ODRADEK IM ALLTAG in:

Iris Kolhoff-Kahl (Ed.)

Odradek. Fetzen, Fussel, Fitzen, page 1 - 28

Alltags-, künstlerische und wissenschaftliche Annäherungen an das Phänomen des Odradeks in Kafkas Erzählung "Die Sorge des Hausvaters"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4496-4, ISBN online: 978-3-8288-7545-6, https://doi.org/10.5771/9783828875456-1

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 23

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 ODRADEK IM ALLTAG 3 Iris Kolhoff-Kahl Fusseltierchen in Friedenszeiten Fusselig erinnert … Vor etwa zehn Jahren fragte meine beste Herzensfreundin und künstlerisch kreativ forschende Helga, ob wir gemeinsam ein Buch zum „Odradek“ herausgeben, bis heute blieb es eine Idee. Nun, etwas verspätet, in Gedenken an ihren 80. Geburtstag, den sie am 4.10.2019 gefeiert hätte, wird das Projekt Wirklichkeit. Im Friedwald „Reinhardswald“ im März 2011 nahe der Sababurg nahm ich die Zwirnspule mit den nachschleifenden Fäden und Fetzen, namens Odradek, in Franz Kafkas Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ (1920) zum Anlass, Helga Kämpf-Jansens Denken und Forschen an ihrem Grab zu würdigen. Alles, was Helga im Alltag begegnete, konnte für sie zu einer Forschung, einer Idee, einer Frage werden bzw. zum ästhetisch fragenden „Staunen“ anregen, welches für sie Menschenbildung bedeutete. Neun Jahre nach ihrem Tod hat Paolo Bianchi in seinem Essay zum Phänomen des Staunens im „Kunstforum international“ Helgas kunstpädagogische Idee in einem treffenden Zitat zusammengefasst. „In einer ‚Schule des Staunens‘ sollten wir die Vorstellung eines ästhetisch forschendes Staunens praktizieren, das sich mit zwei wichtigen Aspekten verbindet: 1) Anlass des Staunens kann alles sein – eine Frage, ein Gedanke, eine Befindlichkeit; ein Gegenstand, eine Pflanze, ein Tier; ein Phänomen, ein Werk, eine fiktive oder authentische Person, eine Gegebenheit oder Situation; ein literarisches Thema, ein Begriff, ein Sprichwort u. a. m. 2) Die Fähigkeit zum Staunen ist allen Menschen möglich und innewohnend – dem Wissenden wie dem Unwissenden, dem Intelligenten wie dem Dummen, dem Experten wie dem Dilletanten.“ (Bianchi, 2019: 53) Anlässe dieses Staunens waren für Helga Kämpf-Jansen ästhetisch-gestalterische „Lebensmittel“ oder „Türen zum Wunderbaren“ (Bianchi, 2019) aufgeladen mit Bedeutungen, die uns „herumschubsen“, die uns verändern und die wir selbst transformieren können. So ging es uns beiden auch mit Odradek, einem fiktiv erschaffenen, personifizierten Ding in Kafkas Erzählung, eine kleine sternförmige Zwirnspule mit abgerissenen, aneinander geknoteten Zwirnen, Fetzen und Flusen und kleinen Beinchen, die ihm das Bewegen ermöglichen. Odradek führt als Ding ein starkes Eigenleben und er beeinflusst seine Mitbewohner, ob sie es wollen oder nicht. Wie oft haben Helga und ich über das Sinnbild Odradek gesprochen, den wir lieben und bewundern, weil er sich frei wie ein Kind im Haus bewegt und keinen festen Wohnsitz hat. Er spukt in unseren Übergangsräumen, im Unbewussten herum, auf Treppen und Fluren, Dachböden und Gängen. Seinen Wohnsitz nennt er „unbestimmt“. Er steht für unsere Ideen und Gedanken, die irritieren und inspirieren. Er taucht auf, wir versuchen, ihn in unseren Gesprächen zu fassen, aber er will sich nicht definieren lassen. Sobald wir glauben, ihn gepackt zu haben und ihn zu verstehen, lacht er auf und entschwindet. Auch sein Name ist nicht wirklich etymologisch herzuleiten. 4 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag Ähnlich ist auch Helga Kämpf-Jansens kunstpädagogisches Modell der „Ästhetischen Forschung“ angelegt. Lauter kleine Phänomene im Leben von Kindern, Jugendlichen, Schülern und Schülerinnen tauchen auf und verschwinden wieder, geben Anlass, zu forschen und Ästhetisches zu entdecken. Helga Kämpf-Jansen hat bewusst immer im Dazwischen, im Sinne von Hannah Arendts „Inter-esse“ gearbeitet. Es ging ihr um das Erkunden von Räumen, die es ermöglichen, einen neuen Blick auf die Welt zu werfen, aber dazu bedarf es anders als gewohnt zu sehen. Ihre „Ästhetische Forschung“ ist ein Suchen und ein Bemühen um das Kleine, das Alltägliche, das, was wir so schnell mit einem Blick beinah sträflich übersehen. Manchmal war Odradek in unseren Gesprächen ein Kind oder lernend Suchender, der sich nicht angepasst „erziehen“ lässt, sondern eigensinnig und kreativ seinen eigenen Weg geht und dem ein/-e gute/-r von der „Ästhetischen Forschung“ beeinflusste/r Lehrer/-in große Denk- und Handlungsräume einrichtet, wenn die Zwirnspule denn überhaupt bei ihm oder ihr einzieht. Für mich, Liebhaberin des Textilen, ist Odradek ein Objekt, in dessen Fäden sich Weiblichkeit, Klugheit und Handarbeit wie ein Lebensfaden verfangen haben. Vielleicht ist er ein Hauself, ein Fantasiewesen, ein kleiner Fussel, der uns aufmerksam macht auf das, was in der Alltagsrationalität übersehen wird. Er überlebt uns alle und verknotet unsere kollektiven Muster miteinander. Odradek sammelt die abgerissenen Fäden, die Lebensentwürfe, die Fragmente, die Flocken, unsere Sackgassen, die wir versuchen, zu fassen und zu verstehen. Mal gelingt uns ein Moment des Anknotens, mal verfilzen wir uns und die Vorstellung, was Leben und Tod ist, bleibt trotz aller Theorien immer vage, bis man selbst stirbt und andere wieder einen neuen Anfang anknoten, wie es die Autoren in diesem Buch versuchen, zu Helga Kämpf- Jansens „Ästhetischer Forschung in Alltag, Kunst und Wissenschaft“ erneut anzuknüpfen. Abb. 1: Christine Gross, „Die Sorge des Hausvaters“, 1970. 5 Iris Kolhoff-Kahl | Fusseltierchen in Friedenszeiten Odradek funktioniert nicht zweckmäßig. Vielleicht ist er auch eins von Helgas Fusseltierchen, die sie so gerne aus Spülbürsten entwarf, welche sich ein kleines „Fellchen“ aus Fetzen und Fusseln wachsen lassen als Schutz gegen die Härten der Welt und sich in kleinen Fusselrückzugsräumen in Kartons und Ecken einrichten und Unfug anrichten dürfen. Vielleicht bewirkt Odradek, wie Helga Kämpf-Jansen äußerte, als sie mal wieder die kleinen Tierchen, wie sie ihre Krankheit in unseren Gesprächen nannte, unter Kontrolle hatte und wunderschöne Stunden mit intensiver Lebensqualität verspürte: Ihr Worte lauteten: „Es ist mir wie das langsam anwachsende Gefühl einer schönen Befreiung.“ Und diese Befreiung möchte ich nun anhand von „Fusseltierchen in Friedenszeiten“ am Motiv des Kafkaesken Odradek ausarbeiten, an Helgas friedliche fantasievolle Fusseltierchenwelten erinnernd. Textile Fussel oder Fetzen wirken … Odradek ist ein Name, den Kafka nicht näher bestimmen will, ähnlich geht es den Wollmäusen oder Fusseln, die sich auf dem Boden unter dem Sofa oder Bett ansammeln. Es sind Flusen, die sich aus Textilien wie Laken, Decken, Teppichen, Betten, aber auch Haaren und Hautpartikeln lösen, mit Staub verbinden und zu beträchtlicher Dicke in jedem Haushalt tagtäglich anwachsen (vgl. Soentgen, 2016). Wollmäuse sind grau, erscheinen wie lebendige Wesen, weil sie mit jedem Lufthauch sich im Raum frei bewegen können. Sie bilden sich wie von selbst und beherbergen textile Archive des alltäglichen Lebens. „Es gibt regelrechte Staubatlanten, in denen alle Fasern und Haare, die in Wollmäusen und anderen Hausstaubproben theoretisch vorkommen, abgebildet sind.“ (ebd.: 25). Unter dem Mikroskop kann eine Wollmaus, ein Fussel mittlerweile auf seine Beschaffenheit (z. B. menschliche Haare, synthetische Fasern, Pflanzenfasern etc.) genauestens untersucht werden. Mit dem bloßen Auge ist die Wollmaus ein Fussel, ein kleiner Odradek wie bei Kafka, der jede unserer Hausbewegungen begleitet, den wir aufsaugen oder wegwischen oder aufheben können, den wir aber auch behüten und sammeln können, weil sie als Fussel im Dazwischen leben und oft sind es diese unscheinbaren abwesend anwesenden Dinge, die uns bedingen (vgl. Selle, 1986). Wasser sammelt sich in einer Vertiefung zur Pfütze, Haare sammeln sich im Duschabfluss, Staub oder Laub sammeln sich zu Flocken und Haufen, am Pullover bilden sich Wollfussel, im Bauchnabel sammeln sich Fussel und unter dem Fingernagel sammelt sich Schmutz an. Sammeln, auch von Wollmäusen, Fusseln und Fetzen, solches, was wir normalerweise wegwischen würden, wohnt eine sensible „Ästhetik des Bewahrens“ (Sommer, 1999: 17) inne. Der Sammler erkennt verbindende Muster unter den Dingen, beginnt sie zu sammeln und plötzlich treten Dinge auf, die zwar ähnlich, aber doch besonders sind. Sie sind eine Musterstörung und der Sammler fängt an, das Besondere unter den normalen Dingen bewusst zu suchen und zusammenzutragen. Es entsteht Schaulust, Anschauung oder auch Lust auf das erweiterte Begreifen, wie dem Fussel, dem Fetzen, dem, was wir eigentlich nicht wahrnehmen und doch wahrnehmen, aber meist als störend, nun aber als verstörend oder inspirierend begreifen zu vermögen. So kann, angelehnt an Juan Miró, ein Stückchen Faden, eine Wollmaus, ein Fetzen plötzlich eine Welt entstehen lassen oder eben auch Fusselwesen in einer künstlerisch fiktiven Welt. 6 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag … in Form von Fusselbildern, Fusseltierchen, Fusselskulpturen … mal friedlich Wie weiter oben erwähnt, ist es das Staunen, welches Menschen zu ungewohntem Wahrnehmen, Handeln oder Denken verleitet. Odradek, ein Fussel- und Fetzenwesen, beschäftigt nicht nur Kafkas Hausvater, sondern auch viele Künstler. Ist ein Ding, ein Objekt, ein Gegenstand nur dann Kunst, wenn es nicht bei den Flusen und Spinnen unterm Sofa herumlungert? Oder ist dieser Fussel, diese kleine Spule, das, was von alleine aus den Resten unseres Alltags entsteht, ein Störenfried, der Neues hervorbringen kann? Ein nachdenklich-argloser Blick für das, was scheinbar nicht wertvoll ist, weil es keinen sachlichen Wert versinnbildlicht, öffnet vielen Künstler/-innen die Möglichkeit, aus den armen Materialien, wie Fusseln, Staub oder Resten bzw. für das Vergessene, das Ärgerliche oder auch Störende, dem Schmutz und Rest, dem Dreck und dem Unvollkommenen ein neues Leben einzuhauchen, das umdenken lässt. Wäscheflusen aus dem Trockner, getrocknete Haare aus dem Abfluss, Hunde- oder Katzenhaare mit Staub vermengt, lösen nicht nur Abscheu und Ekel aus, sondern werden zum inspirierenden Material im künstlerischen Schaffensprozess. Im Laufe des 20. Jahrhunderts, verstärkt seit den 60er-Jahren, halten Materialien wie Fett, Filz, Fusseln, Fleisch, Federn, Haare, Blut, Staub, Leim, Schaum etc. Einzug in die Kunst, im Gegenzug zu „klassischen“ Materialien wie Marmor, Bronze oder Gips (vgl. Strässle, 2013). Sie sind das Vergängliche und stehen für das Veränderbare. Ein Fussel als Materialität ist nicht einfach „da, greifbar, sondern besetzt eine nicht explizit zu machende Stelle, ein ‚Abwesen‘, das sich zuweilen im ‚Zwischen‘ zusammenspielender oder konfligierender Stoffe abzeichnet oder aus ihm ‚herausbricht‘“ (Mersch, 2013: 28), wie bei Kafkas Odradek. Die Künstlerin Susanne Kassalitzky malt ihre Bilder nicht, sie klebt sie aus Fusseln und Fetzen aus Trocknern und Wohnecken. „An den Wänden hängen unverglaste Bilder, vorwiegend in grauen und braunen Farbtönen, die höchst ungewöhnliche Sujets zum Thema haben. Da stehen Menschen in einem Waschsalon und entleeren oder befüllen nummerierte Waschmaschinen, oder nackte Kleinkinder in expressiver Farbgebung springen den Betrachter regelrecht an. Die eigentliche Überraschung aber zeigt sich, wenn man näher rangeht. Dann kann man feststellen, dass hier keine Malerin mit Pinsel und Farbpalette am Werk war. Fussel bedecken die naturfarbene Leinwand und markieren helle, dunkle oder farbige Flecken, aus denen sich die Szenerie wie ein Flickenteppich zusammensetzt. Je näher man der Leinwand kommt, desto mehr löst sich die figürliche Darstellung wie bei einem Tarnanzug in schmutziggrau-braun-wei- ße Farbflecken auf, durchbrochen von roten, grünen oder blauen Flechten.“ (Scheiner, 2018) Veronika Olma verarbeitet die Flusen und Staubreste, die Trocknerfussel und Wollflusen zu greifbaren Fusseltierchen (siehe Abbildung 2) und im Sinne von Helga Kämpf-Jansens Theorie verbindet sie damit Unstetes, Schwankendes, Unsicheres, Inkohärentes, Widersprüchliches und Widerständiges. Sie verknüpft unsere Empfindungen von Lust und Unlust, unsere Wahrnehmungen von Wirklichem und Unwirklichem und fordert uns auf, unseren Denkakten völlig divergierende Zugänge zur Welt wie zu uns selbst einrichten zu müssen (vgl. Kämpf- Jansen, 2012: 141). Die fusseligen Trocknertierchen sind einerseits niedlich und friedlich, gleichzeitig aber auch aus Lebensresten zusammengefügt, sie zeugen von Überresten, dem Vergessenen, dem Morbiden. 7 Iris Kolhoff-Kahl | Fusseltierchen in Friedenszeiten … mal verstörend … wenn der Berliner Künstler Peter Rösel Flusen aus Hitlers Obersalzberg-Schreibtisch kratzt, der in der Kunstverwaltung des Bundes in Berlin steht. „Rösel scannte die Fussel, vergrößerte sie und fertigte daraus bedeutungsgeladene und sich bedrohlich krümmende Plastiken. Echt gruselig.“ (Danicke, 2013: 16) … immer aber fusselig, divers und paradox Fussel und Fetzen sind aufgeladen von Erinnerungen, manchmal bewusst, meist unbewusst – sie kommen wie Odradek aus den Ecken und Winkeln des Lebens heraus, friedlich und leicht kriechen sie flüchtig, ephemer in unser Unbewusstes. So wirken diese kleinen Fussel in die Zukunft, ohne Gewalt und dennoch beharrlich. Sie halten zusammen, indem sie vergänglich sind – ein wirksames Paradox. Helga Kämpf-Jansen formuliert es in ihrer Theorie so: „Die Rede vom ‚Verschwinden der Dinge‘, die eigentlich eher ihre Auflösungen und Übergänge in die virtuellen Welten der Bilder wie in die Diskurse meint, ist durchaus auch auf die konkreten Dinge selbst zu beziehen. Denn wenn jedes Ding zugleich es selbst und ein anderes sein kann, sind sie ständigen Veränderungen, Metamorphosen, Übergansformen unterworfen, die die ehemals fest fixierten dinglichen Gegebenheiten und ihre Funktionen immer wieder neu in Frage stellen. Sie sind sozusagen flüchtig, in flagranti, tauchen an immer anderen neuen Stellen im System der Waren-Dinge auf. Simulation, Spiel, Witz und Ironie verbinden sich mit ihnen. Doch so sehr die Dinge sich auch tarnen, uns zu täuschen Abb. 2: Veronika Olma, „Trocknertier Dolly“, 2016. 8 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag versuchen, so sehr ist auch unsere Wahrnehmung darauf eingestellt. Und dass sich ein ‚Enttarnen‘ oft durchaus mit Vergnügen verbindet, ist nur möglich vor dem Hintergrund gegebener Grunderfahren mit den Dingen.“ (Kämpf-Jansen, 2012: 27) Fussel fördern Friedenszeiten in ihrer innewohnenden Diversität und damit auch in unserem vergänglichen Leben. Odradek bietet uns Perspektiven, das Andere zu sehen, den blinden Flecken oder auch die scheinbaren Reste wertzuschätzen. „‚Wir sind alle aus lauter Flicken und Fetzen und so kunterbunt unförmlich zusammengestückt, daß jeder Lappen jeden Augenblick sein eigenes Spiel treibt. Und es findet sich ebensoviel Verschiedenheit zwischen uns und uns selber wie zwischen uns und anderen.‘“ (Montaigne in Kristeva, 1990: 131) Auch Odradek ist ein Querdenker der Alltagsmuster, ein kreatives Element, eine Perturbation (vgl. Kolhoff-Kahl, 2009) und er lässt sich nicht festhalten, er transformiert sich, agiert transversal, ermöglicht Blickwechsel und ist sehr taktil und dennoch veränderbar. Er ist im Sinne der Psychoanalyse Freuds heimlich und unheimlich zugleich, eine beunruhigende Fremdheit in der Dynamik des Unbewussten (vgl. Kristeva, 1990: 199), die Kafka in der Sorge des Hausvaters um sein Fusseltierchen Odradek nicht deutlicher hätte ausdrücken können. Er bleibt im Dazwischen, er verbindet Heimliches und Unheimliches zum friedlich kreativen, aber auch schmerzlich Fragenden: „Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.“ (Kafka in Raabe, 1970) Und mich schmerzt Helga Kämpf-Jansens Tod bis heute, aber ich spüre, dass sie wie Odradek weiter in mir wirkt – friedlich und fragend. Literatur Bianchi, P. (2019). Türen zum Wunderbaren. Kunstforum international, Bd. 259, April 2019, 46–63. Danicke, S. (2013). Zerfaserte Führerfussel. Art. Das Kunstmagazin, 35 (4). Kafka, F. (2019). Die Erzählungen. In R. Hermes (Hrsg.), Die Erzählungen (S. 343–344). Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch, erstmals erschienen in K. Wolff (1920), Ein Landarzt: kleine Erzählungen. München, Leipzig. Kämpf-Jansen, H. (2012). Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag, Kunst und Wissenschaft. Zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung. Marburg: Tectum. Kolhoff-Kahl, I. (2009). Ästhetische Muster-Bildungen. München: Kopaed. Kristeva, J. (1990). Fremde sind wir uns selbst. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Mersch, D. (2013). Erscheinung des ‚Un-Scheinbaren’. In T. Strässle, C. Kleinschmidt, J. Mohs (Hrsg.), Das Zusammenspiel der Materialien in den Künsten (S. 27–44). Bielefeld: Transcript. 9 Iris Kolhoff-Kahl | Fusseltierchen in Friedenszeiten Scheiner, M. (2018). Susanne Kassalitzky, Die Malerin und ihre Kunst aus Flusen. Zugriff am 19.3.2019 unter https://www.mittelbayerische.de/panorama-nachrichten/die-malerinund-ihre-kunst-aus-flusen-21934-art1618072.html. Selle, G., Boehe, J. (1986). Leben mit den schönen Dingen. Hamburg: Rowohlt. Soentgen, J. (2016). Geschichte einer Wollmaus. In V. von Gliszczynski, M. Suhrbier, E. Raabe (Hrsg.), Der rote Faden. Gedanken Spinnen Muster Bilden (S. 24–37). Bielefeld: Kerber. Sommer, M. (1999). Sammeln. Ein philosophischer Versuch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Strässle, T. (2013). Pluralis materialitatis. In T. Strässle, C. Kleinschmidt, J. Mohs (Hrsg.), Das Zusammenspiel der Materialien in den Künsten (S. 7–21). Bielefeld: transcript Verlag. Abbildung Abb. 1: Christine Gross, „Die Sorge des Hausvaters“, 1970. Abb. 2: Veronika Olma, „Trocknertier Dolly“, 2016. 11 Jutta Ströter-Bender Kobolde in Kriegszeiten Mädchenzeichnungen aus den Jahren 1939/40–1943 Ein Brief Liebe Helga, in den intensiven und guten Jahren, in denen wir im Kunstsilo der Universität Paderborn zusammengearbeitet, geprüft, uns ausgetauscht und gelacht haben, erwähntest Du nur einmal ganz beiläufig und zwischendurch in Deinem Büro die Jahre Deiner frühen Kindheit in einem Luftschutzbunker von Kassel. Mehr als drei Jahre hast Du als Kriegskind (geboren am 4.10.1939) dort immer wieder Stunden, Tage und Nächte während der Bombardierungen Deiner Heimatstadt verbracht. Kassel konnte sich damals noch einer der schönsten Altstädte Deutschlands rühmen, mit seinen Fachwerkensembles, verwinkelten Gassen und seiner Residenz. Die Stadt war aber auch eine der wichtigsten nationalsozialistischen Rüstungshochburgen. Sie galt seit 1940 als besonderes Angriffsziel der Alliierten. Nur wenige Tage nach Deinem 4. Geburtstag, an einem wolkenlosen Herbstabend des 22.10.1943, wurde Deine Heimatstadt innerhalb von 90 Minuten durch alliierte Flugverbände zu 97 % zerstört. Mehr als 400 000 Brandbomben wurden von ca. 500 Flugzeugen abgeworfen. So viele Menschen starben in dieser Nacht, an die 10 000 Bürgerinnen und Bürger, hinzu kamen die unzähligen Verletzen, dann das Leben zwischen Ruinen. Und was kam nach dem Kriegsende? Mit der Aufnahme des Schulbetriebes im Herbst 1945 begann auch Deine Grundschulzeit, das Spielen auf Trümmerhaufen, mit den Entbehrungen während des so genannten Hungerwinters 1946/47, und dann dem Hineinwachsen in eine Gesellschaft des Wiederaufbaus. Und diese Zugewandtheit in das Leben hinein, den Mut, in eine neue Zeit zu blicken und an ihr mitzugestalten, diesen hast Du Dir das ganze Leben lang erhalten. Mir ist dann erst später bewusst geworden, nachdem das Thema Kriegskindheit und seine Nachwirkungen in den unterschiedlichsten Biografien während der vergangenen Jahre virulent wurde (vgl. Bear u. Frick-Bear, 2018), wie sehr diese Ereignisse auch Deine pädagogische Konzeption der „Ästhetischen Forschung“, Deine Anliegen und Dein Wirken indirekt geprägt haben. Denn Du hast aus der Erfahrung der Zerstörung, der Not und des großen Mangels der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht nur die Erkenntnis mitgenommen, dass es wichtig und bedeutsam ist, von schönen und kunstvollen Dingen auch im Alltag umgeben zu sein, sondern, dass es auch notwendig ist, durch Kunst und Bildung, forschendes Denken und ästhetische Erfahrungen die Persönlichkeit von Kindern und jungen Menschen zu stärken, Selbstfindungsprozesse einzuleiten und kulturellen Reichtum zu erfahren. Das ist Dir hochschuldidaktisch, wie auch in der Schule, so viele Mal gelungen. 12 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag Mit Blick auf Deine Lieblingsgeschichte von Kafkas Odradek und die erlebte Kriegszeit im Luftschutzbunker ist Dir im Folgenden die Vorstellung mehrerer Mädchenzeichnungen (13–16 Jahre) aus den Kriegsjahren von 1940–1943 in Deutschland und Frankreich gewidmet. Kinder- und Jugendzeichnungen als historische Dokumente Die im Folgenden vorgestellten Mädchenzeichnungen aus den Kriegsjahren geben als historische Dokumente und Informationsträger exemplarische Eindrücke der Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung in Deutschland und Frankreich wieder. Sie greifen Szenen aus dem Luftschutzkeller auf. Sie setzen das Motiv der Kobolde und seiner Gefährten kritisch und sensibel in den zeitgenössischen Kontext von Lebensmittelknappheit, Hunger und Sorgen. Diese schulischen Arbeiten sind auf Papier mit den klassischen Schreib- und Schulmaterialien gestaltet (Blei- und Buntstifte, Wasserfarben) und in ihrer Einzigartigkeit authentischen Schriftstücken vergleichbar, oftmals changierend zwischen bildhaften Zeichen und Schrift. Einige von ihnen können wir mit gemalten Briefen vergleichen, in denen die noch jungen Autorinnen zu „Zeitzeuginnen“ werden und ihrer Generation eine Stimme verleihen. Sie sollen hier für viele „ihrer Generation stehen, gleichsam als Zeuge im Prozeß gegen die Bedingungen, unter denen alle Kinder (während des Zweiten Weltkrieges, Anmerkung der Verfasserin) heranwachsen müssen“ (Jouhy, 1976: 151). Die hier ausgewählten Zeichnungen verweisen als historische Quellen oder auch als „Manuskripte extremer Erfahrungen“ (vgl. Bibliothèque nationale de France, 2019) mit ihren Motivfindungen sowie durch ihre Gestaltungsweisen somit nicht nur auf individuelle Erfahrungen, sondern ebenso auf die Weltbilder, Geschlechterrollen und Vorstellungen ihrer Zeit. In verschiedenen Forschungszweigen wurde daher in allgemeiner Perspektive die Dimension von historischen Kinder- und Jugendzeichnungen als ein bedeutendes wie schützenswertes Kulturgut erkannt (vgl. Bering u. Ströter-Bender Drucklegung, 2020). Die folgenden fünf Darstellungen gehören zum Bestand von Schulmuseen, die insgesamt eine bedeutende Rolle in der Sammlung und dem Erhalt von Kinder- und Jugendzeichnungen einnehmen. Eine der Zeichnungen befindet sich in dem Archiv des Schulmuseums der Universität Erlangen-Nürnberg, die anderen im Bestand des Musée National de l’ Education, Rouen, Frankreich. Diese gehören zu der sogenannten Jouclard Sammlung, deren Entstehung durch die Kriegsereignisse in Frankreich bedingt wurde. Die französische Künstlerin und Kunstpädagogin Adrienne Jouclard (1882–1972) unterrichtete als Lehrerin der Stadt Paris seit 1907 Zeichnen an verschiedenen Mädchenschulen der Stadt, die wir mit den heutigen Berufskollegs vergleichen könnten. Hier bereiteten sich im Alter zwischen 14–16 Jahren junge Mädchen auf ihre Lehre vor, beispielsweise als Schneiderinnen und Modistinnen, was zugleich eine hohe Professionalität in der Ausbildung ihrer Zeichenkompetenzen verlangte. Jouclard verfügte als Künstlerin (Preis Rosa Bonheur 1914) über ein mehr als fundiertes formales Können im Zeichnen und Malen (vgl. Biographie d‘Adrienne Jouclard). Ihr Unterricht erfreute sich größter Anerkennung bei der Schuladministration wie bei ihren Schülerinnen (vgl. Gaulupeau u. Prost 2003: 18f.). Jouclard stand in den ersten Kriegsjahren bereits kurz vor dem Abschied aus dem Berufsleben (Herbst 1941), als sie sich entschied, mit ihren Schülerinnen in Zeichenaufgaben die Schrecken 13 Jutta Ströter-Bender | Kobolde in Kriegszeiten der deutschen Okkupation von Paris (22.6.1940 – 24.8.1944) für die Zivilbevölkerung festzuhalten und dann diese Arbeiten in Folge aufzubewahren (vgl. Gaulupeau; Prost, 2003: 18f.). Damit ging sie weit über die Anforderungen der Lehrpläne hinaus. Sie kommunizierte, wohl auch aus politischen Gründen, ihre Aufgabenstellungen vorsichtshalber nicht gegenüber der Schulleitung. Diese Vorgehensweise wird rückblickend als ein Akt des Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht gewertet (vgl. ebd.: 21f.). Mutig öffnete Jouclard somit ihren Unterricht für die Formulierung von konkreten Erfahrungen ihrer Schülerinnen in der Besatzungszeit und ließ sie dabei eigenständige Sehweisen durch ästhetisches Handeln entwerfen. Eine in der damaligen Zeit eher ungewöhnliche Vorgehensweise, deren Konzeption fast 50 Jahre später durch Helga Kämpf-Jansen für die Kunstpädagogik konkretisiert wurde (vgl. Kämpf-Jansen, 1998: 234). Die Sammlung teilt sich mit 287 Arbeiten, durchgängig Klassensätze, in fünf unterschiedliche inhaltliche Segmente auf. Jouclard überreichte ihre Sammlung im Jahre 1957 dem französischen Staat. Ein Teil dieser Zeichnungen gehört jetzt zu einem Konvolut von historischen Kinder- und Jugendzeichnungen, die im Sommer 2019 durch eine Initiative der Kunstakademie Düsseldorf und der Universität Paderborn unter dem Antragstitel „Childhood in Danger. Peace, War and Genocide“ zur Aufnahme in das UNESCO-Weltdokumentenerbe vorgeschlagen wurden (vgl. International Research And Archives Network). Darstellungen zum Aufenthalt im Luftschutzbunker Abb. 1: Sammlung der Künstlerin und Kunstpädagogin Adrienne Jouclard. Auf dem den Weg in den Luftschutzbunker. Signatur der Schülerin Lupoli C.S.A. (Alter ca. 14–16 Jahre), Herbst 1939/ Frühjahr 1940, Zeichenpapier, Gouache, 16,2 × 24,7 cm, Musée National de l’Education, Rouen, Inventarnummer: 1979.09325.1 14 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag Das Motiv „Aufenthalt im Luftschutzbunker“ findet sich in Kinder- und Jugendzeichnungen der 40er-Jahre eher selten. Daher sind Werke zu dieser Thematik aus der französischen Jouclard-Sammlung umso bedeutsamer, weil hier die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung festgehalten werden und somit, über die nationalen Grenzen hinaus, einen tiefer gehenden Einblick in die Nöte und Ängste ihrer Zeit ermöglichen. Die Pariser Schülerin C. Lupoli hat die bedrückende Szene des Luftschutzalarms, des Eilens und Herabsteigens von einigen Hausbewohnern in den Luftschutzkeller festgehalten. Es handelt sich hier um einen Alarm aus den Monaten vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris (1939/1940). In subtiler Farbnuancierung wird die düstere Atmosphäre eines breiten und großen Flurs sichtbar, dessen Raumebenen in den Keller führen. Hier interessiert die Darstellung eines kleinen Jungen mit seiner Mutter, die im Vordergrund dargestellt sind. Die Mutter hat bereits eine Gasmaske aufgesetzt, das Kind wird fast von ihr gezogen. Es hält, wie die anderen Personen auch, in der Hand einen so genannten Henkelmann, einen Blechbehälter, in dem zubereiteter Proviant für die Zeit während des Aufenthaltes im Luftschutzkeller vorbereitet ist. Was machten dann aber in den folgenden Jahren in Deutschland die Frauen und Männer während des Ausharrens in den Luftschutzbunkern mit ihren Kindern, wenn nicht gerade der direkte Angriff erfolgte und dann oft gebetet oder sich schützend über die Kinder gelegt wurde? Wie wurden die Kinder in den großen Menschengruppen ruhig gehalten, abgelenkt? Was mag hier Helga Kämpf-Jansen als Kind erlebt haben? In der Regel waren für den Aufenthalt im Luftschutzbunker Taschen mit wichtigen Habseligkeiten und Unterlagen gepackt, falls nach Ende der Angriffe die Wohnung ausgebombt sein sollte. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich in diesen Taschen auch Spiele, Hefte oder Kinderbücher befanden, um den Jüngeren die zermürbenden Stunden des Wartens und Bangens zu vertreiben und wenigstens teilweise erträglich zu machen. So ist beispielsweise von der Cecilienschule, einer Realschule für Mädchen in Saarbrücken, bekannt, dass die ganze Schule bei Fliegeralarm im nahen Bunker Schutz suchte und die Lehrerinnen den Unterricht fortsetzten, allein schon, um ihren Schülerinnen etwas vom vertrauten Alltag weiterzugeben und die Zeit zu nutzen. In der Sammlung der Zeitzeugenberichte zur Bombardierung von Kassel im Oktober 1943 werden auch Erinnerungen an Geburtstagsfeiern für Kinder mit Geburtstagskuchen im Luftschutzkeller erwähnt (vgl. Siemon, 2018: 8). Eine andere Zeitzeugin aus Kassel schreibt: „Ab September 1943 wurden die Angriffe häufiger, wir verbrachten manche Stunde im Keller und auch nachmittags war so oft Fliegeralarm, dass wir Kinder uns nicht mehr vom Hof wegbewegen durften. So manches Mal sind wir mit Spielsachen, Puppenwagen und Roller im Keller gelandet. So auch am 22. Oktober.… Als nach einer Zeit das Entwarnungssignal zu hören war, ließen wir die Spielsachen im Keller zurück. Nach dem Abendbrot gingen wir wie immer, völlig bekleidet für einen nächtlichen Aufenthalt im Luftschutzkeller, zu Bett. Inzwischen hatten wir Routine. Bei Alarm raus aus den Federn, rein in die Schuhe, noch einen Mantel geschnappt, die Tasche mit den wichtigsten Papieren, ich meinen Teddy und nichts wie in den Keller. So auch an diesem Abend.“ (Siemon, 2018: 54) 15 Jutta Ströter-Bender | Kobolde in Kriegszeiten Einen weiteren, allerdings mehr als bestürzenden Hinweis zum Spielen von Kindern und Erwachsenen im Bunker, entdecken wir in der Biographie von Hitlers Sekretärin Traudl Junge, die die letzten Tage im Führerbunker in Berlin, Ende April 1945, schildert und darin auch die Spielaktionen für die sechs Kinder von Joseph und Magda Goebbels beschreibt, bevor diese von ihren eigenen Eltern (vor deren Suizid) ermordet wurden (vgl. Junge, 2004: 199). Eine der ebenso seltenen Darstellungen, in der das Spielen während einer der zermürbenden Wartesituationen im Zweiten Weltkrieg, in einem bunkerähnlichen Raum, vermutlich in einem Bahnhofsbereich gezeigt wird, gehört gleichfalls zu dem Segment der Jouclard-Sammlung. Es handelt sich hier um eine Warteszene im Kontext der Rückkehr in das von den Deutschen besetzte Paris, nach der Massenflucht im Juni 1939, an einer der Grenzlinien zwischen der Vichy-Region und dem freien Frankreich. Abb. 2: Sammlung der Künstlerin und Kunstpädagogin Adrienne Jouclard. Deutsche Besetzung von Frankreich. Warten in einem Schutzraum / Bahnhof an der Demarkationslinie: Rückkehr nach Paris nach der Flucht. Sommer 1940, Schülerin (Name unbekannt), 14–16 Jahre, Zeichenpapier, Gouache 24,5 × 16 cm, Musée National de l’Education, Rouen, Inventarnummer: 1929.9329.1 16 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag In hoher malerischer Qualität, anteilnehmender Beobachtung und sensibler Ausformulierung werden in einer Art malerischem Fleckenteppich unterschiedliche Szenen des Wartens von Müttern und ihren Kindern geschildert. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich hier um den Rückblick auf eigenes Erleben handelt. Mittig und ganz unten im Vordergrund vertreiben sich zwei kleine Kinder die Zeit mit einem Kartenspiel. Weiter oben werden zwei Dienstpersonen von Müttern umringt und um Auskunft gebeten, wobei die Tür verschlossen ist. Diese Situation der Unsicherheit, das Warten, Bangen, Vergehen der Zeit haben unzählige Kinder und ihre Familien jener Jahre erlebt, sodass auch bei dieser Zeichnung von einem universellen Zeitdokument mit hoher Bedeutung gesprochen werden kann. Zwerge und Kobolde in der Zeitschrift „Deutsche Kinderwelt“ Im Deutschland der Kriegsjahre erschien monatlich die Zeitschrift „Deutsche Kinderwelt. Eine Kinderzeitschrift für Spiel und Spaß, Freude und Kameradschaft“. Mit kleinen Märchen, Gedichten, Rätseln, Ausmalbildern und fast durchgängig farbig illustriert, erreichte dieses Blatt im Stil eines ansprechenden Schulheftes breite Schichten. Die Texte entsprachen dem nationalsozialistischen Konzept des Deutschtums, wozu auch der Rückgriff auf bekannte Märchenmotive gehörte, häufig in Verbindung mit Zwergen, Kobolden und beseelten Objekten (z. B. laufende Gegenstände wie Hefte und Tafeln). Die Titelblätter waren im zeitgenössischen Layout ansprechend und mit zahlreichen Illustrationen gestaltet. Diese hier verbreitete Kinderästhetik entfaltete eine spezifische Breitenwirkung. Wir können davon ausgehen, dass diese beliebten Hefte auch im Bunker betrachtet, gelesen und ausgetauscht wurden. Kinderzeichnungen aus den frühen 40er- Jahren zeigen, wie stark die Ästhetik dieser Hefte und ihre Motive studiert, formal auswendig gelernt und in eigenen Zeichnungen aufgenommen wurden, so auch die kleinen Kobolde und Zwerge, die auf zahlreichen Seiten der Zeitschrift zu finden sind und ein populäres wie dekoratives Element zwischen den Textpassagen darstellen. Möglicherweise hat Helga Kämpf-Jansen diese Kinderlektüre wie auch andere Bilderbücher mit ähnlichen Illustrationen angeschaut, sich vielleicht auch während ihrer Bunkeraufenthalte für die vielen kleinen Wesen und imaginären Gestalten begeistert. Wir wissen es nicht, aber Kobolde und Zwerge gehören zu einem auffallenden und wiederkehrenden Motiv in Mädchenzeichnungen während der Kriegsjahre. Abb. 3: Titelblatt „Deutsche Kinderwelt. Eine Kinderzeitschrift für Spiel und Spass, Freude und Kameradschaft“, Leipzig. Juni 1943, Privatbesitz. 17 Jutta Ströter-Bender | Kobolde in Kriegszeiten So zeigt beispielweise das Titelblatt dieser Kinderzeitschrift (Juli 1943) im oberen Drittel das Standardmotiv der Zeitschrift. Von Glockenblumen links und rechts umrahmt, lesen ein Junge und Mädchen begeistert ein Heft, umgeben von einem Zwergenpaar und einem Häschen. Eine rosa Wolke, vor einem gelb leuchtenden Himmel, umgibt die idyllische und friedvolle Kinderszene. Im unteren Zweidrittel des Covers werden fröhliche Themen aus der Ferienzeit vorgestellt. Sie entfalten sich in einem beliebten Kompositionsschema dieser Zeit, das an eine Jahreszeitenuhr erinnert und in zahlreichen Kinder- und Schulillustrationen verwendet wurde. Lebendig und ansprechend bewegen sie sich um einen roten Kreis im Zentrum des Titelblattes, in dem wiederum ein fröhlicher Junge in Wanderkleidung ein kleines Mädchen mit Sonnenhut und Blumen an die Hand nimmt. Unter dem Banner Ferien Freuden! wird das beliebte Zwergenmotiv erneut aufgegriffen. Ein lustiger Zwergenjunge führt eine Reihe mit schulischen Objekten, Heften, einer Rechenmaschine und einer Tafel an, die ihm – wie kleine Kobolde – mit Gesicht und Beinen folgen. Endlich habe ich Ruhe! ist auf der kleinen Tafel notiert. Kaum ist es zu glauben, dass diese lustigen und lebendigen Kinderszenen, so auch wie hier, mit Strand- und Bauernhofidyllen im Juli 1943 verbreitet wurden, in einer Zeit, in der viele Kinder schon vom Luftkrieg tangiert wurden, ihre Heimat verloren hatten, ihre gefallenen Väter beklagen mussten oder deportiert waren. Helfende Hauskobolde Die Förderung der häuslichen Tugenden und das Handarbeiten gehörten im Besonderen zur Erziehung eines „deutschen Mädchens“ in der NS-Zeit. Während für Jungen im Kunstunterricht eher militärische Themen wie das Zeichnen von Waffen und Kriegsszenen befürwortet wurden, zählten zu den großen „Mädchenthemen“ auch Motive der fürsorglichen, täglichen Hausarbeit, der Lebensmittelbeschaffung und der Handarbeit, wobei hier jedoch auch Traditionen aus der klassischen Mädchenerziehung eine Fortsetzung fanden (vgl. Kurz, 2018: 215). Eine Zeichnung von Christa Bausch aus dem unbekannten schulischen Kontext einer 8. Klasse, (damals in umgekehrter Reihenfolge gezählt als 3. Klasse), stellt in präziser Gestaltung das damals verbreitete und beliebte Motiv eines Handarbeitskörbchens mit Nähwerkzeugen im erzählerischen Querformat dar. Wie auch auf dem Titelblatt der „Deutschen Kinderwelt“ hat das vermutliche 13–14 jährige Mädchen in idyllischer und romantisierender Weise die Objekte verwandelt und als kleine helfende Hauskobolde beseelt. Scheren reichen sich als kleine Personen die Hand. Zwirnrolle, Nadeln, Metermaß, Nadelkissen und Spule bewegen sich mit Beinen und Ärmchen um das fein modellierte Körbchen im fröhlichen Reigen. Ihre Köpfe sind ausdifferenziert gestaltet, mit modischer Frisur, Zöpfen, Mützen, Zylinder und Kopftuch. Bei diesen helfenden Hausgeistern werden populäre Bildtraditionen aus Grußkarten, Kinderbüchern und Märchenillustrationen aufgegriffen. Hier hat das häufig in Kinderstuben wie Schulen erzählte Kunstmärchen der Kölner Heinzelmännchen (Ernst Weyden, 1826) seine Spuren hinterlassen (vgl. Heinzelmännchen Köln). Zugleich werden bei der szenischen Umsetzung dieses Blattes Erinnerungen an jene helfenden Hausgeister aus den Märchen der Gebrüder Grimm wach, die fleißigen Mädchen zur Seite stehen, wie beispielsweise einem armen Mädchen (und einer zukünftigen Prinzessin) in dem Märchen „Spindel, Weberschiffchen und Nadel“: 18 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag „Die Spindel sprang ihm augenblicklich aus der Hand und zur Türe hinaus; und als es vor Verwunderung aufstand und ihr nachblickte, so sah es, dass sie lustig in das Feld hineintanzte und einen glänzenden goldenen Faden hinter sich herzog. Nicht lange, so war sie ihm aus den Augen entschwunden. Das Mädchen, da es keine Spindel mehr hatte, nahm das Weberschiffchen in die Hand, setzte sich an den Webstuhl und fing an zu weben. Die Spindel aber tanzte immer weiter, und eben als der Faden zu Ende war, hatte sie den Königssohn erreicht. „Was sehe ich?“ rief er, „die Spindel will mir wohl den Weg zeigen?“ drehte sein Pferd um und ritt an dem goldenen Faden zurück.“ (Grimm u. Grimm, 1843) Die harmonische, zarte Mädchenzeichnung hat jedoch zwei Seiten und wird in eindrucksvoller Weise zum Zeitdokument der späten Kriegsjahre, wenn ihre Rückseite betrachtet wird. In Zeiten der Materialknappheit wurden in der Schule auch Rückseiten amtlicher Nachrichtenblätter im Kunstunterricht genutzt, wie hier ein mit der Schreibmaschine vervielfältigtes Blatt mit einem Aufruf vom 9.3.1943 in Stuttgart, wo es um eine Sammlung für die Kriegskameraden an der Front geht. Diese Seite ist jedoch mit blauem Buntstift, mit heftiger Strichführung, durchgestrichen (von der Schülerin oder der Lehrperson?). Zwerge und Kobolde in Paris, Januar 1941 Zwerge, Kobolde und Hausgeister finden sich auch in den Werken der Jouclard-Schülerinnen in Frankreich wieder, wobei hier jedoch schon freiere und von Filmen beeinflusste Bildfindungen eine Rolle spielen. Insgesamt kann bei den vorliegenden Darstellungen von selbstbewussten und mutigeren Interpretationsformen ausgegangen werden, ein möglicher Verweis auf eine freiere Mädchenerziehung als unter der rigiden nationalsozialistischen Erziehung in Deutschland überhaupt denkbar war. Abb. 4: Vorderseite, Kobolde mit Strickzeug, Christa Bausch (Klasse 3c / heute 8. Klasse), 1943, Bunt- und Bleistiftzeichnung auf Papier, DinA4, Archiv des Schulmuseums der Universität Erlangen-Nürnberg, Inventarnummer 5.8.1./64/14 Abb. 5: Rückseite der Schulzeichnung Kobolde mit Strickzeug, DinA4, Amtsaufruf zur Kriegssammlung, 9.3.1943 Archiv des Schulmuseums der Universität Erlangen-Nürnberg, Inventarnummer 5.8.1./64/14 19 Jutta Ströter-Bender | Kobolde in Kriegszeiten In Anbetracht der dramatischen Ereignisse, die sich in Paris abspielten, hatte Adrienne Jouclard ihren Schülerinnen aus der Rue de Patay im Januar 1941 zusätzliche Hausaufgaben mit der Bitte erteilt, den Alltag ihrer Mütter in Zeiten der Lebensmittelknappheit zu malen (vgl. Gaulupeau u. Prost, 2003). Im eisigen Winter des Jahres 1940/41 wurden die Beschränkungen der Lebensmittel, aber auch die von Hygieneartikeln immer strenger. 50, ganz individuelle Arbeiten entstanden dazu von Seiten der Schülerinnen. Ihr beschnittenes kleines Format war der Papierknappheit geschuldet. Auf einigen dieser Bilder tauchen im häuslichen Universum die Zwerge und Kobolde auf, deren Darstellungen zur Ausformulierung von Wünschen und Imaginationen wie auch zu einer Kritik am Zeitgeschehen genutzt wurden. In diesem Kontext gilt das Bild „Traum einer Hausfrau“ von Odette Raymont (14–16 Jahre) als herausragend. Im Stil eines Kinoplakates konzipiert, zeigt die Komposition eine schlafende Frau, die Mutter des Mädchens, in ihrem Bett. Sanft auf ein Kopfkissen gebettet, erinnert sie an ein müdes Schneewittchen und es ist davon auszugehen, dass Odette Raymond hier im Aufbau und Farbgestaltung eine Szene aus dem Walt Disney Film „Schneewittchen“ (Blanche Neige / uraufgeführt in Paris 1938) aufgegriffen hat. Oberhalb der Mutter ist in roter Druckschrift ausgeführt „Rève d’une Ménagere en Janvier 41“. Im Vordergrund des Bildes tanzen und tummeln sich Zwerge und kleinere Nutztiere (potenzielle Fleischlieferanten) auf der Bettdecke. Die guten und zauberkräftigen Geister bringen der erschöpften Mutter in Not, sozusagen als Wächter des Haushaltes, mit fröhlichem Zauber, tanzend und rufend die ersehnten Gaben für ihre Familie. Es ist eine Vielzahl von Lebensmitteln, die sich hier im Traumgeschehen zeigt. Die Zwerge halten diese in den Händen und verkünden mit Sprechblasen, was sie bereithalten: Seife, Schinken, Zucker, Butter, Kuchen und Öl. In der Mitte der Bettdecke Abb. 6: Sammlung der Kunstpädagogin Adrienne Jouclard. Der Traum einer Hausfrau, Odette Raymont (14–16 Jahre), Januar 1941, Zeichenpapier, Gouache, 24 x 32 cm, Musée National de l’Education, Rouen, Inventarnummer: 1979.09289.28 20 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag werden Kohlesäcke aufgereiht. Aus dem Mund der schlafenden Mutter kommt ein Seufzen: Wie ein Omelette machen? Die ganzen Bilddetails sind sorgfältig ausgemalt, farbig subtil aufeinander abgestimmt und umrahmt. Das Werk enthält einen immensen erzählerischen Reichtum und einen intensiven Blick für die Details. Es entsteht ein eindrucksvoller Tanz von Traumelementen, deren Choreografie durch die Hausgeister bestimmt wird. Liebe, Anteilnahme und Fürsorge zeigen sich hier im Blick auf die Mutter und geben aus der historischen Perspektive einer Jugendlichen einen wichtigen Kommentar zu deren sorgenvollem Alltag in Zeiten des Mangels. Ihre Klassenkamaradin Jeanine Lagarrigue hat mit der Darstellung der Lebensmittelrationierungen einen anderen, weitaus weniger romantisierenden Zugang gewählt, der aber ebenso eine imaginäre Filmszene wiedergeben könnte. Im Zentrum ihres querformatigen Bildes steht ein sorgfältig gedeckter Tisch mit blau-weiß karierter Decke, kleinen, leeren Tellern für vier Personen, mit einer halb gefüllten Schüssel und einem Brot. Es ist der schonungslose Blick auf die Mangelsituation einer Familie. Links und rechts, in den oberen Bildecken, sehen wir eine Metzgerei und ein Milchgeschäft, an den Türen die Schilder „geschlossen“. Oben und unterhalb des Tisches umrahmen fächerartig Lebensmittelkarten die Szene mit den Nahrungsmittelangaben: Fleisch, Fett, Brot, Käse, Kartoffeln. Um den Tisch herum entfaltet sich ein koboldartiger Tanz, es sind hier lebendig gewordene Lebensmittelkarten mit ihren Rationierungsangaben. Sie hüpfen mit dünnen Armen hin und her, schwenken ihre Beinchen; ihre Köpfe gleichen Kleiderhaken oder Fragezeichen. Dieser Tanz hat nichts Freundliches oder Gewinnendes wie in den beiden vorab beschriebenen Zeichnungen. Hier wirken die koboldähnlichen Lebensmittelkarten bösartig und frech. Sie umringen, umzingeln und umtanzen die ratlose Mutter, mit ihrer leeren Einkaufstasche jeweils links und rechts vor den Eingängen der verschlossenen Geschäfte dargestellt, und scheinen sie zu verhöhnen. Sie ist kaum größer als diese tanzenden Karten, deren Bedeutung übermächtig wird. Zwiespältige Wesen Die Kobolde und Hausgeister in den vorgestellten Mädchenzeichnungen der Kriegsjahre bewegen sich in den häuslichen Bereichen, sie dokumentieren und verkörpern wie in den Zeichnungen der Jouclard-Sammlung die Sorgen des Alltags in dieser schweren Zeit. Bemerkens- Abb. 7: Sammlung der Kunstpädagogin Adrienne Jouclard. Der Tanz der Lebensmittelmarken, Jeanine Lagarrigue (14–16 Jahre), Januar 1941, Zeichenpapier, Gouache, ca. 16 × 24 cm, Musée National de l’Education, Rouen 21 Jutta Ströter-Bender | Kobolde in Kriegszeiten wert erscheint, dass dieses eher kindliche Motivspektrum der Wesen über die Altersphase hinaus, fast regressiv, in die Jugendzeit mithineingenommen wird. Zwar unterstützen die kleinen Wesen gute Bestrebungen und fleißige Bemühungen. Sie sind lieb, lustig und freundlich, so in der Buntstiftzeichnung von Christa Bausch. Aber sie erscheinen auch zwiespältig, frech und höhnisch wie in der Darstellung von Jeanine Lagarrigue und formulieren somit fast surreal die alltäglichen Abgründe dieser Mangel- und Hungerjahre, welche sich hier nur noch mit Motiven einer imaginären Zwischenwelt ausdrücken lassen. Zugleich erscheinen die Zwerge und Kobolde auch als humorvolle Bildelemente, welche in schwierigen Situationen und konkreten Notzeiten (ähnlich wie in den Märchen) mit Magie und Zauber die Situationen zum Guten wenden können und Räume zu einer fantasievollen Welt des Wünschens öffnen. Sie geben somit, wie in dem Werk von Odette Raymond, einen tiefgründigen Kommentar zu den Sehnsüchten der Kriegsgeneration ab. Diese Mädchenzeichnungen erweisen sich somit als wichtige historische Dokumente, welche Einblicke in die Geschichte des Faches Kunstpädagogik ermöglichen. Sie geben Hinweise auf nationale Traditionen wie auch auf die Biografien engagierter Kunstpädagog/-innen, so von Adrienne Jouclard. Zum Abschluss Als Kollegin und in direkter Umgebung habe ich die große Wirksamkeit von Helga Kämpf- Jansens „Ästhetischer Forschung“ erleben dürfen, die dadurch gemachten Erfahrungen haben Generationen von Kunstpädagog/-innen für ihre berufliche Laufbahn bereichert und damit weiterführend die ihnen anvertrauten Heranwachsenden. Im Kontext ihrer biografischen Erfahrungen von Kriegszeit, entbehrungsreicher Nachkriegszeit und Wiederaufbau hat Helga Kämpf-Jansen ein kunstpädagogisches Methodenspektrum formuliert, welches bis heute die nachfolgenden Generationen in tiefgreifender Weise berühren und verändern kann. Wenn noch einmal an das Bild des Kobolds gedacht wird, so lebt er versteckt als widerständiger, lebendiger Geist in ihrem Konzept weiter. Literatur Baer, U., Frick-Baer, G. (2018). Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft (5. Aufl.). Weinheim, Basel: Beltz. Baer, U., Frick-Baer, G. (2010). Wie Traumata in die nächste Generation wirken: Untersuchungen, Erfahrungen, therapeutische Hilfen. Neukirchen-Vluyn: Semnos. Bering, K., Ströter-Bender, J. (2020). Blicke auf die Welt. Bildgestaltungen von Kindern und Jugendlichen – Historische Dokumente aus der Sammlung von Arbeiten aus dem Kunstunterricht im Archiv der Kunstakademie Düsseldorf. Mit Beiträgen von Rolf Niehoff und Joachim Littke, ca. 250 Seiten, 150 Farbabb., Text deutsch/englisch (im Druck). Bibliothèque nationale de France. Manuscrits de l’extrême. Prison, passion, péril, possession. Zugriff am 16.6.2019 unter https://www.bnf.fr/fr/agenda/manuscrits-de-lextreme. ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag 22 Biographie d’Adrienne Jouclard. Zugriff am 16.6.2019 unter http://adrienne-jouclard.org/ crbst_1.html. Gaulupeau, Y., Prost, A. (2003). Dessins d’exode. Paris: Tallandier éditions. Grimm, J., Grimm, W. (1843). Spindel, Webschiffchen und Nadel. Zugriff am 16.6.2019 unter https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/spindel_weberschiffchen_und_nadel. Heinzelmännchen Köln (o. J.). Heinzelmännchen Märchen. Zugriff am 16.6.2019 unter http:// www.heinzelmaennchen.koeln/heinzelmaennchen-maerchen/. Heusinger von Waldegg, J. (2016). Signaturen der Moderne. Zeichen – Schrift – Kontext. Karlsruhe: Ernest Rathenau. International Research And Archives Network. Children’s and young people’s drawings. Historical documents of war and peace. Zugriff am 16.6.2019 unter https://internationalarchives.net/de/. Jouhy, E. (1976). Das programmierte Ich. Frankfurt a. M.: Syndikat. Junge, T. (2004). Bis zur letzten Stunde: Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben (2. Aufl.). Berlin: List. Kämpf-Jansen, H. (2004). Ästhetische Forschung. Köln: Salon. Kämpf-Jansen, H. (1998). Von der Last kunstpädagogischer Wirklichkeit und der Lust einer Kunstpädagogik von morgen. In H. Richter, A. Sievert-Staudte (Hrsg.), Eine Tulpe ist eine Tulpe ist eine Tulpe. Frauen, Kunst und Neue Medien (S. 221–246). Königstein/ Taunus: Ulrike Helmer. Kurz, J. (2018). Missbrauchter Frieden – Mädchenzeichnungen aus der Zeit des Nationalsozialismus. In J. Ströter-Bender (Hrsg.), Friedens-Kunst. Eine Textsammlung. Mit Beiträgen von Wolfgang Bender, Kunibert Bering, Larissa Eikermann, Ilona Glade, Juliane Kurz, Neslihan Pisginoglu, Marcel Robischon, Kerstin Stoffels, Jan Stollmeier (S. 211–218). Baden-Baden: Tectum. Siemon, T. (2018). Trümmer, Tod und Tränen. Überlebensberichte aus der Kasseler Bombennacht 1943. Kassel: Wartberg. Ströter-Bender, J., Wiegelmann-Bals, A. (Hrsg.) (2017). Historische und aktuelle Kinderzeichnungen. Eine Forschungswerkstatt. Marburg: Tectum. Abbildung Abb. 1–2: © Réseau-Canopé – Le Musée national de l’Education, Rouen Abb. 3: Foto © Jutta Ströter-Bender Abb. 4–5: © Archiv des Schulmuseums der Universität Erlangen-Nürnberg Abb. 6–7: © Réseau-Canopé – Le Musée national de l’Education, Rouen 23 Katrin Lindemann Der Fussel – eine Annäherung Klein, rund, oval, knubbelig, wurstförmig, ausgefranst – und immer an Orten, an denen man ihn am wenigsten vermutet: Der Fussel. Ähnlich dem Odradek nimmt er vielfältige Formen an, besteht aus einer schier unendlichen Variation an Materialien und löst doch immer ein ähnliches menschliches Gefühl aus: Irritation. Das Wesen des Fussels Doch nähern wir uns dem Fussel erst einmal auf etymologische Weise. Der Duden schreibt „Fus sel, die oder der; Substantiv, feminin, oder Substantiv, maskulin“ und zu seiner Bedeutung: „[Woll]fädchen oder Faserstückchen, das sich auf Kleidung, Stoffen o. Ä. absetzt“ (2019). Informationen zur Wortherkunft finden wir im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache: „Fussel f. ‚losgelöstes Fädchen, Härchen‘. Etymologischer Zusammenhang mit bedeutungsnaher Faser (s. d.) ist anzunehmen. Vgl. als landschaftliche Varianten frühnhd. visel, nhd. (südd.) Fisel, Fissel, (nordd.) Fusel, Fussel ‚abgelöstes Fädchen, Faser, Franse‘ […]“ (Pfeifer, 1993). Auch im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Verfasser der Kinder- und Hausmärchen, ist zu lesen: „FUSSEL, f. kleines abgelöstes fädchen eines zeuges, es mag noch an diesem sein oder völlig abgelöst an etwas anderem, namentlich auf einem kleidungsstück hangen“ (1854–1961: Bd. 4, Sp. 964). Entgegen seiner frühen Beschreibung als Fädchen, Härchen oder Faserstück wird heute der Begriff Fussel für eine weitaus breitere Form eines textilen Störfaktors genutzt. So gehören heute zur Synonymgruppe des Fussels: Knötchen (auf Textilien, z.B. Pullover), Pilling, Wollknötchen, Miezel (ugs., regional), Möppchen (ugs., regional) und Wollmaus (vgl. Pfeifer, 1993). Pilling, die vornehmliche Entstehungsart des Fussels, beschreibt das Loslösen kleiner Stofffasern aus dem Gewebe oder Gewirk durch Reibung oder Abschaben des Textils (siehe Abbildung 1). Diese Stofffasern bündeln sich an den beanspruchten Stellen zu kleinen unerwünschten Kügelchen bzw. Faserknötchen (vgl. Hofer, 1994: 335; Lösch, 1975: 328). Heute werden diese Begriffe, auch wenn sie ursprünglich unterschiedliche Faserbündel beschrieben, gleichbedeutend benutzt. Daher ist der Fussel im heutigen Sprachgebrauch zwar eindeutig, seine Form wiederum – ähnlich dem Odradek im Verlauf seiner Existenz – wandelbar. Der Fussel ist überall Insbesondere Wollpullover, Schals und Socken sind prädestinierte Ziele der kleinen Knötchen. Mal groß Abb. 1: Pillingbildung bei einem Pullover aus Polyamid, Viskose und Wolle. Detailaufnahme 24 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag und länglich wie eine kleine Rolle zwischen Ärmel und Rumpf in der Achselfalte oder am beanspruchten Socken; mal klein und rund wie ein Stecknadelkopf, am Bauch, der zu oft gerieben wurde. Und immer ruft er das Gefühl beim Träger auf, das Knötchen könne man doch schnell abziehen, abzupfen, wegschnipsen, abfummeln, abdrehen oder abklopfen. Doch einmal abgezupft, taucht der Fussel aufgrund seiner Beschaffenheit immer wieder von Neuem auf – unabhängig vom Material, wie Wolle, Baumwolle oder synthetische Fasern – und lässt seinen Träger verzweifelnd zurück auf der Suche nach einem fusselfreien Kleidungsstück. Zu den Fusseln oder Pills, wie sie auch genannt werden, schreibt Alfons Hofer: „Die Pills bei Geweben oder Maschenwaren aus Synthetics […] lassen sich nicht mehr ohne weiteres entfernen, denn die Festigkeit der Synthetics ist sehr viel höher als die der Wolle, und diese Festigkeit setzt dem Ablösen der Pills einen starken Widerstand entgegen“ (1992: 294). Zupfen, Schneiden oder Rasieren? Mit der Frage, wie man die Fussel wieder los wird, beschäftigen sich nicht nur Textilwissenschaftler. Josef Lösch schrieb bereits 1975 dazu: „Die durch Pillingbildung entstandenen unansehnlichen Stellen (Knötchen) können entweder mit der Nagelschere oder einem Scherkopf vom Trockenrasierer vorsichtig abgeschnitten, aber nicht ausgezogen werden“ (1975: 328). Heute findet man in jedem Drogeriemarkt eine schier unendliche Auswahl an Hilfsmitteln. So gibt es den Fusselrasierer, die weit verbreitete Fusselbürste, eine Fusselrolle, Waschbälle mit Widerhaken und ganz neu – eine Fusselkugel die durch eine klebrige Innenkugel sämtliche Flusen und Fussel festhält. Denn – wer hätte es gedacht? – auch in der Handtasche trollen sich allerhand Fussel, die entfernt werden müssen. Im Internet wiederum beschreiben sogenannte Fashion-Hacks die besten Tricks, um Fussel von der Kleidung zu entfernen (Cascino, 2017). Denn löst sich der Fussel einmal von seinem Ursprungsort, findet man ihn an kaum vorstellbaren Orten. Ein beherzter Griff in die Hosentasche der Jeans macht deutlich, dass sich die kleinen Knäule nicht nur AUF, sondern auch IN der Kleidung verstecken. Fussel im Comic Problematisch wird es, wenn der geliebte Wollpullover mit den Fusseln am Ärmel in die Waschmaschine gerät. So berichtet der Comic von Christiane Bach über die Diskriminierung, der Wollfussel ausgesetzt sind. Ihr Fusselcomic „100% Diskriminierung“ zeigt zwei Fussel (siehe Abbildung 2). Während der Wollfussel nach dem 90° C Waschgang in der Waschmaschine rund und voll geworden ist, beleidigt ihn das dünne Faserfädchen aus Baumwolle mit den Worten „Du bist aber fett geworden?!“ und beschreibt damit eine Situation, die wohl jeder Waschanfänger schon einmal erlebt hat. Fussel im Bauchnabel Noch spezieller wird es jedoch bei Graham Barker (vgl. Schmidt, 2016: 15). Der Australier kam auf die Idee, seine Bauchnabelfussel zu sammeln und kam damit sogar in das „Guinness-Buch der Rekorde“ (Bauchnabelvergleich, o. J.). Er begann am 17.1.1984 mit seiner Sammlung und sortierte die Fussel 26 Jahre lang in chronologisch und farblich geordneten Glasbehältnissen. 25 Katrin Lindemann | Der Fussel – eine Annäherung Sammeln als urmenschliche Verhaltensweise beginnt als ästhetische Praxis bereits in der Kindheit (vgl. Kekeritz, Schmidt u. Brenne, 2016). Kinder sammeln, ordnen und präsentieren willkürlich Dinge. Dabei muss es sich bei diesen Dingen jedoch nicht zwangsläufig um Objekte von hohem Wert handeln, vielmehr können es auch einfache Materialien, besondere Formen oder „Absonderliches, Kurioses oder gar Abstoßendes“ sein (Kekeritz et al., 2016: 6). Dies scheint sich für Barker ebenfalls zu bewahrheiten. Denn auch für Erwachsene gilt, dass es kaum etwas gibt, das nicht sammlungsfähig ist. Häufig wird dabei jedoch ein bestimmter Wert formuliert, der im Austausch mit anderen Sammlern steigt. Tatsächlich weckte die Aufnahme in das Guinness-Buch der Rekorde das Interesse eines Museums, das von Barker die Fusselgläser für seine Sammlung erwarb. Durch die Aufnahme in die Museumssammlung erhielten die Fussel einen bestimmten Wert und wurden damit zu einem kulturellen Erbe. Als kulturelles Erbe werden menschliche Kulturgüter und Produkte menschlichen Tuns beschrieben, die es wert sind, gesammelt und aufbewahrt zu werden. Sie werden zum „Gedächtnis der Geschichte“ (BMBF, o. J.). Für diese neue Bewertung als Sammlungsobjekt innerhalb eines musealen Kontextes entwickelte Krysztof Pomian (1988) den Objektbegriff Semiophoren (Pomian, 1988). Den Fusseln wird in dem Museum eine Zeichenhaftigkeit eingeschrieben, die erst durch den musealen Kontext deutlich wird. Auch wenn also der materialimmanente Aussagewert der Bauchnabelfussel eher gering ausfällt, so wird die Sicherung der Fussel als Rekord innerhalb des Guinness-Buch-Wettbewerbs doch zu einem Teil des kulturellen Gedächtnisses und Erbes. Denn „vormals gering geschätzte Sammelgebiete [werden] zu einem Teil der öffentlichen Kultur und letztendlich dadurch museumsfähig“ (Kekeritz et al., 2016: 6). Die Fussel übernehmen als Funktion in der Sammlung die Kommunikation, mit der sie zum einen in Kontakt mit dem restlichen Museumsbestand treten und zum anderen mit dem Betrachter kommunizieren, der sie als Teil der Sammlung wahrnimmt. Die Bedeutungsebene des Objekts, in diesem Fall die der Fussel, hat sich damit zu einem Kultur- und Kommunikationsphänomen erweitert und wird zu einem Semiophor. Abb. 2: Christiane Bach, Fussel-Comic „100% Diskriminierung“. 26 ODRADEK. Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag Dass das Museum mit seiner Anerkennung gar nicht mal so falsch lag, zeigte 2002 auch die Verleihung des Ig-Nobelpreises für Interdisziplinäre Forschung an Karl Kruszelnicki von der Universität Sydney, Australien. Er erforschte, woher diese Fusseln im Bauchnabel kommen (Maack, 2009). Anders als Faserfussel bestehen Fussel in Bauchnabeln „aus Staub, Körperhaaren, Körperzellen sowie aus den Fasern unserer Kleidung.“ (T-Online, 2012) Wie Kruszelnicki belegen konnte, wandern die Fussel an den Haaren entlang nach oben in den Bauchnabel – ein Grund dafür, weshalb Männer mehr Fusseln in ihren Bauchnäbeln haben als Frauen (siehe Abbildung 3). Je mehr Behaarung also rund um den Bauchnabel vorhanden ist, desto mehr Fasern werden von der darüber liegenden Kleidung, wie Unterwäsche oder Shirts, abgerieben. Die Fasern verbinden sich mit den losen Härchen und abgestorbenen Hautpartikeln und werden zu Fusseln, die sich im Bauchnabel sammeln („reibende Zugkraft“). „Wenn ihr also das nächste Mal einen wurstförmigen Fussel in eurem Bauchnabel findet, denkt nicht etwa daran, dass ihr endlich mal wieder duschen solltet, sondern an das kulturelle Erbe, das ihr in euren Händen haltet.“ Abb. 3: Fussel im Bauchnabel 27 Katrin Lindemann | Der Fussel – eine Annäherung Literatur Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (o. J.). Kulturelles Erbe und Forschungsmuseen Berlin. Zugriff am 26.8.19 unter https://www.bmbf.de/de/kulturelleserbe-und-forschungsmuseen-746.html. Cascino, C. (2017). Fashion-Hacks: Die besten Tricks, um Fussel von der Kleidung zu entfernen! Zugriff am 30.7.19 unter https://www.gofeminin.de/styling-tipps/fussel-von-kleidung-entfernen-s2422010.html. Der Bauchnabelvergleich (o. J.). 26 Jahre Bauchnabelfusseln gesammelt. Zugriff am 30.7.19 unter http://www.bauchnabelvergleich.de/index.php/berichte-infos/medien/184-26-jahrebauchnabel-flussen-flusseln-gesammelt. Duden-Online (2019). Fussel. Zugriff am 29.8.19 unter https://www.duden.de/rechtschreibung/Fussel. Grimm, J. und W. (1854–1961). Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 4. Leipzig: Hirzel. Hofer, A. (1992). Stoffe. Textilrohstoffe, Garne, Effekte, Bd. 1 (7. Aufl.). Frankfurt a. M.: Deutscher Fachverlag. Hofer, A. (1994). Stoffe. Bindungen, Gewebemusterung, Veredlung. Band 2 (7. Auflage). Frankfurt a. M.: Deutscher Fachverlag. Kekeritz, M., Schmidt, B., Brenne, A. (Hrsg.) (2016). Vom Sammeln, Ordnen und Präsentieren. Ein interdisziplinärer Blick auf eine anthropologische Konstante. München: Kopaed. Lösch, J. (1975). Fachwörterbuch Textil. 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Fetzen, Fussel, Fitzen | Odradek im Alltag Abbildung Abb. 1: Foto © Katrin Lindemann Abb. 2: © Christiane Bach (https://nerd-pub.de/stuff/fussel-comic-1-100-diskriminierung/) Abb. 3: © Jurriaan (https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Navel_lint?uselang= d e# /media/File:Navelpluis.jpg)

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References

Abstract

In October 2019, the art teacher, artist and professor Helga Kämpf-Jansen would have celebrated her 80th birthday. Before she died, she had thought about starting another book project: On the basis of Kafka’s story ‘The Cares of a Family Man’, she had wanted to ask people interested in art and textile education as well as design to express their associations with Odradek and their profession. Iris Kolhoff-Kahl has seized the idea and realised the book project. In remembrance of Helga Kämpf-Jansen, 12 authors have thought or written about Odradek, or they have become artistically active. With contributions by Iris Kolhoff-Kahl, Jutta Ströter-Bender, Katrin Lindemann, Ansgar Schnurr, Anna Kamneva, Andreas Brenne, Manfred Blohm, Ulla Kölzer-Winkhold, Marie-Luise Lange, Lara Schallenberg, Maren Thiele, Sybille Wiescholek

Zusammenfassung

Im Oktober 2019 wäre die Kunstpädagogin, Künstlerin und Professorin Helga Kämpf-Jansen 80 Jahre alt geworden. Vor ihrem Tod wollte sie noch ein Buchprojekt starten: Auf der Grundlage von Kafkas Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ wollte sie kunst- und textilpädagogisch sowie gestalterisch und fachwissenschaftlich interessierte Menschen darum bitten, ihre Assoziationen zum Odradek und ihrer beruflichen Tätigkeit auszudrücken. Nun hat Iris Kolhoff-Kahl die Idee aufgegriffen und umgesetzt. In Erinnerung an Helga Kämpf-Jansen haben 12 AutorInnen aus der Sicht von Alltag, Kunst und Wissenschaft pädagogisch, philosophisch oder alltagsästhetisch über Odradek nachgedacht, geschrieben oder sind künstlerisch tätig geworden. Mit Beiträgen von Iris Kolhoff-Kahl, Jutta Ströter-Bender, Katrin Lindemann, Ansgar Schnurr, Anna Kamneva, Andreas Brenne, Manfred Blohm, Ulla Kölzer-Winkhold, Marie-Luise Lange, Lara Schallenberg, Maren Thiele, Sybille Wiescholek