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7. Fazit in:

Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus, page 75 - 80

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203-75

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
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75 7. Fazit Wie schon bei den Oberbürgermeistern ist auch bei den übrigen betrachteten Dienstbiografien festzustellen, dass sich Beschäftigungsverhältnisse bei der Stadt Mülheim an der Ruhr zu Zeiten des Nationalsozialismus sehr verschieden gestalten konnten. So konnten sie, wie im Fall des Brandingenieurs Freter, nur durch seine nationalsozialistische Betätigung entstehen. Für die Volksschullehrerin Loewenthal erfolgte hingegen der Ausschluss aus dem Dienst der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr aufgrund ihrer jüdischen Abstammung und schlussendlich wurden sie und ihre Familienangehörigen im Holocaust ermordet. Doch auch augenscheinlich klassische, städtische Beamte wie der Stadtamtmann Dreis konnten den Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes zum Opfer fallen, sogar nachdem sie schon ihren Ruhestand angetreten hatten. Auch bei dieser geringen Zahl an Dienstbiografien sind schon einige Gemeinsamkeiten festzustellen. Wie bereits im Kapitel 3.4 erwähnt, ähneln sich die Dienstbiografien der Oberbürgermeister Schmidt und Hasenjaeger bezüglich ihrer Entlassungen im Jahr 1933. Zudem sind eindeutige Parallelen zwischen dem Oberbürgermeister Maerz und Brandingenieur Freter zu erkennen, die beide frühe Anhänger des Nationalsozialismus waren und aufgrund dessen unqualifiziert und teilweise rechtswidrig in gehobene Positionen der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr gelangten. Auch gleicht sich innerhalb der Dienstbiografien der beiden genannten, dass ihre Amtsvorgänger Oberbürgermeister Alfred Schmidt und Branddirektor Paul Sorge 1933 aus ihren Ämtern gedrängt worden waren. Die Dienstbiografien der Lehrerin Loewenthal und des Stadtamtmannes Dreis eint hingegen die Verfolgung durch den nationalsozialistischen Staat, die schlussendlich im Tod der beiden gipfelte, auch wenn beide aus komplett verschiedenen Gründen verfolgt wurden und unterschiedlichen Gruppen von Verfolgten angehörten. Trotz dieser Gemeinsamkeiten handelt es sich bei den betrachteten Personen selbstverständlich nur um eine stichprobenartige Auswertung in geringer Anzahl und kann kein allgemeingültiges Bild der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus liefern. Die Auswertung war allein schon eingeschränkt durch die begrenzte Anzahl der zugänglichen Akten in den Archiven. Viele Akten gingen kriegsbedingt verloren oder wurden zerstört, teilweise auch mutwillig zur Verschleierung nationalsozialistischer Taten.379 Bei der Auswahl der betrachteten Personen wurde versucht, möglichst nicht nur Dienstbiografien von nationalsozialistischen „Schreibtischtätern“ oder nur von Verfolgten des Nationalsozialismus näher zu beleuchten, sondern trotz der geringen Anzahl möglichst diverse Personengruppen zu betrachten. Das hier dargestellte Verhältnis von Befürwortern, Profiteuren und Verfolgten des Nationalsozialismus kann demnach in keiner Weise das tatsächliche Verhältnis zwischen diesen Personengruppen darstellen. Die Identifizierung von Personen, die dem Nationalsozialismus ambivalent oder eher neutral gegenüberstanden, ist zudem von enormer Schwierigkeit. So auch bei Oberbürgermeister Schmidt, der von den Nationalsozialisten abgesetzt worden war, aber trotz seiner beruflichen Einschränkungen durch diese Maßnahme nationalsozialistisches Schriftgut publizierte und später bei der Wehrmacht arbeitete. Glei- 379 Vgl. Wiedeking, 2004, S. 231. 76 Fazit ches gilt für die Einordnung von Personen wie Hasenjaeger, der zwar unter Druck NSDAP-Mitglied wurde, sich aber mehrfach entgegen dem Nationalsozialismus positioniert hatte und sogar von den Alliierten entnazifiziert und unterstützt worden war. Trotzdem haftete Hasenjaeger nach Kriegsende der schlechte Ruf des Nationalsozialismus an und zwang ihn, sein Amt niederzulegen. Gerade für Hasenjaeger kann berücksichtigt werden, dass er die Position des Mülheimer „Oberbürgermeisters in schwierigen Zeiten“ innehatte.380 Weitere Personengruppen konnten aufgrund nicht vorhandener Akten oder des vergleichsweise geringen Schriftmaterials nicht betrachtet werden. So wäre es gewiss von großem Interesse gewesen z. B. die Dienstbiografie einer Beamtin zu betrachten, die aufgrund der nationalsozialistischen Frauenpolitik ab 1933 zuerst aus dem Berufsleben gedrängt worden war und später wegen des kriegsbedingten Arbeitermangels wieder eingestellt wurde.381 Außerdem wäre sicherlich die Dienstbiografie eines Ehepartners einer verfolgten Person von Interesse gewesen. Dies galt z. B. für Gustav Sch.,382 der selbst städtischer Mitarbeiter evangelischer Konfession war und dessen Frau Henny als Jüdin verfolgt wurde.383 Eine weitere Dienstbiografie, die im Rahmen der Recherche aufgefallen ist, ist die von Katharina Sandmann, die als Bürogehilfin fast zehn Jahre beim städtischen Gesundheitsamt beschäftigt war. Nach mehreren persönlichen Schicksalsschlägen in kurzen Zeitabständen zeigten sich bei ihr Anzeichen von Schizophrenie. Sandmann wurde aufgrund dessen im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasie, die sich gegen körperlich und geistig behinderte Menschen richtete, erst 1937 zwangssterilisiert und schließ- 380 Vgl. Roepstorff, 2004, S. 269. 381 Vgl. Doetsch et al., 1987, S. 179. 382 Der Name wurde zwecks Wahrung von Persönlichkeitsrechten anonymisiert. 383 Vgl. Kaufhold, 2006, S. 336 und Bundesarchiv, Namensverzeichnis, URL: 2019. 77 Fazit lich 1940 in einer Einrichtung für behinderte Menschen vergast.384 Auch diese Dienstbiografie wurde jedoch im Rahmen der Recherche nicht näher betrachtet, da der dienstliche Lebenslauf von Sandmann voraussichtlich ein extremes Einzelschicksal darstellt. Eine ähnliche Thematik wurde auch schon im Kapitel 5.1 bezüglich der Erfassung von Körperbehinderungen bei Schülerinnen und Schülern durch das Schulamt angeschnitten, die als vorbereitende Maßnahme für die Euthanasie gewertet werden kann. Darüber hinaus gab es in manchen Bereichen, wie dem Schulamt, mehrere Lebensläufe, die für die Recherche von Interesse waren, während es zu anderen Ämtern nur wenige erhaltene Informationen gab. Im Bereich des Schulamtes hätten alternativ zur Dienstbiografie von Loewenthal der Werdegang des Lehrers Walter Terjung, der verfolgter Zeuge Jehovas war,385 oder der Lebenslauf des NSDAP-Ratsherren und Lehrers Hans-Walter Hansen näher betrachtet werden können. Hansen war erst in Mülheim an der Ruhr beschäftigt und ihm taten sich später aufgrund seiner Tätigkeit für die NSDAP innerhalb des Düsseldorfer Schulwesens Karrieremöglichkeiten auf.386 Innerhalb der einzelnen Ämter ist festzustellen, dass den Vorstellungen des Nationalsozialismus Folge getragen wurde. Dies geschah zuallererst durch die optische Ausgestaltung der städtischen Gebäude, z. B. durch nationalsozialistische Fahnen oder Bildnisse von nationalsozialistischen Helden. Es folgten Säuberungen innerhalb des Personalkörpers, die in den vorherigen Kapiteln beschrieben worden sind. Durch abgeänderte Beamteneide schworen die Beamtinnen und Beamten ihre Treue direkt auf Adolf Hitler, der Eintritt in die NSDAP wurde stark 384 Vgl. Mathe-Anglas Rodriguez, I. (2018). „Warum soll ich mich denn hier fürchten?“, S. 5, 8 und 14, URL: 2019. 385 Vgl. Kaufhold, 2006, S. 281ff und 313. 386 Vgl. Bilski, A. (2016). Entnazifizierung des Düsseldorfer Höheren Schulwesens nach 1945. 1. Auflage. Essen: Klartext, S. 258. 78 Fazit forciert, der Hitlergruß wurde innerhalb der Dienststätten verpflichtend und sogar im Schriftverkehr üblich. Einige Bedienstete wie Hasenjaeger wurden schlussendlich vor die Wahl gestellt, ob sie in die NSDAP eintreten oder stattdessen ihr Amt niederlegen wollten. Innerhalb der einzelnen Ämter wurde erfasst, welche Beschäftigten der NSDAP und ihren Unterorganisationen angehörten. Mit Einsetzen und Fortschreiten des Krieges wurde zunehmend die Grundversorgung der Bevölkerung Ziel des vorrangigen Verwaltungshandelns. Die Aufgabenerfüllung wurde erschwert durch den grassierenden Personal- und Ressourcenmangel. Zusätzlich kamen neue kriegsbedingte Aufgaben wie der Luftschutz oder die Kinderlandverschickung auf viele städtische Ämter zu. Und auch die Verwaltungsgebäude und Wohnungen der städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten durch den Krieg beschädigt werden, z. B. verschiedene Schulen, die Hauptfeuerwehrwache und höchstwahrscheinlich auch die Wohnung der Familie Freter. Auch die städtischen Angestellten selbst hatten wie alle anderen Bürger mit alltäglichen Kriegssorgen wie Lebensmittelknappheit oder der möglichen Ausbombung des eigenen Zuhauses zu kämpfen. Zusätzlich belastend konnte eine mögliche Trennung von Familienangehörigen sein, häufig durch Kinderlandverschickung, Evakuierung oder einen militärischen Einsatz. Darüber hinaus wurden einige städtische Bedienstete selbst zur Wehrmacht eingezogen und die verbliebenen Beschäftigten wurden immer öfter zu Sonderarbeiten in anderen Ämtern oder sogar zu Arbeiten außerhalb der Stadtverwaltung herangezogen, z. B. in der Landwirtschaft. Auch die Weiterbeschäftigung bereits pensionierter Mitarbeiterinnen und -arbeiter konnte den Personalmangel nicht beheben. Es kann festgehalten werden, dass der Nationalsozialismus den Verlauf von Karrieren innerhalb der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr stark beeinflusste. Die politischen Umstände konnten Beschäftigungen bei der Stadtverwaltung erst ermöglichen und sie begünstigen oder 79 Fazit sogar langjährige Dienstverhältnisse beenden. Städtische Bedienstete konnten sich sogar entscheiden, ihre Kolleginnen und Kollegen zu denunzieren, sodass diese auf ihre Abstammung sowie ihre privaten Betätigungen überprüft und ggf. Maßnahmen gegen sie eingeleitet wurden. Die alltäglichen Amtshandlungen waren an die neuen Gesetze angepasst und in vielen Bereichen der Stadtverwaltung wurde sich organisatorisch auf den nahenden Krieg vorbereitet. Kriegsbedingt wurden neue Aufgaben von Bedeutung und im Kriegsverlauf selbst wurde es immer mehr zur Kernaufgabe der verbliebenen Verwaltungskräfte die Verwaltung funktionsfähig zu halten und die Existenzgrundlage der Mülheimer Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen. 80 Fazit

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Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.