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Kapitel 4: Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt in:

Thomas Hanstein, Andreas Ken Lanig

Digital lehren, page 91 - 112

Das Homeschooling-Methodenbuch

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4522-0, ISBN online: 978-3-8288-7564-7, https://doi.org/10.5771/9783828875647-91

Tectum, Baden-Baden
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91 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt An den bisherigen Linien wird – so hoffen wir – erkennbar, dass das virtuelle „Rad“ nicht neu erfunden werden muss. Gleichzeitig aber, dass sich herkömmlicher Unterricht nicht Eins zu Eins auf virtuelle Lehr- und Lernprozesse und Formate übertragen lässt. Ein Phänomen des Corona-bedingten „Homeschooling“ ließ sich an verschiedensten Orten beobachten: Die Lust am Experimentieren. Diese Erscheinung ist bezeichnend für die Phase, in der Schulen und – die allermeisten – Hochschulen ab dem Frühjahr 2020 standen: das Ausprobieren. Damit ist das bestätigt, was wir diesem Buch vorangestellt hatten: der pädagogische Idealismus der – allermeisten – Lehrenden. Nur wenigen Schulen gelang indes die Anknüpfung an bewährte Formate und bestehende Erfahrungen – fehlte dazu schlichtweg die Struktur. Wie ist es sonst zu erklären, dass es keine vergleichbaren Fortbildungen zum digitalen Lehren und Lernen in der ersten Phase des „Homeschooling“ gab? Die – wenigen – Schulen und Hochschulen, die die Phase des Experimentierens und Ausprobierens – seit vielen Jahren – hinter sich lassen konnten, zeichnen sich durch ein Prinzip aus, das seit jeher zur pädagogischen Weisheit gehört: weniger ist mehr. Allerdings darf diese Reduktion nicht einseitig verstanden sein – würde man sich ansonsten wieder mit reinem Frontalunterricht begnügen –, sondern sollte alle Bereiche umfassen, die oben handlungstheoretisch ausgeführt worden sind. Die leitende Frage ist Kapitel 4 vielmehr – um eine neuere Arbeitsform aufzugreifen, die für den virtuellen Raum zukunftsträchtig sein wird: Wie führen Sie Ihre Lernenden zur Kollaboration – zum gleichzeitigen sowie erfolgreichen, zielgerichteten – und selbstorganisierten Arbeiten? Insofern soll sich hier – der pädagogischen Reduktion und den oben beschriebenen „5 W“ (vgl. S. 29) folgend – auf Unterrichtsprinzipien für die virtuelle Lehre konzentriert werden, bevor der Aufbau dieses Buches über den „hybriden Lernraum“ weiter zu „Rezepten, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre“ führen wird. Prinzip 1: Am Anfang ist das Wort „Ich brauch’ kein Mikro, da gibt’s auch ‘ne Chat-Funktion!“ Diese selbstbewusste Antwort eines Achtklässlers macht deutlich, dass heutige Schüler natürlich wenig Hemmschwellen im Umgang mit virtuellen Räumen haben. Sie sind mit Social Media – mehr oder weniger – Abb. 17: Digitale Präsenz ist der Kontrastbegriff zur Präsenzpflicht. 92 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt aufgewachsen und erfassen daher sehr schnell – oft intuitiv –, was ein Format bietet und wo sich Freiräume ergeben. Dieser – ethisch betrachtet wichtige – selbstverantwortete Umgang mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung ist aber zugleich ein Aspekt, der für einen gelingenden virtuellen Unterricht bedacht sein muss. Es sagt nichts über die Qualität des betreffenden Kollegen aus, dass die „Unterrichtsstunde“ dann auch so ablief: dass keiner der Schüler weder den Ton noch die Kamera anhatte. Der Pädagoge sprach also „ins Off “, ohne jegliche Rückmeldung, ob und wie seine Inhalte – und wie er als Lehrer – buchstäblich ankam. – „Know thy impact“ – Wisse, was du als Lehrer bewirken kannst! (Hattie) Eine der allerersten Regeln in unseren virtuellen Schulungen und Coachings lautet daher: Vor dem „Soundcheck“ läuft inhaltlich nichts. Am Anfang ist das Wort – und zwar von jedem. Freilich bewirkt dies einen gewissen „Sozialdruck“, aber es bedeutet auch Wertschätzung gegenüber „meiner“ Lerngruppe und das sich – äußerlich wie innerlich – Einstellen auf den gemeinsamen Lernprozess und -raum. Ansonsten bleibt es lange Zeit bei dem Phänomen, das ein Lehrer mittleren Alters nach bereits neun „Homeschooling“-Wochen im Coaching berichtete: „Ich rede irgendwie viel zu viel (…) fange an, begrüße ganz freundlich, zeige den Ablauf und alles, was ich mir ausgedacht habe (…) doch es bleibt dabei. Es traut sich irgendwie keiner sich mit Ton dazuzuschalten, die Kameras bleiben eigentlich immer aus (…) Es ist ganz egal, ob ich mit Schülern eine Konferenz mache oder mit Eltern einen virtuellen Klassenpflegschaftsabend.“ 93 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Prinzip 2: Der virtuelle Raum will gefüllt werden Was der Kollege hier unbewusst durch seine (gut gemeinte) aktive Steuerung bestätigte, ist die Tatsache, dass der virtuelle Raum zur Passivität einlädt. Es ist anfangs eine Hürde, sich aus dem privaten Raum in den virtuellen zuzuschalten. Dieses Zuschalten ist nämlich kein rein technischer Vorgang. Da jeder in seiner „Blase“ sitzt, müssen diese „Blasen“ von denen, die den Prozess im Raum steuern, zusammengeführt werden. Was wir im virtuellen Raum als Faszinosum erleben, ist das Diffundieren von Räumen. Es kommen also nicht „nur“ die jeweiligen Menschen zusammen, sondern alle einzelnen Räume – die zugleich private sind (was eine zusätzliche Qualität besitzt). Anders als im analogen Raum ist es in der eigenen, im Grunde isolierten „Blase“ auch nicht möglich, beim Angesprochen werden nach rechts oder links auszuweichen – wie wir es in unseren Lerngeschichten von klein auf aber gewohnt sind. Diese Radikalität der Isolation ist ein entscheidender Grund für das, was der Veranstalter als „keinen Mut“ oder „Passivität“ wahrnimmt. Es liegt an ihm, diese Hürden zu bewältigen, und zwar bei jedem einzelnen Teilnehmer. Der oben genannte Kollege füllte den Raum durch das, was er – durchaus gründlich – im Vorfeld vorbereitet hatte. Er war auch methodisch bereits so weit, dass er kleine Umfragen durchführte – die er aber selbst verbal auswertete. Und so kam er aus dem Kreislauf des „ewigen Dozierens“ nicht heraus. Das „Füllen“ indes ist ein einladendes wie forderndes. Es ist ein Abgeben des „Balles“ an – möglichst – alle Teilnehmer. Und vor allem auch des Druckes, der Hauptakteur zu sein. Dass die Kameras im beschriebenen Fall nicht eingeschaltet wurden, stellte der Kollege als Faktum fest. Im Coaching erarbeitete er sich einen Vergleich zum „normalen“ Unterricht – und erkannte: 94 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt „Das ist ja schon verrückt. Im ‚richtigen‘ Klassenzimmer würde ich es auch nicht zulassen, dass jemand sein Gesicht versteckt oder den Mund sozusagen auslässt. Es sei denn, er ist krank (…) Aber kann ich es denn einfach einfordern?“ Die klare Antwort hier hieß: ja, selbstverständlich. Denn Sie steuern, und je klarer Sie dies tun, umso mehr können Sie sich im Prozess zurücknehmen. Betrachten Sie es schlichtweg als Dienstleistung für einen gelingenden Unterricht. Prinzip 3: In den Input investieren Ein gelungener Input ist die „halbe Miete“. Damit holen Sie alle Lernenden gleichsam ab und binden sie an das von Ihnen eingeführte Thema. Scheuen Sie sich nicht vor karikierenden oder auch überzeichnenden Darstellungen. Nutzen Sie den Reichtum von Visualisierungen oder auch von – thematisch passenden – Witzen. Entscheidend ist dabei, dass dieser Input auch auf möglichst vielen Sinnen „anspringen“ kann. Hier gilt als Grundsatz: Worüber man spricht, das sollte auch sichtbar sein. Der Lehrende tritt dann also in den Hintergrund, der Raum steht beispielhaft nicht mehr im „Diskussionsmodus“, sondern auf ‚Freigabe‘ – und Sie beginnen auch erst mit dem Input, wenn er erschienen ist. Einsteiger machen immer wieder den Fehler, den danach entstehenden Moment nicht lange auszuhalten. Sie binden ihn schnellstmöglich an sich zurück, anstatt das, was an Wirkung im Raum entstanden ist, aufzugreifen und es von den Lehrenden ins Wort nehmen zu lassen. Bedenken Sie hier: Die Zeit in den virtuellen Unterrichten ist für den diskursiven Austausch über die Anwendbarkeit von Wissen reserviert. Und die Assoziationen, die bei einem guten Input entstan- 95 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt den sind, sind bereits Ansätze von Wissensstrukturen. Sie aufzugreifen und im fragend-entwickelnden Gespräch zu vertiefen, bringt Sie und Ihren Kurs auch inhaltlich zum Ziel. Prinzip 4: Auf Gestik und Mimik achten Mit der Corona-Krise sind eine Reihe Cartoons und Witze darüber entstanden, dass man sich auch bei beruflichen Meetings nur noch „oben rum schick machen“ muss. Was hier so witzig verarbeitet wird, bedarf einer näheren Betrachtung. Zur Lehrerausbildung gehört auch die Reflexion der Körperwahrnehmung und -erfahrung. Im Raum zu stehen, unter Spannung zu reden, seine Atmung wahrzunehmen, die Interferenztonlage kennenzulernen – Aspekte, die zum „Sprechen im Raum“ dazu gehören. Kein Lehrer wird seinen Unterricht im Sitzen hinter dem PC verbringen – zumindest nicht dauerhaft. Er steht „vor“ der Klasse, bewegt sich im Raum, geht zu einzelnen Schülern und Arbeitsgruppen. Und jeder dieser buchstäblichen Schritte hat eine Wirkung, zum Beispiel Überblick über den Arbeitsstand zu bekommen, der Lerngruppe binnendifferenzierte Unterstützung anzubieten und vieles mehr. Im virtuellen Raum beschränken sich diese Möglichkeiten indes auf den Kopf und die Brust des Lehrenden. Diese somatische Fixierung hat eine Auswirkung: Gestik und Mimik wirken im virtuellen Raum anders. Und diese virtuelle Andersartigkeit muss wahrgenommen und reflektiert werden. Eine junge, motivierte Dozentin in der Hochschullehre reflektierte es so: „Ich weiß immer nicht, wo ich mit meinen Armen hin soll. Im Vorlesungssaal rede ich mit Händen und Füßen. Hier wirkt das eher unruhig und nervös, aber das bin ich eigentlich gar nicht.“ 96 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Wenn es stimmt, dass die Körpersprache bis zu 80 Prozent menschlicher Kommunikation ausmacht, sollte diese natürlich nicht verschwinden. Denn sie sagt sehr viel – über Sie und darüber, was und wie Sie etwas vermitteln wollen. Vor allem aber ist es viel Energie, die Ihr Körper freisetzt, und die nicht verpuffen sollte. Im Selbstcoaching kann es gelingen, sich auf diese somatischen Energien zu konzentrieren – und sie teilweise umzulenken: in Ihre Stimme, Ihre Intonation und Modulation, in die Geschwindigkeit Ihrer Worte. Da sich die Lernenden mehr als im analogen Raum auf Ihre Stimme konzentrieren müssen, können Sie über diese den Lernprozess steuern und führen. Hierbei gilt: Stimme, Gestik und Mimik wirken im virtuellen Raum anders. Entdecken Sie dieses Phänomen auch für sich und nutzen Sie es für einen abwechslungsreichen, durch eine lebendige Art und Weise Ihres Stimmeinsatzes genutzten Unterricht. Prinzip 5: Virtueller Unterricht ist multidimensional Was man als Teilnehmer einer Online-Konferenz womöglich nicht für möglich halten würde, ist eine Erfahrung aller Einsteiger in die virtuelle Lehre: „irgendwie alles auf einmal checken“ zu müssen, wie es ein – durch und durch virtuell-affiner Junglehrer formulierte: „Da musst du die [Teilnehmer] freischalten, musst im Blick haben, wer später kommt, den Überblick behalten, dein Zeug hochladen (…) gleichzeitig freundlich begrüßen, aufpassen, dass dein Ton nicht abklatscht (…) und dann ist da noch der Chat, den habe ich anfangs erst viel später bemerkt (…) wobei die sich auch nicht mündlich zu Wort gemeldet haben.“ 97 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Aus dieser Erfahrung lässt sich als Grundsatz ableiten: Virtuelle Lehre ist ganz besonders mehrdimensional. Denn sie bedeutet – neben den technischen und organisatorischen Aspekten, „Moderator“, „Regisseur“, „Techniker“ und „Kameramann“ in einem zu sein – den ganzen Lernzyklus zu gestalten: Über der Mikroebene des Unterrichts selbst steht die Makroebene der Veranstaltung: Sie erstreckt sich vom Spezifizieren der Lernziele bis zu deren Anbahnung und Überprüfung. Dazwischen liegt als Mesoebene die Interaktion der Lernenden untereinander und mit Ihnen – alle drei Ebenen liegen in Ihrer Hand. Ein gewaltiges Unterfangen, dem man sich nur mit der nächsten Regel stellen kann: Prinzip 6: Murphy, Pausen und zeitige Wechsel Eine Elternbeirätin meldete beim (ersten) Wiedereinstieg nach der Corona-Krise an einen Lehrer zurück: „Freilich ist noch Luft nach oben, aber das wird sich sicher noch alles optimieren. Sie mussten das ja auch erstmal lernen (…) in ein paar Wochen läuft das sicher bei allen (Lehrern) wie am Schnürchen.“ Was hier als gut gemeinter Mutmacher gedacht war, hat den Haken des Anspruchs an einen perfekten Unterricht. Deshalb müssen wir diesen „Zahn“ bereits an dieser Stelle „ziehen“: So wie es auch im Analogen keinen perfekten Unterricht geben kann, weil sich Lernen immer im Stadium des Unvollkommenen bewegt, so sehr wird dieser Charakter im Virtuellen nochmals verstärkt. Denn es ist immer etwas, das nicht funktionieren kann: Die Internetverbindung, die gestern noch top war, ein Rückhall, der nicht zu beseitigen ist, ein Dokument, das sich nicht hochladen lässt … es gibt hunderte Möglichkei- 98 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt ten. Da aber bereits die Multidimensionalität bereits in besonderen Stress versetzen kann, würde sie über all diese eventuellen Ausfälle nochmals gesteigert werden. Daher sind Sie gut beraten, sich Murphys Law zu verinnerlichen. Dieser Grundsatz spricht keineswegs gegen eine gründliche Vorbereitung, sondern es führt in eine Haltung der Gelassenheit. Wir schlagen deshalb vor, sich immer einen Plan B (oder auch C) zurecht zu legen: für den Fall, dass beispielhaft ein PDF-Dokument – aus welchen Gründen auch immer – nicht geladen werden kann, es in einer Cloud, in einer Dropbox, im Online-Campus oder anderswo nochmals hinterlegt zu haben. Denn eine gelungene Improvisation ist die hohe Kunst der Pädagogik, im virtuellen Raum unter veränderten Konstanten. Je passiver die Teilnehmenden sind, je stärker ist der Lehrende – oft selbst unbemerkt – im Druck „liefern“ zu müssen. Was er in aller Regel auch mit viel Elan tut. Nur, dass er seine Wirkung nicht mehr einschätzen kann. Er sieht, hört und spürt – diesen Begriff verwenden wir hier bewusst – die Teilnehmenden nicht, und ist deshalb im Grunde mit sich allein. Im Coaching sind immer wieder Phänomene zu beobachten, dass dieser Zustand dazu führt, die Distanz fallen zu lassen, die man im analogen Raum hätte. Pausen und zeitige Wechsel der Sozialformen und Methoden sind auch deshalb wichtig, damit Sie sich immer wieder neu in den Raum und Ihre Gruppe hineinspüren können. Und auch methodisch-didaktisch sind lehrerzentrierte Phasen durch Wechsel unterbrochen. Denn nur die Teilnehmeraktivierung sichert die Ergebnissicherung und den Transfer. Und diese muss aufgrund der Tendenz zur virtuellen Passivität zeitiger erfolgen als in analogen Räumen und Lernprozessen. 99 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Prinzip 7: Virtuelle Lehre kommt durch das ‚Wie‘ zum ‚Was‘ Was oben über die „5 W“ ausgesagt wurde, verbindet sich mit der virtuellen Passivität und Multidimensionalität. Bedenken Sie dabei: Die Lehrinhalte sind größtenteils verfügbar und müssen nicht durch Sie referiert werden. Sie stehen vielmehr gleichermaßen im Raum. Die Kunst besteht darin, sie aufzuspüren und präsent zu machen. Dabei werden Sie als Lehrender, die Themen als Inhalt und die Medien zur Unterstützung der Methodik im virtuellen Raum gleichzeitig aufgefordert zu dominieren. Diese Dominanz durch ein geeignetes „Wie“ an die Lerngruppe zurückzugeben, ist eine entscheidende Aufgabe Ihrer Lernregie. Dabei ist zu beachten: Lebendige virtuelle Lehre lebt auch besonders von der kooperativen Konstruktion von Kompetenzen. Denn Sie begleiten mit Ihrer Lehre das Lernen von (im besten Fall) lernwilligen, reifen Personen. Dabei besitzt jede Lerngruppe ihre eigene Dynamik, was allerdings zeitversetzter als im analogen Unterrichtsraum wahrgenommen wird. Achten Sie dabei auf eine gleichmä- ßige Begleitung der Lernprozesse sowie der Lernergebnisse. Zur methodisch-didaktischen Frage nach dem „Wie“ gehört auch die Reflexion der eigenen pädagogischen Wirksamkeit. Denn Lehrende brauchen im virtuellen Lernraum eine komplexe Vorstellung von den Entwicklungen der Lernenden, um Entwicklungen zu antizipieren und zu moderieren. Dazu ist ein bildungstheoretisches Konzept notwendig, weil die Intuition – und damit die Lehrerfahrung – ein (wie in der Corona-Krise zu beobachten war) immer weniger verlässlicher Referenzrahmen für das Lehrhandeln geworden ist. 100 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Prinzip 8: Der Lehrende prägt die Atmosphäre Dieses Prinzip ist argumentativ schwierig, denn es ist im besten Sinne „weich“: Die Lernpsychologie betont regelmäßig, wie sehr eine positive Grundstimmung nicht nur ein förderlicher Faktor, sondern sogar eine Grundbedingung für gelingende Interaktion ist. In diesem Zusammenhang kommt der Atmosphäre in virtuellen Lehrveranstaltungen eine besondere Bedeutung zu: „Am Anfang steht das Wort“ (siehe Prinzip 1). Das bedeutet im Umkehrschluss, dass viele Nebenaussagen, die situativ rhetorisch wirken, sozusagen auf der medialen Strecke bleiben. Umso wichtiger ist es, an einer bewussten Wirkung über Ton und Bild zu arbeiten. Nicht in erster Linie der Selbstdarstellung willen, sondern um Atmosphären und Gruppenstimmungen systematisch steuern zu können. All dies muss technisch durch das Nadelöhr von Bild und Ton – seien Sie sich dessen bewusst, dass vieles einer professionellen Zugewandtheit sich am anderen Ende der Lehrer-Webcam als Kontaktangebote und elementarer Sympathie (respektive Antipathie) auswirken wird. Dieser „weiche“ Faktor der Herstellung von Resonanz (vgl. Rosa, 2016) ist in diesem Prinzip angesprochen: Der Lehrende wird in diesem Setting zum Moderator lernförderlicher Atmosphären, die eine zutiefst individuelle Signatur der Lehrpersonen tragen muss. Denken Sie zurück an Ihre eigene Schulzeit: Welche Faszination es auslöste, sich in diese ideelle wie auch menschliche Landschaft eines einzelnen Lehrers einzulassen. Der nur in dieser individuellen „Großwetterlage“ funktionierende typische Humor eines Lehrers zum Beispiel steht hier in engem Zusammenhang einer virtuellen Vermittlungsambition, in der die Lernbereitschaft über Resonanz hergestellt werden muss. Diese Komplexität soll das Ziel dieses Prinzips der „Lernatmosphäre“ in einer virtuellen Welt sein. Ihre Wirkung 101 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt erzielt sie – im Kontrapost zur virtuellen Mehrdimensionalität (vgl. Prinzip 5) – durch Fokussierung und Entschleunigung, Bewusstmachung bedeutender Lernmomente und Zäsuren. Dazu gehört auch eine gründliche Portion Ambiguitätstoleranz: Sie müssen, gerade mit dem Einstieg ins Virtuelle, nicht alles verstehen. Lassen Sie Unklarheiten und vielleicht auch Irritationen zu und bewerten Sie sie nicht als Störung. Auch nehmen Sie sich keine Autorität, wenn Sie einen fragenden Stil einnehmen. Was Sie aber im Blick behalten sollten, ist den Fokus auf das zu legen, was Ihnen in der Gruppenführung und für die Lernatmosphäre momentan wichtig erscheint. Prinzip 9: Stuhlkreis 4.0 Dieses Prinzip möchten wir in Kontrast zu den sicher langjährigen Erfahrungen aus der Präsenzlehre setzen: Sie „spüren“ die Gruppe, indem Sie Gestiken und Mimiken und die Atmosphäre im Raum „lesen“. Von diesen Beobachtungen machen Sie abhängig, ob und wann Sie eine Methode beginnen, pausieren oder beenden. Sie „spüren“, dass die Diskussion vorläufig zu Ende gekommen ist oder ob sich bei Einzelnen, bislang noch stummen Teilnehmern eine Äußerung „herausbildet“. Diese pädagogische Erfahrung ist Ihnen derart in „Fleisch und Blut“ übergegangen, dass Sie sie im Alltag nicht – oder kaum – mehr reflektieren. Sie reagieren und handeln intuitiv, und ihre pädagogische Intuition sichert – neben allem Fachlichen und Methodischen … – Ihre Professionalität. Etliche Phänomene beim Einstieg ins „Homeschooling“, die wir im Coaching wahrnehmen durften, ergaben sich aus genau dieser neuartigen – aber nicht immer reflektierten – Unsicherheit: sich auf diesen Erfahrungsschatz im neuen Raum nicht mehr verlassen zu können. Das erklärt es für uns auch, weshalb so mancher dienstältere Kollege lieber „die Finger davon“ gelassen hat. 102 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Da im virtuellen Unterricht immer nur einige wenige Mikrofone angeschaltet sein können (um Störungen durch Rückhall zu vermeiden), bleibt Ihnen für diese Wahrnehmung nur das Sehen. Das Problem dabei ist: Die eigentlichen Indikatoren für die Gruppenstimmung sind dabei unsichtbar. Diese technische Problemlage lässt sich nicht lösen, aber kompensieren: Und zwar, indem Sie unterrichtliche Dynamiken vorwegnehmen und analog zu einer filmischen Dramaturgie antizipieren. Das Instrument dafür stammt aus der Konzeption von Filmen – das Storyboard. Um die Handlungen, Interaktionen, Methoden und Medien in einem zielführenden zeitlichen Ablauf ineinander zu fügen, hilft die „Sandwichmethode“ (vgl. Kap. „Strukturierung nach dem Sandwichprinzip“, S. 56). Das Prinzip dahinter ist, die traditionelle als Empathie aufgefasste Zugewandtheit durch eine Zeitdramaturgie anzureichern. Das klingt zunächst vielleicht theoretisch und distanzierend. Ein klares Rollenverständnis wirkt dem Risiko der Technisierung des Unterrichts entgegen: • Machen Sie klar, welche Rolle in diesem filmischen Geschehen die Lernenden haben. • Machen Sie etwa deutlich, dass eine Partnerarbeit oder ein Gespräch im Plenum nur durch das Ernstnehmen dieser Rollen gelingen kann. • Im Umkehrschluss bedeutet dieses Prinzip: Führen Sie dramaturgische Elemente auch in ein „weiches Scheitern“, um diese Verantwortlichkeit zu verdeutlichen. 103 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Prinzip 10: Die Gruppe konstruiert Bedeutsamkeit Der Wirkungszusammenhang über bedeutsame Lerninhalte und effiziente Aneignungsprozesse ist mehr als theoretischer Konsens: Lehrende wissen um die Notwendigkeit, den Unterrichtsinhalten ihren „Sitz im Leben“ (vgl. Kap. „Was spricht Lernende authentisch an?“, S. 36) zu geben, um die Relevanz des Unterrichts sicherzustellen. Im Distanzlernen haben wir es dabei mit einem Dilemma zu tun: Die soziale Aushandlung dieser lebensweltlichen Relevanz ist gerade bei sehr heterogenen Gruppen eine fast unlösbare Herausforderung. Wie oben bereits (vgl. Exkurs „Ist digitale Schul- und Hochschulbildung mehr als eine fantastische Erzählung?“, S. 63) ausgeführt, herrscht in virtuellen Lerngruppen eine Dreiecksbeziehung um das sichtbare Projekt vor, das über Sichtbeziehungen zwischen den Lernenden, der Lerngruppe sowie den Lehrenden hergestellt wird. In diesem Dreieck kommt Ihnen als Lehrendem eine tragende Rolle in der Konstruktion der Bedeutsamkeit zu: Die subjektive Bedeutsamkeit entsteht für die Lernenden dann, wenn die eigene Motivation und Ambition von der Gruppe und dem Lehrenden erkannt und gespiegelt werden. Das sind zwei Bedingungen, die zusammenkommen müssen: Einerseits die meist implizite Äußerung im Projekt – im Design etwa sind dies visuelle Symbole, in jeder Fachkultur finden sich ihre eigenen Chiffren. Diese Chiffren sollten dann in diesem kommunikativen Dreieck erkannt und gespiegelt werden – erst dann ist hinreichend Bedeutsamkeit „zertifiziert“, da sie gegenüber der Gruppe geäußert und gleichzeitig von einer Expertin oder einem Experten als erkannt dargestellt wurde. Aus dieser mehrdimensionalen Komplexität heraus kann die individualisierte Konstruktion von Bedeutsamkeit geschehen – klar ist auch, dass dies eine höchste Herausforderung ist, diesen Vorgang bei 104 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt einer Lerngruppe von 15, 20 oder 25 Personen zu durchlaufen. Diese Komplexität braucht schlichtweg Übung und wieder Übung. Diese Regeln für einen strukturierten und methodisch-didaktisch reflektierten Einstieg in den virtuellen Unterricht sind nicht in Stein gemeißelt. Sie entsprechen zwar unserer langjährigen Erfahrung in der virtuellen Lehre und im virtuellen Lehr- und Lerncoaching, ließen sich aber noch beliebig erweitern. Ebenso wie bei Lern- und Begleitungsprozessen wollen wir damit vielmehr die Reflexion Ihres Unterrichts und Ihrer Lehre im virtuellen Raum unterstützen. Sie finden daher im Folgenden eine Tabelle, die Sie mit Ihren Erfahrungen, Intuitionen und Assoziationen füllen können. Die „10 Beobachtungen“ decken sich bewusst nicht mit den eben ausgeführten „10 Prinzipien“. Aber vielleicht können Sie weitere daraus ableiten? Viel Freude dabei: 105 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Beobachtungen Ihre Assoziationen/ bisherige Erfahrungen methodisch-didaktische Konsequenzen 1. Der virtuelle Raum will „gefüllt“ werden! • … • gezielt und geplant führen • zeitlicher Ablaufplan mit Methoden • Wirkungen des Einsatzes bedenken • Erfahrungen mit Präsenz- Lehre reflektieren 2. Themen, Medien (und der Lehrende) wollen dominieren! • … • Angemessenheit und Ausgewogenheit von Didaktik („Was?“) und Methodik („Wie?“) • den „Ball“ immer wieder „zurück“ spielen • direktes Ansprechen, „Fordern“ 3. Gestik und Mimik wirken anders! • … • Fixierung auf Stimme (und Gesicht) bedenken • Andersartigkeit von Gestik und Mimik kompensieren • Möglichkeiten – vorab – planen (Modulation, Pausen, Sprechgeschwindigkeit …) • durch Stimme führen 106 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Beobachtungen Ihre Assoziationen/ bisherige Erfahrungen methodisch-didaktische Konsequenzen 4. (Virtuelles) Dozieren fördert die Passivität! • … • zeitig(er)e Methodenwechsel einplanen • gezielte (und ansprechende) Aktivierungen • Balance zwischen „Raum geben“ und Präsenz zeigen 5. Jede (Lern-) Gruppe ist anders! • … • adressatengerechtes Lehren und Lernen • Lernausgangslagen (soweit möglich) berücksichtigen • entsprechende Zieldifferenzierung vornehmen • ggf. auch Berücksichtigung der Lerntypen 6. Gute (virtuelle) Lehre kommt durch das ‚Wie‘ zum ‚Was‘! • … • verstärkt von der Wirksamkeit her denken • Diskrepanzerlebnisse einbauen • Berücksichtigung eigener Praxiserfahrungen • z. B. Angebots-Nutzen- Modell 7. Virtuelle Lehre ist (besonders) mehrdimensional! • … • Inhalt … • Technik … • Selbstmanagement – Gruppenmanagement … • mit Emotionen arbeiten, z. B. „innere Bilder“ … 107 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Beobachtungen Ihre Assoziationen/ bisherige Erfahrungen methodisch-didaktische Konsequenzen 8. Ein gelungener Input ist die „halbe Miete“! • … • Relevanzerfahrung der Teilnehmenden, „Abholen“ • durch Dissonanz, Irritation, auch Provokation für das Thema motivieren, „Einstimmen“ • Kommunikation heißt: was geben, gehen Sie in „Vorleistung“ 9. Teilnehmeraktivierung sichert Ergebnissicherung und Transfer! • … • Heterogenität der mentalen Programme ansprechen • Anknüpfung an individuelle Vorerfahrungen • Relevanzerfahrung evoziert Sinnerfahrung • befördert Verstehbarkeit (d. h. neue mentale Modelle) 10. Murphy ist (technisch) immer mit dabei! • no panic! • doppelte Böden einbauen („Plan B“) • Gelungene Improvisation ist die hohe Schule der didaktisch-methodischen Klaviatur! 11. • … • Tab. 1: 10 Beobachtungen in der virtuellen Lehre 108 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Didaktische Medientechnologien: Status Quo 2020 – Vision 2030 Mit dem „Sprung ins kalte Wasser“ zu Beginn der Corona-bedingten Schulschließungen konnte man als Lehrender das Gefühl haben, von jetzt auf gleich das „Rad“ neu erfinden zu müssen. Diese, durch die Krise ausgelöste Betroffenheit wurde dadurch verstärkt, dass es an den Schulen kaum technische und methodisch-didaktische Einführungen in digitales Lehren und Lernen gab. In den wenigsten Bundesländern wurden parallel zum nun für alle Beteiligten neuen „Homeschooling“ flächendeckende Lehrerfortbildungen angeboten – was technisch in der virtuellen Form grundsätzlich leicht möglich gewesen wäre. Aber die bisherigen Strukturen waren – nachvollziehbarer Weise – schlichtweg überfordert und ihre Prioritäten lagen nun auf anderen Gebieten. Insofern ist wenigstens nun, sozusagen im Rückblick und zur Reflexion der Entwicklungen ab dem Frühjahr 2020, die Anknüpfung an bestehende Linien in den letzten Jahren angesagt – um nicht in die Falle zu tappen, „nach Corona“ wieder komplett zurückzufallen in die „digitale Steinzeit“. Die Medienentwicklung hat im Rückblick erfolgreich an der schrittweisen Verkleinerung der Raum- und Zeitschranke zwischen Lehrenden und Lernenden gewirkt: Radiosendungen wurden ausgestrahlt, Audio- und Videokassetten wurden per Post verschickt und im Fernsehen gab es bereits vor Jahrzehnten „Telekollegs“. Diese faszinierende Geschichte des Fernunterrichts zeugt von den leidenschaftlichen Bemühungen, diese Raum- und Zeitschranke kontinuierlich zu verkleinern (vgl. Dieckmann/Zinn, 2017). Die Entwicklung steht aktuell an einem Punkt, an dem wir einen Effekt des „Uncanny Valley“ sehen: Die Darstellung unserer Gesprächspartner in den Videokonferenzen ist mittlerweile so nah an der Wirklichkeit, dass dieses Unbehagen bereits als „Zoom-Müdigkeit“ (Mohr- 109 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt stedt, 2020) diskutiert wird. Dieses Phänomen ist jedoch nicht neu, es ist aus der Robotik bekannt, wo es bei immer höherer Natürlichkeit der Androiden ein gleichzeitig steigendes Unbehagen gegenüber dieser Menschenähnlichkeit gibt. Niemand – nicht wir als Geisteswissenschaftler und auch kein Techniker – kann die Zukunft voraussagen. Aber es ist schlichtweg unwahrscheinlich, dass die Immersion der didaktischen Medien an einem Punkt der Zukunft zu einem Abschluss kommen wird. Vielmehr ist davon auszugehen, dass wir in virtuellen Räumen arbeiten werden, die das Bildungsgeschehen darin zu einer zweiten Natur werden lassen. Die Grenze zwischen „echten Personen“ und „künstlichen Intelligenzen“ wird in diesen Räumen zunehmend verwischen. Hier kündigt sich ein zweiter „Gruselgraben“ an, den die Bildungssysteme durchschreiten werden. Die Frage stellt sich nur – und berührt damit zugleich unsere Motivation zu diesem Buch wie zu seinem Vorläufer (Hanstein/Lanig, 2020a), wie pro- oder reaktiv, wie schleichend oder reflektiert dieser Prozess verlaufen wird. Die Diskussion um die Stoffdarbietung in einer digitalen Gesellschaft und der Rolle des kritischen Denkens gegenüber einer jederzeit verfügbaren Information zeigt, wie sehr medientechnologische Ver- änderungen diese epistemischen Entwicklungen im Bildungssystem beeinflussen. Nicht zuletzt ist aus dieser Überlegung abzuleiten, dass sich die Rolle der Lehrenden vom Stoffvermittler über den Lernpartner hin zum coachenden Begleiter in hybriden Lernräumen weiterentwickeln wird. Denn, wie mit der Diskussion des Corona-bedingten „Homeschooling“ in den Social Media zu beobachten war, kann unter dem Druck des Neuen die wesentliche Grundlage der Vermittlung (von „Stoff “, also dem „Was“) rasch ins Hintertreffen geraten. Dann stehen Quantität vor Qualität, Arbeitsblätter vor einer – immer, analog wie digital – basalen Beziehungsdidaktik. Dieser kurze Ausblick macht verständlich, wie wichtig das Experiment innerhalb der neuen Formate des Lehrens ist. Und wie bedeu- 110 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt tend die kreative Epoche der Pandemie ab 2020 einzuschätzen ist: Als ein wichtiger Quantensprung im lebendigen Füllen dieser neuen medientechnologischen Räume. Daher appellieren wir an dieser Stelle: Seien Sie sich bei der Planung und Durchführung Ihres virtuellen Unterrichts immer bewusst, dass Barrieren, Krisen und andere Hemmnisse in virtuellen Lernräumen zur individuellen Begleiterscheinung des Lernens dazugehören. Diese wahrzunehmen, anzuerkennen und in die Lernbegleitung zu integrieren, ist aber eine völlig neue – weil nun digital zu meisternde – Herausforderung. Vielleicht kann dabei tröstlich sein: Interne und externe Hemmnisse der Digitalisierung sind stets dieselben. Um diese aber immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen, soll hier an die TZI-Theorie von Ruth Cohn erinnert werden (vgl. https:// www.ruth-cohn-institute.org/tzi-konzept.html; Zugriff: 22.05.2020). Im „TZI-Dreieck“ der Themenzentrierten Interaktion stehen sich „Ich“, „Wir“ und „Es“ an je einer Spitze eines gleichschenkligen Dreiecks gegenüber. Umgeben ist dies von einem Kreis, der das „Umfeld“ visualisiert. Abb. 18: TZI-Dreieck nach Cohn 111 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt Übertragen auf Lehr- und Lernprozesse bedeutet das: Jeder einzelne Lernende („Ich“) muss mit seinen individuellen Voraussetzungen in den Prozess eingebunden sein. Hieran lehnen sich pädagogische Konzepte wie beispielhaft Modelle zur individuellen Förderung an. Jede Lerngruppe („Wir“) wird als eigenständiges System verstanden. Sie wird von einem Lernziel, aber auch von einem mehr oder weniger ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl getragen. Es war bereits Wolfgang Klafki, der weit vor den modernen pädagogischen Ansätzen konstatiert hat: Individualisiertes und kooperatives Lernen gehören zusammen! Insofern ist es vor den aktuellen Herausforderungen digitalisierter Lehr- und Lernprozesse auch besonders wichtig, wie die vierte Dimension, das „Umfeld“, gefasst, gestaltet, strukturiert … und priorisiert wird. 112 Das virtuelle Klassenzimmer – oder: Wie die Gruppe virtuell ins Laufen kommt

Chapter Preview

Schlagworte

Methodenbuch, hybrides Klassenzimmer, Berufseinstieg, Unterrichtsvorbereitung, virtuelle Lehre, Fernunterricht, Digitale Lehre, Digitalität, Hochschullehre, Homeschooling, Referendariat, Bildungsforschung, Hochschule, Didaktik, Unterrichtsmethoden, Methodik, Schule

References

Abstract

The corona crisis has shown that teachers are still unprepared for the challenges of virtual teaching. In Digital lehren, the authors, with their many years of experience in school and university didactics, offer their findings for the hybrid classroom of tomorrow. The book is aimed at teachers and subject didacticians who want or have to offer parts of their teaching digitally and want to reflect on it didactically. The focus of the book explores the question: Which methods from analogue teaching and learning processes are suitable and adaptable for virtual distance learning? 64 tried and tested methods with clear illustrations make the book a practical resource for preparing lessons.

Zusammenfassung

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Lehrerinnen und Lehrer auf die Herausforderungen der virtuellen Lehre noch unvorbereitet sind. In Digital lehren bieten die Autoren mit ihren langjährigen Erfahrungen in der Schul- und Hochschuldidaktik ihre Erkenntnisse für das hybride Klassenzimmer von morgen an. Das Buch richtet sich an Lehrende und Fachdidaktiker, die Teile ihres Unterrichts digital anbieten möchten oder müssen und diesen didaktisch reflektieren wollen. Der Schwerpunkt des Buches geht der Frage nach: Welche Methoden aus analogen Lehr- und Lernprozessen sind brauch- und adaptierbar für den virtuellen Fernunterricht? 64 erprobte Methoden mit anschaulichen Illustrationen machen das Buch zu einem praxisnahen Fundus für die Unterrichtsvorbereitung.

Schlagworte

Methodenbuch, hybrides Klassenzimmer, Berufseinstieg, Unterrichtsvorbereitung, virtuelle Lehre, Fernunterricht, Digitale Lehre, Digitalität, Hochschullehre, Homeschooling, Referendariat, Bildungsforschung, Hochschule, Didaktik, Unterrichtsmethoden, Methodik, Schule