4. Kapitel: Inklusion als Leitbild auf dem Weg zu einer Gesellschaft mit den Armen in:

Roland Mierzwa

Ethische Perspektiven der Inklusion, page 55 - 58

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4506-0, ISBN online: 978-3-8288-7544-9, https://doi.org/10.5771/9783828875449-55

Tectum, Baden-Baden
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Inklusion als Leitbild auf dem Weg zu einer Gesellschaft mit den Armen24 Der erste Schritt zu dem in Anschlag bringen des Inklusionsansatzes bei den Armen ist da zu finden, wo erkannt wird, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Behinderung und Armut gibt. „Durch Unterernährung, Umweltverschmutzung, mangelhafte vor- und nachgeburtliche Betreuung von Müttern, mangelnde Impfungen, Infektionskrankheiten und Wasserverschmutzung“ (Felder/Schneiders, 2016, 72) kommt es verstärkt zu Behinderungen. Inklusionsarbeit wäre also präventiv über die Armutsbekämpfung zu leisten. Ein Inklusionsansatz, der nicht entschieden darauf schaut, wie Armut vermieden wird, wie Armut ausgerottet wird, der zeigt auch kein wirkliches Interesse behindertem Leben zur Seite zu stehen (vgl. als Beispiel hierfür Mierzwa, 2017 und 2018b mit den Ausführungen zur „Vorrangigen Option für die Armen“ und zur „Inklusion“ zugleich). Schließlich ist zusätzlich zu sehen, dass Menschen mit Behinderungen nach wie vor ein höheres Armutsrisiko haben als Menschen ohne Behinderungen (vgl. Mogge-Grotjahn, 2016, 144). Deswegen wird Inklusion und die „Option für die Armen“ so zusammenzudenken sein, damit Inklusion zu so viel Teilhabe beiträgt, dass die Armutsphänomene aus dem Leben mit Behinderung verschwinden. Es gibt Menschen, bei denen Ungleichheitsrisiken, Diskriminierungen und Exklusionsmechanismen wechselseitig verschränkt/verwoben sind – etwa bei einer „Frau türkischer Herkunft mit Behinderung“ (vgl. dies., 146). Darauf müsste Inklusion eine Antwort in Würde und Respekt finden. Hier können Modelle wie die „Claudius-Höfe“ in Bochum eine Antwort liefern (vgl. dies., 153–155). 4. Kapitel: 24 Dieser Abschnitt versteht sich auch ein wenig als Antwort auf die Kurzrezension von Mierzwa (2017) in der Theologischen Revue (6/2019, Sp. 525f.). 55 Dann aber werden mit dem erweiterten Inklusionsgedanken die Gesellschaft und die christliche Gemeinde zu einer nachhaltig im Sinne der Armen handelnden Gemeinde und Gesellschaft. Über den Inklusionsgedanken finden wir sehr stark zu einer wertschätzenden Anerkennung der „Armen“ (vgl. Jähnichen, 2018, 467) und es wird achtsamer und aufmerksamer und mit einer größeren Nah-Beziehung auf die Verletzungen und Verstümmelungen der „Armen“ infolge von „Armut“ eingegangen, infolgedessen eine Schwachheit und Gebrochenheit besteht (vgl. Coenen-Marx, 2017, 269). Arbeitslose machen Erfahrungen der Missachtung, Demütigung, Verachtung sowie der Scham unter Ausgrenzungs- und Exklusionsprozessen in der Gesellschaft (vgl. Mierzwa, 2018b, 1–22), so dass hier ein großes Bedürfnis nach Teilhabe, Zugehörigkeit und Integration besteht. Mit der Sozialkirche, der Werkstattkirche und den Vesperkirchen (vgl. Mierzwa, 2020a, 91–102) werden hier gute Erfahrungen gesammelt. Den Weg der Inklusion zu gehen, das bedeutet „mentale“ Barrieren gegenüber z.B. Alkoholikern, körperlich und geistig Behinderten, HIV-Positiven, ehemals Strafgefangenen, Wohnungslosen etc. abzubauen. Und man wird sich eingestehen müssen, dass es neben Momenten der Freude, auch viele anstrengende Momente gibt. Inklusion braucht Geduld und Ausdauer und auch ein wenig Glück (vgl. Pfeiffer, 2017, 43–64). Mit dem Weiterdenken der „Vorrangigen Option für die Armen“ über die „Option für die Anderen“ (nach E. Lévinas) hin zu einer „Option für die Exkludierten“ entsteht hier ein besonderer Handlungsspielraum, entsteht eine neue Verantwortlichkeit, ist man bereit an die „Lebensorte“ zu gehen (vgl. Schäper, 2014, 60). Inklusionsanstrengungen im Horizont von „Menschenwürde“ stehen vor dem Hintergrund subjektiver Erfahrungen und Befindlichkeiten aus dem Leben „in“ und „mit“ Hartz IV in der Gesellschaft noch am Anfang. Das macht eine Studie deutlich (vgl. Denkfabrik – Forum für Menschen am Rande. Sozialunternehmen NEUE ARBEIT gGmbH, 2019). Die Inklusionsanstrengungen müssen sich besonders verwundeten und verwundbaren Schicksalen stellen und darf nicht nur die „guten Risiken“ im Blick haben (vgl. Becker, 2015, 57). Die Inklusionsanstrengungen müssen einen Ausweg zeigen aus einer Wirtschaft, die auf Stärke, Effizienz und Leistung ausgerichtet ist. Inklusionsanstrengungen werden einen Ausweg aus der Bevormundung aufzeigen helfen 4. Kapitel: Inklusion als Leitbild auf dem Weg zu einer Gesellschaft mit den Armen 56 müssen und einen Weg zu einer gewissen Autonomie von Hartz IV- Beziehern*innen anbahnen müssen. Aber letztlich werden die Inklusionsanstrengungen nur gelingen, wenn man aus einer gewaltfreien Kommunikation zum Verstehen der Hartz IV-Lebenslage gelangt. Wenn Inklusionsanstrengungen verschränkt mit einer „Option für die Exkludierten“ sich dynamisieren, dann wird sich die Interaktion der „kirchlichen“ Vertreterinnen verändern, dann wird der „Raum“, der bisher im Blick der Gemeinde war, sich weiten und verändern, dann wird unser „Verhältnis“ zu allen Mit-Menschen sich wandeln, dann werden „Situationsdefinitionen“ neu werden, dann wird unsere „Sensibilität“ eine ganz andere sein, dann wird „Diakonie“ eventuell sehr stark im Mittelpunkt von dem Selbstverständnis von Kirche, Religion und Theologie stehen (vgl. Schäper, 2014, 64–65). Ein Beitrag von Gert Pickel (2018) zeigt noch, dass die Inklusionsorientierung noch nicht im Zentrum „christlich sozialer Orientierung“ steht. Inklusion steht im Dienst einer solidarischen Haltung indem mittels Inklusionsbemühungen Klassengrenzen zu Behinderten überwunden werden, Grenzziehungen zu der konkurrierenden Marktklasse der Behinderten zurückgelassen werden und Ausschlüsse gegenüber der nationalen Staatsbürgerklasse der Behinderten aufgegeben werden. Unter der Inklusion beziehen sich alle Menschen aufeinander, „um die Erfahrung des Gemeinsamen zu machen“ (Lessenich, 2019, 101). Mit der Inklusion macht man nun die Erfahrung, „dass sich auch gesellschaftliche Dominanzbeziehungen überwinden lassen“ (ders.). Mit einer solidarischen Inklusion ist die Vorstellung verbunden, „dass auch mächtige und privilegierte Menschen sich von Dominanzkulturen distanzieren können“. Mittels einer Inklusionsorientierung vermögen sich „die Marktmächtigen und Staatsbürgerschaftprivilegierten im solidarischen Handeln von ihrem sozialen Dominanzanspruch“ (ders.) emanzipieren. Über Inklusion wird man also radikal solidarisch, weil man die in der Marktgesellschaft herrschenden Statuskonkurrenzen überwindet sowie die Exklusionsstrukturen der Staatsbürgergesellschaft aufbricht und im Grunde die ruinöse „Differenz“, in der sich die (bürgerliche) Gesellschaft zu den Behinderten (und anderen) befindet, auflöst (vgl. hier ders., 104). Damit hat die (solidarische) Inklusion immer auch einen Gegenüber, der diesen transformativen Prozess der Inklusion zu verhindern sowie zu behindern versucht. Insofern wird Inklusi- 4. Kapitel: Inklusion als Leitbild auf dem Weg zu einer Gesellschaft mit den Armen 57 on zu einem gewissen Sinne kämpferisch sein müssen (vgl. hierzu auch Becker, 2015). Soll das Paradigma der Inklusion etwas verändern, so wird sie Widerstände zu überwinden haben. Der radikale Inklusionsansatz stellt die herrschende Verteilungsordnung und Berechtigungsordnung bei Beziehungen usw. in Frage, „was entsprechende Widerstände derjenigen provoziert, die unter gegebenen Bedingungen das Privileg der Berechtigung genießen“ (vgl. das Zitat bei: Lessenich, 2019, 105). Das sind nicht nur die (vermeintlich) Leistungsstarken, die das gesellschaftliche Produktivvermögen für sich monopolisieren und in einer demokratischen Demokratie bei der Entscheidungshoheit über den gesellschaftlichen Produktionsprozess etwas „abgeben“ beziehungsweise „teilen“ müssten. Es sind auch diejenigen, die aus ihrer bürgerlichen Gleichgültigkeit gegenüber behindertem Leben sich herausbewegen müssten25. Und es sind die Vielen, die, in einer untergeordneten Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie, nicht für ein „gerechtes Recht“ für die Behinderten im Staat im Horizont der Menschenrechte eintreten. Man kann – im Begriff von Lessenich (vgl. ders., 2019, 106) – „die neofaschistische Rechte“ auch als Gegner einer radikalen Inklusion betrachten. 25 Die zunehmende (gemeingefährliche) Gleichgültigkeit in der Gesellschaft thematisiert Sittler (2018, 221ff.). 4. Kapitel: Inklusion als Leitbild auf dem Weg zu einer Gesellschaft mit den Armen 58

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Abstract

This study intimately examines the ethical aspects of inclusivity in order to help committed Christian volunteers charged with supervising its implementation by offering a theological perspective on this matter. The book explicitly identifies empathy as the basis of substantial ethical efforts to achieve inclusivity. Through its comprehensive overview of attempts to implement inclusivity in various subsystems, some of which have been tested in the field or are based on experience, the study reveals the consequences of an ethically oriented form of inclusivity in practice. Its concluding chapter interlinks the focus on inclusivity with the ‘preferential option for poor people’ and the ‘option for those that are excluded’, which can pose a challenge to churches and Christian communities.

Zusammenfassung

Diese Untersuchung schaut bei den ethischen Aspekten der Inklusion noch einmal ganz genau hin. Mit einer Schnittstelle zu theologischen Perspektiven will sie christlich Engagierten eine Hilfestellung bei der Betreuung sein. Der Aspekt der Empathie wird ausdrücklich als Fundament ethisch gehaltvoller Inklusionsanstrengungen ausgewiesen. Mit einer umfassenden Übersicht – zum Teil praxis- und erfahrungserprobt – über Inklusionsanstrengungen in verschiedenen Teilsystemen werden die Konsequenzen einer ethisch orientierten Inklusionspraxis entfaltet. Ein abschließendes Kapitel verschränkt die Inklusionsorientierung mit der „Vorrangigen Option für die Armen“ und der „Option für die Exkludierten“. Das kann Kirchen und christliche Gemeinschaften herausfordern.