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5. Fazit und Ausblick in:

Atefa Parsa

Kellers kleiner Horrorladen, page 347 - 360

Eine Untersuchung des Grotesken in Gottfried Kellers Werk

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4537-4, ISBN online: 978-3-8288-7590-6, https://doi.org/10.5771/9783828875906-347

Tectum, Baden-Baden
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Fazit und Ausblick Die Keller’sche Groteske ist, wie gerade die letzten Seiten dieser Untersuchung zeigen konnten, keine vereinzelt auftretende Erscheinung, sondern durchaus als systematischer Gegenstand in seinem Werk zu bezeichnen. Sowohl die These Kaysers, Keller grenze die Möglichkeiten des Grotesken auf die Figurengestaltung ein, als auch Jennings’ erklärtes Ziel, Keller nicht als Groteske-Autor auslegen zu wollen,1902 konnten in der vorliegenden Arbeit widerlegt werden. In einer umfangreichen Untersuchung konnte Kellers Werk neu interpretiert werden, denn die bisher vorhandenen Untersuchungen zum Grotesken in Kellers Œuvre sind durchaus als mager zu bezeichnen. Ziel dieser Analyse war es daher, zu zeigen, dass das Groteske in Kellers Werk eine entscheidende Rolle spielt und dieses deshalb nur unter Berücksichtigung des Grotesken vollständig zu entschlüsseln ist: In allen hier behandelten Novellen konnten groteske Elemente nachgewiesen werden; vom lediglich ‚vereinzelten Auftauchen‘ des Grotesken im Werk kann demnach nicht gesprochen werden. Vielmehr ist von einer sich über Jahrzehnte hinweg erstreckenden Poetik des Grotesken zu sprechen. Die These, bei Keller handele es sich um einen vornehmlich humoristischen Autor, ist damit erwiesenermaßen überholt – Kellers kleiner Horrorladen hat das Gegenteil bewiesen. In Ermangelung einer feststehenden Definition und allgemeingültiger Kennzeichen des Grotesken war für die Analyse als Fundament eine Ausarbeitung von auf Keller anwendbaren Kriterien notwendig. Mit der Feststellung, dass das Groteske in der Reinform nicht existiert, sondern in seiner langen Geschichte von Epoche zu Epoche und Autor zu Autor variiert, wurden daher aus dem fast ‚unendlichen‘ Spektrum an Möglichkeiten speziell für Kellers Werk passgenaue Elemente identifiziert. Die Auseinandersetzung mit dem Grotesken hat unter Einbeziehung von Forschungskontroversen zu einem ‚Groteske-Zyklus‘ ge- 5. 1902 Vgl. für beide den Gliederungspunkt 1.1 in dieser Arbeit. 347 führt: Dieser besteht aus dem Schwanken zwischen Lachen und Grauen als Grundelement des Grotesken, dem eine unerwartete Irritation des Rezipienten vorangeht und ‚Entfremdung‘ folgt. Mithilfe diverser Mittel kann dieser Kreislauf in Gang gesetzt werden. Daher wurden im Folgenden vor allen Dingen die Figuren und die groteske Welt untersucht. Mit der Absicht, Keller aus ‚der humoristischen Ecke‘ herauszuholen, wurden dabei besonders die monströsen Elemente herausgearbeitet und in den Mittelpunkt gerückt, da sie meines Erachtens das Keller’sche Werk maßgeblich prägen. Dabei wurde deutlich, dass Kellers Werk ein außerordentlich gro- ßes Repertoire an grotesken Figuren aufweist. Er steht damit in der Tradition des Grotesken, denn groteske Figuren werden in Untersuchungen zum Grotesken stets angeführt. Aufgrund einer unerwarteten ‚Anomalität‘ irritieren sie den Rezipienten. Zurückgeführt werden kann dies zum einen auf ihr äußeres Erscheinungsbild, zum anderen auf ihr groteskes Verhalten. Beides kann den Leser sowohl erschrecken als auch zugleich erheitern. Die Analyse der Figuren ließ sich in mehrere Kategorien einteilen – zunächst wurden Figuren analysiert, die aufgrund ihrer Körpermerkmale als grotesk einzustufen sind. Das ‚gestörte‘ Verhältnis von Körperteilen zueinander bedingt durch Vergrößerungen oder Verkleinerungen ist hier als ausdrücklichstes Kennzeichen zu nennen. ‚Paradebeispiele‘ sind hierbei die Figuren Kätter Ambach (Liebesbriefe) und Adam Litumlei (Schmied). Sie sind im Gegensatz zu Michail Bachtins Vorstellung des grotesken Körpers auch aufgrund der von diesem explizit ausgeschlossenen Extremitäten1903 als grotesk zu bezeichnen. Jedoch konnten auch die Bachtin’schen Kriterien grotesker Körper nachgewiesen werden, wobei sich beispielsweise die Nase als grotesker Körperteil hervorgetan hat, was anhand mehrerer Figuren verdeutlicht werden konnte. Bei der Untersuchung grotesker Körperlichkeit war aufgrund von sich vermeintlich überschneidenden Kriterien auch die Abgrenzung zur Karikatur notwendig. Allein dass groteske Figuren keine berühmte Persönlichkeit zur Vorlage haben, schließt sie von der Kategorie der Karikatur aus. 1903 Vgl. Bachtin: Literatur und Karneval, S. 19. 5. Fazit und Ausblick 348 In der Vermischung von Figuren mit ‚unpassenden‘ Sphären findet sich in Kellers Novellen ein weiteres groteskes Motiv. Als Erbe der Romantik zeigen sich in seinem Werk vor allen Dingen drei Vermischungsmöglichkeiten, die sich vom ‚Belebten‘ bis zum ‚Unbelebten‘ erstrecken: Kellers menschliche Chimären weisen tierische, pflanzliche oder dingliche Charakteristika auf – manche Figuren, wie beispielsweise die Kammacher – alle drei zugleich. Die zahlreichen Beispiele in Kellers Novellen haben seine systematische Anwendung dieses grotesken Mittels unterstrichen. Nicht nur ‚offensichtliche‘ Tiervergleiche – beispielsweise in Form von tierischen Schimpfwörtern – lösen das groteske Empfinden aus, sondern vor allen Dingen auch die subtil erfolgende Vermischung einer Figur mit einem Tier. Die groteske Wirkung verstärkte sich dabei, je ‚weiter‘ sich das Vergleichstier vom Menschen entfernt. Dies konnte der Einsatz insekten- und echsenartiger Tiere aufzeigen, wobei Säugetiere ebenso eine Irritation auslösen, die durchaus auch zu Erheiterung führt. Dabei wurde auch eine Vorliebe für Vogel-Mensch-Wesen in den Novellen sichtbar. Neben der Vermischung mit Tieren ist die ähnlich gestaltete menschliche Pflanzen-Chimäre zu nennen. Sie zeigt sich meist in Form von Blumen oder dem für Keller wichtigen Motiv des Waldes. Diese ‚menschlichen Gewächse‘ sind zwar weniger häufig auszumachen als Kellers Tiervermischungen, stehen ihnen im Groteske-Empfinden jedoch nicht nach. Als besonders grotesk einzustufen ist meiner Meinung nach der Ding-Vergleich innerhalb dieser Kategorie. Dieser konnte vor allem anhand von Vermischungen mit Puppen, Marionetten sowie mit Automaten und Maschinen gezeigt werden. Aufgrund der ‚realistischen Verankerung‘ Kellers ist diese Art der Groteske verständlicherweise weniger häufig anzutreffen. Ich erachte jedoch die Ausarbeitung dieses Punktes gerade bei Keller als besonders interessant, da sein Werk mit diesem Aspekt bisher kaum in Verbindung gebracht wurde. Im Zusammenhang mit der Vermischung erscheinen mir die Ergebnisse aus dem Gliederungspunkt zur ‚Travestie‘ besonders wertvoll, da dieser Punkt als groteskes Mittel in Kellers Werk bisher noch nicht untersucht wurde. Die Figuren, die in diese Kategorie einzuordnen sind, weisen ähnliche Gestaltungsmerkmale auf. Als irritierend für den 5. Fazit und Ausblick 349 Rezipienten ist hier anzusehen, dass die Figuren nicht ihrem biologischen Geschlecht ‚entsprechen‘; sowohl durch ihr Äußeres als auch durch ihr Verhalten bewegen sie sich zwischen zwei Geschlechtern. So verkörpern sowohl Fritz Amrain (Amrain) als auch die ‚Zofe‘ (Landvogt) das Klischee eines verschüchterten Mädchens, und Frau Marianne (Landvogt) kann es in ihrem Verhalten ‚mit jedem Mann aufnehmen‘. Konfrontiert mit den ‚travestetischen‘ Figuren, ist der Rezipient ständig herausgefordert, sich mit der Sexualität auseinanderzusetzen, wodurch Irritation und Unbehagen entstehen. Da dem Leser jedoch eine Erklärung für die Transformation gegeben wird, kann er sich ‚entspannen‘ und über diese Vermischung gleichzeitig lachen. Mit Fokussierung auf das weibliche Geschlecht gestaltet Keller den weiblichen Dämon. Ein spezieller Blick, eine huschend-tänzelnde Fortbewegungsart und eine ‚geisterhafte Aura‘ zeichnen diese Figuren unter anderem aus. Sie haben alle ein starkes Bedürfnis nach Manipulation. Sie sind meiner Meinung nach die unheimlichsten Figuren in Kellers Werk, da sie sich an der Grenze des Realistischen zu bewegen scheinen. In ihrer Nähe ist auch stets eine dämonische Umgebung vorzufinden; dennoch geht auch von ihnen beispielsweise durch ihr Verhalten oder das Verhalten, das sie bei anderen auslösen, Erheiterung aus. In der Untersuchung des Doppelgängers – einer weiteren Figur, die man in Kellers realistischem Œuvre nicht erwartet – konnte der in diesem Motiv literarisch gestaltete Identitätsverlust herausgearbeitet werden, der groteskes Unbehagen auslöst. Die ‚Begleitumstände‘ sind auch beim Erscheinen des Doppelgängers als verstärkend grotesk anzusehen. Doch auch hier kann der erheiternde Effekt nicht übersehen werden: Wenn die Kammacher mit sich selbst konfrontiert sind, Strapinskis Schauspielerei aufgedeckt wird oder die Aufrechten den sieben Zwergen ähneln, kommt der Rezipient um ein Lachen nicht herum. Der in Zusammenhang mit Kellers Werk häufig genannte ‚Schein‘ zeigt sich auch in den als ‚scheinhaft‘ zu bezeichnenden Figuren: Diese sind, wie die Analyse gezeigt hat, nicht im Sein zu Hause, sondern leben in einer selbst geschaffenen Scheinwelt. Adam Litumlei (Schmied) und Viggi Störteler (Liebesbriefe) sind nur zwei Vertreter dieser Kategorie. Ihre ‚Anstrengungen‘ führen letztlich zum Ausgangspunkt ihrer 5. Fazit und Ausblick 350 ‚Bemühungen‘ zurück, sodass ihr normwidriges Verhalten aufgelöst wird, was sowohl Lachen als auch Grauen hervorruft. Nicht nur in der Analyse des grotesken Doppelgängers, sondern auch in Form von traumhaften Zuständen und dem Wahnsinnsmotiv konnte der groteske Identitätsverlust aufgezeigt werden. Ferner ließ sich auch die groteske Verkehrung bei Keller nachweisen – auffällig waren hier die verkehrten Rollen. Sehr viel unheimlicher als in den Figuren des Scheins ist der Schein innerhalb der Keller’schen Welt, die keineswegs als heiter oder sicher anzusehen ist. Hier zeigte sich die Fehleinschätzung Kaysers, wonach Keller das Groteske „auf die groteske Menschengestalt“1904 reduziere. Gerade mit Blick auf die Handlung bleibt einem oftmals aufgrund der in ihr vorkommenden Monstrosität ‚das Lachen im Halse stecken‘. Die Keller’sche Welt ist geprägt von Instabilität, und das Glück ist meist nur von kurzer Dauer oder ein scheinbares Glück. Die These Mays, wonach Kellers Welt sicher gestaltet sei,1905 konnte im Zuge dieser Untersuchung widerlegt werden. Katastrophen sind Kellers ‚Tagesgeschäft‘. Dass eine derart gestaltete Welt nicht nur in einer Novelle zu finden ist, sondern in allen Novellen hervorbricht, zeigt wiederum die systematische Gestaltung: Der ambivalente Schluss tritt in jeder Novelle als Kennzeichen dieser Welt auf, in der es nur scheinbar zu einem ‚Happy End‘ kommt. Das Zusammenwirken von grotesken Figuren und grotesker Welt charakterisiert – und das ist eine Schlussfolgerung dieser Arbeit – die Keller’sche Groteske. Trotz der Unwahrscheinlichkeiten, die sich in den oben gezeigten Figuren und der Welt zeigen, war es hier wichtig, Kellers Verortung im Realismus hervorzuheben. In Form von fantastischen Einbrüchen wird dieser Realismus Kellers bis an den Rand des Möglichen gedrängt. Mit der im Vorfeld erfolgenden ‚Einspurung‘ des Rezipienten werden die grotesken Elemente daher besonders wirksam. In einem Exkurs wurde der Versuch unternommen, die – innerhalb der Groteske-Forschung selten behandelte – Sprachgroteske in Kellers Werk aufzuzeigen, wobei sich schnell darlegen ließ, dass diese keine nennenswerte Rolle spielt. 1904 Kayser: Das Groteske, S. 113. 1905 Vgl. May: Kellers Sinngedicht, S. 99. 5. Fazit und Ausblick 351 Den Abschluss der Untersuchung bildete der Versuch, die Funktion des Grotesken in Gottfried Kellers Werk zu bestimmen, was sich aufgrund der zahlreichen von der Forschung genannten Groteske- Funktionen als nicht einfach herausstellte. Da sich Keller selbst nicht zur Verwendung des Grotesken geäußert hat, ist das Ergebnis der Untersuchung dieses Aspekts als wahrscheinlichste Möglichkeit zu verstehen. Dass es sich – wie manche Forscher behaupten – bei der Verwendung des Grotesken um ein funktionsloses Phänomen handelt, konnte diese Arbeit in Bezug auf Keller schnell verwerfen. Fruchtbarer schien es, aus dem Spektrum der ‚kritischen‘ Groteske-Funktionen eine für Kellers Verwendung spezifische auszumachen. Dass er in einer Zeit des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs lebte, steht in Einklang mit der Annahme, in solchen Zeiten sei das Groteske gehäuft aufzufinden und somit als Reaktion auf diese zeitlichen Umstände zu sehen. Trotz der häufigen Einordnung Kellers als Pädagoge durch die Forschung ist die fehlende konkrete Handlungsanweisung seiner Kritik als auffällig zu bezeichnen. Doch ist gerade dies ein Indiz für das Groteske, welches die Kritik ohne Lösungsvorschlag zulässt. Auch wenn sich Keller der Verwendung grotesker Mittel als solcher vermutlich nicht bewusst war, kann zudem eine Beeinflussung durch groteske Schriftsteller angenommen werden, denn Kellers Beschäftigung mit selbigen ist als auffällig zu bezeichnen. In der Analyse der unterschiedlichen Groteske-Methoden wurde bisher die Novelle Spiegel, das Kätzchen kaum behandelt. Die Novelle unterscheidet sich von den hier bereits ausführlich behandelten vor allem durch den Aspekt der – im Untertitel vorgenommenen – Kategorisierung durch Keller als Märchen. Auch wenn sie sich dadurch vordergründig von den anderen unterscheidet, zeigen sich in ihr gleichwohl die aufgezeigten grotesken Mittel, was die folgende Analyse zum Abschluss verdeutlichen soll. So herrscht auch in dieser Novelle eine unsichere, unheimliche Welt ohne Stabilität vor. Folgendes Beispiel gleich vom Beginn der Novelle verdeutlicht dies: Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötzlich ein trauriges Ende. Als das Kätzchen Spiegel eben in der Blüte seiner Jahre stand, starb die Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen herrenlos und 5. Fazit und Ausblick 352 verwaist zurück. Es war das erste Unglück, welches ihm widerfuhr […]. [Herv. d. Verf.]1906 Spiegels Herrin stirbt unerwartet, wodurch das ‚satte‘ Leben der Katze ein Ende hat. Dass hier „die Bedrohung des Daseins zwar keineswegs ausschließlich, wohl aber überwiegend von außen kommt“,1907 ist als besonders unheimlich aufzufassen. Die Novelle spielt „in einer seltsam entrückten Welt, in der es neben sprechenden Tieren auch Zauberer, Hexen und andere Wundertiere gibt.“1908 Nicht allein die darin vorkommenden Wesen sind meiner Meinung nach als unheimlich an sich einzustufen, sondern auch das, was mit ihnen in dieser Welt geschieht. Auch wenn also Laufhütte die Rettung Spiegels als „Märchenglück“1909 bezeichnet, so ist doch gerade dieses zufällige Glück ein Indiz für die Willkür dieser Welt. Dies ist nicht nur in realistisch verankerten Novellen als grotesk anzusehen, sondern kann im Märchen ebenso gut als unheimlich und unerwartet aufgefasst werden. Im Untertitel der Novelle teilt Keller dem Leser mit, dass es sich bei Spiegel um ein Märchen handelt,1910 wobei die Sekundärliteratur eine Kategorisierung als „Kunstmärchen“1911 vornimmt. Keller selbst äußert sich in einem Brief an Friedrich Theodor Vischer dazu folgendermaßen: Dieses Märchen ist stofflich ganz erfunden und hat keine andere Unterlage als das Sprüchwort [sic!] ‚Der Katze den Schmer abkaufen‘, welches meine Mutter von einem unvorteilhaften Einkaufe auf dem Markte zu brauchten pflegte.1912 1906 Keller: Spiegel, S. 242. 1907 Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 37 f. 1908 Gottfried Keller Handbuch, S. 64. 1909 Laufhütte: Martin Salander und die Deutungstradition, S. 36 f. 1910 Vgl. Keller: Spiegel, S. 240. 1911 Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 556. Kremer hebt die „Affinität von Märchenform und romantischer Poetik“ hervor (Detlef Kremer/Andreas B. Kilcher: Romantik. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler 2015, S. 188), die er „in der weitreichenden Option für das Phantastische und für eine imaginäre Welt“ (ebd.) begründet sieht. Vgl. zum Kunstmärchen auch den Eintrag im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. II, S. 366–369. 1912 Brief vom 31.01./29.06.1875 an Friedrich Theodor Vischer (vgl. Keller: Gesammelte Briefe. Bd. 3/1, S. 139). „Und er lockt seinen Vertragspartner mit einer meisterhaften Erzählung in eine Falle. Der Erzähler Spiegel – bzw. der Autor – wartet mitten im Märchen auf mit einer exemplarischen Novelle, die in paradig- 5. Fazit und Ausblick 353 Meines Erachtens ist für die Analyse des Grotesken in dieser Novelle die Unterscheidung zwischen Märchen und Kunstmärchen für diese Untersuchung irrelevant, da sich die ‚Einspurung‘ nicht voneinander unterscheidet. Dabei erfolgt die ‚Einspurung‘ hier noch vor Beginn des ersten Satzes durch den Untertitel.1913 Dies scheint zunächst der Annahme dieser Arbeit zu widersprechen, denn die bei Keller erfolgende ‚Einspurung‘ in den Realismus wurde als Voraussetzung für die eintretende unerwartete Irritation des Rezipienten bei fantastischen Dehnungen festgelegt. Dies muss für Spiegel eigens definiert werden. Fleming sieht „Spiegel als eine Novelle erscheinen, die zwar in der Epoche des Realismus verfasst wurde, mit Realismus jedoch nichts zu tun hat.“1914 Meines Erachtens ist diese Aussage nur teilweise zutreffend. Sie macht den Anschein ‚nichts mit Realismus zu tun zu haben‘; treffender finde ich jedoch den Standpunkt, in Spiegel seien „Märchen und Novelle, Wunder und Wirklichkeit mit poetischem Geschick verbunden“.1915 Dies sehe ich als wichtigen Punkt, denn trotz der Verortung als Märchen treten in Spiegel äußerst realistische Dinge auf. Begine beispielsweise ist tagsüber eine ‚ganz normale‘ Frau – erst in der Nacht wird sie zur Hexe. Die Fragen um Ökonomie und Sicherheit sind alltägliche Fragen. Dass es hier „neben sprechenden Tieren auch Zauberer, Hexen und andere Wundertiere gibt“,1916 ist, wie die Untersuchung der Novelmatischer Weise herausführt aus seinem märchenhaften Albtraum und auf ein Ereignis mit einem wirklichen Kontrast und mit ungeahnten Folgen zusteuert.“ (Arendt: Märchen-Novellen, S. 111). 1913 Zwar beginnt Kellers Märchen nicht mit den typischen Worten ‚Es war einmal‘; der Untertitel macht dies jedoch obsolet, weist er das Stück doch eindeutig als ‚Märchen‘ aus. Im Unterschied zur Phantastik sieht Zondergeld das Märchen als nicht irritierend an, da es dem Rezipienten den märchenhaften Alltag mit der Einleitung verdeutlicht, wohingegen in der Fantastik die „Konfrontation dieser Realität mit einer anderen bzw. auf der Veränderung des Vertrauten ins das Fremde, Unerklärliche beruht“ (Zondergeld: Lexikon der phantastischen Literatur (1998), S. 402). Die Kunstmärchen hingegen sieht sie als „phantastische Erzählungen“ (ebd.). 1914 Fleming: Der Körper in Kellers Spiegel, das Kätzchen, S. 72. 1915 Arendt: Märchen-Novellen, S. 115. Zur Legende wird das Märchen meiner Meinung nach, weil es etwa im 16. Jahrhundert spielt, was durch den „Hinweis auf die ungefähr zeitgleiche Schlacht von Pavia, 1525“ (Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 378) zurückgeführt werden kann. 1916 Gottfried Keller Handbuch, S. 64. 5. Fazit und Ausblick 354 len gezeigt hat, keine ‚exklusiv‘ Spiegel vorbehaltene Besonderheit und in Kellers Realismus nichts Ungewöhnliches. Man könnte im Spiegel somit von ‚realen Einbrüchen ins Fantastische‘ sprechen, was – wenn man bedenkt, dass das Groteske gleichzeitig realistische und fantastische Momente bedient – keinen Widerspruch zu den bisher in der Arbeit genannten Kriterien darstellt. Dass manche aufgrund ihrer in sich bestehenden Kohärenz das Märchen als nicht groteskeauslösend anerkennen,1917 unterstreicht die Annahme, bei Spiegel handele es sich um ein ‚realistisches Märchen‘. Auch wenn die Novelle in der Märchenwelt spielt, ist Begine als weiblicher Dämon zu bezeichnen. Dies wird an mehreren Stellen in der Novelle deutlich, beispielsweise im Schluss. Mit ihr an seiner Seite „führte [Pineiß] von nun an ein erbärmliches Leben; seine Gattin hatte sich sogleich in den Besitz aller seiner Geheimnisse gesetzt und beherrschte ihn vollständig. Es war ihm nicht die geringste Freiheit und Erholung gestattet“.1918 Müller sieht in ihm daher ein „lebenslängliche[s] (Ehe-)Opfer seiner Nachbarin, der Beghine [sic!]“,1919 die ihn zum „Folteropfer“1920 macht – die Lust am Quälen wird daher auch in ihr offenbar. Der Unterschied zu den anderen dämonischen Frauenfiguren ist die Kenntnis über ihr ‚wirkliches‘ Hexendasein – als Begine ist dieses in ihr noch nicht sichtbar. Die Vermischung von Menschen mit Tieren findet, wie bereits angesprochen, ‚umgekehrt‘ statt. „Kein Mensch im Werk GKs ist so lebensklug und gewandt wie der Kater Spiegel […].“1921 In der Novelle heißt es über Spiegel konkret „ein kluger Mann“1922 und „ein rechter Don Juan“1923 – beides Beschreibungen, die eine menschliche Person charakterisieren. Auffällig ist auch, wenn er „sang wie eine Nachti- 1917 Vgl. Steig: Zur Definition des Grotesken, S. 70. „Die Möglichkeit, Wunderbares und Märchenhaftes als grotesk aufzufassen, findet ihre Bedingung in der Struktur der Texte. Nur weil das Dargestellte mit den Ordnungsstrukturen bricht, die das Wirkliche gliedern, kann es grotesk werden, wenn es auf diese Ordnung bezogen wird.“ (Fuß: Das Groteske, S. 133). 1918 Keller: Spiegel, S. 279. 1919 Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 307. 1920 Gottfried Keller Personenlexikon, S. 27. 1921 Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 393. 1922 Keller: Spiegel, S. 248. 1923 Keller: Spiegel, S. 241. 5. Fazit und Ausblick 355 gall“.1924 Die „Mensch-Tier-Kreuzungen“1925 sind zwar für das Kunstmärchen typisch. Dass eine Katze jedoch derart menschliche Züge aufweist, den Menschen in seinem Dasein sogar übertrumpft, ist als Vermischung aber durchaus grotesk anzusehen. Auch die groteske Verkehrung wird in Spiegel mehrmals gebraucht, denn auch hier wird ein erwachsener Mann als „arglos und unschuldig wie ein Kind“1926 bezeichnet. Er „beging in seiner Verwirrung […] kindliche Dinge“1927 und „war ebenso zart gesinnt als heftig verliebt, ebenso spröde als kindlich und ebenso stolz als unbefangen“.1928 Dieses groteske Element ist hier als auffällig in der Verwendung anzusehen. Das Monströse in Spiegel zeigt sich unter anderem durch die Verträge, die die Figuren miteinander schließen. Sie haben kein Mitleid oder Erbarmen miteinander und ‚hauen sich übers Ohr‘. Dass Pineiß Spiegel füttert, um ihn dann – wenn es ihm am besten geht – sterben zu lassen, ist durchaus als monströser Vertrag zu sehen. Auch Spiegels Skrupellosigkeit dem Hexer gegenüber erachte ich als monströses Verhalten. Zudem ist auch Begine in der Ehe mit Pineiß – zu der er gezwungen ist – als ausnutzend anzusehen. Die Bewohner Seldwylas behandeln Spiegel nach dem Tod seiner Herrin durch ihre Verweigerung, ihn zu füttern, ebenfalls monströs. Sowohl Welt als auch Figuren in der Novelle können demnach dem Monströsen zugeordnet werden. Vordergründig scheint es in dieser Novelle um die Kritik an der Ökonomie zu gehen. „Die Menschenwürde leidet Mangel, wo es derart an Geld mangelt. Diese direkte Relation zwischen Geld und Essen läßt Keller nie außer acht.“1929 Arendt sieht den Spiegel als Gleichnis verfasst.1930 Richartz folgert unter anderem in Spiegel „die Entwicklung eines Gemeinwesens von völliger Verkommenheit zu leuchtender Vor- 1924 Keller: Spiegel, S. 251. 1925 Kremer: Romantik, S. 189. 1926 Keller: Spiegel, S. 259. 1927 Keller: Spiegel, S. 260. 1928 Keller: Spiegel, S. 260. 1929 Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 556. Jeziorkowski nimmt in diesem Zitat auch Bezug auf Spiegel. 1930 Arendt: Märchen-Novellen, S. 115. 5. Fazit und Ausblick 356 bildlichkeit.“1931 Sicherlich ist in dem monströsen Vertrag zwischen Pineiß und Spiegel ‚ein unmoralisches Angebot‘ zu erkennen, der sich im ‚sittenwidrigen‘ Pakt mit dem ‚Teufel‘ äußert. Doch auch hier ist erstens keine Handlungsanweisung an den Leser zu erkennen. Wildbolz sieht in Pineiß einen „Schurke[n], doch sozusagen in vernünftig kalkulierten Grenzen, wobei ihm immerhin endlich die Kalkulation mißlingt“.1932 In diesem Punkt ist Wildbolz meiner Meinung nach zu widersprechen, denn als ‚vernünftig‘ kann sein Verhalten nicht bezeichnet werden. Weiterhin erachte ich auch Spiegels Verhalten als durchaus nicht vorbildlich. „Mit vollem Magen ist es gut moralisch sein, ein leerer Magen korrumpiert“.1933 Im Gegensatz zu dieser Aussage sehe ich Spiegels Verhalten gerade in sattem Zustand als unmoralisch: Denn erst mit vollem Magen gelangt Spiegel zur Kraft, kreativhinterhältige Ideen zu entwerfen und auszuüben – und einen geschlossenen Vertrag durch eine Lüge auszuhebeln.1934 Auch in dieser Novelle scheinen die Dinge und sind es nicht. Begine scheint tagsüber eine gläubige Christin zu sein – nachts wird sie zur Hexe; Spiegel ist eher ein Moralapostel als wirklich vorbildliche Figur, und Pineiß ist ein ‚Kann-Alles‘, der – in Anbetracht der Liste an Künsten – doch nichts Wirkliches kann. Das Märchen gibt vor, in einer anderen Welt zu spielen, ist jedoch mit seinen Themen als durchaus alltäglich zu bezeichnen. Da sie bereits zitiert wurden, sollen die einschlägigen Stellen zum übertriebenen Essen an dieser Stelle nicht wiederholt werden.1935 Grotesk ist jedoch nicht nur die Menge und Darreichung des Essens in der Novelle, sondern auch Spiegels Methode der Lebensverlängerung nach 1931 Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 188 f. 1932 Wildbolz: Gottfried Kellers Menschenbild, S. 31 f. 1933 Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 564. 1934 Die Arbeit hat sich bereits intensiv mit dem Themenkomplex Didaktik und Moral in Kellers Novellen beschäftigt, dabei auch eindeutig Position bezogen mit der Aussage, wonach Keller durchaus als kritischer Autor gelesen werden kann, der es jedoch vermeidet konkrete Handlungsanweisungen zu geben. Der Spiegel ist dabei keine Ausnahme, jedoch soll an dieser Stelle nicht unbetont bleiben, dass eine andere Interpretation, in der gerade Spiegels Verhalten als geradezu vorbildlich gesehen werden kann, möglich ist. 1935 Vgl. hierzu in dieser Arbeit den Gliederungspunkt 3.1.2 zur Übertreibung. 5. Fazit und Ausblick 357 Vertragsabschluss: „Immer wieder gelingt es ihm, das Geschlachtetwerden durch Pineiss [sic!] hinauszuschieben, indem er diesen, wie Scheherazade in ‚Tausendundeiner Nacht‘, mit immer neuen Erzählungen hinhält“.1936 Dies ist zwar zunächst als erheiternd anzusehen, gleichzeitig muss aber auch angemerkt werden, dass er hier um sein Leben isst. Im Gegensatz zu den Kammachern erachtet Metz den Spiegel als positives Werk, wenn er sagt „[d]er Leser der Leute von Seldwyla muß schon zur folgenden Seldwyler Geschichte Spiegel, das Kätzchen greifen, will er das dunkle und unheimliche Ende der Drei gerechten Kammacher hinter sich bringen.“1937 Keineswegs handelt es sich meines Erachtens aber beim Schluss der Novelle um einen positiven, denn für Pineiß bedeutet er eine unglückliche Ehe mit einer Hexe. Zwar wird Spiegels weiteres Schicksal nicht erwähnt. Wenn er jedoch Pineiß‘ Ausbeutung mit den Worten „Immer fleißig, fleißig, Herr Pineiß?“1938 kommentiert, ist dies durchaus als Gehässigkeit und damit nicht positiv zu bewerten. Zudem stellt sich die Frage, wie sich Spiegel von nun an ernähren wird, denn seine Schwierigkeiten, Nahrung zu besorgen, sind nach Auflösung des Vertrages mit Pineiß nicht gelöst. Innerhalb der Binnenparabel des Spiegel wird auch der groteske Wahnsinn Begines behandelt. Sie war, wie Spiegel mitteilt, nicht immer die böse Hexe, sondern eine Schönheit, „die in aller Stille viel Gutes getan und niemanden zuwider gelebt hat.“1939 Verehrer, die sie umwerben, weist sie ab, da sie ihnen unterstellt, nicht an ihrer Person, sondern ihrem Vermögen interessiert zu sein.1940 Als sie sich in einen Jüngling verliebt, möchte sie auch ihn – der bezeichnenderweise ernsthaft in sie verliebt ist – auf die Probe stellen und bittet ihn darum, am Tag ihrer zum Schein nur erfundenen Hochzeit mit einem anderen Mann, anwesend zu sein.1941 Als sie realisiert, dass er nicht kommt, „fing sie an, an allen Gliedern zu zittern, und verfiel in die größte 1936 Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 393. 1937 Metz: Kellers Kammacher, S. 56. 1938 Keller: Spiegel, S. 279. 1939 Keller: Spiegel, S. 256. 1940 Vgl. Keller: Spiegel, S. 257. 1941 Vgl. Keller: Spiegel, S. 263 f. 5. Fazit und Ausblick 358 Angst und Bangigkeit“,1942 woraufhin sie Recherchen anstellt, bei denen sie erfährt, dass er in einer Schlacht ums Leben gekommen ist. Das Fräulein aber zerraufte sich die Haare, zerriß ihre Kleider und begann so laut zu schreien und zu weinen, daß man es die Straße auf und nieder hörte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie wahnsinnig die zehntausend Goldgülden herbei, zerstreute sie auf dem Boden, warf sich der Länge nach darauf hin und küßte die glänzenden Goldstücke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umherrollenden Schatz zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin zugegen wäre. Sie lag Tag und Nacht auf dem Golde und wollte weder Speise noch Trank zu sich nehmen; unaufhörlich liebkoste und küßte sie das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht plötzlich aufstand, den Schatz emsig hin und her eilend nach dem Garten trug und dort unter bitteren Tränen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch darüber aussprach, daß er niemals jemand anderm angehören solle.‘1943 Diese Form des Wahnsinns erinnert an den Wahnsinn Fridolins, der durch diesen „ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch wurde, der keines Menschen Freund war.“1944 Ebenso wie Begine ändert er durch den Wahnsinn sein Wesen. Die vorliegende Arbeit möchte – auch unter Einbeziehung des Spiegel – dazu beitragen, die Leerstelle der bislang nur sporadischen Auseinandersetzung mit dem Grotesken in Kellers Werk mit einer ersten umfassenden Untersuchung zu füllen. 1942 Keller: Spiegel, S. 264. 1943 Keller: Spiegel, S. 265 f. 1944 Keller: Kammacher, S. 239. 5. Fazit und Ausblick 359

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References

Abstract

With the intention of getting Gottfried Keller out of the ‘humorous corner’ and into the grotesque, the monstrous elements of his work are worked out. The result: catastrophes are Keller’s ‘day-to-day business’ and the grotesque is a systematic subject in his novels. The discomfort is shown in an extraordinarily large repertoire of grotesque characters, a world before collapse, and the urge not to burst into laughter when portraying it. The book shows how Keller creates this interplay between laughter and horror, what possible motivation he could have had and how realistic the whole thing is constructed by the author of bourgeois realism.

Zusammenfassung

Mit der Absicht Gottfried Keller aus der ‚humoristischen Ecke‘ heraus- und ins Groteske hineinzuholen, werden insbesondere die monströsen Elemente seines Werks herausgearbeitet. Das Ergebnis: Katastrophen sind Kellers ‚Tagesgeschäft‘ und das Groteske systematischer Gegenstand seiner Novellen. Das Unbehagen zeigt sich in einem außerordentlich großen Repertoire grotesker Figuren, einer Welt vor dem Zusammenbruch – und dem Drang bei der Darstellung davon nicht in Lachen auszubrechen. Wie genau Keller dieses Wechselspiel zwischen Lachen und Grauen kreiert, welche mögliche Motivation bei ihm dafür in Frage kommt und wie realistisch das Ganze beim Autor des Bürgerlichen Realismus noch gestaltet ist, wird in diesem Buch deutlich.