Content

1. Einführung in:

Atefa Parsa

Kellers kleiner Horrorladen, page 1 - 22

Eine Untersuchung des Grotesken in Gottfried Kellers Werk

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4537-4, ISBN online: 978-3-8288-7590-6, https://doi.org/10.5771/9783828875906-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einführung Forschungsfrage und Thesen Trotz der umfassenden Erforschung des Keller’schen Werkes werden regelmäßig neue Aufsätze und Monografien zu seinem Werk veröffentlicht. (Erst 2016 erschien in der ersten Auflage beispielsweise das Gottfried Keller Handbuch.)1 Dabei wurden sowohl große Themenkomplexe als auch Details untersucht.2 Trotzdem ist es der Keller-Forschung bisher nicht gelungen, ein bestimmtes Thema im Werk eines der „größten Prosaiker der deutschen Sprache“3 – zu bearbeiten. Dies betrifft Szenen, die sich oft merkwürdig von der Umgebung abheben. Sie haben eine Beziehung zu den Stellen, die reine Spaßigkeit, Possenhaftigkeit und Schrulligkeit darstellen, und werden oft mit diesen harmloseren Phantasieflügen verwechselt, aber sie können an ihrem Unterstrom des Dämonischen oder Schrecklichen davon unterschieden werden.4 In seinem Aufsatz Gottfried Keller und das Groteske macht Lee B. Jennings auf diese Besonderheit in Kellers Werk aufmerksam. Diese als grotesk zu bezeichnenden Stellen in Kellers Werk aufzuspüren, ist die Aufgabe dieser Dissertation. Sie ist berechtigt und überfällig, da – wie der Forschungsüberblick zeigen wird – dieser Aspekt des Werkes bisher vollkommen vernachlässigt wurde. Das ist besonders verwunder- 1. 1.1 1 Ursula Amrein (Hrsg.): Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler Verlag 2016. 2 Vgl. hierzu bis zum Jahr 2003: U. Henry Gerlach: Gottfried Keller Bibliographie. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2003. 3 Walter Benjamin: Gottfried Keller. Zu Ehren einer kritischen Gesamtausgabe seiner Werke. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 2/1. Hrsg. v. Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997, S. 283–295. Hier: S. 284. 4 Lee B. Jennings: Gottfried Keller und das Groteske. In: Otto F. Best (Hrsg.): Das Groteske in der Dichtung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980, S. 260–277. Hier: S. 262. 1 lich, da die vorliegende Arbeit das Groteske in seinem Werk als umfassende Ausdrucksform herausarbeiten kann. Keller entwickelt dabei eine eigene Stilform des Grotesken. Man mag bei ihm von Realismus sprechen, aber dann darf man nicht verkennen, daß zu der Realität seiner Welt die unheimlichen, unfaßbaren dunklen Mächte gehören und daß dem Erzähler, so tief sein klarer Blick dringt und so sehr er es liebt, heiter zu lächeln und Lächeln zu erwecken, das Grauen vor dem Abgründigen nicht fremd ist.5 Wolfgang Kayser hebt mit diesem Zitat ein lange vorherrschendes Missverständnis auf: Forschungsinteressen lagen in der Auseinandersetzung mit dem „Dichter der Heiterkeit“6 vor allem in der Untersuchung des Humors.7 Dass an der reinen Fokussierung auf das Heitere nicht ohne Weiteres festgehalten werden kann, wurde von manchen Wissenschaftlern verdeutlicht, die über den Humor hinausgehend zudem eine ‚dunkle Seite‘ seines Œuvres herausarbeiten. „Die neuere Keller-Kritik hat sich […] von einem einseitig das Helle und Freudige betonenden Bild […] distanziert.“8 Zur Aufschlüsselung des Keller’schen Werkes ist dies meiner Meinung nach notwendige Voraussetzung, denn Kellers Freude ist, wie diese Arbeit zeigen möchte, mit „ein[em] leise[n] Erschrecken verbunden“.9 Wie leise – oder laut – dieses Erschrecken ist, wird diese Untersuchung ebenfalls zeigen. Es ist nicht nur daran erkennbar, „[w]ie oft […] in Kellers Werken gestorben“10 wird; auch das in der Keller’schen Welt vorherrschende Monströse macht dies deutlich. Dass dies lange übersehen wurde, liegt auch an zeitlich begründbaren Forschungsinteressen. 5 Wolfgang Kayser: Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung. Oldenburg: Stalling Verlag 1957, S. 117 f. 6 Ernst May: Gottfried Kellers „Sinngedicht“. Eine Interpretation. Bern/München: Francke Verlag 1969, S. 103. 7 Vgl. Hildegard Demeter: Gottfried Kellers Humor. Berlin: Ebering Verlag 1938. Vgl. außerdem Wolfgang Preisendanz: Humor als dichterische Einbildungskraft. Studien zur Erzählkunst des poetischen Realismus. München: Eidos Verlag 1963. 8 Lilian Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“. In: Zeitschrift für Deutsche Philologie. 90. Jg./Heft 1(1971), S. 499–526. Hier: S. 501. 9 Hans Wysling: Und immer wieder kehrt Odysseus heim. Das „Fabelhafte“ bei Gottfried Keller. In: Ders. (Hrsg.): Gottfried Keller: Elf Essays zu seinem Werk. München: Wilhelm Fink Verlag 1990, S. 151–162. Hier: S. 160 f. 10 May: Kellers Sinngedicht, S. 103. 1. Einführung 2 Am Anfang unseres Jahrhunderts findet er [der Forscherblick; Anm. d. Verf.] bei Keller überwiegend Lichtvolles und Heiteres. Die Erfahrungen und Zukunftsaussichten haben die folgende Generation hellhörig gemacht für die dunklen Elemente bei Keller, wie Tragik, Tod, Zerfall, Schein, Einsamkeit, Groteske und Dämonie. […] Diese Erkenntnisse machen es möglich, sich der verborgenen Wahrheit und Mannigfaltigkeit der Kellerschen Werke immer mehr zu nähern, aber nur, solange man nicht […] das Dunkle übermäßig betont.11 Die Konzentration auf die heiteren Aspekte in Kellers Werk ist meiner Meinung nach jedoch nicht allein auf die zeitlichen Umstände zurückzuführen. Das Unheimlich-Groteske ‚überliest‘ sich bei Keller auch aufgrund der „groteske[n] Struktur[en]“,12 die „nicht als solche aufgenommen, sondern umgedeutet werden“ und zwar „ins Komische und Humoristische“. Das Unheimliche versteckt sich in den Novellen oft hinter dem vordergründig Komischen und ist deshalb nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Erst das Hinterfragen offenbart die von Kayser bereits erwähnten unheimlichen Aspekte in seinem Werk. Die Suche nach dem Monströsen in der Handlung der Novellen beschäftigt diese Arbeit daher auch. Dass es sich hierbei keineswegs um Ausnahmen handelt, kann bereits jetzt festgehalten werden. Für besonders auffallend halte ich dabei bei vielen Figuren die Lust, andere zu quälen. Doch auch das fehlende Mitleid des Erzählers bei der Darstellung dieser Szenen kann als weiteres Merkmal genannt werden. ‚Kellers kleiner Horrorladen‘ bietet ein weites Spektrum an Monstrositäten an. Über die Gründe, weshalb dies bisher nicht umfassend untersucht wurde, kann hier nur gemutmaßt werden. Die Untersuchung eines literarischen Phänomens wie des Grotesken erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit Merkmalen, die nicht einfach zu bestimmen sind. Nicht nur die lange Geschichte des Grotesken, sondern vor allen Dingen auch seine (vermeintliche) Undefinierbarkeit erschweren die ‚Anwendung‘ auf einen bestimmten Autor. Das oben angesprochene lange Vorherrschen der Betonung humoristischer Aspekte kann, zweitens, als Ursache für das dem Grotesken entgegengebrachte Desinteresse genannt werden. Das Groteske bei ihm wurde schlicht überlesen. Weiterhin setzt er sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen, Briefwech- 11 May: Kellers Sinngedicht, S. 8. 12 Dieses und die folgenden zwei Zitate stammen aus: Kayser: Das Groteske, S. 195. 1.1 Forschungsfrage und Thesen 3 seln oder Aufsätzen nicht mit dem Grotesken auseinander. Lediglich in einer Novelle, dem Sinngedicht, taucht der Begriff ‚grotesk‘ auf,13 was jedoch als zufällig und willkürlich bezeichnet werden muss. Zwar äußert er sich bewundernd über Autoren, die das Groteske anwandten. Jedoch kann ausgeschlossen werden, dass er diese bewusst aufgrund ihrer Verwendung des grotesken Stils schätzte. Mit seinen fehlenden Aussagen zum Grotesken gibt er daher keine Anhaltspunkte, diesen Aspekt in seinem Werk zu untersuchen. Dies wird im Folgenden nachgeholt: „Diese grundlose Heiterkeit“,14 die „fast einen unheimlichen Eindruck“ auf Herrn Jacques macht, soll in Kellers Novellen aufgezeigt werden. Einige grundlegende Annahmen zum Grotesken werden das theoretische Fundament zur Analyse der Novellen liefern. Nach Einführung in den Begriff und der Darstellung der uneinheitlichen Begriffsverwendung wird gezeigt werden, inwiefern es verschiedene Arten des Grotesken gibt und wie es in unterschiedlichen Epochen verwendet wurde. Dabei werden die über Jahrhunderte vorherrschenden Forschungskontroversen berücksichtigt. Die Arbeit wird nicht auf den Zug der Undefinierbarkeit des Grotesken aufspringen, sondern für Kriterien plädieren, die als Werkzeug für die Untersuchung in dieser Arbeit dienen. Denn in der Vergangenheit hat sich ein sogenannter kleinster gemeinsamer Nenner herausgebildet, der den Analyseumgang mit dem Grotesken erleichtert. Die Ambivalenz des Grotesken, sichtbar im Schwanken zwischen Lachen und Grauen, kann hier als 13 „Alles ging wieder so still und feierlich zu, dass der geordnetste Haushalt, die friedlich-anständigste Lebensart in dem Banne dieser Frau zu walten schien. Zuletzt kam die Reihe des Aufsteigens an die einer roten Siegellackstange gleichende Kammerfrau, welche der maurische Schiffsgesell dienstfertig hinter den Rücken des Geistlichen hob, und als ihn beim Abreiten der Aufzug noch etwas grotesk anmutete, schrieb er die seltsame Sitte der ländlichen Abgeschiedenheit zu, aus welcher die Dame herkam.“ (Gottfried Keller: Das Sinngedicht. In: Ders.: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Bd. 6: Züricher Novellen. Hrsg. v. Thomas Böning. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1991, S. 95–381. Hier: S. 282 f.). 14 Dieses und das folgende Zitat stammen aus: Gottfried Keller: Der Narr auf Manegg. In: Ders.: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Bd. 5: Züricher Novellen. Hrsg. v. Thomas Böning. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 2009, S. 109–131. Hier: S. 110. Es handelt sich dabei um die Bemerkung von Herrn Jacques, als er Porträts von Familienmitgliedern auf Burg Manegg erblickt, welche in auffälliger Weise lächeln. 1. Einführung 4 erstes und grundlegendes Kriterium angeführt werden. Die Arbeit möchte hier vor allen Dingen zeigen, dass Schwerpunktsetzungen möglich sind, woraus sich für jeden Autor spezifische Grotesken ergeben. Die Annahmen, die hier für Keller getroffen werden, sollen nicht als universell gültig und anwendbar für andere Autoren gelten.15 Neben den theoretischen Ausführungen zum Grotesken wird auch der Aspekt von Autor und Rezipient näher beleuchtet. Gezeigt werden soll demnach nicht nur die vom Autor geschaffene Groteske, sondern auch die Wirkung, die diese auf den Rezipienten hat. Zwar gibt es Bestrebungen, das Groteske nicht von der Wirkung her zu bestimmen, was die Autorin befürwortet. Allerdings kann sich das Groteske ohne einen wahrnehmenden Rezipienten meines Erachtens nicht entfalten. Aufgrund von grotesken Elementen stellt sich beim Leser ein Irritationseffekt ein, der unerwartet eintritt und ihn vor eine „entfremdete[n] Welt“16 stellt. Zu zeigen sind die grotesken Mittel Kellers anhand seiner Novellen. Auf Basis der theoretischen Erkenntnisse sowie unter Bezugnahme auf groteske Mittel und Methoden wird so herausgearbeitet werden, inwiefern Keller ein Autor des Grotesken ist. Die Analyse erfolgt mithilfe einer hermeneutischen Vorgehensweise. Dabei muss im Hintergrund Peter von Matts Aussage als gültig angesehen werden, der „die hermeneutische Zugänglichkeit […] unbeeinträchtigt“ sieht, „[s]elbst wenn man annehmen wollte, daß sich Keller […] nichts weiter gedacht haben sollte“.17 Um eine ergebnisreiche Untersuchung des Grotesken in Kellers Werk zu gewährleisten, liegt der Fokus auf einer textnahen Analyse, die seine Novellenzyklen Die Leute von Seldwyla, Züricher Novellen so- 15 Buck hat dies für seine Untersuchung des Grotesken bei Büchner bereits festgehalten (vgl. Theo Buck: Das Groteske bei Büchner. In: Études Germaniques. 43. Jg./ Heft 1 (1988), S. 66–81. Hier: S. 67). 16 Kayser: Das Groteske, S. 198. Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf den von Kayser eingeführten Begriff der „entfremdete[n] Welt“ und kennzeichne ihn als Forschungsbegriff ‚Entfremdete Welt‘. Der Begriff der ‚Entfremdung‘ oder ‚entfremdet‘ sowie ähnliche Formulierungen beziehen sich ebenfalls auf Kaysers Terminologie und werden demzufolge mit ‚‘ gekennzeichnet. 17 Peter von Matt: Gottfried Keller und der brachiale Zweikampf. In: Hans Wysling (Hrsg.): Gottfried Keller. Elf Essays zu seinem Werk. München: Wilhelm Fink Verlag 1990, S. 109–131. Hier: S. 118. 1.1 Forschungsfrage und Thesen 5 wie das Sinngedicht umfasst. Zwar hat Keller auch andere Gattungen bedient – diese eignen sich für die Untersuchung jedoch ebenso wenig wie Kellers Romane Der grüne Heinrich und Martin Salander. Genaueres zur Auswahl der Texte wird an entsprechender Stelle argumentiert. Die Analyse der ausgewählten Novellen fokussiert sich auf Kellers grotesk-monströse Welt sowie die darin lebenden Figuren. Zusammen ergibt sich daraus das Gesamtbild. Denn ganz im Gegensatz zu Jennings, der „nicht beabsichtigt, Keller zu einem ‚Groteskdichter‘ zu machen“,18 da er „keine voll entfaltete Blüte des Grotesken“ hervorbringe, möchte diese Arbeit genau dies beweisen. Die Verwendung des Grotesken in Kellers Werk ist kein vereinzelt auftretendes Element, sondern ein durchgehend auf verschiedenen Ebenen ausgeführtes Konzept. Widerlegt wird damit auch Kaysers These, wonach Keller das Groteske auf die groteske Gestaltung von Figuren eingrenzt.19 Zwar ist das Groteske häufig in der Figurengestaltung ‚sichtbar‘ – trotzdem befinden sie sich in einer als grotesk zu bezeichnenden Welt. Die Einteilung der Figuren erfolgt zunächst in die beiden Kategorien ‚Verzerrung‘ und ‚Vermischung‘. Unter dem Aspekt der grotesken Vermischung können sie weiterhin in Unterkategorien eingeteilt werden. Dies umfasst die Vermischung mit Tieren, Pflanzen oder Dingen, zu denen auch Automaten und Maschinen gezählt werden. Dabei handelt es sich um eine ‚typisch‘ groteske Methode, die besonders stark mit der Romantik verbunden ist, beim ‚Realisten‘ Keller jedoch ebenso umfangreich anzutreffen ist. Dabei überwiegen die tierischen Vermischungen, wobei ich die Ding-Vergleiche als besonders grotesk einschätze. Nicht weniger grotesk ist zur selben Kategorie zählend die Geschlechtsvermischung in der ‚Travestie‘ erkennbar. Mehrfach werden Figuren ihres biologischen Geschlechts – meist aufgrund von Verkleidung – beraubt. Der Verlust der Identität liegt dem Grotesken dieser Figuren gefährdend zugrunde. Zudem erfordern sie fast zwangsläufig die Auseinandersetzung des Rezipienten mit der eigenen Sexualität, was im Hinblick auf die irritierende Wirkung des Grotesken verstärkend hinzukommt. 18 Dieses und das folgende Zitat stammen aus: Jennings: Keller und das Groteske, S. 269. 19 Vgl. Kayser: Das Groteske, S. 113. 1. Einführung 6 In die Kategorie der grotesken Verzerrung werden die Figuren eingeordnet, die vor allen Dingen aufgrund ihrer körperlichen Merkmale als grotesk zu bezeichnen sind. Der ‚anormale‘ Körper ist eines der Themen der Groteske. Keller nutzt Vergrößerungen und Verkleinerungen, um diese Körper zu gestalten. Die ‚gestörte‘ Beziehung verschiedener Körperteile zueinander ist dabei Hauptmerkmal dieser Figuren. Besonders wichtig erscheint mir daher die Abgrenzung dieser Figuren zur Karikatur, was in einem Exkurs erfolgen wird. Diese Figuren werfen die Frage auf, in welcher Welt solche unwahrscheinlichen Figuren auftauchen können. Sind sie eine reale Darstellung der Wirklichkeit? Die groteske Welt Kellers lässt Unwahrscheinlichkeiten aller Art zu, beinhaltet das Plötzliche, das (Un)Glück und Zufälle, bewegt sich dabei jedoch stets innerhalb der Realität. In diese können jedoch fantastische Einbrüche erfolgen, was sicherlich als Einfluss der Romantik zu bewerten ist. Jedoch sind nicht nur die oben genannten Figuren als außergewöhnlich zu bezeichnenden. Unheimliche Bewohner sind zudem im identitätsraubenden Doppelgänger und im weiblichen Dämon zu sehen, wobei letzterer starke Tendenzen zum Hexerischen aufweist. Auch diese Figuren sind so gestaltet, dass eine Verortung in der Realität gerade noch verteidigt werden kann. Dies ist besonders aufgrund der ‚Einspurung‘20 des Rezipienten in das realistische Geschehen bedeutsam. Diese ist Voraussetzung für Erwartung und ‚Entfremdung‘. Ich erachte genau diesen herausfordernden Zwiespalt als besonders groteskes Spannungsfeld. Zur grotesken Welt zählen auch die scheinhaften Figuren. Bei ihnen handelt es sich um Figuren, die aufgrund ihres Verhaltens, das eine deutliche Überschätzung ihrer Fähigkeiten und der realen Gegebenheiten zeigt, als grotesk einzustufen sind. Neben Vermischung und Verzerrung nennt Peter Fuß als dritten Punkt des Grotesken die Verkehrung. Im Sinne einer verkehrten Welt betrifft diese in den behandelten Novellen hauptsächlich Konstellatio- 20 Horst-Jürgen Gerigk: Elemente des Skurrilen in Dostoevskijs Erzählung „Der ewige Gatte“. In: Ulrich Busch (Hrsg.): Gogol, Turgenev, Dostojewskij, Tolstoj. Zur russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. München: Wilhelm Fink Verlag 1966, S. 37–49. Hier: S. 39. Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf den von Gerigk eingeführten Begriff der „Einspurung“ und kennzeichne ihn als Forschungsbegriff ‚Einspurung‘. 1.1 Forschungsfrage und Thesen 7 nen von Figuren in verkehrten Rollen: Irritierend und grotesk erscheint es dem Rezipienten beispielsweise, wenn Kinder wie Erwachsene – oder umgekehrt Erwachsene wie Kinder – behandelt werden. Unabhängig von Figuren zeigen sich Unwahrscheinlichkeiten in Kellers Novellen auch in grotesken Übertreibungen, die sich beispielsweise in Maßlosigkeiten im Bereich des Essens zeigen können. Dabei kann die Nahrungsaufnahme durchaus als angsteinflößende Komponente gelten, was insbesondere in Spiegel und Kleider machen Leute deutlich wird. Daneben können auch das Verhalten sowie bestimmte Reaktionen von Figuren als auf groteske Weise übertrieben bezeichnet werden. In die groteske Welt und deren Figuren gehören auch die Träume bei Keller, wobei diese nicht mit ‚romantischen‘ Träumen gleichgesetzt werden dürfen, sondern vielmehr als ‚traumartige‘ Zustände zu bezeichnen sind. Zum Grotesken zählen manche Forscher auch die Sprachgroteske. Sie ist innerhalb der Groteske-Forschung kaum beachtet worden. Als Vertreter dieser Methode gilt im deutschsprachigen Raum beispielsweise Christian Morgenstern. Im Vergleich mit ihm und anderen sprachgrotesken Autoren kann die Analyse der Keller’schen Novellen als nicht ertragreich bezeichnet werden. Zur Vollständigkeit der Untersuchung sollen jedoch diverse rhetorische Mittel in Kellers Werk ebenfalls auf ihre groteske Relevanz überprüft werden. Auch wenn Keller nicht alle im Grotesken zur Verfügung stehenden Methoden anwendet, zeigt sich in seiner systematischen Handhabung einiger ausschlaggebender Methoden in seinen Novellen ein „‚ausgetüfteltes‘ Gewebe“21 „groteske[r] Elemente[n]“. Dieses herauszuarbeiten, ist nur Teilaufgabe dieser Dissertation. Denn zum Abschluss wird der Versuch unternommen, aufzuzeigen, welche Gründe Keller zum Einsatz des Grotesken bewegt haben könnten. Dass es ohne Funktion auftritt, wie von manchen behauptet, lässt sich für Keller nicht fruchtbar machen. Auch eine eindeutig satirische Stoßrichtung des Grotesken mit konkreten Handlungsanweisungen kann das Groteske in seinem Werk nicht erklären. Wahrscheinlich erscheint es, dass 21 Dieses und das folgende Zitat stammen aus: Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“, S. 526. 1. Einführung 8 Keller – beeinflusst von der ihn umgebenden Umbruchzeit sowie dem Einfluss bestimmter Autoren und der Romantik – zu Mitteln des Grotesken gegriffen hat, ohne sich dabei selbst darüber bewusst gewesen zu sein. Ein groteskes ‚Wesen‘ – bereits sichtbar in zum Teil als grotesk zu bezeichnender Malerei Kellers – mag hier unterstützend mitgewirkt haben. Textauswahl Da trotz der Ankündigung, eine umfassende Untersuchung zu leisten, nicht alle Texte Kellers in dieser Arbeit analysiert werden können, muss eine Auswahl getroffen werden, die handhabbar und ertragreich zugleich ist. Auch wenn Keller sich in seiner literarischen Schaffensperiode aller Gattungen bediente,22 zeigt sich bei der Auswahl der zu verwendenden Texte Kellers schnell, dass die erkenntnisreichsten Ergebnisse in Bezug auf die Verwendung des Grotesken bei Gottfried Keller durch die Analyse seiner Novellen zu gewährleisten ist. Kellers autobiografischer Roman Der grüne Heinrich fällt aus diversen Gründen für eine Untersuchung in diesem Rahmen aus: Die Betrachtung des in zwei sich erheblich unterscheidenden Fassungen bestehenden Romans,23 zeigt eine so unbestreitbar starke Verbindung zu Kellers Bio- 1.2 22 Daneben existieren auch diverse Aufsätze und Briefe. Eine Sammlung der Aufsätze findet sich in: Gottfried Keller: Aufsätze, Dramen, Tagebücher. Hrsg. v. Dominik Müller. Bd. 7. Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kaufmann, Dominik Müller und Peter Villwock. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1996. Die „Aufsätze, Zeitungsartikel und amtlichen Publikationen“ finden sich auf S. 9–364. Eine Sammlung unveröffentlichter Aufsätze findet sich auf S. 373–392. Kellers Briefwechsel können online unter http://www.gottfriedkeller.ch/briefe/ nachgeschlagen werden (zuletzt aufgerufen am 14.10.2017, 21:41 Uhr) oder in Gottfried Keller: Gesammelte Briefe in vier Bänden. Hrsg. v. Carl Helbling. Bern: Verlag Benteli 1950–1954. 23 Besonders der überarbeitete Schluss sowie die Erzählperspektive unterscheiden erste und zweite Fassung des Romans (vgl. Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kaufmann, Dominik Müller und Peter Villwock. Bd. 3. Gottfried Keller: Der grüne Heinrich. Zweite Fassung. Hrsg. v. Peter Villwock. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1996, S. 865–1024, insbesondere S. 972–1021: ‚Konkordanz der Kapitel beider Fassungen‘). Die Entstehungsgeschichte der ersten Fassung des Grünen Heinrich findet sich in Gottfried Keller: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning 1.2 Textauswahl 9 grafie,24 sodass eine ausschließlich textnahe Untersuchung ausgeschlossen wäre – für die Untersuchung des literarischen Phänomens des Grotesken steht dies meines Erachtens jedoch im Vordergrund. Weiterhin stellte dieser Roman auch aufgrund seines textlichen Umfangs, der sich durch die essenzielle Betrachtung beider Fassungen ergeben würde, zusammen mit weiteren Texten eine kaum zu bewältigende Herausforderung für diese Arbeit dar. Mit einer Entscheidung für diesen Roman wäre die Möglichkeit, weitere Stücke Kellers zu untersuchen, nicht zu realisieren. Jedoch sind nicht allein ‚pragmatische‘ Gründe für den Ausschluss der Romane zu nennen. Ausschlaggebend für die Entscheidung, den Grünen Heinrich für diese Arbeit auszuschließen, ist die Erkenntnis, dass er bis auf wenige Ausnahmen, die in dieser Arbeit an entsprechender Stelle zur Sprache kommen werden, keine grotesken Elemente aufweist. Dies trifft ebenso auf Kellers zweiten und letzten Roman Martin Salander zu. Dieser behandelt das Leben der Familie Salander und beschäftigt sich hier vor allen Dingen mit deren ökonomischer Stellung im Verlauf von mehreren Jahren.25 und Gerhard Kaiser. Bd. 2. Gottfried Keller: Der grüne Heinrich. Erste Fassung. Hrsg. v. Thomas Böning und Gerhard Kaiser. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1985, S. 901–1043, vgl. insbesondere S. 912. 24 Allein der Grüne Heinrich kann als explizit autobiografisches Werk bezeichnet werden. Daneben werden aber auch Kellers Novellen (teilweise stark) autobiografische Züge unterstellt: Laut Kittstein erinnert Amrain an Kellers eigenes familiäres Umfeld (vgl. Ulrich Kittstein: Gottfried Keller. Stuttgart: Reclam 2008, S. 109 f.), und Keller sehe darin seinen „Wunsch-Lebenslauf “ (Kittstein: Gottfried Keller, S. 110). Im Pankraz sieht Kittstein einen ‚kleinen Entwicklungsroman‘ ähnlich zum Grünen Heinrich, da er in der Familienkonstellation autobiografisch zu sehen ist (vgl. Kittstein: Gottfried Keller, S. 99). 25 Keller war mit diesem Roman nach der Veröffentlichung unzufrieden (vgl. Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kaufmann, Dominik Müller und Bettina Schulte-Böning. Gottfried Keller: Sieben Legenden, Das Sinngedicht, Martin Salander. Hrsg. v. Dominik Müller. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1991, S. 1088–1092. Vor allem der Bericht Adolf Freys über Kellers Aussage in Bezug auf Martin Salander ist hier hervorzuheben: Dort verweist er auf Kellers Selbstkritik, der Martin Salander hätte „‚zu wenig Poesie […]!‘“ (Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kaufmann, Dominik Müller und Bettina Schulte-Böning. Gottfried Keller: Sieben Legenden, Das Sinngedicht, Martin Salander. Hrsg. v. Dominik Müller. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1991, S. 1091). Dennoch plante er einen nicht verwirklichten Anschlussroman, der sich mit Martins Sohn Arnold beschäftigen sollte. 1. Einführung 10 Auch im Martin Salander sind keine grotesken Elemente auffindbar.26 Zwar stand bis Ende des 18. Jahrhunderts der Roman in Deutschland mit dem „Wortfeld „phantastisch, lügenhaft, übertrieben, wunderbar“27 in Verbindung – Indizien, die für das Groteske sprechen, wie die Arbeit später zeigen wird. „Andererseits tritt der Roman seit seiner Konstituierung als Gattung der Prosa mit dem Anspruch auf Faktizität oder zumindest Wahrscheinlichkeit auf.“ Gerade hier liegt der Grund, weshalb in Kellers Romanen gerade keine grotesken Elemente zu finden sind. Denn die Darstellung von Wirklichkeit wird in Kellers Novellen und Romanen unterschiedlich und zugunsten des Grotesken in den Novellen gestaltet: Durchwoben von Fantastik und Unwahrscheinlichkeit ermöglicht es die Novelle im Gegensatz zum Roman, groteske Elemente auftreten zu lassen. Damit einhergehend schafft es die Novelle viel eher mit ihrer ‚unerhörten Begebenheit‘ einen Weltausschnitt zu behandeln und diesen grotesk auszumalen, wohingegen der ‚langatmige‘ Roman die Welt als Ganzes darstellt und das Kleinteilige des Grotesken nicht bedienen kann. Gottfried Keller hat zu Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch Gedichte verfasst.28 Sie beschäftigen sich mit politischen und sozialkritischen Themen, darüber hinaus sind aber auch Liebesdichtungen zu finden. Zur Untersuchung des Grotesken in Kellers Werk eignen sie sich meiner Meinung nach nicht – weder inhaltlich noch gattungsspezifisch, auch wenn sie in der Rezeption positiv angenommen wurden.29 Keller versuchte sich zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere und wiederholt auch später als Dramatiker, musste aber immer wieder erkennen, dass ihm ein zufriedenstellendes Drama nicht 26 Wobei man in diesem Roman die Kritik an der Ökonomie beziehungsweise dem wirtschaftlichen System erkennen kann, die wiederum für die Funktion des Grotesken im Werk nicht unerheblich sind. Vgl. hierzu auch den Gliederungspunkt zur Funktion des Grotesken in dieser Arbeit. 27 Dieses und das folgende Zitat stammen aus Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. (Bd. III), S. 318. 28 Dabei hatte er in der Lyrik „mit seinen Gedichten auch rasch Erfolg. Daneben versuchte er sich aber schon als Erzähler und Dramatiker.“ (Müller: Aufsätze, Dramen, Tagebücher, S. 1003). 29 Selbstaussagen und Wirkung der Gedichte finden sich in: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kaufmann, Dominik Müller und Peter Villwock. Bd. 1. Gottfried Keller Gedichte. Hrsg. v. Kai Kaufmann. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1995. S. 861–865 1.2 Textauswahl 11 gelingt,30 weshalb lediglich Fragmente vorhanden sind.31 Für eine Analyse eignen sie sich daher nicht. Außerdem soll die gattungstechnische Einheitlichkeit der Textauswahl nicht gestört werden. Mit Ausschluss aller anderen Formen und Werke Kellers bleiben für die Untersuchung des Grotesken ‚nur‘ noch seine Novellen übrig. Kellers Novellen umfassen Die Leute von Seldwyla (Band 1 und 2), Züricher Novellen (Band 1 und 2), Die sieben Legenden und Das Sinngedicht. Da die Interpretation nicht anhand einer Novelle exemplarisch erfolgen soll, sondern einzelne Themenaspekte des Keller’schen Grotesken anhand mehrerer Stücke aufgezeigt werden sollen, können nur wenige Novellen ausgeschlossen werden. So kann ein Gesamtbild des Grotesken in Kellers Werk sichergestellt werden. Es erscheint mir sinnvoll, eine Auswahl mehrerer Stücke Kellers für die Untersuchung heranzuziehen, weshalb hier die Entscheidung zugunsten folgender Novellen gefallen ist.32 Aus den beiden Zyklen Die Leute von Seldwyla sowie Züricher Novellen: Der Schmied seines Glückes, Spiegel, das Kätzchen, Kleider machen Leute, Die drei gerechten Kammacher, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Das Fähnlein der sieben Aufrechten, Die mißbrauchten Liebesbriefe, Der Landvogt von Greifensee sowie Frau Regel Amrain und ihr Jüngster, Dietegen, Pankraz, der Schmoller, Das verlorene Lachen und Der Narr auf Manegg. Auch das Sinngedicht erscheint für eine Untersuchung spannend und gewinnbringend. Zusammen („Selbstzeugnisse“) und S. 865–874 („Wirkung“). Die Stimmen zu seiner Dichtung sind insgesamt als positiv zu bezeichnen. Interessant ist die Bemerkung Demeters, wonach Keller bei der Nachbearbeitung seines Gedichts die rührseligen Stellen entfernt und sie durch humoristische ersetzt (vgl. Demeter: Kellers Humor, S. 70). 30 Bis auf ein Werk blieben die Dramen „im Anfangsstadium“ (Müller: Aufsätze, Dramen, Tagebücher, S. 1001). Sein „dramatischer Nachlaß beschränkt sich so im wesentlichen [sic!] auf die Jugenddramen und die Entwürfe aus der Heidelberger und Berliner Zeit.“ (Müller: Aufsätze, Dramen, Tagebücher, S. 1011 f.). Als Dramatiker „ist er gescheitert“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 294). 31 Vgl. zum dramatischen Nachlass: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kaufmann, Dominik Müller und Peter Villwock. Bd. 7: Aufsätze, Dramen, Tagebücher. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1996, S. 393–543). Ein Überblickskommentar findet sich auf S. 1000–1012. 32 Auch hier muss eine Auswahl getroffen werden, da die Anzahl der Keller’schen Novellen den Umfang der Werke, die für diese Arbeit untersucht werden können, übersteigt. 1. Einführung 12 mit den anderen ausgesuchten Novellen aus Seldwyla – deren Bewohner als „Narrengemeinschaft“33 bezeichnet werden – und den Züricher Novellen geben sie meiner Meinung nach ein vollständiges Bild über das Groteske in Kellers Werk. Der Inhalt aller Novellen wird als bekannt vorausgesetzt.34 Nicht analysiert und in die Arbeit einbezogen werden Hadlaub (Züricher Novellen, 1. Band) sowie Ursula (Züricher Novellen, 2. Band). In diesen beiden ausgeschlossenen Novellen können die von mir identifizierten grotesken Elemente kaum oder gar nicht gezeigt werden. Zudem kann diese Arbeit aufgrund der nun bereits vorherrschenden Menge an ‚Textmaterial‘ eine Analyse der Sieben Legenden, die man ebenso als Novellen lesen kann,35 nicht leisten. Ursprüngliches Ziel war es zudem, eine Entwicklungslinie in der Verwendung des Grotesken bei Keller aufzeigen zu können. Dies ist jedoch nicht möglich, da Kellers Novellen nicht ‚auf einen Schlag‘ entstanden sind, sondern einzelne Novellen vielmehr eine lange, zum Teil sehr lange, Entstehungsgeschichte aufweisen.36 Dabei musste Keller nicht selten von seinen Verlegern intensiv erinnert und angespornt, teilweise auch massiv unter Druck gesetzt werden, um einen versprochenen Text abzugeben.37 Es war „nie Verlaß […] auf Kellers Auskünf- 33 Volker Meid: Das Reclam Buch der deutschen Literatur. Stuttgart: Reclam 2012, S. 363. 34 Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts der Novellen findet sich im Gottfried Keller Handbuch: Der Schmied seines Glückes (vgl. S. 71–74), Kleider machen Leute (vgl. S. 67–71), Die drei gerechten Kammacher (vgl. S. 61–64), Das Fähnlein der sieben Aufrechten (vgl. S. 111–113), Die mißbrauchten Liebesbriefe (vgl. S. 74–77), Der Landvogt von Greifensee (vgl. S. 109–111), Frau Regel Amrain und ihr Jüngster (vgl. S. 59–61), Dietegen (vgl. S. 77–81), Das verlorene Lachen (vgl. S. 81–84), Der Narr auf Manegg (vgl. S. 108 f.), Pankraz, der Schmoller (vgl. S. 54 f.), Romeo und Julia auf dem Dorfe (vgl. S. 55–59), Das Sinngedicht (vgl. S. 118–135), Spiegel, das Kätzchen (vgl. S. 64–66). 35 Vgl. Gottfried Keller Handbuch, S. 89. 36 Keller hat in seinen Notizen regelmäßig Ideen vermerkt, aus denen später Novellen oder andere Stücke entstanden sind. Vgl. beispielsweise Gottfried Keller Handbuch, S. 47, bezüglich der Entstehung der Leute von Seldwyla. Vgl. Gottfried Keller Handbuch, S. 104 f., für die Entstehung der Züricher Novellen. Vgl. zur Entstehungsgeschichte des Sinngedichts in Gottfried Keller Handbuch, S. 117. Alle zeigen, dass Kellers Ideen teilweise viele Jahre vor der Ausarbeitung bereits bestanden. 37 Geradezu als ‚typisch Keller‘ ist sein Umgang mit Herausgebern bezüglich der Fertigstellung versprochener Werke zu bezeichnen. Peter Stocker bezeichnet dies als 1.2 Textauswahl 13 te über das Vorankommen seiner Arbeit.“38 Die Stücke wurden dann oft in den letzten Wochen und Tagen vor dem teilweise bereits verlängerten letztmöglichen Abgabetermin fertigstellt, worüber sich Keller selbst beschwert: Wegen der Zürcher Novellen hab' ich auch ein schlechtes Gewissen, sie sind zu schematisch u man merkt es gewiß. Die Ursula haben Sie [Storm; Anm. d. Verf.] richtig erkannt, sie ist einfach nicht fertig und Schuld daran ist der buchhändlerische Weihnachtstrafic, der mir auf dem Nacken saß; ich mußte urplötzlich abschließen.39 Da sich nicht eindeutig feststellen lässt, welche Novellen er zu welchem Zeitpunkt verfasst hat, kann keine fundierte Aussage zur Entwicklung des Grotesken im Werk gemacht werden, worauf diese Arbeit daher verzichtet. Forschungsüberblick Eine Vielzahl an Aufsätzen und Monografien beschäftigte sich in der Vergangenheit eingehend mit Gottfried Kellers Werk. Dabei sind unterschiedliche Gesichtspunkte berücksichtigt worden. Umso verwunderlicher ist es deshalb, dass ein bestimmter Aspekt im Spektrum der erforschten Keller-Themen als vernachlässigt zu bezeichnen ist. Vergleicht man die Menge an Sekundärliteratur zu Gottfried Keller, so ist die Auseinandersetzung mit dem Grotesken ein stiefmütterlich behandeltes Thema. Dennoch ist die vorliegende Dissertation mit der Untersuchung der Rolle des Grotesken in Gottfried Kellers Werk thematisch 1.3 „Werkphantasien“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 248). Er ließ seine Partner mehrfach wissen, Novellen und Werke seien so gut wie fertig, was nicht der Wahrheit entsprach (vgl. Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe. HKKA. Bd. 22. Züricher Novellen Apparat zu Band 6. Stroemfeld Verlag. Verlag Neue Zürcher Zeitung. Herausgegeben unter der Leitung von Walter Morgenthaler im Auftrag der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe. Hrsg. v. Walter Morgenthaler, Peter Villwock, Thomas Binder, Peter Stocker. 1999, S. 28 f.). 38 Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. v. Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kaufmann, Dominik Müller und Peter Villwock. Bd. 7. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1996, S. 1006. 39 Keller in einem Brief an Storm vom 25.06.1878 (vgl. Gottfried Keller: Gesammelte Briefe in vier Bänden. Bd. 3/1. Hrsg. v. Carl Helbling. Bern: Verlag Benteli 1952, S. 420). 1. Einführung 14 nicht ‚aus der Luft gegriffen‘. Denn in der Vergangenheit wurde dieses Thema vereinzelt angeschnitten. Eine umfassende Untersuchung blieb bisher aus. Genau diese hat sich diese Arbeit zum Ziel gesetzt. Sie kann dabei auf wenig ‚Material‘ zurückgreifen.40 Gerade deshalb soll dargestellt werden, welche Ergebnisse bisher vorhanden sind, wo kritisch widersprochen werden muss und wo vorhandenes Wissen weiterentwickelt wird. Die vorliegende Arbeit wird dementsprechend auch die neuesten Entwicklungen im Bereich der Groteske und der Keller-Forschung zu ausgewählten Themen berücksichtigen. Ohne sich explizit mit dem Grotesken zu beschäftigen, kam dem Thema ‚Humor‘ bei Keller eine größere Aufmerksamkeit in der Forschung zu.41 Auch wenn es sich beim Grotesken nicht um Humor handelt, ist das Lachen (gemeinsam mit dem Grauen) doch essenzielles Kennzeichen des Grotesken. Die Abgrenzung zwischen dem Grotesken und seinen ‚Nachbarkategorien‘ wird in dieser Arbeit im Rahmen des theoretischen Teils vorgenommen und zeigt, dass die verschiedenen Stile voneinander zu trennen sind, jedoch eine ‚Verwechslungsgefahr‘ aufweisen können. Dieser Mangel an eindeutig gültigen Definitionen führt dazu, dass das Groteske von anderen Stilen oftmals nicht trennscharf unterschieden werden kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, auch die Arbeiten, die sich mit den verwandten Themen bei Keller beschäftigen (und eben manchmal implizit das Groteske meinen könnten), einzubeziehen.42 Auf der anderen Seite wird jedoch meines 40 Nicht berücksichtigt werden der folgende Titel: Helena Nunes dos Santos: O grotesco em Keller e Dickens [Das Groteske in K. u. D.]. Lizentiatsarbeit Lissabon, 1945. MS, A4, 54 S. S. 22–42. Analyse der Personen und Situationen aus KmL, Ru- JadD und DdgK im Lichte des Grotesken (Keller Bibliographie, S. 250). Da dieser Aufsatz sich auf lediglich 20 Seiten mit dem Grotesken beschäftigt und zudem von der Forschung vollkommen unberücksichtigt geblieben ist, wird er auch für diese Arbeit nicht herangezogen. Zudem ist er der Autorin aufgrund fehlender portugiesischer Sprachkenntnisse nicht zugänglich, erscheint darüber hinaus aufgrund des Veröffentlichungsjahres außerdem keinen ausschlaggebenden Mehrwert für diese Arbeit liefern zu können. 41 Zum Beispiel Preisendanz: Humor als dichterische Einbildungskraft. Zu Keller v. a. S. 143–213. 42 Lukács scheint beispielsweise das Groteske in den Kammachern zu umschreiben, wenn er „die menschlich niedrige abstrakte ‚Tugendhaftigkeit‘ der drei Handwerksburschen zu einer komischen Katastrophe [Herv. d. Verf.]“ (Georg Lukács: Gottfried Keller. Berlin: Aufbau-Verlag 1946, S. 55) führen sieht. 1.3 Forschungsüberblick 15 Erachtens manchmal der Begriff ‚grotesk‘ undefiniert gewählt und verwendet. Die folgenden Seiten geben einen Überblick über den bisherigen Stand der Forschung zum Grotesken bei Keller; erarbeitet werden nur die Werke, die sich tatsächlich oder implizit mit dem Grotesken auseinandersetzen. Indem Hildegard Demeter in Gottfried Kellers Humor43 eine Verbindung von Trauer und Komik44 als Bestandteil von Kellers Humor identifiziert, bringt sie den Autor meiner Meinung nach mit dem Wesen des Grotesken – der Ambivalenz zwischen Lachen und Grauen – in Verbindung;45 eine nähere Definition oder Ausformulierung erfolgt bei ihr jedoch nicht. Dennoch verweist sie auf „groteske Karikaturen“46 im Werk und stellt fest, dass Keller die Schwäche einer Person in der Karikatur darstellt und weiter bis ins Groteske hinein „steigert“.47 Damit nimmt sie Bezug auf die auch in dieser Arbeit zu analysierenden grotesken Figuren, die einen beträchtlichen Teil des Keller’schen Grotesken ausmachen. Die Beziehung zwischen Karikatur und Groteske wird diese Arbeit ebenfalls in Form eines Exkurses beschäftigen, denn obwohl sich die beiden Stile in der Beschreibung von Figuren äh- 43 Vgl. Demeter: Kellers Humor. 44 Vgl. Demeter: Kellers Humor, S. 56. 45 Weitere groteske Elemente spricht sie beispielsweise auf den Seiten 110, 116–118 an. Demeter meint das Groteske sogar in seinen Briefen finden zu können (vgl. Demeter: Kellers Humor, S. 52). Sie gibt einen Brief Kellers an Marie Exner wieder. Ihrer Meinung nach „tauchen auch hier seine grotesken Einfälle auf, wenn er z. B. der Frau von Frisch über ihr erstgeborenes Söhnchen schreibt: ‚Auf Ihr Kindchen freue ich mich, das wird gewiß ein allerliebstes Tierchen! Wenn es ordentlich genährt ist, so wollen wirs braten und essen, wenn ich nach Wien komme, mit einem schönen Kartoffelsalat und kleinen Zwiebelchen umd Gewürznägelelein. Auch eine halbe Zitrone tut man daran!‘“ (Demeter: Kellers Humor, S. 54). Vgl. für den Originalbrief von Keller an Exner Gottfried Keller: Gesammelte Briefe in vier Bänden. Bd. 2. Hrsg. v. Carl Helbling. Bern: Verlag Benteli 1951, S. 241. Die Widerspiegelung von Kellers Affinität zum Grotesken im Privatleben stellen auch andere Autoren fest, bspw. Jennings: „Various aspects of Keller’s personality favor the grotesque…“ (Lee B. Jennings: The Ludicrous Demon. Aspects of the Grotesque in German Post-Romantic Prose. Berkeley/Los Angeles: University of California Press 1963, S. 142 f.). In dieser Arbeit soll keinen privaten Aspekten nachgegangen werden. Auffällig ist meiner Meinung nach allein Kellers ‚groteskes Wesen‘ als Ausgangspunkt für die groteske Malerei und Literatur. 46 Vgl. Demeter: Kellers Humor, S. 57 f. 47 Vgl. Demeter: Kellers Humor, S. 57 f. 1. Einführung 16 neln, sind Groteske und Karikatur doch nicht gleichzusetzen; ob Demeters genannte Behauptung richtig ist, wird zu untersuchen sein. Circa 30 Jahre nach Demeter erscheint Ernst Mays Interpretation des Sinngedichts.48 Er beschreibt darin unter anderem den Zusammenhang von Komik, Humor und Groteske und den Umgang Kellers damit im Sinngedicht.49 Er lässt dabei neben dem Heiteren auch den unheimlichen Aspekt aufleben, indem er feststellt, dass „man sich beim Komischen noch zu Hause fühlt und auf erhöhtem Posten das Geschehen überblickt“,50 wohingegen man im Grotesken den Boden unter den Füßen verliere, sodass der Humor sich in Grauen verwandle. Für diese Arbeit besonders interessant ist die daran anschließende Behauptung, Keller würde das Furchterregende mildern, „indem er das Groteske in die sichere Welt einbaut.“51 Insbesondere diese These wird in dieser Arbeit in Bezug auf das Groteske bei Keller kritisch betrachtet und untersucht werden. Denn diese Arbeit sieht eine gerade unsichere Welt als Basis für Kellers Groteske. Da sich Mays Beitrag zum Grotesken über lediglich zwei Seiten erstreckt, kann von einer Analyse des Grotesken ohnehin nicht gesprochen werden. Wenig später untersucht Dieter Dörr mit Satire und Humor in den Sieben Legenden ebendiese.52 So erfolgt denn auch keine direkte Auseinandersetzung mit der Keller’schen Groteske, doch nimmt er Bezug auf die Kammacher-Novelle, indem er die Legenden mit den Kammachern vergleicht und als Ergebnis Folgendes festhält: Kellers „Literatursatire“ auf Kosegartens „Legenden“ entwickelt nicht jenen unerbittlichen Vernichtungswillen, der die Kammacher und Züs entweder zum Tod oder zu einem menschenunwürdigen Leben verurteilt. […] In den „Kammachern“ [dagegen; Anm. d. Verf.] bereiten von Anfang an groteske Elemente auf die völlige Vernichtung der satirischen Objekte vor.53 48 Vgl. May: Kellers Sinngedicht. 49 In seiner Aufzählung tauchen auch Romeo und Julia auf dem Dorfe sowie Kleider machen Leute auf, die aber nicht weiter von ihm untersucht werden (vgl. May: Kellers Sinngedicht, S. 99–101). 50 May: Kellers Sinngedicht, S. 99. 51 May: Kellers Sinngedicht, S. 99. 52 Dieter Dörr: Satire und Humor in Gottfried Kellers „Sieben Legenden“. München: 1970. 53 Dörr: Satire und Humor in Kellers „Sieben Legenden“, S. 131 f. 1.3 Forschungsüberblick 17 Nach Dörr also zeigt das Groteske eine stark ausgeprägte Tendenz zum Grauenhaften (‚der völligen Vernichtung‘); eine These, die – wie in dieser Arbeit gezeigt werden soll – kritisch überprüft werden muss, wenn es um Kellers Novellen und ihre Figuren geht. Nicht umsonst wird Keller sehr häufig mit dem Humor in Verbindung gebracht. Weiterhin zeigt die zitierte Passage unabhängig von ihrem Inhalt, was für die Erforschung der Keller’schen Groteske herausstechend ist: die ‚überproportional‘ häufige Beschäftigung vieler Autoren mit gerade dieser Novelle. Bereits zu Beginn der 1960er Jahre wurde die Kammacher-Novelle hinsichtlich der grotesken Elemente von Dieter Pregel in einem Aufsatz untersucht.54 Anders als andere Forscher sieht Pregel die Figur Züs nicht als grotesk an: „Der Züs fehlt letztlich alles Unheimlich-Verwirrende, der Zug einer aus den Fugen gehenden Welt, das Exzentrische des grotesken Daseins.“55 Widerspruch findet diese Ansicht durch Wolfgang Kayser, der bezeichnenderweise die Einleitung seines seit seiner Veröffentlichung als Klassiker der Groteske-Forschung zu bezeichnenden Bandes Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung gerade mit dieser Novelle beginnt und im weiteren Verlauf Züs und auch die Kammacher als groteske Figuren bezeichnet.56 Zustimmung findet diese Ansicht auch durch Lilian Hoverland, die in ihrem Aufsatz57 zu den Kammachern Pregel widerspricht.58 Die vorliegende Arbeit wird sich ebenfalls mit der sehr wohl unheimlichen Figur der Züs auseinandersetzen und sie als eindeutig grotesk identifizieren, jedoch nicht vorwiegend aufgrund ihrer äußeren Gestaltung, sondern wegen ihrer Ausgestaltung als weiblicher Dämon. Hoverland nimmt weiterhin positiv Stellung zu Wildbolz‘59 sowie Mays Ausführungen, welchen zufolge das Keller-Bild weniger heiter als angenommen sei.60 Sie sieht stattdessen das Grauenhafte und des- 54 Dietrich Pregel: Das Kuriose, Komische und Groteske in Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“. In: Wirkendes Wort. 13. Jg./Heft 1 (1963), S. 331–361. 55 Pregel: Das Groteske in den Kammachern, S. 340 f. 56 Kayser: Das Groteske, S. 117. 57 Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“. 58 Vgl. Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“, S. 503. 59 Rudolf Wildbolz: Gottfried Kellers Menschenbild. Bern/München: Francke Verlag 1964. 60 Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“, S. 501. 1. Einführung 18 sen Zusammenspiel mit dem Humor in der Kammacher-Novelle und in Züs stark hervortreten: Ein spezifisches Kennzeichen eines grotesken Kunstwerkes, nämlich das Vermengen verschiedener Bereiche und die Störung der normalen Verhältnisse und Proportionen, fällt bereits in der berühmten Sammlung von Dingen in Züsens Lade auf.61 Züs’ Lade – die wohl am häufigsten zitierte Stelle, wenn es um Kellers Groteske (oder/und seinen Humor) geht – betrachtet Hoverland als detaillierte Charakterisierung von Züs’ Person.62 Zwar wird Züs, wie bereits erwähnt, auch in dieser Arbeit ihren Platz finden, ebenfalls wird die These, wonach das Groteske einer Figur auf ihren Charakter hindeuten und somit implizit eine kritisch-pädagogische Bewertung stattfinden soll, in dieser Arbeit kritisch überprüft; denn die Annahme, wonach derartige Szenen auf den Charakter hindeuten sollen, kommt in der Forschung häufiger vor, ist aber nicht immer zustimmungsfähig.63 Ein Ergebnis aus Hoverlands Aufsatz ist auch die Verbindung der Figuren dieser Novelle mit Tieren,64 welche groteskes Empfinden auslöst – ein Punkt, der in dieser Arbeit über die Kammacher- Novelle hinaus auch in weiteren Novellen aufgezeigt wird.65 Dies ist ein Aspekt, den auch die nicht-deutschsprachige Sekundärliteratur aufgegriffen hat, so geht auch John M. Ellis66 auf die Kammacher67 und deren Tierähnlichkeit ein.68 Dasselbe Thema – ebenfalls bezüglich der 61 Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“, S. 502 f. 62 Vgl. Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“, S. 503–507. 63 Vgl. Rainer Nägele: Kellergewölbe. Einbrüche des Realen in den Realismus bei Gottfried Keller. In: Mitteilungen der Gottfried Keller-Gesellschaft Zürich (2011), S. 30–45. Hier: S. 34 f. 64 Vgl. Hoverland: Gottfried Kellers Novelle „Die drei gerechten Kammacher“, S. 511. 65 Auch Metz geht auf die Tier-, Pflanzen- und Gegenstandsähnlichkeit ein, wobei er dies als satirisch und nicht grotesk identifiziert (vgl. Klaus-Dieter Metz: Gottfried Keller, Die drei gerechten Kammacher. Interpretation. München: R. Oldenbourg Verlag 1990, S. 70). 66 John M. Ellis: Narration in the German Novelle. Theory and Interpretation. Cambridge: Cambridge University Press 1974. 67 Vgl. Ellis: German Novelle, insbesondere S. 136–154. 68 Vgl. Ellis: German Novelle, S. 150. 1.3 Forschungsüberblick 19 Kammacher – greift Martin Swales,69 einer der renommiertesten Kenner Kellers, auf. Darüber hinaus spricht er auch das Mechanische in den Kammacher-Figuren an: „When, for example, we see Jobst in action, we find ourselves watching a calculating machine rather than a human being.”70 Die Vermischung des Menschen mit anderen Sphären findet in dieser Arbeit besondere Beachtung, wobei über das Tierische in den Kammachern hinausgehend, dieser Aspekt in allen Novellen auch in Bezug auf Pflanzen und Dinge vorzufinden ist. Zwei weitere Arbeiten zu Kellers Groteske sind daneben besonders hervorzuheben. Dabei handelt es sich um den Poetischen Realismus als Spielraum des Grotesken in Gottfried Kellers ‚Der Schmied seines Glückes‘ – den Abdruck eines Vortrages von Wolfgang Preisendanz zum Abschluss seiner universitären Karriere als Professor für Literaturwissenschaft.71 Diese aus dem Jahr 1989 stammende Publikation ist das einzige ‚neuere‘ Werk zur Groteske-Forschung bei Keller und bezieht sich auf die bisher auch in der Keller-Forschung vernachlässigte Novelle Der Schmied seines Glücks. Dass in der Novelle die Kriterien der Wahrscheinlichkeit nicht eingehalten werden, sei das eigentlich Groteske im Schmied.72 Preisendanz sieht darin eine Doppelstruktur, für die er die „realistische Bändigung grotesker Phantasie und […] groteske Selbstüberbietung des poetischen Realismus“73 als gültig erachtet. Er spricht hier an, was auch für diese Dissertation ein wichtiger Punkt ist: den Zusammenhang von Realismus und Fantastik, der Romantik und dem Grotesken – und insbesondere natürlich der Einfluss auf Gottfried Kellers Werk, vor allen Dingen seine Novellen. Dieser Punkt ist deshalb so wichtig, weil gezeigt werden kann, dass Keller zwar ein 69 Martin Swales: The German Novelle. Princeton: Princeton University Press. 1977. Vgl. zur Tierähnlichkeit v. a. S. 166 f. 70 Swales: The German Novelle, S. 166 f. 71 Wolfgang Preisendanz: Poetischer Realismus als Spielraum des Grotesken in Gottfried Kellers „Der Schmied seines Glückes“. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz 1989. 72 Vgl. Preisendanz: Poetischer Realismus als Spielraum des Grotesken im Schmied, S. 14. Preisendanz „möchte zeigen, wie hier das Sujet zum Spielraum einer Erzählfaktur wird, die eine scheinbar realistische Erzählfiktion ständig in eine spezifische Erscheinungsart des Grotesken kippen läßt.“ (Preisendanz: Poetischer Realismus als Spielraum des Grotesken im Schmied, S. 6). 73 Preisendanz: Poetischer Realismus als Spielraum des Grotesken im Schmied, S. 25. 1. Einführung 20 Autor des Realismus war, aber aufgrund des Einflusses der Fantastik und Romantik das spezifisch Keller’sche Groteske zum Vorschein kommt. Besondere Erwähnung in diesem Abschnitt soll zweitens Lee B. Jennings mit seinem Aufsatz Gottfried Keller und das Groteske finden.74 In seinem Beitrag in Otto F. Bests Groteske-Band beschäftigt er sich mit Keller und dem Grotesken und stellt eine „tiefe und natürliche Affinität zum Grotesken“75 bei ihm fest, was bereits hier untermauert werden kann. Da Jennings’ Thesen in dieser Arbeit einen großen Raum einnehmen, werden sie an dieser Stelle nicht kritisch bewertet. Inwiefern seine Ergebnisse für diese Arbeit zu verwenden sind, wird an entsprechender Stelle ausführlich diskutiert. Zwar ist die Beschäftigung mit dem Grotesken bei Gottfried Keller nicht gänzlich neu, wie aus dem Forschungsüberblick ersichtlich wurde. Deutlich wurde hier jedoch auch die starke Fokussierung vor allem auf die Kammacher. Auffällig ist zudem, dass die Arbeiten zu diesem Thema bereits mehrere Jahrzehnte zurückliegen.76 Bis auf Jennings’ Aufsatz untersuchte keine Arbeit das Groteske bei Keller in mehr als einem seiner Texte, wobei auch Jennings dies wiederum unter starker Hervorhebung des grotesken Dämons ausführt und somit thematisch einengt. Innerhalb der Kategorie des ‚weiblichen Dämons‘ findet dies auch in dieser Arbeit seinen Platz, doch soll darüber hinausgehend und Jennings erweiternd gezeigt werden, dass der grauenhafte Aspekt bei der Betrachtung der ‚körperlich‘ grotesken sowie der ‚überheblichen‘ Figuren in deutlicher Konkurrenz zum erheiternden Aspekt steht. 74 Lee B. Jennings: Gottfried Keller und das Groteske. In: Otto F. Best (Hrsg.): Das Groteske in der Dichtung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980. S. 260–277. 75 Jennings: Keller und das Groteske, S. 261 f. 76 Der aktuellste Eintrag, der das Groteske bei Keller nennt, ist im 2016 erschienenen Keller-Handbuch zu finden. In erster Linie geht es in dem 4,5 Spalten umfassenden Eintrag um Kellers Humor. Dort ist Aust der Meinung, die Groteske „liegt am Rande des realistisch Möglichen, gehört mit ihrer wenig integrierenden und fast schockierenden ‚Vereinigung des Unvereinbaren‘ (Kayser 1957/60, 90) eher zur vor- oder nachrealistischen Zeit, passt aber im Falle Kellers zum Typus seiner ‚Lalenburgergeschichten‘ (Keller an Paul Heyse, 09.08.1880, GB 3.1, 44; an Julius Rodenberg, 02.12.1880, GB 3.2, 378) und rechtfertigt sich im Verein mit dem Skurrilen und den ‚bauchigen Arabesken‘ (Benjamin 1927, 287) durch die Lizenz der ‚Reichsunmittelbarkeit der Poesie‘ […].“ (Gottfried Keller Handbuch, S. 396–398 zum Humor, Melancholie, Groteske. Hier: S. 398). 1.3 Forschungsüberblick 21 Die starke Betonung des Grauenhaften innerhalb der Novellen zeigt sich meiner Meinung nach viel stärker bei der Betrachtung der skizzierten Welt – und zwar nicht nur in den Kammachern, wie herausgearbeitet wird. Gezeigt werden soll demnach zum einen, dass Kellers Figuren Erheiterung beim Rezipienten auslösen, dennoch auch grauenhafte Aspekte in ihnen sichtbar werden – dies je nach grotesker ‚Kategorie‘ der Figur stärker oder schwächer ausgeprägt. Denn sichtbar wird in Kellers Novellen auch das Monströse und Unbarmherzige in unterschiedlichen Facetten. Dies – die eher heiteren Figuren sowie die grauenhafte Welt – macht zusammen mit der Vermischung von Realismus und Fantastik meiner Meinung nach die von Kayser angesprochene „eigene Stilform des Grotesken“77 bei Keller aus. Den Untersuchungen zu Gottfried Kellers Groteske fehlt insgesamt ein umfassender Rahmen. Sie beleuchten punktuell Teilaspekte des Keller’schen Grotesken. Dabei ist ‚das große Ganze‘ vernachlässigt worden, was diese Arbeit versuchen wird zu erbringen. Dafür wird im Folgenden zunächst ein theoretisches Fundament erarbeitet. 77 Kayser: Das Groteske, S. 117 f. 1. Einführung 22

Chapter Preview

References

Abstract

With the intention of getting Gottfried Keller out of the ‘humorous corner’ and into the grotesque, the monstrous elements of his work are worked out. The result: catastrophes are Keller’s ‘day-to-day business’ and the grotesque is a systematic subject in his novels. The discomfort is shown in an extraordinarily large repertoire of grotesque characters, a world before collapse, and the urge not to burst into laughter when portraying it. The book shows how Keller creates this interplay between laughter and horror, what possible motivation he could have had and how realistic the whole thing is constructed by the author of bourgeois realism.

Zusammenfassung

Mit der Absicht Gottfried Keller aus der ‚humoristischen Ecke‘ heraus- und ins Groteske hineinzuholen, werden insbesondere die monströsen Elemente seines Werks herausgearbeitet. Das Ergebnis: Katastrophen sind Kellers ‚Tagesgeschäft‘ und das Groteske systematischer Gegenstand seiner Novellen. Das Unbehagen zeigt sich in einem außerordentlich großen Repertoire grotesker Figuren, einer Welt vor dem Zusammenbruch – und dem Drang bei der Darstellung davon nicht in Lachen auszubrechen. Wie genau Keller dieses Wechselspiel zwischen Lachen und Grauen kreiert, welche mögliche Motivation bei ihm dafür in Frage kommt und wie realistisch das Ganze beim Autor des Bürgerlichen Realismus noch gestaltet ist, wird in diesem Buch deutlich.