X. Ist Volkswirtschaftslehre (economics) eine Naturwissenschaft wie Physik oder ist sie eine Sozialwissenschaft wie Geschichte oder Rechtswissenschaft? in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 65 - 70

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-65

Tectum, Baden-Baden
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65 X. Ist Volkswirtschaftslehre (economics) eine Naturwissenschaft wie Physik oder ist sie eine Sozialwissenschaft wie Geschichte oder Rechtswissenschaft?102 Im ersten Fall spielt „Geschichte“ (der historische Ablauf der Ereignisse) keine Rolle (North 2005, 19). Die auf die Newton’sche Himmelsmechanik zurückgehende Neoklassische Mikro- ökonomik gehört dazu, aber auch die auf die Thermodynamik zurückgehenden Ansätze von Georgescu-Roegen (1981) und ihre Weiterentwicklung als „Alternative Wirtschaftstheorie“ (Überblick bei Ebersoll 2006), die eine Verbindung herzustellen versucht zwischen der qualitativen Systemtheorie von N. Luhmann (1990, 1996) und der quantitativen Systemtheorie nach u. a. M. Lauster, K. Höher, D. Straub (1995) und M. Lauster (1997). Während die neoklassische Wirtschaftstheorie sich international durchgesetzt hat (was in Deutschland wegen des Methodenstreits lange dauerte), spielt die Alternative Wirtschaftstheorie eine Außenseiterrolle. Dazu nur so viel: Wir sollten froh sein, dass sich nach so vielen Jahren die hier skizzierte, inzwischen auch in Deutschland akzeptierte internationale Sprachregelung der Wirtschaftswissenschaft eingebürgert hat. Es handelt sich dabei um eine, für die Entwicklung unseres Faches wichtige Konvention, auf die wir 102 Ich folge dem Wikipedia-Artikel „Social Science“: https://en.wikipedia. org/wiki/Social_sciences. Dort werden Law und History zu den Sozialwissenschaften gerechnet. 66 Anfang der 50er Jahre in Deutschland noch sehnlichst gewartet haben. Schumpeter (1955, 6–11) hat sich mit der Frage „Is Economics a Science?“ in anderer –sehr lesenswerter – Weise auseinandergesetzt. Im zweiten Fall (Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft) ist dagegen Geschichte (der historische Ablauf der Ereignisse) von Bedeutung. Es gibt ‚echte Neuigkeiten‘ und damit ‚echte Ungewissheiten‘: Wir wissen nicht, was die Zukunft uns bringt (North 2005, 21). Es muss nochmals betont werden: Historische „Pfadabhängigkeiten“ im Sinne von „institutions and beliefs derived in the past influence present choices“ (ebd.) spielen eine Rolle.103 Hätte Schmoller (1883) mit Argumenten dieser Art auf die Kritik von Menger (1883) geantwortet, wäre uns der lange und fruchtlose deutsche Methodenstreit erspart geblieben (Richter 2015, Kap. 8).104 Volkwirtschaftslehre ist eben keine Naturwissenschaft. Ihr Forschungsgegenstand ist keine „ergodische“ Welt (North 2005, 19). Vielmehr wird unser Wirtschaftsleben gerade vom Auftreten echter Ungewissheiten charakterisiert (ebd., 21), siehe die gegenwärtige Pandemie.105 Anders ausgedrückt, Ökonomen (Geschäftsleute) befassen sich – wie Armeegeneräle oder führende Politiker – mit der Steuerung Einzelner in einer nicht-ergodischen Welt, in einer Welt, in der ihnen nicht nur die stochastischen Eigenschaften vieler Variablen unbekannt sind, sondern auch ein Teil der Variablen selbst (wir kennen die Krankheit „Covid–19“ selbst 103 Jedoch: Geschichte wiederholt sich nicht! (V. Reinhardt, in: NZZ, 9.8.2019). 104 Vgl. Richter (2018a). 105 D.C. North (2005), Understanding the Process of Economic Change, Princeton, NJ: Princeton University Press. 67 heute noch nicht richtig). Aus dem Grunde können sie sich auch nicht mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten weiterhelfen. North hebt in dem Zusammenhang die Bedeutung der Ideologie eines Volkes hervor. Darunter versteht er „die Rahmenbedingungen mentaler Modelle, die Gruppen von Individuen vereint und die ihnen sowohl eine Interpretation ihrer Umwelt liefern als auch Anweisungen dafür geben, wie ihre Umwelt zu ordnen ist.“ (Denzau und North 1994, 4). Wir werden an das oben aufgeführte Zitat von David Hume (2004, 479) erinnert: Der Mensch ist im Vergleich zur Tierwelt zu schlecht ausgerüstet, um sich alleine gegen die Ungewissheiten des Lebens behaupten zu können. Erst in Gesellschaft und bei Beachtung fundamentaler Regeln friedlichen Zusammenlebens ist er in der Lage, Gewaltiges zu leisten. Die fundamentalen Regeln umfassen u. a. die Grundsätze des privaten Eigentums, ihrer Übertragung im beiderseitigen Einverständnis (Vertragsfreiheit), die Haftung des Einzelnen aus Vertrag oder wegen unerlaubter Handlung und Preiskonkurrenz auf frei zugänglichen Märkten. Unter den Kritikern sozialistischer Planwirtschaften hat sich vor allem F.A. Hayek einen Namen gemacht (vgl. Hayek, 1996). Effizienz von Institutionen im neoklassischen Sinne (= „Pareto-Effizienz“) ist wegen unvollständiger Voraussicht („Ungewissheit“, „The future is not ours to see“) kein sinnvolles Konzept. Handeln bei unvollständiger Voraussicht kann jedoch für Gruppen von Individuen bei Beachtung bestimmter Verhaltensregeln und dem Bestehen von Vertrauen in das Sozialverhalten der einzelnen ökonomisch sinnvoll (rational, wenn auch nicht im Allgemeinen im Sinne der Analysis) gestaltet werden und erfolgreich sein (vgl. Denzau und North 1994 68 oder Greif 1994). North (1990, 80) spricht in dem Falle von Anpassungseffizienz (‚adaptive efficiency‘, vgl. Richter und Furubotn 2005, 109). Bei der Sachlage haben sauber argumentierende Ökonomen keine andere Wahl als wie Historiker, Juristen oder andere Sozialwissenschaftler zu arbeiten. Letzten Endes ist der Einfluss der Ideen von David Hume (1739/40) und nicht – wie Walras dachte – der von Isaac Newton für Ökonomen von Bedeutung. In Deutschland spiegelt sich dieser Gedanke wider in den Grundsätzen und Ideen der von Walter Eucken begründeten Freiburger Schule. Die „Neue Institutionenökonomik“ – verstanden im Sinne der rationalen Begründung von Institutionen – scheint mir geeignet zu sein, den Denkstil deutscher Ordnungspolitiker den Ökonomen des angelsächsischen Sprachbereichs verständlich zu machen. Im Übrigen liefert uns die Neue Institutionenökonomik Argumente für eine rationale Begründung der meist nur dogmatisch dargestellten Institutionen des Kapitalismus. Sie liefert uns eine rationale Begründung für die Ordnung einer freien Marktwirtschaft als einer gesellschaftlichen Methode, mit den Ungewissheiten des Lebens fertig zu werden.106 Nota bene: Der Verzicht der Makroökonomik auf Wirtschaftlichkeitsrechnung läuft auf einen „Kapitalismus ohne Kapitalmärkte“ hinaus: Es gibt zwar Privateigentum an den Produktionsmitteln, aber der Handel mit ihnen wird nicht mehr durch Zinsen, sondern durch direkte Eingriffe der Zentralbanken (wie das „Quantitative Easing“) gesteuert. Nicht private „Kapitalisten“ verwetten ihr Geld um Erfolg oder Misserfolg ihrer Inves- 106 Vor allem bietet uns die Neue Institutionenökonomik neue Perspektiven der wirtschaftlichen Entwicklung vgl.North (2005), Ferguson (2016). 69 titionen, sondern der Staat verwettet das ihm per Rechtszwang zufließende Geld der Steuerzahler. Wir sind fast unbemerkt auf den „Weg in die Knechtschaft“ geraten.

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Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.