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Teil 1 Empathische Ethik in:

Roland Mierzwa

Empathische Ethik, page 1 - 74

Ein Entwurf für die Post-Corona-Zeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4494-0, ISBN online: 978-3-8288-7529-6, https://doi.org/10.5771/9783828875296-1

Tectum, Baden-Baden
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Empathische EthikTeil 1 Einführung Auch wenn es eine „dunkle Seite der Empathie“ gibt (vergl. Lang, 2018), so kann man doch sagen: Es bricht etwas Neues im ethischen Diskurs an, zart und vorsichtig, aber von der Positionierung her doch schon sehr klar. Wolfgang Huber spricht schon vor zehn Jahren vor dem Hintergrund der Situation in Nord- und Süd-Korea und aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr 1989 in Deutschland davon, dass eine intelligente Feindesliebe auf Empathie beruht. „Intelligente Feindesliebe ist weniger in der Verurteilung des andern erfinderisch als in dem Versuch, ihn besser zu verstehen. Sie versucht, den Konflikt mit den Augen des andern zu sehen; sie bemüht sich um Empathie. Sie fragt, was am eigenen Verhalten beim anderen Furcht und Hass erregt und ihn zu aggressivem Verhalten herausfordern könnte; (…)“ (2009). So spricht sich Heinrich Bedford-Strohm für eine Ethik der Einfühlung aus. Es gilt Mitgefühl für das Leid der Flüchtenden zu haben, die vor Terror und Gewalt fliehen. Es gilt deren Leid zum eigenen Leid werden zu lassen. Das ist auch ein Beitrag zur Würde der Menschen. Aber die Empathie müsste auch denen gelten, „die sich als Verlierer gesellschaftlicher Verteilungsprozesse fühlen oder Angst haben, zu Verlierern zu werden“. Zu dieser Position fand er u.a. auch deswegen, weil er sich unter das Volk mischte und die unmittelbare Konfrontation mit dem Leid und der Angst suchte. Die „Ethik der Einfühlung“ ist in seinen Augen ein Charakteristikum jüdisch-christlicher Ethik. Mit dieser „Ethik der Einfühlung“ gilt es den politischen Prozess zu irritieren (2015/2016)1. 1 https://www.bayern-evangelisch.de/wir-ueber-uns/empathie-und-wachsamkeit.php abgerufen am 01.01.2019 https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kultur/ethik-der-einfuehlung-ethik-von-unten abgerufen am 01.01.2019 In seinem Buch „Mitgefühl“ vertieft er den Gedanken der Empathie (vergl. ders., 2016b, 26). Er zeigt auf, dass es zu Gott gehört empathisch zu sein (vergl. ders., 3 Auch Cornelia Coenen-Marx macht darauf aufmerksam, dass Empathie das Einfallstor für ethisches Denken und ethische Handlungsentwürfe sein müsste. Aus Empathie speist sich das barmherzige Handeln. Und dann justiert sie die ethischen Verhältnisse: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit wird zum abstrakten Kampf um Verteilung und führt zum Lobbystreit um Zahlen. Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit allerdings bleibt auf halben Weg stehen“ (2017). Die Welt der Empathie ist das Ehrenamt. Die Ehrenamtlichen wagen eine viel größere emotionale Nähe und ganzheitlich Zuwendung, was wiederum der Boden für mehr Empathie ist. Aus den über Empathie gewonnenen Einsichten für die Situation in der Gesellschaft weist das Ehrenamt u.a. darauf hin, dass der Staat dichtere Sorgenetze und eine stärkere Sorgestruktur braucht und hier nicht weiter zurückweichen darf. Das Ehrenamt ist hier zwar überwiegend „still“ handelnd. Aber es ist nicht stumm – es kann aus der empathischen Betroffenheit fordernd gegen- über der Politik werden (2016). Damit ein größerer Sensus für Empathie sich in der Gesellschaft ausbildet, werden noch stärkere Wandlungen bei den Geschlechteridealen vonstattengehen müssen. Es ist zwar zu beobachten, dass seit fünfundvierzig Jahren Männer verstärkt von den „sanften“ Eigenschaften der Frauen lernen (vergl. Bauer-Jelinek, 2003, 35). Aber immer noch wird Empathie von den Männern nicht sehr positiv mit dem Männlichkeitsideal besetzt. Auch besteht weniger Erfahrung mit einer Empathiekultur infolge einer größeren Hilflosigkeit beim Beziehungsleben (vergl. Hollstein, 2003, 22). Hilfreich für eine weitere Entwicklung in diese Richtung wäre es, wenn man die Empathieeigenschaft geschlechtsneutral betrachtet (vergl. Bauer-Jelinek, 2003, 35) und von feministischer Seite nicht eine gewisse Hoffnungslosigkeit gegenüber 30f.32). Aus der Goldenen Regel folgt eine Ethik der Einfühlung (vergl. S. 34). „Die Möglichkeit der Liebe zu den Fernen beruht (…) auf Einfühlung“ (S. 39). Liebe ist nicht abstrakt. Aus dem Erfahrungsraum der Liebe im Nahbereich erwächst die Empathie für die Liebesbedürftigkeit von Menschen ohne Zukunftsperspektiven (vergl. S. 40). Empathie hat ein universalisierendes Potential für das Spenden von Nächstenliebe in allen möglichen Beziehungen, wenn der Bedarf sich dazu aufdrängt (vergl. S. 40f.). Empathisches Handeln im Sinne von Beanspruchen der Politik mit Humanitätsansprüchen darf man nicht mit der „Keule“/dem Vorwurf „Gesinnungsethik“/dem Vorwurf mangelnden „Realismus“ gegen die Realpolitik ausspielen (vergl. S. 47–50). Einführung 4 dem Mann an und für sich ausstrahlt, dass er sich diesbezüglich weiterentwickeln könnte (vergl. dies.). Die Erfahrung mit „Roots of Empathy“-Klassen zeigt, dass wenn man schon mit kleinen Kindern/ Jungen bei der Empathiebildung beginnt, dass positive Entwicklungen möglich sind: „Our experience has found that boys who have gone through the Roots of Empathy program have a vocabulary of feeling words as large as that of the girls, and are more likely to talk about problems and emotions than the boys who have not this experience” (Gordon, 2009, 37)2. Empathie bewahrt die Gesellschaft vor einem „kalten“ Technikeinsatz – siehe die Welt des Digitalen (vergl. Ley, 2018, zum Begriff S. 12; s.a. S. 31 und die kritischen Anmerkungen auf S. 115) – und schafft damit Grundlagen für ethisch gehaltvolles Betrachten von Fragen, dann auch ein ethisch gehaltvolles Nachdenken, was dann gewiss Auswirkungen auf das Verhalten hat. 2 Das besondere an dem Programm „Roots of Empathy“ ist, dass die Emotionen von Babys eine ganz große Wertschätzung erhalten und die Grundlage dafür bieten, dass Kinder nicht nur eine emotionale Begrifflichkeit ausbilden, sondern auch in eine Bedürfniskommunikation hineinfinden: „Talking about what they are learning from the baby’s cues gives children the language and experience of talking out loud about feelings; it gives them permission to have a public discourse about emotions and the process of talking fine-tunes their thinking“ (S. 36). Mary Gordon (2009) weist darauf hin, dass uns die „Gefühle und Bedürfnisse“ von Kindern fremd sind: „We are a child-illiterate society“ (S. 40). Wie wir Kinder verstehen, ist meistens ein Klischee. Sie werden als sehr selbst-zentriert betrachtet und mit dem Hang zu einer gewissen „Grausamkeit“. Tatsächlich zeigt sich in „Roots of Empathy“-Klassen, dass sich Kinder empathisch in die Gefühlslage eines anderen Kindes hineinversetzen können und damit auf dessen Bedürfnisse beziehen können (vergl. S. 41). In „Roots of Empathy“-Klassen wird vermittelt, dass individuelle Gefühle, Vorlieben und Meinungen wichtig und bedeutsam sind (vergl. S. 43). Das fördert den Respekt. Mit dem „roots of Empathy“-Programm wird eine unüberspringbare und damit notwendige Grundlage gelegt für eine Alphabetisierung und Befähigung der Erwachsenen zu gelebter Empathie. Einführung 5 Ein Porträt der Empathie vorweg Zunächst möchte ich ein Porträt der Empathie vorweg vorstellen, wo deutlich wird, wie auf der Basis von Empathie Gerechtigkeitslücken geschlossen werden, eine noch nicht stattgefundene Care Revolution überbrücken geholfen wird und der Glauben an den Symbolgehalt der christlichen Liebe und Hoffnung in der Welt aufrecht erhalten wird. Raffaele Raffaele ist einer unserer tatkräftigsten und zuverlässigsten Mitarbeiter in der Werkstattkirche. Und seine Wohnung und sein nicht zu übersehender Vorgarten, der schon eher wie eine Mischung aus Gewächshaus und Zirkuszelt aussieht, sind so etwas wie eine kleine Filiale der Werkstattkirche. „Bei mir ist eine Stelle, wo sich jeder ausheulen kann. Ich höre zu und gebe keinen Kommentar“, sagt er von sich selbst. Dazu gibt es auch bei Raffaele immer was zu essen und zu trinken. Aber auch keinen Alkohol. Raffaele trinkt auch selbst gar keinen Alkohol. Und das, wo er doch jahrzehntelang in der Gastronomie gearbeitet hat! „Früher“, erzählt Raffaele, „war es ganz furchtbar bei uns in der Straße: Alkoholismus, Schlägereien, Rauschgift. Kinder wurden vom Jugendamt ihren Eltern oder Müttern weggenommen. Ich wohne da ja schon über 20 Jahre. Da konnte schon fast eine ganze Generation mitverfolgen. Vieles hat mich so traurig gemacht. Besonders die Kinder haben mir immer so Leid getan. Um viele habe ich mich gekümmert. Ich denke z.B. an Marcel: Zu Hause hat er nichts machen können, was er wollte. Er war oft im Haus bei mir, viele Jahre lang. Er ist ein schwieriger Junge. Ich habe gar nicht viel gesagt. Er kam einfach und wusste, dass er kommen kann. Ich glaube er hat jetzt seinen Weg gefunden. Alle zu retten, reicht es nicht. Ich tue, was ich kann. Für mich ist das selbstverständlich. Das habe ich von klein auf so erlebt und gelernt zu geben. Das bleibt im Gedächtnis.“ 1. 7 Raffaele ist Sizilianer. „Die Sizilianer“, sagt er, „haben ein ganz anderes Herz. In Sizilien werden viel mehr Kinder adoptiert als hier und auch als im übrigen Italien. Sie werden ganz selbstverständlich in die Familie aufgenommen. Familie ist das Wichtigste. Jeder braucht eine Familie. Mein Cousin z.B. hat drei Kinder adoptiert, drei Geschwister. Er wollte sie nicht voneinander trennen. Da hat er alle drei adoptiert.“ Raffaele ist Gastronom. Das steckt ihm im Blut. Schon seine Großtante hatte eine Gaststätte. Da ist er aufgewachsen. Da hat er schon als Kind gearbeitet. Um 4 Uhr morgens ist er aufgestanden und hat Kaffee ausgeteilt. „Damals“, erzählt er, „gab es für Kinder und Jugendliche nichts zu erleben auf dem Dorf, nur Schule und Arbeit. Und wenn viel Arbeit war, musste die Schule ebenen ausfallen. Sizilien war damals auch schon ein armes Land. Meine Oma war sehr sparsam. Aber trotzdem haben in ihrer Gaststätte auch die immer was bekommen, die nicht bezahlen konnten, Kaffee und auch Essen.“ Das hat Raffaele so übernommen, als er später in Deutschland seine eigene Gaststätte hatte. Zuerst in Frankfurt, dann auch in Kirchgöns bei Gießen, wo viele Amerikaner stationiert waren. Das war die Hauptkundschaft in seiner Pizzeria. Und die Kinder im Kindergarten haben auch zu essen von ihm bekommen und Geldspenden noch dazu. „Ich habe das immer gern gemacht“, sagt er, „und Profit wollte ich nie machen.“ Als die Amerikaner dann abzogen, musste er schließen und krank wurde er dann auch noch: Schwere Herzprobleme, zweimal ganz schlimme Thrombose, er fiel ins Koma, bleibende gesundheitliche Schäden waren die Folge, er ist zu 100 % schwerbehindert. Man sieht es ihm nicht an und er spricht darüber auch nur, wenn man ihn ganz hartnäckig fragt. Er hilft die schwersten Möbel schleppen, fasst überall mit an. Beiläufig erzählt er mir, dass dringend einen Bypass am Bein braucht und demnächst wohl in die Klinik muss. Seinen Freund und Wohnungsnachbarn über ihm hat er 4–5 Jahre gepflegt. Er hatte Demenz, die – wie es so bei Demenz ist – immer schlimmer wurde. Walter, der Freund, wusste nicht mehr, wo er war und was er tat. Raffaele konnte ihn im Grunde überhaupt nicht aus den Augen lassen. Nachts hat er kaum mehr schlafen können, immer nur hören, ob sich oben irgendetwas rührte. Die letzten drei Jahre konnte er deswegen nicht mehr nach Sizilien fahren, um seine Mutter zu besuchen, was er sonst jedes Jahr gemacht hatte. Für einen „Famili- 1. Ein Porträt der Empathie vorweg 8 enmenschen“ wie Raffael ein großes Opfer! „Aber“, sagt Raffaele, “für mich war das selbstverständlich. Seine Brüder wohnen nicht in der Nähe. Sie hätten ihn nicht pflegen können. Walter hätte ins Heim gemusst. Davor wollte ich ihn bewahren. Das war dann, wie ich es schon als Kind mitbekommen habe: Wenn jemand krank wird, wird das eben gemacht, dann kümmert man sich eben, auch wenn es – wie bei Walter in den letzten Jahren – schwere Arbeit rund um die Uhr war. Ich habe das gern gemacht und würde es wieder so machen.“ Ein paar letzte Wochen, als es einfach nicht mehr ging, vor allem mit der Hygiene in dem viel zu engen Bad, war Walter dann noch im Heim, wo Raffaele in ständig besuchte. Aber nicht nur um Leo hat sich Raffaele gekümmert und nicht nur um das Kind und den Jugendlichen David. „Es gibt viele arme Leute in meiner Straße und Umgebung“, weiß Raffaele. Er kennt mittlerweile so viele Familien- und Einzelschicksale. Er ist eigentlich nie allein in seiner Wohnung. Immer sind Menschen da, die etwas brauchen, fast alle auch zu essen. So kocht Raffaele – eben immer noch Gastronom – fast jeden Tag für viele hungrige Leute (Außer am Freitag, dann wird bei uns in der Werkstattkirche gekocht. Und da tut Raffaele auch wieder mit und seine „Kundschaft“ kommt dann zu uns). Seit wir das wissen, bekommt er von uns alles, was bei uns von den Lebensmitteln der Tafel übrig bleibt. Manchmal ist es eine ganze Kiste Brot, die sonst – wenn alle Tafelkunden an diesem Tag versorgt sind – nur noch als Tierfutter Verwendung gefunden hätte. Raffaele bekommt das alles unter. In seinem Kreis ist sogar jemand, der auch etwas zu den Obdachlosen am Bahnhof bringt. Warum er diese Zelt/Gewächshaus-Konstruktion in seinem Vorgarten gebaut hat, hat auch etwas mit den Menschen zu tun, die zu ihm kommen. Angefangen hat es mit ein paar Pflanzentöpfen auf der Umfassungsmauer als ein „Gnadenhof “ für Pflanzen, wie Raffaele sagt. Als es dann aber zu eng wurde in der Wohnung mit den vielen Leuten wurde die Konstruktion draußen immer dichter: Es sollten nicht alle sehen, wer zu ihm kommt. Sie sollten anonym bleiben, die kamen zum Reden, zum Essen, zum Nicht-allein-sein. Was noch fehlt: Raffaele ist nicht weniger arm als die Menschen, um die er sich kümmert. Er bekommt „Grundsicherung“, also den Hartz IV-Satz. Bei der beschriebenen „Geschäftspolitik“ warfen seine 1. Ein Porträt der Empathie vorweg 9 Unternehmungen keine großen Gewinne ab. Was er als Selbstständiger ohne Rentenversicherung für das Alter zurücklegen konnte, musste er, als er nicht mehr arbeitsfähig war, für seinen Lebensunterhalt verbrauchen. Erst als das aufgebraucht war, bekam er die Grundsicherung. Aber Originalton Raffaele: „Ich kann mich nicht beschweren. Ich mache das Beste draus!“ So ist er der Raffaele: Lustig und ernst zugleich, dankbar, selbstlos, immer freundlich, ohne Vorurteile und er hat nicht nur ein „Händchen“ für Menschen, sondern auch noch einen „Grünen Daumen“. (aufgezeichnet von Pfarrer Christoph Geist [Gemeinwesenarbeit Werkstattkirche – Jugendwerkstatt Gießen], Weihnachten 2018) 1. Ein Porträt der Empathie vorweg 10 Fehlende Spuren der Empathie in der Ethik Empathie wird in der evangelischen Sozialethik manchmal in den Vorhof von Überlegungen zur Barmherzigkeit verlagert, was dann wiederum dem diakonischen Handeln zugewiesen wird. Das originäre Thema der evangelischen Sozialethik ist für viele Ethiker Gerechtigkeit, was dabei wiederum manchmal etwas abgespalten von der Barmherzigkeit durchdacht wird, was sich zum Beispiel daran zeigt, wenn etwa von einem evangelischen Sozialethiker in einer Diskussion zum Thema Armut und Tafelbewegung das Zitat – „der Staat liebt nicht“ – eingebracht wird, um darauf hinzuweisen, dass gerechte Regelungen nicht sentimental daherkommen sollen/dürfen. Andere evangelische (Sozial-)Ethiker wollen die Ethik nicht der Subjektivität ausliefern, weswegen sie ein Anknüpfen des ethischen Diskurses an die Empathie aus dem Weg gehen. Evangelische Ethiker in der Tradition von I. Kant wollten den „echten sittlichen Imperativ“ – also frei von empirischen Neigungen, so dass bei ihnen kein Platz für Empathie als Ausgangspunkt für Sittlichkeit besteht. Christofer Frey Christofer Frey (2014) hebt bei seinen verantwortungsethischen Überlegungen folgende Aspekte hervor. So darf nicht auf den Begriff des Subjekts verzichtet werden, „weil sonst die Instanz der Verantwortung verloren ginge“ (S. 47; s.a. 226ff.). Die evangelische Ethik bedenkt das Werden der Subjektivität „in der Spannung von gewährtem und bewährtem Sein“ (S. 47). Das Subjekt ist ein „Gemeinschaftswesen“ und ist als Subjekt der Verantwortung als Gemeinschaftswesen zu vermessen (vergl. S. 71f.)3 – darauf hingewie- 2. 2.1. 3 Aber er denkt Interdependenz, Relationalität, Verwiesenheit und Abhängigkeit nicht radikal auf alles Leben konsequent zu Ende. Die „Wir“-Gestalt des Subjekts ist 11 sen in Hinblick auf eine hochkomplexe Gesellschaft. Der Verantwortungsansatz, der das Subjekt radikal würdigt, lässt das Gewissen „im Sinne eines Organs der Selbstprüfung nicht aus“ (97; s.a. 98). Verantwortung, d.h. auch die Freiheit zu haben aus der Alternative von Tun und Unterlassen herauszutreten und auch „lassen“ zu können (vergl. S. 50). Verantwortung mit Blick auf die Folgen einer Handlung zu leben, d.h. die soziale Identität der davon Betroffenen in Rechnung stellen; aber auch die biografische Identität der nächsten und ferner stehenden Betroffenen – dazu gehören auch die Angehörigen und die Identität von Institutionen (vergl. S. 51). Hier ist ein Ineinander von unmittelbaren und von mittelbaren sozialen und individuellen Folgen in Rechnung zu stellen (vergl. S. 56). Von Bonhoeffer übernimmt er, dass eine verantwortliche Haltung die gesamte Lebensführung umfassen sollte und Verantwortungsethik nicht für einzelne Entscheidungssituationen reserviert sein sollte (vergl. S. 98). Verantwortungsethik kann nicht „autoritär“ realisiert werden (vergl. S. 98). Und von Bonhoeffer übernimmt er noch den radikalen Freiheitsgedanken. Nur wenn der Mensch Souverän des eigenen Handelns bleiben kann, dann wird er zur Verantwortungsethik finden. Und nur wenn dem Menschen die Freiheit gegeben wird, das Wagnis konkreter Entscheidungen einzugehen, wird eine für eine Verantwortungsethik nachhaltige Entwicklung des Menschen sichergestellt (vergl. S. 98). Verantwortungsethik – d.h. verantwortliches Handeln mit dem Aufdecken der Grundzüge unserer Lebenswirklichkeit verknüpfen (vergl. S. 134). Eine anthropozentrisch ausgerichtete Umweltethik wird das wohl nicht ganz schaffen; wohl eher holistisches Betrachten unter dem Horizont der Gaia-Hypothese/-Theorie. Allerdings führt sein Denken zur Verantwortungsethik zu einem etwas herzlosen Umgang mit den Armen, wenn er feststellt: „und Armut und Machtlosigkeit resultieren nicht nur aus mangelnder Versorgung mit Grundgütern, sondern gehen auch auf eine kulturell bedingte eingeschränkte Verantwortung zurück“ (S. 259). Man sollte, so meibei Frey nicht eingebettet in die Gemeinschaft des Lebens (Tiere, Pflanzen, Flüsse, Sonne etc.). 2. Fehlende Spuren der Empathie in der Ethik 12 ne ich, wenn man die Armen-Realität zur Kenntnis nimmt, nicht zu schnell den Spielraum für verantwortungsethisches Handeln beschwören. Eine empathische Herangehensweise an die Armuts-/Armen-Realität würde vor dem Ruf nach mehr Verantwortung zunächst viel mehr Engagement unter dem Empowermentaspekt beachten, würde sich auch nicht leichtfertig auf die Resilienz von Armen verlassen, sondern die Notwendigkeit strukturell-gerechter Lösungen ins Auge fassen. Hans-Richard Reuter Hans-Richard Reuter (2015) geht in seinen Ausführungen zu Grundlagen und Methoden der Ethik nicht auf den empathischen Aspekt des christlichen Ethos ein, wie er uns in der Bibel tradiert wurde. So schildert empathisch Jesaja (24,7–9.11 – 12) wie es auf der Erde ist, wenn das Gesetz übertreten wird, die Gebote geändert und der ewige Bund gebrochen werden. Es ist dann ein Verschmachten und Seufzen zu vernehmen; das Jauchzen ist vorüber und die Freude der Harfe hat ein Ende. Alle Freude ist weg und die Wonne dahin. Hiob 3 versetzt sich in die suizidale Krise eines Menschen hinein und malt diese mit sehr eindrücklichen Worten aus, etwa wenn der Tag der Geburt verflucht wird, wenn von Dunkelheit und tiefster Verzweiflung gesprochen wird, wenn von Finsternis die Rede ist und der Morgenstern nicht aufgehen soll, wenn man sich den Strahlen der Morgenröte verweigert und so weiter. Und wenn Amos (4,1) davon spricht, dass „den Geringen Gewalt“ angetan und die „Armen“ geschunden werden, dann atmet dieses Sprechen Empathie. Und es ist auch bei Amos Empathie spürbar (vergl. 6,12), wenn gesagt wird, dass „die Frucht der Gerechtigkeit in Wermut“ gewandelt wird. Im Samaritergleichnis wird im Lukasevangelium unter Vers 10,33 davon berichtet, dass es den Samariter, als er den unter die Räuber gefallenen Menschen auf der Straße liegen sah, „jammerte“. Man kann es auch damit übersetzen: „Es ging ihm an die Nieren“ oder „der Magen drehte sich ihm um“. Dazu war der Samariter nach Rebekka A. Klein (mit Daniel Batson) fähig, weil er nicht unter Zeitdruck stand und sich 2.2. 2.2. Hans-Richard Reuter 13 nicht auf der rein kognitiven Ebene mit Moral befasst (vergl. dies., 2012, 3/8) Und es gibt empathische Grundvollzüge von Jesus: a). Jesus lässt sich hörend Zeit für das Gespräch bei den Emmaus-Jüngern. b) Er führt ein tröstendes Gespräch mit den Frauen am Rande des Kreuzweges. c) Und Jesus handelt empathisch-körperlich – siehe die Heilung des Blinden. Die Goldene Regel (Mt 7,12), vollständig entfaltet, ist nicht ohne den Empathie-Aspekt vorstellbar (vergl. Bedford-Strohm, 2016, 343). Mit diesen Bibelstellen wird viel über echte Empathie ausgesagt. Empathie ist nicht einfach nur eine kognitive Perspektivenübernahme – diese kann blass, kalt und ohne jede emotionale Farbe sein. Empathie ist zu wenig, wenn man vergleichsweise gestresst ist wie der andere Mensch – damit kann man noch lange nicht innerlich den Schmerz mit dem Nächsten teilen. Positiv umschrieben zeigt sich Empathie darin wenn man aufgrund von aktivem Zuhören fähig ist die innerliche Betroffenheit des Nächsten mit qualitativen Worten zu erfassen und für die ethische Frage fruchtbar zu machen. Davon ist aber bei Hans-Richard Reuter nichts zu erfahren. Peter Dabrock Peter Dabrock schwankt mit seinen Überlegungen zur Befähigungsgerechtigkeit zwischen Empathie und „weniger“ Empathie. Es scheint zum Beispiel weniger Empathie im Spiel zu sein, es nicht so sehr als „Verletzungen der Menschenwürde“ zu betrachten, wenn ein Staat nicht umfassend proaktiv sein Handeln am Befähigungsansatz von Martha Nussbaum ausrichtet (vergl. hier Dabrock, 2012, 166–168.170). Ein handlungsfähiger Staat wird im Interesse sozialer Gerechtigkeit Abstriche bei der Empathie bei der „ins-Recht- Setzung“ machen müssen und sich einem „inflationären“ Gebrauch des Menschenwürde-Begriff verweigern müssen. Zu dieser Einschätzung kommt er, weil er als Realisierung von einer Befähigungsgerechtigkeit in „modernen“ Gesellschaften auch die Möglichkeit der Partizipation der Gesellschaftsmitglieder an den funktionalen Teilsystemen sieht. 2.3. 2. Fehlende Spuren der Empathie in der Ethik 14 Aber mit Blick auf die „vorrangige Option für die Benachteiligten“ resp. die „vorrangige Option für die Armen“ (vergl. ders., 185, Anm. 176) wird auf die Notwendigkeit von Empathie für die Lebenslage dieser Menschen hingewiesen. Er zitiert das Sozialwort der Kirchen aus dem Jahr 1997: „Sie [die vorrangige Option für die Armen; PD] hält an, die Perspektive der Menschen einzunehmen, die im Schatten des Wohlstands leben und weder sich selbst als gesellschaftliche Gruppe bemerkbar machen können noch eine Lobby haben. Sie lenkt den Blick auf die Empfindungen der Menschen, auf Kränkungen und Demütigungen von Benachteiligten, auf das Unzumutbare, das Menschenunwürdige, auf strukturelle Ungerechtigkeit“ (ders., 186f.). Vor dem Hintergrund der Ausführungen von Schwester Karoline Mayer (vergl. Mayer/Krumpen, 2015) zur Beschädigung der Menschenwürde und der Menschenrechte durch extreme Armut, wozu auch die Unmöglichkeit zum Spielen gehören kann, sind die Ausführungen von Martha Nussbaum in allen Dimensionen gar nicht so irrelevant für den Menschwürde-Aspekt. Wäre hier Dabrock (vergl. 2012, 170) so empathisch wie Schwester Karoline Mayer es ist, dann wären seine reservierten Bemerkungen nicht möglich gewesen. 2.3. Peter Dabrock 15 Spuren der Empathie in der Ethik In dem von Michael Roth und Marcus Held (2018) herausgegebenen Studienbuch zu Fragen der theologischen Ethik kommt der Aspekt der Empathie zögerlich daher. So ist die Skizze einer Schamanthropologie bei Klaas Huizing (2018, S. 82ff.) ohne ein empathische Kompetenz nicht vorstellbar. Und verantwortungsethisches Denken in Anschluss an H. Richard Niebuhr (vergl. Polke, 2018, S. 167) kommt nicht ohne die Fähigkeit der Perspektivenübernahme aus – ein Facette der Empathie. Aber Polke problematisiert auch „krude Theorien der unmittelbaren Einfühlung“ (ders., 2018, S. 157). Dtn 15,15 verlangt gewissermaßen auch Empathie – darauf macht Dorothea Erbele-Küster (2018, S 347) aufmerksam und macht damit darauf aufmerksam, dass das biblische Ethos ohne den Aspekt der Empathie nicht auskommt. Claudia Fülling (2012/2013) Es geht um eine Neuakzentuierung gegenüber dem sehr stark vernunftorientierten Ansatz in der Wirtschaftsethik, wonach man durch Einsicht in das Gute auch das Gute tun will. Der empathische Ansatz will Emotionen und Affekte als „für eine gewollte und gesollte Orientierung ethischen Handelns impulsgebend“ (S. 152) einbeziehen. Empathie soll als Schlüsselvariable für vernünftiges wirtschaftsethisches Handeln entdeckt werden (vergl. S. 168) und von daher für lebensdienliche, menschengerechte und sachgemäße ökonomische Orientierungen fruchtbar gemacht werden (siehe hier S. 210). Es soll herausgearbeitet werden, „dass die Motivation zu vernünftigen moralischem Handeln zentral von der Fähigkeit zur Empathie als affektives und kognitives Phänomen gesteuert wird“ (S. 168). Dies gelingt vor allem deswegen, weil Empathie die Voraussetzung für das rechte Wahrnehmen und rechte Verstehen ist. Indem über die empathische Interaktion ein „Sensus“ für das Verstehen von Fragen der Würde und der Gerech- 3. 3.1. 17 tigkeit entwickelt wird, werden hier die Grundlagen gelegt für die mentale Infrastruktur des wirtschaftsethisch handelnden Menschen. Dazu ist es aber wichtig, Empathie als emotionales und kognitives Phänomen zu betrachten (siehe hier z.B. S. 184f.). Es ist aber nur diese Art von Empathie erstrebenswert, die es vermag eine identifikatorische Nähe aufzubauen und dabei gleichzeitig die Personengrenzen bewahrt (vergl. hier die Ausführungen zu Naurath auf S. 191). Und dann muss die Empathie aus der sozialen Interaktion zu einer empathischen Reflexion von Sachzusammenhängen überführt werden können (vergl. hier die Ausführungen auf S. 194)4, damit sie wirtschaftsethisch bedeutsam sein kann. Schließlich sollte die Empathie eine „gerichtete Empathie“ sein, also geistig ausgerichtet sein – nämlich im Sinne des Geistes des christlichen Ethos (vergl. hier die Ausführungen zu Fischer auf S. 200ff.). Dies ist möglich, weil der Mensch in der empathischen Gottesbeziehung zu Empathie befreit ist (vergl. S. 218). Im Kontext wirtschaftsethischer Überlegungen trägt die empathische affektive Verbindung zum anderen zum kooperativen Verhalten bei, weit entfernt „von einem rationalen strategischen Prozess der Perspektivübernahme zum eigenen Vorteil“ (S. 215; s.a. S. 218). Letztere Strategie unterstützt eine „bindungslose Toleranz“ (S. 215). Unter Empathie werden aber tatsächliche Verbindungen eingegangen, Beziehungen gestiftet, ein Angezogen-Sein kultiviert, was im Sinne einer ethischen Gemeinschaft das eigentlich ethisch wertvolle ist. Empathie ist getragen von der Vision des „sozialen Miteinanders“ (S. 216). Franz Segbers Mit der Kritik des katholischen Theologen Johann Baptist Metz an dem Weltethos von Küng, dass jener seine Überlegungen nicht beginnen lässt bei den Erfahrungen der Leidenden, macht Franz Segbers deutlich, dass der Menschenrechtsdiskurs aus einer empathischen Mitleidenschaft mit den Leidenden hervorgehen müsste (vergl. ders., 2015, S. 38f.., s.a. S. 134). Ein Menschenrechtsdiskurs, der sich nicht aus einer empathischen Erfahrung von verletzter Würde speist, bleibt 3.2. 4 Kathrin Hartmann ist ein gutes Beispiel dafür, dass dies gelingen kann. 3. Spuren der Empathie in der Ethik 18 abstrakt und berührt nicht. Hier ist ein Menschenrechtsdiskurs, der empathisch ein-an-den-Rand-gedrängt-Sein (vergl. ders., S. 106), Ausgrenzung (vergl. ders., 106), unwürdige Arbeit (vergl. ders., S. 112), Demütigung (vergl. ders., S. 116) und andere Formen der Verletzung der Würde wahrnimmt, engagierter und leidenschaftlicher. Er kennt die Empörung (vergl. ders., S. 118, 125, 135), die auf das Eintreten für Recht, für Menschenrechte, für Gerechtigkeit drängt (vergl. ders., S. 122). Die Empathie richtet den Weg beim menschenrechtlichen Diskurs aus, was die Alternative zu unerträglichen Arbeits- und Lebensbedingungen ist und wo und wie Schutz, Freiheit etc. sichergestellt werden können (vergl. ders., S. 119; s.a. 93). Noël Sturgeon Christine Bauhardt (2016, 213) macht auf Noël Sturgeon (1997) aufmerksam, wo fünf ökofeministische Perspektiven unterschieden werden – eine Perspektive bringt Empathie mit ökologischen Verhalten zusammen. Hier wird mit der potentiellen Gebärfähigkeit von Frauen argumentiert, „die aufgrund biologischer Voraussetzungen den weiblichen Körper als näher an natürliche Rhythmen und lebendige Prozesse gebunden sieht. Aufgrund dieser größeren Nähe zur Eigenlogik der Natur seien Frauen zu größerer Einfühlung mit der Natur fähig. Von dieser Empathie für natürliche Lebensprozesse würden sowohl Frauen mit ihrem Interesse an einer gesunden Umwelt als auch die Umweltbedingungen selbst profitieren“5. 3.3. 5 vergl. S. 29 bei Noël Sturgeon (1997) im Original. 3.3. Noël Sturgeon 19 Brückenkompetenz Empathie6 Die Brückenkompetenz Empathie im Vorfeld von Barmherzigkeit, Mitgefühl und Mit-Leid ist Ausdruck von Liebe und trägt Liebe in gerechtes, solidarisches oder nachhaltiges Handeln hinein. Durch erfolgtes empathisches Verhalten kann über barmherziges Handeln Liebe nicht nur an Gerechtigkeitsregelungen angekoppelt werden, sondern auch dauerhafter bei pragmatischem gerechten Lösungsverhalten aufrechterhalten werden. Durch Empathie werden Solidaritätsaktionen und -aktivitäten mit Zärtlichkeit infiziert – nachdem man über Empathie zum (zärtlichen) Mitgefühl gefunden hat. Empathisch mit der Natur/der Erde verwoben zu sein, führt dazu, nachhaltigem Verhalten und Nachdenken das anthropozentrisch-berechnende Abwägen zu nehmen. Die Empathie-Altruismus-These von Batson bzw. J.B. Metz seine Formel eines „empathischen Monotheismus“ deuten an, dass Compassion zwingend auf einer basalen Grundkompetenz, nämlich der zu Empathie, gründet und an der vorbei man wohl nicht bei einem Menschen die Fähigkeit zu Compassion erwarten kann. K. Bopp sprach ebenfalls die Fähigkeit zum „empathischen Sehen“ bzw. zum „empathischen Wahrnehmen“ als bedeutsam an, wenn es zu einem wirksamen barmherzigen Handeln kommen soll (vergl. ders., 1998, S. 237ff.). Der Buddhismus bestätigt das, wenn er mittelbar festhält, dass es nichts „Richtiges“ im Falschen“ gibt – nämlich in einem mitgefühllosen (bzw. nicht-empathischen) Umgang mit den Mit-Menschen (imperative Ethik andersherum – gegen I. Kant). Die Pointe der wahren Empathie, d.h. der durch eine (sympathische) Praxis der Nähe gereiften Empathie und dann von Freude und einem Sinn für das Schöne getra- 4. 6 Die Ausführungen dieses Kapitels beruhen auf den Ausführungen in Mierzwa (2014, 496–503). Sie wurden überarbeitet, ergänzt und aktualisiert. Für diese Ausführungen lohnt sich aber auch bei den Ausführungen in Mierzwa (2008/2009) und (2014, 62–89 und 202–211) nachzulesen. 21 genen Empathie ist es, dass gerade diese Form von Empathie für eine nicht-instrumentelle; nicht opportunistische; nicht-kolonisierende; nicht-täuschende Begegnung mit Mitmenschen steht. Damit werden sehr viele „psychische Strukturen“ als unfähig für Empathie ausgewiesen. Menschen in Angst können nicht wirklich richtig empathisch sein (vergl. Körtner, 2001; Strasser, 2013; Bude, 2014; Werbick, 2017). Die Narzissmus-Problematik und psychopathische Menschen sind Negativ-Anzeigen hinsichtlich Empathie und Compassion. Unter instrumenteller Vernunft kann man sich ebenfalls nicht wirklich Empathie und darauf aufbauend Compassion erschlie- ßen. Aber auch die Vorurteilsforschung ist ein wichtiges Thema, wenn auf mangelnde Empathie und fehlendes Compassion verwiesen wird (vergl. Aronson/Wilson/Akert, 2004, 481ff.; Ahlheim, 2007; Myers, 2008, S. 15ff.; Zimbardo/Gerrig, 2008, S. 653ff.). Und was in Anschluss an M.B. Rosenberg (vergl. ders., 2005b, S. 10 und 13) ebenso wichtig festzuhalten ist, ist jener Sachverhalt, dass extrinsische Motivation kontraproduktiv für empathisches Verhalten ist. Er bestätigt in Bezug auf die Fähigkeit zur Empathie bei seinen Überlegungen den „Korrumpierungs- bzw. Überveranlassungseffekt“, der im Zusammenhang der Diskussion zu intrinsischer Motivation als Problem thematisiert wird (vergl. Heckhausen, 1980, S. 613ff.; Rheinberg, 2006, S. 338f.; Myers, 2008, S. 363; Westerhoff, 2009, S. 16). Empathie hat eine körperliche Dimension. Empathie weist in dem Konzept von M.B. Rosenberg ein direktes physisches Erleben auf. Aktive Empathieprozesse lassen sich messen an der Herzfrequenz, an der Atmungsaktivität und am Stoffwechsel des Körpers (vergl. Stettberger, 2012, 67). Die tätigen Spiegelneurone im Gehirn sind in den Empathievorgang involviert, ohne dass der Mensch dabei den tätigen Spiegelneuronen „ausgesetzt“ ist (vergl. ders.; 2012, 62; s.a. M. Strasser, 2013, 304–309). Akustische Reize wahrnehmen zu können, wie Lachen oder Weinen, was ja eine körperliche Dimension im Empathieprozess bedeutet, gehören zum empathischen Kompetenzniveau (vergl. Stettberger, 2012, 179). Empathische Kommunikation kann mit zärtlichen Berührungen verknüpft sein. Wie der Körper das empathische Moment verarbeitet ist durch die jeweilige Kultur geformt (vergl. den Hinweis auf Golemann in: M. Strasser, 2013, 303). Mit dem Körper, etwa wenn man einen Armen ansieht oder an ihm vorbeisieht (vergl. M. 4. Brückenkompetenz Empathie 22 Strasser, 2013, 316) entscheidet sich, ob man sich dem empathischen Vorgang verweigert oder darauf einlässt. Empathie macht verständigungsorientiertes Handeln eigentlich im großem Umfang überflüssig, versucht man doch mit verständigungsorientiertem Handeln etwas nachzubereiten bzw. aufzuholen (vergl. hier als Beispiel Höhn, 1990), was nicht verloren gegangen wäre, wenn eine Begegnung von Beginn an empathisch genug gewesen wäre. Man kann bei Konzepten von einem verständigungsorientierten Handeln (mit einer „kognitiven“ Rollen- und Perspektivenübernahme (bei Kohlberg auf der 3. Stufe der Moralentwicklung lokalisiert und der konventionellen Moral zugeordnet]) von einer „nachsorgenden Ethik“ sprechen, die Gräben, Distanzen, fehlende Kontexte etc. überbrücken will, die, wenn Begegnung am Anfang von Empathie getragen wäre, gar nicht erst entstanden wären. Empathie hat eine neurobiologische Basis (vergl. Funk, 2016, S. 60). Beschädigungen und Sedierung des Gehirns können die Fähigkeit zu Empathie einschränken oder auch ganz verunmöglichen. So weisen z.B. die Autoren Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia darauf hin, dass bei einer Person, bei der es durch eine Hirnblutung zu schweren Schädigungen der linken Insel und der umgebenden Strukturen kam, nun die Unfähigkeit bestand, nicht mehr in Gesichtsausdrücken anderer die Zeichen von Ekel zu erkennen (vergl. dies., 2006/2008, S. 181). Aber auch ein defekter Stoffwechsel, vor allem mit Blick auf Oxytocin, führt zu „einer Behinderung“ hinsichtlich Empathie. Das Gehirn muss aber auch eine Reifung durchgemacht haben, damit Empathie im ganzheitlichen Umfang prinzipiell gelebt werden kann. Vermutlich kann man erst an junge Erwachsene frühestens den Anspruch relativ (reifen) empathischen Verhaltens herantragen (vergl. Eißele, 2009, S. 61–84; Brandstädter, 2011/2015, 211f.). Auch unterliegt die empathische Kompetenz einem Üben, das zu neurobiologischen Veränderungen führt. Fehlende empathische Praxis lässt die neurologische Basis für Empathie verkümmern (vergl. hier z.B. Singer/ Ricard, 2008, S. 72f.; s.a. den Hinweis auf J. Bauer bei: Eißele, 2009, S. 103; s.a. J. Bauer im Gespräch mit Nana Brink in: Deutschlandfunk Kultur vom 11.11.2015; s.a. Singer, 2015, 51f.). M. Strasser (2013, 311) weist auf Breithaupt (2009) hin, der aufzeigte, dass empathische Fähigkeiten über die erzählende Literatur ausgebildet werden können; ande- 4. Brückenkompetenz Empathie 23 re machen deutlich, dass durch künstlerische Ausdrucksformen in den Kulturen die Empathiefähigkeit beeindruckt wird. Marshall B. Rosenberg verdeutlicht, dass ein radikaler spiritueller Wandel einer Person erforderlich ist, damit Empathie auch wirklich ihre ganze Wirkung erzielt (vergl. ders., 2006, 53). Eine „Spiritualität der Achtsamkeit“ unterstützt/stärkt die empathischen Fähigkeiten (siehe dazu unter Kuschel, 2016, 19). Das Phänomen der Empathie Als erste Vergewisserung hier am Anfang 7 verschiedene Aspekte, die nach Batson u.a. (2002, S. 486–488) eine Facette beim empathischen Geschehen ausdrücken können. Dabei machen Batson u.a. zugleich deutlich, dass man nicht einen einzigen Aspekt als das empathische Geschehen verstehen darf, so dass er eine hegemoniale Macht über das Denken von Empathie gewinnt: – Wissen um den inneren Zustand einer Person, einschließlich der Gedanken und Gefühle. – Die Haltung eines beobachteten Anderen einnehmen. – Dazu kommen zu fühlen wie sich eine andere Person fühlt. – Intuitiv sich selbst in eine andere Situation hineinversetzen. – Sich vorstellen wie eines anderen Gefühlszustand ist7. – Sich vorstellen wie jemand denken würde und sich fühlen würde, wenn er an dessen Stelle sein würde. – Betroffen sein vom Leid des Nächsten/anderen (vergl. auch Breyer, 2015, 162). Das bedeutet sich auch klar zu sein, dass Empathie wehtun kann. (Nickschas, 2016). Aber nun ein paar Sätze zum „Phänomen der Empathie“. – Sich Zeit nehmen: Wenn Personen in Eile sind, oder ganz grundsätzlich „schnell“ leben, mit einer Tendenz zum Manischen, dann 4.1. 7 Breyer (2015, 171) macht darauf aufmerksam, dass sich die Erfahrungsstrukturen zweier Subjekte nie decken, sondern nur annähern können. Und Schlossberger (vergl. ders., 2013, 156) weist mit Max Scheler darauf hin, dass wir dem anderen Menschen nie ganz ins Herz sehen können, ja nicht einmal wir unser eigenes Herz adäquat erkennen können. 4. Brückenkompetenz Empathie 24 bemerken die Menschen nicht, ob Hilfsbedürftigkeit vorliegt. Unter einem Leben in Eile verschwinden Ruhe und Zeit, unter der sich Empathie aufbauen kann. Die Bewegung von Herz zu Herz, von Auge zu Auge ist ein sehr zärtlicher und sensibler Vorgang, der erstickt wird durch den Druck der Geschwindigkeit. – Das Gefühl des Anderen erkennen: Es ist eine Phase der Einfühlung, ein „Fühlen des Fühlens“ (Mieth) des Anderen, die weitgehend auf der nonverbalen resp. Präverbalen (mimetisch-gestisch usw.) Ebene verläuft. Es ist für H. Schmitt eine Phase eines impressionistischen „An- und Abschauens“ des anderen Erlebnisausdrucks einerseits sowie eine Phase der Imigation, wo die Einbildungskraft gefordert ist. Die Sprache kommt hinzu, wenn man sich entweder vergewissern will, ob man noch mit dem lebendigen Gefühlsleben des Anderen in Verbindung ist bzw. wenn die Einfühlung spürbar nicht mehr so recht gelingt, man also die Bedürfnisse und Gefühle des Anderen sowie deren lebensweltlichen Bezugsrahmen nicht mehr so recht hört und versteht. Die Phase sollte man nach M.B. Rosenberg lange auskosten, um wirklich auf den Grund der Gefühlslage des Anderen zu gelangen. – Mit dem Anderen mitfühlen: Dazu betont M.B. Rosenberg zunächst die Fähigkeit zum „Präsent-Sein“. Angelehnt an die buddhistische Weisheit vom Präsent-Sein weist er darauf hin, dass hier ein intellektuelles, diagnostisches, analysierendes Verhalten zurücktritt, um mit den Gefühlen und Bedürfnissen des Anderen ganz in Kontakt zu kommen. Schließlich weist er darauf hin, dass es im empathischen Prozess wichtig ist, die Dinge zu verlangsamen, indem man das Moment des „Präsent-Seins“ ausdehnt. Hier kann eine Praxis des Paraphrasierens gute Dienste leisten. Ganz im Sinne buddhistischer Achtsamkeitsmeditation betont er, dass auf rasche Entscheidungen und spontane Urteile zu verzichten ist. Hingegen soll dem Anderen viel Spielraum gegeben werden, um das Anliegen vollständig darzustellen und auszudrücken. In dieser Phase wird deutlich, dass dies leichter zu bewerkstelligen ist, wenn man mit Freude dabei ist und bei schwierigen Themen der Schönheit des/der Anderen gewahr wurde. Im empathischen Setting können zärtliche Gesten eine Rolle spielen – etwa, wie Gobodo-Madikizela verdeutlichte (2003/2006, S. 59). Sie berührte mit ihrer Hand ganz 4.1. Das Phänomen der Empathie 25 behutsam die Hand des Gesprächspartners. Stand beim Anfangsresp. Eingangsmoment von einem empathischen Verhalten eine gewisse „innerliche“ Leere im Vordergrund, wo es auch galt, nichts aus der Vergangenheit mit in dieses Moment hineinzunehmen und entsprechend einer buddhistischen Weisheit einfach-da-zu-sein, so wird im weiteren Verlauf des Empathie-Settings der Blick auf die Vergangenheit in den Prozess der Einfühlung eingebaut. Die Ausführungen zu einer Erinnerungskultur in Mierzwa (2011) zeigen, dass das sehr anspruchsvoll und auch sehr anstrengend sein könnte. Man muss sich darüber klar sein, dass es in einer Situation der Empathie nicht zu einer Übereinstimmung mit den Gefühlen und Bedürfnissen des Anderen kommt, auch wenn man mit der Welt der anderen Gefühle, dem „andersartigen“ komplexen Erleben in tiefer und persönlicher Weise in Berührung kommt und dabei prinzipiell die Möglichkeit sieht, dass man sich hierdurch selbst in dem eigenen Erleben, Deuten und Verstehen verändern könnte. Man kann eine Grenze formulieren, die zwar von einer Anerkennung der Gefühlswelt des anderen spricht, aber auch davon spricht, dass damit noch nicht ein Urteil (auch in Form der Zustimmung), verbunden ist. – Zärtlichkeit: Zärtlichkeit gehört notwendig zum sich empathisch Verhalten, schon weil es wichtig ist, in einer Situation, wo sich der Andere öffnet und ihm nahe kommt, zu verhindern, dass der Andere beschämt wird bzw. um mit der Zartheit mitzuteilen, dass er eine Beschämung nicht fürchten muss. Zärtlich gelebte Empathie ist auch deswegen dringend geboten, weil über einem empathischen Setting die potentielle Gefahr einer erhöhten Verletzlichkeit und Beschädigung der Würde schwebt. – Die empathisch gewonnenen Inhalte gemeinsam aushandeln: Die „innerpsychischen“ Prozesse, über die man über den empathischen Vorgang Anschluss findet, sind immer noch „andere“ innerpsychische Prozesse im Verhältnis zu den eigenen „innerpsychischen“ Prozessen. Das „Script“ des Wissens, der Theorie, des Narrativs, des Gedächtnis über „Gefühle“ ist sehr subjektiv, hat einen je individuellen Körperausdruck, steckt in je unterschiedlichen Geschichten erlebter Interaktion und hat eine je unterschiedliche kulturelle Atmosphäre. Der Ausdruck von „innerpsychischen“ Prozes- 4. Brückenkompetenz Empathie 26 sen, wie etwa des Verarbeitens von „Schmerz“ und „Leid“ präsentiert sich nuanciert anders, sucht sich in jedem Menschen „andere“ Wege in die „äußerliche“ Ausdruckweise. Je nach Stimmung, in der man sich befindet, ist man anders resonanzfähig gegenüber einer Atmosphäre oder gegenüber den Gefühlen des Anderen. Dadurch entstehen Spielräume für Täuschungen und Irrgänge in dem Empathievorgang. Deswegen ist immer eine Phase bedeutsam empathisch gewonnene Inhalte gemeinsam auszuhandeln, sich über vermeintlich gewonnene Eindrücke und Aspekte der Eindrücke im Dialog zu vergewissern, auf eine Zustimmung durch den Anderen zu dem nun in einem Empathievorgang über den Anderen Gewussten hinzuarbeiten. Es ist wichtig, dass der Andere sagt, dass er sich verstanden fühlt. Deswegen darf der Andere die „empathische Interpretation“ der Gefühle leiten und korrigieren. Hier hat er ein Vetorecht im empathischen Geschehen. Damit wird gegen ein leichtfertiges „Wir“-Denken und „Wir“-Verstehen ein Gegengewicht aufgebaut und einer okkupierenden und freiheitsberaubenden Empathie vorgebeugt (vergl. hier bei: Dullstein, 2013, 104; Breyer, 2015, 174–201). – Motivationsfördernd: Die empathische Situation bewährt sich im Aufbruch zu einem verantworteten Handeln. Empathie drängt zum Handeln, sie vermag Kräfte zu mobilisieren, weil Bedürftigkeit lebendiger deutlich wurde, Not wirklich tiefer als Not verstanden wurde und man sich darunter in die Pflicht genommen fühlt. Eine fehlende Handlungsmotivation muss sich von der Empathieforschung her immer die Frage gefallen lassen: Sind Sie (wirklich) empathisch gewesen? Das Phänomen der Empathie kann auch in Bezug auf Mutter Erde gelebt werden. Durch den Verlust einer lebendigen Kosmologie, durch einen zunehmenden Autismus im Verhältnis zu anderen Lebewesen und zueinander „können (wir R.M.) die Stimme der Bäume, der Berge, der Flüsse und des Meeres nicht mehr hören, wir können auch die Schreie der Armen und Ausgegrenzten unter uns nicht mehr hören“ (Boff/Hathaway, 2016, S. 57). Mit der Erde zu fühlen ist wie mit dem Körper zu fühlen, die Gewässer zu spüren ist wie am Pulsieren des eigenen Blutes teilzuhaben (siehe hier bei Gülçiçek, 2011, S. 33). Es wird eine anthropozentrisch verengte Vorstellung von Mit-Leid zurückge- 4.1. Das Phänomen der Empathie 27 lassen und als möglich empfunden am „Seufzen“ und „Stöhnen“ der Schöpfung „jammernd“ Anteil zu nehmen. Wenn man wie in der feministischen und indianischen Spiritualität einen Baum umarmt, dann ist es wahrscheinlich, dass das Leben des Baumes durch einen hindurchströmt und man dadurch bewegt ist. Bei der Umarmung des Baumes sprudeln vor Begeisterung Geschichten und man nimmt Anteil an traurigen Erzählungen8. 8 In dieser Dimension Empathie zu verstehen ist nur möglich, wenn man versteht, dass wir Erde auf einer hohen Stufe sind. Und noch konkreter: „Was wir in unserem Leib, im Blut, im Herzen, im Verstand und im Geiste haben, sind Elemente, die der Erde entspringen“ (Boff, 2010, S. 65). Das was Erde ausmacht ist kein uns äußerliches fremdes Objekt. Daher können wir auch nicht in Distanz zu ihr treten, einen Trennungsprozess vollziehen. „Wir bilden mit der Erde zusammen eine einzige Sache“ (ders., S. 65). „Zu empfinden, dass wir Erde sind (…) lässt uns alles wahrnehmen, was von der Erde kommt: ihre Kälte und Wärme, ihre bedrohliche Gewalt und ihre faszinierende Schönheit“ (ders., S. 70). Wir können spüren, was von der Erde herkommt. Erde sein, d.h. an ihrem Atmen, sei es als Brise oder Hurrican, teilzunehmen. Erde sein, d.h. an der (emotionalen) Gemeinschaft des Lebens teilzunehmen, auch deren Stress-Erleben usw. mit-spüren zu können (s.a. Moltmann-Wendel, 1993 und Moltmann, 1993). Auch Andreas Weber (2007/2008) liefert Argumente dafür, dass eine empathische Brücke bzw. eine empathische Beziehung zu Pflanzen, Tieren (und Steinen!) aufgebaut/hergestellt werden kann. Weil Leben Gefühl ist (vergl. S. 61) können wir empathisch sein. Dabei ist die Natur, so wie sie Gestalt angenommen hat, wie sie sich „körperlich“ ausbreitet dies nur durch ihr Fühlen (vergl. S. 79). Gefühle sind die „Gedanken der Natur“, die zum Entstehen von Populationen beitragen (vergl. hier S. 77). Gefühl ist ohne Materie nicht möglich; auf Pflanzen-, Tier- (und evtl. Stein-) Ebene ist Gefühl mit Stoff verkoppelt, ist Physik. Leben geschieht „innerlich“ als Gefühl, das „äußerlich“ etwas Stoffliches, ein Körper ist (vergl. S. 86). Leiblichkeit ist daher nicht sinnlos. Das ist der erste Anknüpfungspunkt für „empathisches Denken“. Dann müssen wir uns hinsichtlich Tier, Pflanze und Stein von der Vorstellung trennen, dass „Empathie“ nur vorstellbar ist, wenn wir „sprachliche“ Vokabeln für Gefühle haben (vergl. S. 96). Empathisch mit Tieren und Pflanzen zu sein, d.h. ihre Stoffwechseltätigkeit und Erregungszustände „fühlend“ wahrzunehmen (vergl. S. 103 und 111f.). Durch dieses Stoffwechseltätigkeit und Erregungszustände ergibt sich emotional geformte Materie. Empathisch zu sein, d.h. empathisch zu spüren: Ein Atemzug voll schmerzlicher Spannung kann die Spannung in ihrer Gänze ausdrücken (vergl. S. 115). Empathie, d.h. die Erfahrung zu machen, dass „das Tosen des Windes (…) mit dem Tosen der Gefühle in Formkonstanz“ steht (S. 117). Wir fühlen wie die Natur, aber wir können die Gefühle aussprechen. So können Dichter junge Nussbäume grünen hören (vergl. S. 119). So können wir „scharfe“ Worte zustechen spüren (vergl. S. 118). 4. Brückenkompetenz Empathie 28 Der Affekt – verdichtete Empathie Im Zusammenhang mit dem Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ im Lukasevangelium wird sehr gut deutlich, dass dessen Affekt eine verdichtete Form der Empathie ist. Wenn man den Begriff esplagchiste nicht nur mit der Formel „Mitgefühl ergriff ihn“ übersetzt, sondern mit der Formel „er ließ sich anrühren“ versprachlicht, dann kommt darin sehr gut der empathische Vorgang zum Ausdruck. Allerdings repräsentiert dieser Bibeltext eine sehr dramatische Form, sich von dem Opfer anrühren zu lassen – der Samariter ließ es zu, dass sich bei ihm der Magen umdrehte. Und dabei war, im besten Sinne von M.B. Rosenberg „leer“, denn es wird nicht von irgendwelchen Gedankenspielen des barmherzigen Samariters berichtet. Die weiterführenden Ausführungen zum Affekt, die sich auf Peter Bartmann und H.-J. Benedict beziehen, führt die Überlegungen in die Nahe der Ausführungen über „Intuition“, die sich bei B. Kast (2007) und D. Golemann finden – vergleiche in diesem Zusammenhang unter anderem die Begriffe „plötzlich“, „spontan“, „vorläufige Situationseinschätzung“ im Zusammenhang mit dem Affekt. So möchte ich den Affekt als verdichtete Empathie bezeichnen, wo Intuition und die Empathie ganz intensiv ineinander fallen. Der Vollständigkeit wegen wundert es deswegen auch gar nicht, dass der barmherzige Samariter gleich zur Tat schreitet; das Empathie-Altruismus-Konzept von Batson wird bestätigt. Der in der Parabel dar- und vorgestellte Affekt wird Barmherzigkeit genannt. Und dieser kann, sozialethisch betrachtet, dazu führen, das zeigt die umfassende Exegese, nun dazu beizutragen, die Straßen sicherer zu machen, indem man sich sozialethisch und politisch engagiert – und so ist man ausgehend von der Empathie mitten in der (Sozial-/politischen)Ethik. Bei den Ausführungen zum sendungsbewussten Handeln hatte ich u.a. auf den Affekt der „Empörung“ hingewiesen. Auch hier fallen Intuition und Empathie verdichtet ineinander. Wenn L. Kuld (2003) vom Empört-Sein sagt, dass es das Hineinnehmen von Leiden und Schmerz der anderen in unser Leben ist, dann wird hier das empathische Moment benannt. Wenn in den Ausführungen von Montada und Kals (2007) eine „Urteilsdimension“ im Empört-Sein thematisiert wird, dann rundet es die Ausführungen ab, wird doch P. Bartmann’s (1998) Charakterisierung des Affekts aufgenommen, wo jener von 4.2. 4.2. Der Affekt – verdichtete Empathie 29 einer Urteilsdimension im Affekt sprach. Und auch in diesem Kontext kommt eine Handlungsbewegung in den Blick, mit Blick auf das Empathie-Altruismus-Theorem, wenn man annimmt, dass Jesu Tempelreinigung der Affekt des Empört-Seins zugrunde gelegen haben könnte. Beide Ereignisse atmen „intrinsische Motivation“; es gibt nicht den Hauch einer Andeutung auf ein extrinsisches Motiv – sie sind also im guten Sinne Beispiele für empathisches Verhalten. Die Spektralfarben der Empathiekompetenz In verschieden Phasen von einem Empathie-Vorgang können sich, wenn man sich länger in diesen Phasen aufhält, ganz spezifische Verhaltensmodi resp. Verhaltensqualitäten ausprägen resp. ergeben, die ich als die Spektralfarben der Empathiekompetenz bezeichnen möchte. Dadurch wird deutlich, dass wir es in Bezug auf Compassion mit einem flottierenden Metaphernfeld zu tun haben, so dass es dann wiederum fahrlässig wäre, dem Begriff Compassion nur einen Begriff, etwa den des Mitgefühls oder der Barmherzigkeit mit einer konstanten spezifischen Begriffs-Bedeutung zu zuordnen. Auch wäre es fahrlässig, wenn man dem Aspekt des Flottierens gerecht bleiben will, wenn man mit dem Begriff Compassion einen konstanten spezifischen Kontext, wie zum Beispiel den diakonischen Bereich zuordnen würde. Vor allem das Buch von T. Todorov „Abenteuer des Zusammenlebens“ (1996) ist in Hinsicht auf diesen Aspekt ein recht gutes Beispiel, wie man dem Grund-Verständnis von „Flottieren“ gerecht werden kann, auch wenn bei ihm der Anerkennungsbegriff hervorsticht. Die empathische Herangehensweise an die Realität von Hartz-IV (Mierzwa, 2018a) führt zu einem Flottieren zwischen verschiedenen ethischen Begriffen und damit verbundenen zur Formulierung von sehr verschiedenartigen sozial-ethischen Herausforderungen. – Unter einer empathischen Situation begegnet man dem Grundverständnis von Anerkennung. Der Anerkennungsbegriff vermittelt einen Umgang mit dem Anderen, wo dieser nicht „beurteilt im Sinne von verurteilt“ wird, nicht „bewertet im Sinne von entwertet“ wird, „nicht kategorisiert im Sinne von neutralisiert“ wird, nicht „verdinglicht“ wird usw. Anerkennung beugt möglichen Entwick- 4.3. 4. Brückenkompetenz Empathie 30 lungen vor, dass Feindbilder aufgebaut werden, Sündenböcke entstehen oder auch Entwicklungen beginnen, die zur Dämonisierung des Anderen führen, etwa wenn man sie „als böse“ abstempelt. Damit wird auch deutlich, dass es im NT nicht um Feindesliebe geht, sondern um „Entfeindung“ von zwischenmenschlichen Beziehungen (vergl. z.B. den Hinweis bei Johannes Fischer, 2002, S. 131). – Empathie mit Blick auf den Begriff Mitgefühl beschreibt den Prozess, wo man aufgrund einer sympathischen Grundstimmung ästhetisch-aisthetisch sensibler wird, dadurch achtsamer wird und wodurch sich dann wiederum eine eigene Apathie in Bezug auf andere Mit-Menschen abbaut. Und dann kommt das Gefühl für jemanden auf, „verbunden mit der Motivation, das Leid der betreffenden Person zu lindern“ (Singer, 2015, 42). – Mit Blick auf den Begriff Mit-Leid wird darauf verwiesen, dass es unter Empathie einem Menschen möglich wird mit dem Schmerz des Anderen vertraut zu werden; Mit-Leid bezeichnet schließlich das auf den empathischen Prozess folgende „Verbleiben“ beim schmerzhaften Erleben des Anderen ohne zugleich daran selbst zu leiden. Mit-Leid ist weit entfernt vom sentimentalen Mitjammern und steht für ein miteinander-Durchhalten (evtl. auf ein Ziel hin). – Empathie mit Blick auf den Begriff Güte spricht in der Art und Weise von der existenziellen Notwendigkeit der Empathie im Zwischenmenschlichen, dass dem Menschen vorsichtig aufgeholfen wird bei der Begegnung mit seinem Gefühlsleben. Schließlich wird mit dem Begriff Güte das freundliche und weitherzige Begleiten des evtl. von Gefühlen überschwemmten Menschen beschrieben, wenn er langsam unter Empathie fähig wird seinen Gefühlen ansichtig zu werden und sich langsam ein komplexes Können erschließt, den Gefühlen gewahr zu werden. – Empathisch am Missmut, dem entnervt-Sein oder dem aufgebracht- Sein zu spüren, ob jemand wie eine Schachfigur im Betrieb behandelt wird oder nur als Preis verrechnet und betrachtet wird oder auch nur der Kontakt gepflegt wird, weil man Vorteile aus dem Kontakt erwartet bedeutet Empathie im Horizont von (Menschen-)Würde zu praktizieren (vergl. Mierzwa, 2018b). – Der Empathiebegriff problematisiert im Horizont der Fürsorge Anonymität und Unpersönlichkeit in der Gesellschaft und wirbt 4.3. Die Spektralfarben der Empathiekompetenz 31 für eine anteilnehmende Mitlebenskultur, „die Räume konkret ge- übter, alltäglich geteilter und sensibel gestalteter Aufmerksamkeit und Verbindlichkeit eröffnet“ (vergl. Schmitt, 2003, S. 505). Dabei bewahrt der Fürsorgebegriff das Empathieverständnis vor einer auf das Leiden konzentrierten Verengung und wirbt für eine Offenheit und interessierte Zugewandtheit für alle möglichen menschlichen Erfahrungen und das damit verbundene Erleben. Fürsorgliche Empathie zeichnet sich darin aus, sehr gründlich und leidenschaftlich umsichtig alles das in den empathischen Prozess hinein zu holen, was rechts und links, was aber auch weit und entfernt rechts und links von dem liegt, was im emphatischen Setting erschlossen wird. – Empathie und Sympathie – das bedeutet ganz grundsätzlich auch Fassetten der „Positiven Psychologie“ als Gegenstandsbereich von empathischen Settings freudig zu akzeptieren – dadurch wird Eigen- Sinn, Hoffnung und Zuversicht geweckt. – Barmherzigkeit ist die Reaktion auf einen Menschen in (großen) Nöten. Es ist der (zärtliche) und geduldige Umgang mit Menschen in Ohnmacht oder tiefer Hilflosigkeit. Es ist Langmut mit Menschen, die Fehler machten oder deren Verhalten sie in Schuld hineingleiten ließ. Insofern Empathie zärtlich ist und, wie es M.B. Rosenberg deutlich machte, von extrem viel Langmut getragen ist, ist ein empathisches Setting (nach M.B. Rosenberg) schon ein Vorbote für barmherziges Handeln. – Es gibt eine Empathie, die auf der Wahrnehmung einer gemeinsamen Menschlichkeit basiert (vergl. hier bei: D. Lama/Cutler, 2011/2013, 398). Diese Empathie „vertiefte“ der Dalai Lama (vergl. S. 396f.). Er spürte empathisch dem gemeinsam „Menschlichen“ nach: „Schmerz empfinden“, die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung, der Wunsch Leiden zu vermeiden usw. Dadurch wird es leichter Empathie mit jedem Menschen zu entwickeln (vergl. dies., 396). Diese Art von Empathie macht es eher möglich, dass Nächstenliebe gelebt werden kann. 4. Brückenkompetenz Empathie 32 Der transistorische Aspekt der Empathie Wenn unter Empathie stattgefundene Problemanalysen die Bereitschaft für praktische Konsequenzen wecken und schließlich zum Handeln motivieren, dann führt das in den Altruismusdiskussion hinein. Susanne Schmiedel bestätigt aus der Forschung, dass weitgehend Einigkeit in der Annahme besteht, „dass Empathie sowohl als Voraussetzung als auch als Motivation verstanden werden kann, anderen, den gegebenen Umständen entsprechend, beizustehen oder zu helfen (….)“ (dies., 2016, 92). Das Wagnis bestimmter Handlungen wird umso eher auf sich genommen umso mehr für ein plastisch, konkret-anschaulich und leidensintensiv die Lebenslage eines Menschen sich darstellt. Es baut sich unter der Berührung mit Leid, die auch leibhaftig sein kann, für den Menschen eine gewisse Handlungsmotivation auf. Einzelaspekte: – Empathie, das kann bedeuten, vom beherzten Erleben, über ein beherztes Durchdenken zu einem beherzten Handeln zu gelangen. Der unter der empathischen Situation erlebte Herzschlag trägt sich fort in den Herzschlag der Handlung. Zartheit/Zärtlichkeit kann sich unter dem empathischen Setting im Verlauf des Hinübergleitens in eine fürsorgliche Tat ausweiten. – Nur mittels Empathie ist es wirklich möglich, von der Qualität des Bedürfnisses zu einer Qualität einer Handlung zu finden. – Empathie-Altriusmus-Effekt, das kann auch bedeuten, dass ausgehend von der erfahrenen Kraft in einem durchlebten Empathiesetting sich ein Vertrauen in die eigenen Kräfte entwickelte und man dann infolgedessen dazu bereit ist, auf die eigenen Kräfte vertrauend, sich auf ein kraftvolles und mutig voranschreitendes Handeln einzulassen. – Wenn der Affekt nicht in eine Raserei bzw. zu Terror-Akten führte (bei der Empörung) oder keinen Ohnmachtsanfall erzeugte (bei dem „jammerte mit ihm“), dann ist man im „Richtigen“ und „Richtig zugleich“ und kann mit Vertrauen, Zuversicht, Gelassenheit und kraftvoll sich dem Problem widmen. – Das Empathie-Altruismus-Phänomen bedeutet auch, dass man die im Empathie-Prozess erlebte Zuversicht in ein langmütiges Han- 4.4. 4.4. Der transistorische Aspekt der Empathie 33 deln mit hinübernimmt, das dann, aus der Aussenperspektive ein Zeichen für Hoffnung sein kann. – Durch eine empathische Praxis kommt es zu einer emotionalen und gedanklichen Sensibilisierung für ein vorwegnehmendes Mitgefühl für zukünftige und potenzielle Schädigungen, Verletzungen, Beschämungen etc. von anderen Menschen und Lebewesen. Dadurch geht dann eher ein Ruck durch einen für eine stärkere Sorgehaltung. Der transistorische Aspekt der Empathie kommt umso nachhaltiger im Leben zum Tragen, wie unter (einer intrinsisch motivierten) Empathie die Erlebnisweise des „flow“-Erlebens aufkommt. Golemann (2006, S. 46ff.) und M.B. Rosenberg (2006, S. 55f.) machen mit schönen Bildern deutlich, dass dies möglich ist. Dabei scheint mir der Hinweis bedeutsam, dass Flow-Zustände (bei komplexen Aktivitäten) eher bei „Experten“ bzw. bei „Geübten und Verständigen“ als bei „Novizen“ zu finden sind (vergl. Rheinberg, 2006, S. 348). Es ist also der Hinweis bedeutsam, dass in einem gewissen Umfang eine „Empathie“-Kompetenz bestehen muss, um in den „Flow“(des Handelns) hineinzugleiten. „‚Flow‘ bezeichnet (nach Csikszentmihalyi R.M.) das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit. Im ‚flow‘ wird das Handeln als ein einheitliches ‚Fließen‘ von einem Augenblick zum nächsten erlebt. Dieses Erleben umfasst folgende Aspekte: → Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein, → Zentrierung der Aufmerksamkeit auf die momentane Tätigkeit, → Selbstvergessenheit und → Ausüben von Kontrolle über Handlung und Umwelt. (…)“ (Schiefele/Köller, 2001, S. 307) → Zurücktreten ausdrücklicher (willentlich angestrengter) reflexiver Denkakte (vergl. Rheinberg, 2006, S. 346, Schaukasten) → Verschwinden eines bewusst erlebten Zeiterlebens. Wenn das alles gegeben ist, dann kann man auch eine „Korrumpierungsresistenz“ ausmachen (vergl. den Hinweis bei Rheinberg, 2006, S. 349). 4. Brückenkompetenz Empathie 34 Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln Die Entwicklung der Methode des Dreischritts „Sehen-Urteilen-Handeln“ geht auf die von dem belgischen Priester und späteren Kardinal Joseph Cardijn gegründete Jeunesse Ouvrière Catholique (JOC; deutsch: Christliche Arbeiter Jugend = CAJ) zurück9. Diese wurde zum ersten Mal systematischer in dem 1938 erschienen Heftchen „La JOC“ (deutsch: Was ist die CAJ?, 1947) entfaltet; es erschien infolge einer Bitte des Papstes nach einem international vergleichenden Kriterienkatalog, damit die JOC von anderen Arbeiter-Bewegungen zu unterscheiden war. „Laien im Apostolat“ gilt als „Hauptwerk“ von Joseph Cardijn. Darin drückt er nicht nur seinen Dank und seine Freude über den Eingang des Schrittes „Sehen-Urteilen-Handeln“ in die katholische Soziallehre aus – er hält zu der Methode selbst fest: Die Entdeckung von Alltagsrealität und den darin befindlichen Tatsachenverhältnissen „folgt dann eine christliche Stellungnahme und Beurteilung, die dann ihrerseits in Handlungen einmündet, die sie vornehmen, in Zielsetzungen, die sie verwirklichen, in Verantwortungen, die sie auf sich nehmen“ (Cardijn, 1962/1964). Die Methode des Dreischritts „Sehen-Urteilen-Handeln“ rezipierten lateinamerikanische Befreiungstheologen. Als befreiungstheologisches Hauptwerk für methodische Fragestellungen gilt die Veröffentlichung von Clodovis Boff „Theologie und Praxis“ (1983). Statt vom Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“ spricht jener von einer sozialanalytischen, einer hermeneutischen und einer praktischen Vermittlung des Glaubens. Seine Überlegungen werden von Bruno Kern einer kritischen Bewertung unterworfen – seine Hauptkritik an Cl. Boff: die wissenschaftliche Methode ist zu sehr von der gesellschaftlichen Praxis 5. 9 Für die einleitenden Ausführungen beziehe ich mich zum Teil auf Ausführungen, die ich schon früher machte (Mierzwa, 1998a, S. 60ff.). 35 getrennt. Mittlerweile unterscheidet man in befreiungstheologischen Publikationen drei Funktionsebenen des methodischen Dreischritts: Auf der popularen Ebene wird ihm eine identitätsstiftende Bedeutung gegeben; in der pastoralen Praxis wird ihm eine Solidarität stiftende Funktion zugeschrieben und im sozial-wissenschaftlichen Verfahren soll mittels dieses Dreischrittes eine stärkere Realitätsnähe für den Entscheidungsprozess hergestellt werden. Auch die ev. Sozialethik kennt den methodischen Dreischritt. T. Jähnichen unterscheidet zwischen der Sachanalyse, der normativen Ebene und der Reformperspektive (2016, Sp. 1412; s.a. die Ausführungen zu H.E. Tödt und A. Rich unter Sp. 141610). Und H.-R. Reuter entfaltet diesen Dreischritt in vier Schritten: 1) Beschreibung des Kontextes; 2) Identifizierung der ethischen Perspektive(n), Kriterien und Orientierungen; 3) Prüfung, Bewertung und Abwägung; 4) Entscheidung und Umsetzung (2015b, S. 112ff.). Die EKD-Denkschrift „Gerechte Teilhabe“ (2006) stellt an den Anfang eine Problemanalyse zur Armut und zum Arbeitsmarkt unter der Globalisierung, darauf folgt die theologisch-ethische Orientierung und dann werden Wege aus der Armut aufgezeigt. Standort und Perspektivenwechsel Was man sieht und wie man urteilt und letztlich dann auch handelt hängt vom Standort ab, den man einnimmt bzw. dem Perspektivenwechsel, zu dem man bereit ist. Und es nicht unerheblich, ob man aus der Zuschauerperspektive (z.B. vom Fernseher aus) die Probleme betrachtet oder ob man über Wochen und Monate eine Lebenslage von anderen Menschen ganz praktisch „teilt“. Manchmal müssen intensive und längere Gespräche mit Betroffenen geführt werden, um erst Fragen/Herausforderungen richtig zu erkennen/zu sehen. Und man muss vom Suizid verzweifelter Frauen erfahren haben und in das Gesicht von Kindern geschaut haben, wo das Lächeln verschwunden ist, um ein Problem richtig durchschaut zu haben. Es ist schon ein Unterschied, ob man in die Krisenregion „einfliegt“ und täglich in das be- 5.1. 10 vergl. A. Rich, 1984, S. 224–227 und H.E. Tödt, 1988, S. 21–48 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 36 hagliche Hotelzimmer zurückkehrt oder ob man durch das Leben in Armutsvierteln mit den hygienischen Problemen leibhaftig konfrontiert wird (vergl. hierzu bei: Mayer, 2006; Richter, 1978; Hartmann, 2012, 317–372). Das Leben, das man wählt, führt existenziell zu einem anderen Blick auf die Dinge – das wird an der unterschiedlichen Problemwahrnehmung der Menschen in verschieden Milieus deutlich. Ist man mit den Milieus verstrickt, die von der Reichtumsakkumulation profitieren, dann wird man an die sozialen Fragen anders herangehen (vergl. Duchrow/Bianchi u.a., 2006, S. 137ff.). Jemand, der die Vorentscheidung für ein Leben in der Komfortzone fällt, wird weniger sehen können, welche Betroffenheiten und Bedürfnisse bei Menschen bestehen, die in der Schlange vor einer Tafel anstehen. Man kann ein Leben führen, wo man nicht den Armen konkret begegnet (Wahl des Wohnortes, Urlaub auf Kreuzfahrtschiffen; wenig Wege zu Fuß durch die Stadt usw.). Ein Standortwechsel wird auch schon daran deutlich, welche Zeitungen/Zeitschriften man täglich liest. Das Sehen wird bei Menschen unterschiedlich sein, die nur die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ lesen oder denjenigen, die mehr oder minder regelmäßig ein Straßenmagazin wie „Hempels“ lesen. Dadurch wird eine ganz andere Problemwahrnehmung ausgebildet, z.B. in Bezug auf Obdachlosigkeit (vergl. Hempels 9/2017, S. 22ff.). Menschen aus den „Sozialen Bewegungen“ sehen ebenfalls anders, vielleicht sogar mehr sozialethische Fragestellungen und Probleme. So wird z.B. durch das regelmäßige Lesen der „AttacBasisTexte“ jemand ein geschärftes Problembewusstsein für soziale Fragen haben, als jemand, der nur Fachzeitschriften seiner Berufsgruppe oder nur Autojournale oder die Regenbogenpresse liest. Auch die psychologische Dynamik bei einer Person entscheidet darüber, ob ein Perspektivenwechsel möglicher wird und das Leben des Anderen gesehen wird. Die ständige Aufmerksamkeit auf das eigene Innere, das ständige Bemühen um die psychische Perfektion des eigenen Lebens, wie im Selbstverwirklichungsmilieu, verkennt die Herausforderung, dass es auch einen Wir-Raum gibt, dass es so etwas wie solidarische Anforderungen und Herausforderungen im Leben gibt. 5.1. Standort und Perspektivenwechsel 37 Sehen Sehen muss ein empathisches, leidsensibles Sehen sein (vergl. Mierzwa, 2011; s.a. Tödt, 1988, S. 35f.), das über eine einfühlsame Archäologie der Zusammenhänge von sozialen Phänomenen und Leid, die soziale Krise am Antlitz des Menschen deutlich werden lässt. Scheinbar individualethische Phänomene wie das Leiden an zwischenmenschlicher Gewalt können aus der Arbeitsverdichtung oder Stress infolge der sozialen Lage resultieren. Den Zusammenhang stellen nicht nur Statistiken her über die Verteilung von Gewalt in gewissen sozialen Räumen sondern auch Lebensgeschichten aus sozialen Milieus. Praktiker aus der Sozialarbeit können mit mikrosoziologischen Befunden eine Brücke schlagen zwischen dem Leiden am/im Alltag und der daraus resultierenden sozialethischen Fragestellung – zum Beispiel dem Problemzusammenhang, dass der Neoliberalismus ein Torpedo gegen eine Arbeit im Horizont der vorrangigen Option für die Armen ist (vergl. Seithe/Wiesner-Rau, 2013, S. 11–46). Infolge der „neoliberalen Wende“ in der Gesellschaft kam es vermehrt zu unsicheren Arbeitsplätzen, befristeten Stellen, zu einer Aushöhlung des Arbeitsschutzes, zu strukturellen Anschlägen auf eine Berufsidentität, zu prekären Lohnverhältnissen sowie zu geringeren Ansprüchen auf Staats- und Unternehmensleistungen, woraus sich ein leidendes Prekariat herausbildete (vergl. Standing, 2015, S. 7). Ein leidsensibles empathisches Sehen findet anthropologisch Anschluss an diesen Problemhorizont, wenn es das Leiden des Prekariats infolge Beschäftigungsunsicherheit, möglicherweise drohender Wohnungslosigkeit oder an einem Verschwinden des Mitgefühls in der Ökonomie resp. dem organisierten Sozialstaat wahrnimmt. So wird man über erhöhte Selbstmorde (vergl. ders., S. 23 und 32) oder über die herrschende Angst im Prekariat (vergl. ders., S. 36f.) darauf aufmerksam, dass die „neoliberale Wende“ im Zuge der Globalisierung Menschen in unmenschliche Zerreißproben hineinmanövriert, einem enormen Zeitund Arbeitsverdichtungsdruck aussetzt, menschenunwürdige Konfrontationslinien aufbaut (siehe die Aspekte der Arbeitsnomaden oder die steigende privatwirtschaftliche Nutzung von Gefangenenarbeit) usw. Sehen muss auch eine genderethische Fokussierung aufweisen. Das wird an der Armutsproblematik deutlich. Die Akteure der Finanz- 5.2. 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 38 wirtschaft sind vorwiegend männlich (vergl. z.B. Upgang, 2009, S. 30f.; s.a. Hartmann, 2012, 322). Nach UN-Angaben sind weltweit 70 Prozent der Armen weiblichen Geschlechts (vergl. Wichterich, 2004, S. 40). Amartya Sen charakterisiert die Armut von Frauen an fehlenden Verwirklichungschancen, die an einer höheren Sterblichkeitsrate, an Krankheit, Unterernährung, medizinischer Unterversorgung usw. ablesbar ist (vergl. Sen, 2000, S. 112). Für die Rettung des Finanzsektors, bei der Krise 2008, wurde enormes Kapital mobilisiert. Die weltweite Armutsbekämpfung findet hingegen zögerlich statt (vergl. www.armut.de). Hier entscheidet sich Solidarität an einem Graben zwischen den Geschlechtern bzw. es wird deutlich, dass Solidarität auch geschlechtsabhängig ist. Darüber hinaus ist zu konstatieren, dass Aktivitäten im Finanzsektor auch für die weltweite Armut mit verantwortlich sind. So tragen Nahrungsmittelspekulationen (vergl. https:// reset.org/knowledge/nahrungsmittelspekulationen) zum Hunger bei, der vom Antlitz her weiblich ist. Männer entscheiden damit über die Armut von Frauen. Besondere Armutsprobleme, wie die Privatisierung von Wasser, betreffen in besonderer Weise Frauen – denn diese sind noch immer für die Beschaffung des Wassers zuständig (vergl. Gütter, 2004). Eng mit der Armutsproblematik ist auch der Menschenhandel von Frauen und Mädchen verbunden, wobei der Hauptteil des Menschenhandels auf sexuelle Dienstleistungen entfällt (vergl. Shelley, 2011, 39). Der Menschenhandel nahm infolge der Globalisierung und der Finanzkrise im Jahr 2008 zu (vergl. dies., 36). Ein leidsensibles empathisches Sehen zeigt hier zum Beispiel auf, dass (junge) Frauen, die über Jahre Opfer des Menschenhandels waren, Erfahrungen der Entmenschlichung machten und sich als Objekt betrachteten. Sie machen die Erfahrung von ihrer (Dorf-)Gemeinschaft oder Familie geächtet zu sein. Familien, die Angehörige an Menschenhändler verloren haben, sind traumatisiert. Frauen, die in den Menschenhandel eingebunden sind leiden gesundheitlich und haben psychische Probleme. Es wird verfrüht gestorben aufgrund von AIDS, Geschlechtskrankheiten, anderen Infektionskrankheiten, der Überdosis an Drogen und Suizid. Frauen im Menschenhandel sind mit Mord konfrontiert. Frauen, die Opfer von Menschenhandel waren und „nach Hause“ zurückkehren, sind psychisch so beschädigt, dass sie zu einer Last/Bürde für die heimatliche Gemeinschaft werden. Ohne Behandlungsprogramme für 5.2. Sehen 39 ihre Abhängigkeiten/Süchte werden die Opfer den Drogenmissbrauch weitertragen/verbreiten (vergl. dies., 39f.). Frauen im Menschenhandel mussten Torturen über sich ergehen lassen, damit ihr Willen gebrochen wurde (vergl. dies., 40)11. Über das empathische Wahrnehmen von Hilflosigkeit und Ohnmacht kann man zur Wahrnehmung von Behinderungen der vollen Entfaltungsmöglichkeiten vorstoßen, was wiederum der Pfad zum Anknüpfen an den Capability-(Befähigungs-)Ansatz von Amartya Sen und Martha Nussbaum eröffnet (vergl. Dabrock, 2012, 149–189; Mierzwa, 2018a, 46–50)12. Sozialethik hat es nicht mit unpersönlichen Umweltereignissen zu tun. In dem Feld der Sozialethik gibt es auch keine anonyme Evolution von gesellschaftlichen Zuständen. Es gibt vielmehr Akteure, die willentlich (vergl. Brinkmann [2014, S. 81] zu Apple) handeln – diese sind zu identifizieren. So wies etwa Bastian Brinkmann (2014) auf die massive Steuerhinterziehung namentlich genannter „Reicher“ wie z.B. Uli Hoeneß oder die „Tricks“ der Null-Steuer-Zahler wie z.B. James Mellon hin. Auch auf das „Steuersparen“ durch eine „kreative“ Unternehmenspolitik namentlich genannter Konzerne/Unternehmen wie z.B. 11 Ich danke Jon Redford für die kritische Begutachtung, ob die Rezeption des englischen Textes ins Deutsche gelungen ist. 12 Befähigungsgerechtigkeit wird auch vor dem Hintergrund des Orientierungspunktes „Menschenwürde“ durchdacht werden müssen, etwa wenn es gilt einen „Objektstatus“ von Menschen zu überwinden, auf eine „realistische Freiheit“ hinzusteuern oder eine „tiefe Anerkennungskultur“ aufzuwerten. Befähigung unter dem Konzept der Befähigungsgerechtigkeit wird nicht so sehr auf einen vermeintlichen Normalzustand von Menschen/Personen im jeweiligen kulturellen Zusammenhang gedacht. Befähigung wird hier auch nicht auf ein vermeintlich gutes Leben hin unter Rücksicht auf ein „natürliches“ Bild vom Menschen hingedacht. Befähigung wird hingegen darauf hin gedacht, dass es gerecht ist, dass zu unternehmen, was in differenter Weise, der Würde des jeweiligen Menschen gerecht wird. Befähigung kann daher bei Frauen und Männern und schwer behinderten Menschen ganz unterschiedliche Tätigkeiten und Maßnahmen nach sich ziehen. Befähigungsgerechtigkeit zielt daher zum Beispiel nicht nur darauf ab, Freiheitspotentiale zu erschließen, sondern auch Beziehungs- und Liebeserfahrungen zu ermöglichen. Und es müsste auch zum Beispiel auch auf die Fähigkeit zu spielen eingegangen werden, damit man der Menschenwürde gerecht werden würde. Und die Menschenwürde wird – und nicht nur in bestimmten indigen Kulturen – verletzt, d.h. man wird dem Ansatz der Befähigungsgerechtigkeit dahingehend nicht gerecht, wenn Beziehungserfahrungen mit Pflanzen und Tieren keine Chancen gegeben werden. 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 40 Apple oder Starbucks Coffee Deutschland ging er ein. Aber auch die Politik/der Staat (z.B. zu wenige Betriebsprüfer) trägt dazu bei, dass sich einige zum Betrug eingeladen fühlen. Dadurch tragen sie alle dazu bei, dass die Staaten in ihrer sozialstaatlichen und bildungspolitischen Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind. Die Firmen/Personen profitieren von der Infrastruktur der Staaten wie Feuerwehr, Ärzten usw., beteiligen sich aber nicht an den Kosten. Über die sozialen Folgen der Steuerflucht der Konzerne wird bei Aktionären kaum nachgedacht (vergl. z.B. Google [siehe S. 79f.]). Wenn wir mit Empathie uns jemanden zuwenden und ihn wahrnehmen, dann nehmen wir von ihm ein reicheres und vielgestaltigeres Innenleben wahr. Und das verändert unser Denken und Urteilen über ihn, sein Umfeld und seine soziale Situation. Wir gewinnen ein wirklicheres, lebendigeres und komplexes „Bild“ vom Mitmenschen (vergl. hier bei: D. Lama/Cutler, 2011/2013, 386). Indem wir eine realistischere Wahrnehmung vom Gegenüber gewinnen hat das Auswirkungen für die Art und Weise, wie wir daran gehen gesellschaftliche Probleme zu überwinden. Wir handeln dann weniger mit Vorurteilen, Stereotypen und klischeehaften Vorstellungen und wir kommen weniger dazu, infolge einer „sektoralen“ Sichtweise, nur zu technisch-pragmatischen Lösungen findet, sondern auch kulturelle Wandlungen ins Auge zu fassen. Die Phase des empathischen Sehens baut ein sehr starkes Gegengewicht gegenüber der Tendenz auf, in einen Top-Down-Ansatz bei der ethischen Herangehensweise zu verfallen, wo dann die Situation zu einem reinen Fall degradiert wird (vergl. hier bei: Dabrock, 2012, 20). Mit dem empathischen Sehen wird hinsichtlich des Urteilens vor-entschieden, dass bei der ethischen Urteilsbildung zunächst weniger stark auf die „Hintergrundtheorien“ reflektiert werden sollte, sondern auf das „zerfurchte Antlitz“, auf die „verwundeten Hände“, auf den „geschundenen Körper“, auf die „verödeten Böden und das vergiftete Wasser“ etc., um mit einer wirklich umfassenden Wirklichkeitsannahme hier zu handeln. Das empathische Sehen baut auch ein gehaltvolles Farbenspiel von der Menschenwürde als Fixpunkt wohlüberlegten ethischen Urteilens auf (vergl. Dabrock, 2012, 28ff.; Mierzwa, 2018b). Je weiter „unten“ bzw. je weiter „nah“ man beim empathischen Sehen beim Menschen und seiner (Lebens-)Lage ist, desto weniger „theore- 5.2. Sehen 41 tisch“ verformbar wird die Konzeption von Menschenwürde sein und dadurch das wohlüberlegte ethische Urteilen durch theoretische Hintergrundannahmen „korrumpierbar“ sein. Die sozio-kulturelle Diskussionslage von Grundsätzen/Prinzipien/Theorien der Gerechtigkeit wird dann praktisch immer wieder angefragt, ob sie auf evident empathisch gesehenes „nicht-gutes-Leben“, eine geschundene Menschenwürde, verletzte Menschenrechte Antworten findet, die auf eine hoffnungsvoll gute Zukunft zusteuern lassen. Zuhören13 Der Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“ ist zu erweitern um das Zuhören, z.B. um das Zuhören den Armen, „mit denen aber kaum jemand wirklich mehr spricht“ (Lilie, 2018, S. 25) bzw. denen man nicht wirklich mehr zuhört (vergl. ders., S. 29). Hier und auch bei anderen Personengruppen kommt dann das empathische Moment für die Sozialethik sehr stark zum Tragen, z.B. indem man dann die „Wut“ von Rollstuhlfahrern wahrnimmt, das genervt-Sein von Musliminnen über die Nachfrage nach dem Kopftuch-Tragen, die Müdigkeit von Polizistinnen, das Bangen um die Existenz bei Künstlerinnen usw. (vergl. ders., S. 31). Es gibt viel zu lernen, um ein besserer Zuhörer zu werden (vergl. ders., S. 36f.). Dazu muss man sich mit (eigenen) unbewussten Hörgewohnheiten und Höreinschränkungen, mit den inneren Vorurteilen, Bildern und Meinungen, die das eigene Zuhören beeinflussen, konfrontieren (vergl. ders., S. 37). Und man muss lernen, „dass es Zeit und Mühe braucht, den anderen zu verstehen“ (ders., S. 37). Aber letztendlich verschwindet das Moment der Mühe, wenn durch die Empathie das Zuhören in den „Flow“ hineingleitet (R.M.). Zuhören, das bedeutet ein Zuhören, ohne sich gleich selbst zum Thema zu machen. Eine zuhörende Haltung umfasst auch die Fähigkeit, befremdlichen Menschen freundlich zu zuhören. „Zuhören gelingt nicht immer, Zuhören kann gründlich misslingen“ (ders., S. 37). Damit das Zuhören letztend- 5.3. 13 Das Zuhören gehört, das macht feministische Forschung deutlich, nicht zur Sozialisation von „Mann-Sein“ (vergl. Chung, 2012, 195). 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 42 lich gelingt, muss man nah ran gehen (vergl. ders., S. 42) resp. Nähe wagen. „Zuhören setzt eine Haltung des Respektes voraus, die den anderen als anderen akzeptiert“ (ders., S. 37). Die Haltung des Respektes vor der Andersartigkeit des anderen ist so etwas wie die Basis eines gelingenden Zuhörens (s.a. ders., S. 41f.). Der Respekt ist notwendig, weil wir alle miteinander, Männer und Frauen, Hipster und Wohnungslose Menschen mit einer verletzbaren Würde sind (vergl. ders., S. 39). Empathisches Zuhören, das bedeutet sich auch auf diese Berichte aus derjenigen sozialen Wirklichkeit einzulassen, in der es brodelt, riecht und stinkt (vergl. ders., S. 41). Das Zuhören muss dabei so empathisch daher kommen, damit das Unerhörte ins Erzählen gebracht wird (vergl. ders., S. 43). Dazu braucht es manchmal des langen Atems. Und da kommen dann auch „schizophrene“ Regelungen unter Hartz- IV (vergl. ders., S. 45) oder der „Stolz“, wegen dem man nicht zum Amt geht (vergl. ders., 46) zum Vorschein. Empathisches Zuhören – das fördert „tapfere, verzagte, wütende Frauen und Männer“ aus politisch sehr stark aufgegebenen städtischen Stadtteilen zu Tage (vergl. ders., 48; s.a. S. 91–94). Empathisches Zuhören, d.h. auch in die Komplexität der Gesellschaft hinein zu hören (vergl. ders., S. 52) und mit extrem unterschiedlichen Menschen ins Gespräch kommen zu können und dabei anderen Positionen kennenlernen (vergl. ders., S. 53). Empathisches Zuhören macht es möglich „Wut und Enttäuschung über das Nichtgesehenwerden und die damit verbundene Entwertungserfahrung“ (ders., S. 62f.) bei Menschen aus verschiedenen Milieus, mit verschiedenen Lebensstilen usw. wahrzunehmen, um dann zu dem sozialethischen Problem vorzustoßen. Empathisches Zuhören, d.h. die Ängste „vor materiellen und ideellem Besitzstandsverlust“ (ders., S. 68) kennenzulernen, um dann zunächst einmal zu verstehen, weil die Enttäuschten von Sozialismus und Kapitalismus zur Alternative Nationalismus greifen (vergl. ders., S. 67; s.a. S. 76f.). Aber nicht nur Wut: „(…) viele sind einfach nur sehr, sehr müde geworden“ (ders., S. 73). Das Zuhören ist glaubhaft wenn bei der zuhörenden Person eine Verbindung zu einem Einsatz besteht, für erfahrbare soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Und das Zuhören ist glaubhaft, wenn man bereit ist, 5.3. Zuhören 43 „den Alltag und das Leben der ‚Abgehängten‘ zu teilen und ihnen mit der gebotenen Wertschätzung zu begegnen“ (ders., S. 104). Damit das Zuhören gelingt, ist es niedrigschwellig zu organisieren – in Stadtteilzentren, Bürgerinitiativen, Kirchengemeinden, anderen Einrichtungen und Vereinen (vergl. ders., S. 119) und bei runden Tischen (vergl. ders., S. 127). Dabei hört empathisches Zuhören mit der Vorannahme resp. dem Zweifel zu, ob von den Lautstarken die wirklich klugen Ratschläge und gerechten Visionen kommen. Im Gegenteil – von den Verstummten und Mundtotgemachten erhofft man sich perspektivische Einsichten und Gesellschaftsentwürfe (vergl. ders., S. 121). Dadurch, dass nicht empathisch zugehört wird, werden sozialethisch relevante Probleme in ihrer Tiefe schlicht nicht zur Kenntnis genommen (angeregt durch die Ausführungen auf Seite S. 124). Für Dietrich Bonhoeffer wurzelt die Fähigkeit zum Zuhören in geistlicher Achtsamkeit (vergl. hier das Zitat in: ders., auf Seite S. 160). Urteilen Der Urteilsprozess will den ethischen Menschen. Deswegen ist am Anfang von Überlegungen zum Urteilsprozess zunächst/zuerst zu entfalten, was den ethischen Menschen verunmöglicht, was egoistisches und unsolidarisches Verhalten befördert. Die Konkurrenzgesellschaft ist als Problem zu definieren und Auswege daraus aufzuzeigen (vergl. Hengsbach, 1995). Auch die Angstgesellschaft (z.B. Prekariat) ist als Problem zu definieren und hier ebenfalls Auswege daraus aufzuzeigen. Und nicht zuletzt muss man die Gewaltgesellschaft (vergl. Dietrich/Lienemann, 2004) wahrnehmen und als Hindernis für den ethischen Menschen erkennen lernen. Ethische Urteilsprozesse sind bei in der Konkurrenzsituation stehenden Menschen, bei von Angst besetzten Menschen (siehe das Problem des Rechtspopulismus) und bei zur Gewalt neigenden Menschen defizitär. Der Einstieg in die Ethik sind daher ethische Initiativen, die Erfahrungen mit der Kooperation und mit Vertrauensaufbau stiften, die Situationen schaffen, damit Angst sich reduziert (z.B. das System Hartz IV beseitigen) und die am Gewaltabbau zwischen den Geschlechtern, in den Familien und am Abbau von struktureller Gewalt arbeiten. 5.4. 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 44 Der Urteilsprozess ist nicht ein neutraler Vorgang von einer enthobenen „moralischen Perspektive“ aus, sondern er findet aus einer Betroffenheit heraus statt, die durch das Geschaute sich ergab. Die Betroffenheit, die den Urteilsprozess trägt „lenkt“/führt zu theologischethischen Grundwerten wie z.B. „Empowerment“ oder „Solidarität“. Deswegen steht am Anfang eines Urteilens der erste notwendige Schritt die Betroffenheit offenzulegen oder die Nicht-Betroffenheit sich einzugestehen bzw. das persönliche Hineinverwickelt-Sein mit einer ethischen Frage zu entfalten bzw. die Abseitigkeit der eigenen Lebenslage zu der jeweiligen Thematik zu problematisieren. Betroffenheit kann gefiltert, gebahnt sowie durch die Lebensumstände und Erfahrungen vorherbestimmt sein. Das ist offenzulegen. Was ich lese, welche Begegnungen ich habe, welche Erlebnisse mich prägen, welche Informationskanäle in Fernsehen und Internet ich nutze entscheidet darüber, welche Betroffenheit ausgelöst wird und in welcher emotionalen Verfassung ich in einen Urteilsprozess einsteige und entsprechend ethisch filtere, sortiere und gewichte. Mein ethisches Prüfen und Bewerten balanciert zugleich meinen emotionalen Zustand aus. Aus Angst oder Sorge werde ich anders ethische Bewertungen vornehmen, als wenn ich aus einem Grundvertrauen in Gott mich geborgen fühle oder aus einer Hoffnung heraus für ein Zukunftsprojekt begeistert bin. Und dann werden Wünsche, Süchte und Bindungen die Betroffenheit moderieren (vergl. hierzu bei: Tödt, 1977, S. 86). Diese haben eine gro- ße Macht über den Menschen und tragen dazu bei, wie tief und von welcher Qualität die Betroffenheit ist. Mit der „vorrangigen Option für die Armen“ wird darauf hingewiesen, dass der Urteilsprozess parteiisch sein kann und sein sollte. Ethische Orientierungen wie die der „Gerechtigkeit“ werden die ausgleichende und austeilende Gerechtigkeit dann soweit konkretisieren, wie dadurch radikal die Armut überwunden werden kann. Parteiisches Urteilen wird immer mit seinem Fragen die ethische Suchbewegung derart leiten, damit das ethische Argument eine zum Himmel schreiende Diskriminierung, eine zum Himmel schreiende strukturelle Gewalt oder eine zum Himmel schreiende Ungleichverteilung der Chancen und Partizipationsmöglichkeiten ethisch in den Griff bekommt, dahingehend, dass die Menschenrechte nicht mehr verletzt werden (vergl. Segbers, 2015, 2016). Das christliche Urteilen ist auch 5.4. Urteilen 45 dahingehend parteiisch, dass es nicht ethischen Urteilsprozessen folgt, die den größten Nutzen für die größte Zahl anstreben, sondern den Einzelfall gewürdigt wissen möchte (den Einzelfall würdigt z.B. Hartmann, 2012, 335.365). Im ethischen Urteil darf nicht der Einzelne mit seiner konkreten Not auf der Strecke bleiben. Christliches ethisches Urteilen sucht immer nach ethischen Antworten, damit nicht ein Mensch keine Antwort auf seine konkrete Lebenslage bekommt. Diesem Grundanliegen verdankt sich z.B. das Engagement des KDA in Bezug auf das Thema Mobbing. Bei dem Thema Mobbing wird von den Industriepfarrern und Sozialdiakonen sehr parteiisch sozialethisch reflektiert. Urteilsprozesse werden, wenn sie die Phasen des empathischen Sehens und Zuhörens weiterhin würdigen wollen, nicht mit „hinreichenden Distanzfiltern“ arbeiten und unter dem „Schleier des Nichtwissens“ auf reine Klugheitsüberlegungen abheben (vergl. hier bei Dabrock, 2012, 79), sondern sich immer wieder stören lassen von der Qual, dem Leiden, dem Seufzen, und dem Schmerz des Anderen, sie werden einen „Sensus“ für bleibende Ungerechtigkeiten wachhalten, trotz von noch so konsistent vorgetragenen Gerechtigkeitsurteilen. Empathie unter dem Urteilsprozess wach zu halten wird dazu führen kognitiven Verdrängungsprozessen (unter Verallgemeinerungsverfahren) gegenüber Einzelschicksalen gegenzusteuern, wird „kalte“ ethische Lösungen hinsichtlich des Leids von Frauen zum Beispiel weiterhin beim Namen nennen und wird sich ethischen Abkürzungsstrategien verwehren, wodurch die Ränder der Gesellschaft nicht mitgenommen werden. Ethisches Urteilen soll von einer Vorstellung des „guten Lebens“ geleitet sein und diese Vorstellung konkretisieren und offenlegen. Ein wichtiges Element einer Vorstellung vom „guten Leben“ sollte der Aspekt der Kulturverträglichkeit sein, wozu vor allem der Respekt vor Gemeingütern/Commons zählt (vergl. Forschungsgruppe Ethisch- Ökologisches Rating, 2016, S. 62f.). Aber dazu gehört auch, dass mit ethischen Entscheidungen niemand unfähig gemacht wird – Frage: „Werden lokale handwerkliche bzw. bäuerliche Fähigkeiten verdrängt (…)?“ (dies., S. 55). Die Diskussion über die Vorstellung von einem „guten Leben“ muss geführt werden, sonst sind z.B. Gerechtigkeitsvorstellungen relativ blutleer und auch wenn sehr stark voneinander ab- 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 46 weichende Meinungen wegen dem subjektiven Faktor hierbei zu erwarten sind. Darüber, was ein „gutes Leben“ ist kann man sich schon minimal verständigen (vergl. Nussbaum, 1999). Und über den Austausch von Erfahrungen verschiedener Kulturen kann man neue Aspekte für ein „gutes Leben“ entdecken/entbergen. Und die Erfahrungen aus Gesprächen mit Langzeitarmen oder in der Unterwürfigkeit lebenden Frauen zeigen, dass Vorstellungen über ein „gutes Leben“ manchmal erst gar nicht vorstellbar sind. So wird ein ethisches Urteilen auch davon begleitet sein müssen, dass eine Versprachlichung von Vorstellungen „guten Lebens“ manchmal erst eingeübt/erprobt werden muss. Es gibt das Gewissenurteil (vergl. hier bei Tödt, 1988, S. 36). Das Gewissen ist ein unaufgebbarer Ort des Urteilens, wo das Urteil zunächst sehr intuitiv daher kommt. Im Dialog kann dann das Gewissen eine ethische Argumentation leiten und führen und ausrichten, die das Gewissensurteil nachträglich plausibel bzw. für Nachfragende einsichtig macht. Handeln Mittels eines empathischen Sehens usw. zum Handeln zu finden stellt gewissermaßen eine Antithese gegen das Paradigma der Systemtheorie auf, wonach es bei den autonom agierenden Funktionssystemen keinen Raum für ethische Korrekturen, Interventionen und Neujustierungen gibt (vergl. hier bei: Dabrock, 2012, 37ff.). Das kann man nur behaupten, wenn man das empathische Moment beim ethischen Sehen, Zuhören, Urteilen und Handeln ausgeblendet hat. Die empathische Dimension schafft erst die ethische Zugriffsmöglichkeit auf die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft, auf das ökonomische Teilsystem oder auf politische Machtstrukturen. Das zeigt sich zum Beispiel daran, wenn empathisch aufgeladene (besorgte) Aktivitäten/ökologische Protestkommunikation von einer Umwelt-NGO ein Pharmaunternehmen zu höheren Sicherheitsstandards drängen/zwingen (vergl. ders., 36). Das ist nur als möglich zu erachten, wenn man Empathie nicht mit Luhmann in den Zuständigkeitsbereich der individuellen Lebensführung zurückverweisen lässt, sondern auch die Möglichkeit sieht, empa- 5.5. 5.5. Handeln 47 thisch gehaltvolle rechtlich formulierte verbindliche Handlungsvorgaben zu entwickeln. Mit Empathie zum Handeln gefunden zu haben, das bedeutet einen Weg zum Leben zu finden, wo kein Weg war. Aus der Empathie heraus entstanden Pfade gelebter Barmherzigkeit und Solidarität, wo noch keine Pfade erkennbar und auch noch nicht abgesteckt waren. Die Empathie bewegt zum Handeln, sie ist wie lebendiges Wasser. Mit der Empathie können wir uns in Beziehungen hineinbegeben, wo dann kooperatives Handeln in Netzwerken möglich wird. Über die Empathie gewinnen wir die Hoffnung und den Lebensmut, sich auf ein interaktives Realisieren von dem einzulassen, was mit solidarischen und gerechten Handlungen verbunden ist. Mit der Empathie kann man in den zwischenmenschlichen Relationen das realisieren, verkörpern und ausüben, was dazu gehört, damit eine gut geordnete Gesellschaft in Gerechtigkeit und Fürsorge sich entwickelt. Auf Empathie zu vertrauen, ist eine wesentliche Voraussetzung, damit wir unsere relationale Realität durch unser Handeln mit einer Kultur der Liebe tränken können. Durch Empathie verwandeln wir uns so und werden so zu „Neuen“, damit zuvor unvorstellbare Handlungsmöglichkeiten denkbar und planbar werden. Empathie ist gelebt und wird nicht behauptet und so entstehen die Schritte, die man beim Handeln einschlägt. Empathie bahnt sich einen Weg im Chaos des Dschungels menschlicher Ambivalenzen und Widersprüche und öffnet dort Wege für das Handeln, wo sie vorher nicht vorstellbar waren, auch weil das Fundament für eine Zusammenarbeit gelegt wird. Weil wir nur über Empathie ehrlich unsere Schwäche und Verletzlichkeit annehmen, ist Empathie eine Quelle zur Ermächtigung für kooperatives Handeln, zu grenzenloser Interaktivität der Menschen untereinander. Empathie entlockt dem Menschen in Hoffnungslosigkeit kleine Schritte in die Zukunft und stellt damit wieder Handlungsfähigkeit her. Empathie öffnet Räume des Werdens, weil sie Isolation überwindet und zur Leidenschaft für den Nächsten beiträgt. Bei den Handlungsalternativen gibt es kaum eine eindeutige Wahl zwischen eindeutig gut und eindeutig unguten Handlungen (vergl. 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 48 Tödt, 1988, 32)14. Man wird sich daher zwischen Handlungen entscheiden, die am ehesten zu verantworten sind (vor den überschaubaren und nachvollziehbaren Folgen/Konsequenzen) bzw. wo potentielle Schuld nicht extrem drückend ist und das Wagnis des Irrtums durch eine gründliche Problemanalyse stark herabgesetzt ist. Wegen komplexen, arbeitsteiligen Handlungsabläufen kann es während dem Ablauf einer komplexen Handlung zu Verwerfungen hinsichtlich der Handlungsintention kommen. Deswegen ist zu beachten, dass bei den Handlungsinitiativen in bestimmten Intervallen immer nachjustiert wird. Handlungsempfehlungen müssen daher immer wieder mit Kurskorrekturen, Neuanfängen oder dem Stoppen von Handlungsdynamiken rechnen. Das kann nur mit Langmut gut ausgehalten werden. In der Denkschrift „Gerechte Teilhabe“ (EKD, 2006) 14 Das zeigt sich bei der Mikrokredit-Praxis. K. Hartmann (2012) wirft einen kritischen Blick auf die Mikrokredit-Praxis in Bangladesch und anderswo. Nitza Berkovitch und Adriana Kemp (2011) haben hingegen einen nicht so kritischen Blick auf die Praxis in Bangladesch. Sie würdigen ohne geringsten Zweifel die globale Mikrokredit-Bewegung als innovative Praxis zum Empowerment der sehr armen Frauen, als nachhaltigen Beitrag zur Reduktion von Armut, als Beitrag zur Förderung weiblichen Unternehmertums und als „Graswurzelbewegung“, die in der etablierten Kreditwirtschaft Anerkennung gefunden hat. Anscheinend sind Mikrokreditprogramme für Frauen in anderen Entwicklungsländern vielversprechender verlaufen als in Bangladesch aus Sicht von K. Hartmann (vergl. Berkovitch/Kemp, 2011, 162–165). Es scheint wohl von Bedeutung zu sein, ob die Mikrokredit-Praxis unter dem Dach von Nichtregierungsorganisationen angesiedelt ist und bleibt und nicht Teil der Markt-Ökonomie wird. Aber es wird auch gesehen, dass die NGO’s, die Mikrokredite vergeben, zunehmend von den Prinzipien der Marktökonomie angesteckt werden. Weil Frauen Ernährerinnen für die Familien sind und eine höhere Verantwortung für die Familie haben, sind sie anscheinend die besseren Kreditnehmer für Mikrokredite (vergl. dies. 173f.). Mit Blick auf kritische Bemerkungen bei Kathrin Hartmann zu Suiziden sind die Ausführungen von Abijit V. Banerjee und von Esther Duflo (2011/2015) erwähnenswert, die eher die Argumente abwehren, wo man einen Zusammenhang herstellen will zwischen dem Suizid von Bauern in Indien und der Praxis der Mikrofinanzinstitute mit ihren Mikrokrediten (vergl. S. 223 und 234). Gleichzeitig formulieren die Autoren*innen vorsichtig, dass das Empowerment von Frauen über Mikrokredite in Indien nicht so beachtlich ist, wenn man genauer hinschaut (vergl. S. 226). Aber Mikrokredite, wie die z.B. vom Mikrofinanzinstitut „Spandana“ in Indien, müssen geholfen haben, sonst würden die Leute in großer Zahl nicht wiederkommen (Danke an Jon Redford, der die Rezeption der Aussagen des englischen Textes in den deutschen Ausführungen kritisch überprüfte und verbesserte). 5.5. Handeln 49 wird nicht so sehr sichtbar, dass bei manchen Handlungsempfehlungen ein langer Atem erforderlich ist. Konkrete Solidaritätspraxis ist, wenn sie als Parteinahme für die die Opfer betrieben wird, dann auch manchmal Parteinahme gegen die (Mit-)Täterinnen und (Mit-)Täter. „Wer daher solidarisch handeln will, muss bereit sein, sich auf Konflikte einzulassen und die damit einhergehenden Risiken zu tragen“ (Prüller-Jagenteufel, 2005, S. 206). Natürlich bedeutet das sich Einlassen auf Konflikte, dass man nicht automatisch zur Gewalt greift. Gewaltfreier Konfliktaustrag hat Priorität. Hinsichtlich der gewählten Mittel, um eine Reformbewegung in Schwung zu versetzen, gibt es manchmal Kontroversen. Um z.B. die Öffentlichkeit zu mobilisieren kann auf öffentliche Werbung gesetzt werden, auf das Initiieren eines öffentlichen Diskurses durch Publikationen und öffentliche Stellungnahmen zurückgegriffen werden, auch an einem glaubwürdigen Image durch einen integren Lebensstil von Repräsentanten der jeweiligen sozialen Bewegung kann gearbeitet werden oder auf die Mund-zu-Mund-Propaganda durch Vertrauenspersonen kann gesetzt werden. Man kann natürlich auf alle diese Elemente gleichzeitig setzen. Es ist aber bei Initiativen wie Attac darauf zu achten, dass manche Mittel nicht zu sehr aufgebläht werden, damit man nicht zur Publicity-Bewegung verkommt und als Reformbewegung vergessen wird. Der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE), in der Weise wie er von mir eingebracht wurde (vergl. Mierzwa, 2018a), ist eine empathische Antwort auf eine sichtbare Existenzangst unter Hartz IV-Empfängern und ist darüber hinaus eine gute Antwort auf das Phänomen, das unter, Angst, Stress und dem „Überlebensmodus“ die Empathie in der Gesellschaft leidet (vergl. M. Strasser, 2013, 312). Indem ein BGE direkt und indirekt zum Zeitwohlstand/zur Zeitautonomie beiträgt, wird positiv auf eine „Ressource“ Einfluss genommen, die für eine empathische Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Wir haben hier ein solidarisches Handlungsdefizit, denn man kann die soziale Isolation und soziale Ausgrenzung von Hartz IV-Beziehern*innen durchaus als Verweigerung von Empathie deuten. Insofern in Bezug auf Hartz IV-Bezieher*innen sich zum Teil wenig solidarisierende Potentiale in der Gesellschaft finden, ist von einem Mangel an Empathie auszugehen (vergl. M. Strasser, 2013, 320). Es scheint allerdings 5. Empathie beim erweiterten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln 50 seit kurzem bei den Sozialdemokraten eine empathische Wende hinsichtlich der Problemstellung Hartz IV erkennbar zu sein (vergl. das Interview mit Michael Müller, Bürgermeister von Berlin in: SZ 8.2.2019, S. 5 und den Bericht zum Plan der SPD zum Umbau des Sozialstaates in: SZ 9./10.2.2019, S. 6). 5.5. Handeln 51 Ethische Begriffe – empathisch gelesen Einige Vorbemerkungen zum empathischen ethischen Begriffsgebrauch Ein empathischer ethischer Begriffsgebrauch liegt vor, wenn – eine Bedürfniskommunikation stattfindet, zum Beispiel beim Reden von Gerechtigkeit oder Menschenrechten; – die Verletzlichkeit des Menschen angesprochen wird, beim Reden von Solidarität und Gerechtigkeit; – die kulturelle Identität beachtet wird, beim Reden von Nachhaltigkeit, von Geschlechtergerechtigkeit, von Demokratie usw.; – das seelische Erleben von struktureller Gewalt, von mangelnder Solidarität, von Ungerechtigkeit etc. angesprochen wird – wenn z.B. das Leiden, Traumatisierung, Angst, Einsamkeit thematisiert werden; – die psychosomatische Seite/Ausdrucksform der Folgen von Neoliberalismus, von der Digitalisierung, von der strukturellen Gewalt, von Fortschrittsdenken dargestellt werden; – ein Gespür für die Sensibilität des Menschen in den geschriebenen Sätzen über Kooperation/fehlende Kooperation, Solidarität/Exklusion/fehlender Zusammenhalt (vergl. Lilie, 2018), Sanftmut/ Gewalthaltigkeit des Handelns usw. besteht und sichtbar gemacht wird; – auf das affektive/emotive Moment im menschlichen Verhalten zurückgegriffen wird, um die ethische Frage zu formulieren – den Schrei der Armen, die Wut der Benachteiligten, die Empörung in der Zivilgesellschaft; – auch das stille Moment beim ethischen Problem gesehen und thematisiert wird – das Verstummen der durch Gewalterfahrungen geprägten Frauen, das in-sich-Verkriechen der sich schämenden Hartz-IV-Empfänger, das Verschwinden der Kinder armer Famili- 6. 6.1. 53 en vor dem Fernseher/in den Wohnungen, die stummen Toten – sei es als Verhungerte, als an Krankheit gestorbene, als im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge usw.; – eine phänomenologische Achtsamkeit für die Sichtbarkeit von Armut (abgetretene Schuhe), des Prekariats (erschöpfter Blick), von Gewalterfahrungen (verzweifelte Fluchtanstrengungen über das Mittelmeer) besteht; – sich die Tendenz auflöst die „Armen“ und „Leidenden“ und „Verletzbaren“ immer noch mehr als Objekte im notwendigen mit-leidenden und barmherzigen Handeln zu betrachten15. Barmherzigkeit Dieter Puhl (2018) lebt Barmherzigkeit und Mitgefühl aus einer empathischen Sensibilität heraus (vergl. S. 112), tritt für eine empathische Sensibilität gegenüber den „Klienten/Gästen“ ein – z.B. bei Menschen in einer Psychose (vergl. S. 49) und sieht respektvoll empathisch getragenes Engagement bei Menschen aus Statusgruppen – z.B. bei Polizisten (vergl. S. 45). In seinem Mitgefühl geht er sehr respektvoll mit schwierigen Lebenssituationen um; so verdeutlichte er, dass man Menschen in einer Psychose mit viel Vorsicht und Liebe begegnen muss (vergl. S. 49). Das Mitgefühl, die Barmherzigkeit, die er anstiftet, soll nicht nur Not lindern, das wäre nur Caritas, sondern soll zum Miteinander anstiften (siehe zum Stichwort auf S. 52). Er sieht aber auch kritisch, dass Barmherzigkeit von z.B. Botschaften ausgenutzt wird (vergl. S. 54). Mitgefühl und Barmherzigkeit, dazu gehört auch richtig hinzuschauen, bei Herausforderungen am Ball zu bleiben, Biss zu haben, sich in den Sachverhalt festbeißen, Durchsetzungsfähigkeit zu haben und manchmal bereit sein, an Grenzen zu gehen (vergl. S. 63–66). Dazu gehört auch Lösungen zu finden, damit Menschen nicht alle fünf Minuten mit anderen Menschen zu tun haben müssen (vergl. S. 74). Er sieht, dass Barmherzigkeit systemisch zu organisieren, zum Beispiel durch die Bahnhofsmission, dazu beiträgt gesellschaftlichen Missstand 6.2. 15 Dieses Potential der empathischen Herangehensweise an Barmherzigkeit sieht Jürgen Moltmann nicht (vergl. ders. 2018). 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 54 und Sprengstoff ein Stück weit gesellschaftlich zu glätten (vergl. S. 78) – zum Beispiel bei der Obdachlosenproblematik. Aber er sieht auch, dass die Bahnhofsmission mit ihrer Moderatorenfunktion dazu beitragen kann, dass die Gesellschaft eher dahinkommt „konzentrierter zu helfen“ (vergl. S. 80). Niedrigschwellige Angebote des Mitgefühls und der Barmherzigkeit wie ein Duschangebot für Obdachlose kann der Einstieg in eine große Herausforderung sein, wenn sich dabei herausstellt, dass eine Frau in der vergangenen Nacht vergewaltigt wurde (vergl. S. 114). Damit Barmherzigkeit richtig ihre Wirkung entfalten kann, muss manchmal viel Anlauf genommen werden, um Vertrauen aufzubauen, damit auch die Tat der Nächstenliebe richtig greifen kann. Das zeigte sich bei den Einzelfallhelfern/-innen (vergl. S. 103f.). Der Umgang von staatlichen Stellen mit dem Kirchenasyl ist rauer geworden. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass es zu Hausdurchsuchungen bei Pfarrer*innen kam, die im Kirchenasyl engagiert waren. Auch die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge durchgeführten Anhörungen hinsichtlich der Gewährung von Asyl verlaufen häufig mit geringem Respekt. Hier leisten engagierte Personen, wenn sie als Begleiter/als Beistand bei den Anhörungsverfahren dabei sind, einen wesentlich Beitrag dazu, dass respektvoll mit den Flüchtlingen umgegangen wird und im Verfahren empathisch auf sie hingehört wird. Die Empathie von engagierten Personen für die Flüchtlinge trug auch dazu bei, dass eine Traumatisierung von Flüchtlingen durch den Umgang von deutschen Behörden mit den Flüchtlingen ärztlich attestiert wurde und diese Flüchtlinge nun einen bleibenden Aufenthaltsstatus haben. Eine im Kirchenasyl engagierte Person, die in der eigenen Dissertation sich viel mit Gestapo-Protokollen beschäftigte, sieht nicht nur eine fehlende Empathie in den Stellungnahmen des Bundesamtes für Migration zum abgelehnten Asylantrag, sondern eine fatale sprachliche Annäherung der Stellungnahmen an die ehemaligen Gestapo-Protokolle. So zeigte sich die Person aufgrund ihrer Empathie für traumatisierte Flüchtlinge, die auch in Dissoziationen hineinrutschen, entsetzt darüber, dass, jetzt sinngemäß, in diesen Stellungnahmen des Bundesamtes für Migration z.B. eine Vergewaltigung einer Frau oder ein zufälliger Bombentreffer auf das eigene Haus ein Kollateralschaden der Kriegsverhältnisse seien, aber kein persönlicher Asylgrund. Oder es wird der Gefängnisaufenthalt als Problem eines allge- 6.2. Barmherzigkeit 55 mein autoritären und repressiven Staates deklariert, aber nicht als persönlicher Asylgrund betrachtet. Aus Empathie durch das hautnahe Erleben der traumatisierten Flüchtlinge sind auch die Engagierten im Kirchenasyl zu einem starken advokatorischen Engagement bereit, wenn es um die oft schlampigen und fehlerhaften Bescheide des Bundesamtes für Migration geht (aus dem Interview mit N.N.; siehe aber auch Poggenklaß [2019, 5f.] mit empathischen Hintergrundinformationen zum Kirchenasyl). Solidarität16 Duchrow u.a. (2006) erläutern, welche psychischen Zerstörungen der Neoliberalismus bei den Menschen anrichtet und warum infolgedessen solidarisches Handeln so schwer aufkommt. Dabei machen sie deutlich, dass die psychischen Zerstörungen bei einer durch den Neoliberalismus gespaltenen Gesellschaft in den jeweiligen Gruppen und Klassen verschieden sind, so dass auch die Blockaden zum solidarischen Handeln verschiedenartig aussehen. Auf der Seite der Verlierer sind Traumatisierungserfahrungen aufgrund existenzgefährdender materieller Zerstörungen durch Ausbeutung und soziale Ausgrenzung festzustellen (vergl. dies., S. 55ff.). Auch sind sie durch die Bindung an das Deutungsschema der Täter und deren falschen Beschuldigungen einer doppelten Viktimisierung ausgesetzt (vergl. dies., S. 62, 115), was lähmt, weil sie sich die Schuld an der Traumaerfahrung geben und dabei depressiv werden. „Die Gewinner (Hervorhebung herausgenommen R.M.) sind gekennzeichnet durch einen pathologischen Narzissmus, der sie als Sucht antreibt – freilich nicht als rein persönliches Problem, sondern in Wechselwirkung mit dem System selbst, das von Gier angetrieben wird“ (dies., S. 17; s.a. 143ff., besonders 149ff.). Infolgedessen kultivieren sie eine soziopolitische Apartheid, haben sie eine Tendenz zur Dehumanisierung der anderen sowie zur rücksichtslosen Machtausübung und haben das Bedürfnis Macht zu sichern durch beständige Machterweiterung (vergl. dies., S. 149–155). Auch sind „Spal- 6.3. 16 Hier greife ich Ausführungen aus Mierzwa (2017, 233ff.) auf, die überarbeitet und ergänzt wurden. 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 56 tungen“ bei Tätern festzustellen zwischen einem „Töter-/Vernichter- Selbst“ und „Normal-Selbst“ bzw. zwischen einem „Traumatisierer- Selbst“ und „Normal-Selbst“ (vergl. angeregt durch die Ausführungen auf S. 64). Das verhindert konstruktiv aggressiv-entsolidarisierende Mentalitäten und Handlungsstrukturen aufzuarbeiten (vergl. dies., S. 107). Massenhafter Tod, u.a. durch Verhungern, der Gesichter hat (vergl. dies., S. 26), wird aufgrund der psychischen Probleme nicht so richtig zur Kenntnis genommen, so dass es nicht zum solidarischen Menschen kommt. Hinzu kommt, dass eine Todesmystik (vergl. dies., S. 33) – z.B. beim zynischen Kapitalismus – dazu führt, dass die Menschen zum Teil immunisiert werden gegen zu viel Tod infolge des herrschen Wirtschaftssystems. Aber auch die Kultivierung eines brutalisierten Kampfes aller gegen alle im neoliberalen Kapitalismus, fragmentiert die Gesellschaften und treibt die Menschen in die Entsolidarisierung; die Menschen werden in einem Menschsein in Würde zerstört (vergl. dies., S. 50). Als Ausweg aus dieser die Solidarität destabilisierenden Phänomenen und Elementen des neoliberalen Kapitalismus weisen Duchrow u.a. (vergl. (2006, 397) auf Initiativen von unten für mehr Solidarität hin. Diese Initiativen können die egoistischen Wachstumszellen des Kapitalismus aushungern und gleichzeitig dem Leben Nahrung geben. Am Anfang der Strategie des Aushungerns ist ein Gegengewicht gegen die Mythenbildung des Neoliberalismus aufzubauen. Kleine Gemeinschaften, das Zeugnis Einzelner müssen eine Entmythologisierung der neoliberalen Ideologie betreiben. Vor allem gilt es den Kern der Mythen offenzulegen, dass diese nämlich Legitimationsinstrumente für Kapitalakkumulation und Herrschaft sind (vergl. dies., 401). Dadurch gewinnt man Energie für eine „andere Welt“ und man kann wieder aufrecht gehen. Mythen zu entlarven hat nicht nur eine argumentative Ebene, sondern auch eine praktische Seite, z.B. dann, wenn man das Geld nicht mehr für sich arbeiten lässt und die Banken so in ihrer Renditepraxis unterläuft. Solidarische Praxis, die das kapitalistische System aushungert hört nicht bei der Entmythologisierung auf, sondern man muss auch ein klares Nein durch Verweigerung und Widerstand leben. Auf drei Aspekte, die Duchrow u.a. (2006, 402f.) erwähnen, möchte ich hinweisen: a) „Wer Nein sagt und seine Ersparnisse weiterhin über die großen Geschäftsbanken auf Kosten der Arbeit anderer vermehren lässt, ist nicht glaubwürdig. Die 6.3. Solidarität 57 Verweigerung der Geschäftsbeziehungen mit Hauptakteuren des neoliberalen Kapitalismus hungert das Krebswachstum an zentraler Stelle aus“ (dies., 402f.; Herv. i. Orig.). b) „Verweigerung des Kaufs und Konsums von Billigwaren, die z.T. unter unerträglichen Arbeits- und Lebensbedingungen in den Sweatshops Asiens und an anderen Orten hergestellt werden“ (dies., S. 403). c) „Boykott von Konzernen, (…) ist ein weiteres wichtiges Element der Verweigerung und des Widerstandes“ (dies., S. 403; Herv. i. Orig.). Diese Strategien des Aushungerns „von unten“ sind durch Strategien, ebenfalls von unten, zu ergänzen, die „dem Leben Nahrung geben“. Dazu zwei Beispiele aus den Ausführungen von Duchrow u.a.: a) „Nicht-kapitalistischer Umgang mit Geld und Tausch. Die bekanntesten Formen sind die Tauschringe (Local Exchange and Trading Systems/LETS) und lokal-regionales Geld“ (dies., S. 404; Herv. i. Orig.). b) „Örtliche Produktion und Vermarktung von Grundnahrungsmitteln“ (Duchrow u.a., 2006, S. 406; Herv. i. Orig.). Bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln sind die Wochenmärkte zu berücksichtigen. c) Netzwerke der Solidarität von unten sind zu etablieren. Das ist aber nicht alles, was gemacht werden muss. Dazu treten müssen die Kämpfe um würdige Arbeit für alle, um eine gerechte Verteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern, der Kampf für öffentliche Güter und Dienste der Grundversorgung (z.B. Wasser), der Kampf um Steuergerechtigkeit (Modell der Besteuerung der Wertschöpfung und nicht der Arbeit), der Kampf für einen gerechten Handel (z.B. die Abschaffung der Patentierung von Saatgut und von Medikamenten) usw. In diesen Kämpfen müssen soziale Bewegungen, Gewerkschaften, Kirchen mit ihren Gemeinden und Glaubensgemeinschaften solidarisch zusammenfinden. Sie müssen aber auch ein demokratisches Bündnis schließen und ein Gegengewicht zum bürgerlichen Rechtsstaat aufbauen, insofern dieser sich in der vorwiegenden Funktion sieht, Eigentum und Verträge unter Eigentümern zu schützen. Alle zusammen müssen sich aber auch als Refugium für die Humanisierung des Menschen verstehen, damit nicht einfach nur Machteliten ausgetauscht werden (vergl. Duchrow u.a., 2006, S. 413). Schließlich gilt es Hoffnungsgeschichten zu erzählen und zu sammeln, „die zeigen, wie Männer und Frauen aus Verlierern, Gewinnern, Mittelklasse und Solidarischen solidarisch Mensch werden und bleiben“ (dies., S. 414). Letztlich ist an Kontrastgesellschaften zu arbeiten, „die das gesell- 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 58 schaftliche Unrecht nicht wiederholen“ (L. Schottroff in: Duchrow u.a., 2006, S. 420) und den Bedeutungsdimensionen der Solidarität in ihren Strukturen durch Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Geschwisterlichkeit Raum geben. Das wird daran deutlich, dass eine gegenseitige materielle Versorgung gewährleistet wird, die Armen nicht hungern müssen, die Frauen eine Gleichstellung erfahren, das Gemeindeleben öffentlich ist und ein öffentlicher Streit um die Gestalt der Kirche zugelassen wird (vergl. nochmal L. Schottroff in: dies.). Die Kontrastgesellschaft ist darüber hinaus gekennzeichnet, dass weder Habsucht noch Gier herrschen, geteilt und gedient (Abschaffung von Herrschaftstendenzen) wird, umverteilt wird, damit alle genug zum Leben haben, auf Eigentum (freiwillig) verzichtet wird, keine Vergötzung des Geldes stattfindet und ein Vertrauen auf die göttliche Fürsorge besteht (vergl. dies., S. 423–430). Diese Kontrastgesellschaften können durch das lebendige Zeugnis und durch die Freude, die sie bestimmen, wiederum langsam die Gesellschaft durchsäuern. Gerechtigkeit Kathrin Hartmann (2015) tritt für eine ökologische und soziale Gerechtigkeit aus einer empathischen Perspektive heraus auf das Leid der Menschen ein17. Sie ist von einem Gerechtigkeitssinn geleitet, der nicht willkürlich ist, sondern intuitiv sich an dem Konzept/Prinzip der Befä- 6.4. 17 Die Palmölsklaven in den Palmölplantagen leiden unsichtbar und leise. Ihr Elend ist tief in den Plantagen verborgen (vergl. Hartmann, 2015, S. 91) – z.B. die Sprüherinnen, die Pestizide auf den Plantagen ausbringen. „Das Gift tötet Unkraut, das an den Palmenstämmen wuchert. Anschließend rupfen die Frauen die verseuchten Pflanzenreste aus. Herwin sagt, hier würde mit Paraquat gearbeitet. Aber die Frauen wissen nicht, welches Gift sie verwenden. Nur dass sie bis zu zwölf Mal pro Tag die Kanister neu auffüllen müssen, die sie auf dem Rücken tragen. Sehr zögerlich antworten sie auf unsere Fragen. ‚Wir haben oft Ausschlag und Atembeschwerden‘, sagt eine, die ihren Namen nicht nennen mag. ‚Aber wir wissen nicht, ob das wirklich vom Gift kommt‘, ergänzt eine andere. Bekommen sie Schutzkleidung von der Firma? Eine Frau geht in die Hütte und holt ein schwarzes Stück Stoff mit Gummiband, das aussieht wie eine Schlafbrille. Sie legt es sich um Mund und Nase. ‚Wir kriegen einmal im Jahr so eine Maske von der Firma‘, sagt sie. ‚Wenn sie kaputtgeht oder wir sie verlieren, dann müssen wir uns selbst eine neue kaufen‘“ (dies., 95f.). „Wenn Palmölarbeiter auf der untersten Stufe der Wertschöpfungshierarchie ste- 6.4. Gerechtigkeit 59 higungsgerechtigkeit orientiert. Dieser Gerechtigkeitssinn ist geleitet und sensibilisiert durch Empathie, hat aber auch Verstand und Phantasie, zeigt sich in einer Unbefangenheit des Analysierens, hat Weitblick und ist empathisch für die konkreten Anliegen und Verhältnisse der Anderen (vergl. hier Rawls in: Dabrock, 2012, 89). Aus dem empathischen sich Beziehen auf den Nächsten wird Kathrin Hartmann in ihren Überlegungen unmittelbar überführt in die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen Gerechtem und Ungerechtem. In ihrem Ungerechtigkeitssinn findet sie zu Gerechtigkeitsfragen. Es gibt nur eine geringe Sphäre des Noch-nicht-Verstehens von möglicher Gerechtigkeit und bestehender Ungerechtigkeit. So kommt sie zum Beispiel kaum dahin, ihre „Gerechtigkeitsfigur“ in der Logik des Rechts wirken zu lassen. Aber ihre Beschreibung von Ungerechtigkeiten und Gerechtigkeiten, von notwendigem Befähigen und zum guten Leben dazugehörenden „capabilities“ zeigt, dass sie Martha Nussbaums Ausführungen wohl im Wesentlichen teilt, welche ja, wenn man sie eingehender studiert, von tiefer Empathie getragen sind (vergl. das ausführliche Zitieren in Dabrock, 2012, 166–168 auf der Basis von Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit, 2010, 112–114). Nach Kathrin Hartmann ist „eine hen, dann sitzen Arbeiterinnen im Keller. Ihre Arbeit beginnt morgens um vier und endet spätnachts. Sie haben drei Fulltime-Jobs: Sprüherin, Erntehelferin und Hausfrau. Bis zu 90 Liter Gift bringen die Frauen täglich auf den Plantagen aus. Der Umgang mit Pestiziden führt zu Hautkrankheiten und Vergiftungen, in manchen Fällen sogar zur Erblindung. Weil die Frauen keinen Anspruch auf Mutterschaftsurlaub oder gar Mutterschutz haben, arbeiten sie oft bis zur Geburt. Fehlgeburten und Missbildungen können die Folge sein. (Absatz herausgenommen R.M.) Das Gift tötet fast alles, was auf den Plantagen kreucht und fleucht. Nur Mäuse und Ratten überleben – was wiederum Kobras anlockt. Schlangenbisse sind auf Palmölplantagen keine Seltenheit. Ganz zu schweigen von Hunger und Mangelernährung, unter denen die Menschen leiden, weil sie sich trotz harter und gefährlicher Arbeit nicht genug Essen leisten können. (…)“ (dies., S. 97) „Die Frauen, die ihren Männer(n korrigiert R.M.) (bei der Ernte der Palmölfrüchte R.M.) zu Hilfe kommen, haben zu diesem Zeitpunkt ihre schwere Tagesarbeit bereits geleistet. Nachdem sie stundenlang mit Kanistern auf dem Rücken giftige Pestizide versprüht und die Palmenstämme von Unkraut befreit haben, müssen sie jetzt die schweren Früchte herumwuchten, die ihre Männer von den Bäumen schneiden. Die harte körperliche Arbeit ruiniert die Gesundheit der Frauen. Sandhi (…) erzählt (…), dass die meisten früher oder später an Gebärmuttervorfall leiden – und zwar an der extremen Variante, bei der sich der Uterus durch den Geburtskanal drückt und buchstäblich aus der Vagina herausfällt“ (dies., S. 108). 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 60 selbstbestimmte kleinbäuerliche Landwirtschaft, regional, ökologisch, ohne Monokulturen, gigantische Aquakulturen, Plantagen für Futterpflanzen und ‚nachwachsende Rohstoffe‘ für den Export (…)“ (in einem Interview auf den NachDenkSeiten vom 29. Okt. 2015; s.a. Hartmann, 2015, S. 270) sozial und ökologisch gerecht. Deswegen ist in ihren Augen ein Bestandteil der ökologischen und sozialen Gerechtigkeit die Ernährungssouveränität, die beinhaltet „das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, die nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt ist“. Der Mensch wird hier ins Zentrum des Erzeugens, Verteilens und Konsumierens von Lebensmitteln gestellt (vergl. dies., 2015, S. 192f.). Aber wenn man die Gerechtigkeitsfrage vertieft zu Ende denkt vor dem Hintergrund der Probleme, die mit den Palmölplantagen und Aquakulturen bestehen, dann bilden Klimagerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit ein miteinander zusammenhängendes Dreieck (siehe diese., 2015, S. 207). In einer ökologisch und sozial gerechten Ökonomie braucht es keiner ökologischen Siegel, die ökologisch und sozial verheerend hergestellte Waren „grün waschen“ (vergl. dies., 2015, S. 142–146; s.a. S. 227–239). So weist sie darauf hin, dass bei vermeintlich nachhaltigen Palmöl-Plantagen nur Monokulturen zu finden sind und die Menschen waren entweder Vertriebene, Enteignete, Gewaltopfer oder Sklaven auf den Plantagen mit dem Nachhaltigkeitssiegel. Sie waren völlig verarmt und arbeiteten unter lebensgefährlichen Bedingungen. Und es gibt Kinderarbeit (in dem Interview auf den NachDenkSeiten vom 29. Okt. 2015; s.a. dies., 2015, S. 40–48, 83, 98, 106f.). „Der Apfel vom Hofladen kommt auch ohne Ökoplakette aus“ (Hartmann im Spiegel 38/2015, S. 70). Die Politik und die Unternehmen, so Kathrin Hartmann, gehen z.B. bei Textilien ökologisch und sozial vertretbar hergestellten Produkten aus dem Weg. Ökologische und soziale Gerechtigkeit zusammen zu denken, das bedeutet für sie nicht gerade einmal so viel Umweltschutz zu betreiben, dass die Expansion von Plantagen und der Nachschub von Rohstoffen gesichert ist (vergl. dies., 2015, S. 174– 192). Und es ist zu wenig soziale Gerechtigkeit, wenn die Menschen gerade einmal soweit aus der Armut und dem Hunger befreit werden, damit sie sich für den westlichen Wohlstand abrackern können. Es ist ein Problem, wenn noch so viel Armut toleriert wird, damit die Menschen erpressbar sind für Hungerlöhne in den Monokulturen (vergl. 6.4. Gerechtigkeit 61 dies., 2015, S. 107f.) und Aquakulturen zu arbeiten (siehe zur Argumentationslinie auch dies., 2015, S. 305). Bei dem in der „Green Economy“ propagierten Nachhaltigkeits-Diskurs steht das Wort Nachhaltigkeit für Systemerhalt und es geht keineswegs um ökologische und soziale Gerechtigkeit. Natur und Klima werden nur so weit geschützt, „wie es nötig ist, um das Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung von Mensch und Natur gründet, so lange wie möglich zu erhalten“ (dies., 2015, S. 141). Empathisch deklinierte und praktizierte Befähigungsgerechtigkeit findet sich bei der Arbeit von und bei den von Schwester Karoline Mayer angestoßenen Projekten. Diese wird zum Beispiel bei der gesellschaftlichen Integration von Obdachlosen (in Chile) nicht nur nachhaltig umgesetzt, indem zum Beispiel sehr liebevoll der Weg aus der Abhängigkeit von Drogen begleitet wird. Es wird gesehen, dass es kein leichter Weg ist aus den mit den bisherigen Lebensumständen verbundenen Gewohnheiten herauszufinden und dem Leben eine neue Struktur und Ausrichtung zu geben. Hier wird in Projekten, die Schwester Karoline Mayer auf den Weg gebracht hat, beharrlich und liebevoll und verbindlich den Menschen beigestanden (vergl. Mayer/ Krumpen, 2015, 46–49). Oder bei der Bildungsarbeit in einer Berufsschule, nicht mit einer Berufsschule deutscher Prägung zu vergleichen, wird nicht nur an Sekundärtugenden gearbeitet; der Bildungserfolg erweist sich für Schwester Karoline Mayer auch vor allem darin, indem an der Selbstachtung der Schüler*innen und dem Zutrauen an sich selbst gearbeitet wird. Aber natürlich kommt die Fachlichkeit nicht zu kurz. Das Bildungsangebot ist eine echte Chance, um Not und Elend zurückzulassen und den „Gesetzen“ der Armut und der Straße zu entfliehen (vergl. diess., 52–55). Und ein Platz in der Berufsschule stellt eine Chance für die ganze Familie dar (vergl. diess., 58f.). Die Schüler und Schülerinnen, die selbst schon Eltern sind, machen ihren Kindern vor, dass es sich lohnt mitzuarbeiten, zu lernen, den Tag zu strukturieren und damit die generationenübergreifende „Kette“ von Hoffnungsund Perspektivlosigkeit zu durchtrennen. Welche umfassenden Maßnahmen im Sinne von Befähigungsgerechtigkeit notwendig sind, die in Empathie für die dramatische Lebenslage von extrem Armen ihren Ausgang nimmt, zeigte sich in der Berufsschule bei der Geschichte von Claudio (vergl. diess., 160–164). Dieser bekam ein umfassendes Unter- 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 62 stützungsangebot bei elementaren existenziellen Dingen, damit er die Schule besuchen konnte. Und dann als drittes Beispiel ein Schulprojekt für die Ärmsten unter den Ärmsten unter den Kindern in einem chilenischen Stadtteil. Weil hier (in der Schule) verstanden wird, was Armut aus den kleinen Herzen, den kleinen Seelen und den kleinen Gehirnen macht und von daher nicht sofort erwartet wird, dass sie loslernen können bzw. differenziert mit jeweiligen Unterprivilegierten umgegangen wird, werden beachtliche Lernerfolge erzielt und es sogar an Universitäten geschafft. Ästhetik im Schulgebäude, gutes Essen, Sportmöglichkeiten gehören dazu, damit das Lernsetting erfolgsversprechend ist. Und die Lehrer kämpfen um jedes Kind – auch das gehört dazu. Dabei sind die Lehrer*innen anspruchsvoll darin, dass kein Kind verloren geht. Und das Schul-Team ist stimmig (vergl. diess., 62ff.). Die Projekte von Schwester Karoline Mayer in Chile ziehen Freiwillige aus Deutschland auch deswegen an, weil diese Empathie lernen wollen, z.B. als angehender Arzt im Gesundheitszentrum für ihren Umgang mit Patienten und Patientinnen (vergl. diess., 2015, 174). Ihre Art das Grundanliegen von Befähigungsgerechtigkeit in die konkrete Praxis umzusetzen, das machen die Ausführungen in dem Buch „Jeder trägt einen Traum im Herzen“ (2015) deutlich, ist reich an Empathie, einer Empathie, die nicht an den Grenzen der professionellen Herausforderungen aufhört – das wurde an einem politisch brisanten Trauerfall deutlich, wo sie sich engagierte (vergl. diess., 2015, 151), Frieden/Gewaltlosigkeit Walter Wink (2014) problematisiert die Gewaltverfallenheit der Mächte und den Mythos der erlösenden Gewalt. Die Gewaltverfallenheit der Mächte erlebte er hautnah während eines längeren Aufenthaltes in Chile (vergl. S. 22). Er erlebte Schmerz aufgrund der Erfahrungen und wurde körperlich krank. Darüber hinaus suchte ihn eine Verzweiflung heim (vergl. S. 23). Die Mächte haben eine innere Spiritualität (vergl. S. 35), der man sich nicht „hilflos“ aussetzen muss, das zeigt die Geschichte. Aus einer empathischen Gewaltlosigkeit heraus (vergl. hier als Beispiel die erzählte Geschichte auf S. 128f.) war es möglich Lösungen zu finden. Mittels Gewaltlosigkeit ergaben sich Handlungsspiel- 6.5. 6.5. Frieden/Gewaltlosigkeit 63 räume sich z.B. der Gewalt der Sowjets (Beispiel: Litauen auf S. 130) oder der Nazis (Beispiel: Bulgarien und Dänemark auf S. 131) zu widersetzen. Und so kann man hoffen, dass für die Gegenwart über eine empathische Gewaltfreiheit der Kultur der Gewalt etwas entgegengesetzt werden kann. Dazu ist es aber bedeutsam „allumfassend“ zu lieben, also auch die, die nicht den geringsten Anspruch auf unsere Liebe haben (vergl. S. 141). „Allumfassend“ lieben kann man aber nur mit Mitgefühl und Empathie. Das muss aber nicht perfekt sein (vergl. S. 142). Zur Empathie fähig wird man, wenn man nicht mehr den Splitter im Auge des Anderen sieht und den Balken im eigenen Auge verkennt (siehe hierzu auf S. 142). Jesu Gewaltlosigkeit antwortet empathisch auf das „tägliche Zerriebenwerden von den Institutionen der damaligen Zeit“ (S. 64). Ohne Empathie wäre Jesu in den Seligpreisungen nicht zu „seiner außergewöhnlichen Sorge für die Ausgestoßenen und an den Rand Gedrängten“ (S. 64) und zur völlig unkonventionellen Behandlung der Frauen und Kinder fähig gewesen (vergl. hier S. 64). Der neue Umgang mit Frauen an der etablierten Realität des Patriarchats resp. männlichen Monopolansprüchen vorbei, wäre ohne Empathie für die unfreie Lage der Frauen, deren „gekrümmten“ Existenzen usw. nicht möglich gewesen (vergl. S. 68ff.). Für die Friedensfrage bedeutsam ist die Erkenntnis, dass empathische Eltern dazu beitragen, dass Kinder weniger stark zu Aggressivität neigenden Menschen werden. Hingegen ist bei später zu Aggressivität neigenden Erwachsenen zu erkennen, dass sie in der Kindheit weniger Empathie erlebten und Gewalterfahrungen zu Hause machten. Die Stärke mit der aggressives Verhalten legitimiert wird korreliert mit dem Niveau von Empathie. Empathie wirkt sich hemmend auf die Bereitschaft zur Gewalt aus. Aber allein mit dem Blick auf Empathie kann man keine zweifelsfreien Vorhersagen hinsichtlich aggressionsfreien Handelns machen (vergl. hier z.B. bei Schmiedel, 2016, 94ff.). 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 64 Mit der Care-Revolution zur Empathie-Revolution18 Charakteristisch für die Care-Arbeit ist Empathie (vergl. Bauhardt, 2015/2016?, 4 und I.L.A. Kollektiv, 2019, 26). Diese Care-Arbeit/ Sorge-Arbeit ist Teil der unsichtbaren Struktur des Kapitalismus; sie wird in der privaten Sphäre verrichtet; hier fließt kein Geld und deswegen erhält die Care-Arbeit und damit auch Empathie nach kapitalistischen Kriterien auch keine Anerkennung. Einhergehend wird die Sorgekompetenz und Empathiekompetenz als den Frauen „von Natur aus“ in die Wiege gelegt betrachtet und damit einher geht die Einschätzung, dass eine Sorge- und Empathiekompetenz nicht erlernt, nicht entwickelt und damit auch nicht bezahlt werden müssen. Es wird im Kapitalismus so getan, dass die Arbeit der Frauen in der sozialen Reproduktion und die dort herrschende Empathiekultur unendlich und quasi umsonst zur kapitalistischen Verwertung zur Verfügung stünden. Ohne die empathische Care-Arbeit, die im Ehrenamtssektor (überwiegend) von Frauen geleistet wird, wäre der Kapitalismus nicht (über)lebensfähig. Eine Queer-Perspektive auf Empathie führt zur Auseinandersetzung mit der zur Natur von Frauen erklärten Empathiefähigkeit und wirft einen neuen Blick auf die potentiellen Empathieverhältnisse in der Gesellschaft. Noch einmal: Fehlende Anerkennung einer Empathiekultur und die unzureichende Herausstellung von einer Empathiepraxis für die gesellschaftlich Wohlfahrt hängt damit zusammen, dass Empathie im Refugium der Care-Arbeit/Sorge-Arbeit/sozialen Reproduktion verortet wird, dieses wiederum den Frauen zugewiesen wird und dabei zugleich stillschweigend als unendlich verfügbar vorausgesetzt wird. Die mit der Care-Revolution einhergehende Empathie-Revolution weist nun aber darauf hin, dass Arbeit im umfassenden Sinne eine Sorge- und Empathie-Kompetenz erhalten muss. Und die Bildungspraxis wird sich der Entwicklung einer Empathiekompetenz zuwenden müssen. Führungskompetenz wird zumeist nicht mit einer Empathiekompetenz in Verbindung gebracht. Mit einer Aufwertung der Care-Arbeit, mit der Aufwertung der Sorge-Kompetenz in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, wird es auch zu einer Auf- 6.6. 18 vergl. Winker, 2015; Bauhardt, 2015/2016?, Waidelich/Baumgarten (Hg), 2018, Globig, 2018, 115 6.6. Mit der Care-Revolution zur Empathie-Revolution 65 wertung der Empathiekompetenz kommen. Das Wohlergehen einer Gesellschaft ist erheblich abhängig von der bestehenden Empathiekompetenz. Die Identifikation von Care mit Empathie und dann wiederum mit Weiblichkeit und die damit verbundene soziale Minderbewertung und sozio-ökonomische Ausblendung sind als unselige Verquickung zu enttarnen und auf eine neue Basis zu stellen. Empathie darf nicht als natürliches Attribut des weiblichen Geschlechts betrachtet werden und damit aus der sozialen und politischen Kultur einer Gesellschaft herausgedacht werden. Eine Queer-Perspektive wird den Mann, die männliche Kultur, die zugeschriebene Genderidentität des Mannes als für Empathie ansprechbar betrachten. Sie wird es als notwendiges Bestandteil einer verantwortlichen Beziehungsgestaltung aufzeigen, dass dazu auch Empathie gehört. Aber man darf nicht in die Fangstricke des Kapitalismus geraten und Empathie zur Ware werden lassen19. Empathie wird nur dann ein lebendiges Element der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens bleiben, wenn sie nicht zur Ware wird. Im Horizont von „caring with“ wird Empathie als notwendiges Gestaltungselement von Beziehungen betrachtet (vergl. Gottschlich/ Katz, 2018, 92). Mit Empathie angereicherte Aktivitäten der Beziehungskultur werden als die ethisch anspruchsvolleren Aktivitäten bezeichnet, und es wird Abspaltungsprozessen beim Handeln vorgebeugt. Damit entfernt man sich von der tragischen Vorstellung des autonomen und unabhängigen Menschen, dass sehr stark bei Männern vorliegt. Wenn Empathie im Spiel ist, dann wird auch deutlich gemacht, dass die Menschen keine Maschinen sind. So gerät man weniger in die Versuchung mit dem Theorie-Modell des „Homo oeconomicus“ im Denken und Handeln zu verfahren. Empathie wird im Medizin-Betrieb sehr häufig an die Pflegetätigen ausgelagert (vergl. Riedel, 2011, 91 und 94) bzw. dorthin abgespalten, obwohl es eine Schlüsselkompetenz des Arztes und der Ärztin sein müsste (vergl. Neumann/Edelhäuser u.a., 2010, 157ff.). Aber Empathie ist auch für die Tätigkeit des/der Mediziners/Medizinerin von Bedeutung. In der „vernetzten Sorge“ (vergl. I.L.A. Kollektiv, 2019, 26f.) für 19 Regina Voss (2017) weist mit Slaby und Grau darauf hin, dass Empathie im Kapitalismus dazu missbraucht wird, diesen geschmeidiger zu machen. Ein Kapitalismus mit „Empathie“ kann Bestandteil einer neuen Ausbeutung des Individuums werden. 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 66 die Patienten*innen wird kein Akteur/keine Akteurin an einer empathischen Haltung vorbeikommen. Empathie ist nicht für die Care-Akteure*innen im engeren Sinne reserviert. Empathie kann durch Entwicklungen im Medizinbereich unter die Räder kommen. Bei künstlicher Intelligenz in Diagnostik und Therapie kann das-sich-Verlassen auf den Algorithmus das Hinhören in die Seele des Patienten/der Patientin unterlaufen und eine medikamentöse Pfadabhängigkeit der Therapie anbahnen. Der Arzt/die Ärztin können zu einem/r „computerabhängigen Assistenten/Assistentin“ degradiert werden (vergl. Windhorst, 2018; Kiosz, 2019). Rationalisierungsprozesse in Krankenhäusern führen zu Zeitmangel und Stress. Diese sind aber regelrechte Empathiekiller. Darunter leiden die Patienten*innen. Ein ausgeprägtes Hierarchiesystem kann dazu führen, dass eine zu geringe Anerkennungspraxis in den Krankenhäusern zu finden ist, eine zu geringe Kultur des empathischen Zuhörens im Team besteht, ja eventuell Chefärzte, Assistenzärzte, Pflegepersonal und Verwaltung zu Kontrahenten werden und dadurch Misstrauen und Aversion aufgebaut werden. Dadurch wird die Empathie-Offenheit ausgehebelt (vergl. Die Mediation, 2018). Empathie im Team des Krankenhauses kann hingegen eine bereichernd reflektierende und vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre befördern und der Teamarbeit eine integrierende interaktive Qualität verleihen (vergl. Riedel, 2011, 99–101). Empathie ist von großer kurativer Bedeutung. Mittels Empathie wird der Blick auf die Körpersprache, die Zeichen der Stimme usw. gelenkt, wodurch man über Scham, nicht eingestandene Bedrückung, Hoffnungslosigkeit, stillen Ärger oder eine seelische Notlage informiert wird. Patienten*innen berichten unter Empathie mehr über ihre Symptome und Sorgen bzw. es kommt zu weniger Verfälschungen bei Beschwerdeschilderungen. Unter Empathie wird die Diagnosegenauigkeit erhöht und dadurch werden therapeutische Irrwege vermieden. Die Patienten*innen erhalten mehr erkrankungsspezifische Informationen. Die Patientenpartizipation und -edukation wird verbessert. Es erhöht sich die Compliance und Zufriedenheit von Patienten*innen; wenn der Patient/die Patientin sich durch die Empathie des Arztes/der Ärztin verstanden fühlt, steigt bei ihm die Fähigkeit und der Wille zur Zusammenarbeit mit dem Arzt/der Ärztin. Es wird durch die empathische ärztliche Behandlung und Kommunikation die Befähigung des/der Patienten*in verbessert, 6.6. Mit der Care-Revolution zur Empathie-Revolution 67 mit der aktuellen Krankheitssituation besser umgehen zu können. Emotionaler Distress wird reduziert und die Lebensqualität erhöht. Bei Patienten*innen mit einer Erkältung konnte gezeigt werden, dass ärztliche Empathie die Dauer und Schwere der Symptome verkürzt. Und bei Brustkrebspatientinnen konnten krebsspezifische Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen sowie Distress durch Empathie signifikant verringert werden (vergl. Neumann u.a., 2010, 162ff.; Neumann u.a., 2012, 14; Bauer, 2014, 196f.). Empathie birgt aber auch für den Arzt/die Ärztin einen Nachteil. Die negativen Gefühle anderer, die diese empathisch nachvollziehen, können auf sie abfärben und die eigene Emotionalität verändern. Deswegen bedarf Empathie der richtigen Dosierung, um zu verhindern, dass man emotional ausblutet und in einen Burn-out hineinschliddert. Burn-out-Betroffene sind gekennzeichnet von erschöpfter Empathie; das kann sogar umschlagen in eine zynische Haltung. 6. Ethische Begriffe – empathisch gelesen 68 Zivilgesellschaft Nicht nur das bürgerschaftliche Engagement/Ehrenamt ist ein Bereich, wo Empathie gelebt wird. Auch von der Zivilgesellschaft gehen empathische Impulse in die Gesellschaft aus. Als Beispiel möchte ich die Kampagne „Ohne Rüstung Leben“ und die „Bewegung“ TERRE DES FEMMES erwähnen. Die Empathie innerhalb der Zivilgesellschaft mit Leidenden, Gequälten und Unterdrückten führt zu einer Empörung und Skandalisierung von bestimmten Praktiken und bestimmten Akteuren, die die Probleme mit verursachen. Es werden Firmen und Gewalttäter benannt. Empörung und Abneigung gegenüber gewissen „Tätern“ sind die die Kehrseite der Empathie, wenn die Ambiguitätstoleranz am Ende ist und über einen langen Zeitraum keine Umkehr hinsichtlich Kaltherzigkeit, Gewalttätigkeit und Geschäftemacherei zu beobachten ist. Ohne Rüstung Leben Wenn man die „informationen“ von „Ohne Rüstung leben“ liest, dann taucht zwar der Begriff „Empathie“ oder die Umschreibung von „Empathie“ nicht auf, aber es wird immer wieder auf thematische Aspekte (so) eingegangen, so dass deutlich wird, dass dies nicht ohne Empathie möglich wäre. Wenn eine Friedensfachkraft am Aufbau eines Traumazentrums in Serbien mitarbeitet (vergl. info 151, 2015, 5), dann ist implizit davon auszugehen, dass hierbei auch auf Empathiekompetenz aufgebaut wird. Auch werden „friedensethische“ Themen, wie z.B. Mediation (vergl. info 151, 2015, 4), angesprochen, die ohne Empathie nicht realisierbar wären20. 7. 7.1. 20 Empathie bei der Mediation, d.h. die bestimmenden Gefühle und Anliegen hinter den Konfliktpositionen erkennen und sich in diese hineinzuversetzen. Empathie im Mediationsverfahren erzeugt eine Atmosphäre der Wärme; darüber hinaus füh- 69 Wenn an die vielen Menschen aus Hiroshima und Nagasaki gedacht wird, „die im kühlenden Wasser Rettung vor dem atomaren Feuer suchten“ (info 153, 2015, 2), dann zeigt sich, dass ein empathisches Gedenken zur Ablehnung der nuklearen Bedrohung hinführt. Empathische Sprache – „Gewinne mit dem Leid von Menschen machen“ (info 153, 2015, 9); „unsägliche Gräueltaten“ in eskalierenden Konflikten (info 166, 2018, 5) – trägt die Argumentation gegen Rüstungsexporte. Empathisch ist es auch, zu sehen, dass mit dem Einsatz von Kampfdrohnen Gesellschaften mit Angst durchsetzt werden: „Die Menschen haben ständig Angst, dass etwas vom Himmel fällt und sie tötet“ (info 149, 2014, 1). Von einer mit Empathie getragenen Friedensbotschaft der Oberkirchenrätin Karen Hinrichs zum Ökumenischen Friedensschiff 2014 auf den Bodensee zeugt deren Zitieren des Präsidenten Dwight Eisenhower der Vereinigten Staaten von Amerika – dieser sagte 1953, dass Rüstungsproduktion „Diebstahl an denen (sei R.M.), die hungern und nichts zu essen bekommen, an denen, die frieren und keine Kleidung haben“ (info 149, 2014, 5). Wenn Hanne-Margret Birckenbach zum friedenslogischen Denken sagt, „Friedenslogik erkennt Flüchtlinge als besonders verwundbare und bedürftige Menschen an, die Unterstützung brauchen, um von weiteren Gewalterfahrungen verschont zu werden“ (info 154, 2015, 2), dann wird hier mit einer besonderen empathischen Sensibilität gegen Rüstungsexporte, einem falsch verstandenen „Schutz vor Flüchtlingen“ in der öffentlichen und politischen Meinung usw. argumentiert. Eine Form der Globalisierung wird als Fluchtursache problematisiert. Besonders mit dem Hinweis auf die Situation der Kinder und Menschen im Jemen wird das von „Ohne Rüstung Leben“ in einer späteren Ausgabe verdeutlicht: Im Jemen stirbt alle zehn Minuten ein Kind krankheitsbedingt, was nicht notwendig wäre, wenn bessere Behandlungsmöglichkeiten bestehen würden. 2,2 Millionen Kinder sind von Mangelernährung betroffen, bei 500.000 Kindern besteht eine akute Lebensgefahr (vergl. info 160, 2017, 1). In dem wiederholten Aufgreifen des Menschenrechtsaspektes (vergl. info 11, 2016, 1f.; info 159, 2017, 3f. und 9; info 165, 2018, 8f.) len sich dadurch die Menschen angenommen. Dadurch öffnen sie sich und das Mediationsverfahren wird konstruktiver. 7. Zivilgesellschaft 70 ist natürlich auch eine empathische Sensibilität enthalten. Eng mit Rüstungsexporten sind Menschrechtsverletzungen verbunden bzw. Rüstungsexporte gehen an Länder, wo eine katastrophale Menschenrechtslage besteht. Weitere von einer empathischen Sensibilität getragene Hinweise sind es auf den Zusammenhang von Nahrungsmittelunsicherheit und entstehenden Konflikten (vergl. info 166, 2018, 4) und auf die seelischen Folgen des sich Aufhaltens von Kindern in Kriegs- und Konfliktgebieten hinzuweisen: „Sie leiden an massivem, toxischen Stress….“ (info 164, 2018, 10). Die traumatischen Gewalterlebnisse haben Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen, der den Aufbau von friedlichen Gesellschaften extrem erschwert. TERRE DES FEMMES Empathie zeigt sich bei der Webseite stopchildmarriage.de, wo viel Wert auf einen leicht verständlichen deutschen Text gelegt wurde, damit auch Mädchen mit wenigen Deutschkenntnissen wesentliche und substanzielle Informationen erhalten. Es wird das Problem von psychischem Druck bis hin zu physischer und sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen im Namen der (vermeintlich verletzten) (Familien-)Ehre angesprochen. Über Gewalt (von Männern) soll die Ehre der Familie dann wieder hergestellt werden21. In diesem Zusammenhang ist TERRE DES FEMMES besonders sensibel gegenüber dem Mythos Jungfräulichkeit. Es wird das Problem gesehen, dass hierbei Frauen in ihrer Lebensführung begrenzt werden – wenn Frauen (in patriarchalen Gesellschaften) nicht dem Mythos von Jungfräulichkeit („blutiges Bettlaken bei der Hochzeitsnacht“) entsprechen sind sie ehrbezogener Gewalt ausgesetzt. Es wird auch von TERRE DES FEMMES problematisiert, dass Migrantinnen aufgrund wirtschaftlicher Not in ausbeuterische Hände fallen, die diese dann zur Prostitution nötigen. Das Drama der Prostituti- 7.2. 21 Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan berichtet aber auch, dass die Ehrenmörder (scheinbar) einem enormen sozialen Druck zum Ehrenmord ausgesetzt sind, dem sie sich nur schwer entziehen können (Newsletter 1/12 – Juni 2012, S. 3f.). 7.2. TERRE DES FEMMES 71 on ist, dass die Betroffenen durch die aufgezwungenen Arbeits- und Lebensbedingungen, „die oft von extremer Gewalt geprägt sind, jede Möglichkeit (verlieren R.M.), über ihr Leben zu bestimmen“. Der empathische Blick auf die Prostitution zeigt z.B., dass die Prostituierten ihre Tätigkeit zumeist als Missbrauch empfinden. Sie koppeln daher ihre Empfindungen von dem Geschehen ab, um es überhaupt ertragen zu können – der Fachbegriff ist dafür, dass hier Dissoziationen sich ereignen. Langfristig führt die Prostitution zu solchen gravierenden psychischen Problemen, dass die Frauen dies nur mit Drogen, Alkohol und Psychopharmaka ertragen können (vergl. Dokument: Sieben Mythen der Prostitution, S. 1). Die Vulnerablität für Prostitution wird sensibel benannt: „Bekannt ist ebenso, dass Missbrauch und Gewalterfahrung in der Kindheit, Obdachlosigkeit oder Drogen- und Alkoholmissbrauch das Risiko erhöhen, dass Frauen in die Prostitution geraten“ (dasselbe Dokument, 2). Auch sehen viele Frauen in der Prostitution die einzige Chance, ihrer Armut zu entkommen. Empathisch wird daher festgestellt, dass „Armutsprostitution“ nicht freiwillig ist (vergl. dasselbe Dokument, 3). Ebenso empathisch wird bemerkt, dass sie verstärkt unter Ängsten leiden: „Angst vor Gewalt von Kunden, Zuhältern und Bordellbetreibern, Angst davor schwanger oder krank zu werden, Angst vor Ausweisung oder Abschiebung, Angst nicht genug Geld zu verdienen“ (vergl. dasselbe Dokument, 3). Diese Angst ist nicht unberechtigt, waren sie doch wiederholt physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt, Vergewaltigung und Erniedrigung seitens der Zuhälter und Sexkäufer. Es wird noch darauf hingewiesen, das bestehende Traumata aus der Vergangenheit – ein Großteil der Prostituierten hat schon als Kind oder Jugendliche Misshandlungen und sexuelle Gewalt erlebt – bei der Prostitution wiederholt reinszeniert und verstärkt werden. Deswegen haben Prostituierte auch posttraumatische Belastungsstörungen durch ihre Tätigkeit als Prostituierte (vergl. dasselbe Dokument, 4). Das Vorgehen gegen frauenfeindliche Werbung durch TERRE DES FEMMES ist dahingehend empathisch, dass diese Werbung problematisiert wird, wo spärlich bekleidete Frauen dazu benutzt werden, um auf ein Produkt aufmerksam zu machen, „das meist in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit dem Frauenkörper steht“ (Homepage). So wird es als völlig unakzeptabel betrachtet, dass mithilfe teilweiser por- 7. Zivilgesellschaft 72 nographischer Darstellungen Elektronik, Autos und andere Produkte verkauft werden. Weitere Themen sind „sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe“, „häusliche Gewalt (Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Tötungsdelikte usw.)“ sowie Genitalverstümmelung (vergl. Homepage). Alles dies sind Menschenrechtsverletzungen, die dort besonders dramatisch sind, wenn sie durch vertraute Beziehungspersonen ausgeübt werden. An diese von Empathie getragene Perspektive auf Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen resp. auf Gewalt gegenüber Frauen reicht das EKD-Dokument „Gewalt gegenüber Frauen als Thema der Kirche“ (EKD, 2000, 32–39) nur in Ansätzen heran. Es gibt im Ökofeminismus eine Position/Überzeugung, wonach „Umweltprobleme nur vor dem Hintergrund der Unterdrückung von Frauen angemessen analysiert werden können. Wo Frauen unterdrückt werden, wird auch die Natur beherrscht und ausgebeutet“ (Bauhardt, 2016, 213). Verschärfter argumentiert wird dann auch darauf hingewiesen, dass ein innerer Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen den Körper der Frauen und die Zerstörung des Körpers Erde besteht (vergl. Weiler, 2017, 48f.). Und es wird auch von Feministinnen gesehen, dass Friedensbewegung und die Frauenbewegung stärker aufeinander zugehen müssen um die inneren Zusammenhänge zwischen der Gewalt gegenüber den Frauen und der Gewalt in den und zwischen den Gesellschaften/Nationen besser analysieren zu können. Aber es wird auch gesehen, dass Frauen manchmal (unfreiwillig) Teil der Kriegsökonomien in den Entwicklungsländern sind, indem sie zum Beispiel Munition schmuggeln. „Experiment“ Bedingungsloses Grundeinkommen Es liegt durchaus in der Tradition der Überlegungen von André Gorz zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) (vergl. ders., 2000, 115–133), wenn jetzt durch ein praktisches Experiment der Zivilgesellschaft (vergl. Bohmeyer/Cornelsen, 2019, 259f.) entdeckt wird, dass mit der Ermöglichung eines BGE sich die Empathie in der Gesellschaft entfalten kann. Das BGE kann also ein Baustein für eine empathische Zivilisation sein (vergl. Rifkin, 2012). 7.3. 7.3. „Experiment“ Bedingungsloses Grundeinkommen 73

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References

Abstract

Something new is happening in ethical thinking, for which empathy is increasingly becoming the starting point. However, it is not yet entirely clear how this basic empathetic attitude is changing ethics and what kind of empathy is involved. In this respect, the point of departure for a form of empathy based on collective humanity can be understood quite differently than if one only considers empathy to be the act of adopting a more or less sensitive perspective. Along with a basic empathetic attitude, listening has become important in the process of ethical reflection. Moreover, underpinned by empathy, an awareness of vulnerability is influencing thinking about human rights, justice and participation. On the basis of these considerations, this book develops a blueprint for ethical thinking in the aftermath of the coronavirus.

Zusammenfassung

Es bricht etwas Neues beim ethischen Nachdenken an, welches vermehrt von der Empathie ausgeht. Aber es ist noch nicht so klar, wie eine empathische Grundhaltung die Ethik verändert und von welcher Art von Empathie man ausgeht. So kann der Ausgangspunkt einer gemeinsamen Menschlichkeit Empathie ganz anders verstehen lassen, als wenn man diese nur als mehr oder weniger sensible Perspektivenübernahme betrachtet. Mit der empathischen Grundhaltung wird für den reflexiven ethischen Prozess das Zuhören wichtig. Und unterfüttert von Empathie wird das Bewusstsein von Verletzlichkeit in das Nachdenken über Menschenrechte, Gerechtigkeit und Teilhabe hineingetragen. Auf Basis dieser Betrachtungen erfolgt in diesem Buch ein Entwurf für die Post-Corona-Zeit.