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Postscriptum in:

Julia Klein

Neuer Terrorismus – Reale Bedrohung oder konstruiertes Forschungsparadigma?, page 313 - 314

Eine empirische Studie über Veränderungen im Verhalten terroristischer Organisationen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4512-1, ISBN online: 978-3-8288-7551-7, https://doi.org/10.5771/9783828875517-313

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 95

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
313 Postscriptum Die Grundlage meiner Untersuchung bildete die Global Terrorism Database des National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism. Dieses Forschungs- und Bildungszentrum, das sich mit den Gründen und Auswirkungen des Terrorismus beschäftigt, hat seinen Sitz an der University of Maryland und wird von dem Kriminologen Prof. Dr. Gary LaFree geleitet. Die Global Terrorism Database bietet eine außergewöhnlich große Anzahl an erfassten terroristischen Anschlägen und Informationen zu diesen Anschlägen. In der aktuellsten Version vom September 2019 sind bereits über 190.000 terroristische Anschläge in der Datenbank enthalten. Zur Untersuchung meiner Fragestellung nach der Existenz des „Neuen Terrorism“ habe ich 142.714 Anschläge der Datenbank aus einem Zeitraum von 1970 bis 2014 untersucht. Die Auswertung und die zusätzliche eigene Erhebung der Ideologien der terroristischen Organisationen, die auf den Daten der Global Terrorism Database 2014 basieren, waren bereits abgeschlossen, bevor im Sommer 2016 die Daten für das Jahr 2015 durch das National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism veröffentlicht wurden. Da eine erneute Erhebung und Auswertung der Daten nicht mit der regelmäßigen Aktualisierung der Datenbank hätte Schritt halten können, beschränkt sich die Untersuchung auf diesem Zeitraum. Meine eigene Erhebung der Variablen „Ideologie“, die die ideologische Ausrichtung der terroristischen Organisationen wiedergibt, war ein notwendiger Arbeitsschritt zur Beantwortung der Fragestellung. Über zwei Jahre hinweg habe ich Daten zu 364 ausgewählten terroristischen Organisationen der Datenbank zusammengetragen und ausgewertet. Einige der Online-Quellen sind in der Zwischenzeit leider nicht mehr abrufbar. Alle Dokumente aus den über 400 verschiedenen Quellen, darunter auch die Profile der inzwischen eingestellten Terrorist Organizational Profils Datenbank, wurden jedoch lokal abgespeichert und gesichert. Im Mai 2018 beendete das U. S. Department of State nach sechs Jahren die Zusammenarbeit mit dem National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism, wodurch die Weiterführung der Global Terorrism Database zwischen- 314 Postscriptum zeitlich in Frage stand. Bis dahin hatte das Institut mit den Daten der Global Terrorism Database den jährlichen Country Reports on Terorrism für die Behörde erstellt. Der Auftrag ging 2018 an ein anderes Unternehmen, das einen geringfügig niedrigeren Preis für die Datenerhebung verlangte. Nicht zuletzt das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland hat im Oktober 2018 mit einer kurzfristigen Finanzierung von knapp 770.0000 US-Dollar die Fortführung der Datenbank gesichert. Inzwischen sind viele weitere Geldgeber hinzugekommen, womit die Fortführung der Datenbank bis auf weiteres gesichert ist. Seit Fertigstellung dieser Dissertation im April 2019 hat sich die Wahrnehmung der terroristischen Bedrohungslage in Deutschland verändert. Neun Jahre nach der Aufdeckung der Anschläge des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) haben sich drei terroristische Anschläge ereignet, die den Fokus der Öffentlichkeit und Ermittlungsbehörden von dem bis dahin omnipräsenten islamistischen Terrorismus ablenkten: Im Juni 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf seiner Terrasse erschossen. Wenige Monate darauf im Oktober 2019 am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte ein schwerbewaffneter Mann eine Synagoge in Halle zu stürmen. Er wollte die in der Synagoge zum Gebet versammelten Gläubigen hinrichten, was ihm jedoch zum Glück nicht gelang. Auf seinem Weg erschoss er wahllos zwei Passanten. Der jüngste Anschlag im Februar 2020, bei dem elf Menschen mit Migrationshintergrund in zwei Shisha-Bars erschossen wurden, ereignete sich in Hanau. Alle drei Anschläge wurden von Attentätern mit einer rechten Ideologie verübt. Auch wenn es sich hierbei um „nur“ drei terroristische Anschläge der über 190.000 Anschläge der letzten Jahrzehnte handelt, haben diese durch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit motivierten Taten die Bundesrepublik Deutschland dauerhaft verändert. Ob diese Anschläge auch den Fokus der Ermittlungsbehörden langfristig verändern werden, wird sich jedoch erst noch zeigen. April 2020 Julia Klein

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References

Abstract

Using a qualitative study, in which she evaluates 142,000 terrorist attacks, the author of this book, Julia Klein, investigates the existence of the research paradigm ‘new terrorism’. She delves into the media, political and academic discourse on this subject and identifies changes in behaviour among terrorist organisations. Her evaluation of the volume of data on terrorist attacks verifies whether a new form of terrorism has existed since the beginning of the 1990s. This also reveals the influence of certain individuals on the debate, and the author is able to demonstrate that, above all, the importance of religion in providing terrorists with an ideological incentive to perpetrate their attacks has been overestimated.

Zusammenfassung

Mittels einer quantitativen Studie, in der die Autorin 142.000 terroristische Anschläge auswertet, untersucht Julia Klein die Existenz des Forschungsparadigmas „Neuer Terrorismus“. Die Autorin arbeitet den medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs auf und fokussiert Verhaltensänderungen terroristischer Organisationen. Die Auswertung der umfangreichen Datenmenge terroristischer Anschläge verifiziert, ob seit Anfang der 90er-Jahre tatsächlich ein „Neuer Terrorismus“ existiert. Dabei kristallisiert sich der Einfluss einzelner Akteure auf den Diskurs heraus und es zeigt sich, dass vor allem die Bedeutung der Religion als ideologischer Treiber überschätzt wird.