XII. Drei Ökonomen, die meine Arbeit stark beeinflussten in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 79 - 84

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-79

Tectum, Baden-Baden
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79 XII. Drei Ökonomen, die meine Arbeit stark beeinflussten Von den Ökonomen, die auf meine Arbeit besonders großen Einfluss hatten, möchte ich drei hervorheben: John Maynard Keynes, Milton Friedman und Ronald H. Coase. Zu betonen ist, dass Volkswirtschaftslehre per se erheblich mehr große Gelehrte hervorgebracht hat, darunter vor allem F.A. Hayek (1960/1983) als Verteidiger der Freiheit.122 Es folgt eine kurze Charakterisierung der drei von mir genannten Persönlichkeiten mitsamt Lektüreempfehlungen. (1.) John Maynard Keynes war ein ausgezeichneter Formulierer und schrieb mit der Respektlosigkeit des stolzen Cambridge-Absolventen. Um ihn „in voller Fahrt“ zu erleben, lese man sein Buch über die Versailler Friedensverhandlungen, an denen er als Vertreter des Schatzkanzlers im Obersten Wirtschaftsrat teilhatte, mit der Vollmacht, Entscheidungen zu treffen. „Als klar wurde, dass keine Hoffnung auf grundlegende Änderungen der Friedensbedingungen mehr gehegt werden konnte, ersuchte er um Entlassung.“123 Er publizierte alsbald sein Buch The Economic Consequences of the Peace, New York: Harcourt, Brace 1920, von dem inzwischen eine neue deutsche Übersetzung existiert (J.M. Keynes, Krieg und Frieden ‒ Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles, 2014 ‒ [mit Belehrungen des Übersetzers ad usum Delphini]). Sehr lesenswert 122 Vgl. dazu Horn (2013). 123 Robinson (1956), 20. 80 sind die biografischen Essays von Keynes, seine Mahnworte zur Wirtschaftspolitik und seine Beiträge zur Politik, deren deutsche Übersetzung erschienen ist in E. Rosenbaum, Politik und Wirtschaft, Männer und Probleme. Ausgewählte Abhandlungen von John Maynard Keynes, Tübingen: Mohr Siebeck 1956. Keynes’ entscheidender Beitrag zur Ökonomik ist bekanntlich The General Theory of Employment Interest and Money, London: Macmillan 1936. Es gibt eine gut lesbare deutsche Neuübersetzung von Nicola Liebert, John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin: Duncker & Humblot 2017. In diesem Werk versucht Keynes den Nachweis zu erbringen, dass der Marktmechanismus nicht in der Lage sein muss, Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt (Arbeitslosigkeit) zu beseitigen. Als Studenten quälten wir uns durch den englischen und den deutschen Text des viel zitierten und selten verstandenen Buches, dessen tieferen Sinn wir wie die meisten anderen erst nach Erscheinen des Artikels von J.R. Hicks (1937) verstanden. Das Buch enthält etliche treffende Formulierungen, und zwar – seinem polemischen Instinkt entsprechend – immer dann, wenn Keynes zum Angriff ausholte. Hierzu ein Beispiel aus seinen Schlussbetrachtungen zur Allgemeinen Theorie: „Die Welt wird in der Tat durch nicht viel anderes beherrscht. Praktiker, die sich ganz frei von allen intellektuellen Einflüssen wähnen, sind zumeist Sklaven irgendeines längst verstorbenen Ökonomen. Verrückte an der Macht, die von irgendwoher Stimmen hören, destillieren ihren wilden Wahnsinn aus dem, was ein akademischer Schreiberling vor einigen Jahren zu Papier brachte.“ (Englisch S. 383, deutsch S. 316) 81 (2.) Milton Friedman schrieb anders als Keynes – einen nüchternen, unprätentiösen Stil, wie ein Geschäftsmann, von langweiliger Klarheit. Keine gepfefferten Polemiken, keine Arroganz, keine persönlichen Attacken, keine frechen Metaphern. Auch keine geflügelten Worte, allenfalls ein nüchternes: „There’s no such thing as a free lunch!“ In den 50er Jahren wurde Friedman in Deutschland bekannt durch seinen Artikel „The Case for Flexible Exchange Rates“ von 1953, den Egon Sohmen nach Deutschland brachte und damit eine deutsche Debatte auslöste. Der Artikel ist abgedruckt in Friedmans Essays in positive Economics, Chicago: University of Chicago Press, 157–203. Eine sehr klare Darstellung seiner poltisch-ökonomischen Grundhaltung enthält sein Buch Capitalism and Freedom, Chicago 1962, 1982; die deutsche Übersetzung heißt Kapitalismus und Freiheit, Frankfurt a. M.: Eichhorn Verlag 2002. Ein sehr persönliches, sehr liebenswürdiges Bild von ihm und seiner Frau geben die Memoiren des Ehepaars Milton und Rose D. Friedman, Two Lucky People, Chicago/London: The University of Chicago Press 1998. Nach seiner Emeritierung ging Friedman nach Kalifornien an die Hoover Institution, ein konservativer „Think Tank“ an der Stanford University. Dort lernte ich ihn, seine Frau und seinen Schwager Aron Director in den 1980er Jahren kennen. Er war, was Tatkraft, Temperament und geistige Agilität angeht ein jung gebliebener Mann. Charakteristisch für sein Arbeitsethos war: Am Tag nach seinem Tod erschien auf einer Seite des Wall Street Journal links die Spalte mit seinem Nachruf, rechts die Spalte mit seinem letzten, von ihm verfassten Op-Ed., das er noch in der Klinik, kurz vor seinem Tode geschrieben hatte. 82 (3.) Ronald H. Coase war ein sehr besonnen redender und schreibender Ökonom. Auf Konferenzen angegriffen verstand er es, sich in ruhigen, druckreifen Sätzen zu verteidigen (vgl. zum Beispiel Coase 1993, 96‒98). Er hatte zuerst an der University of London, dann an der University of Chicago studiert, wo er bei Frank Knight und Jacob Viner hörte; 1964 wurde er an die University of Chicago berufen und im gleichen Jahr Herausgeber des Journal of Law and Economics. Auch im Alter verfolgte er die Weltereignisse mit unvermindertem Interesse. Noch kurz vor seinem 100. Geburtstag begann er, ein Buch über den Aufstieg der Volkswirtschaften von China und Vietnam zu schreiben. Er starb am 2. September 2013 in Chicago. Zu seinen herausragenden Leistungen gehört die Erkenntnis der Bedeutung der Transaktionskosten. Das sind die Kosten der Errichtung institutioneller Arrangements – wie komplexer Kaufverträge oder ganzer Unternehmungen. Sie sind der Grund, so Coase, warum in einer Marktwirtschaft nicht alle Transaktionen über Märkte erfolgen, sondern zum Teil auch in zentral gesteuerten Einrichtungen wie Unternehmungen oder Haushalten. Darüber hinaus zeigte er, dass das landläufige Gegenargument gegen die Theorie des totalen Konkurrenzgleichgewichts, sie missachte das Problem externer Effekte, nicht zutrifft.124 Er zeigte, dass es sich für die Einzelnen lohnt, bei den im neoklassischen Modell angenommenen null Transaktionskosten, so lange zu verhandeln, bis alle Pareto-Ineffizienzen beseitigt sind.125 Der von Coase angestoßene Denkstil führte im Übrigen zu der Einsicht, dass die zahlreichen unterschiedlichen Vertragsformen effizi- 124 Die Beeinträchtigung z. B. des Flussfischers durch die Abwässer einer flussaufwärts liegenden Färberei. 125 Sehr schöne Schilderung des Problems von George Stigler (1988). 83 enzbedingte Gründe haben können und keine wettbewerbsbeschränkenden Manöver sein müssen. Das Konzept unvollständiger Verträge wurde als Hilfsmittel gegen unvollständige Voraussicht erkannt (Williamson 1998). Ein neuer Denkstil entwickelte sich: die von Oliver E. Williamson (1975, 1) so bezeichnete „Neue Institutionenökonomik“ (Überblick: Richter und Furubotn 2010). Zum Schluss nochmals meine eingangs gestellter Frage: Was ist Volkswirtschaftslehre (economics)? 126 Lionel Robbins (1932, p. 16) antwortete lakonisch: „Economics is the science which studies human behaviour as a relationship between ends and scarce means which have alternative uses.“127 Aber ist das wirklich alles? 126 Das Fach „Nationalökonomie, insbesondere Wirtschaftstheorie“ vertrat ich als Hochschullehrer zuerst an der Universität Frankfurt a. M. von 1953 bis 1960, dann als außerplanmäßiger Professor von 61 bis 64, danach als Ordinarius an der Universität Kiel und schließlich 30 weitere Jahre an der Universität des Saarlandes. Seit dem 1.10.1994 bin ich Emeritus. 127 Robbins (1952), 16, Fn. 1 unter Bezugnahme auf Menger, Mises, Fetter, Strigl und Mayer.

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Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.