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Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
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Te ct um Te ct um Ky ra S on ta ck i D ie S ta dt ve rw al tu ng M ül he im a n de r R uh r i m N at io na ls oz ia lis m us 45 Kyra Sontacki Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien Wissenschaftliche Beiträge Geschichtswissenschaft | 45 Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Geschichtswissenschaft Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Geschichtswissenschaft Band 45 Kyra Sontacki Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiograf ien Tectum Verlag Kyra Sontacki Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Geschichtswissenschaft; Bd. 45 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF 978-3-8288-7520-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4487-2 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1861-7468 Umschlag: Tectum Verlag, unter Verwendung dieser Abbildung: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr, Bildarchiv, „Kundgebung auf dem Rathausmarkt“, Nr. 45 von Januar 1935 Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. V Inhalt Vorwort: Zukunft hat Vergangenheit VII Abkürzungsverzeichnis XI 1. Einleitung 1 2. Überblick über die historische Entwicklung 5 2.1 Stadtgeschichte 5 2.2 Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr 8 3. Oberbürgermeister 13 3.1 Alfred Schmidt (Oberbürgermeister bis 1933) 14 3.1.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung 14 3.1.2 Werdegang nach der Pensionierung 16 3.2 Wilhelm Maerz (Oberbürgermeister 1933–1936) 19 3.2.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung 19 3.2.2 Ausscheiden aus dem städtischen Dienst 21 3.3 Edwin Hasenjaeger (Oberbürgermeister ab 1936) 23 3.3.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung 25 3.3.2 Nachkriegszeit 28 3.4 Fazit zum Amt des Oberbürgermeisters 30 4. Feuerwehr 33 4.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr 34 4.1.1 Vorkriegszeit 34 4.1.2 Während des Krieges (1939–1945) 36 4.2 Brandingenieur Alfred Freter 39 VI Inhalt 5. Schulamt 47 5.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr 48 5.1.1 Schulgebäude und deren Nutzung 48 5.1.2 Kinderlandverschickung 49 5.1.3 Schulbücher und Schulbüchereien 50 5.1.4 Unterricht, Schülerinnen und Schüler 51 5.1.5 Lehrerinnen und Lehrer 55 5.2 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal 56 6. Stadtkasse 63 6.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr 64 6.1.1 Auszahlungen an städtische Bedienstete 65 6.1.2 Auszahlungen an Bürgerinnen und Bürger 66 6.1.3 Personal der Stadtkasse 67 6.2 Stadtamtmann Peter Dreis 69 7. Fazit 75 Danksagung 81 8. Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 83 9. Quellenverzeichnis 91 9.1 Primärquellen 91 9.2 Sekundärliteratur 94 9.3 Internetquellen 96 9.4 Abbildungen 98 Vorwort: Zukunft hat Vergangenheit Politisches Handeln ist keines, das sich lediglich in großen Schriften oder Reden mehr oder weniger einflussreicher Politiker zeigt. Politisches Handeln ist ein solches des Alltags, der vielfach beiläufigen Entscheidungen, denen nicht immer große Bedeutung zugemessen wird, die aber nicht selten erhebliche Wirkung zeigen für eine große Zahl von Menschen. Vergangenheitsbewältigung bleibt an der Oberfläche, wenn sie eine solche der Oberflächenphänomene ist, wenn sie sich vornehmlich auf das Wirken und die Persönlichkeit maßgeblicher Politiker bezieht. Das gesellschaftliche Leben wird nicht in erster Linie von politischen Akteuren bestimmt, sondern nicht unwesentlich von Handelnden auf der Ebene der Verwaltung. Hier findet sich der Sachverstand (oder auch nicht). Hier lassen sich politische Vorgaben konsequent ohne Rücksicht auf Verluste umsetzen oder mit Augenmaß und Kenntnis um soziale und ökonomische Realitäten bewirken und begleiten. Die Geschichte eines politischen Systems, ob des Kaiserreiches, der Weimarer Republik, der NS-Zeit oder der neuen Nachkriegsrealitäten in Ost- und Westdeutschland, ist keine Geschichte nur der Gesetze oder Runderlasse und administrativer Gliederungen. Sie ist eine Geschichte der Begünstigten und Benachteiligten, der Kompetenten und Mitläufer, der streitbaren Geister und der servilen Claqueure. Jenen, entweder zugewandt den Mächtigen oder den Bürgerinnen und Bürgern, bisweilen changierend zwischen den Extremen, verleiht dieses Buch Gesicht und Stimme. Wer Macht verstehen will, sollte sich dieser Kräfte zwischen den Polen vergewissern, den verstärkenden, ausgleichenden, befördernden oder VII widerständigen Kräften der Verwaltung, die das Schlimmste wahrmachen und ebenso verhindern können. Es handelt sich dabei nach Luhmann um Elemente innerhalb kettenförmiger Kombinationen, in denen die Selektion einer Handlung an die andere anschließt oder sie als Folgeselektion zu ihrer Vollendung antizipiert.1 Verwaltungsakteure als Glieder von Handlungsketten innerhalb „pyramidaler Autoritätshierarchien“ (Luhmann) verfügen über die bedeutsame Position von „Verhinderungsmächtigen“.2 Sie sind daher diejenigen, die sich nach politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen vor allem auf neue Verhältnisse einstellen müssen, die sie teilweise auch persönlich betreffen. Nachfolgend werden auszugsweise Einzelschicksale und -persönlichkeiten portraitiert, die ab 1933 verhindert, ausgeschlossen, gefördert oder auch wiederberufen wurden. Es sind Beispiele der Alltagswirkung eines politischen Systems. Menschen, die nicht aufgrund von Ausbildung oder Kompetenz eine Position erringen sondern bspw. aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit oder jener zu einer Massenorganisation, die nicht rückgebunden sind durch Qualifikation oder soziale Verbundenheit nach unten, sondern sich verpflichtet sehen dem ‚Oben‘ als Protagonisten und Exekutierer realitätsfremder Politik und Beförderer von Zielen, die wenig mit dem Interesse von Bürgerinnen und Bürgern gemein haben. Diese Lebensläufe unter Rückgriff auf Originalakten und im Gespräch mit einem Zeitzeugen und ehemaligen Personalleiter der Stadt sichtbar gemacht zu haben, ist der große Verdienst dieser Schrift. Vergessen werden darf nicht, dass die geschilderten Entscheidungen und ihre Auswirkungen nicht auf ein politisches System oder eine Ära beschränkt sind. Ähnliche Entwicklungen gab es in der DDR und gibt 1 Luhmann, Niklas (1988): Macht. Stuttgart: Enke, S. 39. 2 Ders. (2000): Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp, S. 43. VIII Vorwort: Zukunft hat Vergangenheit es selbstverständlich auch heute. Menschen qualifikationsfern auf Positionen zu berufen richtet nicht selten erheblichen Schaden an und führt trotzdem nicht immer zu dem notwendigen entschiedenen Widerstand der Öffentlichkeit, der kürzlich immerhin verhindern konnte, dass die Position des Leiters der Berliner Bauakademie mit einem vornehmlich parteipolitisch ausgewiesenen Kandidaten besetzt wurde. Viel zu oft werden die vorher sorgsam eingefädelten Strukturen nicht bekannt, bleiben unentdeckt oder werden nicht beachtet. Eine wachsame Zivilgesellschaft ist notwendig, um entsprechende Entwicklungen argwöhnisch zu begleiten und, wenn notwendig, zu verhindern. Ebenso eine bürgernahe und kritische Presse, die sich als solche versteht – was mittlerweile auch nicht mehr als selbstverständlich angenommen werden darf. Dieses Buch ist demnach nicht nur für historisch Interessierte spannend und wichtig, sondern grundsätzlich für alle, die sich der Gestaltung einer sozialen und zivilen Gesellschaft verpflichtet sehen. Die geschilderten Beispiele machen Strukturen und Beziehungen sichtbar, wie es sie auch heute gibt. Sie sensibilisieren dafür, sich auch als Verwaltung den Bürgerinnen und Bürgern verpflichtet zu sehen und sie machen deutlich, dass hinter den zu wählenden und den nicht zu wählenden administrativen Gestaltern einer Stadtgesellschaft Kräfte wirken, die man kennen und erkennen wollen muss, um die Auswirkungen ihres Handelns verstehen und antizipieren zu können. Prof. Dr. Stefan Piasecki IX Vorwort: Zukunft hat Vergangenheit Abkürzungsverzeichnis BDM Bund Deutscher Mädel Gestapo Geheime Staatspolizei HJ Hitlerjugend KPD Kommunistische Partei Deutschlands NS Nationalsozialismus NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei OVG NRW Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen SA Sturmabteilung SS Schutzstaffel SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands StAMH Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr XI 1 1. Einleitung Auch noch 75 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches gerät das nationalsozialistische Regime immer wieder in den Blick diverser Forschungen. Es verwundert daher nicht, dass es zum Nationalsozialismus bereits eine Fülle von Informationen und geschichtlicher Aufbereitung gibt. Die Stadtverwaltung und ihre Bediensteten wurden im Geflecht des nationalsozialistischen Staates jedoch vergleichsweise wenig thematisiert. Für die Städte Münster1 und München2 werden seit einiger Zeit groß angelegte Studien durchgeführt, die die jeweiligen Stadtverwaltungen während des Nationalsozialismus thematisieren. Hier knüpft die vorliegende Arbeit an und es wird speziell die Stadtverwaltung der kreisfreien Großstadt Mülheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen betrachtet, der Fokus liegt vor allem auf den ehemaligen Beschäftigten. Es soll aufgezeigt werden wie der Nationalsozialismus Einfluss auf die Aufgaben sowie den Arbeitsalltag der Mülheimer Stadtverwaltung hatte und inwieweit die politischen Umstände 1 Vgl. Westfälische-Wilhelms-Universität Münster, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte II (2018). Die Stadtverwaltung Münster in der NS-Zeit. URL: 2019. 2 Vgl. Ludwig-Maximilians-Universität München, Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften (2019). Die Münchner Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. URL: 2019. in das Arbeitsleben einzelner Bediensteter hineingewirkt und die Entscheidungen der Beschäftigten beeinflusst haben.3 Zu diesem Zweck wurden hauptsächlich archivierte Personal akten ausgewertet, aber auch alte Ratsangelegenheiten, Zeitungsartikel, Akten aus der allgemeinen Sachbearbeitung sowie damalige Niederschriften und Verfügungen herangezogen, die im Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr öffentlich zugänglich sind. Zur Ergänzung der gesammelten Informationen wurde außerdem ein Zeitzeuge interviewt, der seit 1940 bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr beschäftigt war (s. Anhang, Kapitel 8). Der aktuelle Forschungsstand sieht wie folgt aus: Die bisherigen Arbeiten bezüglich der Stadt Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus gelten den Themen des Widerstands, des Zwangsarbeiter systems und den Opfern des Regimes. In den 1980er Jahren wurde von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Anti faschisten in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung die Wanderausstellung „Widerstand und Verfolgung in Mülheim 1933 bis 1945“ installiert, die auch heute noch besucht wird, vor allem von Schulklassen.4 Zudem hat die Stadtverwaltung in den 1990er Jahren drei historische Untersuchungen zu ihrer Stadtgeschichte im Nationalsozialismus in Auftrag gegeben, die die Themen Zeitzeugenberichte, Zwangsarbeit und das jüdische Leben in Mülheim an der Ruhr reflektieren.5 Auch die Mülheimer Stolperstein-Initiative hat bereits viele Schicksale nationalsozialistischer Opfer aufgearbeitet, hauptsächlich von ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, welche die größte Opfergruppe des Nationalsozialismus darstellen. Es wur- 3 Im Folgenden wird allein aus Gründen der leichteren Lesbarkeit gelegentlich lediglich die männliche Sprachform benutzt. Die Personenbezeichnungen können jedoch für beide Geschlechter gelten. 4 Vgl. VVN – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Widerstand und Verfolgung in Mülheim an der Ruhr 1933 bis 1945. URL: 2019. 5 Vgl. Kaufhold, B. (2006). Glauben unter dem Nationalsozialismus. 1. Auflage. Essen: Klartext, Vorwort. (künftig zitiert: Kaufhold, 2006). 2 Einleitung den in Mülheim an der Ruhr jedoch auch Stolpersteine für andere Gruppen von verfolgten Personen verlegt, beispielsweise für Zeuginnen und Zeugen Jehovas oder Opfer der Euthanasie, die sich gegen Menschen mit Behinderung richtete.6 Um die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus nun gesondert zu betrachten, gliedert sich die vorliegende Arbeit in fünf inhaltliche Kapitel. Es erfolgt zuerst ein kurzer Überblick über die historische Entwicklung der Stadt Mülheim an der Ruhr in der Zeit des Nationalsozialismus (Kapitel 2). Danach werden die dienstlichen Werdegänge der Mülheimer Oberbürgermeister der Jahre 1933 bis 1945 betrachtet und verglichen, da das Amt des Oberbürgermeisters als Spitze der Stadtverwaltung von besonderem Interesse ist (Kapitel 3). Im Anschluss werden die Aufgabengebiete sowie Veränderungen der Aufgaben und betreffende Gesetzesänderungen von einzelnen, ausgewählten Ämtern der Stadtverwaltung näher beleuchtet. Es handelt sich um die Feuerwehr (Kapitel 4), das Schulamt (Kapitel 5) und die Stadtkasse (Kapitel 6). Die Betrachtung der einzelnen Ämter wird jeweils um eine detaillierte Dienstbiografie einer Person ergänzt, die früher dort beschäftigt war. Die Arbeit schließt mit einem Fazit (Kapitel 7) ab, in dem die Ergebnisse in Hinblick auf das Forschungsinteresse zusammengefasst werden. 6 Vgl. Stadt Mülheim an der Ruhr (2019). Das Projekt „Stolpersteine“ in Mülheim an der Ruhr. URL: 2019. 3 Einleitung 5 2. Überblick über die historische Entwicklung Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die Geschichte der Stadt Mülheim an der Ruhr und ihrer Verwaltung zu Zeiten des Nationalsozialismus gegeben. 2.1 Stadtgeschichte Um die lokalhistorischen Ereignisse besser einordnen zu können, werden zuerst die gesamtdeutschen Vorgänge kurz dargestellt. Auf Staatsebene wurde der Nationalsozialist Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt.7 Der Reichstag wurde am 1. Februar 1933 aufgelöst8 und in der Folgezeit die Staatsverfassung durch verschiedene Verordnungen zur Festigung des nationalsozialistischen Machtanspruches immer weiter ausgeschaltet.9 Auf kommunalpolitischer Ebene hatte die NSDAP jedoch bisher nicht allzu große Wahlerfolge verbuchen können. Daran wurde nun mithilfe staatlicher und lokaler Maßnahmen gearbeitet. Einerseits 7 Vgl. Bracher, K. D., Sauer, W. & Schulz, G. (Hrsg.) (1960). Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/34. 1. Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 47. (künftig zitiert: Bracher et al., 1960). 8 Vgl. ebd., S. 50. 9 Vgl. ebd., S. 86ff. wurden die Kommunalwahlen auf den 12. März 1933 vorverlegt und andererseits Wahlwerbung durch Ortsgruppen betrieben, teilweise auch Gewalt und Drohungen angewandt.10 So zogen beispielsweise Anfang März Anhänger des Nationalsozialismus begleitet von einem Musikzug durch Mülheim an der Ruhr, um ihre Wahlsiege zu feiern. Es wurde eine Festrede auf dem Mülheimer Rathausplatz gehalten und vielerorts wehten Hakenkreuzfahnen, vor allem an öffentlichen Gebäuden wie dem Rathausturm. Anfang März 1933 wurden zudem 200 Bereitschaftspolizisten nach Mülheim an der Ruhr entsandt, die zu 80 % aus SA- und SS-Angehörigen bestanden. In einer Razzia nahm dieser Polizeitrupp stadtweit 100 Angehörige der gegnerischen Partei KPD in Schutzhaft, wodurch die Gewaltanwendung seitens des neuen Regimes erstmalig auch in Mülheim an der Ruhr offenkundig wurde.11 Zeitgleich gab es einflussreiche Mülheimer, die die NSDAP unterstützten wie die Industriellen Fritz Thyssen und Emil Kirdorf.12 Anlässlich der Geburtstage von Kirdorf sollte Hitler Mülheim an der Ruhr in den Folgejahren des Öfteren einen Besuch abstatten.13 Am 12. März 1933 fanden in Mülheim an der Ruhr die Kommunalwahlen bereits unter dem Einfluss der NSDAP statt. Politische Gegner wurden behindert und unmittelbar vor den Wahllokalen hatten sich Gruppen von Nationalsozialisten zur Einschüchterung versammelt. Auch nach der Wahl wurden politische Gegner weiterhin verfolgt und ausgeschaltet.14 Außerdem wurde versucht die Gunst der Bevöl- 10 Vgl. Mann, T. & Püttner, G. (2007). Handbuch der kommunalen Wissenschaft und Praxis. 3. Auflage. Heidelberg: Springer, S. 120. (künftig zitiert: Mann & Püttner, 2007). 11 Vgl. Mühlenfeld, D. (2004). 70 Jahre „Machtergreifung“ in Mülheim an der Ruhr. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 2004. Mülheim an der Ruhr: Thierbach, S. 221ff. (künftig zitiert: Mühlenfeld, 2004). 12 Vgl. Emons, T. (2010). Tage, die Mülheim veränderten – ein stadtgeschichtliches Lesebuch. In Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). (84/2010), S. 102. (künftig zitiert: Emons, 2010). 13 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 1. 14 Vgl. Kaufhold, 2006, S. 98f. 6 Überblick über die historische Entwicklung kerung durch verschiedene Verbände und Aktivitäten zu gewinnen. So war der Mülheimer Alltag zwischenzeitlich von nationalsozialistischen „Aufmärsche[n], Fackelzüge[n], Kundgebungen und Unruhen“15 geprägt.16 Die gegnerischen Parteien wurden nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes durch die Regierung 1933 endgültig aufgelöst.17 Mülheim an der Ruhr war 1933 zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nationalsozialisten stark verschuldet, hatte hohe Sozialausgaben für bedürftige Bürgerinnen und Bürger zu tragen und die Arbeitslosenzahlen befanden sich auf einem Hochpunkt.18 Wie in vielen anderen Städten Deutschlands19 wurden Adolf Hitler ebenso in Mülheim an der Ruhr 1933 die Ehrenbürgerrechte verliehen. 1933 waren etwa 450 Mülheimerinnen und Mülheimer jüdisch. 1936 waren es durch Abwanderungen nur noch 328 Personen20 und im November 1943 galt Mülheim an der Ruhr durch weitere Abwanderungen und Deportationen als judenfrei.21 In der Pogromnacht 1938 wurde zudem die Mülheimer Synagoge in Brand gesteckt, worauf in Kapitel 2.2 und Kapitel 4 noch expliziter eingegangen wird. Auch der Zweite Weltkrieg betraf die Stadt: In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 fand der folgenreichste Luftangriff auf Mülheim an der Ruhr statt. Durch das alliierte Bombardement und die entstandenen Brände wurden in dieser Nacht 77 % der innerstädtischen Gebäude beschädigt. US-amerikanische Truppen zogen am 11. April 1945 in die Stadt ein und beendeten damit den Zweiten Weltkrieg für Mülheim 15 Wickrath, K. (1986). Großflugtag mit „Graf Zeppelin“ brachte die meisten Zuschauer. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 1986. Duisburg: WAZ-Druck, S. 134. (künftig zitiert: Wickrath, 1986). 16 Vgl. ebd., S. 134 und Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 1. 17 Vgl. Kaufhold, 2006, S. 98f. 18 Vgl. Emons, 2010, S. 102. 19 Vgl. Mühlenfeld, 2004, S. 226. 20 Vgl. Ortmanns, K. (1992). Mülheim an der Ruhr. Kurzinformationen aus 1100 Jahren. 1. Auflage. Mülheim an der Ruhr: Thierbach, S. 40. (künftig zitiert: Ortmanns, 1992). 21 Vgl. Squarr-Tittgen, C. (2019). Kaufmann, Gustav u. Julia, S. 4. URL: 2019. 7 Stadtgeschichte an der Ruhr. Das amerikanische Militär wurde allerdings schon zwei Monate später durch britische Soldaten abgelöst.22 Durch den Zweiten Weltkrieg kamen rund 3.500 Mülheimer Soldaten und über 1.000 Zivilisten ums Leben. Ferner wurden nach 1945 etwa 2.700 Mülheimer Soldaten sowie 400 Zivilisten vermisst. Damit starben knapp 6 % der Mülheimer Einwohnerinnen und Einwohner und weitere 4,5 % wurden vermisst, wenn man die Zahlen mit der Bevölkerungsanzahl vor Kriegsbeginn vergleicht. Nach der Befreiung durch die Alliierten bedeckten 800.000 m2 Schutt die Stadt, die Zerstörungsrate der Wohngebäude betrug 27 %, je nach Stadtgebiet sogar bis zu 44 %.23 2.2 Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr Auch innerhalb der Stadtverwaltung standen ab 1933 Veränderungen durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten an. Zu Beginn des Dritten Reiches wurden vielerorts „unliebsame Kommunalbeamte“24 aus ihren Ämtern gedrängt. So der Beigeordnete Arthur Brocke, Oberbürgermeister Alfred Schmidt und weitere hochrangige Mitglieder der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr. Die Dienstbiografie von Schmidt wird im Folgenden noch detailliert betrachtet (Kapitel 3.1). Ein beliebtes Mittel zur Entfernung aus dem öffentlichen Dienst war die Rufschädigung durch falsche juristische Anschuldigungen. Bei den Angeklagten handelte es sich meist um „juristisch geschulte, verwaltungserfahrene Fachleute mit gutem Ruf “,25 die häufig trotz der falschen Beschuldigungen versuchten politische Neutralität zu wahren.26 So wurden in Mülheim an der Ruhr anonyme Anzeigen gestellt, 22 Vgl. Ortmanns, 1992, S. 41. 23 Vgl. ebd., S. 41ff. 24 Mühlenfeld, 2004, S. 223. 25 Ebd., S. 223. 26 Vgl. ebd., S. 223. 8 Überblick über die historische Entwicklung dass kommunale Politiker und hochrangige Beamte städtische Gelder missbraucht oder sie deren zweckfremde Verwendung wissentlich gebilligt hätten. Die Vorwürfe gegen die Angeklagten erwiesen sich in Mülheim an der Ruhr, wie auch in den meisten anderen Städten, als ungerechtfertigt und rein politisch motiviert. Sie führten jedoch in der Regel zum seitens der NSDAP angestrebten Rufmord. In Mülheim an der Ruhr wurde dem fälschlich angeklagten Oberbürgermeister Schmidt nach Erhebung der Beschuldigungen der Nationalsozialist Wilhelm Maerz als Staatskommissar zur Unterstützung und Vertretung zur Seite gestellt. Die Anweisung war vom übergeordneten Gauleiter ergangen. Auch die Dienstbiografie von Maerz wird an späterer Stelle noch genauer betrachtet (Kapitel 3.2). Die erhobenen Anschuldigungen gegen Oberbürgermeister Schmidt und die weiteren Beschuldigten erwiesen sich als komplett haltlos, führten jedoch teilweise zu Rücktritten und Entlassungen. Für weitere Entlassungen wurde das neu geschaffene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 genutzt, das sich unter anderem gegen „politisch unzuverlässige“27 und jüdische Beamtinnen und Beamte richtete.28 Betroffen waren häufig Mitglieder der gegnerischen Parteien KPD und SPD, die meist aus dem Dienst entfernt wurden. Zudem wurden durch die neue Gesetzeslage vorgezogene Pensionierungen aus Dienstgründen oder zur Vereinfachung der Verwaltung möglich.29 Sowohl die NSDAP als auch städtische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legten Maerz in der Folgezeit Namen und sogar ganze Listen mit zu entlassenden städtischen Kolleginnen und Kollegen vor. Betroffen waren weiterhin Mitglieder von anderen Parteien als der NSDAP, es konnte allerdings auch jeder unliebsame Kollege denun- 27 Mühlenfeld, 2004, S. 225. 28 Vgl. ebd., S. 224f. 29 Vgl. Mann & Püttner, S. 121. 9 Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr ziert werden. In die freigewordenen Positionen rückten in der Mülheimer Stadtverwaltung meist Nationalsozialisten nach, vor allem langjährige Parteimitglieder sollten bevorzugt eingestellt werden. Es galt sogar eine Quote an Neueinstellungen für diese Personengruppe zu erfüllen und die NSDAP vermittelte ihren Mitgliedern vielfach Arbeit, vor allem Beschäftigungsverhältnisse im öffentlichen Dienst.30 Die verbliebenen Arbeiter, Angestellten und Beamten der Stadtverwaltung mussten Treueeide sowie Prüfungen der politischen Zuverlässigkeit bezüglich ihrer nationalsozialistischen Gesinnung ablegen.31 Sie mussten hierzu Fragebögen ausfüllen32 und ihre arische Abstammung nachweisen.33 Diese Angaben wurden dann von Staatskommissar Maerz und der Kreisleitung der NSDAP gemeinsam auf Maßnahmen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums überprüft.34 Jüdinnen und Juden wurden in der Regel aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen, wie noch anhand der Dienstbiografie der Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal aufgezeigt wird (Kapitel 5.2). Außerdem erging bereits ab 1933 innerhalb der Mülheimer Verwaltung das Verbot städtische Einkäufe in jüdischen Geschäften zu tätigen und öffentliche Aufträge an jüdische Firmen zu vergeben,35 wodurch Jüdinnen und Juden wirtschaftlich diskriminiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde. Im Vorfeld der Reichspogromnacht hatte die jüdische Gemeinde ihre Synagoge im Jahr 1938 aus Geldnot durch die nationalsozialistischen 30 Vgl. Mühlenfeld, 2004, S. 224ff. 31 Vgl. VVN BdA (Hrsg.) (2005). Widerstand und Verfolgung 1933 bis 1945 in Mülheim an der Ruhr. 1. Auflage. Mülheim an der Ruhr: s. n., S. 10. (künftig zitiert: VVN BdA, 2005). 32 Vgl. StAMH 1200/1011, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Bl. 2f. 33 Vgl. ebd., Familien-Nachweis, unpaginiert. 34 Vgl. ebd., Bl. 23. 35 Vgl. Doetsch, D., Doetsch M., Herzogenrath, H., Schröer, K. (1987). 1933 bis 1945 Widerstand und Verfolgung in Mülheim an der Ruhr. 1. Auflage. Duisburg: Selbstverlag, S. 70. (künftig zitiert: Doetsch et al., 1987). 10 Überblick über die historische Entwicklung Repressalien veräußern müssen, Käufer war die städtische Sparkasse. Im Rahmen der Pogromnacht setzte die städtische Feuerwehr die Synagoge schließlich in Brand und zerstörte somit ein Gebäude, das sich in städtischem Besitz befand.36 Mülheims Beamtenschaft galt als „traditionell konservativ“,37 wie auch landesweit. Sie stimmte mit den Nationalsozialisten darin überein, dass Deutschland wieder seine frühere staatliche Bedeutung gewinnen sollte. Gerade jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung sympathisierten mit dem neuen Regime, da es ihnen bessere Aufstiegschancen bot, als die vorherige finanzschwache Weimarer Republik es konnte. Der Beamteneid wurde in der Folgezeit auf Adolf Hitler persönlich abgelegt und bot den Beamtinnen und Beamten Legitimität für ihr Verwaltungshandeln.38 Über das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums hinaus trat 1933 ebenso das Gesetz zur Minderung der Arbeitslosigkeit durch die Überführung weiblicher Arbeitskräfte in die Hauswirtschaft in Kraft. In Ergänzung wurde auch das Beamten- und Versorgungsrecht angepasst, sodass die Verbeamtung von Frauen ausgebremst wurde und familiär abgesicherte Beamtinnen zu entlassen waren. Die Arbeitslosigkeit wich allerdings ab etwa 1936 einem weitverbreiteten Mangel an Arbeitskräften, sodass die Regelungen zur vormals forcierten Entlassung von Mitarbeiterinnen entschärft und entlassene Frauen oftmals wiedereingestellt wurden.39 Bis Ende 1940 waren im Rahmen des Zweiten Weltkrieges bereits knapp 240 Verwaltungsmitarbeiter zur Wehrmacht eingezogen worden. Um die entstanden Lücken zu schließen, sollten unter anderem Ruhestandsbeamte wie der Stadtamtmann Peter Dreis (Kapitel 6.2) wieder aktiviert werden, insofern die Personen als politisch zuver- 36 Vgl. VVN BdA, 2005, S. 26. 37 Mühlenfeld, 2004, S. 227. 38 Vgl. ebd., S. 227f. 39 Vgl. Doetsch et al., 1987, S. 179–182. 11 Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr lässig galten.40 Zudem verblieben einige Beamtinnen und Beamte, freiwillig oder unter Druck, auch nach Erreichen des Ruhestandsalters im Dienst der Stadt.41 40 Vgl. StAMH 1200/1514, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Bl. 20. 41 Vgl. ebd., Beamte, die nach Vollendung des 65. Lebensjahres im Dienst verblieben sind, Stand August 1944, unpaginiert. 12 Überblick über die historische Entwicklung 13 3. Oberbürgermeister Der Oberbürgermeister bzw. die Oberbürgermeisterin repräsentiert auch heutzutage die jeweilige Gemeinde und leitet die Ratsangelegenheiten. Sie oder er hat somit eines der wichtigsten Ämter jeder Stadtverwaltung inne. Die Stadt Mülheim an der Ruhr hatte in den Jahren 1933 bis 1945 drei verschiedene Oberbürgermeister, deren Lebens läufe im Folgenden betrachtet werden. Durch Änderungen im Kommunalrecht wurden 1933 die Rechte und Befugnisse der Gemeindeoberhäupter gemäß dem Führerprinzip umstrukturiert, sodass die wichtigsten Entscheidungen fortan in den Kompetenzbereich des Oberbürgermeisters fielen. Die Gauleitung vertrat in der Regel übergeordnet und die Kreisleitung lokal die Interessen der NSDAP und wirkte neben dem Oberbürgermeister in wichtigen Personalangelegenheiten mit, auch bezüglich der Gemeinderäte. Die einzelnen Ratsmitglieder hatten vorher eine Beschlusskörperschaft gebildet, durch welche sie die Bürgerinnen und Bürger vertraten. Diese Befugnisse waren allerdings abgeschafft worden und die Räte hatten ab 1933 lediglich noch eine beratende Funktion für den Oberbürgermeister,42 der stark an Macht und Einfluss gewonnen hatte. 42 Vgl. Mann & Püttner, S. 125. 3.1 Alfred Schmidt (Oberbürgermeister bis 1933) Alfred Schmidt war zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Mülheims Stadtoberhaupt. Er wurde am 13. November 1880 in Karlsruhe geboren.43 Schmidt studierte Rechtswissenschaften und war bei den Verwaltungen Essen,44 Preußen und Berlin beschäftigt, wo er bis zum Steuerdirektor aufstieg.45 Er war mit seiner Frau Herta verheiratet und wurde im Laufe seines Lebens Vater von fünf Kindern.46 3.1.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung Ab 1913 wurde Schmidt zum Beigeordneten der Stadt Mülheim an der Ruhr gewählt.47 1928 wurde er dann zu einem der Mülheimer Bürgermeister ernannt48 und bemühte sich im gleichen Jahr um die vakante Stelle des Mülheimer Oberbürgermeisters, nachdem der vorherige Oberbürgermeister Paul Lembke den Posten aus Altersgründen verlassen hatte.49 Er wurde zuerst vorläufig als Lembkes Nachfolger berufen50 und schließlich 1930 endgültig zum Oberbürgermeister gewählt.51 Seine Amtsperiode sollte eigentlich zwölf Jahre andauern.52 1933 übernahmen jedoch die Nationalsozialisten die Macht, was sich nicht 43 Vgl. StAMH 1210/16 (1), Personalakte Alfred Schmidt, Auszug aus dem Strafregister vom 7. Juni 1920, unpaginiert. 44 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 186. 45 Vgl. StAMH 1210/16 (1), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 12. 46 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 186. 47 Vgl. StAMH 1210/16 (1), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 15. 48 Vgl. ebd., Bl. 166. 49 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 184f. 50 Vgl. ebd., Bl. 258. 51 Vgl. ebd., Bl. 191. 52 Vgl. ebd., Bl. 201. 14 Oberbürgermeister nur auf der Staatsebene bemerkbar machte, sondern sich auch auf die kommunale Ebene vieler Städte und Gemeinden auswirkte. So war die Ernennung von nationalsozialistisch gesinnten Staatskommissaren 1933 in vielen Gemeinden üblich. Ebenso geschah es auch in Mülheim an der Ruhr. Ab dem 31. März 1933 wurde das NSDAP-Mitglied Wilhelm Maerz, der eigentlich bei der Reichsbahn beschäftigt war, als Kommissar zur Unterstützung und Vertretung des Mülheimer Oberbürgermeisters Schmidt bestellt.53 Die dienstliche Biografie von Maerz selbst wird in einem der nachfolgenden Abschnitte gesondert betrachtet (Kapitel 3.2). Im April 1933 wurde gegen Oberbürgermeister Schmidt eine anonyme Strafanzeige gestellt, da er angeblich in der Vergangenheit städtische Gelder auf falsche Konten überweisen lies. Zudem wurde ihm vorgeworfen, dass er diese Geldflüsse vor dem Rechnungsprüfungsamt verborgen und Unregelmäßigkeiten bei den Finanzangelegenheiten anderer hochrangiger Bediensteter der Stadt nicht pflichtgemäß verfolgt hätte.54 Schmidt wurde daraufhin auf eigenen Antrag ab dem 1. April 1933 als Oberbürgermeister beurlaubt.55 Es war nach der nationalsozialistischen Machtübernahme üblich, dass Korruptionsvorwürfe gegen Oberbürgermeister, Kommunalpolitiker und hochrangige Verwaltungsmitarbeiter erfolgten, um diese aus dem Dienst zu drängen oder sie offiziell aus dem Dienst entfernen zu können. Die frei gewordenen Positionen wurden häufig mit fachfremden SS-, SA- und NSDAP-Mitgliedern besetzt, die oft nicht die Qualifikationen aufweisen konnten, die dem jeweiligen Tätigkeitsprofil entsprachen.56 Im Juli 1933 wurde der beurlaubte Schmidt jedoch von allen zuvor genannten Vorwürfen freigesprochen und das Verfahren wurde ein- 53 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 1. 54 Vgl. StAMH 1210/16 (5), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 1f. 55 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 29. 56 Vgl. Mann & Püttner, S. 120. 15 Alfred Schmidt gestellt.57 Seine Dienstaufwandsentschädigungen erhielt er trotzdem schon ab dem 1. Juli 1933 nicht mehr. Die offizielle Beurlaubung vom Dienst als Oberbürgermeister erfolgte am 7. Juli 1933.58 Mit Schreiben vom 10. Juli 1933 wurde Schmidt schließlich eröffnet, dass er gemäß § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zur Vereinfachung der Verwaltung in den Ruhestand versetzt werden sollte, auch wenn keine Dienstunfähigkeit vorlag. Zwar wurde Schmidt eine Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt, der Rechtsweg war für ihn allerdings ausgeschlossen. Diese Handhabe zum Ausschluss von Personen aus Kommunalverwaltungen wurde bereits im Kapitel 2.2 kurz thematisiert. In Übereinstimmung mit der Kreisleitung der NSDAP unterzeichnete der Staatskommissar Maerz die endgültige Pensionierung von Schmidt, welche damals mit dienstlichem Interesse der Stadtverwaltung begründet wurde. Schmidt sollte ab dem 1. Januar 1934 unter Zahlung eines Ruhegehaltes in den Ruhestand übertreten und ihm und seiner Familie wurde zugestanden die bisherige Dienstwohnung künftig als Mietwohnung zu behalten.59 Staatskommissar Maerz wurde schließlich zum Nachfolger von Schmidt als Oberbürgermeister.60 3.1.2 Werdegang nach der Pensionierung Schmidt hatte sich unter anderem 1934 mit der Schrift „Blut und Boden im Recht des deutschen Volkes“ wissenschaftlich betätigt, welche gänzlich den nationalsozialistischen Gütekriterien des Rasse- und Siedlungs- 57 Vgl. StAMH 1210/16 (5), Personalakte Alfred Schmidt, Schreiben Regierungpräsident Düsseldorf vom 28. Juli 1933 und Verfügung Oberstaatsanwaltschaft vom 11. August 1933, unpaginiert. 58 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 228f. 59 Vgl. ebd., Bl. 232 und 246f. 60 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 34. 16 Oberbürgermeister amtes entsprach.61 Außerdem verzog er 1936 mit seiner Familie nach Bayern.62 Im gleichen Jahr kontaktierte die Kreisleitung der NSDAP die Stadtspitze, um zu erwirken, dass der pensionierte Oberbürgermeister Schmidt wieder bei der Stadtverwaltung beschäftigt wird. Er sei 1933 nicht aus politischen Gründen entlassen worden und sei voraussichtlich in der Lage in einer anderen Position, als der des Oberbürgermeisters, wertvolle Arbeit für die Stadt Mülheim an der Ruhr zu erbringen. Hauptziel war es damals Schmidts hohes Ruhegehalt einzusparen,63 indem er z. B. im Schul- oder Kulturdienst der Stadt weiter beschäftigt würde.64 Bis 1938 hatte sich jedoch noch keine Wiederverwendung für Schmidt ergeben und er nahm privat eine geringfügige Nebenbeschäftigung an, wahrscheinlich beim Wehrmeldeamt in Bad Reichenhall. Das dortige Gehalt war so niedrig, dass seine städtische Pension nicht gekürzt wurde.65 1939 wurde Schmidt schließlich zur Wehrmacht eingezogen und aufgrund des dortigen Lohns wurde sein städtisches Ruhegehalt gekürzt.66 Er schied 1943 jedoch wieder aus dem aktiven Wehrdienst aus und wurde erneut beim Wehrmeldeamt in Bad Reichenhall beschäftigt. Seine dortige Bezahlung führte diesmal zur weiteren Kürzung des Mülheimer Ruhegehalts.67 1945 meldete Schmidt schließlich, dass seine zivile Tätigkeit beim Wehrmeldeamt Anfang Mai 1945 erloschen war, vermutlich wegen des nahenden Kriegsendes. Seine Pension seitens der Stadt wurde ab diesem Zeitpunkt wieder in vollem Umfang ausgezahlt. Außerdem erreichte Schmidt 1945 das Alter, in dem er bei der Stadt regulär pensioniert worden wäre, wenn er nicht schon 1934 verfrüht in den Ruhestand gedrängt worden wäre. 61 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 258. 62 Vgl. ebd., Bl. 347. 63 Vgl. ebd., Bl. 253. 64 Vgl. ebd., Bl. 254f. 65 Vgl. ebd., Bl. 267. 66 Vgl. ebd., Bl. 270f. 67 Vgl. ebd., Bl. 295. 17 Alfred Schmidt 1946 wurde Schmidts Pension schließlich eingestellt, da ihm vorgeworfen wurde, erheblich mit nationalsozialistischem Gedankengut sympathisiert zu haben.68 Daraufhin bat Schmidt das Mülheimer Personalamt um Übersendung eines Fragebogens zur Entnazifizierung.69 Da ihm im weiteren Verlauf seine Pension wieder ausgezahlt wurde, schien seine Entnazifizierung erfolgreich verlaufen zu sein. 1952 stellte Schmidt einen Antrag auf Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes.70 Er wurde daraufhin seitens der Stadtverwaltung darauf aufmerksam gemacht, dass er bereits den höchstmöglichen Pensionssatz bezog und sich durch den Antrag auf Wiedergutmachung für ihn keine weiteren finanziellen Vorteile ergeben würden. Damit versprach eine eventuelle Wiedergutmachung keine Erfolgsaussichten71 und Schmidt nahm den Antrag wieder zurück.72 Er verstarb 1956 in Bayern, wo er zuletzt mit seiner Familie wohnhaft gewesen war,73 und seine Witwe bezog bis zu ihrem Tod 1963 Versorgungsbezüge von der Mülheimer Stadtverwaltung.74 Zusammenfassend ist festzustellen, dass Schmidts Karriere bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendet wurde, obwohl er sich nicht explizit entgegen der nationalsozialistischen Weltanschauung positioniert hatte und nicht aufgrund von rassistischen oder religiösen Motiven verfolgt wurde. 68 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 297ff. 69 Vgl. ebd., Schreiben Schmidt an Personalamt vom 20. September 1946, unpaginiert. 70 Vgl. ebd., Bl. 320. 71 Vgl. ebd., Bl. 322f. 72 Vgl. ebd., Bl. 325. 73 Vgl. ebd., Bl. 345. 74 Vgl. ebd., Verfügung vom 6. November 1963, unpaginiert. 18 Oberbürgermeister 3.2 Wilhelm Maerz (Oberbürgermeister 1933–1936) Wilhelm Maerz wurde am 29. Oktober 1893 in Düsseldorf geboren.75 Im Ersten Weltkrieg hatte er über vier Jahre gekämpft.76 Seit 1921 war er mit seiner Frau Maria verheiratet und sie waren Eltern eines Sohnes. Er war seit 1924 Reichsbahninspektor und trat 1930 in die NSDAP ein, die er ab 1931 politisch durch Wahlwerbung als Reichsredner öffentlichkeitswirksam vertrat.77 Er hatte einen Ruf als „bewährter, langjähriger Kämpfer der nationalen Bewegung“, der nicht nur „jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintritt, sondern der darüber hinaus wie bisher an führender Stelle nach jeder Richtung hin die Ziele des nationalen Staates unterstützt und fördert“.78 3.2.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung Maerz wurde ab dem 31. März 1933 zum Staatskommissar zur Unterstützung und Vertretung des Oberbürgermeisters Schmidt bestellt.79 Nach Schmidts Ausscheiden aus der Stadtverwaltung wurde Maerz im September kommissarisch in das Amt des Oberbürgermeisters eingewiesen und übernahm ab Oktober regulär den Posten als Oberbürgermeister Mülheims.80 75 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 2f. 76 Vgl. ebd., Abschrift Übersicht Ruhegehalt Reichsbahn vom 2. Februar 1935, unpaginiert. 77 Vgl. ebd., Auszug aus dem Strafregister vom 10. November 1934, unpaginiert. 78 Vgl. ebd., Bl. 40. 79 Vgl. ebd., Bl. 1. 80 Vgl. ebd., Abschrift Schreiben Preussischer Minister des Innern vom 19. Dezember 1934, unpaginiert. 19 Wilhelm Maerz Somit war Maerz vom 31. März 1933 bis zum 3. Oktober 1933 erst als Staatskommissar und dann als kommissarischer Oberbürgermeister im Dienst der Stadt Mülheim an der Ruhr beschäftigt. Seine Betätigung als Oberbürgermeister schloss sich nahtlos daran an.81 Die Ernennung von nationalsozialistisch gesinnten Kommissaren war 1933 in vielen deutschen Gemeinden üblich. Die Kommissare waren häufig ehrenamtlich tätig, eine Vergütung war jedoch nicht ausgeschlossen. So erhielt Maerz zuerst nur den Ersatz seiner Auslagen sowie eine Dienstaufwandsentschädigung, ab September als kommissarischer Oberbürgermeister ein Diensteinkommen inklusive der Dienstaufwandsentschädigung und ab Oktober 1933 schließlich das reguläre Gehalt eines Oberbürgermeisters. Zusätzlich wurden wie üblich Wohnungsgeld, der örtliche Sonderzuschlag, Kinderbeihilfe und eine Dienstaufwandsentschädigung gezahlt sowie eine Dienstwohnung für ihn und seine Familie bereitgestellt.82 Maerz wurde solange unter Fortzahlung seiner Bezüge von der Reichsbahn beurlaubt, bis er ein geregeltes Diensteinkommen als Oberbürgermeister erzielte.83 Auch danach wurde er noch für ein weiteres Jahr für seine neue Tätigkeit beurlaubt, diesmal jedoch von vornherein unter Wegfall der Dienstbezüge seitens der Reichsbahn. Nach Ablauf des zweiten Zeitraums erfolgte keine weitere Beurlaubung mehr durch die Reichsbahn.84 Maerz und seine Familie hatten zuvor in der Nachbarstadt Essen gewohnt und die Umzugskosten in die Mülheimer Dienstwohnung wurden von der Stadtverwaltung übernommen.85 Ende 1933 legte Maerz schließlich seinen Beamteneid ab.86 Er wurde allerdings schon 81 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Schreiben Personalamt vom 23. April 1964, unpaginiert. 82 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 5f. 83 Vgl. ebd., Bl. 29. 84 Vgl. ebd., Bl. 47. 85 Vgl. ebd., Bl. 65. 86 Vgl. ebd., Bl. 60. 20 Oberbürgermeister im August 1934 erneut vereidigt, diesmal auf Adolf Hitler. Der neue Beamteneid lautete wie folgt: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“87 3.2.2 Ausscheiden aus dem städtischen Dienst Bis Mitte der 1930er Jahre hatte Maerz sich privat verschuldet, wie unter  anderem dem Kreisamtsleiter der NSDAP und der übergeordneten Aufsichtsbehörde in Düsseldorf bekannt geworden war.88 Maerz hatte sich darüber hinaus als überfordert mit der Leitungsposition der Stadt und Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr erwiesen, da er vollkommen unqualifiziert und ohne Verwaltungspraxis war. Hierdurch ergaben sich für die Stadt ernsthafte finanzielle Probleme und die Verschuldung war bis 1936 weiter angestiegen. Außerdem hatte sein öffentliches Ansehen großen Schaden genommen und es beschwerten sich vermehrt Bürger über Maerz.89 Maerz trat unter diesem Druck von seinem Amt zurück und leitete am 26. Mai 1936 seine letzte Ratssitzung als Oberbürgermeister. Ihm wurde öffentlich noch einmal von der Kreisleitung der NSDAP für seine schwierige Arbeit nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gedankt.90 Maerz sagte zu, auf Gehalts- und Ruhegeldansprüche gegenüber der Stadt Mülheim an der Ruhr zu verzichten, insofern er wieder in 87 StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 68. 88 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Verfügung Oberbürgermeister vom 3. November 1936, unpaginiert. 89 Vgl. Stadt Mülheim an der Ruhr (2019). Mülheims Stadtoberhäupter. Wilhelm Maerz. URL: 2019. 90 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 72, Ausschnitt Rheinisch-Westfälische Zeitung vom 27. Juni 1936. 21 Wilhelm Maerz den Dienst der Reichsbahn zurückkehren könnte. Zusätzlich wurde ihm seitens der Stadt eine Abfindung von 1.500 Reichsmark in Aussicht gestellt.91 Diese Summe kritisierte Maerz allerdings als zu gering, sodass der Betrag nach intensiven Verhandlungen schlussendlich auf 3.600 Reichsmark angehoben wurde.92 Eigentlich sollte Maerz zum September 1936 aus der Stadtverwaltung ausscheiden. Seine anschließende Weiterbeschäftigung bei der Reichsbahn sollte in Kürze erfolgen, ein genauer Zeitpunkt stand damals allerdings noch nicht fest und die vereinbarte Abfindungssumme sollte in der Zwischenzeit seine Versorgung und die seiner Familie sicherstellen.93 Die Stadt musste Maerz jedoch noch bis November weiterbeschäftigen und ihm überplanmäßig weiterhin Gehalt auszahlen, da sich erst zu diesem Zeitpunkt klärte, dass Maerz seinen Dienst bei der Reichsbahn tatsächlich wieder antreten konnte, allerdings erst zum 1. Januar 1937. Eine nochmals verlängerte Weiterbeschäftigung bei der Stadt bis Januar galt aus kommunalpolitischer Sicht als unmöglich, da die Stelle des Oberbürgermeisters dringend neu zu besetzen war.94 So schied Maerz am 2. November 1936 schließlich aus seinem Dienstverhältnis als Oberbürgermeister der Stadt Mülheim an der Ruhr aus. Aufgrund der bereits erwähnten Abfindung machte er keine weiteren finanziellen Ansprüche für die Übergangszeit bis Januar gegenüber der Stadtverwaltung geltend95 und räumte seine Dienstwohnung.96 Seine Wiedereinstellung bei der Reichsbahn erfolgte im mittleren Dienst,97 was eine eindeutige Schlechterstellung verglichen zu seiner vorherigen Tätigkeit als Oberbürgermeister darstellte. Deswegen 91 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 80. 92 Vgl. ebd., Bl. 90ff. 93 Vgl. ebd., Bl. 84. 94 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 86. 95 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 85. 96 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 86. 97 Vgl. ebd., Verfügung Oberbürgermeister vom 3. November 1936, unpaginiert. 22 Oberbürgermeister wurde Maerz zusätzlich eine interne Ausbildung bei der Reichsbahn angeboten, um ihm künftig wieder Zugang zu höheren Positionen ermöglichen zu können. Daran geknüpft wurde ihm für die Zukunft die Stellung eines Oberinspektors bei der Reichsbahn in Aussicht gestellt.98 Über seinen weiteren Werdegang ist wenig bekannt. Maerz starb vermutlich im Februar 1945 in Dresden.99 Abschließend ist festzustellen, dass Maerz aufgrund seiner Parteizugehörigkeit trotz fehlender Qualifizierung in den Dienst der Stadt gelangt ist. Diesen musste er schließlich wegen seines Fehlverhaltens und der fehlenden Ausbildung nach mehreren Jahren wieder niederlegen. 3.3 Edwin Hasenjaeger (Oberbürgermeister ab 1936) Edwin Renatus Hasenjaeger wurde am 27. Oktober 1888 in Cammin in Pommern geboren. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften und schloss das Studium, unterbrochen von seinem vierjährigen Einsatz im Ersten Weltkrieg, mit der zweiten juristischen Staatsprüfung ab. Er und seine Ehefrau Gertrude hatten drei Kinder. Seit 1925 war Hasenjaeger zum Oberbürgermeister der Stadt Stolp in Pommern gewählt gewesen. Dort hatte er sich jedoch nach der Macht- übernahme der Nationalsozialisten politisch unliebsam gemacht, indem er beispielsweise die lokale Polizei beauftragt hatte jüdische Geschäfte vor Maßnahmen durch Anhänger des Nationalsozialismus zu schützen. Daher wurde er mit Hilfe des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ab Mai 1933 als Oberbürgermeister zwangsbeurlaubt und schließlich in den Ruhestand versetzt. Mit Hilfe des- 98 Vgl. StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 87. 99 Vgl. ebd., Anfrage Oberfeldarzt Dr. Deussen vom 16. April 1964, unpaginiert. 23 Edwin Hasenjaeger selben Gesetzes wurde damals in Mülheim an der Ruhr, wie bereits in Abschnitt 3.1.1 erwähnt, etwa zeitgleich Oberbürgermeister Schmidt aus dem Amt gedrängt. Auf Veranlassung des preußischen Innenministers100 wurde Hasenjaeger trotz seiner vorherigen Entlassung aus dem Amt der Stadt Stolp ab August 1933 zum kommissarischen Oberbürgermeister der Stadt Rheydt in Nordrhein-Westfalen berufen.101 Rheydt hatte zuvor zu Gladbach gehört, die Gemeinde wurde jedoch 1933 kreisfrei und damit eigenständig, sodass die Stelle des Oberbürgermeisters unbesetzt war. Für Rheydt wurde ein Fachmann mit Erfahrung gesucht, der die maroden städtischen Finanzen wieder in Stand setzen konnte. Während seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister in Stolp hatte Hasenjaeger dort schon für die Sanierung des städtischen Haushalts gesorgt und sollte dies nun auch in Rheydt bewerkstelligen.102 Hasenjaeger wurde demnach aufgrund seiner Expertise im Finanzwesen zum Oberbürgermeister Rheydts berufen, obwohl er zuvor in Stolp aus genau diesem Amt entfernt wurde und immer noch nicht der NSDAP beigetreten war,103 wie es viele seiner Zeitgenossen taten. Nach der kommissarischen Amtsausübung in Rheydt erfolgte Hasenjaegers reguläre Ernennung zum Oberbürgermeister am 30. Dezember 1933.104 100 Vgl. StAMH 1615/1, Entnazifizierung Edwin Hasenjaeger, Lebenslauf, unpaginiert. 101 Vgl. StAMH 1210/13 (1), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 1. 102 Vgl. Roepstorff, J. (2004). Edwin Hasenjaeger. Portrait eines Oberbürgermeisters in schwierigen Zeiten. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 2004. Mülheim an der Ruhr: Thierbach, S. 270f. (künftig zitiert: Roepstorff, 2004). 103 Vgl. ebd., S. 269. 104 Vgl. StAMH 1210/13 (1), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 8. 24 Oberbürgermeister 3.3.1 Beschäftigung bei der Mülheimer Stadtverwaltung In Mülheim an der Ruhr hatte sich in der Zwischenzeit der Oberbürgermeister Maerz als ungeeignet erwiesen. Er hatte sich private Fehltritte erlaubt und war bei der Bevölkerung unbeliebt. Zusätzlich hatte er die per se schon missliche Finanzlage der Stadt nicht verbessern können, sondern sie hatte sich eher noch verschlimmert. Daher sollte Maerz als Oberbürgermeister ausgewechselt werden, im Idealfall durch einen erfahrenen Spezialisten für Finanzen. Nach einer Unterredung mit dem Regierungspräsidenten wurde Hasenjaeger somit als Oberbürgermeister Mülheims bestellt, während in Rheydt einer der bisherigen Bürgermeister die Nachfolge Hasenjaegers als Oberbürgermeister antrat. In Übereinkunft mit der Mülheimer NSDAP-Kreisleitung wurde Hasenjaeger ab dem 1. Juni 1936 Mülheims Oberbürgermeister,105 wenn auch vorerst nur kommissarisch.106 Mülheim an der Ruhr war bei Hasenjaegers Amtsübernahme stark verschuldet und es galt die Zustände innerhalb der Stadtverwaltung wieder zu normalisieren, die unter seinem Vorgänger Maerz geherrscht hatten.107 Die Reise- und Umzugskosten von Rheydt nach Mülheim an der Ruhr trug die Stadt für Hasenjaeger und seine Familie, wie auch schon bei seinem Vorgänger Maerz.108 Außerdem wurde die Mülheimer Dienstwohnung entsprechend den Vorstellungen der Familie Hasenjaeger renoviert.109 105 Vgl. StAMH 1210/13 (1), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 69. 106 Vgl. ebd., Bl. 71. 107 Vgl. Ortmanns, 1992, S. 40. 108 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 26ff. 109 Vgl. ebd., Bl. 49. 25 Edwin Hasenjaeger Am 3. Dezember 1936 wurde Hasenjaeger schließlich durch den preußischen Innenminister endgültig zum Mülheimer Oberbürgermeister ernannt.110 Hasenjaeger wurde noch im Jahr seines Amtsantrittes von der NSDAP-Kreisleitung gebeten, den 1933 verfrüht pensionierten Oberbürgermeister Schmidt wieder bei der Stadtverwaltung zu beschäftigen, damit die Stadt Schmidts Pensionszahlungen nicht weitertragen musste.111 Dies gelang jedoch nicht, wie bereits im Kapitel 3.1 erläutert wurde. Wie schon in Stolp und Rheydt gelang Hasenjaeger eine enorme Verbesserung der Finanzlage für Mülheim an der Ruhr.112 Innerhalb der Verwaltung genoss Hasenjaeger einen guten Ruf als sympathisch,113 gerecht und fachlich hoch versiert, auch wenn er teils als kleinlich galt. Ungeachtet dessen stellte die Mülheimer NSDAP Hasenjaeger 1937 vor die Wahl in die Partei einzutreten oder sein Amt als Oberbürgermeister niederzulegen. Er trat der NSDAP bei114 und nahm auch an öffentlichen nationalsozialistischen Veranstaltungen teil, z. B. als Ehrengast einer militärischen Parade, die anlässlich des 50. Geburtstags von Adolf Hitler stattfand.115 Außerdem verlieh der nationalsozialistische Staat Hasenjaeger 1941 das Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse ohne Schwerter, im Folgejahr erhielt er das Ehrenzeichen für deutsche Volkspflege und 1943 wurde er schließlich noch mit dem Kriegsverdienstkreuz erster Klasse ohne Schwerter ausgezeichnet und zum Oberstführer des Deutschen Roten Kreuzes befördert.116 Doch trotz seines Parteieintritts widersetzte sich Hasenjaeger der nationalsozialistischen Diktatur. Obwohl ihm heftiger Widerstand entgegenschlug, kaufte er beispielsweise für das städtische Museum 110 Vgl. StAMH 1615/1, Entnazifizierung Edwin Hasenjaeger, Lebenslauf, unpaginiert. 111 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 253. 112 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 270f. 113 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 12. 114 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 270f. 115 Vgl. Wickrath, 1986, S. 144f. 116 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 77ff. 26 Oberbürgermeister Werke des verfolgten Mülheimer Künstlers Otto Pankok, dessen Kunst die Nationalsozialisten als entartet eingestuft hatten. Nach Kriegsende bezeugte zudem Ernst Tommes, ehemaliger SPD-Beigeordneter Mülheims und Verfolgter des NS-Staates, dass Hasenjaeger versucht habe Beamte, Angestellte und Arbeiter der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr vor politischer Verfolgung durch die NSDAP zu schützen. Außerdem sei Hasenjaeger bemüht gewesen die Übervorteilung von Parteianhängern der NSDAP auszubremsen. Dank ihm sei es in der Behörde Mülheim an der Ruhr weniger schlimm zugegangen als in vielen anderen öffentlichen Einrichtungen. Hasenjaegers besonnenes Verhalten als Stadtoberhaupt in den letzten Kriegsjahren sei besonders herauszustellen. So bewerkstelligte Hasenjaeger die Versorgung der Mülheimer Bevölkerung während des Krieges außerordentlich gut, indem er es schaffte den Verkehr, die Gas-, Wasser- und Stromversorgung und die Handlungsfähigkeit der Stadtverwaltung weitestgehend aufrechtzuerhalten.117 Außerdem schützte er die Infrastruktur, indem er sich z. B. den Anweisungen übergeordneter Instanzen widersetzte. Durch die Bombardierung der Möhnetalsperre 1943 wurde eine Flut auf der Ruhr ausgelöst. Hasenjaeger setzte statt der vorgesehenen Räumung der Stadt jedoch lieber schützende Sicherheitsmaßnahmen an, sodass Mülheim an der Ruhr die Überflutung im Vergleich zu umliegenden Regionen mit nur geringen menschlichen und wirtschaftlichen Schäden überstand.118 Gegen Kriegsende missachtete er zusätzlich Befehle zur Räumung Mülheims und der Sprengung Mülheimer Brücken, wie der heute noch genutzten Schloßbrücke. Die Verweigerung solcher Anordnungen und militärischer Befehle konnte Hasenjaeger als Oberbürgermeister persönlich in Gefahr bringen. 117 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 272. 118 Vgl. Kaufhold, B. (2011). Leben am Fluss. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 227f. 27 Edwin Hasenjaeger Mitunter aufgrund seines oft wohlüberlegten Handelns befand sich die Stadt Mülheim an der Ruhr gegen Kriegsende sowohl von der Infrastruktur als auch der Handlungsfähigkeit der Stadtverwaltung in einem besseren Zustand als viele übrige Städte des Ruhrgebiets.119 3.3.2 Nachkriegszeit Am 11. April 1945 erreichten amerikanische Truppen Mülheim an der Ruhr und bereits am Folgetag inhaftierte die amerikanische Militärregierung Hasenjaeger.120 Über die Ruhrzeitung, die damals die Militärregierung herausgab, wurden die Bürgerinnen und Bürger informiert, dass Hasenjaeger als Oberbürgermeister abgesetzt worden war.121 Im September 1945 wurde Hasenjaeger aus der Haft entlassen, während sein Entnazifizierungsverfahren noch lief.122 Im Oktober wurde er vorläufig wieder mit dem Amt des Mülheimer Oberbürgermeisters betraut und übernahm die laufenden Geschäfte am 11. Oktober 1945.123 Hasenjaegers Inhaftierung und Entnazifizierung galt als übliche Routinemaßnahme und er wurde als unbelastete Person aus der Haft entlassen. Dass die alliierte Militärregierung Hasenjaeger als Oberbürgermeister wiedereinsetzte, galt jedoch als sehr ungewöhnlich, da er bereits unter den Nationalsozialisten das Amt des Oberbürgermeisters ausgeübt hatte.124 Auch Hasenjaeger selbst stellte nach seiner Weiterbeschäftigung in Einzelfällen Beschäftigte wieder ein, die während des Krieges zur Wehrmacht eingezogen und später entnazifiziert worden waren.125 119 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 270f. 120 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 80. 121 Vgl. ebd., Bl. 81, Ausschnitt Ruhrzeitung vom 26. Mai 1945. 122 Vgl. ebd., Bl. 83. 123 Vgl. ebd., Bl. 86f. 124 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 272. 125 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Fragen 2 und 12. 28 Oberbürgermeister An seiner Wiedereinsetzung als Oberbürgermeister nahmen jedoch viele Abgeordnete der SPD und KPD Anstoß, die im Rahmen des Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Sie erbaten die Entlassung Hasenjaegers.126 Durch die anhaltenden politischen Angriffe befand sich Hasenjaeger zunehmend in einem schlechten Gesundheitszustand und konnte seinen Amtspflichten nicht mehr vollumfänglich nachkommen, sodass er im April 1946 selbst seine Entlassung einreichte.127 Er wurde ab Mai 1946 beurlaubt128 und trat zum 1. Juni 1946 in den Ruhestand über.129 Hasenjaeger verstarb am 5. Juni 1972 in Mülheim an der Ruhr.130 Zu seinem Tod ehrte ihn die Stadt Mülheim an der Ruhr mit einem Trauerkranz und dankte ihm für seine Tätigkeit, vor allem während der herausfordernden Kriegszeit. Seine Ehefrau bezog bis zu ihrem Tod 1982 Hinterbliebenenbezüge seitens der Stadt Mülheim an der Ruhr.131 Eine abschließende Einordnung des Oberbürgermeisters Hasenjaeger ist aufgrund seines ungewöhnlichen Werdegangs schwierig. Er war selbst in Stolp durch die Nationalsozialisten abgesetzt worden, später wegen seiner Finanzexpertise in zwei anderen Städten wieder zum Oberbürgermeister berufen worden und wurde schließlich zum Eintritt in die NSDAP gedrängt. Trotz dieser tendenziell ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus wurde Hasenjaeger seine Tätigkeit als Oberbürgermeister während des nationalsozialistischen Regimes in der Nachkriegszeit zum Verhängnis und er musste seine politische Karriere beenden. 126 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 272. 127 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 94. 128 Vgl. ebd., Bl. 97. 129 Vgl. ebd., Bl. 106. 130 Vgl. ebd., Bl. 197. 131 Vgl. ebd., Bl. 121f. 29 Edwin Hasenjaeger 3.4 Fazit zum Amt des Oberbürgermeisters Bereits bei den drei betrachteten Oberbürgermeistern zeichnet sich ab, dass Menschen mit verschiedensten beruflichen Werdegängen, sozialen Hintergründen und unterschiedlicher Herkunft für die Stadt Mülheim an der Ruhr tätig waren. So entsprachen die Oberbürgermeister Schmidt und Hasenjaeger dem klassischen Typus eines Oberbürgermeisters mit juristischer Vorbildung und langjähriger beruflicher bzw. politischer Erfahrung. Schmidt wurde, wie viele weitere Oberbürgermeister, während oder nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt. Hasenjaeger erlitt etwa zeitgleich dasselbe Schicksal in Stolp, wo er damals Oberbürgermeister war. Während für Schmidt bei der Stadtverwaltung keine neue Betätigung gefunden wurde und er erst nach mehreren Jahren eine neue Beschäftigung außerhalb der Kommunalverwaltung fand, wurde Hasenjaeger als ausgewiesener Finanzexperte nach kurzer Zeit der Posten als Oberbürgermeister der Stadt Rheydt zugewiesen. Währenddessen wurde in Mülheim an der Ruhr Maerz Oberbürgermeister. Er wurde aufgrund seiner NSDAP- Zugehörigkeit Stadtoberhaupt und sollte sich als unqualifiziert und persönlich ungeeignet erweisen. Nachdem Maerz wieder aus dem Amt komplimentiert worden war, sollte nun Hasenjaeger als neuer Oberbürgermeister die schlechte finanzielle Lage in Mülheim an der Ruhr sanieren, obwohl er zu diesem Zeitpunkt immer noch kein Mitglied der NSDAP war. Nachdem sich die finanzielle Situation etwas beruhigt hatte, wurde er schlussendlich vor die Wahl gestellt das Amt niederzulegen oder der NSDAP beizutreten. Unter diesem Druck trat er der Partei bei, schien sich aber auch in der Folgezeit teilweise dem Nationalsozialismus entgegenzustellen. Nach Kriegsende und seiner erfolgreichen Entnazifizierung 30 Oberbürgermeister rundete Hasenjaegers ungewöhnliche Karriere ab, dass die Alliierten ihn wieder als Oberbürgermeister einsetzten. Nichtsdestotrotz verließ Hasenjaeger die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr wenige Monate später aufgrund von Anfeindungen politischer Gegner, die zu Zeiten des Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Zusammenfassend ist festzustellen, dass Schmidts Karriere als Oberbürgermeister und in der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr durch die nationalsozialistische Machtübernahme zum Erliegen gekommen ist. Der Reichsbahninspektor Maerz konnte hingegen erst durch seine NSDAP-Mitgliedschaft in die Kommunalspitze Mülheims wechseln und zum Oberbürgermeister aufsteigen, obwohl er keinerlei Vorbildung und Kenntnisse in diesem Bereich aufweisen konnte. Im Gegensatz dazu stellt Oberbürgermeister Hasenjaeger einen Sonderfall dar, da seine Karriere in Stolp zuerst durch den Nationalsozialismus beendet worden war und er trotzdem danach unter der Herrschaft der Nationalsozialisten aufgrund seines Finanzgeschicks in gleich zwei weiteren Städten als neuer Oberbürgermeister eingesetzt wurde. In Mülheim an der Ruhr ersetzte der parteifremde Hasenjaeger sogar den NSDAP- Angehörigen Maerz. Überdies ist fraglich, ob Hasenjaeger ohne den Einfluss des Nationalsozialismus überhaupt seine Heimat Stolp verlassen und sich in den entfernten Städten Rheydt und Mülheim an der Ruhr um die Stelle des Oberbürgermeisters bemüht hätte. Im Rahmen dieser Einordnung muss jedoch auch berücksichtigt werden, dass ein Oberbürgermeister immer abhängig von der politischen Lage und auf die effiziente Arbeit der Stadtverwaltung angewiesen ist. Ob und wie sich diese Arbeit zu Zeiten des Nationalsozialismus in einzelnen städtischen Ämtern gewandelt hat, wird in den nächsten Kapiteln beleuchtet. 31 Fazit zum Amt des Oberbürgermeisters 33 4. Feuerwehr Die Feuerwehr gewann im Dritten Reich stark an Bedeutung, vor allem hinsichtlich des Luftschutzes und der Brandbekämpfung bei Luftangriffen.132 Auch der paramilitärische Charakter der Feuerwehr war von Interesse für die nationalsozialistische Propaganda.133 Bereits 1933 wurde die Feuerwehr in „Feuerlöschpolizei“134 umbenannt und 1938 in „Feuerschutzpolizei“.135 Gleichzeitig wurden neue gesetzliche Richtlinien des nationalsozialistischen Staates wirksam, welche die Feuerwehr der Ordnungspolizei untergliederte. Somit wurden die Feuerwehrangehörigen in Hinblick auf den nahenden Krieg zu Einheiten der Hilfspolizei unter staatlicher Leitung. Die kommunale Selbstverwaltung im Feuerlöschwesen konnte ab 1938 nur noch geringfügig im Rahmen der nationalsozialistischen Gesetze ausgeübt werden, die Gemeinden blieben jedoch Träger aller finanziellen Lasten.136 132 Vgl. Präambel des Reichsgesetzes über das Feuerlöschwesen vom 23. November 1938. 133 Vgl. Blazek, M. (2009). Unter dem Hakenkreuz: Die deutschen Feuerwehren 1933– 1945. 1. Auflage. Stuttgart: ibidem, S. 15. (künftig zitiert: Blazek, 2009). 134 Zur vereinfachten Lesbarkeit wird im Folgenden trotz der Namensänderungen hauptsächlich von „Feuerwehr“ gesprochen. 135 Vgl. Böhme, H.-J. (1984). 60 Jahre Berufsfeuerwehr Mülheim a. d. Ruhr 1924– 1984. 1. Auflage. Mülheim an der Ruhr: A–Z Druck + Verlag, S. 29. (künftig zitiert: Böhme, 1984). 136 Vgl. ebd., S. 48f. Ende 1939 wurde schließlich noch der Entgiftungsdienst unter der Bezeichnung „Feuerlösch- und Entgiftungsdienst“ an die Feuerwehr angegliedert.137 4.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Die städtische Feuerwehr Mülheim an der Ruhr hatte seit ihrer Gründung 1924 unter der Leitung des Branddirektors Paul Sorge gestanden, der nach langjähriger Berufserfahrung 1933 pensioniert worden war. Seine Nachfolge trat Alfred Freter an,138 auf dessen dienstliche Biografie im Folgenden noch detailliert eingegangen wird. Es galt eine enge Unterstützung und Zusammenarbeit zwischen der Stadtverwaltung und der Feuerwehr.139 4.1.1 Vorkriegszeit Die Mülheimer Feuerwehr bestand bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aus 25 Feuerwehrmännern, deren Anzahl im Folgejahr um zehn Personen erhöht wurde.140 1939 wurde die Truppenstärke schließlich kriegsbedingt auf insgesamt 240 Beschäftigte aufgestockt.141 Hierbei handelte es sich um Mitglieder der Berufsfeuerwehr, der freiwilligen Feuerwehr und Zivilpersonen, die zu langfristigen Notdiensten verpflichtet wurden. So konnten beispielsweise städtische 137 Vgl. Böhme, 1984, S. 29. 138 Vgl. ebd., S. 13. 139 Vgl. OVG NRW, Beiakte VI A 978/60, Heft 6, Bl. 6, Ausschnitt aus der Nationalzeitung vom 31. Juli 1934. 140 Vgl. Böhme, 1984, S. 48. 141 Vgl. ebd., S. 29. 34 Feuerwehr Lehrer142 oder HJ-Mitglieder zum Feuerwehrdienst herangezogen werden. Die HJ-Jungen wurden z. B. als Beobachter auf dem Rathausturm positioniert, um die Feuerwehr frühzeitig über Luftangriffe zu informieren, sodass die Einsatzkräfte bombardierte Gebäude und Straßenzüge schneller für die Löscharbeiten lokalisieren konnten.143 In Mülheim an der Ruhr wurden mindestens 38 HJ-Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren mit Einsätzen für die Feuerwehr betraut.144 Die Feuerwehr rückte bei landwirtschaftlichen Bränden,145 Industrie-,146 Wohnungs-147 und KFZ-Bränden148 sowie zur Beaufsichtigung ungefährlicher Brände149 oder dem Auspumpen von Kellern aus.150 Die Wartung und Instandsetzung von Wasserrohren und -leitungen oblag ihr ebenfalls.151 Außerdem war die Feuerwehr für die Erfassung der vernichteten Gegenstände und Bauten sowie für die Feststellung der Geschädigten zuständig.152 Ferner erließ sie Auflagen zur Brandverhütung, z. B. den Abriss gefährdeter Bauwerke oder Regelungen zu 142 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 4. November 1940, unpaginiert. 143 Vgl. Interview mit Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 4. 144 Vgl. Wiedeking, E. (2004). Kriegsalltag einer Stadt. Mülheim an der Ruhr 1939 bis 1945. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 2004, S. 247. (künftig zitiert: Wiedeking, 2004). 145 Vgl. StAMH 1201/3/4, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 11. Juli 1941, unpaginiert. 146 Vgl. ebd., Brandbericht vom 27. August 1941, unpaginiert. 147 Vgl. ebd., Brandbericht vom 22. Dezember 1941, unpaginiert. 148 Vgl. ebd., Brandbericht vom 16. Januar 1941, unpaginiert. 149 Vgl. ebd., Brandbericht vom 19. August 1942, unpaginiert. 150 Vgl. ebd., Brandbericht vom 29. Juli 1943, unpaginiert. 151 Vgl. ebd., Brandbericht vom 2. Juli 1943, unpaginiert. 152 Vgl. ebd., Brandbericht vom 22. Dezember 1941, unpaginiert. 35 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr feuersicheren Bauarten.153 Zu den Aufgaben der Feuerwehr gehörten darüber hinaus Sicherheitsbegehungen in Gebäuden.154 In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 ereignete sich ein Tiefpunkt der Feuerwehrgeschichte, als die städtische Feuerwehr unter Aufsicht ihres Leiters Alfred Freter die Mülheimer Synagoge in Brand setzte. Die Feuerwehr sorgte in dieser Nacht lediglich dafür, dass sich die Flammen nicht auf weitere Gebäude ausbreiteten.155 Die Brandstiftung fand statt, obwohl das Gebäude damals schon von der jüdischen Gemeinde an die städtische Sparkasse verkauft worden war und sich damit im Besitz der Stadt befand. 4.1.2 Während des Krieges (1939–1945) Mit Kriegsbeginn häuften sich neben den bereits beschriebenen Tätigkeiten zur Brandbekämpfung und -verhütung neue Aufgaben wie die Löscharbeiten nach Bombenabwürfen,156 das Aufspüren nicht detonierter Bomben157 oder die Bergung von Toten. Teilweise unterstützen auch Wehrmachtssoldaten diese Arbeiten.158 Der erste Luftangriff auf Mülheim an der Ruhr mit anschließendem Großeinsatz der Feuerwehr erfolgte am 13. Mai 1940. Ab Ende 1940 153 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 1. Mai 1942, unpaginiert. 154 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt Mülheim an der Ruhr (1949). 25 Jahre Städtische Berufsfeuerwehr: Bericht über die Entwicklung und den Stand des Feuerlösch-, Rettungs- und Krankentransportwesens in Mülheim a. d. Ruhr. 1. Auflage. Mülheim an der Ruhr: Selbstverlag, S. 44. (künftig zitiert: Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949). 155 Vgl. Kaufhold, B. (2004). Juden in Mülheim an der Ruhr. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 130ff. 156 Vgl. StAMH 1201/3/4, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 13. Juni 1941, unpaginiert. 157 Vgl. ebd., Brandbericht vom 25. Mai 1941, unpaginiert. 158 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 1. Juli 1943, unpaginiert. 36 Feuerwehr erfolgten die ersten Flächenangriffe, deren entstandenen Schäden und Brände die Mülheimer Feuerwehrkräfte beseitigten. Ab 1942 häuften sich die Bombardements und erreichten ab 1943 ihre Höchstzahl.159 Es musste oft schichtweise gelöscht werden.160 Zeitweise wurde die Mülheimer Feuerwehr auch von Nachbarstädten angefordert. So halfen Mülheimer Kräfte bei oft mehrtätigen Einsätzen in Essen,161 Aachen, Bielefeld, Düsseldorf, Kassel, Köln, Krefeld, Münster,162 Wuppertal, Dortmund163 und Oberhausen. Sie übernahmen sogar zeitweise die komplette Bereitschaft der Feuerwache in der Nachbarstadt Oberhausen, wenn die dortigen Feuerwehrkräfte schon gänzlich im Einsatz waren.164 Ab 1943 wurde die Belastung der Feuerwehrangehörigen als besonders hoch eingestuft, da die Männer durch tagelange Einsätze und überörtliche Hilfen ausgezehrt waren. Es kam zu 12-stündigen Einsätzen unter härtesten Bedingungen, während die Nahrungsversorgung teilweise mangelhaft war.165 Zudem mussten die Männer manche Stadtgebiete mit schwerer Ausrüstung zu Fuß durchqueren, da die Straßen durch Bombeneinschläge nicht mehr befahrbar waren.166 Zur Entlastung der Feuerwehr wurde deshalb beschlossen, dass im gesamten Mülheimer Stadtgebiet 32 dezentrale Löschstellen zur Selbsthilfe durch 159 Vgl. Böhme, 1984, S. 24. 160 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 18. September 1942, unpaginiert. 161 Vgl. StAMH 1201/3/6, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 26. Juli 1943, unpaginiert. 162 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949, S. 24. 163 Vgl. StAMH 1201/3/6, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 28. Mai 1943, unpaginiert. 164 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 18. September 1942, unpaginiert. 165 Vgl. StAMH 1201/3/6, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Erfahrungsbericht vom 27. Juli 1943, unpaginiert. 166 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 25. Juni 1943, unpaginiert. 37 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr die Bürgerinnen und Bürger installiert werden sollten.167 Außerdem gab es sogenannte Selbstschutzkräfte innerhalb der Bevölkerung, die mit Löscharbeiten vertraut gemacht wurden und versuchten sollten eigenständig Brände zu bekämpfen.168 Der folgenreichste Angriff auf Mülheim an der Ruhr ereignete sich am 23. Juni 1943. Auch Gebäude der Hauptwache im Stadtkern sowie Fahrzeuge und Inventar der Feuerwehr selbst wurden an diesem Datum durch Bomben in Brand gesetzt.169 Zur Brandbekämpfung reichten die Kapazitäten der Mülheimer Feuerwehr nicht aus, sodass andere Feuerlöscheinheiten aus Breslau, Bochum, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen, Hilden, Köln, Oberhausen, Wuppertal und dem Münsterland mit insgesamt 1.496 zusätzlichen Feuerwehrkräften aushelfen mussten.170 Um den Dienst aufrecht zu erhalten, wurden Behelfsmaßnahmen eingeleitet und eine Nebenwache im Stadtteil Speldorf eingerichtet.171 Von 1944 bis zum Kriegsende erfolgten Massenangriffe, teilweise gerieten ganze Stadtteile Mülheims in Brand.172 1945 waren ständige örtliche und überörtliche Einsätze an der Tagesordnung, bis die Mülheimer Feuerwehr am 11. April 1945 in die Städte Arnsberg und Wülfrath abkommandiert wurde.173 Wenige Tage vor dem Einmarsch alliierter Truppen war vom Oberbefehlshaber der Ordnungspolizei angeordnet worden, dass sich die Feuer- und Luftschutzpolizei mit sämtlichen Fahrzeugen, Geräten und Materialien aus Mülheim an der 167 Vgl. Nierhaus, H.-W. (2007). Die Stadt Mülheim an der Ruhr und der Zweite Weltkrieg 1939–1945. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 122. (künftig zitiert: Nierhaus, 2007). 168 Vgl. StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 22. Juli 1942, unpaginiert. 169 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 4. Juli 1943, unpaginiert. 170 Vgl. ebd., Einsätze auswärtiger Einheiten, unpaginiert. 171 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949, S. 21f. 172 Vgl. Böhme, 1984, S. 24. 173 Vgl. ebd., S. 29. 38 Feuerwehr Ruhr zurückziehen sollte. Lediglich zwei Feuerwehrmänner verblieben in der Stadt, um Kranke und Verletzte behelfsmäßig mit Pferdefuhrwerken zu transportieren.174 Die Mülheimer Feuerwehr kehrte erst nach Kriegsende auf Befehl der alliierten Militärregierung in die Stadt zurück.175 In den Kriegsjahren hatte für Mülheim an der Ruhr rückblickend über 5.500 Mal Luftgefahr, Luftwarnung und Fliegeralarm bestanden. Auf das Stadtgebiet waren in ca. 160 Angriffen etwa 300.000 Bomben abgeworfen worden, hauptsächlich Stabbrandbomben.176 Bei den Lösch- und Rettungseinsätzen hatten sich auch Feuerwehrangehörige verletzt177 und mussten teilweise sogar ihr Leben lassen.178 4.2 Brandingenieur Alfred Freter Alfred Freter wurde am 1. Juli 1909 in Bromberg geboren. Er besuchte die Volks-, Gewerbe- und Eisenbahnfachschule, welche er mit der Prüfung für die Laufbahn als technischer Beamter der Eisenbahn abschloss. Freter trat 1931 in die NSDAP ein und wurde im gleichen Jahr SS-Mitglied.179 Seine Ehefrau Roseliese und er hatten drei Kinder.180 1933 sollte er nach Pensionierung des Branddirektors Paul Sorge die Leitung der städtischen Feuerwehr Mülheim an der Ruhr übernehmen. Freter besaß damals keinerlei Erfahrung im Feuerlöschwesen und sollte der Leitungsposition entsprechend ausgebildet werden. Seine persönlichen Eigenschaften als langjähriger Führer eines SS-Sturms wurden 174 Vgl. Böhme, 1984, S. 59. 175 Vgl. ebd., S. 29. 176 Vgl. Berufsfeuerwehr & Statistisches Amt, 1949, S. 28. 177 Vgl. StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei, Brandbericht vom 28. Juni 1943, unpaginiert. 178 Vgl. ebd., Sonderbefehl vom 1. Juli 1943, unpaginiert. 179 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 100f. 180 Vgl. ebd., Bl. 100, 111 und 139. 39 Brandingenieur Alfred Freter für seine Eignung besonders hervorgehoben und die Stadtverwaltung plante die Kosten für seine Ausbildung zu tragen.181 Da die Ausbildung nicht in Mülheim an der Ruhr stattfinden konnte, wurden 1933 andere Städte zwecks Durchführung angefragt182 und Freter konnte schließlich bei der Berliner Feuerwehr ausgebildet werden. Aufgrund seiner mangelnden Erfahrung äußerten sich die anderen zuvor angefragten Städte kritisch bis ablehnend gegenüber der externen Ausbildung.183 Ungeachtet dessen wurde Freter am 31. August 1933 in den Dienst der Stadtverwaltung aufgenommen und direkt am nächsten Tag auf Kosten Mülheims zur Ausbildung nach Berlin geschickt.184 Er schloss seine Berliner Lehrzeit im Juli 1934 nach weniger als einem Jahr mit dem Titel des Brandingenieurs ab. Trotz Kritik aus Berlin an Freters Fähigkeiten und der kurzen Ausbildungsdauer wurde ihm die Leitung der Mülheimer Berufsfeuerwehr auf expliziten Wunsch der Mülheimer Stadtspitze übertragen.185 Er wurde zusätzlich Kreisfeuerwehrführer von Mülheim an der Ruhr186 und der Nachbarstadt Oberhausen.187 Für seine außerordentlichen Verdienste um das Feuerlöschwesen wurde Freter 1936 das Rheinische Feuerwehr Verdienstkreuz verliehen.188 1937 wurde ihm zudem im Auftrag des SS-Reichsführers Heinrich Himmler erlaubt Sig-Runen an seiner Uniform zu tragen.189 Die doppelten Sig-Runen galten damals als ehrenvolles Abzeichen der 181 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 6. 182 Vgl. ebd., Bl. 6–10. 183 Vgl. ebd., Bl. 7 und 10. 184 Vgl. ebd., Bl. 54. 185 Vgl. ebd., Bl. 54–65. 186 Vgl. ebd., Bl. 82. 187 Vgl. OVG NRW, Beiakte VI A 978/60, Heft 6, S. 35–38. 188 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 84. 189 Vgl. ebd., Bl. 86. 40 Feuerwehr SS und sind heute noch, neben dem Hakenkreuz, eines der bekanntesten Symbole des Nationalsozialismus.190 Freter leistete 1938 seinen Wehrdienst ab191 und schloss einen Lehrgang des Heeres als Unterführeranwärter ab. Die Stadt beurlaubte ihn zwecks dessen,192 ebenso wurde er mehrfach für verschiedene Tätigkeiten wie SS-Tagungen vom Dienst befreit.193 Ebenfalls im Jahr 1938 wurde Freter zum SS-Standortführer für Mülheim an der Ruhr ernannt und im Folgejahr zum SS-Sturmbannführer befördert.194 Wie bereits erwähnt, wurde die Mülheimer Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 durch die Feuerwehr entzündet. Freter selbst hatte mit seinen Untergebenen vorab Benzin um das Gebäude verteilt.195 Er gab damals an, dass er ausschließlich im Interesse der Bevölkerung gehandelt habe und erklärte, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, dass sich die Synagoge bereits im Besitz der städtischen Sparkasse befand. Er stellte die Zerstörung als bedeutungsvollen, öffentlichen Akt der Ablehnung des Judentums dar.196 Zusätzlich bezeichnete er den damaligen Einsatz der Feuerwehrkräfte als „feuertechnisches Kunststück“,197 da die Mülheimer Feuerwehr den Synagogenbrand insofern unter Kontrolle halten konnte, dass ein Übergreifen der Flammen auf umliegende Gebäude verhindert wurde.198 190 Vgl. Braun, S., Geilser, A. & Gerster, M. (Hrsg.) (2016). Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer, S. 327f. 191 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 1. 192 Vgl. ebd., Bl. 87ff. 193 Vgl. ebd., Bl. 5. 194 Vgl. ebd., Bl. 90f. 195 Vgl. ebd., Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 196 Vgl. StAMH 1344/8, Brief Alfred Freter an SS-Standarte 25 vom 12. November 1938 nach dem Synagogenbrand, unpaginiert. 197 StAMH 1210/33 (2), Personalakte Alfred Freter, Abschnitt Verwaltungsstreitverfahren Freter, Ausschnitt Ruhr-Nachrichten vom 4. Februar 1959, Bl. 1. 198 Vgl. ebd., Ausschnitt Ruhr-Nachrichten vom 4. Februar 1959, Bl. 1. 41 Brandingenieur Alfred Freter Ab 1940 durfte Freter die Dienstbezeichnung Major und Kommandeur der Feuerschutzpolizei tragen199 und ihm wurden die bronzene Dienstauszeichnung der NSDAP200 sowie das Luftschutz-Ehrenzeichen verliehen. In der Folgezeit wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz erster und zweiter Klasse mit Schwertern,201 dem SA-Braunschweig- Abzeichen, dem SA-Wehrzeichen, dem Totenkopfring des Reichsführers der SS und dem Altkämpferwinkel ausgezeichnet.202 Gerade die letztgenannten Auszeichnungen und Ehrungen verdeutlichen nochmals Freters frühe Zugehörigkeit zur NSDAP und seine Position innerhalb der Partei. 1942 benötigte die Mülheimer Feuerwehr neue Ausrüstung, die zum damaligen Zeitpunkt innerhalb Deutschlands nicht verfügbar war. Auf Druck der örtlichen NSDAP beauftragte die Stadtverwaltung Freter in die besetzten Niederlande zu reisen und dort das benötigte Equipment zu erwerben. Der Kauf wurde in den Niederlanden unter dem Begriff sonstige Besatzungskosten zu Lasten des besetzten Staates verbucht.203 Im Jahr 1943 gehörte Freter höchstwahrscheinlich selbst zu den Mülheimern, deren Unterkunft ausgebombt war.204 Im selben Jahr fuhr er im Dienst eine Passantin an. Seine Schuld und die Tatfolgen wurden nur als gering eingestuft, sodass das Verfahren eingestellt wurde.205 1944 fuhr er im Dienst eine weitere Fußgängerin an, diesmal tödlich, und wurde zu neun Monaten Gefängnishaft verurteilt. Der damalige SS-Reichsführer setzte die Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung jedoch zugunsten eines 14-tägigen verschärften Stubenarrests aus.206 199 Vgl. Böhme, 1984, S. 48. 200 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 92. 201 Vgl. ebd., Bl. 97–99. 202 Vgl. ebd., Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 203 Vgl. Nierhaus, 2007, S. 122. 204 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 109. 205 Vgl. OVG NRW, Beiakte VI A 978/60, Heft 5, S. 2–5. 206 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 137. 42 Feuerwehr Zum Kriegsende verließ Freter seine Dienststelle vor Ankunft der US-Amerikaner und sein Aufenthaltsort war der Stadtverwaltung unbekannt.207 Statt Freter selbst wurde seine Entlassungsverfügung 1948 seiner Ehefrau ausgehändigt, da sein Aufenthaltsort der Stadtverwaltung weiterhin unbekannt war. Die Entlassung erfolgte aufgrund seiner früheren nationalsozialistischen Tätigkeiten. Ansprüche auf Ruhegehalt oder Hinterbliebenenfürsorge gingen verloren, ebenso durfte Freter seine ehemalige Dienstbezeichnung nicht mehr tragen, auch nicht mit dem Verweis „außer Dienst“. Freters Frau wollte seine Entlassung jedoch nicht anerkennen.208 Über seinen Aufenthaltsort hatte die Stadtverwaltung vorerst weiterhin keine Informationen.209 Er kehrte im April 1956 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.210 Nachträglich wurde bekannt, dass Freter 1945 zuerst in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten und im gleichen Jahr wieder entlassen worden war. Er meldete sich danach nicht wie vorgesehen 1945 bei seiner Dienstbehörde Mülheim an der Ruhr zurück, sondern floh zu seiner evakuierten Familie nach Thüringen. Dort leitete er die Werksfeuerwehr eines Privatunternehmens, bis er 1947 verhaftet wurde. Durch ein sowjetisches Militärgericht wurde er schließlich zur Zwangsarbeit verurteilt, die er bis 1956 verbüßte. Der frühere Fahrer Freters, ein ehemaliger Brandmeister der Mülheimer Feuerwehr, gab in der Nachkriegszeit an, dass Freter früher häufig im Dienst getrunken hätte und seine Kenntnisse für die Feuerwehr unzureichend gewesen seien. Besonders kritisierte er Freters mangelhafte Ausbildung. In Löscheinsätzen habe er häufig „unsinnige, sich widersprechende oder unzweckmäßige Befehle“211 gegeben. Die übrigen Feuerwehrmänner hätten oft im eigenen Ermessen und gemäß 207 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 128. 208 Vgl. ebd., Bl. 128ff. 209 Vgl. ebd., Bl. 133. 210 Vgl. ebd., Bl. 140. 211 Vgl. ebd., Bl. 135–138. 43 Brandingenieur Alfred Freter langjähriger Erfahrung gehandelt, statt Freters Befehle auszuführen. Freter hatte während der NS-Jahre ausschließlich sehr positive dienstliche Beurteilungen erhalten, diese hätten jedoch ausschließlich auf seinem hohen SS-Rang beruht, der die Leute eingeschüchtert hätte. Auf ein Entnazifizierungsverfahren wurde wegen Freters eindeutiger Vergangenheit verzichtet. Seine frühe Parteizugehörigkeit, seine Tätigkeiten für die NSDAP und seine vielen Auszeichnungen innerhalb der Bewegung sprachen für sich. Freters Ernennungen und Beförderungen bei der Stadtverwaltung wurden aufgrund seiner persönlichen Verbindung zum Nationalsozialismus nachträglich als gegenstandslos betrachtet, wogegen er Klage erhob. Das Gericht stellte fest, dass Freter zum Zeitpunkt seiner Einstellung arbeitslos und SS-Sturmbannführer war. Es hatte kein Bezug zur Feuerwehr bestanden und Freter war trotz dessen mit dem Ziel bei der Stadtverwaltung eingestellt worden, ihn zum Leiter der Feuerwehr zu machen. Für eine Einstellung aus politischen Gründen sprach auch, dass er ungewöhnlicher Weise auf Kosten der Stadt extern in Berlin ausgebildet worden war. Die Ausbildung selbst war darüber hinaus in einem viel zu kurzen Zeitraum erfolgt, woran auch schon die Berliner Feuerwehr Kritik geübt hatte. Außerdem warf die Pensionierung von Freters Vorgänger Paul Sorge in der Nachkriegszeit Fragen auf. Sorge hatte seine Pensionierung 1933 nicht freiwillig, sondern lediglich auf ausdrücklichen Wunsch des Oberbürgermeisters beantragt. Nach Kriegsende stellte er einen Antrag auf Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts und sein Dienstende aus dem Jahr 1933 wurde nachträglich als politisch forciert eingestuft. Das Gericht urteilte, dass es der Stadtverwaltung im Dritten Reich in diesem Fall weniger um die Beschäftigung fähiger Kräfte, sondern um die Belohnung alteingesessener Parteimitglieder212 und die Steigerung des „nationalsozialistischen Einfluss innerhalb des Beamten- 212 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 44 Feuerwehr körpers“213 gegangen war. Gleiches galt für Freters Beförderungen. Er besaß weder die Eignung für den gehobenen Dienst noch hatte er die Wartezeiten für ein Beamtenverhältnis auf Lebenszeit vollendet, was den beamtenrechtlichen Vorschriften widersprach. Der Synagogenbrand von 1938 wurde ihm zusätzlich als vorsätzliche Brandstiftung und schweres Dienstvergehen angelastet, da gerade das Verhüten und Bekämpfen von Bränden die Pflicht eines Feuerwehrmannes ist. Auch als Beamter durfte er keine dienstlichen Handlungen ausführen, die offensichtlich im Widerspruch zum Strafgesetz standen.214 Zuletzt beantragte Freter eine Entschädigung als Kriegsgefangener, die ihm nicht zuerkannt wurde. Seine Rechtsbehelfe und die Klage bezüglich der Entschädigung als Kriegsgefangener wurden auf mehreren gerichtlichen Instanzen abgelehnt. Bis zum Jahr 1963 wurden alle Verfahren ruhend gestellt und es wurde eine Einigung getroffen, sodass Freter keine finanziellen Ansprüche mehr gegenüber der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr erhob und die Prozesskosten übernahm. Daraufhin sah die Stadt ihrerseits von der Fortführung des Gerichtsverfahrens gegen Freter ab.215 In seinem weiteren Leben war Freter außerhalb des öffentlichen Dienstes als Leiter und Brandingenieur der Werksfeuerwehr einer Duisburger Firma tätig.216 Der Fall Freter hatte in der Nachkriegszeit großes öffentliches Interesse erregt.217 213 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 214 Vgl. ebd., Heft 9, Urteil Verwaltungsgericht Düsseldorf vom 12. Mai 1960, unpaginiert. 215 Vgl. StAMH 1210/33 (2), Personalakte Alfred Freter, Aktenvermerk vom 5. Juni 1961, Mitteilung Rechtsamt vom 30. März 1962, Mitteilung Personalamt vom 6. April 1962 und Mitteilung Rechtsamt vom 15. Januar 1963. 216 Vgl. ebd., Bl. 141. 217 Vgl. ebd., Abschnitt Verwaltungsstreitverfahren Freter, Bl. 1, Ausschnitt Neue Ruhr Zeitung vom 23. Januar 1959. 45 Brandingenieur Alfred Freter Alles in allem kann Freter definitiv als Nationalsozialist eingestuft werden, der innerhalb der Stadtverwaltung aufgrund seines politischen Werdegangs Karriere machen konnte und die dort erworbenen Fähigkeiten auch noch nach seinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst beruflich nutzen konnte. 46 Feuerwehr 47 5. Schulamt Die kommunalen Schulämter und Schulen nahmen eine Sonderstellung im Dritten Reich ein: Durch den Schulbesuch konnten Kinder und Jugendliche stark indoktriniert werden, wodurch das nationalsozialistische Gedankengut noch zusätzlich in die Elternhäuser gelangen konnte. Zudem sind sowohl das Schulamt als auch einzelne Mülheimer Schulen als Arbeitsstätte der Verwaltungsmitarbeiter und Lehrkräfte von Interesse. Im Schulbereich ist die Überordnung des Regierungspräsidiums und der Provinzialregierung gegenüber dem städtischen Schulamt besonders zu berücksichtigen.218 Eine ähnliche Kompetenzverteilung ist auch heute noch im Schulwesen verankert, da einige Aufgaben bei den örtlichen Gemeinden liegen, während für andere Thematiken das jeweils übergeordnete Bundesland zuständig ist. 218 Vgl. Romeyk, H. (1988). Kleine Verwaltungsgeschichte Nordrhein-Westfalens. 1. Auflage. Siegburg: Respublica, S. 149. 5.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Zur Zeit des Nationalsozialismus gab es in Mülheim an der Ruhr Volksschulen, ergänzt durch höhere Lehranstalten sowie Mittelschulen und Berufsschulen.219 Die Volksschulen bestanden aus insgesamt acht Jahrgängen, von denen die unteren vier Klassen die Primarstufe bildeten.220 5.1.1 Schulgebäude und deren Nutzung Die Gestaltung und Nutzung der Mülheimer Schulgebäude wandelte sich im Laufe des Dritten Reichs. Die Schulen trugen in der Regel Hakenkreuzflaggen221 und es wurden z. B. Bilder von Adolf Hitler aufgehangen.222 Außerdem wurden aus den Schulen Gemälde und sonstige Kunstwerke entfernt, die nicht mehr dem Kunstbegriff der Nationalsozialisten entsprachen.223 Schulgebäude und deren Inventar konnten zweckentfremdet werden, z. B. Schränke für Krankenhäuser.224 Der HJ mussten Schulräume225 und der Luftschutzpolizei gleich ganze Schulgebäude zur Verfügung gestellt werden.226 Zudem wurden Unterrichtsräume tageweise zur 219 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Oberbürgermeister vom 2. März 1938, unpaginiert. 220 Vgl. ebd., Schnellbrief Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 12. April 1939, unpaginiert. 221 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Schulrat vom 21. Juni 1933, unpaginiert. 222 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat vom 9. August 1933, unpaginiert. 223 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 83. 224 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 1. 225 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Oberbürgermeister vom 21. April 1934, unpaginiert. 226 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 12. 48 Schulamt Ausgabe von Lebensmittelkarten benutzt.227 Während des Krieges wurden auch ausgebombte, obdachlose Familien gegen eine Nutzungsentschädigung in Klassenräumen einquartiert.228 Darüber hinaus wurden in Mülheimer Schulen Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeiter untergebracht, beispielsweise aus Polen229 und der Ukraine.230 Kriegsvorbereitende Maßnahmen gewannen auch in den Mülheimer Schulen immer mehr an Bedeutung, so wurden Verdunkelungseinrichtungen installiert231 und Vorträge zum Luftschutz abgehalten.232 Durch die späteren Luftangriffe während des Krieges wurden viele Mülheimer Schulgebäude beschädigt, sodass es gerade in den letzten Kriegsjahren immer schwieriger wurde geeigneten Schulraum zu finden.233 Dieses Problem erübrigte sich jedoch teilweise durch die Abwesenheit von Schülerinnen und Schülern durch die Kinderlandverschickung. 5.1.2 Kinderlandverschickung In den Kriegsjahren sollten Schulkinder aus Ballungsräumen in ländlichen Gebieten in Sicherheit gebracht werden. Diese Kinderlandverschickung war freiwillig und bei den Mülheimer Eltern eher unbeliebt. Aus organisatorischen Gründen bevorzugte das Schulamt die Evakuierung ganzer Schulklassen samt Lehrpersonal. Auch die bereits 227 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Abschrift Schreiben Oberbürgermeister an Schulamt vom 20. Januar 1940, unpaginiert. 228 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 4. 229 Vgl. ebd., Bl. 1. 230 Vgl. ebd., Bl. 15. 231 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom März 1935, unpaginiert. 232 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat vom 5. Juli 1933, unpaginiert. 233 Vgl. StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule, Bl. 24 und 28. 49 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr erwähnte anderweitige Nutzung der Schulgebäude spielte dabei eine wichtige Rolle.234 Im Oktober 1943 waren alle höheren Schulen Mülheims verlegt und nur noch die Berufsschule war voll in Betrieb. Lediglich die Luftwaffenhelfer der höheren Jungenschulen sollten im Stadtgebiet verbleiben. Die Volksschulen waren komplett geschlossen, allerdings nahmen nicht alle Schülerinnen und Schüler an der Kinderlandverschickung teil.235 Es befanden sich beispielsweise Schüler der Mittelschule und der Gymnasien in verschiedenen Orten im heutigen Tschechien236 und weitere Kinder und Jugendliche im heutigen Österreich. Neben den Lehrerinnen und Lehrern konnten zudem ältere HJ-Mitglieder jüngere Klassen begleiten.237 5.1.3 Schulbücher und Schulbüchereien Bereits ab 1933 erfolgten Überarbeitungen der Schullektüren und Säuberungen der Schulbüchereien. Zukünftig sollte die Schulliteratur nationalsozialistisch ausgerichtet sein.238 Bücher jüdischer Autoren und Autorinnen sowie Bücher religiöser239 oder marxistisch-kommunistischer Weltanschauung wurden verboten und beschlagnahmt.240 234 Vgl. Werntgen, W. (2002). Schule im Zweiten Weltkrieg. Umfeld u. Praxis der Sammeloberschulen im Regierungsbezirk Düsseldorf. 1. Auflage. Köln: Hundt, S. 30ff. (künftig zitiert: Werntgen, 2002). 235 Vgl. ebd., S. 35. 236 Vgl. Auberg, H. W. (1993). Kinderlandverschickung vor 50 Jahren. Mülheimer Jungen finden Zuflucht in Böhmen und Mähren. In Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). (66/1993), S. 591. 237 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 6.2. 238 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 72. 239 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 7. Juni 1940, unpaginiert. 240 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 86. 50 Schulamt Für die Schulbüchereien wurde künftig Literatur „aus dem Gebiet der Rasse, Geschichte, Vorgeschichte und nationalsozialistischen Bewegung“241 empfohlen.242 Zudem gab es neue, nationalsozialistische Geschichtsbücher für den Unterricht243 und Schriften der Heeresfürsorgestelle wurden in Schulen eingesetzt, um die Kinder und Jugendlichen für das Soldatenleben zu begeistern.244 Auch den Lehrerinnen und Lehrern wurde vorgeschrieben bestimmte Schriften wie Hitlers „Mein Kampf “245 oder „Deutsches Bildungswesen“ zu lesen, die die Schulen für ihre Beschäftigten bestellen sollten.246 5.1.4 Unterricht, Schülerinnen und Schüler Die Stoffverteilungspläne wurden auf den Krieg ausgerichtet. Die Schülerinnen und Schüler sollten über Ziele, Erfolge und Kriegsgegner informiert werden.247 Schon in der Primarstufe wurden Unterrichtseinheiten wie „Wir spielen SA“248 oder „Warum ich gern zur Reichswehr will“ behandelt249 und für ältere Jugendliche stand z. B. die rassistische Schrift „Was muss der Nationalsozialist von der Vererbung wissen?“ auf dem Lehrplan.250 241 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 77. 242 Vgl. ebd., Bl. 76f. 243 Vgl. ebd., Bl. 87. 244 Vgl. ebd., Bl. 78. 245 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Schulrat vom 9. August 1933, unpaginiert. 246 Vgl. ebd., Schreiben Oberbürgermeister vom 15. September 1934, unpaginiert. 247 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Regierungspräsident Düsseldorf vom 21. November 1939, unpaginiert. 248 Vgl. StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938, Bl. 108. 249 Vgl. ebd., Bl. 78ff. 250 Vgl. ebd., Schreiben Mülheimer NSDAP vom 8. Dezember 1937, unpaginiert. 51 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Wichtige nationalsozialistische Reden wurden gemeinsam im Radio gehört251 und Feierstunden für gefallene nationalsozialistische Helden in den Schulen abgehalten.252 Samstags wurde unter anderem nationalpolitischer Unterricht in der Schule erteilt. Die Mitglieder der HJ und des BDM waren für diese Zeit jedoch für ihre Zusammenkünfte vom Unterricht befreit.253 Diese nationalsozialistischen Jugendorganisationen sollten die Heranwachsenden im Sinne des Nationalsozialismus erziehen und sie an militärisches Vorgehen und den Einsatz für den Staat gewöhnen. Die Mitgliedschaft war ab 1936 verpflichtend.254 An den Tagen, an denen die Schüler zur HJ gingen, durften ihnen die Lehrerinnen und Lehrer schon ab 1933 keine Hausaufgaben mehr aufgeben. Der Unterricht fiel gelegentlich auch zugunsten der Teilnahme an nationalsozialistischen Umzügen aus und am Geburtstag von Adolf Hitler gab es in der Regel schulfrei,255 damit die Heranwachsenden an den diesbezüglichen Paraden der Wehrmacht teilnehmen konnten.256 Außerdem wurden die Schülerinnen und Schüler zu verschiedenen außerschulischen Aktionen herangezogen, so sammelten sie Gemüseschalen,257 Altmetall, veraltete und ausländische Münzen258 und wurden zur Kartoffelkäferabwehr eingesetzt.259 Einzelne Mülheimer Schulen schlossen schon 1933 nichtarische und ausländische Schülerinnen und Schüler gänzlich vom Unter- 251 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Schulrat vom 16. März 1934, unpaginiert. 252 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 16. Oktober 1934, unpaginiert. 253 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 3. Juni 1936, unpaginiert. 254 Vgl. Blazek, 2009, S. 12. 255 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom April 1937, unpaginiert. 256 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom April 1937, unpaginiert. 257 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom März 1937, unpaginiert. 258 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Polizeipräsident Oberhausen vom 2. November 1937, unpaginiert. 259 Vgl. ebd., Schreiben Oberbürgermeister vom September 1939, unpaginiert. 52 Schulamt richtsbesuch aus, jedoch damals ohne rechtliche Grundlage, wie die übergeordneten Instanzen bemängelten.260 Ab Februar 1936 begann schließlich der reguläre Ausschluss von ausländischen und jüdischen Mitschülerinnen und Mitschülern von Unterrichtsveranstaltungen.261 Wenn von vornherein keine betroffenen Kinder in der jeweiligen Klasse waren, ist dieser Ausschluss den anderen Schülerinnen und Schülern selbst teilweise gar nicht bekannt gewesen.262 Ab 1937 war es deutschen Kindern zudem verboten ausländische Schulen zu besuchen.263 Außerdem fragte das Schulamt die einzelnen Schulen bezüglich Körperbehinderungen und der Zugehörigkeit der Kinder und Jugendlichen zu religiösen Vereinigungen ab.264 Die Abfrage geschah vermutlich zu Verfolgungszwecken. Aber auch aus anderen Gründen konnten Schülerinnen und Schüler Opfer nationalsozialistischer Denunzierungen werden: So wurde der Mülheimer Schüler Artur F.265 von 1939 bis 1940 inhaftiert, da er verbotenerweise ausländische Radiosender gehört hatte.266 Zudem existierte in Mülheim an der Ruhr mit Genehmigung des Schulamtes bis 1939 ein privater polnischer Sprachunterricht für Kinder. Die außerschulischen Kurse wurden jedoch mit der Deportation des Kursleiters Joseph Manikowski im Rahmen einer Aktion gegen die polnische Minderheit abgesetzt.267 260 Vgl. StAMH 1200/3127, jüdische Schüler, Bl. 14. 261 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 16. April 1936, unpaginiert. 262 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 6.3. 263 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 25. Mai 1937, unpaginiert. 264 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom November 1935, unpaginiert. 265 Der Name wurde zwecks Wahrung von Persönlichkeitsrechten anonymisiert. 266 Vgl. Doetsch et al., 1987, S. 360. 267 Vgl. StAMH 1200/2859, polnische Schüler, Bl. 101ff. 53 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Zu Kriegsbeginn fanden Lehrplankürzungen statt, da Lehrermangel vorherrschte.268 Außerdem entfiel der Unterricht teilweise wegen Kriegsbedrohung und Fliegerschäden.269 Die Schülerinnen und Schüler, die nicht an der Kinderlandverschickung teilnahmen, wurden zudem häufig zu Aufräumarbeiten in Luftschutzkellern und Schulgebäuden herangezogen statt unterrichtet zu werden.270 Die im Stadtgebiet verbliebene ältere Schuljugend wurde zusätzlich wegen kriegsbedingtem Arbeitermangel in der Landwirtschaft eingesetzt,271 insofern es der Schulbetrieb erlaubte.272 Der Unterricht litt273 und auch Prüfungen mussten häufig durch die herrschenden Kriegszustände verschoben werden.274 Soldatenkinder, die eigentlich nicht das Klassenziel erreicht hatten, durften unter Ermessen der Lehrkräfte trotz schlechter Leistungen in die nächsthöhere Klasse versetzt werden, um den Familien und abwesenden Vätern für ihren Wehrmachtseinsatz entgegen zu kommen.275 Das Abitur wurde während des Krieges häufig nur noch als sogenanntes verkürztes Not-Abitur abgelegt.276 268 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 11. Januar 1937, unpaginiert. 269 Vgl. StAMH 1200/3073, einzelne Schriftstücke Kreisschulrat 1942–1945, Schreiben Regierungspräsident Düsseldorf vom 7. November 1944 und Schreiben Kreisschulrat vom 18. November 1944, unpaginiert. 270 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Verfügung Kreisschulrat vom 26. September 1939, unpaginiert. 271 Vgl. ebd., Verordnung zum Einsatz der älteren Schuljugend vom 22. November 1939, unpaginiert. 272 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 20. November 1939, unpaginiert. 273 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Oberbürgermeister vom 17. Dezember 1934, unpaginiert. 274 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 14. Februar 1940, unpaginiert. 275 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 12. März 1940, unpaginiert. 276 Vgl. Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, Frage 2. 54 Schulamt 5.1.5 Lehrerinnen und Lehrer 1933 wurde im Rahmen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die arische Abstammung der Mülheimer Lehrerinnen und Lehrer sowie ihre Zugehörigkeit zu Vereinigungen, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden, abgefragt. Auch die arische Abstammung des Ehepartners war nachzuweisen. Falschangaben führten zur Entlassung aus dem Schuldienst. Außerdem wurden die Religionsgemeinschaft und eventuelle Austritte aus dieser von allen Lehrkräften erfasst.277 Jede Schule musste eine Lehrkraft als Propagandawart beauftragen, die Mitglied der NSDAP war. Diese Lehrkraft sollte Propagandaarbeit leisten und die Festigung der nationalsozialistischen Werte an der jeweiligen Schule überwachen.278 Das Lehrerkollegium sollte sich darüber hinaus mit dem nationalsozialistischen Gedankengut vertraut machen, indem beispielsweise in den Lehrerkonferenzen die Beschäftigten reihum Referate zu einzelnen Abschnitten aus Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf “ halten sollten.279 Lehrerfortbildungen drehten sich im Dritten Reich thematisch häufig um Vererbungslehre, Familienkunde, Bevölkerungspolitik sowie Rassenkunde und -hygiene.280 Die Lehrerinnen und Lehrer konnten zu außerschulischen Aktionen herangezogen werden, z. B. der Kohlenbevorratungsaktion des städtischen Wirtschaftsamtes,281 der städtischen Feuerwehr, der Ver- 277 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 6. November 1934, unpaginiert. 278 Vgl. ebd., Schreiben Schulrat vom 14. August 1933, unpaginiert. 279 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 25. Oktober 1933, unpaginiert. 280 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom Juli 1934, unpaginiert. 281 Vgl. StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946, Schreiben Schulrat an die Mülheimer Schulleiter vom 15. April 1940, unpaginiert. 55 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr teilung von Lebensmittelkarten,282 der Teilnahme an Viehzählungen283 oder Personenstandsaufnahmen.284 Die Lehrkräfte konnten sich außerdem für Empfänge285 und Parteitage der NSDAP beurlauben lassen.286 Sämtliche Parteieintritte und -austritte der Lehrkräfte waren durch die Schulleiterinnen und -leiter an die Stadtverwaltung zu melden und ab 1936 mussten alle Lehrerinnen und Lehrer Mitglied in der NSDAP und dem Nationalsozialistischen Lehrerbund sein.287 Von 1939 bis zum Kriegsende gab es einen starken Lehrermangel, bedingt durch die Einberufung vieler Lehrkräfte zur Wehrmacht und durch erhöhte Krankenzahlen bei den verbliebenen Lehrerinnen und Lehrern.288 5.2 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal Elfriede Loewenthal wurde am 9. Januar 1895 in Mülheim an der Ruhr geboren. Sie und ihre Familie waren jüdisch. Ihre theoretische Ausbildung zur Lehrerin schloss Loewenthal 1915 am Oberlyzeum in Oberhausen ab.289 Ab dem 16. April 1915 war sie als Klassenlehrerin bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr 282 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Verfügung Kreisschulrat vom 10. Oktober 1939, unpaginiert. 283 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 23. November 1936, unpaginiert. 284 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Schreiben Oberbürgermeister vom 14. September 1939, unpaginiert. 285 Vgl. StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937, Schreiben Kreisschulrat vom 24. März 1936, unpaginiert. 286 Vgl. ebd., Schreiben Oberbürgermeister und Kreisschulrat vom 14. September 1934, unpaginiert. 287 Vgl. ebd., Schreiben Kreisschulrat vom 13. Mai 1936, unpaginiert. 288 Vgl. StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939, Verfügung Kreisschulrat vom 11. November 1939, unpaginiert. 289 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 11f. 56 Schulamt beschäftigt,290 die Anstellung erfolgte jedoch erst nur kriegsbedingt und daher voraussichtlich nur vertretungsweise bis zum Ende des Ersten Weltkrieges.291 Seit ihrem Dienstantritt unterrichtete Loewenthal an der evangelischen Volksschule an der Mellinghofer Straße,292 der heutigen Realschule an der Mellinghofer Straße.293 Ihre Vereidigung erfolgte wenige Wochen nach der Einstellung.294 1918 erlangte Loewenthal durch die bis dato gesammelte Praxiserfahrung die abschließende Befähigung zur Anstellung als Lehrerin.295 Die amtsärztliche Untersuchung seitens der Stadtverwaltung bestand sie frei von nachweisbaren Krankheiten und körperlich geeignet für den Lehrberuf.296 Das Abschlusszeugnis zur Lehrbefähigung wurde ihr vom damaligen Schuldirektor der Mellinghofer Schule ausgehändigt. Sie sollte durch die Stadtverwaltung in einer freien Stelle im Schulverband Mülheim an der Ruhr beschäftigt werden297 und ihre endgültige Anstellung als Lehrerin bei der Stadt Mülheim an der Ruhr erfolgte am 1. April 1918.298 Allgemein konnte Jüdinnen und Juden bei vorliegenden Qualifikationen eine Anstellung nicht verwehrt werden, ihre jüdische Religion durfte sie jedoch nicht in der Ausübung ihrer Amtspflichten einschränken. So galt beispielsweise, dass auf den jüdischen Feiertag 290 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Personalbogen, unpaginiert. 291 Vgl. ebd., Abschrift Schreiben des Kreisschulinspektors vom 22. März 1915, unpaginiert. 292 Vgl. ebd., Bl. 11. 293 Vgl. AG Stolpersteine der Realschule Mellinghofer Str. (2014). Die „Stolpersteine“ zum Gedenken an Juliane, Johanna und Elfriede Loewenthal. URL: 2019, S. 1. (künftig zitiert: AG Stolpersteine, 2014). 294 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 3. 295 Vgl. ebd., Bl. 19. 296 Vgl. ebd., Bl. 24. 297 Vgl. ebd., Bl. 19. 298 Vgl. ebd., Bl. 26. 57 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal Sabbat keine besondere Rücksicht genommen werden konnte. Ein weiteres Hindernis bei der Anstellung von jüdischen Lehrpersonen war die konfessionelle Ausrichtung der meisten Schulen. So sollten in katholischen, evangelischen und jüdischen Schulen möglichst nur Lehrerinnen und Lehrer der entsprechenden Religionszugehörigkeit beschäftigt werden.299 Die Heranwachsenden sollten im Idealfall nur von Lehrpersonen unterrichtet werden, die derselben Konfession wie sie angehörten.300 Trotz dieser restriktiven Regelungen war es der jüdischen Lehrerin Loewenthal gelungen eine Festanstellung an der evangelischen Mellinghofer Schule zu erhalten. In einem Schreiben der evangelischen Altstadtgemeinde Mülheims an die Stadtverwaltung von 1922 nahm der Vorstand der Gemeinde daran Anstoß, dass Loewenthal als jüdische Lehrkraft an der evangelischen Mellinghofer Schule unterrichtete. Die Gemeinde zeigte sich um die evangelische Ausrichtung der Schule besorgt, die durch die jüdische Lehrerin gefährdet sei. Die Stadt wurde gebeten „diesen Missstand umgehend zu beseitigen“,301 Loewenthal also nicht länger an der Mellinghofer Schule zu beschäftigen. Hierauf antwortete die Schulbehörde der Stadt Mülheim an der Ruhr, dass Loewenthal bereits seit 1915 an dieser Schule beschäftigt sei und es in diesen sieben Jahren keine Einsprüche, Klagen oder sonstigen Schwierigkeiten gegeben habe. Zudem war Loewenthal fest angestellt, daher sei eine Entlassung unmöglich. Die Mülheimer Schulbehörde sah durch Loewenthal als einzige jüdische Lehrperson außerdem keine Gefährdung der evangelischen Ausrichtung der Mellinghofer Schule.302 Das Mülheimer Schulamt verteidigte also damals seine jüdische Bedienstete und Loewenthals folgende Berufsjahre verliefen nach diesem Zwischenfall 299 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 36f und Gesetz über die Verhältnisse der Juden. 300 Vgl. ebd., Bl. 38 und § 33 Volksschulunterhaltungsgesetz. 301 Ebd., Bl. 39. 302 Vgl. ebd., Bl. 39. 58 Schulamt ohne besondere Vorkommnisse.303 Ihr berufliches und privates Leben sollte sich jedoch ab 1933 durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten drastisch ändern. Durch den Schulrat wurde Loewenthal ab dem 21. April 1933 vom Dienst beurlaubt. Der damalige Schuldirektor erhielt eine Abschrift der Beurlaubung und der Mellinghofer Schule sollte schnellstmöglich ein Hilfslehrer anstelle von Loewenthal zugewiesen werden. Der Mülheimer Schulrat informierte den übergeordneten Regierungspräsidenten über Loewenthals Beurlaubung, die erfolgt war „um unliebsame Zwischenfälle zu vermeiden.“304 Der Regierungspräsident erklärte sich mit der Beurlaubung einverstanden, da Loewenthal Jüdin war. Die Neubesetzung für die nun vakante Stelle lag in der Verantwortung des Mülheimer Schulamtes.305 Am Freitag, dem 19. Mai 1933, wurde Loewenthal kurzfristig benachrichtigt, dass sie ab Montag, dem 22. Mai 1933, vorerst eine krankheitsweise Vertretung eines anderen Lehrers an der jüdischen Schule in Dinslaken wahrnehmen sollte. Künftig sollte sie nach Möglichkeit an der jüdischen Schule in Essen unterrichten. Details standen zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch nicht fest,306 sodass ihre berufliche Zukunft ungewiss war. In einem Verzeichnis der städtischen Beamtinnen und Beamten Mülheims von Juni 1933 wurde Loewenthal bereits nicht mehr erwähnt.307 Ab Juli 1933 wurde sie endgültig als Lehrerin in den Schulverband der Nachbarstadt Essen versetzt, wo sie an der jüdischen Schule beschäftigt war. In der Mülheimer Schulbehörde wurde daraufhin veranlasst, die 303 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 40–48. 304 Vgl. ebd., Bl. 49f. 305 Vgl. ebd., Bl. 52. 306 Vgl. ebd., Bl. 51. 307 Vgl. StAMH 1200/1010, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Bl. 24–30. 59 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal Dienstbezüge endgültig einzustellen und eine evangelische Bewerberin für Loewenthals ehemalige Stelle zu finden.308 Ab April 1934 wurde Loewenthal an der jüdischen Duisburger Volksschule als Lehrkraft eingesetzt. Der Unterricht in der Nachbarstadt fand unter erschwerten Umständen statt und Loewenthal war temporär als einzige Lehrkraft für die jüdischen Kinder und Jugendlichen zuständig. Mit Kriegsbeginn 1939 kamen noch zusätzlich zehn jüdische Schülerinnen bzw. Schüler aus Mülheim an der Ruhr in den Duis burger Klassenverband, die ebenfalls von Loewenthal unterrichtet wurden. Die jüdische Schule in Duisburg wurde jedoch Ende Juni 1942 endgültig geschlossen,309 so wie auch alle anderen noch verbliebenen jüdischen Lehranstalten spätestens ab Juli 1942 ihren Betrieb einstellen mussten.310 Loewenthal war bis dahin unter verschiedenen Adressen wohnhaft gewesen.311 Ihre letzte frei gewählte Anschrift war die Bahnstr. 44 in Mülheim an der Ruhr, bevor sie gemeinsam mit anderen Juden in ein sogenanntes Judenhaus in der Delle 29 umziehen musste. Sie hatte zuvor mit ihrer Mutter Juliane Loewenthal und ihrer Schwester Johanna Loewenthal zusammengelebt. Die Schwester wurde bereits im April 1942 ins Ghetto Izbica deportiert und schließlich im Vernichtungslager Sobibor ermordet.312 Elfriede Loewenthals Deportation aus Mülheim an der Ruhr erfolgte am 21. Juli 1942, nur kurze Zeit nach Schließung ihrer letzten Berufsstätte. Ausgehend vom Sammelpunkt Düsseldorf wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Transport in das Ghetto Theresienstadt gebracht, 308 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 53. 309 Vgl. AG Stolpersteine, 2014, S. 1. 310 Vgl. Huber, C. (2009). Jüdische Kindheit und Jugend im nationalsozialistischen Deutschland. Eine vergleichende Studie für die Städte Düsseldorf und Essen. Unveröffentlichte Dissertation, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, S. 81. 311 Vgl. StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal, Bl. 51. 312 Vgl. AG Stolpersteine, 2014, S. 1. 60 Schulamt wo die Mutter am 16. Januar 1943 verstarb.313 Der Sammeltransport von Düsseldorf nach Theresienstadt war vermutlich gemeinsam mit 963 anderen Personen erfolgt. Von dort wurde Elfriede Loewenthal, vermutlich in einem Transport gemeinsam mit 2.502 weiteren Menschen,314 am 15. Mai 1944 ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sie kam an einem ungeklärten Datum im Lager Auschwitz um und wurde nach Kriegsende für tot erklärt.315 Den drei genannten Frauen der Familie Loewenthal wird heute mit Stolpersteinen in der Bahnstr. 44 gedacht, ihrem letzten frei gewählten Wohnsitz. Elfriede Loewenthal wird zusätzlich mit einem Stolperstein an der Mellinghofer Str. 56 gedacht, wo sie als Lehrerin an der Mellinghofer Schule tätig war.316 Abschließend ist festzustellen, dass Loewenthal ausschließlich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft den Dienst bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr niederlegen musste und sie und ihre Familienangehörigen innerhalb des NS-Regimes diskriminiert, verfolgt und schlussendlich sogar ermordet wurden. 313 Vgl. Bundesarchiv. Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945. Namensverzeichnis. URL: 2019. (künftig zitiert: Bundesarchiv, Namensverzeichnis, URL: 2019). 314 Vgl. Bundesarchiv. Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945. Deportationschronologie. URL: 2019. 315 Vgl. Bundesarchiv, Namensverzeichnis, URL: 2019. 316 Vgl. Stadt Mülheim an der Ruhr. Übersicht der in Mülheim an der Ruhr verlegten Stolpersteine, Liste A. URL: 2019, S. 4. (künftig zitiert: Übersicht verlegter Stolpersteine, Liste A, URL: 2019). 61 Volksschullehrerin Elfriede Loewenthal 63 6. Stadtkasse Zuletzt wird nun die Stadtkasse als Amt der Mülheimer Stadtverwaltung fokussiert. Die Stadtkasse befasste sich mit allen Kassenangelegenheiten der Kommune. Somit hatte die Stadtkasse eine klassische Position als Schnittstelle zwischen nahezu allen anderen Ämtern der Stadtverwaltung inne. Sie erhielt ihre Auszahlungsanweisungen z. B. aus dem Personalbereich und vom Wohlfahrtsamt. Zudem beglich sie die offenen Rechnungen der Stadt, die in jedem Amt anfallen konnten, beispielsweise für Materialeinkäufe, Reparaturen oder externe Aufträge. Die zu Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten hohe Arbeitslosenquote sank in den kommenden Jahren, sodass sich die zuvor sehr hohen Wohlfahrtsausgaben allmählich reduzierten. Diese sozialen Ausgaben hatten zuvor viele Kommunen finanziell stark belastet und wurden hauptsächlich von den Stadtkassen getätigt. Durch das Gesetz zur Änderung der Arbeitslosenhilfe mussten die Gemeinden zudem die Erwerbslosenfürsorge nicht mehr finanzieren. Zeitgleich trat das Umschuldungsgesetz in Kraft, durch das die kommunalen Finanzen neugeordnet wurden. Durch dieses Gesetz wurde die Finanzhoheit der Gemeinden stark beschnitten, da ihnen die Aufnahme von Krediten untersagt wurde und der nationalsozialistische Staat sich gesteigerte Kontrollbefugnisse zusprach.317 317 Vgl. Mann & Püttner, 2007, S. 122f. Kriegsbedingt verschoben sich die Tätigkeitsfelder der Stadtkassen. Es wurde, wie in vielen anderen städtischen Ämtern auch, versucht die Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger angesichts knapper Ressourcen, Personalmangel und der Kriegsumstände weiterhin sicherzustellen.318 6.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Neben den städtischen Zahlungen war die Stadtkasse Mülheim an der Ruhr mit dem Rechnungsabschluss der Stadt betraut.319 Zudem oblag ihr die Führung der städtischen Kassenbücher und innerhalb der Stadtkasse wurden Monatsabschlüsse und Meldungen für übergeordnete Instanzen zusammengestellt, z. B. für den Regierungspräsidenten, der die Aufsicht führte.320 Daneben hatte die Stadtkasse dafür Sorge zu tragen, dass alle außer- und überplanmäßigen Ausgaben in den einzelnen Ämtern ausschließlich mit Genehmigung getätigt wurden.321 Die Stadtkasse war jedoch nicht nur für die städtischen Auszahlungen, sondern auch für die Einzahlungen zuständig. So überwachten die Bediensteten der Stadtkasse die Geldeingänge und ordneten sie intern den entsprechenden Kostenstellen zu. Fehlten Geldeingänge wurden Mahnungen erstellt und an die Bürgerinnen und Bürger versandt.322 So informierte z. B. das Vermessungsamt die Stadtkasse laufend über Straßenumbenennungen und Neubebauungen323, vermutlich zur Gebührenabwicklung. Außerdem sollten städtische Aufträge ab 1936 nur noch an Unternehmerinnen und Unternehmer vergeben 318 Vgl. Mann & Püttner, 2007, S. 131. 319 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 243. 320 Vgl. ebd., Bl. 245ff. 321 Vgl. ebd., Bl. 249. 322 Vgl. ebd., Bl. 258. 323 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 365. 64 Stadtkasse werden, die steuerliche Unbedenklichkeitsnachweise vorlegen konnten. Bei Aufträgen über 5.000 Reichsmark stellte die Finanzbehörde die Bescheinigung zur Unbedenklichkeit aus, bei einem niedrigeren Auftragsvolumen waren die hiesigen Stadtkassen für die Prüfung zuständig.324 6.1.1 Auszahlungen an städtische Bedienstete Die Stadtkasse war in die Zahlungsabwicklung der Bezüge und Gehälter der städtischen Beamten, unbefristet beschäftigten Arbeitern und Angestellten sowie Rentnern, Pensionären und Empfängern von Hinterbliebenenbezügen involviert.325 So war die Stadtkasse auch für die Zahlbarmachung aller Gehälter der zuvor genannten städtischen Beschäftigten zuständig. Eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Personalamt waren hierfür von Nöten. Sie wickelte darüber hinaus z. B. die Kürzung des Ruhegehalts von Oberbürgermeister Schmidt ab, als er nach seiner Pensionierung außerhalb der Stadtverwaltung arbeitete.326 Die Stadtkasse bezahlte auch die Umzugskosten für die Oberbürgermeister Maerz und Hasenjaeger, die zwecks ihrer Ämter von auswärts nach Mülheim an der Ruhr zogen.327 Außerdem beglich sie die Rechnungen für die externe Feuerwehrausbildung von Brandingenieur Freter in Berlin.328 Für die städtischen Bediensteten konnten je nach den persönlichen Lebensumständen und der Position innerhalb der Verwaltung folgende Positionen seitens der Stadtkasse zahlbar gemacht werden: Gehälter, 324 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 259. 325 Vgl. StAMH 1200/1361, Zahlung der Gehälter, Auftragszahlungen für die städt. Beamten und Angestellten sowie Lehrer 1910–1934, Bl. 172. 326 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 278. 327 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 26ff. 328 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 14. 65 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Dienstaufwandsentschädigungen, Ersatz der Auslagen, örtliche Sonderzuschläge, Wohnungsgeld, Zuschüsse zu Dienstwohnungen, Kinderbeihilfen329 und Kinderzuschläge330 sowie Ruhe- und Hinterbliebenengehälter. Bei Entlassungen aus dem Dienst der Stadtverwaltung aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, z. B. bei Oberbürgermeister Schmidt331 und Volksschullehrerin Loewenthal, er-gingen die Informationen intern an die Stadtkasse, welche daraufhin die Gehaltszahlungen einstellte. 6.1.2 Auszahlungen an Bürgerinnen und Bürger Ab dem Jahr 1933 wurden bei den Auszahlungen der Stadtkasse an die Mülheimerinnen und Mülheimer SS-Wachen eingesetzt, um auch bei großem Publikumsandrang geordnete Abläufe zu gewährleisten. Die Auszahlungen fanden im Rathaus statt.332 Die Stadtkasse übernahm als Querschnittsamt z. B. die Auszahlungen des Wohlfahrtsamtes.333 So tätigte sie beispielsweise Versorgungszahlungen an allgemein Fürsorgebedürftige,334 Wohlfahrtserwerbslose und sonstige Unterstützungsempfänger.335 Diese untergliederten sich nochmals in folgende Gruppen: Arbeitslose des Arbeitsamtes, Sozialrentner, Pflegebedürftige in fremden Familien, Kleinrentner, Kriegsopfer, Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene. Die verschiedenen Anspruchsgruppen konnten allgemeine Zahlungen und Hilfen, Unter- 329 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 5 und 10. 330 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 292. 331 Vgl. ebd., Bl. 228. 332 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 281. 333 Vgl. ebd., Bl. 361. 334 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 260. 335 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 471. 66 Stadtkasse stützungen, Zusatzunterstützungen336 sowie Zusatzrenten337 seitens der Stadtkasse ausgezahlt bekommen. Ebenso wie in vielen anderen deutschen Städten war auch in Mülheim an der Ruhr in den Anfangszeiten des Nationalsozialismus die Arbeitslosenzahl hoch und viele Einwohnerinnen und Einwohner waren auf öffentliche Hilfe angewiesen, sodass die Stadt Mülheim an der Ruhr hohe kommunale Sozialausgaben zu leisten hatte.338 Die Stadtkasse zahlte zudem Familienunterhalt an die berechtigten Mülheimer Familien aus.339 Überdies hinaus zahlte die Stadtkasse in Sonderfällen Pflichtarbeiterinnen und -arbeitern Aufwandsentschädigungen, wenn sie an nationalsozialistischen Aufmärschen teilnahmen, so beispielsweise für die Mülheimer Parade zum Tag der Arbeit 1935.340 Außerdem konnte die Stadtkasse für bestimmte Ehrenämter in Mülheim an der Ruhr einen Ersatz der Auslagen, Vergütungen und sogar Dienstaufwandsentschädigungen an die ehrenamtlich tätigen Personen in Zahlung bringen.341 6.1.3 Personal der Stadtkasse Die Stadtkasse wurde vor Kriegsausbruch als lebenswichtiger Betrieb innerhalb der Stadtverwaltung eingestuft, was ihre Bedeutung sowohl für die anderen Dienststellen als auch die Mülheimer Bürgerinnen und Bürger unterstrich.342 336 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 261. 337 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 398f. 338 Vgl. Emons, 2010, S. 102. 339 Vgl. StAMH 1200/867, Stadtkasse, Bl. 1. 340 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 434. 341 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 5f. 342 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 306. 67 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Erste Abfragen bezüglich der Durchführungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums fanden für die Beschäftigten der Stadtkasse bis Juli 1933 statt. Es wurde die Zugehörigkeit zu Verbänden abgefragt, die entgegen dem Nationalsozialismus positioniert waren.343 Innerhalb der Mülheimer Stadtkasse gehörte keiner der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffenen Verbänden an, sodass diesbezüglich keine Maßnahmen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums getroffen wurden.344 Darüber hinaus wurde bei der Stadtkasse ab 1934 der Nachweis der arischen Abstammung der Beschäftigten und ihrer Ehepartner gefordert, wie auch bei den übrigen Ämtern der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr.345 Ebenso wie andere städtische Bedienstete, z. B. Lehrkräfte, konnten die Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter der Stadtkasse gelegentlich zu Sonderaufgaben abkommandiert werden, z. B. 1934 zur Viehzählung.346 Ab 1939 wurden zu den Auszahlungsterminen der Stadtkasse regelmäßig zusätzliche städtische Bedienstete anderer Ämter herangezogen, da der Stadtkasse nur noch eingeschränkt Personal zur Verfügung stand. Die bisherigen Bediensteten der Stadtkasse waren im großen Stil zu anderen Dienststellen beordert oder zur Wehrmacht eingezogen worden.347 Somit litt auch die Stadtkasse unter großer Personalnot, obwohl sie zuvor als lebenswichtiger Betrieb der Stadtverwaltung eingruppiert worden war. 343 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 266f. 344 Vgl. ebd., Bl. 268. 345 Vgl. ebd., Bl. 386–390. 346 Vgl. ebd., Bl. 366. 347 Vgl. StAMH 1200/867, Stadtkasse, Bl. 1. 68 Stadtkasse 6.2 Stadtamtmann Peter Dreis Peter Dreis wurde am 30. Mai 1878 in Kalk bei Köln geboren, besuchte die Volksschule und danach das Gymnasium, welches er mit der Reifeprüfung verließ. Seinen Wehrdienst leistete er von 1901 bis 1903 als Gefreiter und Unteroffizier in Köln ab. Außerdem übte Dreis Aushilfstätigkeiten bei verschiedenen Ämtern in Köln und Umgebung aus.348 Ab 1903 arbeitete er für die Stadt Oberhausen und bestand 1905 die Prüfung zum Verwaltungsassistenten mit der Benotung „gut“.349 Seit 1906 war er mit seiner Ehefrau Margarete verheiratet.350 Dreis absolvierte in den Folgejahren zusätzlich die Ausbildung zum Sekretär und wurde als ebensolcher bei der Oberhausener Stadtverwaltung verbeamtet. Von dort erhielt er die Beurteilung „sehr gut“.351 Dreis bewarb sich 1908 bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr auf eine Stelle bei der Stadtkasse im Finanz- und Kassenwesen. Dort wurde ein Bewerber mit Kenntnissen über die doppelte Buchführung gesucht.352 Dreis’ Bewerbung war erfolgreich und er wurde als Kassierer im Beamtenverhältnis eingestellt.353 Die Anstellung in Mülheim an der Ruhr erfolgte zum 19. August 1908.354 Stadtsekretär Dreis wurde 1912 bescheinigt, dass er sich durch „besondere Befähigung und hervorragende Leistung“355 hervorgetan hatte. Eine Gehaltserhöhung erfolgte.356 348 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 349 Vgl. ebd., Abschrift Zeugnis, unpaginiert. 350 Vgl. ebd., Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 351 Vgl. ebd., Bl. 7. 352 Vgl. ebd., Bl. 1. 353 Vgl. ebd., Bl. 11. 354 Vgl. ebd., Bl. 15. 355 Ebd., Bl. 45. 356 Vgl. ebd., Bl. 48. 69 Stadtamtmann Peter Dreis Ab 1916 durfte Dreis die Amtsbezeichnung Oberstadtsekretär führen. Er wurde zwischenzeitlich zum Heeresdienst im Ersten Weltkrieg abkommandiert und war nach Kriegsende ab Dezember 1918 wieder für die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr tätig.357 Den Kriegsdienst von 1914 bis 1918 hatte Dreis als Zivildienst abgeleistet.358 Ab 1919 war Dreis als Abteilungsvorsteher beschäftigt359 und übte ab 1927 die Tätigkeit des Rechnungsführers der städtischen Gas- und Stromversorgung aus. Auch dort war er Abteilungsvorsteher und wurde ausschließlich positiv beurteilt. Seine offizielle Dienstbezeichnung lautete nun Stadtamtmann.360 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten feierte Dreis bei den Gas- und Stromwerken im August 1933 sein 25-jähriges Dienstjubiläum bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr.361 Maßnahmen auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums waren gegen Dreis nicht einzuleiten, sodass er seinen Dienst wie gewohnt fortsetzen konnte.362 Demnach hatte er sowohl seine eigene als auch die arische Abstammung seiner Ehefrau nachgewiesen und er war nicht in Vereinigungen aktiv, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden. Dreis wurde im August 1934, wie inzwischen durch das Gesetz über die Vereidigung der Beamten und der Soldaten der Wehrmacht üblich, erneut vereidigt. Beamtinnen und Beamte wurden nun auf Adolf Hitler persönlich vereidigt und ihm wurde Treue und Gehorsam geschworen.363 Die erneute Vereidigung, diesmal mit dem nationalsozialistischen Treueschwur, wurde auch schon beim Eid des Ober- 357 StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Bl. 56f. 358 Vgl. ebd., Bl. 118. 359 Vgl. ebd., Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 360 Vgl. ebd., Bl. 121. 361 Vgl. ebd., Bl. 128. 362 Vgl. ebd., Bl. 129ff. 363 Vgl. ebd., Bl. 132. 70 Stadtkasse bürgermeisters Maerz festgestellt und dürfte auch für Oberbürgermeister Hasenjaeger und Brandingenieur Freter gegolten haben. Dreis bat im Januar 1936 schließlich um seine Versetzung in den Ruhestand zum Jahresbeginn 1937. Er gab als Begründung sein Alter und seinen schlechten Gesundheitszustand an. Ferner plante er vor der Pensionierung noch seinen restlichen Erholungsurlaub in Anspruch zu nehmen und merkte an, dass es in seinen verbleibenden Diensttagen aufgrund seiner Gesundheit voraussichtlich weiterhin zu vielen Fehlzeiten kommen werde. Er bat außerdem darum wegen seines baldigen Ausscheidens aus der Stadtverwaltung bis zu seinem Dienstende nicht mehr mit neuen Aufgaben betraut zu werden und in seiner gewohnten Position weiter arbeiten zu dürfen. Ab März 1936 wurde er beurlaubt und konnte ab dem 1. Januar 1937 in Pension gehen. Dreis erhielt die maximale Pensionshöhe mit einem Satz von 80 % seiner früheren Dienstbezüge. Für die Zeit kurz nach dem Pensionseintritt hatte Dreis eine Kur zwecks seiner Gesundheit geplant.364 Dreis wurde 1938 im Ruhestand mitgeteilt, dass seine Pension ab 1943 durch eine neue ministerielle Anordnung auf nur noch 75 % der früheren Dienstbezüge abgesenkt werden sollte. Gemäß der Verordnung über Maßnahmen auf dem Gebiet des deutschen Beamtenrechts vom 1. September 1939 wurde der pensionierte Dreis ab dem 4. September 1939 unter entsprechender Besoldung trotz seines weiterhin schlechten gesundheitlichen Zustands nach knapp drei Jahren Ruhestand in den Dienst der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr zurück berufen.365 Er wurde als Beamter auf Widerruf eingestellt und seine offizielle Amtsbezeichnung lautete nun Stadtamtmann außer Dienst (Stadtamtmann a. D.).366 Gemeinsam mit Dreis wurden 38 weitere bereits pensionierte Beschäftigte der Stadtverwaltung erneut ein- 364 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Bl. 136ff. 365 Vgl. ebd., Bl. 145f. 366 Vgl. ebd., Bl. 148f. 71 Stadtamtmann Peter Dreis gestellt.367 Neben den wieder aktivierten Ruheständlern verblieben zusätzlich 23 weitere Beamte auch nach Erreichen der Altersgrenze für eine Rente bzw. Pension im Dienst der Stadt, um die Personalnot zu lindern.368 Durch seinen Gesundheitszustand war Dreis’ Rückkehr ins Berufsleben jedoch von häufigen krankheitsbedingten Ausfällen geprägt369 und weitere Erkrankungen kamen zu den bereits bestehenden hinzu.370 Er wurde zunächst in der Kämmerei beschäftigt und ab Februar 1940 zum Tiefbauamt versetzt.371 Dort übernahm er für knapp zwei Wochen die Vertretung des Büroleiters, der kurzfristig zur Wehrmacht einberufen worden war. Nach dessen Rückkehr wurde Dreis zum Wirtschafts- und Ernährungsamt weiter versetzt.372 Im Mai 1942 machte Dreis jedoch geltend, dass er bedingt durch seine Gesundheit dienstunfähig sei. Er durfte schließlich ab Juni 1942 endgültig in den Ruhestand zurückkehren und erhielt die gleichen Pensionsbezüge wie zuvor, da diese schon dem maximalen Prozentsatz entsprochen hatten und sich somit durch seinen nochmaligen Einsatz im Arbeitsleben nicht mehr hatten erhöhen können.373 Dreis’ Ehefrau ließ 1944 in der Mülheimer Zeitung per Nachruf ver- öffentlichen, dass ihr Mann am 9. November 1944 nach langer Krankheit in Düsseldorf verstorben war.374 Nach Kriegsende ergab sich jedoch ein weniger harmloses Bild bezüglich seiner Todesumstände: Dreis war am 13. August 1944 wegen des Abhörens feindlicher, englischer 367 Vgl. StAMH 1200/1514, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Während des Krieges wieder eingestellte Ruhegehaltsempfänger, Stand Mai 1944, unpaginiert. 368 Vgl. ebd., Beamte, die nach Vollendung des 65. Lebensjahres im Dienst verblieben sind, Stand August 1944, unpaginiert. 369 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Bl. 146f. 370 Vgl. ebd., Bl. 151. 371 Vgl. ebd., Bl. 148. 372 Vgl. ebd., Bl. 150. 373 Vgl. ebd., Bl. 153. 374 Vgl. ebd., Bl. 157, Ausschnitt Mülheimer Zeitung vom 15. November 1944. 72 Stadtkasse Radiosender und daraus abgeleiteter Zersetzung der Wehrkraft durch die Gestapo in Haft genommen worden. Er wurde bis zum 26. September im Polizeigefängnis Mülheim an der Ruhr gefangen gehalten, wurde dann für zwei Tage entlassen und am 28. September wiederum von der Gestapo im Mülheimer Gerichtsgefängnis inhaftiert. Von dort wurde er direkt ins Gerichtsgefängnis der Nachbarstadt Duisburg überwiesen. Dreis wurde während seiner Haft misshandelt und musste aufgrund dessen und sowie aufgrund seines ohnehin geschwächten Gesundheitszustandes ins Häftlingskrankenhaus Papendelle in Düsseldorf eingewiesen werden, wo er schließlich an den Folgen der Haft und den vorherigen Misshandlungen verstarb.375 Dreis’ Witwe bezog nach Kriegsende bis zu ihrem Tod 1960 Hinterbliebenenbezüge seitens der Stadtverwaltung. Außerdem wurde ihr in der Nachkriegszeit eine Rente für die Hinterbliebenen der Opfer des nationalsozialistischen Terrors zuerkannt.376 Dreis zählt zu der vergleichsweisen kleinen Gruppe der Opfer des Nationalsozialismus aus der kommunalen Verwaltung.377 Ihm wird heutzutage an seinem ehemaligen Wohnort in Mülheim an der Ruhr, der Mendener Str. 26, mit einem Stolperstein gedacht.378 Anhand der Dienstbiografie von Dreis lässt sich erkennen, dass auch ein augenscheinlich regelkonformes Arbeiten innerhalb der Stadtverwaltung sowie ein weitestgehend regelkonformes Leben innerhalb des nationalsozialistischen Regimes Personen nicht endgültig vor Verfolgung schützen konnten. Wie schnell jemand von einem vermeintlich unbescholtenen Bürger in die Rolle einer nationalsozialistisch 375 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Schreiben Regierungspräsident vom 7. März 1969 und Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 376 Vgl. ebd., Bl. 196 und Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 377 Vgl. ebd., Schreiben Regierungspräsident vom 7. März 1969, unpaginiert. 378 Vgl. Übersicht verlegter Stolpersteine, Liste A, S. 1, URL: 2019. 73 Stadtamtmann Peter Dreis verfolgten Person hineingeraten konnte, wird an Dreis’ Lebensweg eindringlich aufgezeigt. 74 Stadtkasse 75 7. Fazit Wie schon bei den Oberbürgermeistern ist auch bei den übrigen betrachteten Dienstbiografien festzustellen, dass sich Beschäftigungsverhältnisse bei der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus sehr verschieden gestalten konnten. So konnten sie, wie im Fall des Brandingenieurs Freter, nur durch seine nationalsozialistische Betätigung entstehen. Für die Volksschullehrerin Loewenthal erfolgte hingegen der Ausschluss aus dem Dienst der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr aufgrund ihrer jüdischen Abstammung und schlussendlich wurden sie und ihre Familienangehörigen im Holocaust ermordet. Doch auch augenscheinlich klassische, städtische Beamte wie der Stadtamtmann Dreis konnten den Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes zum Opfer fallen, sogar nachdem sie schon ihren Ruhestand angetreten hatten. Auch bei dieser geringen Zahl an Dienstbiografien sind schon einige Gemeinsamkeiten festzustellen. Wie bereits im Kapitel 3.4 erwähnt, ähneln sich die Dienstbiografien der Oberbürgermeister Schmidt und Hasenjaeger bezüglich ihrer Entlassungen im Jahr 1933. Zudem sind eindeutige Parallelen zwischen dem Oberbürgermeister Maerz und Brandingenieur Freter zu erkennen, die beide frühe Anhänger des Nationalsozialismus waren und aufgrund dessen unqualifiziert und teilweise rechtswidrig in gehobene Positionen der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr gelangten. Auch gleicht sich innerhalb der Dienstbiografien der beiden genannten, dass ihre Amtsvorgänger Oberbürgermeister Alfred Schmidt und Branddirektor Paul Sorge 1933 aus ihren Ämtern gedrängt worden waren. Die Dienstbiografien der Lehrerin Loewenthal und des Stadtamtmannes Dreis eint hingegen die Verfolgung durch den nationalsozialistischen Staat, die schlussendlich im Tod der beiden gipfelte, auch wenn beide aus komplett verschiedenen Gründen verfolgt wurden und unterschiedlichen Gruppen von Verfolgten angehörten. Trotz dieser Gemeinsamkeiten handelt es sich bei den betrachteten Personen selbstverständlich nur um eine stichprobenartige Auswertung in geringer Anzahl und kann kein allgemeingültiges Bild der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus liefern. Die Auswertung war allein schon eingeschränkt durch die begrenzte Anzahl der zugänglichen Akten in den Archiven. Viele Akten gingen kriegsbedingt verloren oder wurden zerstört, teilweise auch mutwillig zur Verschleierung nationalsozialistischer Taten.379 Bei der Auswahl der betrachteten Personen wurde versucht, möglichst nicht nur Dienstbiografien von nationalsozialistischen „Schreibtischtätern“ oder nur von Verfolgten des Nationalsozialismus näher zu beleuchten, sondern trotz der geringen Anzahl möglichst diverse Personengruppen zu betrachten. Das hier dargestellte Verhältnis von Befürwortern, Profiteuren und Verfolgten des Nationalsozialismus kann demnach in keiner Weise das tatsächliche Verhältnis zwischen diesen Personengruppen darstellen. Die Identifizierung von Personen, die dem Nationalsozialismus ambivalent oder eher neutral gegenüberstanden, ist zudem von enormer Schwierigkeit. So auch bei Oberbürgermeister Schmidt, der von den Nationalsozialisten abgesetzt worden war, aber trotz seiner beruflichen Einschränkungen durch diese Maßnahme nationalsozialistisches Schriftgut publizierte und später bei der Wehrmacht arbeitete. Glei- 379 Vgl. Wiedeking, 2004, S. 231. 76 Fazit ches gilt für die Einordnung von Personen wie Hasenjaeger, der zwar unter Druck NSDAP-Mitglied wurde, sich aber mehrfach entgegen dem Nationalsozialismus positioniert hatte und sogar von den Alliierten entnazifiziert und unterstützt worden war. Trotzdem haftete Hasenjaeger nach Kriegsende der schlechte Ruf des Nationalsozialismus an und zwang ihn, sein Amt niederzulegen. Gerade für Hasenjaeger kann berücksichtigt werden, dass er die Position des Mülheimer „Oberbürgermeisters in schwierigen Zeiten“ innehatte.380 Weitere Personengruppen konnten aufgrund nicht vorhandener Akten oder des vergleichsweise geringen Schriftmaterials nicht betrachtet werden. So wäre es gewiss von großem Interesse gewesen z. B. die Dienstbiografie einer Beamtin zu betrachten, die aufgrund der nationalsozialistischen Frauenpolitik ab 1933 zuerst aus dem Berufsleben gedrängt worden war und später wegen des kriegsbedingten Arbeitermangels wieder eingestellt wurde.381 Außerdem wäre sicherlich die Dienstbiografie eines Ehepartners einer verfolgten Person von Interesse gewesen. Dies galt z. B. für Gustav Sch.,382 der selbst städtischer Mitarbeiter evangelischer Konfession war und dessen Frau Henny als Jüdin verfolgt wurde.383 Eine weitere Dienstbiografie, die im Rahmen der Recherche aufgefallen ist, ist die von Katharina Sandmann, die als Bürogehilfin fast zehn Jahre beim städtischen Gesundheitsamt beschäftigt war. Nach mehreren persönlichen Schicksalsschlägen in kurzen Zeitabständen zeigten sich bei ihr Anzeichen von Schizophrenie. Sandmann wurde aufgrund dessen im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasie, die sich gegen körperlich und geistig behinderte Menschen richtete, erst 1937 zwangssterilisiert und schließ- 380 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 269. 381 Vgl. Doetsch et al., 1987, S. 179. 382 Der Name wurde zwecks Wahrung von Persönlichkeitsrechten anonymisiert. 383 Vgl. Kaufhold, 2006, S. 336 und Bundesarchiv, Namensverzeichnis, URL: 2019. 77 Fazit lich 1940 in einer Einrichtung für behinderte Menschen vergast.384 Auch diese Dienstbiografie wurde jedoch im Rahmen der Recherche nicht näher betrachtet, da der dienstliche Lebenslauf von Sandmann voraussichtlich ein extremes Einzelschicksal darstellt. Eine ähnliche Thematik wurde auch schon im Kapitel 5.1 bezüglich der Erfassung von Körperbehinderungen bei Schülerinnen und Schülern durch das Schulamt angeschnitten, die als vorbereitende Maßnahme für die Euthanasie gewertet werden kann. Darüber hinaus gab es in manchen Bereichen, wie dem Schulamt, mehrere Lebensläufe, die für die Recherche von Interesse waren, während es zu anderen Ämtern nur wenige erhaltene Informationen gab. Im Bereich des Schulamtes hätten alternativ zur Dienstbiografie von Loewenthal der Werdegang des Lehrers Walter Terjung, der verfolgter Zeuge Jehovas war,385 oder der Lebenslauf des NSDAP-Ratsherren und Lehrers Hans-Walter Hansen näher betrachtet werden können. Hansen war erst in Mülheim an der Ruhr beschäftigt und ihm taten sich später aufgrund seiner Tätigkeit für die NSDAP innerhalb des Düsseldorfer Schulwesens Karrieremöglichkeiten auf.386 Innerhalb der einzelnen Ämter ist festzustellen, dass den Vorstellungen des Nationalsozialismus Folge getragen wurde. Dies geschah zuallererst durch die optische Ausgestaltung der städtischen Gebäude, z. B. durch nationalsozialistische Fahnen oder Bildnisse von nationalsozialistischen Helden. Es folgten Säuberungen innerhalb des Personalkörpers, die in den vorherigen Kapiteln beschrieben worden sind. Durch abgeänderte Beamteneide schworen die Beamtinnen und Beamten ihre Treue direkt auf Adolf Hitler, der Eintritt in die NSDAP wurde stark 384 Vgl. Mathe-Anglas Rodriguez, I. (2018). „Warum soll ich mich denn hier fürchten?“, S. 5, 8 und 14, URL: 2019. 385 Vgl. Kaufhold, 2006, S. 281ff und 313. 386 Vgl. Bilski, A. (2016). Entnazifizierung des Düsseldorfer Höheren Schulwesens nach 1945. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 258. 78 Fazit forciert, der Hitlergruß wurde innerhalb der Dienststätten verpflichtend und sogar im Schriftverkehr üblich. Einige Bedienstete wie Hasenjaeger wurden schlussendlich vor die Wahl gestellt, ob sie in die NSDAP eintreten oder stattdessen ihr Amt niederlegen wollten. Innerhalb der einzelnen Ämter wurde erfasst, welche Beschäftigten der NSDAP und ihren Unterorganisationen angehörten. Mit Einsetzen und Fortschreiten des Krieges wurde zunehmend die Grundversorgung der Bevölkerung Ziel des vorrangigen Verwaltungshandelns. Die Aufgabenerfüllung wurde erschwert durch den grassierenden Personal- und Ressourcenmangel. Zusätzlich kamen neue kriegsbedingte Aufgaben wie der Luftschutz oder die Kinderlandverschickung auf viele städtische Ämter zu. Und auch die Verwaltungsgebäude und Wohnungen der städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten durch den Krieg beschädigt werden, z. B. verschiedene Schulen, die Hauptfeuerwehrwache und höchstwahrscheinlich auch die Wohnung der Familie Freter. Auch die städtischen Angestellten selbst hatten wie alle anderen Bürger mit alltäglichen Kriegssorgen wie Lebensmittelknappheit oder der möglichen Ausbombung des eigenen Zuhauses zu kämpfen. Zusätzlich belastend konnte eine mögliche Trennung von Familienangehörigen sein, häufig durch Kinderlandverschickung, Evakuierung oder einen militärischen Einsatz. Darüber hinaus wurden einige städtische Bedienstete selbst zur Wehrmacht eingezogen und die verbliebenen Beschäftigten wurden immer öfter zu Sonderarbeiten in anderen Ämtern oder sogar zu Arbeiten außerhalb der Stadtverwaltung herangezogen, z. B. in der Landwirtschaft. Auch die Weiterbeschäftigung bereits pensionierter Mitarbeiterinnen und -arbeiter konnte den Personalmangel nicht beheben. Es kann festgehalten werden, dass der Nationalsozialismus den Verlauf von Karrieren innerhalb der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr stark beeinflusste. Die politischen Umstände konnten Beschäftigungen bei der Stadtverwaltung erst ermöglichen und sie begünstigen oder 79 Fazit sogar langjährige Dienstverhältnisse beenden. Städtische Bedienstete konnten sich sogar entscheiden, ihre Kolleginnen und Kollegen zu denunzieren, sodass diese auf ihre Abstammung sowie ihre privaten Betätigungen überprüft und ggf. Maßnahmen gegen sie eingeleitet wurden. Die alltäglichen Amtshandlungen waren an die neuen Gesetze angepasst und in vielen Bereichen der Stadtverwaltung wurde sich organisatorisch auf den nahenden Krieg vorbereitet. Kriegsbedingt wurden neue Aufgaben von Bedeutung und im Kriegsverlauf selbst wurde es immer mehr zur Kernaufgabe der verbliebenen Verwaltungskräfte die Verwaltung funktionsfähig zu halten und die Existenzgrundlage der Mülheimer Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen. 80 Fazit 81 Danksagung Die Idee zu diesem Buch entstand im Rahmen meiner Bachelorthesis. Auf diesem Weg haben mich viele Personen hilfreich begleitet, bei denen ich mich aufs Herzlichste bedanken möchte. Zuallererst möchte ich Prof. Dr. Stefan Piasecki danken, der überhaupt den Anstoß dazu gegeben hat, meine Bachelorarbeit als Buch zu veröffentlichen. Herzlichen Dank für das große Interesse an meinem Thema, Ihre vielfältigen Anregungen und die fortwährende Ermutigung während der schwierigen Suche nach einem geeigneten Zeitzeugen. Ebenso möchte ich mich herzlich bei Kurt Wickrath bedanken, der sich als Zeitzeuge geduldig allen meinen Fragen gestellt hat und mich so gastfreundlich in seinem Zuhause empfangen hat. Außerdem gilt mein Dank den Mitarbeitenden des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr, allen voran Jens Roepstorff. Sie haben mich ebenfalls bei der Suche nach Zeitzeugen unterstützt sowie bei vielen Herausforderungen, die die Arbeit mit Archivmaterialien mit sich bringt. Großer Dank gilt außerdem meiner Familie und meinen Freunden, die mich während der Recherche- und Schreibphasen immer unterstützt und motiviert haben und vor allem dafür gesorgt haben, dass mein Privatleben nicht zu kurz kommt. Besonderen Dank möchte ich Karin Sontacki, Jana Viktoria Giesbers, Lena Liebern und Johannes Bender aussprechen, die mir eine große Unterstützung beim Korrigieren der Texte waren. Zum Abschluss möchte ich mich nochmals bei all jenen bedanken, die mich in dieser Zeit unterstützt haben und die an dieser Stelle nicht explizit erwähnt werden. Mülheim an der Ruhr im Mai 2020 Kyra Sontacki 82 Danksagung 83 8. Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 Kurt Wickrath, * 24. August 1924, ehemaliger Leiter des Haupt- und Personalamtes der Stadt Mülheim an der Ruhr Das Interview fand am Freitag, dem 10. Mai 2019, bei Herrn Wickrath Zuhause in Mülheim an der Ruhr statt. Herrn Wickrath wurden die unten abgedruckten Fragen gestellt. Zur ersten und dritten Frage wurden vorab Informationen aus früheren Veröffentlichungen von Herrn Wickrath entnommen. Er stimmte seinen damaligen Aussagen weiterhin zu und ergänzte diese sogar noch um weitere Aspekte. Die Antworten von Herrn Wickrath wurden auf seinen Wunsch hin handschriftlich in Stichworten mitgeschrieben und später am Computer elektronisch zusammengestellt. Am 16. Mai 2019 wurde die elektronische Abschrift des Interviews nochmals gemeinsam durchgegangen, sodass sich Herr Wickrath vergewissern konnte, dass alles in seinem Sinne verschriftlicht wurde. Außerdem durfte ein Bild aus dem Privatbesitz von Herrn Wickrath abfotografiert werden, welches am Ende der Interview-Abschrift beigefügt ist. 1. Bitte erzählen Sie kurz über Ihre Kindheit und Jugend in Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus? Die 1930er Jahre waren eine Zeit voller Ereignisse. In der Erinnerung des 1924 geborenen Herrn Wickrath sind vor allem nationalsozialistische Paraden, „Fackelzüge, Kundgebungen und Unruhen“ präsent. Deren politische Kraft war Herrn Wickrath damals als Kind jedoch natürlich nicht bewusst.387 Außerdem besuchte Hitler Mülheim an der Ruhr jährlich. Anlass hierzu war der Geburtstag eines seiner frühen Förderer, des Mülheimer Industriellen Emil Kirdorf. 2. Bitte schildern Sie Ihren Werdegang bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr? Herr Wickrath begann nach seinem Realschulabschluss 1940 eine Verwaltungslehre für den gehobenen Dienst bei der Stadt Mülheim an der Ruhr. Mit Genehmigung der Stadtverwaltung besuchte er zeitgleich privat die Abendschule, um sein Abitur abzulegen. Dies erlangte er im Jahr 1942 als externer Prüfling an der Fürstenwallschule in Düsseldorf. Kriegsbedingt handelte es sich hierbei um das damals übliche, verkürzte sogenannte „Not-Abitur“. 1943 wurde Herr Wickrath von seiner Tätigkeit bei der Stadt hinweg zur Wehrmacht einberufen. Seine Anstellung bei der Stadtverwaltung musste er diesbezüglich nicht kündigen. Innerhalb der Wehrmacht absolvierte Herr Wickrath die Offiziers-Laufbahn. Hierzu wurde Herr Wickrath u. a. in Polen und Russland eingesetzt. Einer seiner besten Freunde starb 1944 bei seinem Einsatz in Russland. Herr Wickrath selbst war zu diesem Zeitpunkt in der gleichen Einheit wie sein verstorbener Freund eingesetzt. Es handelte sich damals um eine etwa dreimonatige Frontbewährung im 387 Vgl. Wickrath, K. (1986). Großflugtag mit „Graf Zeppelin“ brachte die meisten Zuschauer. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 1986, S. 134. 84 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 Rahmen der Ausbildung zum Offizier. Nach diesem Fronteinsatz kehrte Herr Wickrath zur weiteren Ausbildung nach Deutschland zurück. Er beendete seine Ausbildung mit dem Rang eines Leutnants. Dieser Dienstgrad gehörte der Offizierslaufbahn an und Herr Wickrath wurde an seinem 20. Geburtstag, dem 24. August 1944, zum Leutnant ernannt. Danach wurde er in Westdeutschland eingesetzt, bis er im März 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Das Kriegsende erlebte er als inhaftierter Leutnant in der Eifel. Während seiner Haft sollte er eigentlich gemeinsam mit anderen Offizieren untergeordnete Dienstgrade, die ebenfalls inhaftiert waren, bei der Arbeit beaufsichtigen. Er weigerte sich jedoch und verbrachte stattdessen seine Haft größtenteils mit seinen Mitgefangenen auf ihrem gemeinsamen Zimmer, wo sie viel Schach spielten. Herr Wickrath wurde nach etwa fünfmonatiger Haft am 24. August 1945, seinem 21. Geburtstag, entlassen. Er kehrte daraufhin nach Mülheim an der Ruhr zurück. Hier sollte Herr Wickrath für die amerikanischen Alliierten einen Fragebogen zur Entnazifizierung ausfüllen. Er wurde per Telefon von Bekannten gewarnt, dass er als ehemaliger Wehrmachtsoffizier Probleme bei der Entnazifizierung bekommen könnte. Das Telefon gehörte zu einem Geschäft in der Straße, in der die Familie Wickrath wohnte. Die Familie selbst besaß kein eigenes Telefon, was damals üblich war. Nach der telefonischen Warnung reiste Herr Wickrath nach Westfalen, wo sich schon Bekannte von ihm befanden, die noch im Rahmen des Krieges dorthin evakuiert worden waren. Hier wurde er 1945 wiederum telefonisch benachrichtigt, dass seine Entnazifizierung erfolgreich verlaufen war. Daraufhin kam Herr Wickrath nach Mülheim an der Ruhr zurück. Anfang 1946 konnte Herr Wickrath schließlich nach seiner Entnazifizierung wieder in den Dienst der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr zurückkehren. 85 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 Hier stieg er im Laufe seiner Karriere zum leitenden Direktor auf und war 20 Jahre lang Leiter des Haupt- und Personalamtes, bis er mit 65 Jahren seinen Ruhestand antrat. 3. Bitte schildern Sie die generelle Situation und vor allem die Atmosphäre in Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus? Die damalige Zeit war geprägt von der „Zerschlagung der Demokratie, Verfolgung der Andersdenkenden“ und der „Begeisterung der Bevölkerung bei Aufmärschen, Kundgebungen und anderen Anlässen“ in Mülheim an der Ruhr.388 Diese Begeisterung bezog sich vor allem auf die Vorkriegszeit, während der Kriegsjahre nahm sie bei vielen Mülheimern etwas ab. Herrn Wickrath wurde angeraten, sich für die NSDAP zu engagieren, da er bei der Stadtverwaltung beschäftigt war. Diese Anweisung erging vom Leiter des Amtes für Leibesübungen. Herr Wickrath war damals bei jenem Amt beschäftigt und der Amtsleiter war ebenso der Führer der HJ für Mülheim an der Ruhr. Herr Wickrath erinnerte sich an den Ausspruch „Sie arbeiten bei der Stadtverwaltung, deshalb müssen Sie etwas für die Partei tun.“ Er hatte damals die Wahl sich bei der überörtlichen Gauleitung zusätzlich zu betätigen oder bei der lokalen HJ, die unter der Anschrift „Auf dem Dudel“ ansässig war. Herr Wickrath entschied sich für eine Betätigung bei der HJ, wo er bis zu seinem Einzug zur Wehrmacht 1943 für das Personal zuständig war. Er stellte Listen von Personen zusammen, die für Beförderungen der Ränge innerhalb der HJ vorgesehen waren. Jedes Jahr an Hitlers Geburtstag wurden diese Beförderungen durchgeführt. Herr Wickrath selber hat die HJ mit dem recht hohen Rang eines „Fähnleinführers“ verlassen. Er hatte seinen eigenen Namen des Öfteren mit auf 388 Vgl. Wickrath, K. (1984). Nationalsozialismus in Mülheim. Anfang und Ende. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 1984, S. 101. 86 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 die Beförderungslisten gesetzt, wenn die Vorschriften hierfür den Raum boten und hatte demnach eine relativ hohe Position erreichen können. Im Rahmen seiner Tätigkeit wurde er auch zum Leiter einer HJ-Dienststelle beordert. Zudem wusste Herr Wickrath zu berichten, dass zu Zeiten des Nationalsozialismus ein neues Stadtamt für Leibesübungen geschafften wurde. Leiter dieses Amtes war der bereits erwähnte HJ-Führer. Die Leibes- übungen erfuhren in den Hitler-Ära als vormilitärische Übungen und Ertüchtigungen großes Gewicht. 4. Sind Ihnen noch Erinnerungen zur Feuerwehr der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus präsent? Auf dem Mülheimer Rathausturm waren zeitweise Personen eingesetzt, die Bombenabwürfe beobachteten und die Feuerwehr und den Luftschutz über die Abwürfe informierten, sodass diese schneller die Straßenzüge und Stadtgebiete erreichen konnten, die von Bombardements betroffen waren. Die eingesetzten Beobachter waren u. a. Angehörige der HJ. 5. Sind Ihnen Einzelheiten zum ehemaligen städtischen Bediensteten Alfred Freter (Leiter der Feuerwehr, SS-Sturmbannführer) bekannt? Freter war dafür bekannt, dass er immer auffällig uniformiert auftrat. 6. Sind Ihnen noch Erinnerungen zu städtischen Schulen und dem Schulamt der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus präsent? 6.1 Welche Schulen haben Sie besucht? Herr Wickrath hat die städtische „Realschule Stadtmitte“ in Mülheim an der Ruhr besucht und später neben seiner Tätigkeit bei der Mülheimer Stadtverwaltung als externer Prüfling an der Fürstenwallschule in Düsseldorf das Abitur erlangt. 87 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 6.2 Haben Sie an der Kinderlandverschickung teilgenommen? Herr Wickrath selbst hat an der Kinderlandverschickung nicht teilgenommen, da er hierfür damals schon zu alt war. Sein jüngerer Bruder wurde jedoch ab 1943 für ca. zwei Jahre nach Österreich geschickt. Der Bruder begleitete und betreute dort als älteres HJ-Mitglied mit einem höheren Rang jüngere Schulkinder. 6.3 War unter den Schülern bekannt, dass jüdische und ausländische Mitschülerinnen und Mitschüler anders behandelt wurden und i. d. R. die Schulen verlassen mussten? Herrn Wickrath war als Schüler keine abweichende Behandlung von jüdischen und ausländischen Mitschülerinnen und Mitschülern bekannt. In seiner Mülheimer Klasse an der Realschule waren jedoch auch keine jüdischen oder ausländischen Kinder, ausgenommen von einem österreichischen Schüler, der wie alle anderen Kinder behandelt wurde. Während Herr Wickrath bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und der Verwaltungsschule Duisburg als Stadtinspektoranwärter ausgebildet wurde, legte er zusätzlich 1942 sein Abitur als externer Schüler an der Düsseldorfer Fürstenwallschule ab. Hierzu wurde er im Vorfeld von privaten Lehrern unterrichtet, z. B. in Mathematik und Latein. Der Unterricht fand separat in den Abendstunden und am Wochenende statt, sodass nicht viel Kontakt zu anderen Schülerinnen und Schülern bestand. Auch hier beobachtete er keine Andersbehandlung von Gleichaltrigen, auch wenn nur wenige Berührungspunkte bestanden. Mit Genehmigung der Mülheimer Stadtverwaltung durfte Herr Wickrath sogar gelegentlich früher den Dienst beenden, wenn er seinen privaten Unterricht in den Abendstunden hatte. Die versäumten Arbeitsstunden musste Herr Wickrath dann an anderen Tagen nachholen. 88 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 6.4 Sind Sie Zeuge von Bücherverbrennungen (auf Schulhöfen) geworden? Herrn Wickrath waren öffentliche Bücherverbrennungen bekannt, er selbst hat jedoch nie an einer teilgenommen. Bücherverbrennungen, die speziell auf Schulhöfen durchgeführt wurden, sind ihm nicht bekannt. Die Bücherverbrennungen hatten nach seinem Empfinden einen stark demonstrativen Charakter. 7. Sind Ihnen Einzelheiten zur ehemaligen städtischen Bediensteten Elfriede Loewenthal (jüdische Volksschullehrerin, Schule an der Mellinghofer Str.) bekannt? Nein. 8. Sind Ihnen noch Erinnerungen zur Stadtkasse/ Gas- und Elektrizitätswerken der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus präsent? Herrn Wickrath sind keine Einzelheiten zur Stadtkasse oder den Gasund Elektrizitätswerken der Stadt Mülheim an der Ruhr bekannt. Er erinnert sich jedoch, dass sich das Wasserwerk zu Zeiten des Nationalsozialismus etwa in dem heutigen Abschnitt zwischen Schloss Broich und der Stadthalle befunden hat. 9. Sind Ihnen Einzelheiten zum ehemaligen städtischen Bediensteten Peter Dreis bekannt (Stadtamtmann bei der Stadtkasse und später den Gas- und Elektrizitätswerken; pensioniert von 1936–1939; Wiedereinstellung 1939–1942; Inhaftierung wegen Abhörens feindlicher Sender und Wehrkraftzersetzung, Tod aufgrund Haft)? Nein. 89 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 10. Haben Sie Erinnerungen an den ehemaligen Oberbürgermeister Alfred Schmidt (Oberbürgermeister 1930–1933)? Nein. 11. Haben Sie Erinnerungen an den ehemaligen Oberbürgermeister Wilhelm Maerz (Oberbürgermeister 1933–1936)? Nein. 12. Haben Sie Erinnerungen an den ehemaligen Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger (Oberbürgermeister ab 1937)? Oberbürgermeister Hasenjaeger galt allgemein als nett gegenüber den Angestellten und Beamten der Stadtverwaltung. Herr Wickrath selbst wurde nach dem Krieg und seiner erfolgreichen Entnazifizierung von Oberbürgermeister Hasenjaeger wiedereingestellt. Auch der ehemalige Stadtdirektor und spätere Oberstadtdirektor ist Herrn Wickrath im Zusammenhang mit seiner Wiedereinstellung nach Kriegsende eingefallen. Abfotografiert aus dem Privatbesitz von Herrn Wickrath: Herr Wickrath (links) und sein jüngerer Bruder (rechts), beide in Jungvolk- Uniform der HJ. Herr Wickrath trägt die Variante der Uniform mit langem Bein. Sein Bruder trägt die Sommerausführung. Ca. 1942. 90 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 91 9. Quellenverzeichnis Die Idee für diese Bachelorarbeit entstand durch die Teilnahme am Projekt „Spurensuche – Die Stadtverwaltung Düsseldorf im Nationalsozialismus“ von Frau Dr. Lederle-Wintgens und Frau Prof. Dr. Mecking. 9.1 Primärquellen Interview Wickrath, K. vom 16. Mai 2019, s. Anhang (Kapitel 8) OVG NRW Beiakte VI A 978/60, Heft 5389 OVG NRW Beiakte VI A 978/60, Heft 6 StAMH 1200/867, Stadtkasse390 StAMH 1200/1010, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums StAMH 1200/1011, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935 389 OVG NRW = Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen 390 StAMH = Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936 StAMH 1200/1361, Zahlung der Gehälter, Auftragszahlungen für die städt. Beamten und Angestellten sowie Lehrer 1910–1934 StAMH 1200/1514, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums StAMH 1200/2859, polnische Schüler StAMH 1200/2988, Rundschreiben Schulräte an Schulen 1940–1946 StAMH 1200/3020, Schulbüchereien 1911–1938 StAMH 1200/3024, Mitteilung Schulrat an Schulen bis 1937 StAMH 1200/3025, Mitteilung Schulrat an Schulen 1937–1939 StAMH 1200/3073, einzelne Schriftstücke Kreisschulrat 1942–1945 StAMH 1200/3095, Mellinghofer Schule StAMH 1200/3127, jüdische Schüler StAMH 1201/3/4, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei StAMH 1201/3/5, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei StAMH 1201/3/6, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei StAMH 1201/3/10, Direktional- und Kommandobefehle der Feuerlöschpolizei 92 Quellenverzeichnis StAMH 1210/13 (1), Personalakte Edwin Hasenjaeger StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger StAMH 1210/16 (1), Personalakte Alfred Schmidt StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt StAMH 1210/16 (5), Personalakte Alfred Schmidt StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz StAMH 1210/18 (2), Personalakte Wilhelm Maerz StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter StAMH 1210/33 (2), Personalakte Alfred Freter StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis StAMH 1212/68, Personalakte Elfriede Loewenthal StAMH 1344/8, Brief Alfred Freter an SS-Standarte 25 vom 12. November 1938 nach dem Synagogenbrand StAMH 1615/1, Entnazifizierung Edwin Hasenjaeger 93 Primärquellen 9.2 Sekundärliteratur Auberg, H. 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Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.

References
9. Quellenverzeichnis
9.2 Sekundärliteratur
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Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.