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Teil 2 Ethik in der Post-Corona-Zeit – eine Vertiefung der empathischen Ethik in:

Roland Mierzwa

Empathische Ethik, page 75 - 104

Ein Entwurf für die Post-Corona-Zeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4494-0, ISBN online: 978-3-8288-7529-6, https://doi.org/10.5771/9783828875296-75

Tectum, Baden-Baden
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Ethik in der Post-Corona-Zeit – eine Vertiefung der empathischen Ethik (Redaktionsschluss dieses Abschnittes 10.04.2020, 2:00 Uhr) Teil 2 Die Corona-Krise Das Team um den Molekularbiologen Kristian G. Andersen vom Scripps Research Institute in La Jolla hat nachgewiesen, dass vieles dagegen spricht, dass Sars-CoV-2 ein Laborerreger sein könnte. Die Forschung zeigt hingegen, dass bei der Virusanalyse herausgekommen ist, „dass das Erbgut eines Coronavirus aus asiatischen Fledermäusen – genauer: aus der Java-Hufeisennase – zu 96 Prozent mit dem aktuellen Coronavirus übereinstimmt“ (Hütten/Zinkant, 4./5.04.2020, 31). Aber es muss einen Zwischenwirt gegeben haben, wobei darum zwei Theorien kursieren. Und es muss Mutationen gegeben haben, damit gut vom Oberflächeneiweiß her an menschliche Zellen angedockt werden kann. Was da aber konkret passiert sein könnte, das ist nicht klar. Christian Drosten von der Berliner Charité weist nun darauf hin, dass man nicht so einfach von einem gefährlicher werdenden Virus sprechen kann. Aber mit Paul Robert Vogt aus der Schweiz sollte man dennoch festhalten: „je grösser die Anzahl Viren pro Population, desto grösser die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Mutation, welche das Virus noch aggressiver machen könnte. Also sollten wir sicher nicht aktiv mithelfen, die Anzahl Viren pro Population zu erhöhen“ (ders., 07.04.2020, 16). Wenn vieles an dem Erreger rätselhaft ist, so reicht die Hoffnung auf die sogenannte „Herdenimmunität“ nicht aus, die darüber hinaus problematisch ist, wenn daraus das-sich-Einlassen auf eine widerstandslose Durchseuchung der Gesellschaft resultiert: Ohne Impfstoff wird die Menschheit nicht gegen Sars-CoV-2 ankommen. Und man wird wohl eine Vielfalt von Impfstoffen brauchen mit unterschiedlichen Nutzen-Risiko-Profilen, um differenziert bei jungen oder alten Immunsystemen zu wirken. Im Vergleich zum alten Sars-Erreger ist der aktuelle Coronavirus weniger tödlicher, aber infektiöser. Und dennoch sind bis zum 9. April 2020 mehr als 83.000 Gestorbene weltweit zu verzeichnen (Grabar, 09.04.2020, 2). Es gibt Risikogruppen: Alte Menschen, Raucher, Men- 1. 77 schen mit Vorerkrankungen am Herzen oder der Lunge, Patienten mit chronischen Lebererkrankungen, Patienten mit einem geschwächten Immunsystem (auch infolge der Einnahme von Medikamenten), Patienten mit einer Krebserkrankung sowie Patienten mit Diabetes mellitus (vgl. BZgA, 14.03.2020, 2). Aber Studien und Berichte zeigen, „dass auch Kinder an Covid-19 verstorben sind“ (Paul Robert Vogt, 07.04.2020, 4). Weil Länder, wie Italien von der Corona-Pandemie überrascht wurden, gab es hier eine große Sterblichkeit – Stand hier am 3. April 2020 (16:00 Uhr) 13.915 Tote; die meisten Toten in einem Land weltweit (vgl. SZ 4./5. April 2020, 31). Auch das „ignorante“ Verhalten der Offiziellen der Schweiz gegenüber der Pandemie, so Paul Robert Vogt, führte dazu, dass die Schweiz pro Kopf die zweitmeisten Infizierten hat (vgl. ders., 07.04.2020, 11). In New York wurden Haftanstalten geöffnet und Ende März 2020 Tausende von Inhaftierten auf freien Fuß gesetzt, weil sie aufgrund von Gesundheitsproblemen als besonders gefährdet galten und bei einer Epidemie innerhalb der Haftanstalt vermutlich gestorben wären (vgl. Diederichs, 03.04.2020, Politi2). In Schweden wurde von einem Sonderweg (praktisch keine Einschränkungen des öffentlichen Lebens) Anfang April 2020 abgegangen, weil am ersten April-Wochenende die Todesfälle explodierten. Bei der Wahrnehmung des Problems war in Rechnung zu stellen, dass sich mit der Verdreifachung der Tests auch etwas mehr als eine Verdreifachung der positiv Getesteten ergab. Diese Verdreifachung wurde den Bürgerinnen und Bürgern als Verdreifachung der Infizierten vorgeführt. Aber wenn wir schon die Infizierten ansprechen. Es scheinen Beobachtungen zur Lage in Großbritannien darauf hinzuweisen, dass nur einer von tausend infizierten Patienten eine Krankenhausbehandlung benötigt. Und es tauchen Gestorbene in der Covid-19-Statistik auf, weil sie infiziert waren, wo aber nicht unmittelbar deutlich wird, dass diese sowieso gestorben wären, auch ohne Sars-2. Und man darf beim Sterben Covid-19 nicht immer allein die Schuld geben; der Virus tötet häufig im Verbund mit anderen Krankheiten. Durch die Meldepflicht wird der Anschein erweckt, dass Covid-19 mehr Todesfälle verursacht. Daten aus Südkorea zeigen, dass 99 Prozent der aktiven Fälle in der generellen Population „mild“ sind und keine spezifische medizinische Behandlung brauchen. Die neue Defi- 1. Die Corona-Krise 78 nition von „Pandemie“ bei der WHO, nämlich bereits aufgrund der alleinigen Verbreitung von Viren, führt wegen der Globalisierung und der damit verbundenen schnellen Verbreitung von Viren über die ganze Welt dazu, dass im Grunde stets der Zustand einer Pandemie gegeben ist (vgl. hierzu diverse Expertenstimmen unter http://blauerbote. com/2020/04/04/expertenstimmen-zur-corona-krise-2/). Aber man darf das zuletzt gesagte nicht als Gegenargument gegen die neue Definition von „Pandemie“ lesen. Wenn ein Virus, das in 3 Tagen tötet, um die Welt geht, dann macht eine solche Pandemie-Definition durchaus Sinn (vgl. Paul Robert Vogt, 07.04.2020, 14). Mit der zunehmenden „Immunisierung“ der Bevölkerung wird es regionale Verschiebungen der Krisenherde geben. Und wer einmal infiziert war, wäre vermutlich im Gesundheitswesen voll einsetzbar (vgl. Albrecht, 08.04.2020, 31). Aber wir wissen nicht, „ob nach durchgemachter Infektion eine Immunität vorliegt, oder nicht“. Und wir wissen nicht „wie lange eine allfällige Immunität schützen könnte“ (vgl. Paul Robert Vogt, 07.04.2020, 14). 1. Die Corona-Krise 79 Positive Psychologie für eine ethische Grundhaltung in der Post-Corona-Zeit Die ethischen Überlegungen wollen nicht moralisch sein. Es wird mit der „positiven Psychologie“ angesetzt, wie mit einer Vertrauenskultur, der gewaltfreien Kommunikationskultur oder der Praxis der Liebe der „ethische“ Mensch aufgerichtet wird. Das bedeutet also gerade nicht mit „Sollensforderungen“ bei der Ethik einzusetzen, sondern sich Gedanken zu machen, mit welchen wertschätzenden, die Würde achtenden und Respekt übenden Grundvollzügen daran gearbeitet werden könnte, damit sich die Menschen zu ethisch gehaltvollen Menschen entwickeln, stärken oder auch neu orientieren, wenn ein wie bei Harari (23.03.2020) befürchteter psychischer Kollateralschaden durch die Corona-Krise entstanden ist. Angstfreiheit wiedergewinnen Der Angstmensch möchte immer radikale, totale Lösungen. Deswegen ist es im Sinne einer Rückkehr zu differenzierten, sanftmütigen, gewaltfreien Verhalten in der Gesellschaft notwendig, dass den Menschen die Angst genommen wird. Dazu wird auch die mediale Begleitung der Rückkehr der Gesellschaft in die Post-Corona-Zeit einen wichtigen Beitrag leisten. Worauf wird nun die Aufmerksamkeit gerichtet? Auf gelungene Akte der Nächstenliebe? Auf kreative Formen der Verlebendigung von Öffentlichkeit? Auf gute Formen von Bürgersinn/von bürgerschaftlichem Engagement? Werden kritisch Formen des Zusammenschlusses einer uniformen Masse begleitet? 2. 2.1. 81 Über Sinngebung zu gutem Arbeiten finden Es wird besser gearbeitet, wenn Menschen ihrer Arbeit einen Sinn geben bzw. in dieser Arbeit einen Sinn finden – z.B. als Reinigungsfrau in einem Krankenhaus nicht nur wischen, sondern auch mal Zeit zum Gespräch mit Patienten*innen zu haben. Das war zwar vor der Corona- Krise schon bekannt, wurde unter der Corona-Krise nun vielen Menschen schließlich bewusster (vgl. Lavy, 08.04.2020, 33). Aber es ist auch zu sehen, dass Menschen unter der Corona-Krise „sinnvolle Arbeit“ erst entdecken (vgl. dies., 28). Diese neu entdeckte „sinnvolle Arbeit“ kann die Hoffnung ernähren bzw. die Hoffnung bewahren helfen (vgl. dies.). Und viele können nun unter der Corona-Krise entdecken, wenn sie sich jeden Abend eine einzige Sache aufschreiben, die ihnen am Tag sinnvoll erschienen ist, dass sie von der Arbeit begeisterter sind (vgl. dies., 33). 2.2. 2. Positive Psychologie für eine ethische Grundhaltung in der Post-Corona-Zeit 82 Ethische Herausforderungen in der Corona-Krise In der Corona-Krise traten ethische Fragen präziser, deutlich formulierter und offensichtlicher in den Diskurs der Gesellschaft. Manches, was in der Politik bisher weniger Beachtung fand und auch im ethischen Diskurs völlig unzureichend verhandelt wurde, steht nun als deutliche Anfrage nah einer „besseren“ Gesellschaft im Raum. Es ist nicht nur eine „konsequentere“ Situationsanalyse durch die zur ethischen Reflexion berufenen und sich berufen fühlenden Mit-Menschen nötig (vgl. Höhne, 2020a & 2020b), sondern man wird auch noch mehr zuhören müssen und sich existenziell hineinverwickeln lassen müssen in das Leben der „Armen“, „Schwachen“ und „Exkludierten“ resp. die Verwundbarkeit und Verletzlichkeit von den Schwächsten an sich heranlassen müssen (hier reicht es nicht nur, das Wort „prekär“ in den Mund zu nehmen bzw. niederzuschreiben), damit man die tatsächlich anstehenden ethischen Herausforderungen und Fragen sich „ganz“ erschließt. Danach erst wird die Handlungsempfehlung wirklich hilfreich sein und der Reflexionsprozess gelungen und das Urteil „gut“ sein. In diesem Abschnitt wird eine gründliche Situationsanalyse erfolgen, die aber dadurch in kräftigen Farben und deutlichen Linien gezeichnet werden kann, weil achtsam zugehört wurde und mit einer stärkeren Verwundbarkeit selbst gerungen wurde. Nachfolgend ein daraus entstandenes „Panorama“ ethischer Problemstellungen „in-der- Corona-Krise“, die hoffentlich nicht mit dem Verschwinden der Krise im gesellschaftlichen Aufmerksamkeitsradar erlöschen und wir darüber auch in der Post-Corona-Zeit intensiv ethisch nachdenken, um dann auch zu Gestaltungspotentialen in der Gesellschaft zu finden sowie dazu zu kommen über eine rege Zivilgesellschaft die Politik zum Wandel aktivieren zu können. Folgende ethische Fragen/Probleme fielen in dem gesellschaftlichen Diskurs „in-der-Corona-Krise“ besonders auf. 3. 83 Häusliche Gewalt gegen Frauen Robert Habeck (05.04.2020) weist darauf hin, dass es mit der Corona- Krise deutlich mehr Fälle häuslicher Gewalt in China und Frankreich gibt. Terre des Femmes (27.03.2020?) weist darüber hinaus darauf hin, dass diesbezüglich Zunahmen auch in den USA und Italien zu erkennen sind und erwartete infolgedessen frühzeitig auch für Deutschland hier Probleme. Antje Joel (02.04.2020, 11) machte aber nun deutlich, dass wir es hierbei nicht mit einem Problem in einer Ausnahmesituation zu tun haben, sondern dass „jede dritte Frau auf der Welt (…) wenigstens einmal in ihrem Leben Gewalt von ihrem Partner oder Ex-Partner (erfährt R.M.). Das sind in Deutschland zwölf Millionen Frauen“. Dass das Problem nicht gesellschaftlich angegangen wird hängt damit zusammen, dass der Umfang der ermordeten Frauen bagatellisiert wird. Und es wird das Handeln der Männer von Gerichten, Presse, Politik mit dem Verweis auf die Arbeitslosigkeit der Täter entschuldigt. Darüber hinaus werden als Entschuldigungsgründe Stress, Angst vor dem Verlust der wirtschaftlichen Existenz oder auch Alkoholkonsum angeführt. Die Qualität der häuslichen Gewalt, die Frauen erfahren ist umfassender und heftiger. 81 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen und es ist eine Hierarchie der Gewalt festzustellen: „Es gibt einen Unterschied zwischen einer Ohrfeige und dem Auf-die-Intensivstation-Prügeln. Es gibt einen Unterschied zwischen Beleidigungen und systematischen Erniedrigungen, die zum Ziel haben, den anderen zunichtezumachen“ (Joel, 2020, 11). Evan Stark wird erwähnt. Dieser soll in seinen mehr als 30 Forschungsjahren auf dem Gebiet häuslicher Gewalt nie einem Fall begegnet sein, in dem eine Frau in einer Beziehung, mit einem wie bei Männern häufig zu beobachtenden persönlichkeitsvernichtenden Effekt, Gewalt über ihren Mann ausgeübt hat. Antje Joel und Terre des Femmes machten deutlich, dass wir in Deutschland bei Frauenhausplätzen dramatisch unterversorgt sind. Zusätzlich wies Terre des Femmes darauf hin, dass darüber hinaus das bestehende Frauenhausnetzwerk durch die Corona-Krise kollabieren könnte und zusätzliche Plätze in Hotels nur die halbe Lösung sind, 3.1. 3. Ethische Herausforderungen in der Corona-Krise 84 weil dadurch die Anonymität nur unzureichend sichergestellt werden könnte und qualifizierte Beraterinnen fehlten. Und man sollte in der Corona-Krise nicht den Täter Mann neutralisieren (vgl. Joel, 2020, 11). Der Anstieg der Fallzahlen häuslicher Gewalt darf nicht zu einem (exklusiven) Problem der Corona-Krise werden. Täter sind weiterhin überwiegend Männer. Und dieses Problem gilt es an der Wurzel anzugehen, nämlich indem die Vorherrschaft der Männer bearbeitet werden muss, die Diskriminierung von Frauen durch Männer überwunden werden muss sowie indem die Politik nun etwas gegen häusliche Gewalt unternimmt und aus der Tatenlosigkeit herauskommt. Dass eine (relative) Tatenlosigkeit besteht macht Antje Joel daran deutlich, dass 120 Millionen Euro an freigegebenen Mitteln durch das Bundesfamilienministerium für Frauenhäuser und Beratungsstellen 3,8 Milliarden Euro gesellschaftliche Kosten infolge von häuslicher Gewalt und ihren Folgen Jahr für Jahr gegenüberstehen. Systemrelevante Arbeit und gerechter Lohn Die Journalisten*innen Pausch, Raether und Ulrich (2020, 3) gehen nicht nur der versteckten Ungerechtigkeit beim Lohn in „systemrelevanten“ Berufen (Pflegerinnen, Verkäuferinnen, Paketboten, Polizisten, Erzieherinnen, Lastwagenfahrern) nach, die durch die Corona-Krise zutage tritt, sondern machen auch einen gewissen „Hohn“ bei der bisherigen „Elite“ aus, wenn über mehrere Tage von den Balkonen nur Applaus geklatscht wird. Höhne (2020b) problematisiert, dass „nur“ Applaus, als Zeichen, sogar als leicht zynisch daher kommen kann, wenn man nicht konstruktiv auf den Hinweis der „systemrelevanten“ Akteure in der Corona-Krise eingeht, „dass angemessene Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen noch schönere Zeichen der Wertschätzung wären als Applaus“ Mit Ebner (2020) ist zu ergänzen, „dass rund 90 Prozent aller Menschen in den systemrelevanten Berufen unterdurchschnittlich verdienten“. Pausch, Raether und Ulrich weisen darauf hin, dass in den „systemrelevanten“ Tätigkeitsfeldern der Frauenanteil bei 75 Prozent liegt. Und wenn man einerseits das „systemrelevante“ Tätigkeitsprofil dieser Frauen – nämlich Krankenpflege, Hilfe in Arztpraxen, Reinigen und 3.2. 3.2. Systemrelevante Arbeit und gerechter Lohn 85 Böden wischen, Äpfelchen für Kita-Kinder schneiden, den Alten die Füße waschen etc. – betrachtet, andererseits den Mut, die Disziplin und Selbstlosigkeit an den Supermarktkassen etc. zur Kenntnis nimmt, dann wird man erkennen, dass der Gedanke der „Leistungsgerechtigkeit“ bisher ideologisch einseitig interpretiert wurde, um die Ungleichheit zwischen den Wohlhabenden und dem gehobenen Mittelstand einerseits und den schlecht bezahlten Dienstleistern andererseits zu zementieren. Die Corona-Krise macht nun deutlich, dass es für die „Elite“ nicht mehr leicht zu begründen ist, dass der bisherige geringe Lohn das gerechte Produkt geringer Leistung sei. Die Corona-Krise stellt hier nun einen Systemmechanismus im Einzelhandel, im Gesundheitswesen, im Pflegebereich etc. in Frage: „die systemische Ausbeutung in unseliger Kombination mit Selbstausbeutung, die für andere die Gewinne in die Höhe treibt“ (Pausch u.a., 2020, 3). 3. Ethische Herausforderungen in der Corona-Krise 86 Ethische Begriffe – neu vermessen In der Corona-Krise wurde aber auch ein „Zugewinn“ an ethischem Bewusstsein und ethischer Tiefenschärfe deutlich. Bisherige „ethische“ Standards bzw. die bisherige Qualität normativen Verhandelns erfuhren zuweilen eine Radikalisierung, aber auch eine „sensiblere Aufladung“. Das, was als „Gerechtigkeit“ bisher gedacht wurde oder das, was unter der „Vorrangigen Option für die Armen“ und „Option für die Exkludierten“ entfaltet wurde, erfuhr einen Zugewinn an „ethischer Aussage“. Aber auch mit Blick auf eine empathische Ethik kamen Perspektiven auf, die neu waren. Davon und noch von anderen Aspekten soll nun nachfolgend einiges erwähnt werden. Empathie Eine echte empathische Grundhaltung unter der Corona-Krise „entmoralisiert“ die Haltung zum menschlichen Leiden. Es wird nun weniger gedacht, dass das Krankheitsleiden Sünde ist beziehungsweise dass Sünde zu einer Erkrankung führte. Es wird vielmehr sehr viel stärker die „Verletzlichkeit“ und „Verwundbarkeit“ mit empathischen Blick wahrgenommen, zuweilen durch „Umgebungsfaktoren“. Deswegen wurde empathisch unter der Corona-Krise auch problematisiert: „Diese schwerwiegenden gesamtgesellschaftlichen Maßnahmen [Anmerkung: Interviewfrage nach Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen] müssen wir so kurz und so niedrig intensiv wie möglich halten, denn sie könnten möglicherweise mehr Krankheits- und Todesfälle erzeugen als das Coronavirus selbst. (…) Wir wissen, dass zum Beispiel Arbeitslosigkeit Krankheit und sogar erhöhte Sterblichkeit erzeugt. Sie kann Menschen in den Suizid treiben. Einschränkung der Bewegungsfreiheit hat vermutlich auch weitere negative Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung“ (Prof. Dr. Gérard Krause, 29.03.2020). 4. 4.1. 87 Aber der empathische Blick auf die „Verletzlichkeit“ und „Verwundbarkeit“ unter der Corona-Zeit ist auch besonders verantwortungs- und handlungsethisch produktiv. Er entfesselte Energien der Nächstenliebe und des Beistandes. Er machte vielen Menschen deutlicher klar, dass Hilfe (z.B. bei der Versorgung) nicht allein virtuell zu realisieren möglich ist. Und es wird wegen dem „Sinn für die Verletzlichkeit“ auch eine verschwenderische Liebe deutlich – dort wo Obdachlosen und (ehemaligen) Gästen der Vesperkirchen Hilfsangebote (z.B. Gabenzäune in Berlin, Bochum, Dresden, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main und Leipzig) gemacht werden, ohne nach dem Glauben zu fragen (vgl. Buschow/Geiler, 2020, 4). Schließlich führt der empathische Blick auf die „Verletzlichkeit“ und „Verwundbarkeit“ der Menschen unter der Corona-Krise dazu, dass nun mit-gejammert wird mit den nun Einsamen und vielleicht bleibend Vereinsamten, aber auch geweint wird mit den Verstorbenen (vgl. hierzu Thomas, März 2020, 10; Aisslinger/Lobenstein, 2.04.2020, 13ff.; Habeck, 5.04.2020). Der Schmerz und die Gefahr der Einsamkeit wurde unter der Corona-Krise nun bewusster. Unter Einsamkeit kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol und der Schlaf wird unruhiger. In Isolation erhöht sich die Vigilanz gegenüber sozialen Bedrohungen. „Das bedeutet: Der Mensch wird sensibler. Er fühlt sich schneller ausgeschlossen, wird, je nach Temperament, ängstlicher oder aggressiver oder beides.“ Und Einsamkeit beeinflusst stärker die Lebenserwartung als Rauchen und Alkoholkonsum (vgl. Ergebnisse der Forschung von Pascal Vrticka bei: Hardinghaus, 2020, 60). Barmherzigkeit und Mitgefühl Die Bahnhofsmissionen sind Einrichtungen der Barmherzigkeit und des Mitgefühls (vgl. Mierzwa, 2014, 438–473; Puhl, 2018). Sie funktionieren erheblich auf der Grundlage von Spenden. Aber durch die wirtschaftliche Krise durch den „Shutdown“, durch Kurzarbeit, durch Arbeitslosigkeit und durch ein verstärktes finanzielles Engagement älterer Mitbürger und Mitbürgerinnen bei Angehörigen, die durch die Coro- 4.2. 4. Ethische Begriffe – neu vermessen 88 na-Krise besonders betroffen sind, brechen den Bahnhofsmissionen Spenden weg. Hier ist das Corona-Soforthilfeprogramm der Deutschen Bahn Stiftung gGmbH in Höhe von 100.000€ für die Bahnhofsmissionen (08.04.2020) eine wertvolle Ergänzung, damit Barmherzigkeit und Mitgefühl weiter gelebt werden kann. Es soll zweckgebunden für die besonderen Herausforderungen unter der Corona-Pandemie eingesetzt werden. Lebensmittel, Hygieneartikel, persönliche Ausstattung für Gäste wie Kleidung, Schlafsäcke oder Rucksack sowie Materialien für Schutzmaßnahmen. Diese Barmherzigkeit, die von den Bahnhofsmissionen unter der Corona-Pandemie gelebt wird, schließt Lücken bei zum Beispiel unzureichenden Gerechtigkeits-Lösungen für Obdachlose unter Hartz IV. Sie muss daher gelebt werden. Aber die Bahnhofsmissionen müssten das Wort dahingehend erheben, dass Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit allerdings auf halben Weg stehen bleibt. Hier wird das ehrenamtliche Engagement der Bahnhofsmissionen ein mahnendes Zeichen an den Staat sein, dass in Gerechtigkeitsfragen noch Nachholbedarf besteht. Allerdings darf, dass muss auch gesagt werden, keine mühsam kaschierte Empörung über geschlossene Bahnhofsmissionen geäußert werden. Es muss respektiert werden, trotz des hohen Wertes der Barmherzigkeit, dass diese schlossen, weil infolge der Regelungen zum Infektionsschutz die örtlichen Bedingungen keinen gesicherten Betrieb möglich machten und auch eine Fürsorge gegenüber älteren ehrenamtlichen Mitarbeitern*innen praktiziert wurde. Vorrangige Option für die Armen – Option für die Anderen – Option für die Exkludierten Mit der „Vorrangigen Option für die Armen“ konnte vor allem in der Corona-Krise der Blick auf die Kinder mit Sozialleistungen gelenkt werden, für die es keinen Ausgleich für das weggefallende beitragsfreie Mittagessen in Kita und Schule gab und gleichzeitig die Tafeln schlossen. Dadurch wurde die Versorgung schwieriger und die Belastungen könnten den Eltern über den Kopf gewachsen sein, was sich auch in 4.3. 4.3. Vorrangige Option für die Armen – Option für die Anderen – Option für die Exkludierten 89 häuslicher Gewalt ausgedrückt haben könnte (vgl. Irene Johns im Interview 07.04.2020, 6; s.a. Otto/Schoener, 02.04.2020, 27). Irene Johns vom Kinderschutzbund problematisierte daher ganz im Sinne der Vorrangigen Option für die Armen, dass an die Wirtschaft gedacht wurde, aber an besonders belastete Familien aber nicht. Mit ihrem Beitrag wurde deutlich, wie brüchig die sozialstaatliche Struktur in Deutschland ist und wie dürftig die „Gerechtigkeits-Decke“. Andere Verantwortliche versuchten im Sinne dieser Option eine Notbetreuung für Kinder und Jugendliche aus desolaten Lebensverhältnissen auf die Beine zu stellen, trotz des Vorrangs des Infektionsschutzes, um den Eltern Entlastung zu verschaffen (vgl. Otto/Schoener, 02.04.2020, 28). Mit der „Option für die Anderen“ kam z.B. die Lebenslage von psychisch Kranken und Behinderten in den Blick, denen Begegnungsmöglichkeiten unter der „Corona-Krise“ wegbrachen, die aber wichtig für die Tagesstruktur und gegen eine Vereinsamung waren. Die „Option für die Anderen“, nach Dietrich Bonhoeffer, wäre missverstanden, wenn dadurch eine „Distanzierung“ zu „Verschiedenen“, weil andersartig, nicht-normal, zum Ausdruck käme. Mit E. Lévinas bekommt die „Option für die Anderen“ einen ganz neuen „Geschmack“. Hier wird der Andere als der anderen von beiden gesehen; es wird zur Verantwortung für den Anderen aufgerufen, weil ich ohne den Anderen unvollkommen bin. In dieser so verstandenen Option für den Anderen sind ich und der Andere auf Augenhöhe. Mit der Option für die Exkludierten kommen die „Überflüssigen“ resp. „sozial wertlosen Menschen“ der Gesellschaft in den Blick, wird die Unsichtbarkeit der Ausgegrenzten thematisiert. Und es wird noch einmal der nicht mehr wahrgenommene Ausgrenzungsprozess in der Gesellschaft thematisiert. Es wird mit der Option der Blick auf die gelenkt, die chronisch übersehen werden beziehungsweise die in Aufbewahrungsanstalten und Straßenschluchten im Wahrnehmungsradar der Gesellschaft verschwinden. Mit der Option der Exkludierten sind alle diese Maßnahmen wertzuschätzen, die diese Menschen aufsuchen, den Kontakt halten und wo man hinaustritt aus dem eigenen geschützten Lebensraum – zum Beispiel in einigen zu der „Corona-Krise-Zeit“ noch geöffneten Bahnhofsmissionen, wo das verantwortlich für die Ehrenamtlichen praktizierbar war. Siehe aber auch das Engagement 4. Ethische Begriffe – neu vermessen 90 für Obdachlose unter der „Corona-Krise“ bei einigen Kirchengemeinden (vgl. Buschow/Geiler, 2020, 4). Gerechtigkeit Für Elisabeth von Thadden ist die Corona-Krise „gerechtigkeitsproduktiv“. Das aber nicht irgendwie, sondern vor allem mit Blick auf den Gerechtigkeitsansatz von Martha Nussbaum. Menschliches Leben soll, darin drückt sich Gerechtigkeit aus, nicht vor der Zeit sterben – und nicht nur wegen Covid-19. Und menschliches Leben soll, wenn es gelingen darf, das Spielen kennen, Zeit zum Nachdenken haben sowie Zeit zum Lieben und Trauern haben. Und es ist gerecht, wenn menschliches Leben zwischenmenschliche Verbundenheit realisieren kann. Und es ist gerecht, wenn menschliches Leben mit Nahrung versorgt wird und ein Schutz vor Gewalt besteht (vgl. dies., 08.04.2020, 46). Menschenrecht auf Leben (Wie ernst ist es gemeint mit dem Menschenrecht auf Leben?) „Ich wende mich gegen jede dieser zynischen Erwägungen, dass man den Tod von Menschen in Kauf nehmen muss, damit die Wirtschaft läuft“, sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz der „Bild am Sonntag“. „Solche Abwägungen halte ich für unerträglich“ (zitiert nach Zitelmann, 29.03.2020). Einen anderen „Zynismus“ macht Günter Harmeling (18.03.2020) in der Gesellschaft aus, wenn „anderer“ Tod in der Welt permanent eine Missachtung erfährt, weil es den Personen an Bedeutung fehlt. Er zählt auf: „Jeden Tag sterben 15.000 Kinder an Hunger (=5.475.000 jährlich). Jeden Tag sterben allein in Afrika: 1.500 Menschen an Malaria (=547.500 jährlich), 600 Menschen an TBC (=219.000 jährlich) und 3.000 Menschen an den Folgen von Aids (=1.095.000 jährlich). An der Cholera sterben jährlich 21.000 – 143.000 Menschen“. Es ist für ihn „zynisch“ – ohne das Wort zu gebrauchen – dass danach kein Hahn kräht. 4.4. 4.5. 4.5. Menschenrecht auf Leben (Wie ernst ist es gemeint mit dem Menschenrecht auf Leben?) 91 Mit der Erkenntnis über diesen Zynismus wird daher indirekt gefragt: Wie ernst ist es gemeint in dieser Gesellschaft mit dem Menschenrecht auf Leben? Indem Olaf Scholz das Wort Zynismus sogar ausdrücklich in den Mund nimmt, macht er deutlich, dass es Teilen der Gesellschaft an einer empathischen Betroffenheit und Wachsamkeit mangelt, was Rainer Zitelmann nicht erkennt (erkennen will!!!). Aber noch einmal genau hingeschaut. Woran wird deutlich, dass um das Menschenrecht auf Leben tatsächlich im umfassenden Sinne gerungen wird und wo ist der „Betroffenheitsgestus“ scheinbar gar nicht so empathisch unterfüttert? Dies wird für mich augenscheinlich daran deutlich, wenn private Spender der WHO (z.B. auch Bill Gates) zu einer Interessenverschiebung in der WHO beitragen, so dass jetzt wesentlich Programme finanziert werden, bei denen die großen Pharmaindustrien ihre Gewinne machen, statt die Basisgesundheitssysteme in vielen Ländern zu stärken, was viel mehr dazu beitragen würde, dass immer mehr Menschen gar nicht erst krank werden würden beziehungsweise immer weniger sterben würden (vgl. Zumach, 2017). Oxfam macht nun deutlich, und hier wird nun mit Blick auf „vulnerable people“ die Empathie deutlich, dass „a vaccine for the Coronavirus“ und „tests“ „for the whole world“ da sein müssten. Exklusive Lizenzen sind hier fehl am Platz. We „should start now to establish a comprehensive plan for manufacturing and distributing the vaccine globally, free at the point of use. The Global Alliance for Vaccines and Immunisation should be enabled and resourced to get the vaccine out, and fast, to developing countries. Looking to the future, the world must build a new publicly led system of medicine and vaccine development that is driven by the needs of people, not by the shareholders of pharmaceutical corporations” (Oxfam, 30.03.2020, Punkt 5). Aus der Diskussion in der Friedensbewegung wird aus einer empathischen Betroffenheit heraus der Hinweis auf die immensen weltweiten Rüstungsausgaben hineingereicht. Die dadurch verschlungenen Gelder stehen nicht mehr einer besseren Wasserversorgung und damit besseren Hygiene, dem Aufbau von Basisgesundheitsdiensten mit einer größeren Ärztedichte in den Entwicklungsländern und einer umfassenden Armutsbekämpfung zur Verfügung, so dass es „zynisch“ erscheint, wenn „Leben“ (vgl. G. Harmeling) dem „Primat der Sicherheit“ geopfert wird. Tatsächlich scheint es Vertretern des „Sicherheits- 4. Ethische Begriffe – neu vermessen 92 denkens“ und der damit einhergehenden „Aufrüstung“ nicht so sehr um das Menschenrecht auf Leben zu gehen. Man wird also, wenn man Olaf Scholz’es Argument erst nimmt und ihn beim Wort nimmt, ihn in Zukunft fragen müssen und auch dann eine ebenso engagierte Antwort wie in der Corona-Krise erwarten dürfen, warum der Tod von Menschen in Kauf genommen wird, damit die Wirtschaft (über Rüstungsexporte) weiter läuft. 4.5. Menschenrecht auf Leben (Wie ernst ist es gemeint mit dem Menschenrecht auf Leben?) 93 Handlungsherausforderungen De-Globalisierung Günter Thomas Überlegungen (vgl. März 2020, 17) führen dazu, weil z.B. 1,5 Milliarden Menschen nicht wie ein Stuhlkreis zu organisieren sind bzw. sehr große Verantwortungsräume unter Zeitdruck effizient scheinbar (oder anscheinend?) nur in einer halb-diktatorischen Weise zu organisieren sind, dass wir uns fragen müssen, ob in einem gewissen Umfang eine De-Globalisierung einzuleiten ist, damit eine empathische Solidarität wirkmächtig werden kann/bleiben kann. Tatsächlich sind infolge der Corona-Krise wegen der Globalisierung Probleme sichtbar geworden (siehe die Medikamentenversorgung über die Produktion in China), die fragen lassen, ob große Teile der Versorgung global organisiert sein müssen. Auch bei der Lebensmittelversorgung wird infolge der Corona-Krise unter jener eine Umorientierung zur Regionalität (vgl. Tabel, 2020, 10) eingeleitet. Diese neue Entwicklung ist nicht nur hinsichtlich zum Beispiel eines verantwortungsbewussten Fleischkonsums bedeutsam, sondern auch ökologisch nachhaltig (weniger globaler Transportverkehr). Bewahrung des demokratischen Projekts Es gibt Stimmen, die darauf hinweisen, dass man Verschwörungstheoretiker in ihrer Meinung wenigstens dahingehend würdigen sollte, dass es Menschen mit vermutlich berechtigten Sorgen sind, die man durchaus ernst nehmen sollte. Und man kann auch nach deren Bedürfnissen fragen, möchte ich ergänzen. Vermutlich kann man als einen gemeinsamen Nenner vieler verschwörungstheoretischer Argumentationen die geteilte Gefährdung des demokratischen Projekts ausmachen, aber auch die Sorge vor einer extremen Monopolisierung von (Meinungs-)Macht, die ebenfalls zur Gefährdung der Demokratien beitra- 5. 5.1. 5.2. 95 gen kann. Wo wenig Transparenz und wenig diskursiver Dialog besteht, ist das demokratische Projekt gefährdet, das aber ermuntert zu verschwörungstheoretischen Gedankenspielen. Wenn kritische Anfragen an die „Krise des demokratischen Projekts“ unter der „Corona- Krise“ auf Internetseiten wie KenFM oder Blauer Bote veröffentlicht werden, müssen sie nicht zwangsläufig Teil von Verschwörungstheorien sein (vgl. hier einen Gedankengang von Michael Butter, 01.04.2020, 3). Man kann zwar kritisch fragen, inwieweit sie in einen verschwörungstheoretischen Narrativ eingebaut werden, kann sie aber zugleich, wenn möglich, als Argument, in ihrer inneren Unabhängigkeit auszeichnen. So kann die Problematisierung, ob Corona/Covid-19 eine „echte gesamtgesellschaftliche Bedrohung ist“ (vgl. http://blauerbote. com/2020/04/04/expertenstimmen-zur-corona-krise-2/ abgerufen am 06.04.2020), für die es legitim ist umfassend demokratische Freiheiten aufzugeben (vgl. auch Lagebericht von Prof. H. Matthes zu Covid-19 vom 22.03.2020), durchaus eine berechtigte Nachfrage sein, die nicht zwangsläufig auf einen verschwörungstheoretischen Narrativ hinausläuft. Aber dennoch, es gibt Verschwörungstheorien, die dazu verleiten, sinnvolle Sicherheitsmaßnahmen zu missachten (vgl. hier Leber, 09.04.2020, 3). Fakt ist, dass unter der Corona-Krise (unter den Vorgaben von einzelnen Beratern) tief in die Grundrechte der Bürger eingegriffen wurde, „ohne dass die Rechtsgrundlage geklärt“ gewesen war (Zeh, 4./5.04.2020, 17). Für das demokratische Projekt problematisch war unter der Corona-Krise, dass die Bestrafungstaktik gefahren wurde. Die Menschen wurden eingeschüchtert, in der Hoffnung, „sie auf diese Weise zum Einhalten der Notstandsregeln zu bringen“ (Zeh, 4./5.04. 2020, 17). Es war ein Politikversagen im Horizont des demokratischen Projekts, dass die Bürger mit erzeugten Schuldgefühlen unter Druck gesetzt wurden und nicht über den Diskurs an der freiwilligen Einsicht zu den Maßnahmen gearbeitet wurde. Auch war es ein Problem für das demokratische Projekt, dass eine eskalierende Medienberichterstattung zugelassen wurde, die die Bevölkerung vor sich her trieb (vgl. Zeh). „In einer Demokratie darf man sich die Möglichkeit (…) (zum ernsthaften Diskurs R.M.) nicht nehmen lassen. Erst einmal die Faktenlage so weit wie möglich (…) klären und öffentlich (….) machen, trägt zu sachlicher Klarheit und besseren Entscheidungen bei, es er- 5. Handlungsherausforderungen 96 höht aber auch die Transparenz und damit die demokratische Legitimität“ (Zeh, 4./5.04. 2020, 17). Es war auch für das politische Agieren demokratisch problematisch, dass die Politik als alternativlos darstellte, also keine Widerrede duldete und im Kein zu ersticken versuchte. Juli Zeh problematisierte, „dass eine multidisziplinäre und für Bürger verständliche Diskussion von Alternativen gar nicht stattgefunden“ hatte. Sie analysierte das sich Überbieten der Politiker bei der Einführung von Restriktionen dahingehend, dass es nicht gezielte Angriffe auf die Gültigkeit des Grundgesetzes unter dem Deckmantel der Krisenbewältigung waren, sondern dass es eine orientierungslose Geringschätzung gegenüber der deutschen Verfassung war, was aber mindestens genauso schlimm in Bezug auf das demokratische Projekt war. Wir müssen uns mit Juli Zeh fragen, ob das demokratische Projekt (in Deutschland) wirklich krisenfest war. Sie wollte Covid-19 nicht verharmlosen, problematisierte aber, dass evtl. bei schlimmeren Pandemien oder größeren Katastrophen evtl. bei der Demokratie in Deutschland zu wenig Potential zum besonnenen Handeln besteht (vgl. Zeh, 4./5.04. 2020, 17). Dem würde das Interview mit Baden-Württembergs Regierungschef Kretschmann als Gegenargument entgegenstehen (vgl. Braun/Henzler, 4./.5.04.2020, 6). Wir müssen uns mit Juli Zeh (2020) auch fragen, ob es der Demokratie diente, dass in einem gewissen Ausmaß Angst zu dem Werkzeug der Politik in der Corona-Krise gemacht wurde. Peter Dabrock sah das nicht als so problematisch bei einem Interview im Tagesspiegel an (vgl. Dabrock, 2020). Sie plädiert dafür, dass wir weg kommen müssen von einer Politik, die mit apokalyptischen Szenarien arbeitet. Stattdessen gilt es hoffnungsfrohe Ziele für die Zukunft zu setzen. Den Blick auf Gegenbilder der Hoffnung würde auch Peter Dabrock unterschreiben (vgl. ders., 2020). Das vitalisiert die Demokratie. Hingegen kann es für Juli Zeh in einer massenerregten Gesellschaft, in einer angstgesättigten Kultur es irgendwann zu Aggressionsdurchbrüchen kommen. Es wäre gut für die Demokratie, wenn eine mit ruhiger Hand geführte Politik deutlich werden würde. Und wir müssen mit Harari (23.03.2020) fragen, ob die Demokratie in Deutschland (oder der Schweiz) genug Widerstandskraft in Zukunft gegen die umfassend praktizierte Überwachung haben wird, eine solche, wie sie zur Zeit der Corona-Krise in China und Israel mit dem 5.2. Bewahrung des demokratischen Projekts 97 Smartphone praktiziert wurde. Und man muss sich fragen, ob die Demokratien genug Widerstandskraft haben werden, nicht in ein Monitoring in der Form einzusteigen, dass „unter die Haut geht“ beziehungsweise sich an „Emotionen“ herantastet. Schließlich fragt sich Harari, vor dem Hintergrund der Erfahrungen in Israel, werden die demokratischen Regierungen die Kraft haben die sogenannten „temporären“ Maßnahmen der Einschränkung demokratischer Standards in vollem Umfang wieder rückgängig zu machen (vgl. auch die Skepsis von Pater Klaus Mertes SJ im Gespräch mit Peter Dabrock in: DIE ZEIT 02.04.2020, 29)? Es dürfen „temporäre“ Maßnahmen nicht mit dem Argument auf Dauer gestellt werden, indem den Bürgern die fatale Alternative zur Entscheidung angeboten wird, zwischen Freiheit und Gesundheit wählen zu müssen. Internationale Solidarität Yuval Noah Harari (23.03.2020) bemerkte frühzeitig, dass schon in der Corona-Krise die Weichen für eine internationale Solidarität/Zusammenarbeit (vgl. S. 11f.) gestellt werden müssten. Offener Austausch von Erkenntnissen, wechselseitiges Vertrauen, aber auch das Wegkommen davon Beatmungsgeräte etc. bei sich selber zu horten, wären hierbei wichtig. „Ein reiches Land mit wenigen Coronavirus-Fällen sollte einem armen Land mit vielen Fällen wertvolle Geräte schicken, im Vertrauen darauf, dass es im Notfall von den anderen Ländern Hilfe bekommt“. Auch Ärzte und Pfleger sollten ausgetauscht werden – gesammelte Erfahrungen können dann hilfreich sein, bei eigener (nationaler) Betroffenheit durch den Coronavirus besser helfen zu können. Und es gab einen Akt der trans-nationalen Solidarität und Nächstenliebe in Europa, wenn Länder dem Beispiel Deutschlands folgten und schwerkranke Menschen aus dem Elsass und Italien aufnahmen (vgl den Hinweis im Interview mit Winfried Kretschmann 4./5.2020, 6). In Deutschland befanden sich am 08.04.2020 etwas mehr als 200 Covid-19-Patienten aus dem EU-Ausland (vgl. Heinrich u.a., 08.04.2020). Diese Solidaritätserfahrung wird für ein zukünftiges stärkeres globales Solidaritätshandeln von Bedeutung sein können, auch über Europa hinausgehend. 5.3. 5. Handlungsherausforderungen 98 EU-Budgetkommissar Johannes Hahn machte frühzeitig deutlich, dass der Vorschlag eines europäischen Kurzarbeitergeldes ein wichtiger Lackmustest für die Solidarität der Mitgliedstaaten der EU sein würde (vgl. 04.04.2020, 31). Es kam dann auch. Und er machte auch deutlich, dass die Lieferketten in Europa eng verflochten sind, so eng, dass in allen EU-Ländern etwa jeder fünfte Arbeitsplatz vom Export abhängt. Deswegen wäre ein koordiniertes solidarisches Vorgehen bei dem Exit aus dem Shutdown notwendig, weil der Letzte das Tempo bestimmt, mit dem die europäischen Volkswirtschaften wieder Tritt fassen würden. Durch das China-Bashing wurde der Blick nicht frei für das solidarische Handeln Chinas in der Corona-Krise, nämlich erstens mit dem frühzeitigen Informieren der WHO, zweitens mit der radikalen „Lock- Down“- Phase und drittens mit dem Liefern (bis zum 7.04.2020) von 3.86 Milliarden Masken, 38 Millionen Schutzanzügen, 2.4 Millionen Infrarot-Temperatur-Messgeräten und 16`000 Beatmungsgeräten (nach Europa ??? R.M.) (vgl. Paul Robert Vogt, 07.04.2020, 12). Reform des Gesundheitswesens? Vor dem Hintergrund der Kritik von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt am Schweizer Gesundheitswesen während der Corona-Krise angesichts nicht genügender Masken, nicht genügend Desinfektionsmittel sowie nicht genügend medizinischen Materials (vgl. ders., 07.04.2020, 11) muss man sich fragen, ob ein Gesundheitswesen auf dem richtigen Weg ist, wenn Unsummen in Projekte wie e-Health, elektromagnetische Gesundheitskarte, überteuerte Klinik-Informationsssysteme, tonnenweise Computer sowie „Big Data“ investiert werden (vgl. ders., 16). Für die Schweiz formulierte er die Herausforderung, dass endlich untersucht werden muss, wie viel von den Kassengeldern noch für medizinische Leistungen aufgewendet werden, welche direkt dem Patienten zugutekommen und wieviel Geld zweckentfremdet in Branchen-fremde Lobby-Vereinigungen fließt (…) (vgl. ders., 17). Diese für die Schweiz gestellten Fragen kann man auch nach Deutschland hineinreichen und eine entsprechende Suchrichtung für ein besseres Gesundheitswesen einleiten. 5.4. 5.4. Reform des Gesundheitswesens? 99 Umweltbewusstes und ökologisches Handeln aus neuen Perspektiven Ökosystemveränderungen scheinen Auswirkungen auf Krankheitserreger und deren Wirte zu haben. So profitieren einzelne Stechmückarten von der Zerstörung des Regenwaldes, „weil sie mit den Umweltver- änderungen besser zurechtkommen als andere Arten. (…) Das Fatale: Auch die Viren, die in diesen Moskitos leben, sind fortan ausgesprochen erfolgreich. (Absatz herausgenommen R.M.) Sobald also die Vielfalt schwindet, schwingen sich einzelne Krankheitserreger zur Übermacht auf “ (Bethge, 2020, 107). Auch der Klimawandel beeinflusst die Ausbreitung von Erregern, die zum Teil auch schon beim Menschen angekommen sind. Hier müsste angesetzt werden, indem man Ökosysteme stärkt und der Natur wieder mehr Raum gibt, denn das führt zu einem „Verdünnungseffekt“, „der die Gefahr der Entstehung neuer Infektionskrankheiten verringere“ (ders.). „In vielfältigen Ökosystemen hätten es einzelne Tierarten und so auch deren Vieren schwerer, sich durchzusetzen, (…). Damit sinke auch die Wahrscheinlichkeit des gefürchteten Überschwappens der Erreger auf neue Wirte“ (ders.). Und im Zusammenhang von Sars-CoV-2 ist auch noch der Hinweis wichtig: „Fast die Hälfte aller seit 1940 von Tieren auf den Menschen übertragenen Krankheiten lasse sich auf veränderte Landnutzung, Landwirtschaft, die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten oder die Jagd zurückführen (…)“ (ders. mit Hinweis auf die US-Biologin Felicia Keesing; s.a. Schmidinger, 20.03.2020, 2 wo jener darauf aufmerksam macht, dass „drei Viertel der neu auftauchenden Krankheitserreger, die den Menschen bedrohen, (…) aus ‚zoonotischen Quellen‘ (stammen R.M.), sprich sie werden von Tieren auf Menschen übertragen“). Christoph Pfluger (20.03.2020) führt erste Indizien zu einem Zusammenhang zwischen der Corona-Pandemie und Funkstrahlung an. Interessant ist sein Hinweis in diesem Zusammenhang, dass „Elektromagnetische Felder (…) das Immunsystem (schwächen R.M.) durch Behinderung der Vitamin D-Rezeptoren“. Er macht aber zugleich deutlich, dass er damit keinen Beweis für eine Korrelation zwischen 5G und der Corona-Pandemie erbringt, wohl auf die immunschwächende Wirkung elektromagnetischer Felder aufmerksam machen wollte. Man sollte hier noch mehr forschen und dies nicht zu schnell 5.5. 5. Handlungsherausforderungen 100 als „verschwörungstheoretisches“ Denken stigmatisieren (was z.B. Leber, 09.04.2020, 3 macht). Man darf mitnehmen, auch wegen anderer Publikationen (vgl. Thiede, 2015), dass die digitalen Nutzungsmöglichen (gesundheitliche) Gefährdungen bergen. Ethische Perspektiven des „Sterblich-Handelns“ Aus einer Bemerkung von Pater Klaus Mertes SJ in dem Gespräch mit Peter Dabrock, in der er ein vernünftiges Verhältnis zur eigenen Sterblichkeit anregte (vgl. DIE ZEIT, 02.04.2020, 29), sehe ich mich ermuntert auf die Bedeutung des „Sterblich-Handelns“ zu verweisen (vgl. Mierzwa, 2019, 30ff.; Mierzwa, 2020, 16ff.). Aus den Erfahrungen der „Corona-Krise“ könnten mit dieser Leitformel Ärzte und Ärztinnen nun dahin kommen, sich nicht an übermächtigen „Feinden“ (siehe die militärische/kriegerische Sprache während der Corona-Krise in Krankenhäusern), die Krankheiten sein können, mit der unstillbaren Sehnsucht abzuarbeiten, den ständigen Beweis eigener Unbezwingbarkeit zu erbringen. Aus den Erfahrungen mit der aufgetretenen Notwendigkeit der Triage (vgl. Dabrock, 2020) können die Menschen in der Gesellschaft nun dahin kommen Patientenverfügungen zu veranlassen, wo der Notwendigkeit des medizinischen Technikeinsatzes Grenzen gesetzt werden. Dies geschieht in Verantwortung vor den Ärzten und Ärztinnen, damit diese nicht unnötig in Gewissensnöte gestürzt werden. Aus aufgetretenen „Ängsten“ unter den Menschen, die sie in die soziale Isolation trieben, kann man sich fragen, ob eine Haltung im Horizont des „Sterblich-Handelns“ dazu hätte beitragen können, besonnener und gelassener die „Corona-Krise“ zu bewältigen und den Anfechtungen durch die Corona-Pandemie leichter etwas innerlich/ mental entgegenzusetzen. 5.6. 5.6. Ethische Perspektiven des „Sterblich-Handelns“ 101 Hineingeführt in eine comprehensive Ethik durch die Corona-Krise Naomi Klein glaubte, dass der „shock“ of Coronavirus den Weg frei geben würde für den „disaster capitalism“ unpopuläre politische Lösungen durchzusetzen, to enrich elites und zu vertiefen Ungleichheit. Es wird gerne mit Schocks im „disaster capitalism“ gearbeitet, so Naomi Klein, weil dadurch die Gesellschaft davon abgebracht wird, langfristig zu denken und zu planen. „Political and economic elites understand that moments of crisis is their chance to push through their wish list of unpopular policies that further polarize wealth in this country and around the world“. Mittels der “Shock Doctrine”, die Teil des “disaster capitalism” ist, wird vom Weg abgewichen, auf organische kohärente gesellschaftliche Lösungen hinzuarbeiten (vgl. Solis, 13.03.2020). Aber Naomi Klein sieht auch, dass die Chance besteht, dass die Relevanz von „compassion“ für das gesellschaftliche Zusammenleben uns bewusster werden kann. Daran möchte ich anknüpfen und darüber hinausgehend darauf hinweisen, dass die vorangehenden Ausführungen darauf verweisen, wie komplex verschiedene Aspekte des Lebens, des gesellschaftlichen Zusammenlebens und von Facetten der ethischen Positionierung miteinander verschränkt sind. Es trat unter der Corona-Krise gerade das Gegenteil von dem ein, was Naomi Klein befürchtete. Ethisch-moralische Zusammenhänge wurden bewusster, in einer Welle des empathisch-mitfühlenden Zuordnens kleiner Lebenswelten wurde deutlich, wie eine Welt als Ganze „ganz“ sein kann und es wurde klarer, dass die Gesamtgesellschaft ein ethisch-moralisches Gesamtprojekt benötigt, wo auch eine Inklusion von denen erfolgt, die an den Rändern sich aufhalten oder in abgedunkelten Zonen sich bewegen. Mit der Corona-Krise stehen wir vor der Herausforderung nach einer comprehensiven Ethik, in der Teilaspekte zueinander finden, wo über ein Miteinander der Akteure die Kulturen und Gesellschaften dy- 6. 103 namisiert werden, Kopf und Herz, Verstand und Emotion sich verschwistern und gepflegte Gleichgültigkeiten endlich abgelegt werden. 6. Hineingeführt in eine comprehensive Ethik durch die Corona-Krise 104

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References

Abstract

Something new is happening in ethical thinking, for which empathy is increasingly becoming the starting point. However, it is not yet entirely clear how this basic empathetic attitude is changing ethics and what kind of empathy is involved. In this respect, the point of departure for a form of empathy based on collective humanity can be understood quite differently than if one only considers empathy to be the act of adopting a more or less sensitive perspective. Along with a basic empathetic attitude, listening has become important in the process of ethical reflection. Moreover, underpinned by empathy, an awareness of vulnerability is influencing thinking about human rights, justice and participation. On the basis of these considerations, this book develops a blueprint for ethical thinking in the aftermath of the coronavirus.

Zusammenfassung

Es bricht etwas Neues beim ethischen Nachdenken an, welches vermehrt von der Empathie ausgeht. Aber es ist noch nicht so klar, wie eine empathische Grundhaltung die Ethik verändert und von welcher Art von Empathie man ausgeht. So kann der Ausgangspunkt einer gemeinsamen Menschlichkeit Empathie ganz anders verstehen lassen, als wenn man diese nur als mehr oder weniger sensible Perspektivenübernahme betrachtet. Mit der empathischen Grundhaltung wird für den reflexiven ethischen Prozess das Zuhören wichtig. Und unterfüttert von Empathie wird das Bewusstsein von Verletzlichkeit in das Nachdenken über Menschenrechte, Gerechtigkeit und Teilhabe hineingetragen. Auf Basis dieser Betrachtungen erfolgt in diesem Buch ein Entwurf für die Post-Corona-Zeit.