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3 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung in:

Julia Klein

Neuer Terrorismus – Reale Bedrohung oder konstruiertes Forschungsparadigma?, page 45 - 88

Eine empirische Studie über Veränderungen im Verhalten terroristischer Organisationen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4512-1, ISBN online: 978-3-8288-7551-7, https://doi.org/10.5771/9783828875517-45

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 95

Tectum, Baden-Baden
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45 3 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Bevor das Paradigma des Neuen Terrorismus genauer empirisch untersucht werden kann, soll zunächst im vorliegenden Kapitel der grundlegendere Begriff des Terrorismus ins Zentrum der Untersuchung gerückt werden. Da es sich bei dem Begriff jedoch um ein komplexes Phänomen handelt, wird im folgenden Kapitel zunächst definiert, was für die Untersuchung unter „Terrorismus“ genau zu verstehen ist. In einem zweiten Schritt wird anschließend dargelegt, wer die Akteure sind und mit welchem Erklärungsmodell das Handeln dieser Akteure beschrieben werden kann. Hierzu wird die terroristische Organisation als kollektiver Akteur und die Rational Choice Theorie als Erklärungsmodell für das Verhalten und die Entscheidungsfindung terroristischer Organisationen vorgestellt. Ein Erklärungsmodell wird benötigt, um einen vollständigen theoretischen Ansatz zum Neuen Terrorismus entwickeln und die Ergebnisse der Untersuchung auf Grundlage nachvollziehbarer Regeln und Annahmen interpretieren zu können. 3.1 Die Entwicklung des Begriffs Terrorismus „The term ‚terrorism‘ has been a source of confusion, contradiction, and controversy from the first time it slipped into our political vocabulary.“ 164 Bei der Suche nach einer geeigneten Definition des Begriffs „Terrorismus“ lassen sich in der vorliegenden Literatur viele unterschiedliche Definitionen finden. Bis heute gibt es keine einheitliche Definition des Phänomens „Terrorismus“, obwohl sich einige Autoren intensiv mit der Suche nach einer geeigneten Definition beschäftigt haben.165 Definitionen dienen im Allgemeinen dazu, einen Gegenstand oder Sach- 164 Gupta 2008, S. 7. 165 Herauszuheben ist hierbei die Arbeit von Alex P. Schmid, der in seinem Werk „The Routledge Hand- 46 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung verhalt durch eine kurze Beschreibung von anderen Gegenständen oder Sachverhalten abzugrenzen und dem Phänomen eine Struktur zu geben. Der Anspruch auf universelle Gültigkeit einer Definition ist mit zunehmender Komplexität eines Phänomens schwieriger umzusetzen, da sich je nach Verwendung des Begriffes der Fokus einer Definition ändert, abhängig von Betrachter, Kontext oder Ziel der Definition.166 Leonard Weinberg, Ami Pedahzur und Sivan Hirsch-Hoefler führen die Schwierigkeit, eine Definition für den Begriff Terrorismus zu finden, vor allem auf den Umstand zurück, dass der Begriff von vielen Seiten zur Erzielung politischer Effekte instrumentalisiert wird.167 Ebenso schwierig sind die objektive Abgrenzung von anderen Formen politischer Gewalt und die unterschiedliche Bewertung von Ereignissen, je nach Nähe zu den Geschehnissen.168 Nicht zuletzt aufgrund der emotionalen Aufladung des Begriffes beschränken sich einige Autoren bei der Definitionsfindung daher auf eine Minimaldefinition oder auf die Verwendung von Phrasen.169 Aufgrund der Uneinigkeit über den Begriff in der aktuellen Literatur wird im Folgenden der Ursprung der Begriffe „Terror“ und „Terrorismus“ kurz nachgezeichnet, um im Anschluss eine für den Untersuchungsgegenstand geeignete Definition zu entwickeln.170 Terror als Begriff tauchte zum ersten Mal in dem Ausdruck „régime de la terreur“ in Kontext der französischen Revolution auf. Damals handelt es sich aber nicht um eine Organisation, die Staat und Bevölkerung terrorisierte, sondern um ein Regime, den französischen Staat, der versuchte die Aufstände der Jahre 1793 und 1794 gegen den neuen französischen Staat mit den Mitteln des Terrors niederzuschlagen. Es handelte sich in diesem Fall bei „Terror“ zunächst um eine Form des Staatsterrorismus.171 Die Durchsetzung des Terrorismus als Begriff und Phänomen substaatlicher Organisationen172 begann Ende des 19. Jahrhunderts: Die Narodnya Volya, eine russische Bewegung von Konstitutionalisten, die versuchten die russische Zarenherrschaft zu book of Terrorism Research“ unter anderem über 250 verschiedenen Definitionen aus einem Zeitraum von 1794 bis 2010 zusammengetragen hat. Vgl. Schmid 2011, S. 99–148. Ähnlich ausführlich auch: Institue for Safety, Security and Crisis Management et al. 2008. 166 Vgl. Schmid 2004, S. 197. Schmid bezieht sich vor allem auf die unterschiedlichen Kontexte, in denen Terrorismus verstanden wird. Danach kann Terrorismus als Verbrechen, politische Handlung, Krieg, Kommunikation oder religiöser Fundamentalismus verstanden werden. 167 Vgl. Waldmann 2000, S. 15. 168 Vgl. Weinberg/Pedahzur/Hirsch-Hoefler 2004, S. 777 ff. 169 Vgl. Krumwiede 2005, S. 32 f; Poland 2005, S. 3. 170 Für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Begriffsursprung und seiner Entwicklung siehe Hoffmann 2006, S. 21 ff. 171 Vgl. Jones 1997, S. 48 ff; Hoffman 2006, S. 23 ff; Gupta 2008, S. 5 f. 172 Substaatlicher Terrorismus wird auch häufig als „aufständischer“ Terrorismus bezeichnet. Vgl. Waldmann 2000, S. 15. 47 Die Entwicklung des Begriffs Terrorismus beenden und einen Verfassungsstaat zu errichten, töten 1881 nach mehreren erfolglosen Versuchen Zar Alexander II mit einem Bombenattentat, um ihre Forderungen durchzusetzen, was jedoch erfolglos blieb. Sie stehen bis heute für den Beginn des artikulierten, systematischen substaatlichen Terrorismus.173 David C. Rapoport bezeichnet diese erste Phase des Terrorismus als anarchistische Phase in seinem Konzept des modernen Terrorismus.174 Terroristische Organisationen, ohne dass der Begriff an sich gebraucht wurde, gab es aber schon lange zuvor. Die Sikarier, eine besonders aktive Gruppe der jüdischen Freiheitspartei Zeloten, erstachen auf Veranstaltungen in Menschenmassen Personen mit einem kleinen Dolch, den sie unter ihren Gewändern versteckten, dem Sicar. Zu ihrem Opfern gehörten wichtige Personen, wie Hohepriester, Geldverleiher, aber auch die gemäßigten Kräfte der eigenen Seite und vor allem ihre direkten Feinde, die Palästinenser. Sie versuchten unter anderem im ersten Jahrhundert nach Christus in Jerusalem einen Regimewechsel mit terroristischen Mitteln durchzusetzen, indem sie die Bevölkerung zu einem Volksaufstand gegen Rom bewegen wollten. Sowohl die religiöse Ideologie, das politische Ziel, als auch das Mittel der speziellen Gewaltanwendung erlauben es, die Sikarier als eine der ersten terroristischen Organisationen zu bezeichnen.175 Etwa eintausend Jahre später tauchte eine weitere Organisation auf, die Gruppe der Assassinen, eine schiitischen Geheimsekte, gegründet von Hasan-i Sabbah, einem Ismailit, die im Gegensatz zu den Sikariern über einen längeren Zeitraum als Organisation auftrat. Die Assassinen werden heute gerne als Vergleichsbeispiel zu Al Qaeda herangezogen, da sie sich in einigen offensichtlichen Merkmalen ähneln: Hasan-i Sabah führte eine islamistische Gruppierung an, deren Mitglieder – angeblich unter dem Einfluss von Drogen – daran glaubten, sie seien von Gott beauftragt eine Botschaft zu verkünden und dass ihre Taten sie zu Märtyrern machen und ihnen nach dem Tod den Weg ins Paradies eröffne werden. Auch der Einsatz von Selbstmordattentaten trat in dieser Organisation schon damals auf, da sich die Assassinen lieber selbst töteten als gefasst zu werden, um in das ihnen versprochene Paradies zu gelangen. Allerdings beschränkten sich 173 Vgl. Laqueur 1977, S. 17 ff; Otte 1997, S. 56 f; Narodnya Volya 2006; Hoffman 2006, S. 27 ff. 174 Der Begriff „Modernen Terrorismus“ darf an dieser Stelle nicht mit dem Konzept, des „Neuen Terrorismus“ gleichgesetzt werden. David C. Rapoport beschreibt in seinem Beitrag „The Four Waves of Modern Terrorism“ die Entwicklung des Terrorismus seit Ende des 19. Jahrhundert bis heute in einem Vierphasenmodell: Der anarchistischen Phase folgt eine antikoloniale Phase, dann eine neue linke Phase und zuletzt eine religiöse Phase, deren Ende er ca. im Jahr 2025 sieht. Ausführlich hierzu: Rapoport 2004. 175 Vgl. Hengel 1976, S. 47 ff; Laqueur 1977 S. 13 f; Rapoport 1984, S. 664 ff; Laqueur 1999, S. 11. 48 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung die Assassinen auf spezifische Angriffsziele im Gegensatz zu vielen heutigen islamistischen Organisationen.176 3.2 Allgemeine Definition Eine kurze allgemeine Definition zu finden, bedeutet Schwerpunkte zu setzen und die wichtigsten Elemente zu extrahieren, abhängig von der weiteren Verwendung. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Veränderungstendenzen im Verhalten von Organisationen des substaatlichen Terrorismus zu untersuchen. Dazu bedarf es einer ausführlichen und detaillierten Beschreibung terroristischer Organisationen, die einzelne begriffliche Komponente wie Ziele und Akteure weiter ausführt, als dies allgemein gehaltene Definitionen leisten können. Dazu muss zunächst eine kurze allgemeine Definition möglichst unterschiedliche Aspekte beinhalten, die sich in einem zweiten Schritt weiter ausführen lassen. Dies ist notwendig, da der Begriff „Neuer Terrorismus“ und seine Abgrenzung zum „Alten Terrorismus“ nur untersucht werden kann, wenn der allgemeine Begriff des Terrorismus klar und ausführlich im Vorlauf für die Untersuchung definiert ist. Die Definition dient somit auch als Basis für die Konzeptualisierung der einzelnen Untersuchungsbereiche des Untersuchungsgegenstandes „Neuer Terrorismus“. Als Ausgangspunkt für eine Definition bietet sich ein Text von James Poland an, indem er drei grundlegende Merkmale des Terrorismus aufführt: Terrorismus ist eine Strategie zur Verbreitung von Angst, zur Erzeugung von Aufmerksamkeit und zur Erreichung politischer Ziele.177 Es muss hierbei ein Unterschied gemacht werden zwischen „Terror“ als Atmosphäre der Angst, die durch gewalttätige Akte oder deren Androhung entsteht, und dem „Terrorismus“ in organisierter substaatlicher Form, der sich der Verbreitung dieses Terrors bedient, um politische Ziele zu erreichen.178 Der Terror ist somit nicht nur Mittel der Staaten zur Unterdrückung der Bevölkerung, sondern auch Mittel substaatlicher Akteure. Hervorzuheben ist hierbei die Erreichung politischer Ziele, da Terror alleine als taktisches Mittel auch psychisch Erkrankten oder Kriminellen bei der Erreichung ihrer persönlichen oder finanziellen Ziele dienen kann. Dabei verfolgen sie aber kein höheres politisches Ziel, son- 176 Vgl. Rapoport 1984, S. 668 ff; Morgan 1997, S. 40 f; Heine 2004, S. 46 ff. Zur Geschichte der Assassinen siehe Lewis 1989. 177 Vgl. Poland 2005, S. 9 f; Mayntz 2004, S. 7. 178 Vgl. Schmid 2011, S. 2 f. Anders: Waldmann 2000, S. 15 f; Straßner 2008, S. 11 f. Waldmann und Straßner dagegen benutzen eine abweichende Definitionen der beiden Begriffe: Sie unterscheiden in „Terror“ als Strategie des staatlichen Terrorismus und in „Terrorismus“ als Strategie des substaatlichen Terrorismus. 49 Allgemeine Definition dern sehen den Erfolg ihrer Handlung im Akt selbst oder in der persönlichen Bereicherung. Auf der anderen Seite machen aber nicht die politischen Ziele und Motive alleine eine terroristische Organisation aus. Schmid betont die herausragende Stellung des Terrors als terroristische Strategie: „Terrorism is, in my view, about methods an technique“179. Erst die Kombination aus einem politischen Ziel und der Anwendung von bestimmten Terror-Strategien macht eine Organisation somit zu einer terroristischen Organisation. Bezeichnend für den Terrorismus sind nicht nur die Ebene der physischen Taten und Opfer auf der einen Seite. Es gibt noch eine psychische Ebene, auf der sie mit Hilfe von Symbolik Botschaften an ein Publikum senden möchten, wobei besonders die Verbreitung der Botschaften über die Massenmedien in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielt.180 Dieses Publikum bezeichnet Herfried Münkler auch als den „interessierten Dritten“. Dabei handelt es sich um Gruppierungen, für deren Interessen die Terroristen kämpfen. Die Botschaft an Bevölkerungsteile und Anhänger, die mobilisiert werden sollen, lautet: „… dass Widerstand nicht nur möglich ist, sondern auch erfolgreich sein kann.“181 Die Botschaften eines Selbstmordattentäters zum Beispiel richtet sich dagegen an ein breiteres Publikum und lauten: „Jeder kann der nächste sein“ und „Wir sind zu allem bereit“. Terroristische Organisationen, die mit Selbstmordattentätern arbeiten, haben keine Bezugsgruppe, vor der sie ihr Handeln rechtfertigen müssten und wollen niemandem gefallen. Die Botschaft dieser Terroristen geht an eine andere Empfängeradresse: Sie richtet sich nicht mehr in erster Linie an Herfried Münklers „interessierten Dritten“, sondern an die mögliche Opfergruppe.182 Brian Michael Jenkins beschreibt bereits 1975 die Bedeutung der Botschaft und die damit verknüpfte Aufmerksamkeit als zentrale Aspekt hinter terroristischen Handlungen: „Terrorism is violence for effect. Terrorists choreograph violence to achieve maximum publicity. Terrorism is theater.“183 Schwierigkeiten ergeben sich immer wieder bei dem Versuch terroristische Organisationen von anderen Formen der politischen Gewalt abzugrenzen, wie zum Beispiel von Guerillaorganisationen oder paramilitärischen Organisationen. Guerillaorganisationen bestehen häufig aus ehemaligen Militärs, die sich gegen die bestehende Ordnung aufgelehnt haben und deren personelle Ziele sich hauptsächlich ebenfalls auf militärisches Personal begrenzen. Die Bevölkerung soll in erster Linie nicht in 179 Schmid 2011, S. 23. 180 Vgl. Schmid 2011, S. 80. 181 Münkler 2001, S. 14; Ebenfalls: Münkler 2002 a, S. 180 182 Herfried Münkler bezieht sich dabei vor allem auf religiöse Organisationen. Diese benötigen keine Bezugsgruppe mehr, da sie die Legitimation ihres Handelns aus ihren apokalyptischen und millenarischen Ideologien direkt ableiten. Vgl. Münkler 2001, S. 15. 183 Jenkins 1975, S. 4. 50 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Angst und Schrecken versetzt werden, sondern die Ziele der Guerilla unterstützen oder sich ihnen sogar anschließen, um die militärische Machtübernahme zu erleichtern. Im Gegensatz zu Terroristen halten sich Guerilla-Truppen an die grundsätzlichen Konventionen, die im Krieg herrschen. Da es den meisten Guerillaorganisationen um die Kontrolle des Territoriums geht, ist ihr Handlungsfeld auf ein spezielles Gebiet beschränkt, über das hinaus sie nicht agieren. Terroristische Organisationen dagegen können sowohl regional, national, international und transnational agieren und in Erscheinung treten. Sie handeln auch symbolisch und kommunikativ und nicht nur militärisch.184 Louise Richardson beschreibt die Guerillatruppe als „… eine irreguläre Armee, die gegen die regulären Truppen des Staates kämpft. Sie ist militärisch durchorganisiert Ihr Ziel ist es den Feind mit militärischen Mitteln zu besiegen …“185 Gemeinsam ist beiden Erscheinungsformen zunächst immer die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. Viele Guerillaorganisationen, wie z. B. die Revolutionary Armed Forces of Colombia – People’s Army (FARC), die je nach Kontext als Guerillaorganisation oder als terroristische Organisation bezeichnet werden, haben sich im Laufe der Zeit jedoch immer mehr zu terroristischen Organisationen gewandelt, wie sie im Sinne der Definition verstanden werden kann. Wie im Fall der Revolutionary Armed Forces of Colombia – People’s Army (FARC) wurden die politischen Ziele, die Mittel, der Handlungsradius und die Auswahl der Opfer immer weiter ausgeweitet, bis sie schließlich auch für die Bevölkerung eine Bedrohung darstellten und diese in Angst und Schrecken versetzten.186 Ein ähnlich fließender Übergang findet sich am anderen Ende des ideologischen Spektrums auch bei paramilitärischen Organisationen, wie zum Beispiel der United Self Defense Forces of Colombia (AUC). Zwar bekämpfen diese terroristischen Organisationen hauptsächlich anderer Gruppierungen, die gegen die bestehende Ordnung aufbegehren, doch meist sind mehr die Methoden paramilitärisch, als dass die Mitglieder tatsächlich eine direkte Verbindung zum Staat hätten. Zusammenfassend führen die genannten Aspekte des Terrorismus zu folgender Definition, die sich an der Definition des United Department of Defense orientiert: 184 Vgl. Krumwiede 2005, S. 33; Schneider/Hofer 2008, S. 36 f; Schmid 2011, S. 69. 185 Richardson/Schickert 2007, S. 30 f. 186 Vgl. Stanford University 2019 a. 51 Die Rational Choice Theorie als Erklärungsmodell „Terrorismus ist der kalkulierte Einsatz ungesetzlicher und medial inszenierte, symbolischer Gewalt oder die Androhung dieser Gewalt zur Verbreitung von Angst durch substaatliche Akteure. Dies geschieht in der Absicht Regierungen und Bevölkerung einzuschüchtern oder zu nötigen und eine Botschaft zu verbreiten, um politische Ziele zu erreichen.“187 3.3 Die Rational Choice Theorie als Erklärungsmodell zum Verhalten terroristischer Organisationen Da die vorliegende Arbeit auf der Makroebene Veränderungstendenzen ganzer Organisationen, bzw. Konglomerate ganzer Organisationen untersuchen möchte, werden nicht die Entscheidungen und Handlungen einzelner Mitglieder der Organisationen betrachtet. Die terroristische Organisation wird als ein Akteur verstanden und handelt auch als ein solcher. Martha Crenshaw und Renate Mayntz weisen darauf hin, dass es sinnvoll erscheint, eine terroristische Organisation im Sinne einer klassischen Organisation zu verstehen.188 Terroristische Organisationen haben als ein kollektiver Akteur, der kollektive Entscheidungen trifft, Mitglieder, die funktionelle Rollen innerhalb der Organisation besetzen und in diesen Rollen handeln. Diese Mitglieder besitzen eine Mitgliedschaft, die sich aus der Differenzierung zwischen Organisation und ihrer Umwelt ergibt. Die Beziehungen zwischen diesen Mitgliedern sind latent und können sowohl hierarchisch als auch netzwerkartig strukturiert sein. Die Kommunikation untereinander besteht aus einem Informationsaustausch und einem Führungsmodell bzw. Befehlsmodell und der Konzentration oder Dezentralisierung von Macht, die das Verhalten der Mitglieder regeln. Diese sind durch die jeweiligen Regeln innerhalb der Organisation vorgegeben. Das Verhalten der Mitglieder und deren Bindung werden aber nicht nur durch Führung und Befehle geregelt, sondern auch durch eine ideologische Identifizierung mit der Organisation. Organisationen stehen auch in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt, aus der sie Informationen aufnehmen und auf die sie reagieren. Einfach gesagt sind Organisationen Produkti- 187 Angelehnt an United States Department of Defense 2010, S. 274: „The unlawful use of violence or threat of violence to instill fear and coerce governments or societies. Terrorism is often motivated by religious, political, or other ideological beliefs and committed in the pursuit of goals that are usually political. See also antiterrorism; combating terrorism; counterterrorism; force protection condition.“ 188 Vgl. Crenshaw 1985, S. 466; Mayntz 2004, S. 9. 52 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung onssysteme, die konkrete Handlungen koordinieren, um einen spezifischen Zweck zu erfüllen, das heißt Ziele zu erreichen, die jedoch wandelbar sind.189 Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch Attentäter gibt, die keiner terroristischen Organisation angehören, sich zu keiner zugehörig fühlen und bekennen bzw. nicht im Namen einer terroristischen Organisation handeln, wie zum Beispiel die Attentäter Andreas Breivik, Timothy Veigh oder Ted Kaczynski. Deren Anteil am gesamten Terrorismus beträgt jedoch nur 0,33 %.190 Bei diesen „Lone-Actor“- oder „Lone-Wolf “-Terroristen ist es besonders schwierig, den Anteil tatsächlicher politischer Ziele oder gar einer psychischen Störung zu bewerten. Der Handlungsantrieb von Andreas Breivik zum Beispiel kann durchaus als ein politisches Motiv gesehen werden, welches er jedoch in seinen Statements und seinem Manifest mit abstrusen verschwörungstheoretischen Argumenten beschreibt.191 Ihn deshalb als nur psychisch gestörten Einzeltäter statt als Terrorist zu bezeichnen, wäre dennoch zu einfach. Durch Kultur, Erziehung und Erfahrungen geprägt, finden sich für viele Menschen nicht nachvollziehbare Motive, Rechtfertigungen und Weltbilder auch in terroristischen Organisationen, wie zum Beispiel bei Aum Shinrikyo192, wieder. Selbst christlich-religiöse Motive sind, je nach Standpunkt des Betrachters, nicht nachvollziehbar und erscheinen zunächst wenig rational. Der Umstand, dass in einer Organisation mehrere Menschen an die gleichen Geschichten glauben, lässt sie jedoch auch nicht automatisch rationaler und nachvollziehbarer werden. Was zu der Schlussfolgerung führt, dass Täter wie Andreas Breivik, solange sie eindeutig politische Ziele erreichen und eine Botschaft verbreiten wollen, ebenso als Terroristen anzusehen sind, wie die Mitglieder von Aum Shinrikyo oder des Islamischen Staates. In der vorliegenden Untersuchung werden die Anschläge von „Lone-Wolf “- Terroristen daher trotz der strukturellen Konzentration auf die Organisationsebene grundsätzlich auch zur Beantwortung der Fragestellung mit herangezogen. 189 Vgl. Crenshaw 1985, S. 465 ff; Mayntz 2004, S. 9 ff; Weinert 2004, S. 546; Schreyögg 2008, S. 9 f. 190 Florian Hartleb spricht von nicht einmal zwei Prozent Anteil am Gesamtterrorismus. In der Global Terrorism Database ist der Anteil noch geringer: 474 von 142.714 Anschlägen lassen sich als „individual“ eindeutig Einzeltätern ohne Zugehörigkeit zu einer Organisation zuordnen. Wieviel Prozent der nicht zuordenbaren Anschläge durch Einzeltäter ausgeführt wurden, ist jedoch unklar. Vgl. Hartleb 2013, S. 234 f; National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) 2015a. 191 Vgl. Hartleb 2013, S. 231. 192 Die terroristische Organisation Aum Shinrikyo nannte sich im Jahr 2006 unter einer neuen Führung in Aleph um und distanzierte sich von den gewalttätigen Handlungen der Vergangenheit. Sie wird in der Literatur jedoch weiterhin hauptsächlich als Aum Shinrikyo bezeichnet und soll daher auch in der vorliegenden Untersuchung so genannt werden. 53 Die Rational Choice Theorie als Erklärungsmodell Ein nicht-psychologischer instrumenteller Ansatz, wie das Modell des rationalen Handelns der Rational Choice Theorie bietet sich hierbei an, um Entscheidungen, Verhalten und Verhaltensänderungen auf der Makroebene terroristischer Organisation zu erklären.193 Die Rational Choice Theorie gehört zu den strategischen Theorien und ist neben den organisationalen und psychologischen Theorien ein mögliches Erklärungsmodell zur Entscheidungsfindung und dem Verhalten terroristischer Organisationen. Im Gegensatz zur Rational Choice Theorie sieht die organisationale Theorie das Verhalten und die Entscheidungsfindung terroristischer Organisationen nicht als Reaktion auf äußere Einflüsse, sondern als Konsequenz interner organisationaler Prozesse. Nicht die Umsetzung der politischen oder ideologischen Vorstellungen steht im Mittelpunkt, sondern das Überleben der Organisation als solche. Dieses Erklärungsmodell ist für die vorliegende Untersuchung jedoch ungeeignet, da in dessen Logik Verhalten und Entscheidungsfindungen der terroristischen Organisation auf nicht beobachtbaren Prozessen basieren und somit empirisch schwer oder gar nicht überprüfbar sind.194 Die psychologische Theorie erklärt Verhalten und Entscheidungsfindung terroristischer Organisationen aufgrund individueller Präferenzen, Glaubenssystemen und psychologischer Dispositionen der Mitglieder. Als Erklärungsmuster werden kognitive und affektive Verzerrungen in Form von Persönlichkeitsstörungen der Mitglieder oder Aggressionsauslöser, wie Frustration oder Narzissmus herangezogen. Ähnlich wie bei der organisationalen Theorie ist die schwierige empirische Überprüfbarkeit problematisch.195 Des Weiteren kann ein psychologisches Erklärungsmodell aufgrund seiner Verallgemeinerungen generell der Komplexität des Phänomens Terrorismus nicht gerecht werden.196 Aus den genannten Gründen wird die terroristische Organisation unter Annahme der Rational Choice Theorie im Folgenden als rational handelnde Organisation verstanden. Sie trifft unter anderem die Auswahl der jeweiligen Strategien zur Erreichung ihrer Ziele unter der Annahme der kollektiven Rationalität. Dies bedeutet, dass es bei der Entscheidungsfindung in terroristischen Organisationen immer um die Abwägung von Optionen mit dem Ziel der Maximierung des Nutzens und der Minimierung der Kosten für die Organisation geht. Die Entscheidungsfindung in Bezug auf die Wahl der Anschlagsart, des Ortes und der Zeit ist dabei abhängig von externen Faktoren und dem Verhalten der anderen Akteure.197 Eine These, die 193 Die Rational Choice Theorie ist ebenso dazu geeinigt das individuelle Verhalten von Lone-Wolf- Terroristen zu erklären. 194 Vgl. Crenshaw 1985/2001, S. 19 ff; McCormick 2003, S. 486 ff. 195 Vgl. McCormick 2003, S. 490 ff. 196 Vgl. Reich 1998, S. 261 f; Daase/Spencer 2011, S. 30. 197 Vgl. Crenshaw 1998, S. 8; McCormick 2003, S. 481 ff; Mayntz 2004, S. 5; Gupta 2008, S. 30; Anders: 54 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung für das rationale Verhalten von Organisationen spricht, findet sich bei Ulrich Druwe. Er stellt die These auf, dass das Handeln von Organisationen weniger emotional und dafür rationaler ist als das Handeln von Individuen. Er bezieht diese Behauptung auf sein Konstrukt der „sozialen Kognition“, das sich aus den intellektuellen, charakterlichen und sozialen Fähigkeiten eines Individuums zusammensetzt und sich auf die Organisation übertragen lässt. Diese kollektive soziale Kognition bewertet er als stärker als die individuelle soziale Kognition. Zwar kommt neben den bekannten Einschränkungen des rationalen Handelns bei Organisationen noch das Problem der Verflechtung der Mitglieder einer Organisation und ihrer Umwelt hinzu, dagegen entfallen jedoch emotionale Aspekte, die beim individuellen Handeln eine Rolle spielen. Handeln und Verhandeln sind ausschließlich auf die Zielerreichung gerichtet, wobei die Aushandlungsprozesse ebenfalls nach rationalen Kriterien erfolgen.198 Häufig kritisiert wird dagegen an rationalen Verhaltensmodellen zum einem die kontroverse und wenig präzise Definition des Begriffes der Rationalität und zum anderen die ausbleibende Erklärungskraft bestimmter altruistischer und moralischer Verhaltensweisen.199 Altruistische Verhaltensweisen einzelner Personen innerhalb von Organisationen lassen sich jedoch mit der Bildung einer kollektiven Identität innerhalb der jeweiligen Ideologie der terroristischen Organisationen erklären. Diese führt dazu, dass die einzelnen Mitglieder in ihren Handlungen das Wohl der Organisation bzw. der Bezugsgruppe über ihr eigenes Wohl stellen.200 Vor allem ist der Ansatz der rationalen kollektiven Entscheidungsfindung für diese Untersuchung geeignet, da damit ein Standard-Verhalten von den Organisationen erwartet wird, dessen Abweichungen, aber auch dauerhafte Veränderungen gemessen werden können. Einzelne sporadische Abweichungen lassen sich durch fehlerhafte Kalkulation der Optionen und Kosten oder durch eingeschränkte Informationen erklären.201 Eine dauerhafte Veränderung im Verhalten dagegen bedeutet eine Ver- änderung der Bedingungen, zum Beispiel der alternativen Optionen oder eine Ver- änderung der Kosten. Die in der Untersuchung folgende Annahme, dass die Organisationen des Neuen Terrorismus sich anders verhalten als die Organisationen des Alten Terrorismus, muss demnach messbar mit Veränderung der exogenen Bedingungen zusammenhängen: „The strategy has changed over time to adapt new circumstances that offer different possibilities for dissent action …“.202 Abrahams 2008 sieht das Hauptziel terroristischer Organisationen nicht im Erreichen der politischen Ziele, sondern im Überleben der Organisation als soziale Einheit. 198 Vgl. Druwe 1991, S. 151 ff. 199 Vgl. Schmid 2011, S. 222. 200 Vgl. Gupta 2008, S. 47 ff. 201 Vgl. Crenshaw 1998, S. 9; McCormick 2003, S. 500. 202 Crenshaw 1998, S. 10. 55 Die Rational Choice Theorie als Erklärungsmodell Unter Annahme einer Rational Choice Theorie lässt sich auch eine mögliche Antwort auf die Frage geben, warum politische bzw. extremistische Organisationen überhaupt erst auf terroristische Mittel zurückgreifen, anstatt auf andere Weise zu kommunizieren oder zu handeln. Martha Crenshaw beschreibt die Entscheidung zu terroristischen Mitteln zu greifen als „… a reasonably informed choice among available alternatives, some tried unsuccessfully …“.203 Dahinter verbergen sich zwei Mechanismen, die zu dieser Radikalisierung von politischen bzw. extremistischen Organisationen führen: Zum einen ein Lernprozess, bei dem erkannt wird, dass die bisherigen Strategien nicht ausreichend waren, um die eigenen Ziele zu erreichen. Zum anderen eine Abwägung von Nutzen und Kosten, die für oder gegen die Wahl des Terrorismus sprechen. Übersteigt der erwartete Nutzen die erwarteten Kosten, ist das Moment erreicht, in dem sich eine politische oder extremistische Organisation dazu entscheidet zu einer terroristischen Organisation zu werden. Zu den Kosten des Terrorismus gehört unter anderem die Gefahr, dass die Reaktionen auf terroristische Anschläge seitens der Regierung und Bevölkerung zu einem Ressourcenverlust bei der terroristischen Organisation führen. Der Nutzen des Terrorismus besteht darin, dass Regierungen dazu gezwungen werden zu reagieren und die Organisation und ihr Anliegen nicht weiter ignorieren können. Auch die Bekanntheit des Anliegens oder des Problems der terroristischen Organisation kann durch einen terroristischen Anschlag steigen. In diesem Fall würde sich die Ressource der Aufmerksamkeit für die terroristische Organisation erhöhen und somit der Nutzen steigen. Neben diesem Agenda-Setting gehört die Mobilisierungsfunktion von Anhängern und Unterstützern zu dem größten Nutzen des Terrorismus.204 Die Wahrscheinlichkeit, mit der Kosten auftreten, ist abhängig von verschieden Faktoren, wie zum Beispiel dem politischen System, in dessen Grenzen sich die terroristische Organisation mit ihrem Anliegen bewegt. Da bei der Rational Choice Theorie aufgrund von eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten und fehlenden Informationen von einer begrenzten Rationalität der terroristischen Organisationen ausgegangen werden muss, ist es möglich, dass die Situation von der Organisation nicht in ihrer Komplexität erfasst werden kann und die erwarteten Kosten nicht den tatsächlichen Kosten entsprechen. Dies kann entweder zu einer Anpassung der terroristischen Strategien führen oder zu einem Übergang in eine politische Organisation, die eben keine terroristischen Strategien mehr anwendet, da sich diese für die Organisation nicht lohnen. Im äußersten Fall kann dies auch zu einer kompletten Auflösung der terroristischen Organisation führen. 203 Crenshaw 1998, S. 11. 204 Vgl. Crenshaw 1998, S. 17 ff; McCormick 2003, S. 483 f. 56 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung 3.4 Bereiche des terroristischen Verhaltens Unter der Annahme des kollektiven rationalen Verhaltens terroristischer Organisationen werden in diesem Abschnitt vier Bereiche weiter ausgeführt, in denen das Verhalten terroristischer Organisationen unterteilt werden kann (siehe Abbildung 1). Die Unterteilung in Bereiche und die untergliederten Teilbereiche dienen als systematische Struktur, an der sich die weitere Untersuchung zu den Eigenschaften des Neuen Terrorismus orientiert. Die Strukturierung erleichtert die spätere Aufarbeitung des Diskurses, soll jedoch nicht zwingend als abschließend verstanden werden. Die vier Bereiche leiten sich aus der vorangegangenen Definition aus Kapitel 2.2 Allgemeine Definition ab. Der in der Definition auftauchende Begriff der Gewalt wird von den terroristischen Organisationen in unterschiedlichen Strategien umgesetzt, die sich weiter untergliedern lassen in Mittel, Taktiken und Angriffsziele, die ausgewählt bzw. angewendet werden. Eine Taktik ist die Gesamtheit von Handlungen, die darauf abzielt beim Gegner, der Bevölkerung oder den eigenen Anhängern eine Reaktion hervorzurufen oder das Verhalten so zu ändern, dass es der Erreichung der eigenen Ziele dient. Hierfür bedienen sie sich verschiedener Mittel. Dazu gehören zum Beispiel verschiedene Arten von Waffen, Tätern, Zubehör und Anwendungen körperlicher Gewalt. Regierung und Bevölkerung sind die Angriffsziele, die entweder die direkten Opfer der Anschläge sind, aber auch das Publikum sein können, an das eine Botschaft übermittelt werden soll. Die politischen Ziele sind strategische Ziele, die sich in Zwischenziele und Endziele unterteilen lassen. Sie sind eng verknüpft mit den Strategien, die gewählt werden, um diese zu erreichen. Teilweise sind Strategien und strategische Ziele fließend und schwer voneinander abzugrenzen. Die terroristischen Organisationen selbst müssen als Akteure hinsichtlich der Abbildung 1: Definitionsbereiche Terrorismus, eigene Darstellung. 57 Bereiche des terroristischen Verhaltens unterschiedlichen Ideologien und damit zusammenhängenden Motiven betrachtet werden, die hinter den gewalttätigen Handlungen stehen, aber auch hinsichtlich der Strukturen, die in den einzelnen Organisationen herrschen. Zu Strukturen gehören intern die Mitgliederstruktur, die Führungsstruktur, Kommunikationswege, Finanzierungs- und Ressourcenstruktur und extern der Grad der Internationalisierung und die Vernetzung mit anderen Organisationen.205 3.4.1 Strategien Terroristische Organisationen möchten das Verhalten des Gegners beeinflussen, indem sie seine Optionen verändern. Sie haben das Problem, dass sie meistens zu schwach sind, um wie Staaten Kriege führen zu können, damit sie ihre Ziele erreichen.206 Da auch die Kosten anderer politischer Strategien zu hoch sind, müssen sie zu alternativen Strategien greifen. Die Androhung von Taten alleine kann aber nicht davon überzeugen, dass terroristischen Organisationen ihre Drohungen ernst meinen. Da die Empfänger ihrer Botschaften sich nicht sicher sein können, wie ernst diese Androhungen gemeint sind, wählen terroristische Organisationen Taktiken, die ihnen selbst so hohe Kosten entstehen lassen, dass es dem Gegenüber Sicherheit über ihre Entschlossenheit, Zuverlässigkeit und Macht gibt.207 Häufig wird der Ausdruck „Propaganda durch die Tat“ in diesem Zusammenhang als Taktik terroristischen Organisationen verwendet, die sie von anderen aufständischen Organisationen unterscheidet. Der Ausdruck wurde in der Phase des anarchistischen Terrorismus geprägt und war damals weniger eine spezifische Taktik, als eine übergreifende Einstellung im Sinne einer Leitidee. Propaganda durch die Tat208 bedeu- 205 Eine ähnliche Einteilung findet sich auch bei Neumann. Dieser unterteilt den Terrorismus in die Kategorien „Struktur“, „Ziele“ und „Methoden“. Unter „Ziele“ versteht er jedoch die in dieser Arbeit bezeichnete Kategoire „Ideologie“. Die strategischen und personellen Ziele werden bei ihm nicht weiter ausgeführt. Vgl. Neumann 2009a, S. 14 ff. Anders: Kometer 2004, S. 21. 206 Unter der Schwäche von Organisationen kann das nicht ausreichende Vorhandensein von Anhängern und Ressourcen verstanden werden. Dieses kann unter anderem daran liegen, dass die Ansichten der Organisation nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung geteilt werden oder die Mobilisierung der Anhänger nicht funktioniert. Vgl. Crenshaw 1998, S. 11 f. 207 Vgl. Schmid 2011, S. 222; Kydd/Walter 2006, S. 50; Auch Seth G. Jones und Martin Libicki weisen darauf hin, dass die Auswahl einer terroristischen Strategie immer als Auswahl aus einem Set von Handlungsmöglichkeiten geschieht, unter der Annahme, dass diese Auswahl die effizienteste oder einzige ist, um das politische Ziel zu erreichen. Vgl. Jones/Libicki 2008, S. 4. 208 Die Propaganda der Tat als Konzept des Terrorismus entstand in der anarchistischen Phase des modernen Terrorismus und geht unter anderem auf Autoren wie Mikhail Bakunin und Carlo Pi- 58 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung tet, dass terroristische Organisationen handeln statt zu reden, da sie als rational handelnde Organisationen erkannt haben, dass sie die Aufmerksamkeit des Publikums und die Reaktionen des Staates besser oder nur durch Taten gewinnen können. Nur durch Aktionen können sie auf sich aufmerksam machen und ihre Macht demonstrieren.209 Zur Umsetzung Ihrer Taktiken verwenden die terroristischen Organisationen bestimmte Mittel und wählen bestimmte Angriffsziele. Alle drei Bereiche werden im Folgenden näher ausgeführt. 3.4.1.1 Taktiken: Costly Signaling und Heroisierung Die fünf Taktiken des „Costly Signaling“ sind „Taktiken der Tat“, die von den terroristischen Organisationen je nach Ziel und Gegner ausgewählt werden: Die erste Taktik, die Zermürbung des Gegners (Staat) durch permanente Angriffe, überzeugt von der Stärke und dem Willen der terroristischen Organisationen. Sie erzeugt bei ihm hohe Kosten durch hohe Verluste und bringt ihn im Idealfall zu Zugeständnissen. Ein Mittel der Zermürbungstaktik sind häufig Selbstmordattentäter. Diese kommunizieren mit ihrem eigenen Tod die Botschaft: „Wir meinen es so ernst mit unserem Anliegen, dass wir bereit sind dafür zu sterben“. Die zweite Taktik ist die Einschüchterung der Bevölkerung. Jede Unterstützung der Regierung seitens der Bevölkerung wird durch selektive gewalttätige Handlungen oder Repressalien an der Bevölkerung bestraft. Ebenso sind regierungstreue Personen, wie Polizisten oder Staatsanwälte, Opfer von Anschlägen. Dadurch wird der Bevölkerung die Schwäche der Regierung vor Augen geführt und kommuniziert, dass jede Unterstützung dieser Regierung sofortige Konsequenzen hat. Die dritte Taktik ist die Provokation, bei der die Regierung zu Überreaktionen provoziert wird. Das Ziel der terroristischen Organisationen ist es hierbei, möglichst eine militärische Reaktion des Staates zu erzeugen, bei der hohe zivile Verluste die Folge sind, um zum einen Moderate der gegnerischen Seite zu radikalisieren und zum anderen das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung zu schwächen. Die vierte Taktik terroristischer Organisationen wendet sich an die Moderaten der eigenen Gruppe: die Störung. Zwischen den Moderaten der eigenen Reihen und dem Staat soll durch Anschläge Misstrauen auf beiden Seiten entstehen, die friedliche Verhandlungen und Abkommen stören. Der Staat ist sich unsicher darüber, ob die moderaten Kräfte wirklich im Stande sind, im Falle einer Einigung ihre radikalen Kräfte unter Kontrolle zu halten. Die fünfte Taktik ist sacane zurück, welcher schrieb, dass Ideen nur durch Taten entstünden und nicht andersrum. Vgl. Pisacane zitiert in Graham 2005, S. 65 ff; Bakunin 1972, S. 195 f. 209 Vgl. Crenshaw 1985, S. 466; Laqueur 1987, S. 48 ff; Griset/Mahan 2003, S. 6 f; Hoffman 2006, S. 27; Richardson/Schickert 2007, S. 138. 59 Bereiche des terroristischen Verhaltens die Ausreizung, die von terroristischen Organisationen gewählt werden, wenn sich eine weitere radikale Organisation in den Machtkampf einer Region einmischt. Der Bevölkerung muss demonstriert werden, welche Organisation mehr Macht und Entschlossenheit besitzt, und welcher sie sich somit besser anschließen.210 Neben den Taktiken des Costly Signaling kann die Heroisierung als eine weitere Taktik verstanden werden. Hierbei wird versucht die Anschläge als notwendig und im Sinne der Bevölkerung darzustellen, um die Sympathie der Bevölkerung und des Publikums zu gewinnen. Die Täter werden als Helden der Schwachen installiert, deren Taten sich gegen den unterdrückenden Staat wenden.211 Dies zeigt sich auch in Selbstbezeichnung der terroristischen Organisationen, bei der nicht der Begriff Terrorist gebraucht wird, sondern Freiheitskämpfer212 oder Märtyrer. Des Weiteren beschreibt Herfried Münkler den Terrorismus als Kommunikationsstrategie, d. h. dass terroristische Organisationen Kommunikation als Strategie anwenden, deren Ziel die Einflussnahme auf die Psyche der Bevölkerung und Anhänger sein soll. Die Kommunikationsstrategie wirkt als Verstärker der oben genannten eingesetzten Taktiken, indem der Öffentlichkeit bei der Verfolgung der Anschläge in den Medien eine spezifische oder auch diffuse Botschaft gesendet wird, abhängig vom jeweiligen Ziel.213 Dazu werden Anschläge taktisch so inszeniert, dass sie einen besonders hohen Nachrichtenwert enthalten. Symbolik, Dramatik, Tragweite und Überraschung sind einige Faktoren, die bei der Inszenierung von Anschlägen bedacht werden müssen. Da die Verbreitung einer Botschaft einhergeht mit der Entwicklung der (Massen-) Medien, ist die Kommunikationsstrategie eine Strategie, die sich parallel zum technologischen Fortschritt weiterentwickelt hat. Bereits vor den (Massen-) Medien haben terroristische Anschläge eine Botschaft verbreitet, aber mit der Entwicklung dieser Medien hat die Verbreitung einer Botschaft in einem Maße an Bedeutung gewonnen, dass es zum heutigen Zeitpunkt gerechtfertigt erscheint, von einer eigenständigen Strategie zu sprechen. 3.4.1.2 Mittel Zur Umsetzung der beschrieben Taktiken bedienen sich terroristische Organisationen verschiedener Mittel. Konventionelle Waffen, wie Faustfeuerwaffen und Bom- 210 Vgl. Kydd/Walter 2006. Siehe zur Provokationsstrategie auch: Waldmann 2000, S. 22 f. 211 Vgl. Schmid 2004, S. 209. Ursprünglich: Paletz/Schmid 1992, S. 33. 212 Menachem Begin bezeichnete seine Organisation, die Irgun, als „Freedom Fighters“: „A terrorist kills civilians. A figther for freedom saves lives and fights on the risk of his own life until liberty wins the day.“ Begin 1981, S. 46. 213 Siehe näheres dazu: Münkler 2001. Auch Waldmann beschreibt Terrorismus im Wesentlichen als Kommunikationsstrategie. Vgl. Krumwiede 2005, S. 32. 60 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung ben werden von terroristischen Organisationen am häufigsten genutzt. Pistolen, Sturmgewehre, Maschinengewehre, Präzisionsgewehre und Granaten sind Waffen, die dazu geeignet sind, gezielt einzelne Personen oder kleinere Gruppen von Personen in direkter Nähe zu töten. Bomben richten einen wesentlichen höheren physiologischen und psychologischen Schaden an, da sie unvorhergesehener und für größere Menschenmengen eingesetzt werden können. Neben den Faustfeuerwaffen sind sie die bis heute am häufigsten eingesetzten Mittel terroristischer Organisationen. 1993 wurden bei dem ersten Anschlag auf das World Trade Center mit einer Bombe, die in einem Fahrzeug in der Tiefgarage versteckt war, 6 Menschen getötet und über 1.000 verletzt. 1995 tötete der Oklahoma City Bomber, Timothy McVeigh 168 Personen und verwundete Hunderte, ebenfalls durch eine Autobombe. Bei den Anschlägen 1998 auf die Botschaften in Kenia und Tansania starben 235 Personen und über 4.000 wurden verletzt.214 Die ersten Bomben waren mit Schwarzpulver und Dynamit gefüllt, inzwischen wird hauptsächlich TNT oder Plastiksprengstoff, wie Semtex oder C-4, benutzt. Es gibt einfache selbstgebaute Benzinbomben, mit Nägeln gefüllte Rohrbomben, Autobomben, Briefbomben und barometrische Bomben.215 Im Gegensatz zu den konventionellen Waffen sind die unkonventionelle Waffen, die sogenannten Massenvernichtungswaffen, schwieriger zu beschaffen und einzusetzen, haben aber einen wesentlich höheren „Terror-Faktor“. Chemische Kampfstoffe sind am einfachsten zu besorgen, herzustellen und einzusetzen, da viele chemische Stoffe, die als terroristische Mittel missbraucht werden können, zur zivilen Nutzung angewendet werden, wie zum Beispiel Pestizide. Man unterscheidet zwischen Nervenkampstoffen, Blutkampfstoffen, Lungenkampstoffen, Hautkampfstoffen, Reizgasen und Giften. Biologische Kampfstoffe dagegen sind natürlich vorkommende Mikroorganismen, dazu zählen Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten.216 Nukleare Waffen beziehen ihre Wirkung aus kernphysikalischen Prozessen im Gegensatz zu normalen Bomben und Faustfeuerwaffen. Sie haben somit eine wesentlich stärkere Wirkung und können zusätzlich noch mit radioaktivem Material bestückt sein um maximalen Schaden anzurichten. Ebenso gibt es aber auch normale Bomben, die mit radioaktivem Material versehen sind, wie z. B. Uran oder Plutonium, die sogenannten „schmutzigen Bomben“.217 Diese Arten von Waffen verursachen sowohl einen größtmöglichen physiologischen als auch psychologischen Schaden. 214 Vgl. Lacayo et al. 1993; Federal Bureau of Investigation 2003; Poland 2005, S. 181 f; National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism 2015 a, 199312000003/ 199504190004/ 199808070002/ 199808070003. 215 Vgl. Martin 2006, S. 357 ff. 216 Siehe Näheres hierzu bei Carus 2001; Höfer 2002; Bailey 2003; Klee/Jacob/Nattermann/Appel 2003; Ochsenbein/Huber 2003. 217 Vgl. Bolz/Dudonis/Schulz 2005, S. 151 ff; Mockaitis 2008, S. 81 ff. 61 Bereiche des terroristischen Verhaltens Insgesamt werden die Waffen der terroristischen Organisation nach ihrem Bedrohungspotential und ihrer technologischen Entwicklung unterschiedlich abgestuft: von selbstgebauten Waffen, die aus handelsüblichen Materialien zusammengebaut werden, über militärische Waffen, bis hin zu hoch komplexen Massenvernichtungswaffen.218 Eine weitere Variante mit besonders hohem psychologischem Schaden sind Selbstmordattentäter, die sich mit Bomben bestücken, um so dem Ziel unerkannt besonders nah zu kommen. Sie sind aus Sicht der gesamten Organisation ein rationales und sinnvolles Mittel, Bomben einzusetzen, da sie relativ billig und flexibel sind und einen hohen Aufmerksamkeits- und Schadensfaktor haben.219 Kinder und Frauen als Selbstmordattentäter, Kämpfer oder menschliche Schutzschilde steigern zum einen den Überraschungsfaktor und das Entsetzen über die Tat, zum anderen ist die Hemmschwelle bei Kontrollen und Gegenmaßnahmen höher. Der Einsatz von Kindern und Frauen ist nicht nur aufgrund der Hemmschwellen häufig, auch die leichte Beeinflussbarkeit, die niedrige Stellung in der Gesellschaft und physische Schwächen machen beide Gruppen zu geeigneten „Waffen mit Waffen“.220 Neben den unterschiedlichen Arten von Waffen gehören auch Entführungen und Geiselnahmen zu den Mitteln der terroristischen Organisationen, mit denen sie ihre Strategien umzusetzen versuchen. Entführungen dienen häufig, neben dem Propaganda-Effekt, der Erpressung von Lösegeld, um die Organisation und weitere Aktionen zu finanzieren. Die Entführung des italienischen Passagierschiffes Achille Lauro 1985 durch die PLF diente als Druckmittel um 50 Gefangene aus der israelischen Haft zu befreien.221 Flugzeugentführungen sind ein klassisches Mittel des internationalen Terrorismus, da im Flugverkehr Personen verschiedenster Nationen als Opfer betroffen sind. Entführte Verkehrsmittel, wie Flugzeuge, Schiffe, Autos, Züge, Busse oder Panzer können den terroristischen Organisationen aber auch selbst als Waffen dienen, in dem sie mit Bomben bestückt sind oder in Menschenmassen gesteuert werden, wie die vier222 Flugzeuge, die am 11. September 2001 in New York von Al Qaeda Mitgliedern in die beiden Türme des World Trade Centers, das Weiße Haus und das 218 Vgl. Martin 2006, S. 358. 219 Vgl. Martin 2006, S. 364; Richardson/Schickert 2007, S. 41. In islamistischen Organisationen widerspricht der Einsatz von Frauen den Grundsätzen des islamischen Rechts. Richardson/Schickert 2007, S. 164 ff. 220 Vgl. Griset/Mahan 2003, S. 192 ff. Richardson/Schickert 2007, S. 164 ff. 221 Vgl. Bertsch 2015. 222 Die vierte Maschine, Flug 93 von Newark, sollte das Weiße Haus in Washington D. C. treffen. Die Entführer konnten jedoch von den Passagieren überwältigt werden und das Flugzeug stürzte in der Nähe von Shanksville, Pennsylvania ab. Vgl. National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism 2015a, 200109110007. 62 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Pentagon gelenkt wurden.223 Entführungen kommen 10-mal so häufig vor wie Geiselnahmen, da diese im Gegensatz zu Entführungen mit hohen Kosten verbunden sind, weil häufig ein personeller Verlust seitens der Terroristen am Ende einer Geiselnahme steht.224 Bei Entführungen und Geiselnahmen kommen weitere Mittel der Gewaltanwendung wie Hinrichtungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen hinzu. Einzelne grausame Taten, wie das „kneecapping“, als eine Methode der Verstümmelung, können zu einer Signatur der Organisationen werden.225 Auch Worte gehören zu den Mitteln der terroristischen Organisationen. Sie können in Form von Handbüchern, Bekennerschreiben oder Internetseiten genutzt werden, um strategische und philosophische Richtungen für die Anhänger vorzugeben, bieten detaillierte Pläne und Anleitungen oder werden für verschlüsselte Kommunikation zwischen einzelnen Zellen oder Personen genutzt.226 Zu den öffentlich bekanntesten „Handbüchern“ der Terroristen gehören unter anderem das Quotations from Chairman Mao Tsetung von Mao Tse-Tung227, das Minihandbuch des Stadtguerilleros von Carlos Marighella228, The Turners Diaries von William L. Pierce229 und die Military Studies in the Jihad against the Tyrants von Al Qaeda230. Waren früher noch die Bekennerschreiben und die Propaganda der Tat selbst Träger von Botschaften, sind inzwischen „… die Medien selbst zu einem Mittel der Kriegsführung geworden …“231, indem sie die Botschaften der terroristischen Organisationen an ein Publikum verbreiten. Die Medien ermöglichen es den Organisationen durch die Ausstrahlung spektakulärer Bilder ihrer Anschläge die Aufmerksamkeit des Publikums zu erlangen. Besonders kleine, unbekannte Organisationen sind auf die Verbreitung ihrer Anschläge durch die Medien angewiesen, ohne die Ihre Taten sonst nie ein gro- ßes Publikum finden würden.232 223 Vgl. Griset/Mahan 2003, S. 198 ff. 224 Zwischen 1970 und 2012 gab es 747 Geiselnahmen und 7972 Entführungen. Geiselnahmen sind Entführungen von Personen, bei denen die Personen in ihrer Alltagsumgebung festgehalten werden. Bei Entführungen dagegen werden die Personen an einen anderen geheimen Ort gebracht. Vgl. National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism 2015 a/c, S. 22 f. 225 Vgl. Martin 2006, S. 357. 226 Vgl. Griset/Mahan 2003, S. 196. 227 Vgl. Mao 1990. 228 Vgl. Marighella 1970. 229 Vgl. MacDonald 1996. 230 Vgl. Unbekannt 2010. 231 Münkler 2002a, S. 196. 232 Vgl. Laqueur 1999, S. 44. 63 Bereiche des terroristischen Verhaltens 3.4.1.3 Angriffsziele Die Angriffsziele reichen von unbewaffneten Zivilisten und Unbeteiligten bis hin zu Militärpersonal, Sicherheitskräften und Regierungsbeamten. Ob die gewählten Ziele zu gegnerischen Organisationen gehören, Unterstützer sind, nur Beteiligte oder gar unschuldig sind, hängt von der jeweiligen Strategie ab, die die Organisationen verfolgen. Dabei muss unterschieden werden zwischen personellen Zielen, die direkt Opfer der Anschläge werden und dem Publikum, mit dem die terroristischen Organisationen kommunizieren, indem sie aus ihren Anschlägen Nachrichten machen, die sie diesem Publikum senden. Die Kommunikation mit dem Publikum grenzt die Terroristen von normalen Kriminellen ab und ist somit ein wesentliches Merkmal terroristischer Organisationen.233 Das Publikum kann sowohl Gegner, Unterstützer, Beteiligter als auch Unschuldiger sein.234 Die Opfer von Anschlägen stehen nicht immer zwangsläufig in direkter Verbindung zu den Forderungen der terroristischen Organisationen. Bei den Opfern kann es sich auch um unschuldige Zivilisten handeln, die zufällig bei den Anschlägen zu Schaden kommen. Sie zählen entweder zu dem, durch die terroristischen Organisationen in Kauf genommenen, Kollateralschaden oder sind eine bewusst zufällig gewählte Opfergruppe. Der Anschlag auf bewusst zufällig gewählte Opfer soll die Botschaft verbreiten: „… jeder kann der nächste sein …“ und somit dem Publikum seine Verwundbarkeit vor Augen führen, um es einem psychischen Terror auszusetzen. Bei der zufälligen Opferwahl können auch unschuldige Opfer betroffen sein, deren Unglück das Publikum besonders emotional trifft, wie Frauen und Kinder. Diese emotional schwerwiegenden Opfer haben einen besonders hohen Propagandawert, den sich die Terroristen zu Nutze machen. Neben dem Propagandawert spielt bei der Auswahl der Opfer auch die Symbolik eine Rolle. Die gezielte Auswahl von Militärpersonal, Politikern, Diplomaten oder Botschaftern sendet eine andere Botschaft an das Publikum als der Angriff auf ein unschuldiges, zufällig gewähltes Ziel. Hierbei geht es darum, zu demonstrieren, dass „… Widerstand nicht nur möglich ist, sondern auch erfolgreich sein kann“235. Es soll die Schwäche und Verwundbarkeit des Feindes demonstriert werden, indem die Repräsentanten der jeweiligen Regierung gezielt ausgewählt werden. Auch Sicherheitspersonal, Journalisten oder Geschäftsleute stehen symbolisch für feindliche Gruppen und werden als Ziele ausgewählt, um zum Beispiel das Verhalten innerhalb der jeweiligen Gruppe zu steuern, wie zum Beispiel Handelsbeziehungen zu unterlassen. Einzelne Opfer können aber auch symbolisch für einen ideologischen Kampf stehen, wie zum Beispiel der 233 Vgl. Poland 2005, S. 10; Schmid 2011, S. 80. 234 Siehe zur Entwicklung des „Interessierten Dritten“: Münkler 2002 b. 235 Münkler 2001, S. 14; Ebenfalls: Münkler 2002 a, S. 180. 64 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer, der durch die Rote Armee Fraktion (RAF) entführt und getötet wurde. Schleyer war nicht nur ein Druckmittel, sondern als Arbeitgeberpräsident und ehemaliger SS-Untersturmführer ein klassisches Feindbild links-sozialrevolutionärer terroristischer Organisationen.236 Des Weiteren begehen Terroristen auch Sachbeschädigung, Raubüberfälle, Sabotagen und Computermanipulationen. Sachbeschädigungen geschehen meist als Beiwerk von Anschlägen, können aber auch gezielt symbolisch eingesetzt werden, z. B. die Zerstörung von Bauwerken, die Macht, Geld oder Sicherheit für die Bevölkerung und die Staaten symbolisieren. 2001 wurde das World Trade Center nicht nur aufgrund der Opferzahlen als internationales Ziel ausgewählt, sondern auch aufgrund seiner Bedeutung als Symbol für die Macht und den Reichtum der Westlichen Welt. Die Anschläge hatten einen besonders hohen Propagandawert, da sie zum einen ein symbolischer Anschlag auf die Wirtschaftsmacht USA und die westlichen Welt waren. Zum anderen waren ca. 3.000 unschuldige, zufällig gewählte Opfer, unter denen sich Kinder und Frauen befanden, in den Gebäuden.237 3.4.2 Ziele Die oben beschriebenen Strategien dienen zu Erreichung unterschiedlicher Ziele terroristischer Organisationen. Grundlegend verfolgen alle terroristischen Organisationen immer die zwei gleichen strategischen Ziele, die sich aus der Definition des Terrorismus ableiten lassen: Anhänger gewinnen und den Feind bezwingen.238 Trotz dieser zwei Ziele, die allen terroristischen Organisationen gemein sind, gibt es auch unterschiedliche Ziele, die sie erreichen wollen. Diese sind abhängig von ihrer Ideologie, die als statisch betrachtet wird, und den äußeren Umständen, die dagegen dynamisch sind.239 Daher wird im Folgenden bei der Betrachtung der Ziele terroristischer Organisationen von zwei Annahmen ausgegangen: 1. Die Ideologie einer Organisation und ihre Ziele (somit auch die Wahl der Strategien) stehen in einem Zusammenhang 2. Mit den Umweltbedingungen der Organisationen können sich 236 Laqueur dagegen bezeichnet die personellen Ziele der RAF als wenig prominent, als hätten sie ihre Ziele aus dem „Telefonbuch ausgewählt“. Dennoch kann der RAF keine Wahllosigkeit bei der Auswahl aller Opfer unterstellt werden. Die Auswahl fand zwar nicht nach dem Kriterium „Prominenz“ statt, sie standen aber aufgrund ihrer führenden Stellung eines Berufszweiges oder der Zugehörigkeit zu einer gewissen Gruppe symbolisch für das Feindbild der RAF und ihrer Anhänger. Vgl. Laqueur 1999, S. 28. 237 Vgl. Martin 2006, S. 373 f; Hartwig 2011, S. 32 f. 238 Vgl. Jones/Libicki 2008, S. 4. 239 Vgl. Martin 2006, S. 350; Abrahams 2008, S. 79. 65 Bereiche des terroristischen Verhaltens auch deren Ziele verändern, sobald sich damit das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Organisationen verändert. Die Ziele sollen im Folgenden in Haupt- und Zwischenziele unterschieden werden. 3.4.2.1 Hauptziele Zu den strategischen Hauptzielen, die darauf angelegt sind, eine Veränderung im System zu bewirken, gehören der Regimewechsel, der territoriale Wechsel, der Policy Wandel, die soziale Revolution und die Errichtung eines Empires. Jedes dieser verändernden Ziele kann aber auch entgegengesetzt als Erhaltung des Status Quo existieren: Als Verteidigung des bestehenden Empires, Regimes, Territoriums, einer Policy oder einer sozialen Norm.240 Seth G. Jones und Martin C. Libicki haben 648 terroristische Organisationen unter anderem nach ihren Zielen unterschieden. Dabei kamen am häufigsten der Regimewechsel vor (221), gefolgt vom territorialen Wechsel (176), dem Policy Wandel (128) und der soziale Revolution (75). Die Erschaffung eines Empires (24) und die Erhaltung des Status Quo hatten weniger (24) Organisationen zum Ziel.241 Die Erschaffung eines Empires ist fast ausschließlich das Ziel religiöser Organisationen und soll daher als spezifisches Merkmal dieser terroristischen Organisationen trotz der geringen Fallzahl mitberücksichtigt werden. Die geringe Zahl von Organisationen, die den Status Quo erhalten wollen, lässt sich damit erklären, dass die Veränderung von Zuständen schwieriger ist als deren Erhalt. Zur Erhaltung des Status Quo wählen politischen Organisationen seltener terroristische Strategien, da sie mit anderen Strategien, die ihnen weniger Kosten verursachen, auch ihr Ziel erreichen können. 240 Vgl. Jones/Libicki 2008, S. 18; Anders: Kydd/Walter 2006, S. 51 ff. Andrew H. Kydd und Barbara F. Walter sprechen von sozialer Kontrolle, statt von sozialer Revolution, meinen aber auch die Beeinflussung des Verhaltens von Individuen in der Gesellschaft. Soziale Kontrolle entspricht an dieser Stelle der sozialen Revolution und ihrem Gegenpart, der Erhaltung des Status quo des sozialen Verhaltens/der sozialen Normen. Seth G. Jones und Martin C. Libicki fügen die Errichtung eines Empires als strategisches Ziel hinzu. Dies erscheint vor allem in Hinblick auf religiöse Organisationen sinnvoll. 241 Vgl. Jones/Libicki 2008, Tab A.1, S. 142 ff. Seht G. Jones und Martin C. Libicki greifen auf die Daten der damaligen RAND-MIPT National Terrorism Incident Database als Teil der MIPT Terrorism Knowledge Base des Memorial Institute for the Prevention of Terrorism zurück. Die Tabelle enthält bis 2008 gesammelte Profile terroristische Organisationen und war online bis 2008 verfügbar. Zwischenzeitlich waren die Profile auf der Terrorism Organisation Profiles Datenbank (TOPs) verfügbar und wurden auf 856 terroristischen Organisationen erweitert. Eine ausführliche Beschreibung und Historie der Datenbanken findet sich in Kapitel 4.2. Global Terrorism Database (GTD): Datenherkunft und 4.3. Terrorist Organization Profiles (TOPs): Datenherkunft. 66 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Andrew H. Kydd und Barbara F. Walter kommen bei der Untersuchung der Liste ausländischer terroristischer Organisationen des U. S. Department of State auf ähnliche Ergebnisse. Bei 44 untersuchten Organisationen haben 31 einen Regimewechsel als Ziel, 19 einen territorialen Wechsel und 4 einen Policy Wandel. Keine der Organisationen strebte laut dieser Studie eine soziale Revolution an, und nur eine wollte den Status Quo erhalten.242 Bei dieser Untersuchung beachten Andrew H. Kydd und Barbara F. Walter den Umstand, dass sich die strategischen Hauptziele einer terroristischen Organisation nicht nur im Laufe der Zeit ändern sondern auch, dass sie mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen können. Die Organisation Ansar al-Islam hatte zum Beispiel zum einen das Ziel, dass sich die US-amerikanischen Truppen und deren Verbündete aus dem Irak zurückziehen, und zum anderen wollten sie einen islamischen Staat mit der Scharia als Rechtsgrundlage etablieren. Um beide Ziele zu erreichen, wendeten sie zwei unterschiedliche Strategien an: Die Einschüchterungstaktik und die Zermürbungstaktik, dabei waren sowohl Militär- und Sicherheitspersonal als auch Zivilisten Opfer von Anschlägen der Ansar al-Islam Organisation.243 Auch der Erfolg und das Überleben von terroristischen Organisationen kann in Zusammenhang mit den Hauptzielen gebracht werden. Die Ziele lassen sich nach ihrer Grundsätzlichkeit in eine Rangfolge bringen. Es gibt begrenzte Ziele, bei denen die Umstürzung eines politischen Regimes nicht notwendig ist, wie bei der Erhaltung des Status Quo, einem Policy Wandel und einem territorialen Wechsel, bis hin zu Zielen, bei denen ganze staatliche Systeme zerstört oder Gesellschaftsmodelle gestürzt werden sollen. Je weiter, grundsätzlicher und unverhandelbarer ein Ziel ist, desto geringer ist die Chance auf einen Erfolg seitens der Terroristen. Je grundsätzlicher ein Ziel, wie die soziale Revolution oder die Erschaffung eines neuen Empires, je höher sind die Kosten für die Staaten bei einer Einigung mit den terroristischen Organisationen oder einer Kapitulation. In den meisten Fällen übersteigen sie die Kosten, die die terroristischen Organisationen durch ihre Anschläge verursachen.244 3.4.2.2 Zwischenziele Auf dem Weg zu den strategischen Hauptzielen, gibt es auch einige Zwischenziele, die die terroristischen Organisationen zu erreichen versuchen. Louise Richard- 242 Vgl. United States Department of State 2005; Kyyd/Walter 2006, S. 54 f. Die Daten beziehen sich ausschließlich auf die 2005 durch das Department of State definierten ausländischen terroristischen Organisationen. Die Organisationen der beiden Tabellen sind trotz Angabe des fact sheets als Quelle nicht identisch. 243 Vgl. United States Department of State 2013, S. 248 f; National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism 2014 a. 244 Vgl. Richardson/Schickert 2007, S. 37; Jones/Libicki 2008, S. 18/S. 22 Tab. 2.3. 67 Bereiche des terroristischen Verhaltens son spricht hierbei von „langfristigen politischen“ und „kurzfristigen organisatorischen“ Zielen.245 Zu den „kurzfristigen organisatorischen“ Zwischenzielen gehört die Herstellung der Öffentlichkeit, bei der die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Umstände und Motive der Organisationen aber auch auf deren Macht und die damit verbundene Machtlosigkeit der Bevölkerung und Regierungen gelenkt werden sollen.246 Als eine Folgereaktion entsteht in der Bevölkerung Anerkennung für die Taten der Organisationen, sogar Sympathie für deren Ziele und somit für die Organisation selbst. Dadurch lässt sich eine revolutionäre Stimmung247 in der Bevölkerung erzeugen, die die Hauptziele vorantreiben und unterstützten kann. Aber auch negative Reaktionen können ein gewolltes Ziel der Terroristen sein. Bevölkerung, die Regierungen und das Publikum insgesamt sollen psychologisch, sozial und materiell gestört werden. An dieser Stelle zeigt sich eine mögliche enge Verknüpfung von Strategien und Zielen. Die erfolgreiche Umsetzung einer Einschüchterungsstrategie kann zum Beispiel die psychologische und soziale Störung der Bevölkerung zum Ziel haben, die dann als Reaktion darauf ihr soziales Verhalten ändert (soziale Revolution) oder die Regierung nicht mehr unterstützt (Regimewechsel).248 In den USA versuchen terroristische Organisationen die Bevölkerung durch Anschläge auf Abtreibungskliniken einzuschüchtern, damit sie diese nicht mehr besuchen. Weitere Zwischenziele können unter anderem die Freilassung von inhaftierten Mitgliedern der Organisation, das Auftreiben von Ressourcen, die Gewinnung von neuen Mitgliedern und die Mobilisierung der eigenen Anhänger sein. 3.4.3 Struktur Da die terroristische Organisation in der vorliegenden Untersuchung als rational handelnder kollektiver Akteur verstanden wird, der seine Entscheidungen nach Kost- Nutzen-Abwägungen unter der Annahme eines beschränkten Informationszuganges trifft und Eigenschaften einer Organisation im klassischen Sinne besitzt, muss unter diesem Gesichtspunkt im Folgenden die Struktur der terroristischen Organisationen betrachtet werden. Die Struktur von terroristischen Organisationen lässt sich zunächst in zwei Bereiche unterteilen: in eine interne Struktur und in eine externe Struktur. Terroristische Organisationen können vor allem nach der Art des Informationsaustausches bzw. ihrer Kommunikationsstruktur, die sowohl interorganisatio- 245 Vgl. Richardson/Schickert 2007, S. 111 f. 246 Vgl. Poland 2005, S. 10. 247 Vgl. Martin 2006, S. 349 f. 248 Vgl. Kydd/Walter 2006, S. 66 ff. 68 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung nal als auch intraorganisational stattfindet unterschieden werden. In ihrer externen Struktur können sie außerdem auch nach Ihren Ressourcen und ihrem Aktionsbereich unterschieden werden. 3.4.3.1 Interne und externe Struktur Zur internen Struktur gehört die Größe der Organisation, bestehend aus der Anzahl der Mitglieder. Ebenso spielt die Zusammensetzung dieser Mitglieder eine Rolle. Dazu gehören Merkmale der Mitglieder wie Alter, Geschlecht, Nationalität. Aber vor allem Herkunft, Ausbildung und Professionalisierungsgrad der Mitglieder entscheidet darüber, in welchem Maße die terroristische Organisation in der Lage ist, Anschläge zu planen und auszuführen. Innerhalb der Organisationen sind die Art der Führung (Hierarchiesystem) und der Informationsaustausch unter den Mitgliedern und mit der Führung ein weiterer struktureller Faktor. Die externe Struktur einer terroristischen Organisation bezieht sich auf ihren Grad der Internationalisierung, die Art ihrer Finanzierung und die Verbindung zu anderen Organisationen. Das Verhältnis zwischen den terroristischen Organisationen untereinander kann sich qualitativ unterscheiden. Von Ablegern, über Alliierte, Unterstützern bis hin zu Rivalen sind unterschiedliche Verbindungen möglich. Neben dieser qualitativen Unterscheidung der Verbindungen ist auch die Art der Kommunikation interorganisational entscheidend. Ebenso wie bei intraorganisationalem Informationsaustausch, Führung und operativer Zusammenarbeit gibt es auch hier verschiedene strukturelle idealtypische Modelle, die die Verbindungen beschreiben. Terroristische Organisationen gehen aber nicht nur Verbindungen mit anderen terroristischen Organisationen ein, sondern können auch mit legalen oder kriminellen Organisationen in Verbindung stehen.249 3.4.3.2 Kommunikation Die häufigste strukturelle Unterscheidung von terroristischen Organisationen bezieht sich auf die Kommunikationswege innerhalb und zwischen den Organisationen, wobei die Grenzen jedoch nicht eindeutig sind. Die Begriffe „Hierarchie“ und „Netzwerk“ werden genutzt, um zwei extreme Ausprägungen von Kommunikationswegen zu beschreiben. Zwischen den beiden Idealtypen liegen verschiedene Modelle, die die Kommunikation zwischen Netzwerkknoten beschreiben: Die Kette, das Y, der Stern bzw. das Rad, der Zirkel und Alle Kanäle. Der Begriff „Netzwerk“ wird jedoch 249 Vgl. Mayntz 2004, S. 16 f. 69 Bereiche des terroristischen Verhaltens auch übergreifend gebraucht, handelt es sich auch bei der hierarchischen „Kette“ um eines der „fünf Grundnetzwerke der Kommunikation“.250 Am häufigsten wird vor allem nach den zwei extremen Ausprägungen von Kommunikationsnetzwerken unterschieden. Der eine Pol beschreibt eine statische Organisation mit hierarchischem Charakter, einer klar definierten Führung, bei der die vertikale Kommunikation dominant ist und die Handlungen durch Befehle ausgelöst werden. Der andere Pol ist eine dynamische Organisation, die führungslos agiert, da die Macht ungleich über Netzwerkknoten verteilt wird. Diese Netzwerkknoten sind kleine Einheiten, die autonom handeln autonom und daher keine Befehle durch eine zentrale Steuerung benötigen. Die Grenzen, Knoten und Verbindungen der Organisation sind offen und fließend, sie bilden sich und lösen sich auch wieder auf.251 Jede Organisation besteht aus einzelnen Personen, Gruppen oder Zellen, die diese Knoten des Netzwerks bilden. Sie variieren in ihrer Größe (Anzahl der Personen) und in der Stärke ihrer Verbindung. Knoten, die mit besonders vielen anderen Knoten verbunden sind, sind die Zentralen, über die ein Großteil der Kommunikation läuft, sie haben eine Führungs- und Koordinationsfunktion. Vor allem die Kette, das Rad und Alle Kanäle werden immer wieder zu Beschreibung der Struktur terroristischer Organisationen verwendet. Bei der Kette werden Befehle und Informationen entlang der einzelnen Knoten weitergegeben, beim Rad dagegen laufen sie über eine Zentrale. Die einzelnen Knoten sind mit dieser Zentrale verbunden, aber nicht miteinander, daher ist sie im Gegensatz zur Kette nicht hierarchisch aufgebaut. Alle Kanäle beschreibt ein vollständig dezentralisiertes Netzwerk. Jeder Knoten ist hierbei mit jedem anderem Knoten vernetzt. Die Knoten sind autonom, es gibt keine Zentrale Führung mehr (oder mehrere gleichzeitig). Statt einer Kette nutzen einige Autoren auch das Bild einer Pyramide, um die hierarchische Struktur darzustellen, bei der ebenfalls die Entscheidungen an der Spitze getroffen und nach unten weitergegeben werden. Die Grundnetzwerke der Kommunikation stellen jedoch nur idealtypische Figuren da. In der Realität sind hybride Formen bei terroristischen Organisationen möglich.252 So bemerken John Arquilla und David Ronfeldt: „… it may be difficult for an analyst to discern exactly what type characterizes a particular network.“253 250 Weinert überträgt die Grundnetzwerke der Kommunikation, die von Leavitt und Bavelas ursprünglich zur Erklärung von Kommunikation zwischen Gruppen gedacht waren, auf die Organisation, weist jedoch darauf hin, dass sowohl der technische Fortschritt als auch die verschiedenen Ebenen der Organisation mit in Betracht gezogen werden müssen. Vgl. Bavelas 1950; Leavitt 1951; Weinert 2004, S. 402. 251 Vgl. Mayntz 2004, S. 8 ff; Sageman 2004, S. 151 ff; Weinert 2004, S. 634. 252 Vgl. Crenshaw 1985, S. 469 f; Arquilla/Ronfeldt/Zanini 1999, S. 48 ff; Mayntz 2004, S. 11 f; Sageman, 2004, S. 137; Weinert 2004, S. 634. 253 Arquilla/Ronfeldt/Zanini 1999, S. 50. 70 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Aber nicht nur die Unterscheidung zwischen den einzelnen Kommunikationsstrukturen ist nicht immer einfach, auch der Unterschied zwischen intraorganisationalem Netzwerk und interorganisationalem Netzwerk ist teilweise nicht einfach zu identifizieren. Prinzipiell lassen sich alle Grundnetzwerke der Kommunikation auch auf die höhere Ebene zwischen den Organisationen anwenden. In diesem Fall sind die Knoten die einzelnen Organisationen, die wiederum aus Knoten bestehen. Die Form des Radnetzwerkes kann sich in diesem übergeordneten Netzwerk noch weiter dezentralisieren, es wird zu einem sogenannten Fokusnetzwerk oder Franchisenetzwerk. In einem Fokusnetzwerk erledigen alle Zellen den gleichen Auftrag und bekommen von einer Zentrale nur noch Unterstützung. In einem Franchisenetzwerk gibt es keine direkte Verbindung zwischen den Organisationen in Form von Informationsaustausch und Befehlen. Die einzelnen Organisationen identifizieren sich nur mit einer Zentrale und nutzen ihren Namen und ihre Strategie.254 Wo eine einzelne Organisation anfängt und ein Netzwerk aus Organisationen beginnt, wird umso uneindeutiger, je dezentralisierter die Organisationen arbeiten. Die klassische Netzwerkbetrachtung umgeht diese Frage, indem sie auf allen Ebenen nicht von Personen, Gruppen oder Organisationen spricht, sondern immer von „Knoten“, von operativen Einheiten, die entweder isoliert arbeiten oder mit anderen Knoten kommunizieren und zusammenarbeiten. 3.4.3.3 Finanzierung und Ressourcen Terroristische Netzwerke bestehen jedoch nicht nur aus terroristischen Organisationen, es existieren auch Verbindungen zu anderen Arten von Organisationen. Diese können in Form einer sozialen Basis, wie zum Beispiel einer Partei als legalem Arm der terroristischen Organisationen bestehen, wie dies bei der Irish Republican Army (IRA) und Sinn Féin der Fall ist. Aber auch Regierungen oder ganze Staaten können zum Unterstützerkreis zählen und sind somit Teil des Netzwerkes. Auch kriminelle Organisationen werden häufig genutzt, um Aktivitäten auszulagern, die die terroristischen Organisationen nicht selbst bewältigen wollen oder können. Dazu zählen unter anderem die Beschaffung von Ressourcen wie Papieren, Waffen oder auch der Transport zu Orten und das Wissen über spezielle Vorgänge.255 In den häufigsten Fällen stellen Staaten, Regierungen und kriminelle Organisationen die wichtigste aller Ressourcen für terroristische Organisationen zur Verfügung: Geld. Aber nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch der Zugang zu Handelswegen und der gefahrlose Transport von Geld sind nötig, um Aktivitäten zu planen 254 Vgl. Mayntz 2004, S. 16 f. 255 Vgl. Crenshaw 1985, S. 467; Schneckener 2006, S. 46 ff; European Police Office 2014, S. 13. 71 Bereiche des terroristischen Verhaltens und durchzuführen. Neben den Zuwendungen durch Staaten, selbst eingetriebenen Steuern, dem Verkauf von Merchandisingartikeln und Spenden, die häufig getarnt über wohltätige Vereine, religiöse Einrichtungen oder ähnliche Institutionen laufen, besitzen die Mitglieder der terroristischen Organisationen auch Privatvermögen, die sie zur Verfügung stellen. Diese schnellen und einfachen Wege zur Beschaffung der finanziellen Mittel sind jedoch nicht ausreichend, obwohl Schneckener terroristische Anschläge als „low-Budget“ Veranstaltungen beschreibt.256 Gupta weist jedoch darauf hin, dass die Planung und Durchführung sehr wohl mit hohen finanziellen Kosten verbunden sind und die Organisation nur solange handlungsfähig ist, wie finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.257 Alleine der Anschlag auf das World Trade Center kostete schätzungsweise 400.000 bis 500.000 US-Dollar und die jährlichen Kosten für die gesamten Aktivitäten von Al Qaeda belaufen sich nach Schätzungen der CIA auf 30 Millionen US-Dollar.258 Daher müssen sich terroristische Organisationen sowohl an legalen als auch an illegalen Geschäften beteiligen, um ihre finanziellen Mittel ausreichend zu erhalten, obwohl jede zusätzliche Aktivität die Gefahr bedeuten könnte, enttarnt zu werden. Zu legalen Finanzquellen gehören die Beteiligung und der Besitz von eigenen Unternehmen, die meisten Finanzierungswege sind jedoch illegal. Dazu gehören der Handel mit Waffen, Drogen und Edelsteinen, aber auch Menschenhandel, Prostitution, Banküberfälle, Entführungen und der Missbrauch von Sozial- und Versicherungsleistungen. Nicht nur die Beschaffung von Finanzmitteln, auch der Transport erweist sich als potentielle Gefahr entdeckt zu werden. Daher wählen die terroristischen Organisationen häufig illegale oder schwer nachvollziehbare Transfersysteme. Neben Bargeldschmuggel, Scheinfirmen, Strohmänner, Steueroasen sind das vor allem informelle Transfersysteme, wie zum Beispiel das islamische hawala-System.259 256 Vgl. Schneckener 2006, S. 146. Ebenso: Mockaitis 2008, S. 11. 257 Vgl. Gupta 2008, S. 92. 258 Vgl. Kean/Hamilton 2004, S. 169 ff. Wobei das FBI kurz nach den Anschlägen noch von einem Betrag von 175.000 bis 250.000 US-Dollar ausging. Vgl. United States 2004, S. 140. 259 Vgl. Schneckener 2006, S. 145 ff; Gupta 2008, S. 92 f; Mockaitis 2008, S. 11 f; Counter-Terrorism Implementation Task Force 2009, S. 11 ff; Bundesministerium des Inneren 2014; European Police Office 2014, S. 12 f. 72 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung 3.4.3.4 Aktionsbereiche Terroristische Organisationen lassen sich auch nach ihrem Aktionsbereich unterscheiden.260 Sie können national, international und transnational tätig sein.261 Die Unterscheidung bezieht sich sowohl auf den Ort des Anschlags, die Nationalität des Opfers, die Nationalität der Täter selbst, aber auch auf Ausbreitung der Konsequenzen. Nationale terroristische Organisationen führen Anschläge innerhalb ihres Heimatlandes aus und haben auch nur dessen Bewohner zum Ziel, bzw. die Ziele, die nationale Symbole repräsentieren. Kontakte ins Ausland haben in den meisten Fällen höchstens logistische Gründe. Internationaler Terrorismus dagegen richtet sich auch gegen Ausländer im eigenen Land, agiert aber vor allem auch grenzüberschreitend, das heißt es werden auch Ziele im Ausland angegriffen. Im Gegensatz zu transnationalem Terrorismus hat der internationale Terrorismus ein Heimatland, in dem die terroristischen Organisationen ihren „Stammsitz“ haben und mit dem sie sich identifizieren. Transnationale terroristische Organisationen haben kaum noch Bezug zu einen speziellen Land, sie sind quasi heimatlos, Grenzen sind für sie bedeutungslos und sie ersetzen die nationale Mitgliedschaft noch mehr durch eine ideologische Mitgliedschaft als internationale terroristische Organisationen.262 Im Gegensatz zu Schneckener, der einen Zusammenhang von staatlicher Unterstützung und Terrorismus vor allem bei nationalen Organisationen beschreibt, setzt Richardson bei internationalen terroristischen Organisationen den Staat als geographischen Rückzugspunkt mit staatlicher Unterstützung gleich.263 Sie unterscheidet internationale und transnationale terroristischen Organisationen danach, ob sie von Staaten unterstützt werden oder nur unter sich kommunizieren und kooperieren, wenn sie sagt: „International terrorism, therefore, is seen as state-sponsored terrorism, …“264 und „Insofar as terrorist movements coalesce and form linkages to operate together and have an independent impact on state policy they are indeed trans-national actors.“265 Diese theoretische Unterscheidung erscheint jedoch nicht 260 Anders: Schneckener 2006, S. 44; Martin 2006, S. 272. Nationalität, Internationalität und Transnationalität werden von einigen Autoren auch als Strategien bezeichnet und gehören nicht mehr nur zur Struktur. In dieser Argumentation wird der Aktionsbereich bewusst erweitert, was zur Folge hat, dass sich die Struktur der Organisationen verändert. In der vorliegenden Definition von Terrorismus werden Strategien enger definiert. Der Aktionsbereich gehört noch zur Struktur, der sich erst auf die Wahl der Strategien auswirkt. 261 Anders: Institute for Safety, Security and Crisis Management et. al. 2008, S. 69. Hier werden terroristische Organisationen in national, international, transnational und global eingeteilt. 262 Vgl. Schneckener 2006, S. 49 ff; Schneider/Hofer 2008, S. 35 f; Steinberg 2015. 263 Vgl. Richardson, 2004; Schneckener 2006, S. 46. 264 Richardson 2004, S. 67. 265 Richardson 2004, S. 71. 73 Bereiche des terroristischen Verhaltens geeignet, da sie unterstellt, dass internationaler Terrorismus auch immer gleich staatlich unterstützter Terrorismus ist und transnationaler Terrorismus keinerlei staatliche Unterstützung erhält. Dieser Zusammenhang ist jedoch weniger Teil einer Definition als vermuteter Zusammenhang, den sie in ihrer Ausführung weder empirisch belegt noch auf eine Quelle ihrer Vermutung hinweist. 3.4.4 Ideologie Ideologien dienen zur Begründung und Rechtfertigung politischen Handelns und bestehen aus Interessen und Absichten zur Befriedigung der eigenen Ziele. Vor allem sind sie aber Glaubenssysteme und Weltanschauungen mit spezifischen Denkmustern und verfestigten moralischen und normativen Komponenten, die sich über einen langen Zeitraum entwickelt und verfestigt haben. Ein wesentliches Merkmal ist ihr „universeller, uneingeschränkter Handlungsanspruch“, dessen „konsistente Gesamtperspektive“266 durch Komplexitätsreduktion einfache Antworten in allen Lebenslagen für jeden bieten soll.267 Besonders totalitäre und fundamentalistische religiöse Ideologien, die die terroristischen Organisationen antreiben, erheben einen Anspruch auf Unfehlbarkeit und auf einen umfassenden Wahrheitsanspruch.268 Des Weiteren bedingen Ideologien die Bildung kollektiver Identitäten, die dazu führt, die Welt in zwei Gruppen zuteilen: „Wir“ und „die Anderen“ bzw. die „Guten“ und die „Bösen“. Aufgrund der Verankerung in moralische und normative Werte und der Annahme der Unfehlbarkeit einer Ideologie, ist es für diese nicht nur unnötig, sondern auch fast unmöglich, sich Veränderungen in der Umwelt anzupassen. In der folgenden Untersuchung gelten die Ideologien der terroristischen Organisationen daher als konstante Eigenschaft, nach denen terroristische Organisationen eingeteilt werden können. Sie sind ein fester Bestandteil terroristischer Organisationen und werden nicht durch Veränderungen in der Umwelt der Organisationen beeinflusst. Die Anzahl von aktiven Organisationen, die zu einer Ideologie gehören, verändert sich jedoch über die Zeit, und die Ideologie bzw. die Zugehörigkeit von einzelnen Personen zu einer Organisation verschiedener Ideologien kann sich verändern. Die Mitglieder der anarchistischen Bewegung Narodnya Volya, Lev Tichomirow und Gerassim Romanenko, schlossen sich zum Beispiel später rechten Organisationen an.269 266 Woyke 2004, S. 170. 267 Vgl. Schubert/Klein 2006, S. 140. Die Eigenannahme der Unfehlbarkeit bezieht sich vor allem auf totalitäre Ideologien. 268 Vgl. Hildebrandt 2007, S. 4. 269 Vgl. Laqueur 1999, S. 17. 74 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Auch das Gründungsmitglied der RAF, Horst Mahler, wechselte nach seiner Zeit bei der RAF erst zur linken Kommunistischen Partei Deutschland (KPD), dann zur rechten Nationalsozialistischen Partei Deutschland (NPD) und scheint sich danach dem islamistischen Fundamentalismus zugewandt zu haben.270 Ebenso verändert sich die Motivlage in Konflikten, bei denen verschiedene terroristische Organisationen involviert sind. Dies darf jedoch nicht gleichgesetzt werden mit einer Veränderung der Ideologien der einzelnen terroristischen Organisationen. Der israelisch-palästinensische Konflikt hat sich insgesamt von einem ethnischen zu einem ethnisch-religiösen Konflikt entwickelt. In diesem Zusammenhang haben sich jedoch weniger die terroristischen Organisationen in ihrer ideologischen Ausrichtung geändert, als dass es mehr aktive nationalistisch-separatistische Organisationen zu Beginn des Konfliktes gab als zu dessen Ende. Inzwischen sind diese weniger aktiv, dafür andere religiöse terroristische Organisationen vermehrt.271 Martha Crenshaw dagegen beschreibt die Ideologie einer terroristischen Organisation als „… often weak or incostistent“.272 Sie bezieht sich jedoch eigentlich auf die Hauptziele der Organisationen, die sie als „ideologische Ziele“ bezeichnet. Dies ist jedoch nicht gleichzusetzen mit dem Wertesystem der Organisationen. So beschreibt sie einen Wandel der Euskadi Ta Askatasuna (ETA) von einer nationalistischen zu einer sozialrevolutionären Organisation, womit sie jedoch eine Aussage über die Ziele und nicht die Ideologie der ETA trifft.273 Terroristische Organisationen werden in der vorliegenden Literatur hauptsächlich in vier verschiedene ideologische Richtungen unterteilt: Zum einen folgt die Aufteilung einem „Links-Rechts“-Schema mit links-sozialrevolutionärem Terrorismus und rechts-konservativem Terrorismus, dazu kommen noch der nationalistisch-separatistische Terrorismus und der religiöse Terrorismus.274 Die einzelnen Ideologien setzen sich aus verschiedenen politischen Theorien zusammen. Betrachtet man den Zeitabschnitt des modernen Terrorismus, hat besonders der links-sozialrevolutionäre Terrorismus mit dem Sozialismus, Anarchismus und Kommunismus einen starken ideologischen Unterbau, der sich über eine lange Zeit entwickelt hat. Der rechts-konservative Terrorismus dagegen trat etwas später in Erscheinung und verfügt insgesamt über ein geringeres Ausmaß an politischen Ideen und Theorien, ähnlich wie der national-separatistische Terrorismus. Der religiöse Terrorismus dagegen zieht seine Ziele und Rechtfertigungen aus der religiösen Ideologie des Fundamentalismus 270 Vgl. Jesse 2007, S. 22 f. 271 Vgl. Hildebrandt 2007, S. 8. 272 Crenshaw 1985, S. 471. 273 Vgl. Crenshaw 1985, S. 470 f. 274 Vgl. Jones/Libicki 2008, S. 15; Schmid 2011, S. 171. 75 Bereiche des terroristischen Verhaltens jeder Glaubensrichtung mit apokalyptischen, universellen und traditionsbezogenen Elementen.275 Vor allem die Religion und der Nationalismus bieten eine starke Motivation für Organisationen sich zu radikalisieren, da sie das grundlegende Bedürfnis der Menschen nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe befriedigen. Um dieses zu verteidigen, sind viele Organisationen bereit zu terroristischen Mitteln zu greifen.276 In einigen Fällen kommt es auch vor, dass die jeweilige terroristische Organisation mehr als einer der vier oben erwähnten Ideologien zugeordnet wird. In diesem Fall handelt es sich um eine terroristisch Organisationen mit einer Primär- und einer Sekundär-Ideologie.277 Die Primär-Ideologie ist die eigentliche Motivation des Handelns und wird in der späteren Untersuchung daher alleine als Ideologie der einzelnen terroristischen Organisationen angegeben. In einigen Fällen ist die Unterscheidung nicht einfach und kann deshalb auch je nach Autor differieren. Auch gibt es einige weitere Kategorien bei verschiedenen Autoren, wie zum Beispiel den exotischen Terrorismus bei Walter Laqueur278 oder den Ein-Themen-Terrorismus (Single- Issue-Terrorism) bei Alex P. Schmidt.279 Beide Autoren sprechen terroristische Organisationen an, die sich nicht eindeutig einer der vier genannten Ideologien zuordnen lassen. Entweder, weil sie sich nur auf ein spezifisches Thema konzentrieren wie Abtreibung, Umwelt oder Tierrechte, weil sie anscheinend mehreren Ideologien oder gar keiner Ideologie folgen oder weil sie sich zwischen Guerilla-Bewegung und terroristischer Organisation befinden. Obwohl davon ausgegangen werden muss, dass nicht jede terroristische Organisation sich vollständig und ohne Widersprüche einer Ideologie zuordnen lässt, soll eine Unterteilung der Ideologien terroristischer Organisationen auch für die Untersuchung vorgenommen werden. Der vorliegenden Literatur folgend, wird die Unterteilung der Ideologien in links-sozialrevolutionär, rechts-konservativ, nationalistischseparatistisch und religiös vorgenommen. Auf die Überschneidungen der einzelnen Ideologien und deren mögliche Gründe wird im Anschluss eingegangen. 3.4.4.1 Links-sozialrevolutionäre Ideologie Die politischen Theorien, die die Ideologie des links-sozialrevolutionären Terrorismus nähren, reichen vom Vor- und Frühsozialismus am Ende des 18. Jahrhunderts, über den Marxismus mit den Theorien von Marx und Engels und den Anarchis- 275 Vgl. Hildebrandt 2007, S. 5 f. 276 Vgl. Cameron 1997, S. 258. 277 Vgl. Martin 2006, S. 185 f. 278 Vgl. Laqueur 1999, S. 184. 279 Vgl. Schmid 2011, S. 171. 76 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung mus im 19. Jahrhundert bis hin zu neueren Entwicklungen im Kommunismus, wie zum Beispiel dem Maoismus, um nur die wichtigsten Stationen dieser politischen Theorien zu nennen. Eine Massenverelendung Ende des 18. Jahrhunderts war der Auslöser für die ersten Formulierungen frühsozialistischer Ideen zur Befreiung des arbeitenden Volkes. Damals schon wurden Ideen wie Gütergemeinschaft mit einer gleichmäßigen Verteilung des Wohlstandes, gelenkte Planwirtschaft und die Vergesellschaftung von Landwirtschaft und Gewerbe entwickelt, um der Ausbeutung der Menschen ein politisches Konzept entgegenzusetzen. Doch erst Marx und Engels schafften es, sozialistische Ideen nicht nur zu formulieren, sondern auch Anhänger für ihre Ideen zu finden und sie in die politischen Prozesse einzubringen.280 Nicht nur aus diesem Grund zählt der Marxismus bis heute zu den wichtigsten und am häufigsten genutzten Rechtfertigungsgrundlagen links-sozialrevolutionärer terroristischer Organisationen. Besonders das Moment der totalen Revolution durch den „einfachen Arbeiter“ fasziniert seine Anhänger und Rezipienten bis heute. Karl Marx schrieb hierzu: „Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung.“281 Das Weltbild des Marxismus besteht im Kern aus dem Gegensatz von Arbeit und Kapital. Karl Marx ging davon aus, dass die fortschreitende Arbeitsteilung die Entfremdung des Menschen von seiner Natur bedingt. Das kapitalistische System führt, nach der Logik des Marxismus, zu einer Konzentration des Kapitals auf eine kleine Gruppe, zu wirtschaftlichen Krisen und zur Verelendung des Proletariats. Die Lösung besteht in der Aufhebung des Privateigentums durch einen Aufstand des Proletariats. Die konkreten Handlungsforderungen, die sich aus dieser Logik ergeben, sind die Formierung des Proletariats als politische Klasse, der Sturz der Bourgeoisie, die Eroberung der politischen Gewalt und als Folge die Aufhebung aller Klassen und des Staates, damit der einzelne Mensch wieder seiner Natur nachkommen und sich frei entfalten kann.282 Bis heute wird diese Argumentation zur zwingenden Befreiung von unterdrückten Gruppen auch von terroristische Organisationen genutzt: „Ziel ist die Veränderung, oft sogar gänzliche Vernichtung bestehender Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse im jeweils betroffenen Land.“283 Die Denker des Anarchismus als weitere ideologische Grundlage des heutigen links-sozialrevolutionären Terrorismus propagierten sogar die totale Abschaffung, bzw. Zerstörung des Staats und aller staatlicher Institutionen, um die Ungleichver- 280 Vgl. Fenske 2004, S. 423 ff. 281 Marx 1981, S. 391. 282 Siehe Näheres hierzu: Marx/Engels 1962/1963/1964; Fenske 2004, S. 435 ff. 283 Schneider/Hofer 2008, S. 46; Vgl. Straßner 2008, S. 20 ff. 77 Bereiche des terroristischen Verhaltens teilung in der Gesellschaft zu überwinden und die Menschen in ihre Freiheit zurückzuführen. Mit Michael Bakunin, einem der bekanntesten anarchistischen Denkern, und der Narodnya Volya, einer der ersten bekannten links-sozialrevolutionären terroristischen Organisationen, hatte der russische Anarchismus einen großen Einfluss auf die Ideologie der heutigen links-sozialrevolutionären terroristischen Organisationen. Durch die Unterdrückung im zaristischen Russland griffen Organisationen wie die Narodnya Volya zum Mittel der „Propaganda durch die Tat“. Unter der Propaganda durch die Tat verstanden die Anarchisten den Einsatz von Gewalt bei Aktionen bis hin zum politischen Mord. Die Demonstration des hohen Einsatzes und des persönlichen Risikos der Terroristen sollten das Volk dazu bewegen, einen Aufstand gegen den Staat anzustoßen, der schlussendlich zu einem politischen Wandel führen sollte.284 Immer wieder haben spätere links-sozialrevolutionäre terroristische Organisationen, wie die RAF, die Propaganda durch die Tat als legitimes Mittel zur Erreichung ihrer Ziele verstanden. Neben der Propaganda durch die Tat zeichnet sich der links-sozialrevolutionäre Terrorismus durch eine hohe Anzahl von unterschiedlich langen programmatischen Schriften und Bekennerschreiben aus, weshalb ihn Alexander Straßner auch als „Erklärung- und Rechtfertigungsterrorismus“ bezeichnet.285 Zu den bekanntesten programmatischen Schriften gehören der Revolutionary Catechism286 von Sergey Nechaev, das Mini-Manual of Urban Guerilla Warefare287 von Carlos Marighella und nicht zuletzt auch das Konzept der Stadtguerilla288 von Ulrike Meinhof. Der links-sozialrevolutionäre Terrorismus erlebte seine Hochzeit in den 60er bis Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Unter anderem als Reaktion auf den Vietnamkrieg bildeten sich aus den Vietnamdemonstrationen und Studentenbewegungen Organisationen wie die RAF, die Bewegung des 2. Juni oder die Roten Brigaden, die das politische System stürzen und die gesellschaftlichen Konventionen umwälzen wollten.289 3.4.4.2 Rechts-konservative Ideologie Der rechts-konservative Terrorismus stützt sich auf ein wesentlich dünneres Gerüst politischer Theorien. Die Ideologie ist insgesamt weniger systematisch, fokussiert 284 Vgl. Piscane in Graham 2005, S. 65 ff; Bakunin 1972; Laqueur 1987, S. 48 ff; Laqueur 1999, S. 16 ff; Fenske 2004, S. 457 ff; Rapoport 2004, S. 50; Poland 2005, S. 31/35. 285 Straßner 2008, S. 20. 286 Vgl. Nechaev 2006. 287 Vgl. Marighella 1970. 288 Vgl. Meinhof 1971. 289 Vgl. Neidhardt 1982, S. 325; Jesse 2007, S. 18; Semler 2007, S. 4. 78 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung und tiefgründig als die links-sozialrevolutionäre Ideologie, da es sowohl an wichtigen Schriften und an führenden Persönlichkeiten mangelt, aber auch an Interesse der Akteure, sich mit diesen zu beschäftigen.290 Hauptsächlich ist die Rassentheorie Argumentationsgrundlage für Anschläge auf Personen, die eine andere Hautfarbe haben oder einem speziellen Volk angehören, da sie die Menschheit in unterschiedliche Rassen nach äußeren Merkmalen, wie der Hautfarbe oder Schädelform, wertig unterscheidet. Der Ursprung der Rassentheorie findet sich bereits in der Bibel im ersten Buch Mose in Kapitel 9 „Nohas Fluch und Segen über seine Söhne“: Die drei Söhne Nohas, Japhet, Sem und Cham treten dort als Ausgangspunkt der Völker Europas, Asiens und Afrikas auf. Nach einem Fehlverhalten Chams werden dessen Nachkommen von seinem Vater Noah verflucht, der diese zum Knecht des Japhet macht.291 Die Interpretation der unterschiedlichen Hautfarben der drei Brüder findet sich allerdings erst später im 17. Jahrhundert bei Georgius Hornius, der nicht mehr nur eine Unterteilung nach Regionen, sondern nach Hautfarben in Weiße, Gelbe und Schwarze Völker einführte.292 Später war Jospeh Arthur de Comte Gobineau einer der bis heute einflussreichsten Autoren, der die Rassentheorie im 19. Jahrhundert propagierte. Er bestand jedoch nicht nur auf die grundlegende Unterscheidung von Menschen in die drei Hauptrassen nach den Hautfarben weiß, gelb und schwarz, sondern führte auch den Begriff des Ariers in die Rassentheorie ein. Er unterstellte jeder Rasse unterschiedliche zivilisatorische Entwicklung und Intelligenz.293 Während für ihn die weißen, nordwesteuropäischen Arier die höchste Rasse darstellte, wurde im Dritten Reich unter Adolf Hitler ausschließlich die germanische Rasse als die höchste, bzw. arische Rasse beschrieben. Die Annahme einer unterschiedlichen Wertigkeit der verschiedenen Rassen führte die Vertreter der Rassentheorie zu der Überzeugung, dass sich minderwertige Rassen nicht mit höherwertigen Rassen vermischen dürften, der sogenannten Rassenhygiene, die sich in der Eugenik zuspitzte.294 Dieser Gedankengang führte in der Konsequenz im Dritten Reich dazu, die Vermischung der semitischen Rasse und der germanisch-arischen Rasse zu verhindern, in dem das semitische Volk nicht nur an seiner Verbreitung durch Fortpflanzung gehindert, sondern in letzter Konsequenz auch ausgelöscht werden sollte. Häufig werden auch bis heute Naturwissenschaftler, wie Charles Darwin und Gregor Mendel als Beweis für die Rassentheorie durch rechte Kräfte herangezogen, um der Argumentation einen pseudo-wissenschaftli- 290 Vgl. Martin 2006, S. 222 f. 291 Vgl. Die Bibel 1980, 1. Moses 9, 18–29. 292 Vgl. Greiner 2014. 293 Vgl. De Gobineau/Schemann 1902. 294 Vgl. Fenske 2004, S. 482 ff. 79 Bereiche des terroristischen Verhaltens chen Charakter zu verleihen. Geblieben ist bis heute in der rechts-rassistischen Argumentationslogik, dass die jeweils eigene Rasse oder Nation die höchste ist und ihr aus diesem Grund in der Gesellschaft und im Staat Vorteile gegenüber den anderen Rassen oder Nationen zustehen, wie das Vorrecht auf Arbeitsplätze, Wohnraum oder staatliche Fürsorge. Rechts-konservative terroristische Organisationen setzen daher auf einen starken, militarisierten Staat, der ihre Interessen durchsetzt. Sie sind im Gegensatz zu linkssozialrevolutionären terroristischen Organisationen reaktionär, ihr Weltbild und die Symbolik295 der Gruppierungen sind vergangenheitsbezogen. Ihr eigentliches Ziel ist es daher den Status quo zu erhalten, auch weil sie selbst selten ein umfassendes Reformprogramm besitzen, das hinter den Forderungen steht. Erhaltenswürdig gelten besonders konservative, traditionelle Werte in Bezug auf Familie, Arbeit, Religion oder Besitzverhältnisse. Sobald rechts-konservative terroristische Organisationen jedoch den Staat als zu schwach oder nicht gewillt ansehen, ihre Interessen durchzusetzen, haben sie zum Ziel, die bestehende staatliche Ordnung durch ein autoritäres-faschistischen Staatssystem zu ersetzen.296 Neben dem Rassismus zeigt sich das ausgrenzende und reaktionär-konservative Weltbild der rechts-konservativen Ideologie aber auch in anderen gesellschaftlichen und politischen Einstellungen, je nach den historischen und politischen Rahmenbedingungen. Dazu gehören unter anderem der Antisemitismus, Antiziganismus und Antiamerikanismus als Ablehnungshaltung gegenüber anderer Völker und die Homophobie als Ablehnungshaltung gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen oder die Islamfeindlichkeit als Ablehnungshaltung gegenüber anderen Religionen. Der völkische Nationalismus und Autoritarismus aber auch der Geschichtsrevisionismus, Antikommunismus, Antimodernismus und sind hierbei die Kernelemente des politischen Weltbilds.297 3.4.4.3 Nationalistisch-separatistische Ideologie Der nationalistisch-separatistische Terrorismus hat vor allem einen territorialen und kulturellen Charakter. Er vertritt eine spezielle Bevölkerungsgruppe, meist eine Minderheit, und versucht für diese Bevölkerungsgruppe Interessen durchzusetzen, die sich ansonsten den Interessen einer anderen Bevölkerungsgruppe oder einem Staat 295 Die wichtigsten Symbole rechter Gruppierungen sind (teilweise leicht abgewandelte) alte Symbole, wie das Hakenkreuz, die Lebensrune, die Triskele oder das Keltenkreuz, die ursprünglich eine andere Bedeutung hatten. Siehe hierzu: Bundesamt für Verfassungsschutz 2014. 296 Vgl. Martin 2006, S. 226/251 f; Straßner 2008, S. 18. 297 Vgl. Jaschke 2006; Nandlinger 2008; Stöss 2010, S. 10 ff. 80 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung unterordnen müssten. Neben der politischen Anerkennung und Gleichstellung der Bevölkerungsgruppe innerhalb des Staates, geht es in den meisten Fällen um politische Autonomie bis hin zu vollständiger nationaler Unabhängigkeit und der Gründung und internationalen Anerkennung eines eigenen Staates.298 Diese Bevölkerungsgruppe sieht sich als eigene Nation oder ethnische Gemeinschaft, die homogene Merkmale wie Sprache, Kultur, Religion oder Geschichte besitzt.299 Die Ausgangslage für die Konflikte zwischen ethnischen Minderheiten oder Kulturnationen untereinander oder zwischen diesen und Staaten besteht in der Ideologie des Nationalismus, der „… die Merkmale der eigenen ethnischen Gemeinschaft (z. B. Sprache, Kultur, Geschichte) überhöht, als etwas Absolutes setzt und in dem übersteigerten (i. d. R. aggressiven) Verlangen nach Einheit von Volk und Raum mündet.“300 Ende des 18. Jahrhunderts bildete sich in Europa erstmalig das Bewusstsein für die Bedeutung der „Nation“ in der Bevölkerung, sodass zu diesem Zeitpunkt der „Nationalismus“ als Ideologie entstand. Die Französische Revolution kann als Startpunkt für die volle Entfaltung des modernen Nationalismus gesehen werden. Kriege und Kämpfe um Territorium, Anerkennung von Völkern und die Unterdrückung von ethnischen Minderheiten gab es aber schon weit vor dieser Zeit, wurden damals aber hauptsächlich zwischen staatlichen Armeen ausgetragen.301 Im 19. Jahrhundert bildeten sich die ersten nationalistischen politischen Bewegungen auf dem europäischen Kontinent. Der substaatliche separatistisch-nationalistische Terrorismus trat zu ersten Mal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Nach der Zerschlagung der Imperien der besiegten Großmächte in Europa nach dem Ersten Weltkrieg und in Übersee nach dem zweiten Weltkrieg, war die Selbstbestimmung der Staaten ein vornehmliches Ziel der Siegermächte. Als Folge bildeten sich terroristische Organisationen, vor allem in Gebieten, in denen der Rückzug der Großmächte Bevölkerungsgruppen hinterließ, die sich mit den neuen Regierungskonstellationen und territorialen Zuteilungen nicht abfinden wollten, wie zum Beispiel die türkische Bevölkerung auf Zypern oder die Algerier.302 Eine weitere Welle gab es Ende der 60er Jahre, in der unter anderem die IRA, ETA und PFLP wieder verstärkt mit Anschlägen in Erscheinung traten.303 Eine Besonderheit von nationalistisch-separatistischen terroristischen Organisationen ist, dass die eigene Bevölkerungsgruppe, die eigene Nation oder das eige- 298 Vgl. Martin 2006, S. 159. 299 Vgl. Schubert/Klein 2006, S. 202 f. 300 Schubert/Klein 2006, S. 203 f. 301 Siehe zur Entwicklung des Nationalismus: Fenske 2004, S. 473 ff. 302 Vgl. Gal-Or 1997, S. 200; Rapoport 2004, S. 52 f. 303 Vgl. Laquere 2001, S. 42; Malthaner 2005, S. 93. 81 Bereiche des terroristischen Verhaltens nen Volk für die Organisationen eine positive Bezugsgruppe304 darstellt. Der antikoloniale Kampf der terroristischen Organisationen wird für das eigenen Land und Volk geführt und erscheint den Terroristen selbst, aber auch einem großen Teil der Weltbevölkerung, als moralisch gerechtfertigter als andere Arten des Terrorismus. Dies zeigt sich auch in der Eigenterminierung der terroristischen Organisationen: Der Begriff des „Freedom Fighters“, den Menachem Begin prägte, führte später zu der häufig genutzten Formulierung „Der Terrorist des Einen ist der Freiheitskämpfer des Anderen.“305 Die für terroristische Organisationen vergleichsweise hohe Akzeptanz in der Bezugsgruppe und Bevölkerung macht es den Organisationen möglich einen legalen Flügel bzw. eine legale zweite Organisation oder sogar Partei zu bilden, die die Interessen parallel auch mit nicht-terroristischen Mitteln vertritt. Diese kann nochmals in besonderer Weise Aufmerksamkeit und Ressourcen für die illegale terroristische Organisation generieren.306 3.4.4.4 Religiöse Ideologie Die Diskussion um religiöse terroristische Organisationen in den Medien dreht sich fast ausschließlich um islamische terroristische Organisationen, wie Al Qaeda, die Hamas, den Islamischen Staat, Boko Haram oder die Al-Nursah Front. David C. Rapoport bezeichnet den Islam sogar als „Herz“ seiner religiösen Wave.307 Er bestreitet zwar nicht, dass es auch religiösen Terrorismus in anderen Religionen gibt, sieht den fundamentalistischen Islamismus aber als vorausschreitenden Motivator, der andere Religionen dazu bringt sich zu radikalisieren.308 Dagegen lässt sich argumentieren, dass alle Weltreligionen und Sekten ein ähnlich hohes Gewaltpotential in sich tragen, das sie zu einer möglichen ideologischen Grundlage für terroristische Organisationen macht. Alle Religionen und Sekten beziehen sich auf das „Göttliche“, das „Übergeordnete“, das „Heilige“, das in einer ambivalenten Gestalt auftritt: es ist sowohl negativ furchteinflößend als auch positiv achtungsgebietend. Das Heilige kann von den Anhängern einer Religion entweder reformerisch und revolutionär ausgelegt werden. In letzterem Fall kann die Religion ein offenes und selbstkritisches System sein, das nicht dazu neigt, sich selbst mit Gewalt durchzusetzen, 304 Münkler bezeichnet diese Bezugsgruppe auch als den „interessierten Dritten“ in seiner Darlegung des Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Vgl. Münkler 2001. 305 Vgl. Begin 1981, S. 39 ff; Rapoport 2004, S. 54; Malthaner 2005, S. 93 f. 306 Vgl. Calvert 1997, S. 147. 307 Die religiöse Wave ist eine der Phasen der „Wave-Theorie“ von David C. Rapoport. Dieser beschreibt die Entwicklung des Terrorismus in einem Zeitraum vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute in vier Phasen. Vgl. Rapoport 2004. 308 Vgl. Rapoport 2004, S. 61. 82 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung sondern tolerant und friedlich ist. Die gilt für den Großteil der praktizierten Religionen. Es gibt jedoch auch konservativere, reaktionäre Auslegungen des „Heiligen“, die intolerant gegenüber allem sind, was anders ist und nicht den starren religiösen Vorschriften entspricht. In diesem Fall der speziellen Auslegung wird die Religion fundamentalisiert und zu einer religiösen Ideologie gemacht.309 Deshalb bezieht sich die Definition nicht auf die Religion an sich als Ideologie, sondern nur auf ihre fundamentalistische Auslegung. Die jeweiligen Inhalte sind so zahlreich, wie die verschiedenen Religionen, religiösen Ausprägungen und Sekten310, die es auf der Welt gibt. Diese wichtigsten Elemente fundamentalistischer Religionen hat Mathias Hildebrand in folgender Weise zusammengefasst: Im Fundamentalismus werden die ursprünglichen Inhalte der Religionen auf die aktuelle Zeit interpretiert, mit der Annahme dass diese Interpretation die einzig wahre ist, daher werden auch weder Zugeständnisse noch moderate Kräfte akzeptiert. Eine Einteilung in Gut und Böse, gekoppelt mit einem apokalyptisch-messianischen Weltbild und der Entmenschlichung des Feindes, ist hierfür die Grundlage. Sie führen in ihrer Konsequenz zu einer besonders hohen Gewaltbereitschaft. Weder Zivilisten noch das eigenen Leben werden in dieser Logik über die Vernichtung des eigentlichen „Feindes“ gestellt. Das Ziel ist es, das Böse ohne Kompromisse und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen, um danach ein Reich für alle Anhänger zu schaffen, das ausschließlich den Gesetzen und der Herrschaft Gottes in Form einer Theokratie folgt. Fundamentalistische Religionen erheben vor allem den Anspruch, für sämtliche Lebensbereich Geltung zu besitzen.311 Die fundamentalistische Religion als Ideologie für terroristische Organisationen gibt es verstärkt aber nicht erst seit Ende der 70er Jahre in Form des islamistischen Terrorismus, wie es das Konzept des modernen Terrorismus von David C. Rapoport darlegt.312 Die Sikarier, die Thugs und die Assasinen313 sind bis heute die ältesten Beispiele für religiöse terroristische Organisationen. Bei allen drei Organisationen handelt es sich um religiöse terroristische Organisationen aus den verschiedensten Religionen, die über eine lange Zeit viele Opfer forderten und es schafften in einer Weise auf sich aufmerksam zu machen, dass bis heute von ihnen berichtet wird: die Sikarier als jüdische, die Thugs als hinduistische und die Assassinen als schiitische terroristische Organisation. David C. Rapoport geht sogar so weit zu behaupten, dass die Religion als Ideologie vor der Zeit des modernen Terrorismus die einzige war, 309 Vgl. Hildebrandt 2007, S. 3 ff. 310 Diese werden aus Vereinfachungsgründen im Folgenden alle als “Religionen” bezeichnet. 311 Vgl. Hildebrandt 2007, S. 5 f. 312 Vgl. Rapoport 2004. 313 Siehe Näheres hierzu: Rapoport 1984; Zu Zealoten: Hengel 1976; Zu Assassinen: Lewis 1989. 83 Bereiche des terroristischen Verhaltens die Organisationen dazu verleitete zu terroristischen Mitteln zu greifen: „Before the nineteenth century, religion provided the only acceptable justification for terror …“.314 3.4.4.5 Primär- und Sekundärideologien Je nach Autor schwankt die Zuordnung der einzelnen terroristischen Organisationen zu einer Ideologie, vor allem aber bei Organisationen, die in Zusammenhang mit nationalistisch-separatistischen Ideologien bzw. territorialen Zielen stehen. Walter Laqueur weist darauf hin, dass vor allem die Kombination aus nationalistisch-separatistischer und links-sozialrevolutionärer Ideologie wohl hauptsächlich ein Zugeständnis eigentlich nationalistisch-separatistischer terroristischer Organisationen an den marxistisch-lenistischen Zeitgeist der 60er und 70er Jahre war.315 Alexander Straßner beschreibt die Verknüpfung mit einer links-sozialrevolutionäre Ideologie „… als integratives Zubrot zu ausnahmslos ethnisch motivierten Zielsetzungen“316, ähnlich wie die Adaption einer nationalistisch-separatistischen Ideologie als integrierendes Element bei rechts-konservativen terroristischen Organisationen. Rechts-konservative terroristische Organisationen nutzen nationalistische Ideologien zur Unterstützung ihrer eigenen schwachen Ideologie und zur Verschleierung ihrer wahren Motive.317 Diese terroristischen Organisationen werden in der Untersuchung der rechts-konservativen Ideologie zugeordnet. Im umgekehrten Fall bedienen sich einige terroristische Organisationen anderer Ideologien, wie z. B. der Religion, haben ihre Kernideologie aber in ihrer nationalistisch-separatistischen Identität.318 Die Religion kann zur Bildung sozialer kollektiver Identitäten und zur Sakralisierung der eigenen Volksgruppe beitragen und somit die nationalistisch-separatistischen terroristischen Organisationen weiter radikalisieren. Dies kann auch nur Teile der Organisation oder ihrer Anhänger betreffen bzw. nur einen Teil religiöser Bezugsgruppen, wie beim Verhältnis zwischen der IRA und der katholischen Bevölkerung.319 Einige rechts-konservative terroristische Organisationen bedienen sich neben rechter- rassistischer nicht nur nationalistischer, sondern auch religiöser Ideologien. Eine Erklärung könnte sein, dass in rechts-konservativen terroristischen Organisationen Fremdenfeindlichkeit und Xenophobie zu den Kernelementen gehören. Diese Logik des rechts-konservativen Terrorismus baut somit auf einer Unterscheidung 314 Rapoport 1984, S. 659. 315 Vgl. Laqueur 2001, S. 63. 316 Straßner 2008, S. 20. 317 Vgl. Poland 2005, S. 47. 318 Vgl. Hoffman 2006, S. 138. 319 Vgl. Malthaner 2005, S. 97; Martin 2006, S. 159; Hildebrandt 2007, S. 9. 84 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung in „Wir“ und „die Anderen“ auf, wobei „die Anderen“ eine Bedrohung für die eigene Gruppe darstellen. Diese Angst wird nur durch die weniger emotionalen und biologischen Argumentationsstrukturen des Sozialdarwinismus und der Rassentheorie untermauert. Diese reichen jedoch nicht aus, den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft in einem Maße zu stärken, dass sich auf Dauer eine handlungsfähige Organisation formiert und neue Mitglieder rekrutiert werden. Aufgrund des schwachen ideologischen Unterbaus nutzen sie die Kraft des Zusammengehörigkeitsgefühls und die emotionale Logik einer Nation oder einer Religionsgemeinschaft, um den Zusammenhalt in der eigenen Gruppe zu stärken und sich noch weiter abzugrenzen, aber auch um die eigentlichen Motive nach außen zu verschleiern.320 Es gibt jedoch ein Moment, das religiöse terroristische Organisationen und rechtskonservative terroristische Organisationen, die die Religion nur als ideologische Hilfe nutzen, voneinander unterscheidet: Dem Ungläubigen oder Andersgläubigen bleibt die Möglichkeit der Bekehrung, er kann sich dem Terror entziehen, indem er sich dem Gauben, den die terroristische Organisation verteidigt, anschließt. Diese Möglichkeit bleibt „den Anderen“ in der rechts-rassistischen Logik nicht. Die eigene Herkunft bleibt die gesamte Existenz bestehen und kann nicht gewechselt werden, sie ist somit exklusiver als eine Religionszugehörigkeit. Die terroristische Organisation Covent Sword and the Army of the Lord (CSA) sahen sich selbst als „God’s People“ und propagierten den christlichen Glauben. Allerdings zählten zu dem christlichen Volk, das sie ansprachen und für das sie kämpften, keine schwarzen Christen. In diesem Fall diente der Glauben nur als Mittel zur Umsetzung der rassistischen Ziele und zur Unterstützung traditioneller Werte.321 Religiöse terroristische Organisationen haben natürlich auch weltlich politische Ziele, Anliegen und Konflikte, die auf die religiöse Ideologie treffen. Wie in den bereits in den vorangegangen Abschnitte erläutert, kommt es häufig vor, dass sich religiöse und rechts-konservative oder religiöse und nationalistisch-separatistische Einstellungen und Ziele vermischen und es nicht sofort eindeutig erscheint, welche Ideologie die grundlegende der Organisationen ist. Die Hamas und die Hezbollah werden in der Terrorist Organisation Profiles Datenbank (TOPs) sowohl als nationalistisch-separatistische als auch als religiöse terroristische Organisationen kategorisiert. Seth G. Jones und Martin C. Libicki dagegen, ordnen die Hamas als eine nationalistisch-separatistische terroristische Organisation ein, die Hezbollah dagegen als eine religiöse.322 Bruce Hoffman dagegen, kategorisiert die Hamas eindeu- 320 Vgl. Poland 2005, S. 47. 321 Vgl. National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) 2014 b. 322 Vgl. Jones/Libicki 2008, S. 59–160; National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) 2014 c/d. 85 Bereiche des terroristischen Verhaltens tig als religiöse terroristische Organisation und begründet dies unter anderem mit der weitgefassten Feindefinition.323 Dagegen lässt sich argumentieren, dass sich das Hauptanliegen der Hamas darauf bezieht, aus Israel, dem Westjordanland und dem Gazastreifen einen palästinensischen Staat zu errichten. Ihr Aktionsraum beschränkt sich weitgehen auf dieses Gebiet und auch ihr direkter Feind ist ein spezifischer: das jüdische Volk. Stereotype Feindbilder der islamischen Welt, wie z. B. die USA, waren nie direkte Ziele der Hamas.324 Dennoch steht die religiöse Ideologie stark im Vordergrund, da die Hamas von einem religiösen Konflikt zwischen Judentum und Islam spricht und nicht von einem staatlichen zwischen Palästina und Israel, und im Gegensatz zur Palestine Liberation Organization (PLO) Verhandlungen mit Israel kompromisslos ablehnend gegenübersteht.325 Diese Art von enger Verzahnung von Religion, Kultur und Territorium findet sich bei einigen terroristischen Organisationen wieder, da die Religion häufig Teil der ethnischen oder nationalen Identität ist. Natürliche Überschneidungen ergeben sich, wenn die geographischen Grenzen der nationalen Minderheit, die die terroristische Organisation als ihre Bezugsgruppe sieht, den Grenzen einer Religion entsprechen, wie in Israel und Palästina oder auch in Kaschmir und Punjab. In den meisten Fällen wird eine weitere Ideologie jedoch genutzt, um die kollektive Identitätsbildung und das Wir-Gefühl zu stärken, wie zum Beispiel bei der IRA, bei der die Religion nur die sekundäre Ideologie ist und die nationalistisch-separatistische die eigentliche primäre.326 Die Verknüpfung mit anderen Ideologien hängt auch vom Kontext des jeweiligen Landes ab, aus dem die terroristische Organisation kommt und operiert. So ist der Anteil der rechts-religiösen terroristischen Organisationen in den USA besonders hoch und der Anteil rechts-nationalistischen terroristischen Organisationen in Europa und Südamerika. In Ländern mit linken Regierungen oder aktiven linkssozialrevolutionären terroristischen Organisationen finden sich häufig reine rechtskonservative terroristische Organisationen, die diesen stürzen wollen, wie die Contras in Nicaragua oder die Argentine Anti-Communist Alliance (Tripple A), die in den 70er Jahren in Argentinien links-radikale Kräfte angriff. 323 Vgl. Hoffman 2006, S. 154. 324 Von 397 verübten Anschlägen durch die Hamas seit 1989 fand ein Anschlag außerhalb Israels und Palästina statt und in 20 Fällen wurden Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft Opfer von Anschlägen innerhalb von Israel und Palästina. Vgl. National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) 2015 a. 325 Vgl. United States Department of State 2013, S. 255 f; National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) 2014 c. 326 Vgl. Hoffman 2006, S. 138; Martin 2006, S. 185 ff. 86 Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung 3.5 Zusammenfassung: Kapitel 3. Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung Das Kapitel 3. Terrorismus als rationale Entscheidungsfindung stellt als erstes theoretisches Kapitel die Grundlage dar, die zum weiteren Verständnis der Untersuchung zum Neuen Terrorismus benötigt wird. Zunächst wurde festgelegt, was unter dem Begriff Terrorismus zu verstehen ist. Neben der Abgrenzung terroristischer Organisationen von „Guerillaorganisationen“ und „paramilitärischen Organisationen“ wurde Terrorismus für die folgende Untersuchung definiert als: „Kalkulierter Einsatz ungesetzlicher und medial inszenierter, symbolischer Gewalt oder die Androhung dieser Gewalt zur Verbreitung von Angst durch substaatliche Akteure. Dies geschieht in der Absicht, Regierungen und Bevölkerung einzuschüchtern oder zu nötigen und eine Botschaft zu verbreiten, um politische Ziele zu erreichen.“ Des Weiteren wurde ausgeführt, wer die Akteure der Untersuchung sind und mit welchem Erklärungsmodell das Handeln dieser Akteure beschrieben werden kann, um einen theoretischen Ansatz zu entwickeln und die Ergebnisse der Untersuchung auf Grundlage nachvollziehbarer Regeln und Annahmen interpretieren zu können. Hierzu wurde die terroristische Organisation als kollektiver Akteur in Sinne einer klassischen Organisation beschrieben. Als Verhaltensmodell wurde der nicht-psychologische instrumentelle Ansatz des rationalen Handelns gewählt. Eine Kosten- Nutzen-Abwägung, die Bildung kollektiver Identitäten und die Beeinflussung durch externe Faktoren beim Verhalten und der Entscheidungsfindung terroristischer Organisationen wurden hierbei die wichtigsten Annahmen formuliert. Als zentrale Funktion der Rational Choice Theorie wurde die Messbarkeit von Abweichungen des Standard-Verhaltens terroristischer Organisationen herausgestellt. Diese wird im Folgenden für die Untersuchung benötigt, da davon ausgegangen wird, dass die Organisationen des Neuen Terrorismus sich anders verhalten als die Organisationen des Alten Terrorismus und dies messbar mit Veränderungen der exogenen Bedingungen zusammenhängt. Im letzten Teil dieses Kapitels wurden das Verhalten und die Entscheidungsfindung terroristischer Organisationen in die Bereiche Strategien, Ziele, Struktur und Ideologie gegliedert. Diese Gliederung dient als systematische Struktur, an der sich die weitere Untersuchung zu den Eigenschaften des Neuen Terrorismus orientiert. Der Bereich der Strategien wurde weiter unterteilt in Taktiken, Mittel und Angriffsziele. Bei den Taktiken wurden die Taktiken des Costly Signaling (Zermürbung, Einschüchterung, Provokation, Störung, Ausreizung) aber auch Heroisierung und Kommunikation näher ausgeführt. Bei den Mittel standen Waffen, Selbstmordattentäter, Entführungen, Geiselnahmen, sonstige Mitteln der Gewaltanwendung, aber 87 Zusammenfassung: Kapitel 3 auch Dokumentationen wie Handbücher, Bekennerschreiben und Internetauftritte im Mittelpunkt. Die Angriffsziele wurden in personelle und materielle Angriffsziele unterschieden, deren Auswahl abhängig vom Propagandawert und der Symbolik zur Verbreitung unterschiedliche Botschaften beiträgt. Der zweite Bereich befasste sich mit den Zielen der terroristischen Organisationen. Neben den zwei universellen Zielen, Anhänger gewinnen und den Feind bezwingen, wurden als Hauptzielen der Regimewechsel, der territoriale Wechsel, der Policy Wandel, die soziale Revolution und die Errichtung eines Empires identifiziert. Zu den Zwischenzielen wurden die Herstellung der Öffentlichkeit, Anerkennung und Sympathie für die Organisation, die Gewinnung von Ressourcen, Mitgliedern und Anhängern gezählt. Beim dritten Bereich, der Struktur terroristischer Organisationen, wurden vor allem die Kommunikationswege innerhalb und zwischen den Organisationen dargestellt, welche von hierarchischen Systemen bis zu dezentralisierten Netzwerken reichen. Hierbei wurde auf die Schwierigkeit verwiesen, zwischen einzelner Organisation und einem Netzwerk zu unterscheiden. Zur externen Struktur wurden die Verbindungen zu Staaten und anderen legalen und illegalen Organisationen gezählt, die zur Ressourcengewinnung beitragen. Auch unterschiedliche Formen der Beteiligung an legalen und illegalen Geschäften wurden hierzu aufgeführt. Daneben wurden nationale, internationale und transnationale Aktionsbereiche der terroristischen Organisationen abhängig vom Ort des Anschlags, der Nationalität des Opfers, der Nationalität der Täter und der Ausbreitung der Konsequenzen mit zur externen Struktur gezählt. Der letzte Bereich befasste sich mit der Ideologie der terroristischen Organisationen. Diese wurde definiert als Glaubenssystem bzw. Weltanschauung mit spezifischen Denkmustern und verfestigten moralischen und normativen Komponenten, die universelle Geltung für sich beansprucht und zur Komplexitätsreduktion neigt. Die zentrale Erkenntnis war hierbei, dass es einer Ideologie aufgrund der tiefen Verankerung in moralische und normative Werte und aufgrund der Annahme der Unfehlbarkeit (fast) unmöglich ist, sich Veränderungen in der Umwelt anzupassen. Jedoch wurde es als möglich beschrieben, dass eine terroristische Organisation gleichzeitig eine Primär- und eine Sekundärideologie besitzt. Für die Untersuchung wurde die Unterteilung auf links-sozialrevolutionäre, rechts-konservative, nationalistisch-separatistische und religiöse Ideologien beschränkt.

Chapter Preview

References

Abstract

Using a qualitative study, in which she evaluates 142,000 terrorist attacks, the author of this book, Julia Klein, investigates the existence of the research paradigm ‘new terrorism’. She delves into the media, political and academic discourse on this subject and identifies changes in behaviour among terrorist organisations. Her evaluation of the volume of data on terrorist attacks verifies whether a new form of terrorism has existed since the beginning of the 1990s. This also reveals the influence of certain individuals on the debate, and the author is able to demonstrate that, above all, the importance of religion in providing terrorists with an ideological incentive to perpetrate their attacks has been overestimated.

Zusammenfassung

Mittels einer quantitativen Studie, in der die Autorin 142.000 terroristische Anschläge auswertet, untersucht Julia Klein die Existenz des Forschungsparadigmas „Neuer Terrorismus“. Die Autorin arbeitet den medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs auf und fokussiert Verhaltensänderungen terroristischer Organisationen. Die Auswertung der umfangreichen Datenmenge terroristischer Anschläge verifiziert, ob seit Anfang der 90er-Jahre tatsächlich ein „Neuer Terrorismus“ existiert. Dabei kristallisiert sich der Einfluss einzelner Akteure auf den Diskurs heraus und es zeigt sich, dass vor allem die Bedeutung der Religion als ideologischer Treiber überschätzt wird.