1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft in:

Peter Paschek

Peter F. Drucker, page 9 - 52

Erinnerungen an einen konservativ-christlichen Anarchisten

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4518-3, ISBN online: 978-3-8288-7559-3, https://doi.org/10.5771/9783828875593-9

Tectum, Baden-Baden
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Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft „Im traurigen Monat November war’s, Die Tage wurden trüber, Der Wind riß von den Bäumen das Laub […]“ So beginnt Heinrich Heines großartiges Gedicht „Deutschland. Ein Wintermärchen“ aus dem Jahr 1844. An einem solchen trüben Novembertag im Berlin des Jahres 2005, eine Woche vor Peter Druckers 96. Geburtstag, rief ich wie gewohnt in Claremont, Kalifornien, an, um mich nach dem Befinden des Ehepaars Drucker zu erkundigen und ein wenig zu plaudern. Nach kurzem Klingeln war Doris Drucker am Telefon und meldete sich mit ihrer festen Stimme. Auf meine Routinefrage „Guten Morgen, Doris. Wie geht’s?“, antwortete sie: „Wie soll es gehen? Haben Sie meine Mail nicht erhalten?“ Ich sagte „Nein, was ist passiert?“. Doris: „Der Peter ist gestorben.“ Ich war tief getroffen und stammelte weinerlich in meiner Trauer und Verzweiflung: „Ich habe ihm doch gerade zum Geburtstag die Tocqueville-Biografie geschickt!“ „Ja, die kann er jetzt nicht mehr lesen“, war die für Doris Drucker typische Antwort, die mich schlagartig in die Wirklichkeit zurückbeförderte. Wenige Monate zuvor hatte ich die Druckers in ihrem Haus in Claremont noch besucht und saß mit Peter zusammen. Er erschien mir – für sein hohes Alter – körperlich stabil und nicht schwächer als bei unserer Begegnung knapp ein Jahr zuvor an gleicher Stätte. Peter war wie immer hellwach! 1 9 Doris erlaubte uns ein Gespräch von einer Stunde und bereitete währenddessen ein leichtes Mittagessen vor. Wir folgten selbstverständlich ihren – wie stets – deutlichen Anweisungen. Zuerst sprachen wir über den beachtlichen Erfolg unseres Buches „Kardinaltugenden effektiver Führung“11, das wir gemeinsam ein Jahr zuvor herausgegeben hatten und das mittlerweile ins Portugiesische, Chinesische und Koreanische übersetzt worden war. Des Weiteren behandelten wir eine Reihe von Themen, hauptsächlich aus Wirtschaft und Politik. Eines davon ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Peter Drucker hatte immer – wie auch bei diesem Gespräch – darauf hingewiesen, wie wichtig es für die Lebensführung eines Managers ist, dass er rechtzeitig ein Interessengebiet außerhalb des Berufs entwickelt. „Wenn man nur seinen Beruf hat, hat man gar nichts!“, war eine seiner Formulierungen, die mir sehr gut im Gedächtnis geblieben ist – hatte ich mir doch, als ich dieses Zitat zu Beginn der 1990er Jahre öffentlich machte, die massive Kritik des Hauptgesellschafters des Beratungsunternehmens zugezogen, für das ich damals arbeitete. Glücklicherweise und nicht zuletzt durch die Initiative Peter Druckers war ich dort nur kurzfristig tätig, um danach, für die lange Zeit von über 21 Jahren, als Gesellschafter der Delta Management GmbH meine berufliche Heimat zu finden. Bei dem besagten Gespräch in Claremont erzählte mir Peter die Geschichte von einem Topmanager, den er seit Jahren begleitete und der jetzt, im Alter von 67 Jahren, seinen Ruhestand – im wahrsten Sinne des Wortes – verbrachte. „Er verkümmert vollkommen. Das Einzige, was ihm geblieben ist, ist 11 Peter F. Drucker, Peter Paschek (Hrsg.): Kardinaltugenden effektiver Führung, München 2004. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 10 das Golfspiel. Sein Gehirn steht still und er lebt nur noch von seinen Erinnerungen“, waren damals Peters Worte. Nach dem Mittagessen verabschiedete ich mich von den Druckers und fuhr nach Los Angeles zurück. Ich hatte nicht im Geringsten das Gefühl, Peter das letzte Mal gesehen zu haben. Doch zurück zum gemeinsamen Projekt: „Konservative Werte und effektives Management“ lautete der ursprüngliche Arbeitstitel des Buches, das dann als „Kardinaltugenden effektiver Führung“ veröffentlicht wurde. Die gemeinsame Herausgabe war gleichzeitig Wunsch des Verlages und Idee von Peter Drucker. Ich hatte zunächst im Jahr 2003 die Absicht, eine Festschrift für ihn herauszugeben. Der Anlass war Peters erste Veröffentlichung 1933, also 70 Jahre zuvor, mit dem Titel „Friedrich Julius Stahl. Konservative Staatslehre und geschichtliche Entwicklung“12, mit der er die Nationalsozialisten bewusst provozierte. Immer wieder warnten mich Peter und Doris vor der „ungeheuren Menge an Arbeit, die auf mich im Zuge der Herausgabe des Buches zukommen würde. Peter sagte einmal: „Ich bin Ihnen höchst dankbar für das, was Sie für mich tun. Aber ich befürchte, wir brauchen ein paar Jahre bis zur Veröffentlichung.“ Dieser motivierenden Aussage fügte Doris noch eine hinzu: Als ich mich im Frühsommer 2003 in Claremont von ihr verabschiedete, sagte sie: „Naja, wenn das mit dem Buch zu seinem 95. nicht klappt, dann bestimmt zu seinem 100.“ Beide Druckers unterschätzten maßlos das Gewicht des Namens Peter Drucker. Denn in kürzester Zeit lagen die Beiträge namhafter Autoren vor und ich konnte mich im Mai 2004 zu einem abschließenden Gespräch mit Peter in seinem Zuhause in Claremont zusammensetzen. Was fehlte – und das war der Hauptanlass meines Besuches – war ein Diskurs zwi- 12 Peter F. Drucker: Friedrich Julius Stahl: Konservative Staatslehre und geschichtliche Entwicklung. Tübingen, 1933 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 11 schen Peter und mir zu seinem Credo des konservativ-christlichen Anarchisten sowie über aktuelle Fragen zu Wirtschaft und Gesellschaft. Mit diesem Dialog wollten wir – anstelle eines Nachworts – unser Buch abschließen. Meine letzte Frage an Peter lautete: „Wir sind in den USA im Jahr der Präsidentschaftswahlen. Alles sieht nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bush und Kerry aus. Wer ist Ihrer Meinung nach der beste Präsident für Ihr Land?“ – „Harry Truman!“, war Peters prompte Antwort.13 Als das Buch dann erschienen war, hörte Peter nicht mehr auf, mir seine Dankbarkeit auszusprechen für das, „was ich für ihn getan“ habe. Er neigte halt in seiner großen Bescheidenheit dazu, die Dinge gelegentlich umzukehren. Peter Drucker hat nur mit zwei Menschen jemals ein Buch veröffentlicht. Ich bin schon sehr stolz darauf und ihm vor allen Dingen zutiefst dankbar, dass ich einer von den beiden bin. Wie kam ich zu diesem großen Glück? Wie entstand und entwickelte sich unsere Freundschaft? Als Peter Drucker 1995 zum ersten Mal seit 63 Jahren Berlin wieder besuchte, fragte er mich auf einem Spaziergang: „Sagen Sie mir, wie kam unsere schöne Freundschaft zustande?“ – „Weil ich einen Rat von Ihnen befolgt habe“, war meine Antwort, und ich erklärte weiter: „Sie haben einmal gesagt, lieber Peter, dass die Muse niemals auf einen zukommt, um ihn zu küssen. Man muss der Muse hinterherlaufen, damit man eventuell von ihr geküsst wird. Nur das habe ich getan: Ich bin Ihnen hinterhergelaufen.“ Er schmunzelte in sich hinein. Wie alles begann? Die Fährte zu meiner Muse habe ich im Jahr 1973 aufgenommen. Es war ein Schlüsseljahr für mich. Im Januar erhielt ich 13 Peter F. Drucker, Peter Paschek (Hrsg.): Kardinaltugenden effektiver Führung, München 2004, S. 234 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 12 mein Zwischenprüfungszeugnis und somit die Zulassung zum Hauptstudium der Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, an die ich bis heute voller guter Erinnerungen bin. Ein Jahr zuvor hatte ich unter Abgesang schmutziger Lieder die fatale Mischung aus Proletkult, Spießigkeit und Humorlosigkeit der radikalen studentischen Linken hinter mir gelassen. So war es geradezu ein Glücksfall, dass ich durch die Initiative meines Vaters die Gelegenheit bekam, beinahe ein ganzes Jahr in Großbritannien, und zwar in Wales, zu verbringen. Llanelli, eine Kleinstadt nahe Swansea, war mein Standort. Meine Hauptbeschäftigung: das „Aktentaschentragen“ für einen erfahrenen englischen Topmanager einer deutschen Tochtergesellschaft. Daneben gehörten gelegentliche Besuche der Universitäten in Swansea und Bath zu meinem Programm. Allerdings bestand dieser Teil im Wesentlichen darin, dass ich mit Studentinnen, vor allem in Bath, fraternisierte. Was mich den Mentalitäten des Landes viel näher brachte als wenn ich die Zeit ausschließlich auf dem Campus verbracht hätte. Die Hauptbeschäftigung für meinen englischen Chef lag in der Durchführung von Übersetzungen bei unterschiedlichsten Executive und Non-Executive Board Meetings im ganzen Land. Auf diesem Wege habe ich auch die anderen Regionen des Vereinigten Königreichs kennengelernt. Wozu ich aber vor allem die Gelegenheit erhielt, war das Zuschauen- und Zuhören-Können in Sachen Management. Darüber hinaus hatte ich in kürzester Zeit Familienanschluss und fand Freunde in unterschiedlichsten Milieus und Altersgruppen. Namen von skurrilen Käuzen wie „Herman the German“ und „Freddy the Fly“ sind mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben. Als ich nach 10 Monaten nach Hause zurückfuhr, unterstellte mir ein englischer Zollbeamter in Dover aufgrund meines Akzents, ich sei ein „Welshman“. In dieser Melange aus Management und Spaß musste ich zwangsläufig mit Managementliteratur konfrontiert werden. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 13 Vor allem die private Buchsammlung meines Chefs war voll davon. Hier las ich dem Namen Peter Drucker zum ersten Mal, und zwar als Autor des 1954 erschienenen Buches „The Practice of Management“. Ein Beitrag von ihm aber hatte mich damals besonders nachhaltig beeindruckt. „Management’s New Role“, hieß der Titel der Veröffentlichung eines Vortrags von Peter Drucker 1969 in einem englischen Management Journal. Zum Abschluss heißt es: „There are many new tools of management in the use of which we will have to learn, and many new techniques. There are, as this paper points out, a great many new and difficult tasks. But the most important change ahead for management is that increasingly the aspirations, the values, indeed, the very survival of society in the developed countries will come to depend on the performance, the competence, the earnestness and the values of their managers. The task of the next generation is to make productive for individual, community, and society the new organized institutions of our New Pluralism. And that is, above all, the task of management.“14 Dieser Beitrag war der entscheidende Auslöser, mich mit Management im Sinn von Peter Drucker intensiver zu beschäftigen und der Spur meiner „Muse“ weiter zu folgen. Inspiriert von Peter Druckers Vorgehensweise, die zentralen Fragestellungen zum Management immer in den Kontext des gesellschaftlichen Ganzen zu stellen, und durch meine überaus positiven Erfahrungen in UK war mein Interesse an Unternehmensführung geweckt. Die Soziologie und die Politikwissenschaft bildeten in der Folge zwar weiterhin meine Schwer- 14 Keynote address given at the 15th CIOS International Management Congress, Tokyo, Japan, November 5th 1969, in: Peter F. Drucker: Managements New Role (1969). In: Ders.: Technology, Management and Society, Oxford 2001, S. 33 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 14 punktfächer, aber den Mittelpunkt meines Studiums verlagerte ich auf theoretische und vor allem auf praktische Fragestellungen des Wirtschaftens und der Unternehmensführung. Auf der Suche nach entsprechenden Lehrveranstaltungen stieß ich im Wintersemester 1973/74 auf ein Seminar mit dem Titel „Ausgewählte Fragen auf dem Gebiet der Personalführung“. Der Name des Dozenten: Prof. Dr. Paul Gert von Beckerath. Da man in dieser Veranstaltung keine „Credits“ erwerben konnte, wurde die Teilnehmerzahl von acht Studenten höchst selten überschritten. Ich habe über Jahre mit Freuden und großem Gewinn an diesem Seminar teilgenommen. Von Beckerath übernahm später die Betreuung meiner Diplomarbeit und meiner Dissertation. Er war die erste „Muse“, der ich folgte. Paul Gert von Beckerath, ein Intellektueller, bescheiden und leise, war zu jener Zeit einer der Top Manager in Fragen der Personalführung und des Personalwesens in Deutschland – und dies nicht nur wegen seiner Funktion als Direktor Personal- und Sozialwesen der Bayer AG. Er war ähnlich wie Peter Drucker ein vielseitig engagierter Liberalkonservativer, der schon zu Beginn der 1950er Jahre Zugang zum angloamerikanischen Managementverständnis suchte und fand. Die Berufung in den Vorstand der Bayer AG blieb ihm nur deshalb versagt, weil zu jener Zeit ausschließlich Chemiker in dieses Organ bestellt werden konnten. Von Beckerath, der seinen Berufsweg als Assistent von Hermann Joseph Abs begann, versuchte, mit Ironie über diesen Umstand hinwegzukommen. Einmal sagte er zu mir: „Die Berufungspolitik in Sachen Personalvorstand der Bayer AG macht Fortschritte: Bis dato waren meine Vorgesetzten stets Anorganische Chemiker, jetzt ist es zum ersten Mal ein Organischer Chemiker geworden.“ Während eines Stipendiums in den USA 1954 hatte von Beckerath Peter Drucker kennengelernt, der ihn so sehr beeindruckte, dass seither Peters Verständnis von Management und 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 15 Gesellschaft zu einer wesentlichen Orientierung seines Denkens und Handelns wurde. Für die als „Führung im Mitarbeiterverhältnis“ – wie das Harzburger Modell – camouflierten Versuche strikt hierarchischer Führungskonzepte, die bei vielen deutschen Managern damals auf positive Resonanz stießen, hatte von Beckerath nur Spott übrig. Das führte so weit, dass einige Führungskräfte der deutschen Wirtschaft von Beckerath widersinnig in eine linke Ecke stellten. Gar nicht ungewöhnlich zu einer Zeit, da ein sehr namhafter deutscher Unternehmer mir gegenüber das Manager Magazin als „linke Kampfpresse“ titulierte. Bei den vielen Treffen und Begegnungen mit von Beckerath war Peter Drucker zumeist ein Thema. Die Bibliothek des Soziologen Prof. Dr. Johannes Papalekas, an dessen Lehrstuhl von Beckerath kooptiert war, enthielt das bis dahin komplette Werk von Peter Drucker. Übrigens auch sämtliche Publikationen der Vertreter des St. Gallener Management-Modells, Ulrich, Staerkle und Krieg, den zu dieser Zeit einzigen kontinentaleuropäischen Wissenschaftlern, die in intensiver Verbindung zu Peter Drucker standen. Ende 1979 hatte ich mit von Beckerath vereinbart, dass ich die Universität in Richtung Management- und Personalberatung verlasse und an meiner Dissertation mit dem Thema „Der Wandel der industriellen Beschäftigungsstruktur in der gegenwärtigen Rezession unter besonderer Berücksichtigung des ausländischen Arbeitnehmerpotentials“ berufsbegleitend weiterarbeite. Ich habe diese Arbeit nie abgeschlossen. Das Einzige, was davon übrig blieb, war ein Beitrag über ausländische 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 16 Arbeitnehmer in einem Handwörterbuch der Betriebspsychologie und -soziologie.15 Ein halbes Jahr bevor ich die Universität verließ, unternahm ich unter dem Deckmantel meiner Dissertation eine eigenfinanzierte „Studienreise“ nach Kalifornien und von Beckerath arrangierte ein Treffen mit Peter Drucker in Claremont. So begegnete ich meiner Muse zum ersten Mal, nicht bei ihm zu Hause, sondern in einem Büro der Claremont Colleges. Es war ein kurzes Gespräch. Peter war freundlich und fragte nach von Beckerath, nach dem Thema meiner Dissertation und nach Deutschland: „Was macht Helmut Schmidt? Seine Art von Sozialdemokraten nannten wir früher kaiserliche Sozialisten!“ Beglückt fuhr ich die Strecke nach Los Angeles zurück, die ich später ungezählte Male fahren sollte. Acht Jahre später konnte ich mich auf meine Art für die durch von Beckerath initiierte Begegnung mit Peter Drucker revanchieren. „Verhaltensethik im Personalwesen“16 war der Titel eines Buches, das von Beckerath herausgeben wollte. Es waren ausschließlich namhafte Autoren, die von Beckerath gewinnen konnte. Umso mehr freute ich mich, dass er mir die Gelegenheit gab, ebenfalls einen Text beizusteuern. Dessen Überschrift lautete „Der Leiter des Personalbereichs – ein vollwertiges Mitglied der Unternehmensleitung?“17 Von Beckerath und der Verlag hatten mehrfach – ohne Erfolg – versucht, auch Peter Drucker für die Publikation zu ge- 15 Peter Paschek: Ausländische Arbeitnehmer. In: Paul G. v. Beckerath, Peter Sauermann, Günter Wiswede (Hrsg.): Handwörterbuch der Betriebspsychologie und Betriebssoziologie. Stuttgart 1981, S. 20 16 Paul Gert v. Beckerath: Verhaltensethik im Personalwesen. Stuttgart 1988 17 Peter Paschek, in Paul Gert v. Beckerath: ebd., S. 273–292 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 17 winnen, und zwar für den einleitenden Beitrag.18 Auf meine Bitte hin machte Peter schließlich die höchst seltene Ausnahme, an einem Buch mitzuwirken, an dem mehrere Autoren beteiligt waren – eine ebensolche Rarität wie die gemeinsame Herausgabe eines Buches. 1980 begann ich meinen Berufsweg im Management Consulting mit Schwerpunkt in der Beratung von Personalangelegenheiten, wie es von Beckerath in seinem Buch formulierte. Die Führungskräftesuche stand zu Beginn im Mittelpunkt meiner Arbeit. So konnte ich als 30-Jähriger den kompletten Vorstand einer großen, öffentlich-rechtlichen Bank besetzen. Meine Auftraggeber und Gesprächspartner waren der Finanz- und der Justizminister des betreffenden Bundeslandes. Die Suche war sehr erfolgreich, denn die von mir vorgeschlagenen Manager blieben bis zu ihrer Pensionierung im Unternehmen. Ich muss allerdings gestehen, dass dies in meiner fast vierzigjährigen Laufbahn als Berater eher selten vorkam Seit Beginn meiner Karriere gehören – bis heute – neben der Personalsuche auch Managementbeurteilungs- und -entwicklungskonzepte, Fragen der strategischen Unternehmensführung oder die Gestaltung von Aufsichtsrat und Beirat u. v. m. zu meinem Tätigkeitsfeld. Ich hatte das große Glück, bei dem damals bedeutendsten Beratungsunternehmen, Kienbaum, bei dem ich über 10 Jahre arbeitete, auf einen beinahe gleichaltrigen Chef und Sohn des Firmengründers zu stoßen, mit dem zusammen zu arbeiten einfach Spaß machte und dessen Vertrauen ich mir schnell erarbeitete: Jochen Kienbaum und mein Berliner Chef Walter Greiner ließen mir die Freiheiten, die ich brauchte, um meine berufliche Entwicklung erfolgreich zu gestalten. Denn ich war schon damals sehr vom Denken Peter Druckers geprägt und 18 Peter F. Drucker: Das Personalwesen – auf dem Weg zu neuen Ufern. In: Paul Gert v. Beckerath, ebd., S. 1–10 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 18 folgte seinem Grundsatz: „The exceptional man does not need direction.“ Ob das „exceptional“ auf mich zutrifft, mögen andere beurteilen. Aber bis heute habe ich den Eindruck, dass ich ‚direction‘ nie gebraucht habe. Peter Drucker, der Jochen Kienbaum sehr schätzte, sagte einmal zu mir: „Jochen is a good manager, not a great manager. But first and foremost, he is a great human being. And this is an essential strength!“ Von Peter Drucker und von Beckerath geprägt, orientierte ich meine eigene Managemententwicklung an internationalen, vor allem angloamerikanischen Institutionen der Managementbildung, natürlich immer unter der Maßgabe, dass Peter Drucker als Keynote Speaker vertreten war. Dieses fand vor allem in den Top-Management-Programmen des Management Center Europe (MCE), dem europäischen Arm der American Management Association (AMA), statt. Der Direktor dieser Programme, Shafiq Naz, wurde sehr bald zu einem lieben Freund, der mir hilfreich zur Seite stand, meiner Muse Peter Drucker näher zu kommen, und der mich darüber hinaus in alle kulinarischen Köstlichkeiten der belgischen Küche einführte. Amsterdam, London, Paris, Zürich, Brüssel waren Anfang der 1980er Jahre die Standorte der MCE-Veranstaltungen, die ich besuchte. Hierzu hatte ich durch Kienbaum und Greiner freie Hand. Einen großen Teil der Finanzierung dieser Maßnahmen habe ich selbst getragen, für mich eine Selbstverständlichkeit, denn schon damals glaubte ich nicht an die ‚free lunch for everybody‘-Economy. Diese Symposien hatten stets etwa um die 60 Teilnehmer und es war nicht einfach, selbst in den Pausen, mit den Speakern ins Gespräch zu kommen. Einmal sah ich Peter Drucker sehr nahe und fasste den Mut, auf ihn zuzugehen und ihn anzusprechen. Er erinnerte sich an mich, jedenfalls tat er so, frag- 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 19 te artig, was „Kienbaum“ bedeute, um sich dann gleich zu entschuldigen und zu verschwinden. Ich war enttäuscht, hörte allerdings nicht auf, ihm zuzuhören, ihn zu lesen, und wartete weiter auf die nächste Gelegenheit. An der abschließenden Diskussion der einzelnen Sessions konnte und wollte ich mich nicht beteiligen. Ich hatte noch nichts zu sagen und gehörte schon damals nicht zu denen, die worthülsenmächtige belanglose Management-Plattitüden einwerfen. Aber ich war ein konzentrierter und reflektierender Zuhörer und muss gestehen, dass Peter Drucker der Einzige war, der mich wirklich interessierte und mit dem ich mich fortwährend auseinandersetzte. In diesen Jahren habe ich alle Großen der Managementlehre von Michael Porter bis Henry Mintzberg kennengelernt – aber keiner hinterließ einen vergleichbar nachhaltigen Eindruck bei mir. Hinzu kam, dass eine Reihe der zumeist US-amerikanischen Referenten wortreich und eloquent über „Philosophy“ sprachen: Company Philosophy, Product Philosophy, Management Philosophy, Hiring Philosophy und mehr. Beim genauen Zuhören und Nachdenken über das mit Verve Vorgetragene fiel mir dann immer der Passus eines Briefes ein, den Hannah Arendt 1949 an Karl Jaspers geschrieben hatte: „Manchmal frage ich mich, was wohl schwieriger ist, den Deutschen einen Sinn für Politik oder den Amerikanern einen leichten Dunst auch nur von Philosophie beizubringen.“19 Doch ein Satz des damaligen President und CEO von Nabisco Brands ist mir in Erinnerung geblieben: „I hate work, but I love to accomplish!“ 19 Hannah Arendt, Karl Jaspers: Briefwechsel 1929–1969. München 1985, S. 165 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 20 Die nächste Gelegenheit, Peter Drucker nahe zu kommen, ergab sich 1984. Mein Freund Shafiq hatte es geschafft, dass ich zu einer exklusiven Runde mit dem Titel „Conversations with Peter Drucker“ eingeladen wurde. Unter den sieben Teilnehmern waren u. a. die CEOs von Phillips und SAS, sowie der Finanzchef von Anheuser Busch und ich, the young Consultant from Germany. Das Ganze fand in einem Hotel namens „Griswold“ statt – TV, two Pools – nicht gerade schön, aber praktisch für Peter, denn das Hotel lag nur wenige Schritte von seinem Haus entfernt. Der erste Tag dieser dreitägigen Runde verlief für mich ähnlich den MCE-Konferenzen: Ich beschränkte mich auf das konzentrierte Zuhören. Doch am frühen Nachmittag schlug meine Stunde. Im Zusammenhang mit dem Problem der Inflation nahm Peter Drucker Bezug auf die Szene im 2. Teil des „Faust“ von Goethe, in der der Teufel das Papiergeld erfindet und damit den Auslöser von Inflation. Peter fragte in die Runde und keiner kannte die Textstelle im „Faust“. Keiner außer mir, der sogar mit einem Mephistopheles-Zitat glänzen konnte. Voller Stolz rezitierte ich: „Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt, ist so bequem, man weiß doch, was man hat.“20 Ich spürte, wie beeindruckt Peter Drucker war und mich zur Kenntnis nahm. Dieser Eindruck verstärkte sich, als Peter im weiteren Verlauf eine Frage, deren Inhalt ich leider vergessen habe, mit den folgenden Worten an den Kreis richtete: „First, we ask this young German Consultant, who needs a haircut“. Beim Abendessen folgte dann der endgültige „Durchbruch“. Ich hatte die Ehre zwischen Peter und Doris Drucker zu sitzen. Sofort entwickelte sich ein Gespräch zwischen Peter und 20 J. W. v. Goethe: Faust II, Erster Akt, Lustgarten. München 1994, S. 188 (Sonderausgabe, 15. Auflage) 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 21 mir. Wir sprachen über den aktuellen Zustand der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft, aber vor allem über die großen Denker, die – wie wir feststellten – uns beide geprägt hatten: Max Weber, Wilhelm von Humboldt, Joseph Schumpeter, Alexis de Tocqueville; oder die amerikanischen Institutionalisten Veblen und Commons. Im Verlauf der folgenden Jahre lernte ich mich durch Peter mit Fritz Mauthner, Friedrich Julius Stahl, Edmund Burke und vor allem mit Walter Bagehot auseinanderzusetzen. Über diesen schrieb Peter in Bezug auf die Vorgenannten: „But none of these is as close to me in temperament, concepts and approach as a mid-Victorian Englishman; Walter Bagehot … Bagehot first saw the emergence of new institutions: civil service and cabinet government as the cores of a functioning democracy and banking as the center of a functioning economy. Similarly, I was the first, a hundred years later, to identify management as the new social institution of the emerging society of organizations and to spot the emergence of knowledge as the central resource.“21 Aber auch ich konnte später Peters Denken bereichern: durch das Werk von Helmuth Plessner22 und vor allem durch die Arbeiten seines Schülers Christian von Krockow23, dessen Umgang mit Sprache Peter sehr begeisterte. Den Abend in Claremont im Frühjahr 1984 werde ich nie vergessen, denn damals begann unsere Freundschaft. 21 Peter F. Drucker: The Ecological Vision, Reflection on the American Condition. New Brunswick/London 1993, S. 442 22 Von Helmuth Plessner waren es vor allem seine Schriften „Macht und menschliche Natur“ sowie „Die Verführbarkeit des bürgerlichen Geistes / Die verspätete Nation“. 23 Von Christian von Krockow las Peter Drucker mit großer Begeisterung „Über die Deutschen“, „Einspruch gegen die Zeit“, „Die Zukunft der Geschichte“ sowie „Politik und menschliche Natur“. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 22 An dieser Stelle sei angemerkt, dass Peter und ich unseren Austausch nie als eine ‚Plauderei ins Blaue‘ zwischen zwei Bildungsbürgern verstanden und geführt haben. Unsere Mühen des Denkens waren stets auf ein Ziel gerichtet, und das lautete: „Welche Verantwortung trägt das Management, speziell das Business Management, in Bezug auf die Gestaltung einer erträglichen Gesellschaft und wo liegen die Grenzen dieser Verantwortung?“ Es versteht sich von selbst, dass wir darüber hinaus nicht nur gelegentlich ebenso die leichte Unterhaltung pflegten. Dieser besagte Abend in Claremont ist mir noch aus einem anderen Grund in Erinnerung geblieben, denn an jenem Tag lernte ich erstmalig den liebenswerten, jedoch spröden Charme von Doris Drucker kennen. Nachdem Peter und ich uns über „unsere“ Denker vertieft hatten, wandten wir uns profaneren Dingen zu. Auch dazu konnten wir uns ergiebig austauschen. Unter anderem empfahl mir Peter, ich möge jetzt – also im April – unbedingt in die Mojave-Wüste fahren, weil alles so wunderschön blühe. Ein Traum von Farben! Voller Begeisterung beschrieb er eine Wunderwelt und wollte gar nicht damit enden. Es folgte die Entzauberung der blühenden Wüste, denn noch während Peters Hymne stieß mich Doris sanft in die Seite und sagte leise auf Deutsch: „Blühende Wüste!? Peter übertreibt wie immer maßlos!“ Sie schüttelte den Kopf, lachte und beschrieb mit einer Geste von Daumen und Zeigefinger die ihrer Meinung nach wirkliche Größe der Wüstenblüte und das war kaum mehr als ein Zentimeter. Seit diesem Abend blieben Peter und ich in Verbindung. Vor allem waren Brief, Fax und Telefon unsere Kommunikationsmittel – neben ungezählten Begegnungen. Er gab mir die Gelegenheit, als Gast an einigen seiner Seminare in Claremont teilzunehmen, und schickte mir regelmäßig seine aktuellen Veröffentlichungen. Bis zuletzt schrieb Peter kurze oder lange Texte auf einer alten Schreibmaschine. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 23 Da ich beruflich von 1986 bis 1990 regelmäßig in Los Angeles County zu tun hatte, besuchte ich Peter und Doris mehrmals im Jahr in Claremont zu Hause, oft auch mit meinem US- Partner Richard O’Neill, der bei Peter studiert hatte und mit seiner Familie in Claremont lebte. Im Frühjahr 1989 konnte ich Peter für zwei Vorträge in Düsseldorf gewinnen. Einen davon hielt er im besagten Schloss Benrath. Am Abend zuvor stellte er vor einem kleinen Kreis sein neuestes Buch „The New Realities“ vor. Noch Jahre später kamen Teilnehmer der Runde auf mich zu, immer noch beeindruckt von Druckers Weitsicht. Er hatte nämlich an diesem Abend die Wahrscheinlichkeit des Zusammenbruchs des Sowjetimperiums angesprochen und dass dieser Niedergang, wenn er denn geschehe, seinen Ausgang mit dem Fall der Berliner Mauer nehmen würde. Trotz eines gedrängten Programms fanden Peter und ich auch Zeit, uns über die leichten Freuden und Dinge des Lebens auszutauschen, und das waren viele, von denen ich eine Reihe heute – in Zeiten der Talibanisierung des öffentlichen Lebens – leider nicht öffentlich machen möchte. Ein Beispiel ist jedoch unverfänglich: Bei einem abendlichen Spaziergang am Rhein erklärte er mir nachdrücklich, ich solle nie im Sommer mit der Frau, die ich liebe, am Rhein zelten. Denn es seien dort so viele Mücken, dass die Auserwählte nicht nur vor diesen heimtückischen Insekten fliehen, sondern auch vor mir davonlaufen würde. Er hätte damit so seine Erfahrungen. Während desselben Spaziergangs berichtete ich ihm, dass ich zum wiederholten Male seine Autobiografie „Adventures of a Bystander“ gelesen hatte, und brachte meine große Begeisterung zum Ausdruck. Er antwortete lapidar: „Please Peter, don’t forget, there is a lot of fiction in it.“ – getreu seinem Motto, das heute in jeder Zitatensammlung von ihm zu lesen ist: „I tell anecdotes to make a point, not to teach history.“ 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 24 Als ich Peter Drucker einlud, gleich im nächsten Jahr, also 1990, nach Deutschland – dieses Mal nach Frankfurt – zu kommen, um dort vorzutragen, zögerte er zunächst und schrieb mir in einem Brief: „I am by no means sure that it makes sense to come back two years in a row – one does wear out one’s welcome. And so I want you to tell me frankly, if you think that we should not plan for anything next year – I would fully understand.“ Doch dann fiel im November des Jahres die Berliner Mauer tatsächlich und nachdem ich ihn wiederholt bat zu kommen – gerade weil jetzt alles gen Osten blickt und man zunehmend vergaß, den Wandel der gesamten Welt im Auge zu behalten –, stimmte er, da er meine Auffassung teilte, freudig zu und faxte mir sogleich ein Konzept für das Seminar im Sommer zu: „But let me say a few words how to structure our meeting. First: You make the decision on topics – you know your public. The first topic I prepared in my February 2 letter – Basic Changes in World Economy and World Society and how they affect your Business – should be still a topic, of course. But as you point out. ‚Alles schaut nach Osten‘, in the next four months, that is until we meet there will be a million seminars in the Bundesrepublik devoted to the changes in the Ostblock (and will Gorbatchev still be there when we meet? His chances are hardly much better than 50/50). I think we ought to make sure that our meeting is different – why also would you import an expert from America? So, I would prepare a title that makes it clear that we shall look at the rest of the world (and what is beginning to happen politically in Japan may be of very great importance for instance). – But you make the decision!“ Die Veranstaltung, die im Kempinski Hotel Gravenbruch nahe Frankfurt stattfand, begann mit einem Abendessen. Ich hatte am Vormittag Peter vom Flughafen abgeholt und ihn in das Zimmer für ihn und Doris geführt. Es war eine große Suite 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 25 und Peter witzelte bei seinem Eintritt: „Peter, was haben Sie da für einen Reitersaal organisiert!?“ Danach machten wir uns auf, um Doris abzuholen, die aus London eingeflogen kam. Auf unserem Weg trafen wir am Empfang des Hotels Erwin Barth von Wehrenalp, den ich auf Peters Wunsch hin eingeladen hatte und der zu den vielen au- ßergewöhnlichen Menschen gehört, die ich durch Peter Drucker kennengelernt habe. Barth von Wehrenalp hatte nach dem Zweiten Weltkrieg den Econ Verlag gegründet und hat diesen viele Jahre als Verleger geleitet. Er gilt als Erfinder des Sachbuchs in der Bundesrepublik. Er war Österreicher wie Peter und als wir ihn trafen, lebte er nach dem Verkauf seines Unternehmens in Salzburg. Barth von Wehrenalp war nicht nur Peters Verleger in Deutschland, zwischen den beiden bestand zudem eine enge Freundschaft. Beide Herren begrüßten sich mit größter Herzlichkeit. Doch da Peter darauf drängte, rechtzeitig am Flughafen zu sein, um Doris pünktlich in Empfang zu nehmen, vertagten wir uns auf den Abend. Beim Hinausgehen sagte Peter zu mir: „Erwin ist ein wunderbarer Mensch, aber er ist sehr alt geworden, dabei ist er wesentlich jünger als ich.“ „Wesentlich“ bedeutete im Drucker- ’schen Sinn Jahrgang 1911 im Vergleich zu seinem Geburtsjahr 1909. Im Seminar behandelte Peter vor allem die Grundfrage eines Themas, mit dem er sich seit dem Ende des Kalten Kriegs bis zu seinem Lebensende beschäftigt hat und zu dem er 1995 in einem Beitrag im Atlantic Monthly ausführlich Stellung nahm: „Can Democracies Win the Peace?!“24 Während die politische und wirtschaftliche Klasse in Deutschland (mit wenigen Ausnahmen) aus der Vereinigung und ihren Folgen ein 24 Can Democracies Win the Peace?, in: Peter F. Drucker: Managing in a time of Great Change, NewYork 1995, A. 307–340 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 26 „Festival der Selbstbestätigung“25 machte und sich über die Wirklichkeit durch das Aufsagen von Phrasen hinweg illusionierte. Ich erinnere mich noch daran, wie der damalige bayerische Innenminister Stoiber über den Sieg der Marktwirtschaft schwadronierte. 1991 bekam die Freundschaft zwischen Peter und mir eine neue Qualität, oder besser gesagt: Vertiefung. Der Grund: Vera Tschechowa. Vera und ich hatten im Juni des Jahres geheiratet und flogen wenige Tage später in die USA, um unseren Antrittsbesuch bei den Druckers in Claremont zu machen. Der Empfang durch die beiden war von einer rührenden Herzlichkeit, Vera wurde sofort in Beschlag genommen und ich musste mich, zumindest an diesem Tag, mit einer Nebenrolle zufriedengeben. In ihrem Wissen über Literatur, Theater, Film und die bildenden Künste war Vera einfach die ideale Gesprächspartnerin. Und zwar nicht nur für Peter, sondern vor allem für Doris, die sich oft über das Bildungsniveau der Amerikaner beklagte. Sichtlich empört berichtete sie uns einmal von ihrem Gespräch mit der Tochter einer Nachbarin über Shakespeares „Romeo und Julia“. Letztere hatte dazu nicht mehr anzumerken als: „Das ist doch dieser tolle Film mit Leonardo di Caprio und mit der hinreißenden Musik.“ Daher war es mehr als verständlich, dass Doris es vorzog, lieber mit Vera über die Arbeit von deren Urgroßonkel, dem russischen Schriftsteller Anton P. Tschechow zu sprechen. An diesem Tag meiner Nebenrolle konnte ich mich zumindest mit Peter ein wenig austauschen. Als ich ihm erzählte, wie sehr mir eine Reihe von von der Treuhand eingesetzten Managern und Ex-Politikern auf die Nerven ging, die mit einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz als Aufsichtsräte oder Vorstände die in der Tat total verrotteten ehemaligen DDR-Kombinate in die weltwirtschaftli- 25 Vgl. hierzu Wolf Lepenies: Folgen einer unerhörten Begebenheit. Die Deutschen nach der Vereinigung. Berlin 1992, S. 31f 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 27 che Realität führen mussten (eine sicherlich undankbare Aufgabe noch dazu), entgegnete Peter lapidar: „Das kann ich gut nachvollziehen, das Leben ist schon schwer genug.“ Nebenbei eröffnete er mir, dass er seit kurzem mit einem Herzschrittmacher „ausgestattet“ sei. Der Grund: „Ich hatte eine Grippe, die ich nicht ernst genommen habe. Die Grippe aber hat mich ernst genommen …“ Von diesem Tag an, im Juni 1991, wurde es eine Freundschaft zwischen Vieren. Kurz nach unserem ersten Besuch in Claremont erhielt ich einen langen Brief von Peter, er schrieb unter anderem: „Secondly final information about my lecture tour in Europe: Management Center Europe. I will start in London and I’ll ask Management Center Europe to invite you and I hope you and Frau Vera – AND ESPECIALLY FRAU VERA – can make it. Doris in particular INSISTS on meeting Vera again – she was deeply impressed by her and so was I.“ Seitdem war mir klar, dass, immer wenn Vera dabei sein würde, ich mich mit einer Nebenrolle würde zufriedengeben müssen, was mir allerdings nicht schwerfiel. So geschehen, ich glaube im März 1993 bei einer hochbesetzten Konferenz der MCE. Bei einem Abendessen waren wir vier an einem großen runden Tisch platziert. Doris und Peter bestanden darauf, dass Vera zwischen ihnen sitzt, während ich mich mit Nancy und Henry Kissinger ‚begnügen‘ musste. Gleich zu Beginn fragte mich Nancy Kissinger laut und für alle am Tisch hörbar, ob Rudolf Augstein immer noch so viel trinken würde. Leider konnte ich darauf keine Antwort geben, da ich Herrn Augstein nie kennengelernt hatte. Ansonsten entwickelte sich aber ein sehr angeregtes Gespräch mit einer geistreichen und humorvollen Nancy Kissinger. 1994 schenkten wir Peter zu seinem 85. Geburtstag neben der Biografie von Max Weber das Gedicht von Friedrich Torberg, „Sehnsucht nach Altaussee“. Der Dichter hatte es 1942 im 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 28 kalifornischen Exil geschrieben. Es beginnt: „Wieder ist es Sommer worden / dritter, vierter Sommer schon. / Ist es Süden ist es Norden / wo ich von der Heimat wohn?“ Wir schrieben Peter, er möge den Text anstelle eines Geburtstagsständchens akzeptieren, da wir ihn nicht mit unserem Gesang erschrecken wollten. Die Antwort war ein langer, eng geschriebener sechsseitiger Brief, in dem Peter uns in einer Mischung aus Deutsch und Englisch Erinnerungen an seine Kindheit übermittelte, u. a. schrieb er, dass seine Eltern sehr oft mit ihm nach Altaussee gefahren sind. Doch seit Beginn der 1920er Jahre wurde es ihnen dort zu touristisch, so dass sie fortan zum nahe gelegenen Grundlsee gefahren sind, „where even a Reichsdeutscher was exotic at that time“. In den folgenden Jahren intensivierten Vera und ich unsere Besuche bei den Druckers. Das Jahr 1995 aber hatte zwei besondere Höhepunkte. Der erste war ein mehrtägiger Besuch bei den Druckers in Claremont im Mai des Jahres. Am ersten Tag machten wir zu viert einen langen Spaziergang durch den botanischen Garten von Claremont. Doris und Vera waren nach einiger Zeit bedient von Peters und meinem Schlendern sowie von Peters Neigung, an jeder noch so kleinen Pflanze stehen zu bleiben und deren Herkunft zu erklären. Ich erinnere mich noch, als wir beide lange vor eine Lilie standen und er neben Erläuterungen zu dieser Blume über seine Verwandtschaft zum Dichter und Naturforscher Adalbert von Chamisso erzählte. Vera und Doris hatten uns in der Zwischenzeit entnervt in Richtung des Fitness Centers von Doris verlassen, wo diese Vera alle Geräte vorstellte, die sie regelmäßig benutzte. Peter und ich setzten derweil unseren Spaziergang fort. Peter war in keiner sonderlich guten Stimmung und sagte zu mir: „Die Weltlage bedrückt mich! Schauen Sie sich Ihr Land an. Die Gesellschaft ist krank und Ihre Wirtschaft auch. Hier bei uns ist bisher nur die Gesellschaft krank.“ Danach verriet er 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 29 mir, dass er an einem neuen Buch zu schreiben begonnen habe. Das Thema dieses von ihm nie vollendeten Buches werde ich im nächsten Kapitel ausführlich behandeln. Der Titel des Buches lautet, wie bereits erwähnt: „Incorrect Reflections on a Wasted Century“. Am nächsten Tag führte ich mit Peter ein Gespräch für eine Publikation meines Unternehmens. Wir sprachen über Aufsichtsratsstrukturen in Deutschland und den USA sowie über eine Reihe von anderen Fragen des Managements. Meine letzte Frage an Peter lautete: „Sie kommen im Sommer nach Europa und halten u. a. in Berlin ein Seminar für die MCE. Ich glaube, Sie waren vor mehr als 60 Jahren, im Jahr 1932, zuletzt dort. Was erwarten Sie von Berlin?“ Hierauf antwortete er wie folgt: „Ich freue mich sehr auf Berlin und bin sehr gespannt. Das Berlin zum Ende der Weimarer Republik habe ich nicht gemocht, es war mir zu frenetisch. Im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt ein Breughel „Die Menschheit kurz vor dem Weltuntergang“. Das war Berlin damals. Mit einem Wort: Hohes Fieber. Die Theater- und Opernaufführungen waren fabelhaft, aber das intellektuelle Leben war für mich unerträglich. Die Intellektuellen sympathisierten entweder mit den Nazis oder mit den Kommunisten. Da war der namhafte Banker, der sich zu seiner eigenen Dinnerparty um eineinhalb Stunden verspätete, weil er Holz hacken musste, nicht als Fitnesstraining. Er stand der KPD nahe, und man muss doch Schwielen an den Händen haben, wenn die Revolution kommt.“ Am 29. Mai 1995 erhielten wir via Fax von Peter Drucker den Plan zum Ablauf des mehrtägigen Aufenthaltes der Druckers in Berlin. „Samstagmorgen – den 10. Juni – werden wir Peter in unserem Hotel erwarten. Ich will in Berlin nur eines sehen: den Pergamon-Altar. Daher würde ich bitten, dass wir zuerst dorthin gehen. Dann in das von Peter vorgeschlagene Restaurant (ob es allerdings mit dem letzten, welches Peter für uns in 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 30 Franken gefunden hat, konkurrieren kann?). Ich werde eine schwere Woche vor mir haben. Ich muss doch ein bisschen Rücksicht auf mein Alter nehmen. Aber Doris ist sowohl vergnügungssüchtig als auch unermüdbar – und will alles (!!!) in Berlin sehen. Ob wir dann erwarten dürfen, dass Peter mit uns Abendessen isst, hängt natürlich davon ab, ob Sie, liebe Vera, in Berlin sein werden, oder ob Peter Junggeselle sein wird – jedenfalls halten wir den Abend frei. Am Sonntagabend hoffen wir dann doch, dass Sie beide so um 18.30 Uhr in unser Hotel kommen werden und wir irgendwo ein einfaches Abendessen zusammen haben werden. Die Auswahl des Lokals überlasse ich Ihnen. Aber erstens bitte ein ruhiges und keine Musik – meine Hörapparate können Hintergrundlärm nicht überwinden. Und zweitens Sie sind unsere Gäste. Doris wird am Montag das machen, was ihr am liebsten ist: flanieren. Peter, nehme ich an, kann ich ja wohl nicht davon abbringen, einen Tag mit Mir-Zuhören zu vergeuden – und Sie, liebe Vera, sind natürlich herzlichst eingeladen zu kommen, wann es Ihnen passt, und dabei zu bleiben, solange es Ihnen Spaß macht.“ Natürlich wurde Peters Plan von Vera und mir umgesetzt. Wir hatten dann doch viel Zeit, die wir miteinander verbringen konnten. Das Restaurant in Berlin begeisterte Peter ähnlich, wie das in Franken und er ließ es sich nicht entgehen, an mehreren unserer Sightseeing-Touren für Doris teilzunehmen. Peter führte im Gegenzug Vera und mich auf eine Reise in das kulturelle, speziell das politische Geschehen der Jahre 1929 bis 1932. Unser aktuelles politisches Gesprächsthema war – wie konnte es 1995 anders sein: die Zukunft der liberalen Demokratie. Peter hatte zu dieser Zeit seinen Beitrag „Can Democracies Win the Peace?“ im Atlantic Monthly veröffentlicht. 1996 schrieb uns Peter, dass er keine großen Reisen mehr unternehmen werde und seine Vorträge mittlerweile via Satelliten halte. Eine große Reise stünde jedoch noch bevor. Der 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 31 Grund sei ein Buch von Doris, das sie neben dem Aufbau ihrer kleinen Ingenieurfirma geschrieben hatte. Ein japanischer Verleger sei dermaßen fasziniert von dem Buch, dass er – so Peter – „will wonders never cease – einen hochanständigen Vorschuss gezahlt hat“. Zu Doris’ Buch wird es im letzten Kapitel noch viel zu erzählen geben. Im November 1997 reiste Peter Drucker doch wieder, dieses Mal allerdings virtuell, und zwar über eine Videowall aus einem Studio in der Nähe seines Heimatortes Claremont nach Hamburg ins Atlantic Hotel. Die Veranstaltung fand am 19. November 1997 statt, es war Peters 88. Geburtstag. Ron Sommer, damals Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, und Manfred Lahnstein, zu dieser Zeit Mitglied des Bertelsmann-Aufsichtsrates, leiteten die Diskussion vor über 100 Teilnehmern. Vor nunmehr über zwanzig Jahren stellte Peter seinen Vortrag unter folgende drei Leitthesen: „(1) THE NEW WORLD ECONOMY AND IT’S REALITIES The most important of the realities is that we are moving rapidly from an INTERNATIONAL to a GLOBAL and TRANSNATIONAL economy. Money and Information have already become truly transnational; and so, rapidly is Finance. The next MAJOR REALITY IS THAT THE DEVELOPED COUNTRIES – all except the US – will face SHRINKING POPULATIONS and especially shrinking populations of people of traditional working age. (2) THE NEW DEMANDS ON THE EXECUTIVE First – and perhaps most urgent – is the demand to learn to convert DATA into INFORMATION … and mostly into information that is today not obtainable. The most important change in information is not in the technology of the computer though it will continue to change rapidly. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 32 Secondly: growth of a business will more and more come through all kinds of alliances and partnerships (including outsourcing) rather than through either internal growth or acquisitions. Increasingly every executive will have to learn how to be a PARTNER as well as a BOSS. (3) Finally, EXECUTIVES of all organizations – and especially of businesses – will have to learn to think, to plan and to act both, LOCALLY and GLOBALLY. The World Economy is fast becoming globally – especially in respect to competition. The World Polity is not becoming more integrated – on the contrary: there are enormous CENTRIFUGAL forces at work (and by no means only in the former Yugoslavia).“ Noch am Abend seines Geburtstages schrieb mir Peter ein Fax, in dem er sich für ein Geburtstagsgeschenk bedankte, um dann sofort zur Sache zu kommen: „Und dann bitte: teilen Sie mir mit, wie die heutige Veranstaltung gelaufen ist. War mein Deutsch noch genügend? Und habe ich Ihren Teilnehmern etwas Neues und auch etwas Wichtiges sagen können? Bitte berichten Sie.“ Ein beispielhaftes Zeichen für die intellektuelle Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit seiner Arbeitsweise. Nach der Veranstaltung in Hamburg erzählte mir mein Mitgesellschafter Alexander Lentze, dass sein Klient Ron Sommer über Peter Drucker gesagt hatte: „Welch überragende jüdische Intelligenz!“ Hätte Peter das gehört, wäre seine Antwort wohl ähnlich ausgefallen wie die des großen Kabarettisten Werner Finck bei einer sehr ernsthaften Gelegenheit: „Stimmt nicht! Ich sehe nur so intelligent aus“. Sicherlich gab es in Peters niederländischer Verwandtschaft jüdische Vorfahren und sicherlich benutzte Peter dies „to make a point“. Doch eine Anekdote, die er mir einmal über seinen Bruder erzählte, macht deutlich, dass Sommer nicht ganz richtig lag: „Mein Bruder Gerhard ist Arzt, lebt auch in 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 33 den Staaten und ist ein Kauz. Stellen Sie sich vor, er schreibt Gedichte in der Medical Review wie ‚Die größte Prostata, die ich je sah‘ – Er war schon immer ein Kauz. Als Kinder in Wien spielten wir beide oft in der Nähe der Rabbiner unserer Stadt. Gerhard war dermaßen begeistert von ihnen, dass er zu ihnen ging und sagte, er wolle Jude werden. Die antworteten jedoch, dass dies nicht möglich sei, da er keine jüdische Mutter habe. Daraufhin ging er zu unserer Mutter und beschwerte sich, dass sie keine Jüdin sei. Er war halt schon immer ein Kauz.“ Ende der 1990er Jahre unternahm Peter, wie oben erwähnt, keine großen Reisen mehr, während Doris, wie Peter es formulierte, „überhaupt keine Alterserscheinungen zeigte“. Sie verbrachte wie immer im Sommer mehrere Wochen in den Rockies in ihrer Mountain Cabin in über 2000 Meter Höhe und unternahm lange Flugreisen. Eines aber hatten die beiden gemeinsam – beide arbeiteten unermüdlich. Doris mit ihrer 1996 gegründeten Ingenieurfirma und Peter als Berater, Forscher und als Lehrender an der Universität und als Autor. Ein Fax, das wir von ihm vor unserem Besuch bei den beiden Freunden im Frühjahr 1999 erhielten, beschreibt den Lebensinhalt der fast 90-Jährigen nachdrücklich: „… hoffentlich haben Sie doch genug Zeit für uns. Mein neues Buch (‚Management Challenges for the 21st Century‘26) wird wahrscheinlich noch nicht erhältlich sein, wenn Sie hierherkommen. Es soll in der folgenden Woche für die Los Angeles Buchmesse erscheinen. Aber wenn Ihr dann von hier nach Hause kommt, werden Sie dann dort ein Exemplar der UK Ausgabe vorfinden – es wird gleichzeitig in den US, dem UK und in Japan erscheinen, Ende April, und dann während des Jahres in 16 anderen Ländern / Sprachen erscheinen – allerdings wahrscheinlich nicht vor dem Spätherbst in Deutschland (wieder Econ). 26 Peter F. Drucker: Management Challenges for the 21st Century. New York 1999 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 34 Sonst ist von uns nur zu berichten, dass wir beide viel zu viel arbeiten – Doris’ Gesellschaft fängt jetzt an, Erfolg zu haben – nach drei Jahren harter Arbeit; und Doris ist mit Arbeit überwältigt. Ich habe viel zu viel Beratungstätigkeit – heute hatte ich eine sehr interessante kanadische Gesellschaft hier, die auch morgen wieder für einen Tag herkommt; und noch viel mehr Vorträge – allerdings beinahe alle via Satellit. Die zwei Tage in Pebble Beach sind eine Ausnahme. Aber wir beide wollen ja eigentlich überarbeitet sein – ich weiß nicht, wie ein Workaholic auf Deutsch heißt – wir beide sind es.“ Im Oktober 1999 reisten Vera und ich wieder in die USA, dieses Mal nicht nach Kalifornien, sondern nach Savannah, Georgia. Im Zuge einer Regiearbeit von Vera – eine TV-Dokumentation über die Zusammenarbeit des Regisseurs Robert Redford mit dem deutschen Kameramann Michael Ballhaus – verbrachten wir zehn Tage dort und in South Carolina am Set der Dreharbeiten des Films „The Legend of Beggar Vance“ mit Will Smith und Matt Damon in den Hauptrollen. Von Doris Drucker wussten wir, dass Redford mehrfach Peters „Advanced Management“-Seminare besucht hatte, also sprach ich ihn eines Tages auf Peter Drucker an. Er war tief beeindruckt von meiner Freundschaft zu Peter, aber vor allem voller Begeisterung und höchster Wertschätzung für dessen Werk. Er sagte zu mir: „Peter Drucker is the only Philosopher who understands that art and management belong together, that management in a certain sense is a liberal art.“ Peter Drucker nahm meinen Bericht über das Gespräch mit Interesse entgegen, autografierte sein neuestes Buch für Redford, das ich diesem übergab, beendete aber den beiliegenden Brief mit den Worten: „… And is there any chance that you will be coming to South California next Spring?“ Natürlich reisten wir im Jahr 2000 und im Mai 2001 nach Claremont und es war wie immer mit den beiden eine große 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 35 Freude und ein großer Gewinn für uns. Das galt natürlich auch für den intensiven Austausch von Peter und mir zwischen den persönlichen Treffen. Ein zentrales Thema, mit dem wir uns zu dieser Zeit auseinandersetzten, waren Fragen des Aufsichtsrats und der Corporate Governance. Zu Letzterer schickte er mir im Juli 2001 folgendes Fax: „As to Corporate Governance it’s BOTH fad and reality. In Germany it’s, I’d say, however, far more reality than fad for the traditional German governance through the HAUS- BANK is rapidly disappearing and has, as I can see, not been replaced (and unlike the US is unlikely to be replaced by institutional investors since Germany has not built up the private pension funds into the majority owners of publicly listed companies, as in the US and in the UK). BUT also, in the next few years we in the US (but also the British) will have to learn to balance shareholder interests with the new PRIORITY to attract, hold, motivate and make productive the high-grade knowledge worker and the key word is HOLD. So far, our businesses have tried to do this in bribing the knowledge worker with money, stock options, bonuses – it doesn’t work and is actually becoming disincentive now that the mad boom is over (it already is). And so CORPORATE GOVERNANCE – and to make sure that the business is actually run in the interest of the business rather than in that of any one group – is a REAL topic, and one that will be increasingly important in the US for the next ten years. HERE, i.e. in the US all the business meetings to which I am invited to speak NOW, talk only of attracting, holding and motivating the knowledge worker – five years ago they talked only of shareholder values.“ Kaum zwei Monate später begann mit den Terrorattacken am 11. September des Jahres eine Serie von Erschütterungen, die die Weltlage bis heute maßgeblich bestimmen und zu signifikanten gesellschaftlichen Verwerfungen und globalen politischen Spannungen und Konflikten geführt haben. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 36 Peter Drucker nahm Anfang Oktober zu diesen Vorgängen in einem Fax Stellung. Er antwortete auf meine Fragen, wie immer mit dem Blick aufs Ganze. Er hielt Voraussagen der Zukunft für vermessen und nannte seinen Blick in die Zukunft, intellektuell und rechtschaffen wie er war, „Gedanken für die Zukunft“27: „Dear Peter – your today’s Fax: it was very good to hear from you and to hear that you and Vera are in good shape. SO ARE WE. The East (Boston especially, but also New York and Washington) are panicky. Out here everything is serene although I do not like the looming confrontation with ISLAM (I have expected it for a long time but it scares me – the underlying reason – the COMPLETE failure of Islam, militarily, politically and, above all, economically, will make the entire Mid-East (from Iraq to the Southern Philippines) an earthquake area for years to come). I am busy working. The (London) ECONOMIST had to postpone a long (20.000 words) survey of mine, entitled THE NEXT SOCIETY – scheduled for the week of the terrorist attack – it is now scheduled for the November 4 issue. And I just finished – to be published in the March issue – a long article for the HARVARD BUSINESS REVIEW entitled PEOPLE ARE OUR GREAT- EST LIABILITY – a title the Harvard Business Review will NOT use, I surmise. And on my desk, there are 95 EXCEL- LENT (and long) student papers to be read and graded THIS week! You ask for my reaction to the BERLIN elections. What the ‚US VIEW‘ is don’t know – I suspect there is none. But as far as I am concerned it fits something you and I talked about briefly when you and Vera were last here: the increasing irrelevance of the traditional political alignments as the 19th century ideologies and their 20th century offsprings have become increasingly meaningless. Traditional parties are now all becoming ‚centrist‘. NEW Alignments are in the works – 27 Siehe hierzu auch: Peter F. Drucker: Gedanken für die Zukunft. Düsseldorf 1959 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 37 they are being discussed (briefly) in THE ECONOMIST piece. BUT the ‚true believers‘ – the ones who want to hold on the old ideologists, whether ‚capitalism‘ or ‚socialism‘ – are drifting towards the extremes where the old slogans and clichés still resonate. You’ll see this clearly in ALL developed countries. In the US, both the ‚radical‘ wing of the Democrats and the ‚radical‘ wing of the Republicans are drifting away from their old alignments – which allows a President (if he is very adroit) to run a strong bi-partisan CENTER policy while the Media are full of extremism of the right and of the left. And it means that traditional ideological parties, e.g. the German Sozialdemokraten will continue to lose to parties that represent the ‚OLD‘ and ‚principle‘ left – but, I suspect, it means also that even a Sozi-Communist coalition in Berlin will have to follow a ‚bourgeois‘ and CENTRIST line – nothing else works anymore. We are already very much looking forward to your coming here next Spring. But won’t be too surprised if Ang Lee28 decides to re-schedule and to do things SOONER – a lot of people and organizations in the US who did cancel and postpone are now re-re-scheduling to hold their event at the first possible date – we are beginning to realize what you in Germany learned twenty-five years ago, that one does not let TERRORISM interfere with normal life.‘“ Immer wieder aber gelang es Peter – auch in weniger erfreulichen Zeiten – Vera und mich zu rühren und zum Schmunzeln zu bringen. Meinen 52. Geburtstag verbrachten wir in Bad Fuschl, Österreich. Peter, der die Region sehr gut kannte, richtete zum 28. Oktober folgende Geburtstagsgrüße aus: „Lieber Peter; die allerbesten GEBURTSTAGSWÜNSCHE und GEBURTSTAGSGRÜSSE zu Ihrem Zwei und fünfzigs- 28 Meine Frau bereitete zu dieser Zeit eine filmische Dokumentation über den taiwanesischen Film-Regisseur Ang Lee vor. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 38 ten von Doris und mir. UND DIE ALLERBESTEN WÜN- SCHE FÜR DIE NÄCHSTEN VIERZIG JAHRE. Hoffentlich ist das Wetter in Fuschl gut, es kann herrlich sein. Und Ende Oktober ist die beste Zeit in den Salzburger Alpen – gewöhnlich warme, heitere Tage und kühle Nächte. Und VERWÖHNT EUCH SEHR! Ich kenne die Fuschler Gegend nur, weil Hugo von Hoffmansthal’s Witwe, Gertie, dort ein Häuschen hatte (nach seinem Tod in 1926 oder 1929) und wir (d. h. meine Eltern) sie dort öfter besuchten. Ich selber habe meine Urlaube lieber weiter südlich, d. h. in den Dolomiten, verbracht – schon, weil das Sommerwetter nördlich des Brenners ja gewöhnlich unerfreulich ist, während es südlich des Brenners gewöhnlich sehr schön ist. ABER Ende Oktober, d. h. nach dem ersten Schnee, sollte es ja in Fuschl sehr schön und heiter sein – und sowohl die Berge wie der See sind ja unsagbar schön. ALSO, genießt jeden Augenblick; und nochmals: HAPPY BIRTHDAY AND MANY, MANY HAPPY RE- TURNS A BIG BIRTHDAY HUG from both Doris and me and our love to both of you.“ Das Jahr 2002 wurde insbesondere für Peter ein turbulentes Jahr in mancherlei Hinsicht: Im März teilte er mir mit, dass in Kürze seine wohl wichtigste Sammlung von Beiträgen aus 65 Jahren mit dem Titel „A Functioning Society“29 erscheinen werde. Ich schrieb ihm damals: „Ihre Anthologie ‚A Functioning Society – Gemeinschaft und Gesellschaft‘ hat mich sofort angeregt, den – alten – jungen Ferdinand Tönnies: ‚Gemeinschaft und Gesellschaft: Grundbegriffe der reinen Soziologie‘ hervorzuholen. Ich bin so sehr gespannt auf Ihre Sammlung!“ 29 Peter F. Drucker: A Functioning Society, Selections from Sixty-Five years of Writing on Community, Society and Polity, New Jersey, 2003 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 39 Noch am selben Tag sendete er mir seine Antwort: „Dear Peter, many thanks for the Manager Magazin Interview. She did a good job. Attached the Harvard Business Review story. I am impressed by your immediately catching the reference to TOENNIES – he was indeed the first and greatest influence on me (I first read him – by pure accident – in Hamburg in 1927 or 1928 when I was a deadly bored Kaufmannslehrling there.“ Da wir gerade dabei waren, umzuziehen, fügte er folgendes P.S. hinzu: „Ein altes Wiener Sprichwort (Nestroy) sagt: ‚Dreimal umgezogen ist, wie dreimal abgebrannt‘“. Einen Monat zuvor hatte das Manager Magazin einen längeren Beitrag von Peter veröffentlicht, auf den sich sein Dank in dem genannten Fax bezog. Ebenfalls im Frühjahr desselben Jahres bereitete ich einen Round Table mit einem kleinen Kreis von Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Politik und Kultur vor, eine Veranstaltung die ich damals regelmäßig durchführte. Dieses Mal lautete das Thema: „Aufsichtsrat und Top Management öffentlicher Unternehmer im Spannungsfeld zwischen Markt und Politik“. Wie so oft bat ich Peter um Rat: „Der CEO von Vivendi Environment wird aus der Sicht des privaten Investors die Einführung zum Thema geben. Sein Unternehmen ist gemeinsam mit RWE und dem Land Berlin seit zwei Jahren Gesellschafter der Berliner Wasserbetriebe, dem größten Wasserversorger und Abwasserentsorger Kontinental-Europas. Wir haben es hier mit einer der Allianzen, oder wie Sie es auch bezeichnen ‚dangerous liaisons‘, zu tun, die sowohl im privaten als auch im public sector immer häufiger auftreten. Meine Fragen an Sie, lieber Peter, sind folgende: 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 40 1. Können diese Allianzen auf Dauer angelegt sein oder sollten diese Konsortial-Verträge flexibel und kurzfristig konzipiert werden? 2. Welche Rolle bzw. zusätzliche Aufgaben kommen dem Aufsichtsratsvorsitzenden bzw. dem Aufsichtsrat zu, um diese Allianzen effektiv zu machen? 3. Bei der Besetzung einer jeden Middle Management bzw. Professional Position wird ein ausführliches Anforderungsprofil formuliert. Bei der Besetzung von Aufsichtsräten wird weniger professionell verfahren, zumindest in Deutschland. Ich vermute, dass weniger als 10 % der Aufsichtsrats-Positionen – inklusive Vorsitz – über ein professionelles Anforderungsprofil besetzt werden. Was denken Sie? 4. Wir erfahren in Deutschland seit Jahren die Praxis, dass der Vorstandsvorsitzende nach Ende seiner Amtszeit nahezu automatisch in den Aufsichtsratsvorsitz wechselt (siehe Bayer, Deutsche Bank, Schering etc.). Ich bin sicher, dass auch in diesen Fällen nicht die Anforderung im Vordergrund steht, sondern dass vielmehr ein Ritual praktiziert wird, und zwar ein gefährliches für das Unternehmen. Wie ist Ihre Meinung? Gibt es in den USA ein vergleichbares Phänomen?“ Nach zwei Tagen bekam ich von Peter eine ausführliche und äußerst hilfreiche Stellungnahme zu meinen Fragen. „… your four questions require a big book to answer. I’ll try to give enough of a reply to help you. First your question #3 – NO, practically no US company has any organized way to recruit or to check members of the board of Directors. It is a mess. Your questions No. 1 and 2. There are several different kinds of alliances and the purpose decides whether the alliance is designed to be short-term or permanent. The three main types of alliances are: (1) an alliance for a specific project, e.g. the development of a product. The project itself may be long-term; in fact, if successful it may well become a separate company – and it always requires its own management. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 41 But the alliance is typically short-term until the project is either a success or abandoned. Then the partners simply become shareholders and may or may not keep their share holdings … (2) an alliance that is a step in a proposed acquisition or merger – example the alliance between US General Motors and the Italian Agnellis under which GM acquired 20% of FIAT with an option to buy another 25 or 27% within the next five years and thus become the controlling owner of FIAT – that is also a short-time alliance. Another example is the alliance between Daimler-Benz and Mitsubishi Trading Company under which Daimler-Benz has now acquired 37 percent of Mitsubishi Motors and put its own management in – making Mitsubishi Motors in effect a fully-managed subsidiary. Mitsubishi Trading is believed to have agreed to sell to Daimler Benz the rest of its holdings of Mitsubishi Motors (said to be another 20%). (3) the true joint venture like your Berliner Wasserbetriebe which is usually meant to be long-term (RWE was for the entire years of the Weimar Republic such a permanent joint venture). I always recommend that in every alliance there is provision for dissolving it – with a pre-arranged price – but that is rarely done. Your question #4. This question rests on two common European misunderstandings regarding the USA. First that there is a VORSTAND in the USA – practically yes of course, legally NO. US Corporation law knows only the Board of Directors. Secondly there MUST be a US ‚system‘ – there is none. Every company can arrange things the way IT wants to. The CEO in practically all companies is a member of the Board of Directors – as are, usually, a few additional members of the Board of Management (Vorstand). And in many companies – perhaps the majority of all companies that are not publicly traded (that is the overwhelming majority of all businesses, especially the small and middle-sized ones) the Vorstands-Mitglieder are at least the overwhelming majority of the Board of Directors – only publicly listed companies (companies listed on the Stock Exchange) MUST have board members who are NOT full-time employees of the 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 42 company. Typically – probably in the majority of all US companies – the head man is BOTH, Chairman of the Board and CEO. When there is a different chairman it is usually a transition period – the former Chairman and CEO is in the process of retirement and has brought in the next CEO but still stays on – usually only for a few years – as Chairman. When he then finally steps out as chairman, he stays on the board in many companies till he reaches retirement age (if the company has one for board members which is by no means universal though becoming common of at least accepted). But in some companies, anybody who retires MUST retire totally and absolutely – one example is the General Electric Company (GE). Jack Welch had to leave his office and the office building on the day on which he retired as Chairman and CEO and is not even allowed to set foot in ANY GE facility – except as invited guest at the annual Christmas party. The same rule applied at CITIBANK, at least before it was acquired by Sanford Weil and Travellers. When Walter Wriston retired as Chairman and CEO of Citibank in 1981, he had to move into his own separate office outside the Citibank building and is not even allowed to come to the Citibank when he has lunch with one of these old colleagues. But these are exceptions. Normally, as I said before, Chairman and CEO are the same person; or the Chairman is a TOTAL outsider – e.g. a representative of the family that founded the company and still owns some stock. BUT again – just to show you that we have no system – there are some companies that have a two-men top management, with a chairman – a full-time employee of the company (though rarely in these cases a former CEO) in charge, e.g. of International and a CEO (also a member of the board, of course – CEOs practically ALWAYS are) in charge of the Domestic Business – or a Chairman in charge of Research (as in one of our major pharma companies) and a CEO in charge of everything else. In these companies, the chairman REPORTS to the CEO! I hope you are sufficiently confused now to realize that the European belief that the US must have a SYSTEM is a delu- 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 43 sion. And, by the way, to confuse you further: there is NO US Aktienrecht. Corporation law is a state matter; and the 50 states have each its own corporation law – and they are not necessarily identical. In fact, there are substantial differences, especially in the rights of the Board of Directors. AND the New York stock exchange (or rather the agency that regulates the US stock exchanges, the Securities Exchange Commission (SEC has its own set of rules which publicly traded companies (and not only publicly LISTED companies) MUST observe. All of which (a) means that our lawyers get rich; and (b) that there is absolutely no point trying to draw parallels between US and European conditions though the French concept of the VORSTAND as an Administrateur delegue of the Board comes closer to the US conditions than the German Aktienrecht.) P.S.: Perhaps the easiest way to understand the US is to accept that the country is run by LAWYERS and that the FIRST purpose of every law and even regulation is to make the lawyers rich.“ Auch in diesem Jahr verabredeten wir mit den Druckers einen Besuch in Claremont. Dieses Mal für den Spätsommer. Anfang Juli erhielten wir von Doris eine höchst erfreuliche Nachricht. Sie informierte uns, dass Peter am 9. Juli des Jahres mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet wird, der höchsten Auszeichnung für Zivilpersonen in den USA. Dies löste bei uns allen größte Freude aus. Peters Berichterstattung fiel allerdings eher nüchtern aus und schnell hatte er sich wieder seinen ‚Priorities‘ zugewandt: „… it was a very nice ceremony – more a family party than an ‚official‘ event. We spent two days in Washington – Doris raced around visiting museums; I took it easy. But we also spent two days on airports – and air travel is no longer much fun. We sat and sat and sat. I am almost recovered – and now I have two big writing projects ahead of me. First THREE additional one-hour online teaching devices; very interesting and actually a lot of fun to do but an enormous 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 44 amount of work. And then the six lectures (given twelve times since I’ll repeat each for our alumni and their associates and the Los Angeles area) for the University which I’ll deliver beginning in October – but the manuscripts should be ready by the end of August.“ Ich hatte schon seit einiger Zeit überlegt, wie ich Peter auf meine Art Dank sagen könnte für all das, was er für mich getan hatte. Beim wiederholten Lesen seiner ersten Veröffentlichung „Friedrich Julius Stahl: Konservative Staatslehre und geschichtliche Entwicklung“30 kam mir eine Idee. Die besagte Schrift wurde 1933 in der renommierten Reihe „Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart“ des J.B.C. Mohr Verlages Tübingen veröffentlicht und war eine vehemente Verteidigung des Rechtsstaates. Die Nationalsozialisten, die sich hochgradig provoziert fühlten, verbannten und verbrannten die Schrift sogleich. Peter Drucker, der genau das im Sinn hatte, war darauf vorbereitet und verließ Deutschland auf schnellstem Weg. Diese Schrift war bis dato nie wieder veröffentlicht worden und der Zufall wollte, dass „Society“, das führende Journal für Soziologie in den USA, die englische Fassung des Textes publizierte. Das bestärkte mich in meinem Vorhaben, eine Festschrift zum 70. Geburtstag von Peters Schrift zu F.J. Stahl zu initiieren. Er warnte mich zwar nachdrücklich vor der vielen Arbeit, doch war er sofort bereit, den einführenden Beitrag zu verfassen: „Lieber Peter – your idea of a Festschrift is most honorific. BUT I am afraid you don’t realize how much work it would be (I helped edit one once, forty years ago, and it was an enormous amount of work.) 30 Peter F. Drucker: Konservative Staatslehre und geschichtliche Entwicklung. Tübingen, 1933 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 45 Yes, the STAHL essay appeared seventy years ago; by the way it has just been reprinted in its English translation in SOCIETY magazine, our leading academic sociological journal. It reads totally outdated and obsolete, by the way – I cannot figure out what a reader today, whether German or American, could possibly make of it. But to get the contributors – that’s by the way probably the easier part of the job. To get them (a) to send in their contributions on time and (b) to edit (translate may be the right word) their contributions into something that can be printed, is an IMPOSSIBLE Job. BUT if you pull it off – I would not only be greatly honored but also be more than happy to write the introductory essay.“ Durch Peters letztlich motivierende Antwort auf meine Anfrage nahm das Projekt „Festschrift“ an Fahrt auf, die allerdings kurze Zeit später durch eine Mail von Doris jäh eingebremst wurde. Sie teilte uns mit, dass Peter sich einer schweren Darmoperation hatte unterziehen müssen und ihm ein mehrmonatiger Aufenthalt in Intensivstation und Reha-Center bevorstehe. Erst nach drei Monaten erhielt ich das erste Lebenszeichen von ihm. Er schrieb am 12. November. „Ich bin wieder zu Hause und werde bald anfangen ein bisschen zu arbeiten. Die Fax-Maschine funktioniert (909–626– 7366). Wir sind bestimmt im Januar-Februar hier und würden uns sehr freuen, Sie und Vera hier begrüßen zu können.“ Am Tag seines 93. Geburtstages, am 19. November 2002, schrieb er mir einen langen Brief, der mir signalisierte, dass er auf dem besten Weg zur völligen Gesundung war, denn er begann bei der Organisation der Festschrift mitzuwirken. „My warmest regards to you and Vera for your kind birthday wishes, which I greatly appreciate. Doris and I spent a very pleasant and quiet birthday. Our weather is gorgeous, 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 46 and I am slowly beginning to work again, though only very slowly so far. By the end of the year I should be back fully. I am overwhelmed by your idea of a Festschrift. Peter, you don’t know what you let yourself in for. This is a frustrating enterprise. Three times as much work as it should be, and little thanks. Contributors, especially from academia, don’t do the best work, especially for somebody else, i.e., for a Festschrift, and also are likely to do so at the very last minute or well beyond it. I should know. Thirty years ago, I edited one for the Graduate Business School of New York University [and I had to rewrite more than half of the contributions to make many acceptable]. And no one reads a Festschrift. You ask me for my comment on your prospective title: I think it is excellent. You also asked me for names of potential contributors.“ Das Projekt Festschrift schritt zu Beginn des Jahres weiter voran, insbesondere, da Peter sich nach seiner Genesung immer intensiver engagierte. Anfang Januar sandte er mir eine lange Liste namhafter Persönlichkeiten als mögliche Autoren, die bis auf wenige Ausnahmen ihre Mitwirkung zusagten. „I am still concerned about the Festschrift you are planning. Frankly, Peter, I do not believe that you can imagine how much work and frustration that is, but if you insist on going through with this idea, here are a few names of people whom you might consider as contributors from outside of Europe:“ Anfang Mai besuchte ich die Druckers und unser Hauptthema war natürlich die Festschrift. Etwa zu gleicher Zeit veröffentlichte das Manager Magazin eine kurze Rezension von mir zu Peters Buch „A Functioning Society“, die Peter höchst erfreute: „Das Lesen hat für mich generell einen sehr hohen Stellenwert, hält es doch das Ding in Bewegung, das wir zwischen den Ohren tragen. Peter F. Drucker zu lesen ist aber immer 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 47 etwas Besonderes. Nicht nur, weil ich ihn Freund, Ratgeber und Lehrer nennen darf; sondern vor allem, weil er wie kein anderer geschichtliche und gegenwärtige Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft deutend analysiert und seine Erkenntnisse in einer klaren, für jedermann verständlichen Sprache darlegt – weit weg von dem Rezepte-für-Sieger- Müll, der sich üblicherweise in Managementbüchern findet. Zweifelsohne ist Peter F. Drucker der bedeutendste Managementdenker unserer Zeit. Sein Wirken geht aber weit über die bloße Lehre von der Unternehmensführung hinaus. Peter F. Drucker behandelt das Bedürfnis der Gesellschaft nach Kontinuität auf der einen Seite sowie das Erfordernis von Wandel auf der anderen Seite. Die notwendige Balance zu schaffen zwischen dem Bewahren von wertvollen Traditionen und dem konsequenten Initiieren von Veränderung und Fortschritt ist, so Drucker, die Kernaufgabe von Entscheidungsträgern. Sei es im Krankenhaus, in einer Regierungsbehörde oder in einem Unternehmen. Druckers neuestes Buch ‚A Functioning Society‘ enthält eine faszinierende Sammlung von Texten aus 65 Jahren wissenschaftlicher Arbeit über den eben beschriebenen Themenkreis.“ Der Sommer 2003 in Claremont war besonders heiß, so dass Doris uns schrieb, man könne „Spiegeleier auf den Zementplatten des Gartens backen“. Das hinderte sie jedoch nicht daran, wie immer in den Rockies Urlaub zu machen. Peter hingegen blieb in Claremont und vertiefte sich immer mehr in das Buchprojekt. Am 19. August erreichte mich folgendes Fax von ihm: „Lieber Peter, Your fax dated August 18; We are having a very warm summer – which is, of course, usual with us. Doris is working like a fiend. But she had three weeks in our mountain cabin in Colorado. She is still hiking like a twenty-year old. I spent these weeks in a nursing home nearby – I can’t stay alone by myself anymore, I am afraid, – where they took excellent care of me – 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 48 außer, dass sie mich überfüttert haben (I don’t know how you say that in English). Now I am back home too and trying to get some work done. Though I am officially retired, the university keeps me very busy – we are starting a few new programs in which I am involved. And I do give a series of lectures – the first was in late July – three more to come, in late September, October and November. Your book project is most impressive. Congratulations to having found such a first-rate publisher. And as to my contribution – first: should it be the book’s opener or the book’s end? There is much to be said for it being the closing of the book. After all, it would look a little peculiar if a contribution by me were to open a book entitled ‚Peter Drucker zum 95. Geburtstag‘. But YOU make that decision. My suggestion would be that YOU open the book with a short introduction; followed by Simon on ‚Konservative Werte und effectives Management – Peter Drucker’s Lebenswerk‘ (or some such title). MY contribution would then constitute the CONCLUSION. But if you and your colleagues feel that I should open the book (and the Publisher might have the deciding word), I’d be happy to oblige. As to the contribution itself it could take one of THREE forms. It could be an essay of mine reflecting on the book’s LEITMOTIV. Frankly that strikes me as much weaker than a DIALOGUE between the two of us that reflects on the book, on its Leitmotiv and if available on some of the main contributions) and on my work as you and I see it. And that could take the form of a face-to-face discussion (but only after substantial preparation on YOUR main questions).“ Zu Peters 94. Geburtstag schickte ich ihm das Buch „Einspruch gegen den Zeitgeist“ von Christian von Krockow31. Peter war außerordentlich begeistert von der Arbeit des von mir höchst geschätzten Soziologen und Philosophen. Er wird uns im Ver- 31 Christian von Krockow: Einspruch gegen den Zeitgeist. Hamburg 2003 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 49 lauf des Buches noch häufiger begegnen. Nachfolgend Peters Eloge auf von Krockow: „Dear Peter; My warmest thanks for your lovely birthday wishes and for the nice birthday present. Doris whisked it away until the actual date – next week – but I looked at it; and what I have read of Krockow so far – a little bit – fascinates me. This is a new and very attractive German – the language has not only fully recovered from its destruction during the Nazi period. It has – judging by writers like Krockow acquired a new strength and Biegsamkeit (flexibility isn’t quite the same thing) that makes it very attractive. I am particularly sensitive to this as I am now reading what used to be considered the high point of German when I was a boy – the translations of Dostojevski (my father’s close friend, Jakob Wassermann – also for many years our closest neighbor), considered them as the models of modern German and made me read them when I was a boy. I am re-reading them now with great enjoyment. But Krockow is new and, as I said, ‚biegsamer‘ and stronger. Many many thanks.“ Das Festschriftprojekt entwickelte sich schneller als erwartet und nach Absprache mit dem Verlag wurde mit dem Juli 2004 der Erscheinungsmonat festgelegt. Meine ursprüngliche Idee einer Festschrift wurde verständlicherweise aus Gründen der Vermarktung aufgegeben. Stattdessen sollten Peter und ich als Herausgeber des Buches fungieren. Peter selbst hatte mir schon Monate vorher diesen Vorschlag gemacht. Am 20. November informierte ich Peter über mein Gespräch mit den Verlagsvertretern zu dieser Veränderung und noch am gleichen Tag erhielt ich seine Zustimmung. Was er allerdings überhaupt nicht für möglich hielt, war, dass die Deadline für das Erscheinungsdatum eingehalten werden könnte. Doch Peter irrte sich, was selten passierte. 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 50 Dennoch waren die Monate bis zur Veröffentlichung arbeitsreich und hektisch. Anfang Mai 2004 lagen sämtliche Beiträge vor. Peter bestätigte den Erhalt in einem handgeschriebenen Fax und merkte an „die Beiträge sind alle ausgezeichnet, besonders der Ihrige“. Für einen Moment wuchs ich von meiner Normalgröße von 1,90 m auf 1,95 m, doch ich wurde sehr bald wieder in die raue Wirklichkeit zurückbefördert. Am 25. Mai führten Peter und ich unseren abschließenden Dialog in Claremont und im Juli erschien unter dem vom Verlag vorgeschlagenem Titel „Kardinaltugenden effektiver Führung“ unser Buch. Peter Drucker arbeitete unermüdlich weiter. So machte er wieder einmal eine Ausnahme und schrieb auf meinen Wunsch den einleitenden Beitrag der Festschrift für Fredmund Malik. Er verfasste eine Vielzahl von Artikeln, lehrte an der Universität und setzte seine Beratertätigkeit bis zu seinem Lebensende – selbst im Schlaf – fort. Doris Drucker erzählte mir über einen Traum von Peter, den er hatte, kurz bevor er starb. In diesem erklärte er Goethe, was Flugzeuge sind. Ende 2003 schrieb Peter mir noch im Zusammenhang mit der Herausgabe unseres Buches: „Nun ihre Frage: Nächstes Frühjahr bin ich sicher zuhause, falls ich noch am Leben bin – ich reise nicht mehr, obwohl ich, wie ich Ihnen ja schon schrieb, voll tätig bin – auch für’s nächste Frühjahr ist schon viel geplant. Vor allem drei große Konferenzen an der Universität, eine im Januar, eine im Februar und die letzte Ende März. Im Dezember / Januar habe ich vor, zwei große Artikel zu schreiben – basierend auf meinen Universitäts-Vorträgen in diesem Herbst. Lieber Peter; ich bin ganz von dem, was Sie für mich vorhaben, überwältigt. Und ich bin HÖCHST dankbar. Alles Gute 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 51 Ihnen und Frau Vera – und ich freue mich schon auf das Wiedersehen nächstes Frühjahr. In hochgeschätzter Freundschaft Euer Peter Drucker“ Ich hatte das große Glück, dass Peter im nächsten und in dem darauffolgenden Frühjahr noch lebte. Bei beiden Begegnungen war er wie immer hellwach, getreu seinem Lebensmotto: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“32 Und genau so werde ich meinen lieben Freund für immer in Erinnerung behalten. 32 Das Türmerlied. Aus: Faust 2. Teil, 5. Akt, Tiefe Nacht, Lynkeus der Türmer 1 Der lange Weg in eine tiefe Freundschaft 52

Chapter Preview

References

Abstract

Peter Drucker's work, which has always been guided by a view of society as a whole, is captured from the perspective of a friendship that has lasted for decades. Drucker's work was that of a great political humanist; embedded in it: his management theory, which made him famous.

The first chapter tells the story of a deep long-lasting friendship. The following sheds light on Peter Drucker’s view of the 20th century as a wasted one.

His theory of Management as social function is the focus of chapter 3.

Chapter 4 draws the Portrait of Peter Drucker, the Intellectual.

Finally there are some anecdotes on the lives of Doris and Peter Drucker, two exceptionally strong characters, who shared a deep love for more than seventy years.

Zusammenfassung

Das Werk Peter Druckers war immer geleitet vom Blick auf das Ganze der Gesellschaft, sein Schaffen war das eines großen politischen Humanisten, darin eingebettet: seine Managementlehre, die ihn weltbekannt machte.

Dieses Buch erzählt vom langen Weg in eine tiefe Freundschaft, von der Enttäuschung Peter Druckers über das 20. Jahrhundert und, daran anschließend, sein Verständnis vom Management als gesellschaftliche Aufgabe. Ebenso widmet sich das Buch dem Profil des Intellektuellen Peter Drucker. Den Schlusspunkt setzen Anekdoten aus dem Leben von Doris und Peter Drucker, zwei außergewöhnlich starken Persönlichkeiten, die es siebzig Jahre miteinander „ausgehalten“ haben.