3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion in:

Roland Mierzwa

Ethische Perspektiven der Inklusion, page 35 - 54

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4506-0, ISBN online: 978-3-8288-7544-9, https://doi.org/10.5771/9783828875449-35

Tectum, Baden-Baden
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Teilbereiche der Inklusion19 Da die Gegenwartsgesellschaft sich als eine (funktional) ausdifferenzierte Gesellschaft mit unterschiedlichen Teilsystemen darstellt, ist Inklusion als Einbeziehung in die Gesellschaft stets mehrdimensional zu denken, „als eine Art Mehrfach-Inklusion in verschiedene Aspekte des Lebens (gleichzeitig), die sich über unterschiedliche Rollen des Individuums verwirklicht, zum Beispiel als Schüler_in, als Konsument_in oder Erwerbstätige_r, als Elternteil, Sportfan, Bürger_in u.s.w.“ (Wansing, 2015, 47). Kita, Kindergarten und Krippe Solidarität mit den besonders herausfordernden Kindern in der Kita, den Krippen und Kindergärten, das bedeutet zunächst einmal „die Perspektive des Kindes einzunehmen“ (Wolters, 2014, 54), dann aber auch „die Einrichtung und die Pädagogik mit neuen Augen zu sehen“ (dies.). „Es muss neu über eine Lernumgebung nachgedacht werden, die auch unter erschwerten Bedingungen zu Selbstständigkeit verhilft. Neben der neuen pädagogischen Haltung ist eine gute Versorgung der Kinder mit Brille, Prothese, Schiene oder Hörgeräten parallel dazu genauso wichtig. Und stets muss überlegt werden, was wann seinen Platz hat“ (Daniela Kobelt Neuhaus in: dies., 54). Im Kitabereich, so wird festgestellt, gelingt Inklusion am ehesten, weil da kein Leistungsdruck und keine Angst ist (vgl. dies., 62). Eigen-Sinn und Solidarität nehmen, das macht das Motto „Starkes Ich und starkes Wir“ eines Berliner Kinderladens deutlich, einen erheblichen Stellenwert bei der Inklusionsarbeit ein (vgl. dies., 62). 3. Kapitel: 3.1. 19 Zusammengesetzt und überarbeitet aus Mierzwa (2017, 248ff.) und Mierzwa (2018b, 89ff.) 35 Bildungssystem Ein inklusives Bildungssystem muss nach Katarina Tomasevskis vier Aspekten gerecht werden: availibility (Verfügbarkeit), accessibility (Zugänglichkeit), acceptability (Akzeptierbarkeit) und adaptibility (Anpassungsfähigkeit). Was bedeutet das? „Verfügbarkeit heißt: Bildung muss als allgemeines Gut allen Kindern verfügbar sein; Bildung in separierten Einrichtungen widerspricht dem Gleichheitsgebot. Zugänglichkeit bedeutet: Bildungseinrichtungen müssen für alle erschwinglich sein, barrierefrei und wohnortnah sein. Akzeptierbarkeit meint: Kinder haben das Recht auf Teilhabe am gleichen Curriculum. Das ist nur möglich in einem Umfeld der fortgeschrittenen Pädagogik und Methodik. Außerdem bezieht der Begriff notwendige und angemessene Ressourcen mit ein. Anpassungsfähigkeit bedeutet: Die Schule orientiert sich an den Lebenslagen und den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder. ‚Welcome diversity‘ räumt in der inklusiven Bildung den Kindern das Recht auf Verschiedenheit ein“ (Workshop 10 in: Angermüller/Buckel/Rodrian-Pfennig (Red.), 2012, 186). Das inklusive Bildungssystem, das sich an diesem 4A-Schema orientiert und zu dem sich Deutschland in der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet hat, ist, breitflächig betrachtet, noch nicht in Sicht (vgl. Workshop 10 in: Angermüller/Buckel/Rodrian-Pfennig (Red.), 2012, 186; Wolters, 2014, 67; A. Schäfer, 2015). Es gibt zwar hier und da eine inklusive Klasse (vgl. Wolters, 2014, 68f.) bzw. gelegentlich einen inklusiven Schulversuch (vgl. dies., 70, 82ff.), aber systematische Anstrengungen sind nicht in Sicht. Das dreigliedrige Schulsystem ist für sich genommen auch eher selektiv als inklusiv (vgl. dies., 84). Die erforderlichen Strukturen eines inklusiven Bildungssystems sind noch lange nicht aufgebaut, Teilhabe ist noch lange nicht sichergestellt (vgl. dies., 67). „Die praktische Umsetzung des Inklusionsgedankens leidet (…) arg unter dem Sparzwang“ (dies., 68). So fällt der sonderpädagogische Förderbedarf häufig dem Vertretungspool zum Opfer (vgl. dies., 77). Oder Ämter streiten sich um die Finanzierung einer Schreibassistenz (vgl. dies., 87). Viele Lehrer sind mit Blick auf die Inklusionsherausforderung von ihrer Kompetenz her stark überfordert. Auch findet sich nicht flächendeckend in den Schulen die zur Inklusion notwendige Haltung. „Inklusive Schule bedeutet Mensch- 3.2. 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 36 lichkeit (…)“(Workshop 10 in: Angermüller/Buckel/Rodrian-Pfennig (Red.), 2012, 187). So ist Inklusion nicht ohne eine wertschätzende Haltung möglich sowie die Fähigkeit zu einer Beziehungsarbeit (vgl. Wolters, 2014, 94). Formale Prozedere bei der Antragstellung für Hilfsmittel verhindert zuweilen eine optimale Versorgung (vgl. dies., 91f.). Mit dem Focus auf inklusive Bildung sollte auch der Zugang zu Gebärdensprache und Braille sichergestellt sein und in dieser Technik kompetente Lehrer/-innen bereitstehen (vgl. Degener, 2015a, 162). Welche Maßnahmen sind in absehbarer Zukunft durchzuführen, damit mehr Inklusion gelingt? 1) „Parallelangebote“ sind abzubauen. 2) Ein Abschulungsverbot muss sich durchsetzen; d.h. einmal angenommene Kinder dürfen nicht wieder abgegeben werden. 3) Die Lehrer/-innen-aus- und -fortbildung in Richtung einer inklusiven Pädagogik ist voranzutreiben. 4) Dann sollte man die „Tür zumachen“. D.h. es soll keine Neuaufnahme an Förder- und Sonderschulen stattfinden. 5) Schulen sollen sich einer Überprüfung ihrer Haltung unterziehen. 6) Ein Bundesschulgesetz, das Inklusion festschreibt, muss kommen. 7) „Die Herzen öffnen“ – durch Aufklärungsarbeit, Gespräche gegen die Angst usw. 8) Ein Dialogprozess ist zu beginnen – also gemeinsames Erkunden, ein gemeinsames Austauschen über Werte und innere Bilder, dies alles mit offenem Ausgang, aber enthierarchisiert und heterogen. (Workshop 10 in: Angermüller/Buckel/Rodrian-Pfennig (Red.), 2012, 188ff.). Es werden erste Erfahrungen gesammelt, dass Kinder und Jugendliche mit Körper-, Seh- und Hörbehinderung sowie Lernschwierigkeiten Unterstützung durch digitale Medien erfahren. Aber es wird ganz deutlich auch gesagt (vgl. Christine Lindner), dass der Rückgriff auf digitale Medien für Menschen mit Behinderung nicht nur mit dem Ziel erfolgen sollte, um das Lernen zu optimieren – auch das Spiel sollte möglich sein (vgl. tjfbg gGmbH, Berlin, o.D.)20. Allerdings sollte an dieser Stelle auch die Frage aufgeworfen werden, was die Strahlung bei WLAN-Angeboten etc. mit Menschen mit Behinderung macht/ 20 Vgl. https://www.tjfbg.de/fileadmin/tjfbg/user_upload/aktuelles/2018/Digitale_Me dien_im_inklusiven_Einsatz.pdf abgerufen am 26.03.2020 3.2. Bildungssystem 37 machen könnte. Können dadurch schon geschwächte Immunsysteme zusätzlichen Schaden erleiden (vgl. Pfluger, 2020)21? Freizeitbereich Freizeit trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei; Freizeit ist ein Spiegelbild der Lebensqualität. Es gibt eine Vielzahl von Erschwernissen für behinderte Mitbürger, um eine gute Freizeitkultur leben zu können. Hobbys und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten bleiben z.B. für geistig behinderte Menschen oft nur Träume (vgl. Markowetz, 2006, 55). Weil die Freizeitgestaltung weniger ein geselliges Moment aufweist, erfahren (geistig) behinderte Mit-Menschen Langeweile (vgl. ders.). Aber dass es auch bei geistig behinderten Menschen Freizeitbedürfnisse gibt, das unterscheidet sie hierbei eigentlich nicht von nicht-behinderten Menschen. „Einschränkungen der Bewegung, der Mobilität und der Kommunikation wirken sich besonders auf das Freizeitverhalten behinderter Menschen aus“ (Markowetz, 2006, 56). Hier ist unter anderem ein Abbau von Barrieren/Schranken im Kopf gefordert, „damit sie in gleichem Umfang wie nicht behinderte Menschen auch ihren Freizeitbedürfnissen nachkommen können“ – zum Beispiel die Möglichkeit der Teilnahme eines jungen Erwachsenen mit Down-Syndrom an einem Rockkonzert „mit einer Cola“, weil man ihn nicht mehr als „lebenslanges Kind“ (vgl. ders., 60) betrachtet. Frei aus dem Freizeitangebot tatsächlich wählen zu können und ein aktives Subjekt im Freizeitbereich sein zu können ist Ausdruck von Inklusion (vgl. ders., 58). Das wird nur möglich, wenn die Städte immer mehr zur „Stadt für Alle“ (ders., 61) werden und den Bedürfnissen der behinderten Mit-Bürger*innen bei der Freizeitinfrastruktur entgegenkommt. Im Freizeitbereich gibt es noch wenig Inklusionsangebote, u.a. weil sich zu wenige das Zusammenkommen allein aus Freude an Spiel und 3.3. 21 Ich zitiere diese Quelle auch mit dem Wissen und der Abgrenzung von dem in dem Beitrag zitierten Dirk Müller, der unkritisch sich gegenüber der AFD äußerte (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=Re-6AabyMfU). 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 38 Spaß vorstellen können. Viele Freizeitangebote sind mit einem erheblichen Leistungsdruck durchsetzt (vgl. Wolters, 2014, 99f.). Wenn aber Akzeptanz und Respekt vorhanden sind, dann kann Inklusion im Freizeitbereich gelingen (vgl. dies., 103–108). Barrierefreiheit im Freizeitbereich entscheidet sich nicht nur an Aufzügen, abgesenkten Bordsteinen, Rampen usw.. Auch eine leichte Sprache in Programmheften oder die Preisgestaltung bei Veranstaltungsangeboten kann signalisieren, ob Menschen mit Handicap willkommen sind (vgl. Kästner, 2015). Der Freizeitbereich (z.B. beim Besuch eines Restaurants) ist dann inklusiv, wenn hier „gelebte Kontakte“ zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen immer mehr zugelassen werden und qualitativ ausgebaut werden (vgl. Markowetz, 2006, 61). Damit das möglich wird, werden noch Schranken in den Köpfen der Menschen fallen müssen. Ein Entstigmatisierungsprozess ist einzuleiten. Dies gesagt im Sinne des ethischen Grundwertes „Respekt“. Die finanzielle Förderung von Freizeitangeboten ist ausbaufähig (vgl. ders., 62). Im Interesse einer verbesserten Freizeitassistenz für behinderte Mit-Menschen ist diese als „Beruf “ zu etablieren – mit entsprechenden Kompetenzen und Zusatzqualifikationen (vgl. ders., 63f.). Arbeitswelt Im Kontext von Inklusion und Arbeitswelt ist die Ableismus-Forschung und -Diskussion relevant. Sie problematisiert „irrationale, verletzende, grausame und unplausible Konzeptionen von Fähigkeit (und damit auch Behinderung), die eng mit Vorstellungen der Leistungsgesellschaft“ und Leistungsgerechtigkeit verknüpft sind (vgl. Buchner/ Pfahl/Traue, 2015, 1, 3 und 6). Es wird ein kritischer Blick auf den Fähigkeitsdiskurs im Neoliberalismus geworfen und die dort herrschende Neigung, Menschen sehr stark nach Produktivkräften zu sortieren. Hier wird kritisch hinterfragt, was in Blick auf die Arbeitskraft Normalität, Gesundheit und Funktionsfähigkeit bedeuten. Es wird viel zu schnell im Neoliberalismus aussortiert, wie es an meiner Biografie deutlich wird. Unter dem Neoliberalismus ist ein Klima entstanden, 3.4. 3.4. Arbeitswelt 39 das aufgrund des Fähigkeits-Diskurses gegenüber Behinderten eine verbreitet auftretende Haltung der Ausgrenzung und Geringschätzung produzierte. Behinderte werden eher der Zone des „Schonens“ und „Helfens“ zugewiesen. Das „Können-Müssen“, als gesellschaftlicher Zwang, greift bei ihnen weniger/geringer und Prozesse der Befähigung werden weniger initiiert resp. in Gang gesetzt. Dann zeigt ein Beitrag im Ärzteblatt (4. Okt. 2013) zu Menschen mit Schizophrenie, dass hier eine weltweit so starke Stigmatisierung erfolgt, dass sie erhebliche Probleme haben, einen Arbeitsplatz zu erhalten. Mit Blick auf diese Zielgruppe fand bisher eine Inklusion in den Arbeitsmarkt, wegen den vielen Vorurteilen, nahezu gar nicht statt. Aber man sollte mit Tuula Rouhiainen (in Hartwig Hansen, 2013) würdigen, dass durch Beharrlichkeit, Ausdauer, Widerstandskraft, Willenskraft, Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen Wege aus der Psychose möglich sind und schizophrene Kommunikation (vgl. Watzlawick, 2011, 37–39) endgültig zurückgelassen werden kann. Es gibt Perspektiven für diese Personengruppe in der Arbeitswelt, sie werden erschlossen, wenn man sich nicht auf das Gerede einlässt „die Erwartungen an einen guten erfüllenden Arbeitsplatz herunterzuschrauben“ (vgl. Schramm, 2013). Die Inklusionsrampe, also der Beitrag der Barrierefreiheit, wären hier Job-Coaches für Arbeitsplätze auf dem freien Markt22. 22 Für Hintergründe zu der Erkrankung möchte ich folgende Literaturhinweise geben: Heinz Häfner: Das Rätsel Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt, München 3(2005); Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten. Innenansichten einer Schizophrenie, München 2008; Asmus Finzen: Schizophrenie. Die Krankheit verstehen, behandeln, bewältigen, Psychiatrie Verlag 2011; Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren. Das Lesebuch, Huber 2011; Hartwig Hansen (Hg.): Der Sinn meiner Psychose. Zwanzig Frauen und Männer berichten, Paranus Verlag 2013; Thomas Boch: Eigensinn und Psychose. „Noncompliance“ als Chance, Paranus 6(2014); Hans-Jürgen Möller: Schizophrene Psychosen, S. 156–183 in: Hans-Jürgen Möller/Gerd Laux/Arno Deister: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Stuttgart 6(2015). Aber dem Beitrag von Stefanie Schramm ist zu entnehmen, dass die Stigmatisierung weniger durch Aufklärung und Wissen zu überwinden ist, sondern über Erfahrung und Begegnung (vgl. Stefanie Schramm: Psychisch krank und berufstätig. Mitten ins Leben, 8 Seiten, aus der Zeit 46/2013 (7. Nov. 2013) unter https://www.zeit.de/2013/46/psychologie-therapie-arbeit/kom plettansicht abgerufen am 29.03.2020). 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 40 Wenn man nach einer inklusiven Arbeitswelt Ausschau hält, dann wird sehr schnell deutlich, dass dies eine Realität mit vielen Brüchen und teilgelungener Wirklichkeit ist. Es gibt aufgeschlossene Arbeitgeber (vgl. Wolters, 2014, 150f., 154ff., 160ff.), aber es gibt auch viele Unternehmen, die sich „freikaufen“: „Rund 135000 Unternehmen gibt es in Deutschland, die Schwerbehinderte beschäftigen müssten. So weit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: Etwa 38000 Betriebe täten das nicht (…)“ (dies., 149). Dadurch kommen über die Ausgleichsabgabe im Jahr 2010 466,5 Millionen Euro zusammen (vgl. dies., 165). 3000 Behinderte mit Abitur, Hochschulabschluss oder Promotion suchen eine Berufsperspektive (vgl. dies., 149). „Das Risiko ist zu hoch, der gute Wille zu schwach und der mutige Chef fehlt zu oft. So übergehen Arbeitgeber Behinderte weiter. Sie laden pro forma zu Vorstellungsgesprächen, weil das Gesetz sie zwingt, und kaufen sich dann doch lieber frei“, schreibt Yvonne Weindel (vgl. dies., 150). Und dennoch ist Bewegung möglich, wenn Inklusion eingefordert wird. Allerdings besteht eine „Kommstruktur“ bei den Behörden, d.h. sie reagieren zum Teil häufig erst, wenn nachgefragt wird. Das führt dazu, dass Inklusionspotentiale unausgeschöpft sind (vgl. dies., 161 und 163). Die Integrationsfachdienste machen im Kontext von Inklusion viel möglich – sie klären auf, sie sensibilisieren und setzen Notwendiges um (vgl. dies., 166). Aber dennoch haben wir es in Deutschland mit einer „selektiven“ Inklusion zu tun (vgl. Römisch, 2018, 145)23. 23 „In Deutschland besteht die Gefahr, dass die Gruppe der behinderten Menschen auf eine bestimmte Gruppe ‚reduziert‘ wird. Die meisten statistischen Daten über die Lebenssituation behinderter Menschen, so auch der Teilhabebericht, beziehen sich vor allem auf die Personen mit Schwerbehindertenausweis, die im Laufe ihres Lebens eine Schwerbehinderung erlangen. Dies ist insbesondere im Arbeitsleben der Fall. Als ein Beispiel sei die Ausgleichsabgabe erwähnt. Private und öffentliche Arbeitgeber mit 20 Arbeitsplätzen sind in Deutschland verpflichtet, 5% ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Personen zu besetzen. Wenn sie dies nicht tun, müssen sie eine Ausgleichsabgabe bezahlen (SGB IX). Im öffentlichen Sektor wird die Quote über-, im privaten Sektor nicht ganz erfüllt (…). Hiervon profitieren in der Regel aber diejenigen Arbeitnehmer*innen, die im Laufe[korrigiert R.M.] ihres Arbeitslebens eine Schwerbehinderung zum Beispiel durch eine chronische Erkrankung erlangen. Menschen, die von Geburt an eine Behinderung haben, insbesondere Menschen mit geistiger Behinderung und Menschen mit schwersten Behinderungen profitieren hiervon kaum. Die Lebenssituationen dieser Personengruppen unterscheiden sich erheblich. Schon die Personen, die im Laufe ihres Berufslebens eine Beeinträchtigung erlangen, erfahren auf dem Arbeitsmarkt eine 3.4. Arbeitswelt 41 Ähnlich wie im Bildungsbereich wird diskutiert, ob „beschützende“ Beschäftigungseinrichtungen wie die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) gänzlich abzuschaffen seien oder ob jedenfalls ihre Laufzeit (bis zur Abschaffung) zu begrenzen sei, „weil die Segregation in solchen Einrichtungen als Verletzung der Menschenrechte einzustufen sei“ (Trenk-Hinterberger, 2015, 108). Ein vorläufige Antwort auf die Diskussion dieser Position (vgl. ders., 108) könnte sein: „Anstatt zwischen der (sofortigen oder zumindest baldigen) Abschaffung der WfbM bis hin zum weitgehenden Bewahren der Einrichtungen in ihrer jetzigen Gestalt zu polarisieren, dürfte es den Vorgaben des Artikels 27 UN-BRK eher entsprechen, faktische Monopole im Bereich der ‚geschützten Beschäftigung‘ zu beseitigen, den öffentlichen Beschäftigungssektor auszubauen und innerhalb dieses Sektors die WfbM zu sozialräumlich organisierten ‚Sozialunternehmen‘ zu entwickeln, die mit dem allgemeinen Arbeitsmarkt (im Sinne einer Brückenfunktion) vielfältig vernetzt sind, die differenzierte Beschäftigungsmöglichkeiten organisieren und die solche Teilhabe am Arbeitsleben für alle behinderten Menschen bieten, die am allgemeinen Arbeitsmarkt ohne Chancen bleiben (…)“ (ders., 109). Zukunftsperspektive ist ein „Arbeits-Markt-für-Alle“, wo „Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen“ zusammen arbeiten sollen können. „Alle sind bei der Arbeit dabei“. Und: „Alle arbeiten mit“. Bei einer Orientierung an der Perspektive „Arbeits-Markt-für- Alle“ können alle Menschen Arbeit bekommen und es ist dabei egal, ob eine Behinderung vorliegt. Dabei muss die Unterstützung zu dem Menschen (mit Behinderung) passen. Hindernisse bei der Arbeit werdeutlich schwierigere Situation als nichtbehinderte Menschen. Das wird in allen Arbeitsmarktstatistiken deutlich. Umso schwieriger gestaltet sich die Situation für Menschen, die von Geburt an eine Beeinträchtigung haben. Aber auch innerhalb dieser Personengruppe zeigen sich erhebliche Unterschiede, nämlich zwischen körperlich- und sinnesbeeinträchtigten Menschen und den eben genannten Menschen mit geistiger und schwerster Beeinträchtigung. Insgesamt zeigt sich eine gesellschaftliche Tendenz, Inklusion für einen bestimmten Personenkreis zu sehen und Gruppen auszumachen, die als inkludierbar gelten. Inklusion fragt aber ‚nicht nach dem Grad der Behinderung. Wer Inklusion an der Schwere der Behinderung festmacht, hat nicht verstanden, um was es geht‘ (Reimann 2014). (…) Diejenigen, die als schwer beeinträchtigt bezeichnet werden, laufen Gefahr, von Inklusionsprozessen ausgeschlossen zu werden und als ‚Restgruppe‘ in den bestehenden Sonderinstitutionen zu verbleiben“ (Römisch, 2018, 145). 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 42 den mit Hilfsmitteln beiseite geräumt. Jede/r im „Arbeits-Markt-für- Alle“ ist für Bildung ansprechbar bzw. für jede/n müssen gut zum Arbeitsplatz passende Bildungsangebote gemacht werden. Alle können hierbei so gut verdienen, dass sie die Grundbedürfnisse gut befriedigen können. Weitere Optionen, die als Grenzüberschreitung bisheriger arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen für Behinderte anzusehen sind, sind, dass den Behinderten eine echte Wahlfreiheit hinsichtlich Arbeit zugestanden werden muss und dass Menschen mit Behinderung eine eigene Firma haben sollen können. Frauen mit Behinderungen müssen mehr Möglichkeiten bekommen. Die Ausgleichs-Abgabe muss teurer für die Firmen/Betriebe werden, so dass das Einstellen von Behinderten günstiger ist. Es soll auf dem Weg dorthin an dem Abbau von „mentalen“ und „sachlichen“ Hürden gearbeitet werden, damit der Transfer von einer Werkstatt für Behinderte zu „anderen Arbeitsplatzanbietern“ leichter fällt. Der Assistenzbedarf kann hierbei eventuell steigen. Das Management eines „Arbeits-Marktes-für-Alle“ soll nicht zu sehr aufgesplittert sein in diverse verschiedene Zuständigkeiten (vgl. Vieweg, 2018). Unter Rücksicht auf die bisherige Diskussion sei daher auf die CAP-Lebensmittelmärkte hingewiesen. Das CAP-Lebensmittelmärkte- Konzept ist ein gelungenes Projekt zur Inklusion (www.cap-markt.de). Bei den CAP-Lebensmittelmärkten wird nicht gewinnmaximierend gewirtschaftet, auch wenn geplante Umsatzzahlen erreicht werden sollten. Hier werden im großen Umfang Menschen mit Behinderung beschäftigt. Und die Arbeitsplätze werden entsprechend den Erfordernissen gestaltet – z.B. barrierefreie Kassentische, Sondertastaturen mit Brailleschrift, elektronische Lupe usw. Die Inklusionsquote ist hier hoch. Die CAP-Märkte im Verbund der Neuen Arbeit (Stuttgart) beschäftigten Ende 2015 278 Menschen, davon 129 Mitarbeitende mit Behinderung. Aber es werden auch Standards gesetzt, weil sich die behinderten Mitarbeiter_innen ihren Arbeitsplatz erwirtschaften müssen. Daher wird zwar alles getan, um die Behinderung zu kompensieren; wenn aber der/die behinderte Mitarbeiter_in nicht die notwendige Leistung erbringen, kann er/sie nicht eingestellt bzw. weiterbeschäftigt werden. Aber es wird auch Inklusion beim Service gelebt. Geh- und sehbehinderte Menschen werden auf Wunsch beim Einkaufen im Markt begleitet. Und es gibt zusätzlich einen kostenlosen Lieferservice, 3.4. Arbeitswelt 43 der auch von älteren Menschen gerne angenommen wird. Es gibt Grenzen der Handhabbarkeit von psychologischen Problemen rsp. privatem und finanziellem Kummer. Hier steht der Integrationsfachdienst im Hintergrund, der bei Bedarf eingeschaltet wird. Es wird mit viel Empathie, Mitmenschlichkeit und Respekt geführt und geleitet (vgl. Infoprospekt zu den CAP-Lebensmittelmärkten im Verbund Neue Arbeit). Ein anderes gutes Inklusionsprojekt ist das Restaurant Freistil in Kiel. Inklusion findet hier „still“ statt, um einerseits zu vermeiden, dass jemanden ein Stempel aufgedrückt wird und um andererseits den Teamgeist zu fördern. „Etwa die Hälfte der 20 Mitarbeiter sind Menschen mit Handicap“. „Nur die Posten des Restaurantleiters und Küchenchefs ‚sind Spezialisten vorbehalten‘“. Alle anderen Aufgaben werden von Menschen mit und ohne Handicap übernommen – weder in der Küche noch im Service gibt es eine Abgrenzung. Gelingt etwas beim Servieren nicht, dann entschuldigt man sich beim Gast, ohne auf das Handicap hinzuweisen. Im Freistil darf nie Hektik aufkommen; die Dinge werden den Menschen mit Handicap ganz ruhig erklärt, selbst wenn es stressig ist. Auch in der Küche herrscht kein rauer Ton, was im Gastronomiebereich eher ungewöhnlich ist. Eine Kultur des Vertrauens gibt den Menschen mit Handicap die Kraft alles gut zu machen (Georg Meggers in: HEMPELS Nr. 262 2/2018, 10–16). Selbstbestimmtes Leben Selbstbestimmtes Leben ist für Menschen mit Handicap eine Herausforderung, denn es wird nur wenig auf die Möglichkeiten hingewiesen (vergl. Wolters, 2014, 178). Und dennoch gibt es schon viele solidarische inklusive Wohnprojekte. König/Leonhardt (2015) weisen auf diverse inklusive Wohnformen in Trier, in Freiburg, Halle, Berlin, München, Marburg, Reutlingen und die Lebensgemeinschaften der Arche hin. Häufig ist es aber so, auch wenn der/die „Betroffene selbst gut informiert ist und den Wunsch nach betreutem Einzelwohnen vorbringt“, dass es dann oft heißt „so ein Firlefanz würde nicht finanziert“ werden (vergl. Wolters, 2014, 167). Damit bei Menschen mit geistiger Behinderung die Inklusion in einer Wohngegend (z.B. als Wohnge- 3.5. 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 44 meinschaft) gelingt, ist auch die Akzeptanz durch die Wohnumgebung gefragt (vergl. dies., 186–189). Bei mancher (geistigen) Behinderung kommen Perspektiven eines selbstbestimmten Wohnens von den Eltern und den Betroffenen auch zunächst einmal auch kaum in den Blick. Und dann vermieten Vermieter und Genossenschaften auch nicht gern an Behinderte (vergl. dies., 196). Es gibt allerdings auch Einschränkungen, wo an ein selbständiges Leben tatsächlich nicht zu denken ist. Und dennoch wird im Heimalltag häufig zu stark „Behütung und Versorgung“ gelebt, ausgehend von einer Konstruktion (geistiger) Behinderung als kindlich-hilflos und unmündig, so dass persönliche Interessen der Bewohner kaum zum Ausdruck kommen bzw. ausgelebt werden können (vergl. Trescher/Börner, 2016, 6f.). Man kann ambulant betreut wohnen oder in vollstationären Einrichtungen wie Wohnheimen. Hier bestehen unterschiedliche Spielräume für ein selbstbestimmtes Leben. So kann es z.B. auch in Wohnheimen möglich sein, Partnerbeziehungen einzugehen, aber längst noch nicht in allen Einrichtungen. Lebt man ambulant betreut, muss der Betreute sich ein selbst zugeschnittenes Leistungspaket aus verschiedenen Hilfen zusammenpacken. Damit man selbstbestimmt leben kann, ist auch das barrierefreie Konto eine neue Innovation. Dadurch können Menschen „Home-banking“ machen und im Internet einkaufen (siehe dazu das Pilotprojekt der Evangelischen Bank mit dem Annastift in Hannover in: EinBlick 3/2015, 5). Um noch einmal auf die Liebe zurückzukommen. Es ist ein Inklusionsschritt nach vorne, dass den Menschen hier mittlerweile Lebensmöglichkeiten eröffnet werden – es gibt mehr als 50 Partnervermittlungen und Onlineportale für die Partnersuche von Menschen mit Handicaps (vergl. Wolters, 2014, 169). Die Betroffenen möchten als Menschen wahrgenommen werden, die hierbei auch Bedürfnisse haben. Sie fordern daher auch das Recht auf Partnerschaft, Liebe und Sexualität ein. Und sie fordern auch, wie es ihnen von der UN-Behindertenrechtskonvention zugestanden wird, das Recht ein, eine Familie zu gründen. Es ist noch eine sehr junge Entwicklung und Ausdruck einer stärker sich abzeichnenden Inklusion, dass Behinderte Familien gründen, Kinder haben (vergl. dies., 170). Praktisch betrachtet ist bei der Realisierung von Elternschaft im Kontext von Handicap/ Behinderung noch viel Kreativität gefragt (vergl. dies., 171f.). Die Elternassistenz ist ein Angebot, das Eltern in ihren Grenzen unterstützt. 3.5. Selbstbestimmtes Leben 45 Aber sie muss von den Betroffenen mitfinanziert werden. „Ob diese Hilfe gewährt wird, ist bisher von Stadt zu Stadt und Amt zu Amt unterschiedlich. Hier ist noch viel zu tun“ (dies., 173). Medien Medien können zu einer Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung beitragen – auch wenn sie akkurat die Behinderung porträtieren, wie die Schizophrenie im Film „Angel Baby“, aus dem Jahr 1995 (vergl. Ritterfeld/Hastall/Röhm, 2014, 3). Ganz grundsätzlich fällt auf: „Während Menschen mit psychischer Erkrankung häufig als Gefahr für sich sowie die Gesellschaft dargestellt werden, erscheinen Menschen mit körperlicher und intellektueller Beeinträchtigung eher als hilfsbedürftig, unselbstständig und mitleidserregend“ (dies., 2). „Stigmatisierende Darstellungen finden sich dabei in allen Medienformaten von Zeitungen, Zeitschriften, Comics und Cartoons über Radio, Film und Fernsehen bis hin zu elektronischen Medien und Webseiten“ (dies., 3). „Die betroffenen Personen und Gruppen erfahren in der Folge häufig Barrieren im Bereich Bildung, der gesellschaftlichen Teilhabe sowie gesundheitlichen Versorgung und leiden unter geringem Selbstwertgefühl und einer eingeschränkten Lebensqualität (…)“ (dies., 3). Ausgehend von einem negativen Befund hinsichtlich der Konstruktion von (geistiger) Behinderung in den Medien, am Beispiel der Talkshow von Günther Jauch „Mit Downsyndrom aufs Gymnasium – freie Schulwahl für behinderte Kinder?“, vom 18.5.2014 (vergl. Punkt. 2.1. auf den Seiten 2ff. in: Trescher/Börner, 2016) fordern die Autoren Hendrik Trescher und Michael Börner „das noch immer dominante Bild des kindlich-defizitären Andersartigen aufzubrechen“ (2016, 8) und einzelne (geistig) Behinderte nicht als „überbegabte Sonderfälle“ zu inszenieren. Sie stellen fest: „Auch dem medialen Umgang mit geistiger Behinderung kommt eine bedeutsame Rolle zu. Über die entsprechende Ausgestaltung der Produktionen erscheint es prinzipiell möglich, die Kluft zwischen beiden Lebenswelten zu verringern und beidseitige Ängste und Unsicherheiten tendenziell abzubauen. Denn auf die gleiche Art und Weise, in der die hier analysierte Sendung traditionelle Konstruktionen von geistiger Behinderung aufgegriffen und in- 3.6. 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 46 nerhalb des Diskurses reproduziert hat, bestünde die Möglichkeit, dass durch mediale Produktionen ebendiese Konstruktionen aufgebrochen oder zumindest gestört werden. Durch die Inszenierung von ‚Gegenbilder[n]‘ (…) bergen die Medien ein besonderes Potential, um zur Dekonstruktion von geistiger Behinderung beizutragen. So könnten sie zum Beispiel Prozesse ‚der Unsichtbarmachung, der stigmatisierenden Hervorhebung, der Normalisierung oder der Auslöschung‘ (…) thematisieren“ (dies., 8). Zum Zugang zu Medien „existieren nur inoffizielle Statistiken zu Videotext-Untertitelungen und Audiodeskriptionen im deutschen Fernsehen. So war die ARD mit einem Anteil von 93 Prozent und das ZDF mit 77 Prozent an untertitelten Filmen im Februar 2014 führend, während andere TV-Sender deutlich seltener untertiteln. Erheblich ungünstiger fällt die Quote bei der Gebärdensprachdolmetschung aus, und 2010 wurden im Schnitt ganze zwei Filme je Tag mit Audiodeskription gesendet“ (Palleit/Kellermann, 2015, 279). Menschen mit einer kognitiven Behinderung sind in den sozialen Medien kaum vertreten. Allein in Europa gibt es 1,5 bis zwei Millionen Menschen mit einer schweren Lern- oder geistigen Behinderung und zwischen drei und 3,7 Millionen mit leichteren Lern- oder geistigen Beeinträchtigungen. Weil viele Web-Entwickler keine Menschen mit Behinderung kennen oder sich nicht in deren Bedürfnisse hineinversetzen können, ist ein barrierefreies Angebot im Netz technisch unzureichend realisiert. Doch es gibt einige Projekte – wie z.B. „home“ -, die eine leicht verständliche Unterstützung für die digitale Kommunikation bieten. Allerdings schrecken – vor dem Hintergrund einer besonderen Verletzlichkeit – Berichte über ungeschützte Privatsphären, Cyber- Mobbing oder Facebook-Parties diese Zielgruppe vor der Nutzung sozialer Medien ab. Und tatsächlich sind ganz reale Schwierigkeiten zu sehen: „Manche haben Probleme, komplexere Sätze zu lesen oder zu schreiben und sind auf Leichte Sprache angewiesen. Andere können nicht schreiben und benötigen Grafiken und Symbole, um zu kommunizieren und interagieren“ (Klippstein, vermutl. 2015). Schließlich werde einige weniger Fotos verschicken wollen und viel lieber selbst gemalte Bilder versenden möchten. 3.6. Medien 47 Sport Im Sport ist eine „separierende Inklusion“ sehr ausgeprägt. Man erfindet Wettbewerbe, „die Behinderten in gleicher Weise globalen Leistungsvergleich zugänglich machen, wie dies zunächst nur für Nichtbehinderte möglich war. Einzelne behinderte Sportler können heute in Ansehen und Bewunderung mit nichtbehinderten Sportlern konkurrieren“ (Stichweh, 2013, 4). Und dennoch ist die Erfindung separierender Formen der Inklusion im Sport umstritten. „Immer mehr behinderte Sportler reklamieren die Partizipation am Leistungssport der Nichtbehinderten. (…) Manche von ihnen erhalten speziellen ‚support‘ (an der Seitenlinie stehende ‚Dolmetscher‘ für taube Tennisspieler); andere ziehen Niederlagen den als unecht empfundenen Siegen über andere Behinderte vor (….); dritte versuchen die Behinderung durch unbändigen Leistungswillen zu kompensieren (…)“ (ders., 4f.). Die Paralympischen Spiele erhalten seit 2012 einen Platz zu den Hauptsendezeiten und finden beim Fernsehpublikum Beachtung. „Als ein Meilenstein ist zu werten, dass die Medaillenprämien bei den paralympischen Winterspielen in Sotchi 2014 erstmals denen der bei den Olympischen Spielen vergebenen Medaillen entsprachen“ (Palleit/ Kellermann, 2015, 282). Neben dem Blick auf eine leistungssportorientierte Perspektive auf Menschen mit Behinderung sollte der Blick auch auf den Freizeit- und Breitensport als Ort der Inklusion fallen, denn eine Erhöhung der allgemeinen Leistungsfähigkeit durch diese Sportmöglichkeiten wirkt sich auch auf den Alltag dieser Menschen mit Behinderungen aus, „indem sie durch die im Sport trainierten und teilweise neu erworbenen Fähigkeiten leistungsstärker und somit auch selbstständiger werden“ (Adomßent, 2016, 94). Sportlich aktive Menschen mit Behinderungen werden, auch im Alltag, als leistungsfähiger erkannt und dadurch anerkannt und wertgeschätzt (vgl. ders., 94). Und die Verbesserung der Leistungsfähigkeit im und durch den inklusiven Sport wirkt auch auf die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft aus und stützt das Fortschreiten der allgemeinen Inklusionsanstrengungen (vgl. ders.). Deswegen sollte flächendeckend Menschen mit Behinderungen ein Zugang zu den freizeit- und breitensportlichen Angeboten gewährt werden. 3.7. 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 48 „Der Freizeit- und Breitensport beinhaltet verschiedene Möglichkeiten sportlich aktiv zu werden. Wenig kompliziert ist, sich mit Freunden und Bekannten an einem beliebigen Ort zu verabreden oder auch einen beliebigen Ort aufzusuchen und dort mit Menschen, denen man begegnet, sportlich aktiv zu werden. Ein ‚Bolzplatz‘ oder das Beachvolleyballfeld im Freibad können solche Orte sein. Dort kann Inklusion unkommentiert einfach funktionieren und (können R.M.) Anpassungen ohne komplizierte Regelungen und Absprachen einfach aus der Situation heraus erfolgen. Die Freude an der gemeinsamen Aktivität rückt dabei vollständig in den Vordergrund“ (….). (Absatz herausgenommen R.M.) „Weiterhin sind auch kommerzielle Anbieter dem nichtorganisierten Sport zuzuordnen. Dieser beinhaltet private Sportschulen, Fitnessstudios, Sportgeräteverleihe (wie z.B. auch ein Bootsverleih, Betreiber einer Bowling- oder Kegelbahn, etc.) und weitere vorstellbare, bis hin zu nahezu unvorstellbaren Angeboten im Sinne innovativer Geschäftsideen (z.B. Teambikes, Conferenzbikes und sogenannte Bierbikes). Die Nachfrage bestimmt hierbei das Angebot. In weniger stark besiedelten Gebieten, also dem ländlichen Raum Deutschlands, wird ein inklusives Sportangebot von geringeren Personenzahlen nachgefragt, so dass auf kommerzieller Ebene hier kein oder nur geringes Interesse an einer Umsetzung besteht.“ (Absatz herausgenommen R.M.) „Im Sinne der Schaffung eines verlässlichen und flächendeckenden inklusiven Sportangebots im Sinne von Anneken/ Schliermann/Abel (2014) fällt so die Aufgabe zur Umsetzung eines entsprechenden Angebotes den Sportvereinen zu. Selbst behinderungsspezifische Angebote z.B. eines Behindertensportvereins oder eine Behindertensportabteilung eines regulären Sportvereins bedienen das Prinzip der Nachfrage, welches für weniger stark besiedelte ländliche Regionen gerade als hinderlich ausgemacht wurde. Hier verbleibt die Öffnung der Angebote von Regelsportvereinen letztlich als Möglichkeit dafür, dauerhaft und flächendeckend durch Inklusion allen Menschen ein ihrem Interesse entsprechendes Angebot für sportliche Aktivität zu ermöglichen“ (Adomßent, 2016, 96). 3.7. Sport 49 Ehrenamt/bürgerschaftliches Engagement Annett Melzer meint, dass behinderte Menschen sich engagieren können und auch wollen. „Aber oft wissen sie nicht, wie sie es machen können, in welchem Umfang sie den ‚Fuß reinkriegen‘ in ein Ehrenamt. Sie brauchen erst mal Zuspruch, um etwas Neues auszuprobieren, wo man nicht genau weiß, wo es dann hingeht“ (in: Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V., 2016, 6). Für die Herangehensweise von Anbietern von Ehrenamtsplätzen ist es besser und werden jene für behinderte Mit-Menschen aufgeschlossener, wenn nicht so sehr von Defiziten, sondern vielmehr von besonderen Fähigkeiten gesprochen wird (vgl. Axel Schmiedel in: Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V., 2016, 7). Und Behinderte sollen nicht so sehr als diejenigen gesehen werden, die Hilfe nötig haben, sondern vielmehr Helfende sein können. Ehrenamtliche Behinderte in Einrichtungen bringen eine besondere Kompetenz mit, damit Fußballstadien, Konzerthäuser, Bahnhöfe etc. barrierefreier werden können. Sie könnten hier kompetente Berater*innen, Organisatoren*innen und Motivatoren sein (vgl. hier Werner Grabaum in: Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V., 2016, 11). Ehrenamtliche Behinderte können Freizeit- und Unterstützungsangebote im Dritten Sozialraum möglich werden lassen, indem z.B. Telefondienste abgedeckt werden, ein Café-Betrieb ermöglicht wird bzw. Kulturangebote organisiert und umgesetzt werden können. Die Werkstattkirche in Gießen zeigt in Anfängen, was da möglich sein könnte. Hier nun ein Inklusionsbeispiel aus der Bahnhofsmission (BM) – Elmshorn (vgl. Diakonie Rantzau-Münsterdorf, 2014). Dort arbeiteten seit Oktober 2013 ehrenamtlich zwei Rollstuhlfahrerinnen. Dazu wurden eine Rampe installiert und Möbel verrückt. Die Haltung ist bei der Inklusion ebenso wichtig: „Jeder von uns hat seine Gaben und seine Schwächen“, sagt Leiterin Wiebke Turkat. Zu dieser Haltung wird in der Informationsbroschüre zur BM-Arbeit näherhin erläutert: „Manch einer kann gut den Hublift bedienen, ist aber mit dem Führen der Statistik überfordert. Anderen macht die Büroarbeit Spaß, aber sie kommen mit den manchmal fordernden Hilfesuchenden nicht zurecht. 3.8. 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 50 Und nicht alle haben die gleiche Fähigkeit, sensibel Gespräche zu führen“ (S. 4). Damit das Ehrenamt auch gut realisiert werden kann, muss die Teilnahme der (behinderten) Ehrenamtlichen an Fortbildungen gut organisiert sein rsp. die Barrierefreiheit des Veranstaltungsortes abgeklärt werden. Auch mit den Erkrankungen, wie z.B. Multiple Sklerose (MS), angemessen umzugehen, gehört zur Inklusion dazu. Langfristige Planungen sind deswegen beispielsweise nicht möglich, und dennoch wird der Platz im Team freigehalten (vergl. S. 6). Innerhalb der Grenzen der behinderten Mitarbeiterinnen sind Handlungsperspektiven zu entdecken – z.B. der Spielraum für Beratungsgespräche (S. 8) oder die Schreibtischarbeit (S. 7). Das Ehrenamt ist für Behinderte wichtig, denn sie haben den Wunsch nach Kontakten, wollen Ideen in die Gestaltung der Gesellschaft einbringen, den Tag und die Woche strukturieren und wollen gebraucht werden. Es beginnt sich eine „Infrastruktur“ aufzubauen, die bürgerschaftliches Engagement von dieser Zielgruppe fördern will. Die “Stiftung Mitarbeit“ (https://www.buergergesellschaft.de/mitgestalten/handlungsfelder/themen/….) weist auf zwei Projekte hin – ich zitiere von der homepage: „Das Projekt ‚mittenmang‘ verfolgt das Ziel, Engagement im Kontext der eigenen Lebensbewältigung zu organisieren. Es werden insbesondere ‚Rausgekickte‘ (z.B. sozial isolierte Langzeitarbeitslose) und ‚Stigmatisierte‘ (psychisch, körperlich und kognitiv Beeinträchtigte) bei ihrem freiwilligen Engagement für andere unterstützt. Die Freiwilligen werden an den Engagement-Bereich herangeführt und übernehmen Aufgaben, die ihren individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten entsprechen. Durch diese Vorgehensweise wird der Defizit-Ansatz überwunden und (werden R.M.) stattdessen die vorhandenen Ressourcen der Freiwilligen in den Blick genommen. Außerdem werden die Engagierten mit ergänzender politischer Bildung in ihrer bürgerschaftlichen Identität und ihrem politischen Selbstbewusstsein gestärkt“ (vgl. Nicole D. Schmidt/Petra Knust: mittenmang dabei! Bürgerschaftliches Engagement als Chance). „Auch das Projekt ‚Selbstverständlich Freiwillig‘ des Diakonischen Werks Hamburg arbeitet daran, beeinträchtigte Menschen in Engagement zu bringen. Das Projektteam berät Freiwilligenagenturen und 3.8. Ehrenamt/bürgerschaftliches Engagement 51 Freiwilligenmanager/innen in den Einsatzorten. Es lädt beeinträchtigte Menschen dazu ein, in Workshops auszuloten, ob und was an freiwilliger Tätigkeit zu ihnen passen könnte. Und es betreibt Öffentlichkeitsarbeit: z.B. mit dem Praxisleitfaden ‚Engagement von Menschen mit Behinderungen‘. In diesem geben die Verantwortlichen ihre Erfahrungen mit dem Projekt weiter und stellen Fachkolleg/innen praxiserprobte Arbeitsmaterialien – teils in Leichter Sprache – zur Verfügung“. Das Land Niedersachsen startete 2019 mit dem Assistenzleistungsfonds, um für die ehrenamtliche Tätigkeit erforderliche Unterstützungsleistungen finanzieren zu können. Für das Haushaltsjahr 2019 stellte das Land Haushaltsmittel in Höhe von 200.000 Euro zur Verfügung. Für das Jahr 2020 wurden Mittel in Höhe von 420.000 Euro anvisiert. Eine individuelle Unterstützung bis zu 2.000 Euro im Jahr soll möglich sein (https://www.ms.niedersachsen.de/startseite/service_am p_kontakt/presseinformationen/neuer-fonds-fur-menschen-mit-behi nderung-die-Verantwortung-im-ehrenamt-ubernehmen-180167.html abgerufen am 26.03.2020). Hofmann u.a. (2016, 320) weisen noch darauf hin, dass feste Absprachen, klare Verantwortlichkeiten und Ansprechpartner*innen notwendig sind, damit bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung in die ehrenamtliche Arbeit bzw. in das bürgerschaftliche Engagement sich alle gut orientieren können. Die Absprachen sollten schriftlich fixiert werden, wo notwendig mit Symbolen und Piktogrammen ergänzt werden. „Haftungsfragen und Fragen zur Aufsichtspflicht müssen bei Ehrenamtlichen mit Behinderungen, die oft auch unter gesetzlicher Betreuung stehen, gesondert im Blick gehalten werden, da für sie andere Regelungen gelten können“ (dies, 320). Aber auch diese Menschen müssen einer gewissen Professionalität genügen und sich dieser Ausbildung einer Professionalität stellen. Daher ist Menschen mit Behinderung von Beginn an deutlich zu machen, dass es zur eigenen Rolle gehört, (fachliches) Wissen sich anzueignen, die Fähigkeit zur Selbstreflexion aufzuweisen, ein umsichtiges Verhalten einzuüben und sich auf den Wertekanon der Einrichtung, die das Ehrenamt zur Verfügung stellt, einzulassen. Aber auch ein Bekenntnis zur Teamfähigkeit, zum produktiven und gewaltfreien Umgang mit Konflikten, zum Perspektivenwechsel sowie zur Zuverlässigkeit, Fairness, Integrität, Redlichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit reichern die 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 52 Professionalität von Menschen mit Behinderung im Ehrenamt an (vgl. dies. 321). Die Praxis zeigt, dass bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung im Ehrenamtsbereich „Tandem-Teams“ zu bilden, sehr hilfreich ist: „Je eine_e Ehrenamliche_r mit und ohne Behinderung übernehmen gemeinsam eine Aufgabe“. In diesen Zweierteams kann man sich beraten, Aufgaben delegieren, Verhaltensgewohnheiten überprüfen (vgl dies., 321).. Behinderung und Demokratie Ziel der UN-BRK ist es „dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen wirksam und umfassend am politischen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales in: Wansing, 2015, 47). „So nützt zum Beispiel einem Rollstuhlfahrer die uneingeschränkte Anerkennung des Wahlrechts wenig, wenn Wahllokale nicht barrierefrei zugänglich sind, und ein Mensch mit Lernschwierigkeiten (sogenannte geistige Behinderung) benötigt politische Informationen in Leichter Sprache, um sein Wahlrecht verwirklichen zu können“ (dies., 48). Letzterer Aspekt trägt zu einer „erweiterten“ Inklusion bei: „So profitieren zum Beispiel von öffentlicher Information und Kommunikation in Leichter Sprache nicht nur Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, sondern auch Menschen mit geringer politischer Bildung und schlechten Kenntnissen der deutschen Sprache“ (dies., 52). „In Deutschland sind in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren einige Verbesserungen zugunsten von Menschen mit Behinderungen erzielt worden. So können sich Wähler_innen mit Behinderungen etwa bei der Stimmabgabe einer Hilfsperson bedienen oder mithilfe einer Stimmzettelschablone wählen. Erst unlängst wurde die Bundeswahlordnung im Vorfeld der letzten Bundestagswahlen nochmals ge- ändert, um die Stimmzettel und Briefwahlunterlagen auch für sehbeeinträchtigte Wähler_innen lesbarer zu machen. Außerdem soll seit Inkrafttreten der Änderungsverordnung im Mai 2013 aus den Wahlbenachrichtigungen hervorgehen, wo Informationen über barrierefreie Wahllokale und Hilfsmittel erhältlich sind. Auch im Hinblick auf die 3.9. 3.9. Behinderung und Demokratie 53 Zugänglichkeit von Wahlinformationen hat sich einiges getan, etwa indem immer mehr Wahlprogramme der Parteien auch in Leichter Sprache zur Verfügung stehen“ (Palleit/Kellermann, 2015, 277). Aber Demokratie ist umfassender. Hier formulieren die Autoren Palleit und Kellermann einen noch weitergehenden Aufgabenkatalog: So müssen Menschen mit Behinderung in politischen Parteien stärker repräsentiert sein. Ihre Stimme darf nicht nur zu „behindertenpolitischen“ Themen gefragt werden, vielmehr sind sie in den Querschnitt aller Fragestellungen einzubeziehen. Online-Partizipationsverfahren ist eine größere Geltung zu verschaffen. Dazu treten muss der größtmögliche Verzicht auf Amtsdeutsch und eine politische Herrschaftssprache. Barrierefreie Parteibüros und Versammlungsräume sind zu realisieren (vergl. dies., 278). 3. Kapitel: Teilbereiche der Inklusion 54

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References

Abstract

This study intimately examines the ethical aspects of inclusivity in order to help committed Christian volunteers charged with supervising its implementation by offering a theological perspective on this matter. The book explicitly identifies empathy as the basis of substantial ethical efforts to achieve inclusivity. Through its comprehensive overview of attempts to implement inclusivity in various subsystems, some of which have been tested in the field or are based on experience, the study reveals the consequences of an ethically oriented form of inclusivity in practice. Its concluding chapter interlinks the focus on inclusivity with the ‘preferential option for poor people’ and the ‘option for those that are excluded’, which can pose a challenge to churches and Christian communities.

Zusammenfassung

Diese Untersuchung schaut bei den ethischen Aspekten der Inklusion noch einmal ganz genau hin. Mit einer Schnittstelle zu theologischen Perspektiven will sie christlich Engagierten eine Hilfestellung bei der Betreuung sein. Der Aspekt der Empathie wird ausdrücklich als Fundament ethisch gehaltvoller Inklusionsanstrengungen ausgewiesen. Mit einer umfassenden Übersicht – zum Teil praxis- und erfahrungserprobt – über Inklusionsanstrengungen in verschiedenen Teilsystemen werden die Konsequenzen einer ethisch orientierten Inklusionspraxis entfaltet. Ein abschließendes Kapitel verschränkt die Inklusionsorientierung mit der „Vorrangigen Option für die Armen“ und der „Option für die Exkludierten“. Das kann Kirchen und christliche Gemeinschaften herausfordern.