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4 Zusammenfassung und Ausblick in:

Bertil Kapff

Individuelles Entscheidungsverhalten im Emissionszertifikatehandel, page 59 - 62

Eine empirische Analyse von CO2-Planspielen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4504-6, ISBN online: 978-3-8288-7541-8, https://doi.org/10.5771/9783828875418-59

Tectum, Baden-Baden
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59 4 Zusammenfassung und Ausblick In der vorliegenden Ausarbeitung wurde das individuelle Entscheidungsverhalten der Teilnehmer des „Planspiels Emissionshandel“ an der Universität Koblenz-Landau untersucht. Im Fokus der empirischen Auswertung standen die umgesetzten Minderungsmaßnahmen und die Einbeziehung von Auktionen in das Planspieldesign. Die Analyse erfolgte getrennt für die vier in der Simulation vorliegenden Spielertypen. Zunächst wurde im Rahmen der Hypothese 1a untersucht, inwieweit die Teilnehmer bei der Implementierung der ihnen zur Verfügung stehenden Minderungsmaßnahmen die durch den Indikatorpreis vorgegebene Reihenfolge eingehalten und sich dementsprechende individuell rational verhalten haben. Dabei konnte gezeigt werden, dass bezüglich dieser Fragestellung deutliche Unterschiede zwischen den Spielertypen bestanden. Während die durch das Wirtschaftlichkeitskriterium festgelegte Umsetzungssequenz in den Untergruppen A1 und B2 mit wenigen Ausnahmen beachtet wurde, verwirklichten bei den Spielertypen A2 und B1 jeweils über ein Drittel der Studenten zunächst andere Maßnahmen. Um die Risiken möglicher Strafzahlungen aber auch hoher Investitionskosten zu minimieren, waren die letztgenannten Probanden zunächst bemüht, ihre Reduktionsvorgabe mit einer möglichst geringen Anzahl an Projekten zu erfüllen. Erst danach standen Wirtschaftlichkeitsfragen für sie zur Diskussion. Dieses Ergebnis verdeutlicht, dass aufgrund von risikoaversen Teilnehmerverhalten gesamtwirtschaftliche Effizienzpotenziale nicht realisiert werden konnten. Bei der Hypothese 1b stand die Frage im Vordergrund, inwieweit bereits die Einführung eines Emissionshandels -ohne Kenntnis über realistische Zertifikatepreise- zur Umsetzung von Minderungsmaßnahmen geführt hat oder ob die Studenten zunächst eine sogenannte 60 „wait-and-see“-Strategie (Hoffmann et al. 2009, S. 1250) bevorzugten. In der Variante A verzichteten lediglich 3 der 26 aktiven Studenten auf die Implementierung von Luftreinhaltungsprojekten vor dem Handelsstart, in der Variante B nur 4 von 27 Probanden. Bei der überwiegenden Mehrheit der Probanden in der Stichprobe hat somit bereits die Ankündigung der Emissionsverknappung zu nennenswerten Minderungserfolgen geführt und nicht erst ein Preissignal. Mit der Hypothese 1c wurde geprüft, inwiefern sich die am Spotmarkt zu beobachtenden Marktpreise auf das Investitionsverhalten der Teilnehmer ausgewirkt hat. Nachdem in der ersten Handelsphase in beiden Planspielvarianten verhältnismäßig hohe Marktpreise aufgetreten sind, kam es bei allen Spielertypen zu einer vermehrten Umsetzung von Minderungsmaßnahmen für das Jahr 2016. Es ist anzunehmen, dass die Studenten die in 2015 beobachteten gegenwärtige Preise als Prognose für die zukünftige Preisentwicklung gewertet haben und somit von einem relativ konstanten Preisniveau ausgegangen sind. Auffällig war, dass auch die Studenten, die ihre Emissionsvorgabe bereits vor der ersten Handelsphase erfüllt hatten, in den meisten Fällen für das Jahr 2016 in weitere Projekte investierten, sofern diese attraktive Indikatorpreise auswiesen. Lediglich in Ausnahmefällen wurde eine zukünftig sinkende Marktentwicklung angenommen und auf die Umsetzung weiterer Maßnahmen verzichtet. Anhand der Daten der vorliegenden Stichprobe konnte entgegen der Hypothese 1d nicht nachgewiesen werden, dass die Teilnehmer der Spielertypen A2 und B2, denen verhältnismäßig günstigere Minderungsmaßnahmen zur Verfügung standen, öfter in Handlungsoptionen investierten als ihre Vergleichsgruppen A1 und B1. Die Analyse hat gezeigt, dass die Probanden im Regelfall in erster Linie darauf fokussiert waren, ihr individuelles Risiko, nicht genügend Zertifikate vorhalten zu können, zu minimieren. Dementsprechend realisierten die Spielertypen A1 und B1 aufgrund ihrer geringeren Erstausstattung mehr Projekte als ihre Vergleichsgruppen, obwohl diese –objektiv gesehen– über die günstigeren Maßnahmen verfügten. Das Ergebnis zeigt, dass der Emissionshandel in der vorliegenden Simulation aufgrund der risikoaversen Teilnehmer und der hohen Unsicherheit über die zukünftige Preisentwicklung nicht zu der theoretisch vorgesehenen Optimallösung geführt hat. Die Beobachtungen zeigen, dass die Probanden den Umgang mit den markwirtschaftlichen Instrumenten der Klimapolitik zunächst erlernen müssen, bis sich effiziente Ergebnisse einstellen können. Mit der Einführung lang- 61 fristiger Preissignale kann die Unsicherheit verringert werden (vgl. Schleich et al. 2012, 23-25). Die Einbeziehung der Auktionen in der Variante B führte entsprechend der Hypothese 1e zu einer gesteigerten Unsicherheit bei den Teilnehmern, die sich in deutlich stärker schwankenden Zertifikatepreisen sowie in einer erhöhten Anzahl an umgesetzten Investitionen widergespiegelt hat. Analog zu Hypothese 1d ist festzustellen, dass sich die fehlende Erfahrung der Teilnehmer mit dem verhältnismäßig neuen Instrument der Klimapolitik in der Stichprobe widerspiegelt. Entgegen der Hypothese 2 wurde festgestellt, dass die realisierten Auktionspreise die zum Zeitpunkt der Versteigerung am Spotmarkt zu beobachtenden Marktpreise teilweise deutlich übertrafen. Diese Beobachtung kann durch strategische Gebote zur Maximierung der Zuteilungswahrscheinlichkeit sowie durch die verzögerte Reaktion der Teilnehmer auf Marktentwicklungen begründet werden. Mit der vorliegenden Arbeit wurden die vorliegenden Datensätze zum „Planspiel Emissionshandel“ erstmals hinsichtlich des individuellen Entscheidungsverhaltens der Probanden ausgewertet. In diesem Gebiet der empirischen Forschung können noch zahlreiche weitere Fragestellungen untersucht werden. Insbesondere könnte eine individualisierte Auswertung der Gebote im Spotmarkt interessante Erkenntnisse liefern. Untersucht werden, könnte bspw. der von Naegele / Zaklan (2016, S.117) beobachtete Zusammenhang, dass kleine Unternehmen, die aufgrund der verhältnismäßig höheren Transaktionskosten seltener am Emissionshandel teilnehmen, schlechtere Emissionsmanagementergebnisse erzielen. Die Trennung zwischen großen und kleinen Unternehmen könnte anhand des Handelsvolumens erfolgen. Die Erkenntnisse der vorliegenden Ausarbeitung gewinnen mit der am 15.02.2017 vom EU-Parlament (2017) beschlossenen Verschärfung des EU ETS für die vierte Handelsphase des EU ETS an Bedeutung. Insbesondere wird die Summe der verfügbaren Emissionsrechte im Zeitraum 2021-2030 nicht wie bisher um 1,74 % pro Jahr, sondern um jährlich 2,2 %, reduziert. Mit der Reform soll sichergestellt werden, dass die Treibhausgasemissionen der unter den EU ETS fallenden Sektoren, wie von der EU-Kommission (2017) vorgesehen, bis zum Jahr 2030 um 43 % gegenüber dem Wert aus dem Basisjahr 2005 reduziert werden. Es ist somit davon auszugehen, dass das Entscheidungsverhalten im Emissionsrechtehandel infolge der ambitionierteren Reduktionsvorgaben zukünftig stärker in den Vordergrund rückt. 62 Weiterhin bleibt zu wünschen, dass der angekündigte Ausstieg der USA aus dem Übereinkommen von Paris nicht zu einem Ende der internationalen Zusammenarbeit im Klimaschutz führt, sondern dass die Staaten ungeachtet ihrer nationalen Einzelinteressen die Herausforderungen der globalen Erwärmung weiterhin im Blick behalten, um gemeinsame Lösungen zu finden.

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References

Abstract

Fuel emissions in the heating and transport sectors will be covered by a national emissions trading system in Germany from 2021. The European certificate trading system EU ETS will also be further tightened for the fourth trading phase from 2021 to 2030. Under unknown framework conditions and uncertainty regarding the development of certificate prices, the actors involved will have to make a variety of decisions: How many emission rights are to be acquired and when? Are investments in new technologies or fuels worthwhile? This laboratory experiment on emissions trading examined which patterns and strategies can be identified in the individual decision-making behaviour of the actors. The paper was awarded the Dr. Tyczka Energy Prize in 2018.

Zusammenfassung

Brennstoffemissionen in den Bereichen Wärme und Verkehr fallen in Deutschland ab 2021 unter ein nationales Emissionshandelssystem. Auch der europäische Zertifikatehandel EU ETS wird zur vierten Handelsphase von 2021 bis 2030 weiter verschärft. Unter unbekannten Rahmenbedingungen und Untersicherheit hinsichtlich der Entwicklung der Zertifikatepreise müssen die beteiligten Akteure vielfältige Entscheidungen treffen: Wie viele Emissionsrechte sind wann zu erwerben? Lohnen Investitionen in neue Technologien? Im vorliegenden Laborexperiment zum Emissionshandel wurde untersucht, welche Muster und Strategien im individuellen Entscheidungsverhalten der Akteure erkennbar sind. Die Ausarbeitung wurde 2018 mit dem Dr. Tyczka-Energiepreis ausgezeichnet.