4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe in:

Peter Paschek

Peter F. Drucker, page 165 - 189

Erinnerungen an einen konservativ-christlichen Anarchisten

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4518-3, ISBN online: 978-3-8288-7559-3, https://doi.org/10.5771/9783828875593-165

Tectum, Baden-Baden
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Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe „Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden. Und wunderbar! der Mensch, wie der Gott der Bibel, braucht nur seinen Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis, die Wasser sondern sich von dem Festland, oder gar wilde Bestien kommen zum Vorschein. Die Welt ist die Signatur des Wortes. Dieses merkt Euch, Ihr stolzen Männer der Tat. Ihr seid nichts als unbewußte Handlanger der Gedankenmänner, die oft in demütigster Stille Euch all Euer Tun aufs Bestimmteste vorgezeichnet haben.“174 „Zusammenfassend muß unter dem Gesichtspunkt politischer Wissenschaft gesagt werden: Bildung ist Macht. Aber zur soziologischen Dynamis der politischen Machtausübung gehört doch wieder nur ein Maß von Intellektualität. Denn zur Eroberung der Macht und zu deren längerer Konservierung sind andere Faktoren wie Energie, Glaube an sich selbst, Menschenkenntnis von weit größerer Wucht. Demnach bleibt der Einfluß der Intelligenz auf die Masse an der Oberfläche. Nur wenn er durch objektive Elemente sekundiert wird, löst er politische Bewegungen aus, die sehr tiefgehende Veränderungen in der Struktur des sozialen Körpers hervorbringen.“175 4 174 Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834), Stuttgart 1997, S. 92 175 Roberts Michels: Historisch-Kritische Untersuchungen zum Politischen Verhalten des Intellektuellen (1933). In: ders.: Masse, Führer, Intellektuelle. Frankfurt/New York 1987, S. 207 165 Eingreifendes Denken, ein von Bertolt Brecht geprägter Begriff, war für diesen nur von Wert, wenn das vermittelte Denken der Gesellschaft Mut zur Veränderung macht. In Anlehnung an Brecht habe ich in der Überschrift zu diesem Kapitel den Begriff „eingreifende Ideen“ verwendet ‒ diese im Verständnis von Zwischenergebnissen eines niemals abzuschließenden Denkprozesses. Angeregt, den Begriff zu wählen, wurde ich aber von einem der größten „eingreifenden Denker“ unserer Geschichte, Wilhelm von Humboldt.176 Der Brecht’sche Begriff zielt jedoch ausschließlich auf Ver- änderung, während es mir um eingreifende Ideen geht, die sowohl zur Veränderung als auch zum Bewahren ermutigen. Die Aufgabe der Intellektuellen sehe ich im Vermitteln dieser eingreifenden Ideen. Sie geben anderen die Orientierung für ihr Handeln in Bezug auf die Gestaltung der politischen Kultur. Darin liegt eine große Verantwortung, auf die ich im Folgenden auf Grundlage der Ideen von Peter Drucker eingehen möchte. Die Frage, inwieweit Intellektuelle der Orientierung folgen, die sie selber geben, werde ich nicht erörtern. Das würde eine eigenständige und umfassende Untersuchung erforderlich machen. Der große Philosoph Max Scheler hat hierauf eine Antwort gegeben, die zumindest schmunzeln lässt. Er entgegnete auf die Frage, wie er seinen Lebenswandel mit seiner Lehre von Ethik vereinbaren könne, mit den Worten „Haben Sie schon mal einen Wegweiser gesehen, der den Weg geht, den er weist?“ Jerry Yoram Wind, Director des SEI Center of Advanced Studies in Management der Wharton School, University of 176 Vgl.: Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Wirksamkeit des Staates zu bestimmen (1792). In: Wilhelm von Humboldt, Werke Bd. 1, Schriften zur Anthropologie und Geschichte. 4. Auflage 2002, Darmstadt, S. 56–233 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 166 Pennsylvania, schrieb 2005 in einem Nachruf auf Peter Drucker: „With the passing of Peter Drucker, the world has lost one of its intellectual giants.“ Wind begründete seine Auffassung mit drei Eigenschaften von Drucker. Zum einen bezeichnete er diesen als „Renaissance man“ aufgrund der außergewöhnlichen Spannbreite von Druckers Wissen: „In addition to his well-known books and writings on management and society, economy and politics, on Japanese painting, and two novels (The Last of All Possible Worlds, 1982, and The Temptation to Do Good, 1984), he had enormous intellectual curiosity and social consciousness that guided much of his interests and activities.“ Diese fundierten Kenntnisse in einer Vielzahl von Wissensgebieten machten Drucker, so Wind, zu einem wahrhaft transdisziplinären Gelehrten: „In his writing he bridged management as well as social and behavioral Science, clearly demonstrating that no management problem can be addressed effectively from the narrow confines of a single discipline. Moreover, Drucker was a „true integrator of theory and practice“. Aber vor allem – das ist für Jerry Yoram Wind entscheidend – war Peter Drucker „a real Mensch, always being humble, kind and friendly“. Am Beispiel von Peter Drucker zeichnet Jerry Yoram Wind das Idealbild eines Intellektuellen. Doch wie sah Peter Drucker sich selbst? Was war sein Verständnis von Aufgabe und Verantwortung des Intellektuellen? Peter Drucker definierte die Welt der Intellektuellen als eine Welt, in der Worte und Ideen im Mittelpunkt stehen. Die Sprache ist somit das wichtigste Werkzeug des Intellektuellen. Bis hierher, aber nicht weiter lassen sich die vielfältigen Deutungen des Intellektuellenbegriffs noch auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Denn schon die soziale Unstrukturiertheit dieses Phänomens bietet viel Raum für die unterschiedlichsten Interpretationen. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 167 So bleibt der Terminus des Intellektuellen bis heute ein höchst vager und umstrittener Begriff, der mittlerweile in der Alltagssprache der Gesellschaft seinen Platz gefunden hat. Doch soziale Begriffe der Alltagssprache, wie der des Intellektuellen, weisen darauf hin, welche Phänomene einer Gesellschaft problematisch geworden sind, mit welchen sich der öffentliche Diskurs kontrovers auseinandersetzt. Daher erscheint es an dieser Stelle angebracht, vor einer Erörterung der Drucker’schen Standpunkte einen komprimierten geschichtlichen Überblick zum Streit der Meinungen über die Intellektuellen zu geben. Als Geburtsstunde des Begriffs des Intellektuellen gelten die Ereignisse um die sogenannte „Dreyfus-Affäre“ in Frankreich zum Ende des 19. Jahrhunderts. Schon seitdem stritten und streiten sich bis heute die Geister, ob mit dem Begriff zunächst Respekt und Hochachtung zum Ausdruck kamen oder ob dieser zuerst als Schimpfwort verwendet wurde.177 Im Mittelpunkt stand damals im Januar 1898 der offene Brief von Emile Zola an den französischen Staatspräsidenten Félix Faure mit der Überschrift „J’Accuse“ in der Tageszeitung L’Aurore, die vom späteren französischen Präsidenten Georges Clemenceau herausgegeben wurde. In diesem geißelte Zola die völlig unrechtmäßige Verurteilung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus. Er wandte sich an die Öffentlichkeit, um in die öffentliche Meinung einzugreifen, auf diese einzuwirken. Zola sah seine Aufgabe als namhafter Schriftsteller in der Gestaltung einer verantwortungsvollen Meinungsbildung, wie es Carlo Strenger, der leider viel zu früh verstorbene Psychologe und 177 Eine besonders beeindruckende Darstellung der Dreyfus-Affäre liefert der Kinofilm „J’accuse“ („Intrige“) von Roman Polanski aus dem Jahr 2019. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 168 politische Philosoph, als Pflicht ‒ nicht nur des Intellektuellen ‒ für unsere Zeit einfordert.178 Im Vordergrund dieser Botschaft stand sicherlich die Anklage gegen das offensichtliche Unrecht, das Dreyfus widerfahren war. Der offene Brief richtete sich aber auch vehement gegen den besonders in Frankreich grassierenden Antisemitismus und gegen den die Gesellschaft dominierenden militärischen Kastengeist. Vor allem aber war es ein Aufruf für die Demokratie und ihre Werte angesichts der damals drohenden Gefahr eines autoritär-nationalistischen Regimes in Frankreich. Einen Tag nach Zolas Brief erschien ebenfalls in der Zeitung L’Aurore eine Protestnote unterzeichnet von über 100 Schriftstellern, Hochschullehrern, Künstlern, Wissenschaftlern und Studenten, Ingenieuren und Architekten. In ihrem Aufruf unterstützten sie Zola. In den darauffolgenden Wochen schlossen sich immer mehr Intellektuelle in weiteren Veröffentlichungen dieser Protestnote an. Obschon diese die Überschrift „Une Protestation“ trug, ist sie als „Manifest der Intellektuellen“ in die Geschichte eingegangen. Bis heute ist nicht klar, ob der Begriff „Intellektueller“ zuerst vom Dreyfusard Clemenceau oder von dem Anti-Dreyfusard Maurice Barrès verwendet wurde. Eines jedoch ist sicher: In Frankreich hat der Begriff „Intellektueller“ bis heute eine überwiegend positive Konnotation behalten. Kritik kam dort zunächst aus den Reihen der Intellektuellen, und zwar immer dann, wenn Vertreter dieser gesellschaftlichen Gruppe sich von dem Leitgedanken der „Gründungsväter“ – also Emile Zola und seinen Mitstreitern – entfernten. Der Sprachwissenschaftler Dietz Bering hat diese Leitgedanken sehr treffend zusammengefasst: „Der Intellektuelle ist die Instanz, die ein bestimmtes Menschenbild internalisiert hat mit dem Zentralbegriff der Menschenwürde und 178 Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung Berlin 2015, S. 49ff. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 169 Menschenrechte und die Gesamt-Realität an diesen Begriffen misst und die Disproportionen offen ausspricht und die Fähigkeit hat, das so zu sagen, dass die Leute hinhören.“179 Die Kritik richtete sich nicht gegen die im Bering’schen Zitat zum Ausdruck gebrachte Parteilichkeit der Intellektuellen für Menschenwürde und Menschenrechte, sondern gegen das sich „In-den-Dienst-Stellen“ von Heilslehren, wie die des Faschismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus. In diesem Kontext sind besonders zwei französische Intellektuelle als Intellektuellenkritiker zu nennen. Der Philosoph Julien Benda, vor allem mit seiner 1927 erstveröffentlichten Schrift „Der Verrat der Intellektuellen“, sowie der Soziologe und Philosoph Raymond Aron mit seinem Buch „Opium für Intellektuelle oder die Suche nach Weltanschauung“ (1957). Trotz dieser internen Kritik hat es „in Frankreich immer etwas gegolten, ein Intellektueller zu sein“180. Wie aber sah und sieht die deutsche Gesellschaft die Intellektuellen? „Das tief geschwärzte Gegenbild (zu Frankreich, Anm. d. Verf.) lieferte die deutsche Geschichte bis zum Jahre 1945. Schon das erste Auftauchen des neuen Wortes im allgemeinen Bewusstsein ließ nichts Gutes erwarten: August Bebel empfahl 1903 auf dem Dresdner SPD-Parteitag, sich jeden Beitrittswilligen genau anzuschauen, ‚aber wenn es ein Akademiker ist oder ein Intellektueller, dann seht ihn Euch doppelt und dreifach an‘ (Stürmischer Beifall).“181 179 Dietz Bering, „Intellektueller“: Schimpfwort – Diskursbegriff – Grabmal? In: ders. (Hrsg.): Die Intellektuellen im Streit der Meinungen. Berlin 2011, S. 327 180 Arno Orzessek: Ich klage an – Emile Zola und die Rolle der Intellektuellen. Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen/Archiv, Beitrag vom 10.1.2018 181 Dietz Bering, ebd., S. 328 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 170 Es überrascht nicht, dass die Nationalsozialisten die Intellektuellen von Beginn an als „instinktlos“, „krank“, „wurzellos“, „jüdisch“ und „zersetzend“ diffamierten, deren Gehirnerweichung – so Joseph Goebbels – „durch das Lesen der jüdisch-demokratischen pazifistischen Presse von Tag zu Tag zunimmt“182. Doch auch die Kommunisten standen den Nationalsozialisten in nichts nach. Die Intellektuellen sollten, nach Lenin, „immer mit eiserner Faust angepackt werden!“, da sie von „Disziplinlosigkeit“, „Bildungs-Hochmut“ und „Verneinen“ bestimmt und dadurch als „wildgewordene Kleinbürger“ dem Proletariat vollkommen fremd seien. Aber auch die bürgerlichen Verfechter der Demokratie taten sich mit den Intellektuellen schwer, ausgenommen Heinrich Mann. Während sein Bruder Thomas von „Zivilisationsschwätzern“ sprach, schrieb er 1932, dass man Mut benötigt, um heutzutage Wahrheiten „groß zu verfechten“. Diesen Mut wünschte Heinrich Mann damals „dem einzelnen Intellektuellen“, denn „dies ist ihre Stunde“.183 Nach dem Krieg blieb das Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu ihren Intellektuellen bei weitem nicht ungestört, doch es ist sicherlich entspannter geworden. Dazu bedurfte es jedoch eines längeren Prozesses. Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang bleibt die Rolle namhafter Intellektueller wie Martin Walser, Günther Grass und Heinrich Böll in ihrem Beitrag zur Entwicklung der liberalen Demokratie der Bundesrepublik vor allem in den 1960er und 1970er Jahren. Deren politisches Gewicht zu dieser Zeit wurde beispielsweise deutlich, als der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die drei Genannten zur äußerst wichtigen und komplexen Entscheidungsfindung im Zusammenhang mit der Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ konsultierte. Neben diesen einer brei- 182 Dietz Bering, ebd., S. 329 183 Dietz Bering, ebd., S. 331 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 171 teren Öffentlichkeit bekannten Persönlichkeiten gab es z. B. aus den Wissenschaften Intellektuelle, die im „Verborgenen“ einen wesentlichen Beitrag zur Förderung des bundesrepublikanischen Demokratiekultur lieferten. Im Sinne des Twain’schen Leitsatzes: „Der Donner ist laut, der Donner ist eindrucksvoll, die Arbeit aber macht immer noch der Blitz“ ist in diesem Zusammenhang vor allem die Schule des Münsteraner Professors Joachim Ritter zu nennen, zu der u. a. Hermann Lübke, Odo Marquard, Karl Homann oder auch Robert Spaemann gehören. Im Gegensatz zu ihren wissenschaftlichen „Opponenten“ Theodor Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse oder Jürgen Habermas blieben die Erstgenannten einer breiteren Öffentlichkeit jedoch verborgen. Nach dem bisher Geschriebenen lässt sich der Begriff des Intellektuellen weitgefasst wie folgt definieren: Der Intellektuelle gehört einer gesellschaftlichen Gruppe an, deren Vertreter über ihre gesellschaftliche Funktion – sei es als Journalisten, Wissenschaftler, Schriftsteller o. Ä. – Einfluss auf die politischen Stimmungen einer Gesellschaft nehmen und somit an der Gestaltung der politischen Kultur und der diese tragenden Normen. Zum Abschluss meines Ausflugs in die Geschichte von Phänomenen und Begriff des Intellektuellen möchte ich auf bestimmte Haltungen eines doch größeren Kreises von Intellektuellen in Deutschland eingehen, die deren Einwirkung auf die öffentlichen Diskurse vor allem seit der Wiedervereinigung bis heute maßgeblich leiten. Der von Peter Drucker und mir hochgeschätzte Christian von Krockow hat diese Haltungen in einem Interview 1997 treffend wiedergegeben. Besonders auf den Punkt gebracht ist folgendes Zitat: „(…) ein wesentliches Moment des Intellektuellen ist doch, daß er etwas moralistisch zum Allgemeinen und zu den Fra- 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 172 gen der Zeit Stellung nimmt oder jedenfalls sein Interesse daran bekundet. Ob er heute wirklich noch etwas bedeutet – ich denke schon. Wenn wir gleich auf das Thema kommen, was eigentlich seit 1989 passiert ist, dann meine ich, daß das Klima doch sehr stark auch von den Intellektuellen bestimmt wurde und zwar im Sinne – und ich beziehe das einmal polemisch auf Adorno – von: ‚Mir ist mies‘.“184 Im Verlauf des Gesprächs weist von Krockow auf eine weitere problematische Haltung vieler Intellektueller hin. Ich nenne es eine Form von Ignoranz, wenn jemand immer wieder für die sozialen Belange großer Teile der Bevölkerung eintritt, andererseits aber nichts mit den alltäglichen Vorlieben dieser Menschen anzufangen weiß.185 Von Krockow bemerkt hierzu: „Ich erwähnte eben Stefan Heym als einen von vielen anderen, und ich denke, daß in der Phase Herbst ’89 die Intellektuellen, gerade auch im Osten, eine durchaus wichtige Rolle gespielt haben, wenn auch im ‚Aufbruch 89‘ oder im ‚Neuen Forum‘ nicht nur Intellektuelle saßen. Auch der berühmte 4. November verdankt sich wirklich den Intellektuellen. Das kippt dann aber sehr abrupt um, und zwar schon im Dezember 1989. Da war beispielsweise Heym schon klagend über die eben noch edlen Menschen, aus denen für ihn nun eine wütende Horde geworden war, die nur nach Hertie drängt, usw.“186 Heym vergisst, wie viele Intellektuelle, dass materielle Kultur eine notwendige Voraussetzung der geistigen Kultur ist. Sie hat somit „eine unentbehrliche Funktion“, wie es der Soziologe 184 Interview mit Christian von Krockow. In: Wolfgang Jäger / Ingeborg Villinger (Hrsg.): Die Intellektuellen und die Deutsche Einheit. Freiburg i. B. 1997, S. 258–275 185 Vgl. hierzu ausführlich Thomas Hecken: Das Versagen der Intellektuellen: Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Verächter, Bielefeld 2010 186 Interview mit Christian von Krockow, ebd., S. 263 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 173 Alfred von Martin einmal formulierte: „Erst kommt das Fressen …, das sagt nur, mit der Freude an drastischer Form, dasselbe wie ‚primum vivere‘ …“187 Dies zu akzeptieren, also sich mit der Wirklichkeit gemein machen, fällt nicht wenigen Intellektuellen schwer. Christian von Krockow hat das am Beispiel der „sanften Revolution“ in der DDR auf den Punkt gebracht: „Daran gemessen halte ich das Greinen der Linken, daß die reine Idee des Sozialismus nicht so erhalten worden ist, wie sie gedacht war, für nebensächlich. Denn die Ideen haben vergessen, daß sie auch einer materiellen Schubkraft und Basis bedürfen, das gehört schon zum kleinen Einmaleins bei Marx. Das heißt, das ‚Neue Forum‘ hat die DDR auf die ideelle, und das Volk hat die DDR auf die materielle Basis verwiesen.“188 Peter Drucker hat sich niemals einen Intellektuellen genannt. Eine derartige Selbstinszenierung lag ihm fern. Er wollte auch nicht einer sozialen Gruppe angehören, deren Vertreter „aus allen Ecken und Enden der Welt“ kommen, in deren Interesse es liegt, „den Groll zu steigern und große Teile ihrer Tätigkeit damit zu verbringen, sich gegenseitig zu bekämpfen“ – so zumindest definiert der von Drucker hochgeschätzte Freund seines Vaters Josef Schumpeter den Intellektuellen.189 Der Hauptgrund aber für Druckers Unbehagen gegenüber dem Begriff des Intellektuellen lag vor allem darin, dass er eben nicht dazu gehören wollte. Daher bezeichnete er sich als „Social Ecologist“, als einen Sozialökologen. Im letzten Kapitel seines Buches „The Ecological Vision“ beschreibt Drucker unter der Überschrift „Reflections of a So- 187 Alfred von Martin: Im Zeichen der Humanität, Soziologische Streifzüge, Frankfurt/Main 1974, S. 72f. 188 Interview mit Christian von Krockow, ebd. 189 Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942), München 1975, S. 231 f. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 174 cial Ecologist“ das Profil eines Sozialökologen und dieses zeigt größte Übereinstimmung mit den Merkmalen, die Jerry Wind eingangs dem Intellektuellen zuweist (s. weiter oben, S. 167). Man könnte allerdings sagen, dass die Intellektuellendefinition für Drucker zu kurz greift, da er ja nicht nur Hochschulprofessor und Schriftsteller, sondern auch Berater war. Aber warum sollte es unter Beratern nicht auch Intellektuelle gegeben haben – und vielleicht gibt es ja heute noch welche!? Au- ßerdem weist die Schumpeter’sche Definition dem Intellektuellen „das Fehlen einer direkten Verantwortung für praktische Dinge zu“.190 Das gilt natürlich auch für den Berater, denn, so Drucker wiederum, „The Consultant is the ox, who stands by and tells the bull how to mount the cow.“ Doch zurück zum Sozialökologen nach Peter Drucker: Wenn er nach seiner Tätigkeit gefragt wurde, sagte Peter: „Ich schreibe“. Und das Themengebiet seines Schreibens ist die Sozialökologie. „Concerned with man’s man-made environment the way the natural ecologist studies the biological environment. Even my two novels, while pure fiction, are social ecology. The central character in one is European society before the First World War; the central character in the other is an American Catholic university around the year 1980.“191 Im weiteren Verlauf des Textes nennt Drucker eine Reihe von Persönlichkeiten, die seiner Auffassung nach als Sozial- ökologen gelten. So zum Beispiel Alexis de Tocqueville, Bertrand de Jouvenel, Georg Simmel und Henry Adams, Thorstein Veblen und vor allem Walter Bagehot. „But none of these is as close to me in temperament, concepts, and approach as a mid-Victorian Englishman Walter Bagehot. Living, (as I have lived) in an age of great 190 Ebd., S. 237 191 Peter F. Drucker: The Ecological Vision: Reflections on the American Condition, S. 441 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 175 social change – he died, aged fifty-one, in 1877 – Bagehot first saw the emergence of new institutions: civil service and cabinet government, as the cores of a functioning democracy, and banking as the center of a functioning economy. Similarly I was the first, a hundred years later, to identify management as the new social institution of the emerging society of organizations and, a little later, to spot the emergence of knowledge as the new central resource and of knowledge workers as the new ruling class of a society that is not only ‚postindustrial‘ but postsocialist and, increasingly, post-capitalist. Like Bagehot I see as central to society and to civilization the tension between the need for continuity (Bagehot called it ‚the cake of custom,‘ I call it civilization) and the need for innovation and change. Thus, I know what Bagehot meant when he said that he saw himself sometimes as a liberal Conservative and sometimes as a conservative Liberal but never as a ‚conservative Conservative‘ or a ‚liberal Liberal‘.“192 So wurde und blieb das Spannungsfeld zwischen Bewahren und Verändern in einer Gesellschaft das Zentrum des Interesses von Peter Drucker und damit seines Werkes. Bei der Analyse und Deutung blieb er jedoch nicht stehen. Aus der Geschichte schöpfend und in die Realität schauend, suchte Drucker nach Wegen zu einer Annäherung an die „erträgliche Gesellschaft“. Dies insbesondere über Fragen nach den Institutionen der Gesellschaft, die in der Lage sind, eine effektive Balance zwischen Wandel und Erhalten zu schaffen. Die im 19. Jahrhundert in Deutschland geschaffene politische Ordnung des Rechtsstaates war für Drucker in diesem Zusammenhang beispielhaft wirksam. Väter des Rechtsstaats waren Wilhelm von Humboldt, Joseph von Radowitz und Friedrich Julius Stahl. Sie beeinflussten Druckers Denken maßgeblich. Was ihn an diesem Trio faszinierte, war vor allem, dass „they tried to 192 Ebd., S. 442 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 176 create a stable society and stable polity that would preserve the traditions of the past and yet make possible change, and indeed very rapid change. And they succeeded brilliantly. They created the only political theory that originated on the continent of Europe in modern times – a least until Karl Marx fifty years later. But they also created a political structure that survived for almost a hundred years, until it came crashing down in World War I.“ Die Hauptursache für das Scheitern dieser politischen Ordnung sah Drucker in der Unfähigkeit, „to get the military under civilian control – the major cause of the collapse of nineteenth-century Europe – the Rechtsstaat shared with all continental regimes, whether democracies, like the France of the Second Republic (as was demonstrated only too clearly in the Dreyfus Affair of 1896), or the absolute monarchy of the Russian Tsar – or of course with the constitutional monarchy of Meiji Japan as well.“193 Ebenso beispielhaft wirksam für eine effektive Balance zwischen Bewahren und Verändern waren die von den Gründungsvätern der USA geschaffenen Institutionen der Verfassung: des Supreme Court und eines starken Präsidenten als „balancing wheel“. Im Alter von 22 Jahren begann Peter Drucker seine Gedanken hierzu und seine Erkenntnisse hieraus niederzuschreiben. Der Zufall will, dass der von ihm so hoch geschätzte Wilhelm von Humboldt im etwa gleichen Alter seine berühmte Schrift „Ideen zu einem Versuch, die Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“, verfasste. Mit der Veröffentlichung seiner Schrift über Friedrich Strahl 1933 begann Drucker seinen schriftstellerischen Weg. Viele Publikationen folgten und immer stand das Spannungs- 193 Ebd., S. 443f. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 177 feld zwischen Bewahren und Verändern im Mittelpunkt, so auch beim Thema „Management“: „But over the years I began to realize that change too has to be managed. In fact, I came to realize that the only way in which an institution, whether a government, a university, a business, a labor union, an army, can maintain continuity is by building systematic, organized, innovation into its very structure. This finally led to my 1986 book ‚Innovation and Entrepreneurship‘, which tries to develop a discipline of innovation as a systematic necessity.“194 Es war eine große Stärke von Peter Drucker, dass er seinen Blick stets auf das Ganze der Gesellschaft gerichtet hat, so auch bei der Behandlung der Rolle von Technik: „my interest has never been in technology as technology. I became interested because I found that technology has never been integrated into the study of society. The technologists look upon technology as having to do with tools. Historians, economists, philosophers – excepting only Karl Marx and Joseph Schumpeter – see technology as a demonic force outside their universe and perpetually threatening it. I see technology as a human activity in society. I see technology in fact as Alfred Russell Wallace, a theorist of evolution and a contemporary of Charles Darwin saw it: ‚Man‘, Wallace said, ‚is the only animal capable of conscious evolution; he invents tools.‘ And it soon became obvious to me that work is a central factor in shaping and molding society, social order, and community. In fact to me it became more and more clear that society is held in tension between two poles, the pole of great ideas, especially of course great religious ideas, and the pole of how man works. To me therefore technology deals with how man works rather than with tools per se. And so I 194 Ebd., S. 445f. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 178 began to think about a book tentatively entitled ‚A History of Work‘.“195 Die Spannung zwischen Bewahren und Verändern inspirierte Drucker darüber hinaus zur Beschäftigung mit der Organisation als der zentralen Institution in der modernen Gesellschaft sowie ihrer damit verbundenen Entwicklung zur Wissensgesellschaft. „By the late 1950s another major theme had begun to appear in my work: the emergence of knowledge as central resource, and of the knowledge society (a word I coined in the late 1950s). The characteristics of knowledge – and it is totally different from any other resource in society and economy – the responsibilities of knowledge; the place and function of the knowledge worker; and the productivity of knowledge work, are themes discussed in my writing.“196 Eine Fragestellung allerdings blieb von seiner ersten bis zu seiner letzten Publikation von überragender Bedeutung: „Finally there is one continuing theme from my earliest to my latest book: the freedom, the dignity, the status of the person in modern society, the role and function of organization as instrument of human achievement, human growth and human fulfillment, and the need of the individual for both, society and community“.197 195 Ebd., S. 446 196 Ebd., S. 449 197 Ebd., S. 449 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 179 Die Macht der Sprache „Die Sprache ist nichts Wirkliches und dennoch kann sie etwas Wirksames sein, eine Waffe, eine Macht …“198 Das gesamte Werk von Peter Drucker ist bestimmt vom Respekt vor der Bedeutung der Sprache. Hierzu geprägt wurde er von Kindheit an, denn das Wien, in dem er aufwuchs, hatte eine außergewöhnlich hohe Sensibilität für den Umgang mit der Sprache: „I would have respected language regardless of my field. The Vienna in which I was born in 1909 was extremely language-conscious. With his 1899 book ‚Zur Kritik der Sprache‘ (The Critique of Language), an Austrian, Fritz Mauthner (1849‒1923), founded what we now call the philosophy of language. His book was in the library of every educated Viennese – as it was on the bookshelf of my home. Mautner first pointed out that language is not ‚message‘. It is not ‚medium‘. It is meaning as well.“199 Mauthner, der ein brillanter Philosoph und großartiger Schriftsteller war, ist leider – wie viele herausragende Intellektuelle nicht nur seiner Zeit – in Vergessenheit geraten. Über die Macht der Sprache schrieb Mauthner: „Es kann kein Zweifel darüber sein, daß auch Worte wie Waffen eine Verwundung oder Verletzung hervorbringen können. Denn Worte erwecken Vorstellungen und Vorstellungen können den sogenannten Willen zu Taten bringen, die verwunden oder verletzen. Wenn der Ingenieur auf einen Knopf drückt, der tausend Meter entfernt eine Mine zum Explodieren bringt, so wird die Elektrizität die Zwi- 198 Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache (1899), Bd. 1, Leipzig 1923, S. 49 199 Peter F. Drucker: The Ecological Vision: Reflections on the American Condition, S. 455 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 180 schenursache zwischen seiner Absicht und der Entzündung des Pulvers; die Maschine ist dann auf Auslösung durch Elektrizität eingestellt. Wenn der Hauptmann seiner wohlgebildeten Truppe Feuer kommandiert, so ist die Maschine auf Auslösung durch ein Wort eingestellt und etwas wie Elektrizität mitbeteiligt. Es kann auch ein Räuberhauptmann sein. Die Schüsse fallen und das Blei reißt Löcher ins Fleisch. Ebensolche Wirkungen können Worte in Form von Lügen, Verleumdungen, Denunziationen, Enthüllungen haben. Worte können Waffen werden oder doch Maschinenteilchen einer komplizierten Waffe.“200 Der Intellektuelle verfügt – so Drucker – über die Macht der Sprache und Macht geht für ihn einher mit Verantwortung. Die Verantwortung des Intellektuellen (Drucker nennt ihn, wie erwähnt, Sozialökologe) liegt in der Aufgabe „to create right action“, d. h. „his job is not to create knowledge. It is to create vision. He has to be an educator“201. Der Intellektuelle ist dafür verantwortlich, möglichst vielen Mitgliedern der Gesellschaft Richtung für ein Handeln zu weisen, das darauf zielt, „to maintain the balance between continuity and conservation on the one hand, and change and innovation on the other. Its aim is to create a society in dynamic disequilibrium. Only such a society has stability and indeed has cohesion“202. Im Bewusstsein der zerstörerischen Kraft von Worten setzte Drucker für die Intellektuellen zwei zentrale Leitbilder, zum einen das Gebot, respektvoll mit Sprache umzugehen, zum anderen die sittliche Pflicht, sich gegenüber dem „common man“, dem Bürger, verständlich zu machen. 200 Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache (1899), Bd. 1, Leipzig 1923, S. 152 201 Peter F. Drucker: The Ecological Vision: Reflections on the American Condition, S. 454 202 Ebd. Die Macht der Sprache 181 „This implies, however, that the social ecologist has a responsibility to make his work easily accessible. It rules out being ‚erudite.‘ In fact, in social ecology being ‚erudite‘ is incompatible with, and the foe of, being ‚learned‘. The conceit that science is not science, is in fact not ‚respectable‘, unless it is inaccessible, is obscurantism.“203 Walter Bagehot, Peter Druckers in Temperament und Geist Verwandter, hat hierzu in besonders prägnanter Weise Stellung bezogen: „It is, indeed, a peculiarity of our times, that we must instruct so many persons. On politics, on religion, on all less important topics still more, every one thinks himself competent to think, – in some casual manner does think, – to the best of our means must be taught to think rightly. Even if we had a profound and far-seeing statesman, his deep ideas and long-reaching vision would be useless to us, unless we could impart a confidence in them to the mass of influential persons, to the unelected Commons, the unchosen Council, who assist at the deliberations of the nation. In religion the appeal now is not to the technicalities of scholars, or the fictions of recluse schoolmen, but to the deep feelings, the sure sentiments, the painful strivings of all who think and hope. And this appeal to the many necessarily brings with it a consequence. We must speak to the many so that they will listen, – that they will like to listen, – that they will understand. It is of no use addressing them with the forms of science, or the rigor of accuracy, or the tedium of exhaustive discussion. The multitude are impatient of system, desirous of brevity, puzzled by formality. They agree with Sydney Smith: ‚Political economy has become, in the hands of Malthus and Ricardo, a school of metaphysics. All seem agreed what is to be done: the contention is, how the subject is to be divided and defined. Meddle with no such matters‘. We are not sneering at ‚the last of the sciences;‘ we are con- 203 Ebd. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 182 cerned with the essential doctrine, and not with the particular instance. Such is the taste of mankind.“204 Den Bürgern die Mitwirkung an der Gesellschaft attraktiv zu machen, ist die Aufgabe der Intellektuellen. Dazu bedarf es vor allem des respektvollen Umgangs mit Sprache. Intellektuelle, schreibt Drucker, „need not to be great writers, but they have to be respectful writers, caring writers.“ Ebenso scharf wie er den verantwortungslosen Umgang mit der Sprache verurteilte, kritisierte er die Neigung der Intellektuellen, ihre Stimme in den Dienst von Heilslehren, mit oder ohne Gott, zu stellen ‒ eine Art Intellektuellenweltflucht (Max Weber), die die menschliche Natur weitgehend außer Acht lässt. „In 1927 a French philosopher, Julien Benda (1867–1956) published La Trahison de Clercs (The Treason of the Intellectuals), a blistering attack on the intellectuals of his day who for fashion’s sake betrayed their duty and embraced racism and demagoguery, whether Nazism of Communism. The following decades then amply proved Benda’s criticism – by the willingness of intellectuals all over Europe – and not just in Germany – so support Hitler, and equally by their willingness to support if not to idolize, Stalin.“205 Doch auch seine Auseinandersetzung mit dieser Gruppe von Intellektuellen war bei Drucker bestimmt von einem respektvollen Umgang mit der Sprache. Derbe, aggressive Attacken waren ihm fremd, auch wenn ein Absolutheitsanspruch von Weltsicht und Moral manchmal regelrecht dazu herausfordern. Seine klare Argumentation verband er lieber mit Spott; ganz 204 Walter Bagehot: The first Edinburgh Reviewers (1855). In: Norman St. John-Stevas (Hrsg.): The Collected Works of Walter Bagehot. Volume 1, Hartfort, 1986, S. 311 205 Peter F. Drucker: The Ecological Vision: Reflections on the American Condition, S. 454f. Die Macht der Sprache 183 im Sinne von Christian von Krockow, der den Moralisten von links und rechts treffend als jemanden charakterisierte, der sich mit beinahe allem einlässt: „Haß, der ihm entgegenschlägt, empfindet er sogar als Auszeichnung und die Verfolgung als Bestätigung, denn er ist für das Märtyrertum wie geschaffen. Aber ins Lächerliche gezogen zu werden? Nein, das erträgt er nicht“206. Und heute? Welches wären für Peter Drucker die wichtigsten Voraussetzungen für den wirksamen Intellektuellen, d. h. für den Intellektuellen, der seiner Verantwortung gerecht wird? An erster Stelle bliebe sicherlich Mauthners Postulat des sorgsamen, respektvollen Umgangs mit der Sprache in Wort und Schrift: „Ich habe mir redliche Mühe gegeben, zu bessern, was mir mangelhaft und besserungsfähig schien. An vielen hundert Stellen habe ich den prägnanteren, den einfacheren oder überzeugenderen Ausdruck, das stärkere oder das mildere Wort gesucht“207. Oder in den Worten Druckers: „everything needs a rewrite, at least seven times.“ Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die sogenannten sozialen Medien zur – wie es der schon mehrfach zitierte Sprachwissenschaftler Dietz Bering treffend nennt – „Pißecke“ des öffentlichen Diskurses geworden sind, ist der sorgsame Umgang mit Sprache zur Pflicht eines jeden geworden, der zur verantwortlichen Meinungsbildung in diesen Diskursen beitragen will. Das Internet hat das Stammtischniveau nicht nur sichtbarer gemacht, sondern auch die Bereitschaft zur Nachahmung signifikant erhöht. Es gilt, sich etwas „von der Seele“ zu reden, anstatt beim Sprechen oder Schreiben diszipliniert an den Aufwallungen der eigenen Seele zu arbeiten. 206 Christian von Krockow: Einspruch gegen den Zeitgeist. Hamburg 2002, S. 136 207 Fritz Mauthner, ebd., S. 1 (Vorwort) 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 184 Die zentrale Aufgabe der Intellektuellen bleibt jedoch das, was Peter Drucker als Ziel von allem intellektuellen Schaffen auf den Punkt gebracht hat: „Lights to make us see and guides to right action“. Dies gerade angesichts des Zustands unserer Gesellschaft heute, dessen strukturelle Dissonanzen und die damit verbundenen Gefahren der Soziologe Ralf Dahrendorf schon vor mehr als einem Jahrzehnt aufkommen sah: „Es gibt extreme Beispiele für den fast unbemerkten Verlust an liberalen Grundwerten. Sogar die Folter wird nicht nur verwendet, sondern von manchen in der einstmals freien Welt gerechtfertigt. Auf einer Vielzahl von kleineren und größeren Wegen schleicht sich ein Autoritarismus ein, der in seiner Wirkung zwar nicht den totalitären Exzessen des 20. Jahrhunderts gleichkommt, aber doch die Verfassung der Freiheit beeinträchtigt. Dieser hat sogar ein Modell, das Ian Buruma als ‚autoritäre Technokratie‘ bezeichnet. Deren Ursprünge sind in Asien, in Singapur zumal, zu finden. Was diese Form der Begrenzung liberaler Ordnungen verspricht, ist ‚Wohlstand ohne Politik‘, also Wirtschaftswachstum ohne die aktive Bürgergesellschaft. Noch haben die öffentlichen Intellektuellen diesen schleichenden Autoritarismus nur sporadisch und ohne große Wirkung zum Thema gemacht. Es ist zu hoffen, dass die Tugenden der Freiheit nicht eingeschläfert werden durch die Allmählichkeit des Prozesses.“208 So weit die Aufforderungen an den wirksamen Intellektuellen heute laut Peter Drucker. Aber werden die heutigen Intellektuellen diesen Forderungen gerecht? Und von wem werden sie überhaupt gehört? Auf jeden Fall scheint es heutzutage jede Menge von ihnen zu geben. Deutschland verfügt sogar – laut dem Ranking der Zeitschrift „Cicero“ über 500 wichtige Intellektuelle. 208 Rolf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung. München 2006, S. 214 Die Macht der Sprache 185 Die Ergebnisse dieses Rankings werden dann entsprechend dem Niveau des Verfahrens der „Bild“ kommentiert. Unter der Überschrift: „Das sind Deutschlands klügste Köpfe“ und mit dem Untertitel „Deutschland, das Land der Dichter und Denker“ versehen, erschien am 29.1.2019 ein Artikel, der den „Sieger“ des Rankings verkündet: „Star-Philosoph Peter Sloterdijk ist der Klügste von allen. Er verdrängte den Schriftsteller Martin Walser vom Platz“. Im weiteren Verlauf des Beitrags werden zwei weitere bemerkenswerte Erkenntnisse verkündet: „Der Trend im Ranking gehe ‚von Dichtern zu Denkern‘, so ‚Cicero‘-Chef Christoph Schwennicke (der selbst auf einem bescheidenen Rang 472 landet). Verlierer seien vor allem Schriftsteller und Journalisten, deren ‚Dominanz schwindet‘, zugunsten von Natur- und Wirtschaftswissenschaftlern …“ Zum anderen „Verwirrend dagegen die Platzierung von Bergsteiger-Legende Reinhold Messner, der es mit seine volkstümlichen ‚Leben-am-Limit‘-Philosophie immerhin auf Platz 15 bringt …“ Peter Sloterdijk, laut „Bild“ Star-Philosoph und 2019 der Klügste von allen, gehört seit Jahren zu den auf den ersten Plätzen gerankten. Ein Beitrag von ihm in der NZZ aus dem Jahr 2019 spiegelt das wider, was die meisten Intellektuellen heute – bis auf einige Ausnahmen – in der deutschen Gesellschaft zu bieten haben. Zum einen vermitteln sie immer noch die von Christian von Krockow 1997 konstatierte Stimmung „mir ist mies“ oder Schumpeters „Förderung des Unbehagens“. Zum anderen beschränken sie sich auf die Deutung von Geschichte, Gegenwart und Zukunft und üben sich hinsichtlich ihrer möglichen Bestimmung als „guides to right action“ in vornehmer Zurückhaltung. So wie auch Peter Sloterdijk, kurz vor seinem „Ranking-Sieg“, am 29.12.2018. 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 186 Zu diesem Beitrag hatte ich einen Leserbrief verfasst, der leider nicht veröffentlicht wurde. Der Wortlaut dieses Briefes war folgender: „In beeindruckender Form, präzise und mit viel Sinn für das Wesentliche, erörtert Peter Sloterdijk ein Phänomen‚ das maßgeblich die Prozesse unserer Kulturgeschichte bis heute bestimmt hat: der ‚teuflische Pakt zwischen Lügnern und Belogenen‘. Seine messerscharfe Analyse ist inhaltlich wie sprachlich eine prägende Eingebung. Als Konsequenz dieser Erkenntnisse richtet er einen politischen Appell an eine Gruppe der Gesellschaft namens ‚Freunde der Wahrheit‘, ein Aufruf zum politischen Handeln gegen die Inflation des Prinzips ‚Die Welt will betrogen werden!‘ ‚Der Gedanke geht der Tat voraus‘, schreibt Heinrich Heine zu Recht. Aber die Adressaten Peter Sloterdijks bleiben im Nebulösen: Wer sind die ‚Freunde der Wahrheit‘? Meint er die Kraft, die im Einzelnen liegt, ‚mit seinem Widerspruchsgeist, seinem kritischen Vermögen und seiner unstillbaren Sehnsucht nach einer besseren Welt!‘ (Helmuth Plessner)? In welcher Weise müssen sich diese Freunde ‚mit der Wirklichkeit gemein machen‘‚ um sie verändern zu können? Deutung des Geschehenen und des noch Bevorstehenden allein ist keine Form der politischen Gestaltung! Ich hoffe sehr, dass Peter Sloterdijk in einem nächsten Beitrag auch zu diesen Fragen Stellung bezieht, sonst bleibt der kleine Ausblick am Ende seines großen Beitrags leider nur – Max Weber würde sagen ‒ ‚Literatengeschwätz‘.“ Wie es auch anders gehen kann – im Sinne von Peter Drucker – zeigen Herfried Münkler, Hans Ulrich Gumbrecht209, Peter Schneider, Karl Homann, Jürgen Mittelstrass, Wolf Lepenies, 209 Bei Sepp (Hans Ulrich Gumbrecht), den ich sehr schätze, fällt mir allerdings gelegentlich eine gewisse Heidegger-Lastigkeit auf – too much Heidegger, too less Löwith. Zu Heidegger empfehle ich immer den Aufsatz von Oskar Maria Graf „Unser Dialekt und der Die Macht der Sprache 187 Jan-Werner Müller oder Roger de Weck, um nur einige zu nennen. Allen aber ist eins gemein: sie werden aufgrund einer zunehmenden Segregation der Öffentlichkeit in viele Öffentlichkeiten nur im „Kleinen“ Gehör finden. Hinzu kommt, dass diese „Balkanisierung“ der Öffentlichkeit die Entwicklung von „herausragenden“ Intellektuellen unmöglich macht. Nicht zu vergessen ist vor allem aber unsere Neigung, nur das zu lesen und dem zuzuhören, was Leute schreiben und sagen, die so ähnlich denken wie wir. Damit wird es zur Aufgabe aller, die in der Welt der „Worte und Ideen“ arbeiten, vom Schriftsteller bis zum Unternehmensberater, vom Journalisten bis zum Ingenieur – sich in die verantwortliche Meinungsbildung unserer Zivilgesellschaft einzubringen, um richtungsweisend die liberale Demokratie zukunftsfähig zu gestalten und weiterzuentwickeln. Das aber wird nur funktionieren mit der Umsetzung von Peter Druckers Postulat des sorgsamen und respektvollen Umgangs mit der Sprache und des sittlichen Leitbilds des Sich-Verständlich-Machens, denn auch heute gilt Walter Bagehots „we have to speak to the many…“ Peter Drucker bleibt hierfür das große Vorbild. Der Soziologe Wolf Lepenies hat in seiner Schrift „Benimm und Erkenntnis“ den Aufklärer Denis Diderot folgendermaßen charakterisiert: „Diderots Intellektueller führt keine aparte Existenz, die Alltagswelt ist ihm nicht fern und fremd. Da er weiß, daß der Mensch nur in Gesellschaft mit anderen leben kann, will er seine eigene Soziabilität voll entwickeln, seinen Mitmenschen gefallen und sich nützlich machen. Die Bürgergesellschaft ist für ihn verehrenswert wie eine irdische Gottheit, er kennt ihre Prinzipien besser als jeder andere, in ihrer Ver- Existenzialismus“. In: ders.: An manchen Tagen. Reden, Gedanken, Zeitbetrachtungen. Frankfurt am Main 1961, S. 97–125 4 Eingreifende Ideen – der Intellektuelle als Sozialökologe 188 vollkommnung sieht er sein höchstes Ziel. So wird die Selbstüberschätzung des Intellektuellen domestiziert und aus der Weltfremdheit des Gelehrten wird die Verpflichtung, zu Mehrung des öffentlichen Wohls beizutragen.“210 In diesem Sinne war Peter Drucker ebenso Aufklärer, allerdings ein skeptischer Aufklärer, der zwar die Zivilgesellschaft als unerlässliche Voraussetzung für eine erträgliche Gesellschaft ansah, diese allerdings nicht für so verehrenswert hielt wie eine irdische Gottheit. Peter Drucker nannte sich in koketter Bescheidenheit einen „Bystander“211. Dies ist mir zu kurz gegriffen. Als „engagierten Beobachter“212 sah sich der große französische Soziologe Raymond Aron, eine Bezeichnung, die den Intellektuellen Peter Drucker weitaus treffender charakterisiert, denn sein Werk war wie das von Aron geprägt von (Christian Krockow würde sagen) dem „Ethos engagierter Distanz“.213 210 Wolf Lepenies: Benimm und Erkenntnis. Frankfurt/Main 1997, S. 48 211 Peter F. Drucker: Adventures of a Bystander. New Work 1979 212 Raymond Aron: Der engagierter Beobachter. Gespräche mit Jean- Louis Missika und Dominique Wolton (1981), Stuttgart 1983 213 Siehe: Christian Graf von Krockow: Das Ethos der engagierten Distanz. Ein deutsches Gelehrtenleben – Zum Tode von Helmuth Plessner. In: Die Zeit, 28. 06. 1985. Die Macht der Sprache 189

Chapter Preview

References

Abstract

Peter Drucker's work, which has always been guided by a view of society as a whole, is captured from the perspective of a friendship that has lasted for decades. Drucker's work was that of a great political humanist; embedded in it: his management theory, which made him famous.

The first chapter tells the story of a deep long-lasting friendship. The following sheds light on Peter Drucker’s view of the 20th century as a wasted one.

His theory of Management as social function is the focus of chapter 3.

Chapter 4 draws the Portrait of Peter Drucker, the Intellectual.

Finally there are some anecdotes on the lives of Doris and Peter Drucker, two exceptionally strong characters, who shared a deep love for more than seventy years.

Zusammenfassung

Das Werk Peter Druckers war immer geleitet vom Blick auf das Ganze der Gesellschaft, sein Schaffen war das eines großen politischen Humanisten, darin eingebettet: seine Managementlehre, die ihn weltbekannt machte.

Dieses Buch erzählt vom langen Weg in eine tiefe Freundschaft, von der Enttäuschung Peter Druckers über das 20. Jahrhundert und, daran anschließend, sein Verständnis vom Management als gesellschaftliche Aufgabe. Ebenso widmet sich das Buch dem Profil des Intellektuellen Peter Drucker. Den Schlusspunkt setzen Anekdoten aus dem Leben von Doris und Peter Drucker, zwei außergewöhnlich starken Persönlichkeiten, die es siebzig Jahre miteinander „ausgehalten“ haben.