XI. Individualismus versus Kollektivismus in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 71 - 78

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-71

Tectum, Baden-Baden
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71 XI. Individualismus versus Kollektivismus Wirtschaftstheorie ist der erklärende Teil der Wirtschaftswissenschaft – einer Realwissenschaft, die nach meinem liberalen Verständnis107 die Verfügung der Einzelnen einer freien Gesellschaft über knappe Güter und deren Tausch über freie offene Märkte zum Gegenstand hat. Nach liberaler Auffassung steht das Wohl des Einzelnen im Zentrum – im Gegensatz zum Kollektivismus, in dem das Wohl der Gemeinschaft (der Arbeiterklasse, der Nation, des Staatenverbundes, der Weltgemeinschaft usw.) von zentraler Bedeutung ist und in dem sich eine Einheitsmeinung herausbildet – was Deutsche in der DDR und davor in der Hitlerzeit erleben konnten. Dagegen bemerkt J.St. Mill, dass die Menschheit nicht unfehlbar ist, weshalb die Einheitlichkeit ihrer Meinungen nicht wünschbar und Meinungsunterschiede nicht verwerflich, sondern gut sind „until mankind are much more capable than at present of recognizing all sides of the truth“ (Mill 1869, 43). Im Ergebnis denken die Ökologischen Bewegungen in Kollektiven. Die „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Behauptung, dass der CO2-Anstieg die Ursache der abschmelzenden Eisberge ist, wird zwar erdzeitgeschichtlich gestützt.108 Sie läuft aber Gefahr, dass 107 Eine die individuelle Freiheit und Selbstverantwortung betonende Gesellschaftskonzeption; ihre geistigen Wurzeln liegen in der durch die Aufklärung beeinflussten englischen und schottischen Moralphilosophie des 18. Jh. (u. a. Locke, Hume, Stewart, Smith). 108 Zur wissenschaftlichen Kritik vgl. Judith Curry [Scott Waldman, E&E News reporter]. Interessant auch das Interview von Sybille Adert u. a. M. mit Prof. Peter Strohmeier in: FAZ, 16.12.2019. 72 die Größe ihres öffentlichen Interesses eine selbstverstärkende Wirkung hat – was sie nicht unbedingt „wahrer“ macht. Unerwähnt bleibt, dass das Umweltproblem ein Spezialfall eines bekannten wirtschaftlichen Problems ist: des Problems frei zugänglicher, gemeinsam genutzter Ressourcen (vgl. Ostrom 1990; Richter und Furubotn 2003, 124109). Eine wirksame Kontrolle gemeinsam genutzter Ressourcen verlangt, den Zugang zu diesen Ressourcen einer Kontrolle zu unterwerfen.110 Im Falle der „ganzen Welt“ setzt das einen Weltstaat voraus, der per Rechtszwang die Nutzung der Ressourcen der Erde unter Kontrolle halten kann. Erst dann wäre der Handel mit Emissionsrechten auf freien Märkten (Bonus 1981) sinnvoll. Dann wäre zum Beispiel auch eine Politik der weltumfassenden Wiederaufforstung denkbar. Jedoch: Das sind Lösungen, die, wenn nicht einen Weltstaat, dann eine vertraglich begründete Welt- 109 Weiter dazu G. Hardin (1968), „The Tragedy of the Commons“, in: Science 162, 1243–1248. Richter (2015). 110 Siehe Elinor Ostroms „8 principles for how commons can be governed in a community“: „1. Define clear group boundaries. 2. Match rules governing use of common goods to local needs and conditions. 3. Ensure that those affected by the rules can participate in modifying the rules. 4. Make sure the rule-making rights of community members are respected by outside authorities. 5. Develop a system, carried out by community members, for monitoring members’ behavior. 6. Use graduated sanctions for rule violators. 7. Provide accessible, low-cost means for dispute resolution. 8. Build responsibility for governing the common resource in nested tiers from the lowest level up to the entire interconnected system.“ https://www.onthecommons.org/magazine/elinor-ostroms-8-principles-managing-commmons, 3.6.2020. 73 union verlangen, die weitreichende Eingriffsrechte in die Souveränität ihrer Mitgliedstaaten samt der erforderlichen physischen Macht hat, sie durchzusetzen. Hat sie die erforderliche Durchsetzungsmacht nicht, stellt sich die oben zitierte Frage von Milton Friedman (1953, 199) zur europäischen Währungsunion in neuem Gewande: „Why should a country do so when the failure of any other country to co-operate or to behave ‚properly‘ would destroy the whole structure and permit it to transmit its difficulties to its neighbors?“ Wie aber diszipliniert man ohne Machtapparat Mitgliedsstaaten, die aus der Reihe tanzen? Die Situation ist erheblich ernster als es die Vertragsbrüche von Mitgliedern der Europäischen Währungsunion sind. Moralische Appelle allein helfen allenfalls begrenzt – auch dann nicht, wenn sie mit dem vollen Register moderner Einflussnahmen auf die öffentliche Meinung unternommen werden.111 Die Bewegung „Fridays for Future“ mit der schwedischen Schülerin Greta Thunberg als Gallionsfigur illustriert das. Die ökologischen Bewegungen sind unterschwellig stark aggressiv: Sie bedienen sich des uns angeborenen Schutzinstinkts des Kinderlebens – vom Aufruf zu Geburtenstreiks112 (#birthstrikes)113 bis hin zu Schulstreiks unseres Nachwuchses. 111 Unter Zuhilfenahme moderner Instrumente der gezielten Beeinflussung öffentlicher Meinungsbildung wie „Astroturfing“, „Framing“ und der Einflussnahme auf das „Overton-Fenster“ (das „Einflussfenster“ nach Joseph P. Overton) – von den Gefahren biotechnischer Einflussnahmen (Harari 2015) ganz zu schweigen. 112 Frau Dr. Verena Brunschweiger (2019), die nicht Mutter werden will, denn Forscher hätten berechnet, „dass wir 58,6 Tonnen CO2 einsparen können, wenn wir nur ein Kind weniger in die Welt setzten.“ Aber wer zahlt dann unsere Rente? 113 NZZ, 13.8.2019. 74 Im Vergleich zu dem blutigen Kronstädter Matrosenaufstand von 1921 sind das zwar „liebenswürdig“ klingende, aber nicht minder wirksame Kampfmittel gegen den zum Hassobjekt stilisierten Liberalismus, die für ihre User den Vorteil haben, „aus der apokalyptischen Drohung den Honig der guten Tat und der erfolgreichen Geschäftsidee zu saugen [….] Wie man die Rettung der Welt als Riesengeschäft aufzieht, zeigt zum Beispiel die AG ‹We don’t have time› […],deren Werbefigur die Klimaaktivistin Greta war.“114 Was einmal der „Kapitalismus“ war – den gibt es in den meisten Staaten sowieso nicht mehr. Dagegen macht sich ein zunehmend brutaler Kollektivismus breit – ein „Ich bin nichts, meine Umwelt ist alles“ – und damit der Wunsch nach einem diktatorischen Staat.115 Er wird dank der Möglichkeiten der Artificial Intelligence zur Perfektion des totalen Überwachungsstaates führen, der schmerzhafter ist, als es die Sowjetunion, die DDR oder Hitler-Deutschland etc. waren. „‹Total› bedeutet dann wörtlich ‹total›. Es wird nicht nur eine Überwachung rund um die Uhr möglich sein, sie wird sich dann auch auf unser Fühlen und Denken erstrecken.“ (Y. N. Harari im Gespräch mit Claudia Mäder, in: NZZ, 24.7.2019) 114 Vgl. Norbert Bolz mit seiner Kritik an Greta als Medienphänomen, in: NZZ, 31.8.2019. 115 Wie nicht anders zu erwarten schreibt Anna Schneider (NZZ 8.11.2019). Von wegen nur Umweltschutz: In Wahrheit kämpfen die führenden deutschen Klimaaktivistinnen gegen Kapitalismus und Marktwirtschaft. Carola Rackete und Luisa Neubauer sind die bekanntesten Köpfe der deutschen Klimaschutzbewegung. Beide haben kürzlich Bücher zum Thema vorgelegt. Die Lektüre lohnt sich – vor allem für Eltern, deren Kinder demonstrieren. Wie radikal diese Autorinnen sind, dürfte den wenigsten bewusst sein. 75 Dennoch, die wissenschaftliche Frage nach der Zukunft der Menschheit ist so berechtigt wie es alle zweckfreien wissenschaftlichen Fragen sind. Das Problem dabei ist „nur“, den Reiz wissenschaftlicher Neugier und den der politischen Einflussnahme Einzelner auf unser Leben auseinanderzuhalten. Das ist ein Problem der Sozialwissenschaften schlechthin. Fazit des Ökonomen: Weder die wissenschaftlich begründete Prophezeiung von Thomas Robert Malthus (des bevorstehenden Hungertods der Menschheit) noch die wissenschaftlich begründete Prophezeiung der Marxisten (des bevorstehenden Zusammenbruchs des Kapitalismus)116 trafen ein. Wollen wir nun der dritten, wissenschaftlich begründeten Untergangs-Prognose der Umweltaktivisten Glauben schenken?117 Sollten wir nicht besser den Lehren unseres Faches vertrauen und darauf bauen, dass die Menschheit – dank ihrer Intelligenz und ihrer Fähigkeit, individuelle Entscheidungen durch Preiskonkurrenz und/oder demokratischen Stimmenwettkampf zu koordinieren – in der Lage sein wird, den CO2-Ausstoß auf wirtschaftlich rationalem Wege, zum Beispiel durch Verbilligung CO2-sparender Energie zu senken? Sollte es nicht sinnvoller sein, das viele Geld, das wir in die Entwicklung von Algorithmen der „KI“ pumpen – lieber in die Entwicklung von Algorithmen der künstlichen Photosynthese (von „KP“ sozusagen) zu investieren, die es ermöglichen würde, den CO2-Netto-Ausstoß unseres Lebensstils statt durch schwer kontrollierbare Zwangsmaßnahmen, durch die Kräfte des Marktes – die Verbilligung der Erzeugung von CO2- 116 Vgl. z. B. Henryk Grossmann (1929), Das Akkumulations- und Zusammenbruchs-Gesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig. 117 Vgl. Markus Schär, „Der Weltuntergang findet nicht statt“, in: NZZ, 6.1.2020, Rezension von A. McAfee (2019). 76 sparender Energie herbeizuführen? Der Economist (7.12.2019) behandelt diese Möglichkeit unter der Überschrift „Reverse gear“. Schwierigkeiten bereite weniger die technische Seite als vielmehr das Fehlen wirtschaftlicher Anreize, CO2 aus der Atmosphäre wieder „abzusaugen“. Wie auch immer: Zentraler Gegenstand der Ökonomik ist es zu zeigen, dass in einer liberalen Welt die Einzelnen zum Wohle aller in der Lage sind, sich dank ihrer wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Intelligenz, ihrer sozialen Einbettung und der schützenden Hand des Staates gegen ungewisse Ereignisse rational zu wappnen und zu wehren. Das schließt Geo-Engineering und „Klima-Adaption“ ein (The Economist, 30.5.2020). So schlägt zum Beispiel Björn Lomborg (Kopenhagen) vor, einfach „den Preis für grüne Energie durch Innovation zu verringern. Wenn sie wirtschaftlicher wird als Kohle und Öl, hätte keiner ein Problem damit zu wechseln.“ (NZZ, 4.10.2019). Dann würde allerdings das industriefeindliche Argument der Umweltaktivisten zusammenbrechen. Deshalb vielleicht auch die Gegnerschaft der „Grünen“ beim Thema Geo-Engineering (NZZ, 30.9.2019, 34).118 Wenn man von dem international schwer zu lösenden „Commons-Problem“ absieht (d. h. vom Problem der Beherrschung der Treibhausgase) ist bereits viel zum Schutze der Umwelt getan worden, und zwar sowohl hinsichtlich des Verbrauchs natürlicher Ressourcen als auch bezüglich der Umweltverschmutzung. McAfee (2019, 4) schildert diese Seite des Bildes enthusiastisch 118 Die Lausanner Hochschulen wenden sich einem „wirtschaftlich profitablem Klimaschutz“ zu – als Lehrprogramm für „Leader der nächsten Generation“. (NZZ, 19.12.2019). 77 in seinem Buch „More From Less“. Seine vier „Reiter des Optimismus“119 sind: (1) Kapitalismus, (2) technischer Fortschritt, (3) aufmerksame Öffentlichkeit und (4) schnell handelnde Regierungen. „The good news is that all four are at present advancing around the world. So, we don’t need to make radical changes; instead we need to do more of the good things we are already doing.“ Das Problem der Emission von Treibhausgasen – ein Commons-Problem (Ostrom 1992) – lösen die vier Reiter des Optimismus allerdings auch nicht. Sie tragen aber vielleicht dazu bei, das Problem im richtigen Licht zu sehen, d. h. als ein nur gemeinsam zu lösendes Problem. Das lauernde Problem der Anwendung brachialer Gewalt ist jedoch bei allem Optimismus von McAfee nicht zu übersehen. Tatsächlich sind die Problemstellungen der theoretischen Volkswirtschaftslehre zu eng gefasst. Unverzichtbar zum Verständnis der misslungenen Sowjet-Typ-Volkwirtschaften ist die historisch belegte innere Dynamik von Gewalt und sozialer Ordnung – wie sie von North, Wallis, Weingast (2009) behandelt wird – ein weit in die soziale Entwicklungsgeschichte der Menschheit hineinreichendes Problem. Es ist auch noch nach dem Ende des Kalten Krieges – trotz des wirtschaftlichen Zusammenbruchs sozialistischer Wirtschaften, ein zent- 119 Kap. 7 und 9. 78 rales Problem der Debatte zum Thema „Sozialismus oder Kapitalismus“. Im Gegenteil, Thomas Piketty (2014 und 2019) hat unter dem Aspekt der Verteilungsungerechtigkeit die kapitalistische Wirtschaftsordnung – ihre „Tyrannei des Privateigentums“120 – mit zwei „Big-Data“-Werken attackiert. Vertreter der theoretischen Volkswirtschaftslehre haben keine Wahl, als auf politikwissenschaftliche Untersuchungen zur Dynamik sozialer Prozesse zu achten. Studium vom Typ der Studie von D.C. North, J.J. Wallis und B.R. Weingast liefern ein Beispiel. Das neoklassische Modell vollständiger Konkurrenz setzt eine gegebene soziale Ordnung voraus. Die Kräfte, die unser soziales System treiben, werden von allein neoklassisch arbeitenden theoretischen Volkswirten außer Acht gelassen. Anmerkung: Diese Zeilen wurden während des „Corona-Lockdown“ geschrieben – in Luthers Worten einer Zeit des „wunderlich Krieg, da Tod und Leben rungen“121. Das ist eine Ausnahmesituation, in der kollektives Handeln im Sinne vorsichtiger Stückwerktechnik (Popper) zielführend sein kann – und es auch war (Horn 2020, 17). Problematisch ist allerdings die Rückkehr zum „business as usual“, die leider nicht so einfach und glatt funktioniert, wie das Erwachen des Königshofes aus seinem Dornröschen-Schlaf. Zur wirtschaftlichen Problemlage vgl. Daniel Streiter (2020). 120 Hervorhebung durch den Verfasser. 121 „Christ lag in Todesbanden“.

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References

Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.