IX. Die drei Institutionen „Markt“, „Haushalt“ und „Unternehmung“ in der neoklassischen Mikroökonomik in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 55 - 64

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-55

Tectum, Baden-Baden
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55 IX. Die drei Institutionen „Markt“, „Haushalt“ und „Unternehmung“ in der neoklassischen Mikroökonomik A) Die Institution „Markt“ wird in der herkömmlichen Mikroökonomik-Literatur nicht genauer beschrieben. Selbst Eucken, ein prominenter Verfechter der Ordnungstheorie, schreibt lediglich, dass „aus dem Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage der Markt besteht (Eucken 1950, 109). Tatsächlich ist der Markt nicht einfach „da“ oder allein ein Produkt der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith (im oben beschriebenen Sinne), sondern als öffentliches Gut – als „Institut“ – zu verstehen, das den implizit oder explizit geplanten Einsatz realer Ressourcen von tauschwilligen Einzelnen verlangt. Nach Richter und Furubotn (2010, 344) ist der Markt ein Institut, „in dem – im Unterschied zur Unternehmung – individuelle Handlungen nicht auf Grund eines Vertrages per Anordnung koordiniert, sondern durch fortlaufende Austauschvereinbarungen auf der Grundlage einer implizit oder explizit vereinbarten Marktordnung, d. h. einer ungeschriebenen Konvention und/oder geschriebenem Recht.87 Die Art des Zustandekommens einer Marktordnung ist insbesondere für Kapitalmärkte von Bedeutung, um die Entwicklung von „Zitronenmärkten“ (Akerlof 1970) zu vermeiden. Die Finanzkrise von 2008 illustriert die Gefahr, dass sich „Zi- 87 Arrow (1974, 33) schreibt, tatsächlich lasse sich das Marktsystem als eine sorgfältig ausgeführte Methode der Kommunikation und Entscheidungsfindung auffassen. 56 tronenmärkte“ für „mortgage backed securities collateral debt obligations“ (MBS CDOs) entwickeln.88 Im Übrigen sind Märkte charakterisiert durch soziale Netzwerkbeziehungen (Wasserman und Faust 1994). Positive Netzwerkexternalitäten (Katz und Shapiro 1985)89 spielen eine Rolle. Die Institution „Markt“ verstehen wir mithin als ein Netzwerk sozialer Beziehungen zwischen Einzelpersonen, die miteinander in (dauerhafter) Handelsbeziehung stehen, und für die ein System geltender Regeln gilt, das ihre Transaktionen steuert. Olsons Trittbrettfahrerproblem lauert und kann die Gründung privater Interessenverbände oder das Eingreifen der öffentlichen Hand wünschenswert machen (vgl. Richter und Furubotn 2010, 329). Ferner: das „Zitronen“-Problem erfordert kollektive Überwachungsmaßnahmen, die an Börsen eine Selbstverständlichkeit sind (Bindseil 2004, 77 f.). Deshalb bezieht sich die vielzitierte „unsichtbare Hand“ nicht unbedingt auf die Entstehung funktionstüchtiger Märkte. Typisches Beispiel ist die Schaffung eines Marktes für finanzielle Titel, der gegen das „Zitronenproblem“ (Akerlof 1970) durch öffentliche oder private Kontrollen abgesichert wird. B) Die Institution „Haushalt“ umfasst in der neoklassischen Mikroökonomik eine individuelle Nutzenfunktion und die Erstausstattung des Haushalts mit Gütern. Der Haushalt tritt am Markt nur als Käufer oder Verkäufer von Gütern auf, nicht als Produzent. Tatsächlich produziert er wenn auch nicht für den Markt, so für den „Eigenverbrauch“. Zu seinen wichtigs- 88 Wie M. Hellwig (2008) zeigt. 89 Positive Netzwerkexternalitäten entstehen, wenn ein Gut für den Benutzer umso wertvoller wird, je mehr es benutzen. 57 ten Aktivitäten dieser Art gehören jene, die mit den elementaren Ereignissen des Familienlebens zusammenhängen: Geburt, Hochzeit, die Erziehung eigener Kinder, die Pflege kranker und alter Familienmitglieder, der Tod und die Bestattung Angehöriger.90 Sie bleiben in der Mikroökonomik unerwähnt – übrigens auch in dem Standardwerk von Gary S. Becker (1981).91 Den einzigen Ansatz in dieser Richtung enthält das von Samuelson (1958) entwickelte Modell sich überlappender Generationen, das von ihm (und leider auch von mir92) nur zur Erklärung des dauerhaften Wertes von Papiergeld benutzt wird. Dass Kinder für ihre Eltern, als ihre künftigen Ernährer, genauso wichtig sind wie Eltern für ihren Nachwuchs, dass dar- über hinaus Eltern nicht nur Ernährer, sondern auch Erzieher ihrer Kinder sind, d. h. Verantwortung für ihre Bildung und gesellschaftliche Integration („gute Erziehung“) tragen, bleibt in der Wirtschaftstheorie unerwähnt. Bei Gary S. Becker wird „gute Erziehung“ allenfalls unter Verteilungsaspekten gesehen. Das entsprach übrigens der Lebensphilosophie der „68er“-Generation, die für eine Neugestaltung der Gesellschaft auf die 90 Vgl. dazu Silvia Gräbe (Hg.) (1993), „Der Private Haushalt im wissenschaftlichen Diskurs“, Frankfurt a. M.: Campus Verlag. 91 In seinem Vorwort (ix) schreibt Becker: „In this book I develop an economic or rational choice approach to the family. My intent is […] to analyze marriage, births, divorce, division of labor in households, prestige, and other nonmaterial behavior with the tools and framework developed for material behavior. That is to say, this book contains an economic approach to the family, not in the sense of an emphasis on the material aspects of family life, but in the sense of a particular [neoclassical] theoretical framework for analyzing many aspects of family life.“ – Von der sozialökonomischen Bedeutung der Ehe usw. ist keine Rede! 92 Richter (1990, 51 ff.). 58 Barrikaden ging.93 Für die Fürsten des 18. Jahrhunderts, also den Leuten, die in Deutschland unser Fach aus finanziellem Eigeninteresse an die Universitäten brachten,94 wäre das eine Selbstverständlichkeit gewesen. Für sie waren Familien private Erziehungs- und Versorgungsverbände ihrer Untertanen. Sie verkörperten einen Teil ihres fürstlichen Vermögens. Der besondere Schutz von Ehe und Familie war und dürfte auch heute noch für den Fortbestand einer Gesellschaft lebenswichtig sein.95 Bei aller Fortschrittlichkeit sollten wir uns als Wissenschaftler nicht genieren, das Thema offen zu diskutieren – auch und gerade mit Blick auf das verschwommene Konzept der „Integration“ – der „guten Erziehung“ unserer Bürger und aller bei uns Schutzsuchenden (vgl. dazu F. Fukuyama (1995).96 Eine Sprache zu lernen und einen Arbeitsplatz zu finden dürften dafür nicht ausreichen. 93 Obgleich die Bedeutung den Einzelnen in Notzeiten klar wird – etwa unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Alten und Kranken in Russland oder Georgien. – Zum „gebührenfreien Gutsein“ der 68er und ihrem neomarxistischen Hintergrund vgl. N. Bolz (1999, Kap. 1). 94 Vgl. T.W. Hutchison (1994), „From Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft (ZgS) to Journal of Institutional and Theoretical Economics (JITE), 1844–1994“, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 150, 1–10. 95 Arrow (1974, 26) hebt die nationale Kultur als eine zusätzliche „unsichtbare Institution“ hervor und fährt fort „Gemeinwesen haben in ihrer Entwicklung stillschweigende Übereinkommen über ihr Verhalten untereinander entwickelt […], die wesentlich sind für das Überleben des Gemeinwesens oder zumindest beträchtlich zu ihrer Funktionstüchtigkeit beitragen.“ 96 Arrow schreibt außerdem: Vertrauen untereinander „ist ein wichtiges Gleitmittel einer Gesellschaft. Es ist extrem effizient; es erspart viel Ärger, wenn man sich auf das Wort eines anderen einigermaßen verlassen kann“ (Arrow 1974, 23). Dem steht momentan allerdings die Philosophie der Kulturrebellen der 1968er entgegen, die Diskreditierung klassischer Bildung. 59 Das Modell sich überlappender Generationen – bestehend aus drei Altersklassen „Junge“, „Aktive“, „Alte“ (z. B.) einer Bauernfamilie – macht den Punkt klar. Sowohl „Junge“ als auch „Alte“ können nur leben, wenn die „Aktiven“ die Wälder und Felder, das Vieh und den Maschinenpark der Familie wirtschaftlich nutzen. „Alte“ (und „Junge“) leben heute von der Arbeit (vom tätigen Fleiß) der heute Aktiven und nicht von dem, was sie früher, in ihrem aktivem Leben, an Gütern in einer Art Juliusturm aufgehäuft haben. Nicht ein Cent der heute geleisteten Sozialbeiträge der „Aktiven“ wandert in ihre Altersversorgung morgen, sondern geht vielmehr direkt heute an die gegenwärtig lebenden „Alten“. Das heißt, wenn es heute nicht genug „Aktive“ gibt (z. B. als Folge eines früheren Geburtenstreiks der vormals Aktiven, aber heute „Alten“), dann ist die Versorgung der heute Alten gefährdet, auch wenn diese als Aktive fleißig in die Rentenkasse eingezahlt haben (aktuelle Rentenpolitik). Also: keine Fortsetzung der sich überlappenden Generationen bedeutet keine Altersversorgung für die vormals Aktiven. Jürgen Borchert (2014, 55 f.) betont zu Recht, dass sich die Verwendung der Versicherungsterminologie für die Altersversorgung („meine Beiträge, meine Rente“) als „besonders schwerer semantischer Betrug“ entpuppt hat (vgl. dazu auch Mackenrot 1952). C) Die Institution „Unternehmung“ wird in der neoklassischen Mikroökonomik allein durch ihre Produktionsfunktion und die Definitionsgleichung ihres Gewinns dargestellt. Das Wesen der Unternehmung wird erst später unter dem Aspekt der Transaktionskosten behandelt (Williamson und Winter 1991). Die vertraglichen Regelungen der Trennung von Eigen- 60 tum und Kontrolle bei Aktiengesellschaften spielen in dem Falle eine Rolle (Corporate Governance: Jensen und Meckling 1976, Williamson 1981). Die Kontrolle des Vorstands durch die Kapitaleigner kann als wichtige Ergänzung der von W. Eucken geforderten persönlichen Haftung der Akteure in Aktiengesellschaften oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung gesehen werden.97 Andererseits besteht das Problem, dass man wegen der Ungewissheit der Zukunft den Unternehmer als einen Ersatz-Makler auf dem durch ungewisse Erwartungen gekennzeichneten Terminmarkt für Güter und Dienste verstehen kann.98 Die Höhe seines Einkommens enthält, so gesehen, für die Anleger ein spekulatives Element, das nicht mit der Grenzproduktivitätstheorie der Arbeit erklärt werden kann – weshalb missverständlicherweise eine „Deckelung“ von Vorstandsgehältern99 verlangt wurde. Die Vertreter dieser Idee berücksichtigen nicht, dass solch eine Deckelung Einfluss auf die Börsenkurse nehmen würde und damit (sozial gedacht) auch auf die Ersparnisse der Einzelnen für ihr Alter. Die Tatsache, 97 Eucken (1975, 280–285). 98 Auf einem anderen Blatt steht die Frage, welche Rolle die personelle Zusammensetzung der Belegschaft eines Unternehmens spielt: vom Generaldirektor (CEO), über die Mitglieder des Vorstandes bis zu den untergeordneten Mannschaften eines Unternehmens. Mit diesem Thema befasst sich das Lehrgebiet der „Strategie der Human Resources“ (vgl. Baron und Kreps 1999). 99 Franz Asbeck, Handelsblatt, 19.9.2019. Im Handelsblatt liest man allerdings, dass eine Obergrenze für Vorstandsgehälter in Deutschland nach Auffassung des Vergütungsexperten Helmuth Uder von der US-Beratungsgesellschaft Willis Towers Watson – ohne genauere Angabe von Gründen nicht praktikabel sei aus einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters). Es sieht so aus, als sei das Buch Risk, Uncertainty, and Profit von Frank H. Knight selbst den US-amerikanischen Ökonomen nicht mehr ganz geläufig. 61 dass sich die Höhe der Vorstandsbezüge von Kapitalgesellschaften, nicht mit der Grenzproduktivitätstheorie der Arbeit erklären lässt, ist ihren Kritikern nicht klar (siehe Pressenotizen im Handelsblatt zum Thema „Vorstandsbezüge“ oder die einschlägigen Äußerungen unseres ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der sich fassungslos über die Skrupellosigkeit von Vorstandsmitgliedern zeigte.100 Wer trägt die Risiken des Geschäftslebens? Einzelne Individuen oder der Staat? Sind wir bereits auf dem „Weg in die Knechtschaft“? (Hayek 1944). Zum heutigen Stand der Debatte vgl. J.E. Stiglitz (1994). Die gegenwärtige Entwicklung der Zentralbankpolitik läuft ganz in diese Richtung. Zwischenbemerkung Nr. 2: Zwei wirtschaftspolitische Kampfbegriffe der Gegner liberalen Gedankenguts tauchen in wirtschaftspolitischen Debatten immer wieder auf: 1. laissez-faire, laissez-passer = „lassen Sie’s machen, lassen Sie’s laufen“: Die Bemerkung stammt aus der Zeit des Merkantilismus (ca. 1750). Sie betrifft die Aufforderung der Nichteinmischung des Staates in private wirtschaftliche Angelegenheiten, also den Verzicht des Staates auf Regulation, Grenzen oder Vorgaben. Diese Geisteshaltung wird gerne mit dem Liberalismus in Verbindung gebracht. 100 Wehler (2013, 78–82). 62 2. Die „unsichtbare Hand von Adam Smith“: Historisch bezieht sich diese Bemerkung auf freie Märkte und damit die Möglichkeit selbstsüchtiger Wahrnehmung von errechneten Gewinnen, was unbeabsichtigt zu gemeinnützigen Ergebnissen führen kann. Mit anderen Worten: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ gilt nicht immer.101 Analytisch haben wir es mit der spieltheoretischen Idee eines herausragenden Nash-Gleichgewichts eines sich wiederholenden zugrunde liegenden Spiels zu tun, d. h. einem Zustand, in dem kein Einzelner einen Anreiz hat, von seiner Strategie (seinem Verhalten) abzuweichen, wenn die anderen nicht abweichen. Zur Illustration von Euckens „Grundsätzen“: Eine Interpretation der Finanzkrise von 2007 Fünf Jahre vor der Finanzkrise von 2007 behauptete Robert Lucas in seiner Ansprache als neu gewählter Präsident der American Economic Association, dass das Problem einer Depression „has been solved, for all practical purposes, and has in fact been solved for many decades“ (Lucas 2003, 1). Warum es dennoch zur Finanzkrise kam, liegt nach Auffassung von Wallison (2009) an den wirtschaftspolitischen Akteuren, die bei ihrer „affordable housing policy“ einen der von Eucken geforderten Grundsätze der Wirtschaftspolitik missachtet haben, nämlich den Grundsatz persönlicher Haftung: „while banks originally were required to use safe and sound lending practices, the ‚affordable housing goals‘ required them to be- 101 Vgl. Smith (1999), 15. 63 come ‚innovative‘ or ‚flexible‘ in the granting of credit“ (Richter 2018a). Die gelockerten Grundsätze führten zu einer Explosion der Hypothekenkreditvergabe, denn nach amerikanischem Recht haftet der Hypothekenschuldner zwar mit seinem Haus, nicht aber persönlich – was bedeutet, dass „defaulting homeowners are not personally responsible for paying any difference between the value of the home and the principal amount of the mortgage obligation […]“ und dass „such homeowners could walk away from their ‚underwater‘ mortgages“ (Wallison 2009). Die Wirtschaftspolitiker dürfen also nicht einfach draufloshandeln. Sie haben sich an die Regeln der Wirtschaftsordnung zu halten, in die sie gewählt wurden, um gegebenenfalls einzugreifen. Das ist der Sinn der von angelsächsischen Ökonomen gerne belächelten deutschen Ordnungspolitik (Richter 2018).

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Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.