3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen in:

Roland Mierzwa

Armut und die Corona-Krise, page 43 - 58

Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu überdacht

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4520-6, ISBN online: 978-3-8288-7562-3, https://doi.org/10.5771/9783828875623-43

Tectum, Baden-Baden
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Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen Die nachfolgenden Ausführungen zur „Vorrangigen Option für die Armen“ werden neu vermessen aus der Option für die Exkludierten heraus. Das ist notwendig, zeigten doch die vorangehenden Ausführungen, dass es gesellschaftlichen Ausschluss gibt. Durch Covid-19 wurde besonders deutlich, dass es Arme gibt, die nicht nur unten, sondern auch am Rande und ohne Einfluss leben. Covid-19 zeigte auf, dass es Arme nicht nur als Ausgebeutete gibt, sondern auch als „Überflüssige“ und als „menschlichen Abfall“. Die Armen gibt es nicht nur infolge einer aktiven Ausgrenzung; es gibt auch Arme, die gewissermaßen unsichtbar sind – zum Beispiel in Indien während der Corona-Krise (vgl. Perras, 23./24.05.2020, 5). Covid-19 zeigte: Ganze Bevölkerungsteile der Gesellschaften werden nicht mehr thematisiert. Und selbst der Ausgrenzungsprozess geriet aus dem Blickfeld, während er beobachtet wird. Arme werden zwar in ihrem Elend gesehen, aber doch zugleich übersehen. Die ausgegrenzten Armen sind mittendrin und sind doch zugleich buchstäblich Existenzen im Nichts. Es gibt Arme, wie einige Obdachlose, bei denen nicht mehr darauf geachtet wird, ob sie „noch“ die Normen der Mehrheitsgesellschaft teilen. Es gibt Arme, wie Indigene in Brasilien, die in den Augen einiger keinen positiv definierten Platz in der Gesellschaft mehr einnehmen dürfen. Es gibt Arme, wie Flüchtlinge, denen entgegen ihrem Willen, der Zugang zur Gesellschaft verweigert wird. Weil wir nicht auf die Straße gehen, vielmehr im Salon sitzen bleiben, wird dieser Ausschluss fortwährend verlängert. Weil wir nicht unsere „geschützten Räume“ verlassen, werden diese Menschen nicht hineingeholt in unser Leben, unsere Wahrnehmung und in die Begegnung. Und weil wir bei den Exkludierten nicht lange bleiben und uns nicht so oft wie nötig bei ihnen aufhalten, wie von ihnen gewünscht, werden uns „seelische und existenzielle Not“ der Exkludierten nicht deutlich (vgl. hier Schäper, 2014, 60–63; s.a. Butterwegge, 2020, 121–128). 3. 43 Vorrangigkeit11 Zunächst einmal ein Hinweis auf ein ganz großes Hemmnis, sich auf die „Vorrangige Option für die Armen“ einzulassen. Die Fähigkeit „vorrangig“ sich den Armen zuzuwenden, entscheidet sich daran, wie ausgeprägt die narzisstische Struktur von jemandem ist. Überhaupt die Perspektive einer Vorrangigkeit in den Blick zu bekommen wird erst möglich, wenn man eine echte Zuneigung und Fürsorge für andere Menschen aufbringt. Besteht eine Unempfindsamkeit gegenüber den Bedürfnissen und Wünschen anderer, dann wird es für diese Menschen unmöglich „vorrangig“ für die Armen da sein zu wollen. Dies zeigt sich an den Eliten, wo die Lage der Armen „niemanden wirklich interessiert“ (Hartmann, 2019, 22; s.a. Hartmann, 2018, 226–232). In den Analysen zu Brasilien, Indien und den USA zeigte sich auch, dass die Elite sich nicht wirklich für die Lage der Armen unter der Corona- Krise interessierte – Bolsonaro, Trump und Modi sind ungeheuer mit sich selbst beschäftigt. Weil Narzissten, nicht richtig verstehen können, was Armut für ein Leid bei den davon betroffenen Menschen anrichtet, unternehmen sie viel zu wenig gegen Armut, ist der Aspekt der „Vorrangigkeit“ für sie völlig irrelevant. Dann aber auch die Einschätzung: „Menschen mit narzisstischen Störungen brauchen problematische und leidvolle gesellschaftliche und soziale Verhältnisse, die ihnen helfen, ihr wirkliches Leid zu vertuschen und zu vergessen“ (Maaz, 2012, 85). Und so ist für diese Menschen der Aspekt der „Vorrangigkeit“ überhaupt nicht diskutabel. Der Aspekt der „Vorrangigkeit“ ergibt sich aus einem anthropologisch-ethischen, dann aber auch aus einem theologischen Anknüpfungspunkt. * Der anthropologisch-ethische Standpunkt entwickelt den Aspekt der „Vorrangigkeit“ aus der Menschenwürde. Er besagt, dass sich von dem Eingehen auf die Lebenslagen der Armen und „Letzten“ entscheidet, was man von der Würde des Menschen hält resp. ob man sie wertschätzt. Er besagt aber auch, dass sich die Wertschätzung des Menschen nicht nur in einer Reaktion auf Mangellagen 3.1. 11 Vorüberlegungen für diesen Abschnitt erfolgten in: Mierzwa, 2016a, 130–133; Mierzwa, 2017, 56–59; Mierzwa, 2019, 44–47; Mierzwa, 2020c, 56–57 3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen 44 erschöpfen darf. Gerade in der vorrangigen Aufmerksamkeit für die Qualitäten, Hoffnungen und Weisheiten der Armen zeigt sich, ob man den Aspekt der Menschenwürde ernst nimmt (vgl. Büchele, 1989, 114f.; s.a. Ederer, 9./10.05.2020, 33). * Der theologische Standpunkt macht deutlich, in der „Vorrangigen Option für die Armen“, also im „vorrangigen“ Hinwenden zu den Armen entscheidet sich der christliche Glauben (vgl. hier Susin/ Hammes, 2011, 111). Die Welt der Armen wird von theologaler Bedeutung. Die Wahrheit der Realität wird mit der „vorrangigen“ Zuwendung zu den Armen radikaler. Indem alle Armen zur Mitte einer Option für das Leben werden, werden entscheidende Voraussetzungen für das Grundverständnis solidarischen Zusammenlebens geschaffen. Solidarität wird daran zu messen sein, wie weit die Zugehörigkeit aller Armen zur Gesellschaft wieder hergestellt wird. Ohne Solidarität mit allen Armen kein Heil. Mit der Reich Gottes Verkündigung ernst machen bedeutet sich von jedem Narzissmus zu befreien, um sich voll für die gequälten Armen interessieren zu können, um dann eine wirklich neue Form von Gesellschaft zu wollen, die größer ist als Gott selbst (vgl. Susin/Hammes, 2011, 114). Jeder Arme kann ein privilegierter „theologischer Ort“ sein, um das Einbrechen Gottes und des Heiligen Geistes in die Welt zu erfahren und zu begreifen. „Vorrangige Option für die Armen“, das heißt diese auch als Träger der Evangelisierung zu erkennen. Sie können helfen, die Botschaft des Evangeliums in einem neuen Licht zu sehen, Menschenwürde und Mitgefühl mit einer anderen Atmosphäre verknüpft zu betrachten, neue Chancen und Möglichkeiten des Brücken-Schlagens und der Beziehungshaftigkeit zu begreifen. In den Armen leben Schätze und Möglichkeiten des Glaubens, die „uns“ nicht bekannt sind. Mit jedem Armen kann die Allgegenwart des „kosmischen Christus“ möglich sein. * Der theologische Standpunkt ist „religionslos“ (vgl. Mierzwa, 2019b) zu formulieren. Jon Sobrino sagt zwar: extra pauperes nulla salus. Damit meint er, dass an den Armen vorbei und ohne sie es keine „Erlösung“ gibt. Aber unter einer „religionslosen“ Perspektive verschiebt sich auch der „Erlösungsort“; er ist nicht exklusiv kirchlich zu fassen, sondern er hat auch eine historische und soziale Dimension außerhalb der/den Kirche(n). Er ist auch dort, wo die Ar- 3.1. Vorrangigkeit 45 men „Kreise der Liebe bilden“ oder sich in der Zivilgesellschaft, in sozialen Bewegungen, in der solidarischen Landwirtschaft oder auch in ökologischen Dörfern versammeln, produktiv tätig werden und eine andere Welt aufbauen. Hier muss nicht die Plakette „Gott“ unbedingt daran hängen. Es sind Bewegungen und soziale Bündnisse, die keine Opfer wollen, die Armut nicht individualisieren und das (gute) Leben wollen. Damit sind sie zwar im guten Sinne bei dem von Gott Gewollten, müssen sich aber manchmal von einem Gott der (bürgerlichen) Kirche(n) hierbei entfernen, weil hier der Arme nicht radikal vorkommt. Wenn man mit den Armen ist, wird man zwangsläufig aus der (bürgerlichen) Gesellschaft der (strukturellen) Sünde, des Tod-Bringens, der Geringschätzung von Armen und des wenigen Mit-Leids mit den Armen ausziehen müssen. Die „Vorrangige Option für die Armen“ ist produktiv in Bezug auf Handeln. Mit der „Vorrangigen Option für die Armen“ verlässt man einen Ort, der versucht die Zuwendung zu den Armen „innerhalb“ der bürgerlichen Komfortzone bzw. „innerhalb“ des finanzkapitalistischen Systems bzw. „innerhalb“ einer Kultur der „imperialen Lebensweise“ zu begründen und zu rechtfertigen – denn hier findet man nicht zu dem bedingungslosen Dienst für den Anderen/den Nächsten/den Armen. Die „Vorrangigkeit“ der „Option für die Armen“ wird darin deutlich, dass man sich den Sinn für die Berührung der Armen bewahrt. Auf die Zerbrechlichkeit des Armen zu reagieren, indem man sein Empathie dadurch zeigt, dass man beim Zuhören behutsam den Arm des Armen mit der Hand berührt, darin wird die „Vorrangige Option für die Armen“ deutlich. Aber auch darüber zu trauern, dass unter der Corona-Krise es nicht mehr möglich war, mal ein Straßenkind oder einen Obdachlosen – bei Bedarf – zu umarmen; darin zeigt sich auch das „vorrangige“ Element bei der „Option für die Armen“ (vgl. Jean-Luc Nancy, 25.05.2020; Lobenstein, 07.05.2020, 4; Strassenkinder-ev.de): Der Aspekt der „Vorrangigkeit“ betont noch einmal besonders deutlich, dass die „Option für die Armen“ der Fremdperspektive unterliegt. Das bedeutet, die „Option für die Armen“ ist zu einem gewissen Grad aus der Verfügungsmacht des einzelnen Menschen herausgenommen. Während der „reine“ Optionsbegriff noch sehr stark mit der Interpretation persönlicher Entschiedenheit und individuell gewählter 3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen 46 Parteilichkeit konnotiert, so schränkt der Begriff „vorrangig“ den Raum des subjektiv Entscheidbaren relativ ein. Über das Prädikat „vorrangig“ wird deutlich angezeigt, dass die Zuwendung zum armen und benachteiligten Menschen „vor“ die menschliche Entscheidung gestellt ist – es gilt der „objektive Sachverhalt“ der Armut und der Anspruch der Menschenwürde. Das heißt: Bevor man sich Gedanken macht, ob man sittlich handelt, soll man „vorbehaltlos“ anerkennen, angesichts von Leid und Ohnmacht, angesichts von fehlender Freiheit der Person, dass man sich den Schwachen/Armen/Ausgegrenzten/ Benachteiligten schon wegen ihrer Exklusion und Benachteiligung zuwendet. Option12 Das Methaphernfeld, das mit dem Begriff Option verknüpft wird, umfasst so Begriffe wie „Vorzugsregeln“, „Prioritäten“ oder „Perspektiven“. Diese können durch die in ihnen gebündelten Erfahrungen, Erkenntnisse und Wertanreicherungen dazu beitragen ethische, soziale, politische und theologische Fragestellungen zu öffnen, zu schließen, zu weiten und zu verengen. Auch wird durch Perspektiven erst gestaltendes Handeln möglich, denn diese schenken Unterscheidungsgabe (vgl. Büchele, 1989, 110). Doch wie kommt es zu Standpunkten, Perspektiven, Parteilichkeiten – kurz Optionen? Wirtschaftliche, soziologische und politische Analysen scheinen offensichtlich nicht auszureichen, um optionales Handeln tragfähig grundzulegen. Es wird dadurch zwar der Scharfsinn vertieft, die Unterscheidungsgabe verstärkt, anfanghaft die Chance zu einem Perspektivenwechsel eröffnet; aber es gelingt offensichtlich damit nur unzureichend, die Aufmerksamkeit im Handeln zu konzentrieren, die Initiativkraft zu verstärken und die Kultur der Beharrlichkeit gegenüber einem Klima der Resignation und des Fatalismus zu vertiefen. Diese Bedeutungsdimension gehört aber notwendig dazu, wenn man von einer Option sprechen kann. Eine Option ist daher nicht nur eine „sachliche“ Korrektur des Sehens, Urteilens und Handelns; eine Opti- 3.2. 12 Bearbeiteter Abschnitt aus Mierzwa (2016a, 120–124). 3.2. Option 47 on hat auch den Charakter einer Grundentscheidung. Das bedeutet: In einer Option geht es nicht nur um die sozial-analytische und rationalreflexive Aufbereitung von Welt, sondern auch um das, was in dem Begriff „Entschiedenheit“ transportiert wird; nämlich sich frei als „einmalig“ sittlich beanspruchtes Subjekt anzunehmen und zu realisieren. In der Diskussion der „Vorrangigen Option für die Armen“ werden vor allem drei Verhaltenskulturen betont, die offensichtlich bedeutsam sind, um diese Option auszubilden und dann weiterhin zu leben: Dazu gehört die Kultur der Betroffenheit, die Fähigkeit zum Standortwechsel und damit einhergehend die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. a) Zur Kultur der Betroffenheit: Optionen entstehen offensichtlich nicht vorrangig unter einer Statistikmentalität, der theoretischen Aufarbeitung der Ideengeschichte oder durch eine zunehmende Steigerung des Informiert-Seins. Für das Entstehen von Optionen scheint zunächst eine Kultur der Betroffenheit, der Mitleidsfähigkeit beziehungsweise eine Kultur des Feingespürs sowie der Empathie bedeutsam zu sein. Wahrscheinlich hängt die Entwicklung von Optionen sehr eng mit der Fähigkeit und Bereitschaft zusammen, offen genug zu sein, um sich innerlich treffen zu lassen. Eine Kultur der Betroffenheit wächst offensichtlich aus der konkreten Begegnung mit Anderen. Das bedeutet, dass zur Kultur der Betroffenheit notwendig die Bereitschaft dazu gehört, auf Andere zu zugehen bzw. von Anderen sich erzählen und zeigen zu lassen, was seine Existenz ausmacht. Es ist schon ein Unterschied, ob man in die Krisenregion „einfliegt“ und täglich in das behagliche Hotelzimmer zurückkehrt oder ob man durch das Leben in Armutsvierteln mit den hygienischen Problemen leibhaftig konfrontiert wird (vgl. Mayer, 2006). Das theologische Argument sagt, dass die Fähigkeit zur Betroffenheit wächst mit der Erlösung, die der Mensch im Glauben erfahren hat und der er zugestimmt hat. 3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen 48 Exkurs: Betroffenheit bezüglich der Armut oder der Armen bei öffentlich-rechtlichen Sendern? Bernd Gäbler (23.03.2020) zeigt mit Forschungsergebnissen von M. Hartmann auf, dass in den öffentlich-rechtlichen Sendern nahezu gar nicht aus einer „Vorrangigen Option für die Armen“ heraus berichtet oder „erzählt“ wird, weil die soziale Herkunft der Journalisten*innen nun einmal die Berichterstattung präge (vgl. 69). Hier seien, insbesondere auf Leitungsebene der öffentlich-rechtlichen Sender, Menschen mit nicht privilegierter Herkunft völlig unterrepräsentiert und das hat Konsequenzen darauf, was gesendet wird bzw. nicht zur Sprache kommt (vgl. 69). Gäbler macht gewissermaßen deutlich, dass es im Sinne der „Vorrangigen Option für die Armen wäre“ – ohne die Option als Formel bewusst aufzugreifen, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk, ARD und ZDF tatsächlich „für alle“ da sein würden und nicht die Augen verschließen würden vor den Lebenswirklichkeiten am Rande der Wohlstandsgesellschaft (vgl. 71). Bei seiner Spurensuche in Europa stößt er auf Filme, die soziale Themen gleichzeitig so hart und so zart vorstellen, so dass die menschliche Würde gewahrt bleibt. Das würde er sich auch für Deutschland vorstellen, damit das Thema Armut nicht der respektlosen (vgl. 25) und hinterhältigen (vgl. 26f.) Art und Weise der Darstellung, wie bei RTL II überlassen bleibt, wo mit der Kamera im Elend gewühlt wird, Schwächen und Krankheiten nicht dezent behandelt werden (vgl. 28f.) und ernsthaften Gedanken und tatsächlichen Gefühlen nicht wirklich wertschätzend auf den Grund gegangen wird (vgl. 30). Gäbler ist, das macht die Untersuchung deutlich, einer Präsentation der Armutsfrage in Film und Fernsehen auf der Spur, wo bei der Darstellung der Situation der Armut zwar nichts beschönigt wird, aber aus Anstand nicht alles gezeigt wird (vgl. das Interview mit Holger Baass auf S. 65 bei: Gäbler, 2020). Und es muss das „Warum?“ thematisiert werden – z.B. welche Verzweiflung Menschen in die Obdachlosigkeit getrieben hat bzw. wie die Biografie hinter und vor der Lebenslage Hartz IV aussieht. Aber das Interview mit Aelrun Goette (in: Gäbler, 2020, 72ff.) zeigt auch noch auf, dass eine Ursache für die geringe mediale Präsenz von Lebenslagen der Armut auch darin liegt, dass sich kaum jemand wirklich dafür interessiert. Aus Angst, dass die quotensicheren Zuschauer nicht mehr einschalten würden, wagt man mit diesem Thema keine Experimente. Schließlich deutet sie auch den weitgehenden Ausfall von „Armutsperspektiven“ in Film und Fernsehen mit dem Problem der Abwesenheit von Dialog in der Gesellschaft und in den Medien an. Weil eine Kultur des interessierten Austausches abhandengekommen ist, stattdessen überall endlos monologisiert wird, fällt das-sich-Einlassen auf die Lebenslage Armut aus. Filme und Dokumentationen, die einen Impuls zu Gesprächen über Armut geben könnten, werden weniger gewagt, weil man in den „Medienzentralen“ spürt, dass in der Gesellschaft weniger zugehört wird. Und zuweilen ist die Komplexität des Themas Armut nicht so einfach filmisch zu greifen – deswegen geht man dem Thema auch manchmal aus dem Wege. Seine Untersuchung war eine Untersuchung aus einer Betroffenheit heraus – das wurde von Beginn an deutlich. b) Zur Fähigkeit des Standortwechsels: Oben wurde festgehalten: Mit der Kultur der Betroffenheit scheint eng die Fähigkeit zu einem Standortwechsel verknüpft zu sein. Man kann die „Wahrheit“ des Lebens der Armen nur dann ergreifen und erfahren, wenn man den Mut aufbringt zu ihnen auf die „Rückseite der Geschichte und Welt“ (vgl. Réjon, 1990/1995, 271) zu kommen und sich auf sie einlässt. Jemand, der die Vorentscheidung für ein Leben in der Komfortzone fällt, wird weniger sehen können, welche Betroffenheiten und Bedürfnisse bei Menschen bestehen, die in der Schlange vor 3.2. Option 49 einer Tafel zweieinhalb Stunden anstehen müssen, um Essen zu erhalten. Man kann ein Leben führen, wo man Armen nicht konkret begegnet (Wahl des Wohnortes, Urlaub auf Kreuzfahrschiffen, wenige Wege zu Fuß durch die Stadt usw.). Gleichwohl muss man nüchtern zur Kenntnis nehmen, dass ein Standortwechsel nie in vollem Umfang gelingen wird; es bleibt eine gewisse Distanz zwischen der Welt der Armen und der eigenen Lebenswelt. Diese ist begründet in unterschiedlichen kulturellen Entwicklungen sowie verschiedenen Erfahrungswelten. Es ist aber auch – vor allem gegenüber den „absolut Armen“ – darin begründet, dass die absolute Armut mit ihren Ohnmachts- und Abhängigkeitserfahrungen eigentlich nicht erfahrbar ist für die, die ein anderes Leben erfahren haben, Auswege kennen, ein gewisses (Aus)Bildungsniveau vorweisen, eine berechtigte Hoffnung auf Freunde und Familien als Helfer in der Not haben usw. (vgl. Banawiratma/Müller, 1995, 99f.). Deswegen sollte die Praxis des Standortwechsels allenfalls als „Pendelbewegung“ beschrieben werden, wo man sich nur für einen gewissen Zeitraum auf den Lebensrythmus und die Lebenssituation der Armen einlässt. c) Zur Fähigkeit des Perspektivenwechsels: Es wird oben ebenfalls deutlich: Ein Perspektivenwechsel unter der „vorrangigen Option für die Armen“ ist mehr als nur eine kriteriologische Erweiterung eines ethischen Koordinatensystems innerhalb eines Reflektionsprozesses. Die Option für die Armen besagt, diese Perspektive sollte aus einem konkret vollzogenen Standortwechsel gewonnen sein. Denn vor allem ein Standortwechsel vermag ansatzweise das notwendige materielle, kontextuelle und kulturelle Hintergrundwissen liefern, um den Sinngehalt von Informationen zur Lebenslage bzw. über die Weisheit der Armen zu verstehen. Bei einem Perspektivenwechsel, der durch einen Standortwechsel zustande kam, lernte man für die Option für die Armen von den Optionen der Armen selbst. Was die Armen selbst entschieden zu einer Option der Befreiung machen wird relevant für unsere Perspektive. Gleichwohl kann mit einem Standortwechsel ein Perspektivenwechsel bzw. der Zugang zu Erfahrungen nur bruchstückhaft gelingen, denn die Realität und Existenz der anderen geht weit über das sinnlich Wahrnehmbare und sprachlich Kommunizierbare hinaus. Die von den 3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen 50 armen Anderen gewonnenen Perspektiven bleiben deswegen immer ambivalent. Man muss davon ausgehen, dass in den mit dem Perspektivenwechsel gewonnenen Einsichten immer eine Unschärfe und Unsicherheit daraufhin besteht, was die Welt der Armen ist, was das Befinden der Armen ist und was die Bedürfnisse der Armen sind. Der Perspektivenwechsel wird daher immer von einer erkenntnistheoretischen Bescheidenheit und Demut begleitet sein müssen. „für“ Für die Armen da sein kann man nur, wenn man sich von den Armen ansprechen lässt, wenn die Armen einem etwas sagen dürfen, wenn man Begegnung zulässt (vgl. Hagen, 2016), wenn man die fremde Provokation durch die Armen an sich heranlässt, wenn man innerlich gespeist ist durch den Schrei der Armen, durch die stumme Trauer oder durch das stumme Flehen der Armen – also ohne Angst vor den Armen ist. Das „Für“ ist nur dann ein „für“, wenn es gesättigt ist von der Provokation, dem Schrei, von dem von den Armen gesagt bekommen, dem stummen Flehen und dem traurigen Blick. Früher bemerkte ich einmal: „Die Armen müssen deutlich machen, ob sich ihr Anliegen bzw. ihre Optionen in der Option für die Armen wiederfinden“ (Mierzwa, 2016a, 134). „Für“ jemanden da zu sein ist nur möglich, wenn er Anerkennung erfährt. Die Realität zeigt, dass dieser Anerkennungsvorgang alles andere als selbstverständlich ist – siehe den Umgang mit Flüchtlingen unter der Corona-Krise (vgl. Schredle, 25.04.2020, 1). Hier zeigte sich, dass diese Menschen nicht in vollem Umfang als „Dazugehörige“ wahrgenommen wurden, darin deutlich werdend, dass es gar so häufig nicht-betrauerbares Leben war (vgl. Judith Butler in: Seidel, 2018, 34ff.). Ihr Tod wurde gar nicht so selten nicht als Verlust qualifiziert. Auch der Blick auf Afrika zeigte, dass nur eine geringe Betrauerbarkeit der Population vorlag; manche verhalten sich so, dass Teile der afrikanischen Bevölkerung als verloren und aufgegeben betrachtet werden können. Sie sind so wenig Gleiche, so wenig Dazugehörige, so sehr wenig wirklich Lebende für uns in Europa, so dass es nicht bei uns auf 3.3. 3.3. „für“ 51 nennenswerten Widerstand stößt, wenn die vielen Toten durch Armut, TBC, HIV etc. in der medialen Berichterstattung ziemlich unsichtbar sind. Bis Mitte Mai 2020 hatte das sich unter der Corona-Berichterstattung nur wenig geändert. Hier zeigte sich welche Toten Dazugehörige waren, wer es wert war betrauert zu werden. Jeannette Hagen (2016) versuchte vor Jahren (im Sinne von E. Lévinas) das Antlitz der Flüchtlinge wieder in den Bereich der Sichtbarkeit und Wahrnehmung hinein zu befördern, damit man wach wird für das, was an einem anderen Leben gefährdet ist oder vielmehr wach zu sein für die Gefährdetheit des Lebens an sich. Dass dieser Versuch kaum gelungen ist, zeigt sich daran, dass z.B. vorwiegend nur in der „taz“ davon berichtet wird, wie die Corona-Krise in der Realität der Flüchtlingsunterkünfte sich darstellte bzw. sich Gedanken machte mit den Menschen in den Flüchtlingslagern. Mit Blick auf Flüchtlinge besteht in unserer Gesellschaft/Politik unter der Corona-Krise eine gewisse Empathie-Verweigerung. Aber die Menschen drängen zurück in die Sphäre der Lebenden – Frauen, Kinder, Flüchtlinge, Afrikaner; das zeigte sich in einem Teil der Informationen, die durch NGO’s unter der Corona-Krise verbreitet wurden. Sie wollen betrauerbare Subjekte sein. Dadurch gewinnen sie Wert und Würde in einer Situation des massiven Bedroht-Seins. Und es soll der Prozess des Ausschlusses, der Missachtung rückgängig gemacht werden – das wird dadurch deutlich. Wenn wir an einem neuen Gefühl für das Heilige jedes Menschenleben arbeiten, dann wird die partielle Gleichgültigkeit gegenüber Afrikanern, Frauen und Kindern überwunden und es wird der Weg eröffnet, dass die Gesellschaft den Sinn für die Betrauerbarkeit aller Menschen wieder gewinnt. „Für“ jemanden da sein, kann man im ethisch-religiösen Sinne nur, wenn man jede „Gewaltbereitschaft für Gott“ (vgl. Graf in: Seidel, 2018, 179) zurückgelassen hat und wenn das „destruktive Potential der Religion“ (vgl. Anselm in: Seidel, 2018, 181) überwunden wird13. „Für“ jemanden da sein gelingt nur, wenn die Religion ein Bewusstsein entwickelt, „dass wir als Sterbliche alle miteinander verbunden sind und niemand von vornherein davor gefeit ist, zu scheitern, zu den Schwa- 13 Siehe die Verwobenheit der evangelikalen Kirchen in Brasilien mit Bolsonaros Agieren in Brasilien gegenüber den Armen (vgl. Souza, Mai 2020, 82 und 83). 3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen 52 chen, zu den Anderen zu gehören“ (Kaufmann in: Seidel, 2018, 184; Herv. i. Orig.). Ein für-die-Armem-da-Sein ist dann davor gefeit, paternalistisch zu werden, wenn es ein care-orientiertes für-die-Armen-da-Sein ist. Denn darin wird echte Beziehung gelebt, die Verletzlichkeit wirklich geachtet, achtsam und aus Empathie für den Armen sich verhalten. Das bedeutet für den Armen da sein aus dem Bewusstsein, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind und mit einem Feingefühl für die wechselseitige Interdependenz/Abhängigkeit. Für den Armen da sein auch in dem Bewusstsein, dass bestimmte Menschen verletzlicher und schwächer sind, aber auch in dem Bewusstsein darum, dass die Gesellschaft darüber entscheidet, welche Verletzlichkeit im Bewusstsein der Gesellschaft/Öffentlichkeit ist14. Für den Armen da sein dann auch unter der Aufmerksamkeit für die Kontexte der Armut und dem 14 Markus Dederich (2020) weist u.a. darauf hin, dass sehr intensiv und sehr häufig die Vulnerabilität als medizinisch und psychologisch konturierte Kategorie gedacht und gesprochen wird. Die Vulnerablität wird zuweilen als anthropologische Grundaussage ins Gespräch gebracht, dann gibt es aber auch sozial- und kulturwissenschaftliche Zugänge. Er wendet sich dem Ansatz von Judith Butler zu. Nach jener ist die Verletzbarkeit zunächst ein allgemein menschliches Phänomen, etwas, das „mit dem Leben selbst entsteht“. Aber sie macht ganz genau deutlich, dass man eine allgemeine Verletzbarkeit des Menschen nicht losgelöst von eine verletzenden Gesellschaft, Politik und Kultur thematisieren darf. Deswegen spricht sie von der Verletzbarkeit auf zwei Ebenen – auf der Ebene der „natürlichen“ Verletzbarkeit und auf der Ebene einer zum Beispiel sozial ungleich verteilten Verletzbarkeit in der jeweiligen konkreten sozialen historischen Situiertheit der Subjekte. Aber sie sagt zusätzlich, dass Verletzungstatbestände einem gesellschaftlichen Anerkennungsprozess unterliegen. Sie müssen bestimmte soziale, kulturelle und politische Kriterien erfüllen, um von einer Gesellschaft als Verletzung anerkannt zu werden. So ist das, was als Verletzung gedacht, besprochen und anerkannt wird einer machtunterfütterten diskursiven Praktik ausgesetzt. Sie verabschiedet sich hier also von der Vorstellung von einer quasi präsozialen naturhaft gegebenen Vulnerabilität. Und so gibt es „gruppenspezifische“ Vulnerabilitäten, die abhängig sind von einem bestimmten gesellschaftlichen Diskurs, der unter Umständen entscheidet, welche Vulnerabilität wahrgenommen und anerkannt wird. Wie über die Vulnerabilität von Armen gesprochen wird, so werden Arme als Arme im gesellschaftlichen Umfeld „hervorgebracht“. Ob das der Realität von Vulnerabilität von armen Leben tatsächlich entspricht, steht auf einem anderen Blatt. Das kann zur Folge haben, „dass konkret erlittene und subjektiv als solche bewertete Verletzungen sozial faktisch nicht existieren bzw. als irrelevant gelten, wenn sie nicht als Verletzungen anerkannt werden. Zum anderen folgt daraus aber auch, dass die Anerkennung die Bedeutung und Struktur der Verletzbarkeit verändert.“ (ders., 2020, 4f.). Empathisch 3.3. „für“ 53 Hinschauen auf die problematische Lage. Aus dem Care-Aspekt heraus für die Armen da zu sein, d.h. eine solche Unterstützung und Hilfe und gerechte Lösung zu organisieren, dass die Armen herauskommen aus der Situation, damit sie nicht immer am Rande des Abgrundes leben und eine infolgedessen nicht endende Sorge zurücklassen können. Aus dem Care-Aspekt „für“ die Armen da zu sein, d.h. auch mit einer „Praxis der professionellen Nähe“, wie in der „Arche“, für die Armen da zu sein (vgl. zum letzten Aspekt bei: Kasten, 30.04.2020, 18– 19). Das „Für“ für die die Armen wird immer nur dann ein „Für“ für die Armen sein, wenn es kreativ ist, kreative Antworten auf die Armut finden kann. Die Kreativität ist vor allem dann kreativ, wenn es eine mit den Armen koproduktiv und kooperativ realisierte Kreativität ist. Früher bemerkte ich noch (vgl. Mierzwa, 2016a, 134): Mit der Entscheidung für die „Option für die Armen“ darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Lebenssituation der Menschen, die in Armut leben, nichts mit der eigenen Lebenssituation zu tun hat. In der partizipativen Redeweise wird trotz eines für ein distanziertes Verhalten anfälliges Wort „für“ das Bewusstsein wach gehalten, dass man bei der Analyse der Armutslagen die eigene Verstrickung und Verantwortung für das Entstehen von Armut und Elend bedenken sollte. Das wird z.B. mit Überlegungen zur „imperialen Lebensweise“ gemacht, die darauf hinweisen, dass beide Welten nicht voneinander zu trennen sind (vgl. Brand/Wissen, 2017; I.L.A. Kollektiv, 2017; Lessenich, 2018). Armut ist nicht nur ein Problem der Anderen, sondern ein eigenes Problem. Und schließlich ist das Wort „für“ ehrlich. Damit soll der Realismus wachgehalten werden, dass aufgrund von Deprivation noch nicht jeder Arme Subjekt der eigenen Entwicklung sein kann. Auch wenn es idealerweise wünschenswert ist, die Armen als eigenständige Subjekte ihrer Befreiungspraxis zu sehen, so darf man doch menschlich berelevant in der Rede von Judith Butler ist mit Blick auf das Antlitz die Verletzbarkeit zu erkennen. Es ist ein Ausdruck von Empathie „auf das Gesicht zu reagieren“ und damit wach zu sein für das, was das andere Leben gefährden könnte bzw. ganz allgemein dafür, was die Gefährdetheit des Lebens bedeuten kann. Empathie zuzulassen, d.h. über das Antlitz dem Anderen ausgesetzt zu sein, diesem dann sich verpflichtet zu fühlen ohne einen besonderen ethischen/moralischen Willensakt (vgl ders., 2020, 7). 3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen 54 trachtet, die richtige Mischung zwischen Selbsthilfe und Fremdhilfe, wie sie im Empowerment-Ansatz formuliert wird, nicht aus den Augen verlieren. Zeitdruck und eine Situation der extremen Verletzbarkeit von Personen kann dazu führen, dass advokatorisches Handeln (vgl. Brumlik) die praktisch sinnvollere und damit sittlich wertvollere Handlungsstrategie darstellt, um die Interessen und Bedürfnisansprüche der Armen zu wahren (vgl. Mierzwa, 2016a, 134f.). Arme Eine empathische Sicht während der Corona-Krise auf den Armen verweigert sich der gefühllosen und verständnislosen Spaltung der Gruppe der Armen in „ehrliche Arme“ und „arme Deliquenten“, wie Kleindealer oder Prostituierte, weil gesehen wird, dass jene meist kaum eine andere Wahl haben, als auf diese Weise Geld zu verdienen (vgl. Souza, Mai 2020, 83). Der empathische Blick auf die Armen, hier jetzt die Prostituierten, macht es möglich, ihr Leid und ihre (psychischen und physischen) Qualen, ihre seelische Beschädigung wahrzunehmen (vgl. Terre des Femmes in: Mierzwa, 2020a, 71f.) als Voraussetzung, um sich mit ihnen zu solidarisieren und nach konstruktiven Auswegen aus ihrer Situation zu suchen und sich um die Wiederherstellung ihrer psychischen Integrität zu bemühen. Diese speziellen Armen blieben, als von Armen unter der „Vorrangigen Option für die Armen“ in den christlichen Kirchen diskutiert wurde (vgl. Mierzwa, 2016a) außen vor – es waren gewissermaßen „Unberührbare“. An anderer Stelle (vgl. Mierzwa, 2020b) wurde darauf hingewiesen, dass die Corona-Krise eine „Krise der Frauen“ ist. Mit Blick auf die Armen stellt sich das auch in besonderer Weise da. So waren nicht nur Mädchen besonders dadurch betroffen, dass Bildung nicht mehr oder weniger möglich war beziehungsweise Schwangere in Afrika unterversorgt waren. Auf der anderen Seite waren Frauen, wie in Brasilien, besonders engagiert, um Hunger zu lindern. Sie erwiesen sich als besonders kompetent Hilfe in der Notzeit zu organisieren (vgl. Franzen/Stedile, 16.04.2020), wenn staatliche Stellen versagten. Die Notwendigkeit eines genderspezifische Blickes auf die Armen zeigte sich hier. Als die Sozialwörter weltweit in den 90er Jahren des letzten Jahr- 3.4. 3.4. Arme 55 hunderts die „vorrangige Option für die Armen“ bedachten, war die genderspezifische Perspektive auf arme Frauen noch nicht vorhanden (vgl. Mierzwa, 2016a.). OXFAM (09.04.2020, 6): The impact of Coronavirus on gender inequalities “The pandemic also threatens to increase gender inequalities. Although the virus appears to be killing men at a higher rate than woman, woman will suffer more in other ways. Some 70% of the world’s health workers – the most exposed to the virus – are woman. Woman workers are most likely to have precarious jobs without labour protections. In the poorest countries, 92% of woman workers are employed informally (siehe unter Indien R.M.). Woman also provide 75% of unpaid care, a burden that is expanding exponentially in the face of stay-at-home orders. The problem will also be compounded if this pandemic were to be followed by austerity, as with the 2008 financial crisis. Cutting down on child and elderly care and public health systems traps woman at home, a home that is not always safe: girls who are forced to stay home from school are at increased risk of sexual violence and early pregnancy. Reports are already showing that domestic violence has doubled in provinces in China where restrictions have been imposed – and this pattern is being repeated all over the world”. Vor der Corona-Krise gab es den Hinweis, dass es “durch Unterernährung, Umweltverschmutzung, mangelhafte vor- und nachgeburtliche Betreuung von Müttern, mangelnde Impfungen, Infektionskrankheiten und Wasserverschmutzung“ (Felder/Schneiders, 2016, 72) verstärkt zu Behinderungen kommt. Mit der zunehmenden Armut unter der Corona-Krise ist anzunehmen, dass sich die Situation diesbezüglich verschärfen wird und wir es nun mit mehr behinderten Menschen weltweit zu tun haben werden. Überhaupt haben Menschen mit Behinderungen ein größeres Armutsrisiko (vgl. Mogge-Grotjahn, 2016, 144). In Deutschland gibt es Menschen, bei denen Ungleichheitsrisiken, Diskriminierungen und Exklusionsmechanismen wechselseitig verschränkt/verwoben sind – etwa bei einer „Frau türkischer Herkunft mit Behinderung“ (vgl. dies., 146). Die Situation behinderter Menschen unter den Armen berücksichtigten die Sozialwörter Mitte der 1990er überhaupt nicht. 3. Die „Vorrangige Option für die Armen“ neu vermessen 56 Dann sind die Armen nun seit der Corona-Krise viel mehr in den Augen der Menschen „beseelte“ Arme als sie es zuvor waren. Wenn die Einsamkeitserfahrung Armut stärker in den Blick rückt und seelische Schäden infolge von Isolation nun bewusster ins Blickfeld geraten, dann ist das mit Blick auf die Würde der Armen von großer Bedeutung. Überhaupt wird die Krise der Würde der Armen deutlicher angesprochen, wenn mit Blick auf Indien oder Brasilien ein „Zynismus“ und eine „Gleichgültigkeit“ herrschender Politiker gegenüber „dem“ Sterben der Armen angesprochen wird. In dem Reden über die Lebenslage von Armut ist nun in der Berichterstattung mehr Mitgefühl vorhanden und damit zeichnet sich ein größeres Bewusstsein für das „seelische“ Verarbeiten von Armut durch die Armen ab. Die Bilder der Armen bei der Berichterstattung geben der Armut ein Antlitz. Wie das seelische Erleben der Armut die Gesichter zeichnet macht die Armut für uns darüber physisch spürbar – nun sind die Armen eher zu lieben, erhält Nächstenliebe einen starken Impuls, wird die Gerechtigkeitsfrage drängender. In der Dokumentation der Diskussionsphase und gemeinsame Feststellung zur Ökumenischen Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD, aus dem Jahr 2015, werden diese konkreten Aspekte und Perspektiven auf und zu den „Armen“ ebenfalls nicht angesprochen (vgl. Gemeinsame Texte 23/17.12.2015, 134–136). 3.4. Arme 57

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References

Abstract

The current coronavirus crisis is unprecedented in multiple respects, and another lockdown especially could have devastating economic, political and psychological effects on society. As a result, poverty could increase dramatically and become deeply entrenched in social structures, with the result that fundamental alternatives to our neoliberal economic and societal model would need to be found. A genuine and comprehensive commitment to solidarity with the victims of poverty seems to be necessary because the coronavirus continues to polarise and divide the world and its societies. In this book, the author devises a comprehensive approach to combating poverty and discovers the Green New Deal as an escape from the downward spiral of global poverty.

Zusammenfassung

Die gegenwärtige Corona-Krise ist in mehrfacher Hinsicht beispiellos. Vor allem ein erneuter Lockdown dürfte gesellschaftlich verheerende Wirkungen haben – ökonomisch, politisch und psychosozial. Die Armut könnte derart dramatisch ansteigen und sich strukturell tiefgreifend in die Gesellschaften eingraben, dass grundsätzliche Alternativen zum neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell gefunden werden müssen. Ein echtes und umfassendes Solidaritätsengagement mit den Armen erscheint notwendig, weil „Corona“ die Welt und die Gesellschaften eher weiter polarisiert und spaltet. In diesem Buch wird das Panorama eines umfassenden Kampfes gegen die Armut entworfen und der Green New Deal als Ausweg aus den Armutsspiralen der Welt entdeckt.