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Iris Kolhoff-Kahl (ed.)

Odradek. Fetzen, Fussel, Fitzen, page I - X

Alltags-, künstlerische und wissenschaftliche Annäherungen an das Phänomen des Odradeks in Kafkas Erzählung "Die Sorge des Hausvaters"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4496-4, ISBN online: 978-3-8288-7545-6, https://doi.org/10.5771/9783828875456-I

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 23

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Iri s Ko lh of f-K ah l ( H g. ) O dr ad ek . F et ze n, F us se l, Fi tz en Tectum Iris Kolhoff-Kahl (Hg.) Odradek. Fetzen, Fussel, Fitzen Alltags-, künstlerische und wissenschaftliche Annäherungen an das Phänomen des Odradeks in Kafkas Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ Erinnerungsschrift für Helga Kämpf-Jansen Band 23K Kunst · Vermittlung Kulturelle Bildung ontext KONTEXT Kunst Vermittlung Kulturelle Bildung KONTEXT Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung Band 23 Odradek. Fetzen, Fussel, Fitzen Alltags-, künstlerische und wissenschaftliche Annäherungen an das Phänomen des Odradeks in Kafkas Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ Erinnerungsschrift für Helga Kämpf-Jansen Hg. von Iris Kolhoff-Kahl Tectum Verlag Iris Kolhoff-Kahl (Hg.) Odradek. Fetzen, Fussel, Fitzen Alltags-, künstlerische und wissenschaftliche Annäherungen an das Phänomen des Odradeks in Kafkas Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ Erinnerungsschrift für Helga Kämpf-Jansen KONTEXT Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung. Band 23 ePDF: 978-3-8288-7545-6 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4496-4 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1868-6060 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung eines Bildes von Lara Schallenberg Satz: Sarah Ochwat © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. V Inhalt statt eines Vorwortes von Iris Kolhoff-Kahl „Unbestimmtes“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII Odradek im Alltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Iris Kolhoff-Kahl Fusseltierchen in Friedenszeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Jutta Ströter-Bender Kobolde in Kriegszeiten Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1939/40–1943 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Katrin Lindemann Der Fussel – eine Annäherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Odradek in der Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Ansgar Schnurr Uneindeutige Wesen. Zur Potenzialität ambiguer Phänomene in Kunst und Bildung . . . . . . . . . . . 31 Anna Kamneva Fort – Da – Spiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Andreas Brenne Verflechtungen – oder: Wie man der Sorge entgehen kann . . . . . . . . . . . . . . . 49 Manfred Blohm Über das Entstehen einer Denkfigur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Odradek in der Kunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Ulla Kölzer-Winkhold gehäkelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Marie-Luise Lange fotografiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 VI Inhalt Odradek in der Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Lara Schallenberg Odradek – Ein willkommener Störenfried Eine kunstpädagogische Perspektive entfaltet an der Gestalt von Kafkas Odradek . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Maren Thiele Es wächst und es wächst und es wächst – weiter … Aus dem Logbuch der Erinnerungen an meine Studienzeit mit Helga Kämpf-Jansen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Sybille Wiescholek Was passiert mit deiner Welt, wenn der Pompon …? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 VII „Unbestimmtes“ statt eines Vorwortes von Iris Kolhoff-Kahl Warum Kafkas Odradek? • weil Helga Kämpf-Jansen mehrere liebe Menschen aus ihrem Berufs- und Bekanntenkreis vor Jahren ansprach, die Erzählung von Franz Kafka „Die Sorge des Hausvaters“ (1920) zum Anlass zu nehmen, aus der Sicht von Alltag, Kunst und Wissenschaft über die Zwirnspule Odradek pädagogisch, philosophisch oder alltagsästhetisch nachzudenken, zu schreiben oder künstlerisch tätig zu werden – dieses Projekt aber leider nicht zustande kam. • weil die Sorgen zweier „Hausmütter“, Jutta Ströter-Bender und Iris Kolhoff-Kahl, sie im Auftrag ihrer Freundin umtrieben, all den frei herumschwirrenden Fetzen, Fussel und Fitzen, all dem nicht direkt Greifbaren, dem Unbestimmten in Kunst und Textil, den Zwischenräumen, Fragen und Ideen zu folgen, sie fruchtbar für die Nachwelt, den Kindern und Kindeskindern von Helga Kämpf-Jansen in Forschung und Lehre als Nährboden zu erhalten. • weil Odradek ja offenbar niemandem schade; aber die Vorstellung, dass er uns auch noch überleben sollte, eine fast schmerzliche sei… • weil Prof. Dr. Helga Kämpf-Jansen am 4.10.2019 ihren 80. Geburtstag gefeiert hätte und die Autor/-innen dieses Büchleins an die herausragende Kunstpädagogin, Künstlerin und Professorin der Universität Paderborn mit Beiträgen zum Odradek erinnern wollen. Im Sinne dieses Verlustes, dass Helga nicht mehr unter uns weilt und uns mit ihren ungewöhnlichen Anregungen wie dem Odradek inspiriert, vereinen die Beiträge dieses Buches all die Fetzen, Fussel und Fitzen, die verwirrend erscheinen und in unseren Wohnräumen und Fluren, auch wenn wir täglich fegen, wischen und stauben, ein kreatives, fantasievolles Eigenleben führen. Es sind Flusen, die sich aus Textilien wie Laken, Decken, Teppichen, Betten, aber auch Haaren und Hautpartikeln lösen, mit Staub verbinden und zu beträchtlicher Dicke in jedem Haushalt tagtäglich anwachsen oder sich kafkaesk verwirren (= fitzen) und daraus neue Schöpfungen hervorbringen in Alltag, Wissenschaft, Kunst und Schule. Iris Kolhoff-Kahl eröffnet das Kapitel „Odradek im Alltag“ mit einem textilen Schwerpunkt zu „Fusseltierchen in Friedenszeiten“. Fussel lösen menschliches Staunen aus, weil sie so ephemer daherkommen. Mal scheinen sie friedlich in der Ecke zu dösen, mal nervend am Mantel zu kleben oder gruselig künstlerisch zu überleben. Immer aber können Fussel durch ihre innewohnende Diversität, die Möglichkeit, in ihnen das Andere, Visionäre oder Unförmliche zu sehen, kreative Prozesse einleiten. Sie wirken transversal, taktil, veränderbar und damit demokratisch, denn jeder besitzt Fussel, die im Dazwischen wohnen und nie wirklich fassbar sind. Der Fussel als Symbol des Friedens und der offenen Fragen, der Fürsorge, des Kümmerns und Schaffens: ein pädagogisch gestaltender Lebensauftrag, den Helga selbst in vielen Fusseltierchen schulisch mit Kindern umgesetzt hat. Anhand von Mädchenzeichnungen im Zweiten Weltkrieg (1939/40-43) entwirft Jutta Ströter- Bender mit dem Beitrag „Kobolde in Kriegszeiten“ eine alltagsästhetische und genderspezifi- VIII ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Vorwort sche Analyse von Mädchen zwischen 13–16 Jahren, die in ihren Zeichnungen die damals weit verbreitete Kinderästhetik der Zwerge und Kobolde aus der Zeitschrift „Deutsche Kinderwelt“ aufgegriffen haben. Sie vermutet, dass auch Helga Kämpf-Jansen diese Kinderbücher und andere Bilderbücher angeschaut haben wird und so ihren Hang zu den Odradeks, Kobolden, Zwergen und vielen kleinen imaginären Wesen entwickelt hat. Helfende Hauskobolde mit Zwirnrollen, Nadeln, Spule und Metermaß finden sich in den Mädchenzeichnungen, gute und zauberkräftige Geister begleiten schlafende Mädchen und zwiespältige Wesen verkörpern die Sorgen und Lasten des Alltags und stellen ein wichtiges kulturhistorisches Dokument dar, das weite Einblicke in die Geschichte des Faches Kunstpädagogik ermöglicht. Und als Abschluss des Kapitels „Odradek im Alltag“ nähert sich Katrin Lindemann dem Fussel phänomenologisch. Das Wesen des Fussels ist, dass er überall auftaucht. Als Pilling ist er im Textilen höchst unbeliebt und wird gezupft, rasiert, geschnitten, im Comic sogar diskriminiert, im männlichen Bauchnabel guinnessreif gesammelt und als Kultur- und Kommunikationsphänomen zum Semiophor der Museumskunde. Kunstwissenschaftlich inspiriert Odradek als „uneindeutiges Wesen“ den Kunstdidaktiker Ansgar Schnurr: Ein Wesen zwischen Ding und Person, zwischen Objekt und Metapher oder wie Schnurr mit den Worten Helga Kämpf-Jansens seinen Beitrag einleitet: „ein Versuch also, beides miteinander produktiv zu machen.“ Es geht um die alltäglichen Dinge, die Helga umgetrieben haben. Irritationen, die von ihnen ausgehen, seien es Piercings, alte Schlüssel oder He-Man-Figuren… Befrage die Dinge und sie sagen dir vielleicht, wer sie sind. Wichtiger sind jedoch die Fragen, die du selbst an die Dinge stellst und dann mit ihnen weiter handelst und gestaltest. Schnurrs Text könnte auch lauten: „Lasst die Odradeks im Kunstunterricht aufleben“ oder „Die Hundert Möglichkeiten eines Dings – rätselhaft, vieldeutig, ambig“, wie Helga sie in ihren Seminaren heraufbeschwor: Es ging ihr immer um das Unauflösliche, um die Unsicherheiten, das Vage, die Irritation und Verunsicherung. Differenziert zeigt Ansgar Schnurr auf, wie Kafkas Textstruktur und die Prozesse der „Ästhetischen Forschung“ von Helga Kämpf-Jansen strukturähnlich verlaufen – immer bemüht, Mehrwertigkeiten zu fördern, so wie Kafka in der Mitte des Textes formuliert: „das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen.“ Ähnlich nähert sich Anna Kamneva in ihrem vestimentären „Fort-Da-Spiel“ Kafkas Odradek als einem Interpretationswerkzeug verdichteter vestimentärer Moden zwischen In und Out, zwischen Fort und Da, zwischen „Dad(r)a-Deck und Ordo-Deck“. Odradek, verstanden als Paradoxie der Mode – da und doch sofort wieder weg zu sein – macht der textilen Forschung wie auch dem Hausvater Sorge. Kamneva analysiert, wie Odradek auf dem Gebiet der unsichtbaren, nicht direkt greifbaren textilen Verbindungen in Form von Moden und Trends die Gestalt eines Rhizoms, eines Clusters, eines Schwarms einnimmt, der sich in kurzfristigen und scheinbar unbedeutenden Wendungen wie „Fimmel“ oder „Torheiten“ äußert und damit in der textilen Wissenschaft die Gefahr des Kontrollverlustes heraufbeschwört. Diesem Kontrollverlust oder diesen Verflechtungen, diesem Dazwischen, die Odradek auszulösen vermag, versucht Andreas Brenne kunstvoll mit Aby Warburgs Nymphe den Sorgen des Hausvaters spielerisch zu entgehen. Die Nymphe lebt nach Warburg im bipolaren Spannungsfeld von „vita comtemplativa“ und „vita activa“, so auch der Filz eines Joseph Beuys und letztendlich auch die Kunstpädagogik: Zähmen lohnt sich nicht, die Sorge des IX Iris Kolhoff-Kahl | „Unbestimmtes“ Hausvaters ist unbegründet. Kunstpädagogik verfügt durchaus über Instrumente, mit denen authentische Begegnungen mit vielschichtigen Objekten wie dem Odradek möglich sind, ohne sich gleichzeitig zu verlieren. In Manfred Blohms Beitrag „Über das Entstehen einer Denkfigur“ dreht sich alles um die Chancen des Scheiterns, um Odradek als Metapher für das, was sich der Kommunikation entzieht, dem ungenau Greifbaren, und er schlägt hier eine Brücke zur „totalen Institution“ Universität und die von ihr erzwungenen unbewussten Handlungen durch Gebäuderegeln – das hätte Kafka vermutlich gefallen – ebenso wie die vielen Bezüge zu künstlerischen Eingriffshandlungen wie z. B. Ilya Kabakovs „Healing with paintings“, die Manfred Blohm in seinem Text anführt. Und im Hausvater, dem so seltsam altmodisch klingenden Wort, sieht Blohm eine interessante Figur, weil er sich diesem Odradek offen annimmt, ihm Fragen stellt und damit Spielräume, Leerstellen, vielleicht sogar den Clash zweier Welten, der Institution und der kreativ suchenden Freiheit des Anderen im Sinne der „Ästhetischen Forschung“ aufweist. Dies zeigen auch die künstlerischen Beiträge zu Kafkas „Sorge des Hausvaters“. Ulla Kölzer- Winkholds gehäkelte Odradeks sind standfest, ja sie könnten mit ihren Pflastersteinverankerungen sogar Revolten auslösen und dennoch sind sie fragil, wollen mit ihren gehäkelten Armen und Antennen einen Zwischenraum ausloten. Sie sind kleine Wesen aus einer anderen Welt, die sich textil, leicht und fantasievoll auf Tischen, in Fluren oder in Ecken verorten. So wie die Häkelwesen von Marie-Luise Lange sich fotografisch zwischen Laub und Steinen, an alten Backsteinwänden, in Zäunen, Eimern und in Gärten breit machen. Als Kleinode wollen sie gesucht und entdeckt werden, es bedarf des Mikroskops, der Lupe oder des Kamerazooms, um sie zu entdecken und dann als schöpferische Eindringlinge in Natur und Kultur festzuhalten. Was wollen sie? Warum sind sie dort? Fort und Da oder schau hin, lass dich inspirieren. Odradek lässt wundern, wirft Fragen auf, so auch im letzten Abschnitt des Büchleins: Kunstund Textilpädagoginnen fragen, wie Odradeks Idee im Unterricht wirken könnte: Lara Schallenberg, eine Schülerin von Helga Kämpf-Jansen, sieht in ihm einen willkommenen Störenfried. Er huscht durch die Schule als Laus oder Müll, macht Institutionen und Bürokratie fragwürdig, hinterfragt Maßstäbe wie die „tote Lernschule“. Er fordert das Wundern heraus, das Individuelle, das Komische, das Offene – keine Anleitungen, keine Schönheitsideale, sondern das Unerklärliche – es ist eine Hommage an Helgas Denken und Reden, so blumig ästhetisch kann nur eine begeisterte Schülerin schreiben. Ein Essay. Anders das Logbuch der ehemaligen Studentin, Maren Thiele, ebenfalls als Kunstlehrerin tätig. Maren Thiele arbeitet wie eine Wissenschaftlerin, hält Stationen ihres Studienganges fest, tagebuchartig, mit Logeinträgen, einem Alexander von Humboldt ähnlich – akribisch darf man hier Helgas Seminaren in der Erinnerung folgen und vielleicht auch selbst so unterrichten. Und dann folgt Sybille Wiescholek, eine Textildidaktikerin, mit einer Abhandlung zum banalen Pompon. Über Jahrzehnte war er im Textilunterricht verpönt. Aber unter dem ästhetisch forschenden Blick von Sybille Wiescholek, inspiriert von Helgas Theorie, wird dieses kleine Wesen zu einem zauberhaften Odradek und kann spielerisch im Dazwischen von Alltagsgegenständen den Blick verändern. „Pomponieren“ könnte ein neuer ästhetischer Imperativ sein. April 2020 X ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Vorwort Franz Kafka: Die Sorge des Hausvaters1 (1920) „Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann. Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen. Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist. Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. ‚Wie heißt du denn?‘ fragt man ihn. ‚Odradek‘, sagt er. ‚Und wo wohnst du?‘ ‚Unbestimmter Wohnsitz‘, sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint. Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.“ 1 Kafka, F. (2019). Die Erzählungen. In R. Hermes (Hrsg.), Die Erzählungen (S. 343–344). Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch, erstmals erschienen in K. Wolff (1920), Ein Landarzt: kleine Erzählungen. München, Leipzig.

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References

Abstract

In October 2019, the art teacher, artist and professor Helga Kämpf-Jansen would have celebrated her 80th birthday. Before she died, she had thought about starting another book project: On the basis of Kafka’s story ‘The Cares of a Family Man’, she had wanted to ask people interested in art and textile education as well as design to express their associations with Odradek and their profession. Iris Kolhoff-Kahl has seized the idea and realised the book project. In remembrance of Helga Kämpf-Jansen, 12 authors have thought or written about Odradek, or they have become artistically active. With contributions by Iris Kolhoff-Kahl, Jutta Ströter-Bender, Katrin Lindemann, Ansgar Schnurr, Anna Kamneva, Andreas Brenne, Manfred Blohm, Ulla Kölzer-Winkhold, Marie-Luise Lange, Lara Schallenberg, Maren Thiele, Sybille Wiescholek

Zusammenfassung

Im Oktober 2019 wäre die Kunstpädagogin, Künstlerin und Professorin Helga Kämpf-Jansen 80 Jahre alt geworden. Vor ihrem Tod wollte sie noch ein Buchprojekt starten: Auf der Grundlage von Kafkas Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ wollte sie kunst- und textilpädagogisch sowie gestalterisch und fachwissenschaftlich interessierte Menschen darum bitten, ihre Assoziationen zum Odradek und ihrer beruflichen Tätigkeit auszudrücken. Nun hat Iris Kolhoff-Kahl die Idee aufgegriffen und umgesetzt. In Erinnerung an Helga Kämpf-Jansen haben 12 AutorInnen aus der Sicht von Alltag, Kunst und Wissenschaft pädagogisch, philosophisch oder alltagsästhetisch über Odradek nachgedacht, geschrieben oder sind künstlerisch tätig geworden. Mit Beiträgen von Iris Kolhoff-Kahl, Jutta Ströter-Bender, Katrin Lindemann, Ansgar Schnurr, Anna Kamneva, Andreas Brenne, Manfred Blohm, Ulla Kölzer-Winkhold, Marie-Luise Lange, Lara Schallenberg, Maren Thiele, Sybille Wiescholek