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2 Emissionsrechtehandel als Bestandteil der unternehmerischen Planung in:

Bertil Kapff

Individuelles Entscheidungsverhalten im Emissionszertifikatehandel, page 5 - 10

Eine empirische Analyse von CO2-Planspielen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4504-6, ISBN online: 978-3-8288-7541-8, https://doi.org/10.5771/9783828875418-5

Tectum, Baden-Baden
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5 2 Emissionsrechtehandel als Bestandteil der unternehmerischen Planung 2.1 Funktionsweise des Emissionsrechtehandels Durch die Einführung eines Emissionsrechtehandels werden die Betreiber von allen unter das System fallenden Anlagen verpflichtet, pro Handelsperiode, d. h. in der Regel kalenderjährlich, für jede von ihrer Anlage emittierten Treibhausgaseinheit ein handelbares Zertifikat bei der zuständigen Behörde zu hinterlegen. Diese Stelle legt dabei die Gesamtanzahl der verfügbaren Emissionsrechte vor jeder Handelsperiode entsprechend dem Minderungsziel fest. Den betroffenen Unternehmen drohen Strafzahlungen, sofern sie nicht in jedem Zeitraum über ausreichend Zertifikate verfügen. Dementsprechend ist zu erwarten, dass die Anlagenbetreiber im Falle einer Unterdeckung entweder ihre tatsächlichen Emissionen verringern oder zusätzliche Zertifikate über den Börsenhandel erwerben. Da die Summe der verfügbaren Rechte limitiert ist, stellt der Emissionshandel sicher, dass die gesamtwirtschaftliche Reduktionsvorgabe treffsicher erreicht wird (vgl. Fritsch et al. 2007, S. 140-143). Die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage sorgen dafür, dass die Reduktionsvorgabe einzel- und gesamtwirtschaftlich effizient erreicht wird (vgl. Schafhausen 2005, S. 65). Anlagenbetreiber, die ihre Luftverunreinigungen relativ kostengünstig reduzieren können, erhalten Anreize, ihre Emissionen stärker zu kontrollieren, um Zertifikate gewinnbringend verkaufen zu können. Wird die Investition in Vermeidungstechnologien für eine bestimmte Anlage dagegen als teurer eingestuft als der Erwerb von Emissionsrechten, werden es die Verantwortlichen dieses Abgasverursachers bevorzugen, ihre Verpflichtung durch den Ankauf weiterer Zertifikate nachzukommen. Solange die Emissionskontrolle noch nicht kosteneffizient zwischen den Anlagenbetreibern aufgeteilt ist, ermöglicht der Zertifikatehandel somit eine 6 Verbesserung des gesamtwirtschaftlichen Ergebnisses (vgl. Tietenberg 2006, S. 27). In diesem Zusammenhang weisen Fritsch et al. (2007, S. 178) darauf hin, dass die dynamische Effizienz eines Emissionsrechtehandels nur dann gewährleistet ist, wenn das Instrument eine systemische Verknappung der gehandelten Zertifikate vorsieht. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Handelspreise aufgrund des technischen Fortschritts sinken und in Folge dessen die Anreize für weitere Innovationen und Investitionen in Vermeidungstechnologien verfallen. Einschränkungen der Effizienz eines Emissionshandels ergeben sich zudem aufgrund anfallender Transaktionskosten. Auf staatlicher Seite entstehen Aufwendungen insbesondere für den Aufbau, den Betrieb und die Überwachung des Handelssystems. Bei den Teilenehmern fallen Transaktionsaktionskosten für die Auswahl und Bewertung von Minderungsalternativen, den Emissionsrechtehandel sowie projektbezogenen Aktivitäten an (vgl. Schleich et al. 2002, S. 115; Akca 2008, S. 53). In Umfragen zum EU ETS beklagen die betroffenen Unternehmen insbesondere die zusätzlichen Monitoring- und Berichterstattungspflichten. Kleinemittenten werden zudem verhältnismäßig, d. h. pro emittierte Einheit, deutlich stärker durch die Transaktionskosten des Systems belastet (vgl. Löschel et al. 2011, S. 29). 2.2 Entwicklung einer Emissionshandelsstrategie aus Unternehmenssicht Die verpflichtende Teilnahme am Emissionsrechtehandel führt zu zusätzlichen Kosten für die betroffenen Unternehmen, die im Rahmen der strategischen Planung zu berücksichtigen sind. In diesem Zusammenhang unterscheiden Hoffmann und Trautmann (2010, S. 112-113) die direkten Kosten für den Erwerb von Zertifikaten sowie die Durchführung von Minderungsmaßnahmen, die indirekten Kosten, die anfallen, wenn die tatsächlichen Emittenten der Treibhausgase ihre Mehrbelastungen auf spätere Stufe der Wertschöpfungskette abwälzen können,2 sowie die Kosten für die erhöhte Unsicherheit nach der Einführung des EU ETS. 2 In der ersten Handelsphase des EU ETS ist es bspw. Energieversorgungsunternehmen gelungen, den Wert, der für die Stromproduktion in ihren Kraftwerken benötigten Zertifikate, über erhöhte Strompreise an ihre Kunden weiterzugeben, auch wenn die Emissionsrechte zuvor kostenfrei bezogen worden waren (sogenannte windfall profits; vgl. Donner / Stratmann 2006, S. 15). 7 Um die sich aus der verpflichtenden Teilnahme am Emissionsrechtehandel ergebenden zusätzlichen finanziellen Belastungen für das eigene Unternehmen so gering wie möglich zu halten, stehen den betroffenen Anlagenbetreibern nach Meyer (2010, S. 770) grundsätzlich die folgenden drei Handlungsalternativen zur Verfügung: 1. Senkung der eigenen Emissionen durch die Investition in Vermeidungstechnologien im eigenen Unternehmen 2. Zukauf der erforderlichen Emissionsrechte über den Zertifkatehandel 3. Realisierung von Emissionsvermeidungen mit Hilfe von Projektpartnern: Joint Implementation oder Clean Development Mechanism. Da diese flexiblen Instrumente des Kyoto- Protokolls nicht im Emissionshandelsplanspiel der Universität Koblenz-Landau berücksichtigt werden, wird auf diese Handlungsalternative hier nicht weiter eingegangen (zur Erläuterung dieser Instrumente siehe u. a. Michaelowa 2005, S. 137-152; Dathe 2011, S. 263-284). Aus betriebswirtschaftlicher Sicht liegt somit eine Abwägung zwischen Eigenfertigung und Fremdbezug („make-or-buy“-Entscheidung; Knoll / Huth 2008, S. 84) vor. Aufgrund der hohen Sanktionszahlungen bei einer Unterdeckung an Zertifikaten und ggf. negativer Auswirkungen auf die Reputation der betroffenen Gesellschaft bei einer Veröffentlichung in einer „Klimasünder-Datenbank“ (vgl. bspw. Ummel 2002, S. 1) sollte ein freiwilliger Verzicht auf die Teilnahme am Emissionshandel für die betroffenen Unternehmen im Regelfall nicht in Betracht kommen und wird hier deshalb nicht weiter vertieft. Im Rahmen des sogenannten Emissionsmanagements werden sowohl die tatsächlichen Emissionen als auch die handelbaren Zertifikate überwacht, um hieraus operative und strategische Maßnahmen ableiten zu können. Die Entwicklung einer Emissionshandelsstrategie erfolgt dabei gemäß der idealtypischen Abbildung 1 in einem mehrstufigen Verfahren (vgl. Betz et al. 2005, S. 250-267). 8 Abbildung 1: Schritte bei der Bildung der Emissionshandelsstrategie (eigene Darstellung der in Betz et al. (2005, S. 190-267) beschriebenen Vorgehensweise) Zunächst müssen die betroffenen Unternehmen ihren aktuellen Emissionsausstoß ermitteln (siehe hierzu u. a. Adam 2005, S. 93-116; Betz et al. 2005, S. 190-235; Romeo 2012, 42-51). Nach dem Gesetz über den Handel mit Berechtigungen zur Emission von Treibhausgasen (TEHG) sind Betreiber von unter den Emissionsrechtehandel fallenden Anlagen in Deutschland verpflichtet, die von ihren Anlagen ausgestoßenen Emissionen kalenderjährlich in einem standardisierten Emissionsbericht zu bilanzieren. Der Emissionsbericht ist von einer akkreditierten Prüfstelle zu verifizieren und anschließend bis zum 31.03. des Folgejahres bei der zuständigen nationalen Behörde, in Deutschland bei der DEHSt, einzureichen (§ 5 Abs. 1, 2 TEHG in Verbindung mit § 21 TEHG, Anlage 2 Teil 2 TEHG; DEHSt 2014). Die Nachweispflichten sind im EU ETS einheitlich durch die am 01.08.2012 in Kraft getretene Verordnung zur Überwachung und Berichterstattung im Europäischen Emissionshandelssystem Nr. 601/2012 geregelt. Anhand der eingereichten Emissionsberichte prüft die DEHSt, ob die tatsächlichen Emissionen einer Anlage mit der Anzahl der hinterlegten Emissionsrechte auf dem Konto ihres Betreibers übereinstimmen. Ausgehend vom Status quo sind die in den Folgejahren voraussichtlich anfallenden Emissionen zu prognostizieren, um daraus die in den zukünftigen Perioden des Planungszeitraums benötigten Zertifikatsmengen sowie die zu erwartenden Kosten ableiten zu können (vgl. Betz et al. 2005, S. 232-235). Die Schätzung sollte dabei unter Berücksichtigung individuell gewählter Parameter, wie beispielsweise der Marktentwicklung, der eigenen Produktionsmenge oder der eingesetzten Brennstoffe, erfolgen. Die prognostizierte zukünftige Entwicklung der Emissionen stellt die sogenannte Baseline dar, die als Vergleichsmaßstab für die alternativen Minderungsmaßnahmen dient. Bei 9 starker Unsicherheit hinsichtlich der Schätzparameter kann es auch sinnvoll sein, alternative Baselines für eine Anlage auszuarbeiten. Im nächsten Schritt müssen die betroffenen Anlagenbetreiber durch eine interne Analyse mögliche Maßnahmen zur Senkung der Emissionsintensität der aktuellen und zukünftigen Produktionsprozesse identifizieren (vgl. Betz et al. 2005, S. 238-243). Die Auswahl erfolgt dabei anlagenindividuell unter Berücksichtigung der jeweiligen Besonderheiten des speziellen Treibhausgasemittenten. Zur Bewertung und Klassifizierung der identifizierten Minderungsmaßnahmen sind die Kosten der verschiedenen Handlungsalternativen zunächst den jeweils realisierbaren Emissionseinsparungen gegenüberzustellen. Aus Sicht der betroffenen Unternehmen stellt die Auswahl von Minderungsmaßnahmen regelmäßig eine Investitionsentscheidung mit langjähriger Laufzeit dar. Um die zu unterschiedlichen Zeitpunkten anfallenden Zahlungsflüsse und die damit verbundenen Kapitalkosten vor dem Hintergrund des mehrperiodischen Investitionszeitraums angemessen zu berücksichtigen, können dementsprechend die Verfahren der dynamischen Investitionsrechnung, wie beispielsweise die Kapitalwertmethode, verwendet werden (vgl. Schleich/ Luhmann 2014, S. 123; Betz et al. 2005, S. 244). Hierbei sollte jeweils eine Vergleichsrechnung auf Vollkostenbasis gegenüber der Baseline aufgestellt werden. Neben den einmaligen Belastungen sollte diese auch die zusätzlichen laufenden Kosten, die durch die jeweilige Minderungsmaßnahme verursacht werden, beinhalten, wie z. B. erhöhter Personalaufwand für Wartungen. Um die lohnenswertesten Entscheidungsalternativen identifizieren zu können, sind die Maßnahmen nach dem ermittelten Kosten- Nutzen-Verhältnis zu sortieren. Im vereinfachten einperiodigen Modell werden hierzu zunächst die spezifischen Emissionsminderungskosten in EUR/t CO2 als Division der Summe aller Kosten einer Maßnahme und ihres Emissionsminderungspotenzials gebildet. Hierbei ist zu beachten, dass sich Minderungsmaßnahmen gegenseitig beeinflussen können und die Emissionsreduktionen in diesem Fall nicht einfach addiert werden können. Die Handlungsalternativen sind in der Reihenfolge ihrer spezifischen Emissionsminderungsgrenzkosten in EUR/t CO2 umzusetzen. Ab der zweitbesten Alternative wird dabei sowohl hinsichtlich der zu berücksichtigenden Kosten als auch bezüglich der realisierbaren Minderungspotenziale jeweils davon ausgegangen, dass sämtliche besseren Optionen bereits realisiert wurden. Bei der abschließenden Bewertung gilt das folgende Entscheidungskriterium: 10 Aus rationaler Sicht ist die Investition in eine Minderungsmaßnahme immer dann lohnenswert, wenn die spezifischen Emissionsminderungsgrenzkosten geringer sind als der erwartete Marktpreis der Zertifkate. Für die mehrperiodige Entscheidungssituation wurde das Konzept der spezifischen Emissionsminderungsgrenzkosten durch Schleich et al. (2002, S. 68) und Betz et al. (2005, S. 261 f.) zur Kenngröße des Indikatorpreises weiterentwickelt. Der Indikatorpreis stellt den Zertifikatepreis dar, ab dem die Investition in ein aus einer oder mehreren Minderungsoptionen bestehendes Maßnahmenbündel für den Anlagenbetreiber lohnenswert ist. Sofern mit einem höheren Börsenkurs für die Emissionszertifikate gerechnet wird, ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht rational, die geplanten Maßnahmen durchzuführen. Andererseits sollte auf das Bündel verzichtet werden, sofern ein geringer Handelspreis erwartet wird. Das Instrument des Indikatorpreises erlaubt eine flexible Zusammenstellung und Bewertung von Maßnahmenbündeln. Die zu berücksichtigenden Aktivitäten haben abweichende Laufzeiten und beginnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Zudem kann die gegenseitige Beeinflussung bei der Realisierung mehrerer Maßnahmen im Konzept abgebildet werden (vgl. Schleich et al. 2002, S. 68; Betz et al. 2005, S. 261 f.; zur Herleitung der Berechnungsformel siehe Anhang 2). Der Indikatorpreis basiert auf der Kapitalwertmethode, bei der der durch Abzinsung ermittelte Gegenwartswert einer Investition zur Entscheidungsunterstützung herangezogen wird (vgl. Grob 2006, S. 52). Es ist zu beachten, dass die zukünftige Entwicklung der Marktpreise für Emissionszertifikate unbekannt ist. Aus diesem Grund müssen die Unternehmen diese prognostizieren. Diese unter Unsicherheit erfolgende Einschätzung schlägt sich unmittelbar auf die Investitionsempfehlung nieder. Prognostiziert der Anlagenbetreiber einen zu hohen Marktpreis, werden verglichen mit dem Optimum zu viele Minderungsmaßnahmen realisiert; unter Zugrundelegung eines zu geringeren Preises dagegen zu wenige. Dies unterstreicht, dass die Anlagenbetreiber geeignete Instrumente und Modelle zur Vorhersage der künftigen Preisentwicklung der Emissionszertifikate benötigen. Neben den Entscheidungen über die Durchführung von Minderungsmaßnahmen koordiniert das Emissionsmanagement auch den An- und Verkauf der Emissionsrechte. Die Handelsaktivitäten hängen maßgeblich von den zukünftigen tatsächlichen Emissionen und Zertifikatepreisen ab, über deren Entwicklung Unsicherheit herrscht.

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Abstract

Fuel emissions in the heating and transport sectors will be covered by a national emissions trading system in Germany from 2021. The European certificate trading system EU ETS will also be further tightened for the fourth trading phase from 2021 to 2030. Under unknown framework conditions and uncertainty regarding the development of certificate prices, the actors involved will have to make a variety of decisions: How many emission rights are to be acquired and when? Are investments in new technologies or fuels worthwhile? This laboratory experiment on emissions trading examined which patterns and strategies can be identified in the individual decision-making behaviour of the actors. The paper was awarded the Dr. Tyczka Energy Prize in 2018.

Zusammenfassung

Brennstoffemissionen in den Bereichen Wärme und Verkehr fallen in Deutschland ab 2021 unter ein nationales Emissionshandelssystem. Auch der europäische Zertifikatehandel EU ETS wird zur vierten Handelsphase von 2021 bis 2030 weiter verschärft. Unter unbekannten Rahmenbedingungen und Untersicherheit hinsichtlich der Entwicklung der Zertifikatepreise müssen die beteiligten Akteure vielfältige Entscheidungen treffen: Wie viele Emissionsrechte sind wann zu erwerben? Lohnen Investitionen in neue Technologien? Im vorliegenden Laborexperiment zum Emissionshandel wurde untersucht, welche Muster und Strategien im individuellen Entscheidungsverhalten der Akteure erkennbar sind. Die Ausarbeitung wurde 2018 mit dem Dr. Tyczka-Energiepreis ausgezeichnet.