III. Anwendung der Theorie eines Allgemeinen Konkurrenzgleichgewichts: Walter Eucken als Beispiel in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 21 - 24

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-21

Tectum, Baden-Baden
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21 III. Anwendung der Theorie eines Allgemeinen Konkurrenzgleichgewichts: Walter Eucken als Beispiel Einer der deutschen Volkswirte, die den Ideen von David Hume und Adam Smith folgten, war Walter Eucken. Die erwähnten drei Grundsätze des Naturrechts spielen deshalb in seinem Werk Grundsätze der Wirtschaftspolitik (Tübingen 1952, 254– 291) eine wichtige Rolle. Eucken verlangt vom Staat die Realisierung einer Wirtschaftsordnung (254 f.), die sowohl den drei Grundsätzen des Naturrechts als auch drei weiteren Grundsätzen genügt: offene Märkte (264), Stabilisierung des Geldwertes (257)35 und Konstanz der Wirtschaftspolitik (285). Zusammen sind das die von Walter Eucken so bezeichneten sechs konstituierenden Prinzipien der Ordnungspolitik (oder Ordnungstheorie). Sie sind als Einheit zu verstehen. Isolierte Anwendung der konstituierenden Prinzipien würde ihren Zweck völlig verfehlen (290). Privateigentum an den Produktionsmitteln zu verlangen, steht allerdings im Widerspruch zur Beschränkung der Haftung (291). Das ist ein heikler Widerspruch, denn ohne Haftungsbeschränkung gäbe es keine Aktiengesellschaften und damit keine privat finanzierten, das Risiko streuenden, Arbeitsplätze schaffenden Großinvestitionen. Das letzte Wort hat allerdings immer der Gesetzgeber, dessen Entscheidungen wirtschaftlich gut oder schlecht sein können; die Finanzkrise von 2008 ist ein typisches Beispiel für eine, aus deutscher Sicht, 35 Tatsächlich trat er für die Idee der Warenreservewährung ein (261) und war gegen Geldpolitik im heutigen Sinne. 22 sozialpolitisch schlechte Entscheidung. Wir kommen sogleich darauf zurück. Eucken war überzeugt, dass der Konkurrenz-Preismechanismus (die Preiskonkurrenz) das komplex-adaptive Problem der individuellen Plankoordination einer Volkswirtschaft „von selbst“ löst, wenn sie nur den oben beschriebenen sechs konstituierenden Grundsätzen genügt. Sie sei nach einer Störung in der Lage, sich „von selbst“ einem Allgemeinen Gleichgewicht (dem Ziel der Vollbeschäftigung) zu nähern.36 Das geht nach aller Erfahrung (und theoretischer Überlegung) nicht ohne Schwankungen ab, weshalb Konjunkturschwankungen nach dem Stand unseres Wissens unvermeidbar sind. Massive Störungen vom Typ der Finanzkrise von 2007/08 sind jedoch für Eucken eine Folge ordnungswidriger Eingriffe des Staates – was im vorliegenden Falle offensichtlich zutrifft (s. o.).37 Wird jetzt konjunkturpolitisch eingegriffen, dann wird nur die weitere Steuerung durch den Preismechanismus gestört, einen Mechanismus, auf den ansonsten selbst die überzeugtesten Konjunkturpolitiker vertrauen – es sei denn, sie ziehen eine sozialistische Planwirtschaft vor. Tatsächlich spielte das Ziel einer zentral gelenkten Wirtschaft vor 1990 eine ähnliche Rolle in der Debatte, wie heute das der Umweltökonomik. Zu ihren prominentesten Gegnern gehörten F.A. Hayek (1944), der den Planwirtschaftlern eine „Anmaßung von Wissen“ vorwarf (Hayek 1996). Er sah klar, dass sich Ökonomik mit den materiellen Interessen der Einzelnen und ihrer inneren Dynamik befasst – einem Problem komplex dynamischer Anpassungsfähigkeit, das sich allenfalls durch geeignete computergestützte 36 Vgl. Richter (2017b). 37 Wallison (2009), Wallison (2015). 23 Rechenbeispiele illustrieren lässt oder durch historische Erfahrungen begründet werden kann, nicht aber durch Lösungen ökonometrisch gestützter dynamischer Modelle. Letztlich haben wir keinen handfesten Beweis für die Widerspruchsfreiheit und Stabilität einer Wirtschaft.38 38 Kirman (2016).

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Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.