5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ in:

Peter Paschek

Peter F. Drucker, page 190 - 205

Erinnerungen an einen konservativ-christlichen Anarchisten

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4518-3, ISBN online: 978-3-8288-7559-3, https://doi.org/10.5771/9783828875593-190

Tectum, Baden-Baden
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„… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ „Eines Tages, als ich auf der sehr langen Rolltreppe in der Piccadilly-U-Bahn-Station herunterführ, rief mich jemand laut an, der gegenüber auf der anderen Rolltreppe hinauffuhr. Es war Peter Drucker. Wir winkten einander zu; sobald er oben anlangte, drehte er sich um und fuhr die Treppe wieder herunter, um mich unten zu treffen. Ich, meinerseits, drehte mich unten herum und fuhr hinauf. Wir spielten das Auf- und Abfahren noch zwei oder dreimal, bis einer von uns zur Vernunft kam und auf den anderen wartete.“214 Peter Drucker sagte einmal zu mir: „I am an old Schoolmaster! Wenn ich einmal sterbe, muss mein Mundwerk extra ausgelöscht werden, weil ich sonst nicht aufhöre zu reden.“ Dieses Zitat kam mir in den Sinn, als ich über unsere gemeinsame Veranstaltung im Hotel Kempinski Gravenbruch, nahe Frankfurt nachdachte, über die ich an anderer Stelle bereits berichtet habe. Peter und ich hatten uns, wie erwähnt, nach der Begegnung mit seinem Verleger Barth von Wehrenalp auf den Weg gemacht, um Doris Drucker vom Flughafen Frankfurt abzuholen. Auf dem Weg dorthin erlebte ich Peter Drucker wie so oft als fesselnden Erzähler. Voller Charme, Humor und von großer sprachlicher Gewandtheit. Diese Mal ging es um seine Zeit in Frankfurt während der 1930er Jahre, besonders um seine Ar- 5 214 Doris Drucker: Erfinde Radium oder ich wasch dir den Kopf. Hamburg 2001, S. 197 190 beit als Redakteur vom Frankfurter Generalanzeiger und den damaligen Chefredakteur und späteren FAZ-Gründer Erich Dombrowski. Auf dieser Fahrt erfuhr ich unter anderem auch, dass die Mutter von Doris ihr langjähriges Abonnement des Generalanzeigers auf der Stelle kündigte, als sie erfuhr, dass dort ein gerade 22-Jähriger als Außenredakteur fungierte. Als wir an der Ankunftshalle des Flughafens ausstiegen, hineingingen und vor dem Gepäckausgabe-Ausgang der Passagiere auf Doris warteten, setzte Peter seinen amüsant-interessanten „Geschichtsunterricht“ fort und ich hörte gebannt zu. Die Fluggäste strömten an uns vorbei und Peters Wortfluss hielt weiter an. Doch mit zunehmender Dauer und immer weniger herauskommenden Gästen wurde Peter leiser und seine Unruhe immer deutlicher erkennbar, bis er schließlich abrupt stoppte und mich sehr besorgt und völlig durcheinander bat, ich möge doch im Hotel anrufen und fragen, ob Doris schon eingetroffen sei. Ich verließ einen aufgelösten Peter Drucker und ging zum nächsten Telefon. Gerade in dem Moment, als ich den Hörer abnahm, sah ich in einiger Entfernung eine zierliche Dame mit Handkoffer in ihrem typischen, dynamischen Schritt durch die Halle „marschieren“. Ich rief „Peter, da kommt Doris!“ Ich habe Peter Drucker, der ein „no sports“- Vertreter war, nie wieder so schnell, beinahe laufen gesehen. Vor allem aber nie so freudig erregt. Er versuchte Doris zu umarmen und zu tätscheln – allerdings erst, nachdem Peter und ich uns von ihr eine stramme Strafpredigt anhören mussten, da wir vergessen hatten, dass sie nur Handgepäck mitführte und einen ganz anderen Ausgang benutzt hatte. Die Freude war jedenfalls allseits riesig und Peter setzte bei der Rückfahrt ganz entspannt seinen „Geschichtsunterricht“ fort. Die Region Frankfurt war der Ort von ganz besonderer Bedeutung für die beiden, denn beinahe 60 Jahre vor unserer Veranstaltung dort im Jahr 1990 lernten sich Doris Drucker, 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 191 geborene Schmitz in Königsstein/Taunus, Studentin des internationalen Rechts, und der Österreicher Peter Drucker, Kommilitone gleicher Disziplin, an der Universität Frankfurt kennen. Damals lud Peter Doris nach seinem Museumsbesuch zum Mittagessen ein. Diese war nicht sonderlich beeindruckt, doch Mutter Schmitz geriet in Rage, als sie erfuhr, dass ihre Doris mit einem Österreicher ausging. In ihrem Buch „Erfinde Radium …“ erzählt Doris Drucker vom Dialog mit ihrer Mutter: „Meine Mutter wollte durchaus nicht, daß ich mich mit einem Österreicher einließ. Österreicher waren sprichwörtlich ein frivoles und verantwortungsloses Volk, das es liebte, schmalzige Melodien auf Violinen vorzuspielen. ‚Du verwechselst sie mit Zigeunern‘, sagte ich. ‚Ich mag Österreicher gern.‘ ‚Ich laß dich nie einen Österreicher heiraten‘, antwortete meine Mutter, ‚sie haben keinen Sinn für den Ernst des Lebens‘.“ Wie wir wissen, missachtete Doris Schmitz die Forderung ihrer Mutter und ehelichte den Österreicher Peter Drucker. Als dieser kurz vor Vollendung seines 96. Lebensjahres starb, waren die beiden fast 70 Jahre verheiratet. Ohne Doris wäre Peter nie zu dieser intellektuellen und sittlichen Größe gewachsen. Zudem war sie der „down to earth“-Part in dieser Ehe. Doris verstand es behutsam, aber – wenn nötig – mit harter Hand, Peters Blick von den Sternen wieder auf die Gasse zu lenken. Gerade weil sie Peter so sehr liebte, behielt sie immer die Entwicklung ihrer eigenständigen Persönlichkeit fest im Auge. Die Berühmtheit ihres Mannes war nie ein Störfaktor. Im Gegenteil: wie bereits erwähnt stand Doris Drucker in ihrem Eheleben in jeder Hinsicht ihre Frau. Nie stand sie hinter ihrem berühmten Mann, immer neben ihm, wenn erforderlich auch vor ihm. 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 192 Die Widmung von Peter in zwei seiner frühen Bücher geben beispielhaft Zeugnis hierfür: This book owes to my wife whatever clarity of thought and unity of form it has. It is dedicated to her in the hope that the work and care which she lavished on it will not appear to her to have been entirely in vain. TO DORIS To whose care, thought and judgment every page bears witness, this book is dedicated in gratitude and love. 1998, Doris und Peter waren damals mehr als 60 Jahre verheiratet, erschien in einer Zeitschrift der American Society for Training and Development, ein großer Artikel über Doris mit der Überschrift: „A Day in the whirlwind life of Doris Drucker“. Der Beitrag begann wie folgt: „She speaks three languages, has worked as a technical market researcher, as an inventor, and as a patent agent. She has raised four children, penned articles for business magazine, and hiked to the 15,000-foot base camp of Mount Everest. Well, Mount Everest was at age 69. And, at 80-plus, she’s the founder and CEO of a two-year-old company, RSQ, LLC. Doris Drucker means business.“215 Neben der Tätigkeit als Unternehmerin schrieb Doris in den 1990er Jahren ihre Biografie mit dem schon genannten Titel „Erfinde Radium oder ich wasch‘ dir den Kopf “. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend bis zu ihrer Zeit als junge Frau in Großbritannien. Es ist die Geschichte des fortwährenden Kampfes einer starken Tochter, die falsche Traditionen verachtet und abschütteln will, gegen eine starke Mutter, die an der Vergangenheit festhält. So wollte Doris z. B. Medizin studieren, was die Mutter jedoch entschieden ablehnte 215 Training & Development, December 1998, S. 38ff. 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 193 und verhinderte. Stattdessen drängte sie ihre Tochter zum Jurastudium, das Doris wiederum überhaupt nicht interessierte, von ihr aber geschickt instrumentalisiert wurde. „Meine Mutter hatte sich in den Kopf gesetzt, daß ich Jura studieren sollte. Wie gesagt, ich würde doch in ein paar Jahren heiraten und niemals einen Beruf ausüben. Immerhin, es könnte doch etwas Unvorhergesehenes passieren, und ein Jurist, versicherte sie mir, kann auswählen, was er tun will. Ich könnte eine Jugendrichterin werden oder in einem Verlag arbeiten, eine sehr attraktive Karriere für gebildete Damen, weil sie dort in einer Welt von Kultur, Intellekt und Verfeinerung arbeiteten und sich nicht um das Alltägliche kümmern mußten. Es war ganz nebensächlich. Daß ich nicht das geringste Interesse an Jura hatte, spielte keine Rolle. Die Rechtswissenschaft war mir ganz fremd, und ich wies alles zurück, das damit zusammenhing. Ich erwartete nicht, daß ich mich je dafür interessieren würde, und infolge dieser Voreingenommenheit habe ich mich auch nie dafür interessiert. Jedoch, damals hatte ich keine Wahl; ich willigte ein, weil es wenigstens eine Gelegenheit wäre, von zu Hause wegzukommen. Ich tröstete mich, daß ich in guter Gesellschaft war. Hundert Jahre vorher hatte Goethe sich in schlechter Gesellschaft herumgetrieben mit Freunden von Gretchen, einer jungen Kellnerin in einer Frankfurter Kneipe. Als sein Vater das herausfand, schickte er den jungen Mann stante pede nach Leipzig, über 100 km weit weg, um Jura zu studieren. Goethe protestierte, er wollte die Geisteswissenschaften studieren. Aber sein Vater machte ihm wie meine Mutter mir die Vorschrift: ‚Du studierst Jura!‘“216 Doris Drucker hat das Jurastudium nie bereut. Dies hatte aber nur einen einzigen, aber für ihr Leben entscheidenden Grund: 216 Doris Drucker: Erfinde Radium oder ich wasch dir den Kopf. Hamburg 2001, S. 138 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 194 die wunderbare Liebe von und zu Peter Drucker, wie sie in ihrer Autobiografie betont. Dieses Buch wurde zunächst mit großem Erfolg in Japan veröffentlicht, in dem Land, in dem Peter Drucker Heldenstatus genießt. Vor der Publikation in den USA erschien das Buch in Deutschland. Ich hatte es mir zum Ziel gesetzt, dafür einen deutschen Verleger zu finden, und begann, alle großen und kleinen Verlagshäuser anzusprechen. Der Erfolg blieb lange aus. Bis mir ein lieber Freund aus dem Fußballgeschäft, Heribert Bruchhagen, damals Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, eine Verbindung zu dem Unternehmer und Verleger Jürgen Hunke herstellte. Hunke hatte damals eine zentrale Rolle in der Führung des HSV (Hamburger Sportverein). Ohne zu zögern, willigte Hunke ein, das Buch von Doris in seinem Verlag zu veröffentlichen. Die Freude bei uns allen war riesig und Doris kam zu einer Lesung nach Hamburg. Über die Veranstaltung publizierte die Tageszeitung „Die Welt“ einen Artikel mit der Überschrift „Radium hat sie nicht erfunden – Doris Drucker ist 90 Jahre alt, mit 69 bestieg sie den Mount Everest, mit 85 gründete sie ein Unternehmen. Und noch heute beginnt jeder Tag für sie im Fitnessstudio.“ Der Autor des Beitrags wirft im Text sehr anschaulich einen Blick in die Welt einer starken Persönlichkeit. „Wenn Doris Drucker ‚und so weiter‘ sagt, dann lässt sie einfach das Fenster, durch das sie uns gerade einen Blick in die Vergangenheit gestattet hat, offenstehen. Und diese Frau begnügt sich nicht damit, uns durch Glasscheiben starren zu lassen. Wir dürfen spüren, welcher Wind in den letzten Jahren des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik wehte, denn er wehte der kleinen Doris in ihrer Kindheit und Jugend direkt um die Nase. Schon nach den ersten Worten ihrer Lesung nimmt sie ihre Hände vom Stehpult und löst sich mit dieser Geste zugleich vom gedruckten Text, spricht einfach frei weiter. Trotzdem trifft sie fast wörtlich, was sie in ihrem Buch aufgeschrieben 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 195 hat. Denn was Doris Drucker in ‚Erfinde Radium oder ich wasch‘ dir den Kopf ‘ zu sagen hat, erzählt sie in kleinen Episoden, kurzen Erinnerungen und in Anekdoten so, als säße sie ihrem Leser bei einer Tasse Tee im Garten gegenüber. So wird in ihren Geschichten die Geschichte lebendig. Greifbar vermittelt die Autorin den Zeitgeist einer Epoche. Sie zeigt Seiten der Historie, die der Leser in keinem Geschichtsbuch der Welt finden wird.“ Das Buch von Doris Drucker über ihre Geschichte setzt ein, wie erwähnt, mit ihrer Kindheit und endet mit dem Beginn einer großen Liebe. „Ich begleitete meine Mutter zum Bahnhof, als sie nach einer Woche nach Deutschland abreiste. Während wir warteten, bis der Zug abging, lehnte sie sich aus dem offenen Fenster ihres Abteils heraus und erinnerte mich dringend an meinen Schwur, Peter Drucker, diesen leichtsinnigen Österreicher, nie wieder zu sehen. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, trat der Gegenstand ihrer Verachtung hinter dem Pfeiler hervor, hinter dem er sich versteckt hatte. Wir fielen uns in die Arme.“217 Ein Jahr nach Peters Tod besuchten meine Frau Vera und ich Doris in Claremont. In einem langen Gespräch erzählte sie die Geschichte weiter, die sie mit ihrem Buch begonnen hatte: „Never forget, there is a lot of fiction in it“, sagte mir einst Peter Drucker, als ich voller Begeisterung über seine Autobiografie sprach. Während er phantasievoll dramatisierte, um die Inhalte auf den Punkt zu bringen, war Doris eher die „Downto-Earth-Chronistin“. Erinnern möchte ich in diesem Zusammenhang an meine Erzählung, wie ich in Claremont zwischen den Druckers saß, Peter von der Blütenpracht in der Mojave- 217 Doris Drucker: Erfinde Radium oder ich wasch‘ dir den Kopf …, Erinnerungen an eine untergegangene Epoche. Hamburg 2001, S. 203 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 196 Wüste schwärmte, Doris mich aber mit einem knappen Wink in die Realität – so wie sie diese wahrnahm – zurückholte. Peter war derjenige, der in dem glanzlosen botanischen Garten von Claremont an jeder kleinen, manchmal wirklich mickrigen Pflanze stehen blieb und mir stets eine liebenswerte Anekdote dazu erzählte, während Doris nach kurzer Zeit Vera einhakte und in ihr Fitnessstudio führte, das sie jeden Morgen besuchte. Die Erzählungen von Doris über das gemeinsame Leben waren zwar – wie die von Peter – von tiefer Liebe und viel Humor geprägt, ansonsten aber recht spröde. Zum Beispiel, als sie uns vom Außenseiter Peter Drucker erzählte. „Peter war ein Außenseiter, immer. Wenn wir auf diesen vielen Meetings waren, da haben sie alle Golf gespielt. Er niemals. Ich sagte, das macht nichts, geh doch raus mit dem Schläger, Du brauchst ja nicht zu schlagen. Er hat nicht reingepaßt, aber das hat ihn gar nicht gestört. Er hat gar keinen Farbensinn gehabt, er hat sich schrecklich angezogen, es hat ihn gar nicht gestört. Peter wurde an der Universität auch als Außenseiter empfunden. Auch als ich ihn kennenlernte, war er nicht angepasst. In Bennington war er kein Außenseiter, das war ein intellektuelles Milieu. Das intellektuelle Milieu in New York war nicht so intensiv wie in Bennington. Natürlich hat er mit sehr vielen Leuten nicht als Außenseiter gesprochen, er hat sehr viele Leute gekannt. Wenn die Professoren zusammenkommen, denn reden sie nur: Who gets? Who doesn’t? Er fühlte sich wohler mit einfachen Leuten. He never signed any petition, he never gave his name to any cause or anything. And he did not give any recommendations or references. Can you introduce me to somebody, no, I don't want to take the responsibility, I don’t know enough about this person.“ 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 197 An anderer Stelle sprach Doris u. a. über die Gefahren, mit einem Denker verheiratet zu sein: „Peter hat niemals mit einer Sekretärin gearbeitet. Er hat immer gedacht — he was always thinking. Was immer wir auch taten, Spazierengehen, Essen, er dachte immer an das nächste Buch. Auch beim Autofahren hat er immer gedacht und war nicht so aufmerksam, wie er sein sollte. Er hat ein paar Seiten geschrieben, dann hat er sie wieder weggeworfen, so hat er sich vorbereitet. Er hat sich handschriftliche Notizen beim Lesen gemacht, auf diesen yellow pads, die er immer bei sich hatte. Er hat oft seine Manuskripte weggeworfen und neu geschrieben. – Er hat damals auf meinen Ratschlag gehört: Lass uns nach Amerika gehen und hat mir später gesagt, dass das ein guter Ratschlag war. Peter und ich fühlen uns als wirkliche Amerikaner, in England wären wir niemals Engländer geworden, da wären wir immer Foreigners geblieben. Wir haben immer Englisch zusammen gesprochen, nur manchmal, wenn wir etwas besprachen, das die Kinder nicht hören sollten, haben wir Deutsch gesprochen. Denn es war wichtig für Peter, Englisch zu lernen und in Englisch zu schreiben.“ Sehr viel über Leben und Liebe der Beiden zeigt auch die Anekdote vom „Gummipilz“: „Wir haben gerne Pilze gesammelt. Wenn Peter nach Hause kam, musste er durch einen kleinen Park gehen und hatte immer eine kleine Handvoll dieser Button Mushrooms nach Hause gebracht. Einmal habe ich in einem Laden einen Gummipilz gesehen, der sah so natürlich aus. Ich habe gedacht: den setzte ich unter unsere Birke und Peter wird sicher nachsehen, was das für eine Art ist. Dann kam aber ein Eichhörnchen und ist mit dem Pilz weggerannt. Am nächsten Tag habe ich einen neuen Gummipilz gekauft und wieder hingestellt. Peter sagte, weißt Du was ich gefunden hab, einen Pilz, kennst du den Namen? Keine Ahnung – da muss ich mal nachsehen. Dann hat er eine halbe Stunde in unse- 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 198 ren Büchern nachgesehen und dann: Guck mal, das ist ein Gummipilz.“ Doch zurück ins England der 1930er Jahre. 1937 heirateten Doris und Peter und emigrierten noch im selben Jahr in die USA. Nicht nur die Mutter von Doris, auch die von Peter war wenig begeistert von dieser Heirat. „Seine Mutter war auch gegen mich. Sie sagte immer ‚die Prinzessin‘. Auf der Straße in Wien sagte sie, ‚das ist die Prinzessin, die meinen Sohn heiraten will!‘“ Der erste Wohnsitz der Druckers in den USA war die Gemeinde Bronxville, ein Vorort von New York City. Doris arbeite für Marks & Spencer weiter als Market Researcher und Peter als Freelancer für den Manchester Guardian. „Meine Firma, Marks & Spencer, sagte mir, Sie können auch in Amerika für uns arbeiten und uns sagen, was es dort für Neuigkeiten gibt. Ich hatte dann in Amerika sofort einen kleinen Job und Peter hat vom Manchester Guardian den Auftrag bekommen, gelegentlich als Korrespondent tätig zu sein. Auch für andere Zeitungen hat er gearbeitet. Wir konnten uns über Wasser halten.“ Hauptberuflich lehre Peter bei bescheidener Bezahlung bis 1941 am Sarah Lawrence College, das heute zu dem bedeutendsten Liberal Arts Colleges der USA gehört. Die ersten Jahre in den USA waren alles andere als einfach für die beiden, deren erste Kinder 1938 und 1941 geboren wurden. Hinzu kam, dass die Parole „America first“ damals wie heute gegenüber Einwanderern nicht unbedingt eine freundliche Stimmung auslöste. Von 1942 bis 1950 lehrte Peter dann am Bennington College, Vermont. Die Zeit, die für beide, so Doris, intellektuell die fruchtbarste ihres Lebens gewesen ist. Hier traf Peter dann auch seinen Freund Karl Polanyi wieder, den österreichisch-ungarischen Wirtschafts- und Sozialwissen- 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 199 schaftler. „Polanyi“, sagte Doris, „war der Einzige, der auf Peter intellektuellen Einfluss hatte. Der Einzige, auf den Peter hörte“. Nach Bennington zogen die beiden nach Montclair, New Jersey, und Peter lehrte bis 1971 an der New York University, der größten Privatuniversität der USA. Auch die Karriere als Buchautor begann für Peter in den USA. Seine erste große Publikation, „The End of the Economic Man“, hatte er größtenteils noch in England geschrieben. Ver- öffentlicht aber wurde das Buch 1939 im John Day Verlag, New York. Es war vor allem dem unermüdlichen Engagement des britischen Freundes der Druckers, Noel Brailsford (1873–1956), zu verdanken, dass „The End of the Economic Man“ publiziert wurde. Brailsford, Sozialist, Frauenrechtler und einer der bedeutendsten politischen Journalisten seiner Zeit, lernten die Druckers in England kennen und sie wurden schnell zu Freunden. Doris erzählte uns, wie dieser alles in Bewegung setzte und den Inhaber des Verlages, Richard Walsh, Ehemann von Pearl S. Buck, davon überzeugte, „The End of the Economic Man“ zu veröffentlichen. Die Einführung in das Buch schrieb Noel Brailsford persönlich. Der Beginn seines Textes macht sofort deutlich, wie hoch er diese Arbeit von Peter Drucker schätzte. „A Year ago, in an English cottage in the Chiltern Hills, Peter Drucker and I sat talking one afternoon about the end of Economic Man. He talks as well as he writes. Night came upon us, and neither of us noticed it. I recollect the mingled amusement and shame that came over me, as hunger at last recalled me to my duties as his host. The seeds from that talk lived and germinated in my mind. With a clarity and precision that I could not reach alone, my friend had helped me to understand much of what is happening in the world around us.“ 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 200 Ähnliche Hochachtung erfuhr Peter nach der Veröffentlichung durch Henry W. Churchill, allerdings mit der Einschränkung, dass dieser einen Hitler-Stalin-Pakt als nicht vorstellbar einstufte. Wenige Monate später wurde Churchill eines Besseren belehrt. Peter Drucker hat wiederholt angemerkt, dass die Japaner die Ersten waren, die ihm „Die japanische Beratung begann Ende der 50er Jahre, und zwar hatte ein Japaner 1940 ‚The End of the Economic Man‘ übersetzt. Dieser Japaner ist dann weiter mit Peter in Kontakt geblieben und über diesen Kontakt hat sich eines Tages der Manager einer japanischen Firma bei Peter gemeldet und gefragt, ob Peter sie beraten und nach Japan kommen könnte. Ich habe ihm gesagt: Du kannst alleine dorthin fahren. Ich kann Leute nicht ausstehen, die immer grinsen. Er kam zurück und hatte ein Bild gekauft, das hat mir so gut gefallen. Er hat gesagt: Du musst mitkommen. Du musst dir das ansehen. Wir nehmen auch die Kinder mit. Und ich war begeistert und wir waren dann jedes Jahr in Japan (solange Peter noch reisen konnte). Und jetzt wollen sie mich wiederhaben: Können Sie uns besuchen? Können wir Sie zum Lunch einladen? In zwei Wochen fahre ich wieder hin. In Japan ist Peter ja viel bekannter als hier. In Japan gibt es eine Buchhandlung mit sechs Stockwerken. Da hängt eine Fahne: ‚Peter Drucker has arrived‘. Auf jedem Bahnhof kommen Schulkinder: „May I have your autograph?“ Selbst auf dem Mount Fuji. He is a hero – die Leute schicken mir ein Foto einer Buchhandlung, in der sein Buch liegt. Peter hat in Japan alle Firmen beraten, Sony etc. …“ Am 8. Januar 2011, wenige Monate vor dem 100. Geburtstag von Doris Drucker, erreichte uns folgende Mail von ihr: „Lieber Peter, liebe Vera, Prosit Neujahr too to you. Somewhat late but just as sincerely, with best wishes for good health, Peace and Fulfillment in 2011 and beyond. I am looking forward happily to your visit 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 201 here this summer. Please let me know when you know the approximate date of your travels. I just got back from San Francisco, where I spent the holidays with assorted children, grandchildren and two great-grands. It was fun in spite of freezing rain day in and out. You have probably heard of the ‚Drucker Boom‘ in Japan following the publication ‚Drucker and Baseball‘ (I don’t know the title in Japanese) which has sold over 2 million copies. The Japanese are now making a movie based on that book; they have asked me which US movie or TV actor I suggest to play Peter in that movie! What would Peter have said to such an idea? With my warmest greetings Doris“ Nicht nur in Japan, sondern weltweit erarbeitete sich Peter Drucker schon während der Jahre an der US-Ostküste den Ruf eines Manager-Gurus. Eine Bezeichnung, die er hasste. In den Worten von Doris: „Peter sagte immer, die Leute sagen Guru, weil sie das Wort ‚Scharlatan‘ nicht buchstabieren können.“ Doch nach fast einem Vierteljahrhundert in Vermont und New York verlegten die Druckers ihren Lebensmittelpunkt an die Westküste, nach Claremont/Kalifornien. Diese Kleinstadt war den Druckers nicht unbekannt, da Peter dort im Sommer 1951 in Vertretung einen Lehrauftrag übernommen hatte und die ganze Familie mehrere Monate das kalifornische Leben kennen und schätzen lernte. 20 Jahre später kam es zur Rückkehr: „Und dann 1971 hat uns der damalige Präsident von Claremont kontaktiert und wollte Peter gerne treffen und einladen, ob er in Claremont lehren wollte. Peter kam nach Hause und hat mir das erzählt. Ich sagte ihm, bist Du verrückt. Hier bist Du a little frog in a big pool. In Claremont bist Du a big frog in a small pool. Aber Peter meinte, wir könnten es ja einmal versuchen. Dann haben wir unser Haus in Montclair vermietet und sind mit dem Auto im Winter durch Amerika gefahren. War 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 202 eine sehr interessante Reise. Dann kamen wir an und ein halbes Jahr lang haben wir uns jeden Tag gestritten. Einer sagte, wir gehen zurück, der andere sage, wir bleiben hier. Und dann haben wir uns entschlossen, hier zu bleiben. Peter sagte, willst Du wirklich wieder Schnee schaufeln? Wir hatten einen steilen Hügel um das Haus. Solang die Kinder noch im Haus waren, hatten die natürlich ihren Spaß. Weißt Du nicht: alte Männer kriegen einen Herzanfall, wenn sie schaufeln müssen, also musst Du schaufeln. Manchmal war wirklich so viel Schnee, dass die Kinder nicht nach Hause kommen konnten, wenn sie bei ihren Freunden übernachtet haben. Wir sind jetzt seit 1971 hier, immer in diesem Haus. Erst haben wir ein Haus gemietet und dann haben wir dieses Haus gefunden. Wir wollten ein Haus, von dem aus Peter zu Fuß zur Universität gehen kann. Ein einfaches Haus, denn wir wollten ja viel reisen. Ein Haus, das man einfach zuschließen kann und weggehen kann, auf das die Nachbarn dann aufpassen.“ So wurde Claremont, „the City of Trees and PhDs“, die kleine Universitätsstadt östlich von Los Angeles am Fuße der San Gabriel Mountains für immer das zu Hause der Druckers. Am 16. Dezember 2005, wenige Wochen nach Peters Tod, erhielten wir einen langen Brief von Doris. Darin schrieb sie „during the last weeks of his life, Peter often reverbed to German and associations with the German past. For example, he had a recurrent dream which he told me. ‚I was trying to explain the airplane to Goethe. He asked me (in German): What are those things flying around in the sky?‘. People ask me how am I getting along. Well, I am sad, and I miss him.“ Auch meine Frau Vera und ich vermissen ihn mit seiner Klugheit, die immer gepaart war mit leisem spitzbübischem Humor und Herzlichkeit. Jerry Wind würde sagen: „zwei real Menschen“. Beinahe jeden Tag erinnern wir uns mit Freuden an unsere unzähligen Besuche in Claremont. An intensive Ge- 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 203 spräche und leichte Unterhaltungen zu Hause bei den Druckers, in einem naheliegenden Restaurant oder bei einem Spaziergang im botanischen Garten des Städtchens. Viele schöne Erlebnisse kehren dann in unsere Erinnerung zurück und jedes Mal bringen sie uns zum Schmunzeln. So zum Beispiel, als Doris und Peter ins Navajo Reservat flogen, da Peter dort ein Beratungsprojekt pro bono angenommen hatte. Peter erzählte, dass sie nach der Landung in Albuquerque dort von einem Lear Jet abgeholt werden sollten. Sie mussten aber Stunden warten, da der Häuptling damit zwecks Fundraising unterwegs war. Peter meinte hierzu trocken: „Stellen Sie sich vor: Der Häuptling im Lear Jet unterwegs! Wenn das Karl May wüsste!“ Auch Doris konnte sehr amüsant sein, insbesondere wenn sie das Bildungsniveau der Amerikaner aufs Korn nahm. An anderer Stelle hatte ich schon von einer Nachbarin der Druckers berichtet, die, so Doris, als diese Romeo und Julia zitierte, nicht anderes einfiel als der Film gleichen Titels mit Leonardo di Caprio. Ebenso vergnüglich waren Doris’ Erzählungen von den Sommerreisen der beiden in die Rocky Mountains (die sie später, als Peter die Höhenluft nicht mehr vertrug, noch alleine und bis ins hohe Alter fortsetzte): So zum Beispiel, dass sie bei ihren Wanderungen stets zwei Topfdeckel mit sich getragen hat, die sie aufeinander schlug, um die Pumas zu verjagen. Meine Lieblingsanekdote aber habe ich mir für den Schluss aufgehoben. In einem Telefonat erzählte ich der damals 99-jährigen Doris von der Begegnung mit einem Mann, der angeblich extra zu mir nach Berlin gereist war, um mit mir über Peter Drucker zu sprechen. Während der zwei Stunden, die er und ich zusammensaßen, erzählte mir mein Gesprächspartner wortreich über seine enge Verbindung zu Peter. Als ich Doris auf ihre Frage hin den Namen des Mannes nannte, sagte sie: „Den kenne ich nicht. Den Namen hat Peter mir gegenüber nie erwähnt!“ Als ich darauf antwortete, „aber er hat so getan, 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 204 als habe er mit Peter in der Badewanne gesessen!“, entgegnete Doris mit ihrer gewohnt festen Stimme: „Glauben Sie mir, Peter, die beiden haben noch nicht einmal gemeinsam unter der Dusche gestanden!“ 2014, neun Jahre nach Peters Tod, starb auch Doris Drucker im Alter von 103 Jahren. We miss them both!! 5 „… keinen Sinn für den Ernst des Lebens“ 205

Chapter Preview

References

Abstract

Peter Drucker's work, which has always been guided by a view of society as a whole, is captured from the perspective of a friendship that has lasted for decades. Drucker's work was that of a great political humanist; embedded in it: his management theory, which made him famous.

The first chapter tells the story of a deep long-lasting friendship. The following sheds light on Peter Drucker’s view of the 20th century as a wasted one.

His theory of Management as social function is the focus of chapter 3.

Chapter 4 draws the Portrait of Peter Drucker, the Intellectual.

Finally there are some anecdotes on the lives of Doris and Peter Drucker, two exceptionally strong characters, who shared a deep love for more than seventy years.

Zusammenfassung

Das Werk Peter Druckers war immer geleitet vom Blick auf das Ganze der Gesellschaft, sein Schaffen war das eines großen politischen Humanisten, darin eingebettet: seine Managementlehre, die ihn weltbekannt machte.

Dieses Buch erzählt vom langen Weg in eine tiefe Freundschaft, von der Enttäuschung Peter Druckers über das 20. Jahrhundert und, daran anschließend, sein Verständnis vom Management als gesellschaftliche Aufgabe. Ebenso widmet sich das Buch dem Profil des Intellektuellen Peter Drucker. Den Schlusspunkt setzen Anekdoten aus dem Leben von Doris und Peter Drucker, zwei außergewöhnlich starken Persönlichkeiten, die es siebzig Jahre miteinander „ausgehalten“ haben.