IV. Der Wirtschaftskreislauf in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 25 - 32

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-25

Tectum, Baden-Baden
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25 IV. Der Wirtschaftskreislauf Wer das Prinzip der doppelten Buchführung kennt, dem ist es leicht, die Idee des Wirtschaftskreislaufs zu erklären: Man kann ihn dann einfach als Darstellung der Wirtschaft eines Landes nach den Grundsätzen der „Doppik“ beschreiben, wobei in der Makroökonomik (= aggregate economics) alle Haushalte einer Volkswirtschaft zum „Sektor Haushalte“ und alle Unternehmungen zum „Sektor Unternehmungen“ zusammengefasst („aggregiert“) werden. Der Sektor Unternehmungen liefert dem Sektor Haushalte Konsumgüter C mit C = 820 €. In der Terminologie der Doppik ist das eine Sollbuchung auf dem Konto „Unternehmungen“ und eine Habenbuchung auf dem Konto „Haushalte“; der entsprechende Buchungssatz lautet „von Haushalten an Unternehmungen“.39 Grafisch kann der Buchungssatz durch einen Pfeil vom Sektor Haushalte zum Sektor Unternehmungen dargestellt werden (Abb. 1 siehe Anhang) Einen solchen Buchungssatz, der eine Buchung auf die Konten zweier verschiedener Sektoren bezeichnet, nennt man in diesem Zusammenhang eine ökonomische Transaktion. Als Eselsbrücke kann man sich merken, dass die Pfeilrichtung des Buchungssatzes in die fiktive Zahlungsrichtung geht; hier also C = 820. Die Kästchen H1, U1 bezeichnen die „laufenden Konten“ der Sektoren „Haushalte“ und „Unternehmungen“. Die Haushalte beziehen aber auch ein Einkommen F = 900. Wenn sie 820 für Konsumgüter ausgeben, sparen sie SH = 80. Wir verbuchen das auf dem konsolidierten „Vermögensveränderungs- 39 Richter (1973), 26. 26 konto“ V der Haushalte und Unternehmungen. Wir nehmen an, dass die Haushalte 80 bei den Unternehmungen anlegen, die ihrerseits I = 100 investieren, wovon sie SU = 20 aus ihren Verkaufserlösen selbst bezahlen. Abb. 240 (siehe Anhang) Da dieses Bild den Kreislauf der ökonomischen Transaktionen einer Periode zeigt, nenne ich es „Kreislaufschema“ [R. Richter (1982, 26 f.)]. Fügen wir den Sektor „Staat“ (St) hinzu, der Einnahmen aus Steuern T und Ausgaben für Güterkäufe bei Unternehmungen G hat, dann sind seine Ersparnisse („Budgetüberschüsse) gleich T – G = SSt. Fügen wir ferner den Sektor „Ausland“ A ein mit den Transaktionen „Exporte“ Ex und „Importe“ Im, dann wird das elementare Kreislaufschema ergänzt zu: Abb. 341 (siehe Anhang) Der Zahlungsbilanzsaldo ist in dem Falle SA = Ex - Im = I - SSt - SH - SU. Sei I = 10, SSt = 2, SH = - 5, SU = 2, dann ist SA = 10 - 2 + 5 - 2 = 11. Der Zahlungsbilanzsaldo ist positiv, wir exportieren mehr als wir importieren. Mit anderen Worten, wir bauen unsere Schulden gegenüber dem Ausland um 11 ab. Der Zahlungsbilanzsaldo SA ist jedoch negativ (= Zahlungsbilanzdefizit), wenn zum Beispiel I = 0, SSt = - 5, SH = - 2, SU = - 2, sodass SA = 0 + 5 + 2 + 2 = 9. 40 Entlehnt ebd., 27. 41 Entlehnt ebd., 31. 27 In dem Falle nehmen unsere Schulden gegenüber dem Ausland um 9 zu. Das ist ein Ergebnis der sog. Saldenmechanik (Stützel 2011). Was für Staaten gilt, gilt auch für die Einzelnen. Erfahrungsgemäß sind weder die individuellen noch alle einzelstaatlichen Zahlungsbilanzen ausgeglichen. Kredite werden von Privaten wie von Staaten vergeben und aufgenommen. Was jeweils geschieht, hängt von den Präferenzen der Einzelnen oder ihrer Gemeinschaften ab. Wichtig zu sehen ist, dass aus dem wirtschaftlichen Kreislaufzusammenhang nur auf die zugrundeliegende (rechnerische) „Saldenmechanik“ geschlossen werden kann, nicht aber auf ihre Ursachen und Wirkungen. Mit anderen Worten, den Deutschen vorzuwerfen, sie sparten zu viel im Vergleich zum Rest der Welt, ist eine genauso leere Aussage, wie dem Rest der Welt vorzuhalten, er solle aufhören über seine Verhältnisse zu leben. Auch wenn der Wirtschaftskreislauf eine wichtige Rolle in unseren Erklärungsversuchen spielt, ist er für eine Ursachenerklärung nicht hinreichend. Wir brauchen dafür erklärende Wenn-dann-Hypothesen. Keynes half sich in seiner „General Theory“ auf einfache Weise: Er führte die Hypothese einer linearen Konsumfunktion ein C = a + cY, wobei c (die marginale Konsumquote) zwischen 0 und 1 liegt. Bei Annahme konstanter Preise gilt Y = I + C oder Y = I + a + cY (mit 0 < c < 1). Nach Y gelöst ergibt 28 qY = (I + a) / (1 - c), nach I (autonomen Investitionen z. B. des Staates differenziert) führt zu δY/δI = 1/(1 - c) > 1, dem „Investitionsmultiplikator“, das Produkt der berühmten Multiplikatortheorie. Der „Investitionsmultiplikator“ der unter den Annahmen des Modells der „Makroökonomik“ (Richter, Schlieper, Friedmann 1981) größer als 1 ist, galt lange Zeit als die Wunderwaffe der Keynesianer gegen Arbeitslosigkeit. Sie funktioniert allerdings nur beim Bestehen hinreichend freier Kapazitäten. Im Falle z. B. des Wiederaufbaus der ausgebombten deutschen Wirtschaft nach dem Kriege (1948 ff.) oder der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland 1990 ff. hätte sie zu nichts anderem als zur Inflation geführt. Aber was den Studenten an ihren Universitäten eingebläut wird, sitzt lange und tief.42 Über die im nächsten Abschnitt behandelte Einsicht „Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis“ kann sich kein Staat durch „Deficit Spending“ hinwegsetzen. Aber Gesetzgeber sind nun einmal gewöhnt, Transaktionen von Eigentumsrechten anzuordnen, d. h. private Eigentumsrechte per Gesetz wegzunehmen (Steuern) oder zuzuteilen (Transferzahlungen) – nicht durch Tausch. Das ist der gerne vergessene Wesensunterschied zwischen „Politik“ und „Wirtschaft“. Die Meinungsmacher der Politik leben in ihrer eigenen Welt (die leider noch 42 Die Auffassung sitzt tief in der öffentlichen Debatte, leider auch im Economist, wie die Buchbesprechung von A. Turner (2015) zeigt (The Economist, 12.11.2015, 75: „Fresh Thoughts“). 29 nicht einmal ihre Wähler immer verstehen). Für sie gibt es keine „Objektivität“ und keine rekurrierten „Fakten“, sondern gegebenenfalls nur „Interpretationen“ (Nietzsche) oder „Wahrnehmungsfenster“ gesellschaftlicher Themen (Joseph P. Overton). Das gängige makroökonomische Modell kommt diesem Denkstil entgegen. Es kennt weder Märkte noch einen Preismechanismus. (Güter-)Preise, Löhne, Zinsen bleiben unerwähnt bzw. sind konstant, die Investitionen I werden exogen vorgegeben, die Konsumausgaben C von der Höhe des Volkseinkommens bestimmt [C = (Y) = a + bY]. Nicht die Preise p, Löhne w oder Zinsen i steuern die Verbrauchs- und Produktionspläne der aggregiert Einzelnen, sondern das Volkseinkommen Y. An Stelle der Preise p ist hier das Volkseinkommen Y als Steuerungsgröße des Modells getreten. Mathematisch ausgedrückt liegt dem elementaren Makromodell die folgende Gleichung zugrunde: Y = C(Y) + I + G, oder (die Konsumfunktion eingesetzt): Y = a + bY + I + G, nach Y gelöst ergibt Y = (a + I + G) / (1 - b). Produziert werden kann dann allein mithilfe eines bestimmten Arbeitseinsatzes N (variabel) und Kapitaleinsatzes K (kon- 30 stant), beschrieben durch die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion Y = Φ (N, K), (ohne Erwähnung von Preisen, Löhnen, Zinsen) die Gütermenge Y. Das Produktionsvolumen Y steht hier einfach in fester Beziehung zum Einsatz von Arbeit N und Kapital K. Mit anderen Worten: Die Standardform des Makromodells beschreibt eine Wirtschaft ohne Marktmechanismus und ohne Wirtschaftlichkeitsrechnung der Einzelnen (ohne Kalkulation der Kosten von Arbeitseinsatz, Kapitalbeschaffung und ohne Güterpreise). Die Güterpreise spielen nur eine Rolle bei der Definition von Preisstabilität im Sinne von „Kaufkraftstabilität“ oder – heute – „Inflation Targeting“ (Bernanke, Laubach, Mishkin, Posen 1999). Der Gleichgewichtswert von Y (der Zielgröße des Modells) verlangt nicht bestimmte Löhne, Preise, Zinsen, sondern einen irgendwie bestimmten Arbeits- und Kapitaleinsatz. Vollbeschäftigung ist dann erreicht, wenn N = Nvoll. In dem Fall ist Y = Yvoll. Wie man unmittelbar sieht, kann hier also eine Regierung durch Wahl eines bestimmten Wertes ihrer Staatsausgaben G das Ziel Vollbeschäftigung verwirklichen. Mit anderen Worten, sie ist in der Lage, ihren Wählern Vollbeschäftigung zu garantieren. Sie muss dafür nur an der ‚G-Schraube‘ drehen – was hier auf Deficit Spending hinausläuft – und sich nicht wie die Deutschen bemühen, permanent ihren Haushalt auszugleichen. So jedenfalls die übliche Kritik des Economist an der deutschen Wirtschaftspolitik. Aber warum hatten wir ein „Wirtschaftswunder“? Warum konnte ich 1949 in Frankfurt am Main 31 im Lokal für normale Preise anständig essen, während ich im selben Jahr in London für normale Preise nur das Dörrgemüse aus Kriegszeiten vorgesetzt bekam? Um mich endlich einmal in London richtig satt zu essen, musste ich ein teures französisches Restaurant aufsuchen. Nach dem einfachsten Makromodell – das Modell der neoklassischen Synthese mit starren Preisen, Löhnen, Zinsen – kann Vollbeschäftigung allein durch Wahl eines bestimmten Niveaus der Staatsausgaben G gesichert werden. Preise, Löhne, Zinsen spielen keine Rolle mehr – weshalb die Zentralbank getrost „Nullzinsen“ festsetzen kann. Was die Güterpreise betrifft, sitzt nur noch die Gefahr einer „Deflationsspirale“ im Gedächtnis, weshalb – um ganz sicher zu gehen – der Zentralbank vorgeschrieben wird, statt einer Inflationsrate von 0 %, eine von mindestens 2 % anzuvisieren.43 Resultat: Das Wirtschaftsleben läuft (leicht übertrieben) im Makromodell wie das Wasser durch ein Rohrleitungssystem. Es gibt Rückstaubecken und Ventile, die von mehr oder weniger klugen Politikern und Beamten bedient werden. Der Finanzminister bzw. Zentralbankpräsident übernimmt dabei die Aufgaben privater Anleger – und spielt Anlagespekulanten. Insofern lag J.M. Keynes im Sinne der Umweltaktivisten richtig, als er schrieb (Keynes 1936, 164): „I expect the State, which is in a position to calculate the marginal efficiency of capital goods on long views and on the basis of the general social advantage, taking an ever-greater responsibility for directly organising investment […].“ 43 „Preisstabilität“ definiert die EZB“ als mindestens 2 % Inflation, eine Bedingung, die allerdings dem nominalistischen Prinzip widerspricht, das unser Steuerrecht durchzieht. 32 Der hier beschriebene Denkstil des „Keynes-Modells“ spielte in den Jahren zwischen ca. 1950 und heute eine große Rolle. Beispiele dazu liefert B. Appelbaum (2019, Part I) – allerdings mit dem Ziel, das Konzept der Marktwirtschaft zu kritisieren – wenn auch am falschen Beispiel, denn in der Makroökonomik spielen Preise als Steuerungsgröße keine Rolle mehr.

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References

Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.