vollendeten Kommunismus zuteil werden zu lassen, um so für diesen die Formel ›Jedem nach seinen Bedürfnissen‹ doch noch zu retten. Aber erstens würde auch dabei Marx revidiert werden müssen – durch eine Erweiterung der von ihm vorgesehenen Voraussetzungen der Übergangs zum Kommunismus –, und zweitens ist es schon bei ihm selbst ein etwas fragwürdiger Trick, dass er dasselbe Wort ›Bedürfnis‹ einmal zur Bezeichnung einer idealen menschlichen Eigenschaft – der Eigenschaft, gern zu arbeiten – benutzt, und es dann abermals dort verwendet, wo es das ökonomische Verteilungsprinzip der kommunistischen Gesellschaft zu bestimmen gilt, so als läge beides kategorial auf gleicher Ebene.« (Band 8, S. 309.) 49 Band 7, S. 305. 50 Einführung worden hatte. (Das sind damit Momente, die sein ökologisches Denken wieder an die fünfziger Jahre zurückbinden, wie der eben damals einsetzende Briefwechsel mit Gehlen evidiert. Und seine intensiven Herder-Studien, inklusive Harichs Promotion und der editorischen Tätigkeit, müssen nur erwähnt werden.)50 »Marx konnte zu seiner Zeit nichts von alledem kennen oder vorausahnen. Marx’ Einstellung zur Wissenschaft macht es jedem seiner Anhänger indes zur Pflicht, seine Lehre anhand der jeweils fortgeschrittensten Errungenschaften der Wissenschaft weiterzuentwickeln und sich dabei, wenn nötig, auch von einzelnen Thesen, die in seinen Werken zu finden sind und die späteren Erkenntnissen nicht mehr standhalten, zu trennen, statt sie zu dogmatisieren. Bei der Formel ›Jedem nach seinen Bedürfnissen‹51, wie Marx sie in seiner Kritik des Gothaer Programms zur Kennzeichnung des Verteilungsprinzips der kommunistischen Zukunftsgesellschaft gebraucht, fällt dies um so leichter, als es sich nicht um autochthon marxistisches Gedankengut handelt, sondern um das Zitat eines Schlagworts vormarxistischer Utopisten, wie Marx selbst an der betreffenden Stelle ausdrücklich betont. Es ist klar, dass, wenn die Bedürfnisse des Menschen plastisch und variabel sind, sie sich, soweit es sich um Konsumtionsbedürfnisse handelt, in einer konkreten Gesellschaft jeweils am Luxuskonsum der Reichsten orientiert werden. Man kann sich somit vorstellen, was eine kommunistische Gesellschaft konsumieren würde, wenn man sie mit der Parole ›Jedem nach seinen Bedürfnissen‹ als strikt zu befolgendem Verteilungsprinzip auf dem Zivilisationsstand der heutigen USA oder BRD zu errichten gedächte. Es ginge aber in einer kommunistisch geordneten Welt nicht an, diesen Luxuskonsum aller Glieder der Gesellschaft auf das eine oder andere Land zu beschränken, nein, es müssten im Endeffekt sämtliche Menschen der Erde daran teilhaben, d. h. es müsste, ebenso wie jedem Europäer oder Amerikaner, auch sämtlichen Einwohnern Indiens oder Chinas die Möglichkeit eröffnet werden, das Leben einer amerikanischen Milliardärsfamilie zu führen, wobei, nach Gehlens Theorie der menschlichen Antriebe, auch dann noch nicht einmal abzusehen wäre, wie 50 Zu Herder siehe die Bände 1.2 und 4. 51 Genau lautet die Passage: »In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« Marx: Kritik des Gothaer Programms, S. 21. 51Heyer: Das grüne Jahrzehnt sich die Bedürfnisse weiter steigern werden. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis vor kurzem so töricht gewesen bin, an die Realisierbarkeit dieser Utopie zu glauben, ja, dass sie mich an der kommunistischen Weltbewegung, die mit allen ihren Anstrengungen und Opfer, oft blutigen Opfern, auf dieses Ziel hinzuarbeiten schien, immer magisch angezogen hat. Vielleicht entschuldigt es mich ein wenig, dass ich fünfundzwanzig Jahre lang allen Menschen der Erde ein solches glückliches Leben gewünscht habe, so lange, bis mich das Ansehen so mancher Fernsehsendung aus dem Westen das von mir oft beklagte West-Ost-Gefälle eines Tages mit anderen Augen betrachten ließ, so das sich mir sagte: Eigentlich lebt es sich in der relativ schäbigen und ärmlichen DDR angenehmer, und wer weiß, ob wir noch so glücklich sein werden wie jetzt, wenn wir einmal so wohlhabend sein sollten, wie die da drüben, wofür die Partei, mit der Endzielparole ›Jedem nach seinen Bedürfnissen‹ im Kopf, ja kämpft. Dies ist aber eine subjektive Geschmackssache, die allein kein Grund sein könnte, an Marx herumzurevidieren, zuumal die Mehrzahl der DDR-Bürger in dem Punkt keineswegs so denkt wie ich, mit Ausnahme zahlreicher Studenten versteht sich. Die Umweltproblematik, mit der Zerstörung der Biosphäre als Endkonsequenz, die mir 1970/1971 durch das Studium der Ökologie aufging, ist nun aber wirklich ein Grund, dieses Element der Marxschen Doktrin schnell und resolut über Bord zu werfen, was ich für meinen Teil hiermit tue. Zu warnen bleibt davor, jetzt ins entgegengesetzte Extrem zu verfallen und den Konsum des Menschen auf die Befriedigung irgendwelcher naturgegebener Bedürfnisse zurückführen zu wollen. Das geht deswegen nicht, weil die Gehlensche Anthropologie und die Forschungsergebnisse der amerikanischen Ethnologen uns auch lehren, dass der Mensch rein natürliche Bedürfnisse gar nicht hat, da ja z. Bsp. schon ein solcher elementarer Trieb wie der Hunger auf die Dauer nicht anders als durch künstlich bearbeitete, auf Äckern geerntete, ›in Ställen gemästete‹, in Küchen gekochte, gebackene, gebratene Speisen zu befriedigen ist.«52 Diese Passagen können als das gelesen werden, was sie sind: Harichs Durchbruch zu den Prinzipien, die er 1975 in Kommunismus ohne Wachstum formulierte. Das erhärtet sich dadurch, dass er nach dem gerade wiedergegebenen Zitat auf die asketische Spielart des Kommunismus Babeufs zu sprechen kam, auf Rousseaus Parole »Zurück zur Natur«, die Theorien Rudi Dutschkes und Herbert Marcuses (dieser freilich überaus kritisch interpretiert: als »hohnlachender Verächter des dialektischen Materialismus«)53 52 Band 7, S. 305–307. 53 Band 7, S. 323. 52 Einführung – Bausteine seines ökologischen Konzepts. Aus seinen damaligen Ausführungen zog Harich folgende Schlussfolgerung: »Es wird höchste Zeit, neben Marx, Engels und Lenin nunmehr auch den Heiligen Franziskus von Assisi, falls er sich zum Atheismus bekehren lässt, wegen seiner liebevollen Einstellung zur Natur, zu allem, was da kreucht und fleucht, unter die Klassiker der Arbeiterbewegung aufzunehmen und vielleicht manchmal sein Bild bei Demonstrationen der Neuen Linken oder auch der DKP neben den Bildern von Karl und Rosa (die übrigens auch eine große Naturliebhaberin war) durch die Straßen der Städte zu tragen. Verschwinden muss ferner aus dem Marxismus jenes Erbteil der liberalen Klassiker der politischen Ökonomie, Smith und Ricardo, die Idee, dass Fortschritt schlechthin und absolut gleichbedeutend sei mit unendlicher Aufwärtsentwicklung der Produktion, verschwinden muss schließlich die daraus resultierende Gewohnheit, die Notwendigkeit von Revolutionen unter allen Umständen damit begründen zu wollen, dass die gegebenen Produktions- und Eigentumsverhältnisse zum Hemmschuh der Entwicklung der Produktivkräfte geworden seien.«54 Diese Hinweise auf die ersten Äußerungen ökologischen Denkens bei Harich können hier genügen, es ließen sich aus dem Manuskript zahlreiche weitere Stellen anführen. Aber es soll anschließend zumindest noch eine Passage vorgegeben werden, die aufzeigt, dass die zentralen Bezugspunkte von Harichs ökologische Konzept in diesen Jahren bereits feststanden – vom starken Staat bis hin zu dessen möglichst humaner Ausgestaltung: »In Anbetracht der tödlichen Gefahren die auf die Menschheit zukommen, kann es bei der Zusammenfassung aller Kräfte, die dazu berufen sind, sie zu bannen, keinerlei Konzessionen an irgendwelche anarchistischen Tendenzen mehr geben. Denn Desorganisation, Disziplinlosigkeit und Abenteurertum, gespeist von trügerischen Hoffnungen auf kurzfristig erreichbare Freiheit von Zwang und Autorität, sind die schlimmsten Krebsschäden, von denen die revolutionäre Bewegung in den ihr bevorstehenden Kämpfen befallen werden kann. Es wird nach Lage der Dinge weder möglich sein, bei der Vorbereitung der Revolution und während ihrer ganzen Dauer auf straffe zentralistische Organisationsstrukturen, noch nach ihrem Sieg auf die Etablierung eines zentralistischen Diktaturregimes zu verzichten, das mit anarchischer Spontaneität der Massen, mit ›Sowjets ohne Kommunisten‹, ›Arbeiterdemokratie‹ oder auch ›Selbstver- 54 Band 7, S. 307 f. 53Heyer: Das grüne Jahrzehnt waltung‹ nach jugoslawischem Modell und ähnlichen schönen Dingen ebensowenig zu vereinbaren sein wird wie mit der Aufrechterhaltung der pluralistischen Demokratie und des Parlamentarismus. Dazu sind die beiden, miteinander zu kombinierenden Hauptaufgaben, welche die Revolution zu bewältigen haben wird – der Schutz des Lebens auf der Erde vor der drohenden Zerstörung und die Erlösung der Völker der Dritten Welt von Hunger, Not und Unwissenheit – zu gigantisch. Die dauerhafte Sicherung der Existenz des Menschen muss den Vorrang haben vor der Gewährung von Freiheiten, die er sich erst dann wird leisten können, wenn er, unter Wahrung des gleichen Rechts aller auf Nahrung, Kleidung, Behausung, Gesundheit, Wissen und Bildung, seine Zivilisation in den jetzt aufs Äußerste gefährdeten ökologischen Gesamtzusammenhang der Biosphäre organisch und harmonisch eingefügt haben wird. Nur eine Diktatur der Vernunft und Weitsicht, ausgeübt von politischen Organisationen, deren Führungsgremien in ihrem Bewusstsein die Erkenntnis des Marxismus sowie einen von Liebe zu allen notleidenden Menschen des Erdballs erfüllten Internationalismus mit wissenschaftlicher Einsicht in die ökologischen Zusammenhänge der biologischen Basis der Gesellschaft vereinigen, wird, gestützt auf die arbeitenden Massen, verpflichtet deren objektiven Dauerinteressen, den ungeheuer komplizierten und schwierigen Problemen der nächsten Zukunft gewachsen sein. Ich spreche von objektiven Interessen der arbeitenden Bevölkerung, weil nicht gesagt ist, dass sie allen Werktätigen, oder auch nur der Mehrheit, immer bewusst sein werden; gegenwärtig ist es nur eine kleine Minorität, die sie sich bewusst zu machen beginnt. Ich spreche von Dauerinteressen, weil zu erwarten ist, dass um ihretwillen kurzfristige, unmittelbare Interessen zurückzustellen und, wenn nötig, drastisch zu unterdrücken sein werden. Von alledem gehe ich in meinem jetzt in der Tat noch gesteigertem Anti-Anarchismus aus, ja, ich gehe so weit, zu erklären, dass ich unter den obwaltenden Umständen nicht nur jeden Gedanken an demnächst erreichbare Herrschaftslosigkeit für hellen Wahnsinn halte, sondern auch von der völligen Unfähigkeit der Demokratie überzeugt bin, mit den Problemen der Zukunft fertig zu werden – der Unfähigkeit jeder Art von Demokratie und besonders der pluralistischen des Westens. Nach wie vor muss diese Demokratie von der Arbeiterklasse verteidigt werden gegen drohende Diktatur von rechts, gegen die Kräfte des Neofaschismus und autoritären Konservatismus, aber immer mit dem stets wachzuhaltenden Bewusstsein, dass eine Diktatur von links geeigneter wäre, die Gesellschaft vom Rand des Abgrunds zurückzureißen, als der Pluralismus, ja, dass dessen Institutionen, so sehr sie vor Anschlägen von rechts geschützt werden müssen, als Machtinstrumentarium der reaktionären Bourgeoisie, das diese durch permanente Begünstigung der Spontaneität kurzsichtiger Augenblicks- und Sonderinteressen elas- 54 Einführung tisch gegen ihren Sturz durch die Arbeiterklasse absichert, das eigentliche Hindernis einer durchgreifenden vernünftigen Regelung so gut wie aller uns in der Gegenwart bedrängenden Fragen ist.«55 Drei Jahre nach diesen Ausführungen erschien 1975, wie bereits erwähnt, Harichs wichtigster Beitrag zur Ökologie: Der Interviewband mit Freimut Duve unter dem Titel Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹. Der neue Abdruck des Buches eröffnet den vorliegenden Band. Den Entstehungskontext, die öffentlichen Debatten, vor allem im Westen, die sich an die Publikation anschließende Weiterentwicklung des ökologischen Konzepts von Harich werden in der Einleitung des He rausge bers zum achten Band der Edition ausführlich besprochen.56 Von daher können hier weitere Anmerkungen entfallen, c) Scheitern in der DDR Vor allem in den Monaten und Jahren nach der Publikation von Kommunismus ohne Wachstum versuchte Harich, im Sinne seiner ökologischen Mahnungen in der DDR gesellschaftlich und politisch tätig bzw. wirksam zu werden. Die Öffentlichkeit – in Form von Publikationen, Vorträge usw. – blieb ihm dabei im Osten verwehrt. Am 14. Januar 1976 erschien im Neuen Deutschland ein Artikel, in dem verschiedene Teile des neuen Parteiprogramms der SED vorgestellt und die Bürger der DDR zur Diskussion des Entwurfs aufgefordert wurden. Harich schrieb einen Brief an die SED: »Seit einigen Jahren beschäftige ich mich sehr intensiv mit den für die Menschheit überlebenswichtigen Fragen der Ökologie. So erfüllt es mich mit tiefer Genugtuung, in dem Rechenschaftsbericht des Generalsekretärs der KPdSU, L. I. Breschnew, an den XXV. Parteitag zu lesen: ›Die sowjetischen Wissenschaftler dürfen die Probleme des Umweltschutzes und der Demographie, die sich in der letzten Zeit zugespitzt haben, nicht aus ihrem Blickfeld verlieren.‹ Wenn man nun, ökologisch geschult und mit diesem Postulat im Kopf, den neuen Programmentwurf der SED studiert, dann gelangt man, leider, zu dem Ergebnis, dass der Entwurf überall dort Widersprüche aufweist, wo er die uneingeschränkte Bejahung wirtschaftlichen Wachstums in Einklang zu 55 Band 7, S. 325 f. 56 Band 8, S. 9–99. 55Heyer: Das grüne Jahrzehnt bringen sucht mit der Forderung, die natürliche Umwelt, die Lebensgrundlage jeder menschlichen Existenz, vor Zerstörung zu bewahren.«57 Die Ökologie war Harich dermaßen wichtig, dass er die Konfrontation mit der SED und deren wirtschaftlicher Ausrichtung durchaus bewusst suchte. Gleichzeitig wurden er und seine Konzeption in der DDR angegriffen, »selbstverständlich« auch in diesem Fall ohne Nennung seines Namens. In diesem Band sind seine entsprechenden Einwände beispielsweise gegen Artikel, die in der Einheit und der Weltbühne erschienen waren, abgedruckt. Dabei ging Harich so weit, dass er diese Schriftstücke sogar in den Anhang der spanischen Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum aufnahm, d. h. öffentlich machte. Und auch in die überarbeitete Neuausgabe der deutschen Version sollten die Texte in einen Anhang integriert werden. Einige Interviews und kleinere Aufsätze Harichs erschienen in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre ausschließlich im Westen. Er scheiterte, dies kann jetzt schon gesagt werden, mit allen seinen Briefen, Eingaben und ähnlichem an die SED und die in dieser handelnden Personen. Die DDR war nicht bereit, auch nur eine Nuance des angestrebten permanenten Wirtschaftswachstums preiszugeben.58 Harich hatte dafür, wenn er sich im Westen argumentativ äußerte, sogar Verständnis, welches sicherlich daraus resultierte, dass er immer bereit war den Sozialismus, auch mit seinen Fehlern und Verfehlungen, gegenüber dem Kapitalismus zu verteidigen. 1976 sagte er in einem Interview mit der Zeitschrift Positionen. Theoretisches Magazin: 57 Band 8, S. 103. 58 Harich schrieb 1976: »Um nicht missverstanden zu werden: Diese Feststellung schließt an sich noch keine Ablehnung der nach wie vor wachstumsorientierten Direktive der Partei zur Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR in den Jahren 1976 bis 1980 ein. Niemand wird so töricht sein, von der DDR zu verlangen, dass sie sich allein und sofort, von heute auf morgen – oder auch nur innerhalb der nächsten fünf Jahre – dem allgemeinen Trend der Weltentwicklung entziehen möge. Das wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Ja, es wird wahrscheinlich nicht einmal das sozialistische Lager im Ganzen dem Wachstum seiner wirtschaftlichen Potenzen ein Ende setzen können, so lange es gezwungen bleibt, mit dem Druck des mit ihm koexistierenden Kapitalismus – mit dessen Profitstreben, seiner Marktanarchie, seiner Stimulation natur- und gesellschaftsfeindlicher Bedürfnisse – standhalten zu müssen. Wogegen ich mich jedoch wehre, ist, dass in einem auf langfristige Gültigkeit berechneten Parteiprogramm das ›schnelle Wirtschaftswachstum‹ als anscheinend definitives, nie mehr fortzudenkendes Merkmal der kommunistischen Zukunftsgesellschaft festgeschrieben wird, statt dass die Möglichkeit (oder, nach meiner Meinung, sogar Notwendigkeit) eines globalen homöostatischen Zustandes der Gesellschaft im Kommunismus auch nur in Betracht gezogen würde.« (Band 8, S. 104.) 56 Einführung »Zu behaupten, dass die Wirtschaftspolitik im Osten noch an ›rein quantitativer‹ Produktionssteigerung orientiert wäre, ist, glaube ich, ungerecht. Denken Sie nur daran, wie lange es her ist, dass man die sogenannte Tonnenideologie hat fallenlassen. Die Gefahr praktizierter Konvergenz aber besteht in der Tat. Beispielsweise haben Repräsentanten Jugoslawiens, Polens, Rumäniens und Ungarns, und zwar nicht nur Wissenschaftler, sondern zum Teil auch Regierungsmitglieder, ihre Mitarbeit im Club of Rome ausgerechnet in der Situation aufgenommen, als der Club – wie gesagt: im April 1976 in Philadelphia – von seiner ursprünglichen Wachstumskritik abzurücken begann. Dieses Zusammenwirken soll sogar in einer ersten west-östlichen Gemeinschaftspublikation, Global Goals for Global Societies, von Ervin László u. a., ihren Niederschlag gefunden haben. Ich kenne das Werk noch nicht. Möglicherweise wird seine Lektüre mich zu einer Polemik herausfordern. Jedenfalls halte ich den Kampf gegen Konvergenz-Konzeptionen immer noch für hochaktuell, und dies heute um so mehr, als der seit jeher am meisten auf sie eingeschworene Politiker Zbigniew Brzeziński heißt.«59 Doch trotz dieser Loyalität gegenüber der DDR verzweifelte Harich immer mehr an der Nutzlosigkeit seines Handelns. Ihm wurde klar, dass er im Osten niemals Gehör finden werde. In dem gerade erwähnten Interview sagte er: »Die Lösung der globalen ökologischen Probleme erwarte ich von einem wachstumslosen, homöostatischen Kommunismus – nach wie vor. Die Frage, wo der zuerst verwirklicht werden wird, habe ich in meinem Buch (S. 134 ff.) aber offenlassen. Zwar erblicke ich die die günstigsten strukturellen Voraussetzungen dafür in den sozialistischen Ländern. Ich füge jedoch (a. a. O., S. 137) hinzu, dass dies möglicherweise nicht ausschlaggebend sein werde. Faktoren wie der Grad der Industrialisierung, der Stand der Arbeitsproduktivität, das Pro-Kopf-Einkommen, der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohmaterialien und Energie usw. könnten sich unter Umständen als wichtiger erweisen. Heute bin ich so weit, diese hypothetische Erwägung von 1974/1975 in die apodiktische Behauptung umzuwandeln: Das Wohlstandgefälle zwischen West und Ost, Nord und Süd lässt keine andere Hoffnung übrig als die, dass der Durchbruch zum Kommunismus ohne Wachstum in den Metropolen des Kapitals erfolgt, dort, wo Verschwendung, Rohstoffverschleiß und Umweltzerstörung am weitesten gediehen sind, wo die 59 Band 8, S. 120. 57Heyer: Das grüne Jahrzehnt Konsumgesellschaft sich selbst ad absurdum zu führen beginnt, wo durch Wirtschaftswachstum Krisen nur noch verschärft, aber nicht mehr überwunden werden können.«60 Es schloss sich die Frage an: »Demnach hätten Sie sich bisher am falschen Ort abgemüht.« Harich antwortete: »Vielleicht war es ein moralisches Vorurteil, dass ich glaubte, zuerst einmal ›vor der eigenen Tür kehren‹ zu müssen. Trotzdem möchte ich die dabei gewonnenen Erfahrungen nicht missen. Sie haben mir geholfen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten ökologisch motivierter Politik im real existierenden Sozialismus von heute selbst auszuloten.«61 Kehrte er im Osten vor der »falschen Tür«? Die Antwort ist, gemessen an den Möglichkeiten seiner Durchsetzungsfähigkeit, ein klares Ja. Wobei nicht unterschlagen werden sollte, dass in den sozialistischen Staaten Umweltschutz und ökologisches Denken wichtiger gewesen wären als im Westen. Sowohl wegen des gesetzten gesellschaftlichen Anspruchs der Befreiung des Menschen als auch mit Blick auf die tatsächliche Umweltzerstörung. Diesem Zugang hat sich Harich aber immer verweigert – eine Beschäftigung mit spezifisch ostdeutschen bzw. sozialistischen Ökologieproblemen kam für ihn nicht in Frage. Hier hatte letztlich immer die Loyalität gegenüber dem Marxismus, der DDR und der Sowjetunion den Vorrang. Zwei Beispiel können dies verdeutlichen. An Klaus-Dieter Oetzel schrieb er, bereits wieder in die DDR zurückgekehrt, am 27. Dezember 1981: »Meinen einschlägigen Publikationen können Sie entnehmen, dass ich durchaus kein Experte für DDR-spezifische Umweltprobleme bin, sondern mich mit globaler ökologischer Problematik befasse und hier die Haupttriebkräfte von Umweltzerstörung und Ressourcenvergeudung im kapitalistischen System erblicke, dass sich in dieser Hinsicht am katastrophalsten in der III. Welt auswirkt (via Verlagerung von umweltzerstörenden Produktionszweigen in klimatisch besonders anfällige, gefährdete Regionen, die dem Kapital aber überdies auch noch Millionenmassen besonders billiger Arbeitskräfte zu bieten haben). Die Ökoprobleme des Realsozialismus haben demgegenüber für mich nur untergeordnete Bedeutung, um so mehr, als sie aus Zwängen entspringen, die wiederum aus dem Kapitalismus – vermittelt durch die Koexistenz mit ihm – zu erklären sind (etwa auf dem Weg der Einwirkung von Konsumsnormen der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft). Und namentlich die DDR ist unter den realsozialistischen Ländern von so geringer Bevölkerungszahl und geographischer Ausdehnung, dass die ihr eigene Ökoproblematik viel zu speziell ist, um Gegenstand meiner mehr ins Grund- 60 Band 8, S. 119 f. 61 Band 8, S. 120. 58 Einführung sätzliche und Allgemeine gehenden Überlegungen sein zu können. An der von Ihnen geplanten Sendung der Herren Rainer Raestrup und Thomas Weimar teilzunehmen bin ich daher weder zuständig noch interessiert. Hinzu kommt, dass ich mich erst seit ganz kurzer Zeit wieder in der DDR befinde und mich hier erst einmal wieder einrichten und neu orientieren muss. Was mir unter diesen Umständen an Fachliteratur in die Hände fällt, ist, begreiflicherweise, fürs erste meist zufällig. Im jüngst erschienenen Heft von Wissenschaft und Fortschritt, Berlin, Akademie-Verlag, Heft 12, S. 452 ff., fand ich etwa den sehr sachkundigen, niveauvollen Aufsatz über Abwärme, ökonomisch und ökologisch betrachtet, der sein Faktenmaterial aus DDR-Realitäten schöpft. Wie wäre es, wenn Sie für Ihr Vorhaben die beiden Autoren, Dr. Hans-Jörg Täglich und Dr. Erhard Worch, anschrieben? Beim Durchblättern früherer Hefte dieser Zeitschrift werden Sie auf weitere Autoren stoßen, die für das Thema Ihrer Sendung um vieles kompetenter sind als ich. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Sie geeignete Diskutanten fänden, wenn Sie auf staatlicher Ebene der DDR an das Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (diese und die folgenden Adres sen, Ansprechpartner usw. weggelassen, AH) oder auf wissenschaftlicher an das ›Komplexe Forschungsprogramm Ökologie beim Präsidenten der Akademie der Wissenschaften‹ schrieben bzw. sich, sofern sie an Kontakten mit unserer Organisation der Umweltschützer vor Ort interessiert sein sollten, mit der ›Gesellschaft für Natur- und Umweltschutz‹, einer Sektion des Kulturbundes, in Verbindung setzten.« Das zweite Beispiel: Am 7. Juli 1980 hatte Peter Offenbach für das Sozialistische Osteuropa-Komitee Harich mitgeteilt, dass man für 1980 die Herausgabe eines »Infos« plane, das sich mit der »Umweltschutzproblematik in Osteuropa beschäftigen soll«. Er verwies dabei darauf, dass 1978 schon ein Sonderheft zum Stand des AKW-Baus in der Sowjetunion erschienen sei und man sich bereits 1976 mit Kommunismus ohne Wachstum? auseinandergesetzt habe. In der neuen Publikation gehe es darum, »den rigorosen Umgang mit der Natur durch Planungsbehörden osteuropäischen Standorts deutlich zu machen«. Zudem habe man vor: »Darüber hinaus wird eine Chronik über Unterdrückung und Widerstand in Osteuropa abgedruckt werden und die Wiedergabe bedeutender politischer Dokumente Oppositioneller erfolgen.« Harich antwortete am 08. Juli 1980: »In Beantwortung Ihres Schreibens vom 7. Juli 1980 bitte ich Sie, zur Kenntnis zu nehmen, mit wem Sie es bei mir zu tun haben. Ich bin loyaler Staatsangehöriger der Deutschen Demokratischen Republik und, seit nunmehr fast 40 Jahren, entschiedener 59Heyer: Das grüne Jahrzehnt Sympathisant der Sowjetunion und ihrer seitherigen Regierungen. Es kommt daher für mich überhaupt nicht in Frage, mit Ihrer Organisationen irgendwelche, wie auch immer geartete Kontakte zu unterhalten, mich an Aktivitäten von Ihrer Seite zu beteiligen und gar Beiträge für Ihr Info zu verfassen; letzteres auch dann nicht und besonders dann nicht, wenn die zu behandelnde Materie mich an sich sehr interessiert. Dass Sie es fertig bringen, ausgerechnet mich auch noch per Du anzureden, zeugt entweder von bodenloser Naivität und Ignoranz oder stellt eine Unverfrorenheit seinesgleichen dar. Hochachtungsvoll« Trotz der gerade angesprochenen Loyalität gegenüber der DDR wurde Harich 1979 endgültig bewusst, dass er in seiner Heimat keinerlei Chance hatte,62 das für ihn wichtigste Anliegen irgendwie im öffentlichen Bewusstsein zu artikulieren oder gar im politischen Raum zu verhandeln. Nun traf er einen Entschluss, zu dem er noch nicht einmal nach seiner Entlassung aus der Haft bereit gewesen war: Er beantragte die Ausbürgerung aus der DDR. Am 24. Oktober 1979 schrieb er, sich bereits in Österreich befindend, an seine Schwester Gisela Wittkowski: »In den Monaten vor meiner Abreise nach Wien war ich aus verschiedenen Gründen noch ziemlich kopflos. So beging ich den schweren Fehler, meinen Ausreise- mit einem Ausbürgerungsantrag an den Staatsrat zu verbinden. (…) Ihr – Gerhard und Du – wart es, die mir daraufhin androhtet, mit mir jede Beziehung abzubrechen. Es war gut, und wir können heute alle heilfroh darüber sein, und ihr wart es sofort, dass mir dann im Namen Honeckers die Abteilung Wissenschaft im ZK der SED (Prof. Gregor Schirmer) von der Ausbürgerung abriet. Die Tatsache nun, dass ich, unter Beibehaltung meiner Staatsangehörigkeit, ein bloßes befristetes Ausreisevisum, gültig bis 30.  April 1981, erhielt, will ernst genommen sein, und ich nehme sie ernst.« Seine Erfahrungen in der, mit der DDR hatten Harich zermürbt. Dabei ist nicht nur an die Angriffe gegen ihn zu denken, sondern auch an seine verschiedenen fruchtlosen Kontroversen und Eingaben. All das zusammengenommen, kam er letztlich zu der gerade erwähnten Einsicht, dass er nie im ökologischen Sinn in der DDR handeln können werde. Es sind drei Briefe von ihm an Klaus Höpcke erhalten, verfasst im November und Dezember 1978, in denen sich seine damalige Geisteshaltung erkennen 62 Im Westen machte er dann immer wieder geltend, dass er mit der DDR nicht endgültig brechen dürfe (beispielsweise durch eine Anerkennung als politischer Flüchtling wegen seiner Rentenprobleme oder um Mitglied bei den Grünen zu werden), da ja die Möglichkeit bestehe, dass er dort irgendwann werde ökologisch wirken können. 60 Einführung lässt. Am 14. November bezog sich Harich darauf, dass er erneut von Höpcke vertröstet worden war, was seine Möglichkeiten angehe, in der DDR Gehör zu finden. »Es ist jetzt einen Monat her, dass mich Ihr Schreiben vom 13. Oktober 1978 erreichte. Sie berichteten mir darin, ›der Mann, um dessen Reaktion es uns so dringlich geht‹, hätte, von Ihnen angesprochen, uns darum gebeten, ›noch etwas Geduld‹ zu haben. Wenn ich Sie heute wissen lasse, dass ich für meinen Teil Geduld nicht länger aufzubringen vermag, so beachten Sie bitte, dass es dazu eines weit größeren Zeitraum als bloßer vier Wochen bedurft hat. Sich meines Anliegens annehmen zu wollen, versprachen Sie schon vor über vier Monaten. Und vor einem Vierteljahr erklärten Sie mir, höheren Orts sei nun in dieser Angelegenheit grünes Licht gegeben worden. Doch damit nicht genug, hatte bereits Anfang Juni 1977 der Chefredakteur der Einheit, Professor Manfred Banaschak, mir zugesichert, Partei und Staat wollten die Kenntnisse, die ich mir auf dem Gebiet ökologisch fundierter Zukunftsforschung erworben, unbeschadet des problematischen Charakters meiner damit verbundenen Auffassungen, nicht ungenutzt lassen, weshalb es beschlossene Sache sei, mich in ein entsprechendes interdisziplinäres Gremium, unter philosophischer Federführung, mit einzubeziehen, das ›ganz gewiss‹ noch im selben Jahr ins Leben gerufen werden würde.« Derartigen Vertröstungen war Harich in der DDR nach seiner Haftentlassung immer wieder ausgesetzt. Auch mit Blick auf die Themen, die ihm in den achtziger Jahren wichtig waren (Hartmann, Nietzsche, Jean Paul, Lukács), wendete die Partei dieses Mittel an. Harich ging bei seiner Zustandsbeschreibung bis auf die Angriffe auf seine Positionen von Harry Nick in der Einheit (Heft 5/6, 1979) zurück. »Bedenkt man, dass mein erstes an die Einheit gerichtetes Schreiben hierzu vom Juni 1976 datiert ist und wir uns jetzt im November 1978 befinden, so sind nicht weniger als zweieinhalb Jahre vergangen, während deren ich mich in Geduld habe üben müssen. Nach alledem kann es mir schwerlich verargt werden, wenn ich mich nunmehr auf den Standpunkt stelle: Nun langt es mir!« Er habe keine Lust mehr, sich noch länger zu gedulden, habe schlichtweg die Hoffnung aufgegeben. Nunmehr sei zudem der Akademie-Verlag auf ihn zugetreten, um in ausgewählten Teilen die Verwirklichung seines Vorschlags zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie zu diskutieren.63 Dies war Harich deshalb bedeutsam, da er sich immer für das Erbe der bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts eingesetzt und 63 Mit ergänzenden Materialien abgedr. in Band 9, S. 383–412, zum Kontext ab S. 381. Siehe außerdem die weiteren Hinweise in diesem Band. 61Heyer: Das grüne Jahrzehnt diesem Zusammenhang auch eine Aufwertung des Schrifttums von Georg Lukács im Blick hatte. Doch angesichts der Dringlichkeit der Ökologie-Problematik müsse sogar dieses Projekt hinten anstehen. Er selbst habe vieles geopfert, um sich den ökologischen Herausforderungen zu stellen und werde dies auch weiterhin tun. »Schon in den letzten Stadien meines dickleibigen Jean Paul-Buchs, 1971–1973, war ich oft drauf und dran, diesen Krempel hinzuschmeißen: So sehr hatten die Kassandrarufe der Ökologen, die Weltuntergangsszenarien des Club of Rome usw. mich aufgeschreckt. Dass ich mich trotzdem noch im September 1976 von Herrn Dahne dazu animieren ließ, jenes Exposé in Angriff zu nehmen, geschah im Grunde nur noch aus Anhänglichkeit an Lukács, dem eben damals Werner Mittenzwei ein – von mir lange schon herbeigesehntes – Come back bei uns zu bereiten im Begriff stand. Mit meinen Gedanken war ich ganz woanders: Bei der Verarbeitung der Salzburger Gespräche mit Robert Jungk, beim Meinungsaustausch mit Jost Herbig, beim Verschlingen von Büchern, die beide mir empfohlen hatten, bei Eingaben, mit denen ich unser Umweltschutzministerium für das Verbot von Spraydosen hierzulande gewinnen zu können hoffte usf. Und in eben dieser Richtung hat mittlerweile meine Entwicklung mich von der Literaturwissenschaft immer weiter und weiter weggeführt, am meisten und nachhaltigsten in diesem Sommer, unter dem Eindruck des Qualitätsumschlags der ökologistischen Bewegung im Westen von lokal bornierten Bürgerinitiativen und den Submilieus alternativer Lebensweise ins Parteipolitische. Es gibt da keinen Weg mehr zurück für mich, und in genau diesem Sinne werde ich am 4. Dezember im Akademie-Verlag die mir zugedachten Aufgaben zurückweisen, auf die Gefahr hin, dass man mich auf die Straße setzt.« Am 20. November schrieb Harich erneut an Höpcke. Bei der Lektüre seines ersten Briefes sei ihm das »böse klingende ›Nun langt es mir!‹« noch einmal ins Bewusstsein gekommen. »Zurücknehmen möchte ich diesen Ausruf nicht, auch nicht abschwächen, wohl aber, im Hinblick auf meine bevorstehende Hamburg-Reise, noch rechtzeitig verhüten, dass Sie falsche Schlüsse aus ihm ziehen. Enttäuschung und Resignation werden mich nicht dazu bewegen, die Deutsche Demokratische Republik bei Gelegenheit dieser Reise illegal zu verlassen. Sie können die absolute Gewissheit haben, dass ich – es sei denn, es ereilte mich vorher der Tod – am Abend des 30. November nach Berlin, Hauptstadt der DDR, zurückkehren (…) werde.« Harichs Angst, dass man ihm seine West-Reise verbieten werde, war nicht unbegründet. Denn erstmalig war ihm im Büro Höpcke vor seiner Italien-Reise die schriftliche Versicherung abverlangt worden, 62 Einführung »im Ausland jederzeit den Standpunkt der DDR zu vertreten und nach Rückkehr einen in neun Exemplaren abzufassenden Bericht über meine Reise vorzulegen«. Dies sei ihm, erklärte Harich, aber nicht möglich, da er in Sachen Ökologie nun einmal Ansichten vertrete, die dienen der DDR konträr gegenüber stünden. Neben dieser »ideologischen« Divergenz gäbe es drei weitere Punkte: »Erstens hieße es Positionen verleugnen, die ich im Mai dieses Jahres in einem Interview für den Kölner Stadtanzeiger verfochten habe und von deren Richtigkeit ich nach wie vor überzeugt bin, wenn ich jetzt die Absetzung des satirischen Lustspiels Die Flüsterparty von Rudi Strahl vom Spielplan des Berliner Maxim Gorki-Theaters sowie die darauf Bezug nehmenden Äußerungen des Ersten Sekretärs der Bezirksleitung Berlin der SED, Konrad Naumann, und des Parteisekretärs des Gorki-Theaters in der Berliner Zeitung vom 3. November 1978 verteidigen wollte. Ich kann das unmöglich tun, und zwar um so weniger, als eine persönliche Bekannte von mir, Mitglied der SED, nur mit Not und Mühe und unter Praktizierung psychologisch-pädagogischer Tricks ihre fünfzehnjährige (!) Tochter davor zu bewahren vermochte, der durch Doppelwährung und Intershops bei uns begünstigten Prostitution anheimzufallen. Es ist eine sozialistische Position, von der aus es in dieser Frage für Strahl kein Tabu gab. Zweitens: Ich bin nun einmal Gegner der so genannten friedlichen Nutzung der Kernenergie. Zwar betrachte ich dies als ein globales und nicht als ein DDR-spezifisches Problem, und mit diesem Argument pflege ich Versuchen entgegenzutreten, die KKWs zum Gegenstand irgendwelcher gegen die DDR sich richtender Agitationen zu machen. Aber wenn eines der – nach meiner Meinung – wichtigsten und zu großen Zukunftshoffnungen berechtigenden historischen Ereignisse der Gegenwart wie die Volksabstimmung in Österreich, die jüngst die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf verhindert hat, in unseren Massenmedien völlig ignoriert wird, dann kann ich das nur aufs Tiefste missbilligen und es im übrigen für eine echte Dummheit halten, mit der unsere Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit und damit das Vertrauen der Bevölkerung zu Partei und Staat untergraben. Drittens lehne ich den motorisierten Individualverkehr sowie die aus ihm sich ergebende Zunahme des Straßenverkehrsnetzes aus Umweltschutzgründen entschieden ab und bin daher auch erklärter Gegner des Baus einer neuen Autobahn zwischen Berlin und Hamburg, wie er erst vor wenigen Tagen zwischen der DDR und der BRD vereinbart wurde.« Am 31. Dezember kam Harich dann in seinem dritten Brief an Höpcke noch einmal auf das in Aussicht gestellte Gespräch zurück, in dem es um Harichs Einbeziehung in 63Heyer: Das grüne Jahrzehnt entsprechende Gremien, zumindest aber um das Anhören seiner Argumente zu den dringenden ökologischen Fragen gehen sollte. »Jetzt ist das Jahr 1978 vorbei, und abermals ist nichts dergleichen geschehen. Niemand kann es mir verargen, wenn ich nach alledem an nichts mehr glaube, auch nicht daran, dass Anfang Januar endlich ›jemand kommt‹. Ich fürchte, es wird niemand mehr kommen. Sollte ich mich da aber täuschen, wird dann der ›Kommende‹ mir Vorschläge zu unterbreiten haben, die sich wenigstens zu 70 Prozent mit meinen Vorstellungen decken? Und dazu mit der Gewähr, dass das Maß der Übereinstimmung nicht über kurz oder lang auf 50 Prozent oder noch weniger absinken wird?« Damit ist zeitlich jener Punkt bezeichnet, an dem Harich die Aussichtslosigkeit seiner Lage erkannt hatte, d. h. zumindest der, an dem er sich gegenüber den offiziellen Stellen aussprach. Ein Gespräch war offensichtlich auf den 10. Januar 1979 festgesetzt: »Ich will mich trotzdem noch ein letztes Mal, mit dem Willen, in der Sache ein Stück zurückzustecken, in Geduld fassen und die Zeit bis zum 10. Januar abwarten. Sollte ich nach diesem Termin indes abermals mit leeren Händen dastehen – oder mit der Vertröstung auf einen weiteren Termin –, dann wird der Gedanke an mein Alter, meinen miserablen Gesundheitszustand, meine nur noch begrenzte Arbeitskraft mir als Alternative zu einer – mitunter schon suizidär gefärbten – Resignation wohl nur noch den Aufbruch in andere, westliche Gefilde übrig lassen – nicht, um dort angenehmer zu leben, sondern damit mein Lebensrest von einer mir gemäßen Aufgabe verzehrt werde.« Dies sei, so setzte Harich hinzu, keine Drohung. Zwar sei die politische und wirtschaftliche Situation so, dass die Verwirklichung seiner Thesen aus Kommunismus ohne Wachstum in den Ländern des »realen Sozialismus« besser bewerkstelligt werden könne. Aber es gäbe auch andere Faktoren (»wie der Grad der Industrialisierung, der Stand der Arbeitsproduktivität, der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohmaterialien und Energie usw.«), die sich ebenfalls als relevant entpuppen könnten. (Diese Argumentation hatte Harich seit dem Erscheinen von Kommunismus ohne Wachstum? mehrfach verwendet und, wie bereits gezeigt, auch öffentlich geäußert.) »Träfe dies zu – und mein Scheitern hierorts scheint eine Probe aufs Exempel zu liefern –, dann wäre der Kampf in die Höhle des Löwen zu verlegen, dorthin, wo Verschwendung, Rohstoffverschleiß und Umweltzerstörung am weitesten gediehen sind, wo die Konsumgesellschaft sich selbst ad absurdum zu führen beginnt, wo durch Wirtschaftswachstum Krisen nur noch verschärft, aber nicht mehr behoben werden können. Und manchmal dringen von dorther schon vorwurfsvolle Stimmen zu mir, die sagen: ›Du sitzt sicher und geborgen hinter der Mauer, und wir sollen uns die Zähne einschlagen lassen für deine guten Ratschläge, wie wir der Bourgeoisie an der grünen Front den 64 Einführung kapitalistischen Ausweg aus ihrer Krise verstellen helfen könnten?‹ Auch eine Art Abwerbung, wenn auch keine sehr verlockende. Seien Sie überzeugt: Nur höchst ungern verließe ich die DDR. Um von den Vorzügen des Sozialismus ganz abzusehen, ist ja für einen, der auf dasselbe Gymnasium gegangen ist wie Fontane, das sumpfigste, sandigste, mieseste Fleckchen der Mark Brandenburg immer noch herrlicher als alle Schönheiten, sagen wir, des Lago Maggiore samt Alpenhintergrund. Und ganz und gar zuwider wäre mir ein Abgang im Bösen, mit Krach. Wenn es denn sein müsste, würde ich möglichst unspektakulär und mit apolitischer Begründung von dannen ziehen: krankheitshalber, als Invalidenrentner, aus Liebeskummer und dergleichen. All dies hat meine derzeitige Situation, leider, in Fülle auch zu bieten. Es würfe als Motivierung kein rühmliches Licht auf mich, Rampenlicht schon gar nicht. Doch das wäre mir gerade recht, es sei denn, die wahren Gründe ließen sich – woran ich nicht glaube – mit politischem Nutzeffekt für uns herausstreichen oder auch hinter vorgehaltener Hand verbreiten. Wie dem auch sei: Wenn es denn sein müsste, erbäte ich mir als Gegengeschenk nur eines: Dass die Prozedur nicht durch neuerlich nervenzerreibendes Hi nauszö gern oder strapaziöse Behördenbittgänge meiner angeknacksten Gesundheit den Rest gibt. Denn es hat wirklich Hand und Fuß, wenn meine Ärzte jetzt nachholen, was sie schon vor drei Jahren vorhatten: mich zum Rentner zu machen, und mit dem Herzleiden, das sie dazu veranlasst, ist, weiß der Himmel, nicht zu spaßen.« Sein Bruch mit der DDR sollte dann doch kein solcher sein, werden, nicht den Charakter des Endgültigen oder Radikalen annehmen. Selbst seinen Weggang versuchte Harich gegenüber Höpcke rational zu begründen, d. h. zu verdeutlichen, dass er gehe, eben weil er Marxist und Sozialist sei. Das Gespräch am 10. Januar scheiterte (so es überhaupt stattfand, worüber es keine Informationen gibt) und am 11. Januar stellte er seinen Antrag auf Ausbürgerung – in einem Brief an den Rat des Stadtbezirk Friedrichshain, damals noch mit der Bitte der Genehmigung seiner Übersiedlung »in den kapitalistischen Teil des deutschsprachigen Raums«.64 Da er auf dieses Schreiben keine Antwort erhielt, wandte er sich am 8. März direkt an Erich Honecker. Sein Brief kann hier wiedergegeben werden: 64 An den Rat des Stadtbezirks Friedrichshain. Abteilung Innere Angelegenheiten, Brief vom 11. Januar 1979, zwei Blatt, maschinenschriftlich, hier Blatt 1. 65Heyer: Das grüne Jahrzehnt »Hochverehrter Herr Vorsitzender! Unter schmerzlichem Bedauern, aber auch nach reiflicher Überlegung habe ich mich zu dem Entschluss durchgerungen, an Sie das Ersuchen zu richten, mich aus der Staatsangehörigkeit der Deutschen Demokratischen Republik zu entlassen und es mir schon in nächster Zeit zu ermöglichen, in den kapitalistischen Teil des deutschsprachigen Raums überzusiedeln. Als Gegner jeglicher Verwendung von Kernenergie, der militärischen wie der friedlichen, beabsichtige ich, mich für den Rest meines Lebens in der Republik Österreich niederzulassen, deren Bevölkerung am 5. November 1978 mit ihrem Votum gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf für die gesamte internationale Umweltschutzbewegung ein Zeichen von historischer Bedeutung gesetzt hat. Nach der österreichischen Hauptstadt ziehen mich im Übrigen auch schwerwiegende private Gründe, die mein Lebensglück betreffen und denen ich um so weniger widerstehen zu müssen glaube, als ich, auf Grund einer im September 1975 erfolgten komplizierten Herzoperation (doppelter Bypass), seit 11. Dezember 1978 arbeitsunfähig geschrieben bin und jetzt meine Invalidisierung unmittelbar bevorsteht. Entscheidend ist jedoch, dass ich die mir noch verbleibende, stark reduzierte Leistungsfähigkeit bis zum letzten Atemzug dazu nutzen möchte, mich von Wien aus in die Kampffront der Ökologisten, der sogenannten Grünen einzureihen, die sich in mehreren Ländern Westeuropas zu formieren begonnen hat – verpflichtet der Erhaltung des Lebens auf der Erde und gleichermaßen geeignet, der Bourgeoisie den kapitalistischen Ausweg aus ihrer derzeitigen Krise verstellen zu helfen. Mein Entschluss steht im Einklang mit Überzeugungen, die ich bereits 1974/1975 in meinem Buch Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der Club of Rome, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt-Verlag), 1975, dargelegt habe. Gegen dieses Buch ist erst indirekt, von Harry Nick im Doppelheft 5/6 von 1976 in der Einheit, und später auch direkt, von Rolf Dlubek im Marx-Engels-Jahrbuch, Nr. 1, Berlin, 1978, heftig polemisiert worden, ohne dass mir Gelegenheit gegeben worden wäre, darauf öffentlich zu erwidern. Von dem Buch eine DDR-Ausgabe zu veranstalten, gelang mir nie. Und dreieinhalb Jahre lang schlugen hier alle meine Bemühungen fehl, auch nur in bescheidenen Ansätzen den einen oder anderen Gedanken des Buchs im eigenen Land pu blizis tisch vertreten zu dürfen, geschweige denn praktisch zum Tragen zu bringen. 66 Einführung An diesen entmutigenden Erfahrungen ändert sich, wie ich glaube, auch dadurch nichts, dass nunmehr noch im Lauf des Jahres 1979 bei der Akademie der Wissenschaften der DDR eine interdisziplinäre Kommission für globale Probleme ökologisch fundierter Zukunftsforschung gebildet werden soll und dass, auf hartnäckiges Betreiben desjenigen Staatsfunktionärs, der meinen Bestrebungen relativ am aufgeschlossensten gegen- übersteht, des stellvertretenden Kulturministers Klaus Höpcke, Herr Prof. Dr. Gregor Schirmer von der Abteilung Wissenschaften beim Zentralkomitee der SED mir neuerdings in Aussicht gestellt hat, in die Tätigkeit dieser Kommission mit einbezogen zu werden. Bedenklich stimmt mich bereits, dass auch nur in Erwägung gezogen wird, nicht der Ökologie oder der Philosophie, sondern ausgerechnet der bei uns durchweg wachstumsorientierten Wirtschaftswissenschaft die Rolle einer Art Leitdisziplin in jenem Gremium zuzuweisen, noch bedenklicher, dass das Gremium von der Umweltschutzpraxis in der DDR losgelöst arbeiten und für sie in keiner Weise zuständig sein soll. Vollends sind die Bedingungen, die an meine Mitarbeit geknüpft werden – sie laufen darauf hinaus, mich zur Selbstisolation zu verpflichten –, offenkundig von Misstrauen eingegeben und daher für mich diskriminierend und unannehmbar. Unter diesen Umständen scheint es mir für alle Beteiligten das Beste zu sein, wenn ich Professor Schirmes Angebot dankend ablehne und daraus die Konsequenz ziehe, unser Land zu verlassen. Ich stelle dies ohne Bitterkeit fest. Ich erhebe gegen Partei und Regierung keine Vorwürfe. Denn der eigentliche Fehler liegt, wie ich jetzt hier erkenne, bei mir: Allzu lange habe ich in meinem Verhalten dem borniert moralisierenden Vorurteil gehuldigt, dass ›jeder zuerst vor der eigenen Tür kehren‹ müsse, statt zu begreifen, dass vielmehr dort zuerst gekehrt werden muss, wo der meiste Dreck liegt; will sagen: Dort, wo Profitmaximierung und Kapitalverwertungszwang jene Konsumexzesse bedingen, die zwangsläufig ihrerseits die ärgsten Auswüchse an Ressourcen-Verschwendung und Umweltzerstörung hervortreiben. Das ist gerade in den hochindustrialisierten Metropolen des Kapitalismus, in den USA, den EG-Ländern und Japan der Fall, weshalb ja wohl nicht zufällig, in dialektischem Gegenzug zu den vorherrschenden Tendenzen, gerade dort auch zuerst das entsprechende Krisenbewusstsein, etwa in Form der Kassandrarufe des Club of Rome, erwacht ist und wenig später solche im Kern zutiefst antikapitalistischen Bewegungen wie die Bürgerinitiativen für Umweltschutz, wie die Zusammenschlüsse zu ›grünen‹ und ›bunten‹ Wählerlisten, wie die Massendemonstrationen gegen Kernkraftwerke usw. auf den Plan getreten sind (von Verzweiflungstaten wie der Selbstverbrennung eines Umweltschützers in Hamburg oder 67Heyer: Das grüne Jahrzehnt den Bombenanschlägen nach der Abstimmungsniederlage der Kernkraftgegner in der Schweiz gar nicht zu reden). Dorthin, in genau dieses Milieu gehöre ich, falls ich meine gegen Wirtschaftswachstum, Großtechnik, destruktive Produktivität und verschwenderischen Konsum abzielenden Auffassungen am richtigen Platz in die Tat umsetzen helfen will. Ich gehöre nicht mehr, längst nicht mehr in die ohnehin um vieles sparsamer wirtschaftenden, materiell anspruchsloseren, bescheidener lebenden sozialistischen Länder, deren politische Führungskräfte, durch den westlichen Konsumerismus von außen und innen unter Druck gesetzt, die Vorzüge ihres Systems noch nicht bzw. in nur sehr engen Grenzen dazu ausnutzen können, ökologischen Erfordernissen vor der Ökonomie den Vorrang einzuräumen. Natürlich setze ich mich dem Vorwurf aus, mit vorliegendem Ausbürgerungsantrag jetzt dieselbe Entscheidung zu treffen, die ich noch vor kurzem, im Sommer 1977 – und das obendrein öffentlich, in westlichen Massenmedien – an einigen Schriftstellern und Künstlern der DDR hart gerügt habe. Bitte übersehen Sie, Herr Vorsitzender, nicht den Unterschied: Ich wollte damals drohendem kulturellen Substanzverlust der Republik entgegenwirken, und solchen Verlust ihr selber zuzufügen, würde ich schuldig sein nur dann, wenn ich meinem ursprünglich eigenen Metier – der Publizistik, Kritik und Philologie, der Bearbeitung des Grenzgebiets von Literaturwissenschaft und Philosophiegeschichte – in den letzten Jahren noch treu geblieben wäre. Davon indes kann gar keine Rede sein. Schon mein zweites, umfangreicheres Buch über Jean Paul (erschienen 1974) habe ich nur ungern, mit schlechtem Gewissen vollendet, überzeugt, mir den Luxus nutzlosen Tuns zu leisten, und mich darüber hinwegtröstend mit dem Hintergedanken, mein gestiegenes Autoren-Renomée anschließend sogleich in die ökologisch-wachstumskritische Waagschale werfen zu können. Womit gesagt ist: Die Republik verlöre in mir, wenn sie mich gehen ließe, gar keinen Kulturschaffenden mehr, sondern einen von futurologischen Ängsten besessenen Fanatiker, der im Land selbst sich bestenfalls auf die Rolle eines halbwegs loyalen Querulanten reduzieren ließe, ihr im Westen dagegen, bei der Schwächung der dem Klassenfeind zu Gebote stehenden technologisch-industriellen Kraft, noch gute Dienste zu leisten im Stande wäre. 68 Einführung Gute Dienste vor allem bei der Abwehr reaktionär ablenkender Manipulationen, denen die ökologistische Bewegung von Seiten desselben Klassenfeindes ausgesetzt ist. Die Grünen plädieren immer für eine weit vorausblickende Politik. Sie treten dafür ein, dass heute, jetzt, sofort die Weichen für das Leben noch ungeborener Generationen richtig gestellt werden. Und sie vergessen dabei mitunter nächstliegende, akute Gefahren, die aus Wettrüsten und Kriegsvorbereitung erwachsen und, wenn es nicht gelänge, sie zu bändigen, binnen kurzem solch unvorstellbare Zerstörungen herbeiführen würden, dass es gar keine Weichen mehr gäbe, die noch in irgendeine Richtung gestellt werden könnten. Die Grünen bringen aber andererseits auch, weil es ihnen so dringlich um die Erhaltung des Lebens auf der Erde geht, überaus günstige Voraussetzungen mit, vor solchem Vergessen bewahrt, ihm, wenn nötig, blitzschnell entrissen zu werden. Bedenken Sie bitte, Herr Vorsitzender, dass selbst ein erzbürgerlicher Vertreter des rechten Flügels der Grünen, der Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl, seinen Anfang Juli 1978 erfolgten Austritt aus der CDU in erster Linie damit begründet hat, dass diese Partei zur Neutronenbombe Ja und Amen gesagt hatte. Marxistisch geschulter Bündnispolitik dürfte es somit unschwer gelingen, den Kampf für den Frieden mit dem Schutz der natürlichen Umwelt, für die Schonung der Ressourcen zur Einheit zusammenzuschließen. Und meinen Einfluss dahingehend geltend zu machen, das wäre überhaupt die vornehmste Aufgabe, der ich mich im Westen zu widmen gedächte. Ich gestehe, ziemlich unglücklich zu sein über den auch in der DDR mehr und mehr um sich greifenden Konsumerismus. Ich verurteile die Spraydosen, den motorisierten Individualverkehr, die Zersiedelung der Landschaft durch Eigenheime und Datschen und manches Ähnliche mehr. Aber mit jeder Zeile, jedem Wort der hervorragenden Rede, die Sie, Herr Vorsitzender, jüngst auf der Berliner Tagung des Weltfriedensrates gehalten haben, bin ich voll und ganz, ohne die geringste Einschränkung einverstanden. Eröffnen Sie – ich bitte Sie darum – durch Genehmigung meines Gesuchs mir die Möglichkeit, den Geist dieser Ihrer Rede mit den Bestrebungen der Ökologisten zu vermitteln. Indem ich Ihnen um des Friedens willen, zum Segen des Volkes der DDR und im Interesse der arbeitenden Menschen aller Länder Gesundheit und weitere Erfolge wünsche, indem ich in Ihrer Person auch der SED den Gruß eines aufrichtigen Sympathisanten entbiete, verbleibe ich in Respekt und Ehrlichkeit Ihr Wolfgang Harich.«65 65 Band 8, S. 139–143. 69Heyer: Das grüne Jahrzehnt Brief an das Finanzamt Wien 70 Einführung Brief an das Finanzamt Wien 71Heyer: Das grüne Jahrzehnt d) Weg in den Westen Nach der Erteilung des befristeten Ausreisevisums ging dann alles relativ zügig, Harich schrieb in den ersten Tagen des April 1979 mehrere Briefe an verschiedene Botschaften, um seine Übersiedlung nach Österreich in die Wege zu leiten. Der Botschaft der Republik Österreich in der DDR teilte er am 2.  April 1979 mit: »Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik hat mir die Genehmigung erteilt, mich, unter Beibehaltung meiner Staatsangehörigkeit, ab 30. März 1979 für zunächst 750 Tage, d. h. bis 30.  April 1981, im Ausland niederzulassen. Es ist mein Wunsch, in der Republik Österreich meinen Wohnsitz zu nehmen, und zwar in Wien, und hier zunächst provisorisch in der Pension Atrium (Adres se weggelassen, AH), wo ich mich vom 11. bis mindestens 19., spätestens 21.  April 1979 aufzuhalten gedenke. Danach will ich von Wien aus, auf Einladung meines spanischen Verlegers, bis Mitte Mai eine Reise nach Barcelona und Madrid unternehmen, um mir anschließend, zurückgekehrt, in Wien eine Wohnung zu suchen. Ich bitte Sie höflichst, mir das zu genehmigen und mir, zumindest fürs erste, ein ausreichend lang befristetes Einreisevisum für Österreich zu erteilen. Für meinen Lebensunterhalt wird gesorgt sein. Fürs erste habe ich mir aus Honoraransprüchen an westdeutsche Verlage 4.230,– DM auf das Konto einer Bekannten bei der Ersten Großen Österreichischen Sparkasse überweisen lassen. Im Übrigen bin ich auf Grund eines schweren Herzleiden (Zustand nach Herzinfarkt und nach späterer Doppel-Bypassoperation) nunmehr Invalidenrentner, was bedeutet, dass ich frühestens seit 10. Dezember 1978, spätestens seit 15. März 1979 seitens der Bundesrepublik Deutschland eine ausreichende Rente zu beanspruchen habe, die ich mir laufend nach Österreich überweisen lassen will. Den entsprechenden formellen Antrag werde ich am 17. oder 18.  April 1979 bei der Botschaft der BRD in Wien einreichen. Ich habe also nicht im mindesten die Absicht, mir in Österreich einen Arbeitsplatz zu suchen.« Für seinen Wunsch, nach Österreich überzusiedeln, machte Harich die dortige Volksabstimmung »gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf« vom 5. November 1978 geltend, die, »bahnbrechend für die gesamte internationale Umweltschutzbewegung, ein Zeichen von historischer Bedeutung« gesetzt habe. Diese Stellungnahme gegen die Atomkraft hat Harich auch in vielen weiteren Briefen, kleineren 72 Einführung Schriften und Interviews immer wieder positiv hervorgehoben.66 Einige Monate später musste er sein Bild jedoch revidieren. An seine Schwester Gisela Wittkowski schrieb er am 24. Oktober 1979: »Meine Situation in Österreich wird nämlich unhaltbar. Erstens war es eine Täuschung aus der Ferne, dass die Zwentendorf-Abstimmung eine ökologisch motivierte Volksentscheidung gewesen sei: Die Mehrheit gegen das Kernkraftwerk kam zu Stande, weil die bürgerlich-reaktionäre ÖVP (entspricht im Westen der CDU/CSU), an sich kernkraftbejahend, wollte die Gelegenheit benutzen, den – relativ weniger reaktionären – Sozialdemokraten Kreisky zu stürzen. Zweitens: Die Entscheidung ist nicht, wie ich glaubte, endgültig. Seit Ende Juli betreiben mächtige Kräfte, Kapitalisten im Bündnis mit der Gewerkschaft, eine neue, zweite, durch Horrorabschaltungen in diesem Winter psychologisch vorzubereitende Volksabstimmung. Somit kommt auf die Kernkraftgegner hier ein ganz schwerer Kampf zu. Als Ausländer dürfte ich mich daran aber gar nicht beteiligen. Aber wenn ich dabei säße und die Hände in den Schoß legte (was ich gar nicht aushielte), wäre die ganze Motivierung meiner Anwesenheit in Österreich eine einzige Farce. Von allen gleichgesinnten Österreichern wird mir daher geraten, wegzugehen: Von Professor Tollmann, der sich von den Umweltschützern als Bundespräsidenten-Kandidat aufstellen lassen will, über Paul Blau, den ökologistischen Hauptop po nenten in SPÖ und Gewerkschaften, über die Kernkraftgegner in der KPÖ bis hin zu den ultralinken grünen Spontis (= friedfertige Anarchisten). Mit dem DDR-Pass in der Tasche, ja, mehr noch, als ›Piefke‹ (= Deutscher) überhaupt, würde ich alle diese Leute eher belasten als ihnen helfen. Von alledem abgesehen, wird Österreich, dünn besiedelt, wie es ist, aber auch mehr und mehr zu einem Nebenkriegsschauplatz der Grünen, gemessen vor allem an der BRD (man denke nur an die Resultate der Bürgerschaftswahl in Bremen oder an den Riesenmassenaufmarsch neulich in Bonn). Da gehöre ich jetzt also hin, da fallen die Entscheidungen und da geht es ja schließlich 1980 auch darum, ein Scheusal wie Franz Josef Strauß von der Macht fernzuhalten.« Doch diese Desillusionierung war im Frühjahr 1979 noch fern. Daneben würde es, so Harich weiter in seinem Brief an die Botschaft der Republik Österreich in der DDR, für seinen geplanten Aufenthalt in Österreich auch private Gründe geben: Ein Teil seiner Familie lebte in Wien und auch seine ehemalige Lebensgefährtin Eva Pfisterer war dort wohnhaft, die bereits mehr als kriselnde Beziehung zwischen beiden konnte 66 Siehe zu diesem Thema Harichs Interviews nach seiner Ausreise, besonders Der Stern von Zwentendorf zog mich her, in Band 8, S. 144–162. 73Heyer: Das grüne Jahrzehnt jedoch nicht wieder aufgenommen werden. Überhaupt litt Harich sehr darunter, dass er im Westen allein blieb, keine zwischenmenschliche Nähe fand, gar eine Familie gründen konnte. (Um so mehr aber freute er sich und genoss die Gastfreundschaft verschiedener Freunde und auch die Aufenthalte und Besuche bei Teilen seiner Familie in der Bundesrepublik und in Wien.) In der zweiten April-Woche traf Harich in Wien ein und musste (nach einer längeren Spanienreise mit dem Zweck der Präsentation der spanischen Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum) in den ersten Monaten seines Aufenthalts im Westen verschiedene weitere bürokratische Hürden überwinden: Sehr oft sein Visum betreffend, beispielsweise bei seinen Reisen nach Spanien und Frankreich, die mehrfache Ausdehnung seiner seiner Aufenthaltsgenehmigung, die zunächst nur für Österreich galt, auf andere Länder, schließlich auch auf die Bundesrepublik. Die meisten Probleme machte die Beantragung seiner Rente, die ihm nach dem Fremdrentengesetz der Bundesrepublik zustand und deren Bewilligung sich fast ein Jahr hinzog, die aber nach Harichs Meinung viel zu gering angesetzt war, so dass er noch in den letzten Monaten seines Aufenthalts im Westen beim Münchner Sozialgericht eine Klage gegen seinen Rentenbescheid einreichte. In seinem Nachlass umfasst der entsprechende Briefwechsel mehrere Mappen, er muss hier nicht rekapituliert werden. (Einige Schriftstücke sind in dem vorliegenden Band aufgenommen.) Verschiedene der Fragen und Probleme, die bezüglich dieser Herausforderungen und auch mit Blick auf Harichs Einschätzung seiner Situation von Interesse sind und seine Jahre im Westen durchaus prägten, spricht bereits der Brief vom 19. Mai 1979 an, den Harich an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich, dort an den Konsularattaché Gerwinat schrieb. Er bat darin um eine Klärung der im Folgenden als Zitat wiedergegebenen drei Fragenkomplexe: »1) Das politisch-ökologistische, ›grüne‹ Anliegen, das mich nach Österreich geführt hat, erfordert, dass ich mir, im Hinblick auf momentan zwar nicht absehbare, grundsätzlich aber jederzeit mögliche neue Entwicklungen im Osten, die Chance eines kritisch-freundwilligen Einwirkens auf die Wirtschafts-, Wissenschafts- und Umweltpolitik der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer Verbündeten offenhalte in dem Sinne, wie sich das aus den einschlägigen Darlegungen meines Buches Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹, Reinbek, 1975, und späterer Veröffentlichungen von mir zum selben Themenkreis ergibt. Lässt es sich da nicht vermeiden, dass die Bundesrepublik Deutschland mich zu Schritten drängt, die un- 74 Einführung weigerlich einen definitiven und unheilbaren Bruch zwischen der DDR und mir zur Folge hätten, und dass von meiner Bereitschaft, solche Schritte zu tun, die Zahlung einer Invalidenrente an mich durch die Bundesversicherungsanstalt abhängig gemacht wird? Ein solches Junktim finde ich sowohl unwürdig angesichts des Kampfes, den wir ›Grünen‹ für die Erhaltung des Lebens auf der Erde führen, als auch völlig unvereinbar mit den wesentlichsten Passagen der ›Regierungserklärung zur Lage der Nation‹, die jüngst Herr Bundeskanzler Helmut Schmidt vor dem Bundestag in Bonn abgegeben hat. 2) Als loyaler Bürger der DDR kann ich mir unmöglich die Rechtsauffassung der Bundesrepublik zu den Fragen der Nationalität und der Staatsangehörigkeit zu eigen machen. Ich möchte aber diese Auffassung, auch wenn ich sie, übereinstimmend etwa mit diesbezüglichen Äußerungen des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, inhaltlich ablehne, gerne wenigstens als in sich logisch stimmig verstehen und, gegebenenfalls, Dritten gegenüber verständlich machen können. Dazu sehe ich mich beim besten Willen jedoch nicht im Stande. Denn die Bundesrepublik setzt deutsche Nationalität mit einer – von ihr postulierten – ›einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen‹ gleich, ohne dabei das Deutschtum beispielsweise der Elsässer, der Südtiroler, der Siebenbürger Sachsen usw. zu beachten – um von der Sprache, der Kultur, der geschichtlichen Vergangenheit unseres Gastlandes (soweit dessen slowenische, kroatische und ungarische Minoritäten außer Betracht bleiben) ganz zu schweigen. Wie reimt sich das? Offenbar rekurriert die Bundesrepublik auf den Umstand, dass sie selbst sowie die DDR und Westberlin einst Bestandteile des 1871 gegründeten Deutschen Reichs gewesen sind (für das, nebenbei bemerkt, dessen Begründer, Otto von Bismarck, den Namen ›Deutschland‹ wohlweislich nicht in Anspruch nahm, ebenso wenig wie später die DDR sich den Namen ›Volksrepublik Deutschland‹ zulegte). Erkennt man nun diesen Umstand als historische Begründung für das Postulat jener ›einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen‹ an und leitet man daraus, so wie es die Bundesrepublik tut, die Behauptung ab, dass es eine DDR-Staatsangehörigkeit überhaupt nicht gäbe, dann dürfte doch logischerweise von einem Bewohner der DDR nicht verlangt werden, dass er auf diese seine ja sowieso nicht existierende Staatsangehörigkeit erst einmal zu verzichten hätte, bevor er in den Genuss von Rechten kommt, die sich aus jener ›einheitlichen‹ ergeben. Und genau dies ist der Widerspruch, den ich jetzt am eigenen Leib zu spüren bekommen, nachdem ich mich in meiner Rentenangelegenheit am 12.  April 1979 auf bundesdeutsches Recht berufen habe. Für die Explikation der Argumente, die diesen Widerspruch aufzulösen geeignet sind, wäre ich der Botschaft der BRD in Wien aufrichtig dankbar. 75Heyer: Das grüne Jahrzehnt 3) Bei unserem Gespräch am 16. Mai boten Sie, Herr Konsularattaché, mir die Ausstellung eines Passes der Bundesrepublik Deutschland an unter der Bedingung, dass zugleich ich den Pass, den die Deutsche Demokratische Republik mir ausgestellt hat – und der laut Eindruck ihr Eigentum ist –, bei Ihrer Dienststelle hinterlege. Als Sie hinzufügten, dies würde, namentlich der DDR gegenüber, geheim gehalten werden, gab ich zu bedenken, dass ich mich dadurch eo ipso mit der Gefahr aussetzte, für Geheimdienste Ihres Staates erpressbar zu werden. Sie wiesen diese Äußerung von mir sofort entschieden zurück. Ich unterstelle, dass Sie sich dabei absolut aufrichtig verhielten. Verstehen Sie bitte aber auch mich. Mein Misstrauen kommt ja nicht von ungefähr. Als ich mich 1956 in einer sehr krisenhaften Situation der politischen Entwicklung an die Bezirksleitung Berlin einer im Bonner Bundestag vertretenen, damals zugleich aber auch in allen vier Sektoren Berlins zugelassenen Partei wandte, um mit ihr rein politische Angelegenheiten, vor allem die Einheit Deutschlands betreffend, zu erörtern, wurde ich, arglos, wie ich war, unverzüglich in einen ›Ostbüro‹-Kontakt hineingeködert, den mir dann die Sicherheitsorgane und die Justiz der DDR, nachdem ich von ihnen verhaftet worden war, als eine gegen die DDR gerichtete geheimdienstliche Tätigkeit vorwerfen konnten. Das – unter anderem – war der Grund dafür, dass ich anschließend mehr als acht Jahre meines Lebens, vom 33. bis zum 42. Lebensjahr, in Strafhaft verbringen musste. (Dass meine frühe Invalidisierung auf Grund eines schweren Herzleidens eine Spätfolge dieser erlittenen Haft ist, lässt sich freilich allenfalls vermuten und nicht medizinisch exakt beweisen.) Es ist, wie Sie zugeben werden, nach solcher Erfahrung kein Wunder, dass ich allergisch reagiere, wenn ein bundesdeutscher Beamter mich jetzt, 1979, abermals zu einem gemeinsamen geheimszuhaltenden Verstoß gegen gesetzliche Bestimmungen der DDR zu animieren sucht. Unwillkürlich lege ich mir die Frage vor: Damals befanden wir uns im Kalten Krieg – gehört der jetzt wirklich der Vergangenheit an? Und tun die Behörden der Bundesrepublik wirklich schon alles in ihrer Macht Stehende, um Rückfälle in ihn auszuschließen? Für eine Antwort auch auf diese Fragen wäre ich der Wiener bundesdeutschen Botschaft zu Dank verbunden.« Gerade der dritte Punkt war Harich wichtig. Gegenüber der DDR verhielt er sich bei allen seinen öffentlichen Auftritten im Westen loyal und verteidigte diese, wo es ihm nur möglich war. So schrieb er am 30. Mai 1980 an seinen Neffen Kilian Wittkowski und dessen Ehefrau Bea: »Erst nach meiner Invalidisierung habe ich mich im April 1979, im Einverständnis mit den Behörden unseres Staates, unter Beibehaltung meiner DDR-Staatsangehörigkeit und ausgestattet mit einem auf zwei Jahre befristeten Visum für mehrmalige Ausreise, 76 Einführung An die Bundespolizeidirektion Wien 77Heyer: Das grüne Jahrzehnt zeitweilig, besuchsweise in mehrere Länder des kapitalistischen Auslands (Österreich, Spanien, Schweiz, Frankreich, BRD, zuletzt Westberlin) begeben, wo ich mich seither, soweit mein angegriffener Gesundheitszustand dies zulässt – und oft über diese physische Grenze der mir noch verbliebenen Leistungsfähigkeit hinaus – mit meinen in den letzten Jahren neu erworbenen Kenntnissen auf den Gebieten der Ökologie, der Zukunftswissenschaft und der Friedens- und Konfliktforschung als aktiver Sympathisant in den Reihen der für Frieden, Umweltschutz, Ressourcenschonung und eine lebenswerte, friedliche Zukunft der Menschheit kämpfenden grünen Bewegung betätigte. Zahlreiche – teils unbekannte, teils sehr berühmte – Menschen, die mich dabei inzwischen persönlich kennen gelernt haben, darunter hunderte österreichischer, katalanischer, schweizerischer, französischer, westdeutscher und westberliner Kommunisten und Linkssozialisten, ferner Tausende Besucher von Veranstaltungen mit mir und Millionen Zuschauer des österreichischen Fernsehens können bestätigen, dass ich es im Ausland nie an deutlicher Loyalität gegenüber der DDR und deren Verbündeten, namentlich der Sowjetunion, an kämpferischem, kompromisslosem Eintreten für die Sache des Friedens und an schonungsloser Verurteilung vor allem der amerikanischen Kriegsbrandstifter habe fehlen lassen.« In den Briefen und Dokumenten dieses Bandes sind Aussagen wie diese an vielen Stellen nachzulesen. Zudem versuchte Harich auch, wie gerade ersichtlich wurde, jedweden Eindruck zu vermeiden, dass er etwa gegen die DDR instrumentalisiert werden könne oder solche Situationen gar bewusst suche. Am 8. Juni 1980 berichtete er Helmut Gollwitzer über ein Treffen, welches er mit Egon Bahr gehabt habe. »Unangenehm berührte mich, dass er (Bahr, AH) es nicht unterließ, zum Schluss noch den Versuch zu unternehmen, mich zu seinem Informanten über die DDR zu küren. Doch als er da bei mir auf eisige Ablehnung stieß, machte er sofort mit freundlicher Miene auch wieder einen Rückzieher. Immerhin hatte ich indes zu spüren bekommen, auf wie dünnem Eis ich mich in der Bundesrepublik bewege.« An die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte schrieb er in seiner Rentenangelegenheit am 26. Fe bru ar 1980 (Aussagen, die er so auch in anderen Kontexten getätigt hat): »Ich wehre mich entschieden dagegen, dass mir aus der Tätigkeit als Produktionsarbeiter während meiner Inhaftierung kein Rentenanspruch erwachsen soll, obwohl, wie sie selber zugeben, das Strafvollzugsorgan dafür Sozialversicherungsbeiträge abgeführt hat. Ihr Ansinnen, mich in der Bundesrepublik als DDR-Flüchtling anerkennen zu lassen, lehne ich selbstverständlich ab. Erstens würde eine derartige Anerkennung dem wahren Sachverhalt nicht entsprechen, da ich mich als Staatsangehöriger der DDR auf 78 Einführung Grund eines Ausreisevisums im Westen aufhalte. Zweitens stünde eine derartige Antragstellung in eklatantem Gegensatz zu meinen politischen Überzeugungen, für die ich doch wohl aber nicht in einem Land, das eine freiheitlich-demokratische Grundordnung zu haben beansprucht, mit materiellen Nachteilen bestraft werden darf. Drittens ist es mir nicht zuzumuten, dass ich im Westen Handlungen begehen, die auf einen unheilbaren Bruch mit der DDR hinauslaufen würden. Es ist mir aus drei Gründen nicht zuzumuten: a) Den ökologistischen, so genannten ›grünen‹ Bemühungen, denen ich, als Invalidenrentner, soweit meine Kräfte reichen, mich ehrenamtlich hingebe, wäre jeder Sinn entzogen, wenn ich grundsätzlich und ein für alle Mal auf die Möglichkeit verzichtete, sei es vom Westen aus, sei es im Falle einer Rückkehr in meine Heimat zu gegebener Zeit, auf die Wirtschafts-, Umwelt- und Wissenschaftspolitik der DDR und darüber hinaus auch ihrer Verbündeten, mit Einschluss der Sowjetunion, im Sinne meiner einschlägigen Kenntnisse und Auffassungen Einfluss zu nehmen; b) ich habe in der DDR enge Verwandte (Tochter, Schwester, Schwager, Neffen usw.) und zahlreiche Freunde, mit denen jede Verbindung abbrechen zu müssen gewiss nicht der Sinn jener ›menschlichen Erleichterungen‹ wäre, in deren Zeichen, meines Wissens, die seit 1969 amtierenden Bundesregierungen ihre Deutschland- und Ostpolitik betreiben wollten; c) nach dem Verlust meiner ostpreußischen Heimat kann mir, ebenfalls aus humanitären Erwägungen, nicht auch noch meine zweite Heimat – Berlin und Mark Brandenburg (ich wohnte immerhin in Neuruppin von 1928 bis 1940, in Berlin von 1926 bis 1928 sowie seit 1940, davon in Berlin-Ost seit 1950!!!) – genommen werden. Jeder, der sich diese Gesichtspunkte vor Augen führt, wird zugeben müssen, dass der Versuch, mich durch materiellen Druck zum Streben nach einem politischen Flüchtlingsstatus zu veranlassen und so in ein Feindverhältnis zur DDR hinein zu treiben, eine durch und durch inhumane Erpressung darstellt. In diesem Zusammenhang darf ich auch darauf hinweisen, dass die DDR, die keine pluralistische Demokratie ist oder zu sein vorgibt, ihren im Rentnerstatus lebenden Dissidenten derartiges bisher noch nicht angetan hat. (Aber vielleicht erfindet die BRD noch den zu diskriminierenden Radikalen im Rentnerstand!)« Die Jahre im Westen waren für Harich nicht einfach und stellten ihn vor zahlreiche Herausforderungen. Auf die ihn unbefriedigende Rentenangelegenheit wurde bereits verwiesen. Hinzu kam, dass er nie irgendwo heimisch wurde. Er lebte, wie er es selber formulierte, »aus dem Koffer«, das permanente Reisen und Unterwegssein tat seiner Gesundheit nicht gut. Gegen Ende seines Aufenthalts vermehrten sich die Klagen über den schlechten Gesundheitszustand. An den Arzt, der ihn in Osnabrück wegen seines Herzleidens behandelte, schrieb er am 9. November 1980: 79Heyer: Das grüne Jahrzehnt Eine Liste Harichs seiner Reisen 1979 und 1980 80 Einführung »Entschuldigen Sie bitte, dass ich (…) Sie hiermit noch ein weiteres Mal brieflich belästige. Es handelt sich darum, dass ich hinsichtlich meiner Zukunft, genauer gesagt: meines Lebensabends, vor schwerwiegenden Entscheidungen stehe: Ob ich nämlich nächstens wieder nach Berlin (DDR) zurückkehren oder aber mir mein Ausreisevisum verlängern lassen und mich – praktisch definitiv – im Westen niederlassen soll. Bei der einen wie der anderen Möglichkeiten gibt es manches, was dagegen, manches, was dafür spricht. So oder so aber muss ich mit in Betracht ziehen, was an Leistungen ich mir physisch überhaupt noch zumuten kann. In der DDR könnte ich ein geruhsameres Leben führen, würde aber, deprimierender Weise, auf dem ›grünen‹ Gebiet, das ich für das wichtigste halte, nicht gebraucht. Im Westen würde ich von den ›Grünen‹ stark in Anspruch genommen werden, wahrscheinlich aber auch überfordert. Fragt sich, wo ich unter diesen Umständen eher ein Frack wäre, oder gar ein Leichnam: Dort oder hier? Ich will nicht sagen, dass ich allein davon meine Entscheidung abhängig zu machen entschlossen bin. Aber erheblich berücksichtigen muss ich den Faktor meiner Gesundheit, Lebensweise und Lebenserwartung allemal. Und hierüber hätte ich gern auf Grund Ihrer Einschätzung meines Zustandes Ihren Rat eingeholt.« Anschließend klagte er dann über weitere gesundheitliche Probleme, die ihn in den folgenden Monaten ziemlich beschäftigten. So kann eine weitere Wortmeldung, gegenüber Erhard Eppler, vom 14. Mai 1981, seine Selbsteinschätzung hier abrunden: »Manche übrigens meinen, nicht andere Medikamente täten mir not, sondern eine ruhigere Lebensweise; ich hätte mir im Westen zu viel an Vorträgen, Kolloquien, Kongressen etc. zugemutet, sei hier nie recht sesshaft geworden, zuviel herumgereist. Da ran ist viel wahr. Doch wenn ich über die daraus zu ziehenden Konsequenzen nachdenke, tauchen bei mir doch wieder – obschon noch längst nicht dominierend – Motivationen auf, mich zur Heimkehr in die DDR zu entscheiden (zumal in puncto l’amour einiges bedrückend schiefläuft). Engagement oder bekömmlichere Geruhsamkeit, das ist die Formel für mein privates West-Ost-Problem; Sie fanden, in Stuttgart Ende Januar, ja selbst an der DDR ein Plus an ›guter alter Zeit‹.« Doch in den Monaten in Österreich überwog noch die Euphorie, endlich gebraucht zu werden, am richtigen Ort zu sein. In Wien blieb er nur einige Monate, zwei neu gewonnene Freunde hatten ihm seine Wohnung überlassen (Hubert Fragner und Peter Tagwerker). Und da beide Raucher waren, übernachteten sie immer in anderen Quartieren, wenn Harich ihre Wohnung nutzte. Am 20. Dezember 1979 traf er dann in 81Heyer: Das grüne Jahrzehnt Bonn ein. Lucia Laaf vermietete ihm ein Zimmer, auch dieses nutzte er wegen zahlreicher Reisen kaum. Schließlich bezog er im Frühjahr 1980 ein Zimmer bei dem Kunsthistoriker-Ehepaar Jutta Held und Norbert Schneider in Osnabrück. Die dortigen Monate können sicherlich als seine glücklichsten im Westen gelten. Anschließend ging er in den Münchener und Starnberger Raum. Dort hatte er teilweise eine eigene Einraumwohnung, wohnte wieder bei neugewonnenen Freunden (zum Beispiel bei Götz Heidelberg und Ulrike Widmer-Thiel). Im Herbst 1980 schließlich zog es ihn nach Hannover, er bezog ein Zimmer bei Gerda Caroline de Luis, mit der er in den frühen fünfziger Jahren verheiratet gewesen war. Ende Oktober 1980 kehrte er schließlich in die DDR zurück. Dort setzten sich nun seine Probleme fort, da er seine Wohnung in der Friedenstraße 8 einem Neffen überlassen hatte, der sie nicht wieder räumen wollte (der Streit um die Wohnung begleitete ihn die ganzen Jahre im Westen und setzte ihm sehr zu), so dass Harich zunächst einmal für mehrere Monate bei André Müller unterkam. Es war ein unstetes, ein getriebenes Leben, das Harich so nicht gewollt hatte. Aus dieser Perspektive erklärt sich sicherlich ein ganzes Stück weit, dass er nach seiner Rückkehr in die DDR bereit war, sich für Jahre in aller Ruhe an den heimischen Schreibtisch zu setzen, Seite für Seite seines umfangreichen Manuskripts über Nicolai Hartmann zu füllen.67 Ein Elfenbeinturm, ein wissenschaftlicher gar, bedeutet eben auch Ruhe und Schutz. In Wien war Harich vor allen in den Kreisen des »Forum Alternativ« aktiv und pflegte auch verschiedene Kontakte zu Schweizer Grünen. Dennoch wurde ihm, ein entsprechendes Zitat wurde bereits wiedergegeben, immer stärker bewusst, dass er, um politisch zu wirken, in die Bundesrepublik übersiedeln müsse. Eine Ausdehnung seines Ausreisevisums (das ursprünglich nur für Österreich gültig war) wurde durch die DDR genehmigt. Dort wollte er außerdem Mitglied der »in statu nascendi befindlichen bundesdeutschen« Partei »Die Grünen« werden. Er wisse allerdings nicht, so schrieb er weiter am 11. November 1979 an Herbert Gruhl, ob er als DDR-Bürger überhaupt in einer bundesdeutschen Partei Mitglied werden dürfe und ob diese ihn wegen seiner Staatsangehörigkeit überhaupt aufnehmen wolle.68 »Das heißt, wenn diese Partei es im 67 Abgedr. in Band 10, S. 57–815. 68 An Wolf-Dieter Hasenclever schrieb er am 20. Januar 1980: »Zum Eintritt in die Partei ›Die Grünen‹ haben mich die für meinen derzeitigen Wohnsitz Bonn zuständigen beiden miteinander rivalisierenden Landesverbände von Nordrhein-Westfalen gleich nach meinem Eintreffen hier (am 20. Dezember 1979) aufgefordert. Ich habe daraufhin die Ständige Vertretung der DDR in Bonn aufgesucht und bei ihr angefragt, ob eine Parteimitgliedschaft bei den Grünen mit meiner Staatsangehörigkeit zu vereinbaren sei. Die Antwort lautete, 82 Einführung eigenen Interesse für zweckmäßiger erachten sollte, dass ich ihr nicht formell als Mitglied beitrete, sondern sie nur als ausländischer Sympathisant nach Kräften unterstütze, werde ich dies, ohne im entferntesten gekränkt zu sein, zu respektieren wissen.« Unabhängig von diesen formalen Fragen gelte für ihn aber: »Sie können sicher sein, dass ich mich ab 1. Januar 1980, sei es als Parteimitglied, sei es mit bloßem Sympathisantenstatus, mit allen mir noch zu Gebote stehenden Kräften für die Sache der Partei ›Die Grünen‹ einsetzen werde. Das Problem einer Doppelmitgliedschaft in mehreren Parteien besteht bei mir nicht. Ich habe ab Anfang 1946 der (damaligen) KPD als Mitglied angehört, bin dann im Frühjahr desselben Jahres automatisch in die damals durch Fusion mit der SPD der sowjetischen Besatzungszone neu gegründete SED mit übernommen worden, wurde jedoch aus dieser Partei im März 1957 wieder ausgestoßen, nachdem ich vom Obersten Gericht der DDR wegen Staatsverbrechens gemäß Artikel VI der (damaligen) DDR-Verfassung zu zehn Jahren Zuchthaus, unter Anrechnung der erlittenen Untersuchungshaft, verurteilt worden war. Seither habe ich keiner Partei und auch keiner gesellschaftlichen Organisation mehr angehört, mit Ausnahme, wie gesagt, meiner Ehrenmitgliedschaft im Wiener Verein ›Forum Alternativ‹ seit 1979.« In einem Brief an Robert Jungk vom 21. Januar 1980 hat Harich darüber berichtet, wie es ihm bis zu diesem Zeitpunkt im Westen – wie gesagt: zuerst in Wien, ab dem 20. Dezember 1979 in Bonn – ergangen war. Da die entsprechenden Passagen einen guten Überblick geben, können sie im Folgenden zitiert werden: es stünde mir frei, zu tun und zu lassen, was ich wolle; nur müsse ich mir darüber klar sein, dass mein Eintritt in eine Partei der Bundesrepublik geeignet wäre, deren Doktrin einer ›einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen‹ zu zementieren; über das Fortbestehen meiner DDR-Staatsbürgerschaft würde im übrigen in Berlin entschieden werden. Diese Auskunft befriedigte mich nicht, und ich wandte mich daher mit einer schriftlichen Wiederholung meiner Frage am 23. Dezember 1979 (per Einschreiben, Eilboten) an den Staatsrat der DDR, in einem Brief, worin ich meine Auffassung auseinandersetzte, dass ein DDR-Bürger, der, unter Beibehaltung seiner Staatsangehörigkeit, mit allen sich daraus ergebenden Loyalitätsbindungen an die DDR, in inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik mitrede und mitbestimme, deren Staatsbürgerschaftsdoktrin gerade ad absurdum führen helfe. Bis jetzt habe ich eine Antwort darauf nicht erhalten, muss es also bis auf weiteres noch bei meinem Status eines Sympathisanten der Grünen bewenden lassen. Soviel nur dazu.« 83Heyer: Das grüne Jahrzehnt Werbeposter für eine Veranstaltung mit Harich 84 Einführung »Was meine persönliche Lage angeht, so war für mich schon seit Anfang August, auf Grund einschlägiger Äußerungen von Androsch, Benya, Blecha, Kienzl und Kreijci, klar, dass auf meine Freunde vom Wiener ›Forum Alternativ‹ in Sachen Zwentendorf neue Kämpfe zukommen würden, in die ich mich, als Ausländer unter Demonstrationsverbot, noch dazu als einer aus der DDR, nicht zum Nutzen der Sache würde mit hineinverwickeln lassen dürfen. Das Ergebnis der Bremer Bürgerschaftswahl, vom Oktober 1979, und die acht Tage danach in Bonn veranstaltete Massenkundgebung von 150 000 Kernkraftgegnern ließen mich schließlich erkennen, dass das Schwergewicht des ökologistischen Kampfes sich auf die BRD verlagert hatte. So gab ich auf dem Offenbacher Grünen-Parteitag Anfang November meine Absicht bekannt, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Eigentlich wollte ich zuerst von Wien nach München ziehen, vor allem wegen des Projekts ›soziale Naturwissenschaft‹ eines Herrn Dr. Wolfgang Schäfer, bei dem ich am Starnberger Institut als ehrenamtlicher philosophischer Berater hätte mitwirken sollen. Als ich im Dezember im Raum München jedoch feststellte, dass mit der Emeritierung C. F. v. Weizsäckers der von diesem direkt geleitete, mich einzig interessierende Flügel dieses Instituts (Habermas interessiert mich ganz und gar nicht) aufgelöst werden und damit auch jenes Projekt vorerst ›sterben‹ würde, da entschloss ich mich, einem Ruf der in Nordrhein-Westfalen besonders zerstrittenen, in zwei Flügel auseinandergefallenen Grünen zu folgen, mit der Absicht, hier der drohenden Spaltung (ähnlich wie im September/Oktober Rudi Dutschke in Bremen) nach Kräften entgegenzuwirken, wobei besonders auch Herr v. Weizsäcker, wiewohl selbst kein Grüner, mich, nach dem Motto ›wenn schon, denn schon‹, darin bestärkte, in die Bundeshauptstadt Bonn zu gehen. Leider sieht das Resultat des Karlsru her Gründungsparteitages der Grünen nun so aus, dass ich in der Sache zu der eigentlichen, der von Gruhl und Haußleiter gegründeten Partei halte, während die mir Unterkunft gewährenden Gastgeber in Bonn, unzufrieden mit der nicht eindeutigen Ausschließung von Doppelmitgliedschaft, eine ›gemäßigte‹, d. h. natürlich weiter rechts stehende Ökologen-Partei von der Karlsruher Gründung abspalten wollen. Dieser für alle Beteiligten unhaltbare Zustand macht meine derzeitige Anschrift leider bloß provisorisch. So bin ich dabei, mir ein neues Quartier zu suchen, und werde vielleicht, falls das in Bonn selbst nicht klappen sollte, auch diese Stadt nächstens wieder verlassen müssen. Jedenfalls aber wird ein Brief von Ihnen, an die im Briefkopf angegebene Postfachadresse gerichtet, mir auch dann durch die Laafs zuverlässig nachgeschickt werden. Reguläres Parteimitglied bei den Grünen bin ich noch nicht und werde es, als DDR-Bürger, vielleicht auch nie werden dürfen. Beide miteinander rivalisierenden Landesverbände der Grünen in Nordrhein-Westfalen haben mich aufgefordert, ihnen 85Heyer: Das grüne Jahrzehnt beizutreten. Ich habe mich daraufhin sofort an die Ständige Vertretung der DDR in Bonn mit der Anfrage gewandt, ob die DDR mir einen solchen Schritt genehmigen würde. Man erklärte mir dort, es stünde mir frei, zu tun, was ich für richtig hielte; ich müsse mir aber darüber im Klaren sein, dass ich mit meinem Eintritt in eine politische Partei der BRD deren Doktrin einer ›einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen‹ zementieren helfen würde. Da ich genau der entgegengesetzte Meinung bin, dass nämlich ein DDR-Bürger, der, unter Beibehaltung seiner Staatsangehörigkeit, in inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik mitredet und mitbestimmt, jene Doktrin gerade ad absurdum führen hilft, habe ich mich mit dieser Auskunft nicht zufriedengegeben, sondern am 23. Dezember 1979 meine Anfrage schriftlich an den Staatsrat der DDR in Berlin (Ost) wiederholt. Eine Antwort ist bisher nicht eingetroffen, und ob sie, wenn sie eintreffen sollte, positiv ausfallen könnte, erscheint mir nach dem Parteieintritt Rudolf Bahros in Karlsruhe, am 12. Januar 1980, recht zweifelhaft. Jedenfalls aber werde ich nicht aufhören, die Grünen als aktiver Sympathisant nach Kräften zu unterstützen. So lange dieser Schwebezustand anhält, hat er freilich für mich auch den Vorteil, dass ich bislang nicht der Parteidisziplin der Grünen unterworfen bin (mit der es im übrigen sowieso nicht weit her ist).« e) Im Westen In der BRD war er in den fast zwei Jahren seines Aufenthalts für die Grünen ziemlich aktiv, hielt viele Vorträge und beteiligte sich beispielsweise an den damaligen Landtagswahlkämpfen. Allerdings gelang es ihm nie, jenen Einfluss zu erzielen, den er sich vorgestellt hatte. An Carl Friedrich von Weizsäcker schrieb er am 21. Mai 1980: Ich habe »Einfluss nur bei einigen wenigen Leuten aus der relativ differenziert denkenden Führungselite der Grünen, während beim Gros der Mitglieder deren linker Flügel mich als autoritär und der rechte als Befürworter eines Kommunismus ohne Wachstum ablehnt, und meine DDR-Staatsangehörigkeit wirkt weder bei den einen noch bei den anderen unbedingt vertrauenerweckend«. Im Gegensatz zur DDR konnte er aber offen über seine Anliegen reden, fand Freunde und Gleichgesinnte, war – ohne eigenständige Mitgliedschaft – Teil der sich etablierenden Grünen Partei. Es müssen in der Folge nicht alle seine Bewegungen im Westen minutiös nachgezeichnet werden. Der vorliegende Band präsentiert im II. Teil seine entsprechenden Briefe und Schriften. Es bietet sich daher eher an, zu einigen Personen und Themen, die ihm besonders wichtig waren, im Rahmen einer Aufzählung kurz Stellung zu beziehen. 86 Einführung 1) Der erste Punkt betrifft Harichs Freunde und Mitstreiter, mit denen er im Westen näheren Kontakt hatte. Dabei ist ein breites (und bisher ziemlich unbekanntes) Spektrum an Personen durch seinen Briefwechsel eruierbar: So bedanke er sich beispielsweise am 15. Dezember 1979 bei Dorothea Baroness von Plettenberg für die Einladung, Weihnachten bei ihr und ihrer Familie in Bremen zu verbringen mit dem Hinweis, dass er auch auf Anraten von Carl Friedrich von Weizsäcker nach München übersiedeln und anschließend Weihnachten mit »meinem Schwager Helmut Rasch in Bad Honnef bei Bonn feiern« werde. »Gelegentlich zu Besuch nach Bremen werde ich gerne kommen, erstens um mich von Klara Maries und Deinen Fortschritten im Großwerden bzw. Wiedergenesen per Augenschein zu überzeugen; zweitens um außer Ulf, den Leuten von der Arbeiterpolitik, Deinem lieben (unvergessliche Kuchen backenden) Hausgenossen und Delphine Brox auch die – mir bis dato noch unbekannten – Umweltkämpfer Walter Soyka (nebst Familie), Jens Scheer sowie die Grünen innerhalb der Bremer SPD (z. B. Henning Scherf ) zu sehen; drittens um Marianne Koch zäh auf den Fersen zu bleiben.« Neben den verschiedenen Freunden in der Schweiz und in Österreich, die ihm uneigennützig halfen und mit ihm diskutierten, seinen Rat suchten, ihn unterstützten, sind für die Jahre im Westen in den vorliegenden Briefe verschiedene Namen zu erkennen, die – über alle ideologischen Divergenzen hinweg – Harichs Bekanntenkreis ausmachten. In seinem Brief an Willy Brandt, der noch ausführlicher besprochen wird, hatte Harich 1980 formuliert: »Ich empfinde Hochachtung für bedeutende Theoretiker und Funktionäre Ihrer Partei, die seit Jahren voller Hingabe an jener perspektivisch aussichtsreichen Vermittlungsaufgabe arbeiten: Für Erhard Eppler, Freimut Duve, Frank Haenschke, Iring Fetscher, Johanno Strasser, Klaus Traube u. a. Sobald diese Männer aber, in aktueller Tagespolitik sich engagierend und gar in den Wahlkampf eingespannt, der Bevölkerung plausibel zu machen versuchen, dass, wer Umweltschutz und Ressourcenschonung bejahe, am besten daran täte, für die SPD zu votieren, dann werden sie unglaubwürdig. Und das nicht, weil sie an und für sich unglaubwürdige Charaktere wären – tragischerweise ist bei ihnen mehr als bei manch anderem Politiker genau das Gegenteil der Fall –, sondern weil die Partei, für die sie werben, mit der in ihr dominierenden Wachstumsbejahung, mit der ihr seit jeher eigenen Technikgläubigkeit ganz entgegengesetzten Interessen Rechnung trägt und in der nun einmal gegebenen Lage, zumal unter dem unmittelbaren Erfolgszwang eines Wahljahres, wohl auch Rechnung tragen muss. Freimut Duve, beispielsweise, hat für die schlechthin überlebensnotwendige ökologische Neubesinnung in Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung, sogar aber auch ausstrah- 87Heyer: Das grüne Jahrzehnt lend in die DDR, mehr getan als die Vordenker der Grünen, den einzigen Herbert Gruhl ausgenommen. Aber wenn Duve sich hinstellt und den Grünen vorwirft, sie hätten mit ihren Stimmen in Schleswig-Holstein indirekt den Ministerpräsidenten Stoltenberg (CDU) gestützt und damit die ihnen selbst doch erwünschte Verhinderung des Kernkraftwerkbaus in Brokdorf torpediert, dann genügt es, ›Hessen‹ und ›Börner‹ dazwischenzurufen, um Duves Argumentation als Heuchelei zu entlarven. (Um hier nur an Hessens AKW-Projekte zu denken und von dem hessischen Umwelt-Korruptionsskandal neulich noch ganz zu schweigen.) Epplers Tragödie: Dass er, als im Grunde grün Gesinnter, zweimal, 1976 und 1980, für die SPD warb auf einem Gebiet, auf dem sie zu verantwortbarer Weichenstellung für die Zukunft bislang noch gar nicht fähig ist. Und Helmut Schmidt, Hauptexponent eben dieser derzeitigen Unfähigkeit der SPD, bietet zugleich derzeit am ehesten die Gewähr ihres möglichen und wünschenswerten Wahlsiegs, gleichviel, wer diesen dann bejubeln, wer ihn als lediglich ›kleineres Übel‹ zähneknirschend hinnehmen mag.«69 Erhard Eppler war von Harich an erster Stelle genannt worden, denn er sah in dem SPD-Politiker den vielleicht wichtigsten Vertreter seiner Partei. Es kam zwischen beiden zu einem Briefwechsel, gegenseitigen Sympathiebekundungen und mehreren Gesprächen. Am 20. Januar 1981 hatte Harich Eppler geschrieben, dass er noch nicht wisse, ob er am 30.  April mit dem Ende seines Ausreisevisums in die DDR zurückkehren oder eine Verlängerung desselben beantragen solle. (Diese Überlegung teilte er in diesen Monaten vielen Brief- und Gesprächspartnern mit.) Anschließend trafen die beiden dann in Stuttgart erstmals zu einem persönlichen Treffen zusammen: »Unsere Begegnung in Stuttgart hat mich stark beeindruckt und mit noch mehr Sympathie für Sie erfüllt, als ich ohnehin, aus der Ferne, schon hatte. Die Mär von dem todernsten, humorlosen Mann, der Sie seien, ist in nichts zerstoben.« So Harich am 10. Fe bru ar 1981. Und am 13. März ergänzte er: »Als Sie neulich in Stuttgart mir anvertrauten, dass auch Sie Afheldt-Anhänger wären und dass dies in einem Kapitel Ihres demnächst auf den Markt kommenden neuesten Buches, der Wege aus der Gefahr, offenbar werden würde, da war mein Schwanken, ob ich in die DDR wieder zurückkehren oder besser im Westen bleiben soll, bereits halb beendet durch die Entscheidung: Ich bleibe, wo der Mann lebt und kämpft, da will ich auch sein; es wären nur nostalgisch-narzisstische Motive, keine politischen, die mich zurück in die Heimat zögen. Nun habe ich, im Stern von gestern, Ihre hinreißende 69 Band 8, S. 192 f. 88 Einführung Wachstumskritik, Ihre mit blitzendem Florett interpretierten Statistiken über das Automobil und dessen sozioökonomisches Irrsinns-Umfeld genossen. Nun bin ich endgültig entschlossen, ohne Wenn und Aber. Doch behalten Sie das, bitte, erst noch bei sich. Denn ich muss Unentschlossenheit manchen Instanzen hier noch vorgaukeln, um erpresserisch was rauszuholen für eine bessere materielle Absicherung meiner Existenz.« Eppler antwortete Harich einige Tage später, so dass Harich am 5.  April erneut replizierte. Er setzte sich mit Epplers Buch Wege aus der Gefahr auseinander, dem er viel Zustimmendes, aber auch einiges Kritisches abgewinnen könne. Nach entsprechenden kurzen Ausführungen hielt er bezüglich seines Verbleibs in der BRD fest: »Zu Ihren Zeilen vom 24. März: 1) Herzlichen Dank für Ihren Wink an Anke Fuchs. Auf Derartiges hatte ich mit den Bemerkungen, die Rente betreffend, in meinem Brief an Sie vom 13. März freilich gar nicht abgezielt. Jetzt ist es mir peinlich, dass Sie das so aufgefasst zu haben scheinen. Wenn unbedingt nötig, kann ich mir Geld auch aus privaten Quellen beschaffen. Ich will die aber nicht anzapfen, bevor die Möglichkeiten einer Rentenerhöhung ausgeschöpft sind. 2) Es braucht Sie nicht zu beschweren, wenn Sie eine Rolle bei meinen Entscheidungen spielen. Es geht hier weniger um Sie als Person als vielmehr darum, dass man in Ihrem Buch ›Rettendes wachsen‹ sehen kann und dies Stimmungen des Entmutigtsein, der Resignation besiegen hilft. Eppler ›auf Afheldt-Trip‹ (um es salopp auszudrücken), das empfinde gerade ich, der ich seit fünf Jahren Afheldtianer bin, als etwas ungeheuer Ermutigendes, Beflügelndes. 3) Sie können absolut gewiss sein, dass ich Sie nie verantwortlich machen werde für etwaige negative Konsequenzen, welcher Art auch immer, meiner fälligen Entscheidung. Und schon um Sie ganz zu beruhigen, muss nun eine Liebesaffäre den letzten Ausschlag geben. (›Kein Christenmensch gewesen, und dann immer die Weiber …‹ Mit diesen Worten lehnte 1932 der alte Hindenburg es ab, eine Rede zu Goethes 100. Todestag zu halten.)« 2) Im Herbst des Jahres 1979 kam es zu einer Debatte um Kommunismus ohne Wachstum, die bis heute in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. An Freimut Duve schrieb Harich am 13. November 1979 in einem Brief: »Helmut Schmidt und sein Volker Hauff benehmen sich wie die Säue, die sie anscheinend sind, zu mir.« Und auf der Parallelkonferenz zur UN-Konferenz über Wissenschaft und Technik im Dienste der Entwicklung erklärte Harich: 89Heyer: Das grüne Jahrzehnt »Ich möchte dieses Thema aber einsetzen in den Zusammenhang der Darlegung meines Konzepts eines wachstumslosen homöostatischen Kommunismus. Ich glaube, dass da das, was ich unter Verteilung des Mangels verstanden wissen will, deutlicher wird und ich halte dies für um so zweckmäßiger, als mein einschlägiges Buch vergriffen ist und daher auch draußen nicht erhältlich. Es ist vielleicht auch deswegen zweckmäßig, weil in der Zwischenzeit der Bundesminister für Forschung und Technologie der BRD, Volker Hauff, der auch hier in Wien zu der UNCST-Tagung weilt oder weilte, in einem Beitrag zu der Zeitschrift Bild der Wissenschaft erklärt hat, dass die Konzeption des bundesdeutschen Ökologisten, Bundestagsabgeordneten Dr. Herbert Gruhl und meine eigene, wörtlich, staatspolitisch ganz nahe dem Faschismus stünde. Ich halte es für eine Ehrenpflicht gegenüber Herrn Dr. Gruhl, von dem mich sehr, sehr tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten trennen, den ich für den Repräsentanten einer unrealisierbaren, kleinbürgerlichen Lösung des ökologischen Problems halte, doch zu sagen, auch in Bezug auf ihn, dass die Einschätzung als ›nahe dem Faschismus stehend‹ gänzlich unhaltbar und unverantwortlich ist. Ich darf nur daran erinnern, dass Herbert Gruhl seinen Austritt aus der CDU im Juli vorigen Jahres unter anderem begründet hat, mit seinem Protest gegen den skandalösen Fall Filbinger und mit seinem Protest gegen das ›Ja‹ der CDU zur Neutronenbombe. Was meine eigene Einstellung betrifft, wie Sie die einzuschätzen haben, überlasse ich Ihrem Urteil – ich möchte sie hier als Diskussionsgrundlage heute darlegen.«70 Was war passiert? Volker Hauff, von 1978 bis 1980 Bundesminister für Forschung und Technologie, von 1980 bis 1982 Bundesminister für Verkehr, hatte in der Zeitschrift Bild der Wissenschaft in einem Interview in der August-Ausgabe gesagt: »Zieldiskussionen ohne Mitteldiskussionen sind halsbrecherisch in der Politik, das landet bei Totalitarismus früher oder später. Man muss immer Ziele und Mittel, Implementationsschwierigkeiten, Verwirklichungsprobleme miteinander diskutieren und das tun die nicht. Es ist kein Wunder, dass sowohl Harich wie Gruhl als Beispiel, wenn man das so durchsieht, staatspolitisch ganz in der Nähe des Faschismus sind.«71 Dieser Vorwurf war nicht neu. Verschiedene der Kritiker und Rezensenten Harichs hatten diesem Nähe zu faschistischen Positionen vorgeworfen. Während Peter Menke-Glückert noch davon sprach, dass sich in Kommunismus ohne Wachstum »linker und rechter Öko-Faschismus 70 Band 8, S. 171 f. 71 Bild der Wissenschaft, Nr. 8 vom August 1979, S. 21. 90 Einführung Ablaufplan eines Kongresses mit Harichs Beteiligung 91Heyer: Das grüne Jahrzehnt Ablaufplan eines Kongresses mit Harichs Beteiligung 92 Einführung begegnen« würden,72 ging Otto Rohweder noch weiter und schrieb: »Was uns darin als Überlebens-Strategie angeboten wird, unterscheidet sich praktisch nicht von dem, was Jochen Steffen modernen Technofaschismus genannt hat, der auf der elitären Macht über Pläne und deren Durchführung beruht und läuft auf eine schlimmere Einteilung in Planer und Verplante hinaus, als es sie bisher je gegeben hat.«73 Angesichts der Vita Harichs und seinen mündlichen und schriftlichen Äußerungen, die bekannt sind, sagt ein Vorwurf wie der gerade wiedergegebene mehr über den Kritiker als den Kritisierten aus. Harich war wegen der Ausführungen Hauffs überaus wütend, denn dieser sprach eben nicht nur als Privatmann, als SPD-Mitglied oder Schriftsteller, sondern als Teil der Bundesregierung Helmut Schmidt, die jene Fraktion in der SPD repräsentierte, die Harich als Atlantiker, Wachstumsfetischisten, rechte Sozialdemokraten ablehnte. In verschiedenen Texten dieses Bandes bezeichnete Harich Helmut Schmidt immer wieder als das »kleinere Übel« – »kleiner« als Franz Josef Strauß, aber eben doch ein »Übel«. Um sich gegen die für ihn unzumutbaren Vorwürfe zu wehren, schrieb Harich am 27. August an Schmidt: »Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Ein Mitglied der von Ihnen geführten Regierung, der Herr Bundesminister für Forschung und Technologie, Volker Hauff, hat in einem Interview für die Zeitschrift Bild der Wissenschaft behauptet, ich stünde ›staatspolitisch ganz in der Nähe des Faschismus‹ (in Klammern Quellenangabe, AH). Nachdem mir dies bekannt geworden war, habe ich sofort das Sekretariat des Herrn Ministers Hauff angerufen und, unter Hinterlassung meiner oben angegebenen Anschrift, gebeten, ihm auszurichten, er möge diese Beleidigung mit dem Ausdruck des Bedauerns schriftlich zurücknehmen. Bis heute ist nichts dergleichen erfolgt. Herr Minister Hauff hat auch nicht seinen derzeitigen Aufenthalt in Wien dazu benutzt, sich in der genannten Angelegenheit an mich zu wenden (Harich wohnte zu diesem Zeitpunkt noch in Österreich, 72 »Harich hat Recht, wenn er diese Modelle (des Club of Rome, AH) ergänzt durch ein Entscheidungsmodell mit Handlungsalternativen, die einen Weg zeigen, wie ökologische Grenzen in Zukunft eingehalten werden können. Er ist sich mit dem amerikanischen Soziologen Heilbroner darin einig, dass nur eine technokratische Diktatur rasch und wirkungsvoll Änderung von Verbrauchergewohnheiten und nationalen Egoismen erreichen kann. Linker und rechter Öko-Faschismus begegnen sich hier. Globale Machbarkeit, Weltregierung, Totalmodelle wie das erste Forrester-Meadows-Modell des Club of Rome können nur zu faschistischen Regierungsformen führen, mehr oder minder mit Öko-Weisheiten verbrämt, die an Orwells politische Utopie 1984 erinnern.« Menke-Glückert: Kommunismus ohne Wachstum. 73 Rohweder: Rezension zu: Kommunismus ohne Wachstum, S. 54. 93Heyer: Das grüne Jahrzehnt AH). Ich sehe mich daher, zu meinem Bedauern, genötigt, nunmehr an Sie, Herr Bundeskanzler, dass Ersuchen zu richten, Herrn Hauff nahezulegen, dass er zugibt, mit jener Äußerung sich geirrt zu haben, und dass er für die damit verbundene persönliche Kränkung sich bei mir entschuldigt. Von einer bloßen privaten Meinungsäußerung des Herrn Hauff, die zum Gegenstand einer Zivilklage zu machen wäre, kann insofern schwerlich die Rede sein, als besagtes Interview in amtlicher Eigenschaft geführt worden und unter der Überschrift Der Bundesminister für Forschung und Technologie, Volker Hauff, war bei Bild der Wissenschaft erschienen ist. Davon abgesehen, fehlen mir auch alle finanziellen Mittel, einen Zivilprozess gegen ein Mitglied Ihrer Regierung anzustrengen.« Da Harich auf seine verschiedenen Eingaben und Beschwerden keine Antwort erhielt, schrieb er am 20. Oktober 1979 erneut an Helmut Schmidt: »Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Ein Mitglied Ihrer Regierung, der Bundesminister für Forschung und Technologie, Volker Hauff, hat mir öffentlich die schwerste Beleidigung zugefügt, die für einen Menschen meiner Denkungsart vorstellbar ist. Meine Aufforderung an ihn, sie zurückzunehmen, blieb ohne Erfolg. Auch ein Beschwerdebrief, den ich daraufhin am 27. August 1979 an Sie, Herr Bundeskanzler, richtete, hat weder dazu geführt, dass Herr Minister Hauff sich bei mir entschuldigte, noch haben Sie selbst diesen Brief auch nur mit einer Zeile einer Beantwortung für würdig befunden. Ich kann daraus nur den Schluss ziehen, dass Sie sich hinter die sachlich unhaltbare, mich zutiefst kränkende und entbehrende Äußerung Ihres Minister stellen, und das heißt, dass die Bundesregierung als solche sich den Standpunkt, ich stünde ›staatspolitisch ganz in der Nähe des Faschismus‹, zu eigen macht. In meiner brieflichen Eingabe an Sie vom 27. August habe ich unter anderem auch darauf hingewiesen, dass, selbst wenn die Bundesregierung besagte Äußerung des Herrn Hauff als dessen bloße Privatmeinung hinstellen sollte – was nicht geschehen ist und nach Art der Veröffentlichung im August-Heft 1979 von Bild der Wissenschaft auch leicht zu widerlegen wäre –, ich in Ermangelung der hierfür benötigten finanziellen Mittel nicht in der Lage wäre, gegen Herrn Hauff eine Zivilklage anstrengen. In diesem Zusammenhang bin ich in meinem Schreiben vom 27. August dann auch auf die sich endlos hinziehende, durch bürokratische Auflagen seitens der Bundesversicherungsanstalt schier unmöglich gemachte Befriedigung meines gesetzlichen Rentenanspruchs zu sprechen gekommen. Wenigstens auf diesem Punkt scheint das Bundeskanzleramt reagiert zu haben. 94 Einführung Nach allen diesen Erfahrungen kann ich mir das Verhalten der Regierung der Bundesrepublik und ihrer untergeordneten Behörden zu mir nur so erklären: Die bekannte These einer ›einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen‹ erhält die Bundesrepublik Deutschland auch unter Ihrer Regierung, Herr Bundeskanzler Schmidt, nur deswegen aufrecht, weil sie sich damit die Option für eine Annektierung des Territoriums der DDR offenhalten möchte. Sie nimmt diese These aber selbst dann nicht mehr ernst, sobald sie sich mit daraus erwachsenden Konsequenzen konfrontiert sieht, die ihr, der BRD, in politischer und finanzieller Hinsicht unangenehm sind. Als ›Grüner‹ kann ich mit bestimmten Aspekten der Wirtschafts-, Wissenschafts- und Umweltpolitik der DDR derzeit nicht einverstanden sein. Deshalb habe ich diesen Staat, unter Beibehaltung meiner Staatsangehörigkeit, nach meiner Invalidisierung verlassen, um die mir noch verbleibende, stark reduzierte Leistungsfähigkeit in den Dienst der ökologischen bzw. Alternativ-Bewegung in Westeuropa, darunter auch der Bundes re pu blik Deutschland, zu stellen. Als ›Grüner‹ bin ich aber, natürlich, erst recht auch Gegner von Aspekten Ihrer Politik. Also wollen Sie, Herr Bundeskanzler, und besonders Ihr Minister für Forschung und Technologie mich im Westen nicht haben und schon gar nicht hier für die Mittel meiner Subsistenz aufkommen. So wird versucht, durch eine Kombination schwerster Beleidigungen und Verleumdungen meiner politischen Gesinnung durch den zuständigen Bundesminister mit einer bürokratisch praktizierten Taktik der Aushungerung durch die Bundesversicherungsanstalt mich auf die Knie zu zwingen oder aber, noch besser, aus dem Westen wieder zu vertreiben. Es ist an der Zeit, dass ich mir das jetzt nicht länger gefallen lasse, sondern daraus meine Konsequenzen ziehe.« Auf dieses zweite Schreiben erhielt Harich eine kurze Antwort aus dem Bundeskanzleramt (gez. Steinbrück). Am 26. Oktober teilte man ihm mit, dass man den Minister für Arbeit und Sozialordnung über die Rentenangelegenheit informiert habe und Harich von dieser Stelle weitere Informationen erhalte. Weiter ist zu lesen: »Zu der Äußerung, die Bundesminister Dr. Hauff unter Abhebung auf Ihre Person im Rahmen seines Interviews mit der Zeitschrift Bild der Wissenschaft in der Ausgabe vom August 1979 getroffen hat, ist der Bundesminister für Forschung und Technologie um eine Stellungnahme gebeten worden. Es wird Ihnen hierzu in Kürze ein Antwortschreiben vom Chef des Bundeskanzleramtes, Herrn Staatssekretär Dr. Schüler, zugehen.«74 74 Brief des Bundeskanzleramtes, Steinbrück, an Harich vom 26. Oktober 1979, 1 Blatt. 95Heyer: Das grüne Jahrzehnt Am 22. November erhielt Harich dann den angekündigte Brief vom Chef des Bundeskanzleramt, Schüler, ebenfalls sehr knapp – insgesamt 14 Zeilen. Dieser schrieb: »Inzwischen hat Bundesminister Hauff Ihnen gegenüber mit Schreiben vom 14. November 1979 seine Ausführungen näher erläutert und zum Ausdruck gebracht, dass eine persönliche Kränkung nicht beabsichtigt war. Ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit damit erledigt ist.«75 Dies war allerdings nicht der Fall. Harich antwortete am 21. Dezember: »Der Herr Bundesminister für Forschung und Technologie, Dr. Volker Hauff, hat in seinem an mich gerichteten Schreiben vom 14. November 1979 nicht, wie ich es verlangt hatte, seine ehrenrührige, überdies jeder Grundlage entbehrende Behauptung, ich stünde ›staatspolitisch ganz in der Nähe des Faschismus‹, mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückgenommen, sondern, im Gegenteil, sie lediglich bekräftigt und näher interpretiert. Es kann also, entgegen Ihrer Meinung, keine Rede davon sein, dass die Angelegenheit damit erledigt sei.«76 Mit der Antwort von Volker Hauff, die am 14. November abgesendet worden war77, war Harich also nicht zufrieden. In der Tat hatte Hauff keineswegs seine Anschuldigung zurückgenommen, sondern, wie er sich selbst nannte, »als demokratischer Sozialist« lediglich den Terminus Faschismus durch Totalitarismus ersetzt. Die parlamentarische Demokratie in genau der Form, wie sie in der Bundesrepublik verwirklicht sei, ist Hauff zu Folge die Vorbedingung aktiven Umweltschutzes und der »Humanisierung der Arbeit«. Es war eine typisch sozialdemokratische Position, die Harich in Form der Hauffschen Ausführungen gegenübertrat. Zu ergänzen ist abschließend noch, dass Harich in dieser Angelegenheit auch andere SPD-Politiker konsultierte, beispielsweise Egon Bahr. Dieser versuchte, zu vermitteln. Dafür dankte ihm Harich brieflich. Gleich- 75 Brief des Bundeskanzleramtes, Schüler, an Harich vom 22. November 1979, 1 Blatt. 76 Brief an den Chef des Bundeskanzleramtes, Schüler, vom 21. Dezember 1979, 2 Blatt, Zitat Blatt 1. Harich schrieb aus Bonn. Zudem bekräftigte Harich seine Ansicht, dass es sich um gezielte Propaganda gegen ihn handle: »Aus den (…) genannten Tatsachen kann ich nur den Schluss ziehen, dass die Behörden der Bundesrepublik Deutschland, mutmaßlich wegen meiner Ihnen unbequemen Parteinahme für die Sache der Grünen und meines Festhaltens an der – für die BRD ja gar nicht existierenden – DDR-Staatsangehörigkeit, mich durch eine Kombination von Aushungerungstaktik mit öffentlicher Beleidigung in die DDR zurückzutreiben versuchen. Derartige Manöver sind zum Scheitern verurteilt.« (Ebd., Blatt 1 f.) 77 Brief des Bundesministers für Forschung, Volker Hauff, an Harich vom 14. November 1979, 4 Blatt, die folgenden Zitate Blatt 3 und 4. 96 Einführung zeitig schrieb Bahr Harich auch, dass es »nicht gerecht sei, von ›Infamien Bonner Regierungsvertreter‹ zu sprechen«.78 Jost Herbig, mit dem Harich seit 1976 Kontakt hatte, stand ihm ebenfalls helfend zur Seite. Er schrieb einen Leserbrief an die Bild der Wissenschaft: »Man muss nicht Anhänger Gruhlscher oder Harichscher negativer Utopien zur Lösung der Umwelt- und Ressourcenprobleme der Industriegesellschaft sein, um sich darüber zu empören, dass Forschungsminister Hauff in Ihrem Interview beide Autoren unwidersprochen in die Nähe des Faschismus rücken darf. Den politischen Gegner als potentiellen Faschisten zu diffamieren, ist nicht nur schäbig, sondern verrät einen selbst für einen Technikminister unerträglichen Mangel an politischem Differenzierungsvermögen. Immerhin hat Harich in einer kommunistischen Untergrundorganisation in einer Zeit aktiv gegen den Faschismus gekämpft, in der andere, die sich heute als die wahren Demokraten ausweisen, ihre Karriere am Fixstern Hitler orientierten, mittlerweile aber höchste Staatsämter einnehmen. Und man möge sich auch daran erinnern, dass Gruhl als Grund für seinen Austritt aus der CDU nicht nur deren Ökologiepolitik angab, sondern davor noch den Fall Filbinger und die CDU-Unterstützung der Neutronenbombe stellte. Es würde dem Minister Hauff wohl anstehen, sich für seine Entgleisung zu entschuldigen.«79 3) Einen guten Einblick in Harichs Politikverständnis bietet der Fall Carlo Schmid. In der Zeit war am 21. Dezember 1979, zehn Tage nach Schmids Tod, dessen, wie Harich es nannte »politisches Testament« veröffentlicht worden: Briefe an den Bundeskanzler Helmut Schmidt, in denen Schmid diesem seine Einschätzung der damaligen politischen Lage mitteilte. Schmid hatte sich dort auch zum »Problem der Grünen« geäußert und dabei drei Typen unterschieden: 1) Die »falschen Grünen«, nach Schmid die Leninisten; 2) die »Sektierer aus Temperament und Neigung«; 3) die »Nachdenklichen«, die die Probleme erkennen würden, zu deren Lösung auf die Vernunft vertrauten. Hier relevant ist die 2. Gruppierung: »Ehrenwerte Leute, deren Fehler ist, dass sie Halbwahrheiten verabsolutieren« und diese ohne Rücksicht auf Konsequenzen zu verwirklichen trachten würden. Es sei schwer, in diese Reihen als SPD einzudringen. Aber: »Es erscheint mir jedoch möglich, sie für die Zeit der Wahl zur Räson zu bringen, indem man ihnen glaubhaft macht, dass sie das Spiel eines Mannes betreiben, der, einmal an 78 Brief des Bundesgeschäftsführers der SPD, Egon Bahr, an Harich vom 21. Oktober 1979, 2 Blatt, Zitat Blatt 2. 79 Herbig hatte Harich seinen Leserbrief zugesandt, dieser schickte eine Abschrift an Helmut Schmidt weiter, über die Botschaft der Bundesrepublik in Österreich: Brief an den Legationsrat Köpke vom 5. September 1979. 97Heyer: Das grüne Jahrzehnt der Macht, der schärfste Gegner ihrer Bestrebungen sein wird und dies mit Polizeimitteln. Sie werden dies aber nur Leuten glauben, die sie für ihresgleichen halten. Erhard Eppler für sich allein wird nicht genügen. Ihm müssen Leute wie Gollwitzer, Albertz, Robert Jungk und vielleicht auch der aus der DDR gekommene Professor Harich an die Seite treten.«80 Harich war von dieser Passage elektrisiert und schrieb in den folgenden Tagen an die drei neben ihm Genannten lange Briefe, damit man gemeinsam dieses »Vermächtnis« Schmids aufgreife und zu verwirklichen suche. Da Helmut Gollwitzer dabei sein Hauptansprechpartner war, so kann seine Argumentation anhand von Harichs Brief an diesen (vom 17. Januar 1980) hier nachgezeichnet werden. Harich fasste Schmids Aussagen so auf, dass die Genannten »zwischen den Grünen und der Sozialdemokratie vermitteln (sollten), um die Gefahr einer Kanzlerschaft Strauß bei den diesjährigen Bundestagswahlen bannen zu helfen«. Weiter schrieb er: Helmut Gollwitzer (links) im Gespräch mit Heinrich Albertz, 1967 »Bei der Nennung meines Namens ist die Einschränkung ›vielleicht‹ eingefügt, und das aus triftigem Grund: Carlo Schmid wusste genau, dass ich gerade den sich parteipolitisch formierenden Ökologisten in Westeuropa und damit auch der bundesdeutschen 80 Schmid: Briefe an Helmut Schmidt, S. 9 f. 98 Einführung Brief Harichs 99Heyer: Das grüne Jahrzehnt Brief Harichs 100 Einführung Partei ›Die Grünen‹ um vieles näher stehe als die übrigen von ihm Genannten. Sie, sehr verehrter Herr Gollwitzer, wohl mit einbegriffen. Carlo Schmid wusste es deswegen, weil das Gespräch, zu welchem er mich im Juli 1979 zu sich nach Bad Honnef einlud, in einer Situation stattfand, in der ich gerade aus Straßburg, von einem internationalen ›Familientreffen‹ der Grünen anlässlich der Eröffnung des EG-Parlaments kam und meine erste Begegnung mit Herbert Gruhl unmittelbar bevorstand. Das Gespräch zwischen Schmid und mir verlief denn auch, obwohl in einer Atmosphäre persönlicher Herzlichkeit, streckenweise recht kontrovers. Politisch einmütig waren wir freilich in dem einen Punkt: F. J. Strauß müsse unter allen Umständen gestoppt werden.« Anschließend heißt es: »Sie werden sich lebhaft vorstellen können, wie sehr mich wenige Monate später, am 12. Dezember, die Nachricht vom Tod dieses ungewöhnlich kultivierten, um nicht zu sagen: zur Schöngeisterei neigenden Grand Old Man der deutschen Nachkriegssozialdemokratie betroffen gemacht hat und wie stark es mich insbesondere berührte, zu Weihnachten, als ich meinen ebenfalls in Bad Honnef wohnenden Schwager Rasch besuchte, von Carlo Schmids trauernder Lebensgefährtin, Frau Hanne Goebel zu hören, der Verstorbene habe im Juli, bei jener Unterredung mit mir – sie hatte in Gegenwart der Frau Goebel und meines Schwagers stattgefunden – schon vier Wochen lang von seinem unheilbaren Leiden und nahe bevorstehenden Ende gewusst. Und gleich darauf, noch am selben Weihnachtstag, vernahm ich die weitere, die schrecklichste Nachricht: Das Rudi Dutschke soeben ums Leben gekommen sei, der Held der Studentenrebellion der sechziger Jahre, am Ende seines zu kurzen und mit Langzeitwirkung doch noch hingemordeten Lebens ein Grüner wie ich. Auf dem Programmparteitag der Grünen, in Offenbach, Anfang November 1979, hatten Dutschke und ich uns kurz kennen gelernt, 14 Tage später dann für den Hörfunk von Radio Bremen über Thesen von Robert Jungk ein Streitgespräch zu dritt, mit dem ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Frank Haenschke als drittem Diskutanten, geführt und uns anschließend, hart polemisch und voller Herzenswärme zugleich, privat über die ›asiatische Produktionsweise‹ gestritten, die für Russland ich ihm, Dutschke, anhand der russischen Literatur von Puschkin bis Gorki (welche eine typisch feudale Gesellschaft widerspiegle) vergebens auszureden versuchte. Muss ich Ihnen, lieber Freund, in aller Förmlichkeit zu diesem ungeheuren Verlust kondolieren? Ich tue es in aller Unförmlichkeit, aber desto mehr in Dutschkes Sinne, indem ich sogleich wieder aufs Politische zurückkomme und Ihnen sage: In den Weihnachtstagen und den Tagen danach habe ich, immer 101Heyer: Das grüne Jahrzehnt mit der frischen Erinnerung an Dutschke im Hinterkopf, aufs Sorgfältigste, in tiefer, ernster Nachdenklichkeit und eben Dutschkes wegen auch sehr, sehr kritisch wieder und wieder das drei Tage vor Heiligabend veröffentlicht politische Testament Carlo Schmids durchgelesen, um herauszufinden, was darin, falls von der Sache her überhaupt für mich annehmbar, mich dann aber auch streng in die Pflicht nähme.« Harich ging es nun um die Frage: Wie verfahren? Welche Konsequenzen, Verpflichtungen seien aus den geschilderten Ereignissen abzuleiten? »Nach reiflicher Überlegung und nach dem Abklingen erster, überwiegend emotionaler Aufwallungen« wollte Harich zwei Dinge dazu äußern. Und er ging davon aus, »dass Dutschke, lebte er noch, sich, ungeachtet aller zwischen uns bestehenden tiefen Meinungsverschiedenheiten, substanziell, dem Wesen der Sache nach, zu diesem konkreten Punkt nicht anders geäußert haben würde«. Harich forderte Gollwitzer auf: »1) Sie, roter Gottesmann, und desgleichen Ihr Amtsbruder Albertz, ferner Robert Jungk und ich sind es auf alle Fälle dem Toten Carlo Schmid, seinem politisch letzten Willen schuldig, dass wir vier möglichst bald, bei nächst sich bietender Gelegenheit irgendwo einmal, unter Ausschluss jeglicher Öffentlichkeit, miteinander zusammentreffen, um – hinter dem Rücken sowohl der SPD als auch der Grünen – zu prüfen, ob und wie weit wir, über Divergenzen untereinander hinweg, zu einer – sei es auch nur partial – gemeinsamen Bewertung der in jenem Dokument kundgetanen Auffassungen und Vorschläge Carlo Schmids gelangen können und, wenn ja, ob wir, insonderheit für 1980, daraus gemeinsam oder aber einzeln, jeder für sich auch praktische Konsequenzen ziehen sollten. 2) Wir vier sollten uns, vor dem Hintergrund der derzeitigen internationalen Ereignisse, wie immer auch jeder einzelne von uns diese moralisch, rechtlich und politisch beurteilt mag, dabei über eines klar sein: Dass wir Carlo Schmids letztwilliges politisches Vermächtnis in einer Weltsituation zu überdenken haben werden, in der es längst nicht mehr nur um die Alternative von Entspannung oder Rückfall in den kalten Krieg geht, sondern um Frieden oder Krieg schlechthin.« Wichtig war Harich zudem, aus seiner ökologischen, grünen Perspektive, auf folgende Anekdote, die er auch in anderen Kontexten wiedergab, zu verweisen: 102 Einführung »Frau Goebel und mein Honnefer Schwager Rasch sind, nebenbei bemerkt, Zeugen eines interessanten Details aus dem Gespräch im Juli. Schmid äußerte sich zu mir unter anderem generell abfällig über Splitterparteien. Er kam in dem Zusammenhang auch auf die ›Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher‹, gegründet und geführt von August Haußleiter (München), zu sprechen. Als er den Namen Haußleiter nannte, unterbrach er sich dann aber plötzlich, wurde nachdenklich, schien sich eines besseren zu besinnen und rief plötzlich aus: ›Nein, ich wünsche dem deutschen Volk viele Haußleiters!‹ Wie Sie verfolgt haben werden, war Haußleiters AUD die erste Partei, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre sich ökologische Argumentationen zu eigen gemacht hat, und jetzt hat Haußleiter, daher einer der Ko-Vorsitzenden der Bundespartei ›Die Grünen‹, diese seine AUD samt und sonders in die in Offenbach und Karlsruhe neu gegründete Partei mit eingebracht. Der andere, sogar noch mehr im Vordergrund stehende Ko-Vorsitzende der ›Grünen‹ ist der 1978 aus der CDU ausgetreten Bundestagsabgeordnete Dr. Herbert Gruhl.« Ernst zu nehmen sei Schmids Mahnung auch deshalb, weil sie ein wichtiges »Ein fallstor« des neuen grünen Bewusstseins in die SPD bilden, öffnen könne. Daher sei auch eines dritten Verstorbenen zu gedenken: »Gustav Heinemann. Sie, lieber Helmut Gollwitzer, können doch bezeugen, was für Heinemann in dessen letztem Lebensjahr Herbert Gruhls Werk Ein Planet wird geplündert bedeutet hat, wie sehr gerade dieses Buch die Weltzukunftsängste des ersten sozialdemokratischen Staatsoberhaupts der Bundesrepublik in den Monaten und Wochen seines Sterbens inhaltlich bestimmt hat! Und da auf einmal berühren Ihre toten Freunde Heinemann und Dutschke sich. Denn ganz gewiss würde Heinemann, gerade so wie sein Parteifreund Carlo Schmid, über den Gedanken an die Möglichkeit einer Kanzlerschaft Strauß heute tief entsetzt sein. Aber nichtsdestoweniger lässt sich aus Heinemanns letzten Äußerungen doch wohl auch ableiten, dass er in Gruhls CDU-Austritt, im Aufbruch einer von Gruhl geführten, für die Erhaltung des Lebens auf der Erde streitenden Bewegung, der die denkende Jugend zuströmt, eines der hoffnungsträchtigsten Zeichen unserer sonst so düsteren Zeit sähe. Ich meine, dass Carlo Schmids Äußerung über Haußleiter und die innige Beziehung des ganz späten Heinemann zu dem Bestseller Gruhls Tatsachen sind, die, zusammen genommen, eines besagen: Mit dem politischen Testament Carlo Schmids steht es für Sozialdemokraten, die Gewissen haben und einiger Pietät fähig sind, so einfach nicht, wie der Adressat, Bundeskanzler Helmut Schmidt, und dessen Ja-Sager vom letzten SPD-Parteitag (in Westberlin, 103Heyer: Das grüne Jahrzehnt Dezember 1979) sich das wahrscheinlich vorstellen werden. Somit hätte also unsere ›Viererbande‹ nicht nur Möglichkeiten, Strauß abwehren zu helfen, sondern wäre zugleich auch dazu berufen, auf die SPD gehörigen Druck in Richtung einer Verbesserung ihrer Politik auszuüben, Druck, der sich auf die Kraft der Grünen stützt und zugleich mit Heinemanns und Schmids Vermächtnis zu legitimieren ist! Wie denken Sie darüber?« Am selben Tag wie an Gollwitzer schrieb Harich auch gleichlautend an Heinrich Albertz, am 21. Januar 1980 an Robert Jungk. Dieser reagierte nicht auf Harichs Offerte, aber Gollwitzer und Albertz. Beiden schrieb er daher erneut am 3. Fe bru ar. Mit Gollwitzer war er zwei Tage zuvor persönlich zusammengetroffen und machte diesem gegenüber nun geltend, dass die Überlegungen von Schmid zwei Fehler enthalten würden, die zu vermeiden wären: »1) Möglicherweise wird sich nicht vermeiden lassen, dass der Kreis zu irgendeinem ihm als zweckmäßig erscheinenden Zeitpunkt vor die Öffentlichkeit hintritt, oder aber, dass, ohne seinen Willen und sein Zutun, die Öffentlichkeit etwas über ihn und sein Wirken erfährt, und sei es, schlimmstenfalls, zu einem höchst unzweckmäßigen Zeitpunkt. In jedem der beiden Fälle sollte ich, weil DDR-Bürger ohne ausgesprochene Dissidenten-Attitüde, dann besser nicht mit im Vordergrund stehen. Gewiss, die in der Bundesrepublik geltende Doktrin von der »einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen« berechtigt mich eo ipso dazu, in bundesdeutschen inneren Angelegenheiten mitzureden und mitzubestimmen (mich mehr als den Österreicher Robert Jungk), und Carlo Schmid war es, der in seinem politischen Testament mich in den Vermittlerkreis, wohl wegen meiner besonders vertrauten und hochgradig eingeweihten Nähe zu den Grünen, ausdrücklich mit einbezogen wissen wollte. Aber das sind zu komplizierte Begründungen, als dass sie dem Gros der wahlberechtigten Bundesbürger sofort – und namentlich auch emotional – auf Anhieb einleuchten würden. Im Hinblick darauf hielte ich es für richtig, von dieser Argumentation nur im Notfall Gebrauch zu machen und mich ansonsten möglichst zurückhaltend und unauffällig zu betragen, damit eben dieser Notfall – nämlich das Geschrei ›Da ist ja einer aus dem Osten mit von der Partie‹ – gar nicht erst eintritt. So gesehen, wäre also die ›Viererbande‹ nach außen gerade nicht zu erweitern, sondern, umgekehrt, einzuengen zu einer Dreiergruppe Albertz-Gollwitzer-Jungk, der ich lediglich als Botenjunge zu den parteipolitisch organisierten Grünen (Gruhl, Haußleiter, Roland Vogt, Petra Kelly, Baldur Springmann, Manfred Siebker usw. usf.) zu dienen hätte. 104 Einführung 2) Carlo Schmid hat nicht bedacht, welch große, einflussreiche Rolle die Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation sowohl bei den Grünen als auch unter linksoppositionellen bzw. grün gesinnten SPD-Leuten spielen. Die von ihm vorgeschlagene Vermittlergruppe müsste also paritätisch erweitert werden um geeignete Persönlichkeiten weiblichen Geschlechts. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich hin- und herüberlegt, wer dafür wohl in Betracht käme, und bin – vorläufig, vielleicht fallen Ihnen noch geeignetere Damen ein – zu folgendem Resultat gelangt: Die Brücke zu den Sozialliberalen könnte am ehesten, meine ich, die Gräfin Dönhoff schlagen, die zugleich für die politisch rechts stehenden Grünen höchst respektabel und attraktiv wäre. Die Verbindung zu den linken Grünen herzustellen sollten wir dagegen die Witwe Rudi Dutschkes bitten, die, bei hohem Symbolwert, ein echtes Vermächtnis ihres Mannes und des Vaters ihrer Kinder zu erfüllen hätte. Hinzukommen müsste dann noch ein bei breiten Publikumsmassen populärer Film- und Fernsehstar von hoher Intelligenz und linksliberaler bis sozialistischer Gesinnung. Ich denke da an Marianne Koch, die, von ihrer Publikumsbeliebtheit abgesehen, folgende Vorzüge in sich vereinigt: Sie ist parteilos, wählt, falls ich recht unterrichtet bin, mit knirschenden Zähnen SPD, hat aber auch viel Verständnis und Sympathie für die Anliegen der Grünen, arbeitet seit einigen Jahren nicht mehr als Schauspielerin, sondern als Ärztin, ist folglich von ihrem Beruf her prädestiniert dazu, politisch wie wissenschaftlich für die Erhaltung des Lebens auf der Erde zu plädieren, und bringt gleichwohl die für unsere Verhandlungs- und Vermittlungszwecke sehr wichtig Routine der Fernsehmoderatorin mit.« Thematisch sah Harich das größte Problem bei der Annäherung von SPD und Grünen bei der Problematik der Atomenergie, da die SPD auf diesem Gebiet den falschen Weg eingeschlagen habe.81 Albertz äußerte sich ein Stück weit kritischer als Gollwitzer, so dass Harich diesem schrieb: 81 »Der am schwersten zu bewältigende Konfliktstoff zwischen Sozialdemokratie-Mehrheit und Grünen-Partei wird natürlich die Kernkraftwerk-Problematik sein. Aber gerade die augenblickliche internationale Spannung, die so weit geht, die Gefahr eines Kriegsausbruchs zu implizieren, gibt der bekannten Argumentation C. F. v. Weizsäckers (Wege in der Gefahr, München, 1977) plötzlich ein stärkeres und qualitativ neuartig akzentuierbares Gewicht. Weizsäcker nämlich ist an sich hartnäckiger Befürworter der so genannten friedlichen Nutzung der Kernenergie (und insoweit den Grünen suspekt), fügt dem jedoch seit Jahren immer wieder hinzu: Auch nur das geringste Kriegsrisiko dürfe ein Land, in dem Kernkraftwerke stehen, unter gar keinen Umständen mehr eingehen, einfach deswegen nicht, weil schon bloßer konventioneller Artilleriebeschuss ausreichen würde, Super-Gaus mit allen ihren absolut lebenszerstörende Konsequenzen auszulösen. Nun ist aber ein Kriegsrisiko leider auf einmal akut. Ich frage mich, ob in einer solchen Lage v. Weizsäcker 105Heyer: Das grüne Jahrzehnt »Sie zweifeln, verehrter Herr Albertz, ob es da noch etwas zu vermitteln gäbe. Sie meinen, mit der Parteigründung sei bei den Grünen deren Dampfer bereits abgefahren. Aus intimer Kenntnis dieser Partei, die äußerst heterogen zusammengesetzt ist, glaube ich Ihnen da doch ein wenig Hoffnung zum Besseren machen zu können. Was die neu gegründete Partei eint, das ist allerdings deren Entschlossenheit, organisatorisch eigenständig zu sein und zu bleiben. Nichtsdestoweniger gibt es in ihr eine starke Strömung, die, um eine Kanzlerschaft Strauß zu verhindern, den Verzicht auf eine eigene Kandidatur zu den diesjährigen Bundestagswahlen (nicht zu den vorausgehenden Landtagswahlen freilich!) in allem Ernst erwägt. Diese Strömung besteht teils aus Leuten, die, zu Gunsten der Sozialliberalen und besonders der SPD, zu leicht erfüllbaren Bedingungen zu verzichten bereit wären, teils aus anderen, die per Huckepack-Verfahren in den Bundestag zukommen hoffen. Ein harter Kern, der für dergleichen, wenn überhaupt, so nur zu kaum erreichbaren Bedingungen zu haben wäre, existiert allerdings auch; d. h., es sind eigentlich mehrere harte Kerne: Auf dem rechten Spektrum Strauß-Befürworter, die lediglich pfleglichere Behandlung der Wälder und Wiesen usw. verlangen, und links ehemalige Kommunisten, wie etwa Hoss (Stuttgart, Betriebsrat bei Daimler-Benz), die aus den bösen Fehlern der KPD der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre offenbar nichts gelernt haben und nun die Ansicht vertreten, man müsse es auf eine Kanzlerschaft Strauß ›ankommen lassen‹.« Die ganze Angelegenheit verlief schließlich im Sand. Es reicht an dieser Stelle aus, noch darauf zu verweisen, dass Gollwitzer aus den ihm bekannten SPD-Kreisen gehört hatte, dass man es sich in der Partei durchaus vorstellen könne, Grüne auf Wahllisten der SPD ins Parlament zu bringen. Harich schrieb am 17. März 1980: »Ich kann im Übrigen nicht ausschließen, dass die SPD-Führung uns gegenüber mit verteilten Rollen spielt. Mir wurde aus hohen SPD-Kreisen angedeutet, programmatisch sei noch manche inhaltliche Änderung erreichbar, aber Huckepack mit den Grünen käme schon aus rein zeitlichen Gründen nicht mehr in Betracht, da die Landeslisten bereits unwiderruflich feststünden. Ihnen hat man offenbar das Gegenteil weismachen nicht leichter dazu gebracht werden könnte – und ich würde das jedenfalls versuchen –, den Sozialliberalen mit dem ganzen Gewicht seiner früheren Stellungnahmen nun doch zu einem KKW-Bau-Moratorium zu raten und ihnen so eine Konzession an die Grünen abringen zu helfen, die es diesen dann wiederum erleichtern könnte, zu Gunsten der SPD auf eine eigene Kandidatur bei den bevorstehenden Bundestagswahlen zu verzichten. (Und wenn Weizsäcker in dieser Frage erst einmal einschwenkt, dann tut es Gräfin Dönhoff ganz gewiss auch.)« 106 Einführung Notizen Harichs auf einem Kongress 107Heyer: Das grüne Jahrzehnt wollen: Huckepack unter Umständen ja, sachliche Konzessionen auf keinen Fall. Natürlich könnten es verschiedene Gruppierungen sein, die den einen und/oder den anderen Standpunkt vertreten. Aber möglich ist doch auch, dass man, in Kenntnis des Carlo Schmidschen politischen Testaments, uns auf beiden Gebieten, dem personellen wie dem sachlichen, verunsichern und zugleich in vagen, unverbindlichen Hoffnungen einlullen will, um unvermeidbare Konzessionen an die Grünen möglichst geringfügig zu halten; und wir sollten denen dann beibringen, dass mehr nicht ›drin‹ sei. Wie dem auch sei, ob Meinungsverschiedenheiten unter Gruppierungen, ob abgekartetes Spiel, wir täten gut daran, den Verhandlungsdialog mit knallharten Bedingungen unsererseits einzuleiten. Nur an dem Punkt, wo Unnachgiebigkeit Strauß zu nützen begänne, dürften wir zurückzustecken bereit sein. Ferner plädiere ich dafür, auch an die Zeit nach der Bundestagswahl zu denken. Versuchen wir, mit den Grünen als Hebel, den Sozialliberalen Veränderungen ihrer Politik zum Besseren aufzuzwingen – spätestens bis zum SPD-Wahlparteitag im Juni –, dann werden sie, bei Fortsetzung ihrer Regierungsmacht, von den Grünen permanent beim Wort genommen, an Versprochenes erinnert werden oder aber, falls sie am 5. Oktober eine Niederlage erleiden sollten, die Manövrierfähigkeit von Strauß durch eine echte, harte, unnachgiebige Opposition gebührend einengen. Wie sollte die denn auch aussehen, wenn wir es den Sozialliberalen jetzt bereits durchgehen ließen, dass sie bei dem wahnwitzigen ›Nach‹rüstungs- und Energieprogramm beharren? Ihrer Opposition fehlte doch dann, nachdem sie als Regierung abgetreten wären, in den lebenswichtigsten Fragen jegliches Thema; sie wäre gegenstandslos. Schließlich und endlich: Die nationale Frage, genauer, die Frage des gesamten deutschsprachigen Raums in Mitteleuropa. Ich nehme in Bezug hierauf den Artikel von Lajos Lederer, veröffentlicht im Londoner Observer vom 21. Oktober 1979, sehr, sehr ernst. Doch darüber möchte ich mich vorläufig schriftlich nicht äußern. Zu sagen hätte ich Ihnen, Bischof Scharf und Pastor Albertz dazu eine Menge.« Gollwitzer ging schließlich eigene Wege. Harich schrieb ihm am 07.  April 1980. »Es ist mir inzwischen bekannt geworden, dass Sie sich längst der Staeck-Initiative ›Freiheit statt Strauß‹ angeschlossen und damit, nach meiner Meinung, viel zu bedingungslos und zu einem viel zu frühen Zeitpunkt auf Unterstützung der SPD festgelegt haben. Ich meine: Irgendwelche Konzessionen in Richtung Verbesserung ihrer Politik werden die SPD-Führer sich schwerlich von jemandem noch abringen lassen, den sie 108 Einführung bereits in der Tasche haben, und halte es für richtiger, zuerst einmal den Versuch zu unternehmen, die panische Angst dieser Herren vor dem eigenen Sturz am 5. Oktober dazu auszunutzen, sie wenigstens von den auf die Auslöschung des deutschen Volkes gerichteten Brüsseler Beschlüssen und von ihrem wahnwitzigen Energieprogramm abzubringen. Eben dies zu versuchen ist der Sinn meines Briefes an den SPD-Vorsitzenden Brandt.« 4) Um seine Positionierung in Sachen der Bundestagswahlkandidatur der Grünen, gerade auch mit Blick auf die geschilderte Episode zu Carlo Schmid, den Oberen der SPD zu schildern, verfasste Harich ab dem 28. März 1980 den gerade erwähnten langen Brief an Willy Brandt, den er am 4.  April beendete.82 Er hat in mehreren Schreiben darüber berichtet, wie es zur Entstehung des Textes kam, unter anderem am 11.  April an Petra Kelly: »Am letzten Tag des Saarbrücker Parteitags wurde ich durch eine mir altvertraute Bekannte aus Berlin, durch die Spandauer Umweltschutzaktivistin Monika Goede-Hartwig, mit Willy Brandts Sekretär für Europafragen, Andreas Zobel, bekannt gemacht. Es entspann sich am Abend zwischen uns dreien ein mehrstündiges Gespräch über die Beziehungen von Grünen und Sozialdemokratie. Zobel ermunterte mich dazu, meine einschlägigen Gedanken in Form eines an Willy Brandt zu richtenden Briefes alsbald zu Papier zu bringen.« Einen zweiten ergänzenden Brief sendete er am 19.  April an den SPD-Vorsitzenden. Der Zeitung Die Neue gab er zudem (der genaue Termin ließ sich nicht ermitteln) nach dem zweiten Brief ein Interview über den Inhalt der beiden Stücke.83 Auf die Frage, was er Brandt vorgeschlagen habe, antwortete Harich: »Eine Kombination von Abgrenzung und Gemeinsamkeit. Ich glaube, dass in der Perspektive die aus der klassischen Arbeiterbewegung hervorgewachsenen Parteien soziale und ökologische Vernunft werden in Einklang bringen können, aber nicht kurzfristig, nicht in der Hektik eines Wahljahres. Da sollte die SPD – das wäre der Unterschied – das Wirtschaftswachstum verteidigen, und die Grünen sollten es mit Rücksicht auf den Schutz der Natur und den sparsamen Umgang mit den Ressourcen bekämpfen. Gleichzeitig aber sollten Grüne und SPD die Gefahr Strauß gemeinsam abwehren durch eine großangelegte Friedens-, Entspannungs- und Abrüstungskampagne.«84 82 Band 8, S. 191–216. 83 Band 8, S. 217–221. 84 Band 8, S. 217 f. 109Heyer: Das grüne Jahrzehnt Um dies durchzusetzen, müsse sich die SPD von ihren Nachrüstungsbeschlüssen verabschieden, ebenso müsse der weitere Kernkraftwerksbau gestoppt, die vorhandenen Anlagen abgeschaltet werden. Doch nicht nur die SPD, der ganze parlamentarische Bereich samt seiner Protagonisten müsse sich ändern. Die Parlamentarier müssten endlich ihre kurzfristigen und permanenten wahlkampfstrategischen Interessen hinten anstellen und sich zu den Herausforderungen der Gegenwart bekennen. Als da sei: »Ganz klar: Die Erhaltung des Friedens. Und der ist auf weite Sicht am besten zu sichern durch die Konzeptionen der Grünen in der Umwelt- und Ressourcenpolitik und kurzfristig in der momentanen Situation, durch die Wahrnehmung der europäischen Eigeninteressen.«85 Auf die Frage, was er darunter verstehe, antwortete er: »Die In teres sen, die sich ökonomisch, politisch und geostrategisch aus der besonderen Lage Europas im Verhältnis zu den beiden Großmächten ergeben. Diese Interessen verlangen, dass man sich nicht länger sklavisch an die USA kettet, sondern sich mehr an die Nähe der nach wie vor durchaus entspannungswilligen Sowjetunion erinnert. Eine Kanzlerschaft Strauß – noch dazu mit Wörner als Wehrminister – würde die durch Amerikahörigkeit bedingte unmittelbare Kriegsgefahr enorm steigern.«86 Gegenüber Willy Brandt machte er in seinem Brief abschließend geltend: »Ich bin kein Mitglied der Partei Die Grünen. Meine DDR-Staatsangehörigkeit wäre mit einem Eintritt in eine Partei der Bundesrepublik nach Auskünften, welche die Ständige Vertretung der DDR in Bonn mit erteilt hat, wohl nicht zu vereinbaren – selbst dann nicht, wenn es sich um die DKP handeln sollte. Dies bedeutet, dass ich, ohne mich eines formellen Loyalitätsbruchs gegenüber der Grünen Partei schuldig zu machen, gleichwohl ohne deren Auftrag und Wissen, mich in Angelegenheiten, welche die Interessen eben dieser Partei berühren, an Sie, als den Vorsitzenden der SPD, wenden darf. Ob der Schritt, den ich damit tue, der Grünen Partei willkommen oder gleichgültig oder höchst unerwünscht ist, weiß ich nicht; ich habe ihn jedenfalls mit niemandem vorher abgesprochen, sondern handle ganz als Einzelgänger, auf eigene Faust, vielleicht auf die Gefahr hin, mir damit das Vertrauen und die Sympathie der Grünen zu verscherzen, vielleicht zugleich auch das Risiko auf mich nehmend, der SPD im Grunde lästig zu fallen. Mein einziges Bestreben ist es, im Interesse einer Abwehr der drohenden Kanzlerschaft Strauß und zwecks Stärkung der ökologischen Positionen in der künftigen bundesdeutschen Politik das Verhältnis zwischen der traditionellen Ar- 85 Band 8, S. 220. 86 Band 8, S. 220. 110 Einführung beiterbewegung und der politischen Organisation der deutschen Ökologisten entkrampfen zu helfen.«87 Ab dem 5.  April 1980 informierte Harich dann, wie in dem Zitat gerade wiedergegeben, August Haußleiter, Norbert Mann und Petra Kelly. Alle drei billigten sein Vorgehen, unternahmen aber keine Schritte, um es weiter zu forcieren. An Haußleiter schrieb er am 5.  April, dass er bewusst sich nicht mit dem Vorstand der Grünen Partei abgesprochen habe, da dieser so in der Lage sei, seine Anliegen zurückzuweisen, und zudem nunmehr die SPD am Zug wäre, auf die Grünen zuzugehen. Motiviert sei sein Alleingang zudem dadurch, »dass ich, entgegen meinen Erwartungen, nach meiner Übersiedlung aus Österreich in die Bundesrepublik kurz vor Weihnachten letzten Jahres von den Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozessen der Grünen Partei gleichwohl abgeschnitten blieb (von der Osnabrücker Basisarbeit einmal abgesehen)«. Und am Schluss seines Briefes ergänzte er noch einmal: »So gesehen, finde ich, dass ich, in die Bundesrepublik übergesiedelt, von den Grünen mehr genutzt, mehr gefordert werden sollte. Mein Versuch, im Alleingang zwischen ihnen und der SPD vermitteln zu helfen, ist, so gesehen, nicht zuletzt auch Ausdruck meiner Enttäuschung darüber, dass dergleichen bisher nicht geschah. Von den Gleichgesinnten in Österreich, in Spanien, in der Schweiz bin ich anders behandelt worden.« 87 Band 8, S. 215. Weiter heißt es: »Sie werden verstehen, dass ich unter diesen Umständen Sie, Herr Vorsitzender, darum bitte, diesen meinen Brief an Sie bis auf weiteres diskret zu behandeln, und zugleich anregen möchte, dass wir beiderseits doch in begrenztem Maß diese Diskretion durchbrechen sollten: Einerseits wäre mit außerordentlich daran gelegen, wenn Sie, Herr Vorsitzender, meine hier vorliegenden Darlegungen einigen anderen führenden Persönlichkeiten Ihrer Partei vertraulich zur Kenntnis brächten, wobei ich besonders an Ihre beiden Stellvertreter, Herrn Wischnewski und Herrn Bundeskanzler Schmidt, sowie an den Fraktionsvorsitzenden der SPD im Bundestag, Herrn Herbert Wehner, an den SPD-Bundesgeschäftsführer, Herrn Egon Bahr, und an das Haupt des ökologistischen Flügels der SPD, den baden-württembergischen Landesvorsitzenden, Herrn Erhard Eppler, denke, vielleicht aber auch – im Hinblick auf die bevorstehende Wahl in Nordrhein-Westfalen – an Herrn Ministerpräsidenten Johannes Rau; ein vorfühlendes Gespräch zwischen dem SPD-Geschäftsführer von Nordrhein-Westfalen, Herrn Maegde, und mir hat in Dortmund am 1.  April bereits stattgefunden. Auf der anderen Seite fühle ich mich verpflichtet, eine Kopie des vorliegenden Briefs den drei Ko-Vorsitzenden der Partei Die Grünen, Herrn August Haußleiter, Frau Petra Kelly und Herrn Norbert Mann, sowie eine weitere Kopie dem erwähnten Herrn Professor Dr. Helmut Gollwitzer vertraulich zur Kenntnis zu geben.« (Band 8, S. 215 f.) 111Heyer: Das grüne Jahrzehnt Es war übrigens gar nicht so einfach, den Brief an Brandt zu bekommen. Nachdem ich mehrmals (knapp 2 Jahre lang) versucht hatte, eine Kopie von der Friedrich-Ebert-Stiftung zu erhalten, war es im Sommer 2014 der hilfsbereite Mitarbeiter Sven Haarmann, der mir endlich weiterhelfen konnte (wollte?) und alle Probleme bei Seite räumte.88 Fast zeitgleich gelangte dann ein weiterer Durchschlag des Briefs in meine Hände, der im Amsterdamer Archiv in einer falschen Mappe eingeordnet war. Es war der Ebert-Stiftung nicht möglich, mir eine Kopie des Antwortbriefes von Willy Brandt zu überlassen oder zur Einsicht vorzulegen. Immerhin aber teilte Herr Haarmann mir am 31. Juli 2014 per E-Mail mit: »Willy Brandt dankte übrigens am 22.  April 1980 für Harichs ›gewichtigen Brief‹ und schrieb ihm u. a., dass er ihn an Helmut Schmidt, Hans-Jürgen Wischnewski, Egon Bahr, Fritz Halstenberg, Herbert Wehner, Erhard Eppler und Johannes Rau weitergeleitet habe. Und er drückte sein tiefes Bedauern über die Vorgänge im Jahr 1956 aus.« Der Antwortbrief fand sich dann aber auch im Amsterdamer Archiv. Dort konnte ich ihn vollständig lesen, was das Ebert-Archiv ja lange Zeit zu verhindern versucht hatte. Da er bis zum 19.  April noch keine Antwort von Brandt erhalten hatte, griff Harich an diesem Tag erneut zur Schreibmaschine und sandte einen zweiten Brief. Dieser beschäftigte sich inhaltlich noch einmal der Fünf-Prozent-Klausel bzw. mit dem Ansinnen der Grünen, im Parlament wirken zu können, und sei es auf Wahllisten der SPD. Schließlich warnte er davor, dass die SPD die Grünen und ihre Sympathisanten unterschätze – nicht nur als parlamentarische Gegner, sondern vor allem als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen und Interessen. Wenn die Jugend ihre Wünsche und Hoffnungen nicht gewahrt, zumindest diskutiert sähe, würden Konsequenzen drohen: »Bei Resignation und Apathie aber wird es – und davor möchte ich die Führung der Sozialdemokratie jetzt war allem warnen – unmöglich bleiben, da es sich ja um junge, rein biologisch zum Aktivismus aufgelegte Menschen handelt. Resignation und Apathie werden hier vielmehr den Nährboden ihres Gegenteils abgeben: Des Umschlagens nämlich in eine Öko-Terrorismus, der an Umfang und Intensität den bekannten neoanarchistischen im Stil der Baader-Meinhof-Gruppe noch in den Schatten stellen dürfte. Dies ist es, was mich nach dem Aachen-Erlebnis am meisten besorgt sein lässt. Und bedenken Sie bitte, Herr Vorsitzender, dass ich schon 1969, in der Kurzfassung 88 Die Kopie der Ebert-Stiftung mit der Signatur: »Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, A 11. 1 SPD (Parteiführung), 1964–1987, Persönliche Korrespondenz A-Z, 1968–1980, 103. 112 Einführung meiner Schrift Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, in Enzensbergers Kursbuch 19, lange bevor in Westberlin Andreas Baader durch Ulrike Meinhof aus seiner Haft befreit wurde, die von der damaligen APO betriebene ›Aufklärung durch Aktion‹ als unbewusste Reprise der alt-anarchistischen ›Propaganda durch die Tat‹ kenntlich gemacht und daraus warnend die Voraussage blutiger terroristischer Aktivitäten abgeleitet hatte.89 Die SPD-Führung hat also allen Grund, meine erneute Warnung ernst zu nehmen: Noch unterscheidet der politische Ökologismus von der Studentenrebellion der sechziger Jahre sich durch Sanftmut, Freundlichkeit, Toleranz, gewaltfreie Protestmethoden. Aber wenn es ihm verwehrt bleiben sollte, sich auch in Nordrhein-Westfalen und auch auf Bundesebene im parlamentarischen Raum zu artikulieren, dann könnte sich das ändern, dann könnte seine Polarisierung in verzweifelte Apathie auf der einen und verzweifelten Öko-Terror auf der anderen Seite erfolgen, und schon längst hat es ja in Hamburg sogar die Selbstverbrennung eines verzweifelten Ökologisten gegeben, und das Phänomen junger Menschen, die einen Franz Josef Strauß zwar aus ganzer Seele verabscheuen und hassen, doch gleichwohl bereit wären, selbst ihn in Kauf zu nehmen, falls dies der Preis für eine Distanzierung von den Sozialliberalen mit dem Stimmzettel wäre, allein dieses Phänomen ist, meine ich, bedenklich genug.« Zudem ergänzte er: »Wie wahnwitzig ist, im Übrigen, eine Politik, die auf der einen Seite den politisch engagiertesten Teil der denkenden Jugend aus dem parlamentarischen Raum heraushält und gleichzeitig auf der anderen Seite die Strafwürdigkeit der Propagierung von Gewalt aufhebt!«90 Und weiter: »Sind die Sozialliberalen denn mit Blindheit geschlagen, Herr Vorsitzender? Sehen sie denn nicht, wie leicht bei der von den etablierten, amerikahörigen Parteien angewiderten Jugend der Bundesrepublik ein solcher Vorschlag auf fruchtbaren Boden fallen könnte? Haben sie denn rein gar nichts aus den grässlichen Erfahrungen mit dem neoanarchistischen Terrorismus gelernt? Und können sie sich nicht vorstellen, dass ohne Fünf-Prozent-Klausel schon eine Ulrike Meinhof und gar eine Gudrun Ensslin (die letztgenannte, nebenbei bemerkt, eine Ihrer eifrigsten, selbstlosesten Wahlhelferinnen von 1965, Herr Vorsitzender Brandt!) einen gänzlich anderen Weg hätten nehmen können als den, der sie von verzweifelter 89 In: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, S. 71–113. 90 Gemeint war, dass »am 16.  April, die Koalitionsfraktionen im Bundestag einen gemeinsamen Gesetzentwurf einbrachten, um den Straftatbestand der verfassungsfeindlichen Befürwortung von Gewalt (§ 88a StGB) wieder abzuschaffen mit der Begründung, dieser Paragraph hätte ›keine nennenswerte praktische Wirkung entfaltet‹. Was eigentlich wollte man damit wohl erreichen? Der CDU/CSU weitere Wahlkampfmunition liefern?« 113Heyer: Das grüne Jahrzehnt Ohnmacht über Terror, Untergrund und Haft zu grauenhaftem Tod geführt hat?« Für Harich blieb nur die Feststellung: »Ich vermag, beim besten Willen, die Bonner innenpolitischen Prioritäten nicht zu verstehen. Und die außenpolitischen ebenso wenig!« Am 29.  April 1980 meldete Harich dann Helmut Gollwitzer. »Der hier beigefügten Kopie eines Briefes, den ich am 19.  April an Willy Brandt gerichtet habe, können Sie entnehmen, dass ich im nordrhein-westfälischen Wahlkampf Ihren Ratschlägen vom 1. Fe bru ar entsprechend verfahren bin und wie wenig das genützt hat. Dieser Brief von mir an Brandt hat sich gekreuzt mit einem, den Brandt unter dem Datum des 22.  April 1980 an mich gerichtet hatte, und darin hatte er mir, in Beantwortung meines langen, denkschriftartigen vom 28. März, klipp und klar geschrieben: ›Wenn Sie es für illusionär halten – was ich aus Ihrer Sicht der Dinge verstehen kann –, ökologische Fragestellungen angemessen in die Politik der SPD einzubeziehen, so ist es mindestens ebenso illusionär, Vertreter der Grünen über die Landeslisten der SPD in den Bundestag zu bringen. Dies ist einfach nicht drin.‹ Dabei hatte ich, wie Sie wissen, in meiner Denkschrift perspektivisch eine angemessene Einbeziehung ökologischer Fragestellungen in die Politik der SPD durchaus nicht für illusionär erklärt, sondern nur behauptet, dass dies hier und jetzt, für das Wahljahr 1980, nichts bedeute. Wie dem auch sei: Es steht endgültig fest, dass die SPD sich auf das Huckepackverfahren gegenüber den Grünen nicht einlassen wird, weder in Nordrhein-Westfalen noch bei der Bundestagswahl. Diesen Gedanken können wir als passé betrachten, und wenn man Ihnen von sozialdemokratischer Seite jemals eine Bereitschaft in dieser Richtung angedeutet hat, dann hat man Sie, vermutlich auf Zeitgewinn spekulierend, schlicht angelogen.« Daneben war ihm aber noch eine andere Sache wichtig – und er äußerte sich gegenüber Gollwitzer in aller Deutlichkeit: In Betreff seiner Beziehung zum Ostbüro der SPD, in die er 1956 ohne eigenes, bewusstes Zutun hineingeraten war. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass gerade diese Kontakte für das hohe Strafmaß Harichs in seinem Prozess verantwortlich waren. »Speziell in Brandt kann ich sowieso nur einen infamen Lügner sehen, nachdem er seinem Brief vom 22.  April an mich die Nachschrift hinzugefügt hat: ›PS. Durch Ihren Brief habe ich zum ersten Mal erfahren, dass ein Kontakt mit dem damaligen Ostbüro 1956 zu den außerordentlichen Schwierigkeiten (sic!, WH) beigetragen hat, denen Sie damals in der DDR begegnet sind.‹ Brandts enger Mitarbeiter Josef Braun hatte mich 114 Einführung damals in diesen Kontakt förmlich hineingeködert, meine Verhaftung hatte großes Aufsehen erregt und die DDR-Presse hatte es sich wahrlich nicht entgehen lassen, mich als SPD-Ostbüro-Agenten anzuschwärzen! Dass all dies Brandt entgangen sein sollte – er war Präsident des Westberliner Abgeordnetenhauses –, ist völlig ausgeschlossen. Doch ich bitte Sie, diese meine Äußerungen zu dem Fall jetzt streng diskret zu behandeln. Ich möchte nichts tun, was der CDU/CSU auf Kosten der SPD nützen könnte, und so wollen wir die Schäbigkeit, die der SPD-Vorsitzende an den Tag gelegt hat, auf sich beruhen lassen.« 5) Zur Neuauflage von Kommunismus ohne Wachstum? Harich war durchaus bewusst, dass er in seinem Buch Thesen vertreten hatte, die nicht nur im Osten auf Kritik stie- ßen, sondern ihn auch im Westen bei bestimmten Gruppierungen der Linken isolierten. Dieser Einsicht war es sicherlich auch ein Stück weit geschuldet, dass er sein Konzept seit 1975 permanent modifizierte und aktualisierte, d. h. unter Beibehaltung seiner Vorstellung eines starken Staates dennoch genossenschaftliche, feministische und individualistische Momente stärker betonte und in sein Konzept zu integrieren trachtete. An August Haußleiter schrieb Harich am 5.  April 1980: »Über mein Buch Kommunismus ohne Wachstum? mag man unter Grünen, und auch sonst, sehr geteilter Meinung sein. Es ist entstanden 1974/1975, als es die Grüne Partei noch längst nicht gab. Es war, weil es sie noch nicht gab, der Versuch eines damals schon seit fast 20 Jahren aus der SED ausgeschlossenen, daher parteilosen DDR-Bürgers, gestandenen Parteikommunisten die bittere Pille der ökologisch begründeten Kritik am Sinn des Wirtschaftswachstums zu schlucken zu geben. Unter dem Einfluss der Grünen habe ich manche meiner in dem Buch noch verfochtenen Ansichten, namentlich die hyperzentralistischen, inzwischen korrigiert. Zugute gehalten werden sollte mir auf jeden Fall, dass Eppler vorher (mit Ende oder Wende?, 1974) und Gruhl kurz nach mir (mit Ein Planet wird geplündert, Oktober 1975) und ich dazwischen (1. Auflage August 1975) von drei unterschiedlichen politisch-weltanschaulichen Gesinnungen aus als erste Brücken schlugen zwischen einerseits dem ›Club of Rome‹, andererseits lokal-bornierten Bürgerinitiativen hin zu ökologistisch konzipierter Globalpolitik, die danach erst die ihr gemäßen organisatorischen Formen gesucht, erprobt und nunmehr vielleicht gefunden hat.« 115Heyer: Das grüne Jahrzehnt Notizen Harichs auf einem Kongress 116 Einführung In einem Papier, Die Grünen und die Bundestagswahl (Abdr. in diesem Band), das Harich am 11. Juni fertiggestellt hatte und in dem er der Führung der Grünen seine tagespolitischen Überlegungen mitteilte, bezog er wie folgt Stellung: »Der Begründung meines Ratschlags darf ich hier vorausschicken, dass ich, der 1974/1975 als erster der internationalen kommunistischen Bewegung mit den Argumenten ökologisch fundierter Zukunftsforschung das tödlich Verhängnisvolle jedes weiteren Wirtschaftswachstums vor Augen führen versucht hat, mich nach wie vor der ökologistischen Bewegung Westeuropas im Allgemeinen und den Grünen in der Bundesrepublik Deutschland und Westberlin im Besonderen aufs Engste verbunden fühle, dass ich ferner auch jetzt die Formierung der grünen Bewegung zu einer eigenständigen politischen Partei uneingeschränkt bejahe und dass ich unverändert im Prinzip dafür bin, dass diese Partei, wo immer das sinnvoll erscheint, sich auf allen Ebenen, vom kommunalen Bereich bis hinauf zur EG-Ebene, an Wahlkämpfen beteiligt, um so nicht nur außerparlamentarisch, sondern, wenn möglich, auch im parlamentarischen Raum optimal wirksam zu werden.« Verwiesen wurde bereits darauf, dass Harich die Publikation von Kommunismus ohne Wachstum? in der DDR wirklich wünschte und diese in der Mitte der siebziger Jahre mehrmals zu realisieren versuchte. Sie kam jedoch nie zu Stande. Während seines West-Aufenthaltes plante der Rowohlt-Verlag dann eine dritte Auflage des Werks, nachdem die zweite kurze Zeit nach der Erstveröffentlichung notwendig geworden war. Am 13. November 1979 schrieb Harich an Freimut Duve: »Dem aktuell-rororo Heft von Klaus Traube, Wachstum oder Askese?, das für mich inhaltlich von außerordentlicher Wichtigkeit ist, entnehme ich hinten, bei den Werbeseiten, dass die ›durchgesehene und erweiterte Fassung‹ von Kommunismus ohne Wachstum? von Dir bereits vorangekündigt wird. Die neulich erbetenen Zusätze zu der spanischen Ausgabe habe ich, in ihrer Dir seinerzeit übersandten deutschsprachigen Fassung, aber immer noch nicht gekriegt. Bitte schicken sie mir sofort, nebst einem Exemplar der Originalausgabe des Buches von 1975, die mir auch fehlt. Erst dann werde ich durchsehen und erweitern, namentlich um eine – nicht zu entbehrende – Einleitung erweitern können, vorher nicht. Und Du wolltest die Sache doch im neuen Jahre recht bald herausbringen.« Duve schickte Harich daraufhin offensichtlich ein Exemplar des Buches (Harich selbst hatte dann in der DDR wieder kein Exemplar des Werks in seiner Bibliothek, so dass er seiner Frau Anne eine spanische Ausgabe schenkte). Am 1. Juli 1980 schrieb er an Duve: 117Heyer: Das grüne Jahrzehnt »Nach Deinem letzten Anruf habe ich mir das Buch Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹, Reinbek (Rowohlt), 1. und 2. Auflage, 1975, noch einmal durchgelesen. Das Ergebnis lautet: An einer weiteren Auflage bin ich bis auf weiteres nicht mehr interessiert. Davon abgesehen, würden für mich auch, wenn ich daran grundsätzlich noch interessiert wäre, zwei Deiner Bedingungen unter keinen Umständen akzeptabel sein: Dass Dein Vorwort bleibt – Du müsstest Dich vielmehr mit einer ersatzlosen Streichung desselben einverstanden erklären – und dass es keinen Anhang mit in der Zwischenzeit von mir veröffentlichten kleineren einschlägigen Arbeiten geben dürfte, ähnlich der spanischen Ausgabe (aus der ich freilich nicht alles in eine neue deutschsprachige übernähme, dafür aber anderes, noch später Erschienenes). Auch dürften der neuen Einleitung von mir nicht die sehr engen Umfangbeschränkungen auferlegt werden, die Du mir telefonisch abverlangtest. Doch wie gesagt: Über die letztgenannten Punkte zu streiten wäre müßig, da ich bis auf weiteres das Buch überhaupt nicht mehr veröffentlicht zu sehen wünsche. Mit herzlichen Grüßen, auch an Karin, Dein« Eine analoge Absage sendete Harich am selben Tag an Thomas Heilmann, der eine Schweizer Ausgabe des Buches veranstalten wollte. Einige Wochen vorher hatte er in dem bereits erwähnten Manuskript Die Grünen und die Bundestagswahl am 11. Juni noch formuliert: »Bei einem Besuch in der DDR konnte ich mich kürzlich davon überzeugen, dass dort bei den Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, von prominenten Spitzenkünstlern über Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften und ihres Verlages bis zur Kindergärtnerin, die von netto 480,– Mark im Monat lebt, gänzlich unabhängig davon, wie positiv oder wie kritisch die einzelnen zu ihrer Regierung stehen, durchweg die tiefe Besorgnis verbreitet ist, es könne am 5. Oktober in Bonn zur Ablösung der derzeitigen sozialliberalen Regierung durch ein CDU/CSU-Regime, ob mit oder ohne Strauß, kommen und im Ergebnis einer solch verhängnisvollen Wendung der Dinge der gerade in der gegenwärtigen Weltkrise sich so gut bewährende Zusammenhalt der Deutschen in Ost und West zerschlagen werde. Gleichzeitig spricht manches dafür, dass, aus welchen Motiven auch immer, ökologisches Denken und Umdenken im Osten allmählich an Boden gewinnt. Von einem Tag auf den anderen, mit einem Federstrich hat die DDR-Regierung zwecks Treibstoffersparnis den gesamten Inlandsflugverkehr eingestellt. Beim Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ist eine interdisziplinäre Kommission gebildet worden, die ein ›komplexes Forschungsprogramm Ökologie‹ 118 Einführung durchführen soll. Der VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften interessiert sich dafür, dass die beim Rowohlt-Verlag in Vorbereitung befindliche dritte Auflage meines Buches Kommunismus ohne Wachstum? simultan zur Erstausgabe dieses Werkes in der DDR werde, wo es bisher noch nicht hatte erscheinen dürfen. Meines Erachtens sind dies Symptome, die eng zusammengehören und auf weitere Entwicklungen in gleicher Richtung hoffen lassen. Dafür, dass in jener Kommission echt ökologisch denkende Gelehrte mit am Werk sind, kann ich mich verbürgen. Wie aber werden die Betreffenden dastehen, wenn in der Bundesrepublik die Partei der ihnen bekanntermaßen Gleichgesinnten Entscheidungen trifft, die das Risiko in sich bergen, potentielle Konfliktstoffe zwischen den beiden in Europa sich gegenüberstehenden Machtblöcken zu verschärfen und zu aktualisieren, statt sie weiter und weiter abbauen zu helfen. Die Grüne Partei trägt, so gesehen, ein Großteil Verantwortung für die Entwicklung und die Durchsetzungschancen der Ökologie im anderen deutschen Staat und bei dessen Verbündeten, einschließlich der Sowjetunion, mit.« Kurze Zeit nach diesen Ausführungen sagte Harich aber nicht nur, wie gesehen, den beiden West-Verlagen ab, sondern auch dem VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften (ebenfalls am 1. Juli). Dem letzteren allerdings, wenn man es so ausdrücken will, aus Einsicht in Notwendigkeit. D. h. Harich war klar, dass dem Projekt nach Prüfung durch Partei und Stasi sowieso kein Erfolg beschieden sein werde. Für seinen »Rückzieher« machte er gegenüber dem Verlagsdirektor Walter folgende Gründe geltend: 1) »Der Ko-Autor Freimut Duve knüpft an die 3. bundesdeutsche Auflage Bedingungen, die ich nicht akzeptieren will und kann: Sein Vorwort zur 1. und 2. Auflage soll auch in der 3. bleiben; meine Neueinleitung soll sehr kurz gefasst sein; einen Anhang mit inzwischen von mir verstreut veröffentlichten kleineren Arbeiten zum selben Thema soll es nicht geben. 2) Duve ist zwar, wie ich Ihnen schon am 16. April schrieb, einverstanden damit, dass sein Vorwort von 1975 in der DDR-Ausgabe entfällt, würde aber keiner sonstigen Änderung der von ihm stammenden Dialogstellen bzw. Interview-Fragen zustimmen, auch in der DDR-Ausgabe nicht. Nun verhält es sich aber so, dass nicht nur sein Vorwort, sondern auch diese Stellen bzw. Fragen von ihm antikommunistische Sentenzen enthalten, von denen feststeht, dass kein DDR-Verlag die jemals bringen wird. 3) Mein Buch enthält eine dezidierte Aussage nicht nur gegen die militärische, sondern auch gegen die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie. Davon würde ich keine Zeile zu streichen oder auch nur im geringsten abzuschwächen bereits sein. Es 119Heyer: Das grüne Jahrzehnt lässt sich voraussehen, dass es unter diesen Umständen nur zu sehr unerquicklichen und letzten Endes ergebnislosen Auseinandersetzungen zwischen uns kommen würde. 4) Ich habe das Buch jetzt noch einmal durchgelesen und bin dabei zu dem Eindruck gelangt, dass eine Neueinleitung, die es auf neuesten wissenschaftlichen Stand brächte, ungefähr noch einmal dieselbe Länge haben müsste wie der alte Text selbst. Mich einer solchen Arbeit zu unterziehen, fühle ich mich physisch einfach nicht mehr im Stande. Ich bin arbeitsunfähig (nach bundesdeutschen Begriffen: sowohl berufs- als auch erwerbsunfähig) geschrieben, als Invalide und Schwerbeschädigter anerkannt und betrachte damit wohl oder übel meine Autorenlaufbahn als beendet. Was ich zu Stande bringe, sind höchstens noch Briefe wie dieser oder kürzere Artikel. Alles übrige ist bei mir passé, und dies um so mehr, als ich seit jeher eine völlig neurotische Arbeitsweise habe, die ich mir in meinem Alter schwerlich noch werde abgewöhnen können (mehrmaliges Umschreiben jeder Seite usw., Unfähigkeit zu handschriftlich verfassten Vorentwürfen u. dgl.).« Der Band ist seit 1975 nicht mehr neu erschienen. 6) Im April und Mai 1980 fanden mehrere Veranstaltungen und Konferenzen statt, die für Harich sehr wichtig waren. Neben dem »Großen Palaver« des Sozialistischen Büros in Hamburg (24. bis 27.  April) ist dabei vor allem die erste Sozialistische Konferenz in Kassel zu nennen, die von Rudolf Bahro und Rudolf Steinke organisiert wurde. Sie sollte den Versuch unternehmen, die verschiedenen linken Strömungen der Bundesrepublik unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen, um ungeachtet ihrer zahlreichen Differenzen für gemeinsame Ziele zu wirken. An Gisela Wirth schrieb Harich, um Quartier in Kassel während der Veranstaltung bittend, am 9.  April 1980, dass an der Tagung »Grüne, Kommunisten verschiedenster Schattierungen und Sozialdemokraten teilnehmen werden, um über Ökologie und Sozialismus und, aktuell politisch, die Bundeskanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß zu beraten. Es wird da auch ein Arbeitskreis zu Friedens- und Abrüstungsfragen gebildet werden, in dem Steinke besonders mit meiner Mitwirkung rechnet.« Und eben dieses Thema war für Harich bedeutsam. So schrieb er beispielsweise am 11.  April 1980 an Roland Vogt: »Ich habe mit größtem Interesse Deinen Aufruf zur Bildung einer Arbeitsgemeinschaft Friedenspolitik der Grünen gelesen und würde da sehr gerne mitmachen. Es erheben sich für mich nur drei Fragen: a) Ich weiß nicht, wie meine Mitwirkung konkret rea- 120 Einführung lisiert werden sollte. Auch in Osnabrück haben die lokalen Grünen zwar eine kleine Gruppe, die sich mit Friedens- und Abrüstungsfragen beschäftigt, und ich beteilige mich daran. Es wäre doch wohl aber sinnvoller, wenn ich mich damit mehr auf Bundesebene betätigte. Aber wie? b) Ich kann nicht formell Mitglied der Partei ›Die Grünen‹ werden, überhaupt keiner bundesdeutschen Partei, nicht einmal, wenn ich das wollte, der DKP. Denn von der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn erhielt ich den Bescheid, dass ich damit die gegen die Interessen der DDR gerichtete Doktrin von der ›einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen‹ zementieren helfen würde. Unter allen Umständen will ich meine DDR-Staatsangehörigkeit beibehalten, aus vielen, vielen Gründen, und durch die Beispiele der Ausbürgerungen von Pavel Kouhut und besonders Milan Horacek bin ich gewarnt. Frage: Könnte ich trotzdem, ohne formelle Parteimitgliedschaft, in der Arbeitsgemeinschaft mitmachen? c) Da Du Anhänger der ›sozialen Verteidigung‹ bist, wirst Du nicht viel Freude an mir haben. Ich halte dieses Konzept für völlig illusorisch, und ich halte es auch für taktisch unklug, dass die Grünen sich darauf programmatisch festgelegt haben; denn sie stoßen damit Leute, die für den Ökologismus gewonnen werden könnten, jedoch militärische Landesverteidigung grundsätzlich bejahen, ja sich (wenn auch irrigerweise) vom Osten bedroht fühlen, unnötig vor den Kopf. Ich bin leidenschaftlicher Anhänger des alternativen Verteidigungskonzept von General Spannocchi, Oberst Brossolet und Horst Afheldt, das sich neuerdings auch das Morrison-Komitee ›Price for Defense‹ in USA zu eigen gemacht hat. Dieses Konzept sähe ich gern verknüpft mit der breiten neutralisierten Zone längs durch ganz Europa, über die Lederer am 21. Oktober 1979 im Londoner Observer orakelte. Wir müssen uns darüber einmal unterhalten. »Spinocchio« heißt der erstgenannte übrigens nicht. Mit dem Wunsch, dass es Dir gut gehen möge, und in der Hoffnung, bald wieder von Dir zu Eine von mehreren Bücherlisten Harichs zur Ökologie 121Heyer: Das grüne Jahrzehnt hören und möglichst auch Dich zu sehen, verbleibe ich mit den allerherzlichsten Grü- ßen Dein« Mit Rudolf Steinke hatte Harich bereits im Juni 1979 Kontakt gehabt. Denn dieser war einer der Organisatoren des Komitees zur Freilassung Rudolf Bahros gewesen und hatte Harich zu einer Tagung eingeladen, auf der sich dieser kritisch zu Bahros Alternative äußern sollte. Harich antwortete am 16. Juni 1979: Bahro, 16. Dezember 1989, Sonderparteitag der SED »Ihrem Schreiben vom 13. Juni 1979 sowie den beigefügten Materialien entnehme ich, dass Sie und Ihre Freunde dem unglücklichen Rudolf Bahro, statt ihm effektiv zu helfen, nur neuen, schweren Schaden zuzufügen im Begriff sind: Indem Sie seinen Fall ausgerechnet mit demjenigen Nico Hübners verknüpfen; indem Sie einer Solidaritätsveranstaltung für ihn ausgerechnet ein Russel-Tribunal über die DDR im Allgemeinen vorausschicken, und das auch noch zwei Tage davor; indem Sie alles tun, um eine denkbare Amnestie zum 30. Jahrestag der DDR zu Schanden werden zu lassen an einem einschlägigen Appell, der von dem hierfür zuständigen Staatsrat nur als beleidigende Herausforderung empfunden werden kann, usw. usf. Auf derselben Linie liegt jetzt Ihr Ansinnen, dass ich mich am 30. Juli in Marburg kritisch zu Bahro äußern solle. Wie, bitte, unterscheide ich mich denn dann noch von jener ›Marburger Schule'? Nicht einmal mehr durch die Wahl des Orts. Kritisch werde ich mich mit diejenigen Auffassungen Bahros, denen ich nicht zuzustimmen vermag, erst dann auseinandersetzen, 122 Einführung wenn er in der Lage sein wird, als freier Mensch darauf zu erwidern, nicht einen Tag früher. (Vgl. meine Stellungnahme zu diesem Punkt im Interview für den Spiegel vom 11. Juni 1979, Seite 75.)«91 Am 20. Dezember 1979 wandte sich Steinke erneut an Harich, diesmal mit einer Einladung zu der bereits genannten »Sozialistischen Konferenz«, für die aber zu diesem Zeitpunkt noch kein genauer Termin feststand. Harich antwortete am 22. Fe bru ar 1980 und nahm noch einmal zu seinem ersten Brief (in Sachen Bahro) an Steinke Stellung. Er schrieb: »Ich habe mir meinen diesbezüglichen Brief an Sie jetzt nochmals durchgelesen und finde gerade in Anbetracht der inzwischen erfolgten Amnestie, die Bahro die Freiheit brachte, meine Weigerung, nach Marburg zu kommen, auch nachträglich immer noch richtig. Dass die DDR auch Hübner freigelassen hat, nehme ich ihr aber übel.« Außerdem schilderte er seine Ansichten, damit Steinke wisse, welche Positionen er bei der Konferenz vertreten werde. »Erstens wünsche ich den Grünen so viel Anhänger und Einfluss wie nur möglich, bin aber der Meinung, dass das Schwergewicht ihrer Aktivitäten auch in Zukunft im au- ßerparlamentarischen Raum wird liegen müssen (ohne Vernachlässigung oder gar Igno rie rung des parlamentarischen). Zweitens finde ich, dass eine Kanzlerschaft Strauß unbedingt vermieden werden muss. Drittens bin ich dafür, durch Druck von Seiten der Grünen die Politik der Sozialliberalen dahingehend zu verbessern, dass diese ihr Atomprogramm in allen seinen Bestandteilen, den so genannten friedlichen und besonders den militärischen, fallenlassen. Viertens würde ich, bei ungeschmälerter Aufrechterhaltung einer Feindschaft zu Strauß und der CDU/CSU, gleichwohl niemandem raten können, die SPD zu stützen, falls diese nicht mindestens ihre Beschlüsse über die so genannte ›Nach‹rüstung, vom Dezemberparteitag in Westberlin 1979, und damit die Unterstützung der einschlägigen Brüsseler NATO-Beschlüsse vom 12. Dezember 1979, Pershing II und Cruise Missiles betreffend, aufgäbe. Sollte die Entwicklung 1980 so verlaufen, dass keine andere Wahl bliebe, als entweder – direkt oder indirekt – Strauß zur Macht zu verhelfen oder aber die Kröte Helmut Schmidt samt unveränderten Brüsseler Beschlüssen schlucken zu müssen, dann würde ich für meinen Teil weder das eine noch das andere tun, sondern ernsthaft in Erwägung ziehen, die BRD noch lange vor Ablauf meines Ausreise-Visums zu verlassen, um mich reumütig und resigniert wieder in die DDR zurückzubegeben. Fünftens: Entscheiden wird die SPD über ihre Politik auf ihrem Wahlparteitag im Juni. Bis dahin wird es sinnvoll sein, den oben, 91 Harich: Spiegel Gespräch. Ich hatte alle gegen mich. 123Heyer: Das grüne Jahrzehnt unter ›Drittens‹, erwähnten Druck auszuüben, gestützt auf die Kraft der Grünen und auf die grüne bzw. linke Opposition innerhalb der SPD, und bis dahin will ich mich für ein Bündnis der Grünen mit dem Eppler-Flügel in der SPD gegen Strauß und Schmidt einsetzen. Sechstens: Sollten bei den Grünen die Chaoten, Bunten, Alternativen etc. Oberhand gewinnen – etwa auf dem Parteitag vom 21. bis 23. März in Saarbrücken –, so würde ich ebenfalls meine Position ganz neu überdenken und würde resignierende Heimkehr in die DDR sogar schon zu diesem Zeitpunkt in Betracht ziehen. (So etwa sind für mich Gruhl, Haußleiter, Roland Vogt, Petra Kelly, Olaf Dinné, Delphine Brox, Wolf-Dieter Hasenclever und anderer als Führungskräfte der Grünen unverzichtbar, und einen etwaigen Sturz von Gruhl als Vorsitzenden, wie von Westberliner Alternativlern allem Anschein nach geplant, hielte ich für eine der denkbar schlimmsten Dummheiten und Ungerechtigkeiten.)« Die Sozialistische Konferenz hatte übrigens auch einige skurrilen Seiten und Züge, die Harich gegenüber Carl Friedrich von Weizsäcker am 21. Mai 1980 wie folgt schilderte: »Bei dem von Bahro initiierten Ersten Sozialistentreffen in Kassel (2.–4. Mai) ist mir neulich eine neue politische Kategorie eingefallen: Die der ›unnützlichen Idioten‹. Stellen Sie sich vor: Das stand zum Beispiel eine Jeanne d'Arc des Trotzkismus auf, die, im Namen einer ›Internationalen Trotzkistischen Liga‹, glühend Solidarität für die Sowjetunion und die DDR forderte. Als loyaler DDR-Bürger fühlte ich mich bemüßigt, mich hinterher bei ihr zu bedanken, fügte aber immerhin hinzu, derlei Töne seien mir aus ihrem politischen Winkel erstaunlich und ungewohnt. Sie antwortete allen Ernstes, nun endlich habe doch Breschnew mit dem ›Klassenverrat‹ Stalins und Chruschtschows gebrochen, die jahrzehntelang an ihrer Grenze, in ihrem Einflussbereich ein unangetastet feudales Afghanistan geduldet hätten, und das sei doch herrlich. Höflich, wie ich bin, machte ich dem Mädchen daraufhin Komplimente über die wissenschaftlich bedeutungsvollen nationalökonomischen Leistungen ihres Genossen Ernest Mandel. In diesem Augenblick verwandelte die Gute sich in eine Furie: Wie ich denn auf einen solchen ›Verräter an der Arbeiterklasse‹ hereinfallen könne, durch den die IV. Internationale gespalten worden sei und der im Übrigen lüge mit der Behauptung, die Kondra ti eff schen langen Wellen, welche die Wirtschaftszyklen ›angeblich‹ überlagerten, seien von Trotzki gutgeheißen worden. Kurz, ich befand mich an dem ›falschen‹ Trotzkisten-Büchertisch, und die schräg gegenüber platzierten ›richtigen‹, die der Mandelschen Couleur, wollten nun auch nichts mehr von mir wissen, nachdem die mich mit einer 124 Einführung Vertreterin der ›falschen‹ im Gespräch gesehen hatten. Oh, linke Ökumene, wann endlich wirst du aus deinen sich nun bald anderthalb Jahrhunderte hinziehenden Geburtswehen herausfinden!!! Doch siehe da: Im Plenum am letzten Tag stand plötzlich eine beherzte Frau mittleren Alters auf, hatte den Mut, sich in diesem Kreis als Kleinbürgerin zu bekennen, schilderte ihren Weg von der GVP zur SPD, schilderte ihre Enttäuschungen in der SPD und rühmte schließlich, dass sie menschliche Wärme im politischen Raum erst bei den grünen Bürgerinitiativen gefunden hätte, und das brachte sie so überzeugend und in einer so herzerfrischend-volkstümlichen, allem Soziologenund Politologen-Jargon abholden Sprache vor, dass alle Versammelten, sonst hundertfach entzweit, ihr einmütig frenetischen Beifall spendeten. Es ist halt doch ein eigen Ding mit den Grünen, Herr von Weizsäcker, und sollten sie nicht vielleicht auch frischen Wind in die Parlamente blasen können?« Und über die »II. Sozialistische Konferenz, die wegen ihrer diesmal vornehmlich au- ßenpolitischen Thematik besonders interessant werden dürfte« (so Harich am 30. November 1980 an Jutta Held), die gleich noch kurz anzusprechen ist, schrieb er am 13. März 1981 an Erhard Eppler: »Dass ich davor in Marburg ›auch die MG kennengelernt‹ hätte, das kann man wohl behaupten. Das Pack betrug sich auch dort mit dankenswerter, weil auf Anhieb es durchschaubar machender Widerwertigkeit. Wenn Sie von denen nicht niedergeschrieben worden sein sollten, so hätte sich das achte Weltwunder ereignet. Ich bin immer, damals wie jetzt, gegen Habermas’ Schlagwort vom ›linken Faschismus‹, bezogen auf die APO, gewesen. Linke Faschismus, das gibt es eben nicht. Die MG jedoch verkörpern rechten Faschismus, zugeschneidert auf das studentische Milieu, und nur deswegen sich ›marxistisch‹ nennend, ganz in Analogie zur weiland ›Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei‹ (wobei zuzugestehen bleibt, dass auch bei den MG einige subjektiv sich als links empfindende – aber nur empfindende, nicht denkende – Strasser-Analogien mittrotten mögen; ich sehe die bereits von der Feme in den eigenen Reihen zur Strecke gebracht, wie gehabt.) Das Demagogie-Rezept der MG sieht so aus: Man greife einen marxistischen Gedankenfetzen aus seinem Zusammenhang heraus und stopfe ihn in einen anderen Zusammenhang, in dem er gegen Sozialistisches, ach was, gegen Soziales, gegen schlicht Humanes absolut destruktiv wirken muss, hinein. Zum Beispiel: Tritt einer für den Frieden ein, dann betone man: Man sei für ›Klassenkampf‹, also für Kampf, also für 125Heyer: Das grüne Jahrzehnt Streit. Generalstabsartig wird dabei dann vorbereitet, bis zu welchem Punkt in dieser Weise zu ›argumentieren‹ wäre und ab wann das Niederbrüllen und schließlich der nackte Terror einzusetzen habe. Glücklicherweise haben in Marburg alle auf der II. Sozialistischen Konferenz vertretenen Fraktionen der Linken (Anarchisten, Trotzkisten, Maoisten, DKPisten, Grüne, Jusos, Judos, SB-Vertreter) sich von den MGs getrennt; zur III. Sozialistischen Konferenz, die sich außen-, verteidigungs- und sicherheitspolitischen Themen annehmen soll, um zugleich ein allgemeines, über den linken Rahmen weit hinausgreifendes Friedensforum vorzubereiten, werden die MG nicht mehr zugelassen sein; durch ihr Verhalten hätten sie sich selber davon ausgeschlossen. Leider ist das MG-Unwesen ›geistesgeschichtlich‹ vorbereitet worden durch alle möglichen Pseudo-Renaissancen des Marxismus in der Bundesrepublik. Linksgestimmte Jugend hat hier nie solide mit Engels’ Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft und Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie oder mit Marx’ Lohnarbeit und Kapital oder mit den altbewährten Populärexegesen von Kautsky oder Plechanow oder gar mit dem Anti-Dühring begonnen, sondern steuerte, von Frankfurter Schule gegängelt, steht sogleich auf Das Kapital oder die Frühschriften zu, also auf eine Rosskur mit Unverdaubarem. Und die vertrocknete Öde unseres DDR-Offizial-Marxismus, der den solideren Anfängen ihren ursprünglichen Schwung, ihre Frische nahm, trug, vom anderen Extrem her, objektiv mit dazu bei. (Stellen Sie, als Christ, sich die Ergebnisse eines Konfirmationsunterrichtes vor, bei dem der Kleine Katechismus ausgelassen und, statt dessen, Melanchton analysiert wird, während im Nebensaal ein Blasorchester der Volksarmee die Melodie von ›Weil ich Jesu Schäflein bin …‹ intoniert.) Zurück zu den MG, so ist symptomatisch, dass die in Marburg in demselben Maße, wie die Sozialistische Konferenz sich an Blockfreiheits-Konzepte und eine durch sie zu gewährleistende Friedenspolitik heranzutasten begann, über ›deutschen Nationalismus‹ Zeter und Mordio schrien und hinzufügten: ›Der schlimmste Imperialismus ist der der BRD …‹ Am Tag nach Konferenzende (Zufall?) gab Honecker in Berlin seine wohldosierte Andeutung eines Schwenks der SED-Politik in der nationalen Frage, in Vorbereitung des X. Parteitags (sic!!!), zum besten. Der CSU-Unternehmer, der, nach Ihren Informationen, die MG finanzieren soll, dürfte also linientreu USA-Kurs steuern, Reagan-Kurs, Haig-Kurs. Und das bringt mich auf den Gedanken: Ist es nicht vielleicht sogar die CIA, die hinter den MG-Aktivitäten steckt? Und wieso eigentlich erinnern jetzt ausgerechnet immer wieder die Amerikaner, mit der Holocaust-Serie, mit den 126 Einführung verfilmten Memoiren der unglücklichen Fania Fénelon, an die furchtbaren, grauenhaften, uns Deutsche so tief beschämenden Auschwitz-Wahrheiten (ich sage Wahrheiten, denn diese Überlegungen sind mir nicht durch Lektüre der Deutschen National- und Soldatenzeitung gekommen, und ich kenne Fania Fénelon, als gute Freundin meiner langjährigen Lebensgefährtin Gisela May). Gewiss, die Erinnyen stellen sich meist erst nach 30 oder mehr Jahren ein. Aber sind diese Erinnyen nicht vielleicht amerikanisch manipuliert? Könnte es nicht sein, dass sie die ›Dislozierung‹ von Pershing II und Cruise -Missiles ideologisch vorzubereiten und zu flankieren haben? Falls nicht damit sogar die amerikanische Öffentlichkeit – und die der amerikanisch beherrschten Welt – allmählich an den Gedanken gewöhnt werden sollte: Die Deutschen hätten nichts anderes verdient, als ihrerseits verheizt zu werden, und zwar nuklear??? Wiedererwachendes deutsches Nationalbewusstsein könnte – um diese Erwägung e contrario zu stützen –, so wie die Dinge heute liegen, ohne jeden Anflug von Chauvinismus und Aggressivität Europa und der ganzen Menschheit einen überlebenswichtigen Dienst leisten: Indem es mitten in Europa eine Barriere gegen den dritten Weltkrieg errichtete. Glauben Sie nicht?« Die II. Sozialistische Konferenz fand vom 13. bis 15. Fe bru ar 1980 in Marburg statt. Harich machte in verschiedenen Briefen geltend, dass er sich sehr auf die Veranstaltung freue und unbedingt an ihr teilnehmen wolle. So schrieb er beispielsweise an die »Ernst Friedrich Schumacher-Gesellschaft für Politische Ökologie« in einem Brief an Carl Amery und Max Winkler vom 20. Januar 1981: »Ein zweitägiges Seminar zum Thema ›Ist ökologischer Humanismus möglich‹ am 14. und 15. Fe bru ar in Ulm mitzumachen und in diesem Rahmen in der Arbeitsgruppe ›Ökologische Politik und marxistisches Erbe‹ mitzuwirken, wird mir leider jedoch nicht möglich sein, da ich bereits zugesagt habe, vom 13. bis 15. Fe bru ar 1981 aktiv an der II. Sozialistischen Konferenz in Marburg/Lahn teilzunehmen (ich war auch bereits Teilnehmer der I. Sozialistischen Konferenz, Anfang Mai 1980 in Kassel).« Für die Konferenz verfasste er zwischen Weihnachten und Jahresbeginn in Wien auch seinen Aufsatz Fünfzehn Thesen zur Friedenspolitik.92 Warum Harich die Sozialistischen Konferenzen so wichtig waren, erhellt beispielsweise eine Passage aus seinem Brief an Barbara Herbig vom 10. März 1981: »Dabei sehe ich für mich im Westen durchaus noch Aufgaben, wenn auch in bescheidenem Maße: So versuche ich den untereinander zerstrittenen und im Übrigen samt und sonders ghettoisierten Linken, die sich auf den Sozialistischen Konferenzen (Mai 1980 in Kassel, Fe bru ar 1981 in Marburg) zusammenraufen, den Neutralismus samt 92 Abdruck in der erneut überarb. Version für Das Argument in Band 8, S. 228–242. 127Heyer: Das grüne Jahrzehnt alternativer Verteidigungspolitik à la Afheldt-Mechtersheim plausibel und schmackhaft zu machen.« Am 24. Fe bru ar 1981 stellte er dann an die Regierung der DDR sogar den Antrag auf eine Verlängerung seines Ausreisevisums. Seine Begründung war u. a.: »Beteiligen möchte ich mich ferner an mehreren in der BRD bevorstehenden Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen bin: An einem Kolloquium des Forums für Junge Erwachsene der Evangelischen Akademie Tutzing (30.  April bis 3. Mai 1981), an einer gemeinsam von der Gustav Heinemann-Initiative und der Ernst Friedrich Schumacher-Gesellschaft für Politische Ökologie e. V. veranstalteten öffentlichen Diskussion am 8. Mai 1981 in München, an der für September oder Oktober 1981 vorgesehenen III. Sozialistischen Konferenz und schließlich an einem allgemeinen, breiteste Kreise umfassenden Friedensforum, das voraussichtlich im Dezember 1981 in der BRD stattfinden wird.« Gegenüber seiner Schwester Gisela Wittkowski schilderte er die entstandene Situation am 1. September 1981 dann wie folgt. Ausgangspunkt war sein Umzug nach Hannover zu seiner Ex-Frau Gerda Caroline de Luis, mit der er in den frühen fünfziger Jahren verheiratet gewesen war: »Ich will nun einmal ein paar Monate lang sehen, ob das gutgehen wird. Sollte es sich als unerträglich für mich herausstellen, so würde ich vor den Schwierigkeiten, die sich vor mir im Westen auftürmen, kapitulieren, meine Sachen packen und noch in diesem Jahr, so etwa kurz vor Weihnachten, endgültig nach Berlin/Hauptstadt der DDR zurückkehren. Vorher kann ich das auf keinen Fall tun. Denn just in dem Augenblick, da die Bewegung der ›sozialistischen Konferenzen‹ in die allgemeine westdeutsche Friedensbewegung einzumünden beginnt – die III. Sozialistische Konferenz, Ende November in Bochum, soll ausschließlich dem Thema ›Kriegsgefahr und Friedenspolitik‹ gewidmet sein –, ist sie auch bereits wieder von Spaltung bedroht. Ich gehöre, zusammen mit dem Kreis um die Modernen Zeiten, zu denen, die der Spaltung nach Kräften entgegenzuwirken suchen und wenigstens ein Mindestmaß an Übereinstimmung (hierzulande ›Minimalkonsens‹ genannt) aufrechterhalten wollen. In diesem Sinne will ich am 15. September einem Vortrag in Köln halten, im letzten Oktoberdrittel opponierend an einem Kongress der Spalter in Westberlin teilnehmen und Ende November auf besagter III. Sozialistischer Konferenz in Bochum aktiv werden. Das sind Verpflichtungen, denen ich mich hier einfach nicht entziehen kann, auch nicht entziehen möchte. 128 Einführung Vielleicht aber komme ich Ende Oktober, bei Gelegenheit jenes Kongresses, einmal besuchsweise von Westberlin wieder in die Hauptstadt, sei es, um eine endgültige Rückkehr in die DDR an Ort und Stelle vorzubereiten, sei es, um, mit dem Entschluss, eine weitere und zeitlich noch weitergehende Visa-Verlängerung bei den DDR-Behörden zu beantragen, zugleich die Wohnungsangelegenheiten in der Friedenstraße mit Kille und Bea endgültig so zu regeln, dass sie dort wohnen bleiben können unter Mitbenutzung nun auch des zweiten, kleineren Zimmers. Dies ist der Grund, aus dem ich Dir heute in der Hauptsache schreibe. Ich bin im Westen nunmehr so tief in Aktivitäten bei den Grünen, den Friedens- und Konfliktforschern und den ›sozialistischen Konferenzen‹ (SK) verstrickt, dass ich da eigentlich gar nicht mehr zurück kann, ohne mich dem Vorwurf der Drückebergerei unter zunehmend schwieriger werdenden Bedingungen auszusetzen, nach dem Motto: ›Erst kommt er her und spuckt große Töne, und jetzt, wo es brenzlig wird, kneift er und begibt sich in seinen Elfenbeinturm hinter der Mauer zurück.‹ Allerdings tun dieselben Leute, die so reden würden, wenig – und in ganz entscheidenden Punkten nichts –, um für mein Wohlbefinden zu sorgen, ohne das ich die für meine Aktivitäten nötige Kraft nicht mehr länger aufbringen kann, und es kommt der Augenblick, an dem ich auch einmal an mich denken muss, zumal ich nächstens 58 Jahre werde.« Einige Wochen nach diesem Brief kehrte Harich in die DDR zurück. * * * * * Der hier vorliegende Band zerfällt in drei Sektionen. Der I. Teil präsentiert Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹. Einige kleinere Änderungen und Korrekturen Harichs wurden stillschweigend eingearbeitet. Der II. Teil druckt seine Briefe, die er in den Jahren seines Aufenthalts im Westen schrieb, und weitere Manuskripte ab. Es handelt sich dabei immer um die jeweiligen Durchschläge seiner Texte, die er trotz all seiner Umzüge aufbewahrt und schließlich mit in die DDR zurückgenommen hatte. Es sind also Dokumente, die ihm durchaus wichtig waren. Im Herbst 1981 kehrte Harich dann in die DDR, nach Berlin, zurück. Es begann ein neuer Abschnitt seines Lebens: Die Hinwendung zur Philosophie seines akademischen Lehrers Nicolai Hartmann, die ihn, mit vielen Unterbrechungen und Ablenkungen, bis zum April 1989 beschäftigte. Abgeschlossen wird der vorliegende Band mit einem kleinen III. Teil, der einige Wortmeldungen Harichs zur Ökologie aus den Monaten der Wende präsentiert. Da dieser Zusammenstellung eine eigene Einleitung beigegeben ist, kann auf weitere Hinweise hier verzichtet werden. 129Heyer: Das grüne Jahrzehnt Es stellt sich, diese Bemerkung sei abschließend erlaubt, ein ganzes Stück weit ein merkwürdiger (ein anderer Ausdruck fällt mir nicht ein) Eindruck ein, wenn man die Zeit der letzten Monate und der Coronakrise mit Harichs ökologischem Programm vergleicht. Vieles von dem, was dieser gefordert hatte und was ihm den Vorwurf des »ökologischen Stalinisten« und anderes dergleichen mehr einbrachte, wurde nun auf einmal umgesetzt. Europa stand still, weite Teile der Industrie lagen lahm, die Flugzeuge waren am Boden und die Kreuzfahrtschiffe in den Häfen – binnen kürzester Zeit erholte sich der sichtbare und erlebbare Teil der Umwelt und Natur. Einfach weil der Mensch verschnaufte – und nicht mehr, wie Harich einmal formuliert hatte (in seinem Beitrag zur Gollwitzer-Festschrift), »schnaufend seinem Untergang entgegenläuft«. Der Verzicht, von dem Harich noch gesprochen hatte, basierend auf Bezugsscheinen, Lebensmittelkarten, Rationierungen: In dem Moment, wo es um das Überleben aller ging, wurde er eingeführt. Die Frage ist nun, in welcher Richtung das Leben weitergehen wird? f ) Literatur Amberger, Alexander: Bahro, Harich, Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR, Paderborn, 2014. Eckholdt, Matthias: Begegnungen mit Wolfgang Harich, Schwedt/Oder, 1996. Halberstadt, Heiner: Erinnerungen an Gespräche mit Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR. Festschrift zum 75. Geburtstag von Siegfried Prokop, Bd. 2, Norderstedt, 2015, S. 138–145. Hamm, Peter: Revolutionäre Geduld. Zur Kritik der revolutionären Ungeduld von Wolfgang Harich, in: Neues Forum, August-September 1971, S. 41. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte … Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. Harich: Brief an Inge Feltrinelli vom 16. Mai 1971, in: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, Berliner Ausgabe, S. 9–10. Harich: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß, Rowohlt Literaturmagazin, Nr. 1, 1973, S. 88–122. – Die Ereignisse aus meiner Sicht, in: Ders.: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin, 1993. – Offener Brief an einen Stumm-Polizisten, in: Heyer: Wolfgang Harich in den Kämpfen seiner Zeit, Hamburg, 2016, S. 19–23. – Spiegel Gespräch. Ich hatte alle gegen mich. Der DDR-Philosoph Wolfgang Harich über seinen Wechsel in den Westen und seine Pläne mit den Grünen, in: Der Spiegel, Nr. 24, 1979. – Über Robert Havemanns politische Konzeption, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 4, 2015, S 359–379. – Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, in: Kursbuch 19, Dezember 1969, S. 71–113. 130 Einführung Heyer, Andreas: Robert Havemanns »Morgen« und der postmaterielle Utopiediskurs. Zum Ausgleich von Ökologie, Marxismus und genossenschaftlichen Strukturen, in: Kinner: Linke zwischen den Orthodoxien, S. 70–92. – Rudolf Bahros »Alternative«. Ökologie, Demokratie und ein neuer Marxismus im Gewand der Utopien, in: Kinner: Linke zwischen den Orthodoxien, S. 93–105. Kinner, Klaus: Linke zwischen den Orthodoxien. Von Havemann bis Dutschke, Berlin, 2011. Marx, Karl: Kritik des Gothaer Programms, in: Marx/Engels: Werke, Bd. 19, Berlin, 1962. Menke-Glückert, Peter: Kommunismus ohne Wachstum?, in: Das Parlament, Nr. 4 vom 24. Januar 1976. Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 127 f. Rohweder, Otto: Rezension zu: Kommunismus ohne Wachstum, in: Öko-Journal, Nr. 5/6, 1975, S. 53 f. Schmid, Carlo: Briefe an Helmut Schmidt, in: Die Zeit, 1979, Nr. 52, vom 21. Dezember 1979, S. 9 f. Teil I Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ 133 Zur Einführung. Von Freimut Duve Erst die – von vielen als »Zeitenwende« empfundene – Energiekrise hat die Debatten um wirtschaftliches Wachstum, um die Endlichkeit unserer natürlichen Ressourcen in die politische Dimension umschlagen lassen. Erst als deutlich wurde, dass die Endlichkeit des Rohstoffes Erdöl schon Jahrzehnte vor ihrem eigentlichen Eintreffen gewaltige politische Prozesse in Gang setzen würde, befleißigten sich auch politische Publizisten apokalyptischer Deutungen, die sie zuvor den »Weltuntergangsaposteln« von Commoner bis zum Club of Rome überlassen hatten. Allenfalls der Papst oder Staatsoberhäupter, ohnehin eher auf das Überzeitliche beschränkt, äußerten sich hin und wieder sorgenvoll über die trüben Gesamtaussichten der Menschheit. Endzeitwarnungen haben jedoch auch nach der Ölkrise keinerlei konkrete politische Schritte in Gang gesetzt. Nach wie vor findet Wirtschaftspolitik aller Staaten – ohne Ausnahme – statt, als hätte es die Studien des Club of Rome etwa nie gegeben. Im Gegenteil, unter dem Eindruck wirtschaftlicher Rezession, bei geradezu erzwungener Tendenz des Wachstums, sich auf die Nullzone zu bewegen, haben sich die Wirtschaftspolitiker wieder eines Besseren besonnen. Heute ist es schon sehr viel leichter als vor noch drei Jahren, einen engagierten Umweltschützer als irregeleiteten dummen August hinzustellen. Die Ver- ächtlichmachung der Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke zeigt dies ganz deutlich. All das trifft gewiss auch auf die führenden Politiker des kommunistischen Lagers zu. Wie nie zuvor suchen sie wirtschaftliches Wachstum mit Hilfe westlicher Firmen anzukurbeln. Selten hatte man wachstumskritische Stimmen von staatlich offizöser Seite im Ostblock gehört, ganz umgekehrt: Mit »Pestpredigern des ausgehenden Mittelalters« hat der DDR-Philosoph Hermann Ley Autoren verglichen, die, ähnlich dem Club of Rome, vor weiterem Wirtschaftswachstum warnen. Andere Gesellschaftswissenschaftler aus östlichem marxistischen Lager urteilen ähnlich – bei westlichen Marxisten ist alles Gerede um die Wachstumskrise vollends verwerflich und nur Ausdruck kapitalistischer Manipulation. Wachstumspolitiker in West schienen sich mit ihren Kollegen in Ost einig, dass die Diskussion um Grenzen eine kleinbürgerliche Tagesmode sei. Anders sowjetische Naturwissenschaftler. Harich diskutiert vom Standpunkt des marxistischen Philosophen ausführlich die ökologischen Besorgnisse, wie sie von führenden sowjetischen Naturwissenschaftlern vorgetragen werden. Er weist auf eine in der letzten Konsequenz tiefe Meinungsverschiedenheit zwischen sowjetischen Naturwissenschaftlern und marxistischen Gesellschaftswissenschaftlern hin. Er selber äußert sich leidenschaftlich und wohl als erster marxistischer Philosoph nahezu uneingeschränkt zustim- 134 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ mend zur Wachstumsbegrenzung. Und zum erstenmal bricht ein Marxist der DDR in die Tabuzonen aller orthodoxen Marxisten ein: Unter den Endzeitproblemen unserer Zeit seien drei Dinge neu zu überdenken, und zwar rasch und ohne Verzug: 1. Es sei nicht mehr ausgemacht, dass die derzeitige kommunistisch-sozialistische Welt als erste den Übergang zum Kommunismus schaffe. Dies könne ebenso im Westen geschehen. Denn aus ökologischen Gründen sei dieser Übergang hier sehr viel dringender geboten. 2. Der bislang vorgestellte Kommunismus – als mähliches Absterben des Staates – müsse endlich als Utopie entlarvt werden. Die Endzeitbedingungen machten diesen – anarchistischen – Teil der kommunistischen Zukunftsgewissheit obsolet. Nunmehr gehe es um einen starken, hart durchgreifenden Zuteilungsstaat, der sich – wohl auf ewig – auf ein wachstumsloses ökonomisches Gleichgewicht im Interesse der Erhaltung der Biosphäre einpendeln werde. 3. Dieser asketische Verteilungsstaat sei einzig in der Lage – weltweit –, die drohenden ökologischen und Versorgungsgefahren zu bannen, in denen wir uns schon mittendrin befinden. Harich greift hier auf die radikale Verschwörung zur Gleichheit des Gracchus Babeuf zurück. Harich sagt es nicht, aber die Konsequenz seiner Endzeitutopie ist gewiss der totale Polizeistaat globaler Versorgung, den er offenbar bejaht. Bei dieser erschreckenden Vision fällt dreierlei auf: 1. Die Fixierung auf die eine Institution »Club of Rome«, als handele es sich hier um eine Firma oder fest gefügte Organisation. Das mag im Denken des einst an der Partei geschulten Kommunisten gründen. Thesen, Pläne, Warnungen und Vorschläge können für ihn immer nur von Organisationen kommen. Ihnen gegenüber müssen Standpunkte erarbeitet, Haltungen eingenommen, Stellungen bezogen werden. 2. Der Glaube an die Wissenschaftlichkeit der Erkenntnisse, an die Institution Wissenschaft, die in der Lage sein müsse, die genauen Daten anzugeben, die die globale kommunistische Versorgungsgesellschaft zum Funktionieren braucht. 3. Und schließlich die Vorstellung, dass überhaupt eine globale Machbarkeit irgendwelcher Vorgänge zu erreichen sei. Die Erkenntnis globaler Probleme scheint den Menschen keineswegs zu befähigen, zugleich nun auch globale Lösungsvorschläge durchzusetzen. Zwei Beispiele mögen 135Zur Einführung. Von Freimut Duve dies erläutern. Sollte einer der notwendigen Schritte zu einer globalen Lösung sein, dass alle Menschen nur eine einzige Sprache sprechen, so würde es immerhin – bei der gleichen Ausbreitungsgeschwindigkeit, die das Englische in den letzten zweihundert Jahren erreicht hat – noch einmal achthundert Jahre dauern, bis alle Menschen (die heutige Anzahl angenommen) Englisch erlernt hätten. Sollte es nötig sein, dass auch nur alle amerikanischen Häuser mit einem bestimmten billigen Typus von hauseigenem Sonnenkraftwerk ausgestattet würden, so dauerte auch dieser Austauschprozess auf Sonnenenergie für alle Häuser der USA nahezu einhundert Jahre – bei Nutzung aller gegenwärtig vorhandenen Baukapazität der USA für nur diesen einen Zweck. Hinzu kommt, dass der Mensch weit unfähiger zu sein scheint, komplexe Problemlosungen nicht nur zu planen, sondern auch konkret durchzuführen, als bislang angenommen wurde. Zwei Gießener Psychologen haben festgestellt, dass selbst in einem kleinen überschaubaren Gebiet die Lösungsversuche bei komplexen Problemlagen stets dazu führen, durch die Beseitigung eines Problemfeldes gleich ein oder zwei neue aufzutun (Spiegel, Nr. 21, 1975, S. 135). Die Freiheit, Einsicht zu haben in globale Notwendigkeiten – wie Harich sie sieht –, ist keine mehr. Das absolute Gleichheitspostulat – durchgeführt als asketische »Revolution der sinkenden Erwartungen« (Karl W. Deutsch) – müsste den Zuteilungsbürokratien eine unumschränkte Herrschaft verleihen, die auch den Anspruch der Verteilungsgerechtigkeit zunichte machen würde. Ob allerdings die (westliche) Hoffnung auf eine freiheitliche Lösung der Verteilungskämpfe bei Nullwachstum Aussicht auf Erfolg hat, scheint auch dem optimistischen Demokraten fraglich. Die Verwaltung des Mangels wird in jedem Fall den Verwaltern die eigentliche Macht geben. Harichs Hoffnung auf den Kommunismus übersieht die Herrschaftsformen auch der asketisch-kommunistischen Diktatur Babeufschen Zuschnitts. Wobei beide Gesprächspartner die gewiss wesentliche Frage außer Acht ließen, ob nicht die politische Reaktion auf globale Bedrohungsdaten, lokale partizipatorische Politik sein müsse, ob nicht globale Erkenntnisse, die Politik der kleineren womöglich kleinsten Einheit nach sich zögen; mit allen Konsequenzen: Drosselung des Weltmarktes, zunehmendes Autarkiestreben etc. Wir haben uns vorgenommen, dieses zu einem späteren Zeitpunkt zu diskutieren. Bei aller Kritik also, die der Interviewer an Harichs Asketismus üben muss, überwiegt die Anerkennung, dass sich hier ein marxistischer Philosoph nicht einfach über unsere Wachstumsdiskussionen hinwegsetzt, dass er sich nicht scheut, die auf Wirtschaftswachstum nach wie vor eingeschworenen Ideologen des eigenen Lagers scharf zu kri- 136 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ tisieren. Er möchte dazu beitragen, dass sich auch dort ein schärferes Problembewusstsein herausbildet. Eben dieses ausgeprägte Problembewusstsein bei Harich selbst machte unsere – auch beim Interview unvermeidlichen – Auseinandersetzungen fruchtbar. Es zeigte sich jedoch ebenfalls, wie unversöhnlich die Gegensätze zwischen freiheitlicher Lösung, die wir anstreben, und Harichs autoritär-kommunistischen Vorstellungen auch bei Fragen sind, die das Überleben der Menschheit betreffen. Ein wichtiges Verdienst gebührt Harich mit seiner Darstellung gewiss – auch wenn man seine Babeufschen Schlussfolgerungen ablehnt: Er zeigt auf, wie stark die Einschätzung unserer globalen Zukunft durch marxistische Naturwissenschaftler differiert von der marxistischer Gesellschafts- oder Wirtschaftswissenschaftler. Seit über zwei Jahren habe ich mit Wolfgang Harich bei gelegentlichen Besuchen über die Wachstumsfrage diskutiert. Sechs Interviews des vorliegenden Bandes sind ein Teil dieser Gespräche, von uns seit Oktober 1974 teils nach Notizen, teils nach dem Gedächtnis aufgeschrieben und gemeinsam redigiert. Sie werden in der vorliegenden Form veröffentlicht, da Wolfgang Harich auf Grund einer schweren Herzerkrankung und der Anordnungen des Arztes, die strenge Schonung verlangen, sich nicht in der Lage sieht, den Text so zu bearbeiten, wie es seinen eigenen Qualitätsansprüchen entsprochen hätte. So ist denn auch das geplante siebte Interview zu den Briefen (S. 171 ff.) an mich verkürzt worden, die lediglich die wichtigsten Grundgedanken darlegten, die noch ausführlich zu diskutieren wir vorhatten. Er hat mich gebeten, dieses zur Einführung darzulegen. Er hält die Sache – die Auseinandersetzung mit den »Wachstumsfetischisten« aller Lager – für so dringlich, dass er baldige Veröffentlichung wünschte. Hamburg, Juni 1975 137 I. Dialektischer Materialismus und Ökologie Duve: Vor einem halben Jahr, Anfang April 1974, wollten Sie mit Arnold Gehlen und Rudolf Augstein ein öffentliches Streitgespräch führen. Thema: »Risiken und Chancen der Zukunft, die ökologische Krise als Geschichtswende«. Das Gespräch fand nicht statt.1 Es wurde wohl durch eine Voreiligkeit des Westdeutschen Rundfunks und eine Überempfindlichkeit der DDR verhindert.2 Warum beschäftigt sich ein marxistischer 1 (AH) Alle Informationen hierzu im 11. Band. Dort heißt es in einem Brief Harichs an Gehlen vom 27. Fe bru ar 1974, nachdem sich Harich noch einmal für seine Gehlen-Kritik in Zur Kritik der revolutionären Ungeduld (neu in Band 7) entschuldigt hatte: »Doch da erfuhr ich plötzlich, zu meiner riesengroßen Freude, Sie seien bereit, mit mir (und mit Augstein; ursprünglich war obendrein auch noch Enzensberger vorgesehen) in Düsseldorf, am 2.  April, öffentlich über ›Pessimismus und Optimismus heute‹ zu diskutieren. Jetzt ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen dafür von ganzem Herzen zu danken, und Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich darüber freue, Sie bei dieser Gelegenheit nach so langer, langer Zeit wieder zu sehen. Hoffentlich finden auch Sie, dass wir es bei der Absolvierung des Disputierpensums coram publico nicht bewenden lassen, sondern hinterher, etwa bei askese-freiem Mahl (unser wohlhabender Gesprächspartner aus Hamburg wird sich ja wohl nicht lumpen lassen), die Chance zu persönlicherer Kommunikation ausgiebig wahrnehmen sollten. (Am 3. oder 4.  April, je nachdem, wie lange mein Ausreisevisum befristet sein wird, werde ich dann wieder in die DDR zurückkehren.)« (Band 11, S. 365.) 2 (AH) In einem Brief an Gehlen vom 7.  April 1974 berichtete Harich ausführlich darüber, wie es aus seiner Sicht zur Absage der Veranstaltung gekommen sei. (Band 11, S. 367–374.) Der WDR hatte die Veranstaltung ursprünglich im Fernsehen übertragen wollen, dann aber technische Gründe geltend gemacht, warum dies nicht gehe und schließlich vorgeschlagen, dass man Harich allein interviewen könne. Dies lehnte Harich ab. Nach der Schilderung der Vorgänge schrieb er weiter: »Dass wir in der DDR auf derartige Vorkommnisse mitunter überempfindlich und nicht souverän genug reagieren, zuweilen sogar – was für Kommunisten etwas ganz Schlimmes ist – unter Verzicht auf die Möglichkeit eigener geistiger Offensive, daran ist allerdings etwas Wahres. Aber erstens kommt diese Empfindlichkeit ja nicht von ungefähr, sondern hat ihre historischen Gründe (die Doktrin von den ›innerdeutschen Sonderbeziehungen‹, die den Kulturaustausch zwischen DDR und BRD belastet, trifft zusammen mit der Vorliebe des Westens für das Hochspielen unserer – tatsächlichen oder bloß vermeintlichen – Dissidenten). Und zweitens muss ein politisch erfahrener Mann wie Herr Höfer diese Empfindlichkeit doch so weit kennen, um höchst überflüssige Dinge zu vermeiden, die ihr neue Nahrung geben können. Hätte der WDR sich strikt an das einmal Vereinbarte gehalten, wäre er nicht plötzlich mit neuen Geschichten gekommen, dann hätte unser Düsseldorfer Gespräch auch stattgefunden. Mir sind an dem Fall zwei Dinge geradezu widerlich: Einmal die Selbstverständlichkeit, mit der die WDR-Leute bei mir die Moral des ›Im-Stich-Lassens‹, d. h. die freudige Bereitschaft, Sie und Augstein ›abzuhängen‹, vorausgesetzt haben, zum anderen die Maßstabslosigkeit, mir, nur wegen meiner Zuchthaus-Jährchen, vor einem Mann wie Ihnen den Vorrang zu geben. Ich leide nicht an Minderwertigkeitskomplexen, gewiss 138 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Literaturhistoriker mit Fragen der Wachstumskrise? Und was ist sein Standpunkt gegenüber der Forderung nach einem globalen differenzierten Stopp des Prozesses der »Entfaltung der Produktivkräfte«? Harich: Mein Interesse an der Ökologie reicht bis 1948 zurück.3 Ich war damals Philosophiestudent, Nebenfach Germanistik, und verdiente mir gleichzeitig mit journalistischer Arbeit, als Kritiker, meinen Lebensunterhalt. Da beschloss die SED, der ich als Mitglied angehörte, in die Universitätslehrpläne der SBZ, der späteren DDR, Vorlesungszyklen über marxistische Philosophie aufzunehmen. Einige philosophisch versierte Genossen, darunter ich, wurden auf einem Dozentenkurs der Parteihochschule auf diese Aufgabe vorbereitet.4 Danach erhielten wir entsprechende Lehraufträge, ich an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität, fast drei Jahre vor meiner Promotion. Den Stoff trugen wir unter Zugrundelegung von Stalins Traktat Über dialektischen und historischen Materialismus, von 1936, vor. Stalins lapidare Thesen erläuterten wir anhand von Beispielen aus den verschiedensten Wissensgebieten, wobei nicht, und ich empfinde Sie, Ihres Konservatismus wegen, als politischen und weltanschaulichen Gegner. Aber daran, dass Sie, verglichen mit mir Pygmäe, ein Riese sind und ich geschmeichelt und stolz sein kann, von Ihnen einer gemeinsamen öffentlichen Disputation für würdig befunden zu werden, gibt es bei mir nicht den geringsten Zweifel. Und auch Augstein ist ja nicht der ›journalistische Moderator‹, den man in ihm, laut Süddeutscher Zeitung, gesehen zu haben scheint. Immerhin verbindet sich in seinen Büchern eine von Karl Kraus herkommende große polemische Kultur in ziemlich einzig dastehender Weise mit recht fundierter Geschichtswissenschaft bzw. Anti-Theologie. Aber sobald am Horizont ein östlicher ›Dissident‹ auftaucht, gelten im Westen Qualität und Leistung, selbst der eigenen, bürgerlichen Koryphäen, offenbar nichts mehr. Da heißt es dann: Gehlen und Augstein ›können wir immer haben‹. Es ist wirklich zum Speien.« (Band 11, S. 373.) 3 (AH) Die Frühschriften Harichs liegen in der Edition bereits vor. Neben den Bänden 1.1, 1.2 und 1.3 finden sich weitere Materialien in den Bänden 2, 3, 4, 5, 6.1, 6.2, 12. 4 (AH) Als in der SBZ mit dem Neuaufbau der Kultur begonnen wurde, gab es ein Problem. Es herrschte schlichtweg ein eklatanter Mangel an »eigenen« marxistischen Philosophen. Fritz Behrens soll Ende der vierziger Jahre angesichts dieser »Knappheit« gesagt haben: »Da hilft nur eins, da muss ein Trupp jüdischer Emigranten aus Amerika her.« Das berichtete Walter Markov im Gespräch mit Thomas Grimm: Markov: Zwiesprache mit dem Jahrhundert, Berlin und Weimar, 1989, S. 180. Die SED begann schon in der SBZ in Schnellstudiengängen eine erste neue Generation marxistischer Wissenschaftler auszubilden. Als Dozenten fungierten dabei unter anderem Anton Ackermann, Hermann Duncker, Klaus Zweiling, Fred Oelßner, Rudolf Lindau und Wolfgang Leonhard. Die Schüler des ersten Lehrgangs waren 1948 zum Beispiel: Kurt Hager, Wolfgang Harich, Klaus Schrickel, Georg Klaus, Georg Mende oder Ernst Hoffmann. Die Genannten prägten, daran kann Zweifel bestehen, die Herausbildung und Etablierung der Philosophie in der SBZ/DDR. 139I. Dialektischer Materialismus und Ökologie wir uns, den Intentionen der Partei folgend, darum bemühten, auch den Naturwissenschaften, nach »neuestem Erkenntnisstand« versteht sich, Rechnung zu tragen. Für einen Schöngeist wie mich, einen Theaterkritiker,5 war das ziemlich lustig, zumal ich den Ehrgeiz hatte, den »neuesten Erkenntnisstand« nicht ausschließlich aus dem Anti-Dühring und der Dialektik der Natur von Friedrich Engels zu beziehen. Aus der Zeit vor meiner Hinwendung zum Marxismus war ich zwar, durch die Ontologie meines Lehrers Nicolai Hartmann, grundsätzlich darauf vorbereitet, im Rahmen philosophischer Systematik u. a. auf Grundlagenprobleme der Naturwissenschaften einzugehen. Doch mir lag das nicht sehr, und so werden meine Vorlesungen streckenweise sicher dilettantisch gewesen sein.6 Was ich den Zuhörern damals aber auch beigebracht haben mag, meiner eigenen Entwicklung gereichte es zum Vorteil, dass ich mit 24 Jahren ein mathematisches und naturkundliches Schulwissen wieder auffrischen musste, das sonst meinem Gedächtnis für immer entschwunden wäre. Auf bestimmten Gebieten, besonders in Physik, Astronomie und Biologie, gewann ich neue Kenntnisse hinzu. Duve: Ökologische Kenntnisse in der Biologie? Harich: Nicht nur. Für die Erläuterung des Entwicklungsgedankens7 erwies die Abstammungslehre sich als ergiebiger. Aber in der organischen Natur musste ich halt auch nach Beispielen fahnden, die geeignet erschienen, Stalins »ersten Grundzug der mate- 5 (AH) Die Theaterkritiken Harichs sind abgedr. in den Bänden 1.1, 1.2 und 1.3. Neben seinen Beiträgen aus dem Kurier und der Täglichen Rundschau dort auch die wichtigen Artikel aus der Weltbühne (diese außerdem in Band 6.2). In den Jahren bei der Täglichen Rundschau entfernte sich Harich immer mehr von der reinen Feuilleton-Arbeit und übernahm mehr Verantwortung in direkt politischen und wissenschaftlichen Bereichen. Siehe auch die entsprechenden Hinweise Harichs in den Briefen dieses Bandes, in denen es um seine Rentenangelegenheit im Westen geht, dort zum Kurier und zur Täglichen Rundschau. 6 (AH) Harichs Vorlesungen, die er zwischen 1948 und 1956 hielt, finden sich in den Bänden 1.1, 3, 4, 5, 6.1 und 6.2. Dort alle weiteren Hinweise usw. 7 (AH) Zwischen 1948 und 1956 hat sich Harich intensiv mit dem Entwicklungsgedanken in der deutschen Aufklärung beschäftigt, davon zeugen seine Aufsätze und Arbeiten zu Herder, Goethe und Kant. Daneben hielt er sogar Vorlesungen, die ausschließlich diesem Thema gewidmet waren. So war beispielsweise in der einjährigen Vorlesung Die deutsche Philosophie und die französische Revolution das ganze Wintersemester 1950/1951 dem Thema Die Herausarbeitung des Entwicklungsgedankens in der deutschen Aufklärung gewidmet. (Abgedr. in Band 6.2, S. 841–894.) 140 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ rialistischen Dialektik«8 zu erhärten, und hierbei bin ich auf die Ökologie gestoßen, von der ich bis dahin nie gehört hatte. Es galt, detailliert die These zu begründen, dass »die Natur ein zusammenhängendes einheitliches Ganzes« ist, in welchem »die Dinge und Erscheinungen miteinander organisch verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen«. Auf physikalischer Ebene ließ sich dies anhand der dynamischen Gefüge im kosmischen wie im atomaren Bereich demonstrieren. Die biologischen Bestätigungen jedoch fand ich in der Pflanzensoziologie von Du Rietz, in Wohlfahrts 8 (AH) In seinen Vorlesungen zum dialektischen und historischen Materialismus ging Harich in den ersten Jahren seiner Universitätstätigkeit auf Stalins »Grundzüge« ausführlich ein, die bis zum Stalin-Verdikt zu den Grundlagen der marxistischen Philosophie zählten. Siehe exemplarisch den Vorlesungszyklus Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus, den Harich mehrfach wiederholte. (Siehe die entsprechenden Texte in Band 1.1, S. 407–600.) Am 2. Mai 1949 führte er aus (in dem § 6: Vorbemerkungen zu Stalins Grundzügen des historischen und dialektischen Materialismus, September 1938): »Den Teilen 2 bis 4 dieser Vorlesung liegt diese Schrift Stalins zu Grunde. Warum? Nicht, weil wir im sowjetischen Sektor Berlins leben und weil Stalin das Oberhaupt der SU ist. (Obwohl ich es als bemerkenswerte Tatsache festzuhalten bitte, dass das Staatsoberhaupt der SU Lehrbücher der Philosophie schreibt. Winston Churchill malt Landschaften und der König von Schweden spielt Tennis.). Sondern aus einem sachlichen und einem didaktischen Grund. Sachlicher Grund: Die marxistische Theorie ist der Inhalt der Erfahrungen der Arbeiterbewegung aller Länder. Sie entwickelt sich in dem Maß weiter, in welchem die Weltgeschichte ihren Fortgang nimmt, sie nimmt neue Inhalte, neue Erfahrungen auf. Schon Marx’ und Engels’ Lehre hätte nicht entstehen können, ohne die realen geschichtlichen Erfahrungen der vormarxistischen Arbeiterbewegung. (Marx und Engels haben selbst ihre Lehre anhand von neuen Erfahrungen weiterentwickelt.) Deshalb ist es heute notwendig, von der modernsten Erscheinungsform, des Marxismus auszugehen, die gesättigt ist mit den Erfahrungen von einem Jahrhundert Marxismus und dem Aufbau des Sozialismus in der SU« (Band 1.1, S. 427.) Den ersten Grundzug trug Harich dann zu Beginn des § 7: Der erste Grundzug der Dialektik: Die Kategorie des allgemeinen Zusammenhangs und der gegenseitigen Bedingtheit der Erscheinungen vor: »Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik die Natur nicht als zufällige Anhäufung von Dingen, von Erscheinungen, die voneinander losgelöst, voneinander isoliert und voneinander nicht abhängig wären, sondern als zusammenhängendes einheitliches Ganzes, wobei die Dinge, die Erscheinungen miteinander organisch verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen. Darum geht die dialektische Methode davon aus, dass keine einzige Erscheinung in der Natur begriffen werden kann, wenn sie isoliert, außerhalb des Zusammenhangs mit den sie umgebenden Erscheinungen genommen wird, denn jede beliebige Erscheinung auf jedem Naturgebiet kann in Widersinn verwandelt werden, wenn sie außerhalb des Zusammenhangs mit den sie umgebenden Erscheinungen, losgelöst von ihnen, betrachtet wird, und, umgekehrt, jede beliebige Erscheinung kann verstanden und begründet werden, wenn sie in ihrem unlösbaren Zusammenhang mit den sie umgebenden Erscheinungen, in ihrer Bedingtheit durch die sie umgebenden Erscheinungen, betrachtet wird.« (Ebd., S. 429 f.) 141I. Dialektischer Materialismus und Ökologie Waldkunde, Baloghs Grundzügen der Zoozönologie und in einer Abhandlung von Thienemann, Der See als Lebenseinheit. Indes las ich diese Werke, so sehr sie mich fesselten, noch nicht unter den heute aktuellen Gesichtspunkten. Ihnen Argumente für die Notwendigkeit umweltschützender Maßnahmen zu entnehmen, gar apokalyptische Geschichtsprognosen aus ihnen abzuleiten, wäre mir nicht im Traum eingefallen. Mich interessierte an der Ökologie zunächst etwas anderes … Duve: Sie wollten herausfinden, dass ausgerechnet Stalin recht hatte? Stalin-Feier, Leipzig, 1950 Harich: Das ohnehin. Nein, als angehenden Philosophiehistoriker interessierte mich das Schneckentempo, mit dem die empirische Naturforschung sich erst im 20. Jahrhundert an Zusammenhänge herangetastet hatte die im Prinzip bereits Hegel, dank der Kraft seiner spekulativen Dialektik, geläufig gewesen waren. Ich meine die Ausführungen über Kausalität und Wechselwirkung, die in der Wissenschaft der Logik stehen, namentlich Hegels Kritik an dem, was wir heute »lineare Kausalität« und »monokausales Denken« nennen, und sein Dringen darauf, jedesmal die konkrete Totalität auf den Begriff zu bringen. Stalins »erster Grundzug« ist ja nichts anderes als eine populäre Vereinfachung und Vergröberung dieser Totalitäts-Kategorie. Wer die im Kopf hat und sie überdies materialistisch zu fassen sucht, wird, sobald er Ökologie zu studieren beginnt, entdecken, dass sämtliche Öko-Gefüge – die Biotopoi, die Biozönosen, die Holocoen – »konkrete Totalitäten« im Hegelschen Sinne sind, dass mithin für sie 142 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ mutatis mutandis dasselbe gilt wie für die gesellschaftlichen Totalitäten, auf die sich der historische Materialismus bezieht. Ich sage: mutatis mutandis; der qualitative Unterschied zwischen organischer Natur und gesellschaftlichem Sein darf selbstredend nicht übersehen werden. Aber dann gibt es da auch noch das Umschlossensein der Gesellschaft im ganzen von der Totalität der Natur … Duve: Das waren Erkenntnisse des Jahres 1948. Wann ist Ihnen die futurologische Dimension der Ökologie aufgegangen? Und wodurch? Harich: Genau zehn Jahre später durch zwei Bändchen von rowohlts deutscher enzyklopädie, die meine Mutter mir in den Strafvollzug schicken durfte: Leben und Umwelt von dem mir bereits bekannten August Friedrich Thienemann und Der Mensch und die Mikroben von Hugh Nicol. Der große Limnologe Thienemann brachte mir jetzt erstmals Gedanken nahe, die mir früher im ökologischen Schrifttum, auch bei ihm selbst, nicht begegnet, jedenfalls nicht aufgefallen waren. Sie betrafen den Menschen als »überorganischen Faktor«, der von seiner Naturbasis nicht nur getragen wird, sondern auf sie auch zurückwirkt – unter Umständen zerstörend. Mir erschien dies im Allgemeinen als glänzende Bestätigung der Aussagen des dialektischen Materialismus über die zwischen Natur und Gesellschaft obwaltenden Wechselbeziehungen, die N. Hartmann9 mit seiner Schichtentheorie so stark simplifiziert, und zugleich wurde ich im besonderen zum erstenmal darüber belehrt, dass auf unserem Planeten die organische Natur à la longue durch die industrielle Zivilisation und deren Agrikultur gefährdet sei. Bei der Lektüre des rde-Bändchens von Nicol sah ich mich obendrein noch mit dem Problem unserer Abhängigkeit von nichtregenerierbaren Roh- und Brennstoffen konfrontiert, deren Vorrat eines Tages erschöpft sein werde. Duve: Beide Broschüren sind schon 1956 veröffentlicht worden. Konnten Sie ihnen bereits die Nähe der uns heute bedrohenden Gefahren entnehmen? Harich: Nein, die ist mir erst später ins Bewusstsein gerückt worden: Durch Gordon Rattray Taylors Doomsdaybook (1970), durch das englische Blueprint for Survival (1972) und am eindringlichsten durch die Kassandra-Rufe des Club of Rome (MIT-Studie 9 (AH) Harich beschäftigte sich Zeit seines Lebens intensiv mit der Philosophie seines akademischen Lehrers Nicolai Hartmann. Die entsprechenden Texte und Manuskripte präsentieren die Bände 2 und 10. Siehe zudem die verschiedenen Querverweisen in anderen Bänden, beispielsweise in denen zu Georg Lukács (9) und Arnold Gehlen (11). 143I. Dialektischer Materialismus und Ökologie The Limits to Growth von Dennis Meadows u. a., 1972; Menschheit am Wendepunkt von Mihailo Mesarović und Eduard Pestel, 1974). Seit dem Bekanntwerden mit Taylors Buch lese ich kaum noch etwas anderes als Literatur zu diesen Fragen. Duve: Sind Ihnen dadurch, trotz Stalin als Ausgangspunkt Ihrer Studien, nicht inzwischen manche Aspekte des Marxismus fragwürdig geworden? Mir jedenfalls ist es so ergangen. Ich meine: »Marx hilft nur begrenzt, wo sich endgültige Grenzen bei der Entfaltung der Produktivkräfte auftun« (vgl. Editorial Technologie und Politik I). Was sagen Sie dazu? Harich: Ihre Frage bedarf einer differenzierenden Beantwortung. Um mit den philosophischen Aspekten des Marxismus anzufangen, so werden die durch die Resultate der Ökologie in keinem Punkt in Frage gestellt, sondern, im Gegenteil, auf der ganzen Linie empirisch bestätigt und konkretisiert, wie ich das im Verlauf meines Bildungsganges als marxistischer Philosoph nach und nach erfahren habe. Duve: Vielleicht hat sich bei Ihnen da eine Privatmeinung herausgebildet, mit der Sie sich von Ihrem Ausgangspunkt weiter entfernt haben, als Ihnen bewusst ist. Sind Sie sicher, dass Ihre Auffassungen mit der marxistisch-leninistischen Orthodoxie der kommunistischen Parteien in Einklang stehen? Harich: Die Schlussfolgerungen, die ich aus den ökologischen Befunden ziehe, dürften beim derzeitigen Stand der einschlägigen Diskussion noch umstritten sein. Aber meine prinzipielle Einstellung zur Ökologie ist so orthodox, wie man es sich nur wünschen kann. Gestatten Sie, dass ich mit ein paar Zitaten aufwarte. »Die Ökologie«, schreibt der französische Kommunist Guy Biolat, »ist durch das Studium der Wechselwirkungen zwischen den Lebewesen und den anderen Elementen der Natur zu einer echten Wissenschaft von der Ökonomie der natürlichen Systeme geworden. Sie liefert damit eine Arbeitsmethode, mit der sich untersuchen lässt, wie der Mensch die Organisation natürlicher Systeme zu seinem Vorteil orientieren kann. Man kann also zu Recht behaupten, dass die Entwicklung der Ökologie einem neuen, zutiefst dialektischen Herangehen an das Studium der Natur entspricht.« Dies steht in dem Buch Marxisme et environnement (Paris, 1973), das deutsch bald bei Dietz, im Parteiverlag der SED, erscheinen wird. Unter den jüngsten sowjetischen Publikationen zum Thema nenne ich Ihnen ein Werk, dem durchweg dieselbe Auffassung zu Grunde liegt: Die Wechselwirkung zwischen Natur und Gesellschaft von E. K. Fjodorow (Leningrad, 1972, deutsch 144 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Berlin, 1974). Der Verfasser ist der Leiter der Hauptverwaltung Hydrometeorologischer Dienst beim Ministerrat der UdSSR. Ich darf Sie ferner auf die mehrtägige Round- Table-Konferenz zum Thema Mensch und Umwelt aufmerksam machen, die im November 1972 in Moskau von der Redaktion der Zeitschrift Woprossy filosofii veranstaltet wurde; man hat sie, ungeachtet der Teilnahme hervorragender Koryphäen der Sow jet wissenschaft an ihr, im Westen leider kaum beachtet. In diesem »Club of Moscow« traten divergierende Auffassungen zu Tage. Aber alle Redner gingen von der selbstverständlichen Voraussetzung aus, dass der dialektische Materialismus die uneingeschränkte Bejahung der Ökologie impliziere. Und hier noch zwei Engels-Zitate, die aus einer Zeit stammen, als es die Ökologie noch nicht gab. Wir werden, sagt Engels in der Dialektik der Natur, »bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Gebiet beherrscht, wie jemand, der außer ihr steht, sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehen, und dass unsre ganze Herrschaft. über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.« Und in Engels’ Schrift Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen heißt es einmal: »Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, dass die entferntesten Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind.« Fragen Sie G. R. Taylor, und er wird zugeben, dass dies kein unpassendes Motto für sein Doomsdaybook wäre. Aber es gibt in der Philosophie des Westens quasimarxistische Richtungen, die im Rahmen ihrer Problemstellung und Systematik für ökologische Überlegungen keinen Raum lassen. Ich denke etwa an den späten Sartre (den frühen, rein existenzialistischen sowieso)10 oder auch, was die Bundesrepublik anbelangt, an die »kritische Theorie« der 10 (AH) In den späten vierziger Jahren beschäftigte sich Harich mehrmals mit Sartre. Verwiesen sei auf seine journalistischen Arbeiten in den Bänden 1.1 (in der Weltbühne der Artikel: Monsieur Sartre wird missverstanden, S. 259–265) und 1.2 (in der Täglichen Rundschau beispielsweise die Artikel: Der Mensch im Gehäuse. Jean Pauls Sartres Film »Les jeux sont faits« und Freiheit – jenseits der Verzweiflung. »Die Fliegen« von Jean Paul Sartre im Hebbel-Theater, beide S. 1126–1132) sowie auf das größere Manuskript Sartre und der Marxismus (Band 1.3, S. 1994–2013). Weitere Wortmeldungen zu anderen Existenzialisten, auch im Zusammenhang der Edition und lektorierenden Betreuung der Werke von Georg Lukács (Band 9). Dort auch positiv zum Existenzialismus, beispielsweise zu Si mone de Beauvoir, im Zusammenhang mit der Verteidigung von Lukács’ Existenzialismus oder Marxismus? gegen parteidogmatische Kritik, in: Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch »Existenzialismus oder Marxismus?« von Georg Lukács, S. 133–147. 145I. Dialektischer Materialismus und Ökologie Frankfurter Schule. Horkheimer, Adorno, Habermas, Alfred Schmidt, Oscar Negt usw. haben in den fünfziger und sechziger Jahren die vorhin erwähnten rde-Broschüren von Thienemann und Nicol, obwohl es ihnen leichter gefallen wäre als mir, sie sich zu beschaffen, garantiert nicht gelesen; darauf könnte ich wetten. Duve: Was berechtigt Sie zu dieser Vermutung? Harich: Der Dogmenkatalog der »kritischen Theorie«. Er gebietet, aus dem Marxismus die gnoseologische Abbildtheorie, die allgemeine Ontologie der Wirklichkeit und damit besonders die Naturdialektik zu eliminieren, zu welchem Zweck jedesmal ein angeblich authentischer Marx gegen das universal-philosophische Geistesinteresse von Engels und gegen die von Lenin präzisierte marxistische Erkenntnistheorie ausgespielt wird. Duve: Ich wüsste nicht, dass irgendwo in der klassischen Literatur des Marxismus das Wort »Ontologie« vorkommt.11 11 (AH) In den Hartmann-Manuskripten hat sich Harich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Unter anderem heißt es: »PF: Durchbrochen erst in der von Hartmann vorgenommenen Analyse, weil, wie Sie meinen, die Rezeption der Phänomenologie sich bei ihm mit der gleichzeitig durch Hans Pichler veranlassten Wiederbelebung der Ontologie ereignet hatte. WH: Nicht ganz. Durch Pichler war Hartmann lediglich, wie er es selbst 1935 rückblickend ausgedrückt hat, ›in der Überzeugung bestärkt‹ worden, ›den rechten Weg eingeschlagen zu haben‹. Äußerstenfalls hat er das im geeigneten Augenblick entscheidende Stichwort von Pichler empfangen, kurz nach der eigenen Lektüre der Logischen Untersuchungen. Denn worin bestand, 1909 und 1910, Pichlers Leistung? Dieser hatte Wolff für aktuell erklärt, nachdem ihm eine zwischen der Wolffschen Ontologie – sofern die, als ›scientia possibilium‹, von den möglichen Gegenständen handelt – und der Gegenstandstheorie Alexius von Meinongs obwaltende ›vollkommene Koinzidenz der Aufgaben‹ aufgegangen war. Aber: Von keinem der Brentano-Schüler war jener Bannkreis damals wirklich durchbrochen worden, von Meinong ebenso wenig wie von Husserl. Auf verkappten Subjektivismus läuft nämlich auch die Meinongsche Verwechslung von realiter Seiendem und subjektbezogener Gegenständlichkeit hinaus. Jenen Bann zu durchbrechen gelang erst Hartmann, aus diversen zusammentreffenden Gründen, darunter nicht zuletzt aus dem Grund, weil er, als Deutschrusse, die Wolffsche Schulmetaphysik schon lange, längst vor ihrer Wiederentdeckung durch Pichler kennen gelernt hatte und daher im Stande war, die für sie grundlegende Ontologie von vornherein genuin realistisch aufzufassen, dies umso mehr, als er – und damit komme ich zu zwei weiteren Gründen – aus dem Kulturkreis, in dem er aufgewachsen war, obendrein noch Reminiszenzen an den naiven Realismus der Theosophie Solowjows und Losskis und, andererseits, an die materialistische Tradition des russischen Feuerbachianertums in sich trug.« (Band 10, S. 432.) Und an anderer Stelle: »In der Philosophie des 20. Jahrhunderts steht Hartmann 146 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Das Wort nicht. Es stammt von Christian Wolff und ist erst zu Beginn dieses Jahrhunderts von Hans Pichler, in Bezug auf die Meinongsche Gegenstandstheorie, wieder in Gebrauch genommen worden. Aber die Sache kommt im Marxismus vor. Der dialektische Materialismus ist seinem Wesen nach eine Ontologie, und kein Geringerer als Georg Lukács hat in seinen letzten Lebensjahren damit angefangen, sie konkret auszuarbeiten, nachdem übrigens ich ihn 1955 dazu angeregt hatte, sich mit den Werken Nicolai Hartmanns, mit dessen Ontologie, vertraut zu machen.12 als der hervorragendste Ontologe da. Die Erneuerung der Ontologie knüpft sich an die Ausgrabung Wolffs durch Hans Pichler, an dessen Schriften Über die Erkennbarkeit der Gegenstände (1909) und Über Christian Wolffs Ontologie (1910). Pichler hat 1952, in seinem Beitrag zum ersten Gedenkband für Hartmann, rückblickend berichtet, wie es dazu kam. Rein zufällig, schreibt er, habe er in einem Antiquariat eine Erstausgabe der Philosophia prima sive ontologia von Wolff, aus dem Jahre 1730 (nicht zu verwechseln mit der Ausgabe von 1736, AH), gesehen, sie gekauft und bei der Lektüre zu seinem Erstaunen ihre weitgehende Übereinstimmung mit der Meinongschen Gegenstandstheorie entdeckt. Gekostet habe das wertvolle, überdies in Pergament gebundene Buch ihn nur 80 Pfennige. So verschollen, so vergessen war zu Beginn des Jahrhunderts Wolff in Deutschland. Er war es aber schon damals nicht für Hartmann. Für ihn hätte es dieses Ereignisses nicht erst bedurft. Bereits 1909 war von ihm in Platos Logik des Seins das in der philosophischen Fachterminologie fast ausgestorbene Wort ›Ontologie‹, abweichend vom Sprachgebrauch Cohens, in dem durch Wolff festgelegten Sinne benutzt worden. Und als er 1912 die beiden Pichlerschen Schriften kennen lernte, sah er sich lediglich ›in der Überzeugung bestärkt‹, von sich aus ›den rechten Weg eingeschlagen zu haben‹, wobei er sich, obendrein, in der eigenen Einschätzung Wolffs bestätigt fand, die er damals, wie 23 Jahre später immer noch, ›so gut wie allein‹ zu vertreten glaubte. Noch 1935 erklärte er, Wolffs Ontologia sei seit ihrem Erscheinen ›die einzige kompendiarische Darstellung der ganzen Seinsproblematik‹ geblieben. ›Weder Johannes Clauberg vor ihm noch Hegel nach ihm reichten daran heran. Jener erreichte weder die Tiefe noch die Ganzheit der einschlägigen Fragen; dieser stellte – bei ungleich höherem Niveau des Denkens – alles in den Dienst seines dialektischen Vernunftidealismus und brach damit allem Forschen nach der eigentlichen Seinsweise die Spitze ab.‹« (Band 10, S. 692). 12 (AH) In dem Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre verfassten Manuskript Mein Weg zu Lukács schrieb Harich: »Ein Wort noch zu Nicolai Hartmann. Ich konnte zu ihm mich unmöglich bekennen, so lange ich einerseits zusammen mit Ernst Bloch, dem er tief verhasst war, eine Zeitschrift zu machen hatte, und andererseits die Verteidigung des Progressiven an Hegel ›Hauptkettenglied‹ im Abwehrkampf gegen Sektierertum war. Was sich aber machen ließ, war, Lukács für Hartmann zu werben, und das geschah. Aber man sollte das heute nicht überbewerten. Ich liege da zwischen den beiden Großen etwa so, wie Bebra, ein an sich kümmerliches Nest, an der Bahnverbindung zwischen Hamburg und München liegt. Man kann durchaus auch über andere Strecken fahren. Will sagen: Für seine kritische Rezeption der Hartmannschen Ontologie war Lukács, als er seine riesige Ästhetik zu schreiben anfing, sowieso überreif, und er war da schon lange für sie prädisponiert. Man vergleiche nur die Ausführungen über Teleologie im Jungen Hegel mit 147I. Dialektischer Materialismus und Ökologie Duve: Wenn ich Sie recht verstehe, werfen Sie der Frankfurter Schule vor, dass sie den Marxismus auf eine bloße Gesellschaftstheorie einenge. Harich: Genau das. Ich will jetzt nicht gegen die philosophischen Irrtümer polemisieren, die darin zum Vorschein kommen; sie gehen auf den frühen Lukács, den Verfasser von Geschichte und Klassenbewusstsein, sowie auf Karl Korschs Marxismus und Philosophie zurück. Und der spätere Lukács hat sie schon in den dreißiger Jahren gründlich überwunden.13 Ich will auch keinen der zahlreichen philologischen Beweise dafür heranziehen, dass die Frankfurter Vorstellungen über den authentischen Marx auf Unkenntnis, wenn nicht auf Unterschlagung bzw. Verfälschung klassischer Texte und Briefstellen basieren. All dies würde vom zentralen Gegenstand unseres Gesprächs zu weit wegführen. Doch gesagt werden muss, dass die »kritische Theorie« sich mit besagten Dogmen ein asylum ignorantiae geschaffen hat, das es ihr erlaubt, riesige Problembereiche der Philosophie – und zwar die Bereiche, die einseitig geisteswissenschaftlich gebildeten Intellektuellen nicht liegen – mit bestem Gewissen zu vernachlässigen. Sie kann es sich leisten, über den systematischen Ertrag des naturphilosophischen Erbes der Vergangenheit, von den Vorsokratikern bis Schelling, mit einem Achselzucken hinwegzugehen; sie braucht sich auf Auseinandersetzungen mit der Relativitätstheorie, dem physikalischen Indeterminismus, dem Vitalismus in der Biologie u. dgl. gar nicht erst einzulassen; und ebenso bleibt ihr die Unbequemlichkeit erspart, zu den Befunden der Ökologie Stellung nehmen zu müssen. Der dialektische Materialismus ist da immer, selbst in Gestalt des primitiven, vulgären Zerrbilds, zu dem die Stalinsche Periode ihn zeitweilig depraviert hat, für ein viel breiteres Spektrum an Fragen offen gewesen, und das erweist sich heute, in Anbetracht der ökologischen Krise, als lebenswichtiger Vorzug. Duve: Einer der Väter der »kritischen Theorie«, Herbert Marcuse, hat in den letzten Jahren ökologische Fragen in seine Kapitalismus-Kritik mit einbezogen, und Hans Einschlägigem bei Nicolai Hartmann, von diesem schließlich zusammengefasst in der Schrift Teleologisches Denken, um zu sehen, dass beide völlig unabhängig voneinander zu denselben – auch bei Hartmann im Kern materialistischen – Resultaten gelangt sind. Bei derartiger Übereinstimmung war es unvermeidlich, dass Lukács das ontologische Licht aufging. Und hätte Hartmann den Jungen Hegel gelesen, wahrscheinlich wäre er dadurch von seinem Irrtum kuriert worden, dass es für die Philosophiegeschichte, als eine solche der Probleme und Erkenntnisse, belanglos sei, die Zeitbedingungen großer Gedanken aufzudecken.« (Band 9, S. 120.) 13 (AH) Hierzu die entsprechenden Ausführungen im 9. Band. 148 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Magnus Enzensberger hat ihnen sogar ein ganzes Heft seines Kursbuchs gewidmet. Insofern finde ich Ihr pauschales Urteil etwas ungerecht. Harich: Wenn der Gesellschaftskritiker, der politische Denker Marcuse Umweltverschmutzung anprangert – wofür man ihm dankbar sein muss –, dann heißt das noch lange nicht, dass seine Philosophie eine naturdialektische Dimension dazugewonnen hätte. Und nur darum geht es in einem Zusammenhang, in dem das Verhältnis des dialektischen Materialismus zur Ökologie zur Debatte steht. Was Enzensberger betrifft, so hat er sich Ende 1973 mit seinem Kursbuch 33 große Verdienste erworben; das bestreite ich nicht, so sehr ich beanstande, dass es bei diesem einen Vorstoß geblieben ist. Aber die meisten Autoren des Hefts stehen der »kritischen Theorie« fern, und überall dort, wo deren Tendenzen sich, ausnahmsweise, doch geltend machen, da geschieht es zum Schaden der Sache. So, wenn beispielsweise die Romorens mit der durch nichts zu beweisenden Behauptung operieren, für den Marxismus sei es »ein Unding, von der Natur ›als solcher‹ zu sprechen«, da »der Mensch nur von dem sinnvoll reden« könne, »was er ergreifen, wozu er sich verhalten kann«. Duve: Ist das so falsch? Harich: Es ist anthropozentrisch gedacht und lauft erkenntnistheoretisch auf subjektiven Idealismus hinaus. Astronomie und Astrophysik reden durchaus sinnvoll von – sagen wir – der Sonne, ohne dass je ein Mensch die Sonne »ergriffen« hätte. Die Romorens teilen den gnoseologisch unhaltbaren Standpunkt der »kritischen Theorie«, »der« Gegenstand – also jeder, auch die Sonne, auch der Andromeda-Nebel – werde erst durch sein Hineinverwickeltsein in menschliche Praxis konstituiert; wobei ihr Gebrauch des Wortes »sinnvoll« darauf schließen lässt, dass sie dieses Dogma auch noch positivistisch anreichern. Wahr ist das Umgekehrte: Die objektive, die an sich seiende Eigengesetzlichkeit der Natur »als solcher« bedingt, dass das Einwirken menschlicher Praxis auf sie, wo immer es vorkommt, gewollt oder ungewollt diese und jene Folgen zeitigt. Im Übrigen hat Marx sich sehr wohl häufig genug auf die Natur »als solche« bezogen. Duve: Und Enzensbergers eigener Beitrag zu dem Heft? Harich: Den würde ich hervorragend, für die Linke in der Bundesrepublik geradezu bahnbrechend nennen, wenn nicht die einleitenden methodologischen Bemerkungen 149I. Dialektischer Materialismus und Ökologie einer Warnung vor der Ökologie gleichkämen. Enzensberger will diese als Wissenschaft nur so weit gelten lassen, wie sie sich darauf beschränkt, ein Zweig der Biologie zu sein, d. h. die pflanzliche bzw. tierische Spezies in ihren Beziehungen zur anorganischen und organischen Umgebung zu erforschen. Durch die Einbeziehung des Menschen, meint er, sei die Ökologie in eine unabsehbare Kompetenz- und Methodenkrise gestürzt worden. Vollends hätte ihre »futurologische Deformation« einen schwer zu beschreibenden »Wirrwarr« heraufbeschworen. Bei der Vielfalt der von ihr synthetisierten Disziplinen könne keine Rede mehr davon sein, einen für sie kompetenten Personenkreis ausfindig zu machen. Ökologe sei »fortan im Grenzfall jedermann« usw. Das klingt, im Gegensatz zu den vorhin zitierten Worten Biolats, wenig vertrauenerweckend. Einem Adepten der »kritischen Theorie« muss die Sachlage aber so erscheinen. Da er nicht auf dem Boden des dialektischen Materialismus steht, ist es nur folgerichtig, dass ihm die Borniertheit der Einzeldisziplin als Kompetenzkriterium gilt – wieder ganz ähnlich wie den Positivisten, auf deren Bekämpfung die Frankfurter Schule sich so viel zugute hält. Nein, ich bleibe dabei: Es liegt im Wesen dieser Richtung quasi-marxistischen Denkens, für die Wechselbeziehung von Natur und Gesellschaft auf unserem Planeten kein Organ zu haben, und wenn einzelne ihrer Anhänger sich unter dem Druck einer unentrinnbaren Problemsituation doch dazu äußern, dann tun sie es entweder, bestenfalls, als Häretiker ihrer eigentlichen philosophischen Überzeugungen, oder sie tun es in einem unangemessenen, sachfremden Sinne. Duve: Borniertheit als Kompetenzkriterium – das klingt fast so, als sähen Sie in Enzensberger einen Befürworter des Fachidiotentums. Harich: Ein Fachidiot ist er selber, weiß Gott, nicht. Seine Abhandlung bezeugt, dass ihm durchaus die Qualitäten des »Generalisten« eigen sind, der sich, laut Robert Jungk, »vom Spezialisten durch die Vielseitigkeit seiner Interessen, die Vielfalt seiner Informationen und die Fähigkeit, über zahlreichen Einzelheiten nicht den Blick für das Ganze zu verlieren, unterscheidet«. Aber da Enzensberger unter dem Einfluss der »kritischen Theorie« steht und wahrscheinlich auch unter dem des Positivismus, ist er ein »Generalist« mit schlechtem Gewissen. Er hat vorzügliche Lyrik geschrieben. Folglich, glaubt er, stehe es ihm eigentlich nicht zu, sich zu ökologischen Fragen zu äußern. So versieht er sein Aperçu: »Ökologe ist fortan im Grenzfall jedermann« in Klammern mit dem verschämten Zusatz: »Was im übrigen die Äußerungen in der vorliegenden Drucksache überhaupt erst ermöglicht.« Können Sie sich vorstellen, dass Goethe, von dem auch einiges an Lyrik herrührt, bei der Abfassung der Farbenlehre oder bei der 150 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens derartige Entschuldigungen gestammelt hätte? Duve: Verlangen Sie, Enzensberger solle sich Goethe zum Leitbild setzen? Harich: Warum nicht? In der Wahl seiner Leitbilder kann man nicht anspruchsvoll genug sein. Und dass begabte Menschen massenhaft danach streben, »Generalisten« im Jungkschen Sinne zu werden, ist heute für die Gesellschaft eine Frage auf Leben und Tod. Angesichts der hochkomplexen Probleme, mit denen die ökologische Krise uns konfrontiert, ist niemand inkompetenter – und damit gesellschaftsgefährlicher – als der bloße Fachmann. Goethe war kein Fachmann, Hegel war es nicht, Marx und Engels waren es nicht. Also zurück zu dem ihnen gemeinsamen Ideal der »allseitig gebildeten Persönlichkeit«, das sie einst der Verkrüppelung und Zerstückelung des Menschen durch die kapitalistische Arbeitsteilung entgegengesetzt haben. Jay W. Forrester, auf dessen Forschungen die MIT-Studie sich stützt, sagt sehr richtig – und sehr ähnlich wie sein Gegner Jungk: »Die Welt hat eine neue Variante des ›Renaissancemenschen‹ nötig; damit meine ich Individuen, die sich zwischen geistigen Disziplinen bewegen können, die viele Gebiete und ihre signifikanten Interrelationen begreifen können.« Der Marxismus hat dem nichts hinzuzufügen. Genau das tut uns not. 151 II. Marx + Mal thus? Duve: Erkennt der dialektische Materialismus an, dass wir in einer endlichen Welt leben? Harich: Nein. Das Weltganze ist in Raum und Zeit unendlich. Duve: Das Weltganze steht hier nicht zur Debatte. Massenhaft auf andere Gestirne auszuwandern ist Science-fiction. Harich: Zwei so konträre Geister wie Margaret Mead und E. K. Fjodorow haben diesen Gedanken in Betracht gezogen, ihn jedoch verworfen, weil er, wenn überhaupt, für eine überaus lange Zeit, für Jahrtausende vielleicht, nicht zu realisieren sein wird und wir in sehr kurzer Zeit das Fortbestehen der Menschheit auf dem Planeten Erde werden sichern müssen. Duve: Auf der Erde, mit ihrer Biosphäre, leben wir in einem endlichen System, nicht wahr? Harich: Ja. Duve: Können in einem solchen System exponentielle Wachstumsprozesse ins Unendliche fortlaufen? Harich: Ins Unendliche fortlaufen könnten darin nicht einmal einfache, lineare Wachstumsprozesse. Wenn es sich um exponentielle handelt, so heißt das nur, dass diese um Vieles schneller an endgültige Grenzen sto- ßen müssen. Duve: Die Anzahl der Menschen, die auf der Erde leben, nimmt exponentiell zu. Wird das von ernstzunehmenden Wissenschaftlern, die Anhänger des dialektischen Materialismus sind, bestritten? Margaret Mead, 1948 152 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Nein, die bekannten Daten bestreitet niemand. Duve: Dieser Wachstumsprozess – nicht der einzige – wird, wenn er so weitergeht wie bisher, sehr bald auf eine endgültige Grenze stoßen. Aber wenn Sie, als vermeintlich orthodoxer Marxist, sich diese Auffassung zu eigen machen, dann werden Ihre Freunde Sie einen Mal thusianer nennen und darauf verweisen, dass Marx und Engels kaum einen anderen reaktionären Ideologen so erbittert bekämpft haben wie gerade Mal thus. Sind Sie sich darüber klar? Harich: Ich bin mir klar darüber, dass dieses Missverständnis naheliegt. Ich weiß aber auch, was ich darauf zu erwidern habe. Hegel hat seinem Einfall, dass in der Geschichte des menschlichen Denkens These und Antithese sich zur Synthese aufheben, den Widerspruchssatz der formalen Logik geopfert.14 Der dialektische Materialismus geht so weit nicht. Aber es ist für ihn nichts Überraschendes, dass eine wahre Theorie sich aus einer überwiegend falschen, die sie zunächst total bekämpft, schließlich doch die eine oder andere Teilwahrheit aneignet.15 Duve: Sie meinen, die Lehre von Mal thus gehe nicht restlos auf in dem, was Marx und Engels an ihr bekämpft haben, gewisse Momente in ihr ließen sich mit dem Marxismus vereinbaren? Harich: Die Mal thussche Theorie und das, was Marx und Engels im einzelnen gegen sie eingewandt haben, zu rekapitulieren, wäre ein Thema für sich, Gegenstand eines umfangreichen Buchs. Ich beschränke mich auf den philosophisch einzig relevanten Punkt: Mal thus hat den Fehler begangen, soziale Missstände, die allein aus den Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise zu erklären sind, wie Massenverelendung, Arbeitslosigkeit, auf einen außergesellschaftlichen, biologischen Faktor, auf die natürliche Vermehrung der Bevölkerung, zurückzuführen. Diesen Fehler haben Marx und Engels aufgedeckt und schlagend widerlegt. Aus ihrer Argumentation, so richtig sie ist, folgt jedoch nicht, dass der Bevölkerungszuwachs endlos fortgehen, dass er niemals, unter keinen Umständen zu einer Katastrophengefahr von globalen Ausmaßen werden kann. Verquickt ist mit dem philosophisch relevanten Fehler bei Mal thus ein weiterer Irrtum, dem keine prinzipielle Bedeutung zukommt: Die Tatsache, dass 14 (AH) Hierzu alle wichtigen Hinweise im 2. Band. 15 (AH) Das ist eine der wichtigen Thesen Harichs mit Blick auf die Aneignung des philosophischen und kulturellen Erbes der Vergangenheit durch den Marxismus. 153II. Marx + Malthus? Mal thus die Möglichkeit der Landwirtschaft, die Hektarerträge zu steigern, unterschätzt hat. Da niemand, der diese Möglichkeit extrem optimistisch, geschweige, real beurteilt, im Ernst behaupten wird, Hektarerträge ließen sich ins Unendliche steigern, brauche ich hierüber kein Wort zu verlieren. (Im übrigen schafft der Hinweis auf wissenschaftliche Bodennutzung, d. h. auf künstliche Bewässerung, den Einsatz mineralischer Düngemittel usw., das Problem nicht aus der Welt, sondern verschiebt es nur auf eine andere Ebene: Auf die der Umweltbelastung und des Rohstoffverbrauchs.) Duve: Also trotz dieser zwei »Fehler« bei Mal thus macht die exponentiell zunehmende Übervölkerung der Erde die Marxisten nach und nach zu Mal thusianern? Harich: Unterschieden werden muss zwischen relativer und absoluter Übervölkerung. Jene ist ein rein innergesellschaftliches Phänomen, diese eine Möglichkeit, welche die Abhängigkeit der Gesellschaft im ganzen von den Ökosystemen der Biosphäre und den nichtregenerierbaren Rohstoffen, die für die Herstellung mineralischer Düngemittel unentbehrlich sind, betrifft. Der Mal thusianismus bringt beides durcheinander und liefert damit eine Ideologie, die zumindest der Stabilisierung des kapitalistischen Systems, wenn nicht Schlimmerem, Völkermord z. B., dient. Relative Übervölkerung gehört, in dünn wie in dicht besiedelten Ländern, in Finnland wie in Singapur, in der Republik Irland wie in Westberlin, zu den gesetzmäßigen Begleiterscheinungen des Kapitalismus. Sie kann sich temporär, bei Hochkonjunktur, erheblich vermindern, bis zum Unkenntlichwerden. Sie nimmt zu im Fall von Wirtschaftskrisen oder auch bei chronischer Unterentwicklung einzelner Territorien in einem ansonst industrialisierten Milieu, beides Faktoren, die ihrerseits in den Bedingungen des kapitalistischen Systems begründet liegen. Und sie ist überall dort verschwunden, wo an die Stelle des Kapitalismus sozialistische Produktions- und Eigentumsverhältnisse getreten sind. Sie ist verschwunden in dicht wie in dünn besiedelten sozialistischen Ländern, in der DDR wie in Albanien, in der Tschechoslowakei wie in der Mongolischen Volksrepublik. Vergleichen Sie die Lage in der Türkei mit der in Bulgarien, die Lage in Indien, Bangladesch, Afgha nis tan mit der in China, in Nordkorea, in den asiatischen Republiken der Sowjetunion, und Sie werden sich davon überzeugen, dass die Geschichte Marx und Engels gegen Mal thus recht gegeben hat. Denken Sie an die Massenarbeitslosigkeit, die in den immens reichen Vereinigten Staaten herrscht, und daran, dass das arme Kuba dergleichen nicht kennt – Sie gelangen zu demselben Resultat. Aber: Bannt der Sozialismus dadurch, dass er die relative Überbevölkerung von der Wurzel her beseitigt, für alle Zeiten die Gefahr absoluter Überbevölkerung? Werden die genannten sozialistischen 154 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Länder sich beliebig viele Einwohner leisten können? Werden die Türkei, Indien, Bangladesch, Afghanistan oder selbst Nordamerika, falls auch sie den sozialistischen Weg beschreiten sollten, sie sich leisten können? Liegt es womöglich gar im Interesse des Sozialismus, von der ihm vorausgegangenen Gesellschaftsformation das Erbe einer maximalen, statt einer optimalen, Bevölkerungsgröße und -dichte zu übernehmen? Diese Fragen mit Ja zu beantworten liefe auf reinen Irrsinn hinaus. Und es würde den Mal thusschen Grundfehler: die Gleichsetzung spezifisch innergesellschaftlicher, innerkapitalistischer Schranken mit letzten Naturschranken, nicht etwa liquidieren, sondern ihn, im Gegenteil, unter bloßer Umkehrung des Vorzeichens gerade aufrechterhalten. Denn wenn ich sage: die gesellschaftliche Schranke (der Kapitalismus) ist nicht die Naturschranke – und eben das haben sinngemäß gegen Mal thus Marx und Engels gesagt –, dann kann ich logischerweise nicht erwarten, dass mit der Aufhebung der gesellschaftlichen Schranke (durch den Sozialismus) eo ipso auch die Naturschranke fallen werde. Erwarte ich es doch, so setze ich abermals beide Schranken einander gleich. Duve: Es sei denn, man lässt die Natur außer Betracht, behandelt sie als zu vernachlässigende Größe und reflektiert nur auf die Gesellschaft … Harich: … und hört damit auf, orthodoxer Marxist, Anhänger des dialektischen Materialismus zu sein, wie gehabt. Ich denke dabei nicht nur an die »kritische Theorie«, sondern an viel ältere Pseudo-Marxismen. Als die deutschen Sozialdemokraten der Lassalleschen und der Eisenacher Richtung sich vor genau hundert Jahren in Gotha zur einheitlichen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammenschlossen, da gaben sie sich ein neues, gemeinsames Programm. Es beginnt mit der Feststellung: »Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur.« Marx erklärte dies für einen Irrtum. »Die Arbeit«, schrieb er in seiner Kritik des Gothaer Programms, »ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebenso die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum) wie die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist: der menschlichen Arbeitskraft.« Duve: Gehört diese Richtigstellung in den Zusammenhang der Auseinandersetzung des Marxismus mit Mal thus? Harich: Unmittelbar nicht. Aber sie verpflichtet uns Marxisten, die Naturbasis der Gesellschaft, wie überhaupt, so auch in der Auseinandersetzung mit Mal thus, stets mit ins Kalkül zu ziehen. 155II. Marx + Malthus? Duve: Fragt sich nur, ob Marx und Engels, wenn sie gegen Mal thus polemisierten, sich selbst an diesen verpflichtenden Grundsatz immer gehalten. haben. Schon Kautsky erblickte hier eine Lücke ihrer Theorie. Aber für Sie ist Kautsky natürlich ohnehin ein »Renegat« … Harich: Ich habe nicht entfernt die Absicht, ihn so zu bezeichnen. Lenin hat diese Formulierung erst 38 Jahre später gebraucht, nachdem er vorher, ungefähr bis zum Ersten Weltkrieg, auf Kautsky große Stücke gehalten, ihn als einen seiner Lehrer verehrt hatte. Duve: Und um den Kautsky von 1880 geht es hier. Harich: Sicher. Sie müssen korrekterweise nur hinzufügen, dass auch Kautsky damals den Mal thusianismus als ökonomische Theorie entschieden abgelehnt hat, und zwar mit Marx’ Argumenten. Duve: Mag sein. Nichtsdestoweniger hat er es, unabhängig von der ökonomischen Theorie, Mal thus als bleibendes Verdienst angerechnet, die Bevölkerungsfrage überhaupt aufgeworfen zu haben, wobei er, Kautsky, die Ansicht vertrat, auch die sozialistische Gesellschaft werde irgendwann eine Bevölkerungsregulierung einführen müssen. Meines Wissens waren die Altmeister in London davon gar nicht erbaut. Harich: Sie irren sich. Marx hat sich zu Kautskys einschlägigem Werk, Einfluss der Volksvermehrung auf den Fortschritt der Gesellschaft (Wien, 1880), nicht geäußert. Engels hatte an dem Buch zwar einiges auszusetzen, aber in dem für uns heute entscheidenden Punkt hat er Kautsky schließlich recht gegeben. In einem Brief an ihn, vom 1. Fe bruar 1881, schrieb Engels u. a.: »Die abstrakte Möglichkeit, dass die Menschenzahl so Mal thus: Essay on the principle of population, 1826 156 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ groß wird, dass ihrer Vermehrung Schranken gesetzt werden müssen, ist ja da. Sollte aber einmal die kommunistische Gesellschaft sich genötigt sehen, die Produktion von Menschen ebenso zu regeln, wie sie die Produktion von Dingen schon geregelt hat, wird gerade sie und allein sie es sein, die dies ohne Schwierigkeiten ausführt.« Duve: Eine mir unbekannte, in der Formulierung makabre Textstelle. Harich: »Abstrakte Möglichkeit«, schrieb Engels. Aus ihr ist mittlerweile eine höchst konkrete Möglichkeit, ach was, es ist längst Wirklichkeit aus ihr geworden. 1881 war die Erde erst von1½ Milliarden Menschen bewohnt. Gegen Ende unseres Jahrhunderts werden es 7 Milliarden sein. In Anbetracht dessen hat der zitierte Briefpassus für jeden, der dialektisch zu denken im Stande ist, einen völlig neuen Stellenwert gewonnen. Die Bevölkerungslawine hat ihn aus einer Bemerkung am Rande zu einem unverzichtbaren, schlechthin zentralen Leitsatz des Marxismus gemacht. Auch so kann es manchmal aussehen, wenn Quantität in Qualität umschlägt. Duve: Wäre Engels heute in dieser Frage ein Anhänger des Club of Rome? Harich: Nicht nur in dieser Frage, aber in dieser auf jeden Fall. Duve: Gibt es Anzeichen dafür, dass die kommunistischen Parteien das allmählich einzusehen beginnen? Die Frage wäre vielleicht positiv zu beantworten, wenn sie in ihrer Literatur von jener Briefstelle Gebrauch machten. Aber tun sie es? Harich: Mir ist die Stelle, nachdem ich sie früher bei der Lektüre von Engels’ Briefwechsel überlesen hatte, zuerst bekannt geworden durch den Diskussionsbeitrag, den Professor B. Z. Urlanis vom Institut für Ökonomie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR auf der erwähnten Moskauer Round-table-Konferenz vorgetragen hat. Zitiert wird sie auch in besagtem Buch von E. K. Fjodorow. Duve: Ein Engels-Wort, zitiert von einem Mitglied des sowjetischen Ministerrats! Mehr können sich Marxisten für die Ehrenrettung des »rationellen Kerns« der Mal thusschen Lehre eigentlich nicht wünschen. Welche Kommentare knüpfen die genannten Wissenschaftler an jenen Brief? 157II. Marx + Malthus? Harich: Laut Fjodorow ist Engels’ These »völlig richtig und aktuell«. In seinem Buch geht Fjodorow allerdings nur nebenbei auf die Bevölkerungslawine ein. In der Hauptsache behandelt es die Auswirkungen der technisch-industriellen Produktion auf die Natur. In diesem Zusammenhang glaubt der Verfasser, »die Frage nach dem Bevölkerungswachstum zunächst offenlassen zu können«. Auf besagter Konferenz muss er sich ähnlich geäußert haben. Das Protokoll, das seine diesbezüglichen Darlegungen nicht wörtlich wiedergibt, vermerkt: »Der Redner verwies auf die Unterschiedlichkeit der Standpunkte zu der Frage, ob eine Regulierung der Bevölkerungszahl notwendig ist, und plädierte dafür, sie vorerst offenzulassen.« Duve: Wurde sie dann aus dem Themenkreis der Konferenz ausgeklammert? Harich: Nein. Urlanis hat seinen Beitrag ausschließlich der Bevölkerungsfrage gewidmet, und Pjotr Kapiza, Präsidiumsmitglied der Akademie, der Nestor der sowjetischen Physik, ist unter anderem auf diese Frage bei Gelegenheit seiner überaus positiven Würdigung des Club of Rome eingegangen. Kapiza sprach, sich Forrester und Meadows anschließend, davon, dass »auch für die demographischen Prozesse exponentielle Gesetzmäßigkeiten gelten«, und fügte, laut Protokoll, wörtlich hinzu: »Heute beträgt die Erdbevölkerung 3,7 Milliarden Menschen. Wenn sie im gleichen Tempo (2 % im jährlichen Mittel) wie in diesem Jahrhundert weiterwächst, dann wird unser Planet in 700 Jahren so dicht besiedelt sein, dass auf jeden Quadratmeter seiner Oberfläche ein Mensch entfällt. Das ist natürlich unmöglich, und die Bevölkerungszunahme muss schon lange vor diesem Zeitpunkt zum Stillstand kommen. Wann und in Abhängigkeit von welchen Faktoren dies geschehen und welche Folgen es für die Zivilisation haben wird, ist ein globales Problem der nächsten Zukunft.« Duve: Der nächsten Zukunft. Darin liegt indirekt eine Kritik an Fjodorow. Halten Sie dessen Standpunkt für vertretbar? Harich: Nein, ich stimme mit Kapiza überein. Die Frage ist zu brennend, als dass man zögern dürfte, sie klar und eindeutig zu beantworten und zu entsprechenden Maßnahmen zu schreiten, Maßnahmen, die, beispielgebend für die übrige Welt, die Wahrheit des Engels-Wortes zu demonstrieren hätten, dass allein die kommunistische Gesellschaft im Stande ist, die Regelung der »Produktion von Menschen« ohne Schwierigkeiten auszuführen. Man kann das Bevölkerungsproblem auch nicht aus dem Themenkreis, der in Fjodorows Buch zur Debatte steht, ausklammern. Denn die aus der Umweltbe- 158 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ lastung und dem Rohstoffverbrauch erwachsenden Schwierigkeiten verschärfen sich durch die Bevölkerungsexplosion quantitativ und qualitativ in ungeheurem Maße. Aber verstehen Sie bitte: Vor nicht allzu langer Zeit wären selbst manche Überlegungen Fjodorows, um von Kapizas und Urlanis’ Darlegungen ganz zu schweigen, als malthusianistisch und damit als reaktionär, als obskurantistisch gebrandmarkt worden. So werte ich die ganze sowjetische Diskussion, mit Einschluss von Fjodorows Buch, als erfreuliches Symptom eines Übergangsstadiums, in dem die kommunistische Weltbewegung sich mit wachsender Einsicht auf die ökologische Krise einzustellen beginnt. Binnen kurzem wird man, daran zweifle ich keinen Augenblick, Fjodorow ganz allgemein mangelnde Konsequenz vorwerfen. Urlanis gab seiner Zuversicht Ausdruck, dass der Gipfel der Bevölkerungszunahme jetzt bereits erreicht sei. Duve: Ein Optimist. Harich: Es sei anzunehmen, dass zur Zeit etwa 30 % aller Ehepaare auf der Erde die Kinderzahl in der Familie regulierten. Die Anzahl dieser Familien werde zunehmen und allmählich 100 % erreichen. Urlanis verwies auf das Beispiel Indiens, das »unter großen Schwierigkeiten und Stockungen« diesen Weg gehe. Viele Inderinnen ließen sich sterilisieren, nachdem sie vier oder fünf Kinder geboren hätten. Die indische Regierung ergreife eine Reihe von Maßnahmen, um die Geburtenziffer zu senken, die aber immer noch so hoch sei, dass selbst die Steigerung der Ernteerträge im Lande auf fast das Anderthalbfache die Schwierigkeiten Indiens nur zeitweilig lindere. Der Beitrag schließt mit der Forderung, an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR ein Insti tut für Demographie zu schaffen. Duve: Das über Indien klingt wieder weniger optimistisch. Wie dem auch sei, Urlanis hält eine Eindämmung der Bevölkerungszunahme auf der Erde für dringend wünschenswert? Harich: Ja, und er bringt das viel deutlicher zum Ausdruck als Fjodorow. Er möchte die Dinge auch nicht dem Selbstlauf, der Spontaneität überlassen … Duve: Was bei einem Kommunisten ja auch paradox wäre … Harich: Und was doch in dieser konkreten Frage für die Einstellung so manches Kommunisten leider noch typisch ist. Ein ähnlich paradoxes Verhalten scheint mir, 159II. Marx + Malthus? nebenbei bemerkt, in der Befürwortung des Individualismus zu Tage zu treten, mit der auf der Weltbevölkerungskonferenz in Bukarest, 1974, die Vertreter sozialistischer Staaten darauf bestanden, dass es jeder Familie überlassen bleiben müsse, die Anzahl ihrer Kinder selbst zu bestimmen. Duve: Glauben Sie, in Urlanis einen Bundesgenossen für Ihre doch wohl staatlich zu verordnende Familienpolitik zu haben? Harich: Ich weiß nicht recht. Auch mit seinem Beitrag bin ich keineswegs in allem einverstanden. Einmal berücksichtigt seine zuversichtliche Prognose die gefährlichen zeitlichen Verzögerungseffekte nicht und leistet damit der Ideologie derer, die auf den Selbstlauf, die Spontaneität vertrauen, objektiv Vorschub. Sodann finde ich es immer unfair, das Weltbevölkerungsproblem so, wie Urlanis das tut, anhand von Beispielen aus der Dritten Welt, in diesem Fall Indien, abzuhandeln, ohne sofort hinzuzufügen, dass heute mehr als 80 % der Rohmaterialien und der Weltenergie von den Einwohnern der reichen, industrialisierten Länder verbraucht werden, in denen folglich Bevölkerungsstopp ebenfalls, und obendrein eine drastische Einschränkung des Konsums zu Gunsten der Dritten Welt, am Platze wäre. Bei uns in der DDR hat Jürgen Kuczynski, ein bedeutender Wirtschaftswissenschaftler, der ebenfalls den »rationellen Kern« der Mal thusschen Lehre im Prinzip gelten lässt, sich in einer Auseinandersetzung mit dem Club of Rome (Das Gleichgewicht der Null, Berlin, 1973) zu der These verstiegen, gegen Bevölkerungswachstum »an sich« wäre nichts einzuwenden; es müssten jedoch die gesellschaftlichen Umstände berücksichtigt werden, und die seien in den Entwicklungsländern so ungünstig, dass hier dieses Wachstum »viel zu groß« sei. Damit wird der in den Industrieländern des Nordens größere Wohlstand, der nicht zuletzt auf die jahrhundertelange Ausplünderung der Kolonialvölker zurückzuführen ist, statt als Ungerechtigkeit angeprangert, zumindest bedauert zu werden, zur Begründung eines zusätzlichen Privilegs herangezogen: Des Privilegs, unter günstigen Umständen der Notwendigkeit enthoben zu sein, bevölkerungsregulierende Maßnahmen einleiten zu müssen. Mal thus, Porträt von John Linnell 160 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ »Wir Marxisten«, führt Kuczynski fort, »sind in der Mehrheit der Meinung, dass die Eltern darüber bestimmen sollten, wie viele Kinder sie haben wollen. Das heißt nicht, dass die Gesellschaft nicht Maßnahmen ergreifen kann, die es den Eltern leichter machen, mehr bzw. weniger Kinder zu haben. Es ist zum Beispiel ganz offenbar, dass eine Verbesserung der Wohnungsverhältnisse zur Steigerung der Fruchtbarkeitsrate beitragen kann, während Kinderprämien nur auf der Basis reichlichen und billigen Wohnraums stärker wirksam sein können.« Dies steht auf derselben Seite, auf der es wenige Zeilen weiter oben heißt, »dass das Wachstum der Bevölkerung heute in den Entwicklungsländern, gemessen an den gegenwärtigen Möglichkeiten der Steigerung des Sozialprodukts dort, viel zu groß ist«. Ich muss sagen, dass ich über den naiven Zynismus, beide Gedanken unmittelbar aufeinander folgen zu lassen, nur den Kopf schütteln kann. Von der Ideologie des Herrenmenschen scheint mir diese Art zu argumentieren nicht allzu weit entfernt. Urlanis ist auf dem Moskauer Symposion so weit nicht gegangen. Allein die Tatsache, dass er seine – an sich begrüßenswerten – Ausführungen ausschließlich auf Indien bezog, weist in dieselbe Richtung. Schließlich lässt Urlanis aber auch in Bezug auf Indien selbst die sozialen Aspekte des Problems außer acht. Er zitiert, wofür ich ihm dankbar bin, zustimmend den Engelsschen Brief an Kautsky vom Fe bru ar 1881, wendet ihn aber nicht konkret auf die Lage dieses Landes an. Alle von Urlanis befürworteten Regierungsmaßnahmen nämlich, Maßnahmen zur Förderung von Empfängnisverhütung, freiwilliger Sterilisation usw., werden, so sehr sie für jeden Teil der Erde zu fordern sind, in einem Land wie Indien, wie überhaupt in den Ländern der Dritten Welt, wenig nützen, so lange dort den Bauern, d. h. der überwältigenden Mehrheit des Volkes, keine garantierte Altersversorgung gewährt wird, ohne die sie schwerlich aufhören werden, im Kinderreichtum die einzige Stütze ihres Alters zu erblicken. Wer aber könnte die altgewordenen Bauern versorgen? Der parasitäre, korrupte bürgerliche Staat? Man sollte es mit Nachdruck von ihm verlangen, doch dabei unablässig das Wort von Engels im Kopf behalten, dass allein die kommunistische Gesellschaft die Regelung der »Produktion von Menschen« ohne Schwierigkeiten ausführen wird. Also weg mit dem korrupten Bourgeoisregime und dem Kapitalismus in Indien! Duve: Und her mit echter Entwicklungshilfe für Indien aus den reichen Ländern der nördlichen Halbkugel, welch unpolitischer Traum einer Federstrich-Politik! Harich: Aber diese Forderung schloss ja eben bereits mein zweiter, sich gegen Urlanis und Kuczynski richtender Einwand ein. 161II. Marx + Malthus? Duve: Würden Sie grundsätzlich, ob nun in Indien oder anderswo, fiskalische Maßnahmen wie die progressive Besteuerung kinderreicher Familien befürworten oder sie als unmenschlich ablehnen? Harich: Ein Sozialist kann nicht dafür sein, dass Kinderreichtum zum Privileg wird, egal, ob zum Privileg wohlhabender Kontinente oder begüterter Schichten in ein und demselben Volk. Duve: Aber wie, wenn eine Gesellschaft ohne begüterte Schichten von dieser Möglichkeit Gebrauch machte? Wobei ich jetzt nicht die kommunistischen Länder mit ihren Einkommensunterschieden meine. Harich: Familien, die bereits kinderreich sind, zusätzlich zu belasten, wäre unter allen Umständen unmenschlich. Bereits existierende Kinder sollen es so gut wie möglich haben. Man könnte jedoch zu einem Zeitpunkt X ein Gesetz erlassen, das für Familien gilt, die erst nach diesem Zeitpunkt gegründet werden. Aber Ihre Frage rührt an die marxistische Definition der kommunistischen Gesellschaft. Sie hätten, sagen Sie, nicht die sozialistischen Länder im Sinn, weil dort noch Einkommensunterschiede bestünden. Welche Länder haben Sie dann im Sinn? Offenbar gar keine. Denn verschwinden werden die Einkommensunterschiede erst auf der zweiten, höheren Stufe der neuen Gesellschaft, im vollendeten Kommunismus, der bisher noch nirgends verwirklicht ist. Im Kommunismus aber soll es, nach den Vorstellungen über ihn, die aus Marx’ Kritik des Gothaer Programms abzuleiten sind, weder Steuern geben noch einen Staat, der sie eintreibt, noch Geld, worin sie gezahlt werden könnten. Duve: Sie glauben noch an dieses Phantom? Harich: Auf dem derzeit erreichten Stand der Entwicklung der Produktivkräfte halte ich den sofortigen Übergang zum Kommunismus für möglich, und in Anbetracht der ökologischen Krise scheint er mir dringend notwendig zu sein. Ich glaube jedoch nicht mehr, dass es jemals eine im Überfluss lebende, eine aus dem Vollen schöpfende kommunistische Gesellschaft geben wird, wie wir Marxisten sie bisher angestrebt haben. In diesem Punkt müssen wir uns korrigieren. Die Bevölkerungsfrage ist aber sicher nicht der einzig geeignete Anlass, sich hierüber näher auszulassen. 162 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Lassen wir den Punkt zunächst auf sich beruhen. Ich werde auf ihn noch zurückkommen. Vorher etwas anderes: Engels hat 1881, wie aus seinem Brief an Kautsky hervorgeht, angenommen, dass der Kommunismus bereits verwirklicht sein werde, bevor die Gesellschaft sich genötigt sehen könnte (»abstrakte Möglichkeit«), der Vermehrung der Menschenzahl Schranken zu setzen. Harich: Das besagt der Satzteil: »… wie sie (die kommunistische Gesellschaft, WH) die Produktion von Dingen schon geregelt hat.« Duve: Wenn das so eingetroffen wäre, dann würde das Problem der relativen Übervölkerung heute nicht mehr existieren, sondern nur noch das der absoluten zu bewältigen sein. Tatsächlich hat die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Kommunismus gibt es noch nirgends, bürokratischen Sozialismus nur in einem Teil der Welt – wobei ich hier nur zur Vermeidung von Streit unterstelle, dass das in den kommunistisch regierten Ländern bestehende System den Namen Sozialismus verdient. Mein Par teifreund Joachim Steffen bestreitet dies und spricht immer, nach meiner Meinung zu Recht, von »selbsternanntem Sozialismus«. Harich: Sicco Mansholt unterlässt solche unsachlichen Ausfälle. Sie und Steffen sollten sich mal eines merken: Die neuen Probleme sind viel zu ernst und viel zu schwierig, als dass die wenigen Leute auf der Linken, die das begriffen haben, es sich leisten könnten, ihren dringend erforderlichen gemeinsamen Selbstverständigungsprozess mit diffamierender Überpointierung ihrer Meinungsverschiedenheiten aus der Zeit vor der ökologischen Krise zu belasten. Wo würde es hinführen, wenn ich … Duve: Gut, gut, beruhigen Sie sich. Ich sage: Nur in einem Teil der Welt gibt es einen staatsoffiziellen Sozialismus, und stelle die Frage: Welche Konsequenzen sind daraus hinsichtlich des Problems der Übervölkerung zu ziehen? Ist die absolute Übervölkerung bereits da? Wenn nein, dann kommt es nach Ihnen also zunächst ausschließlich darauf an, im restlichen Teil den Kapitalismus, und mit ihm die relative Übervölkerung, loszuwerden. Mit der Eindämmung der Bevölkerungsexplosion dagegen könnten wir uns unter dieser Voraussetzung immer noch Zeit lassen, obschon nicht mehr so viel Zeit, wie Engels 1881 vor sich sah. Trifft aber Ihre Vermutung zu: die »abstrakte Möglichkeit« von 1881 sei fast hundert Jahre später längst zu realer Wirklichkeit geworden, dann hieße dies, dass derzeit die – in einem Teil der Welt noch vorhandene – relative 163II. Marx + Malthus? und die – auf dem gesamten Planeten schon beginnende – absolute Übervölkerung einander überlagern, sich durchdringen. Was gilt? Harich: Das zweite ist der Fall, und deshalb müssen beide Probleme, die Liquidation des Kapitalismus überall dort, wo er noch existiert, und der Bevölkerungsstopp gleichzeitig angepackt werden. Duve: Sie selbst haben aber vorhin behauptet, dass die sozialistischen Länder von Erscheinungen wie den Hungerkatastrophen Indiens, wie der in den USA sich ausbreitenden Massenarbeitslosigkeit frei sind. Dies scheint für relative, gegen absolute Übervölkerung zu sprechen. Harich: Es kommt darauf an, nach welchen Kriterien, welchen Maßstäben man den Begriff der absoluten Übervölkerung definieren will. Man kann von der Frage ausgehen: Wie viele Menschen vermag die Erde im äußersten Fall, bei intensivster Nutzung ihrer gesamten anbaufähigen Fläche, bei zusätzlicher Nutzbarmachung der Meeresalgen usw., zu ernähren? Man kann dabei viele Faktoren außer Acht lassen: Z. B. den Stress; die Zersiedelung der Landschaft durch massenhaft neu zu errichtende Wohnsiedlungen; die bis zum Nullpunkt unzureichende Versorgung mit Genussmitteln, mit Obst; den Verlust riesiger Erholungsgebiete; das Aussterben so gut wie aller für den Kochtopf ungeeigneter Tierarten; die zunehmende Umweltvergiftung, etwa durch erhöhten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln; die Erschöpfung der für mineralische Düngung benötigten Rohstoffe; die negativen Auswirkungen künstlicher Düngung auf das Grundwasser; das Absinken des Grundwassers; die Bodenerosion; das Roden von Wäldern; gefährliche Klimaveränderungen; die mit der Anlage immer neuer Stauseen wachsende Erdbebengefahr, usw. usf. Doch ein Maßstab, der durch Abstraktion von allen diesen und sonstigen verheerenden Konsequenzen gewonnen wird, ist unter ökologischen Gesichtspunkten wissenschaftlich unhaltbar und ist aus sozialen Gründen zu verwerfen von einer Bewegung, die sich humanen Zielen verpflichtet weiß, die gesellschaftliche und natürliche Bedingungen schaffen möchte, unter denen kommende Generationen ein angenehmes, kulturvolles, menschenwürdiges Leben führen sollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Blindheit der Fachleute: Professor Dr. Karl-Heinz Domdey, von der Humboldt-Universität, hat in einem für die Berliner Zeitung geschriebenen Artikel über die Bevölkerungsexplosion die Leser dieses Blatts mit der Versicherung beruhigt, dass »statt für 4 schätzungsweise für 20 bis 40 Milliarden Menschen Lebensmittel erzeugt werden können«. Das ist typisch für einen Fachmann, der nicht 164 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ über die Scheuklappen seiner Disziplin hinausblickt; hier für einen Wirtschaftsfachmann, der erst Ökologie studieren müsste, um über die Dinge, um die es geht, sachgerecht mitreden zu können. Allein auch ohne solches Studium sollte Domdeys Verstand so weit reichen, ihm zu sagen, dass Menschen nicht nur ernährt werden müssen, sondern auch Wohnhäuser brauchen, Mobiliar, Kleidung, Verkehrsmittel, Straßen, Krankenhäuser, Schulen, Bibliotheken, Bücher, Fernsehgeräte, Radios – wo soll denn das alles herkommen für 20 bis 40 Milliarden Menschen? Wo sollen deren Häuser hingebaut werden? Auf den noch ungenutzten kultivierbaren Boden? Dann fällt der für Ernährungszwecke aus. Oder in die Wüste Sahara? Ins Eis der Antarktis? Viel Vergnügen! Oder will Domdey alle Urwälder roden lassen? Wenn ja, was würde dann mit der Sauerstoffbilanz unseres Erdballs geschehen? Ich zitiere: »Obwohl der heutige jährliche Geburtenüberschuss je 1 000 Einwohner in Lateinamerika, Afrika und Indien mit 28 tatsächlich wesentlich hoher als in Nordamerika (14), der UdSSR (10) und dem sonstigen Europa (9) ist, sind doch die vom UNO-Sekretariat befragten 148 Staaten der Meinung, dass man von keiner allgemeinen Überbevölkerung sprechen könne. 85 Länder betrachten den Bevölkerungszuwachs als annehmbar und 21 sogar als ungenügend.« Wieder eine Milchmädchenrechnung. Die befragten Staaten haben durch den Mund von Staatsmännern und Diplomaten geantwortet, und die sind auch nur Fachleute, für nationale Politik nämlich, und sehen daher statt der langfristigen und globalen Perspektiven lediglich die Kirchturms- und Augenblicksbelange ihres jeweiligen Landes oder Ländchens. Und dann überlegen Sie doch mal, was da alles zusammenkommt. Da sind Staaten der Dritten Welt, die sich – mit vollem Recht – dagegen wehren, dass jemand ihnen ihre Bevölkerungsziffern anlastet, so lange jeder neugeborene Mensch in den industrialisierten Regionen des Nordens im Verlauf seines Lebens das Zigfache an Nahrungsmitteln, Energie und Rohstoffen verbrauchen und dutzendmal mehr Umweltverschmutzung heraufbeschwören wird als einer in den unterentwickelten Territorien. Da sind ferner dünn besiedelte Länder, deren Stimmen in dem Maße, wie sie von den lokalen eigenen Bedingungen, den finnischen Wäldern oder den Steppen der äußeren Mongolei, ausgehen, bei der Beurteilung der Weltbilanz der Bevölkerungsgröße gar nicht mitgezählt werden dürften. Da sind Staaten, in denen die katholische Kirche auf die Volksmassen noch einen so mächtigen ideologischen Einfluss ausübt, dass selbst Politiker, die es besser wüssten, nicht wagen könnten, in den Verdacht zu geraten, Empfängnisverhütung und Straffreiheit für Abtreibung zu befürworten. Da ist die Volksrepublik China, die innenpolitisch bevölkerungsregulierende Maßnahmen praktiziert, aber nach außen, um ihr Prestige in der Dritten Welt zu erhöhen, jeden Vorschlag, vergleichbare Maßnahmen global durchzusetzen, demagogisch als imperi- 165II. Marx + Malthus? alistische Infamie brandmarkt. Da ist Brasilien, dessen faschistische Machthaber ihrem wahnwitzigen Großmachtchauvinismus rücksichtslos die Urwälder am Amazonas und manches andere mehr zu opfern gedenken … Duve: Und die osteuropäischen Länder, die froh sind, in der Bestimmung der Kinderzahl durch den freien Willen der Eltern einmal ein Menschenrecht entdeckt zu haben, das sie in der UNO, wo ihnen so oft Missachtung der Menschenrechte vorgeworfen wird, mit Vehemenz verteidigen können. Harich: Wenn Domdey sich der Mühe unterzogen hätte, mittels genauer, konkreter, differenzierender Motivanalyse herauszufinden, wie die von ihm als Argument herangezogene UNO-Statistik zu Stande gekommen ist, so würde er sich davon überzeugt haben, dass sie nur wenig beweist. Duve: Er denkt wohl an die Nutzung der Meeresalgen. Harich: Die Algen, Wie auch nicht! Man kann aus ihnen Moselwein keltern; wenn’s beliebt, schmecken sie wie Zitronen oder ersetzen Gravensteiner Äpfel. Trocknet man sie in der Luft, so ergeben sie einen wundervoll aromatischen Tee, den 40 Milliarden morgens beim Frühstück trinken werden. Denn an die Himalaja-Hänge, wo jetzt noch der Darjeeling wächst, werden Hochhäuser hingebaut, jedes mit automatischer Klimaanlage, Swimmingpool und Autogaragen im Keller. Wohl bekomm’s! Duve: Domdey gilt doch als Marxist. Harich: Wenn es die Natur nicht gäbe, sondern nur die Gesellschaft, freischwebend im Weltraum, dann wäre er das auch. Seine Publikationen über rein ökonomische Fragen haben durchaus Niveau. Leider gibt es die Natur, und da Domdey die vergisst, entbehrt sein Marxismus der dialektisch-materialistischen Fundierung. Es ist ein halbierter Marxismus. Das Hemd sitzt dem Menschen näher als der Rock, die Ökonomie näher als die Biosphäre. Während der Mensch aber in beschädigtem Rock bloß schlecht gekleidet ist, wird er in beschädigter Biosphäre mit Mann und Maus zu Grunde gehen. Duve: Nach welchem Kriterium muss der Marxismus den Begriff der absoluten Übervölkerung bestimmen? 166 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Da der Marxismus zur Wissenschaft gereifte Humanität ist und kein schematisches Rechenexempel, muss er die gerade noch ernährbare maximale Bevölkerungsgröße als Kriterium verwerfen. Nur die biologisch, ökonomisch und kulturell optimale Bevölkerungsgröße kann für ihn maßgebend sein. Duve: Und die ist, glauben Sie, schon überschritten? Harich: Nimmt man den Erdball im ganzen, so ist sie sicher längst überschritten, woran das Vorhandensein bestimmter Territorien, in denen sie noch nicht erreicht sein mag, ebensowenig ändert wie die Fähigkeit des Sozialismus, selbst in absolut übervölkerten Territorien noch für zwei, drei Generationen eine Produktion und Verteilung organisieren zu können, die Hunger-, Stress- oder Umweltkatastrophen vermeidbar machen; relativ länger, leichter und besser vermeidbar als unter kapitalistischen Verhältnissen. Wie man den gegebenen Zustand und die allernächste Zukunft indes auch beurteilen mag, das exponentielle Wachstum der Menschheit darf sich unter keinen Umständen mehr länger fortsetzen. Es nähert sich beängstigend dem Punkt seines Umschlagens in die neue Qualität einer Katastrophe, deren Anfänge sich manchenorts bereits abzuzeichnen beginnen. Humane Maßnahmen zur Stabilisierung der Bevölkerungsgröße, möglichst zu ihrer allmählichen, schrittweisen Verringerung in Richtung des Optimums, sind also überall dringend angebracht: In Ost und West, Nord und Süd, in hochindustrialisierten wie in unterentwickelten Regionen, in den Ländern des Sozialismus wie in denen des Kapitals, überall. Duve: Also zurück zu Mal thus. Harich: Nein, vorwärts zur Synthese des Marxismus mit den Mal thusschen Teilwahrheiten, die Kautsky als erster verteidigt, die Engels schließlich anerkannt hat. Und der Marxismus muss in dieser Synthese dominieren. Denn wenn man die Forderung des Bevölkerungsstopps im kapitalistischen Teil der Welt propagiert, ohne zugleich und ebenso energisch, noch energischer auf soziale Veränderungen zu dringen, dann verwandelt die Forderung sich hier in ein ideologisches Instrument der Reaktion, die Massen von den systembedingten Ursachen der ja nach wie vor bestehenden relativen Übervölkerung, in Form von Arbeitslosigkeit, Unterkonsumtion, Pauperismus usw., abzulenken, ja sie möglicherweise sogar für faschistische Pseudolösungen des Problems, etwa für Völkermord in der Dritten Welt, gefügig zu machen. 167II. Marx + Malthus? Duve: Wenn man umgekehrt für soziale Veränderungen kämpft, ohne gleichzeitig auf Bevölkerungsstopp zu dringen, dient man dann etwa nicht der Reaktion? Harich: Unmittelbar nicht. Aber man belastet dann die kommunistische Zukunftsgesellschaft, noch bevor sie irgendwo verwirklicht ist, mit Komplikationen, die sie für kommende Geschlechter weniger lebenswert machen werden. Und man kämpft – was im Atomzeitalter kaum weniger bedenklich ist – nur unzulänglich, nicht unter Aufbietung aller verfügbaren Mittel gegen Weltkrisen an, die keineswegs automatisch, mit der Zwangsläufigkeit eines Fatums in die proletarische Revolution und die Verwirklichung des Sozialismus einmünden müssen, sondern unter Umständen auch zu faschistischen Regressionen, zu mörderischen Kriegen führen können. Duve: Absolute Übervölkerung als Wurzel künftiger Kriege? Harich: Kriege, verursacht durch die Antagonismen des kapitalistischen Systems, angezettelt von imperialistischen Machthabern, aber im Zeichen von Kriegszielen angezettelt, die sich auf Rohstoff-, Ernährungs- und Umweltschutzkonflikte beziehen, denen die Übervölkerung erhöhte Explosivität verleiht. Auf den noch harmlosen Kabeljaukrieg zwischen Großbritannien und Island, zwei NATO-Verbündeten immerhin, ist sehr bald Kissingers Aggressionsdrohung gegen die ölexportierenden arabischen Staaten gefolgt. Die weitere Eskalation dieser Entwicklung kann man sich vorstellen, ich möchte sie nicht erleben. Und mehr Menschen wollen mehr Kabeljau verzehren, mehr Menschen verbrauchen mehr Erdöl. Duve: Es ist doch denkbar, dass auch ein sozialistisches Land irgendwann einmal für Kabeljau oder Erdöl Kriege vom Zaun bricht. Harich: Die Erhaltung des Weltfriedens ist für den Sozialismus das oberste Gebot seiner Außenpolitik. Davon abgesehen, bietet die sozialistische Wirtschaftsstruktur unvergleichlich viel größere Möglichkeiten als die des Kapitalismus, auf jede Verknappung mit Rationierungsmaßnahmen zu reagieren, die übrigens, unter den Bedingungen sozialistischen Eigentums an den Produktionsmitteln durchgeführt, bereits ein echtes Element des Übergangs zum Kommunismus wären. Ein sozialistisches Regime, das die Rationierung von Gebrauchswerten als zweckmäßig erachtet, wird von niemandem – von keiner finanzstarken Gruppierung, keiner industriellen Lobby, keiner um Wählerstimmen buhlenden Opposition – gedrängt, einen anderen, aggressiven Ausweg 168 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ zu suchen, und es kann mit Leichtigkeit bei der Praktizierung der notwendigen Maßnahmen, dafür sorgen, dass zugleich das Prinzip sozialer Gerechtigkeit streng gewahrt bleibt. Indes auch in einem sozialistischen Land mit Bevölkerungsoptimum lebt man leichter und angenehmer als in einem übervölkerten, gibt man den Fischen günstigere Gelegenheit, ihre Populationen zu reproduzieren, kann man mit weniger Erdöl auf weitere Sicht mehr und Besseres anfangen und teilt man, nachdem der Übergang zum Kommunismus vollzogen ist, dem Einzelnen von jedem Gebrauchswert größere und qualitätvollere Rationen zu. Duve: Lassen wir die Schwärmerei beiseite. Sie sagen, dass die staatliche Forcierung von Geburtenüberschuss für sozialistische Länder abzulehnen sei. Rumänien hat sich da anders entschieden. Harich: Bei isolierter Betrachtung des Landes, die sich aus globaler Verantwortung meines Erachtens von selbst verbietet, könnte man für diese Politik ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen. Für europäische Verhältnisse ist Rumänien nicht allzu dicht besiedelt. Sein Territorium, nicht viel kleiner als das Großbritanniens oder der Bundesrepublik, wird von nur ungefähr 20 Millionen Menschen bewohnt, wobei die Einwohnerzahl in letzter Zeit eine absinkende Tendenz aufwies. Um zu eruieren, ob sie unter dem Optimum liegt, müsste ich mich mit den Problemen Rumäniens näher vertraut machen. Glauben kann ich es kaum. Gesetzt aber, dem wäre so, wieso könnte dem Mangel dann nicht auch dadurch abgeholfen werden, dass aus absolut und relativ übervölkerten Gebieten der Dritten Welt, etwa aus Indien, kinderreiche Familien, deren Ernährer daheim zur Erwerbslosigkeit verdammt sind, zur Einwanderung bewogen werden? Entschlösse die rumänische Regierung sich dazu, dann würde die Einwohnerzahl ihres Landes zunehmen, ohne dass es sich mitschuldig machte an einer weiteren Steigerung der Erdbevölkerung im ganzen, und für die Dritte Welt wäre eine kleine Erleichterung geschaffen. Duve: Ein gewiss abwegiger Vorschlag. Obwohl seit dem 18. Jahrhundert die Einwanderung in der Geschichte der USA eine entsprechende Rolle gespielt hat. Und Sie leben auf einem Grundstück in der Berliner Innenstadt, das einst, nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes, der Große Kurfürst den ins Brandenburgische einwandernden Hugenotten geschenkt hat, noch heute nennt man es die Hugenotten-Siedlung. 169II. Marx + Malthus? Harich: Eben. Dabei waren die Protestanten-Verfolgungen Ludwigs XIV. ein Kinderspiel gegen den Hunger, der jetzt Südasien heimsucht. Marx verbietet es keinem sozialistischen Staatsmann, den Großen Kurfürsten an internationalistischer Unbefangenheit zu übertreffen. Und eines Tages werden, um eine gleichmäßigere Verteilung der Erdbevölkerung zu erreichen, die aus ökologischen Gründen sehr zu empfehlen wäre, von einer kommunistischen Weltregierung sowieso Umsiedlungsaktionen im globalen Maßstab durchgeführt werden müssen. Duve: Wieder ein makabrer Gedanke. Befürchten Sie nicht, dass Sie mit solchen Äußerungen auch in Ihrem Staate heftige Kritik ernten werden? Harich: Warum sollte ich das befürchten? E. K. Fjodorow schreibt in seinem vorhin erwähnten Buch, dessen deutschsprachige Ausgabe 1974 in der DDR erschienen ist: »Die Bevölkerungszahl des Erdballs kann nicht unbegrenzt sein. Wenn man jedoch die Entwicklung der Menschheit auf der Skala der Jahrhunderte und Jahrtausende betrachtet, kann man davon überzeugt sein, dass die Voraussicht Ziolkowskis (des Vaters der russischen Raumfahrt, WH) real wird: ›Die Menschheit wird nicht ewig auf der Erde bleiben, sondern im Wettlauf um Licht und Raum zunächst über die Grenzen der Atmosphäre hinausdringen und dann sich den gesamten sonnennahen Raum erobern.‹« Duve: Vorhin sagten Sie, Fjodorow verwerfe, wie Margaret Mead, die Idee, das Pro blem der absoluten Übervölkerung auf diesem Wege zu lösen. Harich: Ja, aber warum verwirft er sie? Weil die Idee Ziolkowskis technisch noch für Jahrhunderte oder Jahrtausende undurchführbar bleiben wird. Wäre dies nicht der Fall, dann würde Fjodorow nicht das Geringste dagegen einzuwenden haben, dass wir nächstens den Mars mit der für menschliches Leben benötigten Biosphäre versehen und anschließend ein paar Millionen unserer Mitmenschen, auf Raumschiffe verfrachtet, dorthin übersiedeln lassen. Und nun frage ich Sie: Fänden Sie Massenumsiedlungen auf der Erde, freiwillige wohlgemerkt, inhumaner? Duve: Gegen den kosmopolitischen Begriff »Weltregierung« sind aber die sehr auf nationale Souveränität bedachten sozialistischen Länder allergisch. Harich: Unter den gegenwärtigen Bedingungen sind sie es mit Recht, aus gutem Grund. Ich sagte jedoch: »kommunistische Weltregierung«, und die zu etablieren ist 170 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ das Ziel der proletarischen Weltrevolution, gegen die Lenin meines Wissens nichts einzuwenden hatte. Duve: Gegen die wir Sozialdemokraten jedoch noch kräftig kämpfen. Wären Sie übrigens einverstanden, wenn sich ein paar Hunderttausend Inder in der DDR niederließen? Harich: Durchaus. Als man Bernard Shaw 1945 fragte, was er den geschlagenen Deutschen nun anrate, antwortete er: »Rassenmischung!« Auch bin ich sicher, dass einwandernden Indern in der DDR ein besseres, menschenwürdigeres Los beschieden wäre als den Gastarbeitern in der Bundesrepublik. Doch zurück zum Kern des Problems: Entscheidend ist, dass der proletarische Internationalismus heute gebietet, die Belange des eigenen Landes, besonders hinsichtlich der Bevölkerungsfrage, immer zuerst unter globalen Aspekten zu sehen. In einem klassischen marxistischen Text heißt es, dass »die Kommunisten in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben«, und an anderer Stelle, dass »sie in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung vertreten«. Sinnvoll bezogen auf die gegenwärtigen Lebensfragen der Menschheit, bedeutet das: Die Kommunisten haben überall, auch dort, wo sie an der Macht sind, und dort besonders, den langfristigen Interessen der werktätigen Menschen des ganzen Erdballs zu dienen und ihnen kurzsichtige Nationalinteressen unterzuordnen. Was aber verlangen diese langfristigen, globalen Interessen unter den Bedingungen der ökologischen Krise? Dass weder die kommunistische Zukunftsgesellschaft durch drangvolle Enge beeinträchtigt wird, noch der Weg zu ihr über blutige Katastrophen führt. Duve: Zwischen zwei der bedeutendsten amerikanischen Ökologen der Gegenwart, Paul R. Ehrlich und Barry Commoner, hat es u. a. über die Einschätzung des Bevölkerungsproblems eine Kontroverse gegeben. Ehrlich hält die Bevölkerungslawine für die bedrohlichste Gefahr und empfiehlt schnelle, umfassende Maßnahmen, um sie aufzuhalten. Commoner lehnt das entschieden ab und meint, die Ursache unserer Schwierigkeiten liege darin, dass der Druck mächtiger Privatinteressen die Entwicklung und Anwendung der Technologie in eine nicht zu verantwortende Richtung, hin zur Umweltzerstörung und zu unmäßigem Rohstoffverschleiß, gedrängt habe. 171II. Marx + Malthus? Harich: Ich behaupte, dass beide recht haben. Ihre Ansichten verhalten sich komplementär zueinander, nicht, wie sie selber glauben, kontradiktorisch. Commoners Kritik an der Fehlentwicklung der Technologie im Kapitalismus, an den Profitmotiven, die sie herbeigeführt haben, hat mich restlos überzeugt. Auch bin ich ein leidenschaftlicher Anhänger der neuen, auf den Schutz der Natur orientierten Technologien, die er einzuführen vorschlägt, besonders der Wiederverwendung, des Recycling. Und ich wäre kein Kommunist, wenn ich nicht vor allem Commoners These zustimmen würde: »Die Privatwirtschaft, die freie Wirtschaft, mag frei sein, aber sie ist nicht völlig privat, denn jedes private Unternehmen benutzt ein gemeinschaftliches Gut: die Biosphäre. Deshalb erschiene ein Produktionssystem, das auf Gemeineigentum basiert, geeigneter als eines, das auf Privateigentum beruht. Das klassische marxistische Konzept der Vergesellschaftung der Produktionsmittel vermag den Erfordernissen der Biosphäre besser gerecht zu werden als das des Privateigentums. … Jetzt, da man die Notwendigkeit des Umweltschutzes in beiden Ländern erkannt hat, dürfte er in der Sowjetunion leichter zu verwirklichen sein als in den Vereinigten Staaten.« Das sind goldene Worte, ich unterschreibe sie. Nur: Sie besagen nichts gegen die Notwendigkeit des Bevölkerungsstopps, der, in beiden Ländern herbeigeführt, für beide und für die übrige Welt ein Segen wäre. Eine Technologie des Recycling kann die Umweltbelastung sehr wesentlich mildern, aber nicht gänzlich aufheben. Sie kann die Weltvorräte an nicht regenerierbaren Roh- und Brennstoffen strecken, aber ihnen nicht die Eigenschaft der Unerschöpflichkeit verleihen. Nahrungsmittel gibt sie von sich aus nicht her, mineralische Düngemittel ebenso wenig. Und ihr Energiebedarf – nicht zu vergessen – ist ungeheuer groß. Den exakten Nachweis dafür habe ich bei Meyer-Abich gefunden, der aus seinen Berechnungen den Schluss zieht, dass, selbst bei Annahme aller Prämissen der »technologischen Optimisten«, mit Einschluss der Hoffnungen, die sich an das Recycling knüpfen, das herkömmliche Wirtschaftswachstum aus Gründen der Umweltunverträglichkeit der Energieumwandlungsprozesse auch etwa in den von Forrester und Meadows errechneten Fristen zu Ende gehen müsste. Nur wäre das Ende diesesfalls der Wärmetod. Also genügt die neue Technologie nicht. Sie bedarf der Ergänzung durch andere, zusätzliche Lösungen: Durch Einschränkung des Konsums und Limitierung der Bevölkerungsgröße, wobei wiederum eins wie das andere, wie das Recycling selbst, am leichtesten und humansten in einer sozialistischen, besser noch: kommunistischen Gesellschaft zu verwirklichen sein wird, weil sie allein die hierfür erforderlichen Maßnahmen mit dem Grundsatz der Gleichheit, der sozialen Gerechtigkeit zu verbinden gestattet. Und es ist klar: Die Einschränkung des Konsums wird um so weniger drastisch sein müssen, je weniger das 172 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Bevölkerungsoptimum im Weltmaßstab überschritten bzw. je schneller es wiederhergestellt und dann endgültig stabilisiert wird. Duve: Und dies ist, meinen Sie, der Punkt, an dem die Argumentation Paul Ehrlichs zum Zuge kommt. Harich: Allerdings. Dabei bestreite ich nicht, dass Ehrlich politisch weiter rechts steht als Commoner. Freilich nur relativ Commoner ist kein Kommunist und Ehrlich kein Konservativer, kein Reaktionär wie McNamara, wie Herman Kahn. Ich könnte seitenweise scharfe kritische Ausfälle Ehrlichs gegen das System der USA, gegen das amerikanische Establishment zitieren. Doch gesetzt den Fall, es ginge Ehrlich in erster Linie darum, den Kapitalismus zu retten – was nicht zu beweisen ist –, dann würde der Mann den Bestand dieser Gesellschaftsordnung durch die Bevölkerungslawine doch deswegen bedroht sehen, weil er die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen erkennt und daher befürchtet, die zu erwartende Verknappung werde Revolutionen gegen die Reichen, die Privilegierten auslösen. Das könnte nun, schlimmstenfalls, eine Fehlkalkulation sein, dann nämlich, wenn das Kapital vor der drohenden Revolution in Faschismus und Krieg Zuflucht suchte, wie gehabt. In diesem Fall wäre Ehrlich unser Verbündeter, ein Verbündeter, der, aus anderen Motiven als den unseren, gegen dieselben Gefahren ankämpft wie wir. Behielte Ehrlich mit seinen Befürchtungen aber recht, dann bliebe er, obwohl Gegner der Revolution, die wir Kommunisten herbeisehnen, immer noch unser Verbündeter, da ja unter diesen Umständen die Revolution in der übervölkerten Welt, die der Kapitalismus ihr hinterließe, vom Tage ihres Sieges an selber mit Verknappung konfrontiert wäre, mit der sie zwar organisatorisch, juristisch, sozial um vieles besser fertig zu werden wüsste als er, die wir ihr jedoch nicht wünschen wollen. Also müssen wir uns in jedem Fall außer mit Commoner auch mit Ehrlich verbünden – gegen Faschismus und Krieg, die Ehrlich ganz sicher verabscheut, und gegen die Erschöpfung der Ressourcen, die er aus Furcht vor der Revolution und die wir aus Abneigung gegen eine armselige, elende Zukunft des Kommunismus zu vermeiden wünschen. Duve: Sie spekulieren also nicht darauf, dass die absolute Überbevölkerung die Revolution vorantreiben könnte? Harich: Selbstverständlich nicht! Jeder Marxist muss dies ablehnen, aus denselben Gründen, aus denen analoge Spekulationen auf die Folgen eines imperialistischen 173II. Marx + Malthus? Krieges mit dem Standpunkt des Marxismus nicht zu vereinbaren sind. Durch die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts ist die Revolution mächtig vorangetrieben worden – siehe Petrograd 1917, Osteuropa 1945, China 1949. Aber das heißt doch nicht, dass die revolutionären Kräfte den Ausbruch dieser Kriege gewünscht, dass sie ihn gefördert hätten. Das Gegenteil haben sie getan, sie haben dagegen angekämpft. Die Kriege zu schüren, sie vom Zaun zu brechen, sie zu verlängern, war jederzeit Sache der imperialistischen Bourgeoisie. Die revolutionäre Arbeiterbewegung hat vor den Kriegen gewarnt, hat sie aufzuhalten versucht, hat sich, als sie ausgebrochen waren, für die schnelle Beendigung des sinnlosen Blutvergießens eingesetzt, ist dafür unterdrückt und verfolgt worden, dergestalt, dass ihre besten Streiter gefoltert, ins Zuchthaus gesperrt, aufs Schafott geschleppt wurden. Und nur dadurch konnte sie das Vertrauen der Volksmassen gewinnen, die, vom Krieg schließlich enttäuscht, gequält, ausgeblutet, sie in der Revolution dann zur Macht emportrugen. So und nicht anders müssen die revolutionären Kräfte sich heute zur Bevölkerungslawine verhalten: Sie müssen vor ihr warnen, sie aufzuhalten suchen und, falls all das nichts helfen sollte, den Massen die schrecklichen Folgen unter Ausnutzung der Möglichkeiten des Kommunismus, so weit es noch geht, erleichtern helfen. Sie müssen gegen das Wettrüsten, gegen die Gefahr neuer imperialistischer Kriege, gegen die Entrechtung der Völker der Dritten Welt, gegen den Hunger, die Arbeitslosigkeit, die Inflation, die Zerstörung der Umwelt, die Vergeudung der Ressourcen kämpfen. Doch der Kampf gegen absolute Übervölkerung darf dabei nicht fehlen, er muss eine Komponente der revolutionären Aktivitäten sein. Und wichtig ist bei alledem immer eine richtige Bündnispolitik, die aus allen Klassen und Schichten, mit Ausnahme des Monopolkapitals, Kräfte mit teilweise ähnlichen Bestrebungen, zeitweilig verwandten Zielen zu mobilisieren versteht. Duve: Darunter auch Paul Ehrlich und dessen Anhänger. Harich: Und vor allem diejenigen, die, ohne Marxisten zu sein, begreifen, dass die Konzeptionen Ehrlichs und Commoners zu vereinbaren sind. Begriffen hat das der Club of Rome, der die Forderung neuer Technologien mit der des Bevölkerungsstopps verbindet. Begriffen hat es Margaret Mead, die in der Diskussion über die MIT-Studie erklärte: »Die Experten sollten aufhören, sich über Details zu streiten. Dies gilt auch für die Kontroverse zwischen Commoner und Ehrlich. Sie ist überflüssig. Wenn wir nicht eine so große Bevölkerungszahl hätten, hätten wir nicht so viele Schwierigkeiten. Natürlich. Und hätten wir die Bevölkerung ohne die Technik, hätten wir nicht so viele Schwierigkeiten. Sicher. Wir haben aber nun mal die Bevölkerung oder Überbe- 174 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ völkerung, und wir haben die Technik. Die Technik hat die Verbindung zur Natur zerstört und gefährdet den Planeten. Die Bevölkerung übt einen ständigen Druck zur Verwendung der Technik aus. Beide haben recht.« Ich bedauere, dass Mrs. Mead pauschal »Technik« sagt, statt, wie Commoner, präzise von der bisherigen, der rohstoffvergeudenden und umweltzerstörenden Technik, die durch eine andere abgelöst werden müsste, zu sprechen. Von diesem Vorbehalt abgesehen, stimme ich der großen amerikanischen Ethnologin zu und finde, dass alle Marxisten ihr zustimmen sollten. Duve: Zum Schluss noch eine letzte Frage zu diesem Thema. Halten Sie wirklich die Freiheit, die Zahl der eigenen Kinder selbst zu bestimmen, folglich sie auch beliebig hoch zu wählen, für kein unabdingbares Menschenrecht? Harich: Da diese Freiheit auf Kosten aller noch ungeborenen Kinder und Kindeskinder missbraucht werden kann: nein! Recht und Freiheit des Einzelnen sind dem unterzuordnen, was für die Gesellschaft, mit Einschluss der zukünftigen, lebensnotwendig ist. Falls es sich da überhaupt um Freiheit handelt, die der Marxismus bekanntlich als »Einsicht in die Notwendigkeit« definiert, und nicht vielmehr oft um Unfreiheit, nämlich um Gedankenlosigkeit und mangelnde Disziplin mit unerwünschten Folgen. Außerdem ist zu beachten, dass beim Menschen das Sexualleben, verglichen mit dem aller Tiere, die Merkmale einer neuen, höheren Qualität aufweist. Unser Geschlechtstrieb pausiert z. B. nicht, er ist nicht an Brunstzeiten gebunden. Seine Betätigung, als Quell der Freude, des Vergnügens, der seelischen Bindung, kulturell zum Selbstzweck hochstilisiert, dient der Fortpflanzung nur ausnahmsweise.16 Das gehört zu unserer 16 (AH) Siehe hierzu die entsprechenden Ausführungen Harichs im Rahmen seiner anthropologischen Studien, abgedr. in Band 11. So schrieb er beispielsweise am 17. März 1952 an Ernst Engelberg: »Es gibt ein allgemeinmenschliches anthropologisches Substrat der Moral, das mit dem Übergang unseres tierischen Vorfahren zur Arbeit, zur Herstellung und Benutzung von Werkzeugen, zur Produktion der eigenen materiellen Lebensbedingungen durch Arbeit gegeben ist. Zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung sind Werkzeugherstellung und Werkzeugbenutzung dazwischen geschaltet. Das bedeutet: Der Mensch ist fähig, auf ablenkende Reize nicht zu reagieren, auch wenn sie unmittelbare vitale Bedeutung haben. Er ist fähig, ein Bedürfnis dem anderen, höheren unterzuordnen. Er ist fähig, die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse gleichsam aufzuschieben und zu vertagen. Er ist fähig, dem ideell antizipierten Resultat über die mühseligen Zwischenhandlungen seiner Verwirklichung hinweg ›treu‹ zu bleiben. Er ist fähig, Entbehrung, Hunger, Strapazen auszuhalten. Er ist fähig, eine einmal begonnene Leistung ›durchzuhalten‹, auch wenn es schwer fällt. Das setzt einen Organismus voraus, der auf qualitativ andere Weise funktioniert wie der der Tiere. Das setzt relative Unabhängigkeit von Trieben und Instinkten voraus, von denen das Tier (vom Regenwurm bis zum Schimpan- 175II. Marx + Malthus? Menschenwürde. So gesehen, hat in der Skala der sittlichen Werte das Menschenrecht der Frau auf den Orgasmus höheren Rang als ihre auch dem Tierweibchen eigentümliche Bestimmung, Nachkommen das Leben zu schenken. Wer anders denkt, möge der katholischen Kirche beitreten. sen) absolut beherrscht wird, die dem Tier die instinkthafte Sicherheit seiner Lebensorientierung verleihen, die aber auch das Tier in der Unmittelbarkeit des Triebdrucks gefangen halten. Den qualitativ neuen Organismus mit seiner Instinktschwäche und seiner Fähigkeit zur vitalen Askese hat sich der Mensch dadurch selbst geschaffen, dass er in der Arbeit durch Millionen von Generationen hindurch das Zuwiderhandeln gegen unmittelbare Bedürfnisse trainierte. Für das spezifisch menschliche Verhalten hat das sehr entscheidende Folgen: Wir sind Herr über unsere eigenen biologischen Triebe. Wir können mit hungrigem Magen an den prächtigen Schaufenstern von Delikatessengeschäften vorbeigehen, ohne die Scheibe einschlagen zu müssen. Wir können schönen Frauen erst umständlich den Hof machen, ohne sie gleich vergewaltigen zu müssen. Wir können beim Coitus den Orgasmus willkürlich hinauszögern, was kein Tier kann, können also Liebesspiele à la van de Velde praktizieren. Wir können die schädlichen Überanstrengungen eines sechzehnstündigen Arbeitstages, aber auch die gesunden Strapazen von Sport und Abhärtung auf uns nehmen. Wir können uns um einer Idee willen foltern lassen, auch dann, wenn es uns freistünde, die Idee zu verleugnen, die Genossen zu verraten und dadurch der Folter zu entgehen.« (Band 11, S. 478.) 176 III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten Duve: Vom Club of Rome scheinen Sie sehr angetan. Sie gingen so weit, beiläufig zu behaupten, Engels würde, falls er heute noch lebte, zu seinen Anhängern zählen. Harich: So habe ich das nicht gesagt. Geäußert habe ich lediglich, Engels würde dem Club nicht nur in der Bevölkerungsfrage, aber in dieser bestimmt, recht geben. Duve: Und damit gehen Sie sehr weit. Ich bezweifle, dass dies der Standpunkt der kommunistischen Parteien ist. Oder sind Sie anders informiert? Harich: Bis jetzt hat, meines Wissens, keine KP einen Beschluss gefasst, in dem zum Club of Rome Stellung genommen würde. Da die Probleme, um die es sich handelt, für die internationale Arbeiterbewegung und für alle sozialistischen Länder von größter Bedeutung sind, kann ich mir diese Zurückhaltung nur damit erklären, dass die Parteiführungen sich in einem noch nicht zum Abschluss gediehenen Prozess der Meinungsbildung befinden. Duve: Deutlich geäußert haben sich aber zahlreiche kommunistische Philosophen, Einzelwissenschaftler, Publizisten, und da überwiegen offenbar, jedenfalls in Westeuropa, die negativen Stimmen, was auf die politischen Führungsspitzen nicht ohne Einfluss bleiben wird. Mich sollte es auch wundern, wenn es sich anders verhielte. Es ließe sich allenfalls theoretisch eine Begründung für die Wachstumsbegrenzung anführen. Praktisch gründet der Hoffnungskatalog aller kommunistischen Parteien viel zu sehr in den Verheißungen der »technisch-wissenschaftlichen Revolution«, in der Unbegrenztheit der Entfaltung der Produktivkräfte. Der Ruf nach Nullwachstum, mit dem der Club of Rome 1972 spektakulär vor die Weltöffentlichkeit getreten ist, geht dem traditionellen marxistischen Denken bestimmt gegen den Strich. Harich: Die Meinungsbildung der Führungsgremien wird sich nicht ausschließlich an dem orientieren, was Theoretiker und Publizisten schreiben. Der Zwang, politische Entscheidungen treffen zu müssen, die den krisenschwangeren, höchst verwickelten Realitäten unserer Zeit angemessen sind, dürfte einen mindestens ebenso großen Einfluss ausüben. Aber auch in den Reihen der Parteiintelligenz selbst dominiert die negative Haltung keineswegs; nicht so sehr, wie Sie annehmen, und nicht überall. 177III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten Duve: Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Harich: Zunächst gehören mehrere Wissenschaftler aus Jugoslawien und einer aus der Volksrepublik Polen, der renommierte marxistische Philosoph Adam Schaff, dem Club of Rome als Mitglieder an. Sodann haben die Trend-Rechnungen, die Analysen und hypothetischen Prognosen des Clubs breite, zum Teil überaus positive Resonanz in der Sowjetunion gefunden. Das Protokoll der erwähnten Moskauer Round-table-Konferenz zum Thema »Mensch und Umwelt« ist, ins Deutsche übertragen, fortsetzungsweise in der DDR erschienen (auch in Technologie und Politik 2, Reinbek, 1975, S. 135 ff.). Nach sorgfältiger Lektüre zögere ich nicht, zumindest in dem großen Physiker P. L. Kapiza, dem führenden Populationsgenetiker J. G. Rytschkow, dem Geophysiker M. J. Budyko, den Wirtschaftswissenschaftlern A. J. Medunin und N. P. Naumow sowie, hinsichtlich der Bevölkerungsfrage, auch in B. Z. Urlanis kommunistische Befürworter der Bestrebungen des Club of Rome zu sehen. Von ihnen äußerte sich Kapiza am direktesten. Er sprach sich mit bewunderndem Lob über die »interessanten, überzeugenden« Ergebnisse aus, zu denen J. W. Forrester, das Ehepaar Meadows und ihre Mitarbeiter bei der Anwendung moderner Rechentechnik auf die hochkomplexen Trends der ökologischen Krise gelangt seien, und bekundete darüber hinaus auch Sicco Mansholt seine Solidarität. Dieser »bedeutende niederländische Ökonom«, sagte Kapiza, habe sich unter dem Eindruck der Warnungen des Club of Rome zutreffend dahin geäußert, dass »die technisch-ökonomischen Probleme im globalen Maßstab nur auf der Grundlage einer sozialistischen Organisation der Industrie gelöst werden könnten« (vgl. dazu Sicco Mansholt: Die Krise, rororo aktuell 1823). Um die Momente sachlicher Übereinstimmung mit der MIT-Studie bei den übrigen Diskussionsteilnehmern zu belegen, müsste ich eine gesonderte Broschüre schreiben. Auch mehr oder weniger stark davon abweichende Auffassungen sind vorgetragen worden. Selbst von diesen Rednern hat sich aber keiner zu Diffamierungen des Clubs hinreißen lassen, wie sie im Westen, z. B. bei Gunnar Myrdal oder Robert Jungk, vorgekommen sind. Duve: Wie steht Fjodorow zum Club of Rome? Harich: Kritisch, mit Vorbehalten, aber voller Respekt und nicht ohne Sympathie. Forrester, die Meadows usw. vertreten nach seiner Ansicht »unbewusst sozialistische Tendenzen«. Der Grundtenor ist viel freundlicher, aufgeschlossener als in den USA die Stellungnahme Barry Commoners, auf den Fjodorow sonst große Stücke hält, der ihm unter den westlichen Ökologen am nächsten steht. 178 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Was versteht Fjodorow unter »unbewussten sozialistischen Tendenzen«? Wie begründet er diese Einschätzung? Harich: Fjodorow meint, es bestehe »die reale Gefahr, dass die menschliche Gesellschaft den zulässigen Rahmen ihrer Wechselwirkung mit der Umwelt in nicht sehr weiter Zukunft überschreiten« werde. Schon Karl Marx habe 1868, unter dem Eindruck der Lektüre eines Buchs von Fraas, Klima und Pflanzenschutz in der Zeit, eine Geschichte beider (1847), diese Gefahr vorausgesehen und sich in einem Brief an Engels darüber ausgelassen. Fjodorow zitiert aus dem Brief, in dem es u. a. heißt: »Er (Fraas, WH) behauptet, dass mit der Kultur – entsprechend ihrem Grad – die von den Bauern so sehr geliebte Feuchtigkeit verlorengeht (daher auch die Pflanzen von Süden nach Norden wandern) und endlich Steppenbildung eintritt. Die erste Wirkung der Kultur nützlich, schließlich verödend, durch Entholzung etc. Dieser Mann ist ebensosehr grundgelehrter Philologe (er hat griechische Bücher geschrieben) wie Chemiker, Agronom etc. Das Fazit ist, dass die Kultur, wenn naturwüchsig vorschreitend und nicht bewusst beherrscht (dazu kommt er natürlich als Bürger nicht), Wüsten hinter sich zurücklässt. Mesopatamien etc., Griechenland. Also auch wieder sozialistische Tendenz unbewusst.« Fjodorow knüpft daran den Kommentar, diese Worte von Marx müssten auf die heutigen westlichen Forscher bezogen werden, die das Problem der Wechselwirkung von Gesellschaft und Umwelt bearbeiteten, insbesondere auf Forrester und die Autoren der MIT-Studie. »Ebenso wie Fraas fühlen sie, dass die sich spontan entwickelnde Kultur zu einer Krise der Wechselwirkung der Gesellschaft mit der Natur führt. Ihre Berechnungen geben durchaus eine Illustration davon, wie das geschehen kann. Ebenso wie Fraas vertreten sie, meist jedoch unbewusst, sozialistische Tendenzen.« An einer anderen Stelle seines Buchs vergleicht Fjodorow die Mitglieder des Club of Rome, unter Benutzung eines Lenin-Worts, mit den utopischen Sozialisten, diesen »zuweilen genialen Träumern, die der Meinung waren, es genüge, die Machthaber und die herrschenden Klassen von der Ungerechtigkeit der modernen Gesellschaftsordnung zu überzeugen«. Wie einst die Utopisten seien Forrester, Meadows usw. »bestrebt, ein konkretes, langfristiges Programm, eigentlich ein ›Projekt‹ für die Entwicklung der Menschheit auszuarbeiten«. »Worauf rechnen sie aber«, fragt Fjodorow, »wer wird für die Realisierung der Ideen des Club of Rome oder ähnlicher Gedanken in der westlichen Welt kämpfen? Und von welchen nächstliegenden konkreten Zielen aus müsste man diesen Kampf beginnen? Darüber sollten seine Mitglieder nachdenken.« 179III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten Duve: Trotzdem rechnen Sie Fjodorow nicht zu der Gruppe derer, die Sie soeben als »kommunistische Befürworter der Bestrebungen des Club of Rome« bezeichnet haben. Harich: Nein, Kapiza, Rytschkow, Budyko, Medunin, Naumow und Urlanis, vielleicht auch Kamschilow, stehen mit ihren Ansichten dem Club noch näher. Jedenfalls geht das aus ihren Diskussionsreden hervor. Wobei ich natürlich nicht weiß, ob dieser Eindruck, wenn sie, wie Fjodorow, Bücher über die einschlägige Thematik schrieben, sich bei mir nicht vielleicht wieder ändern würde. Duve: Fjodorow seinerseits aber steht dem Club wieder näher als sein amerikanischer Kollege Commoner. Inwiefern? Harich: Im Gegensatz zu Commoner verneint Fjodorow die Notwendigkeit eines globalen Bevölkerungsstopps nicht rundheraus, sondern will, wie gesagt, »diese Frage vorerst offenlassen«. Er ist auch nicht, wie Commoner, gegen Computermodelle und versteigt sich vor allem nicht zu Verdächtigungen von der Art, dass das Vorgehen des Club of Rome und das der Verfasser des Blueprint for Survival darauf hinauslaufe, »sich der Umweltfrage in faschistischem Sinne zu bedienen«. Einig sind der sowjetische und der amerikanische Ökologe sich darin, dass beide am Wirtschaftswachstum festhalten, d. h., in marxistischer Terminologie ausgedrückt, die »erweiterte Reproduktion« nicht preisgeben wollen und die durch sie entstehende Umweltbelastung mit Hilfe neuer Technologien, unter Bevorzugung des Recycling, zu bewältigen empfehlen. Duve: Da sind wir am entscheidenden Punkt angelangt. Doch vorher noch eine andere Frage: Haben Sie systematisch Stellungnahmen zum Club of Rome aus den sozialistischen Ländern, einschließlich DDR, und aus Publikationen westeuropäischer KP-Mitglieder gesammelt? Harich: Nein. Außer diesen sowjetischen Stimmen kenne ich nur einiges aus der DDR, die erwähnte Broschüre von Guy Biolat aus Frankreich sowie Artikel von Edgar Gärtner aus der Bundesrepublik. Duve: Haben Sie da ebenfalls Beispiele für Zustimmung bzw. freundliche, loyale Kritik entdecken können? 180 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Zustimmung überhaupt nicht. Sachlich argumentierende Ablehnung, die vereinzelte Teilwahrheiten anzuerkennen bereit ist, in Jürgen Kuczynskis vorhin erwähnter Polemik Das Gleichgewicht der Null. Mit dem Vorbehalt, dass das Material, auf das ich mich stütze, sehr unvollständig und daher möglicherweise nicht ganz repräsentativ ist, muss ich sagen: Sowohl in der DDR als auch bei den westeuropäischen Kommunisten scheint, nach meinen Eindrücken, wie nach Ihren, bisher die Tendenz vorzuherrschen, im Club of Rome eine Agentur des Klassengegners zu sehen, eine von kapitalistischen Konzernen ausgehaltene Ansammlung von Reaktionären und Obskuranten, und so wird dementsprechend feindselig, mitunter wutschäumend, reagiert. Duve: Geben Sie auch dafür, bitte, ein paar Beispiele! Harich: In der Weltbühne, vom 13. November 1973, kommentierte Peter Forster die Verleihung des westdeutschen Buchhändler-Friedenspreises an den Club of Rome so: »Niemand kann behaupten, dass der Börsenverein seinen Preis einer unbekannten Organisation verliehen hat, und sicher hat diese Organisation einen Preis verdient – vom Monopolkapital. Aber einen Friedenspreis? Vielleicht, wenn man unter Frieden das versteht, was auf dem Friedhof herrscht. Der Club of Rome hat nämlich ein Programm, das man in folgender Losung zusammenfassen kann: Tod dem materiellen Fortschritt! … Um einen Preis für Verfälschung der Wahrheit zu erhalten, muss man auch gesellschaftlich wirksame Falschheiten verkünden. Und das haben die Leute vom Club of Rome getan.« Im Dietz-Verlag erschien kürzlich eine Broschüre von Hermann Grosse und Alfred Puschmann: Qualität des Lebens. Ausweg oder Irreführung? (Berlin, 1974). Die Verfasser fällen über die MIT-Studie von Meadows das Urteil, sie sei »nicht nur unwissenschaftlich, sondern zugleich Ausdruck imperialistischer Menschenverachtung«. Dies die beiden negativsten Stimmen, die, soweit ich sehe, in der DDR laut geworden sind. In Frankreich schreibt Guy Biolat zu den Konsequenzen, die Sicco Mansholt aus der Studie gezogen hat: »Die intensive Kampagne, die sich der Verschmutzung als Argument bedient, um eine ganze Reihe von Wahrheitswidrigkeiten an den Mann zu bringen, zeigt augenscheinlich, dass es eine dem bestehenden politischen System gegenüber indifferente Verschmutzung nicht gibt. Die Art und Weise, in der Herr Mansholt dieses Problem zur Begründung der von ihm gepriesenen Rückschrittspolitik für das erweiterte EWG-Europa (mit erweiterter Knappheit, wenn es nach ihm ginge) ausschlachtet, zeigt vortrefflich, welch enge Zusammenhänge zwischen einer scheinbar auf den wissenschaftlich-technischen Bereich begrenzten Frage und der Gesamtheit des Sozialen, Ökonomischen und Politischen bestehen.« Und in der Bun- 181III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten desrepublik heißt es in einem der Beiträge von Edgar Gärtner, abgedruckt in der Deutschen Volkszeitung vom 12. Dezember 1973: »Jene falschen Propheten, die an unserem Gesellschaftssystem nicht so sehr die Herrschaft von Banken und Großkonzernen störte, sondern der ›Konsumterror‹, und die der ›Konsumgesellschaft‹ durch massenhafte Konsumverweigerung ein Ende machen wollten, haben nun, so scheint es, mächtige Verbündete bekommen: die multinationalen Ölkonzerne und die Regierungen der westlichen Industriestaaten. Preiserhöhungen für Öl und Rohstoffe sollen angeblich die natürlichen Ressourcen schonen. Magere Jahre mit Arbeitslosigkeit und Knappheit an allen Ecken und Enden werden vorausgesagt. ›Umsichtige‹ Wissenschaftler wie Forrester und Meadows weisen auf die ›Grenzen des Wachstums‹ der Industriegesellschaften hin und fordern (so Forrester) eine Rückkehr zum Lebensstandard von 1910, weil die Natur sich doch als stärker erwiesen habe und diese ›verstaubten Ideologien aus dem vorigen Jahrhundert‹, wie Forrester das Bild einer Zukunft des materiellen Überflusses und einer vollkommenen Naturbeherrschung nennt, Gott sei Dank zum alten Eisen geworfen worden. ›Undogmatische Linke‹ wie Enzensberger sehen das auch gleich ein und schwören allen ihren bisherigen Irrtümern (nämlich der Idee des materiellen Fortschritts, WH) ab. … Wenn sich also die Verantwortlichen in den Regierungspalästen und den Chefetagen der Konzerne und ›undogmatische Marxisten‹ derart einig sind, scheint kein Weg mehr daran vorbei zu führen, dass die Menschen aller hochentwickelten Industriestaaten den Gürtel werden enger schnallen müssen.« Duve: Nun wird in den Chefetagen der Konzerne allerdings wachstumsbejahend gedacht, und von dorther werden die Regierungspaläste bestürmt, Sofortprogramme zur Wiederbelebung der Konjunktur in Angriff zu nehmen. Die Konservativen lehnen den Ruf nach Nullwachstum ab, und zwar um so entschiedener, je enger sie mit der Industrie liiert sind. Werden sie von links darin unterstützt, dann bewahrheitet sich die These von Jochen Steffen, dass manche »sozialistischen Ökonomisten« die Grundfragen unserer Epoche nicht zu begreifen im Stande seien, »weil sie – bei aller sonstigen Gegnerschaft – mit den konservativen, reaktionären Industrialisten eine Grundposition gemeinsam haben, nämlich: Vor allem muss der jetzige Produktions- und Reproduktionsprozess weiterlaufen«. Mitunter entsteht so über die politischen und sozialen Fronten hinweg eine nahezu wörtliche Übereinstimmung der Argumente. Auch in sozialdemokratischen Veröffentlichungen könnte ich Ihnen Beispiele dafür nachweisen. Gärtners Tiraden zeigen, dass in der kommunistischen Literatur Ähnliches zu finden ist. 182 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Nicht nur das. Es kommt hier sogar vor, dass in dieser einen Grundposition dem Klassenfeind unverhohlen applaudiert wird oder dass wörtliche Zitate aus bürgerlich-konservativen Publikationen ohne Abstrich, ohne die leiseste kritische Distanzierung in die eigene Argumentation mit eingebaut werden. So hat Forster, im eben zitierten Weltbühnen-Artikel, ungeniert dem Bundesverband der Deutschen Industrie bescheinigt, er spreche, wenn er die MIT-Studie verwerfe und von Grenzen des Wirtschaftswachstums nichts wissen wolle, für die »klügeren Kapitalisten«. Diese sähen ein, dass die Beendigung der erweiterten Reproduktion der Profitsteigerung Grenzen setzen würde. Ein anderes Beispiel: Welchen Klassenstandpunkt vertreten die in der Bundesrepublik erscheinenden Zeitschriften Wirtschaftswoche und Die Unternehmung? Duve: Es sind eher rechtsorientierte Periodika. Sie vertreten unternehmerfreundliche Standpunkte. Harich: Ich ahnte es. Grosse und Puschmann beziehen ausgerechnet aus diesen Blättern wörtlich, in Form ausführlicher Zitate mit Quellenangabe, Argumente, die sie gegen die MIT-Studie mit dem Ziel geltend machen, deren Unwissenschaftlichkeit zu erweisen. Sie schreiben z. B. erst: »Begründet auf den Irrlehren von Mal thus, dem Erlösungswahn der Systemdynamiker und die in vielen kapitalistischen Staaten grassierende Umwelthysterie ausnutzend …« Duve: Hysterie? Die Bürgerinitiativen bei uns wären also Vereinigungen von Hysterikern. Die in ihnen aktiven DKP-Mitglieder werden sich zurückziehen müssen, da sie in einer Publikation des Dietz-Verlages so eingeschätzt werden. Harich: Ich fahre fort: Die »Umwelthysterie«, wie gesagt, »ausnutzend, haben diese Apologeten die Krisen des Kapitalismus zur Krise der Menschheit proklamiert. Ihr Computerfetischismus soll die Misere wissenschaftlich untermauern.« Soweit Grosse und Puschmann. Und dann folgt, in einer dazugehörenden Fußnote, was »ein Kritiker solcher Prognosen« – der sonst übliche Hinweis »bürgerlicher Kritiker« fehlt wohlgemerkt – hierüber zu sagen weiß, nämlich: »›Man nehme zwei, drei oder fünf Faktoren, . . . abstrahiere sie von jedem gesellschaftlichen Gehalt, gebe ihnen, relativ willkürlich, leicht einsehbare Zahlengrößen und Kalkulationen der Abhängigkeitsbeziehungen bei und speichere diese in einem Computer, dem Allerdulder … Dieses Spiel verbindet die Weitsicht des zeitgemäßen Lieschen Müller (die Umwelt wird bedroht; die Bevölkerung kann doch nicht ewig wachsen; wir sind alle wie die Zauberlehrlinge; die Gefahr des 183III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten Volkes ohne Raum dräut …) mit dem technologischen Trick des Übermenschen‹ (Wirtschaftswoche, 19. Oktober 1973, S. 36)«. Oder, auf der nächsten Seite: »Hätte man 1870 die Zunahme des Pferdemistes extrapoliert, müsste London heute unter einer 5 Meter dicken Schicht liegen«, laut Fußnote wörtlich zitiert aus: »H. R. Schulz, Grenzen des Wachstums. Konsequenzen für die Unternehmung?, in: Die Unternehmung, Jg. 1973, Nr. 1, S. 17.« Man stelle sich das vor: Gefahren, die nach dem ebenso einhelligen wie kompetenten Urteil bedeutender Gelehrter, auch aus der Sowjetunion, die Menschheit in naher Zukunft mit Vernichtung bedrohen, werden in der westdeutschen reaktionären Unternehmerpresse aus Sorge um den Profit als Hirngespinste Lieschen Müllers bagatellisiert oder mit Pferdemist-Vergleichen bewitzelt, und zwei Genossen aus der SED schämen sich nicht, aus dieser Quelle Munition für die Dreckschleudern zusammenzuklauben, die sie gegen jene Gelehrten richten zu müssen glauben. Duve: Das geht doch wohl nicht gegen die sowjetischen Gelehrten, sondern gegen westliche wie Forrester und Meadows. Harich: In der Substanz der Sache werden auch die sowjetischen Gelehrten angegriffen. Wenn – um ein Beispiel aus vielen herauszugreifen – Medunin auf dem Moskauer Symposion Mensch und Umwelt erklärt hat: »Erstmalig ist in der Geschichte eine Situation entstanden, in der die Existenz des Homo sapiens als biologische Art in Frage gestellt ist«, dann hat auch er damit in den Augen Grosses und Puschmanns »die Weitsicht des zeitgemäßen Lieschen Müller« an den Tag gelegt. Denn die ökologischen Gründe, auf die Medunin seine Aussage stützt, sind genau dieselben, die in der Wirtschaftswoche zur Genugtuung dieser Genossen ins Lächerliche gezogen werden: »Die Umwelt wird bedroht; die Bevölkerung kann doch nicht ewig wachsen« usw. Duve: Also Dissens gegenüber sowjetischen Naturwissenschaftlern! Harich: Es kommt noch schlimmer. Die tollste Kapriole haben sich Emil Rechtziegler und Otto Reinhold, zwei renommierte Wirtschaftswissenschaftler der DDR, geleistet. Rechtziegler schreibt in seinem – in der Bundesrepublik veröffentlichten – Aufsatz Grenzen des Wachstums oder Krise des Imperialismus: »Da Wachstum im Kapitalismus stets Wachstum des Kapitals ist, würde ›Nullwachstum‹ die Abschaffung des Kapitalismus voraussetzen, denn das Kapital kann, ohne zu akkumulieren, nicht existieren.« Anschließend bezieht Rechtziegler, um die daraus zu erklärende Aversion der kapitalistischen Unternehmer gegen die MIT-Studie zu belegen, sich auf den Unternehmer- 184 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ brief des Deutschen Industrieinstituts, aus dem er folgenden Satz zitiert: »Das Ergebnis (zu dem Meadows gelangt ist, WH) hat mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun, weil die Grenzen einer realistischen Aussage überschritten wurden.« Anstatt nun aber dieser antikapitalistischen Tendenz der MIT-Studie etwa in der Art Fjodorows seine Sympathie zu bekunden, fährt Rechtziegler im nächsten Satz fort: »Das in der Studie geäu- ßerte Ansinnen, ab 1975 zum ›Nullwachstum‹ überzugehen, ist zutiefst menschenfeindlich, da es Hunger und Elend in den Entwicklungsländern, ihre Abhängigkeit und Ausplünderung durch die imperialistischen Mächte zu verewigen trachtet.« Nach dieser Logik müssen wir über das Fortbestehen des menschenfreundlichen Kapitalismus froh sein, denn dessen Gesetzmäßigkeiten sorgen dafür, dass das »menschenfeindliche Ansinnen« Meadows keine Chance hat, verwirklicht zu werden. Ein zufälliger Lapsus? Keine Spur! Über ein Jahr später argumentiert Otto Reinhold im Neuen Deutschland, vom 16. November 1974, in einem Artikel, worin er u. a. zu der Westberliner Tagung des Club of Rome, vom Oktober 1974, Stellung nimmt, ebenso! Reinhold stellt zutreffend fest: »Die Forderung nach einem ›Nullwachstum‹ steht in Widerspruch zur kapitalistischen Ordnung«, um schon im übernächsten Absatz derselben Zeitungsspalte zu erklären, »angesichts der wissenschaftlich-technischen Revolution« und »der vielen ungelösten Probleme, vor denen die Menschheit steht«, bedeute die Stagnation, für die »Nullwachstum« nur ein anderes Wort sei, »in Wirklichkeit Rückschritt, Verzicht auf die Lösung dieser Probleme. Weder kann der Hunger in großen Teilen der kapitalistischen Welt überwunden, noch allen Menschen eine umfassende Bildung gesichert, noch können die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft im Interesse der Gesellschaft genutzt werden, wenn die Produktion nicht mehr wächst.« Dass diese Argumente fast wörtlich so in den negativen Stellungnahmen zu finden sind, die McNamara und Herman Kahn zur MIT-Studie abgegeben haben, sei nur am Rande vermerkt. Auch nach Reinholds Logik ist somit das Fortbestehen des kapitalistischen Systems zu begrüßen, da es Nullwachstum nicht zulässt, da eine solche reaktionäre Forderung zu ihm in Widerspruch steht. Duve: Das hat im Neuen Deutschland gestanden? Worin sieht Reinhold den Widerspruch zum Kapitalismus konkret? Harich: Er sieht ihn darin, dass es im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft nicht möglich ist, »das Wachstumstempo der Volkswirtschaft frei, d. h. bewusst und planmäßig, zu bestimmen«, und, damit zusammenhängend, in dem mit Sicherheit zu erwartenden Widerstand der Monopole, die »nicht den Ratschlägen des Club of Rome 185III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten zuliebe ihre Produktion dort einschränken werden, wo rasches Wirtschaftswachstum Profitsteigerung verspricht«. Das trifft beides zu, ebenso wie Rechtziegler recht hat, wenn er sagt, Wachstum im Kapitalismus sei stets Wachstum des Kapitals. Diese Aussagen, mit denen ich völlig einverstanden bin, sprechen aber gegen den Kapitalismus und nicht gegen die inhaltliche Vernünftigkeit der Meadowschen Vorschläge. Denn die Argumente, die McNamara und Herman Kahn gegen Meadows ins Treffen geführt haben und die Rechtziegler und Reinhold sich kritiklos zu eigen machen, sind leicht zu widerlegen. Die Wirtschaft ist ja ständig gewachsen, und Hunger und Unbildung wuchsen im kapitalistischen Teil der Welt, aus dem man die Dritte Welt ja nicht ausklammern kann, mit ihr. Wer gibt die Gewähr dafür, dass, wenn die Wirtschaft weiter wächst, diese Übel verschwinden werden? Die sozialen Übel werden nicht verschwinden, und die Naturbasis der Gesellschaft, der Ast, auf dem wir sitzen, wird obendrein zum Teufel gehen. Es ist notwendig, das Wachstum anzuhalten, weil andernfalls die Biosphäre zerstört wird. Und es ist deswegen auch notwendig, das, was schon gewachsen ist, und was, auch nach Meadows Urteil, in den Grenzen einfacher Reproduktion weiterhin nachwachsen soll, von nun an gleichmäßig zu verteilen, gleichmäßig zwischen armen und reichen Ländern, gleichmäßig innerhalb eines jeden Landes. Mit einem Wort: Wir müssen auf der ganzen Welt zum Kommunismus übergehen. Duve: Das sagen Meadows Empfehlungen jedoch nicht. Harich: Nein, natürlich nicht. Wie sollten Empfehlungen eines bürgerlichen Gelehrten aus Amerika das auch sagen können! Aber die Konsequenz gerechterer Verteilung hat aus ihnen der Sozialdemokrat Mansholt gezogen. Und Kommunisten, wie Rechtziegler, wie Reinhold, müssten sie, sollte man meinen, erst recht und noch radikaler ziehen. Warum nennen sie sich denn Kommunisten, wenn ihnen diese Lösung nicht als erstes einfällt? Kommunismus heißt: Gerechte Verteilung, konsequent, radikal durchgeführt. Darüber war sich schon zur Zeit der Französischen Revolution einer der ruhmwürdigsten Vorläufer von Marx und Engels, der Revolutionär Gracchus Babeuf, Führer der »Verschwörung der Gleichen«, im klaren, und für den Versuch, diese Konzeption zu verwirklichen, hat er 1797 auf dem Schafott sein Leben gelassen, zum Tode verurteilt von einem Gericht der Bourgeoisie des Directoire. Damals wäre bei gerechter Verteilung des Vorhandenen die Portion für jeden einzelnen ziemlich knapp ausgefallen. Aber vermutlich fällt sie nach fast 200 Jahren Wirtschaftswachstum, die wir inzwischen hinter uns gebracht haben, reichlicher aus. Warum es also nicht einmal so versuchen? 186 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Worauf will Reinholds ND-Artikel im ganzen hinaus? Harich: Reinhold behandelt die Krise, in der das kapitalistische System sich derzeit befindet. Als ideologischen Reflex dieser Krise wertet er die Forderungen des Club of Rome. Den Kapitalismus verurteilt Reinhold, weil er kein kontinuierliches, krisenfreies Wirtschaftswachstum erlaubt, das zu garantieren nur dem Sozialismus möglich sei. Das Wort »Kommunismus« kommt in dem Artikel nicht vor, wie es überhaupt in allen diesen Beitragen immer nur der Sozialismus ist, der dem Kapitalismus als Alternative gegenübergestellt wird. Der positive Wert des Wirtschaftswachstums steht danach außer Frage. Der Club of Rome, der diesen Wert problematisiert, ist der ideologische Hauptfeind. McNamara, Herman Kahn, der Bundesverband der Deutschen Industrie, Unternehmerorgane wie die Wirtschaftswoche und Die Unternehmung sind Verbündete gegen diesen Feind. Es sind jedoch schlechte, unzulängliche Verbündete, da, wie sich in der jetzigen Situation des Westens wieder einmal zeigt, die von ihnen verherrlichte kapitalistische Ordnung, die »freie Marktwirtschaft«, dem Wirtschaftswachstum nicht unbegrenzt förderlich ist, sondern ihm Schranken setzt, es immer wieder stört, immer wieder zurückwirft. Aber was wollen wir eigentlich? Das scheint auf den ersten Blick echt marxistisch gedacht zu sein! Oder finden wir im Kommunistischen Manifest, im Vorwort von Zur Kritik der politischen Ökonomie, im Kapital etwas von Nullwachstum? Finden wir dergleichen in der Kritik des Gothaer Programms, die das Wesen des Kommunismus definiert? Finden wir da nicht überall vielmehr den Gedanken, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse für die weitere Aufwärtsentwicklung der Produktivkräfte, denen sie erst angemessen gewesen sind, zu eng werden, dass sie ihr Fesseln auferlegen, die nur die proletarisch-sozialistische Revolution sprengen kann, dass, im Ergebnis dieser Revolution, nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, alle »Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen« sollen, voller, als vorher, im Kapitalismus, die des privaten Reichtums geflossen sind? Duve: Und hat nicht gerade Marx, im Manifest z. B., die Bourgeoisie für ihr welthistorisches Verdienst, die Produktion mit ungeheurem Tempo, in nie dagewesenem Umfang vorangetrieben zu haben, enthusiastisch gefeiert? Harich: Gewiss. Aber: Die Lehre von Marx hat eben noch ganz andere Seiten, denen heute, meine ich, mehr Gewicht beizumessen ist. Durch den Kapitalismus, sagt Marx in der Deutschen Ideologie, würden die Produktivkräfte zu Destruktivkräften. Genau das erleben wir jetzt. Die vom Kapitalismus geprägte industrielle Zivilisation ist in 187III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten höchstem Maße destruktiv. Destruktiv sind, wie besonders Barry Commoner gezeigt hat, ihre Technologien. Destruktiv sind auch viele der Konsumgewohnheiten, die wir unter dem Einfluss der auf Profit ausgerichteten kapitalistischen Produktion angenommen haben. Marx scheint dies, wenn auch nur der allgemeinen Tendenz nach, nicht im Detail, vorausgeahnt zu haben. Wie eindringlich Marx, inmitten des vergleichsweise idyllisch 19. Jahrhunderts, gelegentlich davor gewarnt hat, die Naturbasis der Gesellschaft außer acht zu lassen, habe ich bereits erwähnt. Hier noch zwei einschlägige Zitate aus Band I des Kapitals: »Mit dem stets wachsenden Übergewicht der städtischen Bevölkerung, die sich in großen Zentren zusammenhäuft, häuft die kapitalistische Produktion einerseits die geschichtliche Bewegungskraft der Gesellschaft, stört sie andererseits den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde, d. h. die Rückkehr der vom Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandteile zum Boden, also die ewige Naturbedingung dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter. Aber sie zwingt zugleich durch die Zerstörung der bloß naturwüchsig entstandenen Umstände jenes Stoffwechsels, ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung adäquaten Form herzustellen.« Und ferner: »Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Amerika z. B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.« Halten Sie diese Stellen zusammen mit Fjodorows Zitat der Marxschen Äußerung über das Buch von Fraas, über dessen »unbewusste sozialistische Tendenz«, dann werden Sie gewahr, dass Marx im Naturschutz, in der Abstimmung einer planvoll gezügelten Entwicklung der Kultur auf dessen Erfordernisse, eine zentra le Aufgabe des Sozialismus gesehen hat. Und schließlich hat Marx – um an das Wichtigste zu erinnern – nicht mehr, wie seine bürgerlichen Vorläufer Smith und Ricardo, den Aufstieg der Produktion als Selbstzweck betrachtet, geschweige dass er die für den Kapitalismus charakteristische Bestimmung der Produktion, Quelle von Profit, Mittel zur Verwertung der angehäuften Kapitalien zwecks Erzielung neuen, erweiterten Profits zu sein, gutgeheißen hatte. Im Gegenteil, damit macht der von Marx 188 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ konzipierte Sozialismus gerade Schluss, indem er die Produktion ausschließlich in den Dienst der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse stellt. Da erhebt sich doch, wenn man all dies zusammennimmt, die Frage, ob es beim gegenwärtigen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte nicht in Marx’ Sinne wäre, durch Übergang zum Nullwachstum à la Forrester und Meadows – oder zu »organischem Wachstum« à la Me saro vić und Pestel, das in den industrialisierten Regionen des Erdballs zumindest auf Nullwachstum hinausliefe – die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse mit dem Schutz und der Erhaltung der Biosphäre für immer in Einklang zu bringen. Unter kapitalistischen Bedingungen wird das nicht zu machen sein. Darin haben Rechtziegler und Reinhold recht. Aber wieso sollte nicht gerade dies zum Motiv werden, die Bourgeoisie überall dort, wo sie noch herrscht, zu stürzen, sie zu enteignen, den Kapitalismus zu beseitigen, um dann im Westen direkt, im Osten vom bereits bestehenden Sozialismus aus noch direkter, den Kommunismus zu verwirklichen? Der Kommunismus erlaubt Nullwachstum bzw. organisches Wachstum ohne weiteres. In ihm kann, wie Reinhold sagt, »das Wachstumstempo der Volkswirtschaft frei, d. h. bewusst und planmäßig, bestimmt«, also auch auf gewünschtem Stand, so wie die ökologischen Kriterien es verlangen, angehalten werden. Duve: Im Sozialismus noch nicht? Harich: Im Sozialismus auch. Eine sozialistische Gesellschaft indes, die sich dazu entschlösse, das zu tun, und eigens zu diesem Zweck, unter Ausschaltung der Marktbeziehungen, des Geldes, auch des Leistungsprinzips, ein umfassendes System rationierter Verteilung einführte, das die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse auf die Erhaltung der Biosphäre abstimmt, wäre bereits kommunistisch. Duve: Und würden in einer solchen Gesellschaft, wie es die Kritik des Gothaer Programms vorschreibt, »alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen«? Harich: Voller als was? Als die Springquellen des Reichtums von 1875? Das ist anzunehmen. Nur: Wie voll denn noch, wenn wir an die Springquellen von 1975 denken? Der Übergang zum Kommunismus bietet den Schlüssel für die Lösung aller Probleme der ökologischen Krise. Auch im Westen, wo die Entwicklung der industriellen Produktion einen solchen Stand erreicht hat, dass die jetzt noch kapitalistischen Länder im Zuge der proletarischen Revolution die sozialistische Phase werden überspringen können. Mir kommt es so vor, als wolle Fjodorow diese Möglichkeit mit seinem Ver- 189III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten gleich zwischen dem Club of Rome und den Utopisten vor Marx andeuten. Denn acht Seiten davor zitiert Fjodorow aus der MIT-Studie den Satz: »Der Zustand des globalen Gleichgewichts kann so projektiert sein, dass die wichtigsten materiellen Bedürfnisse eines jeden Menschen auf der Erde befriedigt werden und jeder Mensch die gleiche Möglichkeit hat, seine individuellen Fähigkeiten zu realisieren.« Und er knüpft daran den Kommentar: »Ich bin nicht sicher, ob den verehrten Wissenschaftlern bekannt ist, dass Karl Marx fast genau dieselben Worte benutzt hat, um kurz die kommunistische Gesellschaft zu charakterisieren«, worauf das wörtliche Zitat des berühmten Absatzes über die »höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft aus der Kritik des Gothaer Programms folgt. Duve: Verbindet auch Fjodorow damit die Forderung des Nullwachstums, kombiniert mit der Idee rationierter Verteilung? Harich: Nein, zu dieser Konsequenz schwingt er sich nicht auf. Dieser Einfall ist mir gekommen, und zwar Ende 1973, als für kurze Zeit in der Bundesrepublik die Rationierung des Benzins erwogen wurde. Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, und ich dachte: Warum nicht gleich alles rationieren? Und wenn ja, warum nicht auf sozialistischer Grundlage? Und wenn auf sozialistischer Grundlage, wäre das nicht bereits Kommunismus? Und wäre es nicht, in Folge der rationierten Verteilung, der Kommunismus Babeufs, zu dem die Arbeiterbewegung nur auf höherer Stufenleiter, mit einer dialektischen Spiralenbewegung – »Negation der Negation« – zurückkehren muss, nachdem fast 100 Jahre lang die »Springquellen« des kapitalistischen Reichtums voll geflossen sind? Später las ich Fjodorows Buch, und die eben angeführte Stelle darin komplettierte meine Überlegungen. Fjodorow selbst aber vergleicht, wie gesagt, den Club of Rome mit den utopischen Sozialisten, d. h., Peccei, Forrester, Meadows usw. sind für ihn die Saint-Simons unserer Epoche. Und was meint er, wenn er ihnen anrät, darüber nachzudenken, wer im Westen für die Verwirklichung ihrer humanen Ideen kämpfen könnte? Wer könnte denn das? Nur die Arbeiterbewegung im Bündnis mit allen Elementen der Gesellschaft, die von der ökologischen Krise tödlich bedroht sind! Die Genossen Reinhold, Forster, Puschmann, Grosse, Gärtner, Rechtziegler jedoch stellen sich hin und rufen sinngemäß den Arbeitern zu: »Fallt um Himmels willen nicht auf Reaktionäre und Obskuranten wie Peccei, Forrester, Meadows, Mesarović und Pestel herein, die wollen euch ins Elend stürzen! Hört dann schon lieber auf McNamara, den ehemaligen amerikanischen Kriegsminister, Schlächter des vietnamesischen Volkes, jetzigen Präsidenten der Weltbank, der euch, wie wir, sagt (wört- 190 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ lich): ›Wir brauchen das wirtschaftliche Wachstum, um unseren Beitrag zum Kampf gegen die Armut leisten zu können!‹ Hört auf Hanns Martin Schleyer, Vorsitzenden des westdeutschen Unternehmerverbandes; der sagt dasselbe, und er muss wissen, was er sagt, denn er hat schon immer zum ›Kampf gegen die Armut‹ beigetragen, besonders als SS-Scherge Heydrichs im nazistisch okkupierten Prag! Hört auf Herman Kahn, den erzreaktionären Chef-Futurologen der amerikanischen Monopolherren und Militaristen, einen Mann, der in seinen Zukunft-Szenarios mit kühler Gelassenheit gigantische Atomschlachten der Supermächte mit Hunderten Millionen Toten einkalkuliert hat! Hört auf ihn, wenn er euch klarmacht (wörtlich): ›Der Arbeiterklasse geht es bei wirtschaftlichem Wachstum gut‹, und wenn er auf die Gegenfrage: ›Auch, wenn das Wachstum Amok läuft?‹ nassforsch erwidert: ›Die Arbeiterklasse leidet als letzte darunter. Was zunächst einmal beim Wachstum geschieht und was die Leute nicht mögen, ist Bevölkerungsballung, zu viele Autos, Urbanisierung. Die Arbeiterklasse mag all das!« Duve: Ja, das ist Kahns Theorie: Die Besorgnisse um die Umweltzerstörung, den Rohstoffverschleiß, die Hungerkatastrophen in der Dritten Welt und »andere verrückte Ideen, die durch die Gegend schwirren«, seien überall nur bei der oberen Mittelklasse anzutreffen; der Arbeiterklasse sei dergleichen fremd; ihr gehe es nur darum, materiell besser zu leben. Harich: Aber das stimmt nicht. Es ist nachweislich glatte Verleumdung, wenn auch demagogisch verpackt in überschwängliches Lob für die Arbeiterklasse. Mansholt weiß folgendes zu berichten: »Kürzlich traf ich in Holland mit einer Gruppe jugendlicher Arbeiter zusammen und fragte sie, ob sie einverstanden seien, einen größeren Teil unseres Wohlstands mit den Entwicklungsländern zu teilen. Sie antworteten, sie seien durchaus bereit, mit den Armen der Dritten Welt zu teilen, wehrten sich aber dagegen, dass dies unter den gegenwärtigen Bedingungen und bei dem westlichen kapitalistischen System geschehe.« Stellen Sie sich nun vor, es wäre noch ein Ökologe dabei gewesen und hätte in populärer Zusammenfassung die verheerenden Auswirkungen des amoklau fen den Wirtschaftswachstums auf die Öko-Gefüge der Biosphäre erläutert. Ich bin sicher, diese Jungarbeiter hätten sich im Gedanken an die eigene Zukunft, mehr noch an die ihrer Kinder, zu jedem materiellen Opfer bereit erklärt unter der Bedingung, dass gleichzeitig das kapitalistische System beseitigt wird, dass die Reichen von der Bildfläche verschwinden. Diese unerlässliche Bedingung muss man natürlich immer hinzufügen, denn davon steht in der MIT-Studie nichts. Doch dafür sind ja wir Kommunisten da, dass wir in dem Punkt die nötigen Ergänzungen anbringen. Hier noch 191III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten ein Beispiel, das gegen Kahns Vermutungen über die Haltung der Arbeiterklasse spricht. Ich habe es bei Guy Biolat gefunden. Die »Humanité Dimanche«, berichtet er, hat sich Anfang 1972 an einen repräsentativen Querschnitt von 1714 Personen mit der Umfrage gewandt, ob der industriell-technische Fortschritt mit seiner Umweltverschmutzung mehr Nachteile oder mehr Vorteile bringe. 48 % der Befragten hätten darauf, schreibt Biolat, geantwortet: »Mehr Nachteile«, nur 23 %: »Mehr Vorteile«, wobei in der ersten Gruppe der Anteil der Arbeiter, in der zweiten der der »höheren Leitungskräfte und Freiberuflichen« erheblich größer gewesen sei. Duve: Für Biolat müsste das ein Grund sein, an die Frage anders heranzugehen als die vorhin von Ihnen zitierten Wachstumsfreunde unter den deutschen Kommunisten. Harich: Man sollte es meinen. Leider ist davon keine Rede. Sein Buch ist ein Konglo me rat absurder Widersprüche. Es klärt den Leser weniger auf, als es ihn in Konfusion stürzt. Einerseits kann Biolat sich darin nicht genugtun, die Ökologie zu preisen. Andererseits bezeichnet er z. B. die Pestizide als »unentbehrliche Produkte« – von der Möglichkeit biologischer Schädlingsbekämpfung scheint er noch nichts vernommen zu haben – und begeistert sich sogar für den Bau der »Concorde«. Hören Sie, was demgegenüber Medunin auf dem Moskauer Symposion »Mensch und Umwelt« zum Thema Düsenflugzeuge und Pestizide zu vermelden hatte. »Bekanntlich ist fast der gesamte freie Sauerstoff der Atmosphäre biogenen Ursprungs«, sagte er, »etwa 30 % setzen die Grünpflanzen des Festlandes frei, 70 % die Algen des Weltmeeres. Berücksichtigt man, dass zwei Drittel der Weltbestände an Wald bereits vernichtet sind und der Holzeinschlag bisher die Neupflanzung bedeutend übersteigt, dann werden die Aufrufe der Ökologen verständlich, den Ozean reinzuerhalten und die Grünflächen auf der ganzen Erde zu vergrößern. Die Erdbevölkerung benötigt immer mehr Sauerstoff, nicht so sehr für Atemzwecke als vielmehr für die schnelle Entwicklung von Industrie und Verkehr. Ein Kraftfahrzeug verbraucht beispielsweise auf 1 000 Kilometer ebensoviel Sauerstoff, wie ein Mensch im Verlauf eines Jahres zum Atmen benötigt. Ein Düsenflugzeug (!) braucht für einen Transatlantikflug 30 bis 50 Tonnen reinen Sauerstoffs. Ein beträchtlicher Teil dieses Sauerstoffs verbindet sich allerdings mit dem Kohlenstoff des Treibstoffs zu Kohlensäure, die von den grünen Pflanzen des Ozeans und des Festlandes neu zersetzt wird. Im letzten Vierteljahrhundert sind in der Biosphäre jedoch zwei neue Faktoren wirksam geworden, die die Effektivität der Photosynthese stark herabsetzen. Der eine dieser Faktoren sind Erdöl und Erdölprodukte, der andere die Pestizide (!), vor allem das DDT.« Ich will weitere Details nicht auch noch 192 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ zitieren. In einem Satz zusammengefasst, besagen sie, dass der Menschheit u. a. von der Kombination des Sauerstoffverbrauchs der Düsenflugzeuge mit den ins Meer geschwemmten Pestiziden, die dort die Produktivität des Phytoplanktons vermindern, allmählicher Erstickungstod droht. Es sind diese und weitere Fakten, die Medunin zu dem Schluss kommen lassen: »Erstmalig ist in der Geschichte eine Situation entstanden, in der die Existenz des Homo sapiens als biologische Art in Frage gestellt ist.« Duve: An Düsenflugzeugen fehlt es in der Sowjetunion aber auch nicht. Harich: Eben. Desto größere Anerkennung verdient es, wenn ein sowjetischer Gelehrter in aller Öffentlichkeit warnend auf die damit verbundenen Gefahren hinweist. Biolat aber verteidigt im kapitalistischen Westen das »Concorde«-Projekt der englischen und französischen Imperialisten, obwohl ihm aus der »Humanité Dimanche« bekannt ist, dass die französischen Werktätigen, im Unterschied zu den »höheren Leitungskräften und Freiberuflichen«, also den Bourgeois, in ihrer Mehrheit überzeugt sind, derartige industriell-technische »Errungenschaften« brächten mehr Nachteile als Vorteile. Mit derselben Verantwortungslosigkeit distanziert dieser famose Ökologe sich von »demagogischen Kampagnen gegen die Kernkraftwerke«. Duve: Wie in der Bundesrepublik die DKP. Nur soweit für sie zweckmäßig, werden die Bürgerinitiativen von ihr unterstützt. Grundsätzlich scheint die DKP dafür, dass bei uns in breitem Umfang Atomreaktoren für die Bewältigung unserer Energie proble me errichtet werden. Harich: In diesem Sinne argumentiert auch Gärtner: »Wie oft werden nicht optimale technische und standortmäßige Lösungen verlangt, sondern wird der Bau solcher Kraftwerke überhaupt abgelehnt. Die Urheber solcher Forderungen müssten sich im Grunde einverstanden erklären mit einer Einschränkung der Energieproduktion, einer daraus resultierenden generellen Verschlechterung des Lebensstandards und sogar mit Arbeitslosigkeit. Auf der Basis eines generellen Misstrauens wird der Kampf gegen die Konzerne zum Kampf gegen die eigene Zukunft.« Fragt sich nur, wie lange diese Zukunft in dicht besiedelten Ländern mit zig Kernkraftwerken dauern wird und wo es da »optimale« Standorte überhaupt geben kann. Kernkraftwerke heizen mit gefährlichen Folgen für das Klima die Atmosphäre auf. Und Plutonium 239, mit seiner Halbwertzeit von über 2400 Jahren, ist, abgesehen von seiner Radioaktivität, so giftig, dass das Einatmen von zehn Millionstel Gramm tödlichen Lungenkrebs hervorruft. Eine Plu- 193III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten toniumkugel von Pampelmusengröße reichte bei gleichmäßiger Verteilung ihres Inhalts aus, alle heute auf dem Erdball lebenden Menschen zu töten. Gegen einen solchen Stoff gibt es keine ausreichenden Schutzmaßnahmen in einer Welt, in der Naturkatastrophen, wie etwa Erdbeben, vorkommen oder auch Konflikte zwischen Staaten und innerhalb von Staaten, ganz vorsichtig ausgedrückt, denkbar sind. Unvorhersehbares Versagen eines Einzelnen, von Terroranschlägen gar nicht zu reden, könnte auf einen Schlag Millionen Menschen das Leben kosten. Biolat und Gärtner sollten sich einmal zu Gemüte führen, was der große amerikanische Chemiker Linus Pauling, ein Freund der Sowjetunion, hochverdient im Kampf um die Erhaltung des Weltfriedens, ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Chemie, dem Friedens-Nobelpreis und dem internationalen Lenin-Friedenspreis, zu diesem Problem geäußert hat: »Diese Reaktoren sind«, sagte er, »nicht sicher in dem Sinn, dass eine Katastrophe unwahrscheinlich wäre. Es hat genügend Reaktorpannen gegeben, um zu beweisen, dass Unfälle an Reaktoren geschehen können. Ich persönlich glaube, dass Atomreaktoren auf der Basis der Kernspaltung nicht gebaut werden sollten, denn sobald sie einmal gebaut sind – mit Hunderten von Millionen Dollar an Investitionen für jeden einzelnen –, ist es nahezu sicher, dass sie auch eingesetzt werden. … Es ist möglich, aus einer Fabrik, die spaltbare Isotope produziert, eine bestimmte Menge von spaltbarem Material zu entwenden, ohne dass der Verlust entdeckt werden müsste. Dieses spaltbare Material könnte in die Hände skrupelloser Leute gelangen, sogar in die des Führers irgendeiner kleinen Nation. Oder auch nur in die einer Privatperson oder privaten Organisation, die es dann zum Schaden der Welt verwenden könnte. … Ich glaube, dass es für die Wohlfahrt der Menschheit, für das Glück des Einzelnen nicht nötig ist, dass immer größere Energiemengen zur Verfügung stehen und dass wir zulassen, dass simple wirtschaftliche Entscheidungen von Tag zu Tag die Natur des Lebens bestimmen, das wir in der Zukunft leben werden. … Ich plädiere dafür, überhaupt keine Atomkraftwerke zu errichten.« Welcher Kommunist, frage ich, bringt es fertig, die Warnungen eines solchen Mannes einfach in den Wind zu schlagen? Genau das aber tun Biolat und Gärtner, wenn sie Bürgerinitiativen, die mit vollem Recht dieselben Argumente geltend machen, Demagogie vorwerfen. Duve: Ist auf dem Moskauer Symposion die friedliche Nutzung der Kernenergie ebenfalls in Frage gestellt worden? Harich: Leider nur am Rande von G. I. Zaregorodzew, der an der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der UdSSR den Lehrstuhl für Philosophie innehat. 194 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Dieser Redner beschäftigte sich mit der Ausbreitung neuer Krankheiten – genetischer, toxikologischer, allergischer und endokriner, die auf die Einführung neuer Stoffe und Energiearten zurückzuführen sind –, und ging in diesem Zusammenhang u. a. auch auf die mit der steigenden Radioaktivität verbundenen Gefahren ein. Indirekt enthielt Rytschkows detaillierte Warnung vor den zu befürchtenden Schädigungen des menschlichen Erbguts eine Kampfansage an jede Art Verwendung von Kernenergie. Duve: Glauben Sie, dass es der Überzeugung dieser beiden sowjetischen Wissenschaftler entsprechen würde, den Appell Linus Paulings zu unterstützen? Harich: Unbedingt. Die Logik ihrer Argumente lässt keinen anderen Schluss zu. Duve: Nach Ihren Ausführungen zu urteilen, kann gegenüber den Problemen der ökologischen Krise und, damit zusammenhängend, in der Einstellung zum Club of Rome von monolithischer Geschlossenheit bei den Kommunisten nicht mehr die Rede sein. Harich: Die Meinungsverschiedenheiten sind äußerst schroff, bewegen sich aber, soweit sie artikuliert werden, doch in den Grenzen, die durch die Generallinie der Partei, insbesondere der sowjetischen, abgesteckt sind. Im Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XXIV. Parteitag der KPdSU (1971) hat Breshnew erklärt: »Bei der Durchführung der Maßnahmen zur Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts müssen wir alles tun, um ihn mit dem Schutz der Natur zu verbinden; der wissenschaftlich-technische Fortschritt darf nicht zum Ausgangspunkt einer gefährlichen Verschmutzung der Luft und des Wassers, der Bodenerschöpfung werden.« Nun ist die Ökologie auch eine Wissenschaft, und die Technik kann grundsätzlich in umweltfreundlicher Richtung voranschreiten. Der Ruf nach wissenschaftlich-technischem Fortschritt braucht also an sich, zumal wenn er mit solch energischer Befürwortung des Naturschutzes verbunden auftritt, die Bejahung von Wirtschaftswachstum nicht einzuschließen. Aber der auf demselben Parteitag beschlossene Volkswirtschaftsplan ist nun einmal noch wachstumsorientiert, so dass sich für einen Sowjetbürger, namentlich wenn er der Partei angehört, eine direkte Bejahung des von Forrester und Meadows empfohlenen Nullwachstums, jedenfalls für den Augenblick, hier und jetzt, von selbst verbietet. Andererseits können aber auch die Wachstumsfetischisten in Anbetracht von Breshnews unmissverständlichen Ausführungen nicht wagen, dafür zu plädieren, dass 195III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten die wirtschaftliche Entwicklung ohne Rücksicht auf die Umwelt vorangetrieben werden solle. Duve: Welche hauptsächlichen Gruppierungen haben sich innerhalb dieses Rahmens herausgebildet, und wie operieren sie? Harich: Die am meisten ökologisch problembewusste Gruppe – ich möchte sie die der konsequenten Ökologisten nennen – warnt eindringlich, gestützt auf ein umfangreiches Material naturwissenschaftlicher Daten, vor den heraufziehenden Gefahren und trägt zugleich aus dem Vermächtnis der marxistischen Klassiker alles zusammen, was darauf schließen lässt, dass diese, lebten sie heute, sich dafür einsetzen würden, Produktion und Konsumtion auf die Notwendigkeit der Erhaltung der Biosphäre abzustimmen. Über das Wirtschaftswachstum aber, das bei voller Berücksichtigung ihrer Argumentation, gestoppt werden müsste, schweigt diese Gruppe sich aus. Ja, deren Protagonisten erwähnen oft nicht einmal, dass von Forrester, Meadows usw., die sie rühmen, auf deren Befunde sie sich berufen, Nullwachstum vorgeschlagen worden ist. Oder wenn sie es erwähnen, dann sagen sie, dies sei ein umstrittener Punkt, über ihn müsse noch nachgedacht werden u. dgl. Äußerstenfalls werden sehr allgemein gehaltene, geradezu geschichtsphilosophische Postulate formuliert, die, wenn man sie in wirtschaftswissenschaftliche Kategorien übersetzt, auf die Befürwortung von Nullwachstum hinauslaufen, was aber nicht jedermann auf Anhieb merkt. Duve: Können Sie dafür ein Beispiel nennen? Harich: Auf dem Moskauer Symposion »Mensch und Umwelt« erklärte Rytschkow: »Wir sollten endlich von den immer noch dominierenden Vorstellungen über die Entwicklung der Menschheit als Prozess der weiteren ›Unterwerfung‹, ›Umgestaltung‹ und ›Verbesserung‹ der Natur, der Schaffung einer ›Biotechnosphäre‹ usw., d. h. vom extensiven Typ der Entwicklung des Lebens, übergehen zur philosophischen, psychologischen, ethisch-ästhetischen und naturwissenschaftlichen Analyse der Möglichkeit eines stationären Zustands der Menschheit im System der Natur. Die Realisierung dieser Möglichkeit würde den Übergang zu einem intensiven Entwicklungstyp der menschlichen Form des Lebens bedeuten, wie er nach einer Phase der Expansion bei allen neuen Formen des Lebens zu beobachten ist.« Stationärer Zustand der Menschheit im System der Natur, dieser Gedanke schließt selbstredend eine Absage an das falsche Ideal unaufhörlichen wirtschaftlichen Wachstums ein. Nebenbei bemerkt, hat Rytsch- 196 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ kow mit dem »intensiven Entwicklungstyp«, der auf die bisherige »Phase der Expansion« folgen sollte, im Grunde bereits die Konkretisierung des abstrakt-pauschalen Programms von Forrester, Meadows usw. durch Mesarović-Pestels Postulat eines »organischen Wachstums« vorweggenommen. Dass Rytschkow dem Club of Rome geistig sehr nahesteht, erhellt aus seiner Äußerung: »Die Frage nach der Bestimmung der optimalen Grenzen und Normen, die das Gleichgewicht des Menschen mit den anderen Komponenten des Biosystems sichern, kann heute nicht mehr als unberechtigt oder als Ausdruck von Pessimismus betrachtet werden.« Der Vorwurf des Pessimismus ist bekanntlich die Flagge, unter der sich die Wachstumsfetischisten aus allen Lagern gegen den Club of Rome zusammenrotten. Duve: Sie halten den Club nicht für pessimistisch? Harich: Nein, nein und nochmals nein. Wer die Studie von Meadows bzw. die von Mesarović-Pestel sowie die Stellungnahmen des Clubs zu beiden Arbeiten für pessimistisch, für Untergangsprophetien erklärt, ist entweder ignorant oder gedankenlos oder ein demagogischer Verleumder. In beiden Studien werden mit Hilfe der Computertechnik gegenwärtige Trends der Weltentwicklung in die Zukunft hinein extrapoliert, aber nicht, um die Unausweichlichkeit der heraufziehenden Katastrophen glaubhaft zu machen, sondern um diese abwenden zu helfen, wobei jedesmal Vorschläge unterbreitet werden, wie das vermeidbar Schreckliche vermieden werden kann. Mit Pessimismus hat das so wenig zu tun wie die Warnung eines Arztes an einen Kettenraucher, er werde, wenn er so weitermache, demnächst an Lungenkrebs oder Herzinfarkt zu Grunde gehen. »Wenn ihr so weitermacht, dann …«, das ist, populär gefasst, der Leitgedanke der hypothetischen Prognosen des Club of Rome. »Macht ruhig so weiter«, versichern uns die Wachstumsfetischisten, wenn sie die uns bedrohenden Gefahren optimistisch herunterspielen und verniedlichen. Ihr ruchloser Optimismus gleicht dem der Zigarettenfirmen, die dem Nikotinsüchtigen mittels Reklame vorgaukeln, dass ihre Produkte, wenn nicht gesundheitsfördernd, so doch unschädlich seien. Den Club of Rome von vorgeblich optimistischen Positionen aus bekämpfen heißt dazu beitragen, die Katastrophen, die er aufzuhalten sucht, zu beschleunigen und zu verschlimmern. Der Arbeiterbewegung liegt nichts ferner als eine solche Art von Optimismus. Sie hat wieder und wieder das Proletariat, das ganze werktätige Volk vor Gefahren gewarnt, die andere Parteien nicht wahrhaben wollten: Vor Kriegs- und Krisengefahr, vor faschistischen Gefahren. Sie hat damit die Massen aufrütteln wollen, und wenn das Befürchtete – was leider selten genug der Fall war – dann ausblieb, so nicht, weil sie 197III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten die Dinge zu pessimistisch gesehen hatte, sondern weil ihre Warnungen gehört worden waren. Duve: Nun zu der Gegenfraktion, den »Wachstumsfetischisten«. Wie geht diese Gruppierung vor? Harich: Sie war, soweit sich das aus dem Protokoll beurteilen lässt, auf dem Moskauer Symposion, wenn überhaupt, so nur schwach vertreten, ist aber ansonst in der kommunistischen Bewegung noch außerordentlich stark. Diese Leute verschweigen nicht, was Forrester, Meadows u. a. der Wirtschaft vorgeschlagen haben. Im Gegenteil, sie stürzen sich auf diesen einen heiklen Punkt, das Nullwachstum, und benutzen ihn, um den Club of Rome pauschal als pessimistisch, reaktionär, menschenfeindlich usw. zu denunzieren. Ihrer leidenschaftlichen Verteidigung des Wirtschaftswachstums fügen sie dann jedesmal ein paar oberflächliche, substanzlose Floskeln über den unbestreitbar wichtigen und nützlichen Umweltschutz hinzu, wobei sie aber meist so tun, als zerstöre nur die kapitalistische Industrie die Natur, die, seit der Oktoberrevolution, in allen sozialistischen Ländern eigentlich schon immer vorbildhaft geschützt worden sei. Unter dem Deckmantel tiefster Überzeugtheit von den Vorzügen des sozialistischen Systems wird auf diese Weise dafür plädiert, alles beim alten zu belassen, d. h. die ganze ökologische Problematik nach wie vor auf die leichte Achsel zu nehmen. Da dies aber auch gegen die Parteilinie verstieße, gegen den einschlägigen Passus in Breshnews Rechenschaftsbericht, da es weiter das neue Gesetz »Über die Verstärkung des Naturschutzes in der UdSSR«, vom September 1972, sowie die analogen Gesetze in den übrigen sozialistischen Ländern, darunter das Landeskulturgesetz der DDR, in Frage stellen würde, spricht man nicht offen aus, dass man sich einzig und allein vom Wirtschaftswachstum eine glücklichere Zukunft verspricht. Soweit die Wachstumsfetischisten zuzugeben bereit sind, dass an den Warnungen des Club of Rome »etwas Wahres dran« ist, beziehen sie sie auf die Krisenerscheinungen im kapitalistischen Teil der Welt, die von Forrester, Meadows usw. gesehen, aber unzulässigerweise zu einer allgemeinen Krise im Verhältnis von Mensch und Natur aufgebauscht würden. Duve: Wo steht Fjodorow? Harich: Er steht zwischen beiden Extremen. Sein Buch ist der Versuch einer Spezifizierung und Konkretisierung der Forderungen Breshnews. Fjodorow referiert objektiv, voller Respekt, im Wesentlichen zustimmend, was Forrester, Meadows, aber auch an- 198 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ dere westliche Gelehrte, namentlich Barry Commoner, zu den ökologischen Problemen ausgeführt haben, ergänzt es durch gleichlautende oder ähnliche Befunde sowjetischer Wissenschaftler, darunter eigene, verschweigt dabei keineswegs, dass die MIT-Studie Nullwachstum postuliert, und – lehnt diese Forderung ab, aber voller Gelassenheit, ohne sich künstlich aufzuregen und ohne irgend jemanden zu diffamieren. Bei alledem ist Fjodorows Position nicht frei von den Widersprüchen und Eklektizismen einer auf Ausgleich bedachten Diplomatie, ein Nachteil, der aber in hohem Maße durch Besonnenheit, das Bemühen, auch in der Auseinandersetzung mit Gegnern sachlich zu bleiben, und die Bereitschaft, dazuzulernen, ausgeglichen wird. Duve: Mir welcher Begründung lehnt Fjodorow Nullwachstum ab? Harich: Die Gefahr, sagt er, liege nicht im Wirtschaftswachstum an sich – das sei eine einseitige Übertreibung –, sondern in einer schlecht organisierten Beziehung von Technik und Natur, die der Sozialismus besser zu organisieren im Stande sei. Duve: Im Stande sei. Also nicht: schon bewerkstelligt habe. Harich: Nein, im Stande sei. Frühere Verdienste der sowjetischen Gesetzgebung auf dem Gebiet des Naturschutzes werden von Fjodorow zwar eingehend gewürdigt, doch er bezeichnet sie als noch längst nicht ausreichend. Das Gewicht liegt bei ihm auf der Betonung der grundsätzlichen Fähigkeit des Sowjetsystems, mit diesem Problem fertig zu werden, während die Wachstumsfetischisten glaubhaft machen wollen, dass der Sozialismus automatisch eine harmonische Beziehung von Mensch und Natur hervorbringe. Duve: Welche anderen sowjetischen Wissenschaftler teilen die mittlere Position Fjodorows? Harich: Unter den Rednern des Moskauer Symposions wurde sie von den meisten geteilt, von Gerassimow, Chilmi, Ignatjew, Doskatsch, Kormer, Krawtschenko, Sadow, Kamschilow, Oldak, Darbanow, Tschikin, Medwedkow, Gussew, Zaregorodzew, Stepanski, Chosin, Gorelow, Panfilow, Los, wobei sich aus den diversen Fachrichtungen, die diese Gelehrten vertreten, jeweils Modifizierungen ergaben, auf die einzugehen hier zu weit führen würde. Die Grenze zu der Gruppe der konsequenten Ökologisten ist 199III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten übrigens fließend. Von dem Limnologen Kamschilow würde ich z. B. meinen, dass er zwischen diesen und der mittleren Gruppe steht. Duve: Wird von der mittleren Gruppe Nullwachstum durchweg abgelehnt? Harich: Auf dem Symposion ist keiner der Redner auf dieses Thema eingegangen. Außer Fjodorow, der es übrigens auch in seinem Buch behandelt. Wie die anderen Vertreter der mittleren Gruppe darüber denken, weiß ich nicht. Duve: Der Wachstumsfetischismus, sagen Sie, machte sich auf dem Symposion, wenn überhaupt, so nur schwach bemerkbar. Welche Redner schienen am ehesten dahin zu tendieren? Harich: Auf mich machte einen unangenehmen Eindruck der bis zur Inhumanität biologistische Beitrag Geodakjans, der die Gefahr der Übervölkerung mit der Begründung abstritt, dass sie sich durch die in der organischen Natur gesetzmäßigen Rückkoppelungsmechanismen von selbst erledigen werde. Ob diese – isoliert dastehende – Verirrung Ausdruck einer wachstumsfetischistischen Konzeption ist, vermag ich nicht zu sagen, da der Redner auf Probleme der Technik und Ökonomie auch nicht entfernt einging. Es könnte aber sein. Mir hochgradiger Wahrscheinlichkeit vermute ich nur bei dem Geographen L. S. Abramow, dass er Wachstumsfetischist ist. Er war der einzige, der mit der These auftrat, dass »die Vorstellungen von einer katastrophalen Verschlechterung der natürlichen Umwelt, von der Erschöpfung der Ressourcen und einem Mangel an Raum« zur »feindlichen Ideologie« gehörten und für »antisozialistische, antisowjetische Machwerke« typisch seien. Sonst waren solche Töne nicht zu hören. Duve: Berühren oder überschneiden diese Gruppierungen, die im Zusammenhang mit der ökologischen Krise neu entstanden sind, sich mit den uns im Westen von früher her vertrauten Dissidenten von der Art Professor Sacharows? Harich: Ich habe keine Ahnung, wie Sacharow zu dem Problem »Mensch und Umwelt« steht. Als Naturwissenschaftler müsste er für die Argumente der konsequenten Ökologisten aufgeschlossen sein oder zumindest die »mittlere Linie« Fjodorows bejahen. Nur vergessen Sie eines nicht: Sacharow ist ein Technokratentyp mit unverhohlen starker Sympathie für den Westen. Er hat immer, von seinem berühmten ersten Memorandum an, seine Liberalisierungsvorschläge mit der Notwendigkeit begründet, dass 200 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ die Sowjetunion hinsichtlich der Arbeitsproduktivität und des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nicht länger hinter dem Westen hinterherhinken dürfe, dass sie, vor allem, danach streben müsse, für immer ihre Überlegenheit gegenüber China aufrechtzuerhalten. Zieht man diese Grundtendenz seiner politischen Opposition in Betracht, so gelangt man zu der Vermutung, dass Sacharow am ehesten extremer Wachstumsfetischist sein dürfte. Und wenn er sich inzwischen geistig in angemessener Weise auf die ökologische Krise eingestellt haben sollte – wofür keine Anzeichen vorliegen –, dann wäre das ein ganz neues Moment seiner Entwicklung, das nicht auf der Linie seiner politischen Auffassungen läge. Womit ich beileibe nicht behaupten will, dass die Gruppe der Wachstumsfetischisten aus Sacharow-Anhängern bestünde. Politisch ist das gewiss nicht der Fall. Man kann höchstens sagen, dass der Wachstumsfetischismus starke Affinität zu den wissenschaftlich-technischen Erfolgen des Westens, gepaart mit neidvoller Bewunderung für den westlichen Lebensstandard, einschließt und dass speziell Sacharow und seine Sympathisanten dem noch ihre Vorliebe für die westliche pluralistische Demokratie hinzufügen. Duve: Sie halten die konsequenten Ökololgisten nicht für Oppositionelle? Harich: In politischer Hinsicht sind sie es auf keinen Fall. Denn gerade sie betonen mit stärkster Emphase die Überlegenheit des sowjetischen sozialistischen über das westliche kapitalistische System. Sie wollen nicht, wie die Dissidenten à la Sacharow, die bestehende Machtstruktur verändern, sondern sie so, wie sie ist und wie sie bleiben soll, für maximale Anstrengungen zur Bewältigung der ökologischen Krise eingesetzt wissen. Sie sind überzeugt davon, dass die Sowjetunion und die um sie sich gruppierende sozialistische Staatengemeinschaft über alle Potenzen verfügen, die hierfür vorbildhaften Lösungen zu schaffen – vorbildhaft für die ganze übrige Welt. Freudig begrüßen sie alles, was in dieser Richtung bereits getan worden ist und getan wird – wie etwa die zur Rettung des Baikalsees eingeleiteten Maßnahmen, die ja international wirklich einzig dastehen sollen –, und schonungslos prangern sie das noch Versäumte an, immer streng loyal, immer konstruktiv, immer gedeckt durch die Ausführungen Breshnews auf dem XXIV. Parteitag und durchdrungen von der Mission ihres sozialistischen Vaterlandes, der Menschheit mit gutem Beispiel voranzugehen. Duve: Wie erklären Sie sich die extremen Gegensätze, die man in der Einstellung der Kommunisten zur ökologischen Krise und, in dem Zusammenhang, zum Club of Rome beobachten kann? 201III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten Harich: Um das Psychologische vorwegzunehmen, sind die Wachstumsfetischisten in der Regel Menschen, denen es an geistiger Elastizität fehlt. Es fällt ihnen daher schwer, sich für das Unerwartete offenzuhalten. Ihr Denken bewegt sich in eingefahrenen Gleisen. Sie wollen neue Krankheiten nach alten Rezepten kurieren. Duve: Bei den westlichen Varianten verhält es sich ähnlich. Harich: Die Starrheit erklärt jedoch nicht alles. Wichtiger ist der Gegensatz, der aus den geistig einengenden Folgen der Arbeitsteilung, aus der durch die Spezialisierung der Tätigkeiten, Interessen und Neigungen resultiert. Dieses Erbübel der kapitalistischen Zivilisation, gegen das schon die deutsche Klassik ihr Persönlichkeitsideal17 aufrichtete, wird vollständig erst im vollendeten Kommunismus verschwinden. Der Sozialismus und erst recht die unter kapitalistischen Bedingungen kämpfende Arbeiterbewegung sind noch – um einen Ausdruck Jean Pauls zu gebrauchen – mit »Einkräftigkeit« behaftet. Bis zu einem gewissen Grade kann der Einfluss, den die dialektisch-materialistische Philosophie auf die intellektuellen Kader ausübt, dem entgegenwirken, aber immer nur in Einzelfällen. Überwinden lässt das Übel sich mit rein geistigen Mitteln nicht. Dazu bedürfte es anderer gesellschaftlicher Voraussetzungen, eben kommunistischer, die noch nirgends existieren. Duve: Womit wir wieder bei Forresters Ruf nach dem neuen »Renaissancemenschen« wären bzw. bei dem Jungkschen Leitbild des »Generalisten«. Harich: Genau. Auch in der kommunistischen Bewegung sind heute die »Generalisten« noch selten. Daher reagieren die Kommunisten auf den Club of Rome unterschiedlich, gegensätzlich, je nachdem, ob sie zu seinen Postulaten mit dem Blick mehr auf die Natur oder mehr auf die Gesellschaft Stellung nehmen. Der von der Naturwissenschaft herkommende Teil der Intelligenz, repräsentiert durch Mahner wie Kapiza, Rytschkow, Budyko, ist eher dafür prädisponiert, den Warnungen der Ökologen Gehör zu schenken, während die Gesellschaftswissenschaftler – die Ökonomen, Soziologen, Historiker – dazu neigen, ihre Kassandrarufe nicht allzu ernst zu nehmen. Um so 17 (AH) Zu diesem Thema nahm Harich in den späten vierziger und fünfziger Jahren nicht nur in seinen philosophiegeschichtlichen Vorlesungen (siehe die entsprechenden Ausführungen in den Bänden 3, 4, 5, 6.1 und 6.2) Stellung, sondern auch in weiteren literaturwissenschaftlichen und philosophiegeschichtlichen Aufsätzen und Arbeiten (siehe exemplarisch die Ausführungen zu Kant, Band 3, Herder, Band 4, und Hegel, Band 5; in diesen auch beispielsweise seine Interpretationen Goethes). 202 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ höher ist ein Mann wie Medunin zu schätzen, der als Volkswirtschaftler, tätig am Akademie-Institut für Ökonomie des sozialistischen Lagers, auf dem Moskauer Symposion mit souveräner Kenntnis naturwissenschaftlicher Details echt ökologisch argumentiert hat. Hier scheint es sich um einen »Generalisten« zu handeln. Dasselbe gilt für den Hydrometeorologen Fjodorow und den Limnologen Kamschilow, die, umgekehrt, als Naturwissenschaftler gleichwohl ein Organ für die gesellschaftlichen Realitäten, für Ökonomie, Technik und Politik haben, denen Begriffe wie Klassenkampf u. dgl. nicht fremd sind. Doch das sind Ausnahmen. Die Redaktion der Woprossy filosofii scheint dies übrigens empfunden zu haben. Denn die nächste von ihr arrangierte Round-table-Konferenz war 1973 der Frage gewidmet, ob die marxistischen Philosophen bereits hinreichend ihrer Aufgabe gerecht werden, die Kluft zwischen natur- und gesellschaftswissenschaftlichem Denken zu schließen. Duve: Naturwissenschaftliche Bildung begünstigt also den Anschluss an die Gruppe der konsequenten Ökologisten und damit Aufgeschlossenheit gegenüber dem Club of Rome. Die reinen Gesellschaftswissenschaftler dagegen sind für den Wachstumsfetischismus anfälliger. Harich: Tendenziell verhält es sich so. Ausnahmen, wie Medunin, bestätigen die Regel. Auch negativ zu bewertende Ausnahmen, wie der offenbar wachstumsfetischistisch eingestellte Geograph Abramow, bestätigen sie. Duve: Demnach wäre die erste Einseitigkeit heute das kleinere, die zweite das größere Übel. Harich: Georg Lukács hat einmal gesagt, jede Epoche habe ihre eigene Leitwissenschaft. Von der Renaissance bis zum 18. Jahrhundert sei dies die Physik gewesen, vom Ausgang des 18. bis ins 20. Jahrhundert abgelöst durch die politische Ökonomie. Heute, so füge ich hinzu, hat diese Rolle die Biologie übernommen. Das Hinauswachsen einer ihrer Unterdisziplinen, der Ökologie, über die Grenzen ihres ursprünglichen Gegenstandsbereichs bis zur breiten Einbeziehung selbst der gesellschaftlichen Problematik liefert dafür den wissenschaftsgeschichtlichen Beweis. Für das Alltagsdenken lässt der Beweis sich einfacher erbringen: Ein gesunder Mensch kümmert sich nicht viel um seinen Organismus. Er geht auf in der manuellen oder geistigen Betätigung, die sein Beruf ihm abverlangt. Doch eines Tages kriegt der Arbeiter eine Staublunge und der Gelehrte Kreislaufschwäche. Beide entdecken dann, dass sie einen Körper haben und schlep- 203III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten pen ihn, damit er wieder kuriert werde, zum Arzt. So ergeht es jetzt der industriellen Zivilisation. Sie hat zu lange, wie alle eifrig beschäftigten Leute, ihre organische Seinsgrundlage sowohl vergessen als auch überstrapaziert. Jetzt sucht sie den für sie zuständigen Arzt: den Ökologen, auf. Vielmehr: Sie sollte ihn aufsuchen. Und wer kann einzig dafür sorgen, dass sie dies tut? Die Politik. Ja, in dieser Situation ist die einseitige Orientierung an der Natur das kleinere Übel. Sie ist es insofern, als bei dieser Einseitigkeit die fundamentalen Krankheiten, die an der Lebenssubstanz der Menschheit zehren, nicht so leicht aus dem Blickfeld geraten. Aber zugleich ist sie das größere Übel, weil sie meistens mit politischer Ahnungslosigkeit und Naivität Hand in Hand zu gehen pflegt und die Bewältigung der ökologischen Krise primär von politischen Entscheidungen abhängt, bei denen unweigerlich die ökonomische Einseitigkeits-Lobby das Sagen hat, falls das ökologische Gewissen sich so weltfremd aufführt wie einst Platon am Hof des Tyrannen Dionys von Syrakus, wie jüngst Professor Grzimek am Hof des untyrannischen Willy Brandt in Bonn. Nur der »Generalist«, der für sein Teil beide Einseitigkeiten überwunden hat, zugleich aber auch beide durchschaut, versteht und zu nehmen weiß, kann wirklich helfen. Duve: Es fällt auf, dass unter Kommunisten die Einstellung zum Club of Rome freundlicher wird, je weiter wir uns in östlicher, und feindseliger, je mehr wir uns in Richtung Westen bewegen. Liegt das daran, dass in den sozialistischen Ländern mehr Naturwissenschaftler Parteimitglieder sind als in den westlichen KPs? Oder liegt es an dem im Osten stärkeren Einfluss des dialektischen Materialismus, von dem viele West-Marxisten nichts halten? Harich: Beides spielt sicher eine Rolle. Aber es kommt noch ein sehr wesentlicher Umstand hinzu. Die Kommunisten im Osten diskutieren inmitten eines sozialistischen Milieus über Mensch und Umwelt. Für die im Westen handelt es sich um Bourgeoisie und Umwelt, Proletariat und Umwelt, Klassenkampf und Umwelt. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Medunin in Moskau stellt unter rein ökologischen Gesichtspunkten den Wert der Düsenflugzeuge in Frage. Biolat in Paris kann das gar nicht. Denn er muss an die Arbeitsplätze von Zehntausenden französischer Arbeiter und Angestellter denken, die ihren Broterwerb verlören, falls man sich im Elysée-Palast dazu entschlösse, die »Concorde« nicht zu bauen. Die ökologische Krise ist für ihn überlagert, überwuchert von sozialen Konflikten, ist verfilzt mit der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems. 204 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Verlust von Arbeitsplätzen gibt es im Wunderland Sowjetunion also nicht? Harich: Meines Wissens besteht in der Sowjetunion Arbeitskräftemangel. Im Übrigen würde das sozialistische System Umschulungen großzügiger und auch technisch leichter durchführen können als das des Westens. Duve: Wobei zu fragen bliebe, was bei etwaigem Übergang zum Nullwachstum Berufe wären, auf die hin umgeschult werden könnte. Aber davon abgesehen, hat denn etwa Medunin in Moskau die geringste Chance, sich gegen die Düsenflugzeuge durchzusetzen? Harich: Vorderhand sicher nicht. Die sowjetische Führung scheint in diesen Fortbewegungsmitteln, ihrer Geschwindigkeit wegen, immer noch eine Errungenschaft zu sehen. Und selbst wenn es Medunin gelinge, ihr das auszureden, dank der Überzeugungskraft seines Sauerstoff-Arguments oder mit dem Hinweis auf die gefährdete Lufthülle, die für kosmische Strahlung durchlässiger zu werden droht, oder vielleicht sogar mit Hilfe der zusätzlichen sozialen Beweisgründe, die Ivan Illich gegen allzu schnelle Verkehrsmittel ins Treffen führt, es würde wenig nützen. Denn im Politbüro würde man zu Medunin vermutlich sagen: »Schön und gut, lieber Genosse, wir sehen das alles ein, es wird von nun an auch uns ernste Sorge bereiten. Aber leider, leider können unsere Streitkräfte Düsenflugzeuge nicht entbehren, da die NATO welche hat«. Duve: Europa allerdings sehr viel weniger als die Sowjetunion. Harich: Aber ein Unterschied zum Westen besteht doch. Medunin stieße weder auf private Profitinteressen noch auf den Antagonismus miteinander konkurrierender Firmen, und die Sorge um Arbeitsplätze brauchte ihn nicht zu plagen. Das genügt aber bereits, um die Feststellung zu treffen, dass den Kommunisten unter den Bedingungen des sozialistischen Lagers verhältnismäßig größere Möglichkeiten offenstehen, das Problem »Mensch und Umwelt« rein ökologisch zu diskutieren, ohne mit ihrem sozialen Gewissen in Konflikt zu geraten. Und hier scheint mir der Grund dafür zu liegen, dass der sowjetische Kommunist Medunin dem Club of Rome unbefangener gegen- übersteht als sein französischer Genosse Biolat. Duve: Aber auch die Sowjetunion wird, ich bleibe dabei, eines Tages Arbeitsplatzprobleme haben. Ihr Verständnis für Biolat legt den Verdacht nahe, dass Sie den Wachs- 205III. Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten tumsfetischisten noch eine Hintertür offen lassen wollen. Sind Sie für die »Concorde« oder nicht? Harich: Ich bin gegen sie. Aber ich bemühe mich, zu begreifen, wieso Biolat, obwohl ökologisch geschult, für sie ist. Und das muss ich begriffen haben, wenn ich Ihre Ausgangsfrage beantworten will: Wie bei den Kommunisten die krassen Divergenzen zu erklären seien, die in ihrer Einstellung zum Club of Rome zu Tage träten. Ich behaupte: Der Gegensatz zwischen einseitiger Natur- und einseitiger Gesellschaftsorientierung überlagert und überschneidet sich bei ihnen mit der Nähe bzw. Ferne zu den spezifischen Gegebenheiten der kapitalistischen Gesellschaft des Westens. Das Hemd, sagte ich vorhin, sitze dem Menschen näher als der Rock, das Hemd Gesellschaft näher als der Rock Biosphäre. Die Kommunisten in Westeuropa, in Japan usw. sind, um im Bild zu bleiben, zusätzlich mit einem Unterhemd, genannt »Widersprüche des Kapitalismus«, bekleidet, das ihnen noch näher auf der Pelle sitzt als das Hemd, genannt »Gesellschaft überhaupt«. Wenn daher der Club of Rome sich über die großen, tief berechtigten Sorgen auslässt, die ihm das bis zur Lebensgefährlichkeit gestörte Verhältnis der »Gesellschaft überhaupt« zur Biosphäre bereitet, dann stößt er bei den Kommunisten in der Sowjetunion auf ein relativ hohes Maß an Aufmerksamkeit und Sympathie, während die Kommunisten in der Bundesrepublik und Frankreich sofort argwöhnen, unter dem bloßen Vorwand ökologischer Besorgnis werde, zum Nutzen der Bourgeoisie, der Arbeiterklasse ihrer Länder ein Ja und Amen zur Askese der eingefrorenen Löhne bei davongaloppierenden Preisen abverlangt. Duve: Und die Kommunisten in der DDR hören anscheinend mehr auf ihre Genossen im Westen, sobald es darum geht, eine dort sich abzeichnende neue »Spielart der bürgerlichen Ideologie« einzuschätzen. Sie wollen aus erster Hand informiert werden. Harich: Im vorliegenden Fall scheint es so zu sein. Die Stellungnahmen von Forster, Reinhold, Rechtziegler, Grosse, Puschmann lassen keinen anderen Schluss zu. Ich halte dies für die Wurzel ihrer Borniertheit. Aber dann ist da noch Kuczynski, der sich die besondere Lage der DDR intelligenter zunutze macht und in Folge dessen zwischen den Ost- und West-Kommunisten eine mittlere Linie hält, ähnlich der Position, die, analog dazu, Fjodorow zwischen den Natur- und den Gesellschaftsspezialisten einnimmt. Kuczynski verfolgt die Diskussionen in Moskau immer mit wachem Interesse, nimmt an ihnen mitunter sogar aktiv teil – und schaltet gleichwohl gelegentlich abends den Westkanal an, um hinterher über die Arbeiterdemonstrationen in Mailand und Paris 206 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ nachzudenken, die er soeben auf dem Bildschirm miterlebt hat. So kommt bei ihm ein relativ ausgewogeneres Urteil zustande. Er sieht den Club of Rome unvergleichlich viel kritischer, als Fjodorow ihn sieht, um von Kapiza, Rytschkow usw. ganz zu schweigen. Aber er hasst ihn auch nicht so, wie Gärtner und Biolat ihn hassen. Leider ist auch er zu einseitig Gesellschaftswissenschaftler, als dass ihm die Dimensionen der ökologischen Krise voll bewusst sein könnten, und so ist auch seine Broschüre Das Gleichgewicht der Null überwiegend falsch. Duve: Man muss in der laut Harich so günstig gelegenen DDR also noch nach einem anderen Mann fahnden, einem der Kuczynskis geographisch gestützte Objektivität mit ökologischer Sachkenntnis verbindet, weil er den universalen Horizont des Philosophen hat. Und findet man den Mann, dann sind Sie es, und Sie erteilen die zuverlässigste, von Borniertheit freieste Auskunft darüber, was vom Club of Rome zu halten ist. Das wollten Sie doch wohl sagen. Harich: Sie haben es erraten. 207 IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome Duve: Wenn Sie Verständnis für die sozialen Motive aufbringen, aus denen die meisten westeuropäischen Kommunisten den Club of Rome angreifen, dann muss Ihnen erst recht der Verdacht einleuchten, der sich gegen den gesellschaftlichen Status seiner Initiatoren und gegen die Herkunft der Gelder richtet, die seinen bisherigen Publikationen zugeflossen sind. Der Spiritus rector des Ganzen, Dr. Aurelio Peccei, ist ein mit Fiat und Olivetti liierter Konzernmanager. Die Forschungen, die in den beiden ersten Berichten an den Club, in der MIT-Studie sowie in dem Buch von Mesarović und Pestel, ihren Niederschlag gefunden haben, wurden von großen westlichen Automobilkonzernen, von Fiat bzw. dem Volkswagenwerk, finanziert. Harich: Verdächtig ist das durchaus, und ich bin jedesmal, wenn ich in den Verlautbarungen des Club of Rome lese oder mir über sie meine Gedanken mache, bemüht, diesen Hintergrund möglichst nicht aus dem Auge zu verlieren. Verschiedene Erwägungen lassen es mir jedoch als angeraten erscheinen, den Argwohn nicht zu übertreiben, ihn auf sein gehöriges Maß zu reduzieren. Erstens sind viele der Forschungen, die im Marxismus ihren Niederschlag gefunden haben, einst von der kapitalistischen Firma Ermen & Engels in Manchester finanziert worden, was den Wahrheitsgehalt ihrer Ergebnisse nicht sonderlich beeinträchtigt hat. Zweitens finde ich es, bei aller Verabscheuung des Fiat-Konzerns, schizophren, gegen die mit seiner Lizenz in Togliattigrad gebauten Automobile weniger Verdacht zu hegen als gegen eine aus seinen Geldmitteln finanzierte wissenschaftliche Studie. Drittens ist das Automobil – nach meinem Dafürhalten mit vollem Recht – das nächstliegende Angriffsziel aller, die gegen Umweltverschmutzung, eingebauten Verschleiß und sinnlose Energievergeudung aufbegehren, weshalb ich gut verstehe, dass gerade die Hersteller von Automobilen sich mit der Finanzierung ökologischer Studien ein Alibi zu schaffen suchen. Mir scheint, es handelt sich hier um eine Fortsetzung bürgerlicher Wohltätigkeit in einer neuen Spielart, und noch kein klassenbewusster Proletarier, dem eine Fabrikantengattin mit mitleidsvollem Augenaufschlag einen Präsentkorb in seine Bude trug, hat durch sein wachsam durchschauendes Misstrauen gegen solche Gesten, durch seine Weigerung, auf sie hereinzufallen, sich je davon abhalten lassen, die mitgebrachten Gaben bis auf den letzten Brocken zu verzehren. Viertens: Die Monopolbourgeoisie ist, was Rohstoffversorgung, die Marktbeherrschung, die bei Investitionen zu beachtenden Prioritäten usw. betrifft, im Hinblick auf ihre langfristigen Strategien an futurologischer Forschung überaus interessiert. Dass die MIT-Studie von da her Impulse empfangen hat, merkt 208 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ man ihr insofern an, als sie der Rohstoffkalamität, die in den meisten ökologischen Büchern davor gar nicht oder immer nur am Rande behandelt wurde, große Aufmerksamkeit schenkt. Ich muss gestehen, dass ich dies als Vorteil empfinde. Ich bin zwar kein Käufer von Rohstoffen, aber durch meinen bisherigen Gewährsmann in Umweltfragen, der für seine Forschungen von der Industrie noch keinen Pfennig erhalten hat, durch G. R. Taylor, war ich über diesen Aspekt der uns bedrohenden Katastrophen ungenügend aufgeklärt worden. Wenn ich von meiner 17 Jahre zurückliegenden Lektüre einer rde-Broschüre Hugh Nicols absehe, hat erst Meadows mir das Problem der Rohstoffverknappung in seiner ganzen Tragweite zu Bewusstsein gebracht. Dies nur nebenbei. Grundsätzlich ist zu derartigen vom Monopolkapital an die Wissenschaft vergebenen Aufträgen folgendes zu bemerken: Dass die Beauftragten in jedem Fall unehrliche, korrupte Elemente sein müssen, ist nicht gesagt. Und wenn sie es sind, so ist nicht gesagt, dass in jedem Fall von ihnen verlangt wird, das Blaue vom Himmel zu lügen. Wird aber von einem ehrlichen, nicht korrupten Wissenschaftler verlangt, dass er die Wahrheit sage – weil es im Interesse der Auftraggeber liegt, zuverlässig informiert zu werden –, dann ist in unserer Epoche immer mit der Möglichkeit von Ergebnissen zu rechnen, die für das Kapital nicht angenehm sind und eben deswegen, so wenig das beabsichtigt war, das Proletariat mit zusätzlichen Waffen für seinen Kampf ausrüsten. Dies ist hier offensichtlich geschehen, und nicht zum erstenmal hat die Bourgeoisie mit einer Fehlinvestition im Bereich der Wissenschaft Schlangen an ihrem Busen genährt. Denken Sie an die APO. Duve: Was hat die denn damit zu tun? Harich: Sehr einfach. Warum sind seit den fünfziger Jahren solche Unmengen von Soziologen und Politologen an den bundesrepublikanischen Universitäten ausgebildet worden? Doch deswegen, weil die Bourgeoisie, teils für den Kalten Krieg gegen die sozialistischen Länder, teils im Innern für die Herstellung eines ihr günstigen Betriebsklimas auf allen Ebenen, Scharen theoretisch versierter Klopffechter ihrer Interessen zu benötigen glaubte. Und was war der Erfolg? Die jungen Leute, denen man empfohlen hatte, sich mit Marx auseinanderzusetzen, damit sie ihn besser bekämpfen könnten, machten sich massenhaft seine Theorien zu eigen und gingen ins Lager der radikalen Linken über. Duve: Bei Forrester, Meadows usw. ist davon keine Rede. 209IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome Harich: Dennoch haben wir es hier mit einem, mutatis mutandis, verwandten Vorgang zu tun. Allgemein erwünscht sind dem Monopolkapital Prognostiken, die seinen langfristigen strategischen Dispositionen dienlich sein sollen. Dies erklärt die Förderung der Futurologie, und so kamen eines Tages am Massachusetts Institute for Technology (MIT) auch Fragestellungen von der Art zustande: Wie wird die Welt in 50 bis 60 Jahren aussehen? Forresters und Meadows’ Computer antworteten: Wenn alles so weiterläuft wie bisher – die Umweltzerstörung, der Rohstoffverschleiß, beides verschärft durch die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung –, dann wird bis dahin die Menschheit der Selbstvernichtung anheimgefallen sein. Sie erinnern sich, dass John Maynard Keynes, dem der Kapitalismus die staatsmonopolistischen Tricks zu verdanken hat, mit denen er seine Krisen hinausschiebt, auf die Frage: Kann das auf längere Sicht gutgehen?, stets zu antworten pflegte: »Auf längere Sicht sind wir alle tot.« Was damals erst »auf längere Sicht« zu erwarten war, beginnt jetzt einzutreffen, und da zeigt sich: Nicht nur Keynes’ Generation liegt unter der Erde oder wankt ins Grab, nein, diese zynische Redensart hat heute einen viel schrecklicheren Sinn. »Wir alle«, das heißt: alle Menschen werden bald tot sein, wenn es so weitergeht. Und nun nehmen Sie die Parole des Nullwachstums, von der Rechtziegler und Reinhold richtig sagen, dass ihre Verwirklichung die Abschaffung des Kapitalismus voraussetze. Meadows bringt Nullwachstum in Empfehlung als Rettungsmittel zur Vermeidung unseres Untergangs. Das bedeutet: Ohne es zu wissen und zu wollen, geschweige auszusprechen, ist er zu dem Resultat gelangt, dass von der schnellen Abschaffung des Kapitalismus das Überleben des Homo sapiens auf der Erde abhängt. Warten wir ab, was ihm daraufhin zustoßen wird. Die Bourgeoisie wird alles daransetzen, um den Schaden, den sie mit der Ermunterung futurologischer Forschung ihren eigenen Klasseninteressen zugefügt hat, wieder aus der Welt zu schaffen. Sie wird Forrester, Meadows, möglichst den Club of Rome überhaupt, dazu überreden wollen, ihre Ergebnisse zu widerrufen. Und wenn Überredung nichts hilft, wird sie sie unter Druck setzen. Aber wird das Erfolg haben? Werden diese ehrlichen, wahrheitsliebenden, um das Wohl der Menschheit besorgten Wissenschaftler zu Kreuze kriechen? Werden sie Bestechungen zugänglich sein? Oder werden sie auf ihrer Sache beharren? Und wenn sie auf ihr beharren, werden sie sich dann, gesellschaftlich isoliert, zu Tode hetzen lassen? Vielleicht werden sie es vorziehen, zu den Feinden der Bourgeoisie, zur Arbeiterklasse, überzugehen. Wer weiß. Das alles ist noch nicht entschieden. Es muss abgewartet werden. Und so lange keine handfesten Beweise dafür vorliegen, dass diese Gelehrten dem Druck der Bourgeoisie nachzugeben bereit sind, kann die Linke nichts Falscheres tun, als sie durch Misstrauen a priori, durch Verdächtigungen und Gehässigkeiten in die weit geöffneten Arme ihrer Klasse 210 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ zurückzustoßen. In den beiden Berichten, die bisher dem Club of Rome vorgelegt und auf seinen Beschluss veröffentlicht wurden, steht keine Zeile, die zu dem Schluss berechtigen würde, dass die Verfasser ideologische Handlanger von Automobilkonzernen sind. Aber wenn wir voreilig behaupten, sie seien es, dann könnten sie es eines Tages werden. Und nun die fünfte Erwägung, die meinem Argwohn gegen den Klassencharakter des Club of Rome Grenzen setzt. Peccei ist ein Konzernmanager. Was soll das heißen? Die Arbeiterbewegung hat nie in einzelnen Individuen, die der herrschenden Klasse angehören, von vornherein Feinde gesehen. Engels war ein kapitalistischer Fabrikant, Marx der Sohn eines preußischen Justizrats, Lenin Sohn eines geadelten Beamten der zaristischen Schulbürokratie. Und weiter, was heißt das: Die Berichte an den Club of Rome sind von Konzernen finanziert worden? Einzelne Konzerne können Geldgeschenke an wer weiß wen vergeben, ohne dass die Bourgeoisie im ganzen, als Klasse, davon Nutzen haben muss. Aber durch den Mund eines McNamara, Präsidenten der Weltbank, ehemaligen amerikanischen Kriegsministers, und aus den Stellungnahmen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, da spricht die herrschende Klasse selbst und nicht nur diese oder jene Einzelpersönlichkeit, Fraktion oder Branche. Was McNamara und der BDI gegen den Club of Rome sagten, das war das Wort des Imperialismus schlechthin. Man muss jeden Klasseninstinkt verloren haben, um es als Marxist fertigzubringen, das gesellschaftliche Gewicht, das diesen negativen Stellungnahmen zukommt, mit der Erklärung herunterzuspielen, es gebe halt auch unter den Bürgerlichen manchmal Meinungsverschiedenheiten. Natürlich gibt es sie, aber McNamara und der BDI artikulieren die herrschende Meinung, und der kann sich ein Linker unter keinen Umständen anschließen. Unterdessen ist auf den ersten Publicity-Erfolg die Taktik des Totschweigens und auf sie zügellose Hetze gefolgt. Schon von der Westberliner Tagung des Clubs, mit dem zweiten, von Mesarović und Pestel verfassten Bericht, nahmen die Massenmedien im Oktober 1974 kaum noch Notiz. Im Fernsehen kommentierte Gerd von Paczensky, in ökologischen Fragen ein Ignorant, das Ereignis gehässig abwertend. Und dann kam die große Fernsehsendung von Gottfried Kludas gegen den Club of Rome, am 3. Fe bru ar 1975, ausgestrahlt zur günstigsten Sendezeit vom Sender Freies Berlin im Abendprogramm der ARD. Wenn ich die schärfsten Kommentare eines Matthias Walden oder Gerhard Löwenthal gegen links noch einmal Revue passieren ließe, dann würde ich darin nichts finden, was an Tatsachenverdrehung und Unterstellung, an Unsachlichkeit, Gehässigkeit, mangelnder Fairness auch nur entfernt den haltlosen Beschuldigungen gleichkäme, mit denen da Kludas, als dezidierter Ruhmredner der Fortschrittlichkeit des freien Unternehmertums, den Club of Rome überschüttete. Dass in deutscher Sprache hervorragende Wissen- 211IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome schaftler dermaßen geschmäht und verleumdet worden sind, das hat es seit der Hetze der Nazis gegen Freud und Einstein nicht mehr gegeben. Die hohe Auflage von Grenzen des Wachstums deutete Kludas z. B. als Beweis dafür, dass die Autoren, weil sie geldgierig seien, aus der von ihnen grundlos erzeugten Zukunftsangst der Massen ein gewinnbringendes Geschäft für sich machten. Außerdem seien eigentlich sie an der Ölkrise schuld. Denn mit ihrer Vorhersage der Rohstofferschöpfung hätten sie die arabischen Staaten erst auf den Gedanken gebracht, die Ölpreise heraufzusetzen. In diesem Stil ging es immer weiter. Eine Infamie jagte die andere. Doch wen kann so etwas wundern? Mich überrascht es nicht. Kein Mensch ist über die hypothetische Prognose der MIT-Studie glücklich. Auch wir Kommunisten haben keinen Grund, über sie zu frohlocken. Aber die Studie flößt uns, falls wir uns weder von den linken noch den rechten Wachstumsfetischisten das Gehirn verkleistern lassen, das Bewusstsein ein, dass die proletarische Weltrevolution, die wir schon längst für überfällig hielten, nicht nur, wie wir bisher glaubten, für die Erringung eines besseren Lebens unerlässlich ist, sondern für die Rettung und Sicherung des Lebens überhaupt. Diese Wahrheit ist für die Bourgeoisie unerträglich, und deshalb muss Herr Kludas ihre Prämissen bekämpfen. Duve: Sicco Mansholt hat die MIT-Studie für ein Zufallsprodukt ihres bürgerlichen Milieus erklärt. Er sagte: »Da die Forschungen größtenteils von der Industrie finanziert werden, weigern sich die Unternehmensbosse, Ergebnisse und Studienberichte zu veröffentlichen, die ihren Interessen zuwiderlaufen. Was mit dem Bericht der Meadows-Gruppe für den Club of Rome geschehen ist, wird sich nicht wiederholen. Diese erste Veröffentlichung ist zufällig erfolgt. Der Club of Rome hat die Tragweite dieses Berichts nicht erkannt. Zur Zeit gehen seine Mitglieder rückwärts, sie modeln teilweise um oder verkehren ins Gegenteil, was Dennis und Donella Meadows geschrieben haben.« Mich würde interessieren, was Sie dazu sagen, nachdem Sie sich in der Zwischenzeit mit dem zweiten Bericht an den Club, der Studie Menschheit am Wendepunkt von Mesarović und Pestel (Oktober 1974), eingehend beschäftigt haben. Harich: Mir ist diese Äußerung Mansholts bereits aus der Veröffentlichung seiner Gespräche bekannt (Die Krise, Reinbek, 1974, rororo aktuell Nr. 1823, S. 123). Verhielte es sich so, wie Mansholt annimmt – und er verfügt über bessere Informationen als ich –, dann würde das meine eben geschilderten Erwartungen bestätigen. Ich sagte ja, dass die Bourgeoisie versuchen werde, den Club of Rome zum Widerruf zu bewegen. Aber bei Mesarović-Pestel, die übrigens von Kludas mit derselben Heftigkeit wie For- 212 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ rester und die Meadows angegriffen wurden, vermag ich den vermuteten Rückzieher noch nicht – fast nicht – wahrzunehmen. Duve: Fast? Ein bisschen also doch? Harich: Ich werde gleich darauf zurückkommen. Vorausschicken mochte ich, dass Mansholt in einem Punkt offensichtlich falsch unterrichtet war. Der Club of Rome, so behauptete er (a. a. O., S. 9), setze hinsichtlich des Energieproblems seine Hoffnungen auf die Kernspaltung, von der er sich unbegrenzte Energien verspreche. Davon ist bei Mesarović-Pestel keine Spur zu entdecken. Das ganze zehnte Kapitel ihrer Studie warnt eindringlich vor der Errichtung von Kernreaktoren. Duve: Nun misstrauen Sie der anderen Äußerung Mansholts auch. Harich: Nein, durchaus nicht. Sie passt genau in das Bild hinein, das man sich als Marxist von der Angelegenheit machen muss. Nur glaube ich nicht, genauer: kaum, dass bereits die zweite Studie Spuren von Korrumpierung und Einschüchterung aufweist, denn aus ihr lassen sich dieselben kommunistischen Konsequenzen ableiten wie aus der ersten. Forrester und Meadows haben eine abstrakt-pauschale Wahrheit ausgesprochen, die von Mesarović und Pestel in ihrer Substanz nicht bekämpft, geschweige widerlegt, sondern nur konkreter gefasst wird, und zwar zunächst unter Berücksichtigung der je besonderen Verhältnisse in zehn verschiedenen Weltregionen. Dabei hat auch diese Konkretisierung abermals nur einen Näherungswert: einmal in der Richtung, in der sie sich bewegt – z. B. werden die starken regionalen Unterschiede, die etwa zwischen der DDR und Albanien oder zwischen Israel, Australien und Südafrika bestehen, nicht beachtet –, zum anderen, weil die Konkretisierung sich in prinzipiell anderer Richtung bewegen müsste, um beispielsweise die Strukturunterschiede der auf der Erde koexistierenden gegensätzlichen Gesellschaftssysteme auf den Begriff zu bringen, die wieder – immer noch – ausgeklammert werden. Machen Mesarović-Pestel also Forrester-Meadows einen Vorwurf daraus, dass diese auf Grund einer Betrachtungsweise, die »wenig aussagekräftig, ja irreführend« sei, die Welt als einförmiges homogenes System angesehen hätten, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn man nächstens gegen sie selbst analoge Vorwürfe erheben wird. Wären beide Parteien vertraut mit dem, was Hegel und Marx über abstrakte und konkrete Wahrheit ausführen, hätten sie Lenins Darlegungen über den Annäherungscharakter der Erkenntnis gelesen und kapiert, dann würden sie ihre Weltmodelle als Stadien eines approximativen Prozesses begreifen und 213IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome die Überflüssigkeit ihrer Kontroverse einsehen. Doch man darf die philosophische Bildung dieser Computer-Spezialisten, denen von früh auf positivistische Denkgewohnheiten anerzogen worden sind, wohl nicht überfordern. Stellen Sie sich vor, jemand würde das Kapital von Marx »wenig aussagekräftig, ja irreführend« nennen, weil es die Besonderheiten der kapitalistischen Entwicklung in Deutschland und England nicht reflektiert und noch nicht die Aussagen Lenins über den Imperialismus enthält! Forrester-Meadows sagen voraus, dass, wenn die gegenwärtigen Trends sich unverändert fortsetzen, das Weltsystem etwa um die Mitte des 21. Jahrhunderts zusammengebrochen sein wird. Mesarović-Pestel erwidern: Nein, es wird nicht auf einen Schlag, sondern stückweise, Region für Region sowie aus unterschiedlichen Gründen zusammenbrechen, und in gewissen Gebieten werden die Katastrophen bereits viel früher einsetzen. Dann aber fügen sie hinzu: »Allerdings werden diese regionalen Zusammenbrüche in der ganzen Welt auf Grund der alle Regionen verbindenden systematischen Zusammenhänge fühlbare Folgen haben.« Damit landen wir doch wieder bei der globalen Ganzheit, von der Forrester-Meadows ausgegangen sind, und die fühlbaren Folgen geben uns die Gewähr, dass die sich verkettenden sukzessiven Regionalkatastrophen ungefähr bis zu dem schon in der ersten Studie prognostizierten Zeitpunkt den allgemeinen Untergang vollendet haben werden – eine subtilere, verzwicktere, sich auf mehr Details einlassende Beschreibung desselben Sachverhalts. Duve: Für die Wissenschaft wichtig, verwirrend für die Öffentlichkeit. Harich: Ganz meine Meinung. Natürlich war die erste Studie eine horrende Abstraktion. Und natürlich ist es gut, ist es ein Schritt voran, dass ihre Pauschalisierungen jetzt der Wirklichkeit mehr angenähert werden. Aber als politisch denkender Mensch wehre ich mich dagegen, dass in einer Frage, in der es um Leben und Tod der Menschheit geht, dieser Fortschritt durch eine Expertenkontroverse vollzogen wird, die bei den betroffenen Massen den absolut falschen Eindruck erwecken muss: »Es wird schon alles nicht so schlimm sein. Über unseren Untergang streiten ja noch die Gelehrten, und vielleicht – hoffentlich – haben diejenigen unter ihnen, die seine greifbar nahe Möglichkeit leugnen, recht.« Nein, Mesarović und Pestel leugnen seine greifbar nahe Möglichkeit durchaus nicht, ebensowenig wie Forrester und Meadows. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann wird uns bald ein böses Ende beschieden sein – darin sind alle vier sich einig. Duve: Welche der beiden Studien scheint Ihnen politisch brauchbarer? 214 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Beide sind wertvoll. Grenzen des Wachstums hat den Vorzug der Evidenz durch Abstraktion, der Konzentration auf das Allerwesentlichste, der lapidaren Einfachheit seiner Grundaussagen. Menschheit am Wendepunkt dürfte sich als praktikabler erweisen, wenn es darum geht, konkrete politische Entscheidungen zu treffen. Nehmen wir das Wettrüsten. In der einen Schrift kommt es überhaupt nicht vor, und zwar nicht deswegen, weil Meadows sich mit dem Rüstungswettlauf abfinden würde, sondern weil die Einbeziehung dieser Komponente sein Modell überladen hätte. Die andere Schrift dagegen fordert energisch umfassende Abrüstungsmaßnahmen. Oder nehmen wir die Energieversorgung. In der einen Schrift wird der Vereinfachung halber unerschöpflicher Energievorrat unterstellt – was reine Fiktion ist, obendrein eine hyperoptimistische Fiktion, die das Lamentieren über pessimistische Voreingenommenheit Forresters und Meadows Lügen straft. In der anderen Schrift gehen demgegenüber die Vorschläge zur Bewältigung der Energiekrise dermaßen ins Detail, dass die optimalen Kompromissformeln zwischen ölexportierenden und ölverbrauchenden Ländern ausgerechnet werden und den Staatsmännern der arabischen Welt schon jetzt angeraten wird, möglichst bald in ihren dafür idealen Wüstengebieten große Sonnenlicht-Reflektoren zu installieren, damit sie auch nach Erschöpfung ihrer Erdölvorräte die wichtigsten Energielieferanten Europas bleiben können. Das ist sicher gut gemeint. Aber die Konkretisierung gleitet im zweiten Buch unmerklich ins praktizistische Krisenmanagement hinüber. Man sieht Herrn Professor Pestel förmlich vor sich, wie er, als eine Art Umwelt-Kissinger, nächstens zwischen Washington und Moskau, Peking und Neu-Delhi, Bonn und Teheran hin- und herreisen und überall gute Ratschläge erteilen wird. Und über den Einzelheiten geraten die Grundfragen mitunter schon außer Sicht. Und da ohnehin nicht alle Einzelheiten zur Sprache kommen können – sonst hätte das Buch den Umfang einer mehrbändigen Enzyklopädie angenommen –, bleibt die Auswahl dem Belieben der Autoren überlassen. Wenn Mesarović und Pestel sich beispielsweise darüber ausschweigen, dass ihre »Region 5, sozialistische Länder« dank der dort herrschenden Eigentumsverhältnisse für die Bewältigung der ökologischen Krise strukturell andere Voraussetzungen mitbringt als die übrige Welt, dann scheinen sie mir eine – mit Verlaub gesagt – Einzelheit zu ignorieren, die für die Zukunft mindestens so belangvoll sein dürfte wie die Eignung der Sahara für das Aufstellen von Sonnenreflektoren. Meadows hatte auch schon den Gegensatz Kapitalismus-Sozialismus ausgeklammert, doch im Rahmen eines dermaßen abstrakten Modells, dass man ihm das, in Respektierung seines Bemühens um Einfachheit, allenfalls noch verzeihen konnte. Bei Me saro vić und Pestel wird es unverzeihlich. 215IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome Duve: Die wichtigste Differenz beider Studien besteht doch wohl darin, dass die zweite nicht mehr Nullwachstum fordert, sondern zwischen krebsartigem und organischem Wachstum einen Unterschied macht und das organische bejaht. Harich: Der Begriff »Nullwachstum« ist – seien wir ehrlich – eine contradictio in adjecto, ein hölzernes Eisen. Etwas wächst entweder, oder es wächst nicht. Affirmativ zu sagen, es wachse, und dann hinzuzufügen: aber nur um den Betrag Null, ergibt keinen Sinn. Da der Ausdruck sich nun aber mal eingebürgert hat, wollen wir es bei ihm bewenden lassen. »Zero Growth« wäre nicht das erste terminologische Coca-Cola, das wir in unseren Sprachgebrauch mixen. Dies zum ersten. Zweitens: Die zunehmende Umweltzerstörung, die sich nur in ihren qualitativen Auswirkungen ökologisch adäquat erfassen lässt, mit der Zunahme der Bevölkerungsgröße und mit dem Abnehmen, Sicherschöpfen der nichtregenerierbaren Rohstoffvorräte und dann auch noch mit der erweiterten Reproduktion in der Volkswirtschaft unter denselben Begriff »Wachstum« zu subsumieren, nur damit die Korrelationen zwischen diesen heterogenen Prozessen vom Computer verdaut werden können, ist, philosophisch gesehen, reichlich kühn. Trotzdem bleibt es wahr, dass diese Prozesse wechselseitig aufeinander einwirken, und es bleibt ebenfalls wahr, dass sie eines gemeinsam haben: In einem endlichen System, wie der Biosphäre, nicht endlos weiterlaufen zu können, schon gar nicht exponentiell, und daraus bezieht das kühne Verfahren seine Legitimation. Folglich können wir den so gewonnenen Wachstumsbegriff getrost gelten lassen. Er ist einfach und anschaulich, ohne dass die Vorstellungen, die er heraufbeschwört, falsch wären. Für die Bezeichnung seiner Negation wählen Mesarović und Pestel den logisch glücklicheren Ausdruck »Nichtwachstum«. In der Sache meinen sie dasselbe. Dass sie den eingebürgerten Terminus »Nullwachstum« fallenlassen, ist somit reine Pedanterie, die wieder von mangelndem Verständnis für die Notwendigkeit zeugt, die Massen aufzuklären, die die Sache, um die es geht, um so schwerer begreifen werden, je öfter die Schlagworte wechseln. Drittens: Forrester und Meadows meinen, die Weltwirtschaft, im ganzen genommen, dürfe wegen der Umweltbelastung und der drohenden Rohstofferschöpfung nicht weiterwachsen. Mesarović und Pestel teilen diese Auffassung, ohne sie jedoch noch einmal expressis verbis zu wiederholen, was abermals der Aufklärung der Massen abträglich ist. Sie teilen sie, aber da sie das Weltmodell regionalisieren, erklären sie: In den unterentwickelten Regionen (der Dritten Welt) muss und soll die Wirtschaft weiterwachsen, woraus sich ergibt, dass deren Wachstum, damit nichtsdestoweniger die Gesamtbilanz statisch bleibe, in manchen entwickelten, industrialisierten Regionen nicht nur aufzuhalten, sondern sogar zurückzuschrauben sein wird. Den so 216 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ zu Stande kommenden Ausgleich nennen die beiden Autoren nun »organisch«, in Analogie zu den Wachstumsvorgängen im Organismus, die jedes Organ nur eine bestimmte Größe annehmen lassen, bei der es, sobald sie einmal erreicht ist, im Fließgleichgewicht verharrt. Der Organismus, genannt Menschheit, hat nach dieser Analogie, diesem Bild, dieser Metapher gewisse Organe, die verkümmert sind, und andere, die krebsartig auswuchern. Die Bevölkerung etwa wächst fast überall krebsartig, besonders jedoch in der Dritten Welt, am meisten in Südasien. Die Wirtschaft wieder wächst krebsartig in den industrialisierten Regionen, während sie in den unterentwickelten, in der Dritten Welt, verkümmert. Ich bin überzeugt davon, dass Forrester und Meadows diesen Gedanken nicht ablehnend gegenüberstehen. Auch sie werden nicht leugnen, dass es in den unter- und den überentwickelten Territorien jeweils andere Maßnahmen zu ergreifen gilt, und schon ihr abstrakteres Modell hat ausgereicht, Sicco Mansholt zu dem Vorschlag zu inspirieren, dass die EWG-Länder ihren Lebensstandard drastisch einschränken sollten, um den Ländern der Dritten Welt echte, wirksame Entwicklungshilfe leisten zu können. Die weit verbreitete Vorstellung, dass die MIT-Studie das Elend der Dritten Welt zu verewigen empfehle, ist falsch; sie entspringt der Unfähigkeit, die Aussagen eines abstrakten Modells richtig zu explizieren. Mesarović und Pestel beseitigen dieses Missverständnis, indem sie die Implikation explizit machen. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil, es war dringend nötig. Zu beanstanden ist aber wieder, dass sie die Explikation in polemischer Form vornehmen. Es ist deswegen zu beanstanden, weil dadurch in der Öffentlichkeit der Eindruck hervorgerufen wird, der Club of Rome sei das eine Mal gegen, das nächste Mal für Wachstum, er wisse offenbar nicht, was er wolle. Schon bei einem gebildeten Mann wie Mansholt stellt sich in Folge dessen, da er, als Sozialdemokrat, die Klassenfrage im Kopf hat, der Verdacht des Widerrufs, des Rückziehers ein. Was sollen da erst die einfachen, ungebildeten Arbeiter denken! Für sie sind beide Studien eine zu schwierige Lektüre. Also werden sie verwirrt, werden ratlos gemacht. Mesarović und Pestel haben in Wirklichkeit nichts widerrufen, ihnen ist kein Rückzieher vorzuwerfen. Doch sie sind nur darauf aus, den Regierungen zu empfehlen, wie künftig alles besser gemacht werden könnte, und kümmern sich nicht darum, die Warnungen des Club of Rome den Massen verständlich zu machen. Die bürgerlichen Regierungen werden auf ihre Vorschläge nicht hören, und die Massen, die sie aufgreifen und für ihre Verwirklichung kämpfen könnten, werden auf sie auch nicht hören, so lange ihre Führer, die Linksparteien, zu denen sie Vertrauen haben, ihnen nicht klarmachen, dass das verbale Hü und Hott von »Nullwachstum« und »organischem Wachstum« im Grunde wenig besagt, dass es an den Grundproblemen, die angepackt werden müssen, überhaupt nichts 217IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome ändert. Im biologischen Bereich wächst ein Organ, das seine optimale Größe erreicht hat, in dem Sinne weiter, dass seine Zellen sich erneuern. Aber es wächst nicht weiter in dem Sinne, dass es dabei im ganzen weiterhin größer würde, es verharrt im Fließgleichgewicht. Überträgt man den an diesem Vorgang gewonnenen Wachstumsbegriff auf die Gesellschaft, dann muss man den industrialisierten Regionen zumindest Übergang zum ökonomischen Analogon des Fließgleichgewichts, nämlich zur bloßen einfachen Reproduktion, empfehlen, und damit empfiehlt man ihnen, wenn man dies tut, nichts anderes als das, was Forrester und Meadows Nullwachstum nennen. Duve: Vielleicht nennen Mesarović und Pestel es »organisches Wachstum«, um die über die MIT-Studie entsetzten Industriellen zu besänftigen. Harich: Sehen Sie, diesen Verdacht habe ich auch. Eben deswegen sagte ich vorhin, Spuren von Korrumpierung und Einschüchterung könne ich in Menschheit am Wendepunkt fast keine entdecken. »Fast« sollte heißen: Bei unverändertem Inhalt der Grundaussage beginnt der von Mansholt aufgespürte Druck der »Wirtschaftsbosse« in der Bevorzugung anderer Wörter kenntlich zu werden. Welcher Unternehmer hätte nicht das Gefühl, dass sein Betrieb »organisch« wächst und ein unentbehrliches »Or gan« des volkswirtschaftlichen Gesamt »organismus« ist! Ob es Mesarović und Pestel auf die Dauer viel nützen wird, sich solchen Gefühlen verbal akkommodiert zu haben – ich glaube es nicht. Die Polemik von Kludas, die uneingeschränkt auch gegen sie gerichtet war, spricht dagegen. Voraussehen lässt sich, dass der Druck sich verstärken und, unbekümmert um Verbalien, den substantiellen Gehalt der Konzeption des Club of Rome angreifen wird. Dann wird sich zeigen, wes Geistes Kind seine Mitglieder sind, ob sie Charakter haben und wo, auf welcher Seite sie stehen. Schädlich ist es auf jeden Fall, wenn Wissenschaftler, die mit ihren Forschungen die theoretischen Voraussetzungen für die Bewältigung der ökologischen Krise schaffen wollen, Differenzen über Probleme von untergeordneter Bedeutung aus Eifersucht oder auch aus Eitelkeit, um sich als eigenwillige Persönlichkeiten zu profilieren, unnötig aufbauschen. Ich könnte zig Seiten vollschreiben, um die fundamentalen Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, die einen Mann wie Robert Jungk mit dem Club of Rome verbinden. Trotzdem stellt Jungk sich hin und erklärt: »Ehrlich gestanden, fürchte ich Forrester. Ich habe ihn kennengelernt. Er ist ein stalinistischer Typ.« Und in demselben Interview sagt er: »Ich bin der Ansicht, dass dem Wachstum keine Grenzen gesetzt sind. In humaner und sozialer Hinsicht sind wir unterentwickelt«, womit er unterderhand einen ganz anderen Wachstumsbegriff in die Debatte einführt als den, der in der MIT-Studie gemeint ist, und 218 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ die Tatsache verschleiern hilft, dass die humane und soziale Entwicklung, die er meint, von Forrester und Meadows genauso gefordert wird wie von ihm. Bei Gunnar Myrdal las ich: »Meine Studien haben mich längst zu der Überzeugung gebracht, dass wir erkennen und uns darauf einstellen müssen, dass dem Wachstum Grenzen gesetzt sind, deren Komponenten allesamt exponentielle Kurven ergeben. … Als Staatsbürger wie als Weltbürger hat es uns zu kümmern, was unsere Kinder und Kindeskinder werden ertragen müssen, wenn diese Art von exponentiellem Wirtschaftswachstum anhält. … Wir fordern eine Katastrophe geradezu heraus, wenn wir nicht bei uns schnellstens Beschränkungen von Produktion und Konsumtion und selbstverständlich auch unseres Lebensstils einführen oder verschärfen.« Trotzdem hat Myrdal den Club of Rome mit den Worten geschmäht: »Das ganze Geschwätz über planetarische und globale Lösungen ist einfach Humbug«, hat von den »dummen, falschen Prämissen« der MIT-Studie gesprochen und im gleichen Atem die eigenen Bedenken gegen das Wirtschaftswachstum mit der Feststellung desavouiert: »Immerhin finden wir jetzt endlich heraus, dass zwischen Reformen zur Gleichberechtigung im modernen Wohlfahrtsstaat und wirtschaftlichem Wachstum kein Widerspruch besteht.« Es lässt sich kaum beschreiben, welch desorientierenden Einfluss solche Stellungnahmen auf eine Öffentlichkeit ausüben, der es ohnehin schwerfällt, sich in den komplizierten Zusammenhängen der ökologischen Krise zurechtzufinden. Wenn es aber schon, aus dieser Erwägung, zu verurteilen ist, dass der Club of Rome von Außenstehenden, die mit seinen Bestrebungen im Grunde übereinstimmen, angegriffen wird, dann muss es erst recht bedenklich stimmen, in seinen eigenen Reihen Kontroversen aufbrechen zu sehen, die sich hätten vermeiden lassen. Dass Mesarović und Pestel mit der Wahl ihres Sprachgebrauchs die Bourgeoisie hätten beschwichtigen wollen, mag eine unbeweisbare Behauptung sein. Fest steht, dass sie ihre Konkretisierung und Spezifizierung des Meadowschen Modells mit überflüssiger Polemik belastet und es zugleich versäumt haben, von vornherein mit deutlichen Worten das naheliegende Missverständnis auszuräumen, durch das von ihnen postulierte »organische Wachstum« sei nunmehr die Forderung des »Nullwachstums« hinfällig. Sie ist es nicht, sie gilt nach wie vor, und der Club of Rome täte gut daran, sich zu dieser Wahrheit klar und unmissverständlich zu bekennen, ohne Rücksicht auf die Industrie, aber vor allem ohne Rücksicht auf das Originalitätsgespreize, von dem bürgerliche Intellektuelle anscheinend auch dann nicht lassen können, wenn sie den Untergang der Menschheit aufhalten wollen. Die Kräfte, welche die heraufziehenden Gefahren sehen und gegen sie ankämpfen, müssen zusammenhalten, sie müssen das, was ihnen gemeinsam ist, in den Vordergrund stellen, individualistische Anwandlungen unterdrücken, sich eines einheitlichen Sprachgebrauchs befleißigen 219IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome und die Massen aufklären und mobilisieren, statt sie zu verwirren und einzulullen. Im Übrigen gilt der Ausspruch Nicolai Hartmanns: »Die Epigonen sind immer viel klüger, aber der Meister ist größer.« Mesarović und Pestel sind insofern klüger, als sie auf viele Detailfragen eingehen, auf die die MIT-Studie keine Antwort gibt, ja, die in ihr nicht einmal als Fragen vorkommen. Gleichwohl sind Forrester und Meadows größer. Ihnen gebührt das Verdienst, die entscheidende Pionierleistung vollbracht zu haben. Duve: Nach dem, was Sie jetzt gesagt haben, glaube ich, dass Sicco Mansholt Ihnen hier sicher zustimmen wird. Harich: Hier vermutlich ja. Sonst sicher nicht, denn ich bin ja ein rabiater Gegner dessen, was Sie, was Ihre Sozialdemokratie und damit natürlich auch Mansholt »demokratischen Sozialismus« nennen. Duve: Wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir meine Meinung und die meiner Partei in diesem Gespräch nicht erörtern. Es geht um die Diskussion in Ihrem Lager. So wollen wir diesen kontroversen Punkt beiseite lassen. Mir ging es jetzt – in Ihrer Terminologie ausgedrückt – um den »Klassencharakter des Club of Rome«. Ich glaube, dass Sie da mit Mansholt konform gehen. Harich: Auch da nicht ganz, nur bedingt. Ich sehe die Sache so: Bei Sicco Mansholt verbinden sich mit der MIT-Studie aufs engste die sozialistischen Konsequenzen, die er, als er die Studie las, sofort aus ihr gezogen hat und die vernünftigerweise aus ihr auch gezogen werden müssen. Da er nun den psychologischen Fehler begeht, von sich auf andere zu schließen, fällt es ihm schwer, sich in Menschen hineinzuversetzen, bei denen das ihm zuteil gewordene Aha-Erlebnis ausbleibt. Infolgedessen wittert er den Einfluss der Bourgeoisie erst dort, wo er Kräfte, sowohl innerhalb des Club of Rome als auch von außen auf ihn einwirkend, am Werk sieht, die »das, was Dennis und Donella Meadows geschrieben haben, teilweise modeln oder ins Gegenteil verkehren wollen«. Und er denkt, wenn er das sagt, an direkte Interventionen des Monopolkapitals, der »Wirtschaftsbosse«. Den Einfluss der bürgerlichen Ideologie zieht er nicht in Betracht. So entgeht ihm ein sehr wesentlicher Umstand: Dass bereits die MIT-Studie als solche ein Produkt bürgerlichen Denkens ist. 220 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Demnach halten Sie deren Veröffentlichung, im Gegensatz zu Mansholt, für keinen Zufall und glauben nicht, dass sie nur deshalb erfolgt sei, weil der – überwiegend bürgerliche – Club of Rome ihre Tragweite nicht erkannt habe. Harich: Das Denken Forresters und der Meadows bewegt sich in einem Spielraum, dem die bürgerliche Ideologie Schranken setzt, Erkenntnisschranken. Diesen Gelehrten ist deshalb wahrscheinlich selbst die Tragweite ihres Berichts nicht voll bewusst gewesen, und schon das kann man nicht als Zufall ansehen. Der Inhalt der MIT-Studie drängt auf sozialistische, sogar – wie ich meine – auf ausgesprochen kommunistische Lösungen hin – ja. Jeder mit Konsequenz vernünftig denkende Mensch muss das einsehen. Aber die bürgerliche Ideologie, in der sowohl Forrester und die Meadows als auch die meisten Mitglieder des Club of Rome (mit Ausnahme einer kleinen Minorität, zu der die Jugoslawen und Adam Schaff gehören) befangen sind, gibt so viel Vernunft nicht her. Wer hat denn mit holländischen Jungarbeitern diskutiert und hinterher freudestrahlend berichtet, diese seien, unter der Bedingung, dass das kapitalistische System verschwinde, zu materiellen Opfern bereit? Forrester? Die Meadows? Nein, Sicco Mansholt! Und von Mansholt, nicht von den Autoren der MIT-Studie, stammen die für uns Kommunisten so bedeutungsschweren Sätze: »Auch das System des Staatssozialismus, wie es in der Sowjetunion besteht, hat das materielle Wachstum und die Expansion zum Ziel. Ich glaube jedoch, dass es eher im Stande ist, sich einer Gesellschaft ohne Wachstum anzupassen als das System des Kapitalismus. Es hat eine planmäßig gesteuerte Produktion, und die wird sich auf einfachere Weise anpassen können.« Forrester und die Meadows klammern die Klassenfrage aus. Der Unterschied von Sozialismus und Kapitalismus verschwindet bei ihnen hinter den gemeinsamen Merkmalen aller Industriegesellschaften – womit sie, unter Umkehrung des Vorzeichens, die törichte Konvergenztheorie der sechziger Jahre fortsetzen –, und die Frage, welche bestimmten gesellschaftlichen Kräfte im Westen ihre Ideen verwirklichen könnten, stellen sie gar nicht; sie appellieren an alle Welt, an die Vernunft der Regierungen u. dgl. Deshalb vergleicht Fjodorow diese Gelehrten ja auch mit den utopischen Sozialisten, wohl wissend, dass auch die bereits bürgerliche Ideologen waren. Die Zukunftsentwürfe der Saint-Simon, Fourier und Owen hatten aber immerhin, obwohl bürgerlich, eindeutig sozialistischen Charakter, während Forrester und die Meadows, ohne mit einer Silbe die Eigentumsfrage zu berühren, sich darauf beschränken, der Weltwirtschaft einen allgemeinen Wachstumsstopp zu verordnen, dem überhaupt erst der Sozialdemokrat Mansholt und der Kommunist Fjodorow seine sozialistischen Implikationen anmerken. 221IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome Duve: Und nicht jeder Linke merkt sie der MIT-Studie an. Bei den meisten fällt der Groschen nur stockend, bei vielen gar nicht. Daher das wütende Reagieren nicht nur bei McNamara, Herman Kahn und dem Bundesverband der Deutschen Industrie, sondern auch bei den linken Wachstumsfetischisten von der Art Biolats und Gärtners. Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass, so gesehen, deren Aversion nicht jeder Berechtigung entbehre? Harich: Ich verstehe beide sehr gut. Ich teile ihren Standpunkt nicht, halte ihn für falsch. Aber ich verstehe ihn. Duve: Wegen der Arbeitsplätze all jener, die an der »Concorde« bauen? Harich: Nicht nur. Die Ablehnung hat noch massivere Gründe. Erinnern Sie sich bitte an die Situation, die Ende 1973 in der Bundesrepublik bestand, wenige Wochen nach der spektakulären Verleihung des Buchhändler-Friedenspreises an den Club of Rome. Da gab es, im Zusammenhang mit dem Jom Kippur-Krieg, den Rudolf Augstein die »Kulturwende« nennt, das arabische Öl-Embargo. Die Bundesregierung reagierte darauf mit dem Verbot privater Autofahrten an Sonn- und Feiertagen. Kurz danach hielt Willy Brandt, damals noch Bundeskanzler, seine letzte Neujahrsansprache, in der er, offensichtlich unter dem Eindruck der MIT-Studie und mit Blick auf die Scharen sonntäglicher Spaziergänger, die Vorzüge eines einfachen, bescheidenen Lebens pries. Zahllose Menschen gaben ihm recht. Dann aber spitzte sich im Januar 1974 der Konflikt zwischen der Regierung Brandt und der ÖTV zu. Die ÖTV verlangte mit ihren Lohnforderungen weiter nichts als einen annähernden – keineswegs vollständigen – Ausgleich für die materiellen Verluste, die ihren Mitgliedern aus der Inflation entstanden waren. Genscher, damals Innenminister, lehnte die Forderungen als zu hoch, als für die Staatskasse nicht tragbar ab und zwang so die ÖTV, von ihrem letzten Kampfmittel, der Waffe des Streiks, Gebrauch zu machen. Schon im Lichte dieses Ereignisses erhielt die Neujahrsansprache nachträglich einen fatalen Klang. Vollends makaber aber wurde sie, als man erfuhr, dass in der ganzen Zeit die multinationalen Ölkonzerne unter Ausnutzung des arabischen Embargos riesige, märchenhafte Extraprofite gescheffelt hatten. Ich bitte Sie: Wenn Vorgänge solcher Art zusammentreffen, dann muss man als Sozialist, als Kommunist doch einfach aus der Haut fahren vor Empörung. Und es ist diese tief berechtigte Empörung, die damals in dem vorhin von mir zitierten Artikel Edgar Gärtners ihren Niederschlag gefunden hat. Wem dient denn – wird Gärtner sich gefragt haben – das einfache, bescheidene Leben? Dem Schutz der Natur? Dem spar- 222 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ samen Umgang mit nichtregenerierbaren Roh- und Brennstoffen? Nein, der Gier der Konzernherren auf Kosten der arbeitenden Menschen! So ist Gärtners wütender Angriff auf die MIT-Studie zustande gekommen, so auch sein Seitenhieb gegen das – nach meiner Meinung bahnbrechende – Kursbuch 33, in dem Enzensberger die radikale Linke in der BRD erstmals an die ökologische Problematik heranzuführen versucht hatte. Duve: Die Statistik der Bundesrepublik zählt in dem Augenblick, da wir dieses Gespräch führen – Ende Fe bru ar 1975 –, über eine Million Arbeitslose, die vielen Kurzarbeiter nicht gerechnet. Nach dem, was Sie eben ausgeführt haben, müssten Sie überzeugt sein, dass der Club of Rome mit dazu beiträgt, diese Menschen mit ihrem Schicksal auszusöhnen. Harich: Er könnte dazu beitragen, falls die Linke es versäumt, seinen Warnungen hinzuzufügen, dass der Übergang zum Kommunismus der Ausweg wäre, um mit der Meisterung der derzeitigen ökonomischen Krise zugleich die mit ihr verfilzte ökologische Krise in den Griff zubekommen. Bleiben die Warnungen so abstrakt im Raum stehen, wie der Club of Rome sie formuliert, dann ist nicht auszuschließen, dass sie auf den Klassenkampf einen dämpfenden Effekt ausüben, indem sie Teilen des Proletariats suggerieren, Arbeitslosigkeit und Preissteigerungen hätten auch seine gute Seite: Sie verzögerten das Wachstumstempo, verminderten den Konsum, und das sei unter ökologischen Gesichtspunkten wünschenswert: Aber damit allein wäre die negative Wirkung noch nicht einmal hinreichend beschrieben, die die öffentliche Resonanz des Club of Rome bereits ausgeübt hat und die sie ausüben konnte, weil die Linksparteien seine Appelle entweder verwarfen oder, falls sie sie aufgriffen, nicht mit revolutionären Losungen zu verknüpfen wussten. Seit dem Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre bereitet der Monopolkapitalismus, bereiten namentlich die multinationalen Konzerne eine neue Welle der Kapitalverwertung vor, die eine tiefgreifende Umstrukturierung des gesamten Produktionspotenzials verlangt. Die ökologische Krise weist die Richtung, in der sie sich bewegen soll. Die ungeheuren Kosten wälzen die Multis teils durch ihre Preistreibereien, teils über die aus Steuergeldern gespeisten Staatshaushalte auf die werktätigen Massen ab. Daher in der momentan akuten Krise die bisher in der Geschichte einzig dastehende Kombination wachsender Arbeitslosigkeit mit wachsender Geldentwertung, »Stagflation« genannt, zusätzlich flankiert von der dreisten Forderung des Kapitals an die Regierungen, die Konjunktur mit staatlichen Investitionsbeihilfen wieder anzukurbeln. In dieser Situation hat der Club of Rome, indem 223IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome er aus seinen hypothetischen Prognosen solche fundamentalen Komponenten der zukünftigen Weltentwicklung wie den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus, wie den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat ausklammerte, bei den Massen die Stimmung erzeugen helfen, in der ihre Bereitschaft wuchs, Opfer zu bringen – Opfer vermeintlich für den Umweltschutz, die Schonung der natürlichen Ressourcen, die Hilfe für die hungernde Dritte Welt, in Wahrheit für die Ausrüstung des Kapitalismus mit einem neuen Produktionsapparat, nachdem die Möglichkeiten des alten erschöpft sind, weiteres Absinken der Profitrate zu vermeiden. Aus zwei Gründen werden diese Opfer, weil für den Kapitalismus erbracht, völlig sinnlos sein. Einmal ist keine technologische Entwicklung und keine Erschließung neuer Energiequellen denkbar, durch die dieses System befähigt werden könnte, die bis zur Lebensgefährlichkeit gestörte Beziehung von Mensch und Natur, Gesellschaft und Biosphäre in eine auf Dauer gestellte Harmonie zu überführen. Dazu müsste der Konsum erst aufhören, als Absatzmarkt zu fungieren, Mittel zur Realisierung des Mehrwerts zu sein, dazu müssten die Gebrauchswerte ihre Warenform abstreifen, und das wäre Kommunismus. Zum Anderen würde die Umstrukturierung des Produktionspotentials, wenn sie bei der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Weltmarktes und seiner Gesetze erfolgte, den Abstand zwischen den industrialisierten und den unterentwickelten Regionen des Erdballs noch vergrößern, die Länder der Dritten Welt durch gesteigerte Konkurrenzunfähigkeit in noch schrecklicheres Elend stürzen und somit den Nord-Süd-Konflikt eminent verschärfen. Den Weltmarkt abschaffen, ihn durch ein globales System gerechter Verteilung von Gebrauchswerten, nach dem Grundsatz der Gleichheit, ersetzen könnte aber wieder nur der Kommunismus. Duve: Warum wären dann aber nach Ihrer Meinung McNamara, Herman Kahn und der Bundesverband der Deutschen Industrie gegen den Club of Rome? Wie Sie die Dinge jetzt darstellen, müssten sie ihm dankbar sein. Harich: Fragen Sie sie doch einmal, ob sie ihm nicht dankbar dafür sind, dass er wenigstens davon Abstand genommen hat, seine Appelle durch den Ruf nach Verwirklichung des Kommunismus zu ergänzen. Sie werden die Antwort erhalten: »Natürlich, das erkennen wir an! Aber die Forderung des Nullwachstums stört uns.« Und warum stört sie diese Herren so sehr? Weil gerade die neue Kapitalverwertungswelle einen ungeheuren Aufschwung des Wachstums nach sich ziehen soll und weil die Massen, während sie zur Kasse gebeten werden und bereitwillig den Gürtel enger schnallen, gleichwohl die Hoffnung in sich wachhalten sollen, dass die nächste große Konjunktur 224 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ ihnen sowohl üppigen Konsum bei Vollbeschäftigung als auch, dank der neuen Technologien und Energiequellen, Schutz der Natur nebst unerschöpfbaren Ressourcen bieten werde. Daher bedurfte die plötzliche Panikmache der gleichzeitigen Ergänzung durch die fortdauernde Verbreitung der alten wachstumsfetischistischen Illusionen. Und neuerdings haben diese wieder Oberwasser. Denn die Notwendigkeit des Umweltschutzes wird jetzt von der Bevölkerung allgemein akzeptiert, und die Ölkrise sorgt, viel gründlicher, als alle Appelle des Club of Rome dies tun könnten, dafür, dass auch der Gedanke an die Unentbehrlichkeit neuer Energiequellen nicht mehr aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwindet. Das genügt. Mehr wäre zu viel. Der Club hat somit seine Schuldigkeit getan, er kann wieder abtreten. So erklärt sich das He runter spielen der Bedeutung seiner Westberliner Tagung vom Oktober 1974, so der massive Angriff von Kludas auf ihn im Fernsehen, so vielleicht – wir wollen es nicht hoffen – auch die neue, weniger anstößige Parole vom »organischen Wachstum«, zu der er selbst sich inzwischen durchgerungen hat. Jetzt ist dem Monopolkapital daran gelegen, dass die Einsicht in die Notwendigkeit umweltschützender Maßnahmen möglichst allgemein, verschwommen und inkonsequent bleibt – damit die profitablen Errungenschaften, die man auf dem Energie- und technologischen Sektor einzuführen gedenkt, nicht genauer unter die Lupe genommen, nicht als unzulänglich oder gar als Quelle neuer Gefahren erkannt werden –, dass ferner das Nullwachstum aus dem Bewusstsein schnell wieder verdrängt wird und dass, vor allem, dieses Postulat nicht, mit expliziten antikapitalistischen Schlussfolgerungen verknüpft, ins Waffenarsenal der Linken übergeht, ein Verhängnis, das sich in der Argumentation Sicco Mansholts und Jochen Steffens, in Enzensbergers Kursbuch 33, in sowjetischen Veröffentlichungen wie dem Buch von Fjodorow, in der Solidarisierung des größten lebenden Sowjetwissenschaftlers, Pjotr Kapizas, mit Mansholt usw. deutlich abzuzeichnen beginnt. Der Kapitalismus will nicht die Naturbasis der Gesellschaft retten, er will sich selber retten, und dazu braucht er Wachstum, d. h. Kapitalakkumulation, die aus den Schwierigkeiten der ökologischen Krise Profit herauswirtschaftet, und wenn die Menschheit dabei zu Grunde geht. Duve: Immerhin hätte der Club of Rome, wenn Ihre Auffassung der Sache zutrifft, in der Phase seiner größten Popularität, 1972/1973, sich in ein Spiel mit verteilten Rollen hineinziehen lassen. Hinter seinen Aktivitäten verbarg sich eine Strategie, die ihm in diesem Spiel die Rolle des plötzlichen Panikmachers zugewiesen hätte, während gleichzeitig McNamara, Herman Kahn, der BDI usw. die Kontinuität der alten Illusionen aufrechterhielten. 225IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome Harich: Ich glaube nicht an ein Zentralkomitee der Großbourgeoisie, das den Beschluss fasst, ein derartiges Spiel zu inszenieren, und dann an Gruppen von Wissenschaftlern entsprechende Aufträge erteilt. Noch weniger glaube ich, dass die dem Club of Rome angehörenden Wissenschaftler bereit wären, solche Aufträge zu erfüllen. Vielmehr: McNamara und Kahn haben das Nullwachstum verdammt, weil ihre mit den Grundinteressen der Bourgeoisie koinzidierende Gesinnung sich gegen diesen Vorschlag aufbäumte. Und der Club of Rome hat Nullwachstum gefordert aus echter Besorgnis um die Zukunft der Menschheit, wobei die bürgerliche Ideologie, in der seine meisten Mitglieder befangen sind, ihn daran hinderte, in seine Warnungen eine klare Aussage gegen den Kapitalismus aufzunehmen, ja die antikapitalistischen Konsequenzen seines Entwurfs überhaupt zu ahnen. So hat das Spiel mit verteilten Rollen sich von selbst ergeben, spontan. Es brauchte von niemandem inszeniert zu werden. Denn der Club of Rome setzt sich aus Vertretern unterschiedlicher Weltanschauungen und politischer Richtungen zusammen. Es sind auch einige Linke dabei. Ich denke jetzt nicht nur an Schaff und die Jugoslawen. Nehmen Sie z.B. die Broschüre von Aurelio Peccei und Manfred Siebker (Die Grenzen des Wachstums. Fazit und Folgestudien, Reinbek, 1974, rororo sachbuch 6905). Da wird die Frage aufgeworfen, ob nicht »eine Senkung des Lebensstandards selbst in den industriellen Ländern mit schweren Belastungen für die benachteiligten Gruppen der Gesellschaft verbunden sein« werde. Die Autoren antworten: »Das trifft für eine rein kapitalistische Gesellschaft zu. Man muss dann allerdings die Frage stellen, ob eine Gesellschaft, deren Hauptmotiv der materielle Profit ist, in einer homöostatischen Welt überhaupt noch einen Platz haben kann.« Dann wird Stellung genommen zu dem Einwand von Leonard Silk, dass »Wachstum seit seinem Ursprung im späten Mittelalter ein Charakteristikum des Kapitalismus gewesen und es zweifelhaft« sei, »ob die persönlichen und unternehmerischen Freiheiten in einer Welt des Nullwachstums gewahrt bleiben könnten«. Siebker und Peccei erwidern darauf: »Das ist richtig. Die ›persönliche Freiheit‹ hat sich in der Vergangenheit als Schlagwort erwiesen, das sich glänzend zur Einführung und Aufrechterhaltung von Sklaverei und Ausbeutung eignete. Es eröffnete den Starken, den Gewissenlosen und den Privilegierten alle Möglichkeiten, während es die Benachteiligten, die Integeren und die Unterprivilegierten nicht nur der Willkür, sondern auch der Verachtung preisgab. Wie ist es heute? Gleiche Freiheit für alle sollte unser Ziel sein. Aber optimale persönliche Freiheit für alle muss zwangsläufig Freiheit in den Grenzen sozialer Verantwortung bedeuten, eine Einschränkung, die nur auf den ersten Blick negativ erscheint.« Solche Gedanken tauchen im Club of Rome also auch auf, und immerhin werden sie in diesem Fall u. a. von dem Initiator, von Peccei, diesem so verdächtigen 226 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Konzernmanager, geäußert. Die Mehrheit der Mitglieder besteht aber aus Intellektuellen, denen sozialistische Gedankengänge fernliegen, aus Liberalen, Konservativen und gänzlich Unpolitischen. Nur eines verbindet sie alle: Die Sorge um das Überleben der Menschheit, das sie durch die Bevölkerungslawine, die Umweltzerstörung, die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, die drohende Welternährungskrise, das Wettrüsten in Frage gestellt sehen. Auf die Erforschung dieser Probleme und die Erarbeitung von Vorschlägen, wie sie gelöst werden könnten, konzentrieren die Mitglieder sich. Dabei setzen sie, um die Verständigung untereinander nicht unnötig zu stören, ihre politischen, religiösen, philosophischen Meinungsverschiedenheiten beiseite, was im Prinzip sogar gut ist. Aber hier – nicht in irgendwelchen betrügerischen Absichten – ist auch das erste Motiv für die Ausklammerung der Klassenfrage zu suchen, die übrigens bürgerlichen Ideologen bekanntlich sowieso, ohne dass sie eigens dazu beauftragt werden müssten, sie zu verschleiern, nicht als schlechthin zentral zu erscheinen pflegt. Hinzu kommt das Bestreben des Clubs, die Lösungsvorschläge, auf die seine Mitglieder sich geeinigt haben, möglichst an sämtliche Regierungen, Parteien, Organisationen, Kirchen usw. in der ganzen Welt heranzutragen, um sie alle, unterschiedslos, zu Maßnahmen zu bewegen, die der Rettung der Menschheit vor dem Untergang dienlich sein können. Keiner der Adressaten soll dabei durch Angriffe auf sein Gesellschaftssystem, seine Staatsdoktrin, seine Gesetze und sittlichen Normen vor den Kopf gestoßen werden. Alle werden respektiert, alle mit gleicher Loyalität und Freundlichkeit umworben. Antikommunistische Hetze entfällt, Entlarvung imperialistischer Machenschaften desgleichen. Auf diese Weise verschwinden die Klassenfragen vollständig, und das ist eben gar nicht mehr gut. Es sei »die Tradition des Club of Rome«, sagen Peccei und Alexander King, »im laufenden politischen Geschäft unserer Tage keine Partei zu ergreifen.« Ich bin überzeugt, dass dies aufrichtig so gemeint ist, wie es dasteht, dass es sich um keine Heuchelei handelt, dass auch nichts Bösartiges dahintersteckt, aber – es ist nun einmal durch und durch bürgerliche Ideologie, und die fügt sich immer in irgendwelche Strategien des Kapitals ein, woraus sich im vorliegenden Fall objektiv die eben beschriebenen Folgen ergeben haben. Duve: Nun zählen lautere Absichten in der Politik nicht viel. Entscheidend ist, was herauskommt. Und Kommunisten, das weiß man doch, neigen besonders dazu, »objektiv Schuldige« zu bekämpfen. Harich: Erstens kommt es darauf an, von welchem Standpunkt aus man den Club of Rome bekämpft und was man ihm entgegensetzt. Wenn man die Gefahren, auf die er 227IV. Zum Klassencharakter des Club of Rome eindringlich hingewiesen hat, bagatellisiert durch verantwortungsloses Geschwätz über noch unentdeckte Rohstoffvorkommen, über rein technologische Lösungen, mit denen sich ein ausreichender Umweltschutz bewerkstelligen ließe, über die Möglichkeit, ungenutzte Anbauflächen unter den Pflug zu nehmen, über die angebliche Harmlosigkeit von Kernreaktoren usw. usf., und wenn man gleichzeitig unaufhörlichem Wirtschaftswachstum das Wort redet, dann hilft man selber und erst recht eine Ideologie verbreiten, die den Interessen der Konzerne Vorschub leistet, und zwar nicht nur für zwei, drei Jahre, sondern auf Dauer. Bekämpfen muss man am Club of Rome etwas ganz anderes: Dass er, aus den eben beschriebenen Motiven, die Klassenfragen ausgeklammert und damit sein Teil dazu beigetragen hat, Verwirrung zu stiften. Hinweisen muss man seine Mitglieder z. B. darauf, dass es auf der Linie, die von Forrester-Meadows’ Studie zu der von Mesarović-Pestel führt, läge, die begonnene Konkretisierung nun endlich bis zu der Frage voranzutreiben, welche gesellschaftlichen Kräfte auf Grund ihrer objektiven Interessenlage am ehesten bereit sein könnten, den in beiden Studien enthaltenen Vorschlägen zum Durchbruch in der Politik zu verhelfen, und welches der koexistierenden Gesellschaftssysteme über die größeren Potenzen verfügt, der ökologischen Krise Herr zu werden. Aber vielleicht will der Club of Rome diese Fragen nicht aufwerfen, geschweige beantworten, weil das gegen sein Prinzip verstieße, »im laufenden politischen Geschäft unserer Tage keine Partei zu ergreifen«. Sollte es sich so verhalten, dann würde ich zweitens sagen: Wie käme dieses notorisch bürgerliche Gremium auch dazu, uns Marxisten die Aufgabe abzunehmen, aus den Wahrheiten, die es ans Licht bringt, kommunistische Konsequenzen zu ziehen? Dazu sind wir ja da! Was erwarten wir eigentlich? Soll der Club of Rome uns über die welthistorische Mission der Arbeiterklasse belehren? Soll er uns darüber aufklären, dass der Kommunismus die Kraft besäße, mit tödlichen Krisen fertig zu werden? Das sind Dinge, die wir wissen müssen, und an uns liegt es, sie den Massen jetzt so zu vermitteln, dass ihnen ein realer, nicht-illusorischer Ausweg aus dem derzeitigen Schlamassel gezeigt wird. Wir klammern die Klassenfragen ja nicht aus. Wir stellen sie in den Mittelpunkt unserer Analysen. Und sobald wir das tun, streifen die Warnungen des Club of Rome, von uns aufgegriffen, ihre bürgerlich-ideologische Hülle ab, hören sie auf, für jene Panikmache brauchbar zu sein, die im Wechselspiel mit dem Illusionismus der Wachstumsapostel die neue Welle der Kapitalverwertung vorbereiten sollte. Den Club zu entlarven und zu bekämpfen wären wir dann verpflichtet, wenn er die Grenzen, die er sich selbst gesetzt hat – und die wir getrost als seine Grenzen respektieren können –, unter dem Druck der Bourgeoisie in einer Richtung überschritte, die zur Verfälschung seiner eigenen Resultate, zum Widerruf der von ihm erzielten Einsichten führt. Widersteht der 228 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Club dieser Versuchung, so sollten wir, im vollen Bewusstsein des nur begrenzten Werts seiner Aussagen, jedes Argument, das er vorzubringen hat, jeden Vorschlag, den er unterbreitet, sorgfältig prüfen, an unseren philosophischen, historischen, sozialen und politischen Maßstäben messen und, wenn er sich für die Sache der Arbeiterklasse als nutzbringend erweist, in unser Programm einbauen. Hassenswert ist nicht der Club of Rome, wenn er zum Schutz der Biosphäre, zur Schonung der Ressourcen aufruft. Hassenswert ist die Bourgeoisie, die daraus auf ihre Weise Kapital geschlagen hat. Was ihr der Club natürlich leichtmachte, was wir ihr aber noch leichter machen, wenn wir seine Warnungen in den Wind schlagen, mit dem Erfolg, dass es das Privileg der Bourgeoisie bleibt, auf sie ihre Strategien abzustimmen. 229 V. Ökologische Krise und Klassenkampf Duve: Aus Ihren bisherigen Antworten geht deutlich hervor: Sie würden es begrüßen, wenn die Parteien der Linken sich die Appelle des Club of Rome zu eigen machten. Harich: Ich hielte es für richtig, wenn sie das täten. Und ich bin überzeugt: Über kurz oder lang werden sie es tun. Duve: Kommunisten und Sozialdemokraten werden auf solche Appelle gewiss verschieden reagieren. Aber Sie machen da keinen Unterschied mehr? Harich: Der Sturz der Bourgeoisie, die Errichtung der Diktatur des Proletariats und die Verwirklichung des Kommunismus sind die Voraussetzungen dafür, die Forderungen des Club of Rome in der Gesellschaft durchzusetzen. Ich sehe nicht, dass die Sozialdemokratie gewillt und im Stande wäre, diese Voraussetzungen zu schaffen. Aber die Aufgabe, für das Überleben der Menschheit auf unserem Planeten zu kämpfen, erhebt sich heute vor allen Fraktionen der internationalen Arbeiterbewegung. Egal, ob sie auf revolutionäre oder auf reformistische Konzeptionen eingeschworen sind, und es ist ein sozialdemokratischer Staatsmann, Sicco Mansholt, der, im Hinblick auf diese Aufgabe, als erster die vom Club of Rome formulierten Vorschläge mit sozialistischen Gedankengängen in Verbindung gebracht hat. Überleben wird die Menschheit nur, wenn es ihr gelingt, die Bevölkerungslawine aufzuhalten, dem Wirtschaftswachstum Grenzen zu setzen, die Natur vor den schädlichen Nebenwirkungen der industriellen Produktion zu schützen, äußerst sparsam mit den natürlichen Ressourcen, besonders den nichtregenerierbaren Roh- und Brennstoffen, umzugehen, das soziale Gefälle zwischen Nord und Süd rigoros einzuebnen und die allgemeine und vollständige Abrüstung herbeizuführen. Alle darauf abzielenden Pläne und Maßnahmen wären zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse getragen würden. Sie aber hört, in von Land zu Land unterschiedlichem Maße, auf das Wort der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien. An ihnen liegt es, die Arbeiter auf diesen Weg zu führen. Folgt die Sozialdemokratie dem Beispiel Mansholts, so wird sie dazu wesentlich beitragen, obwohl ihr »demokratischer Sozialismus« den radikalen Lösungen, die historisch fällig sind, abträglich sein dürfte. Duve: Während man bei den Kommunisten – zugegeben: außer den genannten Beispielen in der Sowjetunion – nur Hohn und Spott für die Begrenzungsdebatte beob- 230 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ achten kann, haben die Demokratischen Sozialisten sich seit Jahren intensiv mit diesen Fragen beschäftigt. Erhard Eppler, Joachim Steffen, ja selbst der Entwurf des neuen Orientierungsrahmens der SPD gehen sehr ernsthaft auf diese Diskussion ein. Bei der DKP und den anderen westeuropäischen kommunistischen Parteien vermisst man ähnliche Stellungnahmen. Im Westen werden die Parteien der Linken jedoch – wenn sie die Vorschläge des Club of Rome akzeptieren – die Völker der industrialisierten Regionen der Erde dafür gewinnen müssen, auf Ausweitung ihres Konsums, auf steigenden Lebensstandard zu verzichten. Und das ist unser zentrales Problem. Harich: Allerdings. Und die fühlbarsten Einschränkungen, gemessen an ihrem derzeitigen Lebensstandard, hätten die Nationen der kapitalistischen Industrieländer, namentlich der USA, Westeuropas und Japans, auf sich zu nehmen, da bisher sie den größten Teil des Weltenergieaufkommens und der Rohmaterialien verbrauchen und die Völker der Dritten Welt von ihren Konzernherren ausgeplündert oder zumindest in Rückständigkeit gehalten werden. Duve: Unser Problem ist, dass wir den Kampf für den Demokratischen Sozialismus lähmen, wenn wir in ihn bereits die Losungen des Nullwachstums und des Konsumverzichts hineintragen. Harich: Es kommt darauf an, wie man das macht. Die Linksparteien sollten schon jetzt, sofort damit anfangen, der Arbeiterklasse die Gründe darzulegen, aus denen sie, sobald sie zur Macht gelangt sind, das Wirtschaftswachstum stoppen und der ganzen Bevölkerung, mit Einschluss der Arbeiter, materielle Einschränkungen auferlegen werden. Sie sollten aber gleichzeitig klarstellen, dass es zu eben diesem Zweck notwendig sein wird, die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse zu beseitigen, und den Arbeitern dringend anraten, jede materielle Einbuße zu verweigern, so lange diese Verhältnisse noch nicht überwunden sind. Duve: Erstens haben die Linken auch kein Allheilmittel, und zweitens klingt das kompliziert. Harich: Es ist keineswegs kompliziert. Die holländischen Jungarbeiter, mit denen Sicco Mansholt sprach, haben es so gut verstanden, dass sie es von sich aus vorschlugen, indem sie sagten: »Opfer ja, aber erst muss der Kapitalismus weg!« Dies ist die Formel, welche die Parteien der Linken fortan in den Mittelpunkt ihrer Agitation und Propa- 231V. Ökologische Krise und Klassenkampf ganda stellen sollten. Dem Proletariat liegen asketische Ideale an sich fern. Aber wenn es darauf ankam, hat es noch stets bewiesen, dass es eine heroische Klasse ist – in den Tagen der Pariser Commune, in drei russischen Revolutionen, im spanischen Bürgerkrieg, im Widerstandskampf gegen Hitler, in zahllosen Aufständen und politischen Massenstreiks, zuletzt wieder in Paris, während des glorreichen Mai-Juni 1968. Das Proletariat wird bereit sein, für die Erhaltung der Biosphäre, für die Rettung der Menschheit vor dem Untergang, auch für ein besseres, menschenwürdigeres Leben der Völker der Dritten Welt jedes Opfer zu bringen, von dem die Wissenschaft nachweist, dass es nötig ist. Aber der Bourgeoisie wird es und soll es gar nichts opfern. Die Zumutung, sich im Rahmen des kapitalistischen Systems mit einem einfachen, bescheidenen Leben abzufinden, wird es ablehnen, mit vollem Recht. Und selbst angenommen, dass Proletariat ließe von Demagogen, die mit den Argumenten der Ökologie oder mit dem Ruf nach besserer Lebensqualität Missbrauch treiben, sich hier bereits zu Verzichtleistungen überreden, so wären diese, weil unter kapitalistischen Bedingungen erbracht, ohne jeden Sinn. Der Kapitalismus kann, da Kapitalakkumulation und Kapitalverwertung sein Lebensgesetz sind, unmöglich von der erweiterten zur einfachen Reproduktion übergehen. Je geringer daher der Anteil ist, den die Arbeiterklasse vom Bruttosozialprodukt erhält, desto größere Summen investiert die Bourgeoisie in die Erweiterung des – umweltzerstörenden, Rohstoffe verschlingenden – Reproduktionsprozesses. Etwas anderes ist nicht möglich. Erst der Sozialismus kennt diese Zwangsläufigkeit nicht mehr. Erst hier kann eine Einschränkung des Massenkonsums, je nach den Zielen, die sich die Wirtschaftsplanung setzt, sowohl der erweiterten Reproduktion als auch ganz anderen, entgegengesetzten Zwecken dienen, z. B. dem Schutz der Natur, der Schonung der Ressourcen – ganz wie der Arbeiter- und Bauernstaat es aus außerökonomischen Beweggründen haben will. Duve: Die Anti-Konsum-Diktatur des Proletariats? Der Club of Rome rät dringend zum Anhalten des Wirtschaftswachstums und zur Konsumeinschränkung, und Arbeitslosigkeit und Preissteigerungen haben eben diese Wirkung. Harich: Nur hat die Biosphäre nichts davon. Sehen Sie sich in dem Milieu, in dem Sie leben, um und fragen Sie sich, ob der keineswegs planvoll und überlegt, sondern durch soziale Missstände spontan hervorgerufene Rückgang von Produktion und Konsum dort ökologisch überhaupt zum Tragen kommen kann. Ein Blick in die nächste Mülltonne wird Sie darüber belehren, dass das nicht der Fall ist. Ihr Entschluss, die Anschaffung eines neuen PKW zu vertagen und den alten, klapprigen noch eine 232 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Weile zu behalten, reinigt ja auch nicht dessen Abgase von Schadstoffen. Wer sich von der veränderten Lebensweise des Arbeitslosenheeres in einer kapitalistischen Industriegesellschaft ein Plus an Naturschutz erhofft, könnte ebensogut die Zunahme der Erkrankungen an Gebärmutterkrebs als erfreuliches Anzeichen dafür werten, dass nun bald die Bevölkerungslawine zum Stillstand kommen werde. Mit albernen, makaberen Vorstellungen dieser Art ließen sich ganze Kabarett-Programme bestreiten. Doch selbst gesetzt den Fall, Rezession und Inflation hätten tatsächlich einen nennenswert umweltschonenden, Rohstoffe streckenden Effekt, so hieße das, ökologisch gesehen, doch nur, dass das Wirtschaftswachstum die unaufhebbare Naturschranke, die ihm gesetzt ist, nicht mit kontinuierlich zunehmendem Druck, sondern durch den Wechsel von Konjunktur und Krise ruckweise, in Stößen zerschlägt. Und der nächste Stoß – darauf können Sie sich verlassen – wird um so heftiger ausfallen, je gründlicher die multinationalen Konzerne jetzt den Volksmassen die Bankkonten und Geldbörsen ausräumen, um den im Vollzug begriffenen Umbau ihres Produktionsapparats finanzieren zu können. Duve: Sie stimmen also nicht in den Chor derer ein, die die Gewerkschaften zum »Maßhalten« auffordern. Harich: So lange der Kapitalismus existiert, auf keinen Fall, weder in Zeiten der Konjunktur noch in Zeiten der Krise, und schon gar nicht aus ökologischen Erwägungen. Erst müsste die Arbeiterklasse die politische Macht erobert und mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel völlig neue Bedingungen geschaffen haben. Duve: Aber Sie plädieren dafür, dass die politische Arbeiterbewegung, d. h. die sozialdemokratischen und in Italien und Frankreich kommunistischen Parteien des Westens, unbeirrt durch Konjunktur und Krise und unbeschadet ihrer Unterstützung des gewerkschaftlichen Kampfes, aus ökologischen Erwägungen offen ihre Absicht bekennen soll, die ihr zufallende Macht einst dazu nutzen zu wollen, das Wirtschaftswachstum anzuhalten und den Lebensstandard der Bevölkerung zu senken. Eine wahrhaft selbstmörderische Wahlaussage, zumal es keinen sogenannten sozialistischen Staat gibt, der eine plausible Alternative bietet. Harich: Die ökonomische Arbeiterbewegung, repräsentiert durch die Gewerkschaften, darf keine andere Aufgabe kennen, als sich im Rahmen des bestehenden kapitalistischen Systems für die unmittelbaren materiellen Interessen der Arbeiter und Angestellten, 233V. Ökologische Krise und Klassenkampf für die Verbesserung ihres Lebensstandards, für höhere Löhne, menschlichere Arbeitsbedingungen, Kündigungsschutz usw. einzusetzen. Die politische Arbeiterbewegung muss sich mit diesen Bestrebungen solidarisieren, sie unterstützen, muss zugleich aber auch über ein klares Konzept für die Umgestaltung der Gesellschaft im ganzen verfügen und es jederzeit öffentlich vertreten, ein Konzept, dessen Zielsetzungen den engen Horizont der bürgerlichen Verhältnisse überschreiten. Realistisch kann dieses Konzept heute nur sein, wenn es die Voraussage der Wissenschaft mit ins Kalkül zieht, dass bei Fortdauer der gegenwärtigen Trends der Weltentwicklung die Menschheit in zwei, drei Generationen zu Grunde gehen wird. Und human, den Traditionen der Arbeiterbewegung würdig kann das Konzept nur sein, wenn es diese Perspektive nicht, mit dem Hintergedanken: »Nach uns die Sintflut«, aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen hilft, sondern von dem leidenschaftlichen Willen durchdrungen ist, den verhängnisvollen Gang der Dinge mit allen zu Gebote stehenden Mitteln aufzuhalten. Dazu bedarf es einer großen strategischen Zielsetzung, nämlich der, die menschliche Gesellschaft und ihre Kultur endgültig, für immer harmonisch in die Biosphäre einzugliedern. Und es bedarf dazu eines beizeiten erarbeiteten, auf lange Sicht berechneten Aktionsprogramms, das vor den drohenden Katastrophen warnt, schonungslos deren Ursachen aufdeckt und ein System wissenschaftlich begründeter Maßnahmen entwickelt, die garantieren, dass diese Ursachen radikal beseitigt werden. Duve: Beseitigt durch ein System sehr unpopulärer Maßnahmen. Harich: So populär, wie es möglich, und so unpopulär, wie es nach dem Urteil der Wissenschaft nötig ist. Je unpopulärer die Maßnahmen aber sein werden, desto früher und ungeschminkter muss man sie der Öffentlichkeit plausibel machen. Nur so wird man vertrauenswürdig auf weite Sicht. Popularitätshascherei, die mit Illusionen, gar mit Lügen operiert, verurteilt einen Politiker dazu, eine Eintagsfliege zu bleiben. Duve: Sie sagten, das Konzept müsse realistisch sein. Die Maßstäbe der Politik für das, was realistisch genannt zu werden verdient, sind andere als die der Ökologie. Ist es nicht unrealistisch, zu glauben, dass die Bevölkerung eine Partei, die ihr für den Fall ihres Sieges Versagungen und Entbehrungen in Aussicht stellt, mit Mehrheit ins Parlament wählen, ja, für sie auf die Barrikade steigen wird? Harich: Diese Partei wird es wahrscheinlich vorübergehend auf sich nehmen müssen, gegen den Strom zu schwimmen – den Strom des Wohlstandsdenkens, des Wachstums- 234 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ fetischismus, der Konsumillusionen, den Strom der Unwissenheit und Gewissenlosigkeit in Sachen Ökologie. Aber das macht nichts. Die wenigen revolutionären Marxisten, die es zu Beginn dieses Jahrhunderts in den Reihen der VII. Internationale gab, unter ihnen Lenin, Liebknecht, Rosa Luxemburg, sind bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs gegen eine gewaltige Hochflut des Chauvinismus angeschwommen. Drei, vier Jahre später trug gerade deswegen das Vertrauen der Massen sie zu Führern der Revolution empor. Und welche Partei heute das Vermächtnis Lenins, Liebknechts, Luxemburgs verkörpert, bewahrt und in die Zukunft trägt, ist bekannt. Bekannt ist ebenfalls, dass diese Partei es unterdes nicht verlernt hat, gegen den Strom zu schwimmen. Sie hat beispielsweise die Endgültigkeit der Oder-Neiße-Grenze und die Realität DDR schon zu einer Zeit anerkannt, als die rechten SPD-Führer noch die Vertriebenenverbände hofierten. Duve: Was das Wohlstandsdenken und den Wachstumsfetischismus anbelangt, so sieht es vorläufig nicht so aus, als seien die DKP oder andere kommunistische Parteien Westeuropas geneigt, auch gegen diesen Strom zu schwimmen. Ich erinnere Sie an die Auslassungen von Guy Biolat und Edgar Gärtner. Doch angenommen, dies änderte sich, was müsste dann geschehen, damit der Strom den Berg hinauf- und nicht mehr herunterfließt? Mit der Predigt des Verzichts Wahlen zu gewinnen wird schwerfallen, und zur Entfesselung von Revolutionen dürfte sie sich noch weniger eignen. Harich: Die Revolution der Puritaner ist als Geburtshelfer der bürgerlichen Gesellschaft aus der Geschichte nicht fortzudenken. Sie predigte Verzicht. Duve: Das waren andere Zeiten. Außerdem wurde einer anderen Klasse gepredigt. Sie selbst haben eben betont, dass den Arbeitern asketische Ideale fremd seien. Harich: Um hinzuzufügen, dass gleichwohl das Proletariat eine heroische Klasse ist. Worauf beruhte der geschichtliche Erfolg der Puritaner? Die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft waren im 17. Jahrhundert noch so unentwickelt, dass um der Akkumulation des Kapitals willen Konsumverzicht zu üben im Interesse der frühen Bourgeoisie lag. Aus einem ungleich stärkeren Motiv: um als Gattung auf diesem Planeten überleben zu können, wird fortan die Menschheit sich vieles versagen müssen, weil inzwischen die Produktivkräfte, besonders durch die Automation, einen nicht mehr zu überbietenden Stand ihrer Entwicklung erreicht haben, dergestalt, dass nunmehr der Akkumulationsprozess des Kapitals an die letzte, absolute Grenze stößt, 235V. Ökologische Krise und Klassenkampf hinter der nur noch die Dämonen der Vernichtung des Lebens lauern, der Selbstvernichtung alles menschlichen Lebens. Die Menschheit weiß das nur noch nicht. Eine kleine Vorhut ihrer Wissenschaftler weiß es. Die Spätbourgeoisie, an der Spitze die multinationalen Konzerne, entschlossen, eher den Untergang aller zu riskieren, als vom Schauplatz der Geschichte abzutreten, hat die vage aufflackernde Ahnung, die sie 1972/1973 unbedachterweise einen Moment lang aus den Computern des Club of Rome, aus dessen schwer entzifferbaren statistischen Diagrammen ins Bewusstsein breiter Massen überspringen ließ, schleunigst aus den Köpfen wieder zu verdrängen gewusst; was den Köpfen nicht unwillkommen ist, da das Gefühl, in Mordanschläge auf die eigenen Enkel verstrickt zu sein, auf die Dauer Unbehagen erzeugt. Jäh hochgespielt, schnell verramscht, gleich wieder vergessen, teilt die MIT-Studie mit den übrigen Sensationen der Wegwerf-Gesellschaft, mit den Herzverpflanzungen und dem ersten Mondflug, mit der APO und dem Friedensnobel-Preis für einen deutschen Nachkriegskanzler, das Schicksal, heute nur noch Gähnen hervorzurufen, so sehr die Warnungen der Studie mit jeder verrinnenden Minute exponentiell an Aktualität zunehmen. Jetzt sind die Todfeinde der Bourgeoisie, die Kommunisten, an der Reihe, die drohende Gefahr dem Gedächtnisschwund der mit Neuigkeiten überfrachteten Gehirne wieder zu entreißen. Jetzt ist ihrer pausenlos einhämmernden Agitation aufgetragen, den Menschen ohne Pardon zu offenbaren, was sie, was ihre Kinder und Kindeskinder erwartet, falls die Dinge so weitertreiben. Und wenn erst die Kommunisten sich auf diese ihre Pflicht besonnen haben werden, dann wird der Gesellschaft der industrialisierten Regionen in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht mehr lange verborgen bleiben, dass berechenbares Klima, dass die Luft zum atmen, dass dauerhafter Frieden, gesicherte Existenz, Gesundheit an Leib und Seele lebenswichtiger sind als ein Wohlstand, den sie sich überdies unter strapaziösem Leistungsdruck mit Arbeitshetze, Stress, Frustrationen aller Art, kulturellem Tiefstand ohnegleichen viel zu teuer erkaufen muss. Am lebenswichtigsten für die Arbeiter aber ist die Integrität des proletarischen Internationalismus, die verlorenginge, wenn sie, mit den Millionen hungernder Kinder der Dritten Welt vor Augen, nicht daran dächten, die künftige eigene Macht für die Einebnung des Wohlstandsgefälles zwischen Nord und Süd einzusetzen. Duve: Was schlagen Sie vor? Harich: Ich schlage den kommunistischen Parteien vor, in ihre gegen den Kapitalismus gerichtete Agitation und Propaganda Aufklärungskampagnen über die Katastrophen mit einzubeziehen, auf die wir uns bei Anhalten der ökologischen Krise gefasst machen 236 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ müssen. Die wissenschaftlichen Beweismittel für die Richtigkeit ihrer Argumente sollten die Kommunisten dabei den Studien des Club of Rome entnehmen, und als rettenden Ausweg sollten sie eine asketische Variante des Kommunismus propagieren, die den von der Ökologie als lebensnotwendig erachteten Konsumverzicht unter strenger Wahrung sozialer Gerechtigkeit durchzuführen erlaubt. Zwei Dinge möchte ich aber ergänzend hinzufügen. Erstens geht es nicht nur um die Wahrung sozialer Gerechtigkeit bei der Aufteilung der nach ökologischen Kriterien noch zulässigen Konsumgüter – obwohl auch dies ein wichtiger Gesichtspunkt ist –, sondern mehr noch darum, dass, wie ich schon sagte, Einschränkung des Konsums unter kapitalistischen Bedingungen die Ausweitung der Reproduktion begünstigen würde, die es gerade zu verhindern gilt. Zweitens sollten die in den Aufklärungskampagnen zu verbreitenden Argumente nicht ausschließlich aus den Studien des Club of Rome bezogen werden. Diese sind zwar eine Fundgrube an schlagenden Beweisgründen, soweit es sich um die Bevölkerungsexplosion, die Rohstoff- und die Welternährungskrise handelt, aber bei weitem nicht ergiebig genug, um die ökologische Krise im engeren Sinne, nämlich die Umweltbelastung durch die industrielle Zivilisation, evident zu machen. Zu diesem Punkt müsste weitere Literatur herangezogen werden, vor allem das hervorragende Doomsdaybook von G. R. Taylor. Zu empfehlen wäre desgleichen, alle einschlägigen Ausführungen, die von sowjetischen Experten auf dem Moskauer Symposion »Mensch und Umwelt« vorgetragen worden sind, auszuwerten und zu popularisieren. Die MIT-Studie krankt daran, dass sie aus den vielen Faktoren, welche die Umwelt belasten und zerstören, wohl wegen der relativ leichten Quantifizierbarkeit für den Computer, nur die Emission von Schadstoffen herausgreift. Duve: Ist das nicht die gefährlichste Komponente der Umweltverschmutzung? Erinnern Sie sich an die Quecksilberkatastrophe von Minamata in Japan! Harich: Wo denken Sie hin! Gegen das, was uns bevorsteht, wenn wir so weitermachen wie bisher, war Minamata, bei all seiner Schrecklichkeit, ein harmloser kleiner Betriebsunfall, kaum der Rede wert. Es fängt damit an, dass schon in dem Ausdruck »Umweltverschmutzung« – auch die MIT-Studie bevorzugt ihn – eine Welt von Schonfärberei und Verharmlosung steckt. Ich gebrauche dieses Wort daher ungern. Man assoziiert mit ihm die Vorstellung weggeworfener alter Konservenbüchsen in einem Waldstück. Man denkt allenfalls noch an den Smog und die Autoabgase und bildet sich dann ein, mit dem Anbringen von Filtervorrichtungen sei das Problem erledigt. Wenn man überdurchschnittlich Bescheid weiß, sagt man »Minamata« und beruhigt sich bei 237V. Ökologische Krise und Klassenkampf dem Gedanken, dass dort zu den 15.000 Quecksilbergeschädigten seit Jahr und Tag keine weiteren mehr hinzugekommen sind. Es geht aber gar nicht so sehr um »Schmutz«, sei es selbst noch so giftigen, sondern darum, dass wir im Begriff sind, die Naturbasis tierischer und menschlicher Existenz überhaupt zu zerstören. Die Emission von Schadstoffen aller Art – von Asbest, Blei, Cadmium, Quecksilber usw., erst recht von radioaktiven Abfallstoffen wie Strontium oder Jod, Krypton und Tritium – trägt dazu wesentlich bei; ich will das nicht leugnen. Sie allein würde schon ausreichen, uns in absehbarer Zeit umzubringen, sei es direkt, durch schleichenden Vergiftungstod, sei es auf dem Umweg über die Störung von Naturkreisläufen, die für uns lebenswichtig sind. Aber es gibt, teils kombiniert mit den Schadstoffen, teils unabhängig von ihnen, andere, ebenso große Gefahrenquellen, von denen sehr wenig geredet wird. Duve: Vorhin zitierten Sie die Warnungen Medunins vor der Beeinträchtigung der globalen Sauerstoffbilanz durch Düsenflugzeuge und Pestizide. Harich: Ich habe da aus polemischem Anlass die Zitate so ausgewählt, dass sich eine Zuspitzung auf die von Biolat verteidigten zweifelhaften Errungenschaften ergab. Zu den Düsenflugzeugen, von denen ständig über dreitausend in der Luft sind, kommen ja noch viele andere Sauerstoff-Fresser hinzu, etwa vom Kaliber der Hochöfen, Und dem Phytoplankton setzen die Tankerhavarien nicht weniger zu als die Pestizide. Nimmt man das Problem in seiner ganzen Tragweite, so besagt es, dass die auf der Erde fortwährend stattfindenden Verbrennungsprozesse in ihrer Gesamtheit bald mehr an Sauerstoff verbrauchen werden, als die Photosynthese der Meeres- und Landpflanzen reproduzieren kann, zumal wenn sie durch zunehmende Schadstoffkonzentration in den Ozeanen und durch den Raubbau an Wäldern weiterhin beeinträchtigt wird. Die heutigen Zuwachsraten der Industrieanlagen und der immer mehr anwachsende Verkehr bewegen sich auf den Punkt zu, an dem eines nicht fernen Tages die unterste Grenze der zur Erhaltung des Lebens unerlässlichen Sauerstoffkonzentration erreicht sein wird. Wird sie überschritten, dann verwandelt die Erdatmosphäre sich wieder in eine Art Uratmosphäre zurück, in der Leben, das auf Sauerstoff angewiesen ist, nicht mehr existieren kann, und schon heute regenerieren die USA nur 60 Prozent ihres Sauerstoffbedarfs im Lande selbst, während südlich davon die brasilianischen Faschisten sich anschicken, die Urwälder am Amazonas zu roden. Ferner: Man kann nicht eindringlich genug vor den ungeheuerlichen Konsequenzen warnen, die sich über kurz oder lang aus den vom Wirtschaftswachstum bewirkten Veränderungen des Klimas, der Wetterverhältnisse ergeben werden. Es sind durch die Industrialisierung Prozesse ausgelöst 238 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ worden, die teils auf eine neue Eiszeit, teils auf den Hitzetod hintreiben, und niemand weiß, wie sie sich, unter welchen Unwetterkatastrophen, und ob sie sich überhaupt einmal ausbalancieren werden. Die letzten anomalen Wintertemperaturen lassen bereits nichts Gutes ahnen. Es kann durchaus geschehen, dass in Zukunft die Mittelmeerländer und Kalifornien das Klima der afrikanischen Wüstengebiete, mit allen verheerenden Folgen für die Landwirtschaft und die Wasserversorgung der Städte, haben werden – Sahelzonen quer durch Europa, quer durch die USA. Diese Aussicht erscheint mir als die wahrscheinlichere. Durch Beton und Asphalt, durch Städtebau, großräumige Landwirtschaft, Rodung von Wäldern, Anlage von Stauseen erhöhen wir laufend die Albedo, wie die Astronomen das Verhältnis zwischen eingestrahlter und reflektierter Sonnenenergie nennen. Gleichzeitig geben alle Verbrennungsprozesse an ihre Umgebung Wärme ab, die Atomkraftwerke übrigens noch hundertmal mehr als herkömmliche Kraftwerke vergleichbarer Kapazität. Von beiden zivilisationsbedingten Faktoren befürchte ich, dass sie sich in den letzten Jahren gefährlich mit der langen Welle des natürlichen, kosmisch bedingten Klimarhythmus zu verschränken begonnen haben, die, nach den Schätzungen von Schnitnikow (Leningrad) und Winstanley (London), bis ins erste Drittel des kommenden Jahrhunderts sowieso zunehmende Erwärmung mit sich häufenden Trockenperioden bringen wird und die Lenk (Saarbrücken) sogar einen Jahrhunderte währenden »astronomischen Sommer« voraussagen lässt. Es kann aber natürlich auch sein, dass vorübergehend die Eiszeit-Hypothese recht behält, die von der zunehmenden Bewölkung in Folge industrieller Luftverunreinigung ausgeht. Wie dem auch sei: Das Klima ist nicht so stabil, wie wir gewöhnlich annehmen. Es befindet sich in einem delikaten Gleichgewicht, auf das wir mit unabsehbaren Folgen störend einwirken. Dann ist da das eskalierende Problem der Erdbeben, von denen mancher zu Unrecht glaubt, dass sie – was für die unmittelbar Betroffenen aber schon schlimm genug wäre – bloße lokale Katastrophen seien. In Wahrheit können sie Verspannungen der Erdrinde über Tausende von Meilen hervorrufen, die unter Umständen weitere Beben, an ganz anderen Orten, begünstigen. Auch dies beginnt sich, da gleichzeitig die Anzahl der Kernreaktoren, nebst der beliebten Ablagerung des Atommülls in alten Salzbergwerken, zunimmt, zu einer tödlichen Gefahrenquelle auszuwachsen. Die Japaner haben früher ihre Häuser aus so leichtem Material gebaut, dass sie bei einem Erdbeben über ihren Bewohnern zusammenbrachen, ohne diese zu töten. Jetzt hat man nördlich von Tokio, einer Betonwüste wie jede andere Weltstadt, in 3510 Meter Tiefe einen seismischen Beobachtungspunkt eingerichtet, von dem aus man hofft – hofft! – eine seismische Welle 10 Sekunden vor ihrem Eintreffen erfassen und signalisieren zu können, um dann in diesen Sekunden die – man denke – Atomkraftwerke, die Gas- und 239V. Ökologische Krise und Klassenkampf Stromversorgung abzuschalten, die Ölhähne zuzudrehen, die Züge zu stoppen, damit, wie es heißt, »das Schlimmste verhütet werde« Dieser Wahnsinn – Atomkraftwerke in einem traditionellen, natürlichen Erdbebengebiet – spielt sich in Japan ab, einem Land, von dem man hätte annehmen sollen, es werde seine bösen Erfahrungen mit dem Atomtod nicht so bald vergessen. Andernorts wird durch das Anlegen von Stauseen, durch das Bohren tiefer Löcher zur Beseitigung gefährlichen Abfalls und durch unterirdische Kernexplosionen für Dauerbelastungen oder plötzliche Erschütterungen gesorgt, die auf ein Spiel mit der Möglichkeit künstlicher, von Menschenhand fabrizierter Erdbeben hinauslaufen. Und da wagt man, vor dem Hintergrund sich auffällig häufender Erdbeben an allen Ecken und Enden, die Sorgen des Club of Rome um die drohende Erschöpfung der nichtregenerierbaren Rohstoffe mit der Vertröstung auf die denkbare Ergiebigkeit von Bohrungen in noch unvorstellbare Tiefen abzuwehren, die uns eines Tages vielleicht weiterhelfen würden, oder von Bergwerken unter dem Meeresgrund der Ozeane zu phantasieren. Schließlich das immer prekärer werdende Problem unserer Wasserversorgung … Duve: … dann folgt auf die Wasserkalamität die Welternährungskrise, mitsamt den mineralischen Düngemitteln, die einerseits zur Neige gehen, andererseits auch umweltschädigende Wirkungen ausüben … Harich: Sehr richtig, das tun sie … Duve: Ja, aber es führt uns zu sehr in die Details. Um es zusammenzufassen, meinen Sie, dass schreckliche Naturkatastrophen auf uns zukommen, die wir selber heraufbeschwören, indem wir dem Wirtschaftswachstum nicht Einhalt gebieten. Harich: Nicht nur unmittelbare Naturkatastrophen kommen auf uns zu. Die zu erwartenden gesellschaftlich vermittelten Katastrophen der ökologischen Krise sind nicht weniger bedrohlich. Duve: Was verstehen Sie darunter? Mir schien, dass die Katastrophen, die Sie eben prophezeit haben, auch »gesellschaftlich vermittelt« sind. Harich: Nein, sie hatten, wenn sie sich ereigneten, gesellschaftliche Ursachen, das ist etwas anderes. Man muss Kategorien von Katastrophen erkennen und unterscheiden. Da sind erstens die einfachen Naturkatastrophen, an deren Zustandekommen mensch- 240 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ liche Aktivitäten keinerlei Anteil haben, z. B. die klassischen Erdbeben an den Rändern der Kontinente. Da sind zweitens Naturkatastrophen aus gesellschaftlichen Ursachen. Von ihnen haben wir bisher nur hier und dort einen harmlosen Vorgeschmack zu spüren bekommen. Sie entstehen aus dem Einwirken des Menschen auf die Natur. Duve: Unbeabsichtigt, aus umweltschädigenden Nebenwirkungen des Produktionsprozesses. Harich: Im allgemeinen ja, unter Umständen aber auch beabsichtigt, in einem Krieg, der mit atomaren, bakteriologischen und chemischen Massenvernichtungsmitteln ausgetragen wird. Duve: Eine Unterkategorie. Klammern wir sie aus. Harich: Drittens kann die Einwirkung der Gesellschaft auf die Natur eine Lage schaffen, die dann wieder die Gesellschaft dazu treibt, in einer Katastrophe Zuflucht zu suchen: In einem Krieg, der schlimmstenfalls mit ABC-Waffen geführt wird. Duve: Nach marxistischer Auffassung sind es nie natürliche Gegebenheiten, sondern immer gesellschaftliche Gegensätze, die Kriege hervortreiben. Harich: Gewiss, die Präponderanz dieser Gegensätze bestreite ich auch nicht. Trotzdem müssen wir in einer Zeit, in der das Wirtschaftswachstum an unaufhebbare Naturschranken stößt, auch da ein wenig umlernen. Unter den Bedingungen der ökologischen Krise verfilzen sich die natürlichen und die gesellschaftlichen Faktoren in nie dagewesener Weise. Nehmen Sie den Kabeljaukrieg. Die Gesellschaft hat zu stark die Fischgründe um Island ausgebeutet. Um diese naturgesetzlich begrenzte Ressource seiner Volksernährung zu schützen, dehnt Island seine Hoheitsgewässer aus. Großbritannien und die Bundesrepublik sind nicht bereit, dies als Rechtens anzuerkennen. So kommt es zwischen ihnen und Island zu den bekannten kleinen Gewalttätigkeiten um die Fischtrawler, zu gekappten Fangnetzen u. dgl. Oder nehmen Sie die Eskalation dieses qualitativ neuartigen Konflikttyps in der derzeitigen Energiekrise: Das Verfilztsein des arabisch-israelischen Gegensatzes, einer klassischen, rein innergesellschaftlichen Konfliktmaterie, mit der Erdölfündigkeit bestimmter arabischer Landstriche, mit dem Umstand, dass die Erdölvorkommen in naher Zukunft erschöpft sein werden, mit dem ansonsten unterentwickelten Zustand der Araberstaaten, mit der Erdölsüchtigkeit der 241V. Ökologische Krise und Klassenkampf industrialisierten Regionen, mit der Jagd der multinationalen Konzerne nach Ex trapro fi ten usw. Ich meine: Wenn die USA sich eines Tages dazu hinreißen lassen sollten, die Aggressionsdrohung Kissingers gegen die erdölexportierenden arabischen Staaten wahrzumachen, dann wäre dies eine Katastrophe, in der die ökologische Krise, nämlich das akute – oder demnächst zu erwartende – Anprallen der industriellen Zivilisation und ihres Wirtschaftswachstums an eine Naturschranke, hier: an die Erschöpfbarkeit der Erdölressourcen, sich nicht direkt geltend machen würde, wie im Falle der gesellschaftlich verursachten Naturkatastrophen, sondern vermittelt durch einen innergesellschaftlichen Antagonismus, hier: durch den Interessengegensatz zwischen dem amerikanischen Imperialismus und den von ihm ausgeplünderten Völkern der Dritten Welt. Duve: Das heißt, unter den auf uns zukommenden Katastrophen bezeichnen Sie als gesellschaftlich vermittelt diejenigen, die zwar letztlich auch auf den Raubbau an der Natur zurückzuführen sind, aber, noch bevor dessen natürliche Konsequenzen unmittelbar katastrophenartig zu Tage treten, die Form bewaffneter Konflikte zwischen Staaten und ganzen Kontinenten annehmen. Harich: Was in unserer waffenstarrenden Welt, deren nukleares Vernichtungspotential zu mehrfacher Auslöschung der Menschheit hinreicht, eben eine Katastrophe wäre, kaum geringer als der Wärmetod oder das Wegbleiben des Sauerstoffs. Ich füge hinzu: Auch den gesellschaftlich vermittelten ökologischen Katastrophen beugt man, genau wie den unvermittelt naturhaften, am sichersten und wirksamsten dadurch vor, dass man den Kommunismus verwirklicht und auf seiner Grundlage das Wirtschaftswachstum stoppt und den Konsum einschränkt. Mit anderen Worten: Der darauf abzielende politische Kampf dient nicht zuletzt der Erhaltung und Sicherung des Weltfriedens. Duve: Kurz, Sie sind überzeugt, dass Wachstumsfetischismus und Wohlstandsdenken einer Aufklärungskampagne, die mit solchen Argumenten operiert, auf die Dauer nicht werden standhalten können, besonders dann nicht, wenn die Katastrophen, vor denen sie beizeiten gewarnt hat, akut zu werden beginnen. Harich: Ja, davon bin ich felsenfest überzeugt, und zwar um so mehr, als sich in den kapitalistischen Industrieländern in verworrener, unausgegorener Weise längst Gegenströmungen bemerkbar machen, die jenen heute prokapitalistischen Ideologien opponieren, sie unterhöhlen und abbröckeln lassen. Für ökologisches Denken am meisten 242 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ aufgeschlossen ist da selbstverständlich die alte Bewegung der Naturfreunde, die sich erneuert, verjüngt und mehr und mehr an Boden gewinnt. Obwohl ursprünglich harmlos und seit jeher apolitisch, artikuliert und organisiert sie Bestrebungen, die in der Epoche der ökologischen Krise ein überaus wertvolles, nicht zu unterschätzendes revolutionäres Potential freisetzen. Es ist sich freilich seiner wahren Bedeutung noch nicht bewusst. Aber das beginnt sich zu ändern. Denn in demselben Maße, wie die Naturfreunde die Bürgerinitiativen mit wissenschaftlich begründeten Argumenten ausrüsten, werden sie ihrerseits durch sie in den politischen Kampf hineingezogen – ein vielversprechender Vorgang. Weiter: Konsumfeindliche Einstellung war, ohne in ökologischem Wissen fundiert zu sein, bereits ein hervorstechender Zug der Neuen Linken Ende der sechziger, zu Beginn der siebziger Jahre: Der Hippies, der Gammler, der – von Roszak so genannten – »Gegenkultur«, auch der Studentenrebellion, auch der APO, des ganzen Neoanarchismus bis hin zu dem terroristischen Extrem, das schließlich die deutsche Gründlichkeit uns in Gestalt der Baader-Meinhof-Gruppe beschert hat.18 Denken Sie daran, dass Gudrun Ensslin und Andreas Baader, bevor sie zur Roten-Armee-Fraktion stießen, sich als Kaufhausbrandstifter strafbar gemacht hatten. So sehr schon ihre damaligen Aktivitäten als politisch sinnlos zu verwerfen sind, ihre Motivation hatte gleichwohl einen nur zu berechtigten Kern. Kaufhäuser anzuzünden führt zu nichts, es sei denn zur Gefährdung des Lebens unschuldiger Menschen. Politisch kann es nur schaden, soviel steht fest. Aber ein kommunistischer Weltwirtschaftsplan, durchdrungen vom Geist der Kaufhausbrandstiftung, will sagen: mit seinen Kennziffern die in den Kaufhäusern angestapelte Materialverschwendung von den Regalen fegend, wäre der Menschheit unter ökologischen Gesichtspunkten heilsam, das steht auch fest. Analoges gilt für einen weiteren charakteristischen Zug der RAF: Für ihre ins Fanatische übersteigerte Solidarisierung mit Vietnam, wie sie am vernehmlichsten das im Heidelberger amerikanischen Hauptquartier verübte Attentat zum Ausdruck brachte. Als politisches Kampfmittel sind isolierte Attentate untauglich, zugegeben. Die Geschichte des Anarchismus, des Narodnowolzentums, auch der Tupamaros beweist es. Und das Attentate unter den in der Bundesrepublik 1972 bestehenden Verhältnissen einen von den Volksmassen getragenen Partisanenkrieg gegen die amerikanischen Imperialisten, zur Entlastung des vietnamesischen Volkes hätten auslösen können, war eine wirklichkeitsfremde Illusion, sicher. Aber hängt das Überleben der Menschheit etwa 18 (AH) Zu diesem Thema hatte sich Harich ausführlich in den Jahren vor Kommunismus ohne Wahstum geäußert, zuletzt um 1972 in dem in mehreren Versionen vorliegenden Nachtrag (Die Baader-Meinhof-Gruppe; An die Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe) zu seinem Anarchiekritik-Buch (Zur Kritik der revolutionären Ungeduld). Alle relevanten Texte und Manuskripte präsentiert der 7. Band. 243V. Ökologische Krise und Klassenkampf nicht von einer Entwicklungshilfe ab, die kein Kapitalexport bleiben darf, sondern selbstlose, opferbereite Solidarität werden muss, mit dem erklärten Ziel, das Nord-Süd-Gefälle des Lebensstandards einzuebnen, wenn der Dritten Welt, und damit letztlich uns selbst, wirklich geholfen werden soll? Die Frage stellen heißt erkennen, dass die Gesinnung, die sich in dem Heidelberger Attentat offenbart, zu den ermutigendsten Zeitsymptomen gehört, heißt wünschen, sie griffe, jedoch gepaart mit politischer Vernunft, ohne anarchistisches Abenteurertum, in der Gesellschaft der industrialisierten Regionen weiter um sich und gewönne hier dauerhaft an Boden. Duve: Was Sie da eben zu dem Heidelberger Attentat sagten, bei dem immerhin amerikanische Bürger umgebracht wurden, zeigt doch die Richtung der Gefahren an, auf die wir uns zubewegen, sobald die Begrenzungsdebatte uns eine globale »Revolution der sinkenden Erwartungen« beschert. Sobald es einige globale Kenntnisse und Fakten gibt, nutzt ein unberechenbarer, sich mit globaler Verantwortung garnierender anarchischer Terrorismus diese neue Rechtfertigungsebene aus: Der global operierende Anarchismus und Terrorismus wird jederzeit, bei jedem Anlass gegenüber jedem Menschen mit jedem Mittel auch die brutalste Handlung begehen und sich mit der globalen Verantwortung rechtfertigen. Ich sehe in unserem neugewonnenen globalen Verantwortungsbewusstsein nicht nur eine große Chance, den Bedrohungen zu begegnen, sondern ebensosehr eine ungeheure Gefahr. Ich befürchte, dass politische Schwarmgeister, ebenso wie kriminalisierte Anarchisten, die staatlichen Ordnungen in einen weltweiten permanenten Bürgerkrieg hineinziehen, der etwa jene Freiheiten, die wir demokratischen Sozialisten im Westen als Voraussetzung einer wirklichen Alternative zur Wachstumspolitik sehen, vernichten wird. Es sind, so glaube ich, weniger die sozialistischen Errungenschaften als die allgegenwärtige Staatsmacht, die UdSSR und DDR bislang von den Erscheinungsformen des sich global rechtfertigenden Anarchismus verschont hat. Und Sie sehen da eine – sehr merkwürdige – taktische Reserve! Harich: Ich habe nur von ursprünglichen Motiven, soweit sie mir bekannt wurden, gesprochen. Klammern wir die Anarchismusfrage aus. Dass ich Gegner des Anarchismus bin, wissen Sie ja. Die potentielle Koalition ist im übrigen für mich viel breiter und noch bunter zusammengewürfelt. Ich behaupte nämlich, dass sogar die Nostalgiewelle, wie auch immer reaktionär irregeleitet, kommerzialisiert und durch den Kommerz in Konsumkanäle abgedrängt, einem Zeitbedürfnis Ausdruck verleiht, das sich leicht gegen den Wachstumsfetischismus und das Wohlstandsdenken ins Gefecht führen ließe. Gestatten Sie, dass ich ein paar einschlägige Passagen aus dem Spiegel zitiere: »Wer 244 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ ›in‹ ist, fühlt nostalgisch und weidet sich … am Heimweh nach den Nichtigkeiten und Wichtigkeiten einer verklärten Vergangenheit. … Wie mit Ketchup und Coca-Cola infizierte Amerikas Konsum-Imperialismus den alten Kontinent nun auch mit seinem neuen Leiden, dem lustvollen Heimweh nach dem verlorenen Paradies, nach seiner vermeintlichen Unschuld. … Gelangweilt von perfektionierter Technik, vom geleckten Design der Hülsta, Braun und Knoll, verdrossen über den rationalisierten Alltag, haben sich diese Privilegierten aus der angestrengten Sachlichkeit in eine hausgemachte Krimskramsromantik geflüchtet. … Das neue Gefühlsgemisch aus Landluft und Altbewährt, Sehnsucht nach unverschmutzter Natur und nach verflossener Kultur hat auch in Kosmetik und Mode neue Bewegungen in Gang gesetzt. … Auch im Hang zum Volkstheater, zum Dialektstück, zum erdigen Realismus der wiederentdeckten Horváth und Marieluise Fleißer, der Kroetz und Faßbinder ist ein Nostalgie-Zug zu entdecken – weg vom Asphalt, hin zum Einfachen, Kreatürlichen.« Duve: Sie, Herr Harich, wollen aber Revolution. Nostalgie ist das genaue Gegenteil: Abkehr von der Politik, Versinken in Wehmut und Mutlosigkeit. In dem Artikel wird Zwerenz zitiert: »Die große Revolte ist vorüber, die große Nostalgie ist geblieben.« Da heißt es: »Was bleibt, stiften die Nostalgiker: eine Stimmung des Scheiterns, des Unglaubens an Zukunft.« Zitiert wird Alfred Schmidt: »Je mehr die menschliche und außermenschliche Natur zusätzlich überkrustet, ja zerstört wird …« Harich: Eben, eben: Natur – überkrustet, ja zerstört. Die Frankfurter Schule merkt es auch schon. Duve: Hören Sie Schmidt weiter: »… desto größer wird das Verlangen nach der verschwundenen Unmittelbarkeit. Diese Sehnsucht nach dem naturhaft Ungebrochenen, also nach einem vorkapitalistischen Zustand kann ins Auge gehen, wenn sie sich als Regression auswirkt.« Harich: Einverstanden. Sie kann, wenn sie sich so auswirkt. Aber mit kommunistischem Vorzeichen wird sie sich ganz anders auswirken. Die Kommunisten sind keine Romantiker, keine Idylliker, weiß Gott nicht, ebensowenig, wie sie Asketen und Puritaner sind. Aber sie werden sich nie und nimmer damit abfinden, dass die Menschheit zum Untergang verurteilt ist. Sie werden sich dieser Entwicklung mit ihrer ganzen Kraft, ihrer Kühnheit, ihrem Heroismus, ihrem Opfermut und auch mit ihrer politischen List und Tücke in den Weg stellen. Wenn sie nun, dies als selbstverständlich vorausge- 245V. Ökologische Krise und Klassenkampf setzt, dem einhelligen Urteil der Wissenschaft, formuliert nicht nur von Forrester und Meadows, sondern auch von Männern wie Kapiza, Rytschkow, Budyko, Medunin, entnehmen, dass umfassender Naturschutz und sparsamer Umgang mit den natürlichen Ressourcen das einzige Mittel sind, das Verhängnis aufzuhalten, und wenn sie mit dieser Erkenntnis die ihnen aus dem Kapital von Marx vertraute Einsicht verknüpfen, dass der Kapitalismus bei Strafe seines Untergangs zur erweiterten Reproduktion, die Naturschutz und Schonung der Ressourcen nun einmal ausschließt, gezwungen ist, dann werden sie unweigerlich, unentrinnbar zur Konzeption eines Kommunismus gelangen, der die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse auf die Erhaltung der Biosphäre abstimmt, der dadurch in den industrialisierten Regionen ein einfacheres, bescheideneres, weniger hektisches Leben entstehen lässt und der so auch den im Grunde nicht unberechtigten Sehnsüchten, die in der Nostalgie-Welle mitschwingen, Erfüllung bietet. Lassen Sie sich doch unter diesem Gesichtspunkt bitte einmal die folgenden Worte über »linke Nostalgiker« aus dem Spiegel-Artikel durch den Kopf gehen: Nach Ernst Bloch wird, so heißt es da, der Kommunismus »in der Welt etwas entstehen lassen, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«. »Nun«, fügt der Spiegel hinzu, »da es gegenüber der verlorenen Hoffnung auf die Blochsche ›Heimat‹ Zukunft nicht einmal mehr zu einem renitenten Vertriebenenbewusstsein zu reichen scheint, da statt des von Herbert Marcuse noch ausgedachten künftigen vernünftigen Paradieses Umweltprognostiker der gegenwärtigen Dreck- und Schreckenswelt ein Ende mit Verrecken im Hunger-, Schmutz- und Energietod voraussagen, werden fröhliche Aussichten zunehmend zu traurigen Rück-Sichten.« Ja, so ist es. Aber Warum denn? Weil sowohl Bloch als auch Marcuse, als die – nächst Lukács – bedeutendsten philosophischen Repräsentanten der Linken aus der Zeit vor der ökologischen Krise, den Kommunismus, diese Heimat, noch als Überflussgesellschaft konzipiert und beschrieben haben. Wie aber, wenn er nun heimatliche Geborgenheit bieten könnte ohne Überfluss? Dann wäre es für die vom Spiegel aufgespürten »linken Nostalgiker«, die sich mit ihren »Rück-Sichten« an diese Frage ja heranzutasten beginnen – und dabei auf dem besten Wege sind, die Schönheiten Rousseauscher Unschuldszustände neu zu entdecken –, an der Zeit, ein gut Teil ihrer Traurigkeit wieder abzulegen. Ich will mit alledem nur sagen: Wenn die Gesellschaft sich einem großen geschichtlichen Wendepunkt nähert, dann pflegt der Sinn für die heranreifenden notwendigen Entscheidungen sich zuerst immer in verschwommenen, unklaren, widerspruchsvollen Zeitstimmungen, die auch missbrauchbar sind, in der Form ratlosen Suchens, das auch in falsche Richtungen gelenkt werden kann, zu äußern, so lange, bis die revolutionäre Theorie das erlösende Wort spricht, das dem unbewusst Gewollten 246 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ zum Bewusstsein verhilft, so dass die regressiven Verirrungen, in die es sich verstrickt hatte, auf der Strecke bleiben. Ein dem Überfluss abschwörender Kommunismus wäre die Lösung, auf die Naturschützer, Nostalgiker und geschlagene, mutlos gewordene Neue Linke sich so einigen könnten, dass sie zugleich die Verworrenheiten und reaktionären Ingredienzien der sie trennenden Ideologien loszuwerden. Duve: Die Arbeiter, auf die Sie vor allem setzen, sind weder von Nostalgie angekränkelt, noch hatten sie mit der Neuen Linken viel im Sinn. Harich: Aber sie sind jetzt am härtesten von den mit der kapitalistischen Krise verbundenen Leiden betroffen, nachdem vorher die Hektik der kapitalistischen Konjunktur sie am meisten zermürbt hatte. Die Umweltproblematik ist ihnen, wie die von der »Humanité Dimanche« verzeichneten Umfrageergebnisse beweisen, in hohem Maße bewusst geworden. Die Ölkrise, verfilzt mit dem Nahost-Konflikt, lässt sie um die Erhaltung des Weltfriedens bangen und konfrontiert sie gleichzeitig sowohl mit der Erschöpfung der Ressourcen wie mit den Preistreibereien der Konzerne, die schon aus drohender Verknappung, wie sehr erst aus akuter, Profit zu ziehen wissen. Es müsste nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn unter diesen Umständen eine den Übergang zum Kommunismus propagierende Aufklärungsarbeit, die politische, soziale und ökologische Argumente miteinander verknüpft, bei der Arbeiterklasse auf taube Ohren stieße. Duve: Aber es ist ein Kommunismus der rationierten Gebrauchsgüter, der da propagiert werden soll. Harich: Der Kapitalismus rationiert die Gebrauchsgüter auch, mittels der Preise, und das heißt: Er rationiert sie ungerecht, nämlich so, dass es den Reichen nach wie vor unbenommen bleibt, in allen Genüssen, Vergnügungen und Lastern zu schwelgen, während die Massen den Gürtel enger schnallen müssen. Außerdem lässt sich, wie vorhin schon von mir dargelegt, nachweisen, dass bei dieser Art Rationierung nichts ökologisch Ersprießliches herauskommt. Duve: Die Warnung vor den drohenden ökologischen Katastrophen, den naturhaften wie den gesellschaftlich vermittelten, müsste, um jetzt schon unmittelbar einleuchtend zu sein – jetzt, d. h. bevor die katastrophale Entwicklung, die sie als richtig bestätigen wird, ihren Lauf nimmt –, von einer Kritik an denjenigen industriellen Fertigungspro- 247V. Ökologische Krise und Klassenkampf zessen und Industrieprodukten ausgehen, die besonders umweltzerstörend sind. Wie soll die politische Linke es anstellen, gleichzeitig die betreffenden Industriezweige zu bekämpfen und sich dafür einzusetzen, dass in ihnen die Arbeitsplätze erhalten bleiben? Sie erwähnten das Beispiel der »Concorde« und sagten, wenn Biolat ihren Bau rechtfertige, so sei das ökologisch verantwortungslos und falsch, aber im Hinblick auf die Arbeitsplätze zu verstehen. Wie soll Biolat mit diesem Widerstreit seiner Pflichten fertig werden? Harich: Arbeitsplätze sind kein Selbstzweck, kein Wert an sich, sondern der Ort, an dem Menschen die Mittel ihres Lebensunterhalts verdienen. Man muss dafür kämpfen, dass ihr Lebensunterhalt ungeschmälert gewährleistet bleibt, wenn eine umweltzerstörende Produktion eingestellt wird, und für deren Beendigung muss man erst recht kämpfen. Eins schließt das andere nicht aus. Duve: Wie stellen Sie sich das praktisch vor? Wer käme für den Lebensunterhalt von 48.000 Beschäftigten auf, wenn die französische Regierung sich unter dem Druck der für Umweltschutz kämpfenden Öffentlichkeit gezwungen sähe, den Bau der »Concorde« aufzugeben? Harich: Dafür aufkommen müssten die Konzernherren und die Regierung selbst, die eine ökologisch nicht zu verantwortende Produktion in Gang gesetzt haben. So verstehe ich das sonst so gepriesene »Verschuldensprinzip«. Von den Herrschenden wäre zu verlangen, dass sie allen, die ihre Arbeitsplätze verlieren, so lange vollen Lohn- und Gehaltsausgleich zahlen, bis eine angemessene neue Beschäftigung für sie gefunden worden ist. Duve: Das Geld dafür käme dann nicht aus den Steuern, sondern aus der Druckerei. Eine solche Politik würde ein modernes Land unregierbar machen. Harich: Ein kapitalistisches Industrieland sicher. Der Kampf für die Durchsetzung sozialer Forderungen und der gleichzeitige Kampf für radikalen, umfassenden Umweltschutz würde das Regime im Zangengriff zerbrechen. Aber das wäre doch gut. Die Linke ist nicht dazu da, einem kapitalistischen Regime das Leben zu verlängern, um so weniger, wenn sie über ein Konzept verfügt, das die Befriedigung der Bedürfnisse aller arbeitenden Menschen mit dem Schutz der Biosphäre in Einklang zu bringen erlaubt. 248 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Das Konzept eines Kommunismus der Rationierung. Sozialismus allein würde, nach Ihrer Meinung, nicht genügen, die anstehenden Probleme in den Griff zu bekommen. Warum nicht? Harich: Sozialismus heißt: politische Herrschaft der Arbeiterklasse, Vergesellschaftung aller Produktionsmittel. Dies ist die unerlässliche Voraussetzung für die Verwirklichung dessen, was heute nottut. Aber nur die Voraussetzung, nicht mehr. Die Vorzüge des sozialistischen Systems müssten dazu genutzt werden, die Produktion aller materiellen Güter planmäßig so zu regeln, dass sie optimal den Kriterien der Ökologie, einem strengen Sparsamkeitsregime bei der Verwendung der Rohstoffe und überdies der Aufgabe, das Nord-Süd-Gefälle einzuebnen, gerecht wird. Daraus ergäben sich automatisch Verteilungsprobleme, die unter Wahrung des Grundsatzes sozialer Gerechtigkeit nur durch Rationierung der verfügbaren Warenmenge gelost werden können. Totale Rationierung aber würde das Geld überflüssig machen, und mit seiner Abschaffung hörten die zur Verteilung gelangenden Gebrauchswerte auf, Waren zu sein. Das wäre dann Kommunismus und nicht mehr bloß Sozialismus. Duve: Über Ihre Vorstellung von Kommunismus müssen wir noch einmal gesondert sprechen. Das ist nämlich der Punkt, an dem Sie, nach meiner Meinung, aufhören, Marxist zu sein. Und Sie selbst beriefen sich ja bereits auf Babeuf. Ich schlage vor, dass wir diesen Fragenkomplex erst einmal ausklammern. Nur eines möchte ich jetzt schon wissen: Nach Lenins Doktrin von der ungleichmäßigen Entwicklung siegt die proletarische Revolution nicht in allen Ländern auf einmal, mit einem Schlage, sondern, je nach den Umständen, bald in diesem, bald in jenem Land. Nehmen wir an, die Arbeiter der Bundesrepublik oder Frankreichs oder Italiens verfügten über die Machtmittel, in ihrem Land den von Ihnen propagierten Typ des Kommunismus einzuführen. Könnten sie das, wenn in der übrigen westlichen Welt der Kapitalismus bestehen bliebe? Ernest Mandel hat die Überzeugung geäußert, dass der Übergang zum Kommunismus nur auf der ganzen Erde gleichzeitig möglich sein werde. Ich halte das für utopisch, auch keineswegs für wünschenswert. Harich: Auch Mandel fasst, der Kritik des Gothaer Programms getreu, den Kommunismus als Überflussgesellschaft auf. Deshalb meinte er neulich im Fernsehen – sinngemäß –, dass die paradiesischen Zustande in einem isolierten kommunistischen Land alle übrigen, noch unter kapitalistischen Verhältnissen lebenden Völker unwiderstehlich anlocken würden, in dieses Land überzusiedeln. Es würde so die paradoxe Situation 249V. Ökologische Krise und Klassenkampf entstehen, dass ausgerechnet der Kommunismus vom Augenblick seiner Verwirklichung an gezwungen wäre, an seinen Grenzen mit bewaffneter Gewalt das Eindringen ganzer Völkerwanderungen in seine Gefilde abzuwehren. Aus keinem anderen Grunde würden siegreiche proletarische Revolutionen auch in Zukunft selbst bei maximaler Entfaltung der Produktivkräfte so lange auf der Stufe des Sozialismus verharren müssen, bis die Weltrevolution überall auf dem Planeten gesiegt hätte. Es liegt auf der Hand, dass ein Kommunismus der Rationierung solcher Sorgen enthoben wäre. Er wäre kein Paradies, sondern »nur« eine Heimstatt ökologischer Vernunft bei strenger sozialer Gerechtigkeit. Aber das eben ist das Beste, was sich überhaupt je wird erreichen lassen. Die ausschweifenden Phantasien unbegrenzten Wohllebens, die sich bisher mit dem Begriff des Kommunismus verbanden, werden wir fallenlassen müssen. Daher: Zurück zu Babeuf! Duve: Wie soll denn nach Ihrer Vorstellung ein Land, das bei sich den Kommunismus der Rationierung eingeführt, also das Geld abgeschafft hat, seine Handelsbeziehungen mit einer noch kapitalistischen Umwelt abwickeln? Harich: Erstens gäbe es, notfalls, die Möglichkeit der Autarkie, die ich aber für keine glückliche Lösung hielte. Zweitens wäre die Umwelt keine rein kapitalistische mehr, denn es existieren ja bereits 14 sozialistische Staaten, die im Außenhandel sowieso gerne Produkt gegen Produkt tauschen. Drittens könnte ein kommunistisches Land seine Austauschbeziehungen durchaus auch mit kapitalistischen Ländern nach diesem Verfahren gestalten und dabei zugestehen, dass die Wertrelationen zwischen den zu tauschenden Produkten sich nach denen richten, die am Preisgefüge des kapitalistischen Weltmarktes abzulesen sind. Wieso sollte es unmöglich sein, Importware im Inland als reinen Gebrauchswert zu behandeln und Gebrauchswerten, die man im Inland erzeugt, eigens für den Export die Warenform zu geben? Duve: Glauben Sie nicht, dass ein westliches Land, wenn es heute zum Kommunismus überginge, damit gegen sich eine Intervention der übrigen westlichen Mächte heraufbeschwören würde, die seine militärische Liquidierung zur Folge hatte? Wie im umgekehrten Falle in der CSSR geschehen. Harich: Derselben Gefahr wäre ein westliches Land, das nur zum Sozialismus überginge, in nicht geringerem Maße ausgesetzt. Und in beiden Fallen reichte, angesichts des derzeit bestehenden Kräfteverhältnisses in der Welt, die militärische Macht der bereits existierenden sozialistischen Staatengemeinschaft, kombiniert mit dem Frie- 250 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ denskampf und den zu erwartenden Solidaritätsaktionen der Werktätigen aller Länder, aus, die potentiellen Interventionen in Schach zu halten und ihnen, wenn sie es wagen sollten, zur Aggression zu schreiten, eine vernichtende Abfuhr zu erteilen. Dass das kommunistische Land selbst, falls man es angriffe, sich gebührend zur Wehr setzte, versteht sich am Rande. Duve: Es soll also, obwohl kommunistisch organisiert, Verteidigungsstreitkräfte behalten? Harich: Von einem Anarcho-Kommunismus Kropotkinscher Provenienz, ohne staatliche Autorität, ohne bewaffnete Machtorgane, wäre es so weit entfernt wie alle sozialistischen Staaten, die es bereits gibt. Kommunistisch wäre es lediglich durch sein Verteilungssystem, das zu dem sozialistischen Volkseigentum an den Produktionsmitteln noch hinzukäme. Womit gesagt ist, dass ein solches Land selbstverständlich Verteidigungsstreitkräfte besäße, so lange, bis überall auf der Welt der Kommunismus gesiegt hat, oder wenigstens so lange, bis die auf Vorschlag der Sowjetunion von den Vereinten Nationen beschlossene allgemeine und vollständige Abrüstung überall durchgeführt worden ist, die es natürlich befürworten, für die es sich jederzeit einsetzen würde. 251 VI. Kommunismus als Lösung Duve: Sie wissen, dass ich Ihren marxistischen Geschichtsdeterminismus nicht teile. Trotzdem ist es für uns interessant, zu diskutieren, welchen Veränderungen der Traum vom Kommunismus unterworfen ist angesichts der ökologischen Krise. In unserem vorigen Gespräch bezogen Sie sich bereits mehrfach auf die schon existierenden sogenannten sozialistischen Länder. Hielten Sie es nicht für angebracht, dass zuerst sie den »Kommunismus«, ich meine den von Ihnen empfohlenen Rationierungs-Kommunismus, bei sich einführen? Harich: Ich hätte nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn sie dies täten. Aber der Gang der Geschichte braucht nicht unbedingt so zu verlaufen, dass sie es zuerst tun werden. Die ökologischen und ökonomischen Sachzwänge, die Nordamerika, die EWG-Staaten und Japan in die Richtung kommunistischer Lösungen drängen, sind weitaus stärker, und wenn es der Bourgeoisie dieser Länder gelingen sollte, sich ihnen noch lange erfolgreich entgegenzustemmen, sie zu sistieren, so wären die Folgen viel katastrophaler, als wenn die Sowjetunion und die mit ihr verbundenen sozialistischen Staaten Osteuropas, um von den asiatischen Volksrepubliken oder Kuba gar nicht zu reden, sich mit dem Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus noch etwas Zeit ließen. Duve: Also wird nicht die Sowjetunion, das Land der Oktoberrevolution, das erste kommunistische Land sein? Harich: So bestimmt will ich das auch wieder nicht behaupten. Es könnte durchaus geschehen, dass sie es sein wird. Ich glaube sogar, sie wird es sein. Aber es wäre schematisch gedacht, sich, wie auf etwas Selbstverständliches, auf die Prognose festzulegen, dass sie es unten allen Umständen sein muss. Die westlichen Industrieländer hätten den Kommunismus nötiger als sie. Duve: Nach dem Urteil Sicco Mansholts müsste es der Sowjetunion leichter fallen als anderen, sich einer Weltwirtschaft ohne Wachstum anzupassen. Harich: Anzupassen ja. Aber ihr Bahnbrecher zu sein? Nicht zu bestreiten ist, dass die Sowjetunion und die übrigen sozialistischen Länder dafür politisch, strukturell und auch ökologisch die günstigsten Voraussetzungen mitbrächten: Die Arbeiterklasse übt 252 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ hier, unter der Führung marxistisch-leninistischer Parteien, die Macht aus. Ausgeschaltet sind alle Störfaktoren, die sich im Westen aus dem politischen System der pluralistischen Demokratie, dem Parlamentarismus, der institutionalisierten Opposition usw. ergeben. Die Produktionsmittel sind gesellschaftliches Eigentum. Die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft wird vom Staat geplant und gelenkt und unterliegt grundsätzlich nicht, wie die des Westens, dem Zwang der erweiterten Reproduktion, kennt aber auch keine Konjunkturschwankungen. Die langfristigen Perspektivpläne des Sozialismus könnten leicht darauf ausgerichtet werden, die Erhaltung und Festigung der Biosphäre mit der Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung harmonisch zu koordinieren. Der Marxismus ist die Weltanschauung der unwiderruflich an der Macht befindlichen Staatsparteien. Als dialektischer Materialismus lässt der Marxismus keinen Zweifel an der Abhängigkeit der Gesellschaft von der Natur. Als proletarischer Internationalismus geht er davon ans, dass die Grundinteressen der Werktätigen aller Länder identisch sind, und begünstigt so außerordentlich ein von globaler Verantwortung getragenes, an globalen Zusammenhängen orientiertes politisches und soziales Denken, wie der Club of Rome es fordert. Und nicht zu vergessen: Die Verwirklichung des Kommunismus ist das erklärte Ziel der sozialistischen Länder. Es sind kommunistische Parteien, von denen sie regiert werden. Duve: Zumindest die Sowjetunion betont sogar, dass sie schon dabei sei, den Kommunismus aufzubauen. Harich: Ja, eben, und bei dieser Formulierung möchte ich gleich einhaken. Begriffe wie »Aufbau des Sozialismus«, »Aufbau des Kommunismus« kommen nämlich aus guten Gründen bei Marx, Engels und Lenin nicht vor. Warum nicht? Weil der Sozialismus eigentlich nicht aufgebaut, sondern verwirklicht wird – durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Aufgebaut werden Fabriken, Häuser usw. Und auch der Kommunismus wird verwirklicht – indem die sozialistische Gesellschaft zu einem System der Verteilung übergeht, das wie die alte Formel lautet, »jedem nach seinen Bedürfnissen« gibt. Der erst auf Stalin zurückgehende Sprachgebrauch, der in diesen Zusammenhängen das Wort »Aufbau« mit ins Spiel bringt, spiegelt spezifische historische Bedingungen wider, die nicht verallgemeinert werden dürfen. Er erklärt sich aus der Rückständigkeit, welche die aus der Oktoberrevolution hervorgegangene, kommunistisch geführte Arbeiter- und Bauernmacht in Russland vorfand und die sie durch gigantische Aufbauleistungen – eben durch den von Stalin konzipierten »Aufbau des Sozialismus in einem Land« – überwinden musste. 253VI. Kommunismus als Lösung Duve: Und die anderen osteuropäischen Parteiführungen haben den so entstandenen Sprachgebrauch dann später aus dogmatischer Autoritätsgläubigkeit ungeprüft übernehmen müssen. Harich: So sehe ich das nicht, obwohl es sich in vielen Köpfen so abgespielt haben mag. Nein, zu ihren Verhältnissen passte er ebenfalls gut. Einmal handelte es sich, mit Ausnahme der DDR und der CSSR, abermals um überwiegende Agrarländer, die der Industrialisierung bedurften. Zum anderen mussten alle osteuropäischen sozialistischen Länder nach 1945 ja mit den ungeheuren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs fertig werden. Bloße Verwirklichung des Sozialismus hätte da also wieder nicht genügt. Wieder verknüpfte sie sich unlösbar mit der Notwendigkeit großer Aufbauanstrengung, weshalb der Begriff »Aufbau des Sozialismus« der Sache, um die es ging, angemessen blieb. Wenn jedoch aus der – nun wirklich dogmatischen – Unart, diesen Sprachgebrauch als schlechthin allgemeingültig zu akzeptieren, Kommunisten in der Bundesrepublik, Frankreich, England, Italien usw. den Schluss zogen, sie würden in ihren Ländern, einmal zur Macht gelangt, erst den Sozialismus und dann nach einer Weile auch noch den Kommunismus »aufbauen« müssen, so wäre das nicht mehr angemessen, sondern abwegig. Aufgebaut zu werden braucht hier so gut wie gar nichts mehr. Im Gegenteil, man täte gut daran, einiges Nutzlose, Schädliche, Widerwärtige schleunigst wieder abzubauen, weshalb eher von »Abbau des Kapitalismus« als von »Aufbau des Sozialismus« gesprochen werden müsste. Ein Großteil dessen, was laufend verbraucht wird – auch da beileibe nicht alles –, müsste laufend reproduziert und im übrigen gerecht verteilt werden, und wenn man sich dazu entschlösse, so wäre das schon nicht mehr Sozialismus, sondern – Kommunismus. Dies meinte ich, als ich in einem unserer letzten Gespräche sagte, die USA, die EWG-Länder und Japan könnten die untere Phase der kommunistischen Gesellschaft, den Sozialismus, einfach überspringen. Der Gedanke ist keineswegs kühn, wenn man z. B. bedenkt, dass die Mongolische Volksrepublik von einem finsteren mittelalterlichen Feudalismus in den Sozialismus gesprungen ist, während es sich beim Sozialismus und Kommunismus nur um zwei Entwicklungsstufen derselben Gesellschaftsformation handelt. Nun vergleichen Sie aber bitte einmal die MVR oder die Volksrepublik China (mitsamt Tibet) oder Nordvietnam oder Kuba oder selbst ein europäisches Land, Albanien, mit der Bundesrepublik, mit den USA, mit Frankreich, und fragen Sie sich dann, ob die Notwendigkeit, ja auch nur die Wünschbarkeit des Überganges zum Kommunismus allein von der Gunst bzw. Ungunst der politischen, strukturellen und ideologischen Voraussetzungen abhängt, ob nicht vielmehr Faktoren wie der Grad der Industrialisierung, der Stand der Arbeits- 254 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ produktivität, das Pro-Kopf-Einkommen, der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohmaterialien und Energie usw. ebenso in Anschlag zu bringen sind und sich unter Umständen als wichtiger erweisen könnten. Natürlich kommt der Gedanke, den Kommunismus zu verwirklichen, dem Genossen Jumshaagin Zedenbal in Ulan Bator eher in den Sinn als dem Präsidenten Ford in Washington. Aber bedeutet das, dass die Mongolei kommunistische Verhältnisse schon braucht, dass sie für sie reif ist? Duve: Wieder dieser Glaube an den ehernen Ablauf der Geschichte! Wie steht es in der Beziehung mit den Gedanken Breshnews in Moskau, Honeckers in Berlin? Die Sowjetunion und die DDR sind hochentwickelte Industrieländer. Harich: Ich bestreite ja auch nicht rundheraus, dass sie vor den USA, der Bundesrepublik und Frankreich den Kommunismus verwirklichen werden. Ich behaupte nicht, dass der Gedanke daran auszuschließen sei. Ich sage nur: So muss es nicht sein. Nehmen Sie die Sowjetunion: Sie ist das an Rohstoffen reichste Land der Welt, und an ihren Schätzen partizipieren alle Comecon-Länder, wie man im Westen die Mitgliedstaaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) zu nennen pflegt. Für diesen sozialistischen Wirtschaftsblock ist folglich die zwingende Notwendigkeit der Rationierung, was die Rohstoffe anbelangt, vorläufig noch nicht aktuell. Die Schwierigkeit besteht hier vielmehr darin, dass die wichtigsten Rohstoffquellen – die in Sibirien – erst noch erschlossen werden müssen, und zwar unter geographisch und klimatisch ungünstigsten Bedingungen, die bei kommunistischer Regelung des Arbeitskräfteeinsatzes ungleich schwerer zu bewältigen wären als unter der Bedingung, dass man das sozialistische Leistungsprinzip, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen, vorläufig noch beibehält. Hören Sie den Vertreter der DDR im RGW, Gerhard Weiß: »Die Verlagerung des Schwerpunktes der sowjetischen Erdölförderung nach Westsibirien ist mit außerordentlich hohen Belastungen verbunden. Der Aufschluss dieser Vorkommen erfolgt in einem riesigen, nahezu unbewohnten Territorium, wo es weder Verkehrswege noch die notwendigen Versorgungseinrichtungen gibt. Über Hunderte von Kilometern sind in Sumpfgebieten und Regionen des ewigen Frostes Straßen und Eisenbahnlinien zu errichten. Es sind ganze Städte aufzubauen unter für uns kaum vorstellbaren klimatischen Bedingungen. Während im Winter Temperaturen von minus 50 Grad keine Seltenheit sind, muss im Sommer der tief versumpfte Grund unter den Bohrtürmen und anderen Bauten künstlich gefroren werden.« Wer arbeitet gerne in einer solchen Umgebung? Wäre die Sowjetunion bereits ein kommunistisches Land, so bliebe ihr nichts anderes übrig, als entweder, unter Appellen an den Heroismus der Arbeiterklas- 255VI. Kommunismus als Lösung se, freiwillige Arbeitsarmeen für Westsibirien aufzustellen oder, mit entsprechender Beschränkung der persönlichen Freiheit, auf dem Wege der Gesetzgebung einen Arbeitsdienst einzuführen, zu dem jeder eingezogen werden könnte wie zum Militär. Näher liegt es, mit hohen Löhnen und sonstigen Privilegien einen materiellen Anreiz für diese schwere Arbeit zu schaffen. Und das ist eine sozialistische Maßnahme, gemäß dem Leistungsprinzip; der Kommunismus ließe sie nicht mehr zu. Sie sehen: Der Rohstoffreichtum macht kommunistische Regelungen vorderhand unnötig, und das Problem, an diesen Reichtum heranzukommen lässt sie sogar als unerwünscht erscheinen. Duve: Wie unerwünscht müsste nach dieser Theorie erst der Kommunismus in Alaska sein! Aber wenn die Bodenschätze Sibiriens einmal erschlossen sein werden? Wenn das westsibirische Erdöl durch die Pipelines fließen wird? Harich: Wenn Sie mich fragen, ich meine, dann wird es darauf ankommen, dass die Länder des RGW damit so sparsam und haushälterisch wie nur möglich umgehen. Denn begrenzt sind diese Schätze ja auch wieder, und alle Erwägungen darüber, dass sie sich eines Tages durch irgend etwas anderes ersetzen lassen könnten, sind entweder vage Spekulationen, oft reine Phantastereien, oder unterschätzen, falls sie einen realen Kern haben, die neuen Schwierigkeiten und Gefahren, die mit den für die Nutzbarmachung möglicher Substitute erforderlichen Technologien und Energieumwandlungsprozessen verbunden sein werden. Die Nutzung geothermischer Wärme z. B. könnte Kettenreaktionen von Erdbeben auslösen. Kernreaktoren beschwören riesige Gefahren herauf, ganz abgesehen davon, dass sie den Trend zum Wärmetod der Biosphäre vervielfachen, usw. usf. Duve: Also Nullwachstum erst, sobald Sibirien erschlossen sein wird? Harich: Wenn Sie mich fragen, besser noch vorher. Warum mit den kaukasischen, kaspischen, rumänischen Erdölvorräten nicht auch schon knausern? Warum nicht schon ihrer Erschöpfbarkeit wegen den Konsum einschränken, etwa dergestalt, dass ab sofort auf PKWs in Privatbesitz verzichtet wird? Ich fände das vernünftig. Nur: Wird es leicht sein, dies Völkern beizubringen, die für den Sozialismus und Kommunismus schon enorme Opfer haben bringen müssen? Denken Sie nur daran, was die Sowjetunion alles hinter sich hat: Den Bürgerkrieg gegen 14 intervenierende kapitalistische Staaten; die weltgeschichtlich beispiellose Härte und Brutalität, mit der, von 1929 an, 256 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ der große Stalin das Land dazu vergewaltigte, die schwerindustrielle Basis seiner nationalen Selbstbehauptung, seines Aufstiegs zur sozialistischen Supermacht zu schaffen; gleich danach den Zweiten Weltkrieg mit 20 Millionen Toten, mit den unvorstellbar verwüsteten Städten und Produktionsstätten, die Hitlers Politik der verbrannten Erde hinterließ. Und als der Sieg über den Faschismus errungen war, da stand der Wiederaufbau im Zeichen des Kalten Krieges, seit Hiroshima mit der amerikanischen Atombombendrohung am Horizont, die das ausgeblutete, zerstörte Land dazu nötigte, Nuklear- und Raketenmacht zu werden, um zu verhindern, dass der Sozialismus doch noch zu Grunde ging. Über vierzig Jahre lang ist so über die Völker der Sowjetunion eine Welle der Opfer und Entbehrungen nach der anderen hinweggegangen. Jetzt endlich nehmen sie, dank der letzten Fünfjahrpläne, namentlich seit dem XXIV. Parteitag der KPdSU, einen Lichtstreifen am Horizont wahr, hoffen sie auf die Segnungen einer Wirtschaftspolitik, die nicht mehr alle anderen Belange dem Aufbau der Schwerindustrie unterordnet, sondern die dazu übergegangen ist, die Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und da plötzlich sehen diese leidgeprüften Völker sich einer neuen Herausforderung: der katastrophenschwangeren ökologischen Krise, gegenüber, die sie dazu zwingen wird, an dem alten Menschheitstraum Kommunismus, für den sie unsägliche Opfer gebracht, für den sie gekämpft, gehungert, geblutet, gelitten, für den sie Terror und Willkür ertragen haben, enorme Abstriche vorzunehmen, ja seine Verwirklichung mit einer ihnen so vertrauten Scheußlichkeit wie der Rationierung zu verbinden. Diese Zumutung ist ungeheuer, ist es um so mehr, als die Kämpfe, Leiden und Entbehrungen jahrzehntelang im Zeichen der Parole gestanden haben, es gelte, die Vereinigten Staaten von Amerika auf allen Gebieten einzuholen und zu überholen, wodurch, in der vorausgreifenden Phantasie des Volkes, die Konsumnormen des reichsten kapitalistischen Landes der Welt, noch in die zweite oder dritte Potenz erhoben, mit der Idee des Kommunismus in eins verschmolzen. Betrug? Keineswegs! Stalin und noch Chruschtschow haben fest an die Erreichbarkeit dieses Ziels geglaubt. Oder nehmen Sie die DDR. Die Leiden ihrer Bevölkerung lassen sich mit denen der Sowjetvölker nicht vergleichen. Immerhin aber hat dieser Staat, in dem kleineren, weniger industrialisierten, an Rohstoffen ärmeren Teil des ehemaligen Deutschen Reiches, allein, stellvertretend für die ganze deutsche Nation, die Reparationslasten des von Hitler angezettelten und verlorenen Zweiten Weltkriegs tragen müssen, obendrein bei offener Grenze, über die bis 1961 Jahr für Jahr, Monat um Monat zahllose wertvolle Fachkräfte in die Bundesrepublik, das mit Marshallplangeldern aufgepäppelte Wirtschaftswunderland, abwanderten. Unter diesen Umständen den Sozialismus aufzubauen war ebenfalls kein reines Zuckerlecken. Auch 257VI. Kommunismus als Lösung das Volk der DDR hat Opfer bringen und, immer mit dem Glamour des Westens vor Augen, sich vieles verkneifen müssen. Jetzt ist bei uns, in den Grenzen eines bescheidenen, maßvollen Wohlstandes, das Leben leichter, angenehmer, auch freier geworden. Besonders seit ihrem VIII. Parteitag war die SED auf dem besten Wege, ihren Vorsatz wahrzumachen, alles für das Wohlergehen der Menschen zu tun, und daran will sie anscheinend auch weiter festhalten. Aber die ökologische Krise ist dazwischengekommen. Sie hat bereits das 13. ZK-Plenum, vom Januar 1975, dazu gezwungen, mit der Begründung, das Errungene müsse gehalten werden, ein strenges Sparsamkeitsregime einzuführen. Ich könnte es nach allem Vorausgegangenen gut verstehen, wenn die SED-Führung sich darauf versteifte, dass die notwendig gewordenen Einschränkungsmaßnahmen nur begrenzt und von vorübergehender Natur sein dürften, dass jeder Gedanke an Rationierung zu verwerfen sei und es schon gar nicht in Betracht komme, dem Zukunftsziel Kommunismus mit einem solch bedrückenden Vorschlag seinen Glanz zu nehmen. Denn wie lange ist es her, dass in der DDR die letzten Rationierungsvorschriften aufgehoben wurden? Sechzehn Jahr erst! Und nun, mitten im Frieden, bei zunehmender Entspannung in Europa, endlich diplomatisch anerkannt von aller Welt, angesichts großer wirtschaftlicher Erfolge, wieder zum Kartensystem und zu Bezugsscheinen zurückkehren? Schauderhaft! Duve: Geraten Sie nicht mit Ihren Ideen in der DDR in Schwierigkeiten? Harich: Ich will Ihnen an einem Beispiel klarmachen, worin die Schwierigkeiten, die ich habe, bestehen. In Leipzig lernte ich neulich auf einer Geburtstagsfeier ein junges Ehepaar kennen, das sich seit drei Tagen im stolzen Besitz seines ersten PKW befand, eines Trabant, auf dessen Lieferung es drei Jahre lang hatte warten müssen. Als ich meine Bedenken gegen die zunehmende Motorisierung in den sozialistischen Ländern vortrug und dabei auf die Verpestung der Luft, das für »individualistische Privatfahrten« vergeudete Benzin, die wachsende Zahl der Verkehrsunfälle, den Lärm und das hässlicher werdende Leben in den Städten hinwies, wurden meine Gesprächspartner sehr ungehalten. Im Verlauf der Auseinandersetzung war ich taktisch so unklug, ihren Einwand, man könne der zunehmenden Verkehrsdichte ja mir dem Bau neuer Autobahnen begegnen, u. a. mit dem Gegenargument zu entkräften, dass dies unserem Singvögelbestand weiteren Schaden zufügen würde. Kaum hatte ich das über die Lippen gebracht, da sprang der Mann auf und schrie mich an: »Dann scheren Sie sich doch nach Albanien, Sie Idiot, und pflegen Sie dort die Singvögel!« Damit nicht genug, riss er seine Frau vom Sessel hoch und verließ mit ihr unter Protest die Gesellschaft, 258 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ die mich von Stund an wie einen Paria mied. Ein Vierteljahr später rief ich, in dem Glauben, der Vorfall sei vergeben und vergessen, besagten Mann an, um ihn zu bitten, mir ein Buch zu leihen, von dem er mir vor unserer Auseinandersetzung erzählt hatte. Sobald er am Telefon nur meine Stimme hörte, geriet er abermals in solche Wut, dass er den Hörer auf die Gabel knallte. Duve: Können Sie seine Wut verstehen? Harich: Sehr gut. Sein in Krefeld lebender Bruder, der, nebenbei bemerkt, weniger intelligent und tüchtig sein soll als er, schafft sich jedes zweite bis dritte Jahr einen neuen Opel Rekord an, und die Frau fährt einen Ford Taunus. Duve: So scheint die Propagierung von Nullwachstum in den sozialistischen Ländern keine Chance zu haben, etwas zu bewirken. Harich: Ich bin mir auch unklar darüber, ob sie dort überall diese Chance schon haben sollte. Forrester und Meadows haben globales Nullwachstum gefordert. Mesarović und Pestel sind, auf Grund ihres regionalisierten Weltmodells, wie gesagt, zu dem Ergebnis gelangt, dass in gewissen Regionen Wirtschaftswachstum noch unerlässlich sei, während es in anderen gestoppt und in wieder anderen zurückgeschraubt werden müsse. Duve: Und was sagen die Autoren in diesem Zusammenhang zu der »Region 5, sozialistische Länder«? Harich: Nichts, kein Wort. Sie lassen diese Frage offen. Es ist aber klar, dass sie die »Region 5« irgendwo zwischen den hochindustrialisierten kapitalistischen Regionen und den unterentwickelten Ländern sehen. Duve: Dazwischen, das hieße nichts zurückschrauben, aber auch kein weiteres Wachstum mehr, also – Nullwachstum. Harich: Generell kann das nicht gelten. Nach den Maßstäben, die Mesarović und Pestel anlegen, sind Kuba und die sozialistischen Länder Asiens auf jeden Fall noch entwicklungsbedürftig. Kuba rechnen sie übrigens, obwohl es RGW-Land ist, zur 259VI. Kommunismus als Lösung Region 6 (Lateinamerika), Vietnam zur Region 9 (Südasien), und die Volksrepublik China ist bei ihnen eine Region für sich, 10. Duve: Und die Länder des RGW, mit Ausnahme der Mongolischen Volksrepublik und Kubas? Harich: Nach der Logik ihres Modells scheinen Mesarović und Pestel sie für reif zu halten, zum Nullwachstum überzugehen – unter Ausgleich lokaler Disproportionen, wie sie zwischen Sibirien und, sagen wir, Slask oder Sachsen oder dem Donbaß bestehen. Aber sie schreiben nichts darüber. Duve: Und zu welchem Schluss sind Sie gelangt? Harich: Ich sagte es bereits: Sich den weiteren Verlauf der Weltgeschichte so vorzustellen, als müssten unter allen Umständen die RGW-Länder als erste den Kommunismus verwirklichen, wäre falsch, wäre schematisch gedacht. Das kann, aber es muss nicht geschehen. Von der Struktur, der Weltanschauung usw. her wären sie dafür wie geschaffen. Doch aus anderen Faktoren ist zu folgern, dass sie es weder so nötig haben wie der Westen, noch es ihnen in jeder Hinsicht schon als wünschenswert erscheinen mag. Duve: Nehmen wir an, diese »anderen Faktoren« im Osten und dazu die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse im Westen, die überdies die KPs in Frankreich und Italien noch nicht einmal unmittelbar abschaffen wollen, würden beiderseits den Effekt haben, den Übergang zu vereiteln, was dann? Harich: Das wäre auf die Dauer eine Katastrophe, zumal wenn von nun an die Staaten der Dritten Welt ihren am 18. Fe bru ar 1975 in Algier gefassten Beschluss wahrmachen sollten, ihren Anteil an der Weltindustrieproduktion bis zum Jahre 2000 von bisher 7 % auf 25 % zu erhöhen. Die Biosphäre könnte das nicht verkraften, es sei denn, der Ausgleich fände zu Ungunsten der industrialisierten Regionen des Nordens, auf Kosten ihres Lebensstandards, ohne weitere Zunahme der Weltwirtschaft insgesamt statt. Andernfalls würden die hypothetischen Prognosen beider Studien des Club of Rome sich erfüllen, d. h., bis spätestens Mitte des 21. Jahrhunderts hätte die Menschheit ihren letzten Schnaufer getan. Es hilft nichts: Wir im Osten werden auf viel, ihr im Westen werdet auf sehr, sehr viel verzichten müssen. Denn an der Bevölkerungszahl 260 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ gemessen, ist der Anspruch der Dritten Welt auf ein Viertel der Weltindustrieproduktion maßvoll und bescheiden. Duve: Und die Verwirklichung des Kommunismus, meinen Sie, würde es sowohl Ihnen als auch uns so leicht wie möglich machen, zu verzichten? Harich: Unbedingt. Duve: Die kommunistischen Parteien im Westen sollten nach Ihrer Meinung also für ihre Ziele mit der Parole »Nullwachstum« kämpfen und sich zugleich darauf vorbereiten, nach erhoffter Machterringung sofort den Kommunismus einzuführen – unabhängig davon, wie sich in dieser Frage die kommunistischen Parteien des Ostens verhalten. Harich: Richtig. Die Weltgeschichte, mit Lenins Augen als ungleichmäßige Entwicklung betrachtet, setzt keine zwingende Reihenfolge. Da kürzen Prozesse, die in einem Teil der Welt Jahrzehnte gedauert haben, sich in einem anderen auf ein paar Wochen ab. Für dialektisches Denken ist das nichts Überraschendes. Nichtsdestoweniger wäre es aber auch falsch, wenn die Führer der RGW-Staaten sich an die Vorstellung klammerten, ihre Länder könnten den Übergang zum Kommunismus noch lange, für eine unabsehbare Periode nicht vollziehen, sondern erst dann, wenn sie hinsichtlich der Arbeitsproduktivität und des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens die USA, Westeuropa und Japan überflügelt hätten. Duve: Und woran sollte hier wie dort die »Reife für den Kommunismus« gemessen werden? Harich: An zwei Fragen. Erstens: Kann unter globalen ökologischen Gesichtspunkten weiteres Wirtschaftswachstum noch verantwortet werden? Zweitens: Können beim Übergang zum Nullwachstum, unter der Bedingung kommunistischer Verteilung sämtlicher Gebrauchswerte, alle Glieder der Gesellschaft bereits so ernährt, bekleidet, mit Wohnraum versehen, kultureller Bildungswerte teilhaftig und gesundheitlich betreut werden, dass sie ein menschenwürdiges Leben zu führen im Stande sind? Ist die erste Frage zu verneinen und die zweite zu bejahen, dann ist der Kommunismus fällig. Duve: Wer soll diese Fragen beantworten? 261VI. Kommunismus als Lösung Harich: Die Wissenschaft, Biologie und Politökonomie, vereint unter dem Vorsitz des dialektischen Materialismus. Duve: Die Allmacht der Wissenschaft! Wenn Ihre Wissenschaft nun beide Fragen bejaht? Harich: Dann kann man sich Sozialismus noch ein Weilchen leisten. Aber verstehen Sie mich recht: Es müssen globale ökologische Gesichtspunkte sein, unter denen die erste Frage zu beantworten ist. Duve: Und wenn die Wissenschaft beide Fragen verneint? Harich: Entscheidend ist, dass der Homo sapiens überlebt. Den Vorrang hat daher unter allen Umständen die Erhaltung und Festigung der Biosphäre. Und je schneller man das überall einsieht, je gründlichere Konsequenzen man überall daraus zieht, desto breiter wird der Spielraum sein – und bleiben –, bei der Beantwortung der zweiten Frage von verhältnismäßig großzügigen Kriterien auszugehen. Duve: Kriterien, nach denen menschenwürdiges Leben zu definieren ist? Harich: Ja. Duve: Halten Sie es für möglich, dass die politische Führung der DDR bereit wäre, sich ihre Ideen durch den Kopf gehen zu lassen? Harich: Ich weiß es nicht. Sie hat schon schlechte Erfahrungen mit mir gemacht. Besser wäre es, dieselben Ideen kämen von jemand anderem. Duve: Würde es ihr die unbefangene Prüfung Ihrer Ideen erleichtern, wenn es Ihnen gelinge, den frischgebackenen Trabant-Besitzer in Leipzig, der so böse auf Sie ist, und seinesgleichen von der Richtigkeit Ihres Standpunktes zu überzeugen? Immerhin hätten Sie dann ja das Verdienst, ihn und seinesgleichen zumindest zu einem leidenschaftlichen Befürworter der Sparsamkeitsbeschlüsse der SED erzogen zu haben, und das wäre doch gewiss eine linientreue Tat, die Ihnen nur Lob einbringen dürfte. 262 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Ich bin überhaupt sehr linientreu. Nur verleiten Phantasie und logische Strenge mich dazu, die Linie bis zu Konsequenzen durchzuziehen, die nicht jedermanns Geschmack sind. Wenn man auch das eine Abweichung nennen will, so hätte sie gegenüber sonstigen Abweichungen den Vorzug, ungefährlich, weil äußerst unpopulär, zu sein. Und sollte sie einmal populär werden, so hätte sie wieder den Vorzug, der Regierung die Arbeit zu erleichtern. Denn die Regierten würden dann in keiner Weise mehr nach dem trügerischen Glanz des Westens schielen. Duve: Also, wie würden Sie es anstellen, jenen Trabant-Besitzer zu überzeugen, falls er bereit wäre, Ihnen zuzuhören? Harich: Ich würde ihm zunächst klarzumachen versuchen, dass Eigenschaften der DDR, wie des sozialistischen Lagers überhaupt, in denen wir Nachteile zu sehen gewohnt waren, sich als Vorzüge erweisen, sobald wir sie an den neuen Maßstäben der ökologischen Krise messen – z. B. die Lichtreklamen in unseren Städten, die, verglichen mit denen im Westen, ausgesprochen schäbig wirken. Da der Mann Autoliebhaber ist, würde ich ihn in diesem Sinne für die früher nie gewürdigten Errungenschaften unserer Automobilproduktion erwärmen: Dafür, dass wir nur zwei PKW-Typen, den Wartburg und den Trabant, bauen; dass vom Trabant, seit es ihn gibt, nie und vom Wartburg seit 1967 kein neues Modell mehr auf den Markt gekommen ist; dass in beide Wagen kein künstlicher Verschleiß eingebaut wird, weshalb ihre Besitzer sie sehr lange zu fahren pflegen, ohne nennenswerten Ärger mit ihnen zu haben; dass die Besitzer aber auch nicht durch neue Modelle, die Nachbarn und Kollegen bereits fahren, dazu verlockt, werden, nach dem nächsten Autokauf zu lechzen, sondern ihr Geld für andere Anschaffungen ausgeben können. An diesem Punkt angelangt, würde ich den Mann fragen: »Oder sparen Sie etwa schon für Ihren nächsten PKW?« Und sein Nein, nebst den unbestreitbaren Vorzügen und Erleichterungen, die es einschlösse, gäbe mir Gelegenheit, anhand zahlloser Beispiele nachzuweisen, dass das, was ökologisch zweckmä- ßig ist und Rohstoffe sparen hilft, durchaus auch dazu beitragen kann, das Leben angenehmer zu gestalten. Hätte er das begriffen, so würde ich ihm das Buch meines Freundes Wolfgang Menge (Westberlin), Der verkaufte Käufer, zu lesen geben, worin über Hunderte von Seiten die Tricks entlarvt werden, mit denen die kapitalistischen Konzerne und Supermärkte des Westens ihre Kunden zur Anschaffung überflüssiger, nutzloser, schädlicher Dinge verführen. Und dann würde ich dazu übergehen, die sozialistischen Länder zu kritisieren, weil sie die Vorteile ihres Systems nicht hinreichend wahrnehmen, sich vom Westen konsequent abzugrenzen. Zum Beweis würde ich dem 263VI. Kommunismus als Lösung Mann meinen besten Feiertagsanzug vorzeigen, den ich aus einem kostbaren rumänischen Stoff vom teuersten Herrenschneider in Berlin-Mitte mir habe anfertigen lassen und den ich schon nach dreimaligem Tragen nicht mehr anziehen konnte, weil der inzwischen veraltete Hosenschnitt unserer Damenwelt nur noch ein halb verächtliches, halb mitleidsvolles Lächeln verursacht. »Habe ich es als Bürger eines Arbeiter- und Bauernstaates«, würde ich fragen, »nötig, mein ehrlich erworbenes Geld für den nicht abreißenden Wechsel kapitalistisch manipulierter Moden zum Fenster hinauszuwerfen? Kann der Staat, in dem ich lebe, mich davor nicht schützen? Und wäre es nicht nutzbringend, wenn er unser westhöriges Modeinstitut auflöste, wenn er dessen Mitarbeiter entließe mit der Empfehlung, die Kiefern- und Fichtenwälder der DDR durch Laubbäume aufforsten zu helfen, was ökologisch dringend nottäte, wofür unserer Forstverwaltung aber nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen?« Duve: Unter einer Regierung Harich muss also der Modeschöpfer Waldarbeiter werden. Seien Sie nicht ungerecht. Als Grotewohl Anfang der fünfziger Jahre die Gründung des Modeinstituts anregte, war das für die Mädchen und Frauen in der DDR doch zumindest ein kleiner Lichtblick. Harich: Aber jetzt schreiben wir 1975, und jetzt sind Mischwälder wichtiger als modische Damenkleider. Die Dialektik … Duve: Ja, die Dialektik, die schmilzt bei euch immer den Schnee von gestern. Wie würden Sie Ihrem Trabant-Besitzer aus Leipzig ökologisches Denken beibringen? Ich habe mit Opelbesitzern in Hamburg meine Schwierigkeiten, zumal ich selbst Auto fahre. Harich: Ich würde beim DDR-Bürger an seine Kenntnis des dialektischen Materialismus appellieren können. Ich kann ihm klarmachen, dass er in idealistischer Denkweise befangen sei, er glaube, über technische und ökonomische Fragen ein sachgerechtes, auf den Nutzen der Gesellschaft bezogenes Urteil abgeben zu können, ohne deren Abhängigkeit von der Natur, von den Öko-Gefügen der Biosphäre und ihren objektiven Gesetzmäßigkeiten, in Betracht zu ziehen. Hätte er das eingesehen, so würde ich ihm die hauptsächlichen ökologischen Zusammenhänge, auf die der Stoffwechsel Mensch-Natur angewiesen ist und auf die er einwirkt, in populärwissenschaftlicher Form erläutern. 264 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Hat der Mann Aussicht, zu leitenden Stellungen in Politik und Wirtschaft aufzusteigen? Harich: Oh ja, er hat das Zeug dazu. Duve: Wie würde der Mann in leitender Position handeln, wenn er bemüht wäre, die ökologischen Grundeinsichten, die Sie ihm vermittelt haben, in seinem Pflichtenkreis zum Nutzen der Gesellschaft fruchtbar zu machen? Harich: Hätte er Einfluss auf den Produktionsprozess, so würde er vor jeder technologischen und ökonomischen Entscheidung immer erst Biologen zu Rate ziehen, um ihr Urteil über die zu erwartenden Auswirkungen der vorgesehenen Neuerung auf die in Betracht kommenden Öko-Systeme einzuholen. Warnungen von dieser Seite würde er strikt befolgen. Duve: Auch wenn das wirtschaftliche Nachteile mit sich brächte? Muss der Naturschutz nicht auf die Erfordernisse der Volkswirtschaft abgestimmt werden? Harich: Ein frisch am Magen Operierter darf kein Wasser trinken. Wollte man diese Maßregel auf den brennenden Durst, der ihn plagt, abstimmen, so würde man den Patienten töten. Natur ist ohne Volkswirtschaft denkbar, aber keine Volkswirtschaft ohne Natur. Abgestimmt werden muss daher umgekehrt: Die Produktion auf die Erfordernisse des Naturschutzes. Alle Erfindungen sollten, bevor sie in die Produktion überführt werden, sich erst einem Gerichtsverfahren unterwerfen müssen, das sie freisprechen oder zur Nichtauswertung verurteilen kann. Die Ökonomen könnten da die Verteidigung, die Ökologen die Anklage übernehmen. Die Politik hätte den Richter zu stellen, eine weit vorausschauende, von globaler Verantwortung getragene, eben marxistische Politik. Duve: Gäbe es noch weitere leitende Funktionen, in denen Ihrem Leipziger Freund ökologische Bildung zustatten käme? Harich: Soweit ich unterrichtet bin, würde er am liebsten als Diplomat Karriere machen, möglichst es zum Außenminister bringen, und in Vorbereitung auf diese Funktion täte er gut daran, sich beharrlich den Genossen Gromyko zum Vorbild zu nehmen, der in seine antiimperialistische Taktik zum erstenmal ökologische Motive 265VI. Kommunismus als Lösung einfließen ließ, als er im September 1974 der Vollversammlung der Vereinten Nationen den Entwurf einer Konvention über das Verbot der Einwirkung auf die natürliche Umwelt und das Klima zu militärischen und anderen Zwecken, die mit den Interessen der internationalen Sicherheit, des Wohlergehens und der Gesundheit der Menschen nicht vereinbar sind, unterbreitete. Denkt man über dieses Dokument tiefer nach, dann geht einem ein Licht darüber auf, dass der Sozialismus aus der prinzipiellen Fähigkeit seines Systems, den Anforderungen umfassenden, wirksamen Naturschutzes besser gerecht zu werden als die kapitalistische Ordnung, zugleich eine schneidende Waffe weltweiter Entlarvung und Bekämpfung des Kapitalismus schmieden kann, dann nämlich, wenn er in allen internationalen Umwelt-Verhandlungen auf ökologisch optimale Lösungen drängt, die das sozialistische Lager durchzuführen im Stande ist, die für die kapitalistischen Konzerne aber ökonomisch tödlich wären. Duve: Liefe das nicht auf totale Blockade hinaus? Auf das Scheitern jedes Resultats an der Kompromisslosigkeit des einen Verhandlungspartners? Harich: Wieso? Das muss nicht sein. Der sozialistische Partner kann sich ja schließlich – ungern, wenn alles nichts hilft – auf einen Kompromiss einlassen, damit überhaupt etwas geschieht. Aber er muss erst einmal vor der Weltöffentlichkeit deutlich machen, dass es am Kapitalismus liegt, wenn am Ende nicht die beste denkbare Lösung, sondern nur eine Halbheit vereinbart wird. Und er muss alles in seiner Macht Stehende getan haben, um aus der Kompromissbereitschaft des kapitalistischen Kontrahenten, d. h. aus dessen taktischem Zurückweichen vor dem Druck, dem er bei sich daheim wie auch international ausgesetzt ist, für den Schutz der Natur, für die Erhaltung der Biosphäre soviel wie möglich herauszuholen. Die sozialistische Seite muss sich immer als die vorantreibende Kraft bewähren, von der die großen, befreienden Initiativen ausgehen. Dergestalt gilt es, ohne Obstruktion, jedoch mit maximalem agitatorischen Effekt, unter Mobilisierung der von der ökologischen Krise bedrohten Massen, den Klassenkampf, die globale Zusammenarbeit in das Gebiet des Umweltschutzes hineinzutragen. Ich sagte vorhin, die Arbeiterbewegung könne durch eine Kombination unnachgiebiger sozialer und ökologischer Forderungen, durch den Kampf für höhere Löhne, Kündigungsschutz usw. und den gleichzeitigen Kampf gegen umweltzerstörende Technologien und Industrieerzeugnisse, den Kapitalismus im Zangengriff zerbrechen. Die sozialistische Diplomatie ist eine wichtige Abteilung der Arbeiterbewegung. Sie hat dazu ihr Teil beizutragen. Deshalb empfand ich den Vortrag, den Chosin auf dem Moskauer Symposion »Mensch und Umwelt« zum Themenkreis der internationalen 266 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ politischen Aspekte des Umweltproblems gehalten hat, als unzulänglich, als unbefriedigend. Liest man Chosins Ausführungen, so gewinnt man den Eindruck, alle Staaten gäben ihren Klassencharakter an der Garderobe ab, sobald sie sich zur Erörterung globaler Naturschutzmaßnahmen an den Konferenztisch setzten. Desgleichen bedauere ich, dass bei den Verhandlungen über den Vertrag zum Schutz der Ostsee die Initiativen der sozialistischen Seite nicht vernehmlich geworden sind. Weder im Osten noch im Westen ist der Vertragstext, meines Wissens, in vollem Wortlaut in der Presse veröffentlicht worden, und vorher hatte man nichts über den Gang der Verhandlungen, über die Vorschläge der einen wie der anderen Seite erfahren. Auch da entstand der Eindruck eines systemneutralen Anliegens. Gromykos Vorschlag an die UNO setzt hier ein neues Signal. Man wird wachsam verfolgen müssen, wie die kapitalistischen Länder ihn aufnehmen werden. Die Arbeiterbewegung sollte den Konventionsentwurf überall aufgreifen und sich dafür einsetzen, dass er angenommen wird. Sie sollte das mit derselben Hartnäckigkeit und Energie tun, mit der sie in den fünfziger Jahren gegen den Atomtod gekämpft hat. Duve: All das geht doch davon aus, dass die sozialistischen Länder in ihren eigenen Machtbereich alles tun, bei de Bewältigung der Umweltprobleme den optimalen Lösungen zum Durchbruch zu verhelfen. Wir wissen, dass dies so pauschal noch nicht stimmt. Harich: Bisher vielleicht nicht genügend. Aber das werden dann die sozialistischen Länder tun, weil ihre Machtstrukturen, ihre Produktions- und Eigentumsverhältnisse, ihre Planwirtschaft es ermöglichen, und sie müssen es tun, einmal, weil es im Lebensinteresse der Völker liegt, zum anderen, weil nur unter dieser Voraussetzung ihre internationalen, diplomatischen Initiativen die nötige Glaubwürdigkeit und Durchschlagskraft besitzen werden. Übrigens hat neulich das ZDF der Sowjetunion bestätigt, dass sie das Abkommen über den Schutz der Ostsee am wirksamsten durchführt. Und seit 1971/1972 bietet die sozialistische Gesetzgebung auch die erforderlichen Handhaben für energischen Umweltschutz. Duve: Werden diese Gesetze eingehalten? Harich: Sie sind für alle staatlichen Organs, alle Betriebsleitungen usw. verbindlich, und jeder Bürger ist berechtigt und verpflichtet, über ihre strenge Einhaltung zu wachen, Verstöße gegen sie nicht zuzulassen. Deswegen würde ich unserem Leipziger Freund 267VI. Kommunismus als Lösung – um auf ihn noch einmal zurückzukommen – auch anraten, sich, bevor er in die Diplomatie aufsteigt, in seiner Umgebung, im Betrieb, im Wohnbezirk, auf Reisen, im Urlaub, überall, wo er hinkommt, mit offenen Augen und Ohren darum zu kümmern, dass das Landeskulturgesetz der DDR befolgt wird. Darin könnte er sich an mir ein Beispiel nehmen. Als hier neulich auf dem Nebengrundstück, das zur Tierklinik der Humboldt-Universität gehört, an einem Sonntagmorgen, um 7 Uhr früh, das Geräusch einer Motorsäge zu hören war, sprang ich aus dem Bett, zog mich in Windeseile an, alarmierte die Nachbarn; einer rief per Notruf die Polizei herbei und verhinderte so, dass einige alte Ulmen gefällt wurden. Einen Baum konnten wir nicht mehr retten, den hatte die Motorsäge schon umgelegt. Doch die anderen werden stehenbleiben, so lästig sie den Veterinärmedizinern auch sind, die da, glaube ich, einen neuen Stall oder ein Laboratorium hinbauen wollten. Das Recht war auf unserer Seite. Aber ohne die Initiative der Bürger wäre seine Verletzung gar nicht bemerkt worden. Duve: Wenn es nun nicht nur um alte Bäume geht, sondern darum, dass sich zwischen Naturschutz und Industrie eine Interessenkollision von ökonomischer Tragweite ergibt? Nehmen wir an, ein Zementwerk … Harich: Das Gesetz entscheidet. Was es vorschreibt, ist heilig. Und wenn Zweifel darüber entstehen, wie es im Einzelfall auszulegen ist, dann müssen eben aus dem zuständigen Wissenschaftsbereich, vorab der Biologie, Expertengutachten beigebracht und notfalls, zusammen mit einer Strafanzeige, der Staatsanwaltschaft zugeleitet werden, der die Kontrolle über die Einhaltung der Gesetze obliegt. Im übrigen: Ein sozialistischer Betriebsleiter ist ja nicht Privateigentümer wie bei Ihnen der kapitalistische Fabrikant. Er bezieht sein Gehalt, aber er profitiert nicht an dem von ihm geleiteten Unternehmen. In Folge dessen entfällt bei ihm jedes ökonomische Interesse, Umweltschutzbestimmungen zu verletzen. Er verletzt sie höchstens aus Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit, Unwissenheit und ähnlichen Gründen. Und dagegen auf gesetzlicher Grundlage anzukämpfen ist nicht schwer, ist viel leichter, als wenn man, wie bei Ihnen, die Bür gerini tia tiven, das Profitinteresse, den Zwang zur Kapitalverwertung, die Selbstbehauptung des Unternehmers im Konkurrenzkampf zum Widersacher hat. Ich habe mit großem Interesse einen Aufsatz des Bundesministers Hans-Jochen Vogel, Grenzen des Wachstums – Konsequenzen für die Politik, gelesen, in dem es u. a. heißt: »Nach unseren Informationen sind Umweltzerstörung und -vergiftung etwa für die Sowjetunion ebenso gravierende Probleme wie für die Vereinigten Staaten. Smog, Fischsterben, Ölverschmutzung und Verlandung der Seen, Probleme der Trinkwasserversorgung, Bodenerosion 268 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ durch Abholzen von Wäldern … – das sind Stichworte, die uns auch aus der Sowjetunion berichtet werden. … Die Ursachen sind offenbar die gleichen wie bei uns: Verstädterung, umweltfeindliche Technologien, laxe Anwendung vorhandener Schutzgesetze, Kompetenzschwierigkeiten in der Administration, fehlende Berücksichtigung derjenigen Kosten in der betrieblichen Kalkulation, die der Gesellschaft entstehen.« Alles richtig. Aber daraus zieht Vogel dann den grundverkehrten Schluss, dass »die großen Herausforderungen unserer Zeit systemneutral« seien, d. h., dass der Sozialismus mit ihnen ebensowenig fertig werden könne wie der Kapitalismus oder nicht besser als er. Schon wenn man die Interessenlage eines einzelnen sozialistischen Betriebsleiters mit den Motiven, die das Handeln eines kapitalistischen Fabrikanten bestimmen, vergleicht, erweist sich, dass das nicht stimmt. Und zieht man gar die Gegensätze in Betracht, die zwischen sozialistischen und kapitalistischen Eigentumsverhältnissen im ganzen, zwischen sozialistischer Planwirtschaft und kapitalistischer Marktanarchie usw. bestehen, dann wird vollends evident: Umweltzerstörung ist zwar ein Problem der Industriegesellschaft überhaupt, aber davon, dass die Möglichkeit, dieses Problem in den Griff zu bekommen, es zu meistern, systemneutral wäre, kann keine Rede sein. Hier gilt das Wort Barry Commoners: »Das klassische marxistische Konzept der Vergesellschaftung der Produktionsmittel vermag den Erfordernissen der Biosphäre besser gerecht zu werden als das des Privateigentums. … Jetzt, da man die Notwendigkeit des Umweltschutzes in beiden Ländern erkannt hat, dürfte er in der Sowjetunion leichter zu verwirklichen sein als in den Vereinigten Staaten.« Heißt das jedoch, dass sich aus den sozialistischen Eigentumsverhältnissen idealer Umweltschutz automatisch ergibt? Dies anzunehmen wäre auch wieder ein Fehler. Wenn die Möglichkeiten des sozialistischen Systems nicht in dieser Richtung bewusst, zielstrebig ausgenutzt werden, bleibt seine prinzipielle Überlegenheit ineffektiv, wird sie nicht sichtbar. Und sie maximal effektiv zu machen, sie, sichtbar für alle Welt, praktisch unter Beweis zu stellen, um Leute wie Vogel so zu widerlegen, dass es ihnen den Atem verschlägt, darauf kommt es jetzt an. Diese Aufgabe ist, wie ich glaube, in der Epoche der ökologischen Krise zum Hauptkettenglied der proletarischen Weltrevolution geworden und wird es von Tag zu Tag mehr. So, wie die Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern die Massen vor den heraufziehenden Katastrophen warnen und ihnen den Kommunismus als das entscheidende Mittel, sie aufzuhalten, plausibel machen muss, so müssen wir alle Anstrengungen darauf konzentrieren, die Richtigkeit ihrer Argumentation durch das einleuchtende Beispiel unseres Handelns zu bekräftigen. Das West-Ost-Gefälle des Lebensstandards, das bisher den Fortgang, der proletarischen Revolution in den kapitalistischen Industriestaaten gehemmt hat, müssen wir von nun an umkehren in ein 269VI. Kommunismus als Lösung Ost-West-Gefälle des vorbildhaften Umweltschutzes, des vernünftigen, maßvollen, haushälterischen Umgangs mit den Rohstoffen und einer damit in Einklang stehenden Qualität des sozialistischen Lebens. Gelingt uns das, dann wird unsere Sache siegen, überall. Duve: Und wenn diese Strategie Nullwachstum verlangt? Harich: Auch darüber findet sich im Beitrag des Herrn Bundesministers Vogel ein bemerkenswerter Satz, der allerdings … Duve: Hans-Jochen Vogel ist doch wohl eher ein Gegner des Nullwachstums. Harich: Ich weiß, er ist ein typischer Vertreter der sozialdemokratischen Variante des Wachstumsfetischismus, den er mit der Floskel verbrämt, dass man gegen schädliches, aber für nützliches Wachstum sein müsse, d. h., er will den Pelz waschen, ohne ihn nass zu machen. Vogel schreibt, er halte die Alternative des Nullwachstums »für übertrieben, gelegentlich auch für irrational mit gewissen Neigungen zur Maschinenstürmerei und zum Fanatismus«. Nullwachstum bedeute, »dass die Mittel für den forcierten Ausbau der Gemeinschaftseinrichtungen und die Verbesserung der materiellen Lage der Unterprivilegierten – und dazu gehören ja auch Milliarden von Menschen in den Entwicklungsländern – nur durch Umverteilung gewonnen werden könnten. Das aber ließe sich wohl nur auf gewaltsamem, auf revolutionärem Wege verwirklichen«. Schon wegen dieser Konsequenz lehnt er, als Vertreter des rechten Flügels der SPD, Nullwachstum entschieden ab. Duve: Ob rechter oder linker Flügel, so ganz unrecht hat Vogel mit diesen Befürchtungen gewiss nicht. Harich: Um so weniger sollten die Befürchtungen Vogels von Kommunisten geteilt werden. Es gehört doch zu den Aufgaben der sozialistischen Länder, die Völker im kapitalistischen Teil der Welt zu ermuntern, den Weg der Revolution zu beschreiten. Wenn sie ihnen den praktischen Beweis dafür lieferten, dass bei Nullwachstum menschenwürdiges Leben für alle Glieder der Gesellschaft möglich ist, dann entspräche das dieser Aufgabe. 270 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Die Völker werden sich für solche »Ermunterung« bedanken. Hier scheiden sich zwischen uns nun wirklich die Geister. Doch zurück zum Auto. Würden Sie so weit gehen, dem Leipziger, nachdem Sie ihn zu Ihren Ansichten bekehrt haben, zu empfehlen, er möge, um ein gutes Beispiel zu geben, seinen Trabant stilllegen und aufs Fahrrad umsteigen? Harich: Dass er dies täte, wäre beim Übergang zum Nullwachstum nicht einmal erforderlich. Die PKW brauchten dann ja keineswegs aus dem Verkehr gezogen zu werden. Die DDR brauchte ihre Automobilproduktion auch nicht etwa aufzugeben. Sie müsste sich lediglich dazu entschließen, 1976 nicht mehr Wartburgs und Trabants zu produzieren als 1975 und auch jedes weitere Jahr immer bei derselben Stückzahl neu hergestellter Wagen zu bleiben. Duve: Nur wenige also sollen auch künftig ein Auto haben. Und sind Sie nicht, wie die Ökologisten im Westen, grundsätzlich Gegner des PKW? Harich: Der PKW in Privatbesitz ist nach meiner Überzeugung ein natur- und gesellschaftsfeindliches Konsumtionsmittel, ein antikommunistisches auf jeden Fall. Duve: Antikommunistischer Konsum? Harich: Als antikommunistisch bezeichne ich einen Gebrauchswert, der unter keinen, wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Bedingungen von ausnahmslos allen Gliedern der Gesellschaft konsumiert werden könnte und in Folge dessen, falls man seine Produktion für alle Zeiten aufrechtzuerhalten gedächte, den Übergang zum Kommunismus nie zuließe, da dieser per definitionem eine an Einkommensunterschiede und Privilegien gebundene Konsumtion nicht kennt. Von dem PKW in Privatbesitz glaube ich, dass er über kurz oder lang aus der sozialistischen Gesellschaft verschwinden wird. Aus sozialen wie ökologischen Gründen gehört hier die Zukunft einem optimalen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel sowie dem Fahrrad und, nicht zu vergessen, der gesunden, dem Herzinfarkt vorbeugenden Lebensweise des Fußgängers, der überdies, laut Ivan Illich, die größte Freiheit besitzt, sich seine Nahziele und die Wege, auf denen er zu ihnen gelangen möchte, selber auszusuchen. Je schneller der Einzelne das erkennt und danach handelt, desto besser ist es. 271VI. Kommunismus als Lösung Duve: Sehen Sie eine Aussicht, auch dies Ihrem Bekannten in Leipzig beizubringen, und zwar nicht nur platonisch, sondern so, dass er für sein Teil praktische Konsequenzen daraus zieht? Harich: Es ist stark zu bezweifeln. Ich erinnere Sie nochmals an die Opfer, die die Bürger der DDR für den Sozialismus haben bringen müssen. Der Leipziger hat zwar von Kindheit an alle Vorzüge des Lebens in einer sozialistischen Gesellschaft wahrgenommen: kostenlose Ausbildung, vorzügliche gesundheitliche Betreuung, einen absolut sicheren Arbeitsplatz, der es ihm unmöglich macht, sich Existenzangst auch nur vorstellen zu können, großzügige Familienförderung und vieles andere mehr. Aber Opfer hat nichtsdestoweniger auch er gebracht. Oder ist es etwa kein Opfer, drei Jahre lang auf einen Trabant zu warten und dabei stets das Beispiel eines weniger intelligenten und weniger tüchtigen Bruders vor Augen zu haben, der in Krefeld die Automobile fast wie die Hemden wechselt und obendrein seit seiner Verehelichung noch über einen Zweitwagen verfügt? So sieht das West-Ost-Gefälle des Lebensstandards für unseren Mann im Alltag aus, und seine Bereitschaft, es unaufgefordert, aus eigener Initiative in das anzustrebende Ost-West-Gefälle des Umweltschutzes, der Rohstoffersparnis und der Lebensqualität umkehren zu helfen, ist daher nicht sehr groß. Duve: Unaufgefordert? Sie könnten ihn ja dazu auffordern. Harich: Ich? Glauben Sie, dass das etwas helfen würde? Dazu reichen meine Überredungskünste nicht aus. Ja, wenn die Partei in großen Aufklärungskampagnen gegen den PKW in Privatbesitz zu Felde zöge und es zu einer Sache der sozialistischen Ehre erklärte, dass Genossen und Sympathisanten Radler werden, dann ließe der Mann sich das nicht zweimal sagen. Zwei, drei Artikel im ND, gut kombiniert mit einem geringschätzigen Blick des Parteisekretärs in seinem Betrieb, würden genügen, ihn nur noch schamrot am Steuer sitzen zu sehen. Duve: Also gehört er zu denen, die nicht gerne anecken. Harich: Wie viele bei uns, die es sich leisten können, einen eigenen PKW zu fahren. Duve: Wie würden Sie es konkret anstellen, den Wachstumsstandpunkt dieses Mannes zu erschüttern? 272 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Harich: Ich würde einige der niveau- und gehaltvollsten Polemiken, die gegen die hypothetischen Prognosen des Club of Rome in Ost und West bisher veröffentlicht worden sind, darunter Kuczynskis Broschüre Das Gleichgewicht der Null, mit dem Mann gemeinsam durchgehen und sie Punkt für Punkt widerlegen. Im übrigen sind alle vorgebrachten Einwände durch andere längst widerlegt worden, besonders in dem Rowohlt-Sachbuch von Peccei und Siebker, auf das ich mich in unserem vorletzten Gespräch bezog. Ich ließe es aber bei bloßer Widerlegung nicht bewenden. Da ich seit nunmehr zehn Jahren Texte von Ludwig Feuerbach philologisch bearbeite, ist mir die Einsicht geläufig, dass die Menschen zu den schlimmsten ideologischen Verirrungen durch die Macht ihres Wunschdenkens verleitet werden, worauf namentlich die Hirngespinste der Religion in ihren Köpfen, z. B. der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, seit jeher zurückzuführen sind. Hierüber würde ich, nachdem ich den Mann über die verheerenden Konsequenzen der Bevölkerungsexplosion, der Umweltzerstörung, der immer näher rückenden Erschöpfung aller nichtregenerierbaren Rohstoffe usw. belehrt hätte, ihm auch noch eine kleine Lektion erteilen, um ihm dann klarzumachen, dass er seinen Wunsch, die Menschheit möge nie zu Grunde gehen, für Wirklichkeit nehme und deshalb begierig nach jeder Illusion greife, die eine verantwortungslose Publizistik ihm auftischt. Da es sich für Marxisten aber von selbst verbietet, bei einer Ideologiekritik à la Feuerbach stehenzubleiben, würde ich ihm schließlich den Zusammenhang bewusst machen, der zwischen den reaktionären Klasseninteressen der Bourgeoisie und den wissenschaftlich so leicht zu widerlegenden, ja längst widerlegten Einwänden gegen den Club of Rome besteht. Bei alledem gäbe ich aber eines immer zu: Der Wahrheitsgehalt aller bisherigen Veröffentlichungen des Clubs werde durch den kapitalen Fehler beeinträchtigt, dass die Klassenfragen – der Gegensatz von Sozialismus und Kapitalismus, von Arbeiterklasse und Bourgeoisie – darin nicht zur Sprache kommen. Duve: Haben Sie den Eindruck, dass viele der heute lebenden Menschen, besonders der älteren Generation, wenn sie die hypothetischen Prognosen des Club of Rome zur Kenntnis genommen haben, die Dinge gleichwohl deshalb treiben lassen, weil sie sich mit dem Gedanken trösten, sie würden beim Eintreten der zu erwartenden Katastrophen sowieso nicht mehr am Leben sein? Harich: Ja, diesen Eindruck habe ich leider. Für die Auseinandersetzung mit diesen Egoisten des »Nach mir die Sintflut« ist besonders die Studie von Mesarović und Pestel zu empfehlen, der sich entnehmen lässt, dass die Regionalkatastrophen früher einsetzen 273VI. Kommunismus als Lösung werden als erst zu dem Zeitpunkt, für den Forrester und Meadows den globalen Zusammenbruch vorausgesagt haben, und dass, in Folge der globalen Verkettung aller lokalen Ereignisse, somit durchaus noch zu ihren Lebzeiten Furchtbares geschehen kann. Man sollte indes, wenn man diesen Gesichtspunkt geltend macht, nie versäumen, hinzuzufügen: »Seht euch eure Kinder an, blickt in die Wiegen eurer Enkel und rafft euch endlich dazu auf, den ekelhaften, widerwärtigen Hintergedanken, dass euch selbst das Schlimmste noch erspart bleiben werde, schamrot aus euren Köpfen herauszureißen!« Der Trabant-Besitzer aus Leipzig und seine junge Frau haben einen jetzt dreijährigen Knaben. Sie brauchten nur die durchschnittliche Lebenserwartung eines heutigen Mitteleuropäers in die Zukunft zu projizieren, um zu begreifen, was sie, im Lichte der Warnungen des Club of Rome, ihrem Kind schuldig sind. Duve: Und Sie wollen mit dem Mann auch über Ihre Ansicht diskutieren, dass der Kommunismus schon jetzt verwirklicht werden könne? Harich: Ja. Duve: Und Sie befürchten keine Schwierigkeiten, wenn Sie aus ökologischen Gründen anfangen, der SED den Zeitpunkt vorzuschreiben, an dem die DDR »zum Kommunismus übergehen« sollte? Partei- und Staatsfunktionäre würden Sie gewiss eines Besseren belehren. Harich: Alle Argumente, die sich hierauf bezögen, würde ich mir geduldig, auch mit der Bereitschaft, mich eines Besseren belehren zu lassen, anhören. Ich kann aber nicht dafür garantieren, dass sie mir auch alle einleuchten würden. Würde man Partei- und Staatsfunktionäre zu einer solchen Diskussion hinzuziehen, so würde ich meinerseits verlangen, dass auch einige Biologen an der Auseinandersetzung teilnehmen müssten. Duve: An welchem Punkt Ihrer Auffassung vom Kommunismus glauben Sie Ihrer Sache so sicher zu sein, dass Sie nicht bereit wären, von irgend jemandem Belehrungen entgegenzunehmen? Harich: Es sind vier Positionen. Hier die erste: Der Kommunismus darf, nach meiner Meinung, nicht in einer so nebelhaft fernen Zukunft angesiedelt werden, dass das Bekenntnis zu ihm, als der besten denkbaren Gesellschaftsordnung, rein platonisch wird, dass Aussagen über Möglichkeiten, ihn zu realisieren, sich in eine erbauliche 274 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Sonntagspredigt verwandeln und die Vorhut des Proletariats praktisch auf unabsehbare Zeit, noch für mehrere Generationen, bis ins nächste Jahrhundert hinein, den Sozialismus als das Non plus ultra des geschichtlich-gesellschaftlichen Fortschritts hinnimmt. Duve: Was heißt »darf nicht«? Wie wollen Sie das begründen? Harich: Vor genau hundert Jahren hat Karl Marx, in seiner Kritik des Gothaer Programms, die Hauptmerkmale der beiden Entwicklungsstufen der neuen, aus der proletarischen Revolution hervorgehenden Gesellschaft, des Sozialismus und des Kommunismus, skizziert. Fast 58 Jahre sind seit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution vergangen. Es existieren heute 14 sozialistische Staaten. Das 20. Jahrhundert ist zu drei Vierteln verflossen. Gewiss, das alles braucht, für sich genommen, keine hinreichende Rechtfertigung meines Postulats zu sein. In meinem Buch über Jean Paul habe ich zustimmend dessen weise Erkenntnis zitiert, dass man »auf den Höhen der Begeisterung, wie auf den Alpen, alles zu nahe an sich herangeschoben sehe«.19 Ich habe 19 (AH) Genau lautet die Passage: »Die interessantesten Briefe über den Hesperus sind im Frühjahr 1793, wenige Wochen nach der Hinrichtung Ludwigs XVI., geschrieben worden. Am 26. März kündigte Jean Paul an, er werde mit seinem neuen Roman ›zu Ostern 1794 einige Winke über das Tertianfieber der Weltrevolution geben‹. Im gleichen Brief äußert er sich zu Ottos Aufsatz Über den Parallelismus der Kreuzzüge, der Reformation und der Revolution. Die Französische Revolution wird in dieser Arbeit als Beginn einer neuen Ära gefeiert und in ihrer Bedeutung mit der Entstehung des Christentums verglichen. In der neueren Geschichte habe sie zumindest dieselbe Tragweite wie die Kreuzzüge und die Reformation, und wie diese könne sie unmöglich auf ein Land beschränkt bleiben; sie werde auf ganz Europa übergreifen. Hierauf erwidert Jean Paul, dass das Christentum, wäre es in die Blütezeit der römischen Republik gefallen, eine Sekte nach Art der Herrnhuter hätte bleiben müssen. Roms Heidentum sei gefällt worden ›durch frühere Hände als christliche, durch monarchische‹. Zu Ottos Hoffnungen auf eine baldige Revolutionierung des Kontinents äußert er sich wieder, wie im Vorjahr über die Besiegung der Schwefeleidechse, skeptisch. Obwohl er für die revolutionäre Ungeduld, die solche Erwartungen hervortreibt, Verständnis hat, warnt er vor ihr: ›Deine apokalyptischen Träume … unterscheiden sich von Wahrheiten in nichts als in der Zeit; aber der Unterschied ist um einige Jahre größer, als Du denkst. Denn nur wenn Europa ein gepresstes, abgefressenes Gallien wäre, dann müsste sich dieser Riesengeist aufrichten von seiner über den ganzen Weltteil reichenden Lagerstätte. Aber jetzt, da uns nicht dasselbe gemeinschaftliche Bedürfnis – Druck – Wunsch – und Geist wie bei den zwei anderen Revolutionen (den Kreuzzügen und der Reformation, WH) emporspornt, da muss noch weit mehr Licht unter unsere Hirnschalen und noch weit mehr Torturschwefeltropfen an unser Herz geworfen werden, eh‹ sich die liegende Welt ermannt.‹ Trotzdem ist der Dichter überaus angetan von der Perspektive, die sein Freund aufgezeigt hat. Zwar gibt er ihm zu beden- 275VI. Kommunismus als Lösung diesen Satz als vorzügliche Kennzeichnung der revolutionären Ungeduld gewürdigt, die damals, 1793, den besten Freund des Dichters, Christian Otto, zu der Illusion verleitet hatte, dass die Französische Revolution demnächst auf ganz Europa übergreifen werde. Der polemischen Auseinandersetzung mit der neoanarchistischen revolutionären Ungeduld der APO habe ich ein ganzes Buch gewidmet.20 Aus den Schriften von Marx, Engels und Lenin ließen sich viele Stellen zitieren, die bezeugen, dass auch sie eine Vorliebe dafür hatten, Alpenluft zu atmen, d. h. bisweilen der Versuchung unterlagen, in prognostischen Aussagen »alles zu nahe an sich herangeschoben zu sehen«. Vielleicht wird noch ein weiteres Jahrhundert vergehen müssen, ehe ihre Vision des Kommunismus Wirklichkeit werden kann. Aber: Die moderne Wissenschaft hat uns vor kurzem, gestützt auf hieb- und stichfeste Beweisgründe, prophezeit, dass, bei Fortdauer der gegenwärtigen Trends der Weltentwicklung, spätestens um die Mitte des 21. Jahrhunderts die Menschheit sich selbst vernichtet haben wird. Unter diesen Umständen hat die internationale Arbeiterklasse, haben die werktätigen Menschen aller auf der Erde lebenden Völker einen Anspruch darauf, dass zumindest die marxistische Zukunftsforschung jetzt, sofort damit anfängt, sich sehr konkrete Gedanken darüber zu machen, wie der Sieg des Kommunismus im Weltmaßstab herbeigeführt, wie er zur Abwendung der uns bedrohenden Katastrophen genutzt werden kann. Hundert Jahre nach der Kritik des Gothaer Programms dürfte es nicht zu früh sein, das zu verlangen, und in Anbetracht der hypothetischen Prognosen des Club of Rome ist es allerhöchste Zeit. Duve: Mir scheint aber doch, dass Ihre DDR-Gesprächspartner im Grunde genommen glauben, der DDR-Sozialismus sei das Äußerste, was je erreicht werden könne? Harich: Das sehen Sie falsch, Duve. Aber wenn es solche Genossen geben sollte, dann würde ich ihnen nahelegen, sich nicht länger als Kommunisten auszugeben, sondern öffentlich zu erklären, dass sie die Idee des Kommunismus für ein wirklichkeitsfremdes Hirngespinst hielten. ken: ›Auf den reinen Höhen der Begeisterung sieht man, wie auf den Alpen, wegen der unbesudelten Luft alles näher an sich geschoben‹. Doch gesteht er, es ›erwärme‹ ihn, ›in diesen Frosttagen der Kleinigkeiten, wo unsere ganze Freiheitsfahne in einem Federkiel besteht, auf einen Mai des Menschengeschlechts vorauszublicken‹. Die nüchternere Einschätzung der europäischen Realitäten mindert seine Sympathie für Ottos Prognose nicht.« (Band 13.1, S. 184 f.) 20 (AH) Gemeint ist das bereits erwähnte Werk: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus, neu abgedr. in: Band 8, S. 81–221. 276 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Und die zweite Position,von der Sie auf keinen Fall abzurücken gedenken? Harich: Der Kommunismus ist möglich, er wird aber, wie sich unschwer beweisen lässt, nicht die Überflussgesellschaft sein, die man sich unter ihm seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts – d. h. seit dem Ausgang der Babeufschen Phase der proletarisch-revolutionären Bewegung, ideengeschichtlich seit Cabet, Weitling und Marx – immer vorgestellt hat. Der Kommunismus wird daher auch nie ohne staatliche Autorität und kodifiziertes Recht auskommen, wie dies die Klassiker des Marxismus-Leninismus, darin letztlich mit den Anarcho-Kommunisten übereinstimmend, angenommen haben. Duve: Damit nehmen Sie eine zentrale These Ihres Buches Zur Kritik der revolutionären Ungeduld (Basel 1970) zurück. Harich: Ja, in diesem Punkt ist das Buch falsch, und ich bedauere, seine Leser insoweit, aus Unkenntnis der Zusammenhänge, die mir erst ein Jahr später, bei der Lektüre von Taylors Doomsdaybook, alarmierend deutlich geworden sind, irregeführt zu haben. In dem endlichen System Biosphäre, in dem der Kommunismus sich wird einrichten müssen, kann er die menschliche Gesellschaft nur in einen homöostatischen Dauerzustand überführen, der, so wenig er die Dynamik des Kapitalismus oder die des Sozialismus fortzusetzen erlaubt, auch keine schrankenlose Freiheit des Individuums zulassen wird. Jeder Gedanke an ein künftiges Absterben des Staates ist daher illusorisch. Die internationale Arbeiterbewegung wird genötigt sein, diesen letzten Überrest des Anarchismus, der ihrer Theorie derzeit noch anhaftet, definitiv über Bord zu werfen und sich in einer dialektischen Spirale, unter Bewahrung und schöpferischer Weiterentwicklung aller ansonst nicht zu bestreitenden Errungenschaften des Marxismus-Leninismus, zu dem historischen Ausgangspunkt ihrer Ideenwelt, zu der kommunistischen Konzeption Gracchus Babeufs, zurückzubewegen. Drittens: Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass alle kapitalistischen Industrieländer für die übergangslose Verwirklichung des Kommunismus reif sind und dass sie sie dringend brauchen. Darüber hinaus macht, glaube ich, das Vorhandensein mächtiger, in den Völkern und ihren Traditionen fest verwurzelter revolutionärer und reformistischer Arbeiterparteien sowohl in Westeuropa als auch in Japan, es hochgradig wahrscheinlich, dass diese Gebiete schon in naher Zukunft kommunistisch sein werden. 277VI. Kommunismus als Lösung Duve: Alle Wahlergebnisse und alle Parteiprogramme der westlichen Kommunisten bezeugen wohl eher das Gegenteil. Was aber ist Ihr vierter Punkt? Harich: Viertens bietet der Übergang der industrialisierten Regionen des Nordens zum Kommunismus die einzige Möglichkeit, zwischen ihnen und den Völkern der Dritten Welt Beziehungen der Vernunft, der Menschlichkeit, des endgültigen, gesicherten Friedens und einer für beide Teile vorteilhaften Zusammenarbeit herzustellen, zu der es keine Alternative gibt, keine jedenfalls, die nicht in unvorstellbare Katastrophen einmünden müsste. Duve: Erklären Sie dies näher. Harich: Der Sinn der Weltgeschichte liegt, falls sie überhaupt einen hat, in der fortschreitenden Verwirklichung des Prinzips der Gleichheit aller Menschen. Dieses Prinzip konstituiert alle übrigen sittlichen Werte, die einer vernünftigen Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen zu Grunde liegen müssen. Gesellschaftlichen Ordnungen, die dem widerstreiten, wohnt eine – auf die Dauer stets explosive – Dynamik inne, die sie instabil macht und somit den homöostatischen Zustand, in den die Menschheit bei Strafe ihres Untergangs überführt werden muss, vereitelt. Hieraus ergibt sich, dass die Völker der Dritten Welt nicht nur einen Rechtsanspruch auf denselben Lebensstandard haben, der den industrialisierten Regionen des Nordens eigen ist, sondern dass ohne Erfüllung dieses Anspruchs sich auch keine dauerhafte Harmonie zwischen Mensch und Natur wird herstellen lassen. Fragt sich nur: Wie soll der Anspruch verwirklicht werden? Und worin kann die Hilfe des Nordens bestehen? Eine den nördlichen Regionen vergleichbare Industrialisierung der Dritten Welt wäre aus verschiedenen Gründen ein Verhängnis. Erstens würde sie, wenn sie stattfände, das Ende der Biosphäre besiegeln. Die zusätzlichen Umweltbelastungen wären so ungeheuer groß, dass unter ihrem zerstörerischen Druck die Öko-Systeme und Kreisläufe der Natur zusammenbrächen; schon jetzt, wie sehr erst bei der Erdbevölkerung von 7 Milliarden Menschen, mit der wir für das Jahr 2000 leider rechnen müssen. Zweitens stünde, bei der derzeitigen Struktur der Weltwirtschaft, eine solche Industrialisierung aber auch im Zeichen der Ausbeutung der Entwicklungsländer durch die herrschenden Klassen des westlichen Nordens, oder sie wäre, in allen Fällen, in denen eine sozialistische Ordnung sie davor schützte, zumindest gegen den übermächtigen Konkurrenzdruck seitens der schon industrialisierten Gebiete nicht durchsetzbar, am wenigsten dann, wenn diese zu den kostspieligen neuen, umweltschonenden, Rohstoffe strecken- 278 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ den Technologien übergingen, die in Anbetracht der ökologischen Krise erforderlich sind. Von der neuerdings zu beobachtenden Infamie der multinationalen Konzerne, Industrien, die in besonders starkem Maße die Umwelt zerstören, durch Verlagerung in die Dritte Welt den Protestaktionen der alarmierten Öffentlichkeit der eigenen Länder zu entziehen, will ich einmal ganz absehen. Drittens macht die kapitalintensive, höchste Arbeitsproduktivität voraussetzende und erzeugende moderne Produktion diese Art Industrialisierung für die unterentwickelten Länder zu einer Quelle wachsender Arbeitslosigkeit und geschichtlich beispielloser Massenverelendung, d. h., die absolute Übervölkerung, die weite Gebiete der Dritten Welt ohnehin unter katastrophalen Begleiterscheinungen heimsucht, wird noch potenziert durch die Schrecken relativer Übervölkerung. Alle – sei es noch so umfangreiche – Entwicklungshilfe ändert daran nichts, sie in der Form des Kapitaltransfers gewährt wird, der die ökonomische Abhängigkeit von den multinationalen Konzernen steigert und die Übernahme der kapitalintensiven modernen Technologien, mit all ihren fürchterlichen Folgen, nach sich zieht. Erst der Übergang der nördlichen industrialisierten Regionen zum Kommunismus würde es ermöglichen, das Problem zu lösen. Er würde die Dritte Welt nämlich in die Lage versetzen, einen eigenen, von den Modellen des Nordens scharf unterschiedenen Weg ihrer Entwicklung zu beschreiten, einen Weg, auf dem sie die ihr zuträgliche arbeitsintensive Produktion – »Produktion durch die Massen statt Massenproduktion«, wie Gandhi es einmal nannte – mit umweltfreundlichen Technologien und mit pfleglicher Bewahrung der jeweils autochthonen handwerklichen und kulturellen Überlieferung verbinden könnte. Duve: Der orthodoxe Marxist Harich als Anhänger von Illich und Ignacy Sachs. Harich: Meine Vorstellungen sind in diesem Punkt nicht nur von Sachs und Illich beeinflusst, sondern auch von René Dumont und John Morgan, und am meisten hat mich E. F. Schumachers hervorragendes Werk Small is beautiful (London, 1973) angeregt. Diese Gelehrten, die zugleich Entwicklungshelfer großen Stils sind, weisen der Dritten Welt den einzig vernünftigen Weg. Aber: Bei Fortbestehen des kapitalistischen Systems wäre dieser Weg, falls überhaupt gangbar, ebenso falsch und verhängnisvoll wie die kapitalintensive Industrialisierung, weil er den Abstand zwischen Nord und Süd ja nicht einebnen, sondern verewigen würde. Um die Entwicklungsländer aus Rückständigkeit und Abhängigkeit herauszuführen, müsste die umfassende Verwirklichung der Vorschläge Schumachers durch die Etablierung des Kommunismus in den Industrieländern abgesichert werden. Nur so bliebe die »Produktion durch die Massen« 279VI. Kommunismus als Lösung im Süden davor bewahrt, der Massenproduktion des Nordens im Konkurrenzkampf zu unterliegen, und nur so kämen die Völker der Dritten Welt, soweit dies für sie vorteilhaft wäre, als Konsumenten gleichwohl in den Genuss dieser Massenproduktion, ohne sie selber entwickeln zu müssen. Der Norden würde sie mit seinen Industrieerzeugnissen in dem Maße, wie sie sie nicht entbehren könnten, aber selbst auch nicht herstellten, nach dem Grundsatz gerechter Verteilung des Vorhandenen versorgen. Duve: Versorgen durch Geschenke? Harich: Das Wort »Geschenk« drängt sich in diesem Zusammenhang nur auf, man, in kapitalistischen Kategorien denkend, die Warenproduktion und die mit ihr unlösbar verknüpften Austauschbeziehungen als das Normale ansieht. Tut man das nicht, betrachtet man als das eigentlich Normale und Vernünftige den Kommunismus, dann handelt es sich um die Verteilung vorhandener Gebrauchswerte an diejenigen, die sie benötigen. Eine Gegenleistung hätte die Dritte Welt freilich zu erbringen: Das bei ihr Vorhandene, von ihr Produzierte würde, soweit sie es nicht selber verbraucht, wieder bei uns im Norden gerecht verteilt werden. Nach der Tauschwertäquivalenz, die heute in dem Begriff »Gegenleistung« mitgedacht zu werden pflegt, würde dann allerdings nicht mehr gefragt werden. Denn alle nützlichen Dinge – seien es Kugellager oder Füllfederhalter, seien es Kaffeebohnen, Bananen oder Kaschmir-Shawls – produzierte man nur noch als Gebrauchswerte, nicht mehr als Waren, nur noch zum Zweck der Bedarfsdeckung, nicht mehr zum Zweck des Äquivalententauschs auf dem Markt. Die Eigenschaften aber, die unterschiedliche Gebrauchswerte für die Befriedigung unterschiedlicher Bedürfnisse tauglich machen, sind grundsätzlich inkommensurabel. Was ist mehr wert: ein Stahl- und Walzwerk oder ein Kilo Bananen? Das hängt, sofern man kein Tauschgeschäft zu machen beabsichtigt, vom Bedürfnis ab. Für einen Hungrigen sind die Bananen mehr wert. Stahl- und Walzwerke isst man nicht. Duve: Darauf wollten Sie also hinaus, als Sie in unserem vorletzten Gespräch beiläufig erklärten, dass der Weltmarkt abgeschafft werden müsse. Harich: Ja, der Weltmarkt muss abgeschafft und durch ein globales System gerechter Verteilung ersetzt werden. Anders ist weder den Völkern der Dritten Welt noch uns zu helfen, die wir ihre Produkte genauso brauchen wie sie die unseren. Wer aber könnte den Weltmarkt abschaffen? Die siegreiche Arbeiterklasse der industrialisierten Regionen könnte es – durch Verwirklichung des Kommunismus. 280 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Wollen Sie damit zugleich sagen, dass die Dritte Welt, weil der Norden sie mit Industrieerzeugnissen versorgen kann, auf eigene Industrien überhaupt verzichten sollte? Und wenn ja, hieße das nicht wieder ihre Abhängigkeit verewigen – diesmal die Abhängigkeit von kommunistischen Industrieländern, die auf sie auch Pressionen ausüben könnten? Harich: Wie sähen die Pressionen denn aus, falls sie von Industrieländern ausgingen, die eigens zu dem Zweck, die ökologische Krise zu überwinden und das Nord-Süd-Gefälle des Lebensstandards einzuebnen, bei sich den Kommunismus verwirklicht hätten? Die Regierungen solcher Länder würden von der Dritten Welt nichts anderes verlangen, als was in deren eigenem Interesse läge: Die Geburtenzahl zu beschränken, rigorose Maßnahmen zum Schutz der Umwelt durchzuführen, haushälterisch mit den Rohstoffen umzugehen und, vor allem, korrupte Regime zu stürzen, die bisher, wenn sie Anleihen erhielten, stets nur in die eigene Tasche wirtschafteten und ihre Völker leer ausgehen ließen. Das wäre alles. Und die »Gegenleistung« dafür bestünde im Schutz und in der Förderung der autochthonen Produktion der Dritten Welt sowie in der kostenlosen Lieferung von Industrieerzeugnissen an sie, kostenlos schon deshalb, weil das Geld abgeschafft wäre. Soviel dazu. Dass bei alledem die Dritte Welt auf eigene Industrien verzichten solle, habe ich mit keinem Wort gefordert. Sie soll durchaus eigene Industrien aufbauen, vorab solche, die ihre Naturschönheiten unversehrt bewahren, ihren Massen sinnvolle, menschlich befriedigende Beschäftigung garantieren und die Vielfalt ihrer handwerklichen und kulturellen Traditionen, statt sie zu zerstören, organisch weiterentwickeln, vervollkommnen – so, wie E. F. Schumacher es vorschlägt, der die Entwicklung der Dritten Welt ja nicht verneint, sondern passioniert bejaht. Und bei derartigen Industrien brauchte es noch nicht einmal zu bleiben. Sie könnten nach Maßgabe dessen, was dem betreffenden Volk und der Menschheit im ganzen nützt, in dem einen oder anderen hochmodernen Industriewerk des nördlichen Typs ihre sinnvolle Ergänzung finden. Duve: Wo nehmen Sie den Maßstab her, um zu entscheiden, was nützt und was nicht nützt? Harich: In einer kommunistisch organisierten Welt wären die Fabrikationsstätten jedes industrialisierten Landes ohne Ausnahme nicht mehr Privateigentum irgendwelcher Konzernherren, sondern Volkseigentum. Sie wären aber auch nicht mehr nun Eigentum des bestimmten Volkes, das in dem betreffenden Land lebt, dessen Arbeiter 281VI. Kommunismus als Lösung und Ingenieure in seinen Fabriken tätig sind, sondern Eigentum gleichermaßen aller Völker, gesellschaftliches Eigentum der Menschheit überhaupt. Die Werke des Flickkonzerns etwa würden nicht mehr der Familie Flick gehören – das sowieso –, aber auch nicht mehr nur dem Staatsvolk der Bundesrepublik, sondern ihm und außerdem allen Franzosen, Indern, Russen, Chinesen, Israelis, DDR-Bürgern, Syrern, Brasilianern, Eskimos usw., wie umgekehrt auch deren Produktionsstätten den Bundesdeutschen. Die Frage nun, ob der Bedarf Indiens an – sagen wir – Kugellagern aus der Produktion eines in der Bundesrepublik bereits existierenden Kugellagerwerks laufend gedeckt werden soll oder aus der Produktion eines Werks gleicher Branche, das in Indien selbst neu errichtet werden müsste, würde unter diesen Umständen nur noch nach Zweckmäßigkeitskriterien technischer, geologischer, ökologischer oder auch ethnologischer Art entschieden werden. Man würde z. B. die Rohstoffsituation beider Länder und die in ihnen vorhandenen Zulieferindustrien in Betracht ziehen. Man würde die Mühen des Transports der Kugellager von, sagen wir, Schweinfurt nach Kalkutta, den dafür nötigen Energieaufwand der Schiffe, der Eisenbahngüterzüge abwägen gegen die Vorund Nachteile der Ausbildung indischer ingenieurtechnischer Kader für die Kugellagerindustrie, gegen die Gunst oder Ungunst der örtlichen klimatischen Verhältnisse für eine derartige Produktion, gegen deren Umweltverträglichkeit unter diesen klimatischen Bedingungen usw. usf. – alles Daten für den Computer, der dann die für alle Beteiligten nützlichste Lösung auszurechnen hätte. Das heißt, es ginge um einen Spezialfall der optimalen Standortverteilung von Industriestädten auf unserem Planeten. Es ginge aber nicht mehr darum, ob irgendein Land eine exportfähige Industrie braucht. Die Frage, ob die Kugellagerproduktion der Bundesrepublik vor indischer Konkurrenz geschützt werden müsse, würde somit keine Rolle mehr spielen, denn keiner konkurrierte mehr gegen den anderen. Desgleichen brauchte in Indien sich niemand mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die für Kaschmir-Shawls oder Darjeeling-Tee zu erzielenden Exporterlöse ausreichten, den Import von Kugellagern zu begleichen. Es würde nichts mehr beglichen werden, denn es gäbe kein Geld, keinen Zahlungsverkehr mehr. Es gäbe den vom Weltwirtschaftsrat ausgearbeiteten Weltwirtschaftsplan mit seinen Kontingentierungsauflagen für die Welt-Kugellagerproduktion wie für alle übrigen Industrieprodukte, und für den Einzelnen gäbe es Rationierungskarten, Bezugsscheine, damit basta. Duve: Nehmen wir an, die optimale Lösung hieße: In Kalkutta ist ein großes Kugellagerwerk neu aufzubauen. Würde das die dortige autochthone Produktion à la Schu- 282 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ macher, mit ihrer »Produktion durch die Massen«, nicht doch beeinträchtigen, wenn auch unter kommunistischem Vorzeichen? Harich: Nein, es würde unter kommunistischem Vorzeichen nicht bedeuten, dass nun plötzlich in Indien doch einer Industrialisierung nördlichen Typs Tür und Tor geöffnet wäre. Ebensowenig hätte man sich aber auch, etwa aus falsch verstandener Romantik, auf die vorherrschende arbeitsintensive Produktion wie auf ein Dogma, das keine Ausnahme zulässt, festgelegt. Für den Kommunismus sind weder urwüchsig-autochthone Produktionsweisen noch technische Perfektion und Effizienz absolute Werte an sich. Ihm geht es um das Lebensglück der Menschen. Der Kommunismus wird aus dem Sieg der proletarischen Weltrevolution als ein globales System zentral gesteuerter gegenseitiger Hilfe und Bedarfsdeckung hervorgehen, das von Warenaustausch, Konkurrenz, Handelsbilanzen usw. befreit, das einzig und allein am optimalen Nutzen aller orientiert sein wird. In diesem System wird die »Produktion durch die Massen« ihren sicheren, geschützten Platz finden, ohne dass deswegen den Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas die Segnungen technisch hochperfektionierter Massenproduktion, soweit sie wirklich welche sind – und teilweise sind sie es – vorenthalten bleiben müssten. Fällt das kapitalistische System in Nordamerika, Westeuropa und Japan jedoch nicht, bleibt in Folge dessen der kapitalistische Weltmarkt mit seiner Suprematie der multinationalen Konzerne bestehen, dann werden die Völker der Dritten Welt so oder so in immer tieferes Elend versinken, dann wird weder die Industrialisierung nach nördlichem Modell noch eine Entwicklung ihrer Länder, wie Sachs, Dumont, Morgan, Illich und Schumacher sie empfehlen, für sie ein Ausweg sein. An sich, seinen inneren Bedingungen gemäß, ist etwa der indische Subkontinent noch nicht einmal für den Sozialismus reif, falls man diesen so auffasst, wie Marx und Engels ihn im Hinblick auf hochindustrialisierte Länder konzipiert haben, geschweige für den Kommunismus. Optimal dürfte für Indien, Pakistan, Bangladesch, auch für Afghanistan, Sri Lanka, Nepal, Burma usw. ein Sozialismus modifiziert chinesischen Typs sein. Aber dies nur inmitten der Welt, wie sie heute, auf Grund der Koexistenz von Kapitalismus und Sozialismus bei gleichzeitigem Fortbestehen eines kapitalistischen Weltmarktes, aussieht. Sobald die industrialisierten Regionen des Nordens den Kommunismus verwirklicht hätten, würden eo ipso auch Länder wie Indien, mit ihrerseits kommunistischer Struktur, zu Gliedern eines kommunistischen Weltwirtschaftssystems werden, gerade so, wie schon in den zwanziger Jahren die damals an sich noch feudale, für den Sozialismus keineswegs reife äußere Mongolei, weil sie sich an die Sowjetunion anlehnte, die kapitalistische Phase überspringen und den Weg des sozialistischen Auf- 283VI. Kommunismus als Lösung baus beschreiten konnte. Wie weit unterentwickelte Gebiete bei der Verwirklichung des Kommunismus gehen können, hängt nicht allein, und nicht einmal in erster Linie, von ihren inneren Bedingungen ab, sondern davon, ob und wie weit der Kommunismus in den fortgeschrittenen, industrialisierten Ländern verwirklicht ist. Das entscheidet alles. Die Revolution in den kapitalistischen Industrieländern voranzutreiben und, sobald sie dort gesiegt hat, sofort in die Verwirklichung des Kommunismus hinüberzuleiten, ist das Wichtigste. Die sozialistischen Industrieländer würden ohne Revolution kommunistisch werden. Duve: All das ist doch in höchstem Maße weltfremd. Sie reden von dieser und der künftigen Welt, als seien alle Konflikte zwischen kommunistischen Staaten a priori auszuschließen. Als würden die Staats- und Parteiführer in Osteuropa ohne weiteres ihre Ziele und Planungen fundamental ändern, sobald sich neue ökologische Erkenntnisse, die für einen Babeufschen Kommunismus sprechen, durchgesetzt hätten. Aber ich gehe auf Ihre Hypothese ein: Das Ergebnis wird, Ihren Vorstellungen zu Folge, in Ost und West ein Kommunismus der Rationierung sein, und der wird dann, wie Sie annehmen, vom Norden her auf die Dritte Welt übergreifen. Gesetzt den Fall, dies wäre geschehen, würde dann jeder Inder quantitativ und qualitativ dieselben Rationen zugeteilt bekommen wie jeder US-Amerikaner? Harich: Warum nicht? Es gäbe lokale Differenzierungen gemäß den unterschiedlichen traditionellen Lebensgewohnheiten. In Südasien würde der Reis nicht aufhören, das Grundnahrungsmittel zu sein, ebensowenig wie die Russen und die Engländer aufhören würden, mit Vorliebe Tee, statt Kaffee, zu trinken. Die Bayern kriegten ihre Weißwürste, die Chinesen ihre Haifischflossen. Aber der kommunistische Weltwirtschaftsplan, basierend auf dem Menschheits-Kollektiveigentum an allen Produktionsmitteln des Planeten, mit seinen Kennziffern ausgerichtet auf »organisches Wachstum« à la Mesarović und Pestel, würde nach dem Grundsatz der Gleichheit jedem Individuum zuteilen, was es für ein menschenwürdiges Leben an Gebrauchswerten benötigt, nicht mehr, aber auch nicht weniger, in Indien wie in USA, überall. Womit der Hunger der Kinder in Indien gestillt wäre. Womit endgültig die Stabilität des homöostatischen Welt-Gesellschaftszustandes gesichert wäre, die von der Gleichheit aller abhängt. Womit die Voraussetzungen geschaffen wären für die harmonische Eingliederung des Homo sapiens und seiner Kultur in die Biosphäre. 284 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Von all dem ist bei den gegenwärtigen Planungen des Comecon doch nichts zu spüren. Warum gibt es denn keinen Übergang zu einem solchen Kommunismus bei Euch? Harich: Ich bin dafür, dass wir den ersten Schritt tun. Aber leichter fiele er uns, täte der Westen ihn gleichzeitig auch. Und je schneller ihn beide tun, desto sicherer, glücklicher und zufriedener wird die Menschheit leben können. Die Erde braucht den Kommunismus. Sie braucht ihn jetzt und braucht ihn überall. 285 VII. Kritik der Bedürfnisse und der Kommunismus Babeufs. Briefe an Freimut Duve Berlin, den 24.  April 1975 Sehr geehrter Herr Duve! Es tut mir leid, dass Sie bei Ihrem letzten Besuch unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten. Am Montag war meine Herzattacke so weit wieder abgeklungen, dass ich, nun wieder zu Hause, in der Lage bin, das geringe tägliche Arbeitspensum, das man mir zugestanden hat, dazu zu nutzen, mich Ihnen etappenweise brieflich mitzuteilen. Das vorgesehene siebente und letzte Interview kann, wenn überhaupt, auf absehbare Zeit nicht mehr stattfinden. Seine Anfänge, soweit in zwei abweichenden Fassungen von mir bereits notiert, werde ich Ihnen nächstens schicken, wobei ich von der Annahme ausgehe, dass sie sich mit Ihren Notizen einigermaßen decken. Was wir von unseren letzten Kontroversen beiderseits zur Zeit nur im Gedächtnis aufbewahren, werden wir unmöglich noch gemeinsam in die gewählte Interviewform bringen können; es überstiege meine Kraft; am wenigsten könnte ich es so schnell und konzentriert tun, wie es die knappe Zeit verlangt, die Ihnen bei Ihren Berlin-Besuchen zur Verfügung zu stehen pflegt. Berlin, den 26.  April 1975 Unter Verzicht auf eine neuerliche Anrede fahre ich fort. Was soll, in Anbetracht der gegebenen Lage, nun mit dem Torso-Manuskript der Interviews geschehen? Zwei Motive sprachen dafür, es ins Feuer zu werfen oder, bestenfalls, nicht jetzt zu veröffentlichen, sondern alles bisher Ausgearbeitete aufs Nachlass-Eis zu legen in der stillen Hoffnung, mein Lebensrest möge so lange währen, bis es per »Geschichtsdeterminismus« gänzlich veraltet, weil ohne unser Zutun allerseits beherzigt, sein wird. Das eine, rein egoistische Motiv, das mir diese Lösung als beste erscheinen ließe, ergibt sich daraus, dass ich, mit angeknackstem Herzen im sozialistischen Lager behaust, hier sehr ungern neuerlich in Konflikte geriete mit meiner – ja nach wie vor wachstumsbejahenden – Obrigkeit. Dass ich deren politische Omnipotenz, wie überhaupt die autoritären Strukturen unseres Systems, für überlebensnotwendig erkläre, kann ihr zwar nur recht 286 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ sein. Es unterscheidet mich, für sie wohltuend, von Opponenten à la Sacharow oder Havemann, auch von den Nostalgikern des sogenannten Prager Frühlings und am meisten, was die aktuelle Situation in Portugal betrifft, von – Ihnen, der Sie auf Soares bauen, während ich ihm tief misstraue. Mit Pluralismus, mit dem Ruf nach mehr Freiheit u. dgl. habe ich offensichtlich nichts im Sinn; ganz im Gegenteil. Gleichwohl schließt der Vorrang, den ich den ökologischen Erwägungen beimesse, halt die Empfehlung ein, von den bei uns bestehenden Macht- und Wirtschaftsstrukturen, so sehr ich sie bejahe, einen anderen Gebrauch zu machen, einen, der, zumindest in den bereits industrialisierten Staaten Osteuropas, auf drastische Wachstumseinschränkung hinausliefe. Und damit dürfte ich hier, vorläufig jedenfalls, auf wenig Wohlwollen stoßen, was für mich noch strapaziöser werden könnte als das Gerangel mit Ihnen über Reform oder Revolution, über Parlamentarismus oder proletarische Diktatur. Wieso mich dem also aussetzen? Im philologischen Elfenbeinturm, worin ich, dank Feuerbach und Jean Paul, voll resozialisiert bin, hatte ich’s bequemer, und bekömmlicher wäre er mir auch. Das zweite Motiv, mich über die politisch-sozialen Aspekte der ökologischen Krise auszuschweigen, entspränge meinem Sinn für Qualität, der mich die Veröffentlichungsreife der vorliegenden sechs Interviews anzweifeln lässt. Seit wir, Sie und ich, über Umwelt, Wachstum usw. zu diskutieren begannen, ist viel neue einschlägige Literatur erschienen. Soweit ich die inzwischen lesen konnte, hat sie Denkprozesse in mir ausgelöst, die mir teils ganz neue Gesichtspunkte aufgehen ließen, teils mich zu Polemiken gegen Auffassungen animieren, die zwischen uns beiden überhaupt noch nicht zur Sprache gekommen sind. Gäbe ich den daraus resultierenden produktiven Impulsen nach, was mein Gesundheitszustand eben nicht zulässt, dann bliebe dem Manuskript eine durchgreifende Überarbeitung nicht erspart. Besonders müsste ich – um nur das Wichtigste zu nennen – darein die Anregungen einarbeiten, die ich dem hervorragenden Werk von Jost Herbig, Das Ende der bürgerlichen Vernunft, München, 1974, zu verdanken habe. Unentbehrlich wäre desgleichen eine kritisch rezipierende, im Politischen überwiegend polemische Auseinandersetzung mit Joachim Steffens Struktureller Revolution, Reinbek, 1974 (zu der mir übrigens inzwischen die Genossen vom »Projekt Klassenanalyse«, Westberlin, eine höchst beachtliche Stellungnahme in Manuskriptform zugehen ließen). Denke ich gar daran, wie selten und wie oberflächlich ich mich zu Ivan Illich äußere, dann komme ich mir mit meinen Interview-Antworten mitunter wie hinter dem Mond vor. Ferner soll, wie ich höre, das Erscheinen eines neuen Buchs von Erhard Eppler, Ende oder Wende, bevorstehen. Ein Skandal wäre es, wenn ich mich nicht auch darauf noch bezöge. Es wird mir wohl aber nichts anderes übrigbleiben, als 287VII. Briefe an Freimut Duve mich aus zweiter Hand, via Rezensionen (die für den Spiegel soll Gustav Heinemann vorbereiten), mit der Grundintention vertraut zu machen. Und von zahlreichen anderen, kaum weniger belangvollen Publikationen kenne ich allenfalls die Titel und oft nicht einmal die. Das Letzte, worüber ich wirklich noch Bescheid weiß, ist die Studie von Mesarović und Pestel, und das genügt heute bei weitem nicht mehr; wie ich denn überhaupt von Anbeginn zu einseitig auf Taylors Doomsdaybook, auf den »Club of Rome«, die Diskussion der Sowjetwissenschaftler über Mensch und Umwelt und die Verlautbarungen Sicco Mansholts fixiert gewesen bin. Trotz alledem habe ich mich, nach Abwägung des für und wider, dazu durchgerungen, unser Vorhaben nicht ad acta zu legen. Was die Befürchtungen angeht, die das Wohlergehen der eigenen Person betreffen, so erweisen sie sich als schmachvoll bis zur Lächerlichkeit, sobald man bedenkt, dass in unseren Interviews immerhin das Überleben der Menschheit zur Debatte steht. Wie könnte ein ökologisch problembewusster Marxist es da übers Herz bringen, sich vor denkbaren Unannehmlichkeiten zu drücken! Ich betone: Vor denkbaren; denn als unausbleiblich betrachte ich sie, nach Lage der Dinge bei uns, nicht. Wahrscheinlich verleumde ich die DDR sogar bereits, indem ich Unannehmlichkeiten nicht a priori für völlig ausgeschlossen halte. Erst recht darf ich den Vorwurf unzulänglicher Informiertheit, der in Ost und West mit Sicherheit zu erwarten ist, nicht scheuen. In unserer extrem arbeitsteiligen, mit Fachliteratur aller Art überschwemmten Zivilisation, die der interdisziplinären Forschung einzelner ungeheure Widerstände entgegensetzt, kann, vorläufig, der von Jungk postulierte »Generalist« sowieso nur Leitbild sein, nicht mehr. Wer das Leitbild bejaht, wer danach strebt, ihm im eigenen Denken ein paar Schritte näherzukommen, muss sich darauf gefasst machen, als Dilettant gescholten zu werden. Ja, der Mut zum Dilettantismus dürfte die erste Bedingung dafür sein, die uns tödlich bedrohende Übermacht der Spezialistenborniertheit, wenn nicht auf Anhieb zu brechen, so doch auszuhöhlen, zu untergraben. Hauptsache, ein neuer Vorschlag, ob mehr oder weniger abgesichert, ob in vielem einzelnen anfechtbar, regt Überlegungen an, die, selbst wenn sie seine Begründung zu 90 Prozent als archaisch auf der Strecke lassen sollten, im Endeffekt dem Überleben des Homo sapiens zustatten kommen. Und eben ein solcher Vorschlag scheint mir der zu sein, die überlebenswichtigen Empfehlungen des Club of Rome durch einen Welt- 288 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ kommunismus rationierter Verteilung, ohne Überfluss, nach Babeufschem Modell, zu verwirklichen. Natürlich wäre es mir lieber, wenn Marxisten, die über Macht und Einfluss verfügen, und Ökologen, deren Wissen fundierter als meines ist, gemeinsam Erwägungen darüber anstellten, ob und wie sich das machen ließe. Aber sehen Sie, Herr Duve, im Ozean der mit Teilaspekten befassten, nur zu Halbheiten vordringenden Gremien irgendwo Anzeichen für ein derart sich zusammenraufendes Bündnis von radikaler Politik und radikalem Schutz der Natur, von Marxismus-Leninismus und Franz von Assisi, geschweige Babeuf und Forrester? Ich sehe wenig dergleichen, und da es Ansätze dazu offenbar kaum gibt, bleiben machtlose Dilettanten so berechtigt wie verpflichtet, die eine wie die andere Instanz so lange zu provozieren, bis beide sich dazu entschließen, den rationellen Kern der beschriebenen Utopie als solchen anzuerkennen und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen. Wegen des unrationellen, unausgegorenen Drumherum mag wissenschaftliches Renommee dann getrost zum Teufel gehen, egal, ob es dem Quasi-»Generalisten« relativ wichtiger oder unwichtiger erscheint als Gesundheit und gesicherte Existenz. Ein Westberliner Freund erklärte mir, nach Lektüre der Interviews, diese stünden tief unter dem Niveau meines Jean Paul-Buchs und würden meinem guten Ruf als Philosophieund Literarhistoriker nur schaden. Ich pfeife auf diesen guten Ruf und erwerbe mir damit das Recht, zu sagen, was, nach meiner Meinung, gesagt werden muss. In diesem Sinne: Geben Sie das Ding, so unvollkommen, wie es ist, in Satz! Berlin, den 9.  April 1975 Im Mittelpunkt des siebenten und letzten Interviews sollte die neue Theorie der Bedürfnisse stehen, ein Desiderat des Marxismus, das auszufüllen ihm heute, nach meiner Überzeugung, am meisten nottut. Ich kann von dem, was mir in der Beziehung vorschwebt, nur andeutungsweise, skizzenhaft ein paar Grundgedanken mitteilen, die ich hiermit jedem beliebigen anderen Forscher der Linken zu näherer, systematischer Ausführung »schenke«. Zum Teil handelt es sich sogar bloß um Fragen, die ich aufwerfe, darunter solche, die mir von Ihnen gestellt worden sind, ohne dass es uns in unseren bisherigen Gesprächen schon gelungen wäre, sie hinreichend, gar ohne Dissens, zu beantworten. Die nummerierte Aufzählung der folgenden Gedankensplitter bedeutet, nebenbei bemerkt, nicht, dass ich bei der fälligen Bewältigung dieses Fragenkomplexes 289VII. Briefe an Freimut Duve irgend jemandem die Einhaltung einer bestimmten Reihenfolge des methodischen Vorgehens zu oktroyieren gedächte. 1. Zu unterscheiden ist zwischen den Begriffen »Bedürfnis« und »Bedarf«.21 Jede Reparaturwerkstatt, beispielsweise, hat einen bestimmten Bedarf an Ersatzteilen, jeder Industriezweig einen an Rohstoffen, aber auch jeder Haushalt einen an Möbeln, Küchengeräten usw. »Bedarf« scheint somit eine Kategorie, unentbehrlich für die Beschreibung und Analyse von wirtschaftlichen Institutionen, zu sein, egal, ob die im übrigen der Produktionssphäre oder der des Verkehrs, der Verteilung, der Konsumtion usw. zuzuordnen sind. Bedürfnis dagegen ist eine Antriebskraft menschlichen Verhaltens, wahrscheinlich der Oberbegriff für alle derartigen Antriebskräfte. Aufgabe der marxistischen Wissenschaft: Herauszufinden, wie Bedarf und Bedürfnis miteinander vermittelt sind. 2. Für die Definition des Bedarfs mag allein die Gesellschaftswissenschaft, namentlich die Politökonomie zuständig sein. An das Bedürfnis reichen deren Begriffe nicht heran. Sobald wir uns dem Bedürfnis zuwenden, begeben wir uns auf ein ganz anderes Terrain: Auf das der Anthropologie, der Psychologie, der Instinkt- und Verhaltensforschung, als Marxisten in ein bestimmtes, noch wenig erkundetes Grenzgebiet von dialektischem und historischem Materialismus. Die Frage, ob der Marxismus eine eigene philosophische Anthropologie impliziere, ist bei uns, aus dem Motiv, die Bestrebungen bürgerlicher Ideologen wie Scheler, Plessner, Gehlen22 abzuwehren, meist rundheraus verneint worden, wobei man die (mehr oder weniger berechtigte) Verneinung von Standpunkten irrigerweise mit der (vermeintlichen) Notwendigkeit, ganze Disziplinen zu verwerfen, durcheinandergebracht hat. Die Realität »Bedürfnis« genügt, um zu erweisen, wie falsch das war. 3. Das darf aber auch wieder nicht dahin missverstanden werden, dass in der Theorie der Bedürfnisse Kategorien und Erwägungen ökonomischen Inhalts überhaupt nichts zu suchen hätten. Auf jeder, auch der höchsten Abstraktionsstufe muss vielmehr der 21 (AH) Zu den im Folgenden entwickelten Thesen, den verwendeten Begriffen usw. siehe Harichs Studien zu anthropologischen Fragestellungen, die der 11. Band enthält. 22 (AH) Mit Gehlen und der Anthropologie beschäftigte sich Harich seit den frühen fünfziger Jahren. Siehe die entsprechenden Manuskripte, Briefe usw. in Band 11. Zu Scheler, Plessner und Gehlen finden sich darüber hinaus weitere Anmerkungen in den Bänden 2, 5, 9, 12, vor allem aber in Band 10, wo sich Harich im Zuge seiner Auseinandersetzung mit Nicolai Hartmann auch zu diesen Theoretikern ausführlich äußerte. 290 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Marxismus am Primat des Gesellschaftlichen gegenüber dem Personalen, in Hegelscher Terminologie gesprochen: des »objektiven« gegenüber dem »subjektiven Geist«, festhalten (übrigens analog zum biologischen Primat der Ökogefüge gegenüber den Eigenschaften der jeweils in sie integrierten Pflanzen, Tiere, Mikroben). Nur weil Marx, als Dialektiker von Hegel herkommend, von dieser Denkweise nicht abwich, konnte er zu der – für die Lösung unseres Problems bahnbrechenden – Einsicht gelangen, dass die gesellschaftliche Produktion mit den von ihr erzeugten Gebrauchsgütern zugleich die Bedürfnisse schafft, die durch sie befriedigt werden. Siehe besonders die Einleitung zum Rohentwurf der Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin, 1953, S. 12 ff., namentlich die Sätze: »Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabeln und Messer gegessenes Fleisch befriedigt, ist ein anderer Hunger als der, der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt. Nicht nur der Gegenstand, sondern auch die Weise der Konsumtion wird daher durch die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten. … Die Produktion liefert dem Bedürfnis nicht nur ein Material, sondern sie liefert dem Material auch ein Bedürfnis.« Von Ersetzung der marxistischen Politökonomie durch philosophische Anthropologie kann demnach keine Rede sein. Aber: 4. Den eben zitierten Ausführungen von Marx arbeitet, sie sinnvoll ergänzend, die philosophische Anthropologie dann in die Hand, wenn sie von der »Variabilität und Plastizität der menschlichen Antriebsstruktur« ausgeht und diese der starren Instinktgebundenheit tierischen Verhaltens entgegensetzt. Und eben eine solche Anthropologie gibt es seit über einem Menschenalter bereits. Wir verdanken sie, ob uns das politisch in den Kram passt oder nicht, dem erzkonservativen Arnold Gehlen.23 Ohne Gehlens Befunde hingen die Marxschen Erkenntnisse, die Erzeugung des Bedürfnisses durch die gesellschaftliche Produktion betreffend, nach der biologischen und psychologischen Seite hin in der Luft, wären unerklärlich. Folglich müssen, bei all unserer sonstigen Aversion gegen Gehlen, dessen – kritisch zu rezipierende – Errungenschaften an diesem einen Punkt mit der marxistischen Politökonomie zur Synthese verschmolzen werden; um gar nicht davon zu reden, dass Gehlen gerade hier auch durch sämtliche empirischen 23 (AH) Zu Gehlen ausführlich in Band 11. Dort auch verschiedene Variationen dieser These, dass Gehlen als Anthropologe, obwohl er »erzkonservativ« gewesen sei, dennoch vom Marxismus kritisch-rezipierend aufgegriffen und weiterentwickelt werden müsse. 291VII. Briefe an Freimut Duve Ergebnisse der modernen Ethnologie, besonders durch die Forschungen der amerikanischen Schule von Malinowski, Boas, Benedict, M. Mead, gestützt wird.24 5. Ganz am Rande darf ich Sie noch auf den bemerkenswerten Umstand aufmerksam machen, dass die »Variabilität und Plastizität« unserer Antriebe sich in sämtlichen zweisprachigen Wörterbüchern widerspiegelt. »Bedürfnis« kann im Lateinischen mit »indigentia«, »desiderium« oder »necessitas«, im Englischen mit »necessity need« oder »wish«, im Französischen mit »nécessité«; »besoin« oder »désir« übersetzt werden, ebenso wie umgekehrt unsere Sprache die Angehörigen fremder Völker, die sie erlernen vor die Wahl von »Drang«, »Bedürfnis« und »Wunsch« stellt. Und in keinem Fall werden da bloß Synonyme aufgezählt, sondern es werden differente Begriffe vorgestellt, zwischen denen unwägbare Übergänge obwalten. Von einem jungen Mädchen, das Schauspielerin werden möchte, würde ich z. B. vermuten, es werde von dem Wunsch getrieben, öffentlich Beifall einzuheimsen, und würde dies erst dann als legitim anzuerkennen bereit sein, sobald ich sähe, dass dem Wunsch das – für die Schauspielkunst unentbehrliche – Bedürfnis, sich auszudrücken, andere nachzuahmen usw., zu Grunde liegt. Grob gesprochen, ist das Bedürfnis elementarer, dem Vitalen näher als der Wunsch, lässt sich aber, da selbst schon plastisch und variabel, nur schwer vom Wunsch abgrenzen, der dann seinerseits ins Grenzenlose auswuchern kann, bis hin zu dem Wunsch, unsterblich zu sein (siehe Feuerbach). 6. Wie aber, wenn nun, den Aussagen des Club of Rome zu Folge, die Entwicklung der industriellen Produktion bis zu einem Punkt gediehen ist, wo sie die Naturbasis menschlicher Existenz schlechthin zu vernichten beginnt? Dann heißt das, nach den obigen Prämissen, doch nichts anderes, als dass eben diese Produktion aus der variablen, plastischen Antriebsstruktur des Menschen Bedürfnisse bzw. Wünsche herausgeholt und entfesselt haben muss, denen insofern keine Daseinsberechtigung mehr zukommt, als sie, ebenso wie die Produktion, durch die sie befriedigt werden und die sie immer wieder neu erzeugt, die Zerstörung jener Naturbasis, nämlich der Biosphäre, und damit die des Homo sapiens selbst, heraufbeschwören. Diese Schlussfolgerung muss für jeden Marxisten zwingend sein, der die Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie von Marx gelesen hat und überdies die gesicherten Befunde der Ökologie als Bestandteil des dialektischen Materialismus anerkennt. 24 (AH) Zu diesen Wissenschaftlern siehe wiederum die entsprechenden Verweise in den Bänden 10 und 11 sowie teilweise 1.2 und 4. 292 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ 7. Daraus folgt: Wir Marxisten stehen heute vor der Aufgabe, unsere bisherige Zielsetzung, im Kommunismus alle Bedürfnisse der Menschen befriedigen zu wollen, einer kritischen Revision zu unterziehen und, jedenfalls in dieser pauschalen Fassung, über Bord zu werfen. Genauer gesagt: Unser Programm der Bedürfnisbefriedigung müssen wir, mit dem Vorsatz, es in ökologisch verantwortbaren Grenzen zu halten, eine differenzierende kritische Bestandsaufnahme all der Bedürfnisse vorausschicken, die sich im Verlauf des Geschichtsprozesses beim Menschen herausgebildet haben, die uns insbesondere die Klassengesellschaft, mit dem Luxus- und Prestigekonsum ihrer herrschenden Schichten, und zumal die kapitalistische, mit ihrer Profitjägerei, ihrem Konkurrenzkampf der Kapitale, ihrem Drang nach Erschließung immer neuer Absatzmärkte, hinterlassen hat. Wobei es dann selektiv zu unterscheiden gilt zwischen solchen Bedürfnissen, die beizubehalten, als Kulturerbe zu pflegen, ja, gegebenenfalls erst zu erwecken bzw. noch zu steigern sind, und anderen, die den Menschen abzugewöhnen sein werden – soweit wie möglich mittels Umerziehung und aufklärender Maßnahmen, doch, falls nötig, auch durch rigorose Unterdrückungsmaßnahmen, etwa durch Stilllegung ganzer Produktionszweige, begleitet von gesetzlich verfügten Massen-Entziehungskuren. Es ist klar, dass dafür das gesellschaftliche Eigentum an allen Produktionsmitteln, vom proletarischen Staat verwaltet, die unabdingbare Voraussetzung ist. Aber es genügt noch nicht. Der proletarische Staat muss vielmehr, darüber hinaus, über die Machtmittel verfügen, auch den Konsum der Individuen zu kontrollieren, und zwar nach Kriterien, die ihm die Ökologie an die Hand gibt. 8. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang, dass Marx, in der Kritik des Gothaer Programms, die Parole der alten, utopischen Kommunisten: »Jedem nach seinen Bedürfnissen« zwar übernommen, ihre Verwirklichung aber prinzipiell an Bedingungen geknüpft hat, die, unter stillschweigender Anerkennung der plastisch-variablen menschlichen Antriebsstruktur, die Anerziehung neuer Bedürfnisse und Gewohnheiten einschließen. Erst müsse, sagt Marx da sinngemäß unter anderem, die Arbeit selbst dem Menschen zum ersten Lebensbedürfnis geworden sein. Ich würde dies heute, angesichts des gegebenen Entwicklungsstandes der Produktivkräfte, relativieren, aber nur, soweit es den Vorrang des Arbeitsbedürfnisses betrifft, der mir an die Zeit vor hundert Jahren gebunden erscheint (doch davon später mehr). Unbedingt festhalten würde ich dagegen an dem allgemeineren, grundsätzlichen Postulat, das in dieser Marxschen Formulierung steckt: An der Forderung nämlich, dass es für den Kommunismus und durch ihn die menschlichen Bedürfnisse zu formieren gelte. Und hinzufügen würde ich: Umweltgerechtes Verhalten, sparsamer Umgang mit Rohstoffen und Energie, ökologisch verant- 293VII. Briefe an Freimut Duve wortungsbewusster Konsum, Schutz der Natur, moralische Ächtung aller Verschwendung usw. müssen den Menschen zu »ersten Lebensbedürfnissen«, d. h. selbstverständlichen Gewohnheiten, geworden sein, ehe an die Verwirklichung der Formel »Jedem nach seinen Bedürfnissen« gedacht werden kann. 9. Eigentlich hatte ich, im Rahmen des siebenten Interviews, vor, mit Ihnen nun einen ganzen Katalog der zu bekämpfenden Bedürfnisse durchzudiskutieren und diese dabei einzuteilen in a) naturfeindliche, b) schlechthin gesellschaftsfeindliche, c) antisozialistische, d) antikommunistische, e) Kombinationen der einen oder anderen dieser Kategorien mitsamt den etwaigen Übergängen zwischen ihnen. Ich bräuchte dafür allein jetzt mindestens 20 Seiten, was mich zu sehr anstrengen würde und meinen Brief auch allzu lang geraten ließe. So stelle ich die Ausarbeitung eines derartigen Katalogs lediglich als Desiderat marxistischer Bedürfniserforschung hin und beschränke mich darauf, nur noch ein Wort zu dem »antikommunistischen Bedürfnis« zu sagen, das in einem der Interviews schon einmal am Rande aufgetaucht ist. Gemeint ist damit folgendes: Der Sozialismus, so, wie Marx ihn in der Kritik des Gothaer Programms als untere Stufe der neuen Gesellschaft konzipiert hat und wie er in den 14 heute existierenden sozialistischen Ländern verwirklicht ist, bejaht noch Einkommensunterschiede und Privilegien als notwendiges Zubehör des Leistungsprinzips, das er für die Stimulation des Produktionsprozesses nicht entbehren kann.25 Auf der angestrebten höheren Stufe dagegen, im Kommunismus, soll nicht mehr jedem nach seinen Leistungen, sondern jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben werden. Unter sozialistischen Bedingungen ist es demnach völlig in Ordnung, dass ein Individuum, das auf Grund seines Talents, seines Fleißes usw. quantitativ und qualitativ besonders viel für die Gesellschaft leistet, z. B. über ein Wochenendhaus auf einem am Ufer eines Sees gelegenen Grundstück verfügt. Aber selbst in Finnland, dem Land der tausend Seen, dürfte es unmöglich sein, dieses – durchaus nicht extravagante – Konsumgut ausnahmslos allen Gliedern der Gesellschaft zu Gute kommen zu lassen. Folglich müsste es selbst dort – und wie sehr erst in anderen, an Seen weniger reichen Ländern – als mit dem Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus unvereinbar angesehen werden, und das Bedürfnis, das auf dieses Konsumgut, diesen Gebrauchswert gerichtet ist, hätte dementsprechend als »antikommunistisch« zu gelten. Das heißt aber, prinzipiell gefasst: Sobald in einer sozialistischen Gesellschaft ein Produktionsstand erreicht ist, der allen ein menschen- 25 (AH) Diese Überlegungen hatte Harich bereits in den späten vierziger Jahren entwickelt, siehe exemplarisch den einzigen Artikel, den er je in der Einheit publizierte: Zum Problem der neuen Arbeitsmoral, zuerst erschienen 1949, neu abgedr. in: Band 6.2, S. 1368–1375. 294 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ würdiges Leben zu garantieren erlaubt, muss dort der Übergang zur höheren Stufe, zum Kommunismus, unter anderem durch den Abbau solcher Konsumprivilegien angebahnt werden, die unter keinen Umständen für alle erreichbar sein können. Und das wieder heißt: Der Kommunismus lässt sich, unter anderem, nur durch den Kampf gegen bestimmte Bedürfnisse verwirklichen, die der Mensch sich im Verlauf der Weltgeschichte, mit seinen Wünschen, seinen Sehnsüchten stets orientiert am Luxus der jeweils privilegierten Schichten, angewöhnt hat und die auch unter sozialistischen Verhältnissen noch nicht aufgehört haben, ihm als natürlich und berechtigt zu erscheinen. 10. Diese Überlegung nun könnte gegen, statt für den Kommunismus sprechen – jedenfalls in den Augen derer, die im Sozialismus noch privilegiert sind, und erst recht natürlich bei den herrschenden Klassen der kapitalistischen Gesellschaft. Dem halte ich entgegen, dass ich, im Kontext des eben gewählten Beispiels, des Wochenendgrundstücks am See, ökologische Argumente vorläufig ausgeklammert habe. Die lassen sich aber nicht mehr ausklammern, sobald die Natur mit in Betracht gezogen wird, und schon gar nicht, wenn Seen und Seeufer zur Debatte stehen, auf deren Ökosysteme die Zersiedelung der Landschaft durch Wochenendhäuser und -grundstücke halt eine verheerende Wirkung ausübt. Da erweist eine nicht mehr bloß sozialistische, sondern kommunistische Gesellschaft sich als die Rettung, vorausgesetzt, ihr striktes Gleichheitsprinzip wird vom proletarischen Staat als Instrument zur Unterdrückung naturfeindlicher Bedürfnisse benutzt (die im hier als Beispiel herangezogenen Fall zugleich den Charakter antikommunistischer Bedürfnisse haben). 11. Wichtiger Zusatz: Die Unterscheidung natürlicher und künstlicher Bedürfnisse ist am Menschen, bis auf wenige, für ihn unspezifische Instinktresiduen, nicht durchführbar. Jede, auch die steinzeitlich übliche Zubereitung von Nahrung etwa entzieht sich der Subsumierung unter bloße Naturkategorien und ist insofern bereits künstlich. Und wie uralt das Bedürfnis, durch die Lüfte zu fliegen, ist, beweist die Sage von Dädalus und Ikarus. Durchaus nicht kann somit für uns die Forderung in Betracht kommen, künstliche auf natürliche, neu erzeugte auf seit jeher gewohnte Bedürfnisse zurückzuschrauben. Dies wäre a priori unsinnig, weil mit dem Wesen des Menschen unvereinbar. Worauf es ankommt, ist etwas anderes: Dass die menschlichen Bedürfnisse, man mag sie künstlich oder natürlich nennen, sie mögen neueren Datums sein oder uralt, in dem Maße zu unterdrücken oder voll zu befriedigen oder sogar zu stimulieren sein werden, wie die Erhaltung der Biosphäre es verlangt, und dass eine Gesellschaftsordnung 295VII. Briefe an Freimut Duve errichtet werden muss, die das unter Wahrung der – auf die Dauer unverzichtbaren – Gleichheit aller Menschen zu leisten vermag. Berlin, den 3. Mai 1975 Wer war Babeuf? Man kann sich über ihn leicht in jedem beliebigen Konversationslexikon unterrichten, über den »Babouvismus« als Lehre am besten in der neuesten, zweibändigen Auflage des Philosophischen Wörterbuchs der DDR, herausgegeben von Manfred Buhr und Georg Klaus, Berlin I974. Ilja Ehrenburg und Ferdinand May haben über Babeufs »Verschwörung der Gleichen«, von 1795/1796, historische Romane geschrieben, beide unter Verwendung der Erinnerungen seines Freundes Filippo Buonarroti. Bei Wagenbach, Westberlin, soll demnächst ein Buch herauskommen, das sowohl die Verwandtschaft wie die Unterschiede zwischen Babeuf und Marx hinsichtlich ihrer Organisationsgrundsätze und ihrer politischen Taktik herausarbeitet. Unter diesen Umständen halte ich es für vertretbar, fast alles historisch Belehrende, was ich im Rahmen des siebenten Interviews über Babeuf eigentlich vorzutragen gedachte, unter den Tisch fallen zu lassen und mich auf die folgenden kurzen Bemerkungen zu beschränken. Babeuf hat in die Französische Revolution, in deren Ideologie wie in ihren historischen Vollzug, von Anbeginn ein an Morelly geschultes agrarkommunistisches Konzept hineinzutragen versucht, das damals verfrüht und daher zum Scheitern verurteilt war. Er gehörte vermutlich zu den linksextremistischen Opponenten Robespierres, schloss sich nach dessen Sturz, 1794, aber bald den geschlagenen Anhängern Robespierres an, die den 9. Thermidor rückgängig machen und, gegen den Widerstand der siegreichen Großbourgeoisie, die jakobinische Demokratie von 1793, d. h. die Diktatur des vom Wohlfahrtsausschuss beherrschten Konvents, wiederherstellen wollten. Ins Gefängnis geworfen, erkannten die entschiedensten Verfechter dieses Vorhabens, dass dafür die ärmsten, hungernden Volksschichten mobilisiert und organisiert werden müssten, und in dieser Lage gewann der ebenfalls einsitzende Babeuf mit seinen weitergehenden, kommunistischen Idealen großen Einfluss auf sie. Der Grund: Die Jakobiner-Diktatur war gescheitert an dem Widerspruch, dass sie einerseits das Privateigentum als unantastbares Menschenrecht proklamiert und andererseits dessen Konsequenz, den kapitalistischen Bereicherungsdrang, durch Verbotsdekrete und Terror aus der Welt zu schaffen versucht hatte. Babeuf bot mit der Forderung, alles Privateigentum abzuschaffen, die Formel, die dieses Dilemma gegenstandslos zu machen versprach. 296 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Es scheint, dass damals die reinen Republikaner, die Erben Robespierres, Saint-Justs und Marats, überwiegend in den kommunistischen Parolen bloß ein Mittel sahen, die notleidenden Massen für sich zu gewinnen, während umgekehrt Babeuf und seine Getreuesten die Rückkehr zur demokratischen Verfassung von 1793 lediglich als machtpolitischen Ausgangspunkt für die schrittweise Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse, mit dem Kommunismus als Endziel, anstrebten. Die Übergänge zwischen beiden Gruppierungen dürften dabei aber fließend gewesen sein, und geeint war man jedenfalls durch die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Thermidorianer, gegen das großbürgerliche Directoire, das man denn auch, sofort nach erfolgter Amnestierung, 1795 heftig und mit erheblichem Massenzulauf zu bekämpfen begann. Die Unterdrückung ihrer legalen Aktivitäten beantworteten Babeuf und Genossen durch den Übergang zum illegalen Kampf. So entstand ihre »Verschwörung der Gleichen«. Der allgemeine Volksaufstand indes, den sie vorbereiteten, kam nicht zu Stande. Denn ein Verräter aus den eigenen Reihen spielte den Aufstandsplan der Regierung des Directoire zu, die daraufhin die Rädelsführer festnehmen ließ. Nach langem Prozess wurden 1797 Babeuf und einer seiner engsten Mitverschwörer hingerichtet, die übrigen Angeklagten teils deportiert, teils mangels Beweises freigesprochen. Einer der Deportierten war Buonarroti. Er schrieb später aus dem Gedächtnis über die Geschichte und die Doktrin der Babeufschen Verschwörung ein Buch. 1828 in Brüssel erschienen, wurde es erst wenig beachtet, fand dann aber, von der Mitte der drei- ßiger Jahre an, enorme Beachtung in der sich formierenden frühen französischen Arbeiterbewegung, als die sich aus dem Schlepptau der kleinbürgerlich-republikanischen Opposition gegen das Julikönigtum zu lösen begann, und auch bei den englischen Chartisten. Hatte dergestalt Babeufs Hinrichtung der Entfesselung des Kapitalismus auf dem europäischen Kontinent das letzte plebejisch-revolutionäre Hindernis aus dem Wege geräumt, so leitete vier Jahrzehnte später die vorübergehende Renaissance seiner Ideen, durch den alten Buonarroti vermittelt, die Verselbständigung des modernen proletarischen Klassenkampfes, dessen politische Emanzipation von liberaler Gängelei, ein. Insoweit steht Babeuf als Vorläufer dem Marxismus näher als der rein bürgerliche utopische Sozialismus (Saint-Simons, Fouriers), auch wenn es wahr bleibt, dass dieser durch seinen Ideenreichtum Marx und Engels in viel stärkerem Maße angeregt hat als das primitive Gedankengut, das Buonarroti ihnen zu bieten hatte. 297VII. Briefe an Freimut Duve Berlin, den 4. Mai 1975 Soviel nur zu Babeuf. Nun zu der ersten »Häresie«, die Sie, Herr Duve, bei mir vermuten. Sie hielten mir bei einem unserer letzten Gespräche die Stelle aus dem Kommunistischen Manifest unter die Nase, wo Marx und Engels dem Babeufschen Kommunismus vorwerfen, er sei »dem Inhalt nach notwendig reaktionär«, da er einen allgemeinen Asketismus und eine rohe Gleichmacherei« lehre. Daran knüpften Sie die Bemerkung: Wer, wie ich, den Ruf »Zurück zu Babeuf!« erhebe, könne unmöglich zugleich beanspruchen, noch als orthodoxer Marxist zu gelten. Zunächst darf ich Sie darauf hinweisen, dass an anderen Stellen bei Marx und Engels auch sehr positive Äußerungen über Babeuf zu finden sind. Bei ihm, sagen sie einmal, erscheine der Kommunismus »erstmals als Ausdruck einer wirklich agierenden kommunistischen Partei«. Babeuf, so erklären sie, habe, gestützt auf die praktische Erfahrung des revolutionären Volkskampfes, erkannt, »dass mit Beseitigung der sozialen Frage von Fürstentum und Republik auch noch keine einzige ›soziale Frage‹ im Sinne des Proletariats gelöst sei«. Doch auf diese und ähnliche Zitate will ich mich hier gar nicht herausreden. Um auf den Kern des Problems zu kommen, muss ich an einem anderen Punkt ansetzen. Die europäische Geistesgeschichte kennt eine Traditionslinie des sozialen Denkens, die letztlich großbürgerlichen Ursprungs ist. Sie führt von Voltaire über Condorcet zu Saint-Simon und von ihm und seinen Anhängern (darunter Heine) zum Marxismus. Sie zeichnet sich aus durch Zivilisationsfreundlichkeit und Bejahung des Fortschritts und war jederzeit mit dem Aufstieg der industriellen Produktion, den sie reflektierte, so eng verbunden, dass sie schon vor dem Auftreten von Marx und Engels bei den klassenbewussten Arbeitern in dem Maße, wie die sich als modernes Industrieproletariat verstanden, das Vermächtnis Babeufs teils zu modifizieren, teils gänzlich zu verdrängen begann. Ich denke dabei an die Resonanz der Utopie Cabets, an Neobabouvisten wie Dézamy und auch, was Deutschland angeht, an Weitling. Das von da her stammende utopisch-sozialistische Gedankenerbe26 haben Marx und Engels in erster Linie kritisch aufgearbeitet und mit dem, was sich ihnen an der Ge- 26 (AH) Kommunismus ohne Wachstum? zeugt, neben anderen Veröffentlichungen Harichs (zuletzt Nietzsche und seine Brüder, neu abgedr. in: Band 12, S. 57–264), davon, dass Harich verschiedene Ausschnitte und Theoretiker des utopischen Diskurses kannte. Die 298 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ schichtsschreibung der Restaurationszeit, an der Hegelschen Dialektik, an Feuerbachs Materialismus, an den Theorien der klassischen englischen Nationalökonomie (Smith, Ricardo) als rationell darbot, synthetisiert. Und sie taten gut daran, all dem den Vorzug zu geben. Denn die Industrialisierung war damals historisch fällig, war »an der Zeit«, und es galt, dem Proletariat, als dem Produzenten der ihr zu verdankenden Errungenschaften, wenigstens einen Anteil an ihren Segnungen zu sichern. Wäre das Proletariat dem Babeufschen Asketismus verschworen geblieben, so hätte es seine Not und sein Elend hingenommen, statt, wie Babeuf das gewollt hatte, die Reichen zum Teufel zu jagen, wofür im 19. Jahrhundert noch alle Voraussetzungen fehlten. Jetzt aber erleben wir, dass der industrielle Fortschritt, auch unter sozialistischen, erst recht unter kapitalistischen Bedingungen, an seine unaufhebbare Naturschranke stößt, und da hört das Dominieren der Voltaireschen Traditionslinie im Marxismus, so behaupte ich, auf, noch zeitgemäß zu sein. Und wenn ich in dem Zusammenhang an Babeuf erinnere, so deshalb, weil ich ihn als den ersten kommunistisch orientierten Jünger Jean-Jacques Rousseaus gebührend gewürdigt zu sehen wünsche, von dem eine andere Traditionslinie ausgeht, die, meiner Meinung nach, für den Marxismus in Zukunft bedeutsamer sein wird als die Voltaires, Condorcets und Saint-Simons. Sie ist vorindustriell, kleinbürgerlich-bäurischer Herkunft und – von Anbeginn radikal demokratisch; demokratisch freilich nicht im Sinne des politisch-pluralistischen Systems der Monopolbourgeoisie, das sich derzeit Demokratie zu nennen wagt, sondern im Sinne des – höchst autoritären, extrem diktatorischen – Jakobinertums; wobei zu beachten bleibt, dass dessen ruhmwürdigster Repräsentant, dass Robespierre, genau wie sein kommunistischer Fortsetzer Babeuf, zu den enthusiastischsten Rousseauisten zählte. Rousseau war der große Antipode Voltaires. Warum war er es? Die Antwort können wir dem Philosophischen Wörterbuch Voltaires entnehmen, worin die Philosophie Rousseaus verworfen wird als die »eines armseligen Lumpen, dessen Wunsch es ist, dass alle Reichen von den Armen ausgeplündert werden, damit die brüderliche Vereinigung der Menschen leichter zustande komme«. Macht der Klassengegensatz, der in diesem Bandbreite reicht von seinen bereits in den fünfziger Jahren gehaltenen Vorlesungen zur Philosophiegeschichte (beispielsweise ausführlich zu Platon, siehe: Band 6.1, S. 197–253, darin explizit zur Politeia als Utopie, S. 218 ff.) bis hin zum modernen Feminismus und eben der ökologischen Literatur. 1977 legte Harich dann für den Akademie-Verlag ein ausführliches Exposé für die Edition einer Sammlung von Texten des sozialutopischen Erbes vor. Mit verschiedenen begleitenden Briefen abgedr. in Band 6.2, S. 1168–1178. 299VII. Briefe an Freimut Duve Verdikt artikuliert wird, den Kern des Konflikts zwischen den beiden großen Denkern aus – und so verhält es sich in der Tat –, dann kann der Marxismus, bei aller Anerkennung der historisch progressiven Funktion des bürgerlichen Reichtums im weit zurückliegenden 18. Jahrhundert, schon wegen seiner ja bekannten Vorliebe für »armselige Lumpen« offenbar nicht ohne weiteres gegen Rousseau die Partei Voltaires ergreifen. Und so weit ist er auch nie gegangen. Nicht einmal bei der Bewertung der – scheinbar so reaktionären – Rousseauschen Zivilisationskritik. Über die schrieb Voltaire 1755 an Rousseau, bezugnehmend auf das ihm übersandte Dedikationsexemplar der Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen: »Beim Lesen bekommt man Lust, auf allen Vieren zu gehen. Da es jedoch 60 Jahre her ist, dass ich diese Gewohnheit aufgab, ist es mir leider unmöglich, sie wieder aufzunehmen, und ich überlasse diese natürliche Haltung Menschen, die ihrer würdiger sind als Sie und ich.« Eine witzige Sottise gegen das Rousseausche »Zurück zur Natur«. Andere Aufklärer lasen aus derselben Parole die Empfehlung heraus, dass die Menschen sich wieder, wie die Wildschweine, von Eicheln und Wurzeln ernähren sollten. Ebenso wie Voltaire erlagen sie da aber einem Missverständnis, und der klassischen deutschen Philosophie sowie dem Marxismus, der von ihrer Vollendung in Hegel und Feuerbach seinen Ausgang nahm, gereicht es zur Ehre, dass sie in dem Punkt tiefer sahen, mit anderen Worten, dass sie, ungeachtet ihrer stärkeren Affinität zu der zivilisationsfreudigen Voltaireschen Traditionslinie, jenes Missverständnis über die wahren Intentionen Rousseaus nicht teilten. Was, wie ich glaube, die Marxisten von heute wiederum dazu ermächtigt, wenn nicht sogar verpflichtet, auch das Urteil des Kommunistischen Manifests über den von Rousseau herkommenden Babeuf zu relativieren. Rousseau verlieh zu einer Zeit, als mit der Beseitigung des Feudalismus die Herrschaft der Großbourgeoisie auf der Tagesordnung der Geschichte stand, davon unbeirrt den Interessen der kleinbürgerlichen und plebejischen Volksschichten Ausdruck. Der Gedanke eines einheitlichen, linearen, die ganze Gesellschaft bessernden und beglückenden Fortschritts war deshalb unannehmbar für ihn. Die Weltgeschichte bewies ihm, dass stets die Masse der Armen von den Reichen und Mächtigen unterdrückt worden war. Daraus schloss er, dass der Fortschritt der Zivilisation vorteilhaft nur für diejenigen sein werde, die genug Vermögen besäßen, um sich die zunehmenden materiellen und geistigen Güter aneignen zu können, und dass dies, wegen der fortbestehenden unnatürlichen Ungleichheit, zur Ausbreitung sittlicher Verderbnis in der ganzen Gesellschaft 300 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ führen müsse. So verband sich bei ihm das plebejisch-demokratische Gleichheitspostulat mit der konservativ anmutenden Zivilisationskritik des »Zurück zur Natur«. Doch Rousseau meinte damit keineswegs, wie die Voltairianer ihm unterstellten, die Rückkehr des Menschen zum Eichelnfressen und zur Fortbewegung auf allen Vieren. Er meinte etwas anderes, das, bei Lichte besehen, richtiger mit der Formel »Vorwärts zur Natur« hätte umschrieben werden müssen. Was ihm vorschwebte, war eine Kultur, die mit ihren – aus der Geschichte nicht mehr fortdenkbaren – Mitteln den natürlichen Zustand der Gleichheit unter den Menschen, ihres harmonischen Zusammenlebens, ihrer darauf basierenden Güte, ihres sittlichen Gemeinsinns auf höherer Stufe wiederherstellt. Und der Entwicklung des gesellschaftlichen Ganzen, wie der des Individuums, eine solche Richtung zu geben, darauf zielten seine Schriften ab. Der erste Denker, der dies begriff, war Kant. Rousseau wolle, so schrieb er 1786, »das schwere Problem auflösen, wie die Kultur fortgehen müsse, um die Anlage der Menschheit als einer sittlichen Gattung zu ihrer Bestimmung gehörig zu entwickeln, so dass diese jener als Naturgattung nicht mehr widerstreite«. Ähnlich nahm dann 1794 Fichte zu Rousseaus Vermächtnis Stellung. Für Rousseau, betonte er, sei »Rückkehr« in Wahrheit »Fortgang«: »Ihm ist jener verlassene Naturzustand das letzte Ziel, zu dem die jetzt verdorbene und verbildete Menschheit endlich gelangen muss. Er tut demnach gerade das, was wir tun; er arbeitet, um die Menschheit nach seiner Art weiterzubilden und ihr Fortschreiten gegen ihr letztes höchstes Ziel zu befördern.« So heißt es in Fichtes Schrift Über die Bestimmung des Gelehrten. Und Fichtes eigene Geschichtsphilosophie, dargelegt in den Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters (1806), stellt einen einzigen Versuch dar, das so verstandene Gedankenerbe Rousseaus in universalhistorische Dimensionen zu übertragen. Die Weltgeschichte hebt danach an mit einem paradiesisch naturhaften Zustand der Harmonie, in welchem die Vernunft, sich selbst noch nicht begreifend, nur notwendig, als blinder Trieb herrscht. Sie schreitet fort zu einer zweiten Epoche, in der dem beginnenden Selbstbewusstsein des Individuums das Gesetz des Ganzen als äußeres Gebot gegenübertritt, dem es sich aber noch fügt. Dann geraten beide miteinander in Konflikt, es kommt zur Auflehnung des Individuums gegen alle Autorität. Die Vernunft scheint verloren. Ihre blinde Herrschaft ist schon gebrochen, als äußere Macht wird sie auch nicht mehr anerkannt, ihre bewusste, von allen bejahte und gewollte Herrschaft aber ist noch nicht erreicht. Die Menschheit lebt im »Stand der vollendeten Sündhaftigkeit«. Und aus ihm erst kann sie, womit der Prozess sich vollendet, übergehen ins Zeitalter der »Vernunftkunst«, dem wieder die ursprüngliche Harmonie eigen sein wird, doch zurückgewonnen durch Freiheit, als das 301VII. Briefe an Freimut Duve bewusste Werk von Menschen, die schöpferisch, autonom ihr Leben nach ihren ewigen Naturzwecken bestimmen. Berlin, den 11. Mai 1975 Ich habe den Brief an Sie eine Woche lang liegengelassen, um nicht der Versuchung nachzugeben, so weit von unserem Ausgangsthema abzuschweifen, dass dabei, statt einer Verteidigung meines Babouvismus, eine Geschichte der deutschen Rousseau-Rezeption herauskommt. Gestatten Sie mir, bitte, nur noch den kleinen Wink an meine Philosophiehistoriker-Kollegen, dass es lohnend für sie wäre, von Fichtes Grundzügen ausgehend zu prüfen, ob nicht auch die Hegelsche Version des sich vollendenden Geschichtsprozesses letztlich aus derselben Rousseauschen Ecke stammt. Eines spricht dafür: Die Tatsache, dass Engels, an Hegels Philosophie geschult, die Lehre Rousseaus auf Anhieb als Musterbeispiel geschichtsdialektischen Denkens empfand und rühmte. Ich berufe mich auf den besten Rousseau-Kenner der DDR, Winfried Schröder, der in seiner Einleitung zu Rousseaus Frühschriften, Leipzig, 1965, schreibt: »Den entscheidenden Schritt zur Aufdeckung der dialektischen Tendenzen in Rous seaus Konzeption und zur Würdigung ihrer Bedeutung vermochte … erst Friedrich Engels zu tun. Er war es, der erstmals klar gezeigt hat, dass nach Rousseau auf den Trümmern der primitiven Beziehungen, die sich zur Fortexistenz als unfähig erwiesen, die zivilisierte Gesellschaft entstand und dass die Negation der ursprünglichen zivilisierten Gesellschaft die Voraussetzung zu einer vollkommenen Gesellschaftsordnung war.« Schröder interpretiert damit die zahlreichen Anspielungen auf Rousseau im Anti-Dühring, als deren wichtigste er die folgende wörtlich anführt: »Und so schlägt die Ungleichheit wieder um in die Gleichheit, aber nicht in die alte, naturwüchsige Gleichheit der sprachlosen Urmenschen, sondern in die höhere des Gesellschaftsvertrages.« Der Satz genügt, um klarzustellen, dass das – der Aufklärung gegenüber vertiefte – Rousseau-Verständnis Kants, Fichtes und Hegels durch den Marxismus aufgegriffen und weiterentwickelt worden ist, und zwar in Gestalt jener »Negation der Negation«, die das Endziel der proletarischen Revolution gleichsetzt mit der Aufgabe, den Kommunismus der urwüchsigen Gentilordnung auf höherer Stufe, durch Vollendung einer weltgeschichtlichen Spiralenbewegung, unter Bewahrung aller Errungenschaften der Klassengesellschaft wiederherzustellen. Auch Marx und Engels waren in diesem Sinne Erben und Fortsetzer Rousseaus. Und wie stark besonders bei Engels das Rousseausche Vermächtnis durchschlägt, können Sie leicht in seiner Schrift über den Ursprung der 302 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Familie, des Privateigentums und des Staates feststellen, namentlich an der Stelle, wo der notwendige Untergang der Gentilgesellschaft, echt dialektisch, gleichzeitig als sittliche Depravierung des Menschen beklagt und als Voraussetzung für die Fortentwicklung der Produktivkräfte (in der Sklavenhalterepoche) gefeiert wird. So diffizil und kompliziert dachte Babeuf nun allerdings nicht. Er war als Theoretiker, obwohl publizistisch nicht untalentiert, ein Primitivling. Und noch primitiver, geradezu trostlos wüst sah es im Kopf des eigentlichen Parteiideologen der »Verschwörung der Gleichen«, Sylvain Maréchals, aus. Zu Rousseau verhielten beide sich so vergröbernd, so vulgarisierend wie in unserer Zeit die halbpubertären APO-Ideologen der ausgehenden sechziger Jahre zu den anspruchsvollen Schriften eines sublimen Geistes wie Herbert Marcuse. Welchen Niveauschwund aber erlitt die Rousseausche Traditionslinie erst bei den hungernden, notleidenden, von aller Bildung ausgeschlossenen Proletariern, als die, noch zur Maschinenstürmerei geneigt, die Heilslehre ihrer Klasse mühselig aus dem Buch Buonarrotis herausbuchstabieren lernten. Da blieb von so erlesenen Delikatessen wie Geschichtsdialektik rein gar nichts mehr übrig. Da wurde die Zivilisationskritik Rousseaus nur noch als Aufruf zur Verödung der größeren Städte, zum Niederreißen von Schlössern, zur Ächtung von Kunst und Wissenschaft, zum Verbot höherer Schulbildung u. dgl. verstanden. Und das eben war es, was Heine vor den Babouvisten zurückschaudern ließ und was seinen Freund Karl Marx dazu bewog, sich von ihrem reaktionären Asketismus, ihrer rohen Gleichmacherei energisch abzugrenzen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass gleichwohl Babeuf und seine Partei in dem wichtigsten, entscheidenden Punkt ihrem Abgott Rousseau überlegen waren: Sie kannten, als Wortführer der Arbeiterklasse, seine kleinbürgerlichen Rücksichten auf das Privateigentum nicht mehr, sie verlangten, ohne Wenn und Aber, mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, es abzuschaffen, worin sie auch Rousseaus bis dahin bedeutendsten politischen Testamentsvollstrecker übertrafen: Robespierre. Sie waren Kommunisten. Was also kann es, nach alledem, heißen, dass wir Marxisten heute gut beraten wären, wenn wir uns wieder auf unseren Urahnen Babeuf besinnen? Nichts anderes, als dass wir, ohne unser Endziel, den Kommunismus, preiszugeben, der Rousseauschen Traditionslinie mehr Beachtung schenken sollten, die eben zuerst bei Babeuf in eine kommunistische Konzeption eingemündet ist. Von Rousseau aber können wir lernen, dass zivilisatorischer Fortschritt den Menschen dann zum Verderben gereicht, wenn sie nicht auf das Ziel hinarbeiten, mit seinen Mitteln die Natur wiederherzustellen, um, in ihr 303VII. Briefe an Freimut Duve geborgen, mit ihr harmonisch versöhnt, ein Leben der Eintracht und des stets wachen Gemeinsinns zu führen. Rousseau hat das zu seiner Zeit freilich noch nicht ökologisch gemeint – und wie sollte das ihm, einem Denker des 18. Jahrhunderts, auch möglich gewesen sein. Ihm ging es um die Tugend des Citoyen. Doch wenn wir Marxisten des ausgehenden 20. Jahrhunderts, den tiefsinnigen Winken Kants und Fichtes folgend, Rousseaus »Zurück zur Natur« als ein »Vorwärts zur Natur« auffassen – und kein Geringerer als Engels legt es uns nahe, dies zu tun –, dann nähern wir uns dem Club of Rome, der die Menschen ja auch nicht zum Eichelnfressen und zum Laufen auf allen Vieren auffordert, sondern ein kaum mehr zu überbietendes Zivilisationsprodukt, den Computer, dazu benutzt hat, sie zur Achtung der Natur, zur Schonung ihrer Ressourcen, zur harmonischen Einfügung des gesellschaftlichen Daseins in ihre Ökogefüge zu mahnen. Um aber noch mit einem Wort auf Ihre Besorgnis, meine marxistische Orthodoxie betreffend, zurückzukommen: Diese gebietet, auch darin dialektisch zu denken, dass nicht zu allen Zeiten und unter allen Umstanden denselben Leitsätzen dieselbe Bedeutung beizumessen ist. Und wenn im vorigen Jahrhundert die Traditionslinie Voltaire- Condorcet-Saint-Simon-Weitling zu Recht dem Marxismus näherstand als die, die von Rousseau über Robespierre zu Babeuf führt, so hat inzwischen der Verlauf der Geschichte, der gesellschaftlichen Entwicklung diese Proportion gründlich verschoben, wenn nicht umgekehrt, und es wäre alles andere als orthodox, dem nicht Rechnung zu tragen. Mangel an Orthodoxie, weil an Dialektik, ist den Wachstumsfetischisten vorzuwerfen, die jetzt noch unsere Abhängigkeit von der Natur mit der Nonchalance Voltaires, Condorcets und Saint-Simons als zu vernachlässigende Größe behandeln zu können glauben. Schon Marx und Engels dachten da weniger sorglos. Um wieviel mehr als sie wieder müssen wir Heutigen, falls wir dialektisch zu denken im Stande sind, gerade diese Problematik ernst nehmen. Berlin, den 17. Mai 1975 Obwohl ich für Dienstag Ihren Besuch erwarte, werde ich die heutige Brieffortsetzung doch, wie alle bisherigen, per Post an Sie schicken, auf die Gefahr hin, dass sie Sie wieder erst in 10 Tagen, also lange nach Ihrer Heimkehr, in Hamburg erreichen wird. Selbst in Ausnahmefällen sollten wir von unserem Prinzip nicht abweichen, den häufigen Postverzögerungen den Vorzug vor irgendwelchen Heimlichtuereien und Grenzschmuggeleien zu geben. 304 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Mit dem letzten Absatz der vorigen Sendung habe ich im Prinzip auch bereits die Häresien vom Tisch gefegt, die Sie in meiner Einstellung zu Marx’ Kritik des Gothaer Programms zu entdecken glauben. Allerdings nur im Prinzip. Bevor ich es jedoch in Bezug auf die hier einschlägigen Fragen wenigstens andeutungsweise konkretisiere, möchte ich noch Ihrem – bei unserem letzten Gespräch geäußerten – Wunsch entsprechen, den Unterschied der Begriffe »Sozialismus« und »Kommunismus« im Sinne des Sprachgebrauchs der marxistisch-leninistischen Orthodoxie zu erläutern, aber so, dass er auch theoretisch nicht versierten Lesern im Westen einleuchtet. Ich hatte die Absicht, Ihnen vorzuschlagen, unsere Erörterungen über diesen Punkt an den Anfang des siebenten und letzten Interviews zu stellen. Eine erste Ausarbeitung brach ich ab, weil sie mir zu weitschweifig zu geraten schien, und eine zweite, knappere gedieh dann, in Folge der Herzattacken und meiner zeitweiligen Arbeitsunfähigkeit, nicht über einen allzu spärlichen Ansatz hinaus. Sie erhalten, wie gesagt, in der Anlage beide Fassungen. Die zweite, kurze bitte ich Sie gar nicht zu verwenden. Die erste, längere dagegen möchte ich an dieser Stelle in die vorliegende Brieffortsetzung einschalten, da sie hier noch ihren Zweck erfüllen kann. Leider werden wir dieses Interview-Bruchstück, ausnahmsweise, nicht mehr gemeinsam redigieren können. Darf ich Sie dennoch bitten, auch Ihre Fragen so, wie ich sie aus dem Gedächtnis wiedergegeben habe, stehenzulassen und diesmal nicht anhand Ihrer Aufzeichnungen umzuformulieren? Wir beide wollten uns ja jede weitere Redigier-Zusammenkunft ersparen, und ich bestätige Ihnen gerne, dass in diesem einen Fall die Worte des Interviewers im einzelnen möglicherweise nicht authentisch sind, weder was den Inhalt, noch was den Stil betrifft. Hier also das Fragment unseres letzten Interviews in der Fassung des allein von mir zu verantwortenden ersten Entwurfs: Duve: Für viele im Westen ist es irritierend, dass die Sowjetunion, China, Bulgarien, Jugoslawien, Kuba, Rumänien und die Tschechoslowakei, obwohl sie von Kommunisten regiert werden, die doch naheliegende Vermutung, sie seien kommunistische Länder, als Missverständnis zurückzuweisen pflegen. In Albanien, der DDR, der Mongolischen Volksrepublik, Nordkorea, Nordvietnam, Polen und Ungarn heißen die an der Macht befindlichen Parteien zwar anders. Aber deren Mitglieder legen ebenfalls Wert darauf, Kommunisten zu sein. Aus Reden Honeckers beispielsweise könnte ich Ihnen Stellen anführen, an denen er die Redewendung »Wir Kommunisten« gebraucht und damit die Mitglieder der SED meint. Gleichwohl ist auch die DDR, ihrem eige- 305VII. Briefe an Freimut Duve nen Selbstverständnis nach, kein kommunistischer, sondern ein sozialistischer Staat. Dasselbe gilt für die übrigen oben erwähnten Staaten. Ich mochte mich jetzt einmal ganz dumm stellen und Sie zu gewissen Präzisierungen Ihres Sprachgebrauchs dadurch zwingen, dass ich an Sie die Frage richte: Warum nennen die Kommunisten sich Kommunisten? Harich: Kommunisten nennen sich die Mitglieder derjenigen Parteien, die einst der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, abgekürzt Komintern, angehört haben. Duve: Die Gesellschaftsordnung eines Landes, in dem eine solche Partei die Macht ausübt, braucht deswegen also nicht kommunistisch zu sein. Harich: Nein. Eine solche Partei würde sogar vom Buchstaben der marxistischen Lehre abweichen, wenn sie, im Besitz der Macht, sofort, übergangslos den Kommunismus einzuführen gedächte. Denn Karl Marx hat in seiner Kritik des Gothaer Programms dargelegt, dass die aus der proletarischen Revolution hervorgehende neue Gesellschaft vor ihrer Vollendung, dem Kommunismus, erst eine Entwicklungsphase durchlaufen müsse, in der zwar die Produktionsmittel bereits in gesellschaftliches Eigentum überführt sind, die im übrigen jedoch »in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus der sie herkommt«. Hinsichtlich der Verteilung der materiellen Güter habe in dieser Phase, sagt Marx, noch das alte, bürgerliche Recht zu gelten, jenes »gleiche Recht« für alle, das in Wahrheit »ungleiches Recht für ungleiche Arbeit« sei. Es werde hier nur erstmals folgerichtig angewandt werden, dergestalt, dass »Prinzip und Praxis sich nicht mehr in den Haaren liegen«, d. h., dass nicht mehr, wie im Kapitalismus, eine Klasse von Nichtstuern den Löwenanteil erhält. »Das Recht der Produzenten ist ihren Arbeitslieferungen proportional, die Gleichheit besteht darin, dass an gleichem Maßstab, der Arbeit, gemessen wird. Der eine ist aber physisch oder geistig dem andern überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann während mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Maß zu dienen, muss der Ausdehnung oder der Intensität nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Maßstab zu sein. Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andre; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht.« Seit der Kritik des Gothaer Programms 306 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ bezeichnen die Anhänger von Marx die untere Phase der neuen Gesellschaft, in der dieses Recht gilt, als Sozialismus. Und da bislang noch in keinem der vierzehn kommunistisch regierten Länder, die derzeit existieren, diese Phase überschritten worden ist, wäre es irreführend, von ihnen als kommunistischen Ländern zu sprechen. Duve: Und wie definiert Marx die zweite, höhere Phase, den Kommunismus? Harich: »In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft«, schreibt er, »nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.« Duve: Dies die Formel für den Kommunismus. Die für den Sozialismus lautet: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen.« Harich: Richtig. Duve: Wobei Marx selbst die untere Phase nicht als Sozialismus bezeichnet. Jedenfalls nicht in der Kritik des Gothaer Programms. Da heißt es vielmehr: »Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische (!) Gesellschaft, nicht, wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht.« Und davon unterscheidet Marx die »höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft«. Kommunistisch nennt er also beide Phasen. Harich: Genaugenommen ist dies sein Sprachgebrauch, mit dem er wohl zum Ausdruck bringen wollte, dass es sich nicht um verschiedene Gesellschaftsformationen handelt, sondern um zwei aufeinanderfolgende Phasen derselben Formation, die persistent durch das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln gekennzeichnet ist. Duve: Danach müsste die Sowjetunion heißen: »Union der Sowjetrepubliken des Kommunismus unterer Phase«! 307VII. Briefe an Freimut Duve Harich: Eigentlich ja. Schon in der alten Sozialdemokratie jedoch, in den Parteien der II. Internationale, ist man übereingekommen, für die untere Phase den Ausdruck »Sozialismus« zu gebrauchen und erst die höhere als »Kommunismus« zu bezeichnen. Auch wir sollten uns, um unser Interview nicht unnötig zu komplizieren, an diese Terminologie halten, die sich allgemein eingebürgert hat und übrigens auch deswegen zu empfehlen ist, weil die Verteilung der materiellen Güter gemäß den Bedürfnissen den meisten nichtmarxistischen Strömungen der Arbeiterbewegung, etwa den Babouvisten oder den Anarchisten (ich denke besonders an Kropotkin), ebenfalls als Kriterium des Kommunismus galt und gilt. Duve: Somit nennen die Kommunisten sich Kommunisten nach dem letzten, höchsten Ziel, das sie anstreben und das zur Zeit noch nirgendwo erreicht ist, auch dort nicht, wo sie sich an der Macht befinden. Oder? Harich: Der Kommunismus ist allerdings ihr letztes, höchstes Ziel. Auch trifft es zu, dass sie dieses Ziel noch nirgends erreicht haben. Aber dass sie sich Kommunisten nennen, hat einen anderen Grund. Duve: Wie das? Harich: Auf den Kommunismus als Endziel eingeschworen zu sein, ist kein spezifisches Merkmal der III. Internationale und der Parteien, die aus ihr hervorgegangen sind. Die II. Internationale, die sozialistische, hatte schon dasselbe Endziel, insofern, als auch sie sich bereits Marx’ Kritik des Gothaer Programms zu eigen gemacht hatte. Was trennte die beiden Fraktionen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die Bolschewiki und die Menschewiki? Sie entzweiten sich zuerst wegen der Formulierung des Parteistatuts. Dann entwickelten sie voneinander abweichende Taktiken in der russischen Revolution von 1905. Später nahmen sie zum Ersten Weltkrieg und zu der Revolution, in die er einmündete, eine unterschiedliche Haltung ein. Ihre Divergenzen, so gravierend sie waren, berührten indes nie das letzte Ziel der Partei. Wenn daher die Bolschewiki sich von 1918 an Kommunisten nannten, so nicht, weil sie sich damals ein neues, von dem der alten russischen Sozialdemokratie unterschiedenes Endziel gesetzt hätten, sondern weil sie für die von ihnen ins Leben gerufene III. Internationale einen neuen Namen brauchten, der nicht so kompromittiert war wie der der II. Internationale, deren Parteien jeweils die Kriegspolitik der herrschenden Klassen ihrer Länder unterstützt hatten. 308 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Duve: Hinsichtlich ihres Endziels wäre demnach auch die alte SPD eine kommunistische Partei gewesen? Harich: Sie war es, seit sie die von Marx an ihrem Gothaer Programm geübte Kritik veröffentlicht und als richtig anerkannt hatte. Den Namen »Kommunistische Partei« aber gab sich erst Ende 1918 der Spartakusbund, als er sich, unter Führung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs, organisatorisch von der USPD löste und zur selbständigen Partei formierte. Duve: Auch er aus Gründen, die mit dem Endziel nichts zu tun hatten? Harich: Aus Gründen, die den eben beendeten Krieg und die akuten Revolutionen in Russland, Deutschland und Ungarn betrafen. Das Endziel Kommunismus stand zwischen SPD, USPD und KPD damals so wenig zur Debatte wie in Russland zwischen Menschewiken und Bolschewiken. Es war hier wie dort Zukunftsmusik, über die es keinen Streit gab. Duve: Und warum wählten 1918 die Bolschewiki und, ihnen folgend, der deutsche Spartakusbund, gerade den Namen »Kommunistische Partei«? Harich: Sie knüpften damit an eine Tradition der Arbeiterbewegung aus der Zeit des Vormärz wieder an. Marx und Engels waren 1847 in Brüssel, bzw. in Paris, dem »Bund der Gerechten« beigetreten, einer revolutionären Vereinigung im Exil lebender deutscher Handwerker, die sich kurz danach in »Bund der Kommunisten« unbenannte, und verfassten für sie Anfang 1848 ihr Kommunistisches Manifest. Duve: War wenigstens für diese Namensgebung das Endziel maßgebend? Harich: Nicht im Sinne der ja erst 27 Jahre später entstandenen Kritik des Gothaer Programms. Denn von den beiden aufeinanderfolgenden Phasen der neuen Gesellschaft ist im Manifest noch nicht die Rede. »Kommunismus« ist hier vielmehr der Inbegriff der revolutionären Arbeiterbewegung, und das deswegen, weil diese seit dem Ausgang der dreißiger Jahre, namentlich in Frankreich, ihren Kampf gegen die Bourgeoisie im Zeichen kommunistischer Losungen geführt hatte, während man damals unter »Sozialismus« die politisch harmlosen Zukunftsprojekte bürgerlicher Utopisten und Philanthropen verstand, die dem Kampf der Arbeiterklasse fernstanden, ihn sogar verwarfen. 309VII. Briefe an Freimut Duve »Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll«, hatten Marx und Engels 1845, in ihrer Deutschen Ideologie, erklärt, »kein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.« Kurze Zeit später umschrieb der bürgerliche Historiker der sozialen Bewegung in Frankreich, Lorenz von Stein, denselben historisch-gesellschaftlichen Sachverhalt mit der These, dass der Kommunismus »die Auffassung einer ganzen Klasse, der Ausdruck eines ganzen Zustandes« sei, d. h. die Auffassung der proletarischen Klasse und der Ausdruck des Zustandes, in den die bürgerliche Gesellschaft, im Zuge ihrer fortschreitenden Industrialisierung, durch den sich entfaltenden Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat geraten war. »Deshalb ist es bedeutungslos«, fügte v. Stein hinzu, »dem Kommunismus eine doktrinäre Definition geben zu wollen. Er ist eine Erscheinung und Richtung der Zeit, diejenige Erscheinung und Richtung, welche zuerst den Widerspruch in der industriellen Gesellschaft angedeutet und ihn zugleich zum Bewusstsein beider Klassen gebracht hat. Er ist deshalb nicht logisch entwickelt, sondern historisch entstanden; er ist nicht eine Lehre, sondern ein Zustand. Und darum kann keine gewöhnliche Geschichte, sondern allein die innere Geschichte der Gesellschaft Entstehung, Natur und Inhalt des Kommunismus erklären.« Duve: Das klingt so, als wären damals die kommunistischen Ideen, ohne von irgend jemandem doktrinär ausgearbeitet worden zu sein, spontan aus dem Schoß der frühen, vormarxistischen Arbeiterbewegung entsprungen. Harich: Ganz so verhielt es sich nicht. Die frühe Arbeiterbewegung war zwar im höchsten Maße aufnahmebereit für diese Ideen. Ihr Klassenbewusstsein drängte spontan in deren Richtung. Dennoch sind es mehr oder weniger ausgearbeitete kommunistische Doktrinen gewesen, die sie, von der Mitte der dreißiger Jahre an, nacheinander begierig aufgriff und sich zu eigen machte. Und die älteste dieser Lehren war der Babouvismus, so genannt nach dem linken Jakobiner und Kommunisten Gracchus Babeuf. Soweit der Einschub. Er weist zwar ein paar Überschneidungen mit dem Text meines Briefs an Sie auf, bringt aber, glaube ich, die von Ihnen erbetenen terminologischen Präzisierungen und hat außerdem den Vorzug, dass seine Zitate aus der Kritik des Gothaer Programms es mir erleichtern, jetzt gleich, ohne Umschweife auf die Wichtigste der »Häresien« einzugehen, die Sie an meiner Marx-Treue zweifeln lassen. (Dass die 310 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ von mir behauptete Identität des Endziels von Kommunisten und Sozialdemokraten zumindest bei der SPD, und bei ihr spätestens seit dem Godesberger Programm, offenbar nicht mehr existiert, erwähne ich, als notwendige Ergänzung, nur am Rande. Ich denke, dass Sie in dem Punkt mit mir übereinstimmen, wenn auch ihn anders bewerten werden.) Das Wort »Häresie« fiel bei Ihnen – Sie werden sich daran noch erinnern – sofort, als ich erklärte, dass es vom Buchstaben der marxistischen Lehre abweichen hieße, den Kommunismus übergangslos verwirklichen zu wollen. Sie hakten da ein mit der Frage: »Nur vom Buchstaben? Nicht auch vom Geist?« Und darauf antwortete ich: »Vom Geist nicht unter Bedingungen, wie sie heute in den hochindustrialisierten Ländern des Westens bestehen.« Dabei bleibe ich, auch jetzt, und füge nur hinzu: Diese Auffassung stellt dank ihres dialektischen Charakters keine Häresie dar, konkret deswegen nicht, weil die Kritik des Gothaer Programms vor hundert Jahren geschrieben worden ist und damals Marx von den seither erfolgten geschichtlich-gesellschaftlichen Veränderungen keine Vorstellung haben konnte. Er ahnte 1875 nicht, für eine wie lange Periode und bis zu welchem Grade die kapitalistischen Produktionsverhältnisse die Entwicklung der Produktivkräfte – wenn auch unter ungeheuren Katastrophen (Weltkriegen, Weltwirtschaftskrisen, Faschismen aller Art) sowie mit schrecklichen Folgen für die Völker Asiens, Afrikas, Lateinamerikas – noch voranzutreiben im Stande sein würden. Ebensowenig war ihm klar, dass die proletarischen Massen, 1875 überwiegend noch Abnehmer landwirtschaftlicher und handwerklicher Produkte, mir ihrer Konsumtion von der kapitalistischen Industrie als Kunden, als Absatzmarkt erst noch entdeckt werden würden. Desgleichen konnte er unmöglich den konkreten Verlauf der proletarisch-sozialistischen Weltrevolution voraussehen, also auch nicht die ökonomischen und sozialen Konzessionen an die Arbeiterklasse, zu denen die Bourgeoisie, seit dem Scheitern ihrer faschistischen Diktaturen, durch die Koexistenz ihres kapitalistischen Systems mit dem sozialistischen Lager gezwungen ist. Von alledem nichts wissend – und nur ein Laplacescher Dämon, kein noch so genialer Futurologe, hätte es wissen können –, ging Marx 1875 von dem damals gegebenen Produktionsniveau aus und empfahl daher einer etwaigen demnächst siegreichen Revolution, der Verwirklichung des Kommunismus, damit dieser nicht zu armselig ausfalle, erst jene »untere Phase«, eben den Sozialismus mit seinem Leistungsprinzip, seinem noch bürgerlichen Recht, seinen produktionsstimulierenden Privilegien usw., vorausgehen zu lassen. 311VII. Briefe an Freimut Duve Marx würde dasselbe aber heute – davon bin ich überzeugt – nicht mehr empfehlen, denn unter den Bedingungen des heutigen Produktionsniveaus wäre es, jedenfalls für die hochindustrialisierten Regionen, unnötig. Und da deren Industrie auf dem gegenwärtigen Stand über alle Kapazitäten verfügt, die ganze übrige, auch die unterentwickelte Welt hinreichend mit Industrieprodukten zu versorgen, würde Marx wahrscheinlich sogar die übergangslose Verwirklichung des Kommunismus im Weltmaßstab als unmittelbares Ergebnis des Siegs der proletarischen Revolution in den USA, Westeuropa und Japan für möglich halten. Über Bord werfen aber würde er zugleich die Überflussgesellschaft, als die er den Kommunismus in der Kritik des Gothaer Programms noch konzipiert hat. Darauf lässt die Tatsache schließen, dass er in derselben Schrift, gleich zu Beginn, so großen Wert darauf legt, nicht nur die Arbeit, sondern auch die Natur als Quelle des gesellschaftlichen Reichtums anzuerkennen. Projiziert man diesen ersten Marxschen Einwand gegen das Gothaer Programm von 1875 in die wissenschaftsgeschichtliche Problemsituation hundert Jahre danach, also in die unserer Gegenwart, hinein, so kommt es gar nicht in Betracht, sich einen Marx vorzustellen, der die Befunde der Ökologie ignoriert und in Folge dessen die Warnungen des Club of Rome in den Wind schlägt. Damit aber ist bereits gesagt: Marx würde heute nicht mehr darauf bestehen, dass »alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen« müssten. Er würde vielmehr, und sei es selbst um den Preis eines Rückgriffs auf Babeuf, den Kommunismus als die entscheidende Voraussetzung anstreben, die ökologische Krise in den Griff zu bekommen. Voll genug bliebe der genossenschaftliche Reichtum eines solchen Kommunismus dann immer noch; voller als der, den 1796 Babeuf, im Falle des Erfolgs seiner »Verschwörung der Gleichen«, den Franzosen zu bieten gehabt hätte; voller auch als der, den die Verfasser des Gothaer Programms als etwaige Sieger über Bismarck an die Deutschen von 1875 zu verteilen im Stande gewesen waren. Bleibt die kleine Neben-»Häresie«, die Sie bei mir noch entdeckt zu haben glaubten: Die »gerechte Verteilung«, die ich in den Interviews zu postulieren nicht vermieden habe, ohne mich darum zu scheren, dass eben dieser Begriff von Marx in der Kritik des Gothaer Programms als leere Phrase abgetan wird. Sie übersehen, dass die Lassalleaner mit »gerecht« etwas ganz anderes meinten als ich. Sie verstanden als »gerecht« eine Verteilung, die den Produzenten den vollen Ertrag ihrer Arbeit zukommen lässt, und Marx rechnete ihnen vor, was davon alles, auch unter sozialistischen Eigentumsverhältnissen, ohne private Aneignung des Mehrwerts, für Zwecke der Reproduktion, für Gemeinschaftseinrichtungen etc., erst werde abgezogen werden müssen. Für mich 312 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ dagegen heißt »Gerechtigkeit«, ohne dass ich von diesen Marxschen Ausführungen auch nur eine Silbe in Frage zu stellen gedächte, nichts anderes als Gleichheit im Sinne Babeufs, und die wäre in einem System rationierter Verteilung, das auf kommunistischen Prinzipien basiert, keine leere Phrase. Doch da kommen nun all die Detailfragen hoch, in die sich unsere Gespräche, besonders in den Interview-Pausen am Mittagstisch, so oft verloren, um nicht zu sagen: verläppert haben. Dem einen ist der Champagner, dem anderen die Schokolade wichtiger. Wie kann Gleichheit praktiziert und doch diesen Ungleichheiten Rechnung getragen werden? Durch variable Bezugsscheine, die der Möglichkeit Raum bieten, zwischen Genussmitteln unterschiedlicher Art eine Wahl zu treffen? Und wer soll, ohne materiellen Anreiz, die ebenso notwendigen wie unangenehmen Arbeiten, etwa bei der Müllabfuhr, verrichten? Soll da abwechselnd jeder dran glauben müssen, alle fünf Jahre für eine Woche? Oder empfiehlt es sich, in einer kommunistisch geeinten Welt, die keine Armeen mehr kennen wird, statt des Militärdienstes einen zeitlich befristeten Arbeitsdienst zu etablieren, der für alle Jugendlichen nach dem Schulabschluss obligatorisch ist? Oder werden Appelle an den freiwilligen Opfersinn der Bürger genügen? Ersparen Sie es mir bitte, auf derlei Probleme auch noch einzugehen. Ich erlaube mir, Sie mit der pauschalen Versicherung abzuspeisen: Da die Menschen keine Esel sind, werden sie für all das die optimalen praktischen Lösungen bald gefunden haben. Berlin, den 21. Mai 1975 Können Sie ein offenes Wort vertragen, Herr Duve? Dann lassen Sie sich gesagt sein, dass Ihr hartnäckiger Sozialdemokratismus mir schon oft auf die Nerven gefallen ist, aber noch nie so sehr wie bei Ihrem gestrigen Besuch. Bei mindestens drei Gelegenheiten war ich drauf und dran, Ihnen das gemeinsam zu redigierende Manuskript zerfetzt vor die Füße zu schmeißen und unser Dialog- bzw. Interview-Experiment definitiv für gescheitert und beendet zu erklären. Erstens die – für meine Begriffe – entlarvende Art, in der Sie sich, koste es, was es wolle, mit Ihrem Parteifreund Hans-Jochen Vogel (»egal, ob rechter oder linker Flügel«) solidarisiert haben. Was hat uns beide, Sie und mich, über alle politischen Differenzen hinweg zusammengeführt? Ich dächte: Die Befürchtung, dass die Menschheit sich durch das Wirtschaftswachstum über kurz oder lang selbst zu Grunde richten wird. Da warnt nun Vogel vor dem von Forrester und Meadows, aber auch von Mansholt 313VII. Briefe an Freimut Duve empfohlenen Nullwachstum mit der Begründung, es werde Verteilungsprobleme nach sich ziehen, die nur gewaltsam, durch revolutionäre Umwälzung würden gelöst werden können, wobei er aus seiner tiefwurzelnden Abneigung gegen Revolutionen kein Hehl macht. Ich greife das begierig auf, um den Kommunisten die Vorschläge des Club of Rome durch Betonung der revolutionären Sprengkraft, die ihnen innewohnt, sympathischer zu machen. Was tun Sie? Sie erklären, Vogels Befürchtungen seien nicht ganz unberechtigt, fügen hinzu, dass Sie selber auch gegen gewaltsame Umwälzungen seien, und beantworten meine Idee, die Weltrevolution durch idealen Umweltschutz und vorbildhafte Lösung der Verteilungsprobleme seitens der kommunistisch regierten Länder stimulieren zu helfen, sinngemäß mit der Zurechtweisung, von derartigen Ermunterungen werde die übrige Welt hoffentlich nichts wissen wollen. Blitzartig wurde mir klar: Genau wie Ihrem Herrn Vogel ist auch Ihnen Ihr sogenannter Demokratischer Sozialismus mit seinen friedlichen Reformen, bei denen doch nichts herauskommt, die nur den Sinn haben, Revolutionen zu verhindern, immer noch wichtiger als das Überleben der Menschheit. Wie soll ich da den Verdacht loswerden, dass Sie meiner Wachstumskritik im Grunde nur deswegen zur Publizität verhelfen, weil Sie damit, im Sinne Ihrer Parteioberen, eine neue Variante oppositioneller Haltung innerhalb des sozialistischen Lagers zu fördern hoffen? Seien Sie versichert: Daraus wird nichts. Männer wie Kapiza, Rytschkow, Medunin usw. stellen auch keine Opposition dar, und mit ihnen weiß ich mich einig in der Überzeugung, dass die Aufrechterhaltung der politischen Strukturen und der Eigentumsverhältnisse des sozialistischen Lagers sowie der Fortgang der kommunistischen Weltrevolution die elementare Voraussetzung für die Bewältigung der ökologischen Krise, für die globale Bändigung des zügellosen Wachstums sind. Bleiben aber Ihre Bedenken gegen das Wachstum so schwach und inkonsequent, dass sie bereits an der unbedingten Solidarität mit Herrn Bundesminister Vogel ihre Grenze finden, dann müssen in Zukunft eben auch Sie als Stütze des Wachstumsfetischismus bekämpft werden. Ich hatte in Ihnen etwas Besseres gesehen: Den Förderer und Organisator des ökologischen Problembewusstseins in der ganzen Linken, über alle Parteischranken hinweg, von Illich über Mansholt und Steffen bis zu Kapiza, Rytschkow und Fjodorow. Zweitens: Ich könnte mich nachträglich ohrfeigen dafür, dass ich mich von Ihnen habe überreden lassen, auf die Stelle mit dem scharfen, kritischen Ausfall gegen die USA zu verzichten. Inzwischen habe ich noch einmal in Ihrem analogen Interview mit Sicco Mansholt geblättert und dabei festgestellt, dass auch er, ein sehr prominenter Sozialdemokrat wohlgemerkt, einen Beitrag zur Lösung der fälligen Probleme eher von 314 Teil I: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ Westeuropa erwartet als von den USA, weil ihm dort die politischen Voraussetzungen dafür zu fehlen scheinen. Was meint er damit? Natürlich den Mangel einer politischen Arbeiterbewegung in den USA. Und genau davon bin auch ich ausgegangen, als ich zu Ihnen hinsichtlich der Perspektiven der USA äußerte: »Da bin ich völlig ratlos. Ich kann nur vage auf die Traditionen der Vernunft, des Demokratismus und eines ausgeprägten Realitätssinns aus der amerikanischen Geschichte hoffen. Vielleicht ist irgendeine ökologisch orientierte Neuauflage des New Deal oder etwas Ähnliches denkbar. Befürchten muss man von den USA das Schlimmste. Sie sind die destruktivste Macht der Welt, durch ihren Rohstoff- und Energieverbrauch für die Biosphäre tödlich, durch ihre militärische Stärke, bei Abwesenheit einer ernstzunehmenden politischen Arbeiterbewegung, zugleich eine ständige Gefahr für den Weltfrieden. Wahrscheinlich werden Europa, Asien, Afrika, Lateinamerika gemeinsam, Schritt für Schritt, diesen Pestherd isolieren müssen.« Sie haben darauf bestanden, dass diese Meinungsäußerung von mir aus dem sechsten Interview herausfliegt. Ich bestehe jetzt darauf, dass sie hier, im Kontext meines abschließenden Briefes, stehenbleibt. Die Formulierung »destruktivste Macht der Welt« ist übrigens ein Plagiat; sie stammt von dem US-Bürger Herbert Marcuse. Mal sehen, ob der Rowohlt-Verlag sich, was die Gewährung von Meinungsfreiheit betrifft, von der destruktivsten Macht der Welt beschämen lässt. Drittens die gestrige Kontroverse zwischen uns, die mit unserem Thema direkt sehr wenig, indirekt sehr viel zu tun hat: Portugal. Sie bangen, dass dort der politische Pluralismus erhalten bleibe und nicht etwa einem volksdemokratischen Regime weiche, wobei Sie all ihre Hoffnung auf den – mir höchst suspekten – Soares setzen. Nachträglich ist mir eingefallen, wie erschüttert, wie verzweifelt Sie seinerzeit über das Schicksal der Regierung Allende in Chile gewesen sind. Ist denn die etwa nicht an ihrer Respektierung des Pluralismus gescheitert? An ihrer selbstmörderischen Loyalität gegenüber einem politischen System, das sie zwang, einerseits die gegen sie organisierten Komplotte einer nach Mord gierenden Reaktion zu dulden und andererseits sich das Wohlwollen kurzsichtiger, politisch unaufgeklärter Teile des Proletariats mit volkswirtschaftlich noch gar nicht zu verkraftenden Lohnerhöhungen zu sichern? Dabei war Chile der in der Geschichte bisher einzige ernstzunehmende Versuch, mit den Methoden des Demokratischen Sozialismus eine tiefgreifende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse durchzusetzen. Wäre es nicht an der Zeit, aus dieser Erfahrung die nötigen Lehren zu ziehen? Und muss man nicht angesichts der chilenischen Tragödie hoffen, dass es in Portugal der Macht der progressiven Militärs und den Kommunisten, die sie nach Kräften unterstützen, gelingen möge, von ihrem Volk ein ähnlich grauenhaftes Schicksal abzuwenden, auch wenn die Herrlichkeiten des Pluralismus dabei mit über Bord gehen? 315VII. Briefe an Freimut Duve Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann gegen den unvermeidlichen Widerstand der Bourgeoisie nur durch despotische Eingriffe in das Eigentumsrecht erzwungen werden, zu denen allein eine sich auf das Proletariat stützende revolutionäre Diktatur im Stande ist. Auch das können Sie der Kritik des Gothaer Programms entnehmen, und an den sich darauf beziehenden Sätzen gibt es heute, hundert Jahre später, nichts zu revidieren. Im Gegenteil, gerade die ökologische Krise verleiht diesen Sätzen heute noch mehr Gewicht, da sie dem Kommunismus ja zusätzlich Maßnahmen abverlangt, die notwendig unpopulär sein werden. Ich erinnere Sie an die zu unterdrückenden natur- und gesellschaftsfeindlichen Bedürfnisse, auf die ich mich oben, in meiner Brieffortsetzung vom 29.  April, bezogen habe. Wie will der politische Pluralismus damit erst fertig werden, nachdem er sich bereits als unfähig erwiesen hat, irgendwo auf der Welt die Macht des Kapitals zu brechen? Im Rahmen des pluralistischen Systems bleibt den Parteien nichts anderes übrig, als von einer freien, geheimen Wahl zur nächsten den kurzsichtigsten Sonderinteressen hinterherzurennen, die es gar nicht zulassen, dass die politische Macht sich effektiv mit Weitblick und Kontinuität auf die globalen Zukunftsprobleme der Menschheit konzentriert. Worauf hofft heute die Regierung in Bonn? Auf die Wiederbelebung der Konjunktur. Den Club of Rome hat sie aus ihren Köpfen verdrängt. Helmut Schmidt, der Wachstumsfetischist an ihrer Spitze, soll sogar der Industrie zuliebe vorhaben, die ohnehin unzulänglichen Umweltschutzmaßnahmen noch weiter einzuschränken. Verteidigen muss, nach wie vor, die Linke den Pluralismus gegen autoritäre Anschläge von rechts. Ausnutzen muss sie ihn, so weit er das zulässt, um ihren eigenen politischen Einfluss zu mehren und zu stärken. Aber sobald ihr, sei es auf friedlichem Wege, sei es durch gewaltsamen Umsturz, die Macht im Staat zufällt, dann schleunigst weg mit diesem System und her mit der wahren, der ursprünglichen Demokratie, die in Europa als erste die Jakobiner, geführt von Robespierre, verwirklicht haben und die Babeuf mit seiner »Verschwörung der Gleichen« wiederherstellen wollte! Doch ich fürchte, über diesen Punkt werde ich mich mit Ihnen am wenigsten einigen können. Sei’s drum, die Gespräche mit Ihnen haben mich nichtsdestoweniger immer angeregt und oft bereichert. Und so verabschiede ich mich von Ihnen, trotz meines Ärgers über gestern, mit freundlichem Gruß und mit dem Wunsch, Sie bald wiederzusehen. Wolfgang Harich Teil II Briefe und Dokumente 319Briefe und Dokumente Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit1 (27. Juni 1976) (AH) In der Forschungsliteratur ist teilweise zu lesen, dass Harich in den späten vierziger und fünfziger Jahren Autor der Einheit, das programmatische Zentralorgan der SED, war. Er schrieb aber nur einen einzigen Beitrag für die Zeitschrift: Im 7. Heft des Jahres 1949 (S. 628–634) erschien sein Aufsatz Zum Problem der neuen Arbeitsmoral, neu abgedr. in Band 6.2, S. 1368– 1375. Für viele andere Zeitschriften der SBZ/DDR war er aktiver: Weltbühne, Neue Welt, Tägliche Rundschau, Aufbau, Sinn und Form. Sehr geehrte Damen und Herren! Ihr Mitarbeiter, Herr Professor Dr. Harry Nick, Fachrichtungsleiter am Lehrstuhl Politische Ökonomie des Sozialismus am Institut für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, nimmt in Doppelheft 5/6 (Werte des Sozialismus) des 31. Jahrgangs der Zeitschrift Einheit in seinem Beitrag Wirtschaftswachstum – seine Perspektiven im Sozialismus und seine bornierten Kritiker, a. a. O., S. 586 ff., polemisch gegen den »Club of Rome« und, im selben Zusammenhang, auch gegen die Interviews Stellung, die ich in den Jahren 1974/1975 dem Lektor des Rowohlt-Verlages, Herrn Freimut Duve (SPD), gewährt habe und die, mit Genehmigung des Büros für Urheberrechte der Deutschen Demokratischen Republik, gesammelt in meinem Buch Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg (BRD), 1. Auflage August 1975, 2. Auflage Oktober 1975, erschienen sind. Herr Nick erwähnt in dem oben genannten Beitrag zwar weder meinen Namen noch den Titel meines Buches. Aus seinen Formulierungen auf Seite 594, Zeilen 1 bis 6 von oben, und besonders Seite 596, Zeilen 11 bis 6 von unten, ist jedoch eindeutig zu entnehmen, wen er meint und was er meint. Diese Eindeutigkeit basiert darauf, dass erstens die von Herrn Nick beanstandete Idee eines »Kommunismus ohne Wachstum« bisher von niemand anderem als von mir, und eben in dem genannten Buch dieses Titels, vertreten wird und zweitens die Formulierung »die Arbeiterklasse sei eine heroische Klasse« (bei Nick zitiert, a. a. O., S. 594, Zeile 4 f. von oben), im Kontext der 1 (AH) Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit, Marx-Engels-Platz, vom 27. Juni 1976. Harich hatte von seinen beiden Briefen an die und den jeweiligen Antworten der Einheit eine Kopiervorlage erstellt, die im Folgenden verwendet wird, 4 Seiten maschinenschriftlich, dieser Brief Blatt 1 und 2, handschriftlich auf der letzten Seite der Zusatz: Für die Richtigkeit, W. Harich, Berlin, d. 22. August 1976. 320 Teil II: Briefe und Dokumente Problematik des Konsumsverzichts, nirgendwoher als aus meinem Buch, nämlich daselbst Seiten 111 und 115, übernommen sein kann. Hiergegen wäre an sich nichts einzuwenden, so befremdlich es auch bleibt, dass Herr Nick es vorzieht, gegen einen – vermeintlichen – Anonymus vom Leder zu ziehen. Moralisch und rechtlich unhaltbar ist es aber, dass Herr Nick diese sonderbare Kombination von Totschweigetaktik und gezielter Polemik dazu benutzt, mir, als dem Befürworter der Idee eines »Kommunismus ohne Wachstum«, verleumderischerweise zwei Auffassungen und politische Zielsetzungen zu unterstellen, die ich in Wahrheit nicht vertrete und nie vertreten habe und von denen auch in meinem genannten Buch nicht die Spur zu entdecken ist. Unter anderem behauptet er, meine Konzeption sei »vor allem gegen den Sozialismus« gerichtet, »und zwar nicht nur in dem Sinne, dass eines der wichtigsten Merkmale der Überlegenheit des Sozialismus in einen Nachteil uminterpretiert wird, sondern auch, indem direkt das Leistungsstreben der Werktätigen im Sozialismus abgebremst werden soll«. Die Arbeiterklasse solle danach »wirtschaftliches Wachstum zwar im Kapitalismus akzeptieren – weil man von den Monopolen ohnehin nicht erwarten könne, dass sie den Weg der Vernunft zur Begrenzung des Wachstums beschreiten würden –, nicht aber im Sozialismus« (a. a. O., S. 593). Und: Die (von mir propagierten) asketischen Vorstellungen »widersprechen nicht der einen oder anderen Seite der kommunistischen Gesellschaftsformationen, sondern ihrem ganzen Wesen, ihrem sozialen Sinn, ihrer historischen Berechtigung«; denn »Kommunismus ohne Wachstum wäre nicht ein anderer Kommunismus, sondern überhaupt keiner«, was, logischerweise, mit dem Vorwurf gleichbedeutend ist, das von mir antikommunistische Agitation und Propaganda betrieben würde. Erschwerend wirkt, dass Herr Nick sich im Kontext dieser seiner Darlegungen auf eine Autorität wie Professor Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, beruft (nämlich Einheit, a. a. O., S. 596, Zeilen 21–23; dazu Quellenangabe, a. a. O., S. 596, Anm. 12), um, mittels eines aus dem Zusammenhang herausgerissenen Zitats Professor Hagers, dem Leser seines, des genannten Nickschen, Beitrages zu suggerieren, von mir werde, wie angeblich von den Mitgliedern des »Club of Rome«, der Zweck verfolgt, »den Umweltschutz an die Stelle der sozialistischen Revolution zu setzen«, während tatsächlich in meinem Buch, im Gegensatz dazu und unter deutlicher Kritik an der Ausklammerung der Klassenfrage durch den »Club of Rome«, die sozialistische Revolution als die Voraussetzung für wahrhaft umfassenden und wirksamen Umweltschutz gefeiert wird. Nach alledem sehe ich durch Herrn Nick und durch die 321Briefe und Dokumente Redaktion der Einheit, die Nicks Angriffe gegen mich abgedruckt hat, mein Recht auf Achtung meiner Persönlichkeit, insbesondere meiner Ehre und meines Ansehens, verletzt, was im vorliegenden Fall um so schwerer wiegt, als Nicks Beitrag geeignet ist, meine Bemühungen, mein Buch Kommunismus ohne Wachstum? nunmehr auch in der DDR herauszubringen, stark zu erschweren, wenn nicht unmöglich zu machen, und das Buch gleichzeitig bei den fortschrittlichen Kräfte im kapitalistischen Ausland, an die es sich wendet, in Misskredit zu bringen, nachdem dort nachweislich bereits der reaktionärste Teil der bürgerlichen Presse mit entsprechend gehässigen und entstellenden Rezensionen dieselbe Wirkung zu erzielen versucht hat.2 Ich bin unter diesen Umständen gezwungen, von Ihnen zu verlangen, dass Sie den mir zugefügten Schaden wieder gutmachen. Dies könnte in der Form geschehen, dass Sie mir in den Spalten der Zeitschrift Einheit Gelegenheit zu einer Gegendarstellung geben. Ich stelle Ihnen als weitere Möglichkeit aber auch anheim, dass Sie, als Redaktion, sich von den zu beanstandenden Passagen im Beitrag des Herrn Nick distanzieren oder aber Herrn Nick zu einem entsprechenden Widerruf seiner Äußerungen bewegen. In den beiden zuletzt genannten möglichen Fällen könnte die Wiedergutmachung selbstverständlich von mir dann als ausreichend angesehen werden, wenn ich selbst zur Redigierung des Wortlauts der betreffenden Erklärung der Redaktion bzw. des Autors mit herangezogen würde. Sollten Sie mir auf die eine oder andere vorgeschlagene Weise moralisch und rechtlich Genugtuung verschafft haben, so wäre ich, anschließend, gerne bereit, mit Herrn Nick und auch mit Ihnen, d. h. mit beliebigen Vertretern Ihrer Redaktion, in mündlichen Gesprächen oder auch öffentlich in schriftlicher Form, in einen schöpferischen wissenschaftlichen Meinungsaustausch über den »Club of Rome«, über mein einschlägiges Buch und über die von Herrn Nick vertretenen diesbezüglichen Auffassungen einzutreten. Bei einer Weigerung, mir Genugtuung zu verschaffen, sähe ich mich allerdings genötigt, die Angelegenheit meinem Anwalt zu übergeben mit der Weisung, sowohl gegen Sie als auch gegen Herrn Nick auf dem Rechtswege vorzugehen und sich dabei auf die Paragraphen 7 und 327 des Zivilgesetzbuchs der Deutschen Demokratischen Republik, vom 19. Juni 1975, zu stützen. In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Ihr 2 (AH) Die Rezensionen sind besprochen in der Einleitung des Herausgebers zum 8. Band, S. 25–47. 322 Teil II: Briefe und Dokumente (AH) Am 20. Juli 1976 antwortete Manfred Banaschak kurz auf Harichs Schreiben.3 Man sei sehr erfreut, dass Harich Kritik übe und auch nicht erstaunt darüber. Es sei keine Blasphemie, dass man sich darüber freue, bedanke. Allerdings verlasse Harich den Kontext des »Geists des wissenschaftlichen Meinungstreits«. Es sei die Pflicht der Einheit, sich mit »Erscheinungsformen der bürgerlichen Ideologie auseinanderzusetzen und uns zu Auffassungen zur äußern, die wir als abwegig betrachten«. Aus dem Artikel könne eine Verletzung der Rechte Harichs nicht abgeleitet werden. Diese Stellungnahme solle zugleich auch als Antwort des Autors betrachtet werden. Harich reagierte einige Tage später mit dem nachstehenden Brief. Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit4 (26. Juli 1976) Sehr geehrter Herr Chefredakteur! Ich bestätige Ihnen hiermit den Empfang Ihres oben genannten Schreibens (Betreffzeile weggelassen, AH), mit dem Sie meinen vom 27. Juni 1976 datierten Brief an die Redaktion der Einheit beantworten. Sie stellen in Ihrem Schreiben nicht in Abrede, dass der von mir beanstandete Artikel Ihres Mitarbeiters Prof. Dr. Harry Nick im Doppelheft 5/6 der Einheit, Berlin, 1976, S. 586 ff., unter anderem auch eine Polemik gegen mein Buch Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹, Reinbek (Rowohlt), 1975, darstellt. Im Gegenteil, Sie bekräftigen dies ausdrücklich, indem Sie erklären, es erstaune »uns« (d. h. Sie und die Redaktion der Einheit) nicht, dass »der Artikel von Harry Nick Ihren (d. h. meinen) Beifall nicht gefunden« habe. Sie machen in Ihrem oben genannten Schreiben desgleichen nicht den geringsten Versuch, zu bestreiten, geschweige denn zu widerlegen, dass in diesem Artikel Herr Nick gerade so, wie ich dies auf Seite 2 meines Briefes vom 27. Juni 1976 an Sie dargelegt habe, über mich die folgenden Behauptungen aufstellt und verbreitet: Ich interpretierte eines der wichtigsten Merkmale der Überlegenheit des Sozialismus in einen Nachteil um; ich versuchte, das Leistungsstreben der Werktätigen im Sozialismus abzubremsen; ich wirkte darauf hin, dass die Arbeiterklasse wirtschaftliches Wachstum im Kapitalismus akzeptieren solle, nicht aber im Sozialismus; die von mir propagierten asketischen Vorstellungen widersprächen nicht der einen oder anderen Seite der kommunistischen Gesellschaftsformation, 3 (AH) In dem zuvor genannten Dokument Blatt 2 und 3. 4 (AH) Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit, Marx-Engels-Platz, vom 26. Juli 1976. In dem zuvor genannten Dokument Blatt 3 und 4. 323Briefe und Dokumente sondern ihrem ganzen Wesen, ihrem sozialen Sinn, ihrer historischen Berechtigung; von mir werde der Zweck verfolgt, den Umweltschutz an die Stelle der sozialistischen Revolution zu setzen. Manfred Banaschak, links neben Günter Schabowski, am 9. November 1989 auf der Pressekonferenz, die den Mauerfall einleitete All dies ist unwahr. Es lässt sich weder aus meinem Buch belegen, noch kann es indirekt aus dessen Inhalt gefolgert werden. Es handelt sich um reine Unterstellungen des Herrn Nick, die insofern den Tatbestand der Verleumdung erfüllen, als sie von ihm gegen einen Bürger eines sozialistischen Landes vorgebracht werden, was im vorliegenden Fall noch dadurch erschwert wird, dass ihr Abdruck in einem offiziellen Organ der Partei der Arbeiterklasse erfolgt ist, die in diesem Land die führende Rolle spielt. Wenn Sie, Herr Chefredakteur, versichern, Autor und Redaktion hätten nicht die Absicht gehabt, meine Rechte zu verletzen, so nehme ich das gerne zur Kenntnis. Tatsächlich, objektiv ist eine derartige Verletzung meiner Rechte aber erfolgt, und entgegen Ihrer Meinung lässt sie sich aus dem Text des von mir inkriminierten Artikels durchaus herauslesen, und nicht nur herauslesen, sondern in diesem Text juristisch einwandfrei nachweisen. Auf die mir zusätzlich zugefügten Schädigungen, dass nämlich die Veröffentlichung meines Buches auch in der DDR nunmehr erschwert ist und ich bei fortschrittlichen Kräfte im kapitalistischen Ausland in Misskredit gebracht worden bin, gehen Sie in Ihrem Schreiben gar nicht erst ein. Ich muss daher die Forderung wiederholen, mir zu einer Gegendarstellung in den Spalten der Einheit Gelegenheit zu geben oder Herrn 324 Teil II: Briefe und Dokumente Nick zu einem Widerruf seiner Unterstellungen zu bewegen oder seitens der Redaktion von diesen Unterstellungen abzurücken. Damit Ihnen, zumal in der jetzigen Urlaubszeit, hinreichend Zeit bleibt, über mein Verlangen reiflich, unter Abwägung aller Faktoren – wozu namentlich eine ad hoc-Lektüre meines Buches gehört – nachzudenken und sich sowohl im Kollektiv der Redaktion als auch, gegebenenfalls, juristisch darüber zu beraten, setze ich Ihnen eine Frist von vier Wochen, innerhalb deren Sie mir eine endgültige Antwort zukommen lassen können. Sollten Sie bis dahin nichts mehr von sich hören lassen oder mir abermals einen abschlägigen Bescheid geben, so würde ich am 26. August 1976 die erforderlichen rechtlichen Schritte gegen Sie und gegen Herrn Nick unternehmen, in der Weise, wie ich Ihnen dies bereits am 27. Juni angekündigt habe. Was den ersten Absatz Ihres Schreibens vom 20. Juli 1976 betrifft, so betrachte ich ihn nicht als »Blasphemie«, da dieses Wort mit »Gotteslästerung« zu übersetzen ist und ich weder eine Gottheit bin noch mich als eine solche fühle. Ich betrachte den Absatz auch nicht, was Sie vermutlich gemeint haben, als Hohn, sondern werte ihn, meinerseits dankbar, als Ausdruck Ihres Wunsches, bei unserer Auseinandersetzung auf jeden Fall höfliche, zivilisierte Form zu wahren. Ausschließen möchte ich die andere Möglichkeit, dass Sie versucht haben könnten, mich mit ein paar nichtsagend freundlichen Floskeln von der Wahrnehmung berechtigter Interessen abzuhalten. Hochachtungsvoll (AH) Für die Einheit antwortete am 16. August 1976 Jörg Vorholzer auf Harichs Brief.5 Der neueste Brief Harichs lasse »leider keine Veränderung Ihres Standpunkts erkennen«, er weise »vielleicht verbal, jedoch substantiell keine neuen Aspekte« auf. Von daher genüge es der Redaktion, auf ihr ursprüngliches Schreiben zu verweisen. »Der im Geist des wissenschaftlichen Meinungsstreit gehaltener Artikel des Genossen Nick, der sich mit Erscheinungsformen der bürgerlichen Ideologie auseinandersetzt und sich zu Auffassungen äußert, die wir als abwegig betrachten, kann – auch objektiv – nicht als Verletzung Ihre Rechte gewertet werden.« – Zum Abschluss hatte Harich zudem ausgeführt, dass er beide Briefe an die Einheit jeweils als Kopien auch Harry Nick gesendet hatte, der darauf nicht reagiert habe. – Am 22. August 1976 wendete sich Harich dann an die Rechtsanwälte Clemens de Maizière und Sohn mit folgendem Brief (dem als Anlage die gerade wiedergegebene Zusammenstellung beigelegt war): »Sehr geehrte Herren! Ich beabsichtige, gegen die Redaktion der Zeitschrift Einheit eine Zivilklage anzustrengen und mich dabei auf die Paragraphen 7 und 327 Zivilgesetzbuch der DDR, vom 19. Juni 1975, zu stützen, mit dem Ziel, den Abdruck einer Gegendarstellung in den Spalten der Einheit zu erreichen. Eine Abschrift des einschlägigen Briefwechsels, der zwischen mir und der Redaktion der Einheit in den Monaten Juni bis August 1976 stattgefunden hat, ohne dass 5 (AH) In dem zuvor genannten Dokument Blatt 4. 325Briefe und Dokumente die von mir verfolgte Absicht dadurch gefördert worden wäre, überreiche ich Ihnen in der hier beigefügten Anlage. Ich bitte Sie, dieses Material zu lesen und mir danach Gelegenheit zu einer diesbezüglichen Aussprache mit Ihnen beiden oder auch mit einem von Ihnen zu geben.« (Weitere Ausführungen, zu einem anderen Rechtsproblem, hier weggelassen.) Die Rechtsanwälte scheinen Harich von der Klage abgeraten zu haben, zumindest sind keine Schritte in dieser Richtung bekannt. Wenige Tage später schrieb er aber noch einmal an die Einheit. Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit6 (30. August 1976) Sehr geehrter Herr Chefredakteur! In Beantwortung des oben genannten Schreibens (Betreffzeile weggelassen, AH), das Ihr Stellvertreter, Herr Dr. Jörg Vorholzer, an mich gerichtet hat, teile ich Ihnen hierdurch mit, dass sich nunmehr die Materialien zu der zwischen uns strittigen Angelegenheit meinem Anwalt übergeben und ihn darum gebeten habe, zu prüfen, ob die Paragraphen 7 und 327 des Zivilgesetzbuches der Deutschen Demokratischen Republik, vom 19. Juni 1975, für mich eine rechtliche Handhabe bieten, beim zuständigen Gericht Zivilklage gegen die Redaktion der Einheit zu erheben mit dem Ziel, in den Spalten dieser Zeitschrift den Abdruck einer von mir zu verfassenden Gegendarstellung zu gewissen Passagen des Artikels von Professor Dr. Harry Nick, Wirtschaftswachstum – seine Perspektiven im Sozialismus und seine bornierten Kritiker, in Einheit, Doppelheft 5/6, 1976, S. 586 ff., zu erzwingen. Zu diesem Schritt sah ich mich, zu meinem großen Bedauern, dadurch veranlasst, dass meine einschlägigen Schreiben an die Redaktion der Einheit vom 27. Juni 1976 und 26. Juli 1976 weder durch Sie, Herr Chefredakteur, in Ihrem Brief vom 20. Juli 1976, noch durch Herrn Vorholzer, in dem seinen vom 16. August 1976, in einer mich moralisch und rechtlich zufriedenstellenden Weise beantwortet worden sind. Zu ihrer beider in diesen Briefen dargelegten Argumentation möchte ich heute nur soviel kurz bemerken: Die Einheit hat selbstverständlich das Recht und sogar die Pflicht, sich mit Erscheinungsformen der bürgerlichen Ideologie und mit Auffassungen, die sie als abwegig betrachtet, polemisch auseinanderzusetzen. Sie ist aber, nach meiner Überzeugung, nicht dazu berechtigt, einem Bürger der Deutschen Demokratischen Republik wahrheitswidrig zu unterstellen, dass er Auffassungen verbreitet hätte, die nicht bloß abwe- 6 (AH) Brief an die Redaktion der Zeitschrift Einheit, z. Hd. Herrn Professor Dr. Manfred Banaschak, Chefredakteur, Marx-Engels-Platz, vom 30. August 1976, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 326 Teil II: Briefe und Dokumente gig, sondern dem Sozialismus – und damit den Grundlagen dieses Staates – ausgesprochen feindlich sind. Da mir nun genau dies durch Herrn Nick in dessen oben genannten Artikel unterstellt wird, muss ich mich dagegen mit allen mir rechtlich zu Gebote stehenden Mitteln zur Wehr setzen, wobei ich Sie zugleich bitten möchte, Verständnis dafür aufzubringen, dass ich dies besonders deswegen für unerlässlich halte, weil ich früher bereits, laut Urteil des Obersten Gerichts der DDR vom 9. März 1957, wegen Staatsverbrechens im Sinne des Artikels VI der damaligen Verfassung der DDR vorbestraft bin und unter gewissen, offenbar daraus resultierenden Diskriminierungen noch heute, fast 20 Jahre später, zu leiden habe. Ich werde meinem Anwalt die Weisung geben, von der Einreichung einer Zivilklage gegen die Einheit, selbst wenn er sie mir anraten sollte, abzusehen, falls Sie sich doch noch dazu entschließen, mir die Spalten Ihrer Zeitschrift für eine Gegendarstellung zu dem genannten Nickschen Beitrag zu öffnen oder als Redaktion öffentlich von bestimmten Behauptungen dieses Beitrags abzurücken oder Herrn Nick dazu zu bewegen, dass er sich öffentlich zu den betreffenden Punkten korrigiert. Mir wäre es lieb, wenn auf die eine oder andere Weise ein Rechtsstreit zwischen uns vermieden werden könnte. Und am liebsten wäre es mir, wenn ich, dann, nach Erledigung der mir zugefügten Beleidigung, Gelegenheit zu einem – öffentlichen oder auch internen – echten wissenschaftlichen Meinungsstreit mit fachlich versierten Mitarbeitern Ihrer Zeitschrift über die umstrittenen Probleme erhielte; am besten mit einem universal orientierten Denker vom Rang Alfred Kosings, dessen Artikel Mensch – Gesellschaft – Umwelt im Heft 7, 1976, der Einheit, S. 790 ff., mir, trotz mancher Inkonsequenz, im Problemansatz ganz hervorragend zu sein scheint; meinetwegen aber auch mit Herrn Nick, obwohl ich ihn seiner einseitig wirtschaftswissenschaftlichen Ausrichtung wegen als Beurteiler der hochkomplexen Probleme der weltweiten ökologischen Krise für zu – borniert (um seinen Ausdruck zu gebrauchen) halte. Da ich in einer solchen, von Diskriminierung und Ehrabschneiderei freien Diskussion durchaus bereit wäre, von meinen Gesprächspartnern zu lernen, selbstkritisch eigene Fehler und Mängel einzusehen und mich, wo immer es mir einleuchtet, zu berichtigen, versteht sich am Rande. Aber erst müssen die Unterstellungen vom Tisch, darauf bestehe ich. Hochachtungsvoll 327Briefe und Dokumente Brief an Robert Jungk7 (06. August 1976) Lieber Robert Jungk! Herzlichen Dank für Ihren so freundlichen Brief vom 16. Juli 1976.8 Die Kur in Bad Elster (vier Wochen Bäder, Massagen, Gymnastik und danach zweiwöchiges Decrescendo ohne Behandlungen) hat mir gut getan, was unter anderem daraus zu ersehen ist, dass ich die gleich anschließende fürchterliche Hitzewelle, wieder mitten in Berlin, einigermaßen gut überstanden habe. Diesmal war es aber nur eine sehr sanfte Kur, der man im Herbst 1977, abermals in Bad Elster, noch eine weitere, scharfe (mit Sauna und solchen Späßen) folgen lassen will. Dann erst und dadurch hofft man das Maximum an möglichem Heilerfolg aus meiner Herzoperation vom Vorjahr herausholen zu können. Ihre liebenswürdige Einladung nehme ich hiermit dankend an. Ich richte mit gleicher Post ein Gesuch um Reisegenehmigung nach Salzburg an unsere zuständigen Behörden. Hoffentlich erhalte ich die grundsätzliche Genehmigung recht bald. Ich werde Ihnen dann telegrafisch einige mir mögliche Termine (voraussichtlich für September, vielleicht aber auch schon für August) zur Auswahl nennen. Wegen des Herzens werde ich per Eisenbahn, nachts, im Schlafwagen reisen müssen. Sicherheitshalber beantrage ich eine Woche. Sie können mich aber natürlich, wenn alles besprochen ist, schon eher wieder rausschmeißen. Quartier usw. können für mich, als Verkünder von Askese, selbstredend ganz, ganz einfach sein. An dem von Ihnen vorgeschlagenen Gespräch bin ich außerordentlich interessiert, um so mehr, als Ihre wohlmeinend-kritische Warnung an mich vom Jahresbeginn: wir müssten den Leuten, statt sie durch den Ruf nach Askese zu verschrecken, etwas Anziehendes zu bieten haben, um sie so von der Umweltzerstörung wegzuködern, sich 7 (AH) Brief an Professor Dr. Robert Jungk, Privatadresse Salzburg, vom 06. August 1976, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Handschriftlicher Zusatz: Kopie an den Minister für Kultur. 8 (AH) Jungks Schreiben (3 Blatt, maschinenschriftlich) war am 6. August 1976 in Ostberlin eingetroffen, dieser bedankte sich unter anderem für Harichs Grüße aus Bad Elster. Außerdem unterrichtete er Harich von den Plänen, in Salzburg ein Internationales Institut für kulturelle Zukunftsfragen zu gründen. Dabei solle es darum gehen, der Drosselung der kapitalistischen Verschwendungswirtschaft die Idee der Ausnutzung der Möglichkeiten des kulturellen Wachstums beizugeben, beispielsweise durch eine Verbreiterung der kulturellen Basis. 328 Teil II: Briefe und Dokumente mehr und mehr als richtig erweist. Mit der Frage nach der »attraktiven Alternative« sehe ich mich immer wieder konfrontiert. Ich bin zwar geneigt, darauf zu erwidern: »Was, ihr Kanaillen, ihr wollt, dass für euch auch noch etwas dabei herausspringt, falls ihr die Güte habt, von der Ermordung eurer Kinder und Enkel abzusehen?« Aber ich beginne zu begreifen, dass das abstrakt-moralisierend gedacht ist und nicht, wie es sich für einen Marx-Jünger gehört, historisch-materialistisch. Also bin ich äußerst gespannt auf die Ihnen vorschwebenden Möglichkeiten eines wünschenswerten und zugleich umweltschonenden kulturellen Wachstums. Über Herrn Gruhl hörte ich, aus »gewöhnlich gut unterrichteter Quelle«, dass die CDU/CSU ihn jetzt noch, im Wahlkampf, als Naturschützer-Lockvogel missbraucht (gerade so wie den Leisler Kiep als Lockvogel für Anhänger halbwegs vernünftiger Ostpolitik und den Katzer als Arbeiter-Lockvogel), dass Gruhl im übrigen aber nur auf ihrer Landesliste Niedersachsen und dort bewusst ungünstig platziert sein soll: Selbst wenn, was Gott verhüten möge, Kohl und Strauß eine Zweidrittel-Mehrheit erringen sollten, wäre Gruhl nach dem 3. Oktober im Bundestag nicht mehr vorhanden. Konkret in Hamburg, das neue, von Gremliza, nicht mehr von Röhl herausgegebene, will eine neue Serie: Besprechung von Bestsellern, und warum sie es geworden sind, einrichten. Ich soll in diesem Rahmen Gruhls Buch rezensieren.9 Ich werde das, aber erst nach der Bundestagswahl, tun, dabei diese infame Behandlung durch seine Partei gebührend anprangern, aber auch an ihm selbst etwas kritisieren: Dass er überhaupt keinen Ausweg zeigt, nicht einmal einen asketischen, und so einem Pessimismus Vorschub leistet, der durchaus (von ihm natürlich ungewollt) in die Stimmung »Nach mir die Sintflut« umschlagen kann.10 Auch hierzu täte ich vorher gern Ihren Rat einschlür- 9 (AH) Die Rezension erschien in konkret unter dem Titel Herbert Gruhl am Scheideweg, neu abgedr. in Band 8, S. 124–128. 10 (AH) Harich schrieb in seiner Rezension: »Den Wachstumsfetischisten jedweder Richtung – Gruhl brandmarkt sie zutreffend als ›schlimmste Unheilsbringer der heutigen Welt‹ – wird es von nun an um Einiges schwerer fallen, die Gefahren, die das Überleben des Homo sapiens in Frage stellen, zu leugnen, zu vertuschen, zu verniedlichen. Und das ist, meine ich, jetzt die Hauptsache. Denn nur wenn das Bewusstsein dieser Gefahren mehr und mehr um sich greift, werden die Gegenkräfte mobilisiert werden können, die berufen wären, das Steuer herumzureißen und dem verhängnisvollem Gang der Dinge Einhalt zu gebieten. Gruhl selbst freilich lässt es daran fehlen, diese Kräfte aufzuspüren, sie beim Namen zu nennen und ihnen eine Orientierung zu geben. Er warnt, klagt an, zeigt jedoch keinerlei Ausweg. Bei dem allein auf ihn eingeschworenen Teil der an Ökologie und Zukunftsforschung Interessierten erweckt er folglich eine Stimmung der Ratlosigkeit, des lähmenden Pessimismus, die, im Gegensatz zu seinen Intentionen, der verantwortungslosen Einstellung ›Nach uns die Sintflut.‹ durchaus Vorschub leisten kann. Wobei ich 329Briefe und Dokumente fen. Nochmals also vielen Dank für Ihre Einladung und auf bald! Herzlichste Grüße, unbekannterweise auch an Ihre liebe Frau, Ihr Brief an Hans Reichelt11 (30. August 1976) Sehr geehrter Herr Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates! Am 4. August 1976 habe ich an Ihr Ministerium ein Schreiben gerichtet, das sich auf die alles Leben auf der Erde tödlich bedrohenden Gefahren bezieht, die von dem Treibgas der Aerosol-Sprühdosen, der so genannten Sprays, ausgehen. Obwohl dieses Schreiben seinem Wesen nach den Charakter einer Eingabe hatte, haben Ihre Mitarbeiter es bisher nicht für nötig befunden, mir darauf auch nur mit einer Zeile zu antworten, ich sehe mich daher gezwungen, mich nunmehr an Sie direkt zu wenden, zumal in der Zwischenzeit im Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, unter dem Titel Ozon – der Schutzschild braucht einen Schutz (Neues Deutschland, Nr. 193, 14./15. August 1976, Seite 12), ein von Dr. Karl-Heinz Grasnick verfasster noch ganz schweigen will von Zynikern, deren Lust an der Angst vor dem Untergang hier hochgekitzelt werden mag, ähnlich wie jüngst durch den weißen Hai. Überdies stiftet der Umstand Verwirrung, dass Herbert Gruhl ausgerechnet der CDU angehört. Den wohl unbelehrbarsten Wachstumsfetischisten der Bundesrepublik, den Kohl, Strauß, Filbinger, Stoltenberg, Schleyer, wird dergestalt zu einem falschen Alibi verholfen. Zu Leisler Kiep, als dem Lock-Vogel für vernünftige Ostpolitik, und und zum Lock-Katzer für christlich gesinnte Arbeiter gesellt sich nun ein CDU-CSU-eigener Öko-Köder. Das hat gerade noch gefehlt.« (Band 8, S. 124 f.) Gruhl selber nahm in seiner Rezension zu Harichs Kommunismus ohne Wachstum? zu diesem Vorwurf wie folgt Stellung: »Der Nachholbedarf der Entwicklungsländer ergibt jedoch etwa eine Verdreifachung des jetzigen Jahresverbrauchs an Energie und Rohstoffen der gesamten Menschheit! Auf wie lange Zeit werden dafür die einmaligen Vorräte reichen? Selbst bei radikalster Bewirtschaftung und Verteilung nur eine begrenzte. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob einige Jahrzehnte oder einige Jahrhunderte. Darum habe ich keinen Ausweg beschrieben, weil ich in der Tat keinen weiß! Andere tun nur so, als hätten sie Auswege.« Gruhl: Zu Harichs Kommunismus ohne Wachstum?, Manuskript, Blatt 1. Alle weiteren Informationen in der Einleitung und dem Nachwort des Herausgebers zu Band 8. Siehe auch: Erler, Gernot: Seit 200 Jahren wütet ein Krieg gegen die Erde. Herbert Gruhls und Wolfgang Harichs Attacken gegen das Wachstumsdenken, in: Badische Zeitung, Freiburg, vom 19. Dezember 1975. 11 (AH) Brief an Dr. Hans Reichelt, Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates und Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik, vom 30. August 1976, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 330 Teil II: Briefe und Dokumente Artikel erschienen ist, der die von mir vorgetragenen Befürchtungen auf der ganzen Linie unterstreicht. Hans Reichelt auf dem Bauernforum, 1961 Ich ersuche Sie hiermit darum, die sich aus diesem Artikel eindeutig ergebenden lebensnotwendigen Konsequenzen zu ziehen, nämlich auf schnellstem Wege: 1) Durch Organisierung einer massenwirksamen Aufklärungskampagne die Bevölkerung unserer Republik über die gefährlichen Auswirkungen der Produktion und des Gebrauchs von Spraydosen aufzuklären; 2) im Präsidium des Ministerrates die erforderlichen Schritte zu unternehmen, um zu erreichen, dass in unserer Republik die Produktion, der Verkauf sowie der Export und Import von Spraydosen untersagt und eingestellt werden; 3) die analogen Regierungsstellen und einschlägig zuständigen Institutionen aller anderen sozialistischen Staaten, besonders der RGW-Länder, dazu anzuregen, auf ihren Territorien dieselben Maßnahmen gegen die Spraydosen zu ergreifen; 4) das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten unserer Republik dazu anzuregen, dass es in den zuständigen internationalen Gremien, vor allem der UNO, auf ein weltweites Verbot der Produktion und des Gebrauchs von Spraydosen hinwirkt; 5) die politischen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen unserer Republik dazu anzuregen, dass sie alle sich aus ihren internationalen Verbindungen ergebenden Möglichkeiten dazu ausnut- 331Briefe und Dokumente zen, im kapitalistischen Ausland eine Massenbewegung gegen die umweltzerstörenden Produkte der dortigen Aerosol-Industrie ins Leben zu rufen. Wenn in dem oben genannten Artikel von Dr. Grasnick (Spalte 4, Absatz 1) von »Auffassungen« die Rede ist, denen zu Folge es in der Troposphäre möglicherweise Prozesse gibt, die der befürchteten Ozonreduktion entgegenwirken, so möchte ich dazu sagen, dass einerseits diese »Auffassungen« ideologischer Ausdruck der Profitinteressen kapitalistischer Industriekreise sein dürften und andererseits das bloße Hoffen auf die Bestätigung einer solchen vagen Möglichkeit, selbst wenn diese einen realen Kern haben sollte, einen sozialistischen Staat nie und nimmer dazu berechtigen kann, mit Vorbeugemaßnahmen, die jede nur erdenkliche Gefahr rigoros ausschließen, zu zögern. Bewiesene Tatsache ist, dass in Folge der Ultraviolettstrahlung Hautkrebs bei Menschen, die überwiegend im Freien arbeiten, in der Regel häufiger als bei anderen Werktätigen auftritt und dass in letzter Zeit wohl nicht zufällig gerade in denjenigen Ländern, in denen der Gebrauch von Spraydosen am stärksten verbreitet ist, die Zahl der an Hautkrebs Erkrankten rapide zugenommen hat, was eindeutig für die Zersetzung der Ozonschicht der Stratosphäre durch die Treibgase der Sprays spricht. Es geht aber auch gar nicht nur darum, hier irgend einer einzelnen Krankheit, wie dem Hautkrebs, entgegenzuwirken, sondern es gilt, für die Erhaltung des Lebens auf der Erde schlechthin, für den Fortbestand aller Menschen, aller Tiere, aller Pflanzen und aller Mikroben zu kämpfen gegen ein Konsumgut, das leicht zu entbehren, wenn nicht sogar völlig nutzlos ist. Im Vertrauen darauf, dass Sie, Herr stellvertretender Ministerpräsident, dieses Problem gebührend ernst nehmen werden, verbleibe ich in Erwartung Ihrer Antwort Ihr ergebener Brief an die Redaktion des Neuen Deutschland12 (01. September 1976) Sehr geehrte Damen und Herren! Im Neuen Deutschland, Nr. 193, vom 14.  und 15. August 1976, Seite 12, hat Prof. Dr. Karl-Heinz Grasnick in dem Artikel Ozon – der Schutzschild braucht einen Schutz auf eine der furchtbarsten Umweltgefahren hingewiesen, die derzeit alles Leben auf der Erde, und damit die Existenz der menschlichen Gesellschaft überhaupt, tödlich 12 (AH) Brief an die Redaktion des Neuen Deutschland, Franz-Mehring-Platz 1, vom 01. September 1976, 1 Blatt. Handschriftlicher Hinweis. Abgeschickt am 02. September 1976. 332 Teil II: Briefe und Dokumente bedrohen. In diesem Zusammenhang erlaube ich mir, an Sie die folgenden Anfragen zu richten: 1) Wann und mit welchem Ergebnis ist das von der Internationalen Ozonkommission der IAMAP erstmals in der DDR, in Dresden, veranstaltete Symposium zu Problemen der Ozonforschung zu Ende gegangen? Welche neuen Forschungsresultate wurden vorgelegt, welche Beschlüsse gefasst? 2) Wäre es nicht angebracht, dass unsere Republik im vorbeugenden Interesse der Erhaltung der Ozonschicht die Produktion, den Export und Import und den Gebrauch der so genannten Spraydosen eingestellt und verbietet und auf internationaler Ebene, namentlich in der UNO, zusammen mit den Mitgliedsstaaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe die Initiative ergreift, dass alle Länder der Erde sich dieser Maßnahme anschließen? Und läge eine derartige Initiative der DDR und der übrigen Länder der sozialistischen Staatengemeinschaft nicht um so näher, als es sich bei den so genannten Spraydosen um sehr leicht zu entbehrende, wenn nicht sogar völlig überflüssige und nutzlose Konsumgüter handelt? 3) Besteht nicht hinreichender Verdacht, dass die von Dr. Grasnick im oben genannten ND-Artikel (Spalte 4, Absatz 1) erwähnte Auffassung, es gebe in der Troposphäre möglicherweise Prozesse, die der befürchteten Ozonreduktion entgegenwirken könnten, lediglich ideologischer Ausdruck der Profitinteressen monopolkapitalistischer In dustrie kreise sind? In Erwartung Ihre Antwort und mit dem Ausdruck größter Besorgnis verbleibe ich hochachtungsvoll Ihr Grenzen des Wachstums des Elends? Ein Zukunftsentwurf aus der Dritten Welt13 (Juli 1977) (AH) Für die spanische Übersetzung von Kommunismus ohne Wachstum? hatte Harich einen Anhang mit kleineren Schriften von ihm zusammengestellt und dieses Manuskript, insgesamt 52 Seiten lang, maschinenschriftlich, nach Spanien geschickt. Aus ihm kommt der folgende Text zum Abdruck, S. 18–25. Es ist eine Rezension des 1977 in Frankfurt am Main (S. Fischer) in Übersetzung erschienenen Buches Grenzen des Elends, das in einem fünfjährigen Forschungs- 13 (AH) Der folgende Text wurde zuerst in konkret, Heft 7, Juli 1977 veröffentlicht. 333Briefe und Dokumente projekt von dem Wirtschaftsgeologen Amilcar O. Herrera und dem Systemanalytiker Hugo G. Scolnik im Auftrag der argentinischen Stiftung Bariloche verfasst worden war. Das Ziel bestand in der Aufstellung eines Zukunftsmodells für die Welt, in dem vor allem die Grundbedürfnisse der Volksmassen der unterentwickelten Länder berücksichtigt werden sollten. Das Bariloche-Modell ist keine auf Trendrechnungen beruhende Voraussage. Vielmehr stellt es, ausgehend von Artikel 25 der UNO-Menschenrechtserklärung, entsprechende Entwicklungsziele auf und untersucht, bis wann sie mittels welcher politischer Maßnahmen zu erreichen sein würden. Bei Nahrung und Wohnraum geht es um die Sicherung des unbedingt Lebensnotwendigen. Kulturell dagegen werden Optimallösungen angestrebt. Und Gradmesser des Fortschritts soll die individuelle Lebenserwartung sein. Nicht das Bruttosozialprodukt, das ja auch nutzlose und nachteilige Investitionen, etwa für Werbezwecke, mit umfasst. Was die Autoren vorschlagen, das haben sie systemanalytisch auf seine Realisierbarkeit hin überprüft. Da die von ihnen in Anschlag gebrachten materiellen Ansprüche sehr bescheiden sind – 3 000 Kalorien und 100 Gramm Proteine pro Person und Tag, 7 Quadratmeter Wohnfläche für jeden –, ergaben ihre Computerrechnungen, dass die Ernährungsbedürfnisse der – lawinenartig anwachsenden – Erdbevölkerung noch vor Ende des Jahrhunderts zu befriedigen wären und das Wohnproblem in Lateinamerika bis zum Jahre 2000, in Afrika bis 2010, in Asien bis 2035 bewältigt werden könnte. Günstiger noch erschienen die Termine, bis zu denen in den genannten Regionen die mittlere Lebenserwartung sich auf 68 Jahre anheben ließe. Das Analphabetentum soll bis 2008 selbst im letzten Winkel der Dritten Welt zum Verschwinden zu bringen sein. Wertvoll ist an dem Modell der Vorrang, den es den sozialen Umwälzungen einräumt, die in der kapitalistischen Welt, in deren entwickelten wie unterentwickelten Teilen, historisch überfällig sind. Ökonomischem Wachstum und technischem Fortschritt wird demgegenüber mit Recht geringere Bedeutung beigemessen. Ein Technologie-Stopp würde zum Beispiel, so erfährt man, in den Industrieländern die Erfüllung der Grundbedürfnisse gar nicht mehr beeinträchtigen. Schwierigkeiten und Verzögerungen brächte er freilich in der Dritten Welt mit sich. Doch auch hier brauchten die – noch unentbehrlichen – Innovationen sich keineswegs nach bisher gültigen Fortschrittskriterien zu richten; um so weniger, als die dazu beitragen, den Abstand zwischen Reich und Arm immer mehr zu vergrößern. Den als Entwicklungshelfern maskierten Kapitalexporteuren und Technokraten schlägt eine solche Feststellung ins Gesicht. 334 Teil II: Briefe und Dokumente Nicht besser scheint es, auf den ersten Blick, dem Wachstumsfetischismus zu ergehen. Denn die Zusammenfassung des 9. Kapitels, worin die »materielle Machbarkeit der vorgeschlagenen Gesellschaft« erörtert wird, besagt: Die Befreiung der Völker von Elend und unnötigen Leiden würde, falls sie bei Weiterbestehen der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur allein durch Wirtschaftswachstum erreicht werden sollte, sich um mindestens zwei Generationen hinauszögern und dabei das Drei- bis Fünffache an materiellen Ressourcen beanspruchen. Die Beweis hierfür erbringen die Verfasser anhand des unterschiedlichen Zuwachses, der in den industrialisierten Regionen zur Befriedigung der Elementarbedürfnisse aller zwischen 1980 und der Jahrtausendwende erforderlich wäre. In den USA beliefe er sich auf 5,3 Punkte, in Westeuropa auf 5,7, in Japan auf 5,9, wohingegen er, ungeachtet des heutigen West-Ost-Gefälles, wegen der ausgeglicheneren Einkommensverteilung, die den Sozialismus auszeichnet, in der Sowjet union nur 4,1 und in den osteuropäischen Volksrepubliken sogar nur 3,4 betragen müsste. Den traurigen Rekord an solcher Art berechneter Entwicklungsbedürftigkeit hält bezeichnenderweise mit 12,8 das Südafrika der Apartheid, vor den 11,8 der anderen, ansonsten um Vieles weiter zurückgebliebenen afrikanischen Staaten. Kurz, die entscheidende Forderung heißt Gleichheit. So weit, so gut. Wieso aber werden überhaupt gesellschaftliche Prozesse als möglich in Betracht gezogen, die, unter gesteigerter Ressourcenbelastung, über die in dem Werk fixierten Termine hinaus noch mindestens (!) zwei Generationen lang weiter zu laufen hätten, um schließlich doch ans anvisierte Ziel zu gelangen? Jede ernstzunehmende Zukunftsforschung weiß, dass unter derartigen Bedingungen der Homo Sapiens das Leben auf der Erde, und damit sich selbst als biologische Art, noch vor diesem Zeitpunkt zu Grunde gerichtet haben wird. Wer das nicht wahrhaben will, muss sich leichtfertig über die tödlichen Gefahren der Rohstofferschöpfung und Umweltzerstörung hinwegsetzen. Und eben darin liegt der Kardinalfehler des Bariloche-Modells: Sobald es auf Probleme der Rohstoffversorgung, der Umweltbelastung, desgleichen der Energieerzeugung eingeht, wartet es mit Illusionen, mit Schönfärbereien, würdig eines Herman Kahn und der übrigen Scharlatane seines Hudson-Instituts, auf. Dort wie hier ist dieselbe ökologische Gewissenlosigkeit federführend, werden dieselben Phrasen gedroschen über »praktisch« unerschöpfliche Vorräte, wird, natürlich, auch nicht mit Lobpreisungen der »praktisch« so sauberen, so sicheren Kernenergie gegeizt, von der »ein wesentlicher Beitrag zur Hebung des Lebensstandards großer rückständiger Gruppen« zu 335Briefe und Dokumente erwarten sei. Die einzige physische Schranke, die das Modell anerkennt, ist die für die Mitte des 21. Jahrhunderts voraussehbare Erschöpfung des kultivierbaren Bodens in Asien, ein Defizit, dessen Bedrohlichkeit durch den Hinweis auf vermeintlich anderswo verfügbare Landreserven indessen auch wieder unzulässig heruntergespielt wird. Es überstiege den der vorliegenden Rezension gesteckten Rahmen, die einschlägigen Stellen Punkt für Punkt zu widerlegen. Es wäre aber auch überflüssig: Sie sind längst widerlegt, und zwar nicht nur von Jay W. Forrester und dem Ehepaar Dennis und Donella Meadows, gegen die Herrera und Scolnik höchst ungerecht, mitunter geradezu verleumderisch polemisieren, sondern gründlicher noch von Jost Herbig, Herbert Gruhl, neuerdings Frank Haenschke – um nur die bedeutendsten Warner sehr unterschiedlicher politischer Couleur aus der BRD zu nennen. Zwei ausgewählte Beispiele jedoch mögen kurz demonstrieren, zu welchen Ungeheuerlichkeiten die Bariloche-Forscher sich bei der Abwehr ihnen unliebsamer Einsichten hinreißen lassen. Sie operieren ernstlich mit der Überlegung, dass die Rohstoffe eines endlichen Systems, wie der Erde samt Biosphäre, schon deswegen unvernichtbar wären, weil ihr Verbrauch sie ja immer nur in neue chemische Verbindungen überführe, ohne dass sie aufhörten, »integrierender Bestandteil unseres Planeten« zu sein. Man sieht die Recycling-Industrien vor sich, die, nach der Logik dieser Milchmädchenrechnung, nächstens unseren Bedarf an Quecksilber aus den Kadaver vergifteter Fische vor Japans und Schwedens Küsten abstrahieren oder Luftverschmutzungspartikel und Ascherückstände zu neu verheizbaren Briketts pressen werden. Förmlich den Atem verschlägt einem das Programm zur Abwendung katastrophaler Klimaveränderung: Angesichts von Symptomen, die für das Bevorstehen einer neuerlichen Eiszeit zu sprechen scheinen, wird dort schlankweg gefordert, wir sollten, »um der natürlichen Abkühlung der Atmosphäre entgegenzuwirken«, die »thermale Verschmutzung möglichst erhöhen«. Schade, dass während der letzten Vereisungsperiode den damaligen Schöpfern der Höhlenbilder von Altamira nicht schon die Abwärme von Atomkraft zu Gebote gestanden hat. Statt frierend ein in die Falle getapptes Mammut zu zeichnen, hätten sie sonst in vollklimatisierten Museen gemalte Sommerlandschaften ausgestellt. Zu derlei Perlen gesellen sich etliche logische Widersprüche. Sie verderben den von offenbar allzu vielen Köchen zubereiteten Brei wie mit unaufgelösten Klumpen. Ich greife nur die inhaltlich belangvollste, sich auf das Überbevölkerungssyndrom beziehende Ungereimtheit heraus. Auf Seite 21 heißt es, Kontrolle des Bevölkerungswachs- 336 Teil II: Briefe und Dokumente tums sei einzig (!) durch bessere Befriedigung der Grundbedürfnisse herbeizuführen. Auf Seite 123 jedoch wird bezweifelt, ob diese aus den Erfahrungen der entwickelten Länder extrapolierte These sich bei der Industrialisierung heute unentwickelter Gebiete erneut bewahrheiten wird; es gäbe »deutliche Hinweise darauf, dass das nicht der Fall sein« werde. Und laut Seite 130 ist nicht auszuschließen, dass die Ergebnisse einer auf wirtschaftliche Verbesserungen ausgerichteten Politik durch übermäßige Bevölkerungszunahme wieder aufgehoben werden. Was gilt? Woran soll man sich halten bei der Beurteilung eines Programms, das für die wenigen Jahrzehnte seines Wirksamwerdens ein Anwachsen der Menschenmassen auf 15 Milliarden in Aussicht stellt? Nach Paul R. Ehrlichs wohlbegründeter Überzeugung wird die Erde nicht einmal die Hälfte davon mehr tragen können. Und trotzdem: Die Autoren des Bariloche-Modells stehen auf quasi sozialistischen Positionen. Sie stammen selbst aus der Dritten Welt und treten als passionierte Anwälte der dort von Hunger, Krankheiten, Schmutz und Not geplagten Armen auf, die, bekanntlich, den größeren Teil der heute lebenden Menschheit ausmachen. In ihrer eigenen Heimat, dem sich zunehmend faschisierenden Argentinien, sind sie mundtot gemacht, falls sie ihr nicht schon, an Leib und Leben bedroht, haben entfliehen müssen. Publiziert werden konnte ihr Buch in seinem Ursprungsland nicht. Ansichten, die sie kundtun, mit scharfer Kritik zurückzuweisen, gar ihre Schnitzer satirisch aufzuspie- ßen, scheint unter solchen Umständen gegen alle Regeln linker Solidarität zu verstoßen. Wie aber, wenn die so hochzuachtenden Freunde mit Verirrungen, die in den Klassenkämpfen kapitalistischer Industriestaaten der Reaktion Vorschub leisten, indirekt ihrer eigenen gerechten Sache nur desto größeren Schaden zufügten? Genau dies, meine ich, tun sie, indem sie zwischen den akuten Elendskatastrophen in der Dritten Welt und den auf Umwelt und Rohstoffverknappung bezogenen Katastrophenwarnungen, die im ersten Bericht an den »Club of Rome« stehen, einem Gegensatz konstruieren. Der Gegensatz ist windschief. Er entbehrt jeder realen Grundlage, es sei denn, sie reduzierte sich auf die begriffliche Verständnislosigkeit, mit der ein von Hautverbrennungen Geplagter die Vorkehrungen eines anderen gegen Erfrierungsschäden betrachten mag. Tödlich ausgehen können beide Leiden. In den kapitalistischen Metropolen gegen Umweltzerstörung und Verschwendung von Energie und Material ankämpfen heißt dem im Vollzug begriffenen Menschheitssuizid so Widerstand leisten, dass damit zugleich eine kapitalistische Strukturkrisenbewältigung durchkreuzt wird, die, falls sie gelänge, nur die Herrschaft der Großbourgeoisie, na- 337Briefe und Dokumente mentlich die Macht ihrer multinationalen Konzerne, zu Lasten der Naturbasis der Gesellschaft und zum Nachteil der unterentwickelten Völker neu befestigte. Die Desori en tierung und Verdrängung ökologischen Problembewusstseins wird in dieser Situation für die Selbstbehauptungsstrategie des Kapitals zum Hauptkettenglied. Johannes Gross, der wohl scharfsinnigste Publizist der bundesdeutschen Konservativen, Chefredakteur einer sich, passenderweise, Capital nennenden Zeitschrift, hat neulich gefordert, die westlichen Industrienationen müssten sich »die Müdigkeit am zivilisatorischen Fortschritt abgewöhnen«, um nicht der Dritten Welt gegenüber, der sie fernliege, ins Hintertreffen zu geraten. Ließe die Linke zu, dass das Denken des Herrn Gross und seinesgleichen auch auf ihre Reihen übergreift, dann könnte sie inmitten der derzeitigen Krise, statt diese kommunistisch zu meistern, leicht in erneute Unterwerfung manipuliert werden. Ist hier der deutschsprachigen Ausgabe des Bariloche-Modells, ohne Wissen seiner Urheber, in striktem Gegensatz zu deren Intentionen, etwa die Rolle eines ideologischen Infiltrationsinstruments zugedacht? Einiges spricht dafür. Der Verlag hat der Übersetzung einen Titel von schillernder Vieldeutigkeit gegeben, der den – offenbar suspekten – Begriff »Nueva Sociedad« (= neue Gesellschaft) fallen lässt und dafür die Kontraposition zu den Grenzen des Wachstums der Meadows’ unterstreicht (von denen aber der »Club of Rome« unter dem Druck übermächtiger Industriekrise, in Philadelphia vom US-Vizepräsidenten Nelson A. Rockefeller artikuliert, inzwischen seinerseits hat abrücken müssen). Die Ausstattung des Buches wiederum will anscheinend das in der BRD massenwirksamste Kompendium politisch-ökologischer Kassandrarufe, Herbert Gruhls Werk Ein Planet wird geplündert, sowohl marktgängig-anlockend imitieren als auch inhaltlich ad absurdum führen. Lesern, die aufgeschlossen sind für sozialistische Gedankengänge und bereit, für die Ärmsten der Armen in Lateinamerika, Afrika und Asien Partei zu ergreifen, wird mit alledem suggeriert, sie seien es ihrer Gesinnung schuldig, zu Naturschützern und Wachstumskritikern auf Distanz zu gehen. Das dritte Kapitel liefert dazu dann die – mit Verlaub gesagt – »wissenschaftliche« Argumentation. Der Verdacht wird zur Gewissheit, macht man sich klar, dass der Förderer des Unternehmens, der es auch mit einem empfehlenden Vorwort versehen hat, ein der FDP angehörender Ministerialdirigent im Bonner Bundesministerium des Inneren ist, Peter Menke-Glückert war in derselben Behörde früher für den Umweltschutz zuständig. Damals sprach er mit der typischen Sprache liberaler Kapitalismus-Apologetik den Unternehmern Trost zu, indem er ausführte, sie sollten sich vom »Umweltproblem 338 Teil II: Briefe und Dokumente nicht Bange machen lassen«, denn schon jetzt sei »der Umweltschutzmarkt einer der am meisten expandierenden Märkte«, »Umweltschutz ist zu einem neuen Markenartikel geworden«. Selbst unter diesen Vorzeichen aber nahm der Mann seine Aufgabe zu ernst. So entband die Regierung ihn von seinen Pflichten, betraute ihn zugleich aber auch, unter Erhöhung seines Ranges und seiner Besoldung als Beamter, mit der Kontrolle von Sport- und Medienpolitik. Anscheinend hat der Korrumpierungsschachzug sich gelohnt. Jetzt drückt Unternehmerfreund Menke-Glückert den Qualitätsstempel »konsequent sozialistisch« (Seite 9) einem Buch auf, den Sozialisten, die in Wyhl, Brokdorf, Grohnde, Caloar usw. mitdemonstriert haben, entnehmen können – und sollen –, dass »die für die Zukunft bedeutendsten Energiequellen die Kernbrennstoffe« seien (Seite 77), »sauberer als die konventionellen (ausgenommen die Möglichkeit von Unfällen)« (Seite 79). Der ebenfalls der FDP angehörende Bundesinnenminister Maihofer, dem Herr Menke-Glückert dient, ließ, nebenbei bemerkt, die Sauberkeit des Kernkraftgebrauchs durch Lauschangriff vermittelst Abhörwanzen auf einen Physiker namens Dr. Traube sichern, nur weil der mit Linken Umgang hatte. Zu solidarischer Gemeinschaft mit den Linken in den Industrieländern bekennen sich aber die Autoren des Bariloche-Modells (Seite 48). Sollte da der Fall Traube nicht genügen, sie stutzig zu machen? Wenn nein, dann mögen sie sich vor Augen halten, dass eben jener dem Menke-Glückert vorgesetzte Bonner Minister noch weitere Sicherheitsvorkehrungen trifft, indem er beispielsweise bei der Verfolgung sozialistischer persischer Intellektueller den ihm unterstellten Geheimdienst, genannt »Bundesamt für Verfassungsschutz«, mit denen in der Savak organisierten Spitzeln, Folterern und Henkern eines der blutigsten Despoten unserer Zeit, seiner Majestät Schah Reza Pahlewis, kooperieren lässt. So sieht die Entwicklungshilfe der Wachstumsfetischisten aus den Ländern des Kapitals aus. Sie bevorzugt Modelle wie das persische, das brasilianische, das in Südafrika. Sie steht im Zeichen des Brechtschen Kalauers »Reich und reich gesellt sich gern!« Mit ihr wollen die Bariloche-Forscher, da sie sich der Armen annehmen, natürlich nichts zu tun haben. Sie werden ihr aber verhaftet bleiben, so lange sie ihrer euphemistische Sicht des weltweiten Rohstoff-, Energie- und Umweltdilemmas nicht aufgeben, mit dem allein ein homöostatischer, wachstumsloser Kommunismus durch umfassende, rigorose Rationierungsmaßnahmen fertig zu werden vermag. Und wer sollte den aus ökologischer Einsicht in den industrialisierten Ländern erkämpfen, wenn nicht die einzige 339Briefe und Dokumente Kraft, die dort auch zu wirklicher Solidarität mit der Dritten Welt entschlossen und fähig ist? Zur Auseinandersetzung um die Kernkraftwerke14 (Herbst 1977) Frage: Wie beurteilen Sie die derzeitigen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik Deutschland um die Errichtung von Kernkraftwerken? Harich: Ich habe bereits 1975, in meinem Buch Kommunismus ohne Wachstum?, gefordert: Kernkraftwerke sollten überhaupt nicht gebaut werden! Damals konnte ich mich auf das fachwissenschaftlich und politisch gleichermaßen kompetente Urteil eines großen amerikanischen Naturforschers berufen: Professor Linus Paulings, der mit dem Nobelpreis für Chemie, dem Internationalen Lenin-Friedenspreis und dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet ist. An meinem Standpunkt in dieser Frage hat sich inzwischen nichts geändert. Im Gegenteil, er ist seither durch eine Fülle weiterer Argumente, die ich unter anderem den gegenwärtigen Diskussionen verdanke, nur noch erhärtet worden. Als besonders aktuell erscheint mir dabei heute der Hinweis auf die zusätzlichen Gefahren, die aus dem sich neuerdings auffällig häufenden Erdbebenkatastrophen erwachsen. Diese sind, wie schon 1970 Gordon Rattray Taylor nachgewiesen hat, selber Auswüchse der industriellen Zivilisation, d. h. letztlich von Menschenhand fabriziert, und sie verschärfen die mit jedweder Nutzung von Kernenergie verbundenen Risiken aufs Äußerste. Hinzu kommt, dass auch im Zusammenhang mit den Kernkraftwerken niemals die nach wie vor anhaltende Aggressivität des Imperialismus außer Acht gelassen werden darf, die es leider verbietet, den Gedanken an die Möglichkeit militärischer Verwicklungen in Europa gänzlich auszuschließen; um von einem Zeitphänomen jüngeren Datums wie dem internationalen Terrorismus gar nicht zu reden. 14 (AH) Abdruck nach dem bereits erwähnten Anhang zur spanischen Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum?, S. 25–33. Gordon Rattray Taylor, 1960 340 Teil II: Briefe und Dokumente Frage: Sehen Sie angesichts des wachsenden Energiebedarfs aller Industriegesellschaften Alternativen zu der aus der Kernspaltung gewonnenen Energie? Harich: Das Dogma vom wachsenden Energiebedarf, das lediglich den im Kapitalismus herrschenden Zwang zur Kapitalverwertung und erweiterten Reproduktion widerspiegelt, muss resolut über Bord geworfen werden. Denn die Vorräte an Kohle werden zwar länger reichen als die nächstens zur Neige gehenden an Erdöl, Erdgas oder auch Uran, aber Kohlekraftwerke überlasten, wie alle Verbrennung fossiler Erdschätze, die Atmosphäre mit Schadstoffen, namentlich mit Kohlendioxid. Eine zur Nutzung der Kernfusion taugliche Technologie ist noch nicht entwickelt. Sollte es sie, in Jahrzehnten, einmal geben, so wird sie unabsehbare neue Sicherheitsrisiken aufwerfen. Die im Erdinneren gespeicherte Wärmemenge anzuzapfen hieße wahrscheinlich abermals Kettenreaktionen von Erdbeben auslösen. Und all diesen Energiequellen ist gemeinsam, dass ihr Gebrauch unzumutbare Klimaveränderungen, mit der Schlusspointe des allgemeinen Hitzetods, nach sich ziehen wird. Hierauf hat in der Deutschen Demokratischen Republik Anfang 1973 zuerst Robert Döpel (Illmenau) mit seiner glänzenden Abhandlung Über die geophysikalische Schranke der industriellen Energieerzeugung aufmerksam gemacht. Unabhängig von Döpel ist wenig später in der Bundesrepublik Deutschland Klaus Michael Meyer-Abich (Essen), in seinem Aufsatz Die ökologische Grenze des herkömmlichen Wirtschaftswachstums, zum gleichen Ergebnis gelangt. Die Aussagen beider Experten reflektieren letzten Endes dasselbe unaufhebbare Naturgesetz: Den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Am ehesten gefördert zu werden verdient, meines Erachtens, die Verwendung der Sonnenwärme, vor allem zum Zweck der Raumheizung. Ob indes diese – umweltfreundlichste – Energiequelle jemals großtechnisch nutzbar zu machen sein wird, ist mehr als fraglich. Frage: Das klingt nicht gerade optimistisch. Harich: Wieso eigentlich nicht? Es bleibt uns die auf die Dauer vernünftigste und aussichtsreichste Alternative übrig: Energie zu sparen mit allen Mitteln, um jeden Preis, auch um den Preis eines materiell einfacheren, bescheideneren Lebens, das sinnloser Verschwendung abschwört. Natürlich kann das nicht so aussehen, dass, nachdem die Bourgeoisie aus der Vergeudung Profit geschlagen hat, nunmehr die Arbeiter durch Opfer die Dinge wieder ins Lot bringen. Der Übergang zu der notwendigen neuen Lebensweise setzt den Sturz und die Enteignung der herrschenden Klasse voraus. Dieser Übergang ist möglich nur auf der Grundlage absoluter sozialer Gerechtigkeit, unter Wahrung der Gleichheit aller, im Zustand eines homöostatischen, wachstums- 341Briefe und Dokumente losen Kommunismus – eine Perspektive, die für einen Linken jedoch nichts Erschreckendes hat und insofern durchaus optimistisch ist. Frage: Carl Friedrich von Weizsäcker erklärt in seinem neuesten Werk Wege aus der Gefahr (München, 1977), dass jede vom unbegrenzten Wirtschaftswachstum abweichende Prognose oder Forderung einen radikalen Bruch mit 200 Jahren Wirtschafts- und Technikgeschichte verlange. Einen solchen Bruch scheinen Sie ansteuern zu wollen. Könnte man ihn nicht ebenso gut das Ende der modernen Zivilisation nennen? Harich: Der Bruch würde sicher alle negativen Seiten der modernen Zivilisation liquidieren. Aber wäre er deswegen auch das Ende menschlicher Kultur? Döpel antwortet darauf, in seiner eben erwähnten Abhandlung, sarkastisch, man möge doch einmal prüfen, wie viele Kilowattstunden nötig gewesen seien, um die Kultur des Zeitalters von Goethe und Beethoven zu schaffen. Und Döpel fügt hinzu: »Dass der erhöhte Energieaufwand der letzten 100 Jahre der Menschheit in jeder Hinsicht, kulturell oder auch biologisch, nur Positives gebracht hätte, das wird wohl niemand behaupten wollen. Oft scheint es sogar, als ob gerade die Fülle an glitzerndem Tand, die vor allem die Menschen der westlichen Hemisphäre tagtäglich umschwirrt, geradezu blendend die Augen verschließt vor dem gesamten Bereich innerer Werte und Zielsetzungen.« Frage: Werden Millionen und Abermillionen Menschen, die hungern, denen das Allernötigste fehlt, bereit sein, sich mit »inneren Werten« abspeisen zu lassen? Harich: Natürlich nicht. Deshalb ist ja auch kein Wachstumsstopp schlechthin, unter Aufrechterhaltung der bestehenden Eigentumsverhältnisse und Verteilungsnormen, zu fordern, sondern ein Kommunismus ohne Wachstum, der für alle die Befriedigung ihrer Elementarbedürfnisse zur trivialen Selbstverständlichkeit macht. Frage: Und wer soll dafür kämpfen? Harich: Der Kampf beginnt sich bereits jetzt, vor unseren Augen zu entfalten. Keimform, sein Anfangsstadium ist, freilich noch sporadisch, lokal zersplittert, behaftet mit allen Mängeln bloßer Spontaneität, die Bewegung der Bürgerinitiativen gegen die Atomreaktoren, die Atommülldeponien und die Errichtung neuer Kohlekraftwerke. Der Drang des Menschen, zu überleben und die biologische Existenz der eigenen Nachkommen gesichert zu sehen, treibt diesen Kampf voran, verleiht ihm unwiderstehliche Kraft. Immer mehr beginnen zu entdecken, dass reine Luft, sauberes Wasser, unberührte Natur lebenswichtiger sind als aller, wie Döpel es ausdrückt: »glitzernder Tand«. Und die Besinnung auf innere Werte, wie sie sich, noch verworren, in der Nostalgiewelle ankündigt, wird der kulturgeschichtliche Begleiteffekt sein. So behaupte ich: Nichts ist heute zeitgemäßer als Rousseaus Parole: »Zurück zur Natur!« Zu er- 342 Teil II: Briefe und Dokumente läutern bleibt, dass Rousseau kein rückwärtsgewandter Romantiker gewesen ist, kein Obskurant, kein Reaktionär, sondern, als geistiger Wegbereiter des Jakobinertums, ein eminenter revolutionärer Denker, weshalb es eigentlich in seinem Sinne wäre, seine Parole abzuwandeln und »Vorwärts zur Natur!« zu rufen. Frage: In der Bundesrepublik Deutschland und in Westberlin haben Kommunisten, ja selbst Sozialisten bis jetzt kaum Chancen. Glauben Sie im Ernst, das werde sich ändern, wenn sie sich nun auch noch Ihren Vorschlag zu eigen machten, Rationierung einzuführen und Askese verordnen zu wollen? Kann ihnen, wie allen Linken, bei den Massen nicht vielmehr umgekehrt nur das Angebot einer ökonomisch und sozialpolitisch attraktiven Programmatik weiterhelfen? Harich: Es geht heute um die Sicherung des Lebens auf unserem Planeten und damit auch um das Fortbestehen des Homo Sapiens. Jeder, der die bisherige Energieverschwendung fortzusetzen, ja, noch zu steigern empfiehlt, ist daher, ob er es weiß oder nicht, in ein weltweites Massenmordkomplott gegen kommende Generationen, gegen die eigenen Kinder und Kindeskinder verstrickt. In Anbetracht dessen bin ich geneigt, an Leute, die auf so genannten attraktiven Lösungen bestehen, die Frage zu richten: Wie? Ihr verlangt, dass für euch auch noch etwas dabei herausspringen muss, falls ihr die Güte haben solltet, das Leben eurer Söhne und Töchter zu schonen? Vergeht ihr nicht vor Scham, falls ihr euch das bewusst macht? Doch ist dies, ich gebe es zu, allzu moralistisch und nicht hinreichend politisch gedacht, und eben diesen Fehler habe ich zweifellos auch 1974/1975, bei der Abfassung meines einschlägigen Buches Kommunismus ohne Wachstum?, begangen. Was darin, für manchen abstoßend, »Askese« genannt wird, das hätte ich besser als einen Komplex von Erleichterungen und Annehmlichkeiten propagieren sollen. Frage: Soweit das möglich ist. Harich: In vieler Hinsicht ist es durchaus möglich. Verzicht auf Völlerei etwa kann ohne Lüge, ohne faulen taktischen Trick positiv definiert und empfohlen werden – als gesunde, weil kalorienreduzierte Ernährungsweise. Gerade so verhält es sich in puncto Energieverbrauch. Hierfür ein Beispiel: Wissenschaftler des sozialistischen Bulgarien haben vor kurzem herausbekommen, dass in Industrieländern die Menschen 80 bis 85 Prozent ihrer Zeit unter »superkomfortablen« Wärmebedingungen verbringen, nämlich bei Temperaturen von 18° bis 20° Celsius, die dem Organismus übermäßig Sauerstoff entziehen und dadurch Herz und Nierensystem stark beanspruchen – mit der Folge erhöhter Anfälligkeit für die meisten Zivilisationskrankheiten, absinkender Arbeitsproduktivität und kürzerer Lebenserwartung. Strenge Rationierung von Energie kann 343Briefe und Dokumente folglich ein Mittel verbesserter Gesundheitspflege sein und dem körperlichen Wohlbehagen zustatten kommen, ein Kommunismus ohne Wachstum mithin unnötige physische Leiden beheben helfen. Womit ich allerdings auch wieder nicht behaupten will, dass auf ihn sich umzustellen sofort von allen als pures Vergnügen empfunden werden wird. Der Sokrates der Dialoge Platons bereits erwartete, sich bei den Athenern mit der Wahrheit, dass der Arzt ihnen größere Wohltat erweise als der Koch, erst einmal unbeliebt zu machen. Frage: Daher wohl Ihre Vorliebe für die Machtstrukturen des zentralistisch-autoritären Sozialismus: Sie brauchen sie für eine Art Erziehungsdiktatur. Sind Sie sich darüber klar, dass dieser Aspekt Ihrer Konzeption im Osten bei den Befürwortern einer Liberalisierung des Systems auf schärfster Ablehnung stößt und Ihnen im Westen sogar bei Autoren geschadet hat, die ansonsten Ihre ökologischen Prämissen und Ihre Wachstumskritik teilen? Carl Amery zum Beispiel wirft Ihnen Missachtung der individuellen Freiheitsrechte vor. Er behauptet, Sie seien, »um es vorsichtig auszudrücken, nicht eben ein Menschenfreund, sondern eher ein Freund der Ordnung«, der »den ewigen Polizisten an der ewigen Brotschlange« fordere. Den Ihren Überlegungen gewidmeten Abschnitt seines Buches Natur als Politik (1976) versieht Amery mit der Überschrift: »Stalin, der steinerne Gast, an den Tischen der Menschheit auf ewig«. Was sagen Sie dazu? Harich: Durch derartige Schmähungen werde ich mich keinesfalls davon abhalten lassen, in Carl Amery einen – wenn auch leider inkonsequenten – Verbündeten gegen den Wachstumsfetischismus zu ehren. Was aber die Freiheitsrechte angeht, so sind diese zur Zeit doch wohl kaum durch Rationierung irgendwelcher Gebrauchswerte gefährdet, sondern, im Gegenteil, durch den krampfhaften Versuch der Großbourgeoisie, mit Hilfe der Kernenergie ihren profitablen Verschwendungskapitalismus zu verewigen. Denken Sie an die Nacht- und Nebelaktionen des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Herr Stoltenberg (CDU), gegen die Atomkraftgegner in Brokdorf oder an den Lauschangriff, den die so genannten Verfassungsschützer der BRD mittels Abhörwanzen gegen Herrn Traube unternahmen. Denken Sie auch daran, dass die auf ihre »freiheitlich-demokratische Grundordnung« so stolze BRD Kernreaktoren ausgerechnet an Brasilien, Südafrika und den Iran liefert, wobei im letztgenannten Fall der »Verfassungsschutz« das florierende Geschäft durch ein sich gegen die persischen Studenten richtendes Abkommen mit der berüchtigten Savak, dem Geheimdienst des Schahs, absichert. Man stelle sich das vor: In einer sozialdemokratisch geführten Regierung bringt der liberale Gelehrte Maihofer als Bundesinnenminister junge persische 344 Teil II: Briefe und Dokumente Intellektuelle vor die Gewehrläufe Reza Pahlewis, damit sein Kabinettskollege Friedrichs, ebenfalls FDP, versichern kann, mit der Wirtschaft gehe es bergauf, das Wachstum sei garantiert. Wohin dergleichen noch führen könnte, hat neulich der weltberühmte österreichische Zukunftsforscher Robert Jungk in seinen beängstigenden Darlegungen über den Atomstaat, dieses neue »Tausendjährige Reich« (das nach der Halbwertszeit des Plutoniums aber ca. 50 000 Jahre dauern müsste), gezeigt. Wenn, nebenbei bemerkt, die BRD 240 Atomreaktoren zu bauen gedenkt, dann besagt das, dass es auf ihrem dicht bevölkerten Territorium über kurz oder lang 240 ausgedehnte demokratiefreie Zonen wird geben müssen. Frage: Carl Amery wird Ihnen in alledem gewiss zustimmen. Seinen Vorwurf, Sie wären unverbesserlicher Stalinist, haben Sie damit jedoch nicht widerlegt. Harich: Es ist eine falsche Verallgemeinerung, Ausdruck geschichtsfremden Denkens, jedes beliebige zentralistisch-autoritäre Regime als »stalinistisch« abzuqualifizieren. Es läuft darauf hinaus, dass Stalin sowohl mit seinen Todfeinden, den von ihm geschlagenen faschistischen Diktatoren, als auch mit den weisen, menschenfreundlichen Despoten, wie etwa mit dem Ernährer Joseph des Alten Testaments oder mit Henri Quatre, dem guten König von Frankreich, in einen Topf geworfen wird. Stalin hat mit dem ersten Fünfjahrplan – damals übrigens aus begreiflichen Gründen – in der Sowjetunion einen brutal forcierten Industrialisierungsprozess, unter vorrangiger Entwicklung der Schwerindustrie, in Gang gesetzt und, um den zu stimulieren, eine ganze Hierarchie von Leistungsprivilegien ins Leben gerufen. Der autoritären Zentralmacht eines homöostatischen Weltkommunismus wird demgegenüber die Aufgabe zufallen, den Übergang von der erweiterten zur einfachen Reproduktion herbeizuführen, wirtschaftliches Wachstum mithin zu beenden und zugleich sämtliche Einkommensunterschiede zwischen Personengruppen ebenso einzuebnen wie das Wohlstandsgefälle zwischen Ländern und Kontinenten. Entstehen wird so schließlich eine weltweite harmonische Idylle, mit dem Naturschutz als oberster Menschenpflicht, mit weiten Freiräumen jenseits der für jedermann extrem verkürzten Arbeitszeit und voller Lebensglück Dank einer spielerischen, von ökologischer Begehrlichkeit emanzipierten Kreativität. Frage: Mit anderen Worten: das Paradies. Harich: Das Paradies ist ein Mythos. Immerhin werden Sie bei dem Versuch, ihn sich auszumalen, große Schwierigkeiten haben, damit die Vorstellung von Geschirrspülmaschinen und Überschallflugzeugen, von qualmenden Fabrikschornsteinen und dicht besetzten Parkplätzen zu verbinden. 345Briefe und Dokumente Frage: Fragt sich nur, wie Sie es fertig bringen, Ihre Wunschträume mit dem Anspruch, Marxist zu sein, zu vereinbaren. Der Marxismus hatte seit jeher seine Klassenbasis in der industriellen Arbeiterschaft. Dass Sie, zumindest, zu großen Teilen der Gewerkschaftsbewegung in Gegensatz stehen, scheint kaum zweifelhaft. Erst jüngst hat, im Kampf um die Erhaltung von Arbeitsplätzen, am bisher nachdrücklichsten die Industrie-Gewerkschaft Bau, Steine, Erden gegen die Bürgerinitiativen, für die Errichtung von neuen Atom- und Kohlekraftwerken votiert. Harich: Arbeitsplätze sind kein Selbstzweck. Auch Hitler hat Arbeitsplätze geschaffen – mit seiner Kriegsrüstung. Gewerkschaften haben die Pflicht, für den Lebensunterhalt ihrer Mitglieder, desgleichen für deren sinnvolle Beschäftigung einzutreten. Sie verleugnen ihren Klassenauftrag, wenn sie in kurzsichtiger Komplizenschaft mit dem Großkapital schlechthin lebensfeindliche Technologien und Produkte verteidigen. Frage: Mit den Führungskräften der sozialistischen Länder könnten Ihre Auffassungen Sie ebenfalls in Konflikt bringen. So sehr Sie sich auch zu Autorität und Disziplinierung bekennen, es hilft Ihnen nichts: Ihrer Befürwortung eines Kommunismus ohne Wachstum macht Sie doch zum Dissidenten. Harich: Sobald ich mich mit den Inhalten der »Regimekritik« näher vertraut mache, wie sie von den neuerdings auf Helsinki pochenden Dissidenten vorgetragen wird, entringt sich mir, da ich an Ökologie und Zukunftsforschung geschult bin, unwillkürlich ein Stoßseufzer: Die Sorgen dieser Leute hätte ich auch mal gerne! Deren Hohlheit, meine ich, bürgt dafür, dass sie sich als Verbündete der Bourgeoisie des Westens bald abgenutzt haben werden. Dann wird die Suche nach noch unverbrauchten Bundesgenossen, nach Dissidenten eines neuen Typs, einsetzen. Sie bliebe aber ein Versuch am untauglichen Objekt, weil sie sich wirklich auf ökologisch problembewusste, um die Schonung der Naturressourcen bemühte Kommunisten erstrecken sollte. Denn es ist allzu evident, wo der Durchbruch zu umfassender Energie- und Rohstoffersparnis, zu radikalem Umweltschutz wird erfolgen müssen: Dort, wo unter der Peitsche der Profitmaximierung sich seit langem die ärgsten Konsum- und Verschwendungsexzesse gegen die Naturbasis der menschlichen Gesellschaft austoben – in Nordamerika, in Westeuropa, in Japan. Demagogische Manöver, die davon abzulenken suchen, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Attraktion des Öko-Dissidenten wird es nicht geben. Frage: Wollen Sie damit vorsorglich Ihre Weigerung begründen, gegen die Errichtung von Kernkraftwerken in sozialistischen Ländern, darunter der DDR, zu protestieren? 346 Teil II: Briefe und Dokumente Harich: Ich bin Gegner von Kernkraftwerken überall und unter den Bedingungen jeder Gesellschaftsordnung. Das hindert mich nicht, die Dinge in ihren realen Proportionen zu sehen. Das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat neulich, im Zuge seiner verdienstvollen Aufklärungskampagne gegen die Kernkraft, ansatzweise einmal einen – offenbar von Klasseninteressen der Bourgeoisie diktierten – Ablenkungsversuch gestartet. In ein und demselben Heft gab der Spiegel auf Seite 16 die vom Bonner Geheimdienst lancierte Verleumdung wieder, dass die bundesdeutschen Umweltschutz-Bürgerinitiativen von der DDR finanziert würden, um dann auf den Seiten 98 und 100 über Kernkraftprojekte der UdSSR zu berichten. Ergiebig war die Sache nicht. Denn im zweiten Artikel muss eingeräumt werden, dass derzeit die BRD bereits 6200 Megawatt und die Sowjetunion erst 3800 Megawatt Atomstrom produziert. Nimmt man die jeweiligen Einwohnerzahlen beider Länder und andererseits die Größe ihrer Territorien hinzu, dann erweist sich, dass die Protestierer von Wyhl und Brokdorf nicht den geringsten Anlass haben, sich durch antisowjetische Parolen einschüchtern zu lassen. Frage: In dem Spiegel-Artikel, auf den Sie sich beziehen, ist auch davon die Rede, dass in der Sowjetunion Professor Pjotr Kapiza gegen den Bau von Atomkraftwerken Bedenken geltend gemacht hat. Solidarisieren Sie sich mit diesem Gelehrten? Halten Sie seinen Standpunkt für richtig? Harich: Selbstverständlich. Nur möchte ich Sie darauf hinweisen, dass Kapiza alles andere als ein Dissident ist. Er ist der allseits hochverehrte Nestor der sowjetischen Physik und Mitglied des Präsidiums der Moskauer Akademie der Wissenschaften. Und oft hat er unmissverständlich seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, dass einzig der Sozialismus die Gewähr dafür bietet, den großen Gefahren, die heute auf die Menschheit zukommen, rechtzeitig und durchgreifend Einhalt zu gebieten. Pjotr L. Kapiza, 1964 347Briefe und Dokumente Grußbotschaft an den Kongress »Sozialistische Umweltpolitik« der Jungsozialisten in Frankfurt am Main (BRD) vom 28. Oktober bis 6. November 197715 (Oktober 1977) Liebe Freunde! Durch Heiner Halberstadt16, den ich zu grüßen bitte, ist mir Ihre Einladung übermittelt worden. Ich danke Ihnen dafür herzlich und wünsche Ihrem Kongress in Solidarität und voller Sympathie viel Erfolg. Möge er bei allen Beteiligten Übereinstimmung und Bereitschaft zu gemeinsamer Aktion fördern! Möge er auf breite Kreise der Bundesrepublik Deutschland und über deren Grenzen hinaus in alle Himmelsrichtungen ausstrahlen! Leider werde ich Ihrer Einladung zu folgen nicht im Stande sein. Der Erfolg einer Herzoperation, der ich mich vor zwei Jahren habe unterziehen müssen, hängt davon ab, dass ich danach zwei Heilkuren von sich steigernder Intensität absolviere. Und eben die zweite Kur, in Bad Elster, werde ich, wie seit langem festgelegt, während Ihres Kongresses antreten müssen. Vielleicht kann ich Ihnen aber doch ein wenig nützen, wenn ich die folgenden Gedanken zu Papier bringe und Sie dazu ermächtige, sie sowohl auf dem Kongress selbst vorzulesen und zur Diskussion zu stellen als auch einer Ihnen geeignet erscheinenden Zeitung oder Zeitschrift zur Veröffentlichung zu überlassen. Ihr Kongress behandelt das Thema »Sozialistische Umweltpolitik?«, und Sie haben die Zusammenstellung dieser beiden Begriffe mit einem Fragezeichnen versehen. Ich möchte an dessen Stelle drei große, fordernde Ausrufungszeichen gesetzt wissen und zugleich beantragen, auch darüber zu debattieren, ob es statt »sozialistisch« hier nicht besser »kommunistisch« heißen müsste. Verstehen Sie das, bitte, nicht falsch. Es liegt mir völlig fern, die Umweltpolitik als Monopol kommunistischer Parteien aufzufassen, so sehr ich diesen wünschte, dass sie sich darin von niemandem übertreffen ließen. Ebenso wenig will ich die Umweltpolitik auf diejenigen Länder beschränken, die man, nur weil sie von Kommunisten regiert werden, im Westen unzutreffend schon »kommunistisch« zu nennen pflegt. Eine solche Einschränkung hieße ja, dass unter kapitalistischen Verhältnissen die für die sozialistische Umwälzung der bestehenden Produk- 15 (AH) Abdruck nach dem bereits erwähnten Anhang zur spanischen Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum?, S. 41–51. 16 (AH) Heiner Halberstadt äußerte sich vor einigen Jahren zu Harich in dem Aufsatz: Erinnerungen an Gespräche mit Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR, Norderstedt, 2015, S. 138–145. 348 Teil II: Briefe und Dokumente tions- und Eigentumsverhältnisse kämpfende Linke sich um Umweltfragen gar nicht oder erst in zweiter und dritter Linie, gewissermaßen auf einem Nebenkriegsschauplatz, zu kümmern brauchte. Richtig ist, meiner Überzeugung nach, das Gegenteil. Nein, wenn ich im vorliegenden Zusammenhang den Kommunismus ins Spiel bringe, so meine ich damit etwas anderes. Die Merkmale, die zusammen eine sozialistische Gesellschaftsordnung konstituieren – nämlich die Beseitigung des politischen Pluralismus zu Gunsten der Diktatur des Proletariats, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die umfassende Planwirtschaft – verbessern gegenüber dem Kapitalismus die Durchsetzungschancen für sparsamen, rationellen Umgang mit den Rohstoffressourcen und für wirksame Umweltschutzmaßnahmen außerordentlich. Ob diese subjektiven Chancen in den heute sozialistischen Ländern bereits optimal – oder auch nur halbwegs ausreichend – genutzt werden, ist eine umstrittene Frage, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Unter Zusammenfassung eigener Eindrücke begnüge ich mich mit der Feststellung, dass da schon einiges Positive geschehen ist und geschieht, doch noch viel zu wünschen übrig bleibt. Wie dem im Einzelnen aber auch sei: Der Sozialismus genügt seinem Prinzip nach bei weitem noch nicht, die Rohstoffkalamität und das Umweltsyndrom entscheidend in den Griff zu bekommen. Dies wird erst auf jener zweiten, höheren Entwicklungsstufe der Gesellschaft möglich sein, die bislang noch nirgendwo erreicht ist: Eben im Kommunismus. Und warum? Weil erst der Kommunismus alle Marktmechanismen außer Kraft setzen, den Gebrauchswerten insgesamt ihre Warenform abstreifen und die Verteilung der materiellen Güter nach dem Grundsatz der Gleichheit regeln kann. Der Sozialismus vermag dafür bloß die Grundlage zu schaffen, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Die Aktualität der Verwirklichung des Kommunismus ergibt sich nun heute nicht aus irgendwelchen frommen Wünschen, dergestalt, dass alle gleichermaßen frei sein sollten. Sie ergibt sich aus der weltweiten ökologischen Krise, welche die ganze Menschheit mit der Möglichkeit konfrontiert, binnen weniger Jahrzehnte, auch ohne den zu befürchtenden Nuklearkrieg, totaler Selbstvernichtung anheimzufallen. Die fortgeschrittenste Wissenschaft unserer Zeit, die ökologisch fundierte Zukunftsforschung, die sich in das Weltbild des Dialektischen und Historischen Materialismus harmonisch einfügt und die von Karl Marx und Friedrich Engels in einer Fülle sporadischer Aussagen früh vorweggenommen worden ist, hat dafür unwiderlegliche Beweise erbracht. Nur durch eine radikale Neuorientierung der menschlichen Bedürfnisse und der Produktionen, welche sie erwecken und befriedigen, wird dieses Verhängnis noch aufzuhalten sein; 349Briefe und Dokumente durch eine Neuorientierung, mit der man es sich zu leicht macht, man ihr mit dem Ruf nach verbesserter Lebensqualität attraktive Züge zu verleihen sucht, ohne hinzuzufügen, dass der Verzicht auf zahlreiche Konsumgüter, die heute als schlechthin unentbehrliche Selbstverständlichkeiten gelten, uns nicht erspart bleiben wird. Der Individualverkehr mit Automobilen, die Benutzung der meisten Elektroenergie verbrauchenden Haushaltsgeräte, der Wechsel der Moden in Bekleidung und Mobiliar, der Massentourismus in Flugzeugen, aber auch der derzeitige Anteil an Fleisch und tierischen Fetten in unserer Ernährung, all dies und vieles andere mehr wird aus unserem Leben, wird aus der Zivilisation der industrialisierten Regionen der nördlichen Erdhalbkugel sehr bald für immer verschwinden müssen. Andernfalls ginge – um von kommenden Generationen (im Plural) ganz zu schweigen – bereits die Gesamtheit der heute unter uns lebenden Kinder in einem Tag für Tag näher rückenden, unvorstellbar grauenhaften Totaluntergang zu Grunde, womit der Mensch als biologische Art seinen letzten Schnaufer getan hätte. Wer’s nicht glauben will, der lese die beiden ersten Berichte an den »Club of Rome«, ferner Gordon Rattray Taylors Doomsdaybook (deutsch Das Selbstmordprogramm), Herbert Gruhls Ein Planet wird geplündert sowie Gottfried Gummerers Weltbild ohne Illusionen und versuche einmal, die darin ausgebreiteten Argumente zu widerlegen. Um zu erkennen, dass mit der Stilllegung der Produktionszweige, die jene überlebensnotwendigen Konsumverzichte nach sich zögen, der Kapitalismus zusammenbräche, braucht man kein Marxist zu sein. Es wäre evident für jeden, der auch nur die Konsequenzen durchrechnete, zu denen die ökologisch dringend gebotene Abschaffung etwa der Automobilproduktion in Ländern wie den USA und der BRD führen müsste. Doch damit nicht genug: Keine Gesellschaft, welcher Struktur auch immer, wird, um des biologischen Fortbestandes des Homo Sapiens willen, jene Verzichte hinzunehmen bereit sein, ein Teil ihrer Glieder davon dispensiert bleibt; mit anderen Worten: So lange Ungleichheit in ihr herrscht. Vollständige Gleichheit aller herzustellen aber ist Sinn und Inhalt des Kommunismus. Dagegen gilt für dessen Vorstufe, für den Sozialismus, noch, was Marx 1875 in seiner Kritik des Gothaer Programms ausgeführt hat: »Das gleiche Recht ist hier immer noch dem Prinzip nach das bürgerliche Recht. … Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für gleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andere; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit.« Da, liebe Freunde, haben Sie die authentische marxistische Legitimati- 350 Teil II: Briefe und Dokumente on der in den sozialistischen Ländern heute noch bestehenden Einkommensunterschiede und Privilegien. Freilich, dass die nichts Letztes, nichts Endgültiges bleiben dürfen, das ist derselbe Schrift von Marx auch zu entnehmen. Fragt sich, wo der Übergang zum Kommunismus nun zuerst erfolgen soll. Undialektischem, schematisierendem Denken liegt es nahe, darauf zu antworten: »Natürlich dort, wo die proletarisch-sozialistische Revolution in der Geschichte zuerst gesiegt hat und ihre Macht endgültig behaupten konnte: In der Sowjetunion.« Kaum jemand hat beachtet, dass das sowjetische Staatsoberhaupt, der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, so nicht denkt. Zur Erläuterung der neuen Verfassung der UdSSR erklärte jüngst Leonid Iljitsch Breshnew sinngemäß, im Lande der Oktoberrevolution habe es auch jetzt, zwei Menschenalter danach, mit der Verwirklichung des Kommunismus noch immer gute Weile. Nur Schritt für Schritt, unter Ausnutzung der Möglichkeiten des entwickelten Sozialismus werde dieser Übergang hier vonstatten gehen, wobei allerdings die Zukunft nicht außerhalb des Bereichs der Gegenwart liege. Breshnew fügte dem jedoch hinzu: »In Ländern, die zum Zeitpunkt des Sieges der sozialistischen Revolution bereits über hoch entwickelte Produktivkräfte verfügen, wird die Situation anders sein.« Soll heißen: In solchen Ländern werden der Machtantritt der Arbeiterklasse und die Verwirklichung des Kommunismus schneller aufeinander folgen können als in der UdSSR. Ich meine, jeder Linke in Nordamerika, Westeuropa und Japan täte gut daran, über diesen Ausspruch L. I. Breshnews gründlich nachzudenken und sich zu überlegen, welche theoretischen und praktischen Folgerungen für den Klassenkampf im eigenen Land daraus abzuleiten sind. Und einbeziehen sollte er in diese Überlegungen auch, worüber Breshnew bei dem gegebenen Anlass, im Gegensatz zu anderen Gelegenheiten, leider nichts gesagt hat: Die ökologische Krise. Sie macht in den noch samt und sonders vom Kapital beherrschten Regionen, denen der höchste Rohstoff- und Energieverschleiß und die stärkste Umweltbelastung vorzuwerfen sind, die Abkürzung des Übergangsprozesses von der Revolution zum vollendeten Kommunismus zu einer Frage auf Leben und Tod, und zwar nicht nur für die betreffenden Länder selbst, sondern für uns alle und namentlich für die gesamte jetzt heranwachsende junge Generation des Erdballs, d. h. für die Generation, für deren Belange auch Sie, liebe Freunde, die Jungsozialisten in der BRD, sich einsetzen. Das ist der Grund, aus dem ich dafür plädiere, auf Ihrem Kongress über kommunistische Umweltpolitik zu sprechen und, wie gesagt, das Fragezeichen dahinter zu streichen. 351Briefe und Dokumente Vor einiger Zeit, 1974/1975, habe ich übrigens schon ähnliche Gedanken geäußert und bin in dem Zusammenhang so weit gegangen, sogar die Möglichkeit eines Überspringen der unteren, bloß sozialistischen Phase in den hoch industrialisierten Metropolen des Kapitals ins Auge zu fassen. Auf eine einschlägige Frage Freimut Duves, des um die Verbreitung politisch-ökologischen Problembewusstseins in der BRD so hochverdienten Sozialdemokraten, antwortete ich damals zum Beispiel: »Die Weltgeschichte, mit Lenins Augen als ungleichmäßige Entwicklung betrachtet, setzt keine zwingende Reihenfolge. Da kürzen Prozesse, die in einem Teil der Welt Jahrzehnte gedauert haben, sich in einem anderen auf ein paar Wochen ab.« Nun, »ein paar Wochen«, das wäre, nach Breshnews Rede zu urteilen, wohl allzu kurz. Auch in Ländern mit hochentwickelten Produktivkräften, sagt er, würden nach der siegreichen proletarischen Revolution »solche komplizierten Aufgaben der Gestaltung des reifen Sozialismus gelöst werden müssen wie die Meisterung der schwierigen Wissenschaft der Organisation des gesamten gesellschaftlichen Lebens auf sozialistischen Grundlagen, darunter der Wissenschaft der Planung und Leitung der Volkswirtschaft, sowie der Herausbildung sozialistischen Bewusstseins der Bürger«. Und Breshnew zieht daraus den Schluss: »Wie auch immer die spezifischen Bedingungen der den Sozialismus aufbauenden Länder sein mögen, die Etappe seiner Vervollkommnung auf eigener Grundlage, die Etappe der reifen, entwickelten sozialistischen Gesellschaft zeigt sich als notwendiges Kettenglied der sozialen Umgestaltungen, als verhältnismäßig lange Entwicklungsphase auf dem Weg vom Kapitalismus zum Kommunismus.« »Verhältnismäßig lang« – offenbar ist das ein dehnbarer Begriff. Mit allem gebotenen Respekt erlaube ich mir zu fragen: »Sind 25 Jahre lang genug?« So lange nämlich ist es jetzt her, dass auf der II. Parteikonferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands der Beschluss gefasst wurde, in der Deutschen Demokratischen Republik systematisch und planmäßig den Aufbau des Sozialismus in Angriff zu nehmen, nachdem diese Republik drei Jahre existiert hatte und in ihr die antifaschistisch-demokratische Umwälzung vollendet worden war. Schon damals, 1952, verfügte der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden über vergleichsweise weit höher entwickelte Produktivkräfte als Russland zur Zeit der Oktoberrevolution. Noch heute ist seine Arbeitsproduktivität höher als die der UdSSR. Und in der Zwischenzeit hat die DDR ganz ohne Zweifel die Organisation des gesamten gesellschaftlichen Lebens auf sozialistischen Grundlagen, darunter die Leitung und Planung der Volkswirtschaft, meistern gelernt und für die Herausbildung sozialistischen Bewusstseins bei ihren Bürgern gesorgt. So hat sich mir – man möge mich korrigieren, wenn ich da in irgend einem Punkt irren 352 Teil II: Briefe und Dokumente sollte – bei der Lektüre der historischen Rede Breshnews vor dem Obersten Sowjet der UdSSR vom 4. Oktober 1977 sofort und unentrinnbar die Schlussfolgerung aufgedrängt: Reif, ja, überreif für den Übergang zum Kommunismus ist unter den Ländern Europas heute am ehesten mein sozialistisches Heimatland, die DDR. Im Hinblick darauf erscheinen mir jetzt auch gewisse Eigentümlichkeiten unserer Belletristik in neuem Licht: Immer wieder hat die Gestaltungskraft von DDR-Autoren, in viel gelobten wie in stark umstrittenen Werken, sich mit Vorliebe der Charaktere von Persönlichkeiten aus dem einfachen Volk angenommen, die, sei es nach der Befreiung vom Faschismus, 1945, sei es in einer frühen Phase der sozialistischen Umgestaltung, sofort »den Kommunismus einführen« wollten. Das gilt für Helmut Baierls Frau Flinz wie für Volker Brauns Kipper Bauch. Es gilt für die gegenwartsnächsten Dramen unseres bedeutendsten lebenden Dichters, Peter Hacks, für dessen Stück Die Sorgen und die Macht wie für seinen Moritz Tassow. Seine Ergänzung findet dies einerseits in der Absage an die Mentalität des sozialistischen Wohlstandsbürgers bei Günter de Bruyn, in dessen Roman Buridans Esel, andererseits in Ulrich Plenzdorfs Kritik an den Verhaltensnormen der Leistungsgesellschaft. Bei näherer Überlegung und gründlicherer Prüfung fielen mir sicher noch weitere Beispiele ähnlicher Art ein. Ist da nicht – so frage ich mich in Abwandlung eines berühmten Worts von Marx – der Gedanke zur Wirklichkeit gedrängt, weil die Wirklichkeit sich zum Gedanken drängte? Und in unserer theoretischen Literatur der letzten Jahre liegen ähnliche Beispiele vor. Wenn ich einen Augenblick lang vermessen genug sein darf, in diesen Kontext mich selbst einzuordnen, so scheint mir auch das kein Zufall zu sein: Dass die Idee, die weltweite ökologische Krise mit Hilfe eines wachstumslosen, homöostatischen Kommunismus zu bewältigen, nirgendwo sonst konzipiert worden ist als auf dem Boden der DDR. Wir verfügen, wie erwähnt, über hochentwickelte Produktivkräfte. Aber, lebend in dem am meisten nach Westeuropa hin vorgeschobenen Teil der sozialistischen Staatengemeinschaft, beobachten wir auch, wie hochentwickelte Produktivkräfte gerade so, wie einst Marx es in seiner Deutschen Ideologie vorausgesehen hat, sich zu Destruktivkräften wandeln können. Am sinnfälligsten beobachten wir es in dem dieselbe Muttersprache sprechenden Nachbarland BRD. Und dass dieses Destruktivwerden der Produktivkräfte, beim ökonomischen Wettstreit mit dem Westen und durch die Kooperation mit ihm, bei uns sich fortsetze, das wollen wir nicht. 353Briefe und Dokumente Das will offenkundig auch unsere politisch führende Kraft, die marxistisch-leninistische Partei unserer Arbeiterklasse, die SED, nicht. Wieso hätte sie sonst, in dem neuen Programm, das sie 1976 auf ihrem IX. Parteitag annahm, bahnbrechend in der Geschichte sämtlicher bisheriger Parteiprogramme der internationalen proletarisch-revolutionären Bewegung, sich selbst und damit allen leitenden Organen unserer Volkswirtschaft die Verpflichtung auferlegt, die Naturressourcen nur im Bewusstsein der »vollen Verantwortung für kommende Generationen« zu nutzen? Ohne ernstlich besorgte Kenntnisnahme der Resultate ökologisch fundierter Zukunftsforschung ist der diesbezügliche Passus gewiss nicht in das Parteiprogramm von 1976 hineingeraten. Was folgt daraus aber mit zwingender Logik theoretisch? Und was wird über kurz oder lang auch praktisch daraus folgen? Der Vorrang der Umweltpolitik vor weiterem Wirtschaftswachstum. Und das natürlich, dem proletarischen Klassencharakter unseres Staates gemäß, im Zeichen des Übergangs zum Kommunismus. Ein sehr vielversprechendes empirisches Symptom dafür erblicke ich in der Art und Weise, wie man bei uns staatlicherseits auf die Erdölverknappung und -verteuerung zu reagieren begonnen hat. Den meisten Partei-, Staats- und Wirtschaftsfunktionären wurde neulich – Erich Honecker hat darauf in seiner Dresdner Rede zur Eröffnung des Parteilehrjahres 1977/1978 angespielt – ihr personengebundener Dienstwagen entzogen, und den wenigen, die ihn behalten durften, wurde streng untersagt, ihn zu irgendwelchen Privatfahrten zu benutzen. So erlebte ich vor kurzem, dass ein Minister, wohnhaft in Köpenick, weit außerhalb der Berliner Innenstadt, seine im Zentrum ansässigen Freunde abends per Stadtbahn besuchte und, als er tief in der Nacht, nachdem er den letzten Omnibus versäumt hatte, nach Hause zurückfahren wollte, zur nächsten S-Bahn-Station erst einmal eine halbe Stunde zu Fuß zurücklegen musste. Mein Kommentar dazu: So soll es sein. So wird es sein. Ja, soweit ist es bereits. Dass der nächtliche Spaziergang durch die frische Luft dem Kreislauf des Ministers guttat, sei nur am Rande erwähnt. Schade ist nur, dass solche Maßnahmen bei uns bis jetzt noch als schmerzliche Folgen eines unvermeidlichen Sparsamkeitsregimes verstanden werden, statt dass wir sie als erste Schritte auf dem Weg zum Kommunismus feierten und stolz darauf wären, wie leicht in unserem System und mit einer Führungsschicht, in der noch immer die an Entbehrung gewöhnten standhaften Streiter des antifaschistischen Widerstandskampfes den Ton angeben, Privilegien von Höhergestellten sich liquidieren lassen. Indes wiegt der Vorwurf mangelnden Selbstverständnisses nicht allzu schwer, bedenkt man, dass das Wort »Sie wissen es nicht, aber sie tun es« bei Marx nicht unbedingt einen Tadel einschließt. 354 Teil II: Briefe und Dokumente Fest steht, dass in der endlichen Welt, in der wir leben, mit ihren erschöpfbaren Rohstoff- und Energieressourcen, ihren nicht unbegrenzt belastbaren Naturkreisläufen, unser Endziel, die kommunistische Gleichheit aller, nur über eine Angleichung nach unten zu erreichen sein wird. Und als Nebenerfolg dieses Vorgangs werden dann die Probleme der bürokratischen Deformierung und des Karrieristentums sich von selbst erledigen, dergestalt, dass die Spreu sich vom Weizen sondern wird. Denn ein kommunistischer Apparat, in dem aufzusteigen materiell nicht mehr lohnt, wird ausschließlich noch dem selbstlosen, hingebungsvollen Dienst an der guten Sache, an der Gemeinschaft, am Vaterland, an der internationalen Arbeiterklasse verschworen sein. Bei alledem ist die Verbindung von ökologischem und politischem Problembewusstsein der Linken der Schlüssel zur Lösung sämtlicher jetzt fälliger Probleme oder, mit einem Ausdruck Lenins, das »Hauptkettenglied«, und zwar bei uns wie bei Ihnen. Wobei es bei Ihnen im Westen vor allem darum geht, im Zuge des Kampfes für die Erhaltung des Lebens auf der Erde und für das Überleben des Homo Sapiens zugleich der Bourgeoisie den kapitalistischen Ausweg aus der derzeitigen Krise zu verstellen, auf den alle ihre Bemühungen um Wiederbelebung der wirtschaftlichen Konjunktur und Expansion hinauslaufen. Wenn diese Bemühungen nämlich am organisierten Widerstand linker Umweltschützer scheitern werden, dann wird als einzige Alternative auch in der BRD, wie in ganz Westeuropa, nur noch der wachstumslose, homöostatische Kommunismus übrig bleiben. Womit gesagt ist, dass Sie weder durch die zitierte Äußerung Breschnews noch durch das, was ich soeben aus ihr im Hinblick auf die Perspektiven der BRD herauslesen zu können glaubte, sich dazu verleiten lassen sollten, nun eine passiv abwartende Haltung gegenüber der Situation in der BRD einzunehmen. Breshnews Formulierung ist sehr weit und allgemein gehalten. Um ihre latente Fruchtbarkeit voll auszuschöpfen, muss sie für jedes Land konkret spezifiziert werden. Nehmen Sie da beispielsweise im äu- ßersten Südwesten unseres alten Kontinents die Problematik Spaniens. Dort hat, 1959 noch von Franco eingeleitet, ein nunmehr 18 Jahre währender schneller Industrialisierungsprozess stattgefunden, der durchaus dazu berechtigt, im Sinne Breshnews von einem hohen Entwicklungsstand der Produktivkräfte in diesem Land zu sprechen. Aber um welchen Preis ist das geschehen? Um den Preis krassester sozialer Missstände, die sich auf dem Weg weiterer wirtschaftlicher Expansion nicht mehr werden überwinden lassen, weil dem die überstrapazierte Natur eine Schranke setzt. Ich ziehe daraus den Schluss, dass in Spanien eine bisher nie da gewesenen kombinierte soziale und ökolo- 355Briefe und Dokumente gische Revolution heranreift, die letztlich auch in den weltweit zu erkämpfenden wachstumslosen, homöostatischen Kommunismus einmünden wird. Hat dieser sich aber erst einmal in Spanien und in der DDR durchgesetzt, welche Konsequenzen werden daraus dann von den progressiven Kräften der mitten dazwischen liegenden Länder zu ziehen sein? Welche von denen der BRD? Und wie wird dann schließlich in der Sowjetunion die Exegese jener sibyllinischen Andeutung Breshnews zu lauten haben, derzufolge »die Zukunft nicht außerhalb des Bereichs der Gegenwart liegt«? Fragen über Fragen! Die Antwort wird eben die Zukunft erteilen. Und die Antwort wird um so richtiger sein und die Zukunft um so menschenwürdige aussehen, je fester heute der Wille zur systemüberwindenden, antikapitalistischen Aktion mit dem ökologischen Problembewusstsein, mit dem überall anhebenden Kampf zur Verteidigung der Naturgrundlagen menschlicher Existenzen sich verbündet und in eins zusammenschließt. Nochmals denn also: Viel Erfolg für Ihren Kongress, der alles nur Erdenkliche tun und planen sollte, dieses Bündnis zu festigen bzw. es herbeizuführen, wo es zur Stunde noch nicht existiert. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Ihr Brief an die Redaktion der Weltbühne (01. November 1977) (AH) In der Weltbühne hatte Klaus Fuchs im Oktober 1977 den Artikel Furien des Fortschritts veröffentlicht. Fuchs war Leiter des Forschungsbereich Physik, Kern- und Werkstoffwissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR. Harich schrieb, bezugnehmend auf diesen Artikel, drei Briefe an den Chefredakteur der Weltbühne, Peter Theek, und deren Herausgeber, Hermann Budzislawski. Nacheinander abgedruckt finden sie sich im Anhang der spanischen Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum?. Der folgende erste Brief vom 1. November 1977 (den Harich noch aus Bad Elster schrieb) und der dritte vom 24. Januar 1978 kommen nach diesem Anhangmanuskript zum Abdruck, der zweite vom 2. Dezember 1977 nach einer Kopie des Originalbriefes. Im Anhangmanuskript die Seiten 33 bis 41. 1946 hatte Harich zu dem Personenkreis gehört, der sich um die Neubegründung der Weltbühne verdient machte. Allerdings konnte er sich mit seinen Plänen und Wünschen, eine maßgebliche Rolle einzunehmen, nicht durchsetzen. Aber er schrieb zwischen 1946 und 1950 knapp 40 Artikel wir die Weltbühne (ein weiterer Artikel folgte 1954). Aus dem Jahr 1946 liegt zudem ein Exposé und Programm zur Neubegründung der Weltbühne vor. Dieses druckt, nebst verschiedenen Artikeln, der Band 1.1 ab (S. 209–288). Weitere Artikel Harichs, vor allem politischen und geschichtlich-zeitgenössischen Inhalts, in dem Band 6.2 (S. 1376–1444). In Band 1.1 auch eine Einleitung des Herausgebers, unter dem Titel: Grundsteinlegung einer politischen Philosophie. Wolfgang Harichs Artikel in der Weltbühne, 1946–1950, der alle weiteren Informationen entnommen werden können. Dort auch eine Liste aller Aufsätze Harichs 356 Teil II: Briefe und Dokumente für die Zeitschrift (S. 207 f.). Einen grundlegenden Einblick in diese Jahre bietet Schivelbuschs Buch Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin, 1945–1948 (München, 1997). Sehr geehrter Herr Theek! Hiermit möchte ich Sie darum bitten, in einem der nächsten Hefte der Weltbühne die folgende Leserzuschrift von mir abzudrucken: »Klaus Fuchs schreibt in seinem Artikel Furien der Wissenschaft (Die Weltbühne, Heft 41 vom 11. Oktober 1977, Seite 1285 ff.) sinngemäß, dass in der BRD die Gegner der Kernkraftwerken nichts gegen Neutronenbomben einzuwenden hätten. Fuchs weiß entweder nicht, wovon er redet, oder er macht sich einer glatten Lüge schuldig. Ganz abgesehen davon, dass seine Behauptung sich schon am Beispiel des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel leicht widerlegen ließe, schließt sie eine ungeheuerliche Verleumdung der Deutschen Kommunistischen Partei mit ein, die sowohl sich sehr aktiv am Kampf gegen die Errichtung von Kernkraftwerken in der BRD beteiligt, als auch mit größter Entschiedenheit gegen die Neutronenbombe Stellung bezogen hat. Es muss daher erwartet werden, dass Herr Fuchs sich öffentlich berichtigt oder dass zumindest die Redaktion der Weltbühne sich kritisch von den beiden ersten Sätzen seines genannten Beitrags distanziert.« Mit freundlichem Gruß Brief an die Redaktion der Weltbühne17 (02. Dezember 1977) Sehr geehrter Herr Theek! Die Argumentation, mit der Sie in Ihrem Brief vom 4. November 1977 den Abdruck meiner vom 1. November 1977 datierten Leserzuschrift zu dem Beitrag von Klaus Fuchs in der Weltbühne, Heft 41, vom 11. Oktober 1977, ablehnten, hat mich in keiner Weise überzeugt. Sie schrieben, aus der Paranthese des zweiten Satzes von Fuchs (»die für die ›Verteidigung‹ des gelobten Westens gegen den Kommunismus ach so notwendig sind«) werde 17 (AH) Brief an die Redaktion der Weltbühne, z. Hd. Herrn Peter Theek, Chefredakteur, vom 02. Dezember 1977, 3 Blatt. 357Briefe und Dokumente doch hinreichend deutlich, dass Fuchs’ Feststellung sich keineswegs gegen die DKP richten könne, da diese sich ja wohl kaum unter die »Verteidiger« des Westens gegen den Kommunismus einordnen ließe. Tatsächlich macht gerade diese Paranthese, bestenfalls aus Gedankenlosigkeit, schlimmstenfalls aus Perfiderie, die Sache noch viel schlimmer. Denn wenn es wirklich zuträfe, dass die Gegner von Kernkraftwerken in der BRD so, wie Fuchs ihnen das unterstellt, gegen Neutronenbomben nichts einzuwenden hätten, weil sie die zur »Verteidigung« des gelobten Westens ach so notwendig hielten, dann wäre dieser Vorwurf logischerweise in vollem Umfang auch auf die DKP zu beziehen, da ja auch sie zu den Gegnern jener Kernkraftwerke gehört. Dadurch, dass ich den Wortlaut besagter Paranthese in meine Leserzuschrift nicht aufgenommen habe, sondern darin lediglich erkläre, Fuchs schreibe sinngemäß das und das, habe ich auf eine polemische Schärfe verzichten wollen, die an sich durchaus am Platz gewesen wäre. Indem Sie, sehr geehrter Herr Theek, sich nun auf diese Paranthese beruft, beschwören Sie folglich nur eine Verschärfung meiner Polemik gegen Fuchs herauf, an der mir nicht gelegen war. Im Übrigen besteht für uns doch wohl einiger Grund, im Allgemeinen hinsichtlich der Haltung, die westeuropäische Kommunisten zur »Verteidigung« des Westens einnehmen, nicht allzu vertrauensselig zu sein. Ich darf Sie an die Bejahung der NATO durch den so genannten Eurokommunismus erinnern. In Anbetracht einer solchen Tatsache, vor dem Hintergrund einschlägiger Äußerungen von Leuten wie Carillo, Berlinguer usw. (Berlinguer zum Beispiel verstieg sich 1976 zu der Bemerkung, er fühle sich durch die NATO davor geschützt, das Schicksal von Dubček zu erleiden), kann es nur Verwirrung stiften, wenn in unseren Publikationsorganen Formulierungen stehen, die, direkt oder indirekt, auch die DKP in die Nähe derartiger Positionen rücken, und genau das ist in den von mir beanstandeten Sätzen von Fuchs geschehen. Sie schrieben weiter, dass Fuchs unmissverständlich nur »jene bürgerlich orientierten Kampagnen in der BRD« meine, »die zwar gegen Kernkraftwerke im eigenen Land massive Aktionen unternehmen, jedoch durch die menschheitsbedrohenden und vor allem gegen die fortschrittlichen Kräfte der Welt gerichteten Massenvernichtungswaffen weniger beunruhigt sind«. Ich erlaube mir dazu die Frage: Wo und wann, Herr Theek, hat es denn solche »bürgerlich orientierten Kampagnen« je gegeben in einem Land, in dem sämtliche nichtkommunistischen Parteien, von der CDU/CSU (hier mit der einzigen Ausnahme des Herrn Gruhl) bis zur weit überwiegenden Mehrheit der SPD für die Errichtung von Kernkraftwerken sind? Und was berechtigt nunmehr auch Sie – und nicht nur Herrn Fuchs – zu der völlig aus der Luft gegriffenen Unterstellung, 358 Teil II: Briefe und Dokumente dass diejenigen, die in der BRD massive Aktionen gegen Kernkraftwerke unternehmen, durch Massenvernichtungswaffen »weniger beunruhigt« seien? Belegen Sie Ihrer Behauptung, bitte, durch nachprüfbare Zitate oder durch hieb- und stichfeste Beweise von gleichem Gewicht, sonst muss ich in Ihnen ebenfalls einen Verleumder sehen. Das demonstrierende Bauern in Wyhl oder Brekdorf nicht zum Proletariat gehören, versteht sich dabei am Rande. Aber sie sind Teil einer das Leben verteidigenden, für das Daseinsrecht kommender Generationen eintretenden breiten Volksbewegung, die von den Kommunisten, als der Vorhut des Proletariats, unterstützt wird, und das genügt, um von Verleumdung zu sprechen, wenn jemand ihre Kampagnen »bürgerlich orientiert« nennt und zwischen diesen und dem Kampf gegen die Neutronenbombe einen Gegensatz konstruiert. Sie verwiesen darauf, dass Fuchs in seinem Artikel sich auf den »bundesdeutschen Blätterwald« bezieht, und zogen daraus den Schluss, von ihm werde also »eindeutig die nahezu durchweg dem Establishment dienende antikommunistische bundesdeutsche Presse« gemeint. So eindeutig vermag ich die Begriffszusammenstellung »nahezu durchweg« nicht zu finden. Es gibt da Blätter, wie zum Beispiel konkret und Extradienst, die nicht antikommunistisch sind und sowohl die Kernkraftwerke als auch die Neutronenbombe bekämpfen. Und es gibt den ausgesprochen antikommunistischen Spiegel, der ebenfalls vor Kernkraftwerken gewarnt und die Neutronenbombe verworfen hat (am massivsten in den einschlägigen Essays des fortschrittlichen, friedliebenden großen Militärwissenschaftlers Horst Afheldt, des Antipoden von Kriegshetzern wie Adelbert Weinstein oder Graf Baudissin). Und es gibt antikommunistische Blätter, die noch weiter rechts stehen als der Spiegel, etwa die Welt, die Frankfurter Allgemeine oder auch den Bayernkurier, und eben in diesen Blättern werden Kernkraftwerke und Neutronenbombe befürwortet. Wenn folglich Fuchs in Anbetracht derartige Differenzen pauschal vom »bundesdeutschen Blätterwald« spricht, dann verdeckt er damit lediglich die Tatsache, dass sein Standpunkt in der Frage der KKW sich von dem der Springer-Presse und der FAZ und auch von dem solcher Bonner Politiker wie Franz Josef Strauß, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt, Matthöfer, Maihofer usw. gar nicht unterscheidet. Bei Weltbühnen-Lesern setzten Sie schließlich einen Grad an Informiertheit voraus, der gewährleiste, dass sie – diese Leser – den betreffenden Passus des Artikels von Klaus Fuchs nicht missverstehen würden. Wieso eigentlich nicht? Das Konsumieren bundesdeutscher Presseerzeugnisse ist in der DDR im Allgemeinen nicht zugelassen, und zwar 359Briefe und Dokumente aus guten Gründen. Nun gibt es bei uns Leute, die sich über dieses Verbot hinwegsetzen dürfen, und andere, die sich, ohne das zu dürfen, gelegentlich auch nicht daran halten. Ist es nicht zynisch, wenn der Chefredakteur der Weltbühne seine Leser einfach mit der einen und der anderen Kategorie gleichsetzt, ihnen aus diesem Grunde ein, im Vergleich zur übrigen Bevölkerung, überlegenes Urteilsvermögen beimisst und daraus dann die Unbedenklichkeit von Lügen seines eigenen Blatts ableitet? Gerade so, Herr Theek, und nicht anders verhalten Sie sich. Es wäre sicher gut, wenn Sie über meine Einwände gegen Ihrer Argumentation einmal nachdächten und anschließend noch einmal von sich hören ließen. Ich habe nach meiner Rückkehr von der Kur in Bad Elster unvorhergesehenermaßen ein paar Wochen gebraucht, um überprüfen zu können, ob es sich bei den zu beanstandenden beiden Sätzen im Weltbühnen-Artikel von Herrn Fuchs bloß um einen zufälligen, nicht weiter tragisch zu nehmenden Lapsus handelt, oder ob diese Sätze Ausdruck einer prinzipiellen Gesinnung sind, die es wahrscheinlich macht, dass Fuchs mit gezielten Lügen, durch bewusste Irreführung der Öffentlichkeit in unserem Land einen lebens- und zukunftsbedrohenden Missbrauch der von ihm vertretenen Kernphysik abzusichern versucht. Erst jetzt bin ich im Zuge entsprechende Recherchen zu einem Ergebnis gelangt, nämlich auf den Artikel gestoßen, den Fuchs, zusammen mit Günter Schumann (von der Ingenieur-Hochschule Zittau) unter dem Titel Die Bedeutung der Kernenergie bei der Deckung des künftigen Energiebedarfs in Heft 5, Jahrgang 27, der Energietechnik, vom Mai 1977, Seite 185 ff., veröffentlicht hat. Die darin explizierten Gedanken sind, wie ich finde, leider so gemeingefährlich, dass ich mich in meinem am 1. November geäußerten Wunsch, dem Weltbühnen-Autor Fuchs entgegenzutreten, nur bestärkt sehen kann. Und da es in der Weltbühne nicht wenig Präzedenzfälle für späte Leserzuschriften zu viel früher erschienenen Artikeln gibt, möchte ich Sie heute nochmals nachdrücklichst darum bitten, meine Zuschrift, so wie sie in meinem an Sie gerichteten Brief vom 1. November 1977 formuliert worden ist, nunmehr unverändert in der Weltbühne abzudrucken. Mit freundlichem Gruß 360 Teil II: Briefe und Dokumente Brief an die Redaktion der Weltbühne18 (24. Januar 1978) Hochverehrter, lieber Hermann Budzislawski! Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mir erlaube, mich heute in der folgenden Angelegenheit an Sie persönlich zu wenden. An den Anfang eines Beitrages, den Klaus Fuchs für die Weltbühne schrieb und der dann dort in Heft 41, vom 11. Oktober 1977, Seite 1285 ff., erschienen ist, hat er, Fuchs, die Sätze gestellt: »Die ›Furien des Fortschritts‹ geistern durch den bundesdeutschen Blätterwald. Nicht etwa gegen Neutronenbomben – die für die ›Verteidigung‹ des gelobten Westens gegen den Kommunismus ach so notwendig sind –, sondern gegen Kernkraftwerke erhebt die Alt-Furie ›Kernener gie‹ ihr Klagelied.« Diesen beiden Sätzen schließen ersichtlich die durch und durch unwahre Behauptung ein, dass die Gegner des Kernkraftwerkbaus in der BRD, zu denen bekanntlich auch die Deutsche Kommunistische Partei gehört, gegen Neutronenbomben nichts einzuwenden hätten, die sie vielmehr für eine Waffe hielten, die zur »Verteidigung« des Westens gegen den Kommunismus erforderlich sei. Empört über den von Fuchs geäußerten Gedanken, sandte ich der Redaktion der Weltbühne, zu Händen Herrn Chefredakteur Theek, zu dem eben zitierten Artikel am 1. November 1977 eine Leserzuschriften mit der Bitte, sie in einem der nächsten Hefte abzudrucken. Herr Theek lehnte das in einem an mich gerichteten Antwortschreiben, datiert vom 4. November 1977, aus Gründen ab, die mich keineswegs überzeugten. Da ich mich jedoch gerade auf Kur befand und mir außerdem zunächst über den Standpunkt Gewissheit verschaffen wollte, den Herr Fuchs in seinen wissenschaftlichen Publikationen zu der umstrittenen Frage des Kernkraftwerkbaus einnimmt, konnte ich mich zu den von Herrn Theek geltend gemachten Argumenten erst am 2. Dezember 1977 äußern. Herr Theek hat mir daraufhin dann am 12. Dezember 1977 wie folgt erwidert: »Die Maßlosigkeit, durch die sich Ihr Brief vom 2. Dezember 1977 in unerfreulicher Weise auszeichnet, macht offensichtlich eine sachliche Auseinandersetzung über die von Ihnen aufgeworfenen strittigen Fragen unmöglich. Im übrigen lehne ich es ab, unseren Briefwechsel fortzusetzen, nachdem Sie es für angebracht gehalten haben, mich als potentiellen Lügner und Verleumder zu apostrophieren. Peter Theek.« 18 (AH) Abdruck nach dem bereits erwähnten Anhang zur spanischen Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum?, S. 38–41. Budzislawski war der Herausgeber der Weltbühne. 361Briefe und Dokumente Meine Bitte an Sie, als den Herausgeber der Weltbühne, geht nunmehr dahin, dass Sie sich besagten Briefwechsel zwischen Herrn Theek und mir unter dem Gesichtspunkt der Frage, ob ein Abdruck meiner Leserzuschriften vom 1. November 1977 nicht vielleicht doch möglich wäre, noch einmal ansehen mögen. Das ich mich in meinem Brief vom 2. Dezember aus Verärgerung an bestimmten Stellen im Ton vergriffen habe, muss ich heute, nach reiflichem Überdenken des Sachverhalts, selbstkritisch zugeben, und ich bin gerne bereit, dafür Herrn Theek mein Bedauern auszusprechen. Allerdings glaube ich nach wie vor, dass ich seine Argumentation, wie er sie mir im Schreiben vom 4. November 1977 auseinandergesetzt hatte, Punkt für Punkt widerlegt habe, und wenn er meine polemischen Schärfen, ja – wie ich einräume – Ungehörigkeiten einfach zum Anlass genommen hat, die Kontroverse mit mir kurzerhand abzubrechen, ohne auf den sachlichen Gehalt meiner Einwände überhaupt noch einzugehen, so spricht das nicht gerade für die Stärke und Fundiertheit seiner Position. Vor allem aber dürfen wir unter keinen Umständen die von Herrn Fuchs nun einmal in die Welt gesetzte These auf sich beruhen lassen, dass die Kernkraftwerkgegner in der BRD zur Neutronenbombe eine indifferente, wenn nicht sogar positive Haltung einnähmen. Dies ist einfach unwahr, und wenn eine solche Unwahrheit unwidersprochen bleibt, dann wird damit politischer Schaden angerichtet. Ich jedenfalls bin weiterhin nicht gewillt, eine derartige Bezichtigung der bundesdeutschen Volksbewegung gegen den Atomkraftwerkbau hinzunehmen. Mein Anliegen gewinnt, so meine ich, an Wichtigkeit und Aktualität dadurch, dass in demselben Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das sich um die Jahreswende 1977/1978 zu einer der bisher widerlichsten und feindseligsten Provokationen gegen die Deutsche Demokratische Republik hat hinreißen lassen, kurz davor der Wortführer des Dissidenten-Klüngels in der Sowjetunion, der Physiker Andrej Sacharow, auch als Feind der Atomkraftwerksgegner in der BRD profiliert hat; siehe Sacharows einschlägigen Beitrag in Nr. 52, Jahrgang 31 des Spiegel, vom 19. Dezember 1977, Seiten 93 bis 96. Bezeichnenderweise wirft dieser den Interessen der amerikanisch-westeuropäisch-japanischen Bourgeoisie verbundene Erzrenegat bei der Gelegenheit unter anderem die Frage auf, ob die in den kapitalistischen Ländern zu beobachtenden »derzeitigen Kampagnen gegen die Entwicklung der Kernenergie von der UdSSR oder anderen Ländern Osteuropas ausgehen«. Er wagt ist dann zwar nicht, dies positiv zu behaupten. Aber er geht doch so weit, hypothetisch zu erklären: »Wenn ja, dann genügt schon wenig, um bei der weiteren Vorbereitung der anti-atomaren Vorurteile und beim Unverständnis für die Notwendigkeit der Kernenergie, diese Kampagne wesentlich zu 362 Teil II: Briefe und Dokumente verstärken.« (a. a. O., S. 96) Nun, was bei Sacharow eine bloße Hypothese zu bleiben scheint, das ist im Spiegel, in einem der früheren Hefte desselben Jahrgangs, längst als angeblich feststehende Tatsache zu finden gewesen. Und aus welcher trüben Quelle hatte der Spiegel, unter Desavouierung seiner eigenen Anti-Atomkritik, diese zur bloßen Demagogie entwertend, damals die betreffende Nachricht geschöpft? Aus einer Verlautbarung des Bundesnachrichtendienstes der BRD, aus derselben Sudelküche mithin, aus der, laut Neues Deutschland, das Anti-DDR-Pamphlet, genannt Bruch in der SED, vom letzten Jahreswechsel stammt. Die bundesdeutschen Umweltschutz-Bürgerinitiativen, hatte es damals im Spiegel geheißen, würden, einer BND-Information zu Folge, von der DDR finanziert. Unter diesen Umständen muss Klaus Fuchs sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht von Schaudern des Entsetzens ergriffen wird, wenn er sieht, in welche Nachbarschaft ihn seine Antipathie gegen die bundesdeutschen Umweltschützer und seine Vorliebe für Atomkraftwerke getrieben haben. Er wirft Menschen, die für die Erhaltung des Lebens auf der Erde kämpfen, vor, Befürworter der Neutronenbombe zu sein, während gleichzeitig der BND und Verräter Sacharow genau dieselben Menschen, unter ihnen Mitglieder der DKP, im Zeichen einer von A bis Z verlogenen Agententheorie zu verfolgen empfehlen. Und wie steht es um die, mit Verlaub, »wissenschaftliche« Begründung des Standpunkts, den Fuchs und Sacharow in der Frage der Atomkraftwerke bezogen haben? Da stimmen beide vollständig überein. Man vergleiche nur, was Sacharow im Spiegel 52/1977, S. 93, zu den »Schnellen Brütern« äußert, mit dem, was Fuchs und Günter Schumann in der DDR-Zeitschrift Energietechnik, Heft 5, 1977, S. 185 ff., zum selben Thema zu sagen haben. Ich bin kein Physiker. Aber das eins wie das andere teils wissenschaftlich unhaltbar ist, teils noch sehr umstritten, das könnte ich aus Veröffentlichungen bewährter Fachleute von politisch einwandfrei progressiver Gesinnung unschwer belegen. Und auch der Nestor der sowjetischen Physik, der Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Pjotr Kapiza, ein über den Verdacht des Dissidententums himmelweit erhabener Mann, hat es an Warnungen vor der so genannten »friedlichen Nutzung« der Atomenergie nicht fehlen lassen. Ich hoffe, dass dies alles genügen wird, der Redaktion der Weltbühne zu denken zu geben. Und ich habe das feste Vertrauen, dass Sie, hochverehrter Hermann Budzislawski, nicht zögern werden, den fälligen Denkprozess in der Redaktion fördern zu helfen und sich in dem Zusammenhang auch für den unveränderten Abdruck meiner Leserzuschrift vom 1. November 1977 einzusetzen. In großer Herzlichkeit und mit dem 363Briefe und Dokumente Ausdruck meiner Hochachtung vor Ihrem kämpferischen Leben und Ihrer glanzvollen journalistischen Lebensleistung verbleibe ich Ihr Brief an Freimut Duve19 (21. Fe bru ar 1978) Lieber Freimut! Über das Zustandekommen einer spanischen (genauer: kastellanischen) Ausgabe unseres oben genannten Buches von 1975 freue ich mich sehr. Der Verlag Editorial Avance S. A., Barcelona, hatte mich im Sommer 1977 darum gebeten, dieser Ausgabe einen aktualisierenden Anhang beizufügen, und demselben Wunsch hatte sich dann auch der Verlag Materiales S. A. de Estudios y Publicationes, ebenfalls Barcelona und offenbar, wie die Zeitschrift Materiales, weiter linksstehend, angeschlossen. Ich habe nun einen solchen Anhang, aus einschlägigen Aufsätzen, Interviews und Briefen von mir, die zwischen März 1976 und Fe bru ar 1978 entstanden sind, zusammengestellt und nach Barcelona geschickt. Eine Kopie übersende ich Dir in der Anlage hier und stelle anheim: a) das Rowohlt nächstens eine deutschsprachige neue Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum? veranstaltet und b) diese um das hier beigefügte deutschsprachig Original des Anhangs erweitert. Solltet Ihr, Rowohlts, damit grundsätzlich einverstanden sein, dann würde ich Dir (Euch) auf Anforderung nächstens den deutschen Originaltext des Anhang-Beitrags VIII (Europa, der spanische Kommunismus heute und die ökologisch-soziale Revolution) zugehen lassen; spanisch (kastellanisch) ist der Beitrag ganz in der Zeitschrift Materiales, Heft 6 (November/Dezember), Barcelona, 1977, S. 15 ff., erschienen, einen deutschsprachigen Vorabdruck wird nächstens vielleicht (!!) das Extra-Dienst-Extra über den Eurokommunismus (Erscheinungsort Westberlin) bringen. Dann müsste man aber auch einmal zusehen, wie das mit meiner Weltbühnen- Kon trover se um die Kernkraftwerksbegeisterung des Professor Klaus Fuchs weitergehen, was Budzislawski auf meinen Brief vom 24. Januar 1978 antworten wird und was ich dann darauf wieder zu erwidern haben werde, unter Umständen fiele für Eure (eventuelle) 19 (AH) Brief an den Rowohlt-Verlag, z. Hd. Herrn Freimut Duve, Herausgeber rororo-aktuell, Reinbek, vom 21. Fe bru ar 1978, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Zusätzliche Vermerke, maschinenschriftlich: Betrifft: W. Harich: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹; diesbezüglicher Brief des Herrn A. Becker-Berke an mich vom 1. Febru ar 1978. (Mit der Bitte um Kenntnisnahme auch an Herrn A. Becker-Berke.) 364 Teil II: Briefe und Dokumente bundesdeutsche Neuauflage noch mehr ab als für die Spanier (die übrigens, je ökologischer orientiert, desto mehr gegen Carillo sind, weil der Spanien, gegen Galtungs und Andreas Papandreous’ Warnungen, in die EG integriert sehen möchte). Schließlich könnte ich für den Anhang bei Euch auch noch Antikritiken gegen Harry Maier und Harry Nick beisteuern, die hier in der DDR indirekt, d. h. ohne Namen des Autors und Buchtitel zu nennen, gegen Kommunismus ohne Wachstum? polemisiert haben; vielleicht auch eine Polemik gegen Rechtziegler, der neuerdings mit der Weisheit hausieren geht, die Ressourcen der Erde seien zwar endlich, aber das brauche uns »praktisch« so wenig zu beunruhigen wie das irgendwann einmal Milliarden Jahren bevorstehende Erlöschen (oder auch Zerplatzen) der Sonne. Ich muss sagen, dass derlei Idiotien mich noch mehr aufregen als die Vorwürfe Biermanns, ich sei Denunziant, Spitzel und dergleichen (siehe Die Zeit vom 27. Januar 1978). Gut ist hieran, dass Biermann mit diesen Infamien jetzt gedruckt herausrückt. Jetzt kann ich gegen sie vorgehen; kann! Ob ich es tun werde, ist eine rein politische Zweckmäßigkeitsfrage, da mir, meinem Selbstverständnis ja genügt, zu wissen, dass jene Vorwürfe von A bis Z falsch sind. (Das Du dies voraussetzt, setze ich bei Dir voraus.) In der Hoffnung, bald von Dir zu hören und, wenn möglich, Dich möglichst auch wiederzusehen, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen Dein Brief an Klaus Höpcke20 (14. November 1978) Lieber Klaus Höpcke! Es ist jetzt einen Monat her, dass mich Ihr Schreiben vom 13. Oktober 1978 erreichte. Sie berichteten mir darin, »der Mann, um dessen Reaktion es uns so dringlich geht«, hätte, von Ihnen angesprochen, uns darum gebeten, »noch etwas Geduld« zu haben. Wenn ich Sie heute wissen lasse, dass ich für meinen Teil Geduld nicht länger aufzubringen vermag, so beachten Sie bitte, dass es dazu eines weit größeren Zeitraum als bloßer vier Wochen bedurft hat. Sich meines Anliegens annehmen zu wollen, versprachen Sie schon vor über vier Monaten. Und vor einem Vierteljahr erklärten Sie mir, höheren Orts sei nun in dieser 20 (AH) Brief an Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel der Deutschen Demokratischen Berlin, vom 14. November 1978, 3 Blatt. 365Briefe und Dokumente Angelegenheit grünes Licht gegeben worden. Doch damit nicht genug, hatte bereits Anfang Juni 1977 der Chefredakteur der Einheit, Professor Manfred Banaschak, mir zugesichert, Partei und Staat wollten die Kenntnisse, die ich mir auf dem Gebiet ökologisch fundierter Zukunftsforschung erworben, unbeschadet des problematischen Charakters meiner damit verbundenen Auffassungen, nicht ungenutzt lassen, weshalb es beschlossene Sache sei, mich in ein entsprechendes interdisziplinäres Gremium, unter philosophischer Federführung, mit einzubeziehen, das »ganz gewiss« noch im selben Jahr ins Leben gerufen werden würde. Dem waren meinerseits unter Mitgliedern und Mitarbeitern der Akademie der Wissenschaften einschlägige Bemühungen vorausgegangen, zu denen Banaschak, Alfred Kosing und Harry Nick mich bei einer gemeinsamen Unterredung, Anfang 1977, ermutigt hatten. Und dieses Gespräch wiederum war zu Stande gekommen durch einen sich monatelang hinziehenden, erst sehr unerquicklichen, später versöhnlicheren Briefwechsel zwischen der Redaktion der Einheit und mir, nachdem durch Nick in den Spalten der Einheit (Heft 5/6, 1976, S. 586 ff.) mein Buch Kommunismus ohne Wachstum? in teilweise verleumderischer Weise angegriffen worden war und die Redaktion sich geweigert hatte, meinem Verlangen nach Abdruck einer Gegendarstellung stattzugeben. Bedenkt man, dass mein erstes an die Einheit gerichtetes Schreiben hierzu vom Juni 1976 datiert ist und wir uns jetzt im November 1978 befinden, so sind nicht weniger als zweieinhalb Jahre vergangen, während deren ich mich in Geduld habe üben müssen. Nach alledem kann es mir schwerlich verargt werden, wenn ich mich nunmehr auf den Standpunkt stelle: Nun langt es mir! Klaus Höpcke, 1983 366 Teil II: Briefe und Dokumente Weiter in Geduld fassen könnte ich mich beim besten Willen auch deswegen nicht, weil mein Arbeitgeber, der Akademie-Verlag, vertreten durch Verlagsdirektor Prof. Berthold und den Cheflektor Zeisler, mir heute in einem Kadergespräch einer Aufgabe anvertraut hat, die, wenn ich sie akzeptierte, darauf hinausliefe, dass ich mich auf Jahre hinaus, wahrscheinlich bis zur Erreichung des Rentenalters (sofern ich das erreichen sollte), einer umfangreichen, mich vollständig beanspruchenden literaturwissenschaftlich-editorischen Tätigkeit widmen müsste.21 Einzig mit dem Hinweis auf Ihre dankenswerte Initiative vom Juli, deren Ausgang des jetzt noch ungewiss sei, konnte ich eine vorläufige Vertagung des Gesprächs herbeiführen: Bis Montag, den 4. Dezember, 9 Uhr früh. Dann werde ich Farbe bekennen müssen. Und noch für denselben Tag ist ein weiteres Gespräch, mit Kollegen Turley, angesetzt, der mit mir das praktische Vorgehen bei der Verwirklichung der genannten Aufgabe klären soll. Die bisherige Bearbeitung utopisch-sozialistischer Texte soll daneben weitergehen. Außer Zweifel steht, dass, falls ich mich diesen Verpflichtungen zu entziehen gedächte, es das gute Recht des Akademie-Verlages wäre, das Vertragsverhältnis mit mir unverzüglich – meines Erachtens sogar fristlos – zu lösen. Und moralisch bin ich der neuen Aufgabe um so mehr verpflichtet, als sie auf einem Exposé basiert, dessen Entstehungsgeschichte bis zu gemeinsamen Erwägungen von Georg Lukács, Paul Rilla, Hans Mayer und mir aus der ersten Hälfte der fünfziger Jahre zurückreicht, einem Exposé, das auszuarbeiten mir im September 1976 einer Ihrer Mitarbeiter, Herr Dahne, nahelegte und das ich daraufhin, nach Absolvierung der nötigen Vorstudien, dem Akademie-Verlag im Original und Herrn Dahne in der Kopie als meinen Vorschlag unterbreitet habe; nun allerdings mit der neuen Variante, in das Projekt auch die Lebensleistung von Lukács und Rilla selbst sowie von Werner Krauss mit aufzunehmen. Vielleicht wird ein Blick in dieses Exposé Sie dahingehend belehren, dass die Sache aus den verschiedensten – philologisch-textkritischen, kommentierungs-, aber auch aufwändigen manuskripttechnischen – Gründen einen auf Langfristigkeit angelegten Fulltime-Job verlangt. Vertraglich müsste ich den übernehmen. Wie aber, wenn ich ihn 21 (AH) Die in diesem und den folgenden Absätzen angesprochenen Exposés finden sich in den Bänden 6.2 (S. 1168–1179) zum sozialutopischen Erbe (inklusive verschiedener Briefe Harichs an den Akademie-Verlag) und 9 (S. 381–412) in Form von Briefen an Lothar Berthold und Hermann Turley vom Akademie-Verlag zur »Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Denker und Dichter der Vergangenheit«. Dort alle weiteren Informationen. 367Briefe und Dokumente wirklich übernähme? Dann wäre ich nicht einmal mehr im Stande, Ökologie, Zukunftsforschung und dergleichen auch nur als Feierabend- und Sonntags-Hobby zu betreiben, geschweige, die aus ihnen abzuleitenden Schlussfolgerungen in politische Praxis umsetzen zu helfen. Darauf verzichten aber will ich und kann ich nicht. Schon in den letzten Stadien meines dickleibigen Jean Paul-Buchs, 1971–1973, war ich oft drauf und dran, diesen Krempel hinzuschmeißen:22 So sehr hatten die Kassandrarufe der Ökologen, die Weltuntergangsszenarien des Club of Rome usw. mich aufgeschreckt. Dass ich mich trotzdem noch im September 1976 von Herrn Dahne dazu animieren ließ, jenes Exposé in Angriff zu nehmen, geschah im Grunde nur noch aus Anhänglichkeit an Lukács, dem eben damals Werner Mittenzwei ein – von mir lange schon herbeigesehntes – Come back bei uns zu bereiten im Begriff stand.23 Mit meinen Gedanken war ich ganz woanders: Bei der Verarbeitung der Salzburger Gespräche mit Robert Jungk, beim Meinungsaustausch mit Jost Herbig, beim Verschlingen von Büchern, die beide mir empfohlen hatten, bei Eingaben, mit denen ich unser Umweltschutzministerium für das Verbot von Spraydosen hierzulande gewinnen zu können hoffte usf. Und in eben dieser Richtung hat mittlerweile meine Entwicklung mich von der Literaturwissenschaft immer weiter und weiter weggeführt, am meisten und nachhaltigsten in diesem Sommer, unter dem Eindruck des Qualitätsumschlags der ökologistischen Bewegung im Westen von lokal bornierten Bürgerinitiativen und den Submilieus alternativer Lebensweise ins Parteipolitische. Es gibt da keinen Weg mehr zurück für mich, und in genau diesem Sinne werde ich am 4. Dezember im Akademie-Verlag die mir zugedachten Aufgaben zurückweisen, auf die Gefahr hin, dass man mich auf die Straße setzt. Ich schreibe Ihnen dies, damit Sie davon gegebenenfalls nicht überrascht werden. Ich teile es Ihnen mit, damit Sie ganz klar wissen, woran Sie bei mir sind. Mit freundlichen Grüßen Ihr 22 (AH) Siehe hierzu den Brief mit der Bitte um Ausreisegenehmigung aus der DDR an Erich Honecker vom 8. März 1979 (abgedr. in Band 8, S. 139–143). 23 (AH) Hierzu ausführlich in Band 9, dort alle weiteren Hinweise. 368 Teil II: Briefe und Dokumente Brief an Klaus Höpcke24 (20. November 1978) Lieber Klaus Höpcke! Ich habe nochmals meinen Brief vom 14. November an Sie in der Kopie durchgelesen und bin dabei auf das böse klingende »Nun langt es mir!« gestoßen. Zurücknehmen möchte ich diesen Ausruf nicht, auch nicht abschwächen, wohl aber, im Hinblick auf meine bevorstehende Hamburg-Reise, noch rechtzeitig verhüten, dass Sie falsche Schlüsse aus ihm ziehen. Enttäuschung und Resignation werden mich nicht dazu bewegen, die Deutsche Demokratische Republik bei Gelegenheit dieser Reise illegal zu verlassen. Sie können die absolute Gewissheit haben, dass ich – es sei denn, es ereilte mich vorher der Tod – am Abend des 30. November nach Berlin, Hauptstadt der DDR, zurückkehren, mich am darauf folgenden Tag telefonisch in Ihrem Sekretariat zurückmelden und auch den für den 4. Dezember 9 Uhr früh im Akademie-Verlag anberaumten Termin wahrnehmen werde. Ich bitte Sie, mir das zu glauben. Dies vorausgeschickt, habe ich heute aber noch etwas anderes auf dem Herzen. Ihre Mitarbeiterin, Frau Gisela Kreuzberg, legte mir neulich, als ich mir die Reisepapiere für Italien bei ihr abholte, eine von Ihnen unterfertigte schriftliche Direktive vor. Durch deren Unterzeichnung meinerseits sollte ich mich dazu verpflichten, im Ausland jederzeit den Standpunkt der DDR zu vertreten und nach Rückkehr einen in neun Exemplaren abzufassenden Bericht über meine Reise vorzulegen. Ich war etwas konsterniert, denn meine langjährige Freundin Gisela May hat, wie ich weiß, vor keiner ihrer vielen Auslandstourneen, die sehr häufig sogar mit Interviews für bürgerliche Medien – und das oft in heiklen politischen Situationen – verbunden gewesen sind, einen derartigen Revers zu unterzeichnen brauchen. Und auch von mir ist bei meinen Reisen nach Wien (1974), Genf (1975), Salzburg (1976), Irschenhausen-Linz-Starnberg (1978) nichts dergleichen verlangt worden, wobei ja immerhin gleich die erste Reise, die nach Wien, neben dem Dienstauftrag des Akademie-Verlages, den es damals beim Globus-Verlag zu erledigen galt, Interviews über mein Jean Paul-Buch für die Wiener Volksstimme und für die Fernsehserie Titel, Thesen, Temperamente des Hessischen Rundfunks der BRD zum Zweck hatte. Wieso also, fragte ich mich, jetzt auf einmal eine solche Verschärfung 24 (AH) Brief an Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel der Deutschen Demokratischen Berlin, vom 20. November 1978, 6 Blatt. 369Briefe und Dokumente der Bedingungen, von denen mir die Genehmigung einer Reise ins kapitalistische Ausland abhängig gemacht wird? Da die Italienreise neulich für mich privat von größter Bedeutung war – als einzige Chance, den Konflikt mit meiner österreichischen Lebensgefährtin beizulegen – und da meine italienischen Gesprächspartner, die Professoren Maldonado und Veca, gewiss keinen Wert darauf legen, dass ihre Theorie der Bedürfnisse, über die sie mit mir ein Fachgespräch zu führen wünschten, diskret behandelt werde, fiel es mir nicht allzu schwer, jene Direktive zu unterschreiben. Aus den besagten privaten Motiven hätte ich in dieser Situation alles unterschrieben. Nach meiner Rückkehr befragte ich jedoch Bekannte, die oft ins kapitalistische Ausland reisen, ob auch sonst in der DDR das Abverlangen derartiger Unterschriftsleistungen üblich ist. Frau Kirchenrätin Christa Grengel, von der ökumenischen Abteilung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, meinte zu mir, dies sei nicht auszuschließen; sie können es aber aus eigenen Erfahrungen und denen ihrer Amtsbrüder nicht bejahen, da die Kirche, wegen deren strikter Trennung von Staat, wohl eine Sonderstellung einnehme. Der Schriftsteller Heiner Müller versicherte auf mein Befragen, so etwas hätte es vor vielen Jahren einmal gegeben; es sei aber schon längst nicht mehr Usus, und von ihm fordere man solche schriftlichen Verpflichtungen vor seinen Reisen nie. Die Präzedenzfälle Gisela May und Heiner Müller und auch die bisher gegenüber mir selbst geübte Praxis genügen mir, Ihnen, lieber Klaus Höpcke, mein Befremden über die mir in Ihrem Namen durch Frau Kreuzberg auferlegte Verpflichtung zum Ausdruck zu bringen. Ich fühle mich, um es ganz offen zu sagen, seit der Italienreise im Vergleich mit anderen Kulturschaffenden jetzt diskriminiert. Und schon aus diesem Grund werde ich eine solche Direktive vor künftigen Auslandsreisen nicht mehr unterschreiben, auch nicht vor meiner nun bevorstehenden Reise nach Hamburg. (Übrigens haben sowohl Frau Grengel als auch Heiner Müller sich damit einverstanden erklärt, dass ich mich in dieser Sache auf sie und ihre Auskünfte Ihnen gegenüber berufe.) Freilich haben Sie vor meinen Reisen nach Salzburg, zu Robert Jungk und dessen damaligem Gast, dem amerikanischen Biophysiker und Zukunftsforscher John H. Platt, im September 1976, und nach Starnberg und Irschenhausen, zu Carl Friedrich von Weizsäcker und Jost Herbig, im März 1978, mich in mündlicher Form ebenfalls um Berichterstattung über die Ergebnisse der betreffenden Gespräche gebeten. Diesem Ihrem Wunsch bin ich damals, teils schriftlich, teils mündlich, gerne nachgekommen, 370 Teil II: Briefe und Dokumente nachdem ich den genannten Gesprächspartnern jeweils gleich zu Beginn der Begegnung Grüße von Ihnen ausgerichtet und sie über die erbetene und beabsichtigte Berichterstattung an Sie unterrichtet hatte. Nach meiner Rückkehr habe ich dann jeweils Ihnen erzählt, dass ich mich so und nicht anders verhalten hätte, und Sie hatten dagegen auch nicht das Geringste einzuwenden. Dementsprechend fühlte ich mich kürzlich in Italien berechtigt, mit Tomás Maldonado analog zu verfahren, d. h. ihn über meine Berichterstattungspflicht nicht im Unklaren zu lassen. Ob er diese Information auch an Professor Veca weitergegeben hat, weiß ich nicht, und mein Besuch bei der Familie Feltrinelli war ja rein privater Natur. Ich lege nun Wert darauf, zu betonen, dass, falls ich Ihnen auch über das bevorstehende Hamburger Kolloquium Bericht erstatten soll – wozu ich grundsätzlich durchaus bereit bin –, ich dies dem einleitenden Herausgeber des aktuell-Magazins Technologie und Politik, Herrn Freimut Duve, ebenfalls vor Beginn der Gespräche mitteilen und ihm anheimstellen werde, seinerseits die übrigen Diskussionsteilnehmer (es werden etwa 15 Wissenschaftler sein) davon zu unterrichten. Darüber hinaus halte ich es in diesem Fall, in Anbetracht des Umstandes, dass es sich diesmal nicht, wie seinerzeit bei Jungk, v. Weizsäcker, Herbig, Maldonado und Veca, um Gespräche unter vier bis höchstens sechs Augen handelt, sondern um eine erweiterte interne Redaktionssitzung einer Zeitschrift, die, von allem Politischen ganz abgesehen, Urheberrechts- und Konkurrenzgesichtspunkte zu beachten haben dürfte, für angebracht, es in das Ermessen von Herrn Duve zu stellen, dass er mich von der Erörterung etwaiger diskret zu behandelnder Tagesordnungspunkte im Hinblick auf meine Berichterstattungspflicht ausschließt. Dass er von einem derartigen Angebot Gebrauch machen wird, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Aber ihm in dieser Art freie Hand zu lassen, werde ich fairerweise nicht versäumen. Selbstredend werde ich umgekehrt auch Sie dann auf einen eventuelle Lückenhaftigkeit meines Berichts aufmerksam machen. Zum Schluss noch ein Wort zu der, wie mir scheint, wichtigsten Forderung jener Direktive: Zu der Erwartung, dass ich jederzeit den Standpunkt der DDR vertreten würde. Ich habe es bei allen meinen bisherigen Fachgespräch im kapitalistischen Ausland – in Salzburg 1976, in Irschenhausen und Starnberg 1978 und auch in Italien 1978 – nicht daran fehlen lassen, als loyaler Bürger der Deutschen Demokratischen Republik aufzutreten. Aber ich habe nichtsdestoweniger auch, wo immer die behandelte Thematik es verlangte, im Sinne meines Ihnen bekannten Konzepts eines wachstumslosen, homöostatischen Kommunismus argumentiert, und eben dieses Konzept 371Briefe und Dokumente deckt sich nun einmal nicht mit den in der DDR herrschenden Auffassungen, auch dann nicht, wenn man, wie ich, die Frage, wo der Durchbruch zu einem Kommunismus solchen Typs zuerst erfolgen werde, offenlässt und folglich damit keine direkte Kritik an der wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik der DDR und ihrer Verbündeten verbindet. Um sich zu überzeugen, wie meine einschlägige Theorie speziell in der DDR beurteilt wird, brauchen Sie, lieber Klaus Höpcke, sich nur im Marx-Engels-Jahrbuch, I, 1978, den Aufsatz von Rolf Dlubek, S. 17 ff., besonders S. 41 f., anzusehen. Ich frage Sie konkret: Schließt die Erwartung, dass ich im kapitalistischen Ausland jederzeit den Standpunkt der DDR vertrete, auf meiner Seite die Verpflichtung ein, dass ich meinen einschlägigen Ansichten abschwören bzw. sie bei mir behalte und mir den am angeführten Ort von Dlubek repräsentierten Standpunkt zu eigen mache? Wenn ja, dann werde ich gerade in Hamburg den Forderungen jener Direktive nicht Genüge leisten können, und in Hamburg am wenigsten; denn das Heft 12 von Technologie und Politik, das die Grundlage der dortigen Diskussion bilden soll, steht meinen Überzeugungen relativ um vieles näher als die Theorien, die von Robert Jungk oder gar von Carl Friedrich von Weizsäcker vertreten werden. Auch aus diesem ideologischen Grund werde ich jede Direktive, wenn sie mir jetzt abermals vorgelegt werden sollte, nicht unterschreiben können. Drei aktuelle Vorkommnisse, die mir dies unmöglich machen, kommen noch hinzu. Erstens hieße es Positionen verleugnen, die ich im Mai dieses Jahres in einem Interview für den Kölner Stadtanzeiger verfochten habe und von deren Richtigkeit ich nach wie vor überzeugt bin, wenn ich jetzt die Absetzung des satirischen Lustspiels Die Flüsterparty von Rudi Strahl vom Spielplan des Berliner Maxim Gorki-Theaters sowie die darauf Bezug nehmenden Äußerungen des Ersten Sekretärs der Bezirksleitung Berlin der SED, Konrad Naumann, und des Parteisekretärs des Gorki-Theaters in der Berliner Zeitung vom 3. November 1978 verteidigen wollte. Ich kann das unmöglich tun, und zwar um so weniger, als eine persönliche Bekannte von mir, Mitglied der SED, nur mit Not und Mühe und unter Praktizierung psychologisch-pädagogischer Tricks ihre fünfzehnjährige (!) Tochter davor zu bewahren vermochte, der durch Doppelwährung und Intershops bei uns begünstigten Prostitution anheimzufallen. Es ist eine sozialistische Position, von der aus es in dieser Frage für Strahl kein Tabu gab. Zweitens: Ich bin nun einmal Gegner der so genannten friedlichen Nutzung der Kernenergie. Zwar betrachte ich dies als ein globales und nicht als ein DDR-spezifisches Problem, und mit diesem Argument pflege ich Versuchen entgegenzutreten, die KKWs 372 Teil II: Briefe und Dokumente zum Gegenstand irgendwelcher gegen die DDR sich richtender Agitationen zu machen. Aber wenn eines der – nach meiner Meinung – wichtigsten und zu großen Zukunftshoffnungen berechtigenden historischen Ereignisse der Gegenwart wie die Volksabstimmung in Österreich, die jüngst die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf verhindert hat, in unseren Massenmedien völlig ignoriert wird, dann kann ich das nur aufs Tiefste missbilligen und es im übrigen für eine echte Dummheit halten, mit der unsere Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit und damit das Vertrauen der Bevölkerung zu Partei und Staat untergraben. Drittens lehne ich den motorisierten Individualverkehr sowie die aus ihm sich ergebende Zunahme des Straßenverkehrsnetzes aus Umweltschutzgründen entschieden ab und bin daher auch erklärter Gegner des Baus einer neuen Autobahn zwischen Berlin und Hamburg, wie er erst vor wenigen Tagen zwischen der DDR und der BRD vereinbart wurde. Wohlgemerkt werde ich diese meine Position in Hamburg nicht auf irgendeiner öffentlichen Veranstaltung oder in irgendwelchen Massenmedien vertreten. Ich fahre lediglich zu einer internen erweiterten Redaktionssitzung einer Fachzeitschrift, unter – mir zugesicherter – diskreter Behandlung meines Auftrags. Ich habe auch nicht die Absicht, auf dieser Sitzung oder in Gesprächen am Rand die eben angeschnittenen heiklen Fragen von mir aus zur Sprache zu bringen. Wenn diese Fragen aber von anderen Teilnehmern an mich herangetragen werden sollten, werde ich dem nicht ausweichen, sondern meine Meinung dazu zum Besten geben, und die weicht in diesen konkreten Punkten vom Standpunkt der DDR so sehr ab, dass die Abgabe einer schriftlichen Verpflichtung, jederzeit diesen Standpunkt zu vertreten, für mich nicht in Betracht kommt. Ich halte es für fair, Ihnen, lieber Klaus Höpcke, dies schon jetzt, rechtzeitig in aller Unmissverständlichkeit zur Kenntnis zu geben und damit die Bitte zu verbinden, mir die nochmalige Unterzeichnung besagter Direktive zu ersparen. Am Donnerstag, den 23. November, werde ich mir erlauben, bei Ihren Mitarbeiterinnen, Frau Röher und Frau Kreuzberg, vorzusprechen. Ich wäre aufrichtig dankbar, wenn mir dann die Ausreisepapiere nach Hamburg und der Valutascheck für den Kauf der Fahrkarten ohne weiteres ausgehändigt würden. Mit freundlichen Grüßen Ihr 373Briefe und Dokumente PS. In der Angelegenheit Feuerbach-Ausgabe Band 1 hat mir inzwischen der Akademie-Verlag ein dreiseitiges Schreiben des Herausgebers, Werner Schuffenhauer, zugestellt, das in freundlicher Form gehalten ist und an dessen Darlegungen ich wissenschaftlich nichts mehr auszusetzen finde. Es hätte besser vor acht Wochen an mich gerichtet werden sollen und nicht erst jetzt, aber – Schwamm drüber! Ich werde die Angelegenheit nun auf sich beruhen lassen und abwarten, wie sich der fertige Band ausnimmt. Brief an Klaus Höpcke25 (31. Dezember 1978) Lieber Klaus Höpcke! Zum Jahreswechsel ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen und Ihrer Frau für 1979 alles nur erdenkliche Gute zu wünschen. Ich verbinde damit meinen aufrichtigen Dank für Ihre Bemühungen, meine »grünen« Ambitionen ins wissenschaftliche Leben unserer Republik zu integrieren und so womöglich auch der Politik der DDR, namentlich ihrer langfristigen Vorausplanung, nutzbar zu machen, auf diese Weise aber auch mir aus der tiefen existenziellen Krise, die ich Ihnen im Juli anvertraute, herauszuhelfen. Dass Sie dabei nicht recht vorangekommen sind, dass man Sie vielmehr »oben« mit immer neuen Terminen hinhielt und recht unverbindlich vertröstete, ist nicht Ihre Schuld. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund anderweitiger Versuche, mich gleichzeitig, koste es, was es wolle, in den Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft zurückzuzerren, unterstreichen Ihre Misserfolge nur, wie viel Sie für mich und mein Anliegen riskiert haben dürften. Es fällt mir unter diesen Umständen sehr, sehr schwer, Dinge zu äußern – oder gar zu tun –, die mich leicht dem Vorwurf aussetzen könnten, ich fiele Ihnen nun in den Rücken. Auf die Gefahr hin, dass selbst Sie mir das einmal vorhalten werden, kann ich gleichwohl nicht umhin, daran zu erinnern, dass seit meinem schriftlich fixierten Ausruf, meine Geduld sei am Ende, »nun langt es mir aber«, auch schon wieder sechs Wochen ins Land gegangen sind. Wenn man danach und in Kenntnis dessen es im Büro Hörnig immer noch fertig brachte, Sie mit der falschen Auskunft abzuspeisen, man sei mit mir bereits im Gespräch, dann ist das ein allzu starkes Stück. Und beden- 25 (AH) Brief an Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel der Deutschen Demokratischen Berlin, vom 31. Dezember 1978, 3 Blatt. 374 Teil II: Briefe und Dokumente ken Sie doch bitte: Schon Anfang Juni 1977 hat Prof. Banaschak, nicht nur Chefredakteur der Einheit, sondern immerhin Sekretär des Zentralkomitees, mir fest zugesichert, dass ich noch im Laufe desselben Jahres in eine Kommission für Zukunftsforschung, Ökologie usw. einbezogen werden würde. Jetzt ist das Jahr 1978 vorbei, und abermals ist nichts dergleichen geschehen. Niemand kann es mir verargen, wenn ich nach alledem nichts mehr glaube, auch nicht daran, dass Anfang Januar endlich »jemand kommt«. Ich fürchte, es wird niemand mehr kommen. Sollte ich mich da aber täuschen, wird dann der »Kommende« mir Vorschläge zu unterbreiten haben, die sich wenigstens zu 70 Prozent mit meinen Vorstellungen decken? Und dazu mit der Gewähr, dass das Maß der Übereinstimmung nicht über kurz oder lang auf 50 Prozent oder noch weniger absinken wird? Vergleichen Sie doch bitte einmal, diese Fragen im Hinterkopf, die Materialien des 9. ZK-Plenums mit meinem soeben erschienenen Beitrag zur Gollwitzer-Festschrift.26 Sie werden dann selber, skeptisch gestimmt, mit dem Kopf schütteln. Ich will mich trotzdem noch ein letztes Mal, mit dem Willen, in der Sache ein Stück zurückzustecken, in Geduld fassen und die Zeit bis zum 10. Januar abwarten. Sollte ich nach diesem Termin indes abermals mit leeren Händen dastehen – oder mit der Vertröstung auf einen weiteren Termin –, dann wird der Gedanke an mein Alter, meinen miserablen Gesundheitszustand, meine nur noch begrenzte Arbeitskraft mir als Alternative zu einer – mitunter schon suizidär gefärbten – Resignation wohl nur noch den Aufbruch in andere, westliche Gefilde übrig lassen – nicht, um dort angenehmer zu leben, sondern damit mein Lebensrest von einer mir gemäßen Aufgabe verzehrt werde. Verstehen Sie das bitte nicht als Drohung. Es liegt auf der Linie meines Buches Kommunismus ohne Wachstum? Wo nämlich jener »wachstumslose, homöostatische Kommunismus«, von dem allein ich die Lösung der globalen ökologischen Krise erwarte, 26 (AH) Gemeint ist der Beitrag Das Weib in der Apokalypse. Am 29. Dezember 1978 beging Helmut Gollwitzer seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlass gab es eine Festveranstaltung, der eine Festschrift folgte. (Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens, hrsg. von Andreas Baudis u. a., München, 1979.) Harich und Gollwitzer hatten zu dieser Zeit brieflichen Kontakt (die entsprechenden Texte sind leider nicht erhalten), der nach Harichs Übersiedlung in den Westen fortgesetzt (siehe die entsprechenden Ausführungen dieses Bandes) und auch zu persönlichen Treffen ausgeweitet wurde. Harichs Beitrag wurde offensichtlich nachträglich und kurz vor Druckschluss in die Edition aufgenommen (S. 681–687). Neu abgedr. in Band 8, S. 163–170. 375Briefe und Dokumente sich durchsetzen werde, das lasse ich da, Seite 134 ff., offen. Die strukturell günstigsten Voraussetzungen dafür erblicke ich zwar in den Ländern des realen Sozialismus. Doch a. a. O., S. 137, füge ich hinzu, dies werde möglicherweise nicht ausschlaggebend sein. Faktoren wie der Grad der Industrialisierung, der Stand der Arbeitsproduktivität, der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohmaterialien und Energie usw. könnten sich als gravierender erweisen. Träfe dies zu – und mein Scheitern hierorts scheint eine Probe aufs Exempel zu liefern –, dann wäre der Kampf in die Höhle des Löwen zu verlegen, dorthin, wo Verschwendung, Rohstoffverschleiß und Umweltzerstörung am weitesten gediehen sind, wo die Konsumgesellschaft sich selbst ad absurdum zu führen beginnt, wo durch Wirtschaftswachstum Krisen nur noch verschärft, aber nicht mehr behoben werden können. Und manchmal dringen von dorther schon vorwurfsvolle Stimmen zu mir, die sagen: »Du sitzt sicher und geborgen hinter der Mauer, und wir sollen uns die Zähne einschlagen lassen für deine guten Ratschläge, wie wir der Bourgeoisie an der grünen Front den kapitalistischen Ausweg aus ihrer Krise verstellen helfen könnten?« Auch eine Art Abwerbung, wenn auch keine sehr verlockende. Seien Sie überzeugt: Nur höchst ungern verließe ich die DDR. Um von den Vorzügen des Sozialismus ganz abzusehen, ist ja für einen, der auf dasselbe Gymnasium gegangen ist wie Fontane, das sumpfigste, sandigste, mieseste Fleckchen der Mark Brandenburg immer noch herrlicher als alle Schönheiten, sagen wir, des Lago Maggiore samt Alpenhintergrund. Und ganz und gar zuwider wäre mir ein Abgang im Bösen, mit Krach. Wenn es denn sein müsste, würde ich möglichst unspektakulär und mit apolitischer Begründung von dannen ziehen: krankheitshalber, als Invalidenrentner, aus Liebeskummer und dergleichen. All dies hat meine derzeitige Situation, leider, in Fülle auch zu bieten. Es würfe als Motivierung kein rühmliches Licht auf mich, Rampenlicht schon gar nicht. Doch das wäre mir gerade recht, es sei denn, die wahren Gründe ließen sich – woran ich nicht glaube – mit politischem Nutzeffekt für uns herausstreichen oder auch hinter vorgehaltener Hand verbreiten. Wie dem auch sei: Wenn es denn sein müsste, erbäte ich mir als Gegengeschenk nur eines: Dass die Prozedur nicht durch neuerlich nervenzerreibendes Hinauszögern oder strapaziöse Behördenbittgänge meiner angeknacksten Gesundheit den Rest gibt. Denn es hat wirklich Hand und Fuß, wenn meine Ärzte jetzt nachholen, was sie schon vor drei Jahren vorhatten: mich zum Rentner zu machen, und mit dem Herzleiden, das sie dazu veranlasst, ist, weiß der Himmel, nicht zu spaßen. 376 Teil II: Briefe und Dokumente Doch davon genug. Vorderhand sollen all diese Erwägungen hypothetisch bleiben. Vorderhand ist es mir Ernst damit, bis zum 10. Januar 1979 einen anderen, besseren Ausgang Ihrer dankenswerten Bemühungen zu erhoffen. Nichts für ungut und nochmals alles Beste! In Herzlichkeit Ihr Brief an Christian Fenner27 (19. Fe bru ar 1979) Sehr geehrter Herr Fenner! Ihr Schreiben vom 7. Fe bru ar, im Auftrag unterzeichnet von Herrn Vilmar, habe ich heute erhalten. Für die freundliche und ehrenvolle Einladung, mich an dem Symposium Ihres Fachbereichs am 27. und 28 April zu beteiligen, danke ich Ihnen aufs Herzlichste. Ich würde sehr gerne Herrn Flechtheim zu seinem 70. Geburtstag persönlich beglückwünschen, hätte größtes Interesse daran, mich zu dem Fragenkreis »Die ökologische Krise als Thema der Futurologie und der politischen Praxis«, meinem zentralen Anliegen seit Jahren, zu äußern, und wäre äußerst gespannt, bei dieser Gelegenheit die in Ihrer Einladung genannten Beiträger der Veranstaltung kennen zu lernen. Leider muss ich Ihnen trotz alledem eine Absage erteilen. Denn bereits Anfang September 1978 habe ich meinem spanischen Verleger, Editorial Materiales Barcelona, fest zugesichert, ihm zur Präsentation der kastellanischen Ausgabe meines Buches Kommunismus ohne Wachstum? am »Tag des Buches«, dem 23. und 24.  April, in Barcelona sowie anschließend mindestens 14 Tage lang für Vorträge, Kolloquien und Diskussionen in Madrid und weiteren Städten Spaniens zur Verfügung zu stehen. Nachdem das Buch erschienen ist und ich meine Zusage daraufhin nochmals bekräftigt habe, sind die konkreten Termine bis in den Mai hinein festgelegt worden. Wenn Sie nichtsdestoweniger auch mir je ein Exemplar der Thesenpapiere der verschiedenen Beiträge aufheben und gelegentlich zugehen lassen würden, wäre ich Ihnen dafür sehr verbunden. An Herrn Flechtheim will ich mich zu seinem Geburtstag noch mit einem schriftlichen Glückwunsch wenden. Bitte empfehlen Sie mich Herrn Vilmar und den beiden anderen einladenden Herren Kollegen von der FU und übermitteln Sie besonders auch den für das 5. Thema als Referenten und Koreferenten vorgesehenen Herren Eppler, Herz und Michaelis mein außerordentliches Bedauern, mit ihnen diesmal nicht diskutieren zu können. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Ihr 27 (AH) Brief an Dr. Christian Fenner, Adres se der FU, Berlin (West), vom 19. Fe bru ar 1979, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 377Briefe und Dokumente Brief an die Botschaft der Republik Österreich in der Deutschen Demokratischen Republik28 (02.  April 1979) Sehr geehrter Herr Botschafter! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik hat mir die Genehmigung erteilt, mich, unter Beibehaltung meiner Staatsangehörigkeit, ab 30. März 1979 für zunächst 750 Tage, d. h. bis 30.  April 1981, im Ausland niederzulassen. Es ist mein Wunsch, in der Republik Österreich meinen Wohnsitz zu nehmen, und zwar in Wien, und hier zunächst provisorisch in der Pension Atrium (Adres se weggelassen, AH), wo ich mich vom 11. bis mindestens 19., spätestens 21.  April 1979 aufzuhalten gedenke. Danach will ich von Wien aus, auf Einladung meines spanischen Verlegers, bis Mitte Mai eine Reise nach Barcelona und Madrid unternehmen, um mir anschließend, zurückgekehrt, in Wien eine Wohnung zu suchen. Ich bitte Sie höflichst, mir das zu genehmigen und mir, zumindest fürs erste, ein ausreichend lang befristetes Einreisevisum für Österreich zu erteilen. Für meinen Lebensunterhalt wird gesorgt sein. Fürs erste habe ich mir aus Honoraransprüchen an westdeutsche Verlage 4.230,– DM auf das Konto einer Bekannten bei der Ersten Großen Österreichischen Sparkasse überweisen lassen. Im Übrigen bin ich auf Grund eines schweren Herzleidens (Zustand nach Herzinfarkt und nach späterer Doppel-Bypassoperation) nunmehr Invalidenrentner, was bedeutet, dass ich frühestens seit 10. Dezember 1978, spätestens seit 15. März 1979 seitens der Bundesrepublik Deutschland eine ausreichende Rente zu beanspruchen habe, die ich mir laufend nach Österreich überweisen lassen will. Den entsprechenden formellen Antrag werde ich am 17. oder 18.  April 1979 bei der Botschaft der BRD in Wien einreichen. Ich habe also nicht im mindesten die Absicht, mir in Österreich einen Arbeitsplatz zu suchen. Für die Wahl meines neuen Wohnorts ist ausschlaggebend, dass ich gemäß einschlägigen Darlegungen in einigen meiner Veröffentlichungen aus den Jahren 1975 bis 1979 konsequenter, kompromissloser Gegner jeglicher Nutzung von Kernenergie, der militärischen sowohl wie der – so genannten – friedlichen, bin. Ich möchte deshalb fortan inmitten des österreichischen Volkes leben, das mit seiner Abstimmung vom 5. No- 28 (AH) Brief an die Botschaft der Republik Österreich in der Deutschen Demokratischen Republik, Adres se Berlin (Ost), vom 02.  April 1979, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Der erhaltene Durchschlag des Briefes teilweise nicht lesbar, verschiedene Rekonstruktionen oder Kürzungen, auch stillschweigend. 378 Teil II: Briefe und Dokumente vember 1978 gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf, bahnbrechend für die gesamte internationale Umweltschutzbewegung, ein Zeichen von historischer Bedeutung gesetzt hat. Hiervon abgesehen, gibt es auch noch private Gründe, die mich insonderheit nach Wien ziehen. Meine Motive habe ich dem Vorsitzenden des Staatsrats der DDR, Herrn Erich Honecker, in einem Gesuch mitgeteilt, das daraufhin in einem gemäßen Sinn von ihm genehmigt worden ist.29 Als Invalidenrentner will ich mich, soweit meine reduzierte physische Leistungsfähigkeit dies noch zulässt, ehrenamtlich in der »ökologistischen«, der so genannten »grünen« Bewegung Westeuropas betätigen, nachdem analoge Bemühungen von mir in der DDR dreieinhalb Jahre lang kaum zu Resultaten geführt haben. Ich bitte sie eindringlich, diese Eröffnungen möglichst diskret zu behandeln. Denn ich habe den Behörden der DDR (…) versprochen, dafür zu sorgen, dass mein Fortgang aus der DDR kein öffentliches Aufsehen erregt und, vor allem, nicht direkt oder indirekt irgendwelchen westlichen Medien bekannt wird, ich mich noch in Berlin aufhalte. Aber auch bei der Ankunft in Wien möchte ich mich nicht einem Journalisten-Ansturm ausgesetzt sehen. In der Anlage füge ich eine Namens- und Adressliste meiner Referenzen in der Republik Österreich bei. Mit der Zusicherung, als Gast ihres Landes dessen Verfassung und Gesetzgebung zu achten und mich nicht in seine inneren Angelegenheiten einzumischen, voller Bewunderung für die großen kulturellen Traditionen Österreichs, sympathisch angezogen von seinen liebenswerten Menschen und in Vorfreude auf das Erlebnis seiner herrlichen Landschaft, verbleibe ich hochachtungsvoll ihr Brief an die Spanische Botschaft in der DDR30 (02.  April 1979) Euer Exzellenz, Herr Botschafter! Sehr geehrte Damen und Herren! Im Verlag Materiales, Barcelona, ist eine kastellanische Übersetzung meines Buches Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der Club of Rome (deutsch bei Rowohlt, Reinbek, 1975) erschienen. Diese Übersetzung sollte eigentlich bereits im Herbst 1978 29 (AH) Gemeint ist der Brief mit der Bitte um Ausreisegenehmigung aus der DDR an Erich Honecker vom 8. März 1979 (abgedr. in Band 8, S. 139–143). 30 (AH) Brief an die Botschaft des Königreichs Spanien, DDR, Berlin, vom 02.  April 1979, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 379Briefe und Dokumente herauskommen, ich sollte auf Wunsch des Verlegers zur öffentlichen Präsentation derselben nach Spanien reisen und hatte dafür auch schon sowohl die Ausreisegenehmigung der zuständigen DDR-Behörde als auch, in meinen früheren Reisepass 4556051 eingestempelt, Ihr Einreisevisum erhalten. Dann änderten die Dispositionen von Editorial Materiales sich jedoch, dergestalt, dass die Übersetzung erst zu Weihnachten 1978 in Barcelona auf den Markt kam und die an mich ergangene Einladung im Hinblick auf den »Tag des Buches« (23./24.  April) bis zum Frühjahr 1979 (letztes Drittel des April, erste Hälfte Mai) verschoben werden musste. Ich erklärte mich damit in einem vom 3. September 1978 datierten Brief an den Verlag einverstanden und bekräftigte meine Zustimmung zu dem neuen Termin nochmals brieflich am 11. Febru ar 1979, nachdem der hier in der Anlage beigefügte Brief des Verlages vom 23. Januar 1979, den ich als die letztgültige Einladung anzusehen bitte, bei mir eingetroffen war. Auf eben diese Einladung stützt sich meine Bitte an Sie, mir durch Visaerteilung den Aufenthalt in Ihrem Land vom 19.  April bis 16. Mai 1979 freundlicherweise zu genehmigen. Unabhängig von dieser Angelegenheit hat sich in der Zwischenzeit jedoch ergeben, dass ich, einerseits auf Grund meiner Invalidisierung (wegen eines schweren Herzleidens), andererseits wegen bestimmter politischer und beruflicher Differenzen, beim Staatsrat der Deutschen Demokratischen Republik den Antrag gestellt habe, mir die Übersiedlung in die Republik Österreich zu ermöglichen, und mir dieser Antrag zusammen mit der Spanienreise von den DDR-Behörden am selben 30. März 1979 bewilligt worden ist – durch das in meinen neuen Reisepass RA 0918901 eingestempelte Ausreisevisum auf Seite 7. In Folge dieses Sachverhalts muss ich nun unbedingt schon am 11.  April in Wien eintreffen, für welchen Tag ich auch bereits den Flug Berlin-Wien gebucht und bezahlt habe. In Spanien aber muss ich, zwecks der für meine Herzkrankheit unerlässlichen Akklimatisierung, spätestens am 21.  April (d. h. zwei Tage vor dem »Tag des Buches«), möglichst aber noch früher – am 19. oder 20.  April – eintreffen. So habe ich meine ebenfalls nach Barcelona eingelade Reisebegleiterin Eva Pfisterer, die in Wien lebt, gebeten, für uns beide den gemeinsamen Flug von Wien nach Barcelona für den 19., 20. oder 21.  April zu buchen. Nachdem all dies geschehen war, erfuhr ich nun heute von Ihrer zuständigen Mitarbeiterin zu meiner Überraschung und Bestürzung, dass die Bearbeitung meines Visaantrags 14 Tage in Anspruch nehmen würde. Ich bitte Sie sehr, das im vorliegenden 380 Teil II: Briefe und Dokumente Fall ausnahmsweise zu ändern. Und zwar sehe ich dafür grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder besitzen Sie die große Freundlichkeit, das von mir erbetene Einreisevisum in Berlin binnen einer Woche, bis spätestens Dienstag, den 10.  April 1979, zu erteilen. Oder ich fliege zunächst einmal am 11.  April nach Wien, um mir erst dort am 17.  April von der bei der österreichischen Regierung akkreditierten Botschaft des Königreichs Spanien das Einreisevisum erteilen zu lassen. Im zweiten Fall müsste ich Sie darum ersuchen, gleichzeitig mit der Bearbeitung meines Antrags die Spanische Botschaft in Wien davon zu verständigen, dass ich mir von ihr, und nicht schon in Berlin, das Visum in meinem Pass einstempeln lassen werde. Nur so können die 14 Tage, die Sie zur Visaerteilung benötigen, eingehalten werden, ohne dass dieses für mich zu spät kommt. Unter allen Umständen muss ich jedoch meinen Reisepass bei mir behalten, da er jetzt mein einziges Personaldokument ist. Indem ich Ihnen im Voraus für Ihre Bemühungen danke, verbleibe ich hochachtungsvoll Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich31 (12.  April 1979) Sehr geehrter Herr Botschafter! Sehr geehrte Damen und Herren! Gestatten Sie bitte, dass ich mich in folgender Angelegenheit an Sie wende. Auf Grund eines Herzleidens (Zustand nach Herzinfarkt und nach späterer, im September 1975 durchgeführter Doppelbypass-Operation) bin ich seit 10. Dezember 1978 arbeitsunfähig, und unter dem 12. März 1979 hat die Verwaltung der Sozialversicherung des FDGB-Kreisvorstandes Berlin-Friedrichshain mir mitgeteilt, dass, nach den Feststellungen der Ärzteberatungskommission sowie der Kreisstelle für ärztliches Begutachtungswesen, bei mir nunmehr Invalidität vorliege. Die mich in Berlin behandelnde Fachärztin für Kardiologie, die mir übrigens schon 1975 Invalidisierung empfohlen hatte, meint, dass sich daran auch nichts mehr ändern werde. Soweit ich unterrichtet bin, habe ich nach dem in der Bundesrepublik Deutschland geltenden Recht nun einen Anspruch darauf, dass eben dieser Staat jetzt die Zahlung 31 (AH) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich, Adres se Wien, vom 12.  April 1979, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Harich schrieb aus Wien, Pension Atrium. 381Briefe und Dokumente einer Invalidenrente in DM an mich übernimmt. Diesen Anspruch erlaube ich mir hiermit geltend zu machen. Auch in der Deutschen Demokratischen Republik freilich wird mir, in Mark der DDR auf mein Berliner Sparkassenkonto, die fällige Invalidenrente gezahlt werden. Da die Mark der DDR aber eine reine Binnenwährung ist, stehe ich in Österreich finanziell mittellos da und bin somit auf die mir von der Bundesrepublik zu zahlende Rente angewiesen. Daher bitte ich Sie, zu prüfen, wie hoch diese im vorliegenden Fall bemessen sein wird, und mich wissen zu lassen, ab wann ich mit entsprechenden Geldüberweisungen auf ein Girokonto, das ich mir bei der Ersten Österreichischen Sparkasse einzurichten beabsichtige, rechnen kann. (Für – später zu verrechnende – Abschlagszahlungen im Voraus wäre ich dankbar.) Der Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Herr Erich Honecker, hat mir, nachdem ich ihn in einem diesbezüglichen Gesuch darum gebeten hatte, mir die Übersiedlung in den kapitalistischen Teil des deutschen Sprachraums, und zwar nach Österreich, zu genehmigen, die Erfüllung dieses Wunsches gewährt. Durch das Ministerium des Inneren der DDR, Hauptabteilung Pass- und Meldewesen, wurde mir am 30. März 1979 zunächst für 750 Tage, bis zum 30.  April 1981, ein Visum, gültig zur mehrmaligen Ausreise in die Bundesrepublik Österreich, in das Königreich Spanien und nach Westberlin, ausgestellt. In Österreich möchte ich mich in erster Linie deswegen niederlassen, weil ich, wie dies aus mehreren Veröffentlichungen von mir, die in den Jahren 1975 bis 1979 erschienen sind, hervorgeht, konsequenter, kompromissloser Gegner jeglicher Nutzung von Kernenergie, auch der so genannten »friedlichen«, bin und weil gerade in dieser Frage das österreichische Volk mit seiner Abstimmung vom 5. November 1978 gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf, bahnbrechend für die gesamte internationale Umweltschutzbewegung, ein Zeichen von – wie ich es sehe – welthistorischer Bedeutung gesetzt hat. Nach Wien ziehen mich außerdem auch noch private Gründe. In Wien lebend und von dort aus will ich, so weit die reduzierte physische Leistungsfähigkeit eines Invalidenrentners das zulässt, mich bis zum letzten Atemzug ehrenamtlich in der ökologistischen, der so genannten »grünen« Bewegung Westeuropas betätigen. Was eine etwaige Aussprache zwischen uns über mein hier vorgetragenes Anliegen betrifft, so bitte ich Sie, zu berücksichtigen, dass ich, auf Einladung meines spanischen Verlegers, frü- 382 Teil II: Briefe und Dokumente hestens am 19., spätestens am 21.  April 1979 zur Präsentation der zu Weihnachten 1978 erschienenen kastellanischen Ausgabe meines Buches Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹ (deutsch bei Rowohlt, Reinbek, 1975) mich nach Barcelona, zum dortigen »Tag des Buches« begeben und danach, im Anschluss an einige fachliche Kolloquien, in Spanien auch kurz Urlaub machen werde. Etwa Mitte Mai beabsichtige ich nach Wien zurückzukehren. Zu einem Gespräch mit einem zuständigen Mitarbeiter der Wiener bundesdeutschen Botschaft werde ich also nur vor oder nach dieser Spanienreise zur Verfügung stehen können. Davon ganz unabhängig werde ich Sie eventuell aber noch vor meiner Abreise um die Ausstellung eines Reisepasses der Bundesrepublik bitten, dann nämlich, falls das Einreisevisum, dass ich bei der Botschaft des Königreichs Spanien in der DDR am 2.  April 1979 beantragt habe, mir von dessen Botschaft in Österreich nicht mehr rechtzeitig bis 18.  April erteilt werden sollte. Doch ich will hoffen, dass das noch klappen wird, so dass ich Sie in diesem Punkt nicht auch noch zu behelligen brauche. Zu ihrer Information heute nur noch so viel: Die Botschaft der Republik Österreich in der DDR hat mir die erbetene mehrmalige Einreise nach Österreich und die anschließenden Aufenthalte daselbst vorläufig nur bis 1. Oktober 1979 genehmigen können (durch den Einreise-Sichtvermerk Nr. 2084 vom 2.  April 1979). Was ich anstrebe, ist indes eine definitive Wohnsitznahme in diesem Land. Worum ich Sie, Herr Botschafter, meine Damen und Herren, zunächst ersuche, ist eine – sich auf besagte Rentenfrage beziehende – Rechtsauskunft. So halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass Sie in Bonn bei Ihrem Bundesministerium für Justiz rückfragen werden. Sollte das der Fall sein, so würde ich Sie bitten, meinen beiden an diesem Ministerium tätigen persönlichen Bekannten, Herrn Ministerialdirigenten Harald Kirchner (mit dem mich gemeinsame Vorliebe für Theodor Fontane verbindet), besonders aber Herrn Georg Maier, früherem Stellvertreter des Pressereferenten der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in (bzw. bei) der DDR, dessen Gastfreundschaft zu genießen ich in Berlin mehrmals das Vergnügen hatte, herzliche Grüße von mir ausrichten zu wollen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung 383Briefe und Dokumente Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich32 (17.  April 1979) Sehr geehrter Herr Botschafter! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich darf nochmals Bezug nehmen auf mein an Sie gerichtetes Schreiben vom 12.  April 1979. Der Rat, der mir hier zu soeben telefonisch von einem Ihrer Mitarbeiter erteilt worden ist, dürfte, wie mir nach kurzem Überlegen klar wurde, nicht sachgerecht sein. Ich wurde verwiesen an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte mit Sitz in Berlin (West). Tatsächlich bin ich aber während der letzten 14 Jahre meiner Berufstätigkeit (1965–1978) gar kein Angestellter gewesen, sondern gehörte zur freischaffenden Intelligenz, arbeitete auf Honorarbasis und führte einen dementsprechend um vieles höheren Sozialversicherungsbetrag ab. Davor befand ich mich acht Jahre und drei Wochen lang (1956 bis 1964) in Strafhaft (verurteilt zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Staatsverbrechens gemäß Artikel VI der – damaligen – Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, vorzeitig freigelassen auf Grund der Amnestie zum 15. Jahrestag der DDR). Von einem Angestelltenstatus konnte bei mir lediglich zwischen 1945 und 1956 die Rede sein, und da wiederum hatte ich als Universitätslehrer – zeitweilig und unter anderem – nach Ihren Begriffen sogar den Status eines Beamten. Ihr Mitarbeiter ließ mich aber heute am Telefon, als ich auf seine Frage, meine berufliche Entwicklung nach 1945 betreffend, mit der Bemerkung zu antworten begann, ich hätte zunächst als Journalist begonnen, gar nicht erst weiter reden, sondern fiel mir gleich mit der oben genannten, meines Erachtens irreführenden Auskunft ins Wort. Mir scheint nun eine klärende Unterredung das Richtige zu sein, um die ich Sie hiermit gebeten haben möchte. Sollte ich vor meiner Abreise nach Barcelona (am 22.  April) nichts mehr von Ihnen hören, werde ich mich nach meiner Rückkehr, etwa Mitte Mai, wieder bei Ihnen melden. Den weiteren Rat Ihres Mitarbeiters, um Überbrückungszahlungen bis zur Regelung meiner Rentenangelegenheiten nachzusuchen bei der österreichischen Sozialfürsorge, gedenke ich nicht zu befolgen aus dem einfachen Grund, weil ich der Bundesrepublik diese Blamage gerne erspart sähe. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung 32 (AH) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich, Adres se Wien, vom 17.  April 1979, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Harich schrieb aus Wien, hatte nunmehr sein Zimmer in der Castellezgasse bezogen, das er die nächsten Monate bewohnen sollte. Im Briefkopf Hinweis darauf, dass er auch über das Forum Alternativ oder Eva Pfisterer zu erreichen sei (beide Angaben mit Telefonnummern usw.). 384 Teil II: Briefe und Dokumente Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich33 (19. Mai 1979) Sehr geehrter Herr Konsularattaché! In der Anlage übersende ich Ihnen zur Kenntnisnahme je eine Kopie des Schreibens, das ich vorgestern an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin (West) gerichtet, sowie der Angaben über meinem Bildungsgang, meine beruflichen Tätigkeiten und meine Invalidisierung, die ich eben diesem Schreiben als Anlage 4 beigefügt habe.34 (Die Anlagen 1 bis 3 haben Ihnen bereits vorgelegen und wurden von Ihnen abgelichtet und amtlich beglaubigt.) Die Auskünfte, die Sie mir am 16. Mai 1979 mündlich erteilten, haben für mich einige alte, bekannte Fragen abermals offen gelassen und andere, unerwartete neu aufgeworfen. Aus diesem Grund möchte ich Sie nunmehr doch darum bitten, mir freundlicherweise eine Unterredung mit einem weniger im Konsulardienst tätigen, sondern mehr politischen Beamten Ihres Hauses zu vermitteln. Für eine Aussprache mit Herrn Botschafter Grafen Podewils persönlich wäre ich natürlich dankbar. Aber ich will auf eine solch hohe Ebene gar nicht prätendieren, sondern wäre durchaus auch schon zufrieden, wenn mir Gelegenheit gegeben würde, mit einem beliebigen, dem Herrn Botschafter als geeignet erscheinenden Diplo ma ten seiner politischen Abteilung zu sprechen. Was die Sache betrifft, so bitte ich um ein klärendes Wort zu den folgenden Fragekomplexen: 1) Das politisch-ökologistische, »grüne« Anliegen, das mich nach Österreich geführt hat, erfordert, dass ich mir, im Hinblick auf momentan zwar nicht absehbare, grundsätzlich aber jederzeit mögliche neue Entwicklungen im Osten, die Chance eines kritisch-freundwilligen Einwirkens auf die Wirtschafts-, Wissenschafts- und Umweltpolitik der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer Verbündeten offenhalte in dem Sinne, wie sich das aus den einschlägigen Darlegungen meines Buches Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹, Reinbek, 1975, und späterer Veröffentlichungen von mir zum selben Themenkreis ergibt. Lässt es sich da nicht vermeiden, dass die Bundesrepublik Deutschland mich zu Schritten drängt, die unweigerlich einen definitiven und unheilbaren Bruch zwischen der DDR und mir zur 33 (AH) Brief an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Österreich, z. Hd. Herrn Konsularattaché Gerwinat, Wien, vom 19. Mai 1979, 3 Blatt, maschinenschriftlich. Harich schrieb aus Wien. Zusatz maschinenschriftlich: Betrifft: Meine Rentenangelegenheit. 34 (AH) Abdr. in Band 15. 385Briefe und Dokumente Folge hätten, und dass von meiner Bereitschaft, solche Schritte zu tun, die Zahlung einer Invalidenrente an mich durch die Bundesversicherungsanstalt abhängig gemacht wird? Ein solches Junktim finde ich sowohl unwürdig angesichts des Kampfes, den wir »Grünen« für die Erhaltung des Lebens auf der Erde führen, als auch völlig unvereinbar mit den wesentlichsten Passagen der »Regierungserklärung zur Lage der Nation«, die jüngst Herr Bundeskanzler Helmut Schmidt vor dem Bundestag in Bonn abgegeben hat. 2) Als loyaler Bürger der DDR kann ich mir unmöglich die Rechtsauffassung der Bundesrepublik zu den Fragen der Nationalität und der Staatsangehörigkeit zu eigen machen. Ich möchte aber diese Auffassung, auch wenn ich sie, übereinstimmend etwa mit diesbezüglichen Äußerungen des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, inhaltlich ablehne, gerne wenigstens als in sich logisch stimmig verstehen und, gegebenenfalls, Dritten gegenüber verständlich machen können. Dazu sehe ich mich beim besten Willen jedoch nicht im Stande. Denn die Bundesrepublik setzt deutsche Nationalität mit einer – von ihr postulierten – »einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen« gleich, ohne dabei das Deutschtum beispielsweise der Elsässer, der Südtiroler, der Siebenbürger Sachsen usw. zu beachten – um von der Sprache, der Kultur, der geschichtlichen Vergangenheit unseres Gastlandes (soweit dessen slowenische, kroatische und ungarische Minoritäten außer Betracht bleiben) ganz zu schweigen. Wie reimt sich das? Offenbar rekurriert die Bundesrepublik auf den Umstand, dass sie selbst sowie die DDR und Westberlin einst Bestandteile des 1871 gegründeten Deutschen Reichs gewesen sind (für das, nebenbei bemerkt, dessen Begründer, Otto von Bismarck, den Namen »Deutschland« wohlweislich nicht in Anspruch nahm, ebenso wenig wie später die DDR sich den Namen »Volksrepublik Deutschland« zulegte). Erkennt man nun diesen Umstand als historische Begründung für das Postulat jener »einheitlichen Staatsangehörigkeit aller Deutschen« an und leitet man daraus, so wie es die Bundesrepublik tut, die Behauptung ab, dass es eine DDR-Staatsangehörigkeit überhaupt nicht gäbe, dann dürfte doch logischerweise von einem Bewohner der DDR nicht verlangt werden, dass er auf diese seine ja sowieso nicht existierende Staatsangehörigkeit erst einmal zu verzichten hätte, bevor er in den Genuss von Rechten kommt, die sich aus jener »einheitlichen« ergeben. Und genau dies ist der Widerspruch, den ich jetzt am eigenen Leib zu spüren bekommen, nachdem ich mich in meiner Rentenangelegenheit am 12.  April 1979 auf bundesdeutsches Recht berufen habe. Für die Explikation der Argumente, die diesen Widerspruch aufzulösen geeignet sind, wäre ich der Botschaft der BRD in Wien aufrichtig dankbar. 386 Teil II: Briefe und Dokumente 3) Bei unserem Gespräch am 16. Mai boten Sie, Herr Konsularattaché, mir die Ausstellung eines Passes der Bundesrepublik Deutschland an unter der Bedingung, dass zugleich ich den Pass, den die Deutsche Demokratische Republik mir ausgestellt hat – und der laut Eindruck ihr Eigentum ist –, bei Ihrer Dienststelle hinterlege. Als Sie hinzufügten, dies würde, namentlich der DDR gegenüber, geheim gehalten werden, gab ich zu bedenken, dass ich mich dadurch eo ipso mit der Gefahr aussetzte, für Geheimdienste Ihres Staates erpressbar zu werden. Sie wiesen diese Äußerung von mir sofort entschieden zurück. Ich unterstelle, dass Sie sich dabei absolut aufrichtig verhielten. Verstehen Sie bitte aber auch mich. Mein Misstrauen kommt ja nicht von ungefähr. Als ich mich 1956 in einer sehr krisenhaften Situation der politischen Entwicklung an die Bezirksleitung Berlin einer im Bonner Bundestag vertretenen, damals zugleich aber auch in allen vier Sektoren Berlins zugelassenen Partei wandte, um mit ihr rein politische Angelegenheiten, vor allem die Einheit Deutschlands betreffend, zu erörtern, wurde ich, arglos, wie ich war, unverzüglich in einen »Ostbüro«-Kontakt hineingeködert, den mir dann die Sicherheitsorgane und die Justiz der DDR, nachdem ich von ihnen verhaftet worden war, als eine gegen die DDR gerichtete geheimdienstliche Tätigkeit vorwerfen konnten. Das – unter anderem – war der Grund dafür, dass ich anschließend mehr als acht Jahre meines Lebens, vom 33. bis zum 42. Lebensjahr, in Strafhaft verbringen musste. (Dass meine frühe Invalidisierung auf Grund eines schweren Herzleidens eine Spätfolge dieser erlittenen Haft ist, lässt sich freilich allenfalls vermuten und nicht medizinisch exakt beweisen.) Es ist, wie Sie zugeben werden, nach solcher Erfahrung kein Wunder, dass ich allergisch reagiere, wenn ein bundesdeutscher Beamter mich jetzt, 1979, abermals zu einem gemeinsamen geheimszuhaltenden Verstoß gegen gesetzliche Bestimmungen der DDR zu animieren sucht. Unwillkürlich lege ich mir die Frage vor: Damals befanden wir uns im Kalten Krieg – gehört der jetzt wirklich der Vergangenheit an? Und tun die Behörden der Bundesrepublik wirklich schon alles in ihrer Macht Stehende, um Rückfälle in ihn auszuschließen? Für eine Antwort auch auf diese Fragen wäre ich der Wiener bundesdeutschen Botschaft zu Dank verbunden. Gestatten Sie mir zum Schluss noch eine letzte Bemerkung. Ich bin mit 55 Jahren schwer beschädigter Invalidenrenter. Ich bin es auf Grund eines auch nach der Bypass-Operation von 1975 immer noch lebensgefährlichen Leidens. Die mir noch verbliebene, stark reduzierte Leistungsfähigkeit möchte ich möglichst ausschließlich den edlen Zielen der »grünen« Bewegung widmen und nicht an bürokratische Formalien zur Sicherstellung meines Lebensunterhalts verschwenden. Ich bitte Sie daher, mir 387Briefe und Dokumente dahingehend zu helfen, dass vorliegender Brief an Sie, samt seinen Anlagen, der letzte sein und bleiben möge, den ich in meiner Rentenangelegenheit an irgendeine bundesdeutsche Behörde oder Körperschaft richten muss. Und vergessen Sie nicht, dass ich aus Regionen komme, denen man häufig und gern Bürokratismus vorzuwerfen pflegt! Welche Gelegenheit für die Bundesrepublik, sich da im friedlichen Wettstreit der Systeme löblich hervorzutun!! In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit freundlichen Grüßen Brief an Samuel Geiser35 (31. Mai 1979) Lieber Herr Geiser! Meine Adres se in Wien wollte ich Ihnen eigentlich erst mitteilen, nachdem ich eine endgültige Behausung gefunden haben würde. Das zieht sich aber doch so sehr hin, dass ich Ihnen jetzt einfach die Anschrift der linksökologistischen Gruppierung, die mich hier als ihr Ehrenmitglied (nur mit beratender Stimme, weil Ausländer) aufgenommen hat, mit dem herzlichen Wunsch übermittle, bald einmal wieder von Ihnen und den anderen POCH-Freunden (Deschwanden, Schmidlin usw.) zu hören. Das Forum Alternativ ist außerordentlich an engen und beständigen Kontakten mit POCH, an Gedankenaustausch mit deren theoretischen Köpfen und auch, gegebenenfalls, an gemeinsamen praktischen Aktivitäten über die Ländergrenzen hinweg interessiert, besonders im Hinblick auf die im August in Wien stattfindende UN-Konferenz, zu der das Forum mit einer Kontrastveranstaltung aufzuwarten gedenkt. Der erste Obmann des Forums heißt Peter Tagwerker. Sie diskutieren hier unter anderem auch über das Für und Wieder »grüner« Parteibildung in Österreich, und die Freunde, alles »Sieger von Zwentendorf«, würden gern in dieser Beziehung von Euren Erfahrungen profitieren. Mir wäre daran gelegen, am 15. Juni bei dem Treffen von Community Action im Haus Salecia, Maloya, mit dabei zu sein, mich anschließend nach Genf, zu einer Konsultation bei meinem Chirurgen von 1975, Prof. Hahn, zu begeben und dann auch noch Sie, lieber Herr Geiser, und Ihre Freunde zu besuchen. Aber diese Sache hat zwei Haken: Einerseits haben die DDR-Behörden mir nur vorläufig eine auf 750 Tage be- 35 (AH) Brief an Samuel Geiser, vom 31. Mai 1979, Privatadresse Biel, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Harich schrieb aus Wien, mit der Adres se des Forum Alternativ. 388 Teil II: Briefe und Dokumente fristete mehrmalige Ausreise nach Österreich, Spanien und Westberlin bewilligt, und erst am 21. Mai 1979 habe ich den hiesigen DDR-Konsul darum ersuchen können, dieses Visum wenigstens auch auf die Schweiz und die Bundesrepublik Deutschland auszudehnen. Andererseits wollen die Freunde vom Forum Alternativ, dass ich am 19. Juni, d. h. unmittelbar nach der Abreise Breschnews und Carters, in Wien an einer Podiumsdiskussion über Abrüstung und Umweltschutz (zusammen mit einem protestantisch-theologischen Pazifisten, einer SPÖ-Dame und einem KPÖ-Professor für Chemie) teilnehmen und dabei den »grünen« Standpunkt vertreten soll. So wird wohl fürs erste aus einer Schweiz Reise von mir kaum etwas werden. Aber vielleicht lasst bald Ihr – oder zumindest der eine oder andere von Euch – sich bald einmal hier in Wien blicken? Ermächtigt haben die Freunde vom Forum mich jedenfalls, Euch aufs Herzlichste einzuladen. Wie dem auch sei: In der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen wo auch immer und mit allen besten Wünschen und Grüßen an Sie und die anderen verbleibe ich Ihr Brief an das Komitee für die Freilassung Rudolf Bahros36 (16. Juni 1979) Sehr geehrter Herr Steinke! Ihrem Schreiben vom 13. Juni 1979 sowie den beigefügten Materialien entnehme ich, dass Sie und Ihre Freunde dem unglücklichen Rudolf Bahro, statt ihm effektiv zu helfen, nur neuen, schweren Schaden zuzufügen im Begriff sind: Indem Sie seinen Fall ausgerechnet mit demjenigen Nico Hübners verknüpfen; indem Sie einer Solidaritätsveranstaltung für ihn ausgerechnet ein Russel-Tribunal über die DDR im Allgemeinen vorausschicken, und das auch noch zwei Tage davor; indem Sie alles tun, um eine denkbare Amnestie zum 30. Jahrestag der DDR zu Schanden werden zu lassen an einem einschlägigen Appell, der von dem hierfür zuständigen Staatsrat nur als beleidigende Herausforderung empfunden werden kann, usw. usf. Auf derselben Linie liegt jetzt Ihr Ansinnen, dass ich mich am 30. Juli in Marburg kritisch zu Bahro äußern solle. Wie, bitte, unterscheide ich mich denn dann noch von jener »Marburger Schule«? Nicht einmal mehr durch die Wahl des Orts. Kritisch werde ich mich mit diejenigen Auffassungen Bahros, denen ich nicht zuzustimmen vermag, erst dann auseinandersetzen, 36 (AH) Brief an das Komitee für die Freilassung Rudolf Bahros, z. Hd. Herrn Rudolf Steinke, Berliner Adres se, vom 16. Juni 1980, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Harich schrieb aus Wien, Adres se des Forum Alternativ. 389Briefe und Dokumente wenn er in der Lage sein wird, als freier Mensch darauf zu erwidern, nicht einen Tag früher. (Vgl. meine Stellungnahme zu diesem Punkt im Interview für den Spiegel vom 11. Juni 1979, Seite 75.)37 Folgen würde ich Ihre Einladung nach Marburg gerne, aber nur, um dem Teil der Versammelten – der übergroßen Mehrheit, hoffe ich – der wirklich die Freilassung Bahros zu beschleunigen wünscht, aus meiner »langjährigen Erfahrung mit der DDR-Realität« die Augen zu öffnen über das zutiefst Zweckwidrige, um nicht zu sagen: Unheilvolle, Ihrer Aktivitäten. Leider habe ich bis jetzt, trotz intensiver Be