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8. Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 in:

Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus, page 83 - 90

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203-83

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
83 8. Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 Kurt Wickrath, * 24. August 1924, ehemaliger Leiter des Haupt- und Personalamtes der Stadt Mülheim an der Ruhr Das Interview fand am Freitag, dem 10. Mai 2019, bei Herrn Wickrath Zuhause in Mülheim an der Ruhr statt. Herrn Wickrath wurden die unten abgedruckten Fragen gestellt. Zur ersten und dritten Frage wurden vorab Informationen aus früheren Veröffentlichungen von Herrn Wickrath entnommen. Er stimmte seinen damaligen Aussagen weiterhin zu und ergänzte diese sogar noch um weitere Aspekte. Die Antworten von Herrn Wickrath wurden auf seinen Wunsch hin handschriftlich in Stichworten mitgeschrieben und später am Computer elektronisch zusammengestellt. Am 16. Mai 2019 wurde die elektronische Abschrift des Interviews nochmals gemeinsam durchgegangen, sodass sich Herr Wickrath vergewissern konnte, dass alles in seinem Sinne verschriftlicht wurde. Außerdem durfte ein Bild aus dem Privatbesitz von Herrn Wickrath abfotografiert werden, welches am Ende der Interview-Abschrift beigefügt ist. 1. Bitte erzählen Sie kurz über Ihre Kindheit und Jugend in Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus? Die 1930er Jahre waren eine Zeit voller Ereignisse. In der Erinnerung des 1924 geborenen Herrn Wickrath sind vor allem nationalsozialistische Paraden, „Fackelzüge, Kundgebungen und Unruhen“ präsent. Deren politische Kraft war Herrn Wickrath damals als Kind jedoch natürlich nicht bewusst.387 Außerdem besuchte Hitler Mülheim an der Ruhr jährlich. Anlass hierzu war der Geburtstag eines seiner frühen Förderer, des Mülheimer Industriellen Emil Kirdorf. 2. Bitte schildern Sie Ihren Werdegang bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr? Herr Wickrath begann nach seinem Realschulabschluss 1940 eine Verwaltungslehre für den gehobenen Dienst bei der Stadt Mülheim an der Ruhr. Mit Genehmigung der Stadtverwaltung besuchte er zeitgleich privat die Abendschule, um sein Abitur abzulegen. Dies erlangte er im Jahr 1942 als externer Prüfling an der Fürstenwallschule in Düsseldorf. Kriegsbedingt handelte es sich hierbei um das damals übliche, verkürzte sogenannte „Not-Abitur“. 1943 wurde Herr Wickrath von seiner Tätigkeit bei der Stadt hinweg zur Wehrmacht einberufen. Seine Anstellung bei der Stadtverwaltung musste er diesbezüglich nicht kündigen. Innerhalb der Wehrmacht absolvierte Herr Wickrath die Offiziers-Laufbahn. Hierzu wurde Herr Wickrath u. a. in Polen und Russland eingesetzt. Einer seiner besten Freunde starb 1944 bei seinem Einsatz in Russland. Herr Wickrath selbst war zu diesem Zeitpunkt in der gleichen Einheit wie sein verstorbener Freund eingesetzt. Es handelte sich damals um eine etwa dreimonatige Frontbewährung im 387 Vgl. Wickrath, K. (1986). Großflugtag mit „Graf Zeppelin“ brachte die meisten Zuschauer. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 1986, S. 134. 84 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 Rahmen der Ausbildung zum Offizier. Nach diesem Fronteinsatz kehrte Herr Wickrath zur weiteren Ausbildung nach Deutschland zurück. Er beendete seine Ausbildung mit dem Rang eines Leutnants. Dieser Dienstgrad gehörte der Offizierslaufbahn an und Herr Wickrath wurde an seinem 20. Geburtstag, dem 24. August 1944, zum Leutnant ernannt. Danach wurde er in Westdeutschland eingesetzt, bis er im März 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Das Kriegsende erlebte er als inhaftierter Leutnant in der Eifel. Während seiner Haft sollte er eigentlich gemeinsam mit anderen Offizieren untergeordnete Dienstgrade, die ebenfalls inhaftiert waren, bei der Arbeit beaufsichtigen. Er weigerte sich jedoch und verbrachte stattdessen seine Haft größtenteils mit seinen Mitgefangenen auf ihrem gemeinsamen Zimmer, wo sie viel Schach spielten. Herr Wickrath wurde nach etwa fünfmonatiger Haft am 24. August 1945, seinem 21. Geburtstag, entlassen. Er kehrte daraufhin nach Mülheim an der Ruhr zurück. Hier sollte Herr Wickrath für die amerikanischen Alliierten einen Fragebogen zur Entnazifizierung ausfüllen. Er wurde per Telefon von Bekannten gewarnt, dass er als ehemaliger Wehrmachtsoffizier Probleme bei der Entnazifizierung bekommen könnte. Das Telefon gehörte zu einem Geschäft in der Straße, in der die Familie Wickrath wohnte. Die Familie selbst besaß kein eigenes Telefon, was damals üblich war. Nach der telefonischen Warnung reiste Herr Wickrath nach Westfalen, wo sich schon Bekannte von ihm befanden, die noch im Rahmen des Krieges dorthin evakuiert worden waren. Hier wurde er 1945 wiederum telefonisch benachrichtigt, dass seine Entnazifizierung erfolgreich verlaufen war. Daraufhin kam Herr Wickrath nach Mülheim an der Ruhr zurück. Anfang 1946 konnte Herr Wickrath schließlich nach seiner Entnazifizierung wieder in den Dienst der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr zurückkehren. 85 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 Hier stieg er im Laufe seiner Karriere zum leitenden Direktor auf und war 20 Jahre lang Leiter des Haupt- und Personalamtes, bis er mit 65 Jahren seinen Ruhestand antrat. 3. Bitte schildern Sie die generelle Situation und vor allem die Atmosphäre in Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus? Die damalige Zeit war geprägt von der „Zerschlagung der Demokratie, Verfolgung der Andersdenkenden“ und der „Begeisterung der Bevölkerung bei Aufmärschen, Kundgebungen und anderen Anlässen“ in Mülheim an der Ruhr.388 Diese Begeisterung bezog sich vor allem auf die Vorkriegszeit, während der Kriegsjahre nahm sie bei vielen Mülheimern etwas ab. Herrn Wickrath wurde angeraten, sich für die NSDAP zu engagieren, da er bei der Stadtverwaltung beschäftigt war. Diese Anweisung erging vom Leiter des Amtes für Leibesübungen. Herr Wickrath war damals bei jenem Amt beschäftigt und der Amtsleiter war ebenso der Führer der HJ für Mülheim an der Ruhr. Herr Wickrath erinnerte sich an den Ausspruch „Sie arbeiten bei der Stadtverwaltung, deshalb müssen Sie etwas für die Partei tun.“ Er hatte damals die Wahl sich bei der überörtlichen Gauleitung zusätzlich zu betätigen oder bei der lokalen HJ, die unter der Anschrift „Auf dem Dudel“ ansässig war. Herr Wickrath entschied sich für eine Betätigung bei der HJ, wo er bis zu seinem Einzug zur Wehrmacht 1943 für das Personal zuständig war. Er stellte Listen von Personen zusammen, die für Beförderungen der Ränge innerhalb der HJ vorgesehen waren. Jedes Jahr an Hitlers Geburtstag wurden diese Beförderungen durchgeführt. Herr Wickrath selber hat die HJ mit dem recht hohen Rang eines „Fähnleinführers“ verlassen. Er hatte seinen eigenen Namen des Öfteren mit auf 388 Vgl. Wickrath, K. (1984). Nationalsozialismus in Mülheim. Anfang und Ende. In Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e. V. (Hrsg.). Mülheimer Jahrbuch 1984, S. 101. 86 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 die Beförderungslisten gesetzt, wenn die Vorschriften hierfür den Raum boten und hatte demnach eine relativ hohe Position erreichen können. Im Rahmen seiner Tätigkeit wurde er auch zum Leiter einer HJ-Dienststelle beordert. Zudem wusste Herr Wickrath zu berichten, dass zu Zeiten des Nationalsozialismus ein neues Stadtamt für Leibesübungen geschafften wurde. Leiter dieses Amtes war der bereits erwähnte HJ-Führer. Die Leibes- übungen erfuhren in den Hitler-Ära als vormilitärische Übungen und Ertüchtigungen großes Gewicht. 4. Sind Ihnen noch Erinnerungen zur Feuerwehr der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus präsent? Auf dem Mülheimer Rathausturm waren zeitweise Personen eingesetzt, die Bombenabwürfe beobachteten und die Feuerwehr und den Luftschutz über die Abwürfe informierten, sodass diese schneller die Straßenzüge und Stadtgebiete erreichen konnten, die von Bombardements betroffen waren. Die eingesetzten Beobachter waren u. a. Angehörige der HJ. 5. Sind Ihnen Einzelheiten zum ehemaligen städtischen Bediensteten Alfred Freter (Leiter der Feuerwehr, SS-Sturmbannführer) bekannt? Freter war dafür bekannt, dass er immer auffällig uniformiert auftrat. 6. Sind Ihnen noch Erinnerungen zu städtischen Schulen und dem Schulamt der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus präsent? 6.1 Welche Schulen haben Sie besucht? Herr Wickrath hat die städtische „Realschule Stadtmitte“ in Mülheim an der Ruhr besucht und später neben seiner Tätigkeit bei der Mülheimer Stadtverwaltung als externer Prüfling an der Fürstenwallschule in Düsseldorf das Abitur erlangt. 87 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 6.2 Haben Sie an der Kinderlandverschickung teilgenommen? Herr Wickrath selbst hat an der Kinderlandverschickung nicht teilgenommen, da er hierfür damals schon zu alt war. Sein jüngerer Bruder wurde jedoch ab 1943 für ca. zwei Jahre nach Österreich geschickt. Der Bruder begleitete und betreute dort als älteres HJ-Mitglied mit einem höheren Rang jüngere Schulkinder. 6.3 War unter den Schülern bekannt, dass jüdische und ausländische Mitschülerinnen und Mitschüler anders behandelt wurden und i. d. R. die Schulen verlassen mussten? Herrn Wickrath war als Schüler keine abweichende Behandlung von jüdischen und ausländischen Mitschülerinnen und Mitschülern bekannt. In seiner Mülheimer Klasse an der Realschule waren jedoch auch keine jüdischen oder ausländischen Kinder, ausgenommen von einem österreichischen Schüler, der wie alle anderen Kinder behandelt wurde. Während Herr Wickrath bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und der Verwaltungsschule Duisburg als Stadtinspektoranwärter ausgebildet wurde, legte er zusätzlich 1942 sein Abitur als externer Schüler an der Düsseldorfer Fürstenwallschule ab. Hierzu wurde er im Vorfeld von privaten Lehrern unterrichtet, z. B. in Mathematik und Latein. Der Unterricht fand separat in den Abendstunden und am Wochenende statt, sodass nicht viel Kontakt zu anderen Schülerinnen und Schülern bestand. Auch hier beobachtete er keine Andersbehandlung von Gleichaltrigen, auch wenn nur wenige Berührungspunkte bestanden. Mit Genehmigung der Mülheimer Stadtverwaltung durfte Herr Wickrath sogar gelegentlich früher den Dienst beenden, wenn er seinen privaten Unterricht in den Abendstunden hatte. Die versäumten Arbeitsstunden musste Herr Wickrath dann an anderen Tagen nachholen. 88 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 6.4 Sind Sie Zeuge von Bücherverbrennungen (auf Schulhöfen) geworden? Herrn Wickrath waren öffentliche Bücherverbrennungen bekannt, er selbst hat jedoch nie an einer teilgenommen. Bücherverbrennungen, die speziell auf Schulhöfen durchgeführt wurden, sind ihm nicht bekannt. Die Bücherverbrennungen hatten nach seinem Empfinden einen stark demonstrativen Charakter. 7. Sind Ihnen Einzelheiten zur ehemaligen städtischen Bediensteten Elfriede Loewenthal (jüdische Volksschullehrerin, Schule an der Mellinghofer Str.) bekannt? Nein. 8. Sind Ihnen noch Erinnerungen zur Stadtkasse/ Gas- und Elektrizitätswerken der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus präsent? Herrn Wickrath sind keine Einzelheiten zur Stadtkasse oder den Gasund Elektrizitätswerken der Stadt Mülheim an der Ruhr bekannt. Er erinnert sich jedoch, dass sich das Wasserwerk zu Zeiten des Nationalsozialismus etwa in dem heutigen Abschnitt zwischen Schloss Broich und der Stadthalle befunden hat. 9. Sind Ihnen Einzelheiten zum ehemaligen städtischen Bediensteten Peter Dreis bekannt (Stadtamtmann bei der Stadtkasse und später den Gas- und Elektrizitätswerken; pensioniert von 1936–1939; Wiedereinstellung 1939–1942; Inhaftierung wegen Abhörens feindlicher Sender und Wehrkraftzersetzung, Tod aufgrund Haft)? Nein. 89 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019 10. Haben Sie Erinnerungen an den ehemaligen Oberbürgermeister Alfred Schmidt (Oberbürgermeister 1930–1933)? Nein. 11. Haben Sie Erinnerungen an den ehemaligen Oberbürgermeister Wilhelm Maerz (Oberbürgermeister 1933–1936)? Nein. 12. Haben Sie Erinnerungen an den ehemaligen Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger (Oberbürgermeister ab 1937)? Oberbürgermeister Hasenjaeger galt allgemein als nett gegenüber den Angestellten und Beamten der Stadtverwaltung. Herr Wickrath selbst wurde nach dem Krieg und seiner erfolgreichen Entnazifizierung von Oberbürgermeister Hasenjaeger wiedereingestellt. Auch der ehemalige Stadtdirektor und spätere Oberstadtdirektor ist Herrn Wickrath im Zusammenhang mit seiner Wiedereinstellung nach Kriegsende eingefallen. Abfotografiert aus dem Privatbesitz von Herrn Wickrath: Herr Wickrath (links) und sein jüngerer Bruder (rechts), beide in Jungvolk- Uniform der HJ. Herr Wickrath trägt die Variante der Uniform mit langem Bein. Sein Bruder trägt die Sommerausführung. Ca. 1942. 90 Anhang – Interview mit K. Wickrath vom 10. Mai 2019

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Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.