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Kapitel 5: Rezepte, Techniken und Methoden für das digitale Lehren in:

Thomas Hanstein, Andreas Ken Lanig

Digital lehren, page 113 - 318

Das Homeschooling-Methodenbuch

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4522-0, ISBN online: 978-3-8288-7564-7, https://doi.org/10.5771/9783828875647-113

Tectum, Baden-Baden
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113 Rezepte, Techniken und Methoden für das digitale Lehren In die prinzipielle – und virtuell noch potenzierte – Unvollkommenheit des Lernens hinein wollen wir zum Abschluss ausgewählte Tools unterbreiten, die sich nach unserer Erfahrung bewährt haben. Auch analoge Lernräume können je nach Modernität und Ausstattung der Schulen variieren, aber ihr grundsätzliches pädagogisches Equipment ist relativ gleich. Bei virtuellen Räumen, Formaten und Anbietern kann dies deutlicher variieren. Insofern können wir das jeweilige Übertragen dieser Angebote in „Ihren“ virtuellen Raum nicht leisten – das bleibt Ihre Transferaufgabe. Beim ersten Anlauf mag dies nach viel Arbeit aussehen (die es zweifelsohne auch ist), aber indem Sie diese Anwendbarkeit prüfen, adaptieren und ggf. noch optimieren, planen Sie gleichzeitig – handlungsorientiert – Ihren eigenen Unterricht. Ein Lehrer, dem noch vor der Drucklegung dieses Buches ein paar Auszüge und Methoden an die Hand gegeben wurden, meldete in den Wochen des Corona-bedingten „Homeschooling“ zurück: „Eure Erfahrung hat mir den Einstieg gut möglich gemacht. Der Ansatz, bewährte Methoden aus dem klassischen Unterricht für den Fernunterricht zu überprüfen, ist klasse. Das hätte ich in ein paar Wochen nicht packen können. Dazu braucht man sicher einige Jahre. Eine solche Sammlung hätte ich mir damals nach meinem Ref. auch für den normalen Unterricht gewünscht.“ Kapitel 5 Diesen, auf kollegialer Ebene begonnenen Pfad wollen wir hier systematisch und gebündelt für eine weitere Verwendung anbieten. Uns ist klar, dass es nur ein Anfang sein kann – aber ein Anfang, der gesetzt werden muss. Unterricht visualisiert antizipieren Aus der Gestaltpsychologie wissen wir, dass sich geschlossene Gestalten unmittelbar und positiv auf die Verarbeitung im Gehirn auswirken. Anders als offene Gestalten, die „Löcher“ in der Verarbeitung, Anknüpfung, Reproduktion und letztlich im Transfer lassen. „Gehirngerecht“ zu lernen bedeutet daher, auf das Prinzip einer vollständigen Lernhandlung zu setzen (vgl. KMK, 2017) und dies unter den Prinzipien von Individualisierung sowie innerer und äußerer Differenzierung. Wenn Lernen als „aktiver, selbstgesteuerter, konstruktiver, situativer und sozialer Prozess“ (KuMi, 2015, S. 7) verstanden werden kann, müssen sich Planung und Durchführung an der Frage messen lassen, inwiefern die Anbahnung des so verstandenen Lernens erfolgreich und das Lernen selbst nachhaltig war. Der australische Pädagoge John Biggs hat vor einigen Jahren das didaktische Konzept „Constructive Alignment“ entwickelt (vgl. Biggs/Tang, 2011). Es erscheint für die Weiterentwicklung der virtuellen Lehre besonders geeignet, denn es verändert grundlegend das Rollenverständnis der Lehrenden. Folgt man in der Analyse von (gutem) Unterricht der Grundstruktur von Heinz Klippert, so basiert der Lernprozess auf dem (gelungenen) Zusammenspiel von Lehrer- und Schülerhandeln. Im Constructive Alignment wird ein besonderer Wert auf die Passgenauigkeit von Lernzielen, die Learning Outcomes, gelegt. Neben dem Blick auf die Lernziele richtet sich ein zweiter auf die Lehr-Lern-Prozesse, die Learning Activities. 114 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die dritte Perspektive besteht in der Überprüfung der Leistungen, dem Assessment. Das bedeutet: Erfolgreich ist Unterricht dann, wenn die Lernenden ihr Wissen durch für sie relevante und lernförderliche Lernaktivitäten konstruieren und weiter ausbauen. Erfolgreich sind Planung und Durchführung, wenn Lernarrangements adäquat angeboten, begleitet und ihre Anwendung evaluiert und passgenau optimiert werden. Die veränderte Rolle der (nicht mehr) „Dozierenden“ hebelt die klassischen Beobachtungsfelder „Professionswissen“ und „Klassenführung“ dabei nicht aus, doch sie bedeutet dann Lernen in Achtsamkeit, Empathie, aktivem Zuhören und umfänglicher Akzeptanz zu initiieren und zu begleiten. So verstanden werden Lernprozesse einer Lerngruppe zu kleinen und größeren Erlebnisreisen, die immer wieder zu neuen Entdeckungen und sozialen wie personalen Aha- Effekten führen, für die aber auch eine Art Landkarte als Gerüst und Anker wichtig sein kann. Zum Assessment des Prozesses gehört es dann auch, diese Beobachtungen und Veränderungen zu visualisieren und so gleichsam von hinten her die vollständige Lernhandlung zu reflektieren/evaluieren. Der „hybride“ Lernraum – die Mischung macht’s Bis zu dieser Stelle war vom „virtuellen Unterricht“ sowie „hybriden Klassenzimmer“ die Rede, in der Wirkung beim Leser vielleicht sogar synonym. Daher an dieser Stelle eine Erläuterung: Unter hybride verstehen wir, dem Wortsinn nach (lat. „hibrida“), eine – dem Lehren und Lernen zuträgliche – Mischung mehrerer Komponenten. Jürgen Handke spricht in diesem Zusammenhang von der „digitalen Integration“ auf dem Weg der „digitalen Anreicherung“ (vgl. Handke, 2020, S. 64–69). Im ersten Schritt und Fall „‚erneuern‘ (die Lehren- 115 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre den) ihre Lehre mit digitalen statt analogen Elementen“ (ebd., S. 65), im zweiten „verschieben sich die zentralen Aktivitäten des Lehrens und Lernens: Auf eine vollständig digitale Phase der selbstgesteuerten Inhaltsvermittlung folgt eine Phase der angeleiteten Inhaltsvertiefung“ (ebd., S. 66–67) – oder umgekehrt (Anm. der Autoren). Die im folgenden Teil aufgezeigten Methoden gehen daher nicht davon aus, dass der Lernraum ausschließlich vor dem Bildschirm stattfindet. Sondern, dass er viele Dimensionen beinhaltet. Allen voran die private Lebenswelt, die ihrerseits teils digital, teils analog ist. Denn darin besteht das Wesen der Hybridität: Die lernenden Subjekte gestalten zu einem großen Teil diesen Lernraum mit und entziehen diesen auch Ihrer Steuerung – dieses Phänomen des virtuellen Unterrichts und des hybriden Lernraums ist grundsätzlich verschieden zur festgefügten analogen „Unterrichtseinheit“: Der Unterricht im hybriden Lernraum entspricht eher einer räumlichen „Unterrichtsvielheit“. Abb. 19: Die eigene „digitale Blase“ mit der des Anderen verbinden 116 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die zentrale Metapher des hybriden Lernraums ist die „eigene Blase“. Die „Semipermeabilität“ dieser „Blasen“ entscheiden die Lernenden auch selbstgesteuert – denn darin liegt eine zentrale Kompetenz der digital aufwachsenden Generationen. Dieser hybriden Halbdurchlässigkeit demokratisch zu begegnen, sie anzuleiten und diese Kompetenz – im schulischen Kontext – in den Erziehungsauftrag zu integrieren, ist vermutlich die größte Herausforderung für das Rollenbild der Lehrenden (und den Auftrag von Schule). Denn nicht zuletzt verlangt dies eine aktive Zurückhaltung der Lehrenden – in der Sprache des systemischen Coachings: die Haltung der Askese –, was bereits historisch eines der schwersten Übungen für Kollegen ist, denen das „Vorsingen“ als erste und vordergründige Aufgabe in Fleisch und Blut übergegangen ist. Gleichzeitig wollen wir mit dem folgenden Methodenteil exemplarisch zeigen, wie Sie als Lehrende in Ihre eigene „Blase“ einladen können und umgekehrt: Wie Sie aufgrund einer zugewandten Art in fremde „Blasen“ eingeladen werden. Denn dann ereignet sich diese Semipermeabilität im besten Fall wechselseitig und – wiederum – hybride, indem Räume, „Blasen“ und – vor allem – Menschen miteinander verbunden werden. Methodisch-didaktische Desiderate und Bedarfe im virtuellen Unterrichtsraum Bedarfsgerechte Planung und passgenaue Anwendung sind nicht nur Prinzipien einer guten Unterrichtsvorbereitung. Sie können ebenso für Prozesse der Qualitätsentwicklung leitend sein. Für diese Publikation wurden zwei Umfragen durchgeführt. Die darauffolgenden methodischen Vorschläge ergeben sich aus den darin aufgezeigten Bedarfen. 117 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die vorliegenden Daten (vgl. Anlage 1 und 2, S. 331–375) sind Ergebnisse einer eigenen Feldstudie, ein Vierteljahr nach den Coronabedingten Schulschließungen durchgeführt. Einmal wurden Lehrende befragt, die auch Teilnehmer der Kollegialen Coachings für virtuell Dozierende waren. Ein weiteres Mal ging die Umfrage an Lernende im allgemein- und berufsbildenden Schulwesen der Sekundarstufe 2. Bei der zweiten Umfrage handelt es sich nicht um Feedback zum Unterricht der Autoren, sondern um grundsätzliche Aussagen der Schülerschaft zur Wahrnehmung des „Homeschoolings“. Bis zur Drucklegung des Buches lagen 58 Rückmeldungen von Lehrenden und 430 von Lernenden vor (vgl. Anlage 1 und 2, ebd.). Diese Zahl kann natürlich keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben. Dennoch zeigen sich bereits erste interessante Trends. Auf diesen aufbauend werden weitere quantitative und qualitative Untersuchungen der Autoren erfolgen, welche aber aus Zeitgründen in dieser Publikation keine Berücksichtigung mehr finden konnten. Die Befunde im Einzelnen – wobei viele einzelne O-Töne (vgl. ebd.) bereits an sich sehr aussagekräftig sind: • Im Durchschnittswert wenden die befragten Lehrenden 4,1 Methoden regelmäßig in ihrem Fernunterricht an, rund die Hälfte 3–5 Methoden (Schwerpunkt 3 Methoden). 86 % der Lehrenden bewerten diese Zahl als ausreichend für guten Unterricht. • Die beliebtesten Methoden sind: Vorträge und Präsentationen verschiedenster Art sowie Diskussionen und Gruppenarbeiten unterschiedlichen Zuschnitts. • Die Umsetzungskompetenz dieser Methoden wird auf einer Skala von 1 (gering) bis 10 (sehr hoch) hauptsächlich (und wieder über 118 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre 50 %) im oberen Bereich, und zwar 7–9, (selbst) eingeschätzt. Die größte Kennzahl lag – mit 37,9 % – bei 8. • Rund zwei Drittel (66,7 %) aller Lehrenden geben an, bis zu 40 % der Unterrichtszeit für die methodische Planung einer Unterrichtsstunde zu benötigen (bis zu 20 % und bis zu 40 % fast gleichmä- ßig viel). • Die befragten Lehrenden wünschen sich am meisten technische und methodische Unterstützung. • Die größten Herausforderungen für lernförderliche Unterrichtsbedingungen liegen in den Bereichen Technik, Kommunikation und Gruppensteuerung. • Den größten Optimierungsbedarf sehen virtuell Lehrende auf der technischen und der methodisch-didaktischen Ebene. • Die Rückmeldungen der Lernenden lagen in den Bereichen Struktur, Kommunikation und Erreichbarkeit der Lehrenden im oberen Drittel. • Der Schwerpunkt beim Item Strukturierung lag bei 7–10/10, beim Item Kommunikation bei 7–8/10, beim Item Erreichbarkeit bei 7/10 (wobei hier der größte Ausschlag bei 10/10 vorlag). • Die Rhythmisierung des Fernunterrichts wurde schwerpunktmä- ßig im Bereich 5–8 von den Lernenden wahrgenommen. 119 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre • Beim Item Methodeneinsatz lag der Schwerpunkt bei 5/10, mit relativ gleichmäßiger Verteilung aller weiteren Antworten im rechten und linken Bereich davon. • Am meisten haben die Lernenden nach eigener Angabe vermisst: soziale Kontakte (siehe z. B. O-Töne: „Menschlichkeit“, „Von Angesicht zu Angesicht“), Atmosphäre, das Lernen in der Gruppe (siehe z. B. O-Ton: „das Gefühl, dass ich in einer Schule bin“) und eine Lernstruktur (siehe z. B. O-Ton: „Schule ist viel strukturierter“). • Die deutlichsten Wünsche an Optimierung durch die Lernenden bestehen in einer Verbesserung der Lernatmosphäre, Struktur und Regelmäßigkeit, angemessener Zeitintervalle und dem selbstständigen Lernen (miteinander). Interpretation: Klarer Auftrag an uns virtuell Lehrende und Coachende Der Ertrag dieser anfänglichen Feldstudie heißt: Lehrende wünschen sich vor allem (mehr) Unterstützung bei der Aktivierung, der Methodenkompetenz und bei technischen Fragen. Lernende wünschen sich mehr Miteinander mit den Mitschülern, spürbares „Schulleben“ (O-Ton), mehr Struktur und Rhythmus, direkte Unterstützung durch die Lehrenden – und ganz zentral: mehr Methoden! Denn auffällig ist die Spannung zwischen einer gewünschten „Unterrichtsvielfalt“ (O-Ton) bei den Lernenden und der gefühlten Zufriedenheit mit einigen wenigen Methoden bei den Lehrenden in dieser Erhebung. Aus Schülersicht scheint dies plausibel zu sein, denn erst über die Methoden stellt sich das ein, was Lernende sehr stark vermisst haben: alles, was Schule und Unterricht leben- 120 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre dig macht – im Gegensatz dazu steht z. B. der O-Ton: „Homeschooling“ mache „unlebendig“. Im Item Struktur steckt der zentrale Auftrag, eine virtuelle Führung im Unterricht neu zu denken. Die Rhythmisierung lässt sich über die zeitliche Planung des Unterrichts herstellen. Die Herausforderung dabei ist, einerseits auf das situative Geschehen des Unterrichts einzugehen und andererseits die im Vorfeld durchdachte Dramaturgie (vgl. hierzu z. B. das „Sandwichprinzip“, S. 56) umzusetzen. Dies sind zwei zunächst unterschiedliche und ggf. auch widersprüchliche Kriterien für guten Unterricht. Da aber der überwiegende Teil der befragten Lehrenden viel Zeit in die Unterrichtsvorbereitung (20–40 % der Unterrichtszeit) investiert, ist dies eine nicht unerhebliche Forderung. An die Kollegien stellt dies die Forderung, neben einem technischen, organisatorischen und infrastrukturellen Support einen stetigen Austausch über die methodisch-didaktische Arbeit zu ermöglichen. Nur so wird es umsetzbar sein, die Zahl der regelmäßig eingesetzten Methoden über den hier angegebenen Durchschnitt von vier Methoden zu halten. Denn angesichts der bereits jetzt hohen Vorbereitungszeit für virtuelle Unterrichtseinheiten erscheint es kaum realistisch, über (noch) mehr Vorbereitungszeit mehr Methoden und eine bessere Rhythmisierung zu erreichen. Entlastend erscheint, dass nach wenigen virtuellen Durchläufen die Vorbereitungszeit sich von der Vorbereitung für den Präsenzunterricht kaum mehr unterscheidet. Darin, wie in den klaren Wünschen der Lernenden, dürfte hinreichend Motivation bestehen. In der Erhebung bei den Schülern zeigt sich vor allem der (zu) gering empfundene Kontakt zwischen Lernenden und Lehrenden – diese Wahrnehmung haben auch Lehrende. Dies macht erneut deutlich, wie zentral systematisches Kollegiales Coaching über die Bedarfe und Besonderheiten im virtuellen Lehr- und Lernraum (neben notwendigen Fortbildungen und Schulungen) ist. 121 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Mit Blick auf diese Ergebnisse sehen wir den Bedarf einer Systematisierung hauptsächlich in zwei Dimensionen – im Folgenden ausgeführt. In der Unterrichtsvorbereitung stellen wir uns über die „5 W-Fragen“ (vgl. Kap. „5 W – was in eine Hand geht“, S. 29) antizipierend auf die Lernenden ein. Die folgende Kategorisierung sichert zusätzlich Struktur und Standard. Zielanalyse des stimmigen Wie: Die didaktischen Leitkategorien Wer, Was, Wo und Wozu methodisch sichern Guter Unterricht kann sich dann ereignen, wenn von den Lehrenden auf eine ausgewogene Balance zwischen Lernprozessen und Lernergebnissen geachtet wird. Ein Überhang auf der einen wie der anderen Seite wird zu einem einseitigen Geschehen: Junglehrer konzentrieren sich oft – weil ihre Planung sehr zielgeleitet ist – auf die Erreichung der Ergebnisse. Der Blick für die Bedürfnisse der Lerngruppe kann da aus schon mal verloren gehen. Ebenso ist es möglich, eine Lerngruppe rein mit Methoden zu „bespaßen“ – und die Frage nach den Zielen des Unterfangens sind weder transparent noch – worst case – reflektiert und bekannt. Das methodische Differenzial: Der Positionierungsraum der Lernabsichten Aufbauend auf der didaktischen Analyse der „5 W“ erschließen wir die methodischen Dimensionen des Online-Unterrichts. Erfahrungsgemäß ist es eine Hilfe, nicht in erster Linie in einem „Online-Unterricht“ zu denken. Vielmehr sollte die Überwindung der Raum- und 122 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Zeitschranken die wesentliche Überlegung dabei sein. Über diese Fragestellung bieten sich manche Methoden an, andere sind aus diesem Grund ausgeschlossen. Die folgende Methodensammlung ordnen wir deswegen zusätzlich in folgendes methodisches Differenzial ein: Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron Asynchron Zeitlich befristet Zeitlich unbefristet Individuell orientiert Gruppenorientiert Speziali siert Generalisiert Ergebnisorientiert Entwicklungsorientiert Öffentlich Privat Tab. 2: Methodisches Differenzial Über dieses Differenzial können wir nicht nur die Methoden sortieren, sondern wir nutzen ihn auch als morphologischen Kasten. Über diese systematische Kreativitätstechnik kommen wir so organisch auf neue Methoden. Schließlich sind auch wir Lehrenden alle noch am Anfang unserer Online-Lernkurve – und damit selber Lernende. Mit beiden Dimensionen, den didaktischen Leitfragen und dem methodischen Differenzial, wollen wir unsere Methodensammlung übersichtlich halten. Daher haben wir uns für eine alphabetische Gliederung entschieden. Für den praktischen Transfer in Ihren Unterricht finden Sie zu jeder Methode auch eine Visualisierung vor. Wir verstehen die Beschreibung und die Abbildung im Sinne des experimentellen Lernens. Ihre je eigenen Lernkontexte und speziellen Fächer werden – best case – eine Fortschreibung der Methoden erlauben. Ebenso haben wir uns nicht hauptsächlich auf Methoden gestürzt, die in den 123 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre letzten Monaten in den Social Media entstanden und geteilt worden sind. Dieses Phänomen hat eine unglaubliche und hocherfreuliche Kreativität unter den Lehrenden gezeigt. Wir hoffen, dass diese Lust am Experimentieren auch „nach Corona“ nicht abreißt. Bei den hier empfohlenen Methoden haben wir uns aber mehr von der Leitfrage leiten lassen: → Was funktioniert gut im bisherigen, analogen Raum? Und was sollte im virtuellen – bzw. hybride geweiteten – Klassenzimmer nicht untergehen? In diesen Fällen wird sich die Mühe lohnen, über die virtuelle Adaption und eine fachbezogene Modellierung nachzudenken. Aufgrund unserer Begleitungen im Kollegialen Coaching und unserer Beobachtungen mit dem Corona-bedingten „Homeschooling“ möchten wir, bevor wir in das Kapitel Methoden einsteigen, noch einen Hinweis geben: Im Frühjahr 2020 twitterte ein Nutzer in eine sehr quirlige und vor Innovationsgeist nur so sprudelnde Junglehrerschaft hinein: „Wenn Ihr so weitermacht und Tag und Nacht neue Tools herzaubert, sind wir bald alle ausgebrannt.“ – Eine kollegiale Warnung, die sich nicht gegen die Digitalisierung an sich wandte, sondern gegen den Übereifer, der auch immer dort aufkommen kann, wo Menschen im Flow sind. Insofern hoffen wir, dass wir mit unserer Sammlung keinen weiteren Druck in diese Dynamik hinein aufbauen, sondern Unterstützung mit erprobten Methoden geben können. Wir würden uns freuen, wenn Sie die Erprobung unserer Vorschläge in Ihrem Unterricht als – im besten Sinne – Experimentieren verstehen könnten. Denn dann bleibt eine Fehlerfreundlichkeit, die es Ihnen leichter macht und die keinen Druck nach Perfektion aufkommen lässt. Beachten Sie dabei bitte auch das, was Jürgen Handke (vgl. Kap. „Der ‚hybride‘ Lernraum“, S. 115) hinsichtlich der Möglichkeiten und Schritte der digitalen Umsetzung konstatiert hat. Vielleicht gelangen auch Sie schon bald über die „digitale Anreiche- 124 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre rung“ Ihres Unterrichts in die „digitale Integration“ – und vor allem, das wünschen wir Ihnen, in die Lust daran! 125 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Eine Auswahl von 64 Methoden für das digitale Lehren In Abgleich des theoretischen und empirischen Teils wird zur besseren Anwendung folgende Gliederung vorgenommen. Die darunter befindliche Zuordnung der Methoden zeigt an, dass manche Bereiche durch ein- und dieselbe Methode gleichzeitig angesprochen werden können. Sicher kommen Sie durch eigenes Experimentieren zu weiteren Überschneidungen. (1) Unterrichtsklima, Aktivierung und Wechsel 2, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 12, 13, 17, 19, 21, 22, 26, 29, 30, 31, 36, 37, 40, 41, 42, 42, 47, 48, 49, 50, 52, 56, 58, 61, 62 (2) Führung und Zeitstruktur 1, 10, 16, 20, 24, 27, 28, 32, 38, 40, 55, 57 (3) Lernstrukturierung 6, 14, 18, 20, 24, 27, 28, 29, 30, 31, 35, 38, 42, 43, 44, 47, 53, 55, 57, 59, 61, 63 (4) Gesprächsformate 1, 14, 18, 20, 22, 34, 35, 37, 40, 49, 54, 55, 57, 63 × × × × 126 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre (5) Kompetenzorientierung 3, 6, 8, 20, 24, 26, 27, 28, 38, 42, 45, 47, 51, 53, 55, 59, 60, 63 (6) Individualisierung 4, 5, 9, 12, 17, 19, 21, 23, 26, 34, 41, 43, 47, 52, 56, 58, 59, 62 (7) Selbstorganisation 5, 7, 8, 16, 18, 19, 20, 24, 25, 28, 29, 30, 35, 36, 38, 39, 41, 43, 53, 55, 61 (8) Übungsmethoden 2, 6, 7, 8, 18, 20, 28, 29, 35, 40, 41, 44, 48, 49, 51, 53, 60, 63 (9) Gruppenformate 14, 18, 20, 27, 28, 31, 33, 35, 37, 38, 40, 42, 45, 48, 49, 51, 53, 57, 60, 62, 63, 64 (10) Feedbackmethoden 11, 15, 39, 46, 51, 52, 54, 64 × × × × × × 127 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Übersicht der Methoden 1. Asynchrone Videokonferenz 2. ABC-Methode 3. Audioquiz 4. Augengymnastik 5. Bildkartenarbeit 6. Brainstorming 7. Crossword 8. Brainwriting Pool 9. Designer Yoga 10. Dokumentenkamera 11. Dropbox Feedback 12. Eben noch in der Pause 13. Einstimmungsfilm 14. Expertengruppe 15. Fünf-Finger-Feedback 16. Flipped Classroom 17. Geoquiz 18. Gruppenarbeit und Gruppenpuzzle 19. Haustiere, Jogginghosen und Mitbewohner 20. Hybrides Lerncamp 21. Imaginationsübung 22. Input-Technik 23. Kamerafahrten 24. Key Question 25. Klassenzimmer-Deko 26. Körperreise 27. Lerngang 28. Lernzirkel 29. Lexikonmethode 30. Mind-Map 31. Mini-Sprints 128 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre 32. Online Ringvorlesung 33. Online Wandzeitung 34. Partnerinterview 35. Placemat 36. Progressive Entspannungspausen 37. Pro- und Contra-Debatte 38. Projekte virtuell 39. Rotationsfeedback 40. Redekette 41. Quizspiel 42. Schachbrett 43. Schule aus! 44. Screensharing-Softwarekorrektur 45. Sechs Hüte 46. Skalierung 47. Skizzen- und Lerntagebuch 48. Speed Geeking 49. Speed Talking 50. Sprechende Gegenstände 51. Spinnennetz 52. Stummer Applaus 53. Think Pair Share 54. Umfragen per Smartphone 55. Virtuell lernen durch virtuell lehren 56. Virtuelle Dusche 57. Virtueller Kongress 58. Virtuelle Landkarte 59. Visualisieren 60. Walt Disney Methode 61. Webcam Laola, Zettelwirtschaft 62. Willkommens-Bingo 63. World Café 64. Zielscheibe 129 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 1: Asynchrone Videokonferenz Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lehrenden – wobei auch Lernende an diesem Format Gefallen finden und es nach und nach aus eigenen Stücken in ihre Projektarbeit einbinden. Was? Ein Videoclip, der den klassischen „Lehrendenvortrag“ enthält, alternativ einzelne Impulse zu Teilphasen des Unterrichts. Wo? Vor der Kamera und am Bildschirm. Wozu? Um die wertvolle Zeit des synchronen Onlineunterrichts zu entlasten, um auf das Thema einzustimmen und zu motivieren. Wie? Nehmen Sie Bezug auf ein Artefakt aus dem Unterricht oder auch eine Lernsituation; knüpfen Sie im Film möglichst eng daran – sowohl inhaltlich wie emotional – an, damit die Videobotschaft so individuell wie möglich wird. Diese Methode ist aus einer praktischen Notwendigkeit heraus entstanden: Es stapelten sich eine Unmenge von E-Mails zu vielen Einzelprojekten. Es war zeitsparender, diese mündlich zu beantworten, um den Lernenden eine Antwort in Form einer Videobotschaft zuzusenden. Was als situative Improvisation aus Zeitgründen entstanden ist, ent- 130 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre puppte sich als eine gute Möglichkeit, mit zugewandter Art die Lernenden persönlich anzusprechen: Es stellte sich in den angeschlossenen Gesprächen und Feedbacks heraus, dass die Videobotschaft von den Lernenden ganz individuell wahr- und angenommen wurde. Die dort formulierten pädagogischen und fachlichen Impulse konnten durch mehrmaliges und aufmerksames Ansehen des Videoclips binnendifferenziert angeeignet werden. Diese Methode ist nicht zu verwechseln mit dem „Flipped Classroom“. Die Stärke der Videobotschaft liegt gerade darin, individuell und niederschwellig und eben nicht an eine Gruppe gerichtet zu kommunizieren – eben wie ein beiläufiges Beratungsgespräch. Umsetzungstipps: • Technisch nehmen Sie sich selbst auf und stellen den Lernenden diese Aufnahme zur Verfügung (etwa per Downloadlink Ihrer Schulcloud oder über einen nicht gelisteten YouTube Upload). • Um einen engen Bezug zur aktuell gesandten Arbeit der Lernenden herzustellen, können Sie die Arbeit über eine Bildschirmaufnahme bei der Besprechung zeigen. Das stellt auch visuell einen Bezug zur Arbeit her, würdigt diese und relativiert zusätzlich eine mögliche Wirkung der Lehrendenzentrierung. Abb. 21: Asynchrone Videokonferenz 131 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre • Entscheidend ist, dass Sie vom jeweiligen Anliegen der Lernenden her Ihren Impuls aufbauen. Denn nur so kann das Gesagte und Gezeigte bei den Adressaten andocken. Ist das Anliegen noch nicht klar ausgedrückt oder bei ihnen angekommen, sollten Sie vorher nochmals nachfragen. • Sprechen Sie Ihr „Gegenüber“ direkt an und wiederholen Sie eingangs das Anliegen. 132 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 2: ABC-Analyse Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Assoziationen, Erinnerungen zu einem Thema (ohne Blick ins „Heft“) Wo? Im hybriden Klassenzimmer: einerseits im Plenum, andererseits am eigenen Rechner Wozu? Zur Wiederholung eines Themas, zur Fokussierung auf ein Thema. Wie? In EA, ggf. vertieft in GA, im Plenum. Diese Methode ist so einfach wie wirkungsvoll. Sie wird beispielhaft auch im Paarcoaching verwendet, um in der „Problemtrance“ für die Eigenschaften zu sensibilisieren, die dem Klienten intuitiv – und positiv – zum Partner einfallen. Die Methode lässt genügend Freiheit für eigene Assoziationen, führt aber gleichzeitig durch die Anfangsbuchsta- Abb. 22: ABC-Analyse 133 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre ben und hilft so in „sprachloseren“ Situationen. Zum Einstieg in den Unterricht stellen Sie eine Tabelle mit zwei Spalten und 26 Zeilen ein: links die Buchstaben von A bis Z, rechts Raum für Assoziationen. Darüber steht eine Leitfrage, zum Beispiel im Fach Geschichte: Was fällt Ihnen spontan zum 17. Juni ein? Ein Nachteil im „Homeschooling“ besteht natürlich darin, dass Ihre Lernenden jetzt mit Googeln beginnen können. Allerdings ist die Reduktion auf die Buchstaben des Alphabets so speziell, dass das geübt sein will. Nach einer vorgegebenen Zeit endet die Einzelarbeit und die Lernenden werden in Gruppenräume umgeleitet. Hier können sie ihre verschriftlichen Gedanken miteinander austauschen. Danach gehen alle zurück ins Plenum. Je nach Lerngruppe kann diese Methode spielerisch gestaltet werden, etwa durch einen kleinen Wettbewerb auf Zeit. Die Fortführung des Unterrichts ist auf verschiedene Weise denkbar, beispielhaft durch eine „Redekette“ (vgl. S. 247), die dann als Wiederholung der – von Ihnen vorab im Plenum gelenkt/fixiert – wichtigsten Begrifflichkeiten und Fakten dienen würde. Umsetzungstipps: • Die Methode eignet sich dazu, bewusst mit Zeitdruck zu arbeiten, z. B., um auf Tests oder eine Prüfung vorzubereiten. • Zur Steigerung des spielerischen Wettbewerbscharakters kann auf Sozialformen verzichtet und die Tabelle komplett im Plenum gelöst werden. Allerdings überfordert diese Variante die langsameren Lernenden und sollte daher gut überlegt sein oder anderweitig wieder ausgeglichen werden. 134 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 3: Audioquiz Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Beteiligten. Was? Wissensquiz. Wo? Vor dem Computer. Wozu? Aktivierung und Test der Audioverbindungen. Wie? Über ein einfaches Frage-Antwort-Spiel. Ein Kollege – unbestritten Fachmann auf seinem Gebiet und auch schon seit einiger Zeit im virtuellen Fernunterricht aktiv – beklagte sich im Kollegialen Coaching wiederholt so: „Die reden einfach nicht. Ich kann machen, was ich will. Und der Witz, ich habe das gleiche Phänomen jetzt beim virtuellen Elternabend festgestellt. Selbst bei unserer Lehrerkonferenz war es nicht anders. Wie kriege ich die Leute bloß zum Reden?“ Für das Gruppengefühl und eine positive Gesprächsatmosphäre ist nicht nur das technische Funktionieren der Mikrofone eine Voraussetzung. Es geht auch um die generelle und grundlegende Bereit- 135 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre schaft, spontan etwas zu sagen. Denn im Virtuellen kommt dem Ton – im technischen wie im rhetorischen Sinn – und dem gesprochenen Wort (vgl. Prinzip 1: Am Anfang ist das Wort, Kap. „Das virtuelle Klassenzimmer“, S. 91) eine größere Bedeutung zu als im analogen Raum, wo die Körpersprache das gesprochene Wort zu einem Gesamteindruck vervollständigt. Lehrer sind Sprachpraktiker, die nicht nur eine sehr ausgeprägte Textkompetenz haben, sondern eine jahrzehntelange Sprechpraxis. Diese Differenz erzeugt nachvollziehbarer Weise eine Sprechhemmung in der virtuellen Vorlesung, in der Veranstalter und Teilnehmer mehr auf ihre Sprache achten. Auch hier ist die Eingangsphase des Unterrichts entscheidend. Ein kleines Wissensquiz am Anfang hat sich bewährt, diese spontanen Äußerungen der Teilnehmer spielerisch zu üben: Setzen Sie die Spielregeln fest, dass zu einfachen Wissensfragen – etwa eine betont reduzierte Stoffwiederholung – die erste richtige Antwort einen Punkt erhält, die nicht über den Chat, sondern über das Mikrofon „ausgerufen“ wird. Abb. 23: Audioquiz 136 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Machen Sie einen Screenshot von allen aktivierten Kameras. Notieren Sie auf dem Whiteboard die wortwörtlichen Punkte direkt an dem Webcambild. Das erhöht den Wettkampf-Effekt. • Wählen Sie bewusst mindestens fünf offensichtliche Fragen, um – nach dem „Wer wird Millionär“-Prinzip – die Spieltechnik klar zu machen. • Im Turniermodus: Auch dieses Element können Sie ritualisieren und die jeweiligen Gewinner über mehrere Schulwochen notieren. Loben Sie dafür einen kleinen Preis für die Turniersieger aus. 137 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 4: Augengymnastik Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Beteiligten. Was? Gemeinsame körperliche Übung. Wo? Etwas Abstand zum Computer, etwa stehend. Wozu? Aktivierung, Gruppengefühl erzeugen, Entspannung. Wie? Angeleitete Gymnastik, die die Teilnehmer nachmachen. Durch die Arbeit am Computer sind die Augen ganz besonders beansprucht: Haben sie üblicherweise ein Sichtfeld von fast 180 Grad, schwindet dieses vor dem Computer mit geradewegs starrem Blick auf eine Bewegungslosigkeit. Diese Übung bewegt „nur“ die Augen und hat daher eine geringere Hemmschwelle gegenüber einer größeren Yoga-Übung. Das ist für den Einstieg sinnvoll. Da die Lernenden voraussichtlich vor und nach der Online-Einheit auch vor dem Computer sitzen, ist eine Aktivierung der Augen ein belebendes Element des Unterrichts. Das Ziel der Übung ist eine Bewegung der Augenmuskeln. Dazu halten alle Beteiligten ihre Köpfe gerade, indem sie etwa mit einer Hand am Kinn die Kopfdrehung verhindern. 138 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Mit der anderen Hand können Sie nun Bewegungen für die Augenmuskeln ausführen, die horizontal, vertikal und diagonal in alle Richtungen bewegen. Das ist relativ einfach, wenn Sie mit Ihrem Blick dem ausgestreckten Arm beziehungsweise dem ausgestreckten Daumen folgen. Sie werden feststellen, dass dies für die Augen eine relativ anstrengende Übung ist: Sie werden regelmäßig blinzeln müssen. Das ist eine beabsichtigte Wirkung, die Sie gegenüber Ihren Teilnehmern auch kommentieren können. Denn diese Wirkung ist der praktische Nutzen dieser Übung. Umsetzungstipps: • Auch die Fokussierung von dem Nahbereich über den ausgestreckten Arm bis in den Fernbereich können Sie so üben: Fixieren Sie zwei Punkte (am einfachsten über Ihre beiden Daumen) und leiten Sie die Teilnehmer an, diese drei Punkte (zwei Daumen und der Blick aus dem Fenster) abwechselnd zu fixieren. Das trainiert die Augen zusätzlich, da auch diese Fokussierung am Computerbildschirm nicht geschieht. • Diese Augengymnastik können Sie mit einer Kopf- und Schultergymnastik (vgl. Methode „Designer Yoga“, S. 152) kombinieren, Abb. 24: Augengymnastik 139 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre die die Wirkung verstärkt – viele Spannungskopfschmerzen lassen sich durch diese Übungskombination verhindern. • Oftmals ist es den Teilnehmern unangenehm, sich bei der Gymnastik zuschauen zu lassen. Bieten Sie deshalb an, für die Dauer der Gymnastik die Kameras (außer Ihre eigene) auszuschalten. 140 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 5: Bildkartenarbeit Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, angeleitet vom Lehrenden. Was? Inhaltsbezogene Bildkarten, die auch im Präsenzunterricht eingesetzt werden. Wo? Am eigenen PC, später im Plenum am Bildschirm. Wozu? Um induktiv an der eigenen Sozialisation und Biografie der Lernenden ansetzen zu können. Wie? Überlegen Sie, wie eine angemessene Reduktion und Auswahl inhaltlich aussehen kann. Bedenken Sie Wege der technischen Vermittlung, sowohl für den Hin- wie Rückweg (in die privaten „Blasen“ der Lernenden wie in den gemeinsamen virtuellen Lernraum). Ausgangspunkt dieser Methode war folgendes Anliegen im Kollegialen Coaching: „Im Präsenzunterricht lege ich zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde Bildkarten mit verschiedenen Motiven (Landschaften, Lebenssituationen) auf einem Tisch aus. Die Schüler können die Bildkarten 141 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre anschauen, in die Hand nehmen und sollen sich dann eine aussuchen. Die ausgesuchte Karte wird dann mit an den Platz genommen, ggf. ein Foto auf dem Handy gemacht. Dann gibt es einen kreativen Schreibimpuls dazu. Da ich mit Biografiearbeit auch im virtuellen Kontext unterrichte, würde ich diese Idee gern auch mal dort ausprobieren. Meine Frage ist nun: Wie lässt sich das technisch realisieren?“ Neben der Frage nach der technischen Umsetzbarkeit berührt dieses Anliegen Bereiche, die das virtuelle Format grundsätzlich vom analogen Unterricht unterscheiden, die für Fächer mit einem starken biografischen Anteil aber wesentlich sind: die haptische Wahrnehmung wie die Mitnahme an einen eigenen Ort beispielhaft. Diese Aspekte sind bedeutend, weil sie die Verbindung zur Innenwelt erst herstellen. Denn ohne die Anknüpfung an die jeweilige innere Welt des Lernen- Abb. 25: Bildkartenarbeit 142 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre den wäre der Schreibimpuls wahrscheinlich wenig authentisch – und damit sowohl die Nachhaltigkeit des Lernens wie auch die Zielebene in Frage gestellt. Eine erste Herausforderung für den Lehrenden besteht in der Vorbereitung darin, sich auf die Abbildungen zu fokussieren, die am wichtigsten sein könnten. Dabei sollten Sie nicht durch die Bildmotive steuern, sondern trotzdem eine ausreichende inhaltliche Bandbreite berücksichtigen. Um den Lernenden genügend Zeit für ihre individuelle und intuitive Auswahl zu belassen, schlagen wir einen guten Mix aus asynchronem und synchronem Arbeiten vor. Beispielhaft könnten Sie die Bildkarten als PDF-Dokumente vorher schon zur Verfügung stellen (z. B. bei der Einladung zu Ihrem Unterricht in Moodle oder auf dem Online-Campus Ihrer Einrichtung). Achten Sie in diesem Fall auf eine gute Leitfrage bzw. einen klaren Arbeitsauftrag, z. B.: Entscheiden Sie sich ganz spontan für ein Motiv. Lassen Sie die Abbildung auf sich wirken. Halten Sie Ihre Assoziationen fest. Den Lernenden steht es ganz nach eigener Vorliebe frei, die (auf das ausgewählte Motiv ausgeschnittene) PDF zum Unterricht digital mitzubringen oder sich (z. B. bei direkten Notizen als Beginn des – wie oben gefordert – Schreibimpulses) als Ausdruck (in diesem Fall sollte die entsprechende Technik, z. B. eine Dokumentenkamera, vorhanden sein). Auch im Personal Coaching sind Bildkarten ein wichtiges Tool. Im virtuellen Coaching (z. B. über die Plattform CAI, die von einem der Autoren genutzt wird) sind voreingestellte Motive hinterlegt, die archetypisch klassische Muster ansprechen. Im Kollegialen Coaching raten wir, gern zusätzliche eigene Motive sowie Motive der Klienten einzubauen. Dieser subjektbezogene Ansatz ist analog zur Orientierung an den Belangen der Lernenden. So können Sie sich als Lehrende im Laufe weniger Jahre eine reiche Sammlung an Bildkarten anlegen. 143 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Verwenden Sie nicht mehr als vier Abbildungen in einer PDF. Achten Sie auf grafische Vielfalt (auf jeder einzelnen PDF). Binden Sie alle Dokumente am besten zusammen (z. B. mit dem kostenfreien Tool https://smallpdf.com/de/pdfs-zusammenfuegen). So kann die Datei beim Runterscrollen spontane Wirkungen erzielen. • Sparen Sie bei der Bezeichnung der Abbildungen mit Text. Nur so können die Bilder intuitiv wirken. • Erwägen Sie in Ihrer Unterrichtsplanung, ob und inwieweit die Lernenden die Bildkarten bearbeiten sollen. Berücksichtigen Sie dabei, dass die technischen Möglichkeiten andere Dynamiken zulassen. 144 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 6: Brainstorming Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, moderiert durch den Lehrenden. Was? Assoziationen zu einem neuen Thema, aber auch Inhalte zur Ergebnissicherung. Wo? Im Plenum oder in GA. Wozu? Um gedanklich, emotional und sozial zu aktivieren, um das geteilte Vorwissen der Lernenden aktiv einzubinden, um neue Assoziationsketten entstehen zu lassen. Wie? Durch gezielte Anmoderation, bestenfalls mit einem geeigneten Input. Das Brainstorming ist uns in dieser Sammlung deshalb wichtig, weil es im virtuellen Raum auf besondere Weise mit den Elementen Aktivierung und Visualisierung verbunden ist. „Brainen“, um eine Aufgabenstellung zu Abb. 26: Brainstorming 145 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre „stormen“, setzt den Fluss der Gedanken voraus. Einmal mehr wird deutlich, dass Ihre Lernenden die individuelle „Blase“ bereits verlassen haben müssen, gleichzeitig aber von dieser her Erfahrungswerte einbringen sollen. Mit dem Brainstorming können Sie die Lerngruppe aktivieren, gleichzeitig funktioniert diese Methode nicht ohne Aktivierung. Das bedeutet – mehr als im analogen Raum –, dass alle Lernenden technisch und mental erst einmal „da“ sein müssen, bevor Sie mit der Methode beginnen. Das inhaltliche Brainstormen ersetzt deshalb nicht das räumliche und mentale Ankommen! Im systemisch-lösungsorientierten Coaching würde das „Brainen“ allein keine nachhaltigen Musterzustandsänderungen bewirken, sondern nur verbunden mit somatischer Arbeit. Diese Erfahrung lässt sich auf den – auch virtuellen – Unterricht übertragen. Nutzen Sie Methoden wie „Augengymnastik“ (vgl. S. 138), „Designer Yoga“ (vgl. S. 152) oder „Körperreise“ (vgl. S. 205), um ein ganzheitliches Brainstorming zu erzielen. Umsetzungstipps: • Diese Methode kann gut mit der Input-Technik (vgl. S. 193) verbunden werden. Ergebnisse im Plenum oder in der GA können visualisiert werden (vgl. Methode „Visualisierung“, S. 298), um dem kollektiven „Gedankenfluss“ eine Form zu geben. • Achten Sie beim Brainstorming im Plenum darauf, dass möglichst alle Lernenden sich einbringen und auch die Beiträge aller verschriftlicht werden. Das stärkt das Gruppengefüge im virtuellen Raum. 146 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 7: Crossword Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Inhalte aus der letzten oder aktuellen Lerneinheit. Wo? Im virtuellen Gruppenraum. Wozu? Zur Aktivierung, Wiederholung, zur Ergebnissicherung. Wie? Im offenen Plenum oder (je nach Lerngruppe) durch gezielte Ansprache. Abb. 27: Crosswording 147 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Mit dieser Methode können Sie auf mehreren Ebenen gleichzeitig wirkungsvoll arbeiten: Sie aktivieren die Lerngruppe, wiederholen Lerninhalte, fokussieren die Lernenden auf zentrale Kernbegriffe und stiften über die Visualisierung zum gehirngerechten Lernen an. Über mehrere kostenfreie Tools (z. B. https://www.xwords-generator.de/de) können Sie ein Kreuzworträtsel mit Ihren eigenen Begriffen selbst generieren. Übertragen Sie dieses dann entsprechend in das von Ihrer Einrichtung genutzte Lernformat. Sie können dabei die Fragen auf einmal für die Lernenden sichtbar halten oder eine gewisse Spannung aufbauen, indem sie peu à peu eingeblendet werden. Dasselbe gilt für die Lenkung durch Sie. Bei heterogenen Gruppen ist es ggf. sinnvoll stärker zu steuern, damit die „Langsameren“ nicht demotiviert werden. Umsetzungstipps: • Aus dieser Methode lässt sich leicht ein interaktives Spiel entwickeln. Auch wäre es möglich, das Crosswording in arbeitsteiliger GA mit Wettbewerbscharakter (und dann natürlich auch Preisen bzw. Prämien) zu bearbeiten. • Greifen Sie Begriffe, die im Plenum zusätzlich fallen, als Anlass auf, das Crossword schülerzentriert weiterzuschreiben. Das erhöht nicht nur die Ergebnissicherung in Ihrer Lerngruppe, sondern motiviert Ihre Lernenden stark. 148 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 8: Brainwriting Pool Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, angeleitet vom Lehrenden. Was? Ideen zu einer aktivierenden Frage. Wo? Im virtuellen Klassenraum und/oder einer Kollaborationsplattform. Wozu? Um möglichst viele Ideen aus der Gruppe zu generieren. Wie? Über das Anknüpfen an bestehende Ideen. Diese Kreativitätsmethode ist für eine virtuelle Umsetzung besonders geeignet: Sie zeichnet sich in der Präsenzvariante bereits dadurch aus, dass sie durch die stumme Ausführung die in diesem Fall hinderlichen Sozialprozesse umgeht. So können sich auch introvertierte und stille Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleichwertig in die Ideenfindung einbringen. Durch die stumme Ausführung ist diese Methode für die virtuelle Umsetzung prädestiniert. Sie benötigen dazu entweder die Whiteboard-Funktion des virtuellen Klassenzimmers oder eine externe Kollaborationsplattform (z. B. conceptboard.com, prezi. com, etc.). Bewährt hat sich z. B. auch GoogleDoc (docs.google.com), 149 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre hier können ebenfalls alle durch Sie autorisierten Teilnehmer synchron mitwirken. Das Konzept der Methode besteht darin, dass zu einer aktivierenden Fragestellung möglichst viele Ideen gesammelt werden. Dies soll ohne Reden geschehen, sondern schriftlich. Auf (digitalen) Zetteln werden im „Pool“ (in der Präsenzvariante in der Mitte des Tisches) die Ideen gesammelt. Das Entscheidende ist, dass jeder Teilnehmer die Ideen im Pool aufgreifen und seine eigenen Ideen basierend auf der im Pool beschriebenen Idee erweitern, vervollständigen und differenzieren kann. All das geschieht stumm. Geben Sie immer eine feste Zeitvorgabe für die Runden vor: So kann es in der ersten Runde mit 10 Minuten darum gehen, dass jeder möglichst viele Ideen im Pool sammelt. In der zweiten Runde mit 10 Minuten geht es dann um das Weiterschreiben von Ideen anderer. Beide Runden brauchen eine Zeitbegrenzung, um die nötige „Dramatik“ zu erzeugen. Wenn Sie nach diesen beiden Runden viele Ideen produziert haben, eignet sich die „Sechs Hüte Methode“ (vgl. S. 259), um diese Vielzahl von Ideen zu diskutieren. Abb. 28: Brainwriting 150 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Betonen Sie die wichtigste Regel: Es geht hier um Quantität, nicht um die Qualität der Ideen. Es ist alles erlaubt und es gibt keine „schlechten“ Ideen: Damit ist es geboten, möglichst viele Ideen zu produzieren und/oder die Ideen anderer weiter zu entwickeln. Untersagt ist, Ideen zu kritisieren und zu diskutieren. • Ermutigen Sie konkret auch zu visuellen Beiträgen über die Texte hinaus. Das können Skizzen sein, Bilder und/oder multimediale Inhalte über Hyperlinks. Diese Multimodalitäten und Multimedialität schöpfen die Möglichkeiten im virtuellen Unterricht erst wirklich aus. • Vergessen Sie nicht, dass gerade das Sammeln von Ideen eine intellektuell wie emotional höchst fordernde Tätigkeit ist. Achten Sie deshalb auf eine gute zeitliche Dramaturgie sowie ausreichend Erholungspausen. 151 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 9: Designer Yoga Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Beteiligten. Was? Gemeinsame körperliche Einstimmung. Wo? 1–2 Meter Abstand zum Computer, etwa stehend (… so lang das Kabel reicht). Wozu? Aktivierung, Gruppengefühl erzeugen, Entspannung. Wie? Angeleitete Gymnastik, die die Teilnehmer nachmachen. Abb. 29: Designer Yoga 152 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Ebenso wie in der „Augengymnastik“ (vgl. S. 138) beschrieben, ist die Arbeit sowie das Lernen wie Lehren vor dem Computer körperlich sehr fordernd. Gerade die starre Haltung und die damit einhergehenden Muskelverkrampfungen sind oft der Grund für Kopfschmerzen. In einer Eingangsphase einer Online-Einheit hat es sich bewährt, 5–7 Minuten für eine gemeinsame Gymnastik zu reservieren. Das ist vermutlich die deutlichste körperliche Aktivierung und stärkt von Anfang an die personale Kompetenz als ganzheitliche Selbstwahrnehmung im virtuellen Raum sowie das Gruppengefühl. Dabei leiten Sie durch Vormachen Ihre Teilnehmer dazu an, zunächst mit symmetrischen Bewegungen den Nacken und den Hinterkopf zu massieren. Insbesondere die Schläfen sowie das Gesicht selbst werden dabei durchblutet. Kommentieren Sie gern, was Sie vormachen und nennen Sie immer wieder Gründe und Ziele dieser Übung. Gerade in den Kopfdrehungen und der Lockerung der Schultermuskulatur liegt ein geradezu emotionales Potenzial – wenn sich die Verspannungen lösen, greifen Sie diese Erfahrung gern auf. Dieses „Vorturnen“ wird Ihnen gerade am Anfang viel Überwindung kosten. Aber es lohnt sich und hinterlässt durch die Ritualisierung eine tiefe Verbundenheit mit diesen Online-Einheiten, da sich psychologisch der körperliche Eindruck mit den Eindrücken aus dem Unterricht verbindet. Varianten dieser Gymnastik (etwa die „Augengymnastik“, vgl. S. 138) helfen Ihnen auch dabei, längere Online-Einheiten dramaturgisch zu gliedern, indem Sie körperlich aktive Pausen einbauen. Mit ein wenig Übung werden Sie vielleicht auch feststellen, dass Ihre Lernenden diese Phasen regelrecht anfragen bzw. gar einfordern. 153 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Den meisten Teilnehmern ist es anfangs unangenehm, sich bei der Gymnastik zuschauen zu lassen. Bieten Sie daher an, für die Zeit der Gymnastik die Kameras (außer Ihre eigene) auszuschalten. • Die verbalen Anleitungen während der Übungen helfen Ihnen, den Eindruck einer laienhaft ausgeführten Sportgymnastik (daher die Benennung „Designer Yoga“) zu verhindern, indem Sie stets über die Metaebene die körperliche Bedingtheit der intellektuellen Arbeit und des Lernens betonen. • Eventuell wird in einer Gruppe auch irgendwann ein Hobbysportler und/oder eine therapeutisch vorgebildete Teilnehmerin oder Teilnehmer sein. Mit einem kleinen Vorgespräch können Sie diese Einheit dann auch gern weitergeben – Sie werden dabei viele neue Übungen lernen. 154 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 10: Dokumentenkamera – „good old Tafelbild“ Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Sie, als Lehrender. Was? Beliebige Lerninhalte und auch Gegenstände. Wo? An Ihrem „Sendeplatz“. Wozu? Synchronisierung von verbalem und visuellem Modus. Wie? Durch Zeigen (und nicht nur durch Sagen). Sie kennen die „Tafelbilder“ auch aus der eigenen Gymnasialzeit: Dieses synergetische, organische Gefügtsein von frei gehaltenem Vortrag und den schnellen Strichen weißer Kreide auf der grünen Tafel: So wurden z. B. im Fach Geschichte die politischen Zusammenhänge verquickt mit Episoden aus der Kunstgeschichte, Zitaten und Alltagsschilderungen. Folgende beispielhafte Erinnerung zeigt, wie einprägsam diese gelungene Mischung aus Pädagogik, Leidenschaft und Technik sein kann: „Es schien, als würde sich in den schnellen Schritten zwischen Tafel und den Tischreihen die Dramatik der europäischen Geschichte wie- 155 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre derholen – so packend war dieses Hin und Her zwischen den schnellen Schemazeichnungen an der Tafel und den dort hastig notierten Jahreszahlen, um mit gezielten Blicken tief in die Augen der Zuhörer die Auswirkungen dieser Geschehnisse deutlich zu machen. Und immer war diese grüne Tafel so etwas wie ein Fels in der Brandung der Weltgeschichte, um die wesentlichen Eckpunkte erinnerbar zu machen. Und mit Sicherheit war dieses Tafelbild ohne die leibhaftige Präsenz des Vortragenden im Nachhinein so kryptisch wie eine Abiturvorbereitung in Ethik für einen Fünftklässler.“ Dieses Plädoyer für das Tafelbild soll in einem Methodenbuch zum virtuellen Unterrichten dazu dienen, dieses über unzählige Generationen gewachsene Medium in eine digitale Zukunft zu tragen. Denn jeder Lehrende hat ein Erfahrungswissen im Umgang mit diesem spontanen und zutiefst intuitiven Medium. Deshalb wirkt diese Technik und Methode auch im virtuellen Raum. Abb. 30: Dokumentenkamera 156 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die methodische Stärke spielt das Tafelbild – wie eingangs umschrieben – in der Synchronizität von verbalem Vortrag und visueller Repräsentation aus. Diese Funktion hat ein reiches dramaturgisches Potenzial, das insbesondere in der Entschleunigung liegt. Denn ebenso wie es ein Zuwenig an Unterrichtszeit gibt, ist das Risiko eines Zuviels an Information das ungleich größere Risiko des Frontalvortrages oder auch nur eines Lehrendenimpulses. Die in den meisten Videokonferenzplattformen integrierte Whiteboard-Funktion ist unserer Erfahrung nach bei den meisten Nutzern unbeliebt – es sei denn, Sie haben einige Übung auf einem Touchscreen und arbeiten als Mausersatz mit einem Zeichenstift. In unseren virtuellen Schulungen empfehlen wir zur Weiterführung der Lehrerfahrung an der Tafel eine Dokumentenkamera: Diese ist im Kostenbereich von 80–150 € (z. B. ipevo.com o. ä.) zu haben und ermöglicht ein intuitives, synchrones Begleitbild zu Ihrem verbalen Vortrag. Bewahren Sie die Vorzüge eines synchronen Tafelbildes zu einem Online-Vortrag auch für die Zuhörer der digitalen Generation: Die bewährte methodische Technik, möglichst viele sinnliche Modalitäten – in diesem Fall verbale Sprache und visueller Text oder ein Bild – um Lernen gehirngerecht auszurichten. Kollegen berichten, dass die Eingewöhnungszeit bei dieser Technik gering ist, da sie auf Erfahrungswissen an der „grünen Tafel“ oder am – heutzutage üblicher – analogen Whiteboard aufbauen können. Umsetzungstipps: • Arbeiten Sie mit möglichst dickem Folienschreiber, mit Fineliner oder Kugelschreiber ist das in der meist gering aufgelösten Bildübertragung schlecht zu lesen. 157 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre • Nummerieren Sie die Tafelbilder und archivieren Sie diese für Ihre Unterrichtsakte, indem Sie diese scannen oder mit dem Smartphone abfotografieren. • In Lehrvideos (vgl. Methode „Flipped classroom“, S. 173) können Sie diese Technik auch sehr wirkungsvoll anwenden. • Für Fortgeschrittene eignen sich kostengünstige oder kostenfreie Softwarelösungen (z. B. ManyCam.com o. ä.), mit denen zwei Videoquellen – die Webcam und die Dokumentenkamera – in eine virtuelle Webcam integriert werden. Auf diese Weise können Sie im Onlineunterricht Ihre Dokumentenkamera zusammen mit Ihrem Bild zeigen und/oder auf relativ einfache und schnelle Weise überzeugende Lehrvideos produzieren. • Es liegt nahe, auch Schaubilder aus Lehrbüchern, Gegenstände und/oder experimentelle Präsentationen mit der Dokumentenkamera zu zeigen. Experimentieren Sie (unter Einhaltung des Urheberschutzes) und überraschen Sie sich und Ihre Zuhörerinnen und Zuhörer! • Bild statt Text: Dass „Visual Thinking“ beim Verstehen unterstützend wirkt, steht außer Frage. An alle Einsteiger, die wegen vermeintlichen zeichnerischen Defiziten das Tafelbild scheuen, daher der Hinweis: Durch die gleichzeitige Kommentierung per Ton muss die Zeichnung nicht „schön“ sein, um ihre Wirkung zu erzielen. Als Ermutigung haben wir in diesem zweiten Methodenteil bewusst „selbst gemachte“ Illustrationen verwendet, um dazu zu ermutigen! Für weitere Impulse empfehlen wir als Lesetipp: „Durch die Decke denken“ (Erbeldinger/Ramge/ Spiekermann, 2013). 158 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 11: Dropbox Feedback Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Digital verfasste Übungen. Wo? In der (Schul-)Cloud. Wozu? Inhaltliches und soziales Feedback gegen die Isolationsempfindung. Wie? Durch gegenseitiges Feedbacken. In der Reihe der Methoden ist die synchrone Unterrichtssituation, die online und live umgesetzt wird, im Zentrum der Betrachtung. Jedoch sollte in der Unterrichtskonzeption die Makroebene als dramaturgische Komposition immer mitbetrachtet werden und damit auch die Makroebene als kommunikativ zu füllende Zwischenzeit. Hier setzen wir Methoden wie diese ein: Es geht darum, den Lernenden als Gruppe das immer wieder auftretende Gefühl von Isolation im Fernunterricht zu nehmen und kommunikative Angebote zu machen. Diese können schwerlich lehrendenzentriert gestaltet sein – vielmehr geht es darum, die Lernenden 159 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre untereinander zur Kommunikation anzuregen. Im Verlauf eines Unterrichts entstehen viele Werke, die gezwungenermaßen digital „abgegeben“ werden. Ungeachtet der existierenden Datenschutzprobleme geschieht dies in der Realität über Dienste wie die Dropbox – oder die schuleigene Cloud verfügt über ähnliche Kommentarfunktionen: Instruieren Sie die Lernenden in Form einer regulären „Hausaufgabe“ ein Peerto-Peer Feedback zu den Arbeiten in der Dropbox zu geben. Dies ist für Feedbackgeber und Feedbacknehmer gleichermaßen einfach und erzeugt eine ungeahnte Wertschätzung für die eigene Arbeit in der Cloud. Dies wiederum motiviert für den nächsten Upload. Umsetzungstipps: • Wiederholen Sie die Regeln für gutes Feedback ausführlich, da dies ohne soziale Kontrolle einer Live-Situation geschehen wird. Insbesondere das „Sandwichen“ (vgl. Methode „Fünf-Finger- Feedback“, S. 170) hat sich bewährt. • Gehen Sie mit einem erklärenden Beispiel voran und feedbacken Sie selbst die Arbeiten. Im Verlauf des Unterrichts wird sich dies verselbstständigen. Abb. 31: Dropbox Feedback 160 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 12: Eben noch in der Pause … Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Beteiligten. Was? Ein niederschwelliges Spiel. Wo? Vor dem Bildschirm, nach der Rückkehr aus der Pause. Wozu? Um zu aktivieren, um ein Gruppengefühl zu erzeugen. Wie? Durch einen ganz einfachen Wettbewerb. Abb. 32: Eben noch in der Pause … 161 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Bilder der Webcams sind für das Gruppengefühl ein zentraler Faktor – in der Logik der Gruppenpsychologie sind nur die Teilnehmer wirklich „da“, die auch sichtbar sind. Die Lerngruppe, die sich aus dem regulären Präsenzbetrieb kennt, muss nach der Pause aus ihren privaten „Blasen“ wieder zurück in die halböffentliche Situation des Online-Unterrichts zurückfinden. Dabei ist es für Sie unklar, in welche mentalen Muster eine kurze Pause die Teilnehmer zurückfallen lässt. Denn anders als in jedem analogen Raum, „geht“ hier jeder „für sich allein“. Daher sind die ersten Minuten nach der Pause eine entscheidende Zeit, in der die Gruppe wieder zusammenfindet. Kündigen Sie daher vor der Pause an, dass Sie nach der Pause die Tätigkeiten in der Pause thematisieren wollen. Leiten Sie diesen Moment ein, indem Sie der ersten aktivierten Webcam bzw. dem ersten Teilnehmer eine Goldmedaille verleihen. Das Gleiche tun Sie mit der Silber- und der Bronzemedaille. So kann sich daraus im Verlauf ein Art Pausenspiel und Pausenritual ergeben. So richten Sie auf eine spielerische Art eine positive Aufmerksamkeit auf das notwendige Wiederanschalten der Kamera nach der Pause. Umsetzungstipps: • Auch alle sonstigen Tätigkeiten während der Pause können Thema für diesen Moment nach der Pause sein: Wer hat was gegessen/getrunken? Hat jemand seinen Hund oder Katze gestreichelt? All das können Themen sein, um den Übergang von der privaten „Blase“ in die gemeinsame „Unterrichtsblase“ zu erleichtern. • Eine fortgeschrittene Version ist die aktive Pause: Entlassen Sie die Teilnehmer mit einem ganz niederschwelligen Arbeitsauftrag und verlängern Sie dafür die Pause um einige Minuten. Dieses Einbinden (und kritisch betrachtet: das Besetzen) der Pause setzt ein gewisses Vertrauen und Routine voraus, ist aber eine gute Vorbereitung für eine virtuelle Partner-, Gruppen- und Projektarbeit. 162 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 13: Einstimmungsfilm Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Beteiligten. Was? Eine Einstimmung über eine Imagination. Wo? In den 5 Minuten vor dem Termin. Wozu? Um mental den Raum zu wechseln. Wie? Durch einen Film und/oder eine Geräuschkulisse. Diese Idee zur Unterrichtseröffnung entstand nicht etwa in der Grundschule, sondern in der Erwachsenenbildung. Denkbar simpel ging es um den Übergang aus dem privaten und familiären Kontext in den Rahmen unserer methodisch-didaktischen Schulungen für Lehrende. Alle daran Beteiligten – uns Veranstalter mit eingeschlossen – haben die Herausforderung diesen Wechsel zu vollziehen. Was auf der technischen Sachebene kein größeres Problem darstellt, ist aber nichts Geringeres als die Überwindung dessen, was im Theorieteil als Raum- und Zeitschranke thematisiert wurde. 163 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Der Einstimmungsfilm stellt dabei eine Art Zwischenstation da, über die Imagination in diesen symbolischen Raum des Unterrichts zu wechseln: Ein Film mit einem positiven konnotierten Motiv (konkret entsprechend der Jahreszeit ein knisterndes Kaminfeuer oder eine Aufnahme einer Blumenwiese mit zwitschernden Vögeln im Hintergrund) bietet den Einstieg für ein kurzes Verweilen in der Vorstellung, vor eben jenem knisternden Kaminfeuer oder auf der blühenden Wiese zu sitzen. Allein diese positive Fantasie, wohl wissend, dass es eine Fantasie ist – schließlich sitzen alle vor dem heimischen Computer – hilft beim Wechsel vom „realen“ in den symbolischen Raum. Denn Töne und Bilder haben einen unbewussten Wiedererkennungswert aus dem „normalen“ Leben. Gleichzeitig weiß der „Kopf “, dass es sich um Animationen handelt. Das erleichtert ein angenehmes Eintauchen in den virtuellen Raum. Abb. 33: Einstimmungsfilm 164 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Das Thematisieren dieses Wechsels auf der Metaebene und die Feststellung, dass in diesem symbolischen Raum niemand ein „Heimspiel“ hat, verhilft zu einer gemeinsamen kommunikativen Basis. • Es muss nicht immer ein Film sein: Sehr wirkungsvoll ist auch eine Geräuschkulisse, die Sie jedoch dann anmoderieren müssen, damit die „Reise“ tatsächlich beginnt. • Variieren Sie diese Motive, um eine jeweils neue Fantasie als Einstieg in die Arbeitsatmosphäre zu verwenden. Ein Musiker in unserem Schulungsteam beginnt seine virtuellen Vorlesungen beispielsweise mit eigener Musik. Diese läuft, während sich die Teilnehmer einwählen und den Audioassistenten durchlaufen lassen. Erst, wenn die stimmungsvolle Musik abebbt, erscheint der Veranstalter. Interessant war, dass dieses Anfangsritual bald auch zum Ausstieg eingefordert wurde. 165 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 14: Expertengruppe Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Eine mittelgroße Gruppe von 10–15 Teilnehmern. Bei mehr Beteiligten ist es besser zwei getrennte Runden zu bilden, damit alle Experten zu Wort kommen. Was? Eine Anwendung der Gruppenintelligenz und Gruppenkompetenz. Wo? In zwei getrennten virtuellen Arbeitsgruppen. Wozu? Um auf Augenhöhe eine reale Herausforderung in der Gruppe zu lösen. Wie? Durch eine regelbasierte Moderation. Eine besondere virtuelle Kompetenzerfahrung ist es, wenn die Gruppe sich auf Augenhöhe helfen kann. Diese Methode eignet sich daher für gut eingespielte Gruppen, bei denen ein grundsätzlich gutes Vertrauensverhältnis gegeben ist. Die Abgrenzung zur Methode „Gruppenpuzzle“ (vgl. S. 178) ist, dass die Expertengruppe ein eng abgegrenztes Anliegen einer Einzelperson in inhaltlicher Tiefe bearbeitet. Daher eignet sich diese Methode insbesondere für Anliegen aus dem psychosozialen Kontext. Erläutern Sie die Grundidee, dass die Gruppe als solche eine Intelligenz mit- 166 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre bringt und deshalb das Zentrum dieser Methode ist. Im psychosozialen Kontext sind die Rollen des Klienten und Fachexperten bekannt. Dieses Rollenwissen kann als Rollenkompetenz eingesetzt werden. Suchen Sie eine freiwillige Person als „Klienten“, die ein möglichst geläufiges Anliegen zur Verfügung stellt. Das sollte eine Problemstellung sein, die der Gruppe grundsätzlich bekannt ist, etwa der Umgang mit Lernsituationen. Als Positivbeispiel: Prädestiniert wäre die Isolationserfahrung während der „Homeschooling“-Phase. Als Negativbeispiel: Eine seit Jahren diagnostizierte mittelschwere Depression. Denn wichtig bei der Frage ist, dass sie auf einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund abzielt. Das ist die Voraussetzung, dass die Beratungskonstellation systemisch funktionieren kann. Betten Sie daher die Methode in einen Unterricht ein, in dem Herausforderungen in alltäglicher Dimension eine Rolle spielen, beispielhaft in Berufsschulen der Alten- und Krankenpflege. In den ersten Minuten hat der Klient Gelegenheit, das Anliegen darzustellen. Die Gruppe hat die Aufgabe, dieser Schilderung aufmerksam zuzuhören. Denn in der nächsten Runde geht es darum, klären- Abb. 34: Expertengruppe 167 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre de Rückfragen zu stellen. Wichtig ist in dieser Runde, als Moderator darauf zu achten, dass noch nicht beraten, diskutiert oder bewertet wird. Unterbinden Sie daher solche Gesprächssituationen. Beenden Sie die Runde, wenn die Rückfragen abgeebbt sind. Nun folgt die „Klausursitzung“ der Experten: Der Klient darf nun den Raum verlassen – etwa sich ausloggen und eine Runde YouTube schauen. Nun hat das Expertengremium die Aufgabe, Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Dabei geht es insbesondere darum, die eigentliche Problematik heraus zu arbeiten, die der Klient aus systemischen Gründen nicht sehen kann oder will. Nach einer vorgegebenen Zeit für die Besprechung soll sich das Expertengremium auf eine Reihe von Lösungsvorschlägen einigen. Daher interessieren Wirkungszusammenhänge, die für den Betroffenen nicht sichtbar sind. Moderieren Sie die Expertenrunde entsprechend auf diese Zusammenhänge, ohne auf diese explizit hinzuweisen – meist entstehen die Perspektiven auf verdrängte oder tabuisierte Verhaltensmuster von alleine. Sobald die Expertengruppe eine Liste an Lösungsvorschlägen erarbeitet hat, bitten Sie den Klienten wieder in den Raum. Der vorher bestimmte Gruppensprecher hat nun die Aufgabe, das in der Expertengruppe Erarbeitete vorzustellen. Er referiert die Lösungsvorschläge. Natürlich können dabei anschließend auch Rückfragen gestellt werden, wobei eine echte Erörterung und Diskussion der unterbreiteten Vorschläge nicht angedacht ist. Der Klient kann sich abschlie- ßend äußern, was ihn angesprochen hat und welche Lösungsvorschläge er sich zur Erarbeitung konkreter Maßnahmen vorstellen kann. 168 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Machen Sie deutlich, dass es nicht um eine fachliche Beratung im therapeutischen Sinn geht, sondern um die Erfahrung der Gruppenintelligenz. • Stellen Sie klar, dass eigene Hypothesen der „Experten“ nach Möglichkeit vermieden werden sollen. Schreiten Sie auch unbedingt ein, wo Sie den Eindruck haben, dass eigene Beispiele auf den vom „Klienten“ geschilderten Fall projiziert werden. Ebenso, dass allein der „Klient“ bewerten kann, welche Lösung ihm geeignet erscheint. • Sprechen Sie auch die Verschwiegenheitspflicht an: Alles, was in dieser Methode besprochen wird, soll nicht weitergetragen werden – appellieren Sie an die Solidarität und das gegenseitige Vertrauen. Drücken Sie Ihre Wertschätzung dafür aus, dass es in Ihrer Lerngruppe aufgrund der Einhaltung dieser Grundlagen möglich ist. 169 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 15: Fünf-Finger-Feedback Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Lernenden. Was? Eine Rückmeldung mit Einsatz der (echten/physischen) Hand. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Um Feedback einzuholen. Wie? Durch Verbindung von Symbol- und Verbalsprache. Abb. 35: Fünf-Finger-Feedback 170 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Hand als Medium kam bisher schon öfter vor. Sie erkennen daran unser Bemühen, den hybriden Unterrichtsraum mit digitalen wie analogen Elementen gleichermaßen zu füllen. Es ist ein großer Unterschied in der wechselseitigen Wahrnehmung, ob sich Menschen nur mit Gesicht und maximal einem Teil des Oberkörpers zu erkennen geben oder ob „noch mehr“ sichtbar wird. Dieses „Mehr“ aus der individuellen „Blase“ ist hier kein Gegenstand, sondern ein Teil des eigenen Körpers. Vielleicht wollen Sie Ihrer Lerngruppe als erstes Feedback geben? In diesem Fall ist die Bedeutung der einzelnen Finger leicht und anschaulich erklärt, ohne dass es dazu einer Visualisierung bedarf: Die Bedeutung des Daumens versteht sich heutzutage von selbst: Super war … Der Ringfinger bedeutet: Daran solltest Du festhalten, das kam klasse rüber. Mittelfinger: Verbesserungswürdig erscheint mir … Zeigefinger: Ich finde, darauf solltest du achtgeben … Und schließlich der kleine Finger: Aus meiner Sicht kam zu kurz … Die Methode, einmal eingeführt, bekommt schnell einen selbstverständlichen Einsatz. Auch Ihre Lernenden werden nach den nächsten Präsentationen sicher schon wie von selbst die Hände heben. In diesem Fall müssen Sie lediglich die Reihenfolge der Finger steuern. Die Methode bewirkt, unabhängig von ihrem praktischen Nutzen, wie von selbst die Verbindung von individueller und „Gruppenblase“. Umsetzungstipps: • Achten Sie, wie bei jeder Rückmeldung, auf die grundlegenden Feedback-Regeln: Die Rückmeldung Ihrer Lernenden sollte in jedem Fall wertschätzend und konstruktiv sein. Führen Sie dies modellhaft vor und erklären Sie, weshalb es einen Unterschied 171 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre macht, eine Ich-Botschaft zu setzen oder eine objektive Beurteilung. Reaktionen auf das Feedback sollten – außer bei Regelbruch oder dringendem Bedarf – unterbleiben, um nicht unter Rechtfertigungsdruck zu geraten. • Beginnen Sie mit dem Daumen, gehen Sie zum Ringfinger über und leiten Sie dann zu den kritischeren Teilen des Feedbacks über. Je nach dem Alter Ihrer Lernenden könnte die Verwendung des Mittelfingers für einige Lacher sorgen. Sehen Sie es gelassen – durch die Methode bekommt dieser ja eine kreative Funktion zugeschrieben. 172 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 16: Flipped Classroom Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lehrenden als Ersteller von Videobotschaften und Lehrfilmen. Was? Selbst produzierte Videos von 10–15 Minuten Länge. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Um die Zeit in den Präsenzphasen aktiv zu nutzen. Wie? Durch einen auf den Verlauf des Unterrichts eingehenden thematischen Anschluss – gern auch mit einer persönlichen und individuellen Ansprache. Das methodische Konzept ist so einfach wie revolutionär: Die wertvollen Zeiten der Präsenz (in diesem Fall ist es unerheblich, ob diese virtuell oder „real“ sind) von den Theoriereferaten der Lehrenden zu entlasten. Daher werden die thematischen Inputs auf Video aufgezeichnet und den Lernenden vor der Präsenzzeit zur Verfügung gestellt. Damit wird das Prinzip des Klassenzimmers auf zweifache Art und Weise „umgedreht“: Einerseits kann jeder Lernende in der eigenen Geschwindigkeit und so oft wie nötig die vorgesehene Theorie vorbereiten – sozusagen 173 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre selbstgesteuert binnendiffenziert (mit Ihren weitergehenden Erklärungen im anschließenden Online-Unterricht) lernen. Andererseits kann diese frei werdende Zeit nun für die weitere Vertiefung, Übungen und Diskussionen genutzt werden. Mit diesen methodischen Prinzipien und Wirkungen stellt der „Flipped Classroom“ unserer Auffassung nach einen der klügsten Kompromisse traditioneller Vermittlungsformen mit digitalen Anreicherungen dar. Aus der Perspektive der Lehrenden ist die Methode auch deswegen attraktiv, da Sie sich durch die Videoaufnahme – nach einer natürlichen Phase des Befremdens, sich selbst dozierend auf Video zu erleben – auf die Optimierung des Erklärens, Argumentieren und Beweisens konzentrieren können. Ihre Kompetenz des Erklärens kann durch dieses Videofeedback einen deutlichen Schub erhalten. Für die ersten Schritte mit dieser Methode gilt vor allem: Kein Perfektionismus! Machen Sie es auf der Videoaufnahme so, wie Sie es im klassischen Unterricht auch machen. Seien Sie daher sehr sparsam mit nachträglichen Schnitten oder endlosen Wiederholungen. Zunächst einmal, weil dies unverhältnismäßig viel Zeit bindet, aber vor allem, um die Lebendigkeit des Vortrags und Ihres individuellen Redestils Abb. 36: Flipped Classroom 174 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre zu erhalten. Schließlich sprechen Sie zu Ihnen bekannten Menschen – Ihre Lernenden kennen Sie und schätzen Ihre Authentizität. Umsetzungstipps: • Beginnen Sie klein: Arbeiten Sie mit den „Bordmitteln“ Ihres Computers, mit der Software, die das System zur Verfügung stellt – meist wird mit der Webcam eine einfache Software mitgeliefert, mit der schon kleine Mitschnitte möglich sind. • Komprimieren Sie die entstandene Aufnahme (10–15 Minuten haben sich in unseren Erprobungen als optimale Länge herausgestellt) mit einem ebenfalls kostenfreien Komprimierungsprogramm (z. B. Handbrake) und stellen Sie diesen Film per Downloadlink über eine (Schul-)Cloud zur Verfügung. • Nach bereits wenigen Fällen werden Sie eine gute Übung und hoffentlich auch Spaß mit dieser Methode haben: Der nächste Schritt ist nun, die verbalen Erklärungen mit der Dokumentenkamera (vgl. S. 155) zu kombinieren. Allein diese Multimodalität zwischen verbalem Vortrag, visueller Darstellung über die Dokumentenkamera und Mimik/Gestik ermöglicht – das bitten wir zu beachten! – eine sehr dichte Informationsübermittlung. • Der wichtigste methodische Hinweis zum Schluss: Machen Sie das Vorbereiten über den Film zur Pflicht. Wiederholen Sie den Inhalt nicht im eigentlichen Unterricht! Das hört sich drastisch an, verhindert aber, dass diese Methode als „nice to have“ und freiwilliger Zusatz wahrgenommen wird. Vertrauen Sie darauf, dass der zweite oder spätestens dritte Film angeschaut wird – das wird er, Lernende sind neugierig. Und Sie können auch über diese Methode einiges tun, dass sie es bleiben. 175 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 17: Geoquiz Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Lernenden. Was? Smalltalk in der Unterrichtseinstiegsphase oder nach der Pause. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Um eine authentische Unterrichtssituation (wieder) herzustellen. Wie? Durch das Betonen von gemeinsamen Herausforderungen dieses Wechsels. In der Liste unserer Methoden rangiert die folgende in der Dimension einer Unterrichtsidee. Sie stützt das gemeinsame Bewusstsein, dass alle Teilnehmer in einer gemeinsamen virtuellen Situation, aber gleichzeitig eben in ihren eigenen „Blasen“ sitzen. In der Einstiegsphase eines Präsenzunterrichts würden Sie vermutlich das Gemeinsame betonen und so eine Ausgangsbasis für den Unterricht schaffen. Im dezentralen Unterricht ist es im umgekehrten Fall die jeweils spezifische Situation, aus der jeder Teilnehmer – Sie eingeschlossen – zugeschaltet ist. 176 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Betonen Sie daher diese Unterschiedlichkeiten explizit, indem Sie im Smalltalk vor dem Unterricht die jeweiligen Orte und Situationen herausstellen. Das kann das obligatorische Wettergeschehen vor Ort sein, ein besonders typisches Essen vor oder nach dem Unterricht oder Eigenschaften der Sprachmelodie. Natürlich ist dies in bundesweit verteilten Lerngruppen spannender als in lokal zusammengestellten Gruppen. Aber auch hier stärkt das Betonen des „Lokalkolorits“ das Gefühl der Verbundenheit – und sei es lediglich die Feststellung, dass alle am Unterricht Beteiligen noch vor einer Viertelstunde am Frühstückstisch saßen. Umsetzungstipps: • Machen Sie wiederholt deutlich, dass vermeintlich triviale Manöver wie ein solcher Smalltalk eine didaktische Funktion haben: Nämlich den Wechsel von der „Blase“ des Privaten und des Familienlebens in die halböffentliche „Blase“ des Fernunterrichts. • Wertschätzen Sie im Laufe des Unterrichts jedes einzelne Webcambild. Fangen Sie deshalb bei Ihrem eigenen an, indem Sie etwa ein Detail (etwa der berühmte Wäscheständer im Hintergrund) beiläufig erwähnen. Auch das stärkt das Bewusstsein von temporär verbundenen Privaträumen. Abb. 37: Geoquiz 177 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 18: Gruppenarbeit und Gruppenpuzzle Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x (GA) / x (GP) Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Lernenden. Was? Eine klassische Sozialform (GA), erweitert um eine anspruchsvolle Form (GPuzzle). Wo? In Gruppenräumen. Wozu? Um Erkenntnisse einzelner Gruppen in die Breite zu geben. Um die Verantwortung für das Lernergebnis in die Verantwortung aller zu geben. Um von Gruppendynamik und Struktur gleichermaßen zu profitieren. Wie? Durch eine sehr gute Einführung der Methode am Bildschirm oder der „Asynchronen Videokonferenz“ (vgl. S. 130). Die Gruppenarbeit soll als Methodenklassiker – genau genommen, wie oben ausgeführt, als Sozialform des Lernens – ihren Platz in dieser Auflistung erhalten. Denn genau genommen ist sie die erste – und damit aus dem Präsenzunterricht erfolgreich übernommene – Methode, die ihren Platz in virtuellen Lernformaten gefunden hat! Diesen Platz bewerten wir als obligatorisch, weil mit der Gruppenarbeit der wichtige Schritt über die Passivität und Lehrendenzentrierung hin- 178 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre ausgenommen wird. Anders als im Plenumsgespräch geben Sie Ihre Verantwortung ab, nicht nur an die Lernenden, sondern auch in andere Räume hinein. Dies ist bereits ein großer Unterschied zum klassischen Unterrichten – es sei denn, Sie arbeiten bereits in Schul(art) en, in denen verschiedene synchrone Lernateliers die Regel sind. Im Methodenmix des virtuellen Raumes sollte die Gruppenarbeit daher einen festen Platz haben: als nichts Besonderes, aber etwas Selbstverständliches und Regelmäßiges. Ihren Platz im Repertoire des Unterrichts hat die Gruppenarbeit bekanntermaßen deswegen, weil die rezeptiv wahrgenommenen Unterrichtsinhalte in den aktiven Modus der Bearbeitung in den Gruppen transferiert wird. In diesen Unterrichtsphasen wird das Gehörte in eine soziale und emotionale Station eingebettet und kann so auf meh- Abb. 38: Gruppenarbeit 179 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre reren Ebenen erinnert werden. Gruppenarbeit ist damit nicht nur soziales und handlungsorientiertes Unterrichtsgeschehen, sondern nimmt vor allem auch die konstruktivistische Pädagogik und Didaktik ernst. Dieser methodische Zusammenhang ist mit dem identischen Wirkungsmechanismus auch in der virtuellen Vermittlung der Fall und sollte aus demselben Grund ein Standardelement – so eine Forderung in unseren Schulungen – eines jeden Unterrichts sein. Gerade in der Erarbeitung von Lernmaterialien im „Homeschooling“ ist die Diskussion von „Hausaufgaben“ in kleinen Gruppen des virtuellen Unterrichts eine sinnvolle Form des Feedbacks auf Augenhöhe – das so genannte „Peer to Peer“-Feedback. Umsetzungstipps für die Gruppenarbeit: • Durch die technisch bedingte Zäsur zwischen Plenum und Arbeitsgruppen vergessen die Lernenden einen verbal mitgegebenen Arbeitsauftrag. Verschriftlichen Sie diesen deshalb immer so, dass er auch mit in die Gruppenräume genommen werden kann. Im gleichen Zug sollten Sie die Zeitvorgabe definieren sowie die Art und Weise der Ergebnissicherung. • Bleiben Sie präsent: Stehen Sie bei Rückfragen zur Verfügung und gehen Sie zum Beginn der Gruppenarbeit durch alle Teams mit der Frage, ob der Arbeitsauftrag klar ist und ob technisch alles zur Verfügung steht (Whiteboard, Schreibrechte, etc.). • Sprechen Sie bei der ersten Gruppenarbeit die technische Umsetzung der Ergebnissicherung und die Darstellung im Plenum durch. Erfahrungsgemäß stellt es die Gruppen am Anfang vor große Herausforderungen. • Sichern Sie sich einen beidseitigen Kommunikationsweg zu allen Gruppenräumen. Sie sollten jederzeit rufbereit sein. Kommunizieren Sie auch zeitliche Hinweise (etwa die Frage, ob das ange- 180 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre setzte Zeitfenster ausreicht), vor allem aber kündigen Sie das Ende der Gruppenarbeiten vorher nochmal eigens an. • Gruppenarbeiten sind für alle Beteiligten eine Frage der Übung. Beginnen Sie daher auf den unteren Stufen der Taxonomie, etwa mit einem „Brainstorming“ (vgl. S. 145). Erst später können Sie Erörterungen, Diskussionen und Analysen realistisch als Arbeitsauftrag geben. Von der Pflicht zur Kür Das Gruppenpuzzle stellt für so manchen Junglehrer bereits im Präsenzunterricht eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Neben dem didaktischen Anspruch besteht in der virtuellen Umsetzung eine nicht geringe Herausforderung in den technischen Mög- Abb. 39: Gruppenpuzzle 181 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre lichkeiten. Mit etwas Originalität lassen sich aber auch in weniger anwenderfreundlichen Plattformen kreative Lösungen finden. Prinzipiell unterscheidet man im Gruppenpuzzle zwischen Stammund Expertengruppen. Am besten lässt es sich an einem konkreten Beispiel darlegen: • Nehmen wir an, Ihre Lerngruppe besteht aus 15 Personen. Teilen Sie diese in 5 gleich große Stammgruppen á 3 Lernende auf. • Differenzieren Sie zuvor in Ihrer Unterrichtsplanung das Thema in – ebenfalls – 3 Unterthemen. • In der Stammgruppe ist jeder Lernende für ein Unterthema zuständig. • Alle Lernenden merken sich, mit wem sie in der Stammgruppe sind. • Dann finden sich alle Lernenden zu Expertengruppen zusammen, die dasselbe Thema bearbeiten. • In diesem Beispiel sind das also: 5 Stammgruppen und 3 Expertengruppen. In jeder Expertengruppe sind somit 5 Lernende vertreten. • Nach der Besprechung der Unterthemen rein unter Experten geht jeder in seine erste Gruppe zurück, die Stammgruppe. • Hier finden sich nun 3 Stammgruppen mit je 3 Experten zusammen. So bearbeiten 5 Gruppen dasselbe Thema. Die Ergebnisse lassen sich gut vergleichen. Die methodische Herausforderung besteht, wie angedeutet, in der technischen Umsetzung. Es braucht etliche Räume, was in den meisten Lernplattformen aber kein Problem darstellen dürfte. Was oben zur Präsenz des Lehrenden gesagt wurde, trifft hier in erhöhtem Maße zu. Ebenso verhält es sich mit der Steuerung des Prozesses. Demgegen- 182 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre über steht aber eine Gruppendynamik und -organisation, die kaum übertroffen werden kann. Umsetzungstipps für das Gruppenpuzzle: • Bereiten Sie diese Methode gründlich vor. Beim ersten Mal ist ein Storyboard mit den wichtigsten Schritten und einem zeitlichen Raster kaum zu vermeiden. • Die Dynamik der Methode entsteht dadurch, dass „plötzlich“ jeweils immer nur eine Person allein als Experte für das jeweilige Unterthema verantwortlich ist. Machen Sie das den Lernenden vorher deutlich, am besten über eine Animation des Ablaufs. • Achten Sie bei Ihrer inhaltlichen Planung darauf, dass die Unterthemen einen guten Bezug zueinander aufweisen. Sonst müssen Sie beim Zurück in die Stammgruppen gut nachsteuern. • Wir sind der Überzeugung, dass eine Dreiergruppe für Gruppenarbeiten die ideale Größe darstellt. Diese Erfahrung hat sich in virtuellen Gruppenprozessen bestätigt. 183 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 19: Haustiere, Jogginghosen und Mitbewohner Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Lernenden. Was? Eine situative Unterrichtssituation aufgreifen. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Um die Stimmung zu moderieren. Wie? Möglichst spontan! Abb. 40: Haustiere, Jogginghosen und Mitbewohner 184 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Virtueller Unterricht findet nicht auf neutralem Boden statt. Er ist ein halböffentlicher Raum, in den Sie einerseits einladen und andererseits eindringen. An dieser „Blasenhaftigkeit“ kann man einige bildungstheoretische Evidenzen herausarbeiten, was wir im Methodenteil jedoch nicht weiterverfolgen wollen. Eine Teilnehmerin in der Dozentenschulung formulierte dieses Phänomen so: „Ich finde es ganz interessant, dass ich mit Leuten, mit denen ich teilweise schon Jahre arbeite, nun ganz neue Aspekte kennen lerne. Allein, dass bei einem Kollegen eine Gitarre an der Wand hängt, finde ich sehr spannend – plötzlich lerne ich meine Kollegen ganz neu kennen.“ Wichtig sind die Sensibilität und das Bewusstsein für eine Öffnung eines privaten und familiären Rahmens. Ein behutsames Einladen kann dabei ein Thematisieren der jeweiligen Hintergründe der Teilnehmer sein – implizit nehmen sich die Teilnehmer ohnehin im Kontext ihrer Zimmereinrichtungen wahr. Binden Sie diese Wahrnehmung systematisch in die Unterrichtsgespräche ein: Indem Sie bewusst dazu aufrufen, die Gegenstände „sprechen“ zu lassen (vgl. Methode „Sprechende Gegenstände“, S. 274) oder fordern Sie die Teilnehmer bewusst auf, sich gezielt über ihre Zimmereinrichtung miteinander auszutauschen (etwa in Partnerteams oder im „Speed Talking“, vgl. S. 271). Finden Sie weitere wertschätzende, niederschwellige und zeitlich nicht allzu ausufernde Wege, die Gruppe über ihre Privaträume zusammen zu führen. 185 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Einen hohen emotionalen Wert haben stets Haustiere. Gerade Katzen vor Webcams sind immer eine positive Unterrichtsunterbrechung. Hier ist ihre Rollenkompetenz gefragt, eine natürliche Zärtlichkeit in die Stimme zu legen, ohne aus der Rolle zu fallen. • Anders verhält es sich mit Mitbewohnern, die privat gekleidet (in Einzelfällen auch unbekleidet …) im Bild sind. Hier ist Ihr Taktgefühl gefragt, eine solche Störung aufzugreifen und/oder geschickt durch eine Ablenkung zu überspielen. Denn den Betroffenen selbst ist die Störung meist unangenehm. • Sie selbst sind ebenfalls (zumindest „untenrum“) privater gekleidet, als wenn Sie klassisch zur Schule gehen würden. Streuen Sie dies ab und zu ein und machen Sie klar, dass auch Sie diesen Rollenwechsel vollziehen. Das erzeugt einige Lacher und kann ggf. ein guter Übergang zum nächsten Thema sein. 186 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 20: Hybrides Lerncamp Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Lernenden. Was? Ein Gegenmodell zur rein virtuellen Lehre. Wo? In der „realen“ Welt und (wenn die Hygienevorschriften es verlangen) als Zuschaltung. Wozu? Um die Lernmotivation zu halten. Wie? Als „Lernevent“. Abb. 41: Hybrides Lerncamp 187 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Auf dem Buchrücken sprechen wir „Skeptiker“ wie auch „Visionäre“ an. Das Folgende ist weit mehr als eine Methode. Es ist ein Lernkonzept, das vermutlich in den allermeisten Schulen in die Kategorie „Vision“ fallen würde. Umso mehr, da die Corona-bedingten Hygienevorschriften einen wechselnden Rahmen für dieses Konzept darstellen. Die Kernidee ist, dass ein minimales Präsenzgeschehen genügt, um das soziale Lernen zu unterstützen. So findet beispielhaft in einem grundständigen Bachelorstudiengang zweimal pro Jahr ein Wochenende statt, an dem die Lernenden zu „realen“, physischen Workshops zusammenkommen. Dieses Lerncamp ist im Lehrplan integriert und greift die dort vorgesehene Lehrplanung auf. Aus der praktischen Perspektive ist der Präsenzteil weniger für die tatsächliche inhaltliche Erarbeitung gedacht, sondern widmet sich vielmehr der sozialen und emotionalen Aneignung der Unterrichtsgegenstände. In der Auswertung dieses bereits langjährig stattfindenden Lernevents wurde deutlich, dass ein wirksames soziales Lernen keine regelmäßigen, realen Sozialkontakte benötigt, sondern, dass ein minimaler Zeitraum bereits ausreicht, um virtuelle Lernbeziehungen zu stiften bzw. zu vertiefen. Uns ist durchaus bewusst, wie unromantisch das klingt. Es hat sich in unseren Forschungen jedoch als evident erwiesen. Zumindest für die gymnasiale Oberstufe sowie die berufliche Mittel- und Oberstufe erscheint es uns ebenfalls zukunftsweisend, über dieses Konzept nachzudenken. 188 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Visionäre solcher Formate müssen argumentativ auf das soziale Lernen in virtuellen Lernräumen verweisen. Das ist wichtig, um die „Eventisierungen“ von Schule und verwandten Bildungseinrichtungen zu entkräften. • Unterschätzen Sie nicht die Wirkung von Namensschildern: Die Individualisierung über Namensschilder hat eine große Wirkung, persönlich eingeladen zu sein und nicht in einer anonymen Masse unterzugehen. Das ist eine entscheidende Schlüsselerfahrung in der Teambildung von Lerngruppen. Was im Präsenzunterricht zu jeder Zeit und in jedem Kurs viel schwieriger von Lehrenden zu leisten ist, bietet im virtuellen Raum bereits die technische Zuweisung des Namens. Genießen Sie diesen Effekt als Entlastung. 189 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 21: Imaginationsübung Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle Lernenden. Was? Eine ganzheitliche Methode, die auch im Virtuellen gut möglich ist. Wo? Im Plenum, gern bei ausgeschalteter Kamera. Wozu? Um die Raum-Zeit-Schranke zu durchbrechen. Wie? Durch Sie anmoderiert und angeleitet. Es gibt Menschen, die sich unabhängig von ihrem aktuellen Aufenthaltsort in Tagträumen an andere Orte begeben können. Diese Mischung aus Intuition und Kreativität steckt in uns und wird (leider) im Laufe des Erwachsenwerdens in aller Regel abgelegt. Zu „träumen“ ist keine Leistung – so zumindest das kolportierte Mindset des Agrar- und Industriezeitalters – und somit auch umgangssprachlich bis heute verpönt. 190 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Gönnen Sie sich und Ihren Lernenden Zeit und Raum für das „Tagträumen“, indem Sie sich geistig und mental in ihre Vorstellung versenken. Sie können dabei über Methoden wie „Körperreise“ (vgl. S. 205), „Designer Yoga“ (vgl. S. 152) oder den „Einstimmungsfilm“ (vgl. S. 163) anleiten. Bei der letztgenannten Methode geben Sie quasi das „imago“ (lat.: Bild) vor. Bei einer Entspannungsübung ganz aus der Stille heraus werden – mit ein wenig Übung – bei Ihren Lernenden je eigene Bilder auftauchen. Führen Sie Ihre Teilnehmer so, dass sie das (positiv konnotierte, also: leichte, helle, schöne) Bild, das sich am deutlichsten zu erkennen gibt, in ihrer Vorstellung (und bei ruhig fließendem Atem) immer klarer erkennen können. Es zeigt sich das, was unter der Oberfläche des Vorbewussten schlummert. Hierzu braucht es Stille und einen persönlichen Raum. Die Kameras für diese Zeit auszuschalten (wenn sie, wie wir es empfehlen, ansonsten selbstverständlich an sind), wird so zu einem ritualisierten Privileg. Abb. 42: Imaginationsübung 191 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Für diese Übung benötigen Sie selbst einen persönlichen Zugang zu meditativen Techniken oder Entspannungsübungen. • Ebenso wie die Hinführung gestaltet sich die Rückführung. Lassen Sie die Kameras (auch Ihre eigene, mit der Sie führen) dazu noch eine Weile aus. Überlegen Sie sich gut, ob Sie die persönlichen Bilder besprechen oder im Intimen der Einzelnen belassen wollen – das ist abhängig von Ihrer Lerngruppe. • Meditative Techniken im virtuellen Raum sind Gegenstand unserer Schulungen und Kollegialen Coachings. Gern können Sie sich dazu bei Bedarf anmelden. 192 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 22: Input-Technik Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Sie als Lehrender. Was? Ein kurzer, vorher durchdachter Impuls, der alle Aufmerksamkeit auf Ihr Thema lenkt. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Um die Gruppe zu aktivieren, um geistige Präsenz für den Inhalt zu schaffen. Wie? Durch einen durchdachten Lehrenden-Impuls. Abb. 43: Input-Technik 193 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Als Lehrende sind Sie auch Animateur. Methoden wie diese setzen daher die Reflexion Ihrer Rollen voraus. Besonders, wenn Sie das erste Mal vor einer Klasse, einem Kurs oder einer Lerngruppe stehen, werden Sie „gescannt“. Das verhält sich im analogen Unterrichtsraum ähnlich wie im virtuellen – nur, dass Sie hier Ihre Präsenz noch stärker betonen müssen, weil Sie in aller Regel nur mit Kopf und Torso „auftreten“. Vordergründige Beachtung erhält dabei aber nicht das, was Sie sagen, sondern wie Sie es sagen. Sie setzen in jedem Fall Signale – und unabhängig von der Qualität auch wirkungsvolle. Nutzen Sie diesen Effekt daher für den Einstieg in Ihren Unterricht. Die Lernforschung hat herausgefunden, dass ein guter Input für den weiteren Verlauf Ihres Unterrichts, für die Motivation Ihrer Lernenden und für die Ergebnissicherung entscheidend ist (vgl. Kap. „Das digitale Klassenzimmer“, Empfehlung 3, S. 95). An dieser Stelle wird bewusst der betriebswirtschaftlich angehauchte Begriff der Effizienz verwendet, weil Lernen immer zielorientiert ist bzw. sein sollte. „Input“ bedeutet daher kein „Trichtern“, im Sinne einer mechanistischen Didaktik, sondern ein „Aufschließen“ und „Erwärmen“ für die Materie. Von „Technik“ wird an dieser Stelle gesprochen, weil dazu alle Möglichkeiten genutzt werden können, die der virtuelle Raum und das digitale Zeitalter bieten. Umsetzungstipps: • Der technisch unterlegte Input tritt an Ihre Stelle. Er ist kein verkürzter Lehrervortrag. Das setzt Zurückhaltung voraus und ein „gutes Händchen“ für den rechten Zeitpunkt. • Lassen Sie den Input wirken. Achten Sie auf die Entfaltung dieser Wirkung. Greifen Sie nicht zu schnell ein bzw. ergreifen Sie nicht übereilt das Wort. Stille im virtuellen Raum besitzt eine eigene Qualität und einen großen Feedbackwert. 194 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre • Ein guter Input ist „dicht“. Er berührt möglichst viele Ebenen der Wahrnehmung und „sitzt“ regelrecht. Da er sich von der weiteren Entfaltung des „Stoffes“ abgrenzt, darf er überzeichnet sein. Haben Sie Mut zur Ironie. – Wer sie versteht, geht auch weiter inhaltlich mit. 195 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 23: Kamerafahrten Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Sie als Lehrender. Was? Eine konzeptionelle und technische Optimierung des Webcambildes. Wo? An Ihrem Sendeplatz. Wozu? Um Ihre Präsenz zu differenzieren. Wie? Durch eine weitere Kamera. Mit dieser Methode ist keine spezifische und in sich geschlossene Technik gemeint. Der Grundgedanke ist die Feststellung, dass Bild und Ton die einzigen Medien sind, über die Sie virtuell direkt wirken können. Ist beim Ton eine schlichte technische Optimierung notwendig (ein gutes Mikrofon, das Sie zusammen mit dem Feedback der Klasse vor jeder Stunde neu einstellen), ist die Arbeit mit der Kamera mit einfachen filmischen Prinzipien zu optimieren. 196 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Dazu gehört zunächst einmal das Licht – hier gilt: je mehr und je heller, desto besser. Wir empfehlen kein zu „warmes“ Licht zu verwenden. Einfache Studiobeleuchtung hat sich als sehr geeignet für den virtuellen Unterricht herausgestellt. Spätestens, wenn Sie selbst vom Licht geblendet werden, ist es aber zu viel. Der nächste Punkt ist die „Bildkomposition“: „Setzen“ Sie sich bewusst „in die Szene“ hinein, indem Sie Mimik und Gestik zeigen, wo sie angemessen ist: Zeigen Sie groß Ihr Gesicht, an dem viele Informationen „zwischen den Zeilen“ ablesbar sind, zeigen Sie die Hände, die den Körper beim Sprechen auch virtuell erlebbar machen und gelegentlich auch die Totale, wenn es Ihnen auf die Situation im Raum ankommt. Wir haben uns angewöhnt, ganz oder phasenweise auch im virtuellen Unterricht vom Stehpult aus zu unterrichten. Allein dies hat eine ganz andere Wirkung. Probieren Sie es gern auch einmal aus. Schauen Sie dazu bewusst eine Talkshow, wie dort mit Nahaufnahme, Halbtotale und Totale umgegangen wird. Auch Sie können diese Effekte gezielt für Ihren guten Unterricht nutzen. Abb. 44: Kamerafahrten 197 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Experimentieren Sie mit mehreren Kameras. Die eingebaute Webcam eines Notebooks hat immer nur eine Einstellung. Eine zweite Kamera (vgl. Methode „Dokumentenkamera“, S. 155), die über USB angeschlossen wird, erweitert die technischen und szenischen Möglichkeiten. • Über die (kostenpflichtige, ca. 20 €) Software ManyCam.com ist es möglich, die Kamera Ihres Smartphones als mobile und kabellose Kamera im Raum zu verwenden. Das ermöglicht einige Übung, Experimente oder gar Sportstunden, wird sich aber lohnen. 198 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 24: Key Question Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Eine Leitfrage zum Thema. Wo? Im Plenum zur Einführung, in Gruppenräumen zur GA. Wozu? Um stringent inhaltlich und zugleich schülerzentriert zu führen. Um eine authentische und lebensnahe Durchdringungstiefe des Unterrichtsthemas zu bewirken. Wie? Indem durch eine Leitfrage die Aufgabenstellung schülerbezogen und durch selbstständige Zusammenarbeit der Lernenden konkretisiert wird. Coaching unterscheidet sich von Beratung dahingehend, dass dem Klienten die Antwort selbst zugetraut wird. Aufgrund einer aktuellen Belastungs- oder Überforderungssituation ist ihm der Zugang dazu lediglich verwehrt. Aber der Respekt vor seiner eigenen systemischen Wahr- Abb. 45: Key Question 199 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre heit verbietet es, Ratschläge von außen zu erteilen – beruhen sie stets auf eigenen Erfahrungshorizonten (mögen sie auch noch so groß sein). Diesen humanistischen und asketischen Ansatz erachten wir auch für Schule wichtig. Er unterstützt die Erziehung zur Selbstständigkeit und Demokratiefähigkeit. Bezogen auf den Unterricht bedeutet er, dass Lernende nicht einfach Methodenvorschläge übernehmen, sondern ausgehend von einer eigenen Leitfrage selbst entwickeln. Diese Methode eignet sich für kleinere Partner- und Gruppenarbeiten und für umfangreichere Projekte (vgl. Methode Projekte virtuell, S. 241). Sie basiert auf unserer schlichten Entdeckung, dass Lernende auch bei noch so genauen Formulierungen eines (Unter-)Themas ihre Ergebnisse oft weit unter oder über dem Erwartungshorizont abliefern. Dieses Phänomen hängt mit dem Fundus an zusätzlichem Material zusammen, auf das man beim Googeln schnell stößt. Dieser Suchprozess ist aber dann der entscheidende Moment für eine inhaltliche Konkretisierung – und nicht das Interesse des Lernenden – und damit auch eine gewisse Zufälligkeit (oder Manipulierbarkeit über diverse Sucheinstellungen). Diese neuen Möglichkeiten der Digitalisierung sind an sich nicht schlecht, jedoch müssen sie von Ihnen als Lehrendem gesteuert werden. Nach der Auswahl eines Themas und der Bildung in Unterthemen bekommt jede Gruppe als erstes – und noch ohne Blick in das Internet – den Auftrag, eine Leitfrage zu formulieren. Grundsatz: Es muss eine offene Frage sein, darf also nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Beispiel: Nicht „Hat die vierte Gewalt in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen?“, sondern: „Inwiefern hat die vierte Gewalt …“. Die Lernenden werden schnell merken, dass es schwieriger ist, sich auf eine solche Leitfrage festzulegen. Doch diese Arbeit zahlt sich – was sie während des Projektes und vor allem am Ende selbst merken werden – aus. Der Arbeitsumfang wird für sie klarer und leichter zu umreißen. 200 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Lassen Sie jede Gruppe vor Antritt der GA eine Grobgliederung erstellen. Auf dieser können auch bereits die verschiedenen Arbeiten/Gliederungspunkte aufgeteilt sein. Im Gegensatz zur Leitfrage kann sich diese Gliederung mit der weiteren Recherche verändern – lassen Sie sich dazu aber immer rufen und stimmen Sie diese Veränderungen mit den Lernenden ab. • Bewerten Sie das Ergebnis danach, wie gut die Leitfrage beantwortet worden ist. Machen Sie dieses Prinzip vorab präsent. Wenn von Anfang an klar ist, wonach Sie bewerten, haben Ihre Lernenden eine maximale Transparenz und Motivation. 201 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 25: Klassenzimmer-Deko Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Sie als Lehrender. Was? Eine individuelle Einstellung des virtuellen Klassenzimmers. Wo? In der Konferenzsoftware. Wozu? Um Muster zu durchbrechen. Wie? Durch Anpassung der Konferenzsoftware. Die Bezeichnung dieser Methode ist programmatisch gemeint, denn ein dekorativer Selbstzweck hätte keinen didaktischen Mehrwert. Versetzen Sie sich gedanklich in ein Klassenzimmer einer Grundschule und vergleichen Sie dieses mit einem Klassenzimmer der Oberstufe: Es sind die regelmäßig erneuerten Details aus dem aktuellen Unterricht, der die Grundschule lebendig und „wohnlich“ macht. Wer als Lehrperson oder Coach schon einmal erlebt hat, wie positiv die Atmosphäre in einer Gruppe mit einem einfachen Film eines knisternden Kaminfeuers oder einer Blumenwiese im Frühlingswind (vgl. Methode „Einstiegsfilm“, S. 163) positiv zu beeinflussen ist, wird diese Ebene der Unterrichtsgestaltung zu schätzen wissen. 202 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Halten Sie daher neugierig und kritisch nach Möglichkeiten im virtuellen Raum Ausschau, welche Techniken der „Deko“ es gibt, um eine lernförderliche Atmosphäre zu schaffen. Die Anpassung an Ihre jeweilige Unterrichtsthematik, die darin stattfindenden methodischen Formate und natürlich auch die Berücksichtigung der Charaktere in Ihrer Lerngruppe sind dafür weitere Gesichtspunkte. Umsetzungstipps: • Allein der Einsatz unterschiedlicher Hintergrundbilder (einstellbar z. B. in „Adobe Connect“ unter „Meeting > Voreinstellungen“) bewirkt diesen „Deko-Effekt“. Ihre persönliche Formateinstellung kann ebenso individuell wirken wie Ihr physischer Fachraum. Das setzt aber voraus, dass Sie den Raum vor Ihrem Unterricht auch voreinstellen. Der Vorteil ist, dass Sie sich nachher leichter darin bewegen, weil Sie „zu Hause“ sind. • Durch die Ritualisierung Ihrer „Klassenzimmer-Deko“ machen Sie automatisch Ihren virtuellen Raum zu einem „Heimspiel“ und bieten eine emotionale Verknüpfung zwischen dem virtuellen Klassenzimmer, Ihrem Unterricht, Ihrer Person und Ihrem Abb. 46: Klassenzimmer-Deko 203 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Kurs. Für den Fall, dass Sie denselben Raum für wechselnde Kurse benutzen, ist es möglich, Einstellungen mit Wiedererkennungswert vorzunehmen, die Sie sich auch abspeichern können. 204 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 26: Körperreise Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, individuell durch Sie als Lehrendem angeleitet. Was? Eine ganzheitliche Methode, die Sie mit Ihren Lernenden als Ritual einüben können. Wo? Am Bildschirm angeleitet, durchgeführt in der eigenen „Blase“. Wozu? Um ganzheitlich präsent zu sein/werden, Verspannungen zu spüren, den Körper als Medium ganz wahrzunehmen und in den Lernprozess aktiv einzubeziehen. Wie? Indem Sie selbst eine Beziehung zu Ihrem Körper/Leib und seinem „Gestimmtsein“ aufnehmen (können). Diese Übung baut auf ganzheitlichen Methoden wie der „Augengymnastik“ (vgl. S. 138) oder dem „Designer Yoga“ (vgl. S. 152) auf und erweitert diese um den ganzen Körper. Ressourcenorientiertes Coaching „funktioniert“ nur mit Körper-“Arbeit“, weil sich rationale Haltungen und emotionale Empfindungen auch im Körper „festschreiben“. Es ist auch in der digitalen Lern- und Arbeitswelt zuerst der Körper, der (beispielhaft, wenn die Sehnenscheiden sich im „Homeschooling“ melden oder Spannungskopfschmerzen nicht mehr nach- 205 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre lassen) auf Belastungen reagiert. Wie wir unter der Forderung „Spirituelle Kompetenz in digitalen Lern- und Arbeitswelten“ (in: Hanstein/ Lanig, 2020a) erarbeitet haben, muss gerade im virtuellen Raum der körperlichen Passivität entgegengewirkt werden. Dies nicht nur, um ganzheitliche Lernprozesse anregen und durchführen zu können, sondern auch und vor allem, um zu beherzigen, dass wir alle – und Heranwachsende noch aktiver – biopsychosoziale Wesen sind. Wichtig bei dieser Methode ist, dass Sie zum Aufstehen und zum Bewegen in der eigenen „Blase“ animieren. Wenn Sie noch nicht lange im virtuellen Raum unterwegs sind, wird Sie sicher beim ersten Wahrnehmen ein Phänomen überraschen: Irgendwann bemerken Sie, dass ein Teilnehmer sich „obenrum“ zwar schick gemacht hat, beim spontanen Aufstehen (zumeist um sich ein Getränk oder etwas Anderes zu holen) aber unbewusst und natürlich ungewollt offenbart, dass er „untenrum“ sehr privat bekleidet ist. Einem Autor dieses Buches Abb. 47: Körperreise 206 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre ist es in seinen ersten virtuellen Unterrichten mit jungen Erwachsenen passiert, dass hinter der Kamera einer Lernenden deren Freund splitternackt vorbeigelaufen ist. Der physische Raum der Lernenden war die Küche und hinter dieser ging es offensichtlich zum Bad. Diese Lernende war in diesem Moment „passive“ Teilnehmerin des Unterrichts, ihre Kamera aber war eingeschaltet und so offenbarte sie einen Einblick in ihr Privatleben, der ihr sicher selbst nicht recht gewesen wäre. Diese Episode kann verdeutlichen, dass es wichtig ist, immer mal wieder für den eigenen Raum zu sensibilisieren: für den Lernraum, die eigene „Blase“, aber auch für den Lernraum der eigenen Körperlichkeit bzw. Leiblichkeit. Im Grunde verläuft die Körperreise wie eine Meditation im analogen Raum. Sie können sich zur Vorbereitung einer reichhaltigen Literatur bedienen (z. B. in: Hanstein, 2016, S. 30–33) und zur Unterstützung mit den Autoren gern Kontakt aufnehmen. Wichtig ist, dass Sie es schaffen, die Teilnehmer in ihrer individuellen „Blase“ anzuregen, neue Erfahrungen mit sich selbst zu machen. Die Reise durch den Körper beginnt mit der Achtsamkeit für das Sitzen und für den Atem. Die Kameras sind ausgeschaltet, ebenso die Mikros der Lernenden. Sie können damit ebenfalls ganz bei sich sein und von Ihrem eigenen Durchgang durch den Körper die Körperreise anleiten. Stellen Sie zu Beginn klar, dass der Sitz so aufrecht und gleichzeitig so bequem sein sollte, dass man ihn ca. 20 Minuten beibehalten kann. Ebenso, dass Sie, wenn Sie in der Ich-Form reden, jeden einzeln meinen. Die erste Person sichert die nötige, wechselseitige Empathie. Und beginnen Sie mit dem Atem, zum Beispiel so: Nehmen Sie Ihren Atem wahr, achten Sie darauf, wo und wie es in Ihnen atmet. Es atmet in Ihnen. Nicht ich atme, es atmet in mir. Wenn ich von einmal atmen in der Sekunde ausgehe, atmet es 86.400 Mal am Tag in mir. Mein Atem fließt. Ich spüre die Ausdehnung … 207 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre gehe mit meiner Hand an diese Stelle. Lasse den Atem fließen, so wie er fließt. Ich ändere nichts, ich korrigiere nichts, ich bewerte nichts. Alles ist gut, wie es ist. Ich nehme nur wahr, nehme dankbar war. Mit jedem einzelnen Atem gelangt neue Energie in meinen Körper. Mit jedem Ausatmen lasse ich das heraus, was nicht zu mir gehört. So lasse ich Energien fließen … ein und aus …Und zwischen jedem einzelnen Zyklus von Ein und Aus … Aus und Ein nehme ich die Pause wahr. Da ist ein kurzer Moment der Stille, in dem sich die Lunge wie vorzubereiten scheint auf eine neue Runde des Ein und Aus … sie ruht … einen kleinen Moment nur, aber am Tag ebenfalls 86.400 Mal … Ich nehme dieses Bild wahr: Zwischen Ein und Aus … als wenn nichts passiert. Eine Metapher für mein Leben. Die Ruhe als Zwischenzeit. Mit diesem Bild wandere ich nun durch meinen Körper … Es bietet sich an, „mit“ dem Atem zu den Füßen zu „gehen“ und bei einem Fuß (Sprungfuß) zu beginnen. Der Atem kann mit Elementen der Progressiven Relaxation verbunden werden: Zehen werden beim Einatmen angezogen, während der Atempause gehalten und mit dem Ausatmen (langsam) entspannt. Die Übung wird 2–3 Mal wiederholt, im je eigenen Tempo. Bevor mit dem zweiten Fuß ebenso verfahren wird, wird der Fuß wahrgenommen und mit dem anderen – wieder ohne Bewertung – verglichen: Die Übung hat ihn wärmer und auch schwerer werden lassen, bzw. die Wahrnehmung spiegelt dies so wider. Ähnlich wird die Reise durch den ganzen Körper fortgesetzt. In der Regel endet sie am Kopf, mit Bereichen der Schulter, der Stirn und Augenpartie – ein sensibler Bereich, der mit der „Augengymnastik“ (vgl. S. 138) beispielhaft abgeschlossen werden kann. 208 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Diese Methode sollten Sie nur dann einsetzen, wenn Sie selbst einen persönlichen Zugang zu Formen der Meditation haben. • Das „Zurückholen“ Ihrer Teilnehmer ist ebenso wichtig wie das Hineinfinden. Lassen Sie Ihren Lernenden genügend Zeit. Leiten Sie zu gründlichen Entspannungen an. Scheuen Sie sich nicht, auch an dieser Stelle Ihre Bewegungen und auch Geräusche offen mitzuteilen. In der Regel stellt sich das „Gähnen und Strecken“ wie von selbst ein, lassen Sie es auch bei sich zu und animieren Sie Ihre Teilnehmer, den privaten Raum dafür zu nutzen. • Lassen Sie Ton und Kamera Ihrer Teilnehmer erst dann wieder zuschalten, wenn das Zurück bei allen vollzogen ist. Jetzt wird es viel Erfahrungen zum Austausch geben. Drängen Sie nicht, aber geben Sie Zeit und Raum, wo Erfahrungen ausgesprochen werden wollen. • Beenden Sie die Methode mit echter, wertschätzender Dankbarkeit. 209 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 27: Lerngang Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, als Moderator sollten Sie am Computer bleiben. Was? Im Prinzip ein traditioneller Lerngang, weg vom Computer. Wo? Im Arbeitsraum, in der Wohnung, im Umfeld. Wozu? Um die eingeschränkte Sinnlichkeit, vor dem Computer sitzend, zu bereichern. Wie? Indem Sie die Lernenden mit einer definierten Aufgabenstellung vom Computer „wegbringen“. Virtueller Unterricht geschieht notgedrungen vor dem Computer – und meist im Sitzen. Die körperliche Inaktivität bedingt zusätzlich zur sehr eingeschränkten Sinnlichkeit eine gedankliche Passivität. Die einfachste Möglichkeit ist demnach: Aufstehen, herumgehen und die Lerninhalte buchstäblich „in Bewegung“ bringen. Dieser Zusammenhang ist nicht neu, die griechische Antike kannte die Schule der „Peripatiker“, der – wörtlich – beim Reden und Denken „umher Schreitenden“. 210 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Überlegen Sie, welche Übungen gezwungenermaßen vor dem Bildschirm und an der Tastatur gemacht werden müssen und welche Übungen das Potenzial haben, dass die Lernenden den Schreibtisch verlassen, im Arbeitsraum umhergehen oder gar die Wohnung verlassen können. Dazu einige reale Beispiele von Kollegen: Der Unterricht „Freies Zeichnen“ findet in der Wohnung statt, indem die Lernenden räumliche und figürliche Zeichnungen in der Wohnung anfertigen. Dazu verlassen sie für einen definierten Zeitraum den Computer. In jedem Haushalt gibt es in irgendeiner Form eine Altpapiersammlung. Die Lernenden suchen dort für eine Collage (Collagen sind als Ideensammlung auch in nicht-künstlerischen Fächern interessant) Motive, die sie vor Ort auslegen. In wirtschaftswissenschaftlichen oder naturwissenschaftlichen Fächern werden theoretisch beschriebene Phänomene in einem halbstündigen Lerngang außerhalb der Wohnung (das war die verpflich- Abb. 48: Lerngang 211 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre tende Vorgabe dieser Aufgabenstellung) gesucht, mit dem Smartphone fotografiert und in einem anschließenden Plenum diskutiert. Der augenscheinliche Nachteil im Vergleich zum klassischen Lerngang ist, dass diese Form (physisch) allein vollzogen wird. Darin kann aber auch das Potenzial zur Fokussierung auf das Ziel liegen. Lassen Sie Ihre Schüler gern die heutigen Möglichkeiten der Vernetzung nutzen (insofern das datenschutzrechtlich konform ist). Auch wenn Sie z. B. nicht mit in der WhatsApp-Gruppe sein dürfen, steht es den Lernenden frei, sich derart zu verbinden und die anderen am Lerngang visuell und auditiv teilhaben zu lassen. Umsetzungstipps: • Beim ersten Mal wird die Lerngruppe mit dieser plötzlichen Freiheit evtl. schwer umgehen können. Beginnen Sie daher mit einfachen Sammelübungen und steigern Sie die Komplexität langsam in den kommenden Wiederholungen dieser Lerngänge. • Besprechen Sie vorher Ergebnistypen und Ergebnisumfang. Sobald die Lernenden auf eigene Faust unterwegs sind, sollte die Aufgabenstellung schriftlich präsent sein, damit die Aufgabe und das Ziel der Unternehmung nachgelesen werden kann – hier ist auch die Zeitstruktur sehr wichtig. • Bleiben Sie in jedem Fall für mögliche Nachfragen zu jeder Zeit erreichbar. 212 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 28: Lernzirkel Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lehrenden. Was? Material, das über mehrere Stationen ausgelegt ist. Wo? In Gruppenräumen. Wozu? Um der Heterogenität der Lerngruppe durch äußere und innere Differenzierung zu begegnen. Wie? Indem Sie als Lehrender die Materialien gut strukturiert und aufeinander bezogen vorbereiten und die Gruppenräume ebenso gut präparieren. Diese Methode setzt auf maximale Eigenverantwortung Ihrer Lernenden. Sie bearbeiten in einer frei gewählten Reihenfolge und Geschwindigkeit das Material über mehrere Stationen – deshalb auch „Stationenlernen“ genannt. Dazu benötigen die Lernenden vor- Abb. 49: Lernzirkel 213 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre ab einen guten Überblick über alle Stationen und Ihre Erwartung als Lehrendem. Sie können die Transparenz über Laufzettel schaffen, zwischen Pflicht- und Wahlthemen differenzieren oder Aufgaben auf verschiedenen Niveaustufen anbieten. Auf den ersten Blick erscheint der Lernzirkel für den virtuellen Raum ggf. ungewöhnlich. Doch gerade die damit einhergehenden Möglichkeiten machen diese Methode für das „Homeschooling“ attraktiv: Anstatt die Materialien an den einzelnen Stationen physisch auszulegen, können Sie mit den Ablagen in Ihrer Lernplattform, mit einer Cloud, Dropbox oder (im Bereich der Hochschullehre) einem Online- Campus arbeiten. Die Stationen können über verschiedene Unterordner symbolisch kategorisiert werden. Animationen oder digitale Zeitraffer sprechen die Lernenden zusätzlich positiv an. Am Ende des Lernzirkels sollten immer Musterlösungen stehen. Auch hier bietet die Technik Möglichkeiten, diese erst einsehbar zu machen, wenn alle anderen „Blätter“ bearbeitet worden sind. Der Vorteil dieser Methode besteht in der (Erziehung zur) Selbstständigkeit und in der Veränderung Ihrer Rolle: vom Lehrenden zum Begleitenden. Umsetzungstipps: • Beginnen Sie diese Methode nicht, bevor jeder Einzelne den Ablauf verstanden hat. Nutzen Sie Visualisierungen und vergewissern Sie sich durch gezielte Rückfragen. • Wichtig ist in der Separierung des virtuellen Raums, dass dennoch zu jeder Zeit das gesamte „Paket“ des Lernzirkels erkennbar bleibt. • Beachten Sie die aufwendige Vorbereitung eines Lernzirkels. Demgegenüber steht aber eine vielfache Wiederverwendbarkeit und eine Entlastung für Sie während der Erarbeitung. • Wie bei jeder schülerzentrierten Methode sollte auch der Lernzirkel (nicht nur inhaltlich) am Ende gut evaluiert werden. 214 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 29: Lexikonmethode Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden in PA oder GA. Was? Eine Kreativitätsmethode zum Generieren innovativer Lösungen. Wo? In virtuellen Arbeitsgruppen (die Lernenden benötigen eine gute Audioverbindung). Wozu? Um übliche Denkmuster zu verlassen und auf neue Lösungen zu kommen. Wie? Indem Sie die Lernenden mit einer assoziativen Kreativitätsmethode konfrontieren. Das menschliche Gehirn ist unschlagbar darin, gedankliche Verknüpfungen und Assoziationen zu bilden. Dies ist eine Fähigkeit, die instinktiv vorhanden ist. Lehrende in geisteswissenschaftlichen Fächern wissen, dass diese Fähigkeit im Laufe der Schulbildung reaktiviert und geübt werden muss. Bei jüngeren Schülern ist diese Fähigkeit zur Assoziation automatisch gegeben. 215 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Lexikonmethode macht sich diese Fähigkeit zunutze, indem ausgehend von einem zufällig ausgewählten Begriff eine gedankliche Verknüpfung gefunden werden muss. Daher stammt die Benennung dieser Methode: Man sucht mit einem kreisenden Zeigefinger über einem Lexikon zufällige Begriffe, die dann als Fixpunkte für den assoziativen Weg dienen. Die Aufgabe ist, mit diesen 3–5 zufällig ausgewählten Wörtern (mischen Sie Substantive, Verben und Adjektive) eine Geschichte zu erfinden, die halbwegs plausibel ist. Dazu können die Lernenden die Begriffe auf Post-Its schreiben oder die ausgeschnittenen Bilder vor sich auslegen. Beim Betrachten dieser Reizworte bzw. Reizbilder entstehen automatisch Geschichten. Analog kann das „Brainstorming“ (vgl. S. 145) in Partnerarbeit auf einer Kollaborationsplattform (z. B. conceptboard.com) geschehen. Hier dürfen die Lernenden „laut denken“ und so die Geschichte „spinnen“. Wichtig bei Einzel- wie Partnerarbeit ist, dass die Geschichte schriftlich fixiert wird. Abb. 50: Lexikonmethode 216 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Sinn und Zweck dieser Methode ist, über diesen Umweg von vermeintlich abstrusen Assoziationen auf Gedanken zu kommen, die in einem linearen Denkprozess durch unsere vorgeprägten Mindsets nicht entstehen würden. Aus diesem Grund ist auch ein gutes Vertrauensverhältnis nötig, damit die Beteiligten sich trauen zu „spinnen“. Umsetzungstipps: • Nicht nur Worte eignen sich zur Stimulation von Assoziationen, sondern vor allem auch Bilder – kombinieren Sie die Lexikonmethode mit einem „Lerngang“ (vgl. S. 210), z. B. zur Altpapiersammlung. • Stellen Sie von Anfang an klar, dass der Zweck der Methode das Generieren von neuen Ideen ist. Machen Sie klar, dass es hierbei erstmal um Geschwindigkeit und Quantität geht und die Bewertung und Sortierung erst später erfolgt. • Diese Methode ist v. a. als Partnerarbeit sinnvoll, alleine oder in größeren Gruppen funktioniert sie weniger gut. 217 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 30: Mind-Map Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden in GA, der Lehrende im LV oder Lehrender und Lernende im Plenum gemeinsam. Was? Die Inhalte Ihres Unterrichts, auf wesentliche Keywords reduziert. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Um Inhalt zu gliedern, zu strukturieren und gehirngerecht zusammenzufassen. Wie? Indem Sie vorstrukturieren. Die „Gedankenlandkarte“ ist seit vielen Jahren bekannt und auch den meisten Lernenden aller Schularten vertraut. Der Name Mind-Map geht auf den britischen Kreativitätstrainer Tony (Antony Peter) Buzan zurück. Er hatte erkannt, dass das assoziative und gleichzeitig kategorisierende Denken sich analog zur menschlichen Hirnstruktur in eine Visualisierung bringen lässt, die immer ein ähnliches Bild aufweist: Haupt- und Nebenäste. Insofern ist der Einsatz dieser Methode im Unterricht nicht neu. Das Neuartige im virtuellen Raum besteht darin, dass Sie gemeinsam mit Ihren Lernenden – ohne diese in aus- 218 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre gewählter Zahl „nach vorne holen“ zu müssen – Mind-Maps erstellen können. In der Regel müssen Sie ihnen nur die nötigen Rechte dazu (als Administratoren) zur Verfügung stellen, dann ergeben sich oft hoch kreative und hoch assoziative gemeinsame Darstellungen. Öffnen Sie die Möglichkeit erst einmal für die ganze Lerngruppe (oder einen ausgewählten Bereich), werden Sie über die Geschwindigkeit, in der Mind-Maps neu entstehen, verblüfft sein. Ähnlich verhält es sich mit Gruppenarbeiten, in denen Sie in der Regel „außen vor“ sind. Umsetzungstipps: • Eine Mind-Map „lebt“. Erstellen Sie – egal, in welcher der aufgeführten methodischen Varianten – live. Screenshots von zurückliegenden Ergebnissicherungen können für die Methode erwärmen, aber jede Mind-Map ist einzigartig. • Nutzen Sie die Möglichkeiten, die Ihnen die jeweilige Lernplattform bietet. Mit einem Whiteboard, in das alle (gewünschten) Lernenden gleichzeitig zeichnen können, lässt sich bereits gut Abb. 51: Mind-Map 219 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre arbeiten. Als Teilergebnis kann dieses zum Beispiel auch in einzelne Arbeitsgruppen weitergegeben werden. • Da die Methode schon älter ist, existieren bereits einige Softwarelösungen. Hier kann beispielhaft „Finga“ empfohlen werden (vgl. https://ebildungslabor.de/blog/flinga/). Sie könnten Sie aber z. B. auch mit Prezi (prezi.com, vgl. S. 59) arbeiten und dafür allen Lernenden einen Zugang erteilen. Allerdings erhöht das die Komplexität und setzt eine größere Übung (bei vielen Teilnehmern) voraus. 220 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 31: Mini-Sprints Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden in Kleingruppen mit 3–5 Personen. Was? Ein klar definiertes Ergebnis in einem ebenso definierten Zeitraum. Wo? An einem beliebigen Platz, nachdem die Aufgabe im direkten Gespräch geklärt wurde. Wozu? Um mit strukturierten Arbeitspaketen zu einem definierten Ziel zu gelangen. Um den Weg dorthin motivierend zu gestalten. Wie? Indem Sie die erprobte Methode des „Sprints“ vordefinieren. Diese Gruppenarbeitsform stammt aus den Ideen des „EduScrum“ (vgl. S. 243). Die Autoren dieses komplexen Methodensets betonen zu Recht, dass man aus diesen aufeinander abgestimmten Ideen nicht ohne weitere Elemente nehmen kann – denn es sei dann nicht mehr vollständig. Jedoch ist der „Sprint“ in seine Grundidee so bestechend und geeignet für die virtuelle Zusammenarbeit, dass er in der Reihe der Methoden hier seinen Platz haben soll. 221 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Idee ist, dass Sie es dem Gruppenprozess überlassen, welche (!) Zielsetzung erreicht wird und wie viele (!) kleine Arbeitspakete, sogenannte „Sprints“, notwendig sind, um zu diesem Ziel zu gelangen („definition of done“). Gleichzeitig soll die Gruppe in den Diskussionen zur Zielsetzung auch den Weg dorthin klären. Denn es ist erklärtes Ziel dieser Methode, dass diese Sprints besonders motivierend und freudvoll sein sollen („definition of fun“). Daher ist die Wahl des Ziels entscheidend. Geben Sie daher die bekannte Formel des smart-Zieles (spezifisch, messbar, aktiv realistisch und terminiert) als Kriterium für die Zielbestimmung vor. Geeignet sind die Sprints deswegen, da die Kleingruppen eine definierte Bearbeitungszeit für die einzelnen Sprints bekommen – maximal 45 Minuten als klassische Einheit einer Unterrichtsstunde. Am Ende des Sprints steht ein kurzer Bericht und eine Einordnung zu den Ergebnissen an. Nach einer Pause folgt dann der nächste Sprint. Abb. 52: Mini-Sprints 222 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Setzen Sie als thematischen Rahmen ein möglichst praktisches und kein zu abstraktes Thema. So eignet sich die Organisation eines Online-Kongresses (vgl. Methode „Virtueller Kongress“, S. 292) z. B. besser als die Erörterung von Literatur. • Machen Sie (vorrangig in berufsbildenden Schulen und Klassen) deutlich, dass die Methode des „Scruming“ eine bereits in der Industrie etablierte Organisationsform ist und keine ausschließlich schulbezogene Methode. 223 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 32: Online Ringvorlesung Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Eine Projektgruppe, von Ihrem Lerncoaching begleitet. Was? Konzeption und Organisation einer Online-Veranstaltungsserie. Wo? In hybriden Arbeitsräumen, je nach Selbststrukturierung des Teams. Wozu? Um einen konsequenten Anwendungsbezug zu schaffen. Wie? Durch die Anleitung zur Selbstorganisation. Die Idee stammt – erkennbar am Titel – aus dem Hochschulkontext. Dieser Abschnitt mag in der Reihe der Methoden auf den ersten Blick überdimensioniert erscheinen. Wir möchten aber dennoch zeigen, auf welche Komplexität von selbstorganisierten Lernprojekten die digitale Lehre mit Fantasie, Übung und beratender Unterstützung kommen kann. Hier greifen „kleinere“ Methoden, die etwa im Kapitel „Virtuell lernen durch virtuell lehren“ (vgl. S. 285) angesprochen wurden. Denn auch in schulischen Projekten – nicht nur fachlich, sondern auch im Rahmen der SMV, in der Vorbereitung von Projekttagen o. ä. – galt es bereits im analogen Raum, LernUnits so zu planen 224 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre und aufeinander zu beziehen, dass sie wirksam wurden. Das gilt es für den hybriden Kontext zu bewahren. Der Ausgangspunkt für diese Idee an der Hochschule war identisch mit der vieler AGs in Schulen: Die Inhalte in den Bildungsplänen lassen oft zu wenig Praxisbezug und vor allem Gegenwartsbezug zu. So war die Idee, interdisziplinär kuratierte Referenten in der Serie einer Onlineveranstaltung zusammenzubringen (wohlgemerkt: in der Lage vor Corona) – aus dieser gemeinsamen Veranstaltung ist im Übrigen unser erstes Buch hervorgegangen. Eine Projektgruppe bekommt hierbei den Arbeitsauftrag, zu einem bestimmten Thema aus ihrer Sicht relevante Autoren sowie Praktiker zusammen zu bringen (praktisches Stichwort: Berufsorientierung). Die Abgrenzung zur Methode „Onlinekongress“ (vgl. S. 292) ist, dass diese Veranstaltungen öffentlich sein sollen und einen dementsprechend weniger didaktischen, sondern öffentlichkeitswirksa- Abb. 53: Online Ringvorlesung 225 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre men Fokus haben. Dies verändert den Charakter dieser Veranstaltung in dem Sinn, als dass auch die gesamte Öffentlichkeitsarbeit um die Veranstaltung herum bedacht werden will. In der Reihe der Methoden zeigen diese Stichworte, dass die Methoden auf einer höheren Komplexität zu etwas Eigenständigem dienen und eben nicht für sich als „Methodenzauber“ stehen: Sondern als methodische Bausteine für eine digitale Lehr- und Lernkultur an Ihrer (Hoch-)Schule. Umsetzungstipps: • Aus der Einordnung wird ersichtlich, dass dies ein Projekt für Fortgeschrittene ist. Beziehen Sie deshalb die (Hoch-)Schulleitung mit ein – denn das Produkt ist öffentlichkeitswirksam: Es belegt, dass die Inhalte der Schule den Bezug zur beruflichen und industriellen Wirklichkeit haben. • Denken und begleiten Sie konsequent interdisziplinär: Vernetzen Sie Fachunterrichte (und Fachlehrer!) in diesem komplexen Projekt. • Nutzen Sie die (Lebens-)Erfahrungen Ihrer Lernenden und lassen Sie diese zu Wort kommen. Verteilen Sie verantwortungsvolle Aufgaben, damit die Veranstaltung an sich zu einem pädagogischen Lernprojekt wird. 226 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 33: Online Wandzeitung Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Gruppenarbeit mit 3–5 Teilnehmern pro Team. Was? Eine virtuell erstellte “Wandzeitung“ mit gemischten Medien. Wo? Innerhalb einer Kollaborationsplattform außerhalb des virtuellen Klassenzimmers. Wozu? Um Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen und ein Gruppengefühl zu schaffen. Wie? Durch eine präzise Aufgabenstellung und transparente Zeitplanung. Virtueller Unterricht findet aus technischen Gründen meist in geschlossenen Konferenzplattformen wie Adobe Connect, MS Teams, Moodle, Zoom oder ähnlichen Lösungen statt. Ist es bei der ersten Plattform Adobe Connect möglich, das virtuelle Klassenzimmer gruppenspezifisch und zielorientiert einzurichten (vgl. Methode „Klassenzimmer-Deko“, S. 202), sind die meisten Plattformen meist gleich in ihrer Erscheinung. Das räumliche Setting aber wirkt nicht unerheblich auf das Unterrichtsgeschehen und die Motivation ein. Diese Methode steht daher schematisch für das bewusste Durchbrechen von gewohnten Mustern, in 227 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre diesem Fall die gewohnte Erscheinung der Videokonferenzsoftware. Um die Diskussion in einer Gruppenarbeit zu dokumentieren, wechseln Sie aus der Videokonferenz auf eine Kollaborationsplattform, die zusehends immer intuitiver die Zusammenarbeit in Echtzeit ermöglicht: Auf Plattformen wie trello.com oder conceptboard.com können Teilnehmer sich oftmals sogar ohne Anmeldung zusammenfinden, um Texte, Bilder, Medien und schnelle Skizzen auf einer virtuellen Wandzeitung umzusetzen. Der dramaturgische Vorteil dabei ist, dass die Teilnehmer sich nicht mehr im virtuellen Klassenzimmer „gefangen“ fühlen, sondern ihre Recherche im Internet gemeinsam unternehmen. Das tun sie ohnehin – nun jedoch offiziell, in dem die multimediale Wandzeitung auch YouTube-Videos sowie Links auf Texte und Bilder enthält. Allein diese Öffnung hat eine methodische Wirkung. Umsetzungstipps: • Geben Sie den Arbeitsauftrag schriftlich und als Grafik, damit er als Erwartung auch auf der später entstehenden digitalen Wandzeitung präsent bleibt. • Machen Sie sich eine Kopie dieser Wandzeitung, damit Sie auf dieses Ergebnis in späteren Unterrichtsstunden Bezug nehmen können – und damit dem Eindruck entgegenwirken, das Ergeb- Abb. 54: Online Wandzeitung 228 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre nis sei außerhalb des virtuellen Klassenzimmers verloren gegangen oder unwichtig. • Ermutigen Sie in der anschließenden Präsentation auch, den Entstehungsprozess der virtuellen Wandzeitung zu erläutern. Meist entstehen diese Gruppenarbeiten in einer guten Stimmung, von der auch die große Gruppe profitieren sollte. 229 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 34: Partnerinterview Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Jeweils zwei Lernende miteinander. Was? Die Inhalte Ihres Unterrichts oder eigene Assoziationen und Erfahrungen. Wo? In Gruppenräumen. Wozu? Um Partnerarbeit dialogisch und ergebnisorientiert zu gestalten, um zu aktivieren und alle Lernenden (zuerst in Zweiergruppen) ins Gespräch zu bringen. Wie? Indem Sie durch Aufgaben vorstrukturieren und die Lernenden ihre Ergebnisse im Plenum vorstellen. Durch einen gewissen Wettbewerbscharakter unter den Zweiergruppen. Abb. 55: Partnerinterview 230 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Wie eingangs ausgeführt, besteht eine – bleibende – Herausforderung im virtuellen Raum in der Aktivierung aller Teilnehmer. Diese Methode leistet dazu einen guten Beitrag. Sie eignet sich ebenso zum Kennenlernen in der ersten Stunde, zum Sammeln von Eindrücken im Lernprozess wie zum Abschluss eines Themas. Sie ist leicht einzuführen und in der Regel auch recht beliebt. Im Fall der Vorstellung bekommen die Lernenden den Auftrag, ihren Partner nach bestimmten Merkmalen zu befragen, hier können Sie sich am Katalog des „Willkommens-Bingos“ (vgl. S. 306) orientieren. Wenn Sie sich über diese Methode ein Feedback zum bisherigen Lernprozess holen wollen, geben Sie die Items ebenfalls vor. In diesem Fall bietet es sich auch an, die Ergebnisse fixieren oder visualisieren zu lassen. Im Fall der Ergebnissicherung könnten auf diese Weise Lernzusammenfassungen entstehen, die für die ganze Gruppe interessant sind. Wenn es um persönliche Inhalte geht, hat es sich bewährt, sich wechselseitig vorzustellen. Zur Steigerung kann daraus auch gut ein Ratequiz für das Plenum entwickelt werden. Umsetzungstipps: • Teilen Sie die Lerngruppe nach dem Zufallsprinzip in Zweierteams ein und legen Sie die Bearbeitungszeit fest. • Lassen Sie die Teams arbeiten, es sei denn, Sie werden angefragt. • Lassen Sie sich am Ende Rückmeldung geben, wie die Lernenden die Methode an dieser Stelle des Lernprozesses empfunden haben. 231 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 35: Placemat Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden in GA, ggf. mit dem Lehrenden. Was? Teilaspekte zum Unterrichtsinhalt, vorrangig zum Brainstorming. Wo? Am Whiteboard. Wozu? Um Assoziationen oder Wiederholungen zeitnah und umlaufend zu fixieren. Wie? Durch eine vorgegebene „Tischdeckchen“-Struktur. Abb. 56: Placemat 232 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Im Teamcoaching ist es wichtig, die Wahrnehmung aller Teammitglieder gleichermaßen in die Teamentwicklung zu integrieren. Hierzu eignet sich beispielsweise Placemat. Diese Methode lässt sich aufgrund der einfachen Strukturierung leicht in den virtuellen Unterricht übertragen – entweder in vorstrukturierter Form (z. B. als PDF-Dokument), durch schnelle Skizzierung am Whiteboard oder an der Dokumentenkamera (vgl. S. 155). In der Mitte werden das Thema, der Arbeitsauftrag oder die Fragestellung fixiert. Bewährt hat sich auch assoziatives Arbeiten mit Bildern oder Karikaturen. Ohne zu sprechen hält jeder Lernende auf seinem „Platzdeckchen“ fest, was ihm spontan einfällt (oder woran er sich bei einer Wiederholung noch erinnert). Danach (erst) erfolgt der Austausch über das soeben Verschriftlichte. Es liegt an Ihnen, ob die jetzigen Nachträge anders markiert werden, zum Beispiel in Signalfarbe. Im virtuellen Klassenzimmer geht der Auftrag in die Gruppenarbeit und den Gruppenraum. Hier gelten daher dieselben Voraussetzungen in der Begleitung und Steuerung an Sie (vgl. Methode „Gruppenarbeit“, S. 178). Da die Lernenden jedoch nicht physisch am jeweiligen „Eck“ sitzen, bedarf es einer Identifizierung mit dem jeweiligen Platz, damit die Methode funktionieren kann. Umsetzungstipps: • Einmal eingeführt, geht die Methode – ähnlich wie die Gruppenarbeit – schnell in den selbstverständlichen Ablauf einer Lerngruppe über. Der Vorteil besteht in der klaren Struktur. Gleichzeitig fördert die Methode die individuelle Förderung, da mit dieser alle Lernenden ihren Beitrag einbringen können (und sollen). • Mit geübten Kursen und in der Erwachsenenbildung bietet sich evtl. eine Erweiterung als umlaufendes Placemat an. In diesem Fall tragen die Lernenden ihre Einträge nicht selbst vor, sondern 233 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre die anderen dürfen sie lesen und ergänzen. Diese Variante führt zur wechselseitigen Anregung von Denkmustern. • Alternativ können Sie differenzierte Unterthemen bzw. weitergehende Fragen in die seitlichen Flächen schreiben und so eine Binnendifferenzierung vornehmen. • Der Klassiker besteht aus vier „Tischdeckchen“, allerdings sind dem Experimentieren keine Grenzen gesetzt. 234 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 36: Progressive Entspannungspausen Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden und Sie. Was? Eine klassische Methode, allerdings in hybrider Form. Wo? Über Ton angeleitet, jeder individuell in seiner „Blase“. Wozu? Um für die Notwendigkeit von Entspannungsphasen zu sensibilisieren und um eine Möglichkeit zur eigenen Anwendung mitzugeben. Wie? Indem Sie sich für die Methode ganzheitlich selber öffnen können. Abb. 57: Progressive Entspannungspausen 235 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Jeder, der über Stunden am PC sitzt, weiß um die Notwendigkeit eingebauter Übungen für die Hände, den Nacken und Rücken. Für Schüler sind die Pausen für die Bewegung wichtig, nicht nur, um von Raum A nach Labor B zu kommen. Dieser Rhythmus ist so im virtuellen Klassenzimmer nicht vorhanden – es sei denn, Sie schaffen ihn (für Ihre Lernenden und für sich). „Krass, wie meine Finger verspannt waren. Wir müssen an der Schule zwar auch am Rechner schaffen, aber nicht so lange.“ – so lautete die Rückmeldung einer Schülerin bei der Reflexion des „Homeschooling“. Solche somatischen Signale wahrzunehmen, ist in der virtuellen Lernund Arbeitswelt sehr wichtig (vgl. Hanstein/Lanig, 2020a). Um für Entspannungspausen in Anlehnung an die Progressive Muskelentspannung (kurz: PME nach Edmund Jacobson) zu sensibilisieren, sind solche konkreten Situationen bei Ihnen oder Ihren Lernenden der beste Einstieg. Die Methode kann zu jeder Zeit in Ihren virtuellen Unterricht eingebaut werden und eignet sich auch dazu, um nach einer längeren Pause Geist und Körper wieder auf das Lernen einzustimmen. Schließen Sie – das hat Signalwirkung – Ihre Kamera und führen Sie durch die Modulation Ihrer Stimme. Beginnen Sie beispielhaft bei den Händen, in dem Sie sprachlich führen: Suchen Sie sich einen bequemen, aber aufrechten Sitz. Legen Sie Ihre Arme ganz entspannt auf die Oberschenkel. Beginnen Sie mit Ihrer Schreibhand: Spannen Sie die Hand an, indem Sie sie zur Faust ballen. Halten Sie die Spannung, lassen Sie Ihren Atem ruhig fließen. Halten Sie, halten, halten. Und lassen Sie die Spannung mit Ihrem Ausatmen wieder aus der Hand. Nehmen Sie Ihre Hand bewusst wahr, spüren Sie die bereits jetzt eingetretene Ent-Spannung. Hal- 236 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre ten Sie diesen Zustand, atmen Sie dabei ruhig. Spannen Sie Ihre Hand dann in die entgegengesetzte Richtung und achten Sie wieder auf den Rhythmus Ihres Atems … Wer einmal die Wirkung einer angeleiteten Übung spürt, ist motiviert, diese Entspannung der Muskelgruppen auch selbst zu pflegen und in seinen virtuellen Alltag einzubauen. Sie geben nicht nur ein Bewusstsein für Ent- und Anspannung, sondern diese Methode kann als Ritual und damit zur Strukturierung des Lernalltags (z. B. in Pausen, nach aktiven Phasen, um den Unterricht zu beschließen) ganzheitlich genutzt werden. Umsetzungstipps: • Für den Einstieg eignet sich sicher auch eine (der vielen) eingespielten CDs oder geführten Entspannungsübungen in YouTube. Doch, nachdem Sie Sicherheit in der Methode haben, sollten Sie die Methode auch selbst anleiten – die persönliche Nähe über Ihre Sprache bringt einige Vorteile im virtuellen Raum. • Achten Sie darauf (und sagen Sie es auch gern mehrfach), dass niemand die Übung in den Schmerz hinein vornimmt. • Lassen Sie, bevor Sie zum jeweils nächsten Körperteil (hier die andere Hand) „gehen“, beide Körperteile miteinander vergleichen. Betonen Sie, dass der Vergleich rein auf der Wahrnehmungsebene liegt (wärmer, schwerer, durchbluteter), aber keine Wertung beinhaltet. 237 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 37: Pro- und Contra-Debatte Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Die eigenen Meinungen der Lernenden zum Thema bzw. zur Leitfrage. Wo? Am Bildschirm, im Plenum. Wozu? Um alle Lernenden in den Prozess zu integrieren, um Gruppendynamik auch im virtuellen Raum erlebbar zu machen. Wie? Durch Struktur, Moderation und aktive Beteiligung. Abb. 58: Pro- und Contra-Debatte 238 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die „Wortschlacht“, wie diese Methode eigentlich genannt wird, setzt viel Erfahrung in der Steuerung von Gruppenprozessen voraus. Sie ist (ähnlich wie das „Gruppenpuzzle“, vgl. S. 178) für erfahrene Lerngruppen (und Lehrende) geeignet. Im analogen Unterrichtsraum „lebt“ die Methode von der räumlichen Anordnung: Eine Gruppe aus Vertretern der Pro-Partei sitzt einer Gruppe aus Contra-Vertretern gegen- über. Der „Schlagabtausch“ wird von Ihnen (oder einem erfahrenen Moderator aus der Runde) moderiert. Im Wechsel werden Argumente und Gegenargumente zu einer Leitfrage, einem aktuellen gesellschaftlichen Ereignis oder einer Gruppenaufgabe zu einem Thema vorgetragen. Die anderen Teilnehmer können sich durch „Strecken“ einbringen. Für den Fall, dass sich die Argumente bei den eigentlichen Vertretern erschöpft haben, können aktive Teilnehmer diese „abschlagen“ und deren „Platz“ besetzen. Die größte Herausforderung besteht in den räumlichen Gegebenheiten im virtuellen Kontext. Die Anordnung der „Plätze“ kann nur bedingt durch eine entsprechende Positionierung der Namen und Bilder der Teilnehmer kompensiert werden. Deshalb braucht es die symbolische Ebene und eine entsprechende Visualisierung. Dafür bietet der virtuelle Raum auch Vorteile. In der Regel tut sich der Moderator oder eine zusätzliche Assistenz schwer, alle Argumente in der Dynamik der Pro- und Contra-Debatte schriftlich zu sichern. Im virtuellen Unterricht können Sie die Debatte (natürlich mit vorhergehender Ankündigung und Einwilligung Ihrer Lernenden) aufnehmen und sich anschließend – zur Ergebnissicherung und Auswertung – gemeinsam anschauen. 239 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Nutzen Sie, was Ihnen die Technik im virtuellen Raum bietet. Dass die Teilnehmer mit Namen zugeschaltet sind, wird bald zur Selbstverständlichkeit, ist aber eine Chance für solche Methoden. Sie könnten z. B. vor die Namen die Begriffe „PRO“ und „CON- TRA“ schreiben. Ebenso die Rollen „Moderator“ und „Teilnehmer/Gäste“. • Bei manchen virtuellen Plattformen (z. B. Zoom) wird automatisch das Bild derjenigen Person groß gestellt, die im Moment redet. Bei anderen können Sie ebenfalls über die Einstellung der Bildgröße die Übertragung des Prozesses steuern. • Achten Sie bei gruppendynamischen Methoden wie dieser darauf, dass Sie sich mit der Gruppe im Diskussionsmodus befinden und die Wahrnehmung des Prozesses nicht durch vorausgehende Dokumente oder sichtbare Pods beeinträchtigt wird. 240 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 38: Projekte virtuell Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Eine Leit- oder Forschungsfrage. Wo? In Gruppenräumen. Wozu? Um die Selbstständigkeit und Verantwortung für das Lernen und das Lernergebnis zu fördern. Wie? Indem Sie als Lehrender gut vorstrukturieren und für Verbindlichkeit sorgen. Abb. 59: Projekte virtuell 241 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Rede vom „Projekt“ hat leider einen fahlen Beigeschmack. Schließlich wird heute fast alles, das eine offenere Form hat – nicht nur im schulischen Kontext – als Projekt bezeichnet. So soll an dieser Stelle daran erinnert werden, dass es sich bei der Projektarbeit um eine grundständige Lernmethode handelt, die pädagogische Vorreiter erkämpfen mussten. Mit dem Projektgedanken ist das Prinzip der Handlungsorientierung verbunden (vgl. S. 40) und auf gesellschaftlicher Ebene der Gedanke der Erziehung zur Demokratiefähigkeit – beides pädagogische Maxime, die auch heutzutage wieder besonders wichtig geworden sind. Damit eine offene Unterrichtsform zum Projekt wird, ist vor allem auf eines zu achten: auf Struktur, die mit einem Anfang beginnt und einem Ende schließt. Aus unserer Sicht ist es relativ belanglos, ob Sie sich dabei an eher klassische Schritte anlehnen, Modelle aus der Berufswelt bevorzugen (wie z. B. die „Projekttreppe“) oder selbst eine Handlungskette entwerfen: Transparenz über die Ziele und den Ablauf, Durchführung und Abschluss mit Reflexion sollten klar voneinander unterscheidbar sein. Im virtuellen Raum wird ein zweiter Aspekt noch wichtig: Verbindlichkeit – da es mehr Möglichkeiten gibt, sich (nicht unbedingt willentlich, allein rein unbewusst) Abläufen und Aufgaben zu entziehen. Für die Lernenden bedeutet das, Klarheit auf der fachlichen (Inhalt), sozialen (PA/GA) und methodischen (das „Wie“ der einzelnen Schritte der Projektarbeit) Ebene zu bekommen, bevor das Projekt gestartet wird. Zielsetzung und Planung können rein virtuell verlaufen. Die Durchführung variiert je nach Alter und Fach des Projekts. An diesem „großen Bruder der Gruppenarbeit“ wird auch deutlich, was wir oben unter „hybridem Klassenzimmer“ ausgeführt haben: Beide Komponenten – die virtuelle und die analoge – verbinden sich in der Projektmethode! Für den Abschluss kommen die Lernenden wieder mit Ihnen im virtuellen Raum zusammen und reflektieren alle LernUntis. 242 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Ein Projekt „lebt“ von seiner Zielorientierung, konkret gesprochen vom „Produkt“. Für die Präsentation dieses Ergebnisses bietet der virtuelle Raum mindestens so viele Möglichkeiten wie der physische Ort Schule. • Mindestens so wichtig wie der Auftakt Ihres Projekts ist der Abschluss. Investieren Sie Ihre Kreativität in den Gedanken, wie Sie – auch virtuell oder hybride – angemessene Rituale für den Abschluss finden und gestalten können. • Für die Projekt- und Selbstorganisation hat sich EduScrum (vgl. https://eduscrum.nl/de/) bewährt. Die Methode wird in der Planung von Teamprozessen in der Wirtschaft genutzt, um die Entwicklung und Ausgestaltung komplexer Produkte in Projektteams zielführend zu steuern. Für den schulischen Bereich gibt es vielfältige Erfahrungen „vor Corona“, auf die zurückgegriffen werden kann, ebenfalls spezielle Fortbildungsreihen für Lehrkräfte. Edu- Scrum orientiert sich am agilen Prozessmanagement und damit – wie Coaching – an der Empirie. Das bedeutet, dass Wissen aus Erfahrung gewonnen und Entscheidungen auf Basis des Bekannten getroffen werden. EduScrum nutzt technisch einen iterativen, inkrementellen Ansatz, um die Erreichbarkeit von Lernzielen zu optimieren und Risiken zu kontrollieren. Jede Implementierung von empirischer Prozesssteuerung ruht auf drei Säulen: Transparenz, Überprüfung und Anpassung. Projektmanagement, Lehre und Unterricht auf der Basis von EduScrum sind schülerorientiert und steuern das Lernen hinsichtlich Inhalt, Qualität und Zielen (vgl.: http://eduscrum.nl/en/file/CKFiles/Der_eduScrum_ Guide_DE_1.2.pdf; Zugriff: 06.07.2020). Darüber hinaus haben wir die Erfahrung gemacht, dass es aufgrund des Aufbaus und des Motivationspotenzials dieser Methode kaum Ausfallquoten gibt. 243 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 39: Rotationsfeedback Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Durch Rückmeldung einzuholender Feedbacks. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Um die Wahrnehmung der Lernenden in den Lern- und Entwicklungsprozess mit einzubeziehen. Um Feedback abzubilden, um der Gruppendynamik durch das Feedbacken Raum und Zuwachs zu geben. Wie? In mehreren virtuellen Gruppenräumen, im rollierenden Prinzip. Abb. 60: Rotationsfeedback 244 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Um Projekte von Arbeitsteams oder Schulentwicklungsprozesse im Coaching auszuwerten, bietet sich beispielhaft das „Rotationsfeedback“ an. Mit dieser Methode wird auch Projekten im virtuellen Unterricht Raum gegeben, eine angemessene und breite Rückmeldung von allen Beteiligten zu erhalten. Bereiten Sie vier digitale „Flipcharts“ mit je einem eigenen Bereich vor. Wählen Sie diese so, dass sie eine direkte inhaltliche Nähe zu Ihrem bisherigen Unterricht haben. Beispielhaft: Welche neuen Erkenntnisse hat das Projekt in Ihnen ausgelöst? Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit auf einer Skala von 1–10? Welche Visionen haben Sie, ausgehend von der Leitfrage des Themas? Welche Maßnahmen würden Sie in Ihrem Bereich vorschlagen? Geben Sie den Lernenden ausreichend (Moderatoren- oder Veranstalter-)Rechte, damit sie alle Lernräume selbstständig aufsuchen können. Bestimmen Sie als planender „Regisseur“ eine Reihenfolge im Durchlauf und sorgen Sie dafür, dass genügend Platz zum Eintragen vorhanden ist. Die Methode kommt erst dann an ihr Ende, wenn jeder auch alles, was ihm dazu einfällt, anbringen konnte. Das Rotationsfeedback lebt von der Dynamik der Einträge. Nicht die Summe der Gedanken und Ideen, die zu Beginn der Methode bei allen einzelnen Teilnehmern vorhanden war, ist entscheidend. Sondern die Assoziationen, die zusätzlich im Laufe des Lesens, Wahrnehmens und Weiterdenkens entstehen, führen zu höchst kreativen Entdeckungen und Aha-Effekten. 245 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Stellen Sie zu Beginn sicher, dass Verfahren und Ablauf verstanden sind und ziehen Sie sich dann zurück (bleiben Sie aber trotzdem „in Rufbereitschaft“). • Seien Sie hinsichtlich der Zeit großzügig und achten Sie auf die Bedürfnisse Ihrer Lerngruppe. • Würdigen Sie die Ergebnisse angemessen und bauen Sie sie als Mehrwert für alle Teilnehmer erkennbar in die nächsten Projektschritte bzw. Unterrichtsstunden ein. • Jeder wird sich hinsichtlich des Umfangs unterschiedlich einbringen (können). Das ist in Ordnung und darf wertfrei zur Kenntnis genommen werden. 246 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 40: Redekette Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Lerninhalte oder Assoziationen zu einem neu einzuführenden Thema. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Zur Ergebnissicherung, Wiederholung oder Vertiefung. Oder um die Lernenden für ein neues Thema zu sensibilisieren und deren Vorwissen einzubringen. Wie? Im Plenum, in vorgegebener Reihenfolge, zeitlich befristet. Abb. 61: Redekette 247 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Eine – bleibende – Herausforderung im virtuellen Raum ist die Aktivierung aller Teilnehmer. Insofern sind Methoden ratsam, die möglichst alle Lernenden gleichermaßen integrieren. Die „Redekette“ lebt von Gruppendynamik und gleichzeitig von der Einhaltung gewisser Regeln. Mit Hilfe einer Visualisierung (unserer oder einer eigenen) können Sie für das Prinzip Kette sensibilisieren: Wie eine Kette aus einzelnen auf- und ineinander aufgebauten Gliedern (den sogenannten Ösen) besteht, ergibt sich ein sinnvoller Satz bzw. eine Erzählung erst aus der Stimmigkeit der einzelnen, aufeinander folgenden Anteile. Jeder Lehrende ist für eine „Öse“ verantwortlich, allerdings zeitlich nicht frei gewählt, sondern entsprechend der Reihenfolge, die Sie oder das Lernsystem vorgibt. Wichtig ist also Ihr Zielbild dieser Sequenz, beispielhaft im Fach Geschichte (Jahrgangsstufe 9, Gym): Wir haben in der letzten Stunde den Zeitraum von der Weltwirtschaftskrise bis zur Machtergreifung für die Klassenarbeit wiederholt. Bevor wir inhaltlich weitergehen, wollen wir die wichtigsten Eckpunkte, Jahreszahlen, Namen und Zusammenhänge mit Hilfe der Redekette nochmals zusammenfassen. Ihr müsst dabei gut zuhören, denn euer ‚Kettenglied‘ muss zu dem unmittelbar vorausgehenden passen … Jeder hat bis zu fünf Wörter zur Verfügung. Die Ausschmückung der Methode ist natürlich vom Thema und vom Umfang der Lerngruppe abhängig. Eine Herausforderung auf der Ebene der Gruppensteuerung liegt auf der Disziplin der Lernenden. Denn sie werden gleichzeitig Spaß an der Methode haben und über manche Situation lachen. Das ist nicht weiter problematisch, erhöht es nur die Bindung Ihrer Gruppe. Gleichzeitig soll aber die Kette zu ihrem Ziel gelangen, hier müssen Sie ggf. immer wieder mal unterstützen oder anfangs auch selbst die ersten sprachlichen „Ösen“ wiederholen. 248 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Achten Sie von Anfang an auf die Transparenz in der Reihenfolge. Bei den meisten Lernportalen sind die Teilnehmer entsprechend ihres Erscheinens im Raum gelistet. Oft wird diese Reihenfolge automatisch von Lehrenden genutzt. Alternativ können Sie auch „von unten“ her vorgehen. Wenn Sie solche gruppenaktiven Methoden mit Reihenfolge öfter verwenden, verhindern Sie damit gleichzeitig, dass die Lernenden möglichst spät bei Ihnen eintreffen. • Bei geübten Lerngruppen bietet es sich an, die entstandene Redekette am Ende wiederholen zu lassen. Ein Hinweis darauf zu Beginn kann motivieren, Lernende aber auch abschrecken oder gar blockieren. Seien Sie achtsam damit, unnötigen Druck aufzubauen. • Einige Lernportale verfügen über die technische Möglichkeit, einen Videomitschnitt dieser Sequenz im Hintergrund anzufertigen. Dieser Mehrwert gegenüber Unterricht im analogen Raum gibt Ihnen mehr Raum und Zeit für die Prozessbegleitung, aber natürlich muss diese Art der Ergebnissicherung vorher transparent gemacht werden. • Auch ohne Mitschnitt sollte die Methode Redekette mit einer Ergebnissicherung am Ende schließen. Wir empfehlen dazu eine Vorvisualisierung (mit unserer oder einer eigenen Darstellung), in die hinein einzelnen Satz- oder Erzählglieder geschrieben werden. Achten Sie bei der Ergebnissicherung darauf, den Prozess nicht an sich zu ziehen. In der Regel ist das Ergebnis nachhaltiger, wenn die Lernenden (ihre eigenen oder die anderer) die Kette auch selbst mit füllen dürfen. Für den Fall, dass das aus zeitlichen Gründen nicht möglich ist, sollten Sie natürlich die O-Töne der Lernenden festhalten – es sei denn, sie besitzen inhaltliche oder sprachliche Fehler. 249 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 41: Quizspiel Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden sowie sie als „Quizmaster“. Was? Ein Wissensquiz. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Zur Wiederholung oder Vertiefung. Wie? Im Plenum. Menschen spielen gern, egal in welchem Alter. Ein einfaches Quiz am Anfang des Unterrichts ist auch eine elegante Methode, um die Mikrofone der einzelnen Teilnehmer zu testen. Ein Ratespiel bewirkt darüber hinaus schnell und einfach eine gute Stimmung und schult eine aktive Gesprächskultur. Abb. 62: Quizspiel 250 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Mit etwas Glück und Recherchezeit werden Sie sicher für Ihren eigenen Fachbereich fündig: Zum Beispiel stellen in der durchaus kleinen Nische der Designgrundlagenfächer engagierte Kollegen Folien im Stil von „Wer wird Millionär“ her. Diese Powerpoint-Folien tauschen Sie im Internet. Sympathiepunkte sammeln Sie, wenn Sie selbst solche Powerpoint-Folien herstellen und den Kollegen anbieten. • Vorgelesene oder über die Dokumentenkamera visualisierte Prüfungsfragen sind oft bereits in Multiple Choice-Manier aufbereitet. Zu Stoffwiederholung eignen sich diese meist geläufigen Fragen gut, um teils Wiederholung, teils „Gamification“ daraus zu machen. 251 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 42: Schachspiel Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden sowie Sie als „Animateur“. Was? Erlebnispädagogik virtuell. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Zur Gruppenbildung und für die ersten Teamphasen eines Projektes. Wie? Durch Ihre Anleitung. Team(entwicklungs)spiele wie diese Methode stammen aus der Erlebnispädagogik und/oder dem Teamcoaching. In beiden Feldern wurden sie nicht nur mit Erfolg eingesetzt, sondern vor allem auch mit Gemeinschaftsgefühl und durchaus (auch wenn dieses Wort für manche Pädagogen ein Reizwort ist) mit Spaß. Wir beanspruchen nicht, im virtuellen Raum eine Erlebnispädagogik wie auf der „grünen Wiese“ veranstalten zu können – doch ähnlich wie im analogen Klassenzimmer sollte es möglich sein. 252 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Wie oben aufgezeigt, ist Aktivierung zur Unterbrechung der „Passivitätsfalle“ im Virtuellen sehr wichtig. Und dieses Prinzip gelingt ebenso mit der geschickten Hand wie mit dem ganzen Körper auf der Wiese. Stellen Sie sich eine Wiese während einer Studienfahrt vor, auf der Sie 64 A3-Bögen in der Anordnung eines Schachbretts (entweder schwarz/weiß oder gern auch bunt) auslegen. Zwischen den Blättern verbleibt nur so viel Platz, dass man gerade so an ihnen vorbeikommt. Auf der Rückseite jedes Blattes steht eine Aufgabe, die dann einzulösen ist, wenn das Blatt betreten wird. Geben Sie einen Weg vor (z. B. von A2 nach H7). Wer in der schnellsten Geschwindigkeit ankommt, hat gewonnen. Im virtuellen Raum lassen sich Geschwindigkeit und Geschicklichkeit in die Hände/Finger verlagern. Bereiten Sie die Visualisierung eines Schachbretts am Whiteboard vor, das geringe Fugen zwischen den Feldern aufweist und weisen Sie den Lernenden einen etwas dickeren Stift aus der Zeichenfunktion zu. Mit der Anschaffung von Pan Tablets (z. B. im Fach Gestalten der technischen Oberstufe an berufsbildenden Schulen) ließe sich dieser Vorgang noch optimieren. Je nach Größe Ihrer Lerngruppe kann die Methode im Plenum stattfinden oder Sie geben sie in Gruppenarbeit und -räume ab. Abb. 63 Schachspiel 253 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Auch wenn Heranwachsende heutzutage den Gebrauch der Finger im Alltag der Social Media gewohnt sind, heißt es nicht, dass ihnen die Methode buchstäblich leicht von der Hand geht. Stimmen Sie Ihre Lernenden deshalb auch körperlich darauf ein, z. B. mit der „Progressiven Muskelentspannung“ (vgl. S. 235). • Ihrer Kreativität sind bei dieser Methode keine Grenzen gesetzt. Reizen Sie sie aus. Sie könnten die Rückseite der „Schachfelder“ beispielsweise auch zur Wiederholung nutzen. 254 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 43: Schule aus! Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, aber auch Sie als Lehrender. Was? Eine mentale Methode. Wo? Jeder für sich, angeleitet durch Sie. Wozu? Um durch Symbolisierung abschließen zu können, um sich aus der „Lernblase“ zu lösen und das Prinzip der Strukturierung zu ritualisieren. Wie? Indem Sie als Lehrender Ihre Lernenden anleiten. Eine wesentliche Herausforderung im Corona- bedingten „Homeschooling“ war der (unvorbereitete) Umgang mit veränderten Strukturen. Strukturierung gehört aber zum Lernen grundlegend mit dazu. Was es bedeutet, von der „privaten Blase“ in die halböffentliche hinüber zu gleiten, wurde in der Krise nicht reflektiert. Es ist „passiert“ und in der Regel haben sich etliche Lernende Abb. 64: Schule aus! 255 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre (und Lehrende?) durch Passivität dazu verhalten. Wir appellieren dazu, diesen Haltungsaspekt in die Lehrerfortbildungen zu Beginn des kommenden Schuljahres unbedingt zu integrieren und ebenso die Wahrnehmungen der Lernenden bei den Evaluationen zu berücksichtigen. Ebenso wichtig wie Ritualisierungen zu Beginn einer virtuellen Unterrichtsstunde (vgl. beispielhaft die Methode „Einstimmungsfilm“, S. 163) ist die „Entlassung“ aus dem Raum. Kein Lernender käme sicher auf die Idee, spät am Abend oder am Wochenende „freiwillig“ seine Schule aufzusuchen. In Lernplattformen demgegenüber hat er in der Regel zu jeder Zeit Zugang. Das verführt zu unstrukturiertem Zutritt und dazu, entweder zu wenig oder zu viel für die Bearbeitung der Aufgaben zu tun. Diese Methode ist aus der Wahrnehmung dieses Phänomens entstanden. Es ist für die Wirkung völlig egal, ob Sie im virtuellen Klassenzimmer Schließfächer oder Lernateliers symbolisch darstellen. Wichtig ist, dass die Lernenden ihre Materialien dort ablegen und miteinander vereinbart wird, wann sie dazu wieder Zugang erhalten. Dasselbe Prinzip lässt sich für den eigenen „virtuellen Schulranzen“ anwenden. Ebenso ist es auf Ort übertragbar, von dem aus sich Ihre Lernenden zuschalten. Umsetzungstipps: • Die Methode ist natürlich vom Alter Ihrer Lernenden abhängig. Besprechen Sie das Ritual bei jüngeren Schülern auch mit deren Eltern/Erziehungsberechtigten. • Das Ritual lebt von Ihrer Vorbildfunktion. Ritualisieren Sie ebenso das Signal „Der Unterricht startet wieder“ mit Ihren Lernenden. 256 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 44: Screensharing-Softwarekorrektur Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Eine Einzelkorrektur mit zwei Teilnehmern, das Plenum hört zu. Was? Eine in Echtzeit kommentierte Korrektur. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Zur (sehr) tiefen Besprechung der einzelnen Aspekte der digitalen Arbeit. Wie? Über die Bildschirmfreigabe. Die stereotype Meinung gegenüber der „digitalen Schule“ ist, dass die Vermittlungsprozesse aus dem Analogen „digital nicht machbar“ seien. Ganz hartnäckig hält sich dieses Vorurteil naturgemäß in den künstlerischen Fächern. Oftmals ist es aber nicht mehr als eine Romantik oder gar Ideologie: Beispielsweise ist es aus unserer Erfahrung sogar weitaus präziser, sobald die handwerklichen, technischen und gestalterischen Prozesse am Computer ausgeführt werden. 257 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Lassen Sie sich hierzu die Daten des Werks (Text, Bilder, Zusammenhänge etc.) per E-Mail zusenden. Öffnen Sie diese Arbeitsdatei im virtuellen Raum und geben Sie während Ihrer Korrektur beziehungsweise Kommentierung Ihren Bildschirm frei. Die Lernenden sehen Ihre Korrekturen ebenso gut wie an einem guten Beamer im Unterrichtsraum. Anschließend können Sie diese korrigierte und kommentierte Datei auf dem gleichen Weg wieder zurückschicken. So erhalten Ihre Lernenden auf direktem Weg auch gleich die exemplarischen und präzisen Optimierungsvorschläge zum Weiterarbeiten. Umsetzungstipps: • Der ausschlaggebende Qualitätsfaktor dieser Korrektur liegt in der Vorbereitung. Überlegen Sie sich vorher eine induktive Strategie, wie Sie über eine sinnvolle Sequenz von Korrekturen ein übergeordnetes Prinzip transparent machen. Wenn Sie kein solches Korrekturkonzept haben, könnte die Korrektur über den Detailreichtum eher verwirren als helfen. • In vielen Konferenzplattformen ist auch der umgekehrte Weg möglich: Spezifische Bedienungsfragen können durch Sie demonstriert werden, indem Sie das lokale System des Teilnehmers steuern. Abb. 65: Screensharing-Softwarekorrektur 258 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 45: Sechs Hüte Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Zu vorhandenen Optionen Entscheidungen aushandeln. Wo? In Kleingruppen. Wozu? Um Diskursivität zu üben und Rollenkompetenz zu steigern. Wie? In definierten Rollen und zeitlich befristet. Diese Gesprächstechnik geht zurück auf den Kreativitätsforscher Edward de Bono (vgl. De Bono, 2005), der die Unterschiedlichkeit der Perspektiven in einem Art Kommunikationsspiel abgebildet hat. Diese Methode wird gern im Teamcoaching verwendet und lässt sich leicht auf Schule und den virtuellen Raum übertragen. Die „Sechs Hüte“ eignen sich immer dann, wenn einige wenige Ideen im Gespräch sind und beurteilt werden sollen. Es ist daher keine Kreativitätstechnik, sondern eine Systematik zur Sortierung und Ordnung von Ideen. Die große Stärke der Gesprächstechnik besteht darin, eine Diskursivität und Komplexität der Diskussion im Unterricht zu simulieren – dabei kommt diese nicht von der Lehrperson, sondern aus der Gruppe selbst. 259 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Teilnehmer werden in sechs unterschiedliche Rollen eingeteilt und nehmen, gemäß dieser, bestimmte Perspektiven auf die Ideen ein. Die einzelnen Hüte: Blau: steht für ordnendes, moderierendes Denken, er hat den Überblick. Der blaue Hut kann als neutrale Person zusätzlich die Rolle des Moderators und Zeitwächters übernehmen. Weiß: steht für analytisches Denken. Er konzentriert sich auf Tatsachen, Anforderungen und wie sie erreicht werden können. Rot: steht für emotionales Denken und Empfinden: Er konzentriert sich auf Gefühle und Meinungen. Schwarz: steht für kritisches Denken: Er konzentriert sich auf die Risikobetrachtung, Probleme, Skepsis und Kritik. Er äußert auch offen seine Ängste. Abb. 66: Sechs Hüte 260 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Gelb: steht für optimistisches Denken und vertritt das Best-Case- Szenario. Grün: steht für kreatives, assoziatives Denken und sprüht vor neuen Ideen und vor Kreativität. Umsetzungstipps: • Die Methode mit sechs grundlegend unterschiedlichen Perspektiven ist nicht auf Konsens ausgelegt und würde nie zu einem echten Ende kommen. Machen Sie dies zu Beginn des Prozesses klar und argumentieren Sie darüber ein festes Zeitraster. • Diese Methode ist prädestiniert für die Arbeit in Kleingruppen. Wenn die Anzahl nicht durch Sechs teilbar ist, lassen Sie einige Hüte weg und machen die Gruppen kleiner – lassen Sie die Gruppe entscheiden, wer welchen Hut bekommt. • Wiederholen Sie die Runden mit der identischen Ideenauswahl, aber mit verteilten Rollen. So ist der Lerneffekt der Diskursivität für die einzelnen Teilnehmer höher. • Geben Sie nach den Sessions noch einmal Zeit, um die Ergebnisse für die Präsentation aufzuarbeiten. Diese Zäsur ist notwendig, damit die Teilnehmer aus ihrer „Hut-Rolle“ in das reale Geschehen des Unterrichts zurückfinden. 261 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 46: Skalierung Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Individuelle Bewertungen oder Rückmeldungen. Wo? Im Plenum. Wozu? Um Feedback zu bekommen. Wie? Durch Pods-Optionen oder Umfrage-Apps. Es ist sprachlich nicht einfach subjektive Bewertungen zu messen. So kann ein „Gut“ im Norden Deutschlands zum Beispiel eine andere Abb. 67: Skalierung 262 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Einschätzung bedeuten als im Süden (wo das „Sehr gut“ umgangssprachlich so gut wie nicht verwendet wird). Insofern dient die Skalierung dazu, subjektive Wahrnehmungen bewertbar zu machen. Ärzte und Therapeuten bedienen sich beispielsweise der skalierten Bewertung, wenn sie nach dem Schmerzempfinden auf einer Skala von 1–10 fragen. Ebenso werden im Personal Coaching mehrere eingebrachte Anliegen von Klienten mit Hilfe von Skalierungen in ein Bild gesetzt. Denn das Gefühl für Zahlen und Mengen wurde in frühester Kindheit sozialisiert – womit die spontane Treffsicherheit dieser Angaben in aller Regel eher „sitzt“ als längeres Reflektieren auf der Ebene des Großhirns (vgl. Hanstein, 2018, S. 144). Solche skalierten Bewertungen dienen im Unterrichtsgeschehen dazu, äußere und innere Differenzierungen passgenauer vornehmen zu können. Gleichzeitig vermitteln Sie durch den Auftrag zum Feedback das Signal, dass Sie auf die Rückmeldung angewiesen sind – und dies im virtuellen Kontext, wie im Theorieteil ausgeführt, umso mehr. Je nach Lernplattform lässt sich eine Umfrage mit einer direkten Frage starten. Sie können in aller Regel wählen, ob das Ergebnis anonym oder mit erkennbarem Rückschluss veröffentlicht wird. Wichtig ist hier, dass sich die Skalierung nicht rein durch die Zahl ausdrückt, sondern auch visualisiert, zum Beispiel als einfaches Balkendiagramm (vgl. Methode „Visualisierung“, S. 298). Umsetzungstipps: • Ihre Skalierungsfrage muss so formuliert sein, dass sie die Lernenden intuitiv und nicht nur im Großhirn anspricht. Vermeiden Sie enge Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden könnten. • Besprechen Sie deutlich die Bedeutungen der Werte. Nicht jedem ist auf Anhieb klar, dass 1 der niedrigste und 10 der größte Wert ist (ungleich zur Bedeutung von Noten). Für den Fall, dass die 263 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Werte nicht angeklickt, sondern frei eingetragen werden müssen: Vermeiden Sie ungültige Einträge (zum Beispiel eine 0). • Neben den Möglichkeiten der unterschiedlichen Lernplattformen gibt es eine Reihe externer Möglichkeiten (z. B. über GoogleDocs, Mentimeter, etc.), die Sie hier nutzen können. 264 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 47: Skizzen- und Lerntagebuch Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Ein analog geführtes Lerntagebuch. Wo? In der privaten „Blase“. Wozu? Zur individuellen Reflexion des eigenen Lernfortschritts. Wie? Durch Aufschreiben und Dokumentieren. In der klassischen Pädagogik ist die Selbstreflexion über das Schreiben heutzutage keine außergewöhnliche Methode mehr. Im Personal- und Krisen-Coaching hat es ebenfalls einen festen Ort bekommen, wo das Schreib-Coaching mittlerweile zu einem feststehenden Begriff geworden ist. Dahinter steht das schlichte wie zugleich wirkungsvolle Phänomen (das jeder kennt, der ein Tagebuch schreibt), seine Erlebnisse und v. a. Empfindungen im besten Sinne des Wortes ausschreiben zu können: Die innere Welt wird in die äußere hinein materialisiert und damit das, was an Wahrnehmungen und v. a. Bewertungen den nun ausgeschriebenen Momenten anhaftete. Eine neue Bedeutung bekommt das Aufschreiben innerer Vorgänge angesichts digitaler Medien: Oft hat man das Gefühl, die Dinge verschwin- 265 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre den in der digitalen Unsichtbarkeit. Denn Gegebenheiten digitaler Arbeit vermitteln sich nicht mehr sinnlich und haptisch, was für uns als leibliche Wesen ein nicht zu unterschätzendes Problem darstellt. So ist die seit Jahrhunderten geläufige „Kladde“ einerseits nostalgisch, andererseits aber ein wichtiger Kontrapost zur digitalen Gleichförmigkeit. Lern- und Entwicklungsprozesse stellen sich neu dar, wenn sie als analoge Dokumente mitgeschrieben werden sollen. Das Füllen eines Buches mit Skizzen, handschriftlichen Notizen und anderen Artefakten des Lernprozesses erzeugt eine sinnliche Rückmeldung für die Lernenden, was kein digitales Medium (bislang) derart vermag. Ein Autor dieses Buches schreibt seit 30 Jahren Tagebuch, täglich und nach wie vor analog – und wird es auch trotz Begeisterung für die virtuelle Lehre nicht ablegen. Er ist davon überzeugt: Abb. 68: Skizzen- und Lerntagebuch 266 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre „Im Schriftbild steckt die Stimmung des jeweiligen Tages, erkennt man das Gefühl für den Moment, zeigt sich abendliche Dankbarkeit für das Erlebte ebenso wie Momente der Enttäuschung. Tagebuch zu schreiben, heißt nicht Fakten abzulegen. Die Geburt eines Kindes oder die Stunde des Todes am Sterbebett, das könnte man alles auch im Kalender festhalten. Doch wie es mir dabei ging, was ich gedacht und gefühlt habe, all das gehört ins Tagebuch.“ Und so bekamen seine Lernenden vor den Corona-bedingten Schulschließungen auch den Auftrag mit, ein tägliches „Corona-Tagebuch“ zu führen. Dieses war bei der Reflexion dieser besonderen Zeit für junge Menschen nach einem Vierteljahr wichtiger als alle Reportagen im Internet. Diesen Effekt im hybriden Raum ebenfalls nutzbar zu machen, darum geht es uns mit dieser Methode. Im virtuellen Unterricht können Sie Ihrerseits beispielhaft mit der Dokumentenkamera (vgl. S. 155) diese Schranke durchbrechen. Auch lässt sich das vermeintliche Paradox eines zutiefst analogen Mediums in einer digitalen Zeit sinnfällig auflösen, indem die entstandenen Werke fotografiert werden und so ihren Weg ins digitale Archiv und ihre Unterrichtsakte finden. Auch, wenn diese Methode aus den künstlerischen Fächern stammt – der Begriff des „Skizzenbuchs“ macht diese Herkunft deutlich – sind Erfahrungstagebücher, Lernportfolios und Arbeitsprotokolle als Reflexionsmedium (und auch als Prüfungsform) innovative und progressive Instrumente eines selbstverantwortlichen Lernens in allen Fächern. 267 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Unterschätzen Sie nicht die berühmte „Schreibhemmung“. Schmälern Sie diese, indem Sie in einer ersten Einstiegsphase die entstehenden Texte nicht zur Abgabe vorsehen, sondern lediglich als private Vorübung. • Zum Abbau der Schreibhemmung hat sich auch das „automatische Schreiben“ bewährt: Geben Sie die Aufgabe, zwei Seiten mit den Gedanken beim Blick aus dem Fenster zu schreiben. Die Kunst dabei ist, ohne großes Nachdenken und Absetzen des Stiftes die Seite zu füllen. Diese Seite kann anschließend vernichtet werden. Dieses zweckfreie „Drauflosschreiben“ löst die meisten Schreibblockaden. • Ebenso könnten Sie passende Methoden, wie z. B. das „Partnerinterview“ (vgl. S. 230) durch eine Schreibaufgabe vorbereiten lassen. 268 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 48: Speed Geeking Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, insbesondere größere Gruppen. Was? Kurzpräsentationen in Kleingruppen. Wo? In mehreren virtuellen Gruppenarbeitsräumen. Wozu? Um Feedback und eine hohe Zahl an heterogenen Rückmeldungen zu bekommen. Wie? Durch die Diskussionsdisziplin, die der Zeitdruck notwendig macht. Die Methode ist besonders geeignet, in großen Gruppen viele einzelne Projektarbeiten zu besprechen. Mit diesem Prinzip kann es gelingen, einen großen Workshop von beispielhaft 40 Personen und 8–12 Projekte intensiv und lebendig zu besprechen, was in lehrendenzen- Abb. 69: Speed Geeking 269 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre trierten Verfahren kaum möglich wäre. Wie der Name schon andeutet, geht es um Geschwindigkeit wie beim Speeddating. Wie bei vielen Kreativitätstechniken ist die Begrenzung der Zeit ein Schlüsselprinzip. Speed Geeking funktioniert in kleinen Gruppen von 3–5 Personen, die in eigenen Gruppenarbeitsräume zusammenkommen. Dort hat jeweils ein Teilnehmer 5 Minuten Zeit, um den anderen Lernenden die Projektidee oder den Projektstand mitzuteilen. Im zweiten Teil haben die Zuhörer 10 Minuten Zeit, um Rückfragen zu stellen und – das ist die hauptsächliche Zielsetzung dieser Methode – Feedback und konstruktive Impulse zum Projektstand zu geben. Nach dieser Zeit stellen sich alle Gruppen neu zusammen und der Ablauf beginnt von Neuem. Umsetzungstipps: • Bauen Sie auf den Wettbewerbscharakter: Erläutern Sie den Präsentierenden, dass die Zuhörer über diese Methode eine große Vielzahl an Projekten erleben werden. Daher macht es Sinn, die eigene Präsentation prägnant, plakativ und aufmerksamkeitsstark aufzubauen. • Bei dieser Methode geht es um die Geschwindigkeit. Thematisieren Sie dennoch die Regeln für konstruktives Feedback (vgl. Methode „Fünf-Finger-Feedback“, S. 170). • Planen Sie vorher die Bewegungen der Teilnehmer. Moderieren Sie z. B. über die Raumnummern der einzelnen virtuellen Arbeitsgruppen an, welche Zuhörergruppe in welchem Ablauf an der Reihe ist, und wo – am besten über eine Tabelle. • Planen Sie nicht nur zum Wechsel der Arbeitsräume Zeit ein, sondern auch für die Präsentierenden, um das Feedback zu notieren. • Eine komplexe Projektarbeit auf eine Präsentation von 5 Minuten zu verdichten, ist eine hohe Herausforderung. Leiten Sie dies gut an – eine Vorbereitung auf maximal einer Seite ist eine gute Dimension für ein Redemanuskript. 270 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 49: Speed Talking Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Inhalte aus einem Lernschritt, die auszutauschen sind. Wo? Im virtuellen Gruppenraum. Wozu? Um individuelle Einsichten zu teilen und zu spiegeln. Um neue Erkenntnisse durch aktives Zuhören zu generieren. Wie? In mehreren virtuellen Gruppenräumen, im aufrückenden Prinzip. Abb. 70: Speed Talking 271 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die größte Herausforderung dieser Methode im virtuellen Raum besteht in der technischen Vorbereitung und Umsetzung. Vergegenwärtigen Sie sich daher bei Ihrer Planung zuerst die Situation im analogen Unterrichtsraum: Zwei Stuhlreihen mit jeweils derselben Schülerzahl sind gegenüber und einander zugewandt angeordnet, sodass sich zwei Menschen direkt in die Augen schauen. Jede so positionierte Partnerarbeit geht parallel nach Ihrer Anweisung vor. Alle erhalten denselben Auftrag, z. B.: die linke Reihe erzählt der rechten, was sie bei der Bearbeitung der Aufgabe erkannt hat. Dann stellt die rechte Reihe der linken Fragen zur Vertiefung. Auf Ihre Anweisung hin werden alle Gespräche eingestellt, eine Reihe bleibt auf ihren Plätzen sitzen, die andere rückt einen Platz in dieselbe Richtung. Insofern gilt es im virtuellen Lernraum, die Anordnung entsprechend zu positionieren und die Regeln deutlich transparent zu machen. Die meisten Lernplattformen werden technisch (Rückhall!) mit der Vielzahl an Gesprächen überfordert sein, sodass die Paaraufteilung ggf. in Gruppenräume verlagert werden muss. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass der Charakter der Methode gewahrt bleibt. Das bedeutet für die Charakteristik „speed“, dass Ihr Impuls mit Sprechen zu beginnen und zu enden, von allen gleichzeitig eingehalten wird. 272 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Diese Methode besitzt einen gehobenen Anspruch, weshalb angeraten wird, sie nur mit einer bereits bekannten Lerngruppe auszuprobieren. • Während das Speed-Talking im analogen Lernraum mit ein wenig Übung gut von einem Lehrenden allein gesteuert und moderiert werden kann, empfiehlt es sich für den virtuellen Raum (je nach Anzahl der Gruppenräume) Lernende als Assistenten einzuplanen. • Besprechen Sie die Erfahrungen und Erlebnisse Ihrer Lernenden im Anschluss im Plenum. Für die inhaltliche Ergebnissicherung bietet sich ggf. eine Visualisierung an. 273 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 50: Sprechende Gegenstände Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Implizite, biografische Kontexte der Lernenden äußern. Wo? Im virtuellen Gruppenraum. Wozu? Als Variante zur traditionellen Vorstellungsrunde. Wie? Indem Gegenstände ihre Besitzer vorstellen – nicht umgekehrt. Im Personal Coaching wird bei Bedarf mit Gegenständen gearbeitet, die dem Klienten (oder im Paarcoaching dem Partner) wichtig sind, mit denen er eine Geschichte verbindet und über die daher eine emotionale Bindung besteht. Dieses Prinzip bietet sich für den virtuellen Unterricht gut an. Da die Lernenden sich untereinander meist bereits gut kennen, gestalten sich diese Runden stellenweise sehr langwierig. Die „sprechenden Gegenstände“ können anstelle der Personen einen bestimmten Aspekt aus dem Unterrichtsgeschehens – etwa ein persönlicher Gegenstand, der eine zentrale Werthaltung verkörpert – in den Fokus rücken: Die Vorstellenden halten einen Gegenstand vor die Kamera, über den sie ihre Vorstellung moderieren und als Aufhänger für persönliche Aspekte, die sie einbringen wollen, nutzen. 274 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Diese „Fürsprecherfunktion“ bringt mit sich, dass sich die Lernenden nur indirekt selbst thematisieren und damit andere Aspekte offenbart werden. Denn der Vorstellende spricht nicht in einer Ich-Botschaft, sondern der Gegenstand übernimmt diese Rolle. In diesem Zusammenhang fokussieren Sie automatisch den „hybriden Lernraum“ (vgl. Kap. Der „hybride“ Lernraum, S. 115) und damit die bei allen Beteiligten gegebene halböffentliche Situation. Es wird für alle erkennbar, dass sich zuerst Räume verbinden müssen, bevor dies Menschen tun können. Insofern weiten Sie mit den „Sprechenden Gegenständen“ auch den virtuellen, hybriden Lernraum. Auf der persönlichen und sozialen Ebene sind diese „Stellvertreter“ sehr wirksam, weil sie einen Einblick in die Persönlichkeit des jeweiligen Teilnehmers und in seine individuelle „Blase“ geben. Dieser indirekte Ansatz wirkt der (auch schon jungen Menschen) bekannten Gefahr entgegen, in der digitalen Dynamik ungewollt zu viel von sich preis zu geben. Insofern unterstützen Sie mit den „Sprechenden Gegenständen“ auch die Sensibilität im Kontext Mediennutzung. Abb. 71: Sprechende Gegenstände 275 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Umsetzungstipps: • Geben Sie 2 Minuten Zeit, in denen die Teilnehmer ihre Kameras und ihre Mikrofone ausstellen und sich auf die Suche nach einem geeigneten Gegenstand begeben. Dieser Gegenstand sollte natürlich mobil sein und nicht so schwer, damit man ihn vor die Kamera halten kann. • Gerade bei neuen Gruppen kann Ihnen diese Methode beim Lernen der Namen helfen. Dabei unterstützt insbesondere ein Screenshot, der nebenbei auch ein schönes „Klassenfoto“ für Ihre Unterrichtsakte ergibt. Nehmen Sie im weiteren Verlauf der Unterrichte immer wieder Bezug auf diesen authentischen Ersteindruck. • Thematisieren Sie bei der Auswahl Ihres eigenen Gegenstandes auch Ihre eigenen Ambitionen in der virtuellen Lehre. Betonen Sie bei Methoden wie dieser, dass es Ihnen um die Verringerung der persönlichen, emotionalen und technischen Distanz geht. 276 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 51: Spinnennetz Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Assoziationen, Brainstorming, zu wiederholende Inhalte. Wo? Im virtuellen Gruppenraum. Wozu? Zur Bündelung und Visualisierung von Vorwissen, zum kooperativen Lernen. Wie? Durch ein vorvisualisiertes Spinnennetz. Abb. 72: Spinnennetz 277 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Methode „Spinnennetz“ existiert in mehreren Ausprägungen. Die Variante, die wir für den virtuellen Raum vorschlagen, baut auf einer Visualisierung eines Netzes auf, die Sie mit ins Plenum bringen und dort im UG erläutern. Die Metapher beinhaltet Aspekte wie Sicherheit, Tragfähigkeit, Vernetzung …, weshalb sie im Coaching zur Vorbereitung von Workshops mit Arbeitsteams gut eingesetzt werden kann. Die inhaltliche Anbindung lässt sich pädagogisch nutzen: Ähnlich wie bei einer „Mind-Map“ (vgl. S. 218) oder bei der Methode „Placemat“ (vgl. S. 232) wird das Thema (der einzelnen Gruppen) in die Mitte des Netzes geschrieben. Besonders Kreative können auch der „Spinne“ eine Bedeutung für den Gruppenprozess oder die Ergebnissicherung geben. Der entscheidende Vorteil im digitalen Arbeiten besteht (anders als bei Handout und Arbeitsblatt im klassischen Sinn) darin, dass Ihre Lernenden das Netz selbst noch gestalten können. Umsetzungstipps: • Ein Spinnennetz (in der Natur) wird stets erweitert. Dieses „Weiterspinnen“ wird sichtbar, insofern bietet sich diese Methode beispielhaft zur Visualisierung des „Brainstormings“ (vgl. S. 145) und ähnlicher Einstiegsmethoden an. • Für den weiteren Lernprozess können Sie immer wieder die Metapher aufgreifen. Teamprozesse lassen sich zudem gut damit auswerten und reflektieren. 278 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 52: Stummer Applaus Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Alle. Was? Eine virtuelle Variante von Applaus oder Tischeklopfen. Wo? Vor dem Computer. Wozu? Als gesellschaftliche und kommunikative Symbolik im virtuellen Raum. Wie? Durch Gebärdensprache. Klatschender Beifall ist im Unterricht eine archaische Körpersprache, die niemanden unberührt lässt: Nicht den Beklatschten, bei dem sich nach beendetem Referat die Anspannung wohlig löst. Auch nicht die Applaudierenden, die ihrer Freude und ihrer Empathie körperlich Ausdruck verleihen. Daher wäre es schade, dieses Symbol und seine kulturelle Bedeutung im virtuellen Klassenzimmer zu verlieren. Gleichzeitig ergibt sich eine technische Schwierigkeit, dass im virtuellen Klassenzimmer immer nur eine Person spricht bzw. das Mikrofon offen hat. 279 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Eine Alternative dazu ist schnell gelernt und hat die gleiche kommunikative Wirkung: In Gebärdensprache ist der Applaus das Schütteln der Hände auf Schulterhöhe. Das ist gut sichtbar und hat zusammen mit lachenden Gesichtern und strahlenden Augen die gleiche Wirkung wie der traditionelle Applaus. Umsetzungstipp: • Ritualisieren Sie den „Stummen Applaus“ gern in der Aufwärmgymnastik (vgl. Methode „Designer Yoga“, S. 152). • Nutzen Sie diese entstehende Sensibilität zum Kreieren anderer Rituale, z. B. die Verabschiedung am Ende durch ein Winken mit der („echten“, physischen) Hand – nach unserer Erfahrung werden solche Symbole schnell angenommen und auch wie von selbst ritualisiert. Abb. 73: Stummer Applaus 280 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 53: Think Pair Share Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Ein Arbeitsauftrag. Wo? Im Plenum, dann in Gruppenräumen. Wozu? Um dynamisch von der EA in PA und in GA zu wechseln. Wie? Durch Anleitung, eigenständig und kooperativ. Abb. 74: Think Pair Share 281 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Das Think-Pair-Share-Prinzip bietet sich für Planung, Strukturierung sowie Auswertung von Projekten als klassische Grundstruktur an. Im Business Coaching kann rückblickend die Reflexion über die Zusammenarbeit in den einzelnen Phasen erfolgen, ebenso – von dieser Methode ausgehend – die Visionsarbeit für weitergehende Projekte mit einer Konkretisierung des Maßnahmenplans auf der operativen Ebene. Die Methode beschreibt die Abfolge dreier Arbeitsschritte, entsprechend ihrer Bezeichnung: 1. Think, 2. Pair und 3. Share. Im ersten Schritt liegt die Verantwortung bei dem Einzelnen, indem jeder Lernende seinen Teil der Aufgabe für sich in EA bearbeitet. Im zweiten Schritt werden die Ergebnisse zweier Personen in GA geteilt. Dieser Teil der Methode lässt sich auch gut in ein (dann wechselseitiges) „Partnerinterview“ (vgl. S. 230) überführen. Zuletzt werden die neuen Einsichten aus zwei Partnerarbeiten in einer GA (in diesem Beispiel aus 2 x 2 Personen) besprochen. Umsetzungstipps: • Planen Sie die Methode gut vor, auch die zur Verfügung stehende Zeit pro Schritt. • Stellen Sie dabei die Struktur als Visualisierung im Plenum vor. • Es hat sich bewährt, die EA noch im Plenum stattfinden zu lassen. So können Sie auf Fragen gut reagieren. • Wie jede Methode, dient „Think Pair Share“ nicht nur der sozialen Interaktion und Kompetenz, sondern um Ziele als Gemeinschaftserlebnis zu erreichen. • Schaffen Sie vorab die nötige Transparenz über das erwartete Ziel (z. B. eine „Klassenzimmer-Deko“, vgl. S. 202, erstellen oder eine „Pro-und-Contra-Debatte“, vgl. S. 238, als Gruppe vorbereiten). 282 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 54: Umfragen per Smartphone Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden, aber auch die Lehrenden sind stimmberechtigt. Was? Umfragen zu unterschiedlich komplexen Fragen. Wo? Irgendwo zwischen Computer und Smartphone. Wozu? Um das tägliche Handling mit dem Smartphone mit dem Unterricht zu verbinden. Um die „Hybridität“ zu erhöhen. Wie? Über einfache Abstimmungen. Abb. 75: Umfragen per Smartphone 283 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Der „hybride Lernraum“ (vgl. S. 115) besteht in seiner digitalen Dimension aus sehr vielen Kanälen. Bei allen Teilnehmern ist außerhalb des Kameraausschnitts das Smartphone der wichtigste zweite Kanal. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dies auch bei den Lehrenden der Fall. Begreifen Sie diesen Kanal nicht als Störung – anders als in der Präsenzveranstaltung ist dieser Kanal schlichtweg nicht zu verhindern. Integrieren Sie ihn vielmehr produktiv: Es gibt eine ganze Reihe webbasierter Anwendungen (z. B. mentimeter.com), in denen spontan und ohne Anmeldung quantitatives und qualitatives Feedback gegeben werden kann. Dies können ganz simple Fragen wie „Machen wir jetzt eine Pause?“ bis hin zu komplexen Brainstormings wie „Was fällt Ihnen zum Begriff Emotion ein?“ sein. Diese Umfragen beleben das oftmals einkanalige Unterrichtsgeschehen durch ein demokratisches Element. Es thematisiert nebenbei, dass das Smartphone regulärer Begleiter des „hybriden Lernraums“ ist. Umsetzungstipps: • Testen Sie die verschiedenen Plattformen vorher im Einsatz. Variieren Sie Anbieter und Umfrageformate – das erzeugt Abwechslung und macht Spaß. • Spielen Sie die Ergebnisse über die Bildschirmfreigabe unbedingt ins Plenum und ins virtuelle Klassenzimmer ein, um den dramaturgischen Bogen von „außen und wieder zurück“ bewusst zu gestalten. • Es mag selbstverständlich klingen, aber nehmen Sie die Ergebnisse unbedingt ernst. 284 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 55: Virtuell lernen durch virtuell lehren Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Lernende in EA oder PA. Was? Eigene virtuelle Lerneinheiten für die Lerngruppe. Wo? Vorbereitung als „Hausaufgabe“, Umsetzung in Echtzeit im virtuellen Klassenzimmer. Wozu? Um die virtuelle Arbeit und Vermittlung als Normalität der Zukunft auszubilden. Wie? Über Erfahrungen in einem eigenen Beitrag. In den Diskursen zur digitalen Lehr- und Lernkultur müssen notgedrungen Eigendynamiken entstehen, damit sich eine Kultur im klassischen Sinn entwickeln kann. In dieser Überlegung ist es folgerichtig, die Generation der erstmalig virtuell Geschulten selbst zu virtuellen Lehrenden zu machen. Nur dann kann es gelingen, die eigene Lernerfahrung auf einer nächsten Stufe zu differenzieren und zu kultivieren. Daher ist dieser Abschnitt auch als Impuls für eine zukünftige digitale (Lern-)Gesellschaft zu verstehen. 285 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre In einer Lerngruppe eine Eigendynamik zu erzeugen, ist indessen alles andere als neu: Die Aneignung eines Inhalts verläuft tiefgehender, wenn das Ziel eine Vermittlung an andere ist. Dieser Zusammenhang verlangt im virtuellen Transfer „nur“ eine zusätzliche technische Befähigung, um z. B. ein Referat für die eigene Lerngruppe vorzubereiten und dies durch die im virtuellen Raum nötige Technik und mögliche Methodik zu präsentieren. Dieser Anspruch ist ungleich höher als im analogen Klassenzimmer. Allerdings ist die in diesem Buch besprochene virtuelle Didaktik sehr umfangreich. Daher kann dies nicht zusätzlicher Gegenstand Ihres Fachunterrichts sein. Unterstützen Sie die Lernenden vielmehr praktisch, indem Sie eine Gliederung und eine Grundstruktur vorgeben. Darin können Sie eine zeitliche Dramaturgie (vgl. das „Sandwichprinzip“, S. 56) sowie eine praktische Erarbeitung verbindlich festschreiben. Es wird auch notwendig sein, dass Sie eine kurze technische Befähigung anleiten und so die (oftmals größer als gedachte) Angst vor der Bedienung der Konferenzsoftware nehmen. Das „Lampenfieber“ verlagert sich im virtuellen Kontext. Auf der einen Seite fällt etwas Abb. 76: Virtuell lernen durch virtuell lehren 286 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre weg, was jungen Menschen nicht immer leichtfällt: die Präsentation vor einer Gruppe. Dafür ergeben sich Unsicherheiten aufgrund der angesprochenen Komplexität der digitalen Präsentation, mit denen der Lernende (zumindest in der eigenen „Blase“) alleine steht. Was im analogen Raum best case durch Humor oder gar Frotzeleien kompensiert werden kann, entfällt – bzw. gestaltet sich eben schlichtweg anders. Der Umgang mit diesem Phänomen ist aber ein Training wert. Umsetzungstipps: • Führen Sie langsam an diese anspruchsvolle Technik heran: Stellen Sie gute und bereits verdichtete Inhalte zur Verfügung, damit am Anfang die Mehrdimensionalität dieser Aufgabe bewältigt werden kann. • Betonen Sie auf der Metaebene den Entwicklungsaspekt dieser Methode und werben Sie für eine entsprechende zukünftige virtuelle Arbeitskultur. • Integrieren Sie in Ihre Gliederungsvorgabe auch aus diesem Grund eine Reflexion über die Methodik selbst. 287 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 56: Virtuelle Dusche Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden unter sich, angeleitet. Was? Eine eigens erstellte Visualisierung, mit der sich jeder Lernende identifiziert. Wo? In einem eigenen Raum, bei einer eventuellen Präsentation am Bildschirm. Wozu? Als Feedbackinstrument, um Gruppenprozesse abzuschlie- ßen, um wertschätzende Rückmeldung sichtbar zu machen und Selbstwirksamkeit zu spiegeln. Wie? In Einzelarbeit, bei einer eventuellen Präsentation im Plenum. Jeder Mensch möchte wahrgenommen werden, als Person und mit seinen Leistungen. Das ist nicht nur für das Coaching von Teams wichtig. Der virtuelle Raum gibt aber nur einen Teil der Körperlichkeit zu erkennen. Gleichzeitig lenkt er unsere Aufmerksamkeit umso stärker auf ganz bestimmte Teilaspekte der Wahrnehmung. Diese werden im Lernprozess in aller Regel nicht oder nur bedingt zurückgespiegelt. Daher ist eine Methode wie die „Virtuelle Dusche“ besonders beim 288 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Abschluss von Lernphasen und Projekten wichtig. Sicher ist Ihnen das Prinzip der „Warmen Dusche“ bekannt. Man kann es in verschiedenen Ausformungen umsetzen: Im analogen Raum zum Beispiel kann sich jede Person ein A4-Blatt mit seiner eigenen, auf das Blatt gemalten Handfläche mit seinem Namen darüber auf dem Rücken anbringen. Dazu lässt sie sich von seinem Nachbarn helfen. Jeder Lernende ist nun mit diesem – bislang noch leeren – Blatt bestückt. Die Aufgabe besteht nun darin, dass jeder bei möglichst vielen anderen Lernenden eine kurze Rückmeldung in die Handfläche einträgt. Jeder sieht sein gefülltes Blatt allerdings erst am Ende der Methode – und der Lehrende, Trainer oder Teamcoach dann in der Regel rundum strahlende Gesichter. Abb. 77: Virtuelle Dusche 289 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Herausforderung im virtuellen Adaptieren besteht vorrangig auf der technischen Ebene. Damit ist sie auch abhängig von der jeweiligen Lernplattform und den Möglichkeiten, welche diese bietet. Eine wiederkehrend gelungene Umsetzung sehen wir darin, das Feedbackblatt (im analogen Raum beispielhaft die leere Hand mit dem Namen darüber) derart individuell zu gestalten, dass es nicht an den „Rücken“ der Lernenden angebracht werden muss. Ein Foto aus dem Lernprozess zum Beispiel, ein Screenshot aus einer besonders gelungenen Sequenz oder vieles andere mehr bietet sich für diesen Fall an. Wenn Ihre Lernenden einen direkten Zugriff auf die Lernplattform haben, können Sie als Veranstalter dort einen Bereich nur für diesen Zweck (zeitlich terminiert und nur für diesen Kurs zugängig) anlegen. Wichtig wäre, dass jeder Lernende Zugang in diesen Bereich hat, dass das Produkt aber nur von der jeweiligen Person heruntergeladen werden kann. Umsetzungstipps: • Besprechen Sie zu Beginn die einschlägigen Feedbackregeln bzw. rufen Sie diese wieder ins Gedächtnis. Ggf. braucht es, je nach Kurs, zusätzliche Regeln, wie z. B. die Klarstellung, dass nur ein bestimmter Bereich von allen anderen beschrieben werden darf. • Mit bisherigen Beispielen gelungener „Virtuelle Dusche-Produkte“ lassen sich auch passivere Kurse gut motivieren. Best case haben Sie gar Ihre „Feedback-Hand“ zur Verfügung. • Nehmen Sie die Lernenden mit und machen Sie Ziel, Sinn und Zweck der Methode transparent. Ggf. haben Sie findige Experten im Kurs, die z. B. eine App für diese Methode entwickeln. • Beherzigen Sie, dass die Produkte gewissermaßen Geschenke an jeden einzelnen Teilnehmer sind. Jeder darf selbst entscheiden, 290 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre ob und wie er seine Visualisierung präsentieren möchte. Lassen Sie hier keinen Sozialdruck aufkommen. Achten Sie auf feine Signale und bleiben Sie jederzeit offen für Rückfragen und Wünsche. 291 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 57: Virtueller Kongress Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden unter sich, angeleitet. Was? Eine Konferenz mit Referenten aus der Praxis zu einem bestimmten Fachthema. Wo? Auf einer Online-Plattform. Wozu? Als Instrument der Vernetzung der Unterrichtsinhalte und zum Schaffen einer Relevanz in die berufliche Praxis bzw. gesellschaftliche Realität. Wie? In GA und als Projektarbeit. Nach unserer langjährigen Erfahrung in der Begleitung virtueller Lernkulturen muss es das Ziel sein, alle Beteiligten an einem gemeinsamen Entwicklungsprozess hin zu einem hybriden Lern- und Sozialraum zu beteiligen. Diese Entwicklung verläuft in der Dimension von mehreren Jahren. Daher ist die nun folgende Methode für ein fortgeschrittenes Stadium dieser Sozialraumentwicklung geeignet. 292 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Wie in der Methode „Virtuell Lernen durch virtuell Lehren“ (vgl. S. 285) dargestellt, ist eine pragmatisch verstandene Verantwortung für ganzheitliche Lernprozesse auch ein effizienter „Hebel“. So verstanden legen Sie z. B. die Verantwortung für die Organisation eines Fachkongresses an Ihrer Schule in die Hände von Lernenden. Auch in Klassen der Mittelstufe können Aufgaben bereits eigenverantwortlich übernommen werden. Erziehung zur Selbstständigkeit und die einschlägigen Grundlagen zur Projektarbeit sind leitende pädagogische Prinzipien dieser Methode. Den Lehrenden fällt hier die Rolle des Regisseurs, Kümmerers, vielleicht sogar des Assistenten zu. Je mehr Sie hierbei zurücktreten können, umso erfolgreicher kann die Methode greifen. Die Herausforderung der Lernenden ist es, geeignete Experten ausfindig zu machen und diese angemessen für das Projekt zu gewinnen. In diesen Aushandlungen wird es auch um soziale (Kontaktanbahnung, Anschreiben etc.) und methodische Angemessenheit (Art und Umfang der Themenbearbeitung, Länge des Beitrags, Termine Abb. 78: Virtueller Kongress 293 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre etc.) gehen. Zusätzlich wird das lernbiografisch erworbene Wissen in virtuellen Kontexten aktiviert und konstruktivistisch reproduziert. Bisher zur festen Gewohnheit gewordene digitale Abläufe werden so reflektiert und einem Praxistest unterzogen. Davon werden wiederum Sie und Ihre Einrichtung lernen, welche vorrangigen Interessen in der aktuellen digitalen Generation vorherrschen. Umsetzungstipps: • Setzen Sie das Format in eine zumindest Teilöffentlichkeit. Das erzeugt Relevanz und einen Realitätsbezug des virtuellen Kongresses. • In einer vorbereitenden Phase bearbeiten Sie die übergreifende Fragestellung des Kongresses. Naturgemäß leitet sich diese aus den aktuellen Bildungsplänen her. • Vernetzen Sie die Kongressinhalte fachübergreifend. Die Beiträge selbst können medientechnisch reproduziert und dokumentiert werden. Die Textinhalte können redigiert und publiziert werden. Der Komplexität der Vernetzung mit weiteren Bildungsund Kooperationspartnern sind in diesem Projekt kaum Grenzen gesetzt. 294 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 58: Virtuelle Landkarte Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lehrenden und Lernenden. Was? Eine Landkarte als PDF-Dokument, die vom Lehrenden hochgeladen wird. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Zur Begrüßung, zum Kennenlernen, zur Aktivierung und zum Gruppenforming. Wie? Indem Sie die regionale Herkunft Ihrer Teilnehmer bewusst berücksichtigen und zum Ausgangspunkt machen. Abb. 79: Virtuelle Landkarte 295 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Zur Motivation für diese Methode kann ein O-Ton eines Lernenden beitragen: „Das war echt was Neues, das so zu erleben. Du triffst dich mit Menschen aus ganz verschiedenen Orten in einem Raum, den es so, also zum Eintreten und Anfassen, gar nicht gibt. Mir hat das stark geholfen: Zu sehen, wo jeder herkommt und dann auch zu spüren: Du musst das nicht abgeben, es gehört dazu und du darfst das in das digitale Klassenzimmer mitbringen.“ Diese Methode ist praktisch sehr einfach vorzubereiten und durchzuführen. Gleichzeitig ist sie äußerst effizient, im Sinne einer starken pädagogischen Wirksamkeit. Diese besteht auf verschiedenen Ebenen: Sie durchbrechen als Lehrende mit einer sensiblen Führung die für den virtuellen Raum übliche Passivität. Sie knüpfen an der Identität und Individualität der Lernenden an und nehmen deren Herkunft ernst, machen sie zum Teil des Lern- und Gruppenprozesses. Sie trainieren Regeln im virtuellen Raum, wie z. B. den „Stab“ aufzunehmen und weiterzureichen, und damit eine notwendige Sensibilität füreinander. Zusätzlich können Sie an den Einstieg über die „Virtuelle Landkarte“ etliche weitere Methoden und Rollenspiele anbauen. Dadurch stellt sich soziales Lernen ein, das dem inhaltlichen – was Sie schnell bemerken werden – sehr zuträglich ist. Vor allem aber entsteht das, was von Kritikern des virtuellen Unterrichts von Anfang an des „Homeschoolings“ als Desiderat vorgebracht wird: personale Nähe, zum Lehrenden wie zu allen weiteren Lernenden. Dieser Hinweis erscheint uns umso wichtiger, je weniger bei der Kritik der Digitalisierung ein Phänomen außer Acht gelassen wird: Dass die (vermeintliche) Anonymität im Virtuellen dazu führt, schneller etwas von sich preis zu geben. Was in offenen, ungeschützten Räumen durchaus seine Berechtigung hat, kann aber im virtuel- 296 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre len Unterrichtsraum als Chance verstanden werden, eine angemessene Beziehungsdidaktik zu pflegen – und dabei für die Gefahr des „digitalen Zuviel“ zu sensibilisieren. Darüber hinaus eignet sich diese Methode dazu, die Technik zu trainieren, z. B. die Bedienung der Zeichenelemente, um seinen Wohnort mit der gewünschten Farbe bzw. einem eigenen Motiv zu markieren. Umsetzungstipps: • Es hat sich bewährt, als Lehrender den Anfang zu machen. Nehmen Sie dabei beide Ebenen ein: die inhaltliche und die der Regie. • Achten Sie auf Fragen (oder auch auffällige Stille), während Sie sich auf der Ebene der Regie befinden. Geben Sie diesen bzw. dieser den Vorrang. • Berücksichtigen Sie die Gruppendynamik. Es handelt sich (wenn auch nur um den Ort) um persönliche Inhalte. Vielleicht mag nach Ihnen jemand freiwillig den „Stab“ übernehmen? • Berücksichtigen Sie in Ihrem Storyboard, dass dieser Einstieg seine Zeit in Anspruch nehmen wird. Bedenken Sie, dass auch die, die als Letzte an der Reihe sind, zeitlich nicht gedrängt werden sollten. • Überlegen Sie sich Auflockerungen, z. B. Wiederholungsfragen zu Orten, Personen oder darüber hinaus geäußerten Fakten. 297 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 59: Visualisieren Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x (LV) / x (GA) Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Sie als Lehrender oder die Lernenden. Was? Zeichnerische Darstellung eines Zusammenhangs auf einem Whiteboard. Wo? Im Plenum (LV oder SV) oder im Gruppenraum (GA). Wozu? Um Inhalte für die visuelle Wahrnehmungsebene zu öffnen. Wie? Auf einem Whiteboard oder mit Hilfe der Dokumentenkamera. Abb. 80: Visualisieren 298 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Wörter, Fakten und Zahlen sind zwar im Leben wie im Beruf wichtig, aber sie sind nicht das Leben. Die meisten Themen, die ins Personalund Business Coaching getragen werden, lassen sich daher auch nicht rein verbal lösen. Bevor wir Menschen zu sprechen begannen, haben wir uns über eine vorsprachliche Ebene ausgedrückt – und sind im Grunde so auch verstanden worden. Die vorsprachliche Ebene ist dem Fühlen entwicklungspsychologisch daher näher als das Denken (und damit Reden und Schreiben). Sie ist mit persönlichen Zeichen und kollektiven Chiffren verbunden und besitzt einen Schatz an Archetypen, der intuitiv „da“ ist. Auch im herkömmlichen Unterricht ist es wichtig, nicht nur Fakten und Zahlen an der Tafel abzubilden, sondern Zusammenhänge zu visualisieren. Sie fördern so gehirngerechtes Lernen und initiieren die Ausbildung neuer Denkmuster bei Ihren Lernenden. Entsprechend unseres Credos – was in der Präsenzlehre gut ist, darf im virtuellen Klassenzimmer nicht verloren gehen! – möchten wir dazu einladen, Visualisierungen auch im „Homeschooling“ nutzbar zu machen – und zwar auf der Lehrenden- wie auf der Lernenden-Ebene. Neben der Stimulierung des Großhirns regen Visualisierungen das emotionale Denken an. Die ureigenen Beiträge von Lernenden sind für gelingende Lernprozesse aber unabdingbar. Diese Lernprozesse sind von den eigenen Reflexionsvorgängen abhängig. Hier greift der große Vorteil der Visualisierung: Durch die Gleichzeitigkeit von Bild und Text (vgl. Methode „Dokumentenkamera – good old Tafelbild“, S. 155) geben Sie den Zuhörern Zeit, das Dargebotene zu verarbeiten. Diese Entschleunigung ermöglicht, dass jeweils eigene Assoziationen konstruiert werden und das Lernen so effizienter wird. Dabei geht es nicht darum, möglichst eingängige Visualisierungen zu finden, denn diese kommen parallel zu Ihren gesprochenen Erklärungen. Manchmal reichen auch nur Abkürzungen oder Chiffren – z. B. die Sternenmännchen als Darstellung für Personen in diesem Buch. 299 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Oftmals ist es sogar zuträglich, dem Auge „etwas zu arbeiten“ zu geben, weil die gedankliche Verweilzeit dann höher ist und so die Beschäftigung intensiver. Wie immer gilt: Nur Mut! Umsetzungstipps: • Haben Sie keine Scheu davor, intuitiv zu zeichnen. Sie drücken etwas von Ihrem Inneren aus, das ist entscheidend. Versuchen Sie nicht perfekt zu sein, nur dann können auch Lernende ihre anfängliche Scheu ablegen. • Mit dem „Malen“ ist es wie mit dem Singen: Wir bringen als Menschen bestimmte Grundlagen mit, experimentieren als Kinder noch damit und legen sie in unserer weiteren Sozialisation oft leider ab. Lassen Sie sich daher sagen: Wie jeder Mensch singen kann, kann auch jeder Mensch visualisieren. Auch Sie! • Für den Mut zur Visualisierung braucht es eine Haltung, die für den virtuellen Raum grundsätzlich gilt: Man muss sich und die anderen sichtbar machen (wollen)! Dieser Grundsatz lässt sich – verinnerlicht – auch leicht auf die inhaltliche Ebene übertragen. 300 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 60: Walt Disney Methode Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Eine Kreativmethode, in der sich analoge mit visuellen Elementen verbinden lassen. Wo? Am Whiteboard, im virtuellen Gruppenraum, in der eigenen „Blase“. Wozu? Zum ganzheitlichen Erarbeiten von Lösungen, zum Rollen – und Perspektivwechsel. Wie? Durch Einführung der Methode im Plenum (und evtl. durch Vormachen der Methode in der eigenen „Blase“ des Lehrenden über Kamera). Nur wer im Team alle Sichtweisen gelten lässt, wird ein Ergebnis erreichen, das möglichst vielen Perspektiven gerecht wird. In einem Teamcoaching mit Hilfe dieser Methode können die Teamrollen – für eine Zeit lang – beiseite „gelegt“ werden, Abb. 81: Walt Disney Methode 301 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre und mit einer Erweiterung der Perspektive wieder eingenommen werden. Die Perspektivenerweiterung wirkt sich in aller Regel positiv auf das Teamgefüge und das angestrebte Ergebnis aus. Zur Erarbeitung von Lösungsideen, speziell in gesellschafts- und sozialwissenschaftlichen Fächern, ist es ebenso wichtig, auch mal einen anderen Blick auf das Thema zu bekommen. Dazu bietet sich die Walt Disney Methode (entwickelt von Robert Dilts) an: Von drei Plätzen aus – „the spoiler“, „the dreamer“, „the realist“ – wird auf denselben Sachverhalt bzw. auf dieselbe Fragestellung geschaut. Im herkömmlichen Unterricht würden Sie dazu drei Stühle um einen Tisch stellen, auf dem Tisch das Thema auslegen und erklären, dass jeder Stuhl eine Perspektive versinnbildlicht. Jeder Lernende würde so lange jede Perspektive (neu) – durch das Besetzen der Stühle – einnehmen, bis ihm nichts mehr Neues zum Thema und aus der jeweiligen Perspektive einfällt. Diese methodische Herausforderung lässt sich im virtuellen Raum verschieden lösen. Möglichkeit 1: Sie richten drei Gruppenräume ein, in denen das Thema jeweils auf dem Whiteboard steht. Die Lernenden gehen unabhängig voneinander in die Räume. Ihre Aufgabe wäre es, diesen Prozess so zu steuern, dass bei diesem ersten Schritt keine Gespräche erfolgen. Jeder soll seine Assoziationen in der jeweiligen Rolle in diesem Schritt auf dem Whiteboard fixieren oder visualisieren können. Möglichkeit 2: Sie begleiten die Lernenden in jedem Gruppenraum so intensiv, dass eine Dreiergruppe bestehend aus den drei Rollen in einem Raum arbeiten kann. Nutzen Sie – was im herkömmlichen Unterricht so nicht möglich wäre – zusätzlich den privaten Raum der Lernenden. Jeder richtet sich vor der Methode räumlich so ein, dass er ganzheitlich, was hier heißt: geistig und somatisch – in jede wech- 302 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre selnde Rolle eintauchen kann. Trainieren Sie dies zuvor mit Ihren Lernenden. Mögliche Leitfragen sind: Wie fühlt sich jemand, der seine ureigene Aufgabe darin sieht, Kritik und nur Kritik zu äußern? Wie sitzt er da, wie verhält er sich non- und paraverbal? Wie gestaltet er seine Kommunikation? Fühlen Sie sich in diese Haltung hinein und formulieren Sie Ihre Gedanken erst, nachdem Sie diese Rolle innerlich wahrgenommen haben. Möglichkeit 3: (Hier ist Ihre Kreativität gefragt!) Im Anschluss an die assoziative Phase werden alle Einträge in der Gruppe besprochen und auf die Aufgabenstellung hin gebündelt. Dazu müssen sich die Lernenden aus den Rollen lösen. Im Idealfall begleiten Sie diesen Schritt oder eine vierte, neutrale Person aus der Runde der Lernenden unterstützt diesen Prozess. Bei arbeitsteiliger Gruppenarbeit mit demselben Auftrag werden danach im Plenum alle gefüllten Whiteboards präsentiert. Umsetzungstipps: • Diese Methode richtet sich an Lernende, die in kreativer Gruppenarbeit geübt sind und die auch Spaß an Rollenspielen haben. • Da im Prozess Assoziationen auch verschwinden können, braucht es ein gewisses Maß an Disziplin, die personal aufkommenden Gedanken, Emotionen, Erinnerungen als erstes zu fixieren. • Die „Visualisierung“ (vgl. S. 298) ist eine Möglichkeit, Assoziationen eine kreative Form zu geben, deren spontanen Charakter beizubehalten, und zudem Raum für weitere Assoziationen in der Gruppenbesprechung zu geben. 303 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 61: Webcam Laola, Zettelwirtschaft Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Die Webcam als Feedback-Kanal einbinden. Wo? Vor der Webcam. Wozu? Um durch Gestik und Mimik über die Webcam lebendige Situation schaffen. Wie? Durch Ihre Anmoderation und das Setzen von Kommunikationsregeln. Sehr große und sehr kleine Methoden haben sich hier abgewechselt. Die „Webcam Laola“ liegt in der kleinen Kategorie, sie ist eher eine Moderationstechnik. Diese Methode eignet sich zur Auflockerung und dafür, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Abb. 82: Webcam Laola, Zettelwirtschaft 304 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Benutzen Sie die Webcambilder als schnellen und intuitiven Feedback- Kanal in, für und aus der Gruppe: Es geht nicht nur um die Gesichtsausdrücke und Gesten, wie z. B. Nicken und Kopfschütteln, sondern auch einfache Skizzen auf Zetteln können als spontanes Feedback in die Kamera gehalten werden. Es gibt wohl in keinem Videokonferenzsystem einen schnelleren Feedback-Kanal auf die Frage „Können mich alle gut hören?“, als die Geste „Daumen hoch“, die in die Kamera gezeigt wird. Dies weiter auszubauen, sind Ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt: Das kann von einfachen Abstimmungen (z. B. einen Zettel mit einem Haken oder einem Kreuz), inhaltlichen Abfragen (vgl. z. B. die Methode „Skalierung“, S. 262) oder dem Zeigen des Getränkes, das vor den Lernenden steht, ausgehen. Die Methode sollte im Inhalt des Unterrichts eingebettet sein und so einen tieferen Sinn (über kurze, berechtigte Lacher hinaus) haben. Erwähnen Sie diesen intendierten Sinn offensiv und fordern Sie eine Beteiligung auch ein – ein Gruppengefühl entsteht nicht von alleine, sondern muss immer wieder gepflegt werden, diese Weisheit gilt für den virtuellen Raum umso mehr. Umsetzungstipps: • Gehen Sie sensibel, aber systematisch mit den jeweiligen Blicken in die „Blasen“ der Teilnehmer um. Ist jemand umgezogen? Sitzt er an einem anderen Ort als sonst? – Gesprächsanlässe, die Sie beziehungsdidaktisch einbinden können. • Definieren Sie zu Beginn Ihres Unterrichts diese Methode als Kommunikationsregel. Das klassische Strecken mit Handzeichen entsteht aus Gewohnheit von alleine, alles darüber hinaus sollten Sie anmoderieren und (ebenfalls) pflegen. 305 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 62: Willkommens-Bingo Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Beschriftete und erweiterbare Whiteboards/PDF-Formate o. ä. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Zur Begrüßung, zum Kennenlernen, zur Aktivierung und zum Gruppenforming. Wie? Im Plenum oder in Gruppenräumen, die die Lernenden frei wechseln können, als umlaufende PA (eigendynamisch). Abb. 83: Willkommens-Bingo 306 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Ähnlich wie die „Virtuelle Landkarte“ (vgl. S. 295) dient diese Methode dazu, dass sich die Lehrenden (besser) kennenlernen. Im klassischen Schulbetrieb hat es sich bei mehrjährigen Kursen gezeigt, dass Sozialcurricula, Studienfahrten zu Beginn der gemeinsamen Zeit oder auch Methodentage als Einstieg in eine Schulart in der Regel immer das soziale Miteinander stärken. Dieses Phänomen lässt sich mit den klassischen Phasen der Teambildung gut vergleichen. Pädagogisch gesprochen: Die klassische Erlebnispädagogik braucht eine entsprechende Übertragung in den virtuellen Raum. Wir beanspruchen nicht, dass solche Methoden das physische Miteinander komplett ersetzen (sollen). Auch weiterhin wird es wichtig sein, dass Phasen des Präsenzunterrichts – oder besser, handlungsorientiert von praktischen Projekttagen – das virtuelle Lehren und Lernen ergänzen. Was sich im virtuellen Raum aber bietet, das sollte genutzt und – zugunsten der Lernenden und der Atmosphäre auch „ausgereizt“ – werden. Bereiten Sie ein PDF-Format, ein Whiteboard oder was sich in Ihrem Lernformat als Medium bietet, mit Arbeitsauftrag und eigenen Kategorien vor. Die Bereiche können Sie dabei nach der jeweiligen Lerngruppe beliebig abändern. Beispielhaft: AA: Finden Sie jeweils eine andere Person, die … … eine Gemeinsamkeit mit Ihnen teilt, … in letzter Zeit was Verrücktes gemacht hat, … das gleiche Lieblingshobby wie Sie hat, … im Urlaub in demselben Land war wie Sie, … schonmal einer berühmten Persönlichkeit begegnet ist, … vor kurzem auf einem Konzert war, … gerade etwas aus dem letzten Urlaub trägt, … schon mal im Freien übernachtet hat, … schon mal nachts Schwimmen gegangen ist, 307 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre … mit der Liebe seines Lebens zusammen ist, … vor kurzem eine wichtige Entscheidung getroffen hat, … vor kurzem auf einer Hochzeit war, … eine neue Brille hat, … gerade einen neuen Style ausprobiert … und tauschen Sie sich kurz darüber aus. Die Methode „lebt“ von der Eigendynamik. Die Lernenden müssen sich dazu ansprechen, aufeinander – virtuell – „zugehen“ und werden sich immer zu zweit austauschen. Ihre Rolle als Lehrender besteht in der vorbereitenden und begleitenden Assistenz. Je besser Sie die Gruppe kennen bzw. einschätzen können, umso weniger müssen Sie die Aufgaben vorher ansprechen – die Methode „lebt“ ebenso vom Überraschungseffekt. Technisch ist es wieder vom Lernportal abhängig, wie das Arbeitsblatt und die Räume gestaltet werden. Legen Sie als „Regisseur“ Wert auf die soziale Nähe der Lernenden, hierbei kann das Arbeitsblatt als Medium dienen. Die Lernenden können hierauf die Namen ihrer jeweiligen Gesprächspartner festhalten. Das hat – haptisch – eine andere Wirksamkeit, als wenn die einzelne Kommunikation durch viele kleine Chats laufen würde. Umsetzungstipps: • Machen Sie transparent, dass Sie während der Methode nirgends präsent sein werden (und halten Sie sich auch daran, tauchen Sie nicht irgendwo plötzlich als „Schatten“ auf), dass Sie aber jederzeit zum methodischen und technischen Support zu Verfügung stehen. Klären Sie vorab den Kommunikationsweg. 308 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre • Die Chat-Funktion sollte nur dann zum Einsatz kommen, wenn es technisch keine andere Möglichkeit gibt, v. a. sollte nicht ausschließlich gechattet werden. • Schließen Sie die Methode im Plenum ab. Reflektieren Sie dabei auch auf der Metaebene die Sinnhaftigkeit und die pädagogische Wirksamkeit der Methode. Das Feedback der Lernenden sollte dabei leitend sein. • Lassen Sie im Anschluss an die Methode Raum für den Austausch. Planen Sie ggf. eine Pause ein und lassen Sie den virtuellen Unterrichtsraum geöffnet. Sie werden erfahrungsgemäß überrascht sein, was diese Methode an Gesprächsbedarf und an Emotionen auslöst – eine wunderbare Basis für schülerzentrierten Unterricht! 309 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 63: World Café Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Vorstrukturierte Whiteboards. Wo? In Gruppenräumen und zur Vorstellung am Bildschirm. Wozu? Zur Sammlung von Vorwissen, für schülerorientiertes Arbeiten. Wie? Indem die Teilnehmer als Experten des Lernens ernst genommen werden und ihre Beiträge Raum bekommen. Abb. 84: World Café 310 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Methode erfreut sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit in der Erwachsenenbildung und in Projekten zur Bürgerbeteiligung. Auch in der Lehrerfortbildung, in Teamreflexionen und in Pädagogischen Tagen haben wir gute Erfahrungen mit dem „World Café“ gemacht. Es bringt Menschen buchstäblich „an einem Tisch“ zusammen, regt zur konstruktiven Auseinandersetzung und zur Diskussion an und „lebt“ von der Wirksamkeit des Austauschs. Denn dieser ist zu fixieren bzw. visualisieren und wird im Anschluss im Plenum aus- oder vorgestellt. Ähnlich wie bei der Methode „Placemat“ (vgl. S. 232) besteht der Ansatz auf dem kooperativen Lernen, jedoch in einem größeren Ausmaß: Bereiten Sie mehrere „Tische“ bzw. im virtuellen Raum Whiteboards und Gruppenräume mit je einer Fragestellung vor. Zum Beispiel: Gruppenraum 1: „Was hat Sie in der Corona-Krise persönlich am meisten belastet?“ Gruppenraum 2: „Welche überraschenden Erlebnisse hatten Sie in der Corona-Krise?“ Gruppenraum 3: „Welche Gefahren für die Demokratie haben Sie in der Corona-Krise wahrgenommen?“ Gruppenraum 4: „Welche Chancen sehen Sie in der Corona-Krise bzw. im persönlichen und/oder gesellschaftlichen Umgang mit ihr?“ Auf dem Whiteboard jeder Gruppe ist genügend Platz für alle Einträge. Das Whiteboard bleibt auch nach dem Verlassen des Raumes geöffnet. Nach einer vorgegebenen Zeit schließen Sie die Räume und verteilen die Teilnehmer neu. Hier hat der virtuelle Raum durch die Technik klare Vorteile. Achten Sie darauf, dass sich die Zusammen- 311 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre setzung in den Gruppenräumen immer wieder mischt und nicht dieselben Personen zusammensitzen. Das sichert die Fokussierung auf die jeweilige Frage. Nach der Arbeitsphase können Sie eine kleine Pause einbauen, in der Sie die Plakate bzw. Whiteboards für das Plenum vorbereiten. Geben Sie dann der großen Gruppe zuerst Zeit, die Ergebnisse zu betrachten und Rückmeldungen zu geben. Die Stärke der Methode besteht an dieser Stelle darin, dass jeder Lernende zu jedem Produkt einen Bezug hat. Sie werden überrascht sein, wie „voll“ die Whiteboards sein werden. Ihre Lernenden bekommen zurückgespiegelt, dass sie (bereits) über viel (Vor-)Wissen verfügen und dieses miteinander in gute Strukturen bringen konnten. Besser können Sie für den weiteren Lernprozess kaum motivieren. Die Methode World Café ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir das Lehren und Lernen verstehen: Ihre Aufgabe als „Lehrender“ ist es, das Lernarrangement zu gestalten und als Lerncoach präsent zu bleiben, Scharnierstellen zu begleiten und Unterstützung zu geben. Alles andere verläuft themenbezogen und gruppendynamisch. Mit dem Effekt, dass Sie die Selbstwirksamkeit, die Motivation und die Identifikation – sowohl mit dem Thema wie mit der Lerngruppe – bei Ihren Lernenden steigern. Umsetzungstipps: • Die Methode eignet sich für sehr große Lerngruppen, für hybride Projekte und für virtuelle Camps. Die Gruppenräume sind vorher gut vorzubereiten und der Ablauf des World Cafés muss den Lernenden gut vorgestellt werden. Hierzu eignet sich eine eigene Visualisierung oder eine Animation. Auch mit Fotos aus ehemaligen World Cafés haben wir gute Erfahrungen gemacht, Teilnehmer zu motivieren. 312 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre • Auch sehr heterogene Gruppen lassen sich mit dieser Methode sehr gut ansprechen. Achten Sie darauf, dass möglichst viele Wahrnehmungskanäle stimuliert werden und bei der Ergebnissicherung Berücksichtigung finden. • Das World Café unterstützt die Demokratieerziehung. Führen Sie dazu (bei Bedarf) notwendige Kommunikationsregeln für die Arbeit an den Tischen ein. Bleiben Sie als Lehrender zwar im Hintergrund, aber jederzeit verfügbar. • Würdigen Sie die vorgestellten Ergebnisse angemessen. Im analogen Kontext hat es sich bewährt, die Plakate für längere Zeit in den Klassenräumen hängen zu lassen. Die Lernenden identifizieren sich im besten Fall ein ganzes Schuljahr damit. Hierauf lässt sich an anderer Stelle immer wieder gut verweisen. Halten Sie nach ähnlichen Ritualisierungen im virtuellen und hybriden Kontext Ausschau. 313 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Methode 64: Zielscheibe Starke Ausprägung Mittlere Ausprägung Neutrale Ausprägung Mittlere Ausprägung Starke Ausprägung Synchron x Asynchron Zeitlich befristet x Zeitlich unbefristet Individuell orientiert x Gruppenorientiert Speziali siert x Generalisiert Ergebnisorientiert x Entwicklungsorientiert Öffentlich x Privat Wer? Die Lernenden. Was? Ein vorbereitetes Whiteboard oder PDF-Format. Wo? Am Bildschirm. Wozu? Als Feedbackinstrument, zur Transparenz, zum Ende einer (jeder) Lerneinheit. Wie? Im Plenum, zuerst nur durch unkommentierten Eintrag, dann durch verbale Reflexion. Abb. 85: Zielscheibe 314 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Diese Auswahl an Methoden, die sich für den virtuellen Raum besonders anbieten, soll hier mit einem Beispiel beendet werden, das sehr leicht vom Analogen ins Digitale und Hybride übertragbar ist. Damit wollen wir zum Abschluss nochmals gezielt dafür werben, dass Sie Ihren eigenen bisherigen „Methodenkoffer“ dahingehend überprüfen. Denn, nur weil Sie einen neuen Raum betreten (haben), sind damit noch nicht Ihre bewährten Werkzeuge des Lehren und Lernens obsolet geworden. Dieser Annahme sind in den ersten Wochen des „Homeschoolings“ nicht wenige Lehrende Kollegen aufgesessen, was zusätzlichen Druck ausgelöst hat. Deshalb an dieser Stelle gern als Wiederholung: Was im analogen Lernraum gut funktioniert (hat), darf sich zuerst einmal dem Test im Virtuellen stellen, bevor Sie es als veraltet ablegen! Laden Sie sich die Abbildung einer Zielscheibe aus dem Internet herunter oder gestalten Sie mit einfachen Mitteln des Zeichnen-Tools eine ähnliche Visualisierung selber. Wie bei einer „echten“ Zielscheibe erhöhen sich die Werte in Richtung des Zentrums. Unterteilen Sie Ihre Abbildung in eine übersichtliche Anzahl an Abschnitten, in der Regel sind dies vier. Geben Sie diesen Rubriken ein Thema oder – besser – eine Leitfrage, zum Beispiel: Wie groß war der Praxisbezug für Sie? Wie erfolgreich bewerten Sie die Teamarbeit? Wie verständlich waren die Präsentationen für Sie? Wie angemessen fanden Sie die Methoden? Geben Sie das Zeichnen-Tool frei und machen Sie vorher Regeln präsent (z. B., dass jeder Lernende eine gewisse Anzahl an – virtuellen – Klebepunkten hat). Lassen Sie die fertige Zielscheibe erst einmal wirken und beginnen Sie die anschließende Auswertung mit den Äußerungen Ihrer Lernenden zu den entsprechenden Wirkungen. 315 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Die Methode ist prinzipiell nicht vom Alter der Teilnehmenden abhängig. Sie wird ebenso in der Lehrerfortbildung wie im Teamcoaching oder in der Auswertung Pädagogischer Tage angenommen. In den virtuellen Unterricht lässt sie sich ebenso gut adaptieren. Umsetzungstipps: • Behandeln Sie das in der Visualisierung ausgedrückte Feedback wertschätzend und mit Respekt. Zum Beispiel können Sie bei späteren Optimierungen immer wieder auf die Darstellung Bezug nehmen. • Akzeptieren Sie es auch, wenn sich Lernende nicht zu Ihren Einträgen „outen“, denn der Reichtum dieser Methode besteht in der Anonymität. • Sich Feedback einzuholen und als Mittel der Unterrichtsentwicklung zu begreifen, ist von Ihrer persönlichen Haltung dazu abhängig. Binden Sie diese Methode (nur) so weit in Ihren Unterricht ein, wie Sie Feedback persönlich auch wollen. • Über die klassische Feedback-Anwendung hinaus lässt sich die Zielscheibe immer dort einsetzen, wo die Bedeutung von Sachverhalten in eine erste Strukturierung zu bringen ist. 316 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre Auch in Buchform lässt sich nur eine Auswahl darstellen. Mit dem Erwerb dieses Buches haben Sie einen kostenfreien Zugang zum Newsletter der Autoren erhalten. Hier finden Sie regelmäßig für den virtuellen Raum aufbereitete Methoden, die Sie für Ihren Unterricht frei nutzen können. Schreiben Sie dazu einfach einen der beiden Autoren an. Betreff: Newsletter zum Buch Kontakt: info@coaching-hanstein.de oder info@ken.de 317 Rezepte, Techniken und Methoden für die virtuelle Lehre

Chapter Preview

Schlagworte

Methodenbuch, hybrides Klassenzimmer, Berufseinstieg, Unterrichtsvorbereitung, virtuelle Lehre, Fernunterricht, Digitale Lehre, Digitalität, Hochschullehre, Homeschooling, Referendariat, Bildungsforschung, Hochschule, Didaktik, Unterrichtsmethoden, Methodik, Schule

References

Abstract

The corona crisis has shown that teachers are still unprepared for the challenges of virtual teaching. In Digital lehren, the authors, with their many years of experience in school and university didactics, offer their findings for the hybrid classroom of tomorrow. The book is aimed at teachers and subject didacticians who want or have to offer parts of their teaching digitally and want to reflect on it didactically. The focus of the book explores the question: Which methods from analogue teaching and learning processes are suitable and adaptable for virtual distance learning? 64 tried and tested methods with clear illustrations make the book a practical resource for preparing lessons.

Zusammenfassung

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Lehrerinnen und Lehrer auf die Herausforderungen der virtuellen Lehre noch unvorbereitet sind. In Digital lehren bieten die Autoren mit ihren langjährigen Erfahrungen in der Schul- und Hochschuldidaktik ihre Erkenntnisse für das hybride Klassenzimmer von morgen an. Das Buch richtet sich an Lehrende und Fachdidaktiker, die Teile ihres Unterrichts digital anbieten möchten oder müssen und diesen didaktisch reflektieren wollen. Der Schwerpunkt des Buches geht der Frage nach: Welche Methoden aus analogen Lehr- und Lernprozessen sind brauch- und adaptierbar für den virtuellen Fernunterricht? 64 erprobte Methoden mit anschaulichen Illustrationen machen das Buch zu einem praxisnahen Fundus für die Unterrichtsvorbereitung.

Schlagworte

Methodenbuch, hybrides Klassenzimmer, Berufseinstieg, Unterrichtsvorbereitung, virtuelle Lehre, Fernunterricht, Digitale Lehre, Digitalität, Hochschullehre, Homeschooling, Referendariat, Bildungsforschung, Hochschule, Didaktik, Unterrichtsmethoden, Methodik, Schule