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1 Problemstellung und Gang der Untersuchung in:

Bertil Kapff

Individuelles Entscheidungsverhalten im Emissionszertifikatehandel, page 1 - 4

Eine empirische Analyse von CO2-Planspielen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4504-6, ISBN online: 978-3-8288-7541-8, https://doi.org/10.5771/9783828875418-1

Tectum, Baden-Baden
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1 1 Problemstellung und Gang der Untersuchung Am 01.06.2017 verkündete Präsident Donald Trump, dass die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) aus dem Übereinkommen von Paris zum Klimaschutz austreten werden. Die USA emittieren rund 17 % der weltweiten Treibhausgase und sind damit nach der Volksrepublik China der zweitgrößte Klimaschädiger. Präsident Trump begründete den Ausstieg aus der Vereinbarung insbesondere mit den aus dem Übereinkommen resultierenden Wettbewerbsnachteilen, steigenden Kosten für die amerikanische Wirtschaft und den Zahlungsverpflichtungen der USA (vgl. Behrens et al. 2017; Esch et al 2017, S. 13-15; Heidtmann 2017). Das Übereinkommen von Paris wurde am 12.12.2015 von 195 Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UN- FCCC) auf der 21. Weltklimakonferenz in Paris beschlossen. Mit der Vereinbarung haben sich die beteiligten Länder auf das Ziel verständigt, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C, möglichst auf 1,5 °C, zu limitieren. Das Vertragswerk gibt den Unterzeichnerstaaten dabei keine verbindlichen Minderungsziele vor, sondern verlangt von diesen lediglich, freiwillige Minderungsvorgaben festzulegen und deren Einhaltung regelmäßig zu veröffentlichen. Bei Verfehlung der Ziele sind keine Sanktionen vorgesehen. Neben den USA verneinen bisher lediglich Syrien und Nicaragua ihre Unterstützung zu dem Übereinkommen von Paris (vgl. UNFCC 2015a, UNFCC 2015b, Lüdemann, D. / Staud, T. 2017). Mit der Verkündung des Ausstiegs aus dem Übereinkommen von Paris teilte Präsident Trump am 01.06.2017 zudem mit, über ein neues Klimaschutzabkommen verhandeln zu wollen, um dabei eine für die USA im Vergleich zum bestehenden Vertragswerk weniger belastende Vereinbarung zu erzielen. Dementsprechend steht selbst für die aktu- 2 elle amerikanische Regierung der Klimawandel an sich nicht mehr grundsätzlich in Frage. Nach den Vorstellungen von Präsident Trump soll dagegen nur darüber debattiert werden, wie die Belastungen aus den erforderlichen Emissionsminderungsanstrengungen zu verteilen sind. Das Angebot zur Neuverhandlung der Klimaziele wurde von den anderen Nationen einheitlich als indiskutabel abgelehnt (vgl. Shear 2017, Borger 2017). Die Ankündigung von Präsident Trump verdeutlicht aber, dass internationale Abkommen zur Begrenzung der Erderwärmung nicht nur den Umweltschutz tangieren, sondern vor allem von wirtschaftlichen und standortpolitischen Interessen beeinflusst werden. Nach dem 2014 erschienenen Synthesebericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen der Vereinten Nationen IPCC (2016, S. 2) wird das Klimasystem „klar“ vom Menschen beeinflusst. Dies hat weitreichende Folgen für die Ökosysteme und das Leben auf der Erde. Die globale Durchschnittstemperatur hat sich seit Beginn der Industrialisierung bis heute um ca. 0,85 °C erhöht. In diesem Zeitraum ist die Kohlenstoffdioxidkonzentration in der Erdatmosphäre um ca. 30 % angestiegen. Die Treibhausgase erhöhen das Rückhaltevermögen für infrarote Wärmestrahlung in der Troposphäre und führen somit zur globalen Erwärmung. Die kontinuierliche Anreicherung der Erdatmosphäre mit Treibhausgasen ist hauptsächlich auf die Nutzung fossiler Brennstoffe, die fortschreitende Entwaldung sowie die Landund Viehwirtschaft zurückzuführen (vgl. Lucht 2005, S. 2-6; Lange 2005, S. 46-47). Der mit der Erderwärmung einhergehende weltweite Klimawandel wird u. a. für die steigende Anzahl an Naturkatastrophen, das Abschmelzen der Gletscher, die Erhöhung der Meeresspiegel sowie eine Ausweitung der Dürregebiete verantwortlich gemacht (vgl. Höppe/Grimm 2010, S. 14; Knorr/Scholze 2010, S. 48 f.). Im Rahmen des Kyoto-Protokolls hat sich die Europäische Union (EU) am 11.12.1997 verpflichtet, ihre jahresdurchschnittlichen Treibhausgasemissionen1 im Zeitraum 2008 bis 2012 gegenüber dem Stand aus dem Jahr 1990 um 8 % zu senken (vgl. Vereinte Nationen 1997, S. 23). Um dieses Ziel möglichst kosteneffizient zu erfüllen, hat der 1 Betroffen sind die sechs in Anlage A des Kyoto-Protokolls definierten Treibhausgase (Kohlendioxid CO2, Methan CH4, Distickstoffdioxid N2O, teilhalogenierte Fluorkohlenwasserstoffe H-FKW, perfluorierte Kohlenwasserstoffe PFKW, Schwefelhexafluorid SF6). Zu Auswertungszwecken erfolgt eine Transformation in Kohlendioxid-Äquivalente über festgelegte Umrechnungsfaktoren (Vereinte Nationen 1997, S. 22). 3 Staatenverbund das CO2-Emissionshandelssystem EU ETS (European Union Emissions Trading Scheme) konzipiert (vgl. Schafhausen 2005, S. 68). Unter das EU ETS fallen derzeit nach Angabe der Deutschen Emissionshandelstelle im Umweltbundesamt (DEHSt 2014, 1) ca. 45 % der europäischen Treibhausgasemissionen. Seit Beginn der dritten Handelsphase zum 01.01.2013 sind rund 12.000 stationäre Industrie- und Energieanlagen in allen 28 Mitgliedstaaten der EU sowie in Norwegen, Island und Lichtenstein in das System eingebunden. Zudem fällt seit dem 01.01.2012 auch der Flugverkehr innerhalb der EU unter das EU ETS. Derzeit sind hiervon ca. 600 Fluggesellschaften betroffen (vgl. EEA 2016, S. 9; DEHSt 2015, 8). Laborexperimente zum Emissionsrechtehandel ermöglichen unter kontrollierten Bedingungen, Erkenntnisse über das vergleichsweise neuartige Instrument der Umweltpolitik zu gewinnen. Das jährlich an der Universität Koblenz-Landau im Rahmen des weiterbildenden Fernstudienganges Energiemanagement stattfindende „Planspiel Emissionshandel“ dient zudem zu Schulungszwecken. Bisher wurden die bei dieser internetbasierten Simulation gesammelten Marktdaten nur aggregiert ausgewertet. Beobachtet wurden dabei insbesondere die sich in den einzelnen Perioden einstellenden Marktgleichgewichte, d. h. die Zertifikatepreise und Handelsvolumina, sowie die durchschnittlichen Gewinne und Verluste je Teilnehmer. Die tatsächlich realisierten Handels- und Minderungsaktivitäten wurden anschließend mit der optimalen Lösung, d. h. mit dem kostenminimalen Ergebnis, verglichen. In der vorliegenden Arbeit soll dagegen untersucht werden, welche Muster sich im individuellen Entscheidungsverhalten der einzelnen Teilnehmer erkennen lassen. Es wird analysiert, inwieweit sich die subjektiven Strategien der Probanden in den Messwerten widerspiegeln. Im Fokus stehen dabei die von den Studenten realisierten Minderungsmaßnahmen. Dabei wird ausgewertet, zu welchen Zeitpunkten die Probanden in Minderungsmaßnahmen investierten und in welchem Ausmaß die Teilnehmer auf Preissignale reagierten. Außerdem wird ein besonderes Augenmerk auf die Frage gelegt, inwieweit sich die Einziehung von Auktionen in das Planspieldesign auf das beobachtbare Verhalten der Probanden ausgewirkt hat. Die vorliegende Arbeit ist in vier Kapitel gegliedert. Nachdem in Kapitel 1 in die Thematik eingeführt wurde und die zu untersuchenden Fragestellungen vorgestellt wurden, wird in Kapitel 2 zunächst das marktwirtschaftliche Grundprinzip des Emissionsrechtehandels erläu- 4 tert. Anschließend werden die Schritte zur Bildung einer Emissionshandelsstrategie aus Unternehmenssicht besprochen, die sowohl in der betrieblichen Praxis als auch von den Probanden im vorliegenden Planspiel zu beachten sind. In Kapitel 3 wird zunächst kurz auf die Bedeutung von Laborexperimenten zur Erforschung der Funktionsweisen des Emissionsrechtehandels eingegangen. Um die individuellen Entscheidungen der Teilnehmer sinnvoll interpretieren zu können, werden anschließend das Versuchsdesign und die Spielregeln in den beiden Varianten der Simulation besprochen. Daraufhin werden die zu prüfenden Hypothesen abgeleitet. Im Rahmen der deskriptiven Datenanalyse werden zunächst die Ausgangssituationen der Probanden, d. h. ihre jeweiligen Emissionsprognosen sowie Erstausstattungen an Emissionsrechten, und die Entwicklungen der Zertifikatepreise in den einzelnen Varianten der Simulation diskutiert. Darauf aufbauend stehen die von den Teilnehmern individuell verwirklichten Minderungsprojekte sowie ihre im Rahmen der Auktionen abgegebenen Gebote im Fokus. Die grundlegenden Erkenntnisse der statistischen Auswertung werden in Kapitel 4 zusammengefasst. Die Ausarbeitung schließt mit einem Ausblick auf den weiteren Forschungsbedarf.

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Abstract

Fuel emissions in the heating and transport sectors will be covered by a national emissions trading system in Germany from 2021. The European certificate trading system EU ETS will also be further tightened for the fourth trading phase from 2021 to 2030. Under unknown framework conditions and uncertainty regarding the development of certificate prices, the actors involved will have to make a variety of decisions: How many emission rights are to be acquired and when? Are investments in new technologies or fuels worthwhile? This laboratory experiment on emissions trading examined which patterns and strategies can be identified in the individual decision-making behaviour of the actors. The paper was awarded the Dr. Tyczka Energy Prize in 2018.

Zusammenfassung

Brennstoffemissionen in den Bereichen Wärme und Verkehr fallen in Deutschland ab 2021 unter ein nationales Emissionshandelssystem. Auch der europäische Zertifikatehandel EU ETS wird zur vierten Handelsphase von 2021 bis 2030 weiter verschärft. Unter unbekannten Rahmenbedingungen und Untersicherheit hinsichtlich der Entwicklung der Zertifikatepreise müssen die beteiligten Akteure vielfältige Entscheidungen treffen: Wie viele Emissionsrechte sind wann zu erwerben? Lohnen Investitionen in neue Technologien? Im vorliegenden Laborexperiment zum Emissionshandel wurde untersucht, welche Muster und Strategien im individuellen Entscheidungsverhalten der Akteure erkennbar sind. Die Ausarbeitung wurde 2018 mit dem Dr. Tyczka-Energiepreis ausgezeichnet.