V. Die Preisbildung auf dem Markt für ein Gut in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 33 - 38

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-33

Tectum, Baden-Baden
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33 V. Die Preisbildung auf dem Markt für ein Gut Preis, Geld, Einkommen, Profit, Zins, Lohn, Miete, Pacht, u. a. M. sind Begriffe sowohl von moralischer als auch von allokativer Bedeutung: „Moralisch“ ist die Idee vom „gerechten Preis“ (Aristoteles), von allokativer Bedeutung hingegen die Idee des „Wettbewerbspreises“ – der Bildung freier Marktpreise auf offenen Märkten (David Hume, Adam Smith). Beide Aspekte sind für den Wirtschaftstheoretiker von Bedeutung, wenn auch für einen nicht unerheblichen Teil der Fachwelt die allokative Bedeutung obsiegt, moralisch gestützt vom Konzept der Pareto- Optimalität – einer notwendigen Bedingung für ein soziales Optimum, in dem die soziale Wohlfahrt (ein Sozialer Wohlfahrtsindex) unter den gegebenen Nebenbedingungen maximiert wird (K.J. Arrow, Social Choice and individual Values, New York/London 1951; Lehrbuchdarstellung z. B. in R. Richter (1963, 139–145).44 Der Darstellung liegt vollständige Voraussicht und die bei uns vorherrschende subjektive Wertlehre zugrunde (Menger 1871): Davon ausgehend, dass die Haushalte ihren Nutzen maximieren unter der Nebenbedingung ihrer Erstausstattung mit Gütern und ihrem Einkommen e aus 44 Erster Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik: Jedes dem ‚Walrasmodell‘ entspechende totale Konkurrenzgleichgewicht ist pareto-optimal. Zweiter Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik: Jedes den Bedingungen des ‚Walrasmodells‘ genügende Pareto-Optimum kann durch geeignete Umverteilung der Erstausstattungen und Gewinnanteile der Haushalte zu einem totalen Konkurrenzgleichgewicht ergänzt werden (vgl. Richter 1963, 139, 145). 34 ihren Gewinnanteilen an den ihnen (mit-) gehörenden Unternehmungen – und die Unternehmungen ihren Gewinn maximieren unter der Nebenbedingung ihres „technischen Wissens“ (ihrer Produktionsfunktion), erhalten wir die einzelwirtschaftlichen Angebots- und Nachfragefunktionen eines jeden Gutes,45 die addiert die jeweiligen gesamtwirtschaftlichen Angebots- oder Nachfragefunktion der verschiedenen Güter (z. B. „Weizen“) ergeben (vgl. Abb. 4). Abb. 4 Die Angebotskurve eines produzierten Gutes – z. B. Weizen – verläuft umso höher und/oder steiler, je geringer die Produktivität der Weizenproduktion ist (je mehr Ressourcen – Boden und Arbeit – zur Produktion eines Zentners Weizen einzuset- 45 Sie sind die Summen der einzelwirtschaftlichen Angebots-und Nachfragefunktionen (vgl. Richter 1963, 122f.). P P' x' x Angebot Nachfrage 35 zen sind). Bei gegebener Nachfragekurve bedeutet das: Der Marktpreis für Weizen ist umso höher, je geringer die Produktivität des Weizenanbaus ist. Das war das so bezeichnete „strukturelle Problem“, das nicht in den Makrodenkstil hineinpasst und in ostdeutschen Betrieben nach der Wiedervereinigung (bei griechischen Unternehmungen nach Einführung des Euro) auftrat: Plötzlich standen die Produzenten mit dem Weltmarkt auf Augenhöhe. Sie mussten auf Anhieb in der Lage sein, zu Weltmarktpreisen zu liefern – was sie aus „strukturellen“ Gründen nicht konnten. Eine einfache Sache, die den westdeutschen Politikern vor und kurz nach der Wiedervereinigung so wenig klar war, wie Jacques Delors vor und kurz nach Einführung des Euro46 – es sei denn, sie kannten das Problem und hofften auf 46 Zu diesem Thema bemerkte ich (Richter 2016, 547): „Deutsche Zurückhaltung in dieser Angelegenheit ist, angesichts unserer Wiedervereinigungs-Erfahrungen, schwer zu verstehen. Die Ostdeutschen waren traumatisiert von den Auswirkungen ihres vergleichsweise niedrigen Produktivitätsniveaus auf ihre Konkurrenzfähigkeit am Weltmarkt. Sie mussten viel Geduld und Verständnis aufbringen, um den für sie unerwartet hohen Preis ihrer Freiheit zu schlucken – und die Westdeutschen mussten Verständnis dafür aufbringen, die Kosten für die hohen West-Ost Transfers zu tragen. Man kann kaum das gleiche Maß an Geduld erwarten unter den leidenden Griechen und den ‚happily paying‘ Nordeuropäern. Und man kann auch nicht erwarten, dass EU Mitgliedstaaten, wie Rumänien oder Bulgarien, die nicht zur Eurozone gehören, stillschweigend zuschauen werden, wenn ihre südlichen Nachbarn von der Europäischen Union eine Sonderbehandlung bekommen. Es ist leider eine traurige Tatsache, dass die Maastricht Kriterien das Problem unterschiedlicher internationaler Wettbewerbsfähigkeiten der Mitgliedstaaten nicht beachteten, obgleich das Problem im Zuge der deutsch-deutschen Wiedervereinigung offen zu Tage trat und allgemein bekannt war. Erstaunlicherweise wurde es noch nicht einmal in Deutschland offen diskutiert.“ (Übersetzung aus dem Englischen vom Verfasser). 36 die „selbstheilende Wirkung“ des von ihnen in Gang gesetzten politischen Prozesses. Bislang betrachteten wir den einperiodigen Fall der Theorie des Allgemeinen Konkurrenzgleichgewichts. Der Übergang zur mehrperiodigen Theorie des Allgemeinen Gleichgewichts ist einfach, denn beide Theorien sind formal äquivalent. Die zeitliche Dimension kann deshalb einfach in der Gutsdefinition mitberücksichtigt werden: Weizen verfügbar heute und Weizen verfügbar morgen (oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt) sind zwei verschiedene Güter (vgl. z. B. Hirshleifer 1970, 154 oder Richter 1990, 32). Ich erkläre daselbst wie folgt weiter: „Nach unserer Terminologie ist xii die Verbrauchsmenge des Gutes i (i = 1, …, n) in der Periode t (t = 1, …, T). Ein Verbrauchsplan ist ein Vektor mit n•T Elementen. Die Umwandlung des einperiodigen Allokationsmodells in ein mehrperiodiges besteht darin, das n-dimensionale Modell in ein n•T-dimensionales umzuschreiben – eine triviale Substitution, weil n und T beliebige Zahlen sein können. Entsprechendes gilt für die Indizierung der Preise: pit ist der Preis des Gutes i, verfügbar in Periode t, der heute (in Periode 1) gezahlt wird. Dabei ist „Periode“ immer als Zeitpunkt am ‚Anfang der Periode‘ zu verstehen.“ Betrachten wir als Beispiel ein Sachdarlehen vom Typ: Ich zahle Dir morgen (xt+1 dz47) „Weizen verfügbar morgen“, wenn Du mir dafür heute (xt dz) „Weizen verfügbar heute“ gibst. Das Austauschverhältnis lautet als Zahlenbeispiel etwa 47 dz = Doppelzentner. 37 [1,2 dz Weizen verfügbar morgen / 1 dz Weizen verfügbar heute]. Der Zahlenwert 1,2 des Austauschverhältnisses kann auch geschrieben werden als Summe 1 + 0,2 oder 1 + ρ1. Der Darlehensnehmer hat sich also verpflichtet, morgen dem Darlehensgeber 20 % mehr Weizen zurückzugeben, als er sich heute bei ihm ausgeliehen hat. Der Realzins oder „Eigenzins“ des Weizens ρ1 = 20 % entspricht den Opportunitätskosten des Darlehensgebers. Im Walras-System ergibt er sich als Teil der Gleichgewichtswerte der realen Austauschverhältnisse. Wie man auch ohne Mathematik versteht, ist im Optimum der Gleichgewichtswert der Opportunitätskosten (und damit der Realzinsen) gleich Null. Der Kapitalstock hat sein Sättigungsniveau erreicht (Richter 1990, 49). Es dürfte einleuchten, dass die gegenwärtige Nullzinspolitik der Notenbank nicht bedeutet, dass der Kapitalstock der Industrieländer sein Sättigungsniveau erreicht hat. Erstaunlicherweise haben sich unsere führenden Geldtheoretiker vom Kaliber Ben Bernankes ohne Umstände von der oben angedeuteten Zinstheorie von Irving Fisher verabschiedet, um der Knight’schen Ungewissheit der Finanzmärkte zu entgehen – wodurch? Durch Verlagerung der Investitionsentscheidungen in die Hände von Leuten, die nicht mehr ihr eigenes Geld (wie private Anleger) verwetten, sondern das mit Rechtszwang eingetriebene Geld der Steuerzahler. Da sie nicht Teil des sich selbst steuernden Wirtschaftssystems sind, werden sie weder durch die Marktergebnisse (Vermögensgewinne/ Vermögensverluste) belohnt oder bestraft, sondern durch die Wahlergebnisse – ein ganz anderer Steuerungsmechanismus als der der Marktwirtschaft (vgl. Schumpeter 1950, Kap. 22). Was wir hier beobachten sind Analogien zum „Chinesischen Kapitalismus“, eine Form des „Wegs zur Knechtschaft“, die zu Hayeks Lebzeiten noch unbekannt war.48 48 Vgl. Richter (2015), Kap. 2. 38

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Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.