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6. Stadtkasse in:

Kyra Sontacki

Die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr im Nationalsozialismus, page 63 - 74

Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf die Stadtverwaltung anhand ausgewählter Dienstbiografien

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4487-2, ISBN online: 978-3-8288-7520-3, https://doi.org/10.5771/9783828875203-63

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
63 6. Stadtkasse Zuletzt wird nun die Stadtkasse als Amt der Mülheimer Stadtverwaltung fokussiert. Die Stadtkasse befasste sich mit allen Kassenangelegenheiten der Kommune. Somit hatte die Stadtkasse eine klassische Position als Schnittstelle zwischen nahezu allen anderen Ämtern der Stadtverwaltung inne. Sie erhielt ihre Auszahlungsanweisungen z. B. aus dem Personalbereich und vom Wohlfahrtsamt. Zudem beglich sie die offenen Rechnungen der Stadt, die in jedem Amt anfallen konnten, beispielsweise für Materialeinkäufe, Reparaturen oder externe Aufträge. Die zu Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten hohe Arbeitslosenquote sank in den kommenden Jahren, sodass sich die zuvor sehr hohen Wohlfahrtsausgaben allmählich reduzierten. Diese sozialen Ausgaben hatten zuvor viele Kommunen finanziell stark belastet und wurden hauptsächlich von den Stadtkassen getätigt. Durch das Gesetz zur Änderung der Arbeitslosenhilfe mussten die Gemeinden zudem die Erwerbslosenfürsorge nicht mehr finanzieren. Zeitgleich trat das Umschuldungsgesetz in Kraft, durch das die kommunalen Finanzen neugeordnet wurden. Durch dieses Gesetz wurde die Finanzhoheit der Gemeinden stark beschnitten, da ihnen die Aufnahme von Krediten untersagt wurde und der nationalsozialistische Staat sich gesteigerte Kontrollbefugnisse zusprach.317 317 Vgl. Mann & Püttner, 2007, S. 122f. Kriegsbedingt verschoben sich die Tätigkeitsfelder der Stadtkassen. Es wurde, wie in vielen anderen städtischen Ämtern auch, versucht die Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger angesichts knapper Ressourcen, Personalmangel und der Kriegsumstände weiterhin sicherzustellen.318 6.1 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Neben den städtischen Zahlungen war die Stadtkasse Mülheim an der Ruhr mit dem Rechnungsabschluss der Stadt betraut.319 Zudem oblag ihr die Führung der städtischen Kassenbücher und innerhalb der Stadtkasse wurden Monatsabschlüsse und Meldungen für übergeordnete Instanzen zusammengestellt, z. B. für den Regierungspräsidenten, der die Aufsicht führte.320 Daneben hatte die Stadtkasse dafür Sorge zu tragen, dass alle außer- und überplanmäßigen Ausgaben in den einzelnen Ämtern ausschließlich mit Genehmigung getätigt wurden.321 Die Stadtkasse war jedoch nicht nur für die städtischen Auszahlungen, sondern auch für die Einzahlungen zuständig. So überwachten die Bediensteten der Stadtkasse die Geldeingänge und ordneten sie intern den entsprechenden Kostenstellen zu. Fehlten Geldeingänge wurden Mahnungen erstellt und an die Bürgerinnen und Bürger versandt.322 So informierte z. B. das Vermessungsamt die Stadtkasse laufend über Straßenumbenennungen und Neubebauungen323, vermutlich zur Gebührenabwicklung. Außerdem sollten städtische Aufträge ab 1936 nur noch an Unternehmerinnen und Unternehmer vergeben 318 Vgl. Mann & Püttner, 2007, S. 131. 319 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 243. 320 Vgl. ebd., Bl. 245ff. 321 Vgl. ebd., Bl. 249. 322 Vgl. ebd., Bl. 258. 323 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 365. 64 Stadtkasse werden, die steuerliche Unbedenklichkeitsnachweise vorlegen konnten. Bei Aufträgen über 5.000 Reichsmark stellte die Finanzbehörde die Bescheinigung zur Unbedenklichkeit aus, bei einem niedrigeren Auftragsvolumen waren die hiesigen Stadtkassen für die Prüfung zuständig.324 6.1.1 Auszahlungen an städtische Bedienstete Die Stadtkasse war in die Zahlungsabwicklung der Bezüge und Gehälter der städtischen Beamten, unbefristet beschäftigten Arbeitern und Angestellten sowie Rentnern, Pensionären und Empfängern von Hinterbliebenenbezügen involviert.325 So war die Stadtkasse auch für die Zahlbarmachung aller Gehälter der zuvor genannten städtischen Beschäftigten zuständig. Eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Personalamt waren hierfür von Nöten. Sie wickelte darüber hinaus z. B. die Kürzung des Ruhegehalts von Oberbürgermeister Schmidt ab, als er nach seiner Pensionierung außerhalb der Stadtverwaltung arbeitete.326 Die Stadtkasse bezahlte auch die Umzugskosten für die Oberbürgermeister Maerz und Hasenjaeger, die zwecks ihrer Ämter von auswärts nach Mülheim an der Ruhr zogen.327 Außerdem beglich sie die Rechnungen für die externe Feuerwehrausbildung von Brandingenieur Freter in Berlin.328 Für die städtischen Bediensteten konnten je nach den persönlichen Lebensumständen und der Position innerhalb der Verwaltung folgende Positionen seitens der Stadtkasse zahlbar gemacht werden: Gehälter, 324 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 259. 325 Vgl. StAMH 1200/1361, Zahlung der Gehälter, Auftragszahlungen für die städt. Beamten und Angestellten sowie Lehrer 1910–1934, Bl. 172. 326 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 278. 327 Vgl. StAMH 1210/13 (2), Personalakte Edwin Hasenjaeger, Bl. 26ff. 328 Vgl. StAMH 1210/33 (1), Personalakte Alfred Freter, Bl. 14. 65 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Dienstaufwandsentschädigungen, Ersatz der Auslagen, örtliche Sonderzuschläge, Wohnungsgeld, Zuschüsse zu Dienstwohnungen, Kinderbeihilfen329 und Kinderzuschläge330 sowie Ruhe- und Hinterbliebenengehälter. Bei Entlassungen aus dem Dienst der Stadtverwaltung aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, z. B. bei Oberbürgermeister Schmidt331 und Volksschullehrerin Loewenthal, er-gingen die Informationen intern an die Stadtkasse, welche daraufhin die Gehaltszahlungen einstellte. 6.1.2 Auszahlungen an Bürgerinnen und Bürger Ab dem Jahr 1933 wurden bei den Auszahlungen der Stadtkasse an die Mülheimerinnen und Mülheimer SS-Wachen eingesetzt, um auch bei großem Publikumsandrang geordnete Abläufe zu gewährleisten. Die Auszahlungen fanden im Rathaus statt.332 Die Stadtkasse übernahm als Querschnittsamt z. B. die Auszahlungen des Wohlfahrtsamtes.333 So tätigte sie beispielsweise Versorgungszahlungen an allgemein Fürsorgebedürftige,334 Wohlfahrtserwerbslose und sonstige Unterstützungsempfänger.335 Diese untergliederten sich nochmals in folgende Gruppen: Arbeitslose des Arbeitsamtes, Sozialrentner, Pflegebedürftige in fremden Familien, Kleinrentner, Kriegsopfer, Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene. Die verschiedenen Anspruchsgruppen konnten allgemeine Zahlungen und Hilfen, Unter- 329 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 5 und 10. 330 Vgl. StAMH 1210/16 (2), Personalakte Alfred Schmidt, Bl. 292. 331 Vgl. ebd., Bl. 228. 332 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 281. 333 Vgl. ebd., Bl. 361. 334 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 260. 335 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 471. 66 Stadtkasse stützungen, Zusatzunterstützungen336 sowie Zusatzrenten337 seitens der Stadtkasse ausgezahlt bekommen. Ebenso wie in vielen anderen deutschen Städten war auch in Mülheim an der Ruhr in den Anfangszeiten des Nationalsozialismus die Arbeitslosenzahl hoch und viele Einwohnerinnen und Einwohner waren auf öffentliche Hilfe angewiesen, sodass die Stadt Mülheim an der Ruhr hohe kommunale Sozialausgaben zu leisten hatte.338 Die Stadtkasse zahlte zudem Familienunterhalt an die berechtigten Mülheimer Familien aus.339 Überdies hinaus zahlte die Stadtkasse in Sonderfällen Pflichtarbeiterinnen und -arbeitern Aufwandsentschädigungen, wenn sie an nationalsozialistischen Aufmärschen teilnahmen, so beispielsweise für die Mülheimer Parade zum Tag der Arbeit 1935.340 Außerdem konnte die Stadtkasse für bestimmte Ehrenämter in Mülheim an der Ruhr einen Ersatz der Auslagen, Vergütungen und sogar Dienstaufwandsentschädigungen an die ehrenamtlich tätigen Personen in Zahlung bringen.341 6.1.3 Personal der Stadtkasse Die Stadtkasse wurde vor Kriegsausbruch als lebenswichtiger Betrieb innerhalb der Stadtverwaltung eingestuft, was ihre Bedeutung sowohl für die anderen Dienststellen als auch die Mülheimer Bürgerinnen und Bürger unterstrich.342 336 Vgl. StAMH 1200/1354, Geschäftsanweisungen für die Stadtkasse 1875–1936, Bl. 261. 337 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 398f. 338 Vgl. Emons, 2010, S. 102. 339 Vgl. StAMH 1200/867, Stadtkasse, Bl. 1. 340 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 434. 341 Vgl. StAMH 1210/18 (1), Personalakte Wilhelm Maerz, Bl. 5f. 342 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 306. 67 Entwicklungen in Mülheim an der Ruhr Erste Abfragen bezüglich der Durchführungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums fanden für die Beschäftigten der Stadtkasse bis Juli 1933 statt. Es wurde die Zugehörigkeit zu Verbänden abgefragt, die entgegen dem Nationalsozialismus positioniert waren.343 Innerhalb der Mülheimer Stadtkasse gehörte keiner der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffenen Verbänden an, sodass diesbezüglich keine Maßnahmen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums getroffen wurden.344 Darüber hinaus wurde bei der Stadtkasse ab 1934 der Nachweis der arischen Abstammung der Beschäftigten und ihrer Ehepartner gefordert, wie auch bei den übrigen Ämtern der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr.345 Ebenso wie andere städtische Bedienstete, z. B. Lehrkräfte, konnten die Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter der Stadtkasse gelegentlich zu Sonderaufgaben abkommandiert werden, z. B. 1934 zur Viehzählung.346 Ab 1939 wurden zu den Auszahlungsterminen der Stadtkasse regelmäßig zusätzliche städtische Bedienstete anderer Ämter herangezogen, da der Stadtkasse nur noch eingeschränkt Personal zur Verfügung stand. Die bisherigen Bediensteten der Stadtkasse waren im großen Stil zu anderen Dienststellen beordert oder zur Wehrmacht eingezogen worden.347 Somit litt auch die Stadtkasse unter großer Personalnot, obwohl sie zuvor als lebenswichtiger Betrieb der Stadtverwaltung eingruppiert worden war. 343 Vgl. StAMH 1200/1344, Anweisungen des Oberbürgermeisters 1925–1935, Bl. 266f. 344 Vgl. ebd., Bl. 268. 345 Vgl. ebd., Bl. 386–390. 346 Vgl. ebd., Bl. 366. 347 Vgl. StAMH 1200/867, Stadtkasse, Bl. 1. 68 Stadtkasse 6.2 Stadtamtmann Peter Dreis Peter Dreis wurde am 30. Mai 1878 in Kalk bei Köln geboren, besuchte die Volksschule und danach das Gymnasium, welches er mit der Reifeprüfung verließ. Seinen Wehrdienst leistete er von 1901 bis 1903 als Gefreiter und Unteroffizier in Köln ab. Außerdem übte Dreis Aushilfstätigkeiten bei verschiedenen Ämtern in Köln und Umgebung aus.348 Ab 1903 arbeitete er für die Stadt Oberhausen und bestand 1905 die Prüfung zum Verwaltungsassistenten mit der Benotung „gut“.349 Seit 1906 war er mit seiner Ehefrau Margarete verheiratet.350 Dreis absolvierte in den Folgejahren zusätzlich die Ausbildung zum Sekretär und wurde als ebensolcher bei der Oberhausener Stadtverwaltung verbeamtet. Von dort erhielt er die Beurteilung „sehr gut“.351 Dreis bewarb sich 1908 bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr auf eine Stelle bei der Stadtkasse im Finanz- und Kassenwesen. Dort wurde ein Bewerber mit Kenntnissen über die doppelte Buchführung gesucht.352 Dreis’ Bewerbung war erfolgreich und er wurde als Kassierer im Beamtenverhältnis eingestellt.353 Die Anstellung in Mülheim an der Ruhr erfolgte zum 19. August 1908.354 Stadtsekretär Dreis wurde 1912 bescheinigt, dass er sich durch „besondere Befähigung und hervorragende Leistung“355 hervorgetan hatte. Eine Gehaltserhöhung erfolgte.356 348 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 349 Vgl. ebd., Abschrift Zeugnis, unpaginiert. 350 Vgl. ebd., Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 351 Vgl. ebd., Bl. 7. 352 Vgl. ebd., Bl. 1. 353 Vgl. ebd., Bl. 11. 354 Vgl. ebd., Bl. 15. 355 Ebd., Bl. 45. 356 Vgl. ebd., Bl. 48. 69 Stadtamtmann Peter Dreis Ab 1916 durfte Dreis die Amtsbezeichnung Oberstadtsekretär führen. Er wurde zwischenzeitlich zum Heeresdienst im Ersten Weltkrieg abkommandiert und war nach Kriegsende ab Dezember 1918 wieder für die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr tätig.357 Den Kriegsdienst von 1914 bis 1918 hatte Dreis als Zivildienst abgeleistet.358 Ab 1919 war Dreis als Abteilungsvorsteher beschäftigt359 und übte ab 1927 die Tätigkeit des Rechnungsführers der städtischen Gas- und Stromversorgung aus. Auch dort war er Abteilungsvorsteher und wurde ausschließlich positiv beurteilt. Seine offizielle Dienstbezeichnung lautete nun Stadtamtmann.360 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten feierte Dreis bei den Gas- und Stromwerken im August 1933 sein 25-jähriges Dienstjubiläum bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr.361 Maßnahmen auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums waren gegen Dreis nicht einzuleiten, sodass er seinen Dienst wie gewohnt fortsetzen konnte.362 Demnach hatte er sowohl seine eigene als auch die arische Abstammung seiner Ehefrau nachgewiesen und er war nicht in Vereinigungen aktiv, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden. Dreis wurde im August 1934, wie inzwischen durch das Gesetz über die Vereidigung der Beamten und der Soldaten der Wehrmacht üblich, erneut vereidigt. Beamtinnen und Beamte wurden nun auf Adolf Hitler persönlich vereidigt und ihm wurde Treue und Gehorsam geschworen.363 Die erneute Vereidigung, diesmal mit dem nationalsozialistischen Treueschwur, wurde auch schon beim Eid des Ober- 357 StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Bl. 56f. 358 Vgl. ebd., Bl. 118. 359 Vgl. ebd., Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 360 Vgl. ebd., Bl. 121. 361 Vgl. ebd., Bl. 128. 362 Vgl. ebd., Bl. 129ff. 363 Vgl. ebd., Bl. 132. 70 Stadtkasse bürgermeisters Maerz festgestellt und dürfte auch für Oberbürgermeister Hasenjaeger und Brandingenieur Freter gegolten haben. Dreis bat im Januar 1936 schließlich um seine Versetzung in den Ruhestand zum Jahresbeginn 1937. Er gab als Begründung sein Alter und seinen schlechten Gesundheitszustand an. Ferner plante er vor der Pensionierung noch seinen restlichen Erholungsurlaub in Anspruch zu nehmen und merkte an, dass es in seinen verbleibenden Diensttagen aufgrund seiner Gesundheit voraussichtlich weiterhin zu vielen Fehlzeiten kommen werde. Er bat außerdem darum wegen seines baldigen Ausscheidens aus der Stadtverwaltung bis zu seinem Dienstende nicht mehr mit neuen Aufgaben betraut zu werden und in seiner gewohnten Position weiter arbeiten zu dürfen. Ab März 1936 wurde er beurlaubt und konnte ab dem 1. Januar 1937 in Pension gehen. Dreis erhielt die maximale Pensionshöhe mit einem Satz von 80 % seiner früheren Dienstbezüge. Für die Zeit kurz nach dem Pensionseintritt hatte Dreis eine Kur zwecks seiner Gesundheit geplant.364 Dreis wurde 1938 im Ruhestand mitgeteilt, dass seine Pension ab 1943 durch eine neue ministerielle Anordnung auf nur noch 75 % der früheren Dienstbezüge abgesenkt werden sollte. Gemäß der Verordnung über Maßnahmen auf dem Gebiet des deutschen Beamtenrechts vom 1. September 1939 wurde der pensionierte Dreis ab dem 4. September 1939 unter entsprechender Besoldung trotz seines weiterhin schlechten gesundheitlichen Zustands nach knapp drei Jahren Ruhestand in den Dienst der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr zurück berufen.365 Er wurde als Beamter auf Widerruf eingestellt und seine offizielle Amtsbezeichnung lautete nun Stadtamtmann außer Dienst (Stadtamtmann a. D.).366 Gemeinsam mit Dreis wurden 38 weitere bereits pensionierte Beschäftigte der Stadtverwaltung erneut ein- 364 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Bl. 136ff. 365 Vgl. ebd., Bl. 145f. 366 Vgl. ebd., Bl. 148f. 71 Stadtamtmann Peter Dreis gestellt.367 Neben den wieder aktivierten Ruheständlern verblieben zusätzlich 23 weitere Beamte auch nach Erreichen der Altersgrenze für eine Rente bzw. Pension im Dienst der Stadt, um die Personalnot zu lindern.368 Durch seinen Gesundheitszustand war Dreis’ Rückkehr ins Berufsleben jedoch von häufigen krankheitsbedingten Ausfällen geprägt369 und weitere Erkrankungen kamen zu den bereits bestehenden hinzu.370 Er wurde zunächst in der Kämmerei beschäftigt und ab Februar 1940 zum Tiefbauamt versetzt.371 Dort übernahm er für knapp zwei Wochen die Vertretung des Büroleiters, der kurzfristig zur Wehrmacht einberufen worden war. Nach dessen Rückkehr wurde Dreis zum Wirtschafts- und Ernährungsamt weiter versetzt.372 Im Mai 1942 machte Dreis jedoch geltend, dass er bedingt durch seine Gesundheit dienstunfähig sei. Er durfte schließlich ab Juni 1942 endgültig in den Ruhestand zurückkehren und erhielt die gleichen Pensionsbezüge wie zuvor, da diese schon dem maximalen Prozentsatz entsprochen hatten und sich somit durch seinen nochmaligen Einsatz im Arbeitsleben nicht mehr hatten erhöhen können.373 Dreis’ Ehefrau ließ 1944 in der Mülheimer Zeitung per Nachruf ver- öffentlichen, dass ihr Mann am 9. November 1944 nach langer Krankheit in Düsseldorf verstorben war.374 Nach Kriegsende ergab sich jedoch ein weniger harmloses Bild bezüglich seiner Todesumstände: Dreis war am 13. August 1944 wegen des Abhörens feindlicher, englischer 367 Vgl. StAMH 1200/1514, Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Während des Krieges wieder eingestellte Ruhegehaltsempfänger, Stand Mai 1944, unpaginiert. 368 Vgl. ebd., Beamte, die nach Vollendung des 65. Lebensjahres im Dienst verblieben sind, Stand August 1944, unpaginiert. 369 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Bl. 146f. 370 Vgl. ebd., Bl. 151. 371 Vgl. ebd., Bl. 148. 372 Vgl. ebd., Bl. 150. 373 Vgl. ebd., Bl. 153. 374 Vgl. ebd., Bl. 157, Ausschnitt Mülheimer Zeitung vom 15. November 1944. 72 Stadtkasse Radiosender und daraus abgeleiteter Zersetzung der Wehrkraft durch die Gestapo in Haft genommen worden. Er wurde bis zum 26. September im Polizeigefängnis Mülheim an der Ruhr gefangen gehalten, wurde dann für zwei Tage entlassen und am 28. September wiederum von der Gestapo im Mülheimer Gerichtsgefängnis inhaftiert. Von dort wurde er direkt ins Gerichtsgefängnis der Nachbarstadt Duisburg überwiesen. Dreis wurde während seiner Haft misshandelt und musste aufgrund dessen und sowie aufgrund seines ohnehin geschwächten Gesundheitszustandes ins Häftlingskrankenhaus Papendelle in Düsseldorf eingewiesen werden, wo er schließlich an den Folgen der Haft und den vorherigen Misshandlungen verstarb.375 Dreis’ Witwe bezog nach Kriegsende bis zu ihrem Tod 1960 Hinterbliebenenbezüge seitens der Stadtverwaltung. Außerdem wurde ihr in der Nachkriegszeit eine Rente für die Hinterbliebenen der Opfer des nationalsozialistischen Terrors zuerkannt.376 Dreis zählt zu der vergleichsweisen kleinen Gruppe der Opfer des Nationalsozialismus aus der kommunalen Verwaltung.377 Ihm wird heutzutage an seinem ehemaligen Wohnort in Mülheim an der Ruhr, der Mendener Str. 26, mit einem Stolperstein gedacht.378 Anhand der Dienstbiografie von Dreis lässt sich erkennen, dass auch ein augenscheinlich regelkonformes Arbeiten innerhalb der Stadtverwaltung sowie ein weitestgehend regelkonformes Leben innerhalb des nationalsozialistischen Regimes Personen nicht endgültig vor Verfolgung schützen konnten. Wie schnell jemand von einem vermeintlich unbescholtenen Bürger in die Rolle einer nationalsozialistisch 375 Vgl. StAMH 1210/121, Personalakte Peter Dreis, Schreiben Regierungspräsident vom 7. März 1969 und Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 376 Vgl. ebd., Bl. 196 und Schreiben Oberstadtdirektor vom 26. März 1969, unpaginiert. 377 Vgl. ebd., Schreiben Regierungspräsident vom 7. März 1969, unpaginiert. 378 Vgl. Übersicht verlegter Stolpersteine, Liste A, S. 1, URL: 2019. 73 Stadtamtmann Peter Dreis verfolgten Person hineingeraten konnte, wird an Dreis’ Lebensweg eindringlich aufgezeigt. 74 Stadtkasse

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References

Abstract

There is plenty of information about the impacts of National Socialism, but the municipal administrative authorities of Mülheim an der Ruhr and its employees have so far been neglected in this regard.

This book points out how National Socialism had an influence on the tasks and the daily work routine of the town’s administration. It also shows how the political circumstances of the time impacted on the employees’ lives and their decisions.

The book presents the résumés of three very different mayors, the National Socialist head of the fire department, a Jewish teacher as well as a supposedly quintessential town council employee.

Zusammenfassung

Im Geflecht des nationalsozialistischen Staates wurden die Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr und ihre Bediensteten bisher wenig thematisiert.

Kyra Sontacki untersucht in diesem Buch, in welcher Weise der Nationalsozialismus Einfluss auf den Arbeitsalltag der Stadtverwaltung nahm. Indem sie die Lebensläufe von drei sehr verschiedenen Oberbürgermeistern, des nationalsozialistischen Leiters der Feuerwehr, einer jüdischen Lehrerin sowie eines vermeintlich klassischen Verwaltungsbeamten vorstellt, beleuchtet sie zudem das Ausmaß der Auswirkungen der politischen Umstände auf das Arbeitsleben Einzelner.