VI. Das Wesen des Geldes in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 39 - 40

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-39

Tectum, Baden-Baden
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39 VI. Das Wesen des Geldes49 Geld wird entweder durch stillschweigendes Übereinkommen oder auf Anordnung des Staates als allgemeine Rechnungseinheit, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel verwendet. Durch stillschweigendes Übereinkommen im wörtlichen Sinne wurden zum Beispiel in Westdeutschland in den ersten Jahren der Besatzungszeit (im Mai 1945 ff.) amerikanische Zigaretten als allgemeine Rechnungseinheit benutzt. Damals gab es wochenlang kein Radio, keine Zeitungen und natürlich kein Internet – dennoch wussten alle „sofort“, dass eine amerikanische Zigarette (eine „Ami“ wie eine Lucky Strike, Chesterfield oder Camel) den Geldwert von 5 (alten) Reichsmark (plus/minus) hatte, die noch weiter als allgemeines Zahlungsmittel benutzt wurden. Das ist eine Erscheinung, die nicht in den mechanistischen Denkstil der eben beschriebenen Mikroökonomik – des Walras-Systems – hineinpasst. Wir sehen: Geldtheorie fällt aus dem mechanistischen Denkstil der Mikroökonomik heraus. Sie ist ihrem Wesen nach eine Frühform der Institutionenökonomik. Sicherung der Kaufkraft des Geldes im Walras-System: Im Allgemeinen Konkurrenzgleichgewicht einer Papiergeldwirtschaft kann die Kaufkraft des Geldes durch geeignete Fixierung der Zentralbankgeldmenge M bestimmt werden. Da die Einzelnen aus Transaktionsgründen Kasse halten, kann die Zentralbank auf M im Wege ihrer Zinspolitik Einfluss nehmen. 49 In Anlehnung an Richter (1990), Kap. 4. 40 Eine Verdoppelung von M bewirkt eine Verdoppelung der nominellen Güterpreise.50 Das trifft allerdings nur zu, wenn alle Güterpreise auch Konkurrenzpreise sind. In einer modernen kapitalistischen Wirtschaft gilt das jedoch für den Preis der Arbeit – den Geldlohnsatz – nicht. Er ist das Ergebnis bilateraler Verhandlungen zwischen Organisationen von Arbeitgebernund Arbeitnehmern. Die vereinbarten Geldlöhne können in dem Falle die Funktion von Leitpreisen oder Haltepflöcken51 des Währungssystems übernehmen. Die Kaufkraft des Geldes wird dann durch die Lohnpolitik der Gewerkschaften und Unternehmungen bestimmt, d. h. die Kaufkraft des Papiergeldes genügt den Regeln eines „Labour Standard“.52 Die Existenz von „Haltepflöcken“ oder „Leitpreisen“ erklärt vielleicht, warum Mario Draghis „Zwangsfütterung“ mit Euros (sein ‚quantitative easing‘) nicht so wirkt wie es Ökonomen „in der Schule lernen“.53 50 Don Patinkin (1965), Money, Interest, and Prices, New York: Harper & Row, 391. 51 W. Stützel (1983), 34. 52 Don Patinkin (1955), „Economic Foundation of Wage Policy“, in: The Economic Journal 65, 391. W. Stützel (1983, 35) schreibt diesen besonderen Preisen die Funktion von „Leitpreisen“ zu. Sie dienten als „Haltepflöcke“ einer reinen Papierwährung (34). 53 Die Existenz von Leitpreisen macht z. B. verständlich, warum trotz der Politik extrem billigen Geldes von Mario Draghi die nominellen Güterpreise der Eurostaaten nicht schlagartig anstiegen, sondern vielleicht Jahre brauchen werden, um die von Draghi anvisierte Inflationsrate von „below but close to 2 %“ zu erreichen. Statt der Güterpreise steigen die Preise der „real assets“. Vgl. Richter (2017d).

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References

Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.