Content

7 Methodik in:

Sonja Sälzle

Lebenslanges Lernen in Organisationen, page 129 - 146

Ein systematisches Review zur Kompetenzentwicklung von Mitarbeitenden im Kontext von transformationaler Führung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4501-5, ISBN online: 978-3-8288-7536-4, https://doi.org/10.5771/9783828875364-129

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 51

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Methodik Im folgenden Kapitel wird zuerst die Fragestellung des Reviews erläutert. Anhand von sechs Schritten wird im Anschluss das methodische Vorgehen des systematischen Reviews vorgestellt sowie die konkrete Umsetzung dokumentiert. Fragestellung des systematischen Reviews Im ersten Teil der Arbeit wurde die Forschungsfrage „Wie können Führungskräfte die Kompetenz-entwicklung ihrer Mitarbeitenden fördern?“ aus unterschiedlichen Perspektiven des Erwachsenenlernens theoretisch betrachtet und in den Stand der Forschung eingeordnet. Für den zweiten Teil der Forschungsarbeit wird die Methode des systematischen Reviews gewählt, um über die Auswertung von Primärstudien evidenzbasierte Aussagen hinsichtlich dieser Forschungsfrage zu erarbeiten. 1. Wie wird Kompetenzentwicklung in den Studien konzeptualisiert? 2.a Wie können die Führungskräfte die Kompetenzentwicklung von Mitarbeitenden fördern? 2.b Welche Faktoren (Mediatoren und Moderatoren) nehmen Einfluss auf transformationale Führung und Kompetenzentwicklung? 3. Wie relevant ist das Thema Kompetenzentwicklung im Diskurs von transformationaler Führung? Anhand der ersten Frage „Wie wird Kompetenzentwicklung in den Studien konzeptualisiert?“ soll geprüft werden, welche Zugänge von Erwachsenenlernen, Mitarbeiter- und Kompetenzentwicklung in den Studien für Organisationen zugrunde gelegt werden. Wird von einem ähnlichen Verständnis ausgegangen? Falls ja: Ist es das Verständnis aus dem ersten Teil der Forschungsarbeit? Die zweite Frage „Wie können Führungskräfte die Kompetenzentwicklung ihrer Mitarbeitenden fördern?“ bildet die Hauptfrage und wird mit der nachgeordneten Frage „Welche Faktoren (Mediatoren und Moderatoren) nehmen Einfluss auf Führung und Kompetenzentwicklung?“ weiter systematisiert. Es wird sowohl nach direkten Zusammenhängen als auch nach indirekt wirksamen Faktoren gesucht. Weiterhin soll geprüft werden, welche Moderatoren die Wirkung von Führung auf Kompetenzentwicklung verstärken bzw. abschwächen. Ebenso wird untersucht, welche Mediatoren vermittelnd auf den Zusammenhang von Führung und Mitarbeiterentwicklung wirken. Anhand der dritten Frage „Wie relevant ist das Thema Kompetenzentwicklung in dem Review?“ soll analysiert werden, welchen Stellenwert das Thema Kompetenzentwicklung in den inkludierten Studien einnimmt und welche Relevanz Kompetenzentwicklung in der Gesamtschau unter Einbezug der exkludierten Studien hat. 7 7.1 129 Formen und Ziele von Reviews Allgemeine Ziele systematischer Reviews Systematische Reviews haben zum Ziel, den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt zu einer Problemstellung oder einem bestimmten Thema darzustellen. Sie bündeln große bzw. unübersichtliche Publikationsmengen und unterstützen auf diese Weise evidenzbasierte Entscheidungen im Bildungs- und Sozialbereich oder schaffen die Grundlagen für die Gestaltung weiterer empirischer Studien. Formen von Reviews Döring und Bortz bezeichnen Literaturreviews als „Sonderfall der wissenschaftlichen Sekundärliteratur“ (Döring und Bortz 2016, S. 20), da keine eigenen Daten generiert und präsentiert, sondern bereits vorhandene Studien verwendet werden. Die eigentliche Leistung liegt in der Forschungssynthese. Diese beinhaltet die Recherche, Bewertung und Bündelung des Stands der Forschung zu einer konkreten Fragestellung. Methodisch lassen sich Reviews in quantitative Reviews bzw. Metaanalysen, qualitative Metaanalysen, narrative Reviews und systematische Reviews unterscheiden. Überblick zu Arten von Reviews (eigene Darstellung nach Döring und Bortz 2016, S. 898; Green et al. 2006, S. 102 f.) Bei einem systematischen Review werden alle Beiträge zur Forschungsfrage für einen bestimmten Zeitraum dargestellt, ohne die Datenbasis der Artikel weiter auszuwerten. Im Gegensatz zu einem narrativen oder unsystematischen Literaturreview wird eine strenge, von außen nachvollziehbare Methodik angewandt (Petticrew und Roberts 2012, S. 9). In dem Review beziehen sich die Aussagen auf die inkludierten Texte bzw. 7.2 Tabelle 7.1: 7 Methodik 130 Studien. Es erfolgen keine auf eine größere Grundgesamtheit bezogenen Ableitungen wie bei der quantitativen Metaanalyse. Weiterhin kann im Gegensatz zum quantitativen Literaturreview kann der Literaturkorpus bei einem systematischen Review auch heterogener aussehen. Es können sowohl qualitative, quantitative Studien als auch theoretische Beiträge einbezogen werden. Die Festlegung erfolgt ebenfalls vorab über die Ein- und Ausschlusskriterien (Green et al. 2006, S. 103). Systematische Reviews finden sich insbesondere in den Medizin- und Gesundheitswissenschaften. Vorreiter ist die Medizin mit der strengen Systematik und Vorgehensweise der Cochrane Collaboration (CC) (Higgins und Green 2011). Seit den 2000er Jahren wurden auch in den Sozialwissenschaften zunehmend systematische Reviews publiziert, um den Forschungsstand für sozial- und gesellschaftspolitische Diskussionen und Entscheidungen vorbereitend darzustellen, um Ideen oder Theorien zu entwickeln oder um Ergebnisse zusammenzuführen als Test einer Theorie (Petticrew und Roberts 2012, S. 10; Gough und Thomas 2013, S. 20). Zusammenfassend lässt sich das systematische Review als eine Sekundärforschung definieren, die mit Blick auf eine klare Fragestellung relevante Primärstudien mithilfe einer festgelegten Methodik sichtet, bewertet und die Ergebnisse in komprimierter Form darstellt. Durch eine detaillierte Dokumentation des Forschungsprozesses sollen Transparenz und Nachvollziehbarkeit gewährleistet werden (Petticrew und Roberts 2012). Ablauf eines Reviews Petticrew und Roberts formulieren den Ablauf systematischer Reviews im Wesentlichen wie folgt (Petticrew und Roberts 2012, S. 27 ff.): 1. Fragestellung definieren 2. Literaturrecherche planen und durchführen (Datenquellen, Suchwörter) 3. Literatur anhand festgelegter Ein- und Ausschlusskriterien auswählen 4. Schematische Übersicht und Bewertung der ausgewählten Texte erstellen (Analyse) 5. Ergebnisse und Synthese der ausgewählten Texte erarbeiten (Synthese) 6. Mögliche Verzerrungen darstellen In der Systematik von Petticrew und Roberts ist nach dem zweiten Schritt vorgesehen, eine Forschungsgruppe zu bilden, um die Literaturauswahl und Analyse nach dem Mehr-Augen-Prinzip erfolgen zu lassen und mögliche Verzerrungen zu minimieren. Dieser Schritt kann im Rahmen dieser Dissertation, die als Einzelarbeit angelegt ist, nicht erfolgen. Fragestellung definieren Mit einem systematischen Review können konkrete Fragestellungen beantwortet sowie Hypothesen oder Theorien überprüft werden. Generell gilt, dass mit dem systemati- 7.3 7.3.1 7.3 Ablauf eines Reviews 131 schen Review erst begonnen werden sollte, wenn eine oder mehrere klare Fragestellungen formuliert sind. Hypothesen können in diesem Zusammenhang helfen, die Fragen genauer auszuarbeiten (Petticrew und Roberts 2012, S. 35 ff.). Im ersten Schritt wird die geplante Fragestellung überprüft und ggf. nochmals geschärft. Dafür wird das PICO-Modell der Cochrane-Systematik verwendet. Das Akronym PICO steht für Population (Welche Zielgruppe oder welches Problem?), Intervention (Welche Intervention soll untersucht werden?), Comparison (Was ist die Vergleichsintervention?) und Outcome (Was soll erreicht werden?). Mithilfe dieser Systematik können die Parameter der Fragestellung in Teilaspekte zerlegt und entsprechend spezifiziert und zudem geprüft werden, ob alle relevanten Aspekte in der Frage berücksichtigt sind (Higgins und Green 2011, S. 84 ff.). Für die geplante Forschungsfrage sieht das PICO-Modell wie folgt aus: Population: Führungskräfte Intervention: Förderung Comparison: keine Förderung Outcome: Kompetenzentwicklung von Mitarbeitenden Literaturrecherche planen und durchführen Die Planung und Durchführung der Literaturrecherche bilden den zweiten methodischen Schritt eines Reviews. Hierzu gehört die Festlegung der Datenbanken und Verlagsportale, in denen gesucht werden soll sowie die Auswahl der Suchwörter. Auswahl der Datenbanken Um einen möglichst umfassenden Überblick über die existierenden Beiträge zu erhalten, werden sowohl die einschlägigen Datenbanken für Erziehungswissenschaften, Psychologie als auch für Wirtschaftswissenschaften, Führung und Management sowie entsprechende fachübergreifende, international ausgerichtete Datenbanken einbezogen (siehe Tabelle 7.2). 7.3.2 7 Methodik 132 7.3 Ablauf eines Reviews 133 Übersicht über die ausgewählten Datenbanken und KatalogeTabelle 7.2: 7 Methodik 134 Der Rechercheprozess wird wie folgt angelegt: Ausgangspunkt bildet der regionale Katalog der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Anhand dieser Datenbank wird ein Pretest durchgeführt, um die Suchbegriffe zu testen und mit den in der Suche angebenden Schlagwörtern abzugleichen. Bei der Hauptrecherche wird ebenfalls zunächst mit dem PH-Katalog gesucht, da dieser auf unterschiedliche Datenbanken zugreift und zahlreiche Volltexte vorliegen. Darauf aufbauend werden der überregionale Katalog SWB, der GBV sowie der DNB verwendet. Aufgrund der Forschungsfragen wird anschließend in Datenbanken mit sozialwissenschaftlichem, psychologischem, pädagogischem und wirtschaftlichem Schwerpunkt gesucht. In der weiteren Recherche werden fachübergreifende, internationale Portale hinzugenommen. Auswahl der Suchwörter Nach der Auswahl der Datenbank erfolgt die Festlegung der Suchwörter für die Literaturrecherche (Tabelle 7.3). Bei der Festlegung der Suchbegriffe wird wie folgt vorgegangen: Die Forschungsfrage wird zunächst nach dem PICO-Modell (Higgins und Green 2011, S. 84 ff.) in ihre Teilaspekte Transformationale Führung, Maßnahmen/ Bedingungen/Können, Führungskräfte, Kompetenzentwicklung und Mitarbeitende zerlegt (Tabelle 7.3, Spalte 1). Zu jedem primären Suchbegriff werden sekundäre Suchbegriffe (Tabelle 7.3, Spalte 2) festgelegt. Grundlagen bilden der theoretische Teil der Forschungsarbeit sowie ergänzend relevante Schlagwörter aus dem Ergebnis einer Erstrecherche mit den primären Suchwörtern im Online-Katalog Plus der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Überdies werden Suchbegriffe assoziativ durch Brainstorming ergänzt, um mögliche Lücken zu schließen. Die sekundären Suchbegriffe sind entsprechend den Quellen in Tabelle 7.3 gekennzeichnet. Im nächsten Schritt wird der eigentliche Suchstring festgelegt, in dem die sekundären Suchbegriffe trunkiert und entsprechend durch die Booleschen Operatoren AND und OR verbunden werden (Tabelle 7.3, Spalte 3). Bei einem weiteren Test zeigt sich, dass die hinter den Suchfunktionen der Datenbanken liegenden Programmierungen eine Verbindung mehrerer Begriffe mit OR und zusätzlich mit AND nicht akzeptieren. Daher muss der finale Suchstring vereinfacht und reduziert werden (Tabelle 7.3, Spalte 4): Die Begriffe „Transformational* AND „Führ*“ werden übernommen. Für die Suchwörter „Maßnahmen/Bedingungen/Können“ wird kein spezielles Suchwort eingegeben, um möglichst viele Treffer zu erzielen. Das Suchwort „Führungskräfte“ ist bereits mit „Führ“* (Tabelle 7.3, Spalte 4, Zeile 2) abgedeckt und wird daher nicht mehr benötigt. Für das Suchwort „Kompetenzentwicklung“ verbleiben die sieben alternativen Suchwörter „Lern* OR Förder* OR Entwick* OR Kompetenz* OR Train* OR Innovat* OR Kreativ*“ (Tabelle 7.3, Spalte 3, Zeile 4). Für das Suchwort „Mitarbeitende“ wird „Personal* OR Mitarbeit*“ verwendet (Tabelle 7.3, Spalte 3, Zeile 4). 7.3 Ablauf eines Reviews 135 Identifikation primärer und sekundärer Suchbegriffe (deutsch)Tabelle 7.3: 7 Methodik 136 Identifikation primärer und sekundärer Suchbegriffe (englisch) Tabelle 7.4: 7.3 Ablauf eines Reviews 137 Für die Literaturrecherche wurde der folgende Suchalgorithmus final festgelegt: – Die Recherche erfolgt über „transformational* AND Führ*“ immer im Feld „Titel/ Title“. Für den englischen Suchlauf wird die Recherche im Feld „Titel /Title“ mit „transformational* AND lead*“ durchgeführt. – Durch die Festlegung von TF als Begriff im Titel wird sichergestellt, dass dieser Führungsansatz in den Dokumenten tatsächlich im Mittelpunkt steht und nicht nur einen weniger relevanten Teilaspekt in dem jeweiligen Artikel darstellt. Die weiteren Suchwörter werden im Feld „alle Felder/in all fields“ mit „AND“ in die Datenbank eingegeben. – Bei einer Trefferzahl > 50 wird das Feld „Abstract“ oder „Topic“ verwendet, um die Treffer einzuschränken. Bei Datenbanken, in denen die Recherchefilter nach „Topic“ oder „Abstract“ nicht vorhanden sind, wird mit dem Filter „Keywords“ gesucht. – Zwischen den Suchwörtern des jeweiligen Teilaspekts steht jeweils ein „OR“. – Als Zeitraum wird 01.01.2007 bis 31.12.2018 eingetragen. – Bei „Sprache“ wird der Filter „deutsch“ bzw. „englisch“ gesetzt. – Bei allen Suchbegriffen wird der Wortstamm mit „*“ trunkiert, um zu gewährleisten, dass auch nach weiteren Begriffen der Wortfamilie gesucht wird. – Es wird sich gegen eine Suche über „Schlagworte“ entschieden, da sonst die Schwierigkeit besteht, dass ggf. aktuelle Texte noch nicht in allen Datenbanken verschlagwortet sind. Weiterhin wird jedem Text nur eine begrenzte Anzahl von Schlagworten zugeordnet, sodass relevante Texte durch das Raster fallen könnten. Beispiel für die Suchmaske in der Datenbank PsycINFO Auf Grundlage des Suchalgorithmus werden jeweils acht Suchläufe pro Datenbank mit deutschen Suchwörtern durchgeführt: sieben Suchläufe mit den jeweiligen Varianten für Kompetenzentwicklung aus der vierten Zeile von Tabelle 7.3 sowie zusätzlich noch ein achter Suchlauf mit „Personal“ statt „Mitarbeit“ aus Zeile fünf. Für den englischen Suchlauf werden die Begriffe entsprechend übersetzt (Tabelle 7.4) und Abbildung 7.1: 7 Methodik 138 weitere acht Suchläufe mit den englischen Begriffen und den jeweiligen Varianten zu „competency development“ durchgeführt, mit „learn* OR empower* OR skill* OR creativ* OR train* OR competenc* OR innovativ* OR develop*“. Für Mitarbeitende wird immer der Suchbegriff „employe*“ verwendet, da dieser überwiegend in den Schlagwörtern für Personal/Mitarbeitende verwendet wird. Sämtliche Datenbank-Recherchen werden mit demselben Suchalgorithmen realisiert. Ein- und Ausschlusskriterien festlegen Den dritten Schritt des Reviews bildet die Erarbeitung der Ein- und Ausschlusskriterien. Dieser Schritt ist zentral, da die Primärliteratur des Reviews weiter eingegrenzt und somit der spätere Informationsgehalt festgelegt wird. Abgeleitet von den Forschungsfragen werden folgende Ein- bzw. Ausschlusskriterien definiert: 1. Sprache: Es werden nur englisch- und deutschsprachige Texte ausgewählt. Andere Sprachen werden aufgrund des erhöhten Aufwands für notwendige Übersetzungen ausgeschlossen. 2. Zeitraum: Der Publikationszeitraum wird vom 01.01.2007 bis 31.12.2018 gewählt. Eine Zeitspanne von mindestens zehn Jahren wird als aussagekräftiger Zeitraum angenommen. 3. Art der Texte: Sowohl qualitative als auch quantitative Studien werden einbezogen. Theoretische Abhandlungen werden in dem Review nicht aufgenommen, sondern bei Relevanz im Theorieteil berücksichtigt. Ausgeschlossen werden populärwissenschaftliche Artikel, Ratgeberliteratur, Texte ohne wissenschaftlichen Anspruch oder Artikel aus Zeitschriften, die lediglich auf die Praxisebene abzielen. Weiterhin werden Bachelor- und Masterarbeiten nicht berücksichtigt. Dagegen werden Dissertationen als umfangreichere wissenschaftliche Publikationen einbezogen. Nach Sichtung der Studien wurde dieses Kriterium auf quantitative Studien eingeschränkt (Teilabschnitt 7.4.1). 4. Keine Dopplungen: Existieren mehrere Publikationen, die sich auf die gleiche empirische Grundlage beziehen, wird die Publikation mit dem stärkeren Bezug zur Forschungsfrage ausgewählt. 5. Variablen: Es werden nur Texte berücksichtigt, die im direkten Bezug zur Forschungsfrage stehen: Die Artikel müssen den Ansatz der TF als Führungsverständnis erkennen lassen. Zudem werden nur solche Texte berücksichtigt, in denen sowohl auf die Variable „transformationale Führung“, die Variable „Kompetenzentwicklung“ als auch auf die Variable „Mitarbeitende“ Bezug genommen wird. Publikationen, die lediglich eine oder zwei Variablen behandeln, werden demnach ausgeschlossen (Abbildung 7.2). 7.3.3 7.3 Ablauf eines Reviews 139 Variablen des systematischen Reviews Studien analysieren und bewerten Nachdem der Studienkorpus entsprechend der Ein- und Ausschlusskriterien feststeht, erfolgt im vierten Schritt des Reviews die Analyse, idealerweise nach einem festgelegten Prüfschema oder einer Checkliste (Petticrew und Roberts 2012, S. 152 ff.). Diese Checkliste beinhaltet meist eine schematische Übersicht der Studien, eine zusammenfassende Darstellung des Inhalts und darauf aufbauend eine kritische Betrachtung von Inhalt und Qualität der Methodik (Petticrew und Roberts 2012; Gough und Thomas 2013). „The skill in critical appraisal lies not in identifying problems, but identifying errors that are large enough to affect how the result of the study should be interpreted“ (Petticrew und Roberts 2012, S. 128). Ziel ist bei der Prüfung und Bewertung, auf Verzerrungen aufmerksam zu machen, die die Interpretation der Studien beeinflussen könnten. Zugleich stellen Petticrew und Roberts fest, dass es nicht zielführend ist, nur perfekte Studien einzubeziehen, da sonst ggf. zu wenige übrigbleiben (Petticrew und Roberts 2012). Für die vorliegende Arbeit wird anhand der Vorschläge von Petticrew und Roberts und der Prüffragen von Rost das Prüfraster in Tabelle 7.5 zusammengestellt (Petticrew und Roberts 2012, S. 132 ff.; Rost 2013, S. 314).49 Das Prüfraster mit den ausführlichen Erläuterungen findet sich im Anhang 2 und die Prüfungen der jeweiligen Studien des Reviews sind in Anhang 3 dokumentiert. Abbildung 7.2: 7.3.4 49 Die vorgeschlagenen Prüfschemata von Petticrew und Roberts eignen sich insbesondere für die Prüfung von Studien aus dem Gesundheitsbereich. Daher wird für diese Forschungsarbeit zusätzlich die Vorgehensweise von Rost herangezogen, der pädagogisch-psychologische Studien in den Mittelpunkt stellt. 7 Methodik 140 Prüfraster (eigene Darstellung nach Boaz 2008, S. 51; Petticrew und Roberts 2012, S. 173) Tabelle 7.5: 7.3 Ablauf eines Reviews 141 Im fünften Schritt erfolgt die Darstellung des Gesamtergebnisses und die Synthese. Die Erkenntnisse, Gemeinsamkeiten sowie Widersprüche über alle Studien werden herausgearbeitet (Petticrew und Roberts 2012, S. 170). Für das vorliegende Review wird die narrative Synthese gewählt, da die statistischen Vorgehensweisen und statistischen Berechnungen in den Studien sehr unterschiedlich sind. Die Synthese beinhaltet die ausführliche Darstellung und Diskussion der Ergebnisse in Bezug auf die Forschungsfragen des Reviews. Für den Schluss der Synthese wird in der vorliegenden Forschungsarbeit eine Zusammenführung in ein evidenzbasiertes Modell zur Kompetenzentwicklung gewählt. Mögliche Verzerrungen darstellen Verzerrungen (Bias) durch z.B. durch Voreingenommenheit oder systematische Fehlerquellen können dazu führen, dass falsche Schlussfolgerungen gezogen werden. Daher ist es notwendig, den Forschungsprozess mit den einzelnen Schritten zu dokumentieren. Weitere Maßnahmen zur Vermeidung von Verzerrungen bilden die Festlegung von Kriterien zur Eignung von Texten (siehe die Ein- und Ausschlusskriterien) und die Anwendung des Mehr-Augen-Prinzips bei der Literaturauswahl, ein strenger Suchalgorithmus sowie ein festes Prüfraster. Nach der Synthese wird im siebten Schritt der Forschungsprozess kritisch resümiert sowie Fehlerquellen und Verzerrungen dargestellt und diskutiert (Teilkapitel 8.4). Umsetzung des Reviews Nach der allgemeinen Darstellung des Ablaufes des systematischen Reviews im vorigen Abschnitt erfolgt in diesem Teilkapitel die Dokumentation der Umsetzung des Reviews. Auswahl der Studien Die Literaturrecherche fand schwerpunktmäßig von 01.01.2017 bis 31.12.2018 statt. Eine nochmalige Überprüfung der Literaturbasis erfolgte im April 2019, um sicherzustellen, dass sich auch die aktuelleren Texte von 2017 bis 2018 in den Datenbanken befinden, da Aktualisierungen z.T. zeitversetzt erfolgen. Bei der allgemeinen Eingabe von „transformational* AND lead“ im Reiter „Title“ für den Zeitraum 01.01.2007 bis 31.12.2018, noch ohne die zusätzlichen Suchwörter und ohne Entfernung von Duplikaten, werden bei der Datenbank PsycINFO 1.296 Treffer und bei der Datenbank Web of Science 1.663 Treffer gelistet. Die Zahlen bestätigen, wie bereits im Theorieteil dargestellt, dass der Führungsansatz der TF breit empirisch erforscht ist. 7.3.5 7.4 7.4.1 7 Methodik 142 PRISMA-Flow-Diagramm (eigene Darstellung in Anlehnung an Petticrew und Roberts 2010, S. 273, Higgins und Green 2011, S. 153) Bei der Selektion der Texte aus der Literaturrecherche wurde nach dem PRISMA- Flow-Diagramm zur Studienauswahl vorgegangen (Abbildung 7.3). Als Erstes wurden die Datenbank-Treffer im Literaturverwaltungsprogramm Citavi dokumentiert sowie Duplikate entfernt. Nachdem der Suchlauf mit allen Suchalgorithmen in deutscher und englischer Sprache abgeschlossen war, sind 699 potenziell relevante Texte im Citavi-Programm erfasst. Anhand der Ein- und Ausschlusskriterien Sprache, Art der Publikation und Relevanz des Inhalts wurden die Texte im nächsten Schritt durch Lesen des Titels und des Abstracts geprüft. Texte, auf die die Einschlusskriterien nicht zutrafen, wurden als nicht relevant codiert und in den nächsten Schritten des Reviews nicht mehr berücksichtigt. Es wurden 542 Studien aussortiert, die sich schwerpunktmäßig mit anderen Themen, wie dem Zusammenhang von TF und Arbeitsleistung, Leistung der Organisation, Arbeitszufriedenheit, Gesundheit, Engagement oder Unternehmenskultur befassen. Von den verbleibenden 157 Studien im Themenumfeld Kompetenzentwicklung wurden die Volltexte besorgt. Die weitere Prüfung beinhaltete eine oberflächliche Volltextanalyse in Bezug auf die Relevanz zur Forschungsfrage. Weitere 39 Studien wurden aussortiert. Die sich anschließende vertiefte Volltextanalyse enthielt die Prüfung des fünften Einschlusskriteriums, inwiefern alle drei Variablen, transformationale Führung, Kompetenzentwick- Abbildung 7.3: 7.4 Umsetzung des Reviews 143 lung und Mitarbeitende in den Studien behandelt werden. 65 Studien verblieben als vorläufiger Korpus für das Review. Über das Schneeballverfahren wurden bei der vertieften Volltextanalyse noch drei Studien gefunden und in den Korpus aufgenommen und die aktualisierte Anzahl der Studien lag bei 68. Zwei Volltexte waren nicht erhältlich und die Studien mussten daher herausgenommen werden. Bei der Kategorisierung in quantitative und qualitative Studien stellte sich heraus, dass sich lediglich eine qualitative Studie (Al-Qawabah 2012) unter den relevanten Studien befand. Aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit und Bewertung der Studie wurde sie aussortiert, zumal sie sich inhaltlich insbesondere mit der lernenden Organisation beschäftigt und deshalb auch von geringerer Relevanz ist. Das Kriterium Art der Publikation wurde dadurch auf „quantitative Studien“ verengt. Anschließend wurden drei Studien aufgrund fehlerhafter Ergebnisdarstellung bzw. Mängel in der Methodik aussortiert. Zwei weitere Studien wurden aufgrund fraglicher Seriosität der Zeitschrift exkludiert.50 Von den 68 Studien verkleinerte sich der Korpus daher final auf 63 Studien (Teilabschnitt 8.1.1). Prüfung weiterer Selektionskriterien Aufgrund des großen Umfangs von 68 Studien wurde die Anwendung weiterer Selektionskriterien geprüft. Eine Möglichkeit besteht darin, über nicht thematische Selektionskriterien wie Zitationsindex oder Impact-Faktor der Zeitschrift eine weitere Auswahl vorzunehmen. Dies gestaltet sich aus Sicht der Autorin schwierig: Der Zitationsindex ist keine passende Größe, da aktuellere Publikationen schon aufgrund des jüngeren Erscheinungsdatums weniger Zitationen vorweisen. Das Selektionskriterium Impact-Faktor ist insofern problematisch, da Kompetenzentwicklung ggf. ein weniger beachtetes Thema darstellen könnte. Bei mangelnder Relevanz des Themas kann sich eine Veröffentlichung der Studien in den Zeitschriften mit einem hohen Impact-Faktor als schwieriger erweisen. Diese Art der Selektion könnte daher dazu führen, dass Studien exkludiert werden, die zwar inhaltlich relevant, aber in Zeitschriften mit keinem oder geringem Impact-Faktor publiziert sind. Daher wird eine nicht thematische Selektion verworfen und die Möglichkeiten der thematischen Selektion überprüft. Eine solche könnte über eine Verengung der Kriterien erfolgen. Von den gebildeten Kategorien könnten die Studien in der am wenigsten relevanten Kategorie aussortiert oder nur diejenigen in der wichtigsten Kategorie betrachtet werden. Alternativ könnte ein Indikator gebildet werden, der die Relevanz für die Forschungsfrage bewertet und die Studien mit der geringeren Bewertung werden exkludiert. Diese thematischen Selektionsmöglichkeiten werden ebenfalls nicht angewandt, da entsprechende Informationen durch eine zu frühe Selektion verloren gehen könnten. Die Methode 7.4.2 50 Die Bewertung der Seriosität der Zeitschriften erfolgte durch Prüfung, ob ein Impact-Faktor vorliegt, ob die Artikel einem Peer-Review-Verfahren unterliegen und wie lange dieses dauert, inwiefern der Autor für seine Publikation eine Gebühr bezahlen muss und ob die Zeitschrift auf der Übersicht „List of Predatory Journals“ gelistet ist. (vgl. Erläuterungen zum Prüfschema im Anhang 2). 7 Methodik 144 des systematischen Reviews erhebt den Anspruch, eine möglichst vollumfängliche Studienbasis zu verwenden, sodass das Review mit 68 Studien durchgeführt wird. Variablen, Mediatoren und Moderatoren Bei der folgenden Datenanalyse des Reviews stellt TF die unabhängige Variable und Kompetenz-entwicklung die abhängige Variable dar. In der Darstellung der Ergebnisse können zunächst lediglich Aussagen über Zusammenhange zwischen TF und den abhängigen Variablen gemacht werden und nicht über die Ursache-Wirkungsverhältnisse (Döring und Bortz 2016, S. 696). Variablen, Moderator und Mediator (Döring und Bortz 2016, S. 697) Als weitere Faktoren werden die untersuchten Mediatoren und Moderatoren als indirekte Einflussfaktor auf die Variablen ausgewertet. Mediatoren sind intervenierende oder verbindende Faktoren, d. h. sie wirken vermittelnd als Bindeglied in einer Kausalkette. „Der interessierende Effekt zwischen unabhängiger und abhängiger Variable kommt über den Mediator zustande“ (Döring und Bortz 2016, S. 697). Die unabhängige Variable TF beeinflusst kausal den Mediator und der Mediator beeinflusst dann ebenfalls kausal die abhängige Variable. Der Zusammenhang kommt somit völlig oder teilweise durch den Mediator zustande. Über die Mediatoren können somit Aussagen über die Wirkungsrichtung von TF auf die abhängigen Variablen, d. h. zu kausalen Zusammenhängen gemacht werden (Döring und Bortz 2016, S. 697). Moderatoren sind Variablen, die die Enge und oder die Richtung des Zusammenhangs zwischen unabhängiger und abhängiger Variable beeinflussen. Moderatoren treffen daher Aussagen, unter welchen Bedingungen der betrachtete Zusammenhang stärker oder schwächer wird (Döring und Bortz 2016, S. 697) und können somit als Bedingungen bzw. Störfaktoren betrachtet werden, die den Zusammenhang zwischen TF und Kompetenzentwicklung verändern können. 7.4.3 Abbildung 7.4: 7.4 Umsetzung des Reviews 145

Chapter Preview

References

Abstract

In this book, Sonja Sälzle shows how learning and aptitude development among employees proceed in organisations and which factors have to be considered in this regard on an individual, a team-based and an organisational level. In her systematic review, she shows that transformational leaders can bolster the expertise of employees by enabling individual and organisational learning, implementing empowerment, supporting creativity and innovation, and creating a team and corporate culture that fosters learning.

Zusammenfassung

Sonja Sälzle stellt dar, wie Lernen und Kompetenzentwicklung von Mitarbeitenden in Unternehmen stattfindet und welche Faktoren auf individueller-, Team- und organisationaler Ebene hierbei zu berücksichtigen sind.

Auf Basis eines systematischen Reviews zeigt sie, dass transformationale Führungskräfte über die Ermöglichung individuellen und organisationalen Lernens, der Umsetzung von Empowerment, der Förderung von Kreativität und Innovation sowie einer lernförderlichen Team- und Unternehmenskultur die Kompetenzentwicklung von Mitarbeitenden fördern und stärken können.