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4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk in:

Atefa Parsa

Kellers kleiner Horrorladen, page 317 - 346

Eine Untersuchung des Grotesken in Gottfried Kellers Werk

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4537-4, ISBN online: 978-3-8288-7590-6, https://doi.org/10.5771/9783828875906-317

Tectum, Baden-Baden
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Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk Die Intention des Einsatzes des Grotesken beschäftigt die Literaturwissenschaft ebenso intensiv wie die Erforschung des Phänomens selbst. Auch wenn es nicht das primäre Anliegen dieser Arbeit ist, zu zeigen, mit welchem Ziel und Zweck Keller das Groteske verwendet hat, sondern dass und auf welche Weise er dies getan hat, stellt sich nichtsdestotrotz bei der Untersuchung der Rolle des Grotesken die Frage nach der ‚Verwertung‘ der gewonnen Erkenntnisse. Ist das Groteske als Selbstzweck zu sehen oder soll mit seiner Hilfe ein ‚höheres‘ Ziel erreicht werden? Mithilfe seiner Selbstaussagen und der Forschungsliteratur zu Kellers pädagogischem Anspruch bei der Verfassung seiner Werke können hier zunächst Vermutungen aufgestellt werden. Anhaltspunkte bieten auch andere Autoren und deren Anwendungsfunktion des Grotesken. So unterschiedlich das Groteske in den vergangenen Jahrhunderten von Autoren umgesetzt wurde und so schwierig sich eine einheitliche Definition des Grotesken gestaltet, so unmöglich ist es in meinen Augen auch, eine einheitliche und für alle Autoren gültige Funktion des Grotesken herauszuarbeiten. Damit einher geht auch, dass jeder Autor – und jede Epoche – mit dem Einsatz des Grotesken eine andere Intention verfolgt haben kann, die es für jeden individuellen Fall herauszufinden gilt.1743 Laut Buck kann schlussendlich nur die „Wirkungsabsicht des Autors […] uns […] den produktiven Ansatzpunkt für Stellenwert und Funktion des Grotesken in seinem Werk“1744 aufzeigen. Dafür muss zunächst geklärt werden, welche Funktionen dem Grotesken über die Jahrhunderte überhaupt zugesprochen wurden. Der Fokus dieser Arbeit liegt hauptsächlich zwischen Funktionslosigkeit, einer pädagogischen Funktion inklusive der satirischen und dem generellen Kritiküben sowie der Feststellung, wo- 4. 1743 Choi: Employing the Grotesque as a Communication Strategy, S. 67. Vgl. dazu auch in Gliederungspunkt 2 die allgemeinen Ausführungen zum Grotesken. 1744 Buck: Das Groteske bei Büchner, S. 78. 317 nach das Groteske in Zeiten des Umbruchs gehäuft in Erscheinung tritt.1745 Kellers Einstellung zu pädagogischem Schreiben ist ambivalent zu sehen, da sich weder die Forschungsliteratur noch Keller selbst in diesem Punkt einig ist. Unter dem Aspekt des Grotesken betrachtet, ergeben sich bei der Beschäftigung mit dem Pädagogischen bei Keller meines Erachtens neue Hinweise zu seiner Intention. Diese Arbeit vertritt die These, dass Keller durchaus als ‚Kritisierender‘ gelesen werden kann, jedoch selbst von seiner didaktischen Arbeit als solcher nicht überzeugt war. Lösungsvorschläge mit konkreten Handlungsanweisungen – die für das Pädagogische unerlässlich sind – lassen sich, so die These weiter, nicht finden. Vielmehr kann das Groteske auf ‚seine‘ Umbruchzeiten zurückgeführt werden.1746 So wird zu sehen sein, dass es zum einen die zeitlichen Umstände waren, die ihn zur Verwendung des Grotesken bewegt haben, sowie zum anderen möglicherweise seine Beeinflussung durch bestimmte Autoren, die das Groteske ebenfalls verwendeten, wie beispielsweise Jean Paul.1747 1745 Neben diesen ‚Hauptfunktionen‘ gibt es darüber hinaus weitere, die sich nicht in die ‚klassischen‘ Funktionen einordnen lassen und für diese Analyse nicht relevant sind, weshalb sie hier lediglich erwähnt sein sollen. Als Produkt kranker Gehirne sieht Curtius das Groteske (vgl. Curtius: Das Groteske als Kritik, S. 295). Um das Böse zur Bagatelle zu machen, existiere laut Drewitz das Groteske (vgl. Drewitz: Groteske Literatur, S. 343). Foster sieht schlicht den ‚entertaining‘ Moment als Funktion (vgl. Foster: The Grotesque S. 80). Eine weitere Funktion des Grotesken nach Jauß kann die reine Schockwirkung sein (vgl. Burwick: The Grotesque in English and German Romanticism, S. 73; vgl. zur Schockwirkung auch Thomson: Funktionen des Grotesken, S. 103). „Die Tatsache, daß der Dichter abstruse Gestalten aus dem Volksglauben verwendet und zusätzlich Phantasiegestalten erfindet um dadurch eine höhere geistige Welt sichtbar zu machen, wird von Wolfgang Kayser als Sinngebung des Grotesken aufgefaßt, womit nach Kaysers Definition das Groteske hinfällig wird.“ (Leopoldseder: Groteske Welt, S. 144). Von Bormann sieht im Grotesken „einen Widerstand gegen einen zu eng gezogenen Vernunftbegriff “ (Alexander von Bormann: Das Groteske in der Gegenwartslyrik. In: Études Germaniques. 43. Jg./ Heft 1 (1988), S. 142–157. Hier: S. 151). 1746 Dass Keller in einer Umbruchzeit lebte, bestätigt auch Ursula Amrein im Vorwort zum Keller-Handbuch (vgl. Gottfried Keller Handbuch, S. XI). 1747 Bei Keller ist in seinen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, auch in der Verfolgung der Erstellung seiner Novellen, keine groteske Poetologie auffindbar. Vieth sieht bei Fischart „manches als barocke Häufungen“, die „nicht bewußt als groteske Klangwirkungen gedacht [sind]. Aber wir empfinden sie heute so.“ (Die beiden letzten Zitate stammen aus: Vieth: Wortgroteske, S. 35.) Thomson 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 318 Fragwürdig erscheint es, in einer literaturwissenschaftlichen Arbeit ein Phänomen bei einem Autor zu untersuchen und daraufhin dessen Funktionslosigkeit festzustellen. Kann ein literarisches Phänomen ‚einfach so‘ auftauchen oder muss ihm immer auch eine Funktion und ein Zweck zugesprochen werden? Beim Grotesken handelt es sich um ein in jeder Hinsicht so spezifisches Phänomen in der Literatur, dass ihm meines Erachtens grundsätzlich zugesprochen werden könnte, funktionslos aufzutauchen. So stellt Friedrich Piel fest, dass die Intention des Grotesken das Nichts sei,1748 was in eine Intention gefasst in meinen Augen gleichzeitig Funktionslosigkeit darstellt. Laut Kleinschmidt verweigere das Groteske „den Zwang zu kontinuierlichem Sinngewinn“1749 – eine These, die vermuten lässt, das Groteske könne zweckfrei und funktionslos auftauchen. Dass es keinen Sinn hinter dem Grotesken zu erkennen gibt beziehungsweise das Groteske keinen Sinn ausdrücken will, stellt auch Andrea Bartl fest, denn sie ist der Meinung, „jedes Sinnangebot […] wird vom Grotesken hintertrieben.“1750 Solange es keinen Sinn im Erscheinen des Grotesken zu finden gibt,1751 kann es auch keine Funktion erfüllen, und Manfred Schumacher hätte recht, wenn er von der Zweckfreiheit der Groteske weist darauf hin, dass es „unabsichtliche oder unfreiwillige Groteske[n]“ gibt (vgl. Thomson: Funktionen des Grotesken, hier das Kapitel Das unabsichtliche Groteske, S. 110–115). Jean Paul war eine Zeit lang „der Lieblingsdichter“ (Schaffner: Gottfried Keller als Maler, S. 8 f.) Kellers. Jennings erachtet die Verwendung des Grotesken bei Keller „influenced by his slight physical deformity; he had a rather large head and short legs.“ (Jennings: The Ludicrous Demon, Fußnote 58, S. 193 [Beginn der Fußnote auf Seite 192]). 1748 Vgl. Theissing: Die Grotteske und das Groteske, S. 269. 1749 Kleinschmidt: Kulturelle Energien grotesker Rede, S. 188. Zwar beziehen sich diese Aussagen auf die groteske Rede, dennoch kann der Inhalt meines Erachtens auch für die anderen grotesken Phänomene in der Literatur als gültig erachtet werden. 1750 Bartl: Das Groteske als Indikator und Faktor kultureller Transformationsprozesse, S. 177. 1751 Freilich könnte man annehmen, der Sinn des Grotesken liege gerade darin, über keinen Sinn zu verfügen. Sollte beispielsweise mit der Sinnverweigerung zum Nachdenken angeregt werden, so wäre das Nachdenken der Sinn und die Sinnfreiheit das Mittel. Demnach würde der Autor das Groteske anwenden, ohne einen bestimmten Zweck damit zu verfolgen, und damit die ‚Sinn-Erwartung‘ des Lesers zu enttäuschen, zum Sinn machen. Laut Leopoldseder „strebt die Willkür des Grotesken nach deutungsloser Infragestellung und Zerstörung des Wirklichkeitsbereiches“, wodurch es zu keiner „sinnbezogen Deutung“ kommen 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 319 spricht.1752 Auch Jennings spricht dem Grotesken allgemein jeglichen Zweck ab: „The true grotesque is not ‚used‘; it simply appears.“1753 So beschreibt auch Ludger Vieth in seinen Beobachtungen zur Wortgroteske die Wortneubildungen bei Fischart, die oft unverständlich blieben. Dass dies so ist, liege nicht am Leser, sondern daran, dass sie gar nicht auf einen Sinn hin geschrieben seien.1754 All diese Meinungen zeigen, dass das Groteske das Potenzial hat, ein funktionsloses Phänomen zu sein. Diese Meinung wird jedoch im Gesamtspektrum der Autoren, die sich über die letzten Jahrhunderte mit dem Grotesken und auch dessen Funktion beschäftigt haben, von wenigen vertreten. Meiner Meinung nach kann es durchaus Autoren geben, die groteske Mittel funktionslos einsetzen; dennoch erscheint es mir wahrscheinlicher, dass sich Autoren am Zeitgeist und anderen Autoren orientieren und so – ohne sich selbst dessen ganz bewusst zu sein – grotesk schreiben, auch wenn sie mitunter die grotesken Mittel, die sich verwenden, also solche nicht kennen.1755 Groteske (Zeit-)Kritik Viele Autoren machen das ‚Kritiküben‘ als Beweggrund für den Einsatz des Grotesken aus. Damit einhergehend wird auch die pädagogische Funktion genannt – mit einer starken Tendenz zum Satirischen, was meines Erachtens mit einer unklaren Abgrenzung von Groteske und Satire zusammenhängt.1756 So wird auch mehrfach Kellers Werk fälschlicherweise mithilfe von Satire erklärt und mit dieser in Zusam- 4.1 kann. (Die beiden letzten Zitate stammen aus: Leopoldseder: Groteske Welt, S. 130.) 1752 Vgl. Schumacher: Das Groteske und seine Gestaltung in der Gothic Novel, S. 54. 1753 Jennings: The Ludicrous Demon, S. 128. 1754 Vieth: Wortgroteske, S. 33. 1755 Jennings macht darauf aufmerksam, dass das Groteske in Kellers Zeit „fast notwendig zur Literatur […] gehört.“ (Jennings: Das Groteske und Keller, S. 271), wobei er dies „in der individuellen Psyche“ (Jennings: Das Groteske und Keller, S. 271) begründet sieht. 1756 Vgl. beispielsweise Fuß, der von einer „prinzipiellen Nähe von Satire und Groteske“ (Fuß: Das Groteske, S. 314) ausgeht. 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 320 menhang gebracht.1757 Trotz aufzuzeigender Überschneidungen und Ähnlichkeiten im Hinblick auf die Kritik sind Abgrenzungsmöglichkeiten gegeben. Wurde im Kapitel ‚Nachbarkategorien‘ die Satire noch ausgespart, wird nun hier der Zusammenhang und die Abgrenzung beider Stile in Kürze vorgenommen. Dabei wird schnell ein Verwandtschaftsverhältnis beider deutlich, das sich bei Ruskin in Form einer hierarchischen Struktur zeigt, denn er „stufte das Satirische […] als untergeordnete Ausdrucksformen des Grotesken ein […].“ Hoffmann- Walbeck sieht zwischen Satire und Groteske ebenfalls ein Hierarchie- Verhältnis,1758 und Jansen schafft ein Abhängigkeitsverhältnis, indem er die Satire als Zweck und das Groteske als Mittel1759 erachtet. Ein Hierarchie- und Abhängigkeitsverhältnis zwischen Satire und Groteske zu schaffen, ist meiner Meinung nach jedoch für diese Arbeit nicht zielführend, da es sich um zwei unterschiedliche Stile mit unterschiedlichen Intentionen und ‚Werkzeugen‘ handelt.1760 Ähnlichkeiten und teilweise Übergänge1761 gibt es nichtsdestotrotz im enttarnenden Effekt, welcher in meinen Augen als Grundvoraussetzung von Kritik anzusehen ist. Dabei spielt auch der moralische Aspekt eine wichtige Rolle. 1757 Kern spricht von „satirische[r] Schreibweise“ (Kern: Der Erzähler von Seldwyla, S. 154) in den Leuten von Seldwyla. Kirchberger sieht in Kleider machen Leute eine „satirical intention” (Lida Kirchberger: „Kleider machen Leute“ und Dürrenmatts „Panne“. In: Monatshefte. A Journal devoted to the Study of German Language and Literature. 52. Jg. (1960), S. 1–8. Hier: S. 2). Vgl. auch: „Das ist beissende, verletzende Satire, die noch weit entfernt scheint von dem weltbejahenden, weltfrohen Humor des Dichters, wie er uns bei ähnlichen Gelegenheiten schon in der Kindheitsgeschichte Heinrichs entgegentritt und uns entzückt.“ (Fleissner: Bilder und Gleichnisse, S. 493). 1758 Sie sieht die Satire sich „in der Art der Zuspitzung der Groteske nähern“ (Hoffmann-Walbeck: Groteske als Mittel zur Zeitkritik, S. 15). 1759 Vgl. Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 77. 1760 Cramer behauptet, die Satire und die Groteske seien unvereinbar, widerspricht sich laut Jansen jedoch selbst (vgl. Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 67). 1761 Meines Erachtens kann zwischen unterschiedlichsten Stilen und Gattungen eine gemeinsame Menge interpretiert werden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass durch die Existenz dieser sich überschneidenden Merkmale beide als zusammengehörig zu betrachten sind. 4.1 Groteske (Zeit-)Kritik 321 Dass die Satire kritisiert, wird ihr allgemein zugesprochen,1762 dass das Groteske die Möglichkeit des Kritisierens hat, wird hingegen von manchen bezweifelt. Bezüglich Moral und Kritik im Grotesken herrschen unterschiedlichste Meinungen vor. „Coleridge bemängelt die fehlende moralische Ausrichtung des Grotesken“,1763 und in dem als Groteske bezeichneten Besuch der alten Dame wäre laut Kühne keine Moral sichtbar.1764 Ruskins Meinung nach erfordere das Groteske jedoch „auch ein moralisches Urteil“1765 und eine „ethische Dimension“. Als Kompromiss tritt daher Schumachers Vorschlag auf, der zwar der Meinung ist, das Groteske streife das Didaktische ab, „auch wenn es sich manchmal als Formmoment in die Dienste der satirischen Intention stellt.“1766 Kühne sieht hier die Möglichkeit „der Überdeckung der satirischen Gesellschaftskritik durch eine verzerrte und verabsolutierte Groteske“.1767 Die beiden letztgenannten Autoren scheinen damit der Meinung zu sein, das Groteske hätte eine kritische Dimension inne, welche jedoch durch sein Grotesk-sein überdeckt wird. Jansen erkennt im Grotesken ebenfalls die Eigenschaft, über eine satirische Funktion1768 zu verfügen.1769 Damit setzt er Groteske und Satire jedoch nicht gleich, er zeigt vielmehr, dass das Groteske verschiedene Abstufungen 1762 Vgl. die Ausführungen zur Satire in Reallexikon d. deutschen Literaturwissenschaft. Bd. III, S. 355 f. 1763 Schumacher: Das Groteske und seine Gestaltung in der Gothic Novel, S. 54. 1764 Kühne: Satire und groteske Dramatik, S. 561. 1765 Dieses und das folgende Zitat stammen aus: Connelly: Die Bildtradition des Grotesk-Komischen, S. 287. Vgl. auch Günther, der auf die „(besonders von sowjetischen Literaturwissenschaftlern vertretenen) Unterordnung des Grotesken unter die Satire das Groteske mit satirischer Funktion“ (Günther: Das Groteske bei Gogol, S. 35 f.) aufmerksam macht. 1766 Schumacher: Das Groteske und seine Gestaltung in der Gothic Novel, S. 133. Günter unterscheidet verschiedene Arten des Grotesken und stellt fest, dass die satirische Groteske die Kritik an der Gesellschaft zur Funktion hat (vgl. Günther: Das Groteske bei Gogol, S. 40 f.). 1767 Kühne: Satire und groteske Dramatik, S. 565. 1768 Vgl. zum Verhältnis Satire und Groteske Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 52. 1769 Dabei gibt es Grotesken, die nicht kritisch sind; dabei handelt es sich seiner Meinung nach um „ein[en] mehr oder weniger harmlose[n] Groteskebegriff […], der nicht so sehr auf das satirisch-gesellschaftskritische […] zielt.“ (Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 57). Laut Tschizewskij ist das Groteske bei Gogol nicht im Sinne der Satire aufzufassen, da das Ändernwollen fehlt (vgl. Tschizewskij: Satire oder Groteske, S. 274). 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 322 beziehungsweise Fokussierungen besitzen kann – vom Kritisieren zum reinen Vorkommen als solches.1770 Auffällig ist dennoch Vieths Einschätzung, denn [b]etrachtet man die lange Reihe der Groteskkünstler im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert […], so springt immer wieder das Ändernwollen, das Anklägerische in ihren grotesken Dichtungen in die Augen. […] Mehr als der Satire, die nur zu geißeln versteht […] kommt der Groteske etwas Bejahendes zu.1771 Die Kritik richtet sich dabei meist an eine als ‚verkehrt‘ empfundene Welt – und unter Umständen die nicht näher geäußerte Hoffnung des Autors auf einen positiven Effekt seiner literarischen Groteske auf den Rezipienten.1772 Nach Jansen eignet sich dafür das Groteske optimal, denn sie ist ein Mittel, „um Entlarvung und Bloßstellung realer verzerrter Verhältnisse zu erreichen.“1773 Dies wird auch bei Keller zu sehen sein: Er kritisiert Daseinsformen und Entwicklungen in der Ge- 1770 Jansen stellt diesbezüglich heraus: „[S]eine Substanz [des Groteskebegriffs] reicht von (derber) Komik bis zum beängstigend Monströsen, von der bloß übertriebenen Ungereimtheit […] bis zur entlarvenden Deformation.“ (Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 57 f.). 1771 Vieth: Wortgroteske, S. 41 f. Vieth sieht die Anklage in allen grotesken Dichtungen und schließt hiervon nur Brentano aus (vgl. Vieth: Wortgroteske, S. 43). Das sieht insbesondere auch Bachtin so: „Der Satiriker, der bloß das negierende Lachen kennt, stellt sich außerhalb der belachten Erscheinung, stellt sich ihr gegen- über und zerstört dadurch die Einheit des komischen Aspekts der Welt; das Lächerliche (Negative) wird zum Besonderen. Das ambivalente Lachen der Volkskultur jedoch bezieht sich auf das entstehende Weltganze, an dem auch der Lachende teilhat.“ (Bachtin: Rabelais und seine Welt, S. 61). Fuß sieht bei Hoffmann in der Darstellung ‚romantischer‘ Figuren, die „mit negativen, lächerlichen Zügen ausgestattet“ sind, den Beweis, dass Hoffmann damit „die Dekomposition zentraler Elemente der romantischen Kulturordnung betreiben [möchte]. Die eindeutige Stoßrichtung der Satire geht verloren. Sie hat sich zur Groteske totalisiert, die kein positives Gegenmodell mehr bereitstellt.“ (Fuß: Groteske, S. 322). 1772 So hat Büchner mit seinen grotesken Werken das Ziel verfolgt, „Fehlentwicklungen der zwischenmenschlichen Beziehungen kritisch einzukreisen und so produktive Bewußtseinsentwicklungen auszulösen.“ (Buck: Das Groteske bei Büchner, S. 78). Bei Jean Paul zeigt das Absonderliche, dass die Welt an sich selbst zugrunde geht, „denn […] durch das Hinausdirigieren der Zustände an die Ränder ihrer Ordnung kann die Ordnung fragwürdig werden.“ (Endres: Die Funktion des Absonderlichen in der Dichtung Jean Pauls, S. 856 f.). 1773 Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 83. Darauf gründet sich auch das Groteske in Schwejk: Dort kommt „nicht das privat 4.1 Groteske (Zeit-)Kritik 323 sellschaft, schafft aber kein einseitig negatives Bild und überlässt es dem Rezipienten ohne Handlungsanweisung, seine Gedanken weiterzuführen. Er übt demnach, wie zu sehen sein wird, Kritik und klagt an – eine Methode, die nicht nur für Keller gültig zu sein scheint; so sieht auch Levin mit Bezug auf Bulgakov im Grotesken eine „sozialkritische[n] Komponente“.1774 Sinic widmet dieser Funktion ihre gesamte Arbeit, wobei sie auch zeigt, dass dies nicht immer als Funktion anerkannt wurde.1775 Sie fasst mehrere Autoren zusammen, die annehmen, dass das Groteske zwar ein Mittel der Kritik sei, allerdings ohne die Eigenschaft, auch Lösungsvorschläge anzubieten.1776 „Sie [die Groteske] verneint das Bestehende, aber sie baut gleichzeitig eine ganz neue wunderliche Welt auf, über die man lachen muß.“1777 So sieht auch Jan Kott in der Groteske ein Mittel zur Kritik mit der Aussage „die Groteske ist die Kritik am Absoluten“.1778 Die Forschung zeigt hier zusammenfassend, dass Kritik auch ohne Handlungsanweisung – insbesondere im Grotesken – möglich ist, und hier liegt meines Erachtens der Schlüssel zum Verständnis der Keller’schen Groteske. Hoffmann-Walbeck führt aus, dass in der „Satire die Ursache des Übels möglichst deutlich“1779 werden muss, wohingegen „in der Groteske […] die Beziehung Ursache-Wirkung ausgespart“ bleibt. Und Unbewußte zur Darstellung […], sondern das gesellschaftlich Unbewußte, der Feudalismus der Dinge, und das ist grotesk, nicht witzig. Schwejk hat gar kein Unbewußtes, deshalb kann er keine Witze machen, sondern eine scharfe Beobachtungsgabe für die unwirkliche Welt, die ihn umgibt.“ (Stollmann: Groteske Aufklärung, S. 245). 1774 Levin: Das Groteske in Michail Bulgakovs Prosa, S. 141. 1775 Vgl. Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 15. 1776 Sie nennt hier Thomsen, Völker, Jansen und Heidsieck (Sinic, S. 88 f.). „Dieselbe Position nimmt Hoffmann ein, der das Groteske ebenfalls als Kritik ohne Ideale ansieht.“ (Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken. S. 89). Thomsen ist der Ansicht, dass das Groteske die gegenwärtige Ordnung angreifen kann, ohne eine bessere zu liefern (vgl. Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 90). Es gibt darüber hinaus weitere Autoren, die das Groteske als Mittel zur Kritik an der gegenwärtigen Ordnung sehen, jedoch keine Lösungsvorschläge anbieten (vgl. Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 90). 1777 Vieth: Wortgroteske, S. 41 f. 1778 Jan Kott: Shakespeare heute. München, Wien: Albert Langen, Georg Müller 1964, S. 148 f. 1779 Dieses und das folgende Zitat stammen aus: Hoffmann-Walbeck: Groteske als Mittel zur Zeitkritik, S. 60. 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 324 auch Tschizewskij hebt hervor, dass die Groteske im Gegensatz zur Satire „keineswegs gegen eine bestimmte Seinsform der Natur der Gesellschaft und des individuellen menschlichen Daseins gerichtet ist.“1780 Das stellt in meinen Augen neben allen Ähnlichkeiten den Unterschied zwischen Satire und Groteske dar: Bei der Satire ist das kritisch verzerrte Objekt eindeutiger erkennbar, wohingegen dies beim Grotesken aufgrund der Verzerrung für den Rezipienten nicht mehr einfach zu identifizieren ist. Vermutlich gestaltet sich daher auch die Handlungsanweisung für den Rezipienten schwieriger. Dennoch kann der groteske Autor Keller deutlich auf negative Aspekte in der Gesellschaft und Figuren hinweisen; er unterlässt jedoch – und dies mag ein weiterer Unterschied zur ‚geißelnden‘ Satire sein – eine Handlungsanweisung und Aufforderung zum Handeln in Richtung des Rezipienten. Wenn es um die didaktische Funktion des Grotesken geht, kommen einige Autoren zu dem Schluss, dass die Groteske zwar Schlechtes aufzeigen kann, nicht aber Lösungsvorschläge bereithält. „Völker spricht ebenso davon, daß beim Grotesken eine positive Gegenüberstellung nicht mehr möglich sei, jedoch stelle das Groteske die Welt als veränderbar vor, wenn es auch keine Anleitung gibt, wie diese Veränderung vorzunehmen sei.“1781 Sinics Schluss ist, „daß das Groteske vor allem dann Verwendung findet, wenn der Autor selbst keine idealen Lösungsvorschläge parat hat, wenn ihm die didaktische Sicherheit fehlt, beziehungsweise er sie nicht vermitteln will. Das Groteske eignet sich hierfür dadurch sehr gut, daß es die Mißstände als solche erkennbar macht und den Leser auf diese hinstößt […], ohne zugleich den Zeigefinger zu erheben und moralisierend zu verurteilen.“1782 Heidsieck konkretisiert diesen Standpunkt, indem er das Groteske als „immer kritisch, wenn auch ohne bereitgehaltene Lösungsvorschläge“1783 sieht. Dass das Groteske kritisieren darf, ohne eine Lösung anzubieten, ist in der Forschung eine Ansicht, die nicht nur von Heidsieck vertreten wird.1784 Bartl fragt sich, „ob das kulturkritische Potential des Grotes- 1780 Tschizewskij: Satire oder Groteske, S. 278. 1781 Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 90. 1782 Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 91. 1783 Sinic: Die Sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 88 f. Sinic bezieht sich hier auf Heidsieck. 1784 Vgl. Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 90 f. 4.1 Groteske (Zeit-)Kritik 325 ken im allgemeinen […] in eine direkte politische, didaktische Form der Sozialkritik mündet oder vielmehr einen ontologisierenden, existentialistischen Zug beinhaltet, der keinen Appell zur gesellschaftlichen Veränderung aussenden kann.“1785 Sie ist der Meinung, dass das Groteske „für den Leser die Defizite aufklärerischer Kulturkonzepte erfahrbar“1786 macht, „allerdings bleibt es nicht bei einer bloßen kulturkritischen Negation stehen.“ Auch Bartl sieht also bei der Kritik, die vom Grotesken ausgeht, keine Lösungsvorschläge vorhanden. Auch wenn kein konkreter Lösungsvorschlag angeboten wird, steht die Kritik meiner Meinung nach dennoch in Zusammenhang mit einem pädagogischen Aspekt: Denn übt der Autor Kritik, so muss er davon ausgehen, dass diese vom Leser aufgenommen und gedanklich weiter ‚verarbeitet‘ wird.1787 Daraus lässt sich meinem Erachten nach eine didaktisch-moralische Intention des Autors ableiten. Dem Grotesken wird dann unterstellt, dass es durch die Irritation, die es hervorruft, und die Ambivalenz, die es zeigt – das Gute und das Schlechte –, den Leser auf die Umstände, in denen er sich befindet, aufmerksam machen will. Um jedoch kritisieren zu können, muss der Rezipient auf einen Vorgang, der zu kritisieren ist, hingewiesen werden. „[D]ie Verzerrung ist nicht beliebig, sondern sie dient einem entlarvenden, satirischen Zweck.“1788 „Und gerade in der Darstellung irgendeiner Erscheinung nach dem Prinzip der Groteske – ‚das kann nicht sein‘ – klingt immer die zornige Kraft der Entlarvung mit – ‚das soll nicht sein‘.“1789 „Die Groteske ist nicht nur eine Form der Darstellung, sondern auch eine Form des Urteils über die Wirklichkeit“.1790 Bevor es zu einer kritischen Auseinandersetzung kommen kann, muss das zu Kritisierende 1785 Bartl: Das Groteske als Indikator und Faktor kultureller Transformationsprozesse, S. 179. 1786 Dieses und das folgende Zitat stammen aus: Bartl: Das Groteske als Indikator und Faktor kultureller Transformationsprozesse, S. 179. 1787 Vgl. auch Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 91. 1788 Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung. S. 50 f. Vgl. auch: „Das Groteske ist in jedem Fall die Darstellung von existentiellen, in der Wirklichkeit wahrgenommenen Widersprüchen.“ (Fritsch: Absurd oder grotesk?, S. 35). 1789 Nedoschiwin: Über das Groteske, S. 16. 1790 Nedoschiwin: Über das Groteske, S. 16. 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 326 identifiziert werden – es wird entlarvt.1791 Theo Buck erfindet hierfür sogar den Begriff der „‚auktorialen Groteske‘“, womit er „die entlarvende Darstellung des Grotesken in der Perspektive des Autors“1792 meint. Dass das Groteske auf Verzerrungen, die in der Realität sichtbar werden, zurückgreift, ist eine Meinung, die Jansen „[m]it Nachdruck“ vertritt. „[D]urch Forcierung und Maßlosigkeit der Form“ entlarve das Groteske dies.1793 Der Zweck der Entlarvung ist die Pädagogik. Ebenso sieht dies Theo Buck in Bezug auf Büchner1794 sowie Connelly für Goya gültig.1795 Mit der Entlarvung einher geht die Kritik im Grotesken. Drewitz spricht von der ‚immerwährenden zeitkritischen Funktion des Grotesken‘, worin Jansen ihr zustimmt.1796 Drewitz ist aber gleichzeitig der Meinung, dass das Groteske keine Hoffnung auf kritische Wirksamkeit hat.1797 Auch Jansen nimmt hier eine skeptische Position ein, „da die Orientierung des Rezipienten sich äußerst schwierig gestaltet.“1798 Er sieht jedoch im Grotesken „die schärfste Ausprägung von 1791 In der „groteske[n] Häßlichkeit“ sieht Nedoschiwin „ein Verfahren zur Entlarvung“ (Nedoschiwin: Über das Groteske, S. 18). Vgl. auch: „‚Die Wirklichkeit des Scheins wird entlarvt, zugunsten der Wahrheit des Seins.‘“ (Kesting: Iwan Goll: Die Groteske auf den Bourgeois, S. 34 f.). So ist laut Völker auch Wedekind schon vorgegangen: „Seine [Wedekinds] Satire wetzt sich an der Engstirnigkeit bürgerlicher Moral, er deckt die faulen Gesetze dieser Welt auf.“ (Völker: Das Groteske im neueren deutschen Drama, S. 16). 1792 Buck: Das Groteske bei Büchner, S. 76. 1793 Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 81. Jansen wiederholt den Punkt zur Entlarvung nochmals auf S. 83. Vgl. hierzu auch Fritsch: Um das Groteske überhaupt entstehen zu lassen, ist es notwendig, dass der Autor „jene in der Wirklichkeit empfundenen Widersprüche umzusetzen“ weiß (Fritsch: Absurd oder grotesk?, S. 35). 1794 Buck: Das Groteske bei Büchner, S. 78. 1795 Goya wollte mit dem Karnevalesken „zeigen, dass wir in einer Welt leben, in der Chaos, Gewalt und das Absonderliche die Norm sind.“ (Connelly: Die Bildtradition des Grotesk-Komischen, S. 281). 1796 Drewitz: Groteske Literatur, S. 340. Dass dem Grotesken eine „satirische Intention“, „Entlarvung und Bloßstellung“ nachgesagt wird, hält Jansen auch fest. (Die beiden letzten Zitate stammen aus: Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 58.) Wobei er auch der Meinung ist, dass „[m]an“ zwischen satirischer und fantastischer Groteske „Partei ergreifen“ muss. Sonst „stände immer das Phantastische im Dienste des Satirischen und wäre dann nicht mehr phantastisch.“ (Die letzten drei Zitate stammen aus: Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 71 f.) 1797 Drewitz: Groteske Literatur, S. 346. 1798 Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 78. 4.1 Groteske (Zeit-)Kritik 327 Gesellschaftskritik.“1799 Henri Bergson stellt fest, dass das Lachen als ‚Korrektiv‘1800 wirkt. „Infolgedessen muß es in der Person, der es gilt, eine peinliche Empfindung hervorrufen.“1801 Auch Plessner sieht in der Funktion des Lachens Tadel, Korrektur und Warnung zugleich.1802 Bei beiden wird jedoch ein Lösungsvorschlag für diese Kritik nicht deutlich. „Die Kritik will somit als Warnung verstanden sein, die sich erst schüchtern hervorwagt und im Licht und im Humor fast untergeht.“1803 Ähnlich wie hier beschrieben kann auch Kellers Kritik gedeutet werden, die, wie die Analyse der Struktur in seinen Novellen zeigt, teilweise unterzugehen scheint. „Durch das Lachen konnte man den Fehler, das Laster Geizigen […] endgültig unschädlich machen. Vor dem Grotesken versagen solche Waffen. Das Übel wird als unheilbar dargestellt“1804 Dies ist in meinen Augen eine sehr negative und für Kellers Groteske ungültige Definition, da solche Ohnmachtsgefühle bei ihm nicht erkennbar werden. „Dem Grotesken ‚abträglich‘ ist eine erläuternde, belehrende Behandlung von Inhalten. […] Das Groteske bietet die Möglichkeit, über Fehler und Mißstände zu lachen, ohne sich deshalb moralisierend außerhalb des Belachten zu positionieren. […]“1805 Zusammengefasst kann man festhalten, dass das Groteske als Kritik ohne Lösungsvorschläge auftauchen kann. Diese These ist vor allen Dingen deshalb für Keller interessant, weil sie ebenso bestätigt, dass das Groteske in Umbruchzeiten vermehrt auftritt. 1799 Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 76 f.; vgl. auch Fußnote 1, S. 77. 1800 Vgl. Bergson: Das Lachen, S. 134. Ähnlich sieht das auch Lukács, denn bei ihm ist „das erlösende Lachen der moralisch starken und sicher im Leben stehenden Menschen“ vor allem in diversen Frauenfiguren sichtbar. Dabei handelt es sich um einen „Humor des wahren Humanismus, der zutiefst von der Rettbarkeit eines jeden dem Wesen nach echten Menschen überzeugt ist und weiß, daß das Lachen eine der menschlichen Waffen ist, durch deren Hilfe dieser Kern zur wirklichen Entfaltung gebracht werden kann.“ (Lukács: Gottfried Keller, S. 58). 1801 Bergson: Das Lachen, S. 134. 1802 Vgl. Plessner: Lachen und Weinen, S. 107 ff. 1803 May: Kellers Sinngedicht, S. 33. 1804 David: Kafka und das Groteske, S. 109 f. 1805 Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 281–285. Wobei sie klar macht, dass der Rezipient ‚betroffen‘ sein muss. 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 328 Inwiefern Keller kritisiert und wogegen sich seine Kritik richtet, wird im nächsten Punkt herausgearbeitet.1806 Bereits hier kann jedoch festgehalten werden, dass Keller auch in pädagogischer Hinsicht von vielen Forschern in ein zu enges Korsett gesteckt wurde. Wichtig für diesen Abschnitt hervorzuheben ist, dass der Rezipient bei Keller keine eindeutige Lösung der Probleme erkennen kann. „In der abnormen Gestalt des schwarzen Geigers […] übt Gottfried Keller Sozialkritik; die auffallende, aus dem gesellschaftlichen Rahmen fallende Erscheinung des Geigers führt hier nämlich vor Augen, daß dieser aus der Gesellschaft ausgestoßen ist.“1807 May beispielsweise sieht, „daß Keller im ‚Sinngedicht‘ am Rande einzelne Zeiterscheinungen tadelt, man kann dem Zyklus nicht entnehmen, daß Keller an einen grundsätzlichen Niedergang der Kultur und einen endgültigen Verlust des Goldenen Zeitalters glaubt.“1808 Trotzdem finden sich bei ihm keine konkreten Anweisungen, was diesen Entwicklungen entgegenzusetzen ist. Eine offene für den Rezipienten verständliche Kommunikation hinsichtlich des ‚To-dos‘ in der gegebenen Situation ist jedoch nicht erkennbar. Auch beim schwarzen Geiger zeichnet Keller kein ‚besseres‘ Bild, welches dem Rezipienten als Handlungsanweisung dienen könnte. Es kristallisiert sich auch für Keller heraus, dass man etwas kritisieren kann, ohne selbst Lösungsvorschläge zu haben, oder dass man kritisiert und die Ordnung mit Lösungsvorschlägen ändern möchte. 1806 Festgehalten werden kann hier bereits die ökonomische Kritik, die sich in der Gier von Personen äußert oder darin, dass Menschen gezwungen sind, aufgrund der Ökonomie moralisch verwerflich zu handeln. Curtius bringt dies folgendermaßen auf den Punkt: „Die ‚zerbrechenden Ordnungen‘ sind materialistisch begründet: der Geldfetischismus der Warenwirtschaft hat humanitäre Werte vernichtet. Nichts metaphysisch Abgründiges muß im Spiel sein, wo es um die ‚gespenstige Gegenständlichkeit‘ von Dingen und Verdinglichung von Persönlichem geht.“ (Curtius: Das Groteske als Kritik, S. 309). Vgl. auch Wysling, der den Martin Salander nach 1945 aufblühen sieht, da dieser vor dem „krudem Materialismus warnen“ sollte (Hans Wysling: Gottfried Keller – Grundtrauer und Lichtwelt. In: Zürcher Chronik. Heft 3 (1985), S. 122–123. Hier: S. 122). Diese Kritik findet sich eindeutig auch im Verlorenen Lachen: „Allein durch irgendeine Spalte war die Verlockung und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft und es wandelte ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen, schlich längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern an die glatten Stämme.“ (Keller: Verlorenes Lachen, S. 519 f.). 1807 Curtius: Das Groteske als Kritik, S. 297 f. 1808 May: Kellers Sinngedicht, S. 32. 4.1 Groteske (Zeit-)Kritik 329 Umbruchzeiten als ‚Rahmenbedingungen‘ – Kellers Lebenswelt „Man hat beobachtet, daß immer in gärenden Zeiten, in den Uebergängen von einer Epoche zur andern, die Dichter zu grotesken Mitteln greifen.“1809 Diese These muss im Rahmen der Funktion beziehungsweise des Zweckes der Groteske näher analysiert werden. Sie steht auch in Zusammenhang mit dem Entlarven, das ja nicht unbedingt einen Lösungsvorschlag bereithält.1810 Das Groteske setzt „den Akzent auf kritisch-urteilende Darstellung der ä u ß e r l i c h e n P h ä n o m e n e der Zeit“.1811 Die Realität wird allerdings vereinfacht widergegeben, und dadurch geht es weniger um ‚Einzelerscheinungen‘, sondern ‚generelle Linien‘.1812 Kurz nach Peter Fuß‘ Untersuchung der Funktion des Grotesken als Indikator für kulturellen Wandel untersucht dies auch Bartl anhand der Werke Kleists. Das Groteske eignet sich ihrer Meinung nach dazu, „die Formation, Deformation und Reformation kultureller Ordnungssysteme durch literarische Impulse zu analysieren“.1813 Sie steht mit dieser Aussage unter anderem in der Tradition von Fuß, der kulturelle Ordnungskonventionen durch das Groteske brechen sieht.1814 „Daher wird die Form der Groteske oft in Zeiten bevorzugt, da in der Gesellschaft Umstrukturierungen stattfinden, 4.2 1809 Vieth: Wortgroteske, S. 43. Beispiele für diese These finden sich bei ihm auf S. 44. Bestätigt wird dies auch durch das Sachwörterbuch der Literatur, S. 321. 1810 Dies muss nicht unbedingt mit dem Bewusstsein des Autors geschehen, vieles spricht aber dafür, wobei man auch feststellen muss, dass es viele Autoren gibt, die sich von anderen Autoren beeinflussen lassen, ohne zu wissen, dass sie damit das Groteske in ihren Werken verwenden: „Tatsächlich gibt es durchaus Beispiele dafür, daß das Groteske rein ornamental oder aus persönlicher Laune heraus eingesetzt wird.“ (Thomson: Funktionen des Grotesken, S. 103). 1811 Hoffmann-Walbeck: Groteske als Mittel zur Zeitkritik, S. 62. 1812 Vgl. Hoffmann-Walbeck: Groteske als Mittel zur Zeitkritik, S. 62. 1813 Bartl: Das Groteske als Indikator und Faktor kultureller Transformationsprozesse, S. 176. 1814 Vgl. Fuß: Das Groteske, S. 148. Kleinschmidt sieht „[d]ie Funktion des Grotesken […] darin, den Gewinn sprachlicher und darauf gründender kultureller Ordnung im Status ihrer leidenschaftlichen Findung, im Ausbreitungszustand von Vorstellungsräumen zu erhalten.“ (Kleinschmidt: Kulturelle Energien grotesker Rede, S. 197). Darüber hinaus nennt er bei der „groteske[n] Äußerungsform ein[en] literarisch[en] Wille[n] zur Grenzüberschreitung“, um „Unbekanntes und Verborgenes sichtbar bzw. lesbar zu machen.“ (Die beiden letzten Zitate stammen aus: Kleinschmidt: Kulturelle Energien grotesker Rede, S. 186.) 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 330 alte Ordnungen verfallen und Wertorientierungen sich als nicht mehr gültig erweisen.“1815 Wenn demnach „überkommende Weltbilder angesichts der veränderten Wirklichkeit ihre Verbindlichkeit“ verlieren, hat das Groteske „Hochkonjunktur“.1816 Deshalb sind Schriftsteller in Umbruchzeiten grotesker1817 beziehungsweise kann man meiner Meinung nach in Umbruchzeiten vermehrt grotesk schreibende Schriftsteller auffinden. Doch warum fühlt sich das Groteske gerade in diesen Zeiten wohl? Bartls Meinung ist es, dass das Groteske durch die Irritation, die es in einer Gesellschaft auslöst, zu deren Entwicklung und Stabilisierung beiträgt, da die Gesellschaft dadurch in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln und sich den Gegebenheiten anzupassen.1818 Die „Ventilfunktion des Grotesken als stabilisierenden Faktor“ sieht auch Falckenberg,1819 wobei er gleichzeitig auch die „destabilisierende Wirkung“ betont. Daraus entsteht ein Zyklus, der in folgenden Schritten verläuft: „Konstruktion – Destruktion – Marginalisierung des Destruktiven – Rezentrierung – schließlich Neuformation unter Vermittlung beider Positionen.“1820 Dies geschieht, wie Jennings bemerkt, dadurch, dass ein Witz „irgendein Tabu oder ein Ächtungsgebot“1821 angreift, dadurch die „Tabulinie“ verschoben wird und „eine neue Schwelle des Erlaubten“ entsteht. Bachtin sieht das Groteske als Möglichkeit, die Welt und sich und sein Leben vom „Entsetzlichen und Furchterregenden“ zu befreien,1822 indem sie „über die Grenzen der 1815 Curtius: Das Groteske als Kritik, S. 294. Vgl. auch Choi: Employing the Grotesque as a Communication Strategy, S. 25. 1816 Exner: Mynona: ein grotesker Humorist, S. 129. 1817 Vgl. Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, S. 87 f. Vgl. hierzu auch Drewitz: Groteske Literatur, S. 38. Vgl. auch: „Das Groteske ist eine äußereste Stilisierung, ein plötzliches Bildhaftmachen und gerade drum fähig, Zeitfragen, mehr noch, die Gegenwart aufzunehmen […].“ (Friedrich Dürrenmatt: Anmerkung zur Komödie. In: Ders.: Theaterschriften und Reden. Elisabeth Brock-Sulzer (Hrsg.). Zürich: Verlag der Arche 1966, S. 136 f.). 1818 Bartl: Das Groteske als Indikator und Faktor kultureller Transformationsprozesse, S. 181 f. 1819 Falckenberg: Zur Rolle des Grotesken in der Gegenwartskunst, S. 185. 1820 Falckenberg: Zur Rolle des Grotesken in der Gegenwartskunst, S. 185. 1821 Dieses und die kommenden zwei Zitate stammen aus: Jennings: Klein Zaches und seine Sippe, S. 244. Dies trifft auf das Groteske zu, gilt aber auch für gesellschaftliche Umbrüche insgesamt und ist deshalb kein ausschließlich das Groteske betreffender Prozess. 1822 Ein Punkt, den er bei Kayser kritisch vermisst (vgl. Fuß: Das Groteske, S. 74). 4.2 Umbruchzeiten als ‚Rahmenbedingungen‘ – Kellers Lebenswelt 331 scheinbaren Einzigartigkeit, Unabdingbarkeit und Unerschütterlichkeit der bestehenden Welt hinaus“ eine andere Ordnung und Leben er- öffnet. Ebenso wie Fuß, dessen zentrale These das Groteske „als Medium des historischen Wandels und des Epochenwechsels“1823 fungieren sieht, sieht Bachtin in der Zerstörung der Welt die „Geburt“ einer neuen.1824 Die Funktion des Grotesken besteht darin, das Unerlaubte und Tabus durch eine Schwellenübertretung als sozial akzeptiert erscheinen zu lassen und damit die kulturelle und gesellschaftliche Ordnung zu erweitern. Wichtig sind demnach auch die „sozio-historischen Lebensumstände des Autors [und] wie das Schaffen eines Autors aus der kulturellen Atmosphäre seiner Zeit erwächst“,1825 was im Folgenden für Keller genauer betrachtet wird. Das Groteske wird von vielen Autoren als in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit auftretendes Phänomen verwendet,1826 wobei es laut Nedoschiwin zu bestimmten Zeiten „eine besondere Schärfe an[nimmt].“1827 Sinic wirft ein, dass „in der Geschichte zu jeder Zeit Normen nicht befolgt oder hinterfragt wurden, wodurch das Groteske auf den Plan treten konnte“,1828 und hinterfragt damit kritisch die Umbruch-These. Ihr ist hier zum Teil zuzustimmen, denn es kann nicht bestritten werden, dass zu allen Zeiten einzelne Persönlichkeiten Normen nicht befolgt haben.1829 Doch bezieht sich die Umbruch-These auf „epochale[n] historische[n] Veränderungen“.1830 Damit sind beispielsweise Revolutionen und große Ver- änderungen gemeint. 1919 war auch eine Zeit des Umbruchs; Michel 1823 Fuß: Das Groteske, S. 12. „Die groteske Dekomposition zielt immer auf die zentralen Ordnungsstrukturen der Kulturformation, in der sie grotesk wirkt.“ (Fuß: Das Groteske, S. 400); „Die Liquidation kultureller Formationen und die mit ihr einhergehende Entbindung kreativer Potenz ist die zentrale Funktion des Grotesken.“ (Fuß: Das Groteske, S. 155). 1824 Bachtin: Literatur und Karneval, S. 30. „Das Lachen befreit nicht nur von der äußeren Zensur, sondern vor allem vom großen inneren Zensor“ (Bachtin: Literatur und Karneval, S. 38 f.). 1825 Jennings: Klein Zaches und seine Sippe, S. 246. 1826 Vgl. Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 96 f. 1827 Nedoschiwin: Über das Groteske, S. 15. 1828 Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken, S. 97. 1829 Im Übrigen geht es um „Hochkonjunkturphasen des Grotesken“ (Fuß: Das Groteske, S. 93); dies bedeutet nicht, dass in anderen Phasen das Groteske nicht auftauchen kann. 1830 Fuß: Das Groteske, S. 93. Ebenfalls als Zeichen des Umbruchs ist die Dada-Bewegung zu sehen (vgl. Hanne Bergius: Dada grotesk. In: Pamela Kort (Hrsg.): 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 332 stellt daher in diesem Jahr fest: „Weshalb gerade heute das Groteske so populär ist? Eben wegen der Mischgefühle, von denen es ausgeht und die es erzeugt. Mischgefühle müssen populär sein in einer Zeit, deren neues Pathos erst im Werden ist“.1831 Um zu untersuchen, inwieweit Keller ein Autor war, der das Groteske – bewusst oder unbewusst1832 – als Reaktion auf die sich verändernden gesellschaftlichen und politischen Umstände in der Schweiz und in seiner Lebensumgebung verwendet hat, muss untersucht werden, welche Rahmenbedingungen Keller umgaben und beeinflusst haben könnten. Nach den bisherigen historischen Analysen scheint die These, wonach das Groteske in Zeiten des Umbruchs gehäufter anzutreffen ist als in ‚normalen‘ Zeiten, auch für die Analyse der Funktion der Keller’schen Groteske fruchtbar. Wenn die Analyse hier positive Erkenntnisse im Hinblick auf die ‚Umbruchzeit‘ und Kellers Interesse dafür erbringen kann, lässt sich die Vermutung, auch bei Kellers Verwendung des Grotesken handle es sich um eine (unbewusste) Reaktion auf die Umwelt im Umschwung, erhärten. Auch wenn Keller sich selten, wie zu sehen sein wird, mit einem roten Faden zu politischen Themen geäußert hat, kann man dennoch festhalten, dass er als bekennender Religionskritiker1833 und als Befürworter der Demokratie eine (offen ausgetragene) Meinung zu politischen und gesellschaftlichen The- GROTESK! 130 Jahre Kunst der Frechheit. München [u. a.]: Prestel Verlag [o. J.], S. 147). 1831 Wilhelm Michel: Das Teuflische und Groteske in der Kunst, S. 92. 1832 Dass Keller das Groteske als poetologische Methode bewusst verwendet, ist klar zu verneinen. Wie bereits gezeigt wurde, gibt es hierfür keine Hinweise. Zwar kann festgestellt werden, dass er sich mit bestimmten Autoren, die sich mit dem Grotesken beschäftigt oder es in ihren Werken verwendet haben, auseinandergesetzt hat. Zu nennen sind hier zum Beispiel Jean Paul, William Shakespeare und E. T. A. Hoffmann. Es muss eher davon ausgegangen werden, dass er sich von diesen (bewusst oder unbewusst) hat inspirieren lassen. Keller war beispielsweise auch ein „passionierter Leser“ (Hernández: Wie Cervantes’ Novellistik auch in das Werk Gottfried Kellers kam, S. 48 f.) von Cervantes’ Werk. 1833 In ein paar Novellen Kellers kann man eine kritische Auseinandersetzung mit der Religion erkennen, wenn zum Beispiel deutlich gemacht wird, dass die Religion nicht die Lösung für Probleme ist, sondern vielleicht sogar deren Verursacher (vgl. hierzu Gottfried Keller: Ursula. In: Ders.: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Bd. 5: Züricher Novellen. Hrsg. v. Böning, Thomas. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 2009, S. 303–371). 4.2 Umbruchzeiten als ‚Rahmenbedingungen‘ – Kellers Lebenswelt 333 men hatte.1834 Wenn man darüber hinaus bedenkt, dass „Keller […] zwischen 1830 und 1869 nicht weniger als vier politische Umwälzungen“1835 miterlebte, kann kaum geleugnet werden, dass bei ihm eine Auseinandersetzung damit stattgefunden haben muss. Die Leute von Seldwyla bewegen sich, wie Ruppel feststellt, in der Zeit der Industrialisierung, einer Phase, in der es zu weitreichenden Umbrüchen mit Folgen für die gesamte Gesellschaft gekommen ist.1836 Im Grünen Heinrich nimmt Keller Stellung dazu, und zwar in Form des Goldfuchses, dem „Inbegriff des Reichtums und des wirtschaftlichen Aufschwungs“, wobei dieser abgeschossen wird und so „[e]in Bild sowohl von erträumtem wirtschaftlichem Aufschwung wie auch von der Vernichtung utopischer Hoffnungen“1837 entsteht. Was sich im Grünen Heinrich zeigt, findet sich in anderen Werken Kellers ebenso: Ökonomie und Industrialisierung sind bei Keller – auch im Privaten1838 – ein aktuelles Thema, welches er durchaus kritisch sieht.1839 Ohne Marxist gewesen zu sein, kann er hier als dem linksliberalen Spektrum zuge- 1834 Allerdings dürfen seine Aussagen in dieser Hinsicht nicht überbewertet werden, da es, um eine runde Feststellung zu diesem Thema machen zu können, zu wenig Aussagen sind. Er hat sich in diversen Kreisen bewegt und sein ‚Fähnchen‘ auch nach den verschiedenen Windrichtungen gedreht. So war er beispielsweise zunächst für den Krieg, später dagegen (vgl. May: Kellers Sinngedicht, S. 60). 1835 Sprecher: Gottfried Keller und Thomas Mann, S. 11. 1836 Vgl. Ruppel: Kellers Ethik, S. 63. 1837 Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 114. 1838 So mussten ihm seine Mutter, Freunde und Bekannte jahrelang finanziell aushelfen. 1839 „Denn er fürchtete die Auswartung dieser vorkapitalistischen Gesellschaftsform ‚in eine schiere Profit-Gesellschaft ohne Utopie, ohne Transparenz‘ und ‚wäre [heute] entsetzt über sein Land – wie über andere ‚Demokratien‘ auch‘.“ (Margit Unser: „Seldwyla-Air“. Max Frischs Beschäftigung mit Gottfried Keller. In: Mitteilungen der Gottfried Keller-Gesellschaft Zürich (2011), S. 45–52. Hier: S. 50). „Keller politisiert […] vor seiner Staatsschreiberzeit gegen ein liberales Wirtschaftbürgertum [sic] von Fabrikherren und Unternehmen, welche in seiner Sicht der Dinge die schweizerische Republik ähnlich gefährden wie vor 1848 die Katholisch-Konservativen.“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 211). Ein weiteres Thema bei ihm ist die Ökonomie bzw. das Geld, was Jeziorkowski als „Höhepunkt[e] in der deutschen Literatur“ bezeichnet, denn „[k]aum jemals vor ihm und nicht häufig nach ihm hat in deutschsprachigen Dichtungen das Geld eine solche Rolle gespielt.“ (Die beiden letzten Zitate stammen aus: Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 552.) „Die ganze Sammlung der Seldwyler Geschichten steht ja […] unter dem Seldwyler Lebensgesetz des Gewinnens und Verlierens von 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 334 wandt beschrieben werden; er war sich der Problematiken rund um Kapitalismus und Ökonomie daher durchaus bewusst.1840 Die Industrialisierung und die damit aufkommenden sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen im Hinblick auf die Ökonomie haben ihn stets gestört. „Keller zeigt wenig Verständnis für eine soziale Aufsteigermentalität in seinen Schriften. Die Habgier, die er als das Hauptresultat der neuen industrialisierten Zeit ansah, fand er bedauerlich.“1841 So sieht Metz in den Kammachern Zeitkritik an der „zunehmende[n] Kommerzialisierung, [dem] Profitdenken und [der] Materialisierung der Lebensverhältnisse […]“ sowie dem „puritanisch-calvinistische[n] Arbeitsethos“1842. Keller steht dem Fortschritt zwar nicht grundsätzlich negativ, jedoch ambivalent gegenüber.1843 In Seldwyla ist laut May „das Zerbröckeln der bürgerlichen Gesellschaftsordnung als Ausdruck einer geistesgeschichtlichen Zeitenwende thematisiert“.1844 Als eine Art von Kritik und Auseinandersetzung mit der Gesellschaft lässt sich auch erkennen, dass Keller im Sinngedicht, „[a]ls die Webstühle längst dampfbetrieben waren, […] seinen forschenden, scheinmodernen Protagonisten in einer Zauberwelt ankommen [lässt], in der er das ‚sanfte Schnurren der Spinnräder‘ vernimmt.“1845 Kern sieht die „Skepsis gegenüber dem Fortschritt, dem Wandel des Lebens am Vor- Geld, Besitz und sozialem Prestige.“ (Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 552 f.). Insbesondere in den Novellen Verlorenes Lachen, Martin Salander, Romeo und Julia, Kammacher, Kleider machen Leute, Schmied, Fähnlein, Die arme Baronin (vgl. Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 552); Martin Salander wäre eine „Finanzdichtung“ (Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 553). 1840 Vgl. Jeziorkowski: Kellers Themen, S. 564. 1841 Ruppel: Kellers Ethik, S. 73. Das wird unter anderem im Landvogt thematisiert: „Ebenso verzehrend war freilich der brennende Ehrgeiz des Mannes gewesen, seine unaufhörliche Sorge für irdisches Ansehen, Beförderung und Auskommen, und Aglaja mußte vor- und nachher nie so viel heftiges Berechnen von Einkünften, Zehnten und Sporteln erleben, wie in den kurzen Jahren ihrer Ehe.“ (Keller: Landvogt, S. 203). 1842 Metz: Kellers Kammacher, S. 68 f. Laut Lukács „wandelt Keller mit großem gestalterischem Reichtum die Moraltheorie Mandevilles ab, daß nämlich eine Gesellschaft aus tugendhaften Menschen unmöglich existieren könne.“ (Lukács: Gottfried Keller, S. 55). 1843 Vgl. von Matt: Gottfried Keller und der brachiale Zweikampf, S. 128. 1844 May: Seldwyla als Paradigma des bürgerlichen Realismus, S. 74. 1845 Über das Hintergründige in Gottfried Kellers Modernität, S. 22. 4.2 Umbruchzeiten als ‚Rahmenbedingungen‘ – Kellers Lebenswelt 335 abend der Moderne […] als Grundhaltung Gottfried Kellers“1846, erkennbar in der Einleitung zum zweiten Band der Seldwyler Novellen.1847 Dabei ist auch auffällig, dass das Groteske „zu den ersten Modernisierungs- und Technisierungsschüben am Ende des 18. bzw. zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Gegendiskurs“1848 eröffnet. Im 19. Jahrhundert ist daher viel in Bewegung hinsichtlich „der durch Technik und Wissenschaft erschlossenen (‚entgötterten‘) Natur.“1849 Von einer Umbruchzeit kann daher durchaus gesprochen werden. Auch wenn Keller politisches Desinteresse unterstellt wurde,1850 kann ein politisches Engagement seinerseits nicht bestritten werden, wobei es allerdings nicht einfach ist, ihn politisch einzuordnen;1851 so hat er sich 1846 Kern: Der Erzähler von Seldwyla, S. 136 f. 1847 Kern: Der Erzähler von Seldwyla, S. 136 f. 1848 Bartl: Das Groteske als Indikator und Faktor kultureller Transformationsprozesse, S. 187. 1849 Riedel: Das Wunderbare im Realismus, S. 74. 1850 Vgl. Benjamin: Gottfried Keller, S. 285 f. „Am 20. September 1861 schreibt die ‚Zürchersche Freitagszeitung‘: ‚Allgemein ist bekannt, daß Herr Keller bis vor kurzer Zeit sich weder mit Politik im allgemeinen […] vertraut gemacht hat“ (Benjamin: Gottfried Keller, S. 285 f.). „Sie [die Seldwyler] sind bockig und wollen stets das Gegenteil von dem, was sich politisch gerade durchgesetzt hat. Dadurch drücken sie ihre Geringschätzung des Politischen aus. Darüber macht sich der Erzähler lustig und entspricht damit dem Autor Keller […]“ (Kern: Der Erzähler von Seldwyla, S. 142). 1851 „Kellers politische Publizistik entstand immer aus aktuellem Anlass und äußert sich zu Personen und Ereignissen der schweizerischen oder zürcherischen Alltagspolitik; sie ist pragmatisch und folgt keiner systematischen Theorie. Keller erscheint dabei nicht als Ideologe, sondern als engagierter Bürger seiner Zeit, bei dem ein starker Wille zu Teilnahme und aktiver Mitarbeit an der jungen schweizerischen Republik zum Ausdruck kommt.“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 204). Dabei ist zu beachten: „Der Überblick macht deutlich, dass Keller sich nach seiner Ernennung zum Staatsschreiber vom angriffigen Oppositionellen zum Repräsentanten des Systems wandelte und im Alter zum Establishment wieder auf Distanz ging.“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 204). Ein „späte[s] Lob auf das ‚System Escher‘ wirft ein Schlaglicht auf die politische Haltung des alten Keller. Nicht nur korrigiert es die harten Urteile des jungen Keller, sondern bringt deutlich zum Ausdruck, dass Keller im Rückblick Loyalität Escher und seinen Mitstreitern zollt, keineswegs aber der aktuellen Führungsschicht. So gesehen war Keller wieder dort, wo er sich früher schon gern profiliert hatte: bei der Opposition.“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 221). „Keller spricht anlässlich des Schützenfestes von Basel (1844) von hunderttausend Besuchern […]. Alle grün, viele blau. Grün war die Farbe des kommenden Umsturzes. Keller war, 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 336 beispielsweise für die Demokraten engagiert1852 und „zur Zeit der Freischarenzüge eine[r] siebenköpfige[n] Gruppe namens ‚Die Aufrechten‘“1853 angehört und mit dieser regelmäßig zu „eigenen und öffentlichen Angelegenheiten“ gesprochen. Darüber hinaus kann seine Haltung als „politisch fortschrittlich[e]“1854 bezeichnet werden. Dabei machte ihn sein Aufenthalt in München für politische Fragen sensibel und gleichzeitig „zum Patrioten.“1855 Mit seiner Ankunft in Heidelberg „im Revolutionsjahr 1848“ und dem Kennenlernen der Ideen Feuerbachs „kam es nun zu einer Art ‚Demokratisierung‘ von GKs religiösen Anschauungen […]“.1856 Keller bewirbt sich dennoch „überraschend um die Stelle des ersten Staatsschreibers der liberalen Regierung“, wobei er „sich damit in keiner Weise dem ‚System‘ gebeugt“1857 fühlte.1858 Keller wird unter anderem von Frisch bescheinigt, ein „eifriauch wenn er einige Wochen lang mit dem Kommunismus kokettierte, kein Roter. Er war ein Grüner.“ (Urs Widmer: „Vom Traum, namenlos mit der Stimme des Volkes zu singen“. Rede zum Herbstbott 2005. In: Vierundsiebzigster Jahresbericht der Gottfried Keller-Gesellschaft Zürich. Zürich: Verlag der Gottfried Keller-Gesellschaft 2006, S. 15). 1852 Eigentlich sollte Keller einen Aufruf zu einer Wahlversammlung schreiben, hat dies aufgrund von Zeitmangel allerdings anderen überlassen (vgl. Jürg Wille: Mariafeld und die Zürcher Dichter Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Rede zum Herbstbott 1995. In: Vierundsechzigster Jahresbericht der Gottfried Keller-Gesellschaft Zürich. Zürich: Verlag der Gottfried Keller-Gesellschaft 1996, S. 4 f.). 1853 Dieses und das folgende Zitat stammen aus: Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 263. 1854 Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 305. 1855 Sprecher: Gottfried Keller und Thomas Mann, S. 8. Er „stand spätestens seit München unter der Pflicht, sein Leben als Beitrag zur republikanischen Substanz zu führen.“ (Sprecher: Gottfried Keller und Thomas Mann, S. 8). 1856 Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 83 f. 1857 Wille: Die Dichter Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer, S. 6. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch: „Keller, der endlich das erreicht hat, was er immer wollte, ein freier Schriftsteller zu sein, verlässt ausgerechnet in diesem Augenblick die edle, klassische Literatur.“ (Peter Bichsel: Drei Ellen guter Bannerseide. Rede zum Herbstbott 2002. In: Einundsiebzigster Jahresbericht der Gottfried Keller-Gesellschaft Zürich. Zürich: Verlag der Gottfried Keller-Gesellschaft 2003, S. 3–10. Hier: S. 9). 1858 Wobei Andermatt festhält, dass „Kellers Polemik gegen das ‚System Escher‘ mit seiner Wahl verstummten und Keller fortan darauf verzichtete, im Geiste der ‚Demokratischen Bewegung‘ in der Presse zu publizieren.“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 212). 4.2 Umbruchzeiten als ‚Rahmenbedingungen‘ – Kellers Lebenswelt 337 ger Streiter“ des bürgerlichen Liberalismus gewesen zu sein.1859 Doch sieht Peter Bichsel bei Keller eine politische Motivation und „die tiefe Enttäuschung über uneingelöste Versprechen des Liberalismus.“1860 Eine weitere Untersuchung wert wäre die Vermutung, dass Kellers Groteske in genau diesen Umbruchzeiten sichtbar und in ‚normalen‘ Zeiten aus seinem Werk zurückgedrängt ist. Die Vermutung liegt nahe, dass Keller in den Leuten von Seldwyla beispielsweise politischer und gesellschaftskritischer war als im Martin Salander1861 und Grünen Heinrich – beides Werke, die in der Werkbiografie am Ende stehen. May sieht im Spätwerk Kellers den Glauben an den „freien Willen […] und den aufklärerischen Glauben an den Fortschritt“ eingedämmt. „Der liberale Hitzkopf von 1848 ist konservativer geworden […].“1862 Peter Bichsel bezeichnet den Martin Salander als „Buch über den misslungenen Liberalismus […]. Durch alle Figuren schimmert dieser Gottfried Keller; ein liberaler Revolutionär, dem die Revolution durch ihren Sieg abhanden gekommen ist.“1863 May ist dabei weiterhin der Meinung, dass Keller erst im Alter nicht mehr an ‚das Gute‘ im Men- 1859 Unser: Max Frischs Beschäftigung mit Gottfried Keller, S. 50. „Kellers Liberalismus – mit dem der heutige natürlich so wenig zu tun hat wie mit sonst einem durchdachten Verhalten – behielt die exaktesten Maßstäbe des Gebotenen und des Verwerflichen.“ (Benjamin: Gottfried Keller, S. 287). „In politischer Hinsicht gebärdete er sich von Anfang an als ‚erzradikaler Poet‘ (GB 1,233), setzte sich für liberale Positionen ein und attackierte vehement die konservativen Kräfte in der Schweiz.“ (Kittstein: Gottfried Keller, S. 23 f.). „Nach seiner Rückkehr in die Heimat im November 1842 lebte der gescheiterte Maler zunächst recht zurückgezogen. Er hockte verdriesslich auf seiner Kammer und hoffte auf eine baldige Fortsetzung seiner Ausbildung zum Bildkünstler. Da wurde er vom Zeitgeist mächtig gepackt und schloss sich der liberalen Reaktion an; zugleich gelangen ihm erste, vor allem politisch gefärbte Verse.“ (Elisabeth Lott-Büttiker: Gottfried Kellers Freundeskreis. In: Zürcher Chronik. 62. Jg. (1994), S. 13–16. Hier: S. 14). 1860 Bichsel: Drei Ellen guter Bannerseide, S. 10. 1861 „Nachdem Keller am 30. März 1876 als Zürcher Staatsschreiber demisioniert hatte, findet sich von ihm kaum mehr politische Publizistik im engeren Sinne. Keller arbeitete damals an seinem Roman Martin Salander (1886); es scheint, als habe er dort sein politisches Vermächtnis niederlegen wollen“ (Gottfried Keller Handbuch. S. 219). „Kellers politische Publizistik hatte sich vor seiner Wahl zum Staatsschreiber dezidiert gegen Escher und das sog. ‚System‘ gerichtet, verstummte dann aber abrupt“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 221). 1862 May: Kellers Sinngedicht, S. 134. 1863 Bichsel: Drei Ellen guter Bannerseide, S. 6. „Salanders Vorstellung von einem Staat ist eigentlich die, dass echter, guter und anständiger Liberalismus funktio- 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 338 schen glaubt. Erst die Industrialisierung hätte ihn ernüchtert, und „[i]m Rückblick erscheinen ihm seine Erwartungen als lebensfremde Phantasien. Seine Helden, die sich noch solchen Träumen hingeben, werden im Alterswerk lächerlich gemacht, Heinrich Lee nicht weniger als Martin Salander.“1864 Daher muss davon ausgegangen werden, dass die Verwendung des Grotesken bei ihm klar mit den Umwälzungen seiner Zeit in Verbindung zu bringen ist. Fehlende Handlungsanweisung – Kellers Pädagogik Inwiefern, wie intensiv und in welchen Werken Keller moralisch, didaktisch, erzieherisch oder kritisierend aktiv wird, ist in der Forschung mit unterschiedlichem Ergebnis oft diskutiert worden. So wird ihm von Johannes Klein eine geradezu übertriebene Lehrhaftigkeit vorgeworfen.1865 Metz unterstellt Keller, dass dieser sich „als Volkserzieher 4.3 nieren könnte ohne die Umständlichkeiten der direkten Demokratie; der Traum von der Freiheit, vom befreiten, gut erzogenen und verantwortlichen Menschen, der dann letztlich den Staat unnötig macht“ (Bichsel: Drei Ellen guter Bannerseide, S. 7 f.). 1864 May: Kellers Sinngedicht, S. 23. 1865 Klein: Geschichte der deutschen Novelle, S. 301. „Er [Keller] denkt weniger im weiten menschenbildnerischen, als im engeren erzieherischen Sinn“. Dafür „behandelt er […] vorwiegend Typen, nicht Persönlichkeiten.“ (Die beiden letzten Zitate stammen aus: Klein: Geschichte der deutschen Novelle, S. 301.) Amrain bezeichnet er als „eine Erzählung, die durch den pädagogischen Ton nicht einmal künstlerisch wertvoll ist. ‚Die drei gerechten Kammacher‘ haben eine ähnliche erzieherische Wurzel […] sind aber weit schärfer geformt“ (Klein: Geschichte der deutschen Novelle, S. 307). In Bezug auf die Kammacher „hat Kellers Schnurre ihren versteckten didaktischen Zweck erreicht.“ (Siefken: Kellers Kammacher, S. 223). „Die Idee dieser unmoralischen Geschichte [Schmied] ist eine Moral […]. Das Beispielhafte, das geradezu ins Reich der Parabel führen könnte, liegt darin, daß die Handlung eigentlich – uneigentlich ist, ein erdachter Vorgang von boshafter innerer Logik. […] Daß die Handlung nicht aus dem Leben stammt, zeigt nicht nur ihre Lehrhaftigkeit, sondern die Tatsache, daß eine Verlobung an einem Wortwitz scheitert: an den Kabis-Häuptle, und daß die Novelle mit einem Wortwitz endet.“ (Klein: Geschichte der deutschen Novelle, S. 31). „Das Thema ist: Werde originell, wenn du es bist, Abwandlung des ‚Mensch, werde wesentlich‘ oder des ‚Werde, was du bist‘. Das ist wiederum eine erzieherische Frage.“ (Klein: Geschichte der deutschen Novelle, S. 313). „Sie [die Kammacher] interpretieren das Sprichwort ‚wo es mir wohlgeht, da ist mein Vater- 4.3 Fehlende Handlungsanweisung – Kellers Pädagogik 339 […] verstanden hat.“1866 Im Gegensatz dazu steht Wildbolz‘ Auffassung, Keller sei schlicht „zu wenig Moralist“,1867 die bei Keller anzutreffende ‚Nichtigkeit‘ sei kein „Lehren[s] und Fordern[s].“1868 Villwock sieht das ähnlich wie Wildbolz und verneint Kellers Moralabsichten. Dennoch „wirft er all die großen alten Fragen auf […]. Aber er beantwortet keine. Er zeigt vielmehr ihre Unbeantwortbarkeit.“1869 Damit zeigt Keller seine Auseinandersetzung mit den ihn umgebenden Entwicklungen, gleichzeitig jedoch auch seine Haltung, die vom ‚allwissenden Zeigefinger‘ absieht. In Kellers Novellen wird kein Idealzustand beschrieben,1870 wodurch die ‚Moral von der Geschicht‘ für den Leser nicht deutlich erkennbar ist.1871 Diese Positionen zeigen, dass Kellers moralische Absichten zahlreichen Annahmen unterworfen sind. Um weitere Klarheit zu erlangen, ist zunächst auch Kellers eigene Position zum ‚moralischen‘ Schreiben und pädagogischer Intention einzubeziehen. In einem Brief vom 5. September 1860 an Berthold land‘ falsch, und so entwickelt sich die Geschichte nach dieser Predigt über die richtige Einstellung zum Vaterland zum satirisch-grotesken Untergang dieser ‚heimatlosen‘ Gesellen. Dadurch wird der Wahrheitsgehalt des Sprichwortes auf indirekte Weise aufrechterhalten, so daß, wie es in der hinzugefügten Schlußformel heißt, ‚dieses Sprichwort unangetastet bleiben (kann).‘ Diese Novelle ist also im Grunde um ein Sprichwort herum aufgebaut, was bisher von der Forschung nicht beachtet worden ist.“ (Mieder: Das Sprichwort in der deutschen Prosaliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, S. 160). Lukács sieht Keller als „Volkspädagoge“ (Lukács: Gottfried Keller, S. 46), was er im gesamten Verlauf seiner Untersuchung deutlich macht. 1866 Metz: Kellers Kammacher, S. 8. 1867 Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 50. Er sieht ihn nicht „als Moralist[en] […], vielmehr als unbefangene[n] Analytiker des Daseins“ (Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 32). Insgesamt bescheinigt er Keller ein „wenig moralistisch[es]“ Weltbild (Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 63). Das Lehrhafte finde sich höchstens in Amrain und dem Fähnlein und sei weniger moralistisch als mehr therapeutisch zu deuten (vgl. Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 46 f.). Wildbolz spricht bei Kabys auch von ‚Heilung‘ (vgl. Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 100). 1868 Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 68. 1869 Villwock: Kleider machen Leute, S. 94. 1870 Vgl. Ritzler: Das Außergewöhnliche in Kellers Novellen, S. 380. 1871 Interessant finde ich in diesem Zusammenhang Ritzlers Aussage, wonach Kellers Novellen eher als Erzählungen bezeichnet werden können (vgl. Ritzler: Das Außergewöhnliche in Kellers Novellen, S. 374). Was bei ‚echten‘ Novellen als Läuterungsfunktion Bestandteil ist, fällt bei Erzählungen entsprechend weg. 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 340 Auerbach zeigt sich Keller ‚bedenklich‘, dass der Kalender „leicht einen zu trockenen und absichtlich didaktischen Anstrich“1872 haben könnte – und führt dies auch auf seinen eigenen Beitrag zurück.1873 Auch seine Novelle Das verlorene Lachen bewertet Keller ironisch in einem Brief als „‚[…] sehr moralisch.‘“1874 Keller selbst bewertet seine didaktischen und moralischen Werke demnach kritisch – ein erstes Indiz, dass sich seine bewusst pädagogisch verfassten Texte auf ‚Ausrutscher‘ beschränken lassen.1875 Die Forschung hingegen ist sich, wie oben bereits angesprochen, in Kellers Didaktik nicht so einig wie er selbst. Jennings ist der Meinung, „Keller […] tends to apply a punishment through laughter to his characters, and […] those who depart radically from his ideals can be expected to be treated quite severely“.1876 Was negativ aus dem Rahmen fällt, wird laut Jennings also bestraft. Mit einem insgesamt positiven Bild von der Gesellschaft gehe es ihm jedoch nicht um die Bestrafung allein, sondern ebenso um die Handlungsmöglichkeiten,1877 die das Individuum habe, so Richartz.1878 Oh- 1872 Am 15.09.1860 an Berthold Auerbach (vgl. Gottfried Keller: Gesammelte Briefe in vier Bänden. Bd. 3/2. Hrsg. v. Carl Helbling. Bern: Verlag Benteli 1953, S. 200). 1873 Am 15.09.1860 an Berthold Auerbach (vgl. Keller: Gesammelte Briefe. Bd. 3/2. Bern: Verlag Benteli, S. 201). 1874 Müller: Gottfried Keller Personenlexikon, S. 261 f. 1875 Daher ist auch Wiesmann zu widersprechen, der „[h]inter dem vielfältigen Arabeskenspiel“ Kellers „immer Wahrhaftigkeit und strenge[n] sittliche[n] Wille[n]“ sieht. (Beide Zitate stammen aus: Wiesmann: Kellers Werk als Spiegel der Persönlichkeit, S. 95.) 1876 Jennings: The Ludicrous Demon, S. 142 f. „Wer sein Augenmerk ausschließlich auf die Vermehrung materiellen Besitzes richtet, steht am Ende mit Sicherheit vor leeren Schüben und Schränken. Je konsequenter das Bemühen, desto grö- ßer – und erfolglos komischer – die Diskrepanz zwischen Gewolltem und Erreichtem!“ (Rothenberg: Gottfried Keller, S. 202). Swales stimmt ihm hier in Bezug auf die Kammacher zu: „The narrator is explicit in his condemnation of Jobst […].“ (Swales: The German Novelle, S. 166). „The humor with which the narrator portrays such behavior is an integral part of the moral judgment that he makes. The humor functions as the implicit underpinning of the passages of explicit evaluation.“ (Swales: The German Novelle, S. 166 f.). 1877 Dabei muss jedoch festgehalten werden, dass hier keine Handlungsanweisung erfolgt. 1878 Vgl. Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 194 f. Vgl. auch Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers 4.3 Fehlende Handlungsanweisung – Kellers Pädagogik 341 ne fest davon überzeugt gewesen zu sein, dass dies fruchtet,1879 sehe Keller in „der Dichtung eine spezifische Möglichkeit der Einwirkung auf ‚die Leute‘ […], die etwa ein politisches Manifest nicht hat“1880. Er nimmt bei Keller einen „letzten Endes in Rousseau begründete[n] Optimismus der volkserzieherischen Literatur […] als Basis seiner Wirkungsarbeit“1881 wahr. Im Einzelnen spricht er von ‚erzieherischer Absicht‘1882, die dabei fern von utopischen Gedanken1883 zum Ausdruck komme. So erkennt er im Verlauf diverser Novellen eine positive Entwicklung „von völliger Verkommenheit zu leuchtender Vorbildlichkeit“1884 der Gesellschaft durch Keller aufgezeigt. Hauptaussage seines Textes ist die Feststellung, dass Keller durchaus als pädagogischer Erzählkunst, S. 16. und 25. Reinacher stimmt ihm hier zu, denn auch sie ist der Meinung, Keller „weiss Sympathie und Antipathie geschickt zu lenken. Ob er ein Verhalten oder einen Charakterzug für gut, richtig und tauglich hält […] oder ob er darin Verwerfliches, Kleinliches oder Missratenes sieht […], immer gibt sein Text eindeutig Signale, auf welche Seite sich der Leser zu schlagen habe.“ (Reinacher: Sprache der Kleider, S. 58). 1879 Vgl. Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 28. 1880 Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 77. 1881 Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 194. 1882 Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 66. 1883 Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 77 f. 1884 Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 188 f. Keller beschreibe Beziehungen von „positiv-normalen Einzelmenschen zu einem anderen Einzelmenschen“ und wie diese den anderen positiv beeinflussen (vgl. für das letzte Zitat und die Information Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 190). „[Er] charakterisiert […] sie durch eine Mischung von guten und schlechten Eigenschaften.“ (Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 131). Eine Ausnahme bildet seiner Meinung nach Amrain, „die einzige Erzählung der ‚Leute von Seldwyla‘, die eine positive Gestalt in einen positiven Geschehensablauf stellt […].“ (Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 189). Richartz sieht in Amrain, dem Verlorenen Lachen, Martin Salander und dem Fähnlein „die direkte Thematisierung richtigen oder falschen Verhaltens an Beispielen der unmittelbaren politischen und sozialen Gegenwart“. Dabei ist er außerdem der Meinung, dass diese Werke „unverhüllt und unverkennbar“ Einfluss auf den Rezipienten ausüben. Dabei ginge es Keller um „das kollektive als das individuelle Fehlverhalten“. (Die letzten drei Zitate stammen aus: Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 202 f.) 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 342 Schriftsteller agiert hat und seinen Lesern die Möglichkeiten, innerhalb der Gesellschaft etwas zu bewegen, aufzeigen wollte – das Lehrhafte steht bei Richartz im Vordergrund. Interessant ist die Einschränkung, die Richartz bezüglich der Leute von Seldwyla trifft: Hier sieht er im Gegensatz zum Roman die Möglichkeiten zur Kritik eingeschränkt.1885 Wie genau Kellers ‚Erziehungswille‘1886 aussieht, macht Mieder deutlich, der Kellers Absichten nicht auf „direkter Belehrung […], sondern mehr auf dem richtigen Verständnis beispielhafter Erzählungen [beruhen sieht] […]. Vordergründige Didaktik ist Kellers Wesen fremd.“1887. Dabei hat er laut Wiesmann „den Gedanken der Läuterung in seine Diesseitsreligion umgeschmolzen“ und plädiert in „seinen Bekehrungsnovellen“ für das Sittliche „auf dieser grünen Erde.“1888 May bewertet den Freitod von Sali und Vrenchen „als eine ra- 1885 Vgl. Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 28. „Während also der Leser hier [im zweiten Band der LvS, KmL, Schmied, Liebesbriefe, Dietegen, Verlorenes Lachen] seine eigene Haltung zu politischen Vorgängen und seinen Standort im demokratischen Gemeinwesen durch Vergleich seiner Realität mit dem Dargestellten unmittelbar ablesen kann, ist dies bei den anderen Erzählungen des Zyklus’ [Pankraz, RuJ, Amrain, Kammacher, Spiegel] nicht der Fall. Vielmehr kann die dort durch Stoffwahl und humoristische Darstellung verhüllte Auseinandersetzung mit Fehlern der Gesellschaft und der sie tragenden Individuen einen relativen Verlust an direkter politischer Wirksamkeit zur Folge haben.“ (Richartz: Politisch-didaktische Intention in Gottfried Kellers Erzählkunst, S. 202). Kittstein sieht in Amrain einen klaren didaktischen Anspruch (vgl. Kittstein: Gottfried Keller, S. 108). 1886 Vgl. Mieder: Das Sprichwort in der deutschen Prosaliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, S. 152. Vgl. auch Mieder: Das Sprichwort in der deutschen Prosaliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, S. 157 f. In Romeo und Julia sieht Mieder keine Belehrung, dafür umso mehr in Amrain (vgl. Mieder: Das Sprichwort in der deutschen Prosaliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, S. 159) und weniger wiederum in Kleider machen Leute (vgl. Mieder: Das Sprichwort in der deutschen Prosaliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, S. 161). 1887 Das Sprichwort in der deutschen Prosaliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, S. 157. 1888 Wiesmann: Kellers Werk als Spiegel der Persönlichkeit, S. 139. Vgl. für Pankraz‘ Bekehrung Wiesmann: Kellers Werk als Spiegel der Persönlichkeit, S. 93 f. „Wurde in den ‚Sieben Legenden‘ kritisch-negativ die ‚Verkehrung in der Hierarchie der Werte‘ dargestellt, so versucht Keller in dieser Erzählung [Fähnlein] ‚positiv‘ eine neue Wert- und Weltordnung zu etablieren“ (Dörr: Satire und Humor in Kellers „Sieben Legenden“, S. 147 f.). 4.3 Fehlende Handlungsanweisung – Kellers Pädagogik 343 dikale ‚Totalkritik der Gesellschaft‘“.1889 Da sie sich „den bürgerlichen Normen konform verhalten“,1890 würden der Buchhalter Melchior sowie die Kammacher scheitern. May sieht Kellers Kritik demnach an die Gesellschaft gerichtet, wobei ich weiterhin der Meinung bin, dass auch die Figuren selbst von Keller kritisch bewertet werden und er ihnen keineswegs ‚konformes‘ Verhalten bescheinigt. Ebenso kritisch sehe ich den ersten Teil der Aussage „Phantasten wandeln sich bei Keller entweder zu tüchtigen Arbeitern und Gliedern der Gesellschaft, oder sie depravieren zu skurrilen Schwärmern, Witzbolden, Falätschern und Bünzlins.“1891 Kellers Figuren sind nur scheinbar ‚tüchtige Arbeiter und Glieder der Gesellschaft‘ – die von mir analysierten grotesken Figuren sind alle ohne Ausnahme als gescheitert anzusehen. Klein sieht die Moral sowohl in den Kammachern als auch im Schmied anhand der Hauptfiguren realisiert, denn da den Kammachern die „Glückseligkeitsmoral“ fehlt, enden sie „in ihrer Torheit – unschädlich.“1892 Dieses Schicksal erfährt auch John Kabys, mit Blick auf ihn stellt Klein ebenso eine „Lehrhaftigkeit1893 fest. Auch wenn sich stellenweise eine pädagogische Absicht in den Novellen Kellers herauslesen lässt, so muss der Grundthese Richartz‘ und anderer Autoren widersprochen werden, denn Kellers Novellen zeichnen sich hinsichtlich ihrer pädagogischen Funktion durch eine Besonderheit aus, und zwar einen Schluss, der sich keineswegs als ‚leuchtende Vorbildlichkeit‘ bezeichnen lässt.1894 „Die scheinbare Stabilität so 1889 May: Seldwyla als Paradigma des bürgerlichen Realismus, S. 8. May ist jedoch der Ansicht, dass sich für Keller im Freitod von Sali und Vrenchen die Möglichkeit bietet, ihr gemeinsames Glück zu finden und sich der Gesellschaft zu entziehen (vgl. May: Seldwyla als Paradigma des bürgerlichen Realismus, S. 81). Darüber hinaus ist May der Ansicht, dass nicht nur die beiden Bauern, sondern ebenso die anderen Seldwyler den Acker unrechtmäßig erworben hätten (vgl. May: Seldwyla als Paradigma des bürgerlichen Realismus, S. 78). Jennings wiederum sieht die beiden Bauern in Romeo und Julia in „einer Art Vorhölle oder dem Hades, wohin der Autor sie zur Strafe für ihre Übertretungen gestellt hat“ (Jennings: Keller und das Groteske, S. 263). 1890 May: Seldwyla als Paradigma des bürgerlichen Realismus, S. 85. 1891 Wysling: Gottfried Keller – Grundtrauer und Lichtwelt, S. 123. 1892 Klein: Geschichte der deutschen Novelle, S. 309. 1893 Klein: Geschichte der deutschen Novelle, S. 310. 1894 Pankraz schmollt am Ende der Novelle immer noch, Romeo und Julia begehen Selbstmord, Strapinski wird als erfolgreicher Geschäftsmann dennoch nicht glücklich. 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 344 manches kellerischen Novellenschlusses […] tritt wohl auch da auf, wo der unbefangene Daseinsinterpret nicht an endgültige Rundung glaubt.“1895 Zwar gibt es Ritzler zufolge nach Ausnahmen;1896 doch sobald die Figuren, die abgewichen sind, in die Welt zurückgeholt oder ausgestoßen werden, brechen Kellers Novellen ab: Er beschreibt keinen Idealzustand.1897 Darüber hinaus lassen sich „[e]inige ‚Rettungen‘ […] als verschärfte Bestrafung“1898 verstehen. Auch wenn Pregel vom ‚didaktische[n] Humor‘ Kellers1899 spricht, sieht er bei ihm „einerseits die offenen Wertungen, andererseits jene doppelbödigen sprachlichen Wendungen, die das wahre Urteil verstellen.“1900 Diese Ambivalenz wird meines Erachtens nicht nur am Schluss der Novellen sichtbar, sondern auch in den Handlungen deutlich. Dabei wollte Keller sicherlich kritisieren, allerdings kann ihm kein Erziehungswillen unterstellt werden, denn dafür sind die Handlungsanweisungen nicht gegeben und vorbildliche Figuren fehlen. Geht man davon aus, dass das Groteske mit dem Ziel des Kritikübens Verwendung findet, und geht man weiterhin davon aus, dass Kellers Novellen dem Rezipienten aufgrund der Ambivalenzen1901 keine eindeutige Handlungsanweisung geben und ‚das Gute‘ nicht immer positiv hervorgehoben wird, so ist die An- 1895 Wildbolz: Kellers Menschenbild, S. 28. Ritzler dagegen glaubt eher, dass Keller der Stil, der zum Ausbau eines Lebens notwendig ist, fehlt (vgl. Ritzler: Das Au- ßergewöhnliche in Kellers Novellen, S. 381). 1896 Manche der Starren werden laut Ritzler ins Lebens zurückgeführt: Pankraz, Reinhart (Sinngedicht) und die Sieben Aufrechten: „Mit ihnen [den Aufrechten] verfährt Keller daher am glimpflichsten.“ (Ritzler: Das Außergewöhnliche in Kellers Novellen, S. 378). Bomers stellt dies auch für den „bekehrte[n] Pankraz“ fest; für Bomers ist Pankraz „am Ende der Novelle Projektion von Kellers Idee eines gottgefälligen Daseins, wenn es heißt daß Pankraz Gelegenheit fand, ‚mit seinen Erfahrungen und Kenntnisse ein dem Lande nützlicher Mann zu sein und zu bleiben.‘“ (Bomers: Realismus versus Romantik, S. 205). 1897 Vgl. Ritzler: Das Außergewöhnliche in Kellers Novellen, S. 380. 1898 Laufhütte: Martin Salander und die Deutungstradition, S. 36 f. 1899 Pregel: Das Groteske in den Kammachern, S. 344. 1900 Pregel: Das Groteske in den Kammachern, S. 345. 1901 So ist sich auch Arendt nicht sicher, ob Keller mit der Novelle Spiegel Kritik beabsichtigt hat. Er rät dem Leser, dies „für sich [zu] entscheiden“, indem er es aus dem zeitlichen Kontext hebt und „die Märchen-Novelle als Gleichnis in seine augenblickliche Gegenwart“ überträgt. (Beide Zitate stammen aus: Dieter Arendt: Märchen-Novellen oder das Ende der romantischen Märchen-Träume. Tübingen: Francke Verlag 2012, S. 115.) 4.3 Fehlende Handlungsanweisung – Kellers Pädagogik 345 nahme, Keller würde mit seiner Groteske pädagogische Kritik üben, hinfällig. Diesen Punkt zusammenfassend kann Keller durchaus als kritischer Autor gelesen werden, wobei Handlungsanweisungen bei ihm nicht gefunden werden können. Da er als Autor in großen Umbruchzeiten lebte, ist die Verwendung des Grotesken bei ihm auf diese beiden Umstände zurückzuführen. 4. Die Funktion des Grotesken in Kellers Werk 346

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Abstract

With the intention of getting Gottfried Keller out of the ‘humorous corner’ and into the grotesque, the monstrous elements of his work are worked out. The result: catastrophes are Keller’s ‘day-to-day business’ and the grotesque is a systematic subject in his novels. The discomfort is shown in an extraordinarily large repertoire of grotesque characters, a world before collapse, and the urge not to burst into laughter when portraying it. The book shows how Keller creates this interplay between laughter and horror, what possible motivation he could have had and how realistic the whole thing is constructed by the author of bourgeois realism.

Zusammenfassung

Mit der Absicht Gottfried Keller aus der ‚humoristischen Ecke‘ heraus- und ins Groteske hineinzuholen, werden insbesondere die monströsen Elemente seines Werks herausgearbeitet. Das Ergebnis: Katastrophen sind Kellers ‚Tagesgeschäft‘ und das Groteske systematischer Gegenstand seiner Novellen. Das Unbehagen zeigt sich in einem außerordentlich großen Repertoire grotesker Figuren, einer Welt vor dem Zusammenbruch – und dem Drang bei der Darstellung davon nicht in Lachen auszubrechen. Wie genau Keller dieses Wechselspiel zwischen Lachen und Grauen kreiert, welche mögliche Motivation bei ihm dafür in Frage kommt und wie realistisch das Ganze beim Autor des Bürgerlichen Realismus noch gestaltet ist, wird in diesem Buch deutlich.